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Heftige Erschütterungen rissen mich jäh aus dem Land der Träume. Mein Nachttisch wackelte dermaßen, dass der Funkwecker mit einem Knall auf den Parkettboden fiel. Was? Schon wieder ein Grubenbeben? Ich sprang schlaftrunken auf, um ins Badezimmer zu wanken. Es hieß doch immer, man sei nur in Räumen ohne Fenster wirklich sicher. Außerdem musste ich ohnehin aufs Klo.
Während ich die morgendliche Notdurft verrichtete, begann mein Verstand allmählich zu funktionieren. Nein, das war nicht, wie vor etwa zwei Monaten, eins dieser lästigen Grubenbeben, sondern das Stampfen meines Nachbarn, der zu lauter Musik seine Fitness-Übungen vollführte. Leider ausgerechnet über meinem Schlafzimmer. Sogar im Bad konnte ich das Dröhnen der Bässe hören, die von eigentümlichen Urlauten wie „Uh-Ah-Ha“ begleitet wurden.
Herr Frank absolvierte nämlich seit einigen Wochen eine Ausbildung zum Fitness-Trainer. Eigentlich studierte er ja Sport an der Uni. Doch heutzutage ist ein Studium keine Garantie mehr für einen Arbeitsplatz, daher die zusätzlichen Kurse.
Und wer musste die Folgen ausbaden? Ich! Fast täglich ließ ich sein Stampfen und Schreien über mich ergehen. "Nur noch zwei Monate", hatte er behauptet, "dann bin ich damit fertig."
So lange könne ich es wohl noch aushalten, meinte er von oben herab, als sei ich ein Schulmädchen, das sich ganz besonders dumm anstellte.
Eine Dusche würde mir jetzt, da ich schon mal wach war, sicher gut tun. An Schlafen jedenfalls war nicht mehr zu denken.
Verlangte ich etwa zuviel, wenn ich am Wochenende nicht gestört werden wollte? Es gab doch so etwas wie das Recht auf Ausschlafen am Sonntag für die arbeitende Bevölkerung! Oder etwa nicht? Sicher, es handelte sich um ein extrem hellhöriges Mietshaus...Doch gerade deshalb sollte man eigentlich auf die anderen Rücksicht nehmen!
Aus dem Massagestrahl meiner Dusche floss wohlig warmes Wasser direkt auf die verspannten Muskeln. Ja, das tat gut. Und jetzt noch das teure Duschöl mit dem betörenden Jasminduft. Danach würde die Welt wieder besser aussehen.
Nachdem ich mich von Kopf bis Fuß eingerieben und anschließend den Duschkopf auf ‚Brause’ gestellt hatte, hörte ich die Toilettenspülung meiner Nachbarin, deren Bad sich direkt neben meinem befand.
Sie war also wach. Bei diesem Lärm schließlich kein Wunder. Jetzt hieß es schnell sein, denn wenn zwei Parteien gleichzeitig duschten, wurde das warme Wasser knapp. In Windeseile wusch ich das duftende Öl mit einem Schwamm von meiner Haut. Als ich bei den Füßen angelangt war, vernahm ich plötzlich klar und deutlich eine Männerstimme. Aha! Meine Nachbarin, deren Namen ich mir nie merken konnte, hatte gestern offenbar jemanden abgeschleppt, mit dem sie ihr Bett und in diesem Moment leider auch das Badezimmer teilte.
Wie zu befürchten, wurden nebenan die Wasserhähne bis zum Anschlag aufgedreht. Aus meinem Duschkopf kam infolge dessen nur noch ein kärgliches Rinnsal kalten Wassers. Schnell hüllte ich mich in mein Badetuch und floh zurück ins Schlafzimmer, denn lautes Lustgestöhn, von spitzen Schreien unterbrochen, ließ keinen Zweifel daran, dass meine Nachbarin und der Bettgenosse im Badezimmer mehr taten als sich nur die Hitze der Nacht vom Leib zu waschen.
Unser angehender Trainer war mittlerweile zu den indianischen Kriegstänzen gewechselt. Sein „Heja-Hejaja“ dröhnte in meinen Ohren wie das Kriegsgeheul eines ganzen Indianerstamms.
Fieberhaft suchte ich im Nachttisch nach meinen Ohropax. Ach, ich hatte gestern vergessen, welche zu kaufen. Jetzt saß ich auf dem Trockenen und musste mit Kopfhörer und i-Dingsda Vorlieb nehmen. Zunächst aber schlüpfte ich in meine bequemsten Jeans und den Kuschelpullover. Voller Hoffnung, ich könne es mir doch noch ein wenig gemütlich machen. Da klingelte das Telefon. Vielleicht Marion? Meine Rettung! Manchmal trafen wir uns sonntags spontan zum Brunchen.
„Hallo“, meldete ich mich voller Vorfreude. Doch meine Illusionen fielen wie ein Kartenhaus in sich zusammen, als ich die krächzende Stimme von Kurt aus dem Erdgeschoss im Ohr hatte. Am liebsten hätte ich wieder aufgelegt. Zu spät:
„Frau Dupond, machen Sie mal die Musik leiser. Der Krach ist ja nicht zum Aushalten.“
Langsam verlor ich meine sprichwörtliche Geduld. Was wollte dieser Spanner von mir?
„Tut mir leid. Herr Frank übt wieder, und zwar so laut, dass Sie offenbar glauben, der Krach käme von mir. Beschweren Sie sich also eine Etage höher. Oder sind Sie dazu zu feige?“
