Triormani, Sizilien, Anfang Juni 1254
Wut.
Verzweiflung.
Roana wusste nicht, welches dieser beiden Gefühle stärker war und sie schließlich dazu bewogen hatte, wie eine Besessene nach Triormani zu galoppieren. Vielleicht war es die dümmste Idee, die sie je gehabt hatte. Vielleicht auch nicht. Aber es gab keine Alternative. Sie musste einfach wissen, warum ihr Oheim sie so plötzlich aus seinem Haus verbannte. Hatte sie etwas... mehr anzeigen
Triormani, Sizilien, Anfang Juni 1254
Wut.
Verzweiflung.
Roana wusste nicht, welches dieser beiden Gefühle stärker war und sie schließlich dazu bewogen hatte, wie eine Besessene nach Triormani zu galoppieren. Vielleicht war es die dümmste Idee, die sie je gehabt hatte. Vielleicht auch nicht. Aber es gab keine Alternative. Sie musste einfach wissen, warum ihr Oheim sie so plötzlich aus seinem Haus verbannte. Hatte sie etwas getan, um ihn zu erzürnen? Sie war sich keiner Schuld bewusst.
Roana ließ ihr Pferd in einem Mietstall beim Stadttor zurück und ging zu Fuß die Hauptstraße entlang, vorbei an tief verschleierten Frauen und wild gestikulierenden Maultiertreibern.
Jetzt stand sie am Rand des lärmerfüllten Marktviertels, starrte in die engen Gassen hinein, in denen fast alles feilgeboten wurde, was es auf Erden gab, und spürte, wie die Übelkeit in Wellen aus ihrem Magen in ihre Kehle stieg.
Nur wenig Licht fiel zwischen die Häuser. Das Dämmerlicht zauberte Bewegungen, Schatten ins Nichts. Ihr Herz hämmerte. Um sie herum war Stimmengewirr. Es schwoll an und wurde wieder schwächer. Roana glaubte, Satzfetzen zu hören, die aus dem Halbdunkel zu ihr herüber wehten.
Lauf weg, Mädchen! O Gott. Lauf weg!
Ein Mundwinkel verzog sich zu einem grimmigen Lächeln. Sie wusste, dass sie die Worte nicht wirklich hörte, wusste, dass es sich nur um eine Einbildung handelte. Aber seit sie von Rodéna aufgebrochen war, saß dieses Angstgefühl in ihrem Magen und ließ sich nicht mehr vertreiben.
Ihre Hand tastete nach dem Dolch in ihrem Ärmel, führte die Bewegung aber nicht zu Ende. Sie würde die Waffe nicht brauchen – nicht einmal brauchen dürfen, wenn sie keinen Aufruhr verursachen wollte.
Sie glitt in den Strom der Käufer und ließ sich tiefer in die Gassen hineintragen. Brennende Lampen glommen in den Gewölben der Händler wie die roten Augen hungriger Ratten. Berauschende Dämpfe stiegen aus Räuchergefäßen. Damaszenerklingen blitzten, Goldschmuck funkelte.
Dunkelhäutige Krieger in kurzem Lederharnisch und Männer in Djellaba und Turban fluteten in einem ständigen Strom an den Auslagen der Handwerker und Händler vorbei. An den Ecken hockten Schlangenbeschwörer und Geschichtenerzähler, deren Darbietungen ganze Trauben von Zuhörern angelockt hatten. Roana wich hastig bis an die Hauswände zurück, sorgsam darauf bedacht, dass keiner der Passanten ihr zu nahe kam. Sie konnte die Berührung von Männern nicht mehr ertragen. Seit man ihr das – angetan hatte.
Roana die Ausgestoßene.
Es gab nur einen Mann, der sie in den Arm nehmen durfte, wenn der Schmerz zu übermächtig wurde, um ihn noch allein aushalten zu können.
Instinktiv glitt ihre Hand in den Almosenbeutel an ihrem Gürtel und tastete nach dem Pergament. Ein Blatt, von Knickstellen zerfurcht, mit verwischter Schrift, so oft hatte sie es hervorgeholt, entfaltet und gelesen. Gandars Nachricht.
Ein kurzer, unpersönlicher Brief, in dem sie aufgefordert wurde, ihre Truhen zu packen.
Wenigstens hätte Gandar es mir persönlich sagen können.
Aber das hatte er nicht getan. Was völlig untypisch für den Herzog war.
Roana hatte gefühlt, dass etwas nicht stimmte. Sie war auf ein Pferd gesprungen und nach Rodéna, dem Stammsitz ihres Oheims galoppiert, um ihn zur Rede zu stellen. Aber niemand wusste, wo Herzog Gandar sich aufhielt.
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Elisa