Cover

Widmung

 

 

 

Das zerrissene Universum

oder: über den Sinn einer Zahnbürste

N. Parder

 

 

 

 

 

Für Patrick – der Spezialist, der sich eineinhalb Monate vor seinem Geburtstag ein Buch von mir gewünscht hat. Happy Birthday! :)“

 

 

Vielen, vielen Dank an susymah für das wunderschöne Cover!

 

 

1. Kapitel-Intuition

 

1. Kapitel

 

Rumms. Badabamm. Kawumm.

Mia fuhr zusammen. Was zur Hölle war das gewesen?!

Das Adrenalin pulsierte noch durch ihr Blut, als sie die Treppe hinauf zum Bad stürzte, aus dem das Krachen gedrungen war. Ob jemand eingebrochen war? Es war zwar helllichter Tag, aber die Leute wurden auch immer dreister...

Dieses eine Mal war sie Marc dankbar, dass er solch einen Baseball-Fetisch hatte. Mit dem Schläger bewaffnet fühlte sie sich gleich viel stärker, als sie auf die halbdurchsichtige Scheibe zu schlich. Da war ein Schatten. Eindeutig. Ihr Herz schlug schneller. Sollte sie nicht doch lieber die Polizei rufen? Nein. Am Ende hatte sie sich doch nur geirrt. Oder Felix hatte seinen Schlüssel vergessen.

Aber wieso sollte er dann durchs Badezimmerfenster kommen?

„Jetzt hau rein!“, flüsterte sie Marcs Mantra, um sich selbst Mut zu machen. Dann riss sie die Tür auf und holte vorsichtshalber aus.

Doch für das, was hinter der Tür wartete, war sie nicht gewappnet gewesen. Der Baseballschläger fiel scheppernd zu Boden.

Ihr entfuhr ein Fluch.

„Heilige Scheiße! Was machen Sie in meinem Badezimmer?!“

Doch ihr Gegenüber brachte lediglich ein Stöhnen zustande.

Hilflos raufte sich Mia die Haare. Da war ein fremder Mann in ihrem Badezimmer. Um genau zu sein lag er auf den Fliesen und blutete. Am Kopf. Und das Fenster war kaputt. Und noch dazu...

„Was zur Hölle ist denn mit Ihren Augen los?!“

Sie waren lila. Kein zartes Violett oder ein abstraktes Blau, nein: Sie waren lila. Durchdringend und leuchtend: lila.

Ihr Gegenüber stöhnte erneut und röchelte einen Schmerzenslaut. Kein Wunder. Denn sein Kopf blutete immer noch.

„Hallo?!“ Fassungslos starrte sie den Typen an. Er sah ziemlich fertig aus, aber nicht unattraktiv. Verstrubbelte Haare. Vermutlich blond, unter all dem roten Blut. „Wo zur Hölle kommen Sie her?!“

Die Scherben schabten auf den Boden, als sie einen Schritt nach vorne machte und den leblosen Körper an stupste. Der Mann runzelte die Stirn und ächzte: „Würden Sie wohl die Freundlichkeit besitzen, mir zu helfen?“

Mia wurde bewusst, dass das vermutlich keine schlechte Idee war. „Aber... wie?“

„Orangensaft...“, stieß der Mann hervor. „Vitamin C!“

Dann weiteten sich seine Pupillen und er wurde ohnmächtig.

„Verdammt...“

Wie sollte sie den bloß die Treppe runter bringen? Oder wäre es besser, ihn oben zu behalten? Sollte sie vielleicht doch die Polizei rufen? Aber was würde sie denen sagen? Außerdem wirkte es nicht so, als würde dieser Kerl eine großartige Bedrohung darstellen. Mia blieb stehen und musterte ihren unerwarteten Besuch noch ein wenig. Wo war er bloß her gekommen? Immerhin war das Badezimmer im ersten Stock. Um da durch die Scheibe zu fliegen musste man sich schon ordentlich anstrengen... Stirnrunzelnd dachte sie über seine Worte nach. Orangensaft. Anscheinend hatte er wirklich einen auf den Kopf bekommen. Aber einen anderen Anhaltspunkt hatte sie nicht... und was hatte sie schon zu verlieren?

