So wie Yolana fehlte auch mir beim Lesen der Punkt, an dem ein erkennbarer Ursupator handelt. Ihre Interpretation hat etwas für sich, vor allem mit dem Satz auf S.27, daß sich Djascha noch einmal "mit Gott messen" will - aber das, was er in Wirklichkeit macht, ahmt die Schöpfung lediglich nach, in einem Prozeß, welcher dem Original nicht einmal entfernt ähnelt, und von Verdrängung des Berechtigten durch einen Unberechtigten... mehr anzeigen
So wie Yolana fehlte auch mir beim Lesen der Punkt, an dem ein erkennbarer Ursupator handelt. Ihre Interpretation hat etwas für sich, vor allem mit dem Satz auf S.27, daß sich Djascha noch einmal "mit Gott messen" will - aber das, was er in Wirklichkeit macht, ahmt die Schöpfung lediglich nach, in einem Prozeß, welcher dem Original nicht einmal entfernt ähnelt, und von Verdrängung des Berechtigten durch einen Unberechtigten kann nicht die Rede sein. Nur wenn man die Ursupation als Anmaßung einer Handlung, die einem anderen zusteht, auslegt, läßt sich die Story mit der Vorgabe verbinden. Mir kommt das recht dünn vor - oder anders gesagt: mir fielen eine Menge Szenarien ein, in denen das Thema treffender abgebildet werden könnte.
Was mich an der Geschichte jedoch tatsächlich gestört hat, war der Verzicht auf eine Glaubhaftmachung der phantastischen Elemente. Hätte das Ganze in einem Fantasyland gespielt, in dem man Magie, Golems, Zombies, wandernde Seelen und paranormale Alchimie als Bestandteil etabliert, wäre es in Ordnung gewesen. Aber die Autorin hat die Geschichte in das Venedig zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert gelegt - es gibt nämlich schon Manufakturen (Betriebe im Übergangsstadium vom Handwerk zur Fabrik).
Bei diesem Umfeld verlange ich wenigstens eine Pseudoerklärung, wie die vorgestellten übernatürlichen Dinge funktionieren und warum der Rest der Welt davon keine Kenntnis hat; es widerspricht einfach dem Weltwissen des Lesers. Mir fehlte also die "Suspension of Disbelief".
Auch nicht glauben kann ich, daß Djascha am Schluß plötzlich aus Gefühlen zu seiner Tochter heraus versucht, sie zu retten. Sie zu töten und dann als Puppe wiedererstehen zu lassen, ist wohl eine der bizarrsten "Rettungsmaßnahmen", die man sich denken kann. Statt dessen entstand bei mir von Anfang an der Eindruck, daß er sich trotz seiner freundlichen Worte und des Übers-Haar-Streichens nicht um sie kümmert: sie ist nämlich ausgemergelt. Nun wird man vielleicht von einem nekromantischen alchimistischen Handwerker, der über Leichen geht, keine sonderliche Befähigung als Vater erwarten, aber daß er seine Tochter nahezu verhungern läßt, spricht nicht für seine Zuneigung und macht seine Motivation am Schluß nicht glaubhaft. (Für mich scheint er eher aus Gewohnheit seine Probleme so zu lösen.)
Und daß er vielleicht aus Geldmangel kein Essen für Mila kaufen kann, nehme ich ihm auch nicht ab; auf S.20 heißt es "sie zahlten gut", seine Kunden nämlich.
Damit wirkt die ganze Story für mich leider recht konstruiert. Sie vermochte mich nicht zu überzeugen und damit auch nicht so zu bewegen, daß ich sie mitreißend oder auch nur spannend gefunden hätte.
Abgesehen davon, daß ich die sorgfältig beschriebenen und relativ klassischen Fantasyelemente wie die Erweckung von Unbelebtem, flüsternden Seelen und grotesken fanatischen Alchimisten nicht geglaubt habe, war die Handlung jedoch deutlich nachvollziehbar, sprachlich angemessen und orthografisch unauffällig. Das Mädchen, mit dem die Geschichte beginnt, tritt schnell in den Hintergrund und taucht erst am Schluß wieder auf. Inwieweit ihre Zuneigung zu den Puppen relevant für den geschilderten Erweckungsprozeß - oder die Arbeit des Vaters überhaupt - ist, bleibt weitgehend unklar; die Puppen, mit denen sie spielt, scheinen ja ganz andere zu sein als die, welche Djascha erstellt, beseelt und verkauft.
Die Idee, die der Handlung zugrundeliegt, ist durchaus unheimlich und ließe sich im Stil von "Vidocq" wohl auch gut verfilmen. Das Potential der Story möchte ich gar nicht abstreiten. Aber während es etwa beim "Parfüm" (in de es ja auch um einen alchimistisch motivierten Mörder vor einer historischen Kulisse geht) noch gerade im Rahmen des Plausiblen bleibt (oder sich zumindest noch in einer Grauzone auf dem Weg zu Phantastik bewegt), sind Deine Elemente meines Erachtens zu weitreichend, um kommentarlos akzeptiert zu werden.