Lieber Thomas,
Ich finde eine blaue Glockenblume in der Wiese des Frühsommers. Das Blau finde ich. Indem ich mich seinem Zauber hingebe, nimmt es mich mit in eine „sur-realité“, in eine Welt über der Realität. „Erdbeerblaue Knabenträume“ nennt Thomas Reubold diese Wirklichkeit, die ihn mit dem „sternerloschenes Apfelweiß deiner Augen“, wie ein erschallendes „schwarzes Lachen im Blues“ bewegt. Die Bläue.
„Wie des Lebens innerste... mehr anzeigen
Lieber Thomas,
Ich finde eine blaue Glockenblume in der Wiese des Frühsommers. Das Blau finde ich. Indem ich mich seinem Zauber hingebe, nimmt es mich mit in eine „sur-realité“, in eine Welt über der Realität. „Erdbeerblaue Knabenträume“ nennt Thomas Reubold diese Wirklichkeit, die ihn mit dem „sternerloschenes Apfelweiß deiner Augen“, wie ein erschallendes „schwarzes Lachen im Blues“ bewegt. Die Bläue.
„Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut – atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier – vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. – Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt.“ Schreibt Novalis in der ersten Hymne an die Nacht.
In der Wiese des Frühsommers flocht ich meiner Freundin eine blaue Glockenblume ins Haar, sie öffnete mir die Welt, die jedem Irdischen ein himmlisches Bild umhängt, in der die Chiffren von Thomas Reubold mir in ihrer Bedeutung bewusst werden. Tautränen der Dornröschenstadt, Bordsteinkanten der Liebe: Bläue. Des Lebens innerste Seele öffnete sich mir, die blaue Flut der Gefühle, Träume, Phantasien, das wilde Tier des Blues, der mich oft mehr bewegt als die reale Welt der Glockenblume.
Sehnsucht.
Gruß
Josef