Entschlossen stürmte sie nach unten, schnappte sich die Flasche Orangensaft und ein paar Küchentücher, dann rannte sie zurück zum Hort des Chaos. Vorsichtig legte sie die Tücher aus und kniete sich darauf. Und jetzt? Sie zierte sich ein wenig, dem fremden Mann ins Gesicht zu fassen. Zum Glück war Felix nicht da. Der würde glatt ohnmächtig werden, bei all dem Blut.

Vorsichtig hob sie den Kopf des Fremden an und bettete ihn auf ihren Schoß, dann schüttelte sie den Saft. Dafür musste Zeit sein. Mit zitternden Händen flößte sie ihm ein wenig von dem Getränk ein und er saugte es regelrecht auf. In Windeseile war die Flasche leer.

„Was...?“. Mia runzelte die Stirn und musterte den Fremden. Er blutete nicht mehr. Einfach so. Als wäre da niemals eine Wunde gewesen.

Und dann riss er auf einmal die Augen auf und rang nach Luft. Leuchtendes Lila starrte ihr direkt entgegen und vor Schreck sprang sie auf. Der Kopf des Fremden schlug hart auf dem Boden auf.

„Na schönen Dank auch“, knurrte der Typ und erhob sich. „Sie hätten ruhig ein wenig zärtlicher sein können“

„Sie haben gerade mein Badezimmerfenster eingeschlagen!“, erwiderte Mia entrüstet. Der Mann drehte sich um.

„Oh, Tatsache...“

„Ja, schönen Dank auch. Darf ich erfahren, was Sie hier machen? Tun Sie das öfter? In fremder Leute Wohnung einsteigen und den Orangensaft austrinken?!“

„Orangensaft? Orangensaft! Tatsache!“

Der Mann hielt die leere Flasche hoch. „Oh, Sie sind großartig! Endlich mal jemand, der macht, was ich ihm sage. Wie war Ihr Name noch gleich?“

„Mia“, antwortete Mia aus Reflex. Dabei wollte sie gar nichts sagen. „Und Ihrer?“

„Nennen Sie mich James. Das dürfte genügen“

„Was ist so schlecht an James?“, fragte sie stirnrunzelnd.

„Gar nichts, wieso?“

„Sie tun so, als wäre das eine Notlösung, bis Ihnen was Besseres einfällt“.

James stutzte. „Sie sind schlau, Mia. Darf ich du sagen?“

„Nein“, erwiderte Mia kühl. Das wäre ja noch schöner! „Vielleicht, wenn Sie mir sagen, was Sie hier tun“

Plötzlich wurde James' Gesicht wieder ernst. „Sie haben Recht. Ich sollte anfangen, zu erklären, was?“

Mias Blick streifte die Scherben und das Blut. Sie nickte.

„Ich muss die Welt retten, Mia. Das glauben Sie mir vermutlich nicht und es klingt wahrscheinlich total lächerlich, aber es ist so. Ich muss die Welt retten“

Mia dachte kurz nach. Ja, das klang lächerlich. Er musste vollkommen durchgedreht sein, nach dem Sturz. Aber die beschloss, das Spiel mitzuspielen.

„Ah ja. Wahrscheinlich haben Sie gerade einen Sprung durch Raum und Zeit hinter sich, was?“

„Woher wissen Sie das?!“, fragte James überrascht.

„Intuition“, erwiderte Mia lächelnd.

 

**

2. Kapitel-Phase 1

2. Kapitel

 

 

„So, Sie wollen also die Welt retten?“.

Mia hatte ihn nach unten gebracht. Da waren mehr Fenster, was ihr ein sichereres Gefühl gab als abgeschottet auf der zweiten Etage. Er hatte nach Kaffee gefragt. Und ihn quer über den Tisch gespuckt. Die Flecken würden nie mehr aus der Tischdecke rausgehen. Felix würde sie umbringen.

„Von wollen ist keine Rede...“, brummte James, immer noch sichtlich genervt von der Kaffee-Überraschung.