Keine Antwort. Aufgelegt. Da hatte ich wohl einen wunden Punkt getroffen!
Seitdem ich den „alten Kurt“ (das war sein Nickname, eigentlich hieß er Kurt Alt) beim Spannen mit Fernglas und Fotoapparat erwischt und gedroht hatte, ihn anzuzeigen, herrschte zwischen uns Krieg. Er versuchte ständig, mir etwas anzuhängen und schwärzte mich wegen jeder Kleinigkeit bei der Hausverwaltung an.
Entnervt schlich ich in die Küche, um mir wenigstens ein anständiges Frühstück zu gönnen.
Während ich die Kaffeemaschine bediente und meinen Esstisch liebevoll herrichtete, - das rote Kaffeegedeck mit passenden Kerzen dazu -, kreisten meine Gedanken um die Rücksichtslosigkeit meiner Mitmenschen.
Die Leute benahmen sich, als sei ich überhaupt nicht vorhanden. Eigentlich hatte ich ja geplant, an diesem Sonntag über meine Zukunft nachzudenken. Wichtige Entscheidungen standen an. Warum interessierte das niemanden? Warum dachten alle immer nur an sich? Wie oft hatte ich im Guten versucht, mit ihnen auszukommen! Hatte mit Engelsgeduld erklärt, dass ich sonntags meine Ruhe brauchte, weil ich während der Woche hart arbeiten musste.
„Ja, ja, ist gut“, meinte letztens der Student. Anschließend ging er schnurstracks in seine Wohnung, um die Musikanlage aufzudrehen. Es gab unzählige weitere Beispiele. Niemand achtete mich in diesem Haus. Soviel war klar.
Um auf andere Gedanken zu kommen, schaltete ich meine Meditationsmusik ein: "Klang der Elemente" hieß das Stück. Doch als ich das Meeresrauschen hörte, kamen mir die Tränen. Wie gern würde ich wieder mal an die Atlantikküste fahren, um echten Wellen zu lauschen! Den Geruch des Salzwasser wollte ich einatmen und Möwen zusehen wie sie ihre Beute fangen. Unerträgliches Fernweh erfasste mich...
An einen Urlaub war im Moment allerdings nicht zu denken, denn mir drohte die Arbeitslosigkeit. Mein Chef, für den ich über zwanzig Jahre lang die Tippse gespielt hatte, war pleite. Genau an meinem fünfzigsten Geburtstag würde ich zum ersten Mal in meinem Leben Arbeitslosengeld beantragen. Die Zeit drängte. Darum war es wichtig, heute noch ein paar Bewerbungen zu schreiben.
Na, das müsste ich dann wohl in einem Café erledigen, denn in meinen vier Wänden bekam ich mittlerweile Kopfschmerzen.
Wenigstens schmeckten das Toastbrot und der Milchkaffee hervorragend, ebenso die köstliche Erdbeermarmelade. Plötzlich fiel mir siedendheiß ein, dass ich seit einer Woche auf Diät war, - wegen der Bewerbungen!
Meinen Wochenplan für die Punkte-Diät fand ich nach längerem Suchen unter einem Stapel Altpapier, den ich auf meinem zweiten Küchenstuhl platziert hatte. Schuldbewusst vermerkte ich, was ich gegessen hatte. Zu viele Kohlenhydrate! Wegen der Marmelade und dem Zucker im Kaffee. Alles halb so wild. Ein bisschen Joggen im Stadtpark würde helfen, meinen Stoffwechsel in Gang zu bringen. Ich musste ohnehin raus aus diesem Gefängnis. Meine Zimmerdecken vibrierten nach wie vor. Außerdem hatte ich das Gefühl, die Wände kämen auf mich zu. Als wollten sie vor dem Lärm zurückweichen. Wie in einem Comic. Langsam fürchtete ich, den Verstand zu verlieren. Nur schnell ein bisschen Make-up auflegen und den Rucksack packen für meinen Ausflug in die Ruhe der sonntäglichen Straßen. Verdammte Kopfschmerzen! Vielleicht sollte ich besser meine Tabletten einstecken? Sie lagen noch auf dem Küchentisch. Irgendwie beschlich mich die Ahnung, ich hätte noch etwas vergessen. Als ich in die Küche kam, wusste ich was es war: die Kerzen! Ihr Licht flackerte, wirkte bedrohlich und aggressiv. Mein Diätplan fing in dieser Sekunde Feuer. Gefährlich nah lag das Altpapier auf dem Küchenstuhl und genau darüber hing die Gastherme.
Wie gelähmt stand ich vor der lodernden Flamme, die sich in Windeseile vergrößerte. Auf einmal waren die Kopfschmerzen wie weggeblasen. Mir schwante die Lösung für meine Probleme! Sofort schloss ich die Küchentür und verließ die Wohnung. Erleichtert eilte ich hinaus auf die Straße ohne mich noch einmal umzudrehen. Zu Fuß ging es weiter Richtung Hauptbahnhof. Dort würde ich den Zug nach Paris nehmen und morgen in Richtung Bretagne reisen, ans Meer. In Brest lebten Verwandte meines geschiedenen Mannes. Sie schuldeten mir noch einen Gefallen.

Impressum

Texte: Regine Kulawig, Saarbrücken 2011
Bildmaterialien: Regine Kulawig, Saarbrücken 2010
Lektorat: R.K.
Tag der Veröffentlichung: 13.03.2011

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für alle, die unter Lärmbelästigung leiden müssen.

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