„Ach... also ist das im Grunde eine Art Job?“

„Wie meinen Sie das?“. Er hatte nicht noch einmal gefragt, ob er sie duzen durfte.

„Na... werden Sie dafür bezahlt?“

„Nein... nein, natürlich nicht“

„Also ehrenamtlich“

„Wenn Sie es so sehen wollen...“

„Dann wollen Sie es ja doch!“

James stutzte. „Ja... also... ja“

Dann schwiegen sie eine Weile. Mia starrte auf sein ausgewaschenes, graues T-Shirt. Der V Ausschnitt war ziemlich tief. Und auf der Haut darunter zeichneten sich dunkle Schatten ab. Sie hätte zu gerne gesehen, was für Tattoos er sich hatte stechen lassen, aber bevor sie fragen konnte, tat er es.

„Ich weiß, diese Frage kommt vielleicht ein wenig spät, aber... auf welchem Planeten sind wir?“

Mia zog die Augenbrauen hoch und musterte ihr Gegenüber, während besagtes ihren Blick ehrlich erwiderte. Entweder, James spielte seine Rolle verdammt gut, oder er war wirklich zu hart auf den Kopf gefallen. Andererseits... die Orangensaft Sache war schon ziemlich seltsam gewesen.

„Auf der... Erde?“, antwortete sie unsicher.

Nun wanderten James Augenbrauen nach oben. „Oh, kommen Sie, Mia, der war wirklich schlecht“

Mia runzelte die Stirn. „Nein, ich mein's ernst... wir sind auf der Erde! In der Milchstraße“

„Wie...? Im Ernst? Erde?“

„Ja! Natürlich wo denn sonst?“

„Erde?! Wirklich Erde?!“ Er begann, zu lachen.

„Wo denn sonst? Natürlich auf der Erde!“.

James lachte lauter.

„Was ist so lustig?“, fragte Mia entrüstet. Dass ihr unbekannter Besucher sich so über ihre Heimat lustig machte, kränkte sie schon ein wenig.

„Im Ernst...?“, japste James, mit Lachtränen in den Augenwinkeln. „Erde?!“

„Was ist daran so schlimm?“, fragte Mia.

„Ihr habt euren Planeten nach Dreck benannt?!“. Damit kippte James hinten über und kugelte sich auf dem Boden. „Bahaha... Erde... ich werd' nicht mehr...“

„Oh, kommen Sie schon!“, rief Mia. „Erde steht für Leben! Für Fruchtbarkeit! Für... für...“

„Dreck!“, johlte James erneut. „Dreeeck!“

Mia verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja und?!“

„In der... in der was? Milchstraße?!“

James rang nach Luft. „Bahahahaaa... Der Dreck Planet... in der... in der Milchstraße... das ist zu gut...“

Dann schüttelte ihn der nächste Lachkrampf. Mia sah ihm immer genervter dabei zu. Und irgendwann riss etwas in ihr durch. Ohne groß darüber nachzudenken, schnappte sie sich die halbvolle Kaffeetasse und schüttete sie über dem sich kugelnden James aus. Augenblicklich verstummte das Gelächter.

„Baaaaaaah! Miaaa!“, schrie er und sprang auf. „Sind Sie verrückt geworden?“

„Tut mir Leid...“, erwiderte Mia unschuldig, „Das macht man hier so zur Begrüßung, auf der Erde...“

James starrte sie an. Ein Rinnsal von brauner Flüssigkeit lief über seine Wange und tropfte von seinem Kinn. Plitsch.

„Wo waren wir stehen geblieben?“

„Sie wollten die Welt retten“

„Ach ja“

Kurz entstand eine Stille. Mias Blick blieb an der Mischung aus Schweiß, Orangensaft, Kaffee und Blut hängen.

„Wollen Sie vorher vielleicht noch duschen?“

„Oh ja, das wäre wunderbar“, seufzte James aufs Wort.

 

**

 

Er sang unter der Dusche. Nicht wirklich gut. Mia beschloss, Gegenbeschallung einzuleiten und spielte ihre Lieblingsmusik. Am liebsten hätte sie die Scherben weggeräumt, aber sie zierte sich, zu James ins Badezimmer zu gehen. Stattdessen beschränkte sie sich darauf, ein paar Klamotten von Marc zusammenzusammeln und ihm durch den Türspalt zu reichen. Seine eigenen schmiss sie in die Wäsche. Es war seltsamer Stoff, ein wenig gummiartig und trotzdem weich. Ob man das bei 30° waschen durfte? Egal. Würde schon klappen.

Und erst, als sie wieder unten in der Küche saß, den Kaffee weggewischt hatte und an ihrem Tee nippte, wurde ihr bewusst, dass gerade ein fremder Mann, der womöglich geistesgestört war, in ihrer Dusche duschte. Und sang. Noch dazu ganz grauenhaft.

Sie wusste selbst nicht, warum sie ihm von jetzt auf gleich vertraut hatte. Vielleicht lag es an seinen Augen, die ihr mit ihrer grellen Farbe bestechend verführerisch und erstaunlich selbstsicher entgegen geblickt hatten. Nicht geisteskrank. Nur überzeugt von einer Wahrheit, die sie noch nicht kannte.

Sie wurde von dem Klicken eines Schlosses aus ihren Gedanken gerissen. Noch bevor sie in irgendeiner Weise reagieren konnte, stand Marc im Flur und steckte den Kopf durch den Durchbruch in der Küche.

„Hey Mimi! Alles klar?“

Mia sprang auf und stieß sich das Knie an der Tischplatte. Fluchend und auf einem Bein herum hüpfend versuchte sie, ein einigermaßen ruhiges Gesicht zu machen und zu lächeln.

„Ja... ja, alles gut“

„Okay. Ich geh dann duschen. Kochst du später noch was feines?“

„Nein!!“, rief Mia erschrocken.

Marc hielt inne.

„Ist ja gut... ich dachte nur, weil Felix doch auch so spät kommt, da würde er sich bestimmt über ein Risotto oder so freuen“

„Jaja, ich koche was, aber du kannst jetzt nicht duschen gehen!“, rief Mia mit wild schlagendem Herzen. Wie sollte sie das mit dem Fenster erklären? Ihr Mitbewohner würde ihr bestimmt nicht glauben, dass James da durch geflogen war.

„Wieso?“, fragte Marc und legte den Kopf schief.

In diesem Moment brach James mit einem unglaublichen Poltern durch der Tür. Wolken von Dampf und Deo quollen durch den Flur und er selbst brach hustend und keuchend am Boden zusammen. Marc stieß einen spitzen Schrei aus.

„Wer zur Hölle ist das?!“

„Das ist James“, erklärte Mia schnell und hastete an die Seite ihres Besuchs. „Er ist neu in der Stadt und steht voll auf Cosplay und so... deswegen die Kontaktlinsen“

James röchelte.

„Was hast du gemacht?“, zischte Mia mit Blick auf Marc, der mit großen Augen James anstarrte, als wäre er ein Außerirdischer. Womit er ja vielleicht gar nicht so falsch lag.

„Was zur Hölle ist mit euch Menschen eigentlich falsch?! Das ist kein Atemfrischer, das ist Gift!!“

„Atemfrischer?“, wiederholte Mia verständnislos und James winkte mit eine ziemlich leeren Deo-Flasche.

„Sag mir jetzt nicht, du hast das Zeug eingeatmet“

James nickte und hustete. „Ihr habt nicht zufällig noch mehr Orangensaft?“

„Marc!“

Marc bewegte sich wie paralysiert in die Küche und Mia hatte ernsthafte Sorge um seine Gesundheit, als James die Flasche erneut in einem Zug lehrte und dann aufstand, als wäre nichts passiert.

„Jetzt sag doch was!“, forderte Mia Marc auf, als James sich wieder aufgerichtet hatte und die Deowolken aus dem kaputten Fenster entwichen waren.

„Sind das... sind das meine Shorts?“

James sah an sich herunter. „Gut möglich“

„Mimi... wieso trägt der Kerl meine Shorts?“

„Weil seine... dreckig... waren?“. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie falsch das klang. „Hey, denk bloß nicht, dass da irgendwas gelaufen ist. Ich habe ihn heute morgen am... am Kiosk getroffen. Ist doch so, oder James?“

James nickte bekräftigend.

„Und da nimmst du ihn mit und lässt ihn bei uns duschen und meine Shorts tragen?“

Eine peinliche Stille entstand.

„Ja... ja. Er war mir halt sympathisch“

Marcs Augenbrauen wanderten noch ein Stückchen höher.

„Außerdem muss ich die Welt ret... Aua!“. James rieb sich beleidigt die Schulter, auf die Mia gerade geschlagen hatte.

„Alles gut. Er wohnt jetzt eben hier. Wir haben doch sowieso ein Zimmer frei, seitdem Julius ausgezogen ist, oder etwa nicht?“

„Moment...“, warf James ein. „Sie haben mit drei Jungs in einer WG gewohnt?“

„Das fragen alle“, erwiderte Marc. „Sie ist ein bisschen anders, was das angeht“

Nun wanderten James Augenbrauen nach oben. „Achso... sie ist vom anderen Ufer?“

„NEIN!“, rief Mia aufgebracht. „Nein, bin ich nicht und selbst wenn, dann wäre das auch egal! Willst du jetzt das Zimmer, oder nicht?“

Nun lag die Aufmerksamkeit wieder auf James, worüber Mia nicht unbedingt traurig war. Da waren gerade ein Haufen Missverständnisse aufgekommen, die nicht unbedingt produktiv für die Situation gewesen waren.

„Ich glaube nicht, dass ich noch länger bleibe. Ich muss weiter. Aber danke für die Dusche!“

Mia starrte James entgeistert an.

„Wie jetzt?!“

„Was denn?“

„Du hast mein Badezimmerfenster eingeschlagen, bist fast auf meinen Fliesen verblutet und jetzt haust du einfach wieder ab?!“

„Er hat was?!“

Entgeistert stürmte Marc an James und Mia vorbei, ins Bad. „Er hat das Fenster eingeschlagen!!“, rief er fassungslos.

„You don't say, Sherlock...“, seufzte James.

„Sherlock? Jetzt sag bloß, du kennst Sherlock Holmes!“, rief Mia.

„Natürlich kenne ich Sherlock Holmes. Ein alter Schulfreund von mir. Aber tut jetzt auch nichts zur Sache. Ich würde nämlich gerne weiter, ich habe noch einiges zu erledigen!“

Marc war so sehr damit beschäftigt, die Scherben anzustarren, dass er gar nichts von dem Gespräch mit bekam.

„Aber dann will ich mit!“, rief Mia.

„Das geht nicht“

„Ach nein? Du bist mir was schuldig!“

„Ja und? Ist mir doch egal!“

„Dann will ich die Klamotten wieder haben“. Mia verschränkte die Arme vor der Brust.

„Geschenkt ist geschenkt!“, meinte James herausfordernd. Seine violetten Pupillen blitzten rebellisch. „Und wiederholen heißt gestohlen!“

„Ja und? Ist mir doch egal!“

James stutzte. Dann nickte er langsam. „Du bist wirklich clever...“

„Seit wann habe ich das 'Du' erlaubt?“

„Ich würde sagen, seitdem du mich mit 'Du' angesprochen hast“

Mia schwieg kurz. „Du bist wirklich clever“

James grinste. Mia auch. Kurz überlegte sie, was wäre, wenn er doch ein Außerirdischer war. Und mit ihr weg fliegen würde. Wohin auch immer.

„Mimiiiii“, heulte Marc und hob deprimiert eine der blutverschmierten Scherben in die Luft. „Weißt du, was das kostet?“

Mia nickte abwesend und sie wusste, dass James das selbe dachte, wie sie. Sie atmeten beide ein, setzten gleichzeitig an und sagten:

„Ich solltest mit bleiben“

„Was?!“

„Ich sollte mitkommen“, wiederholte Mia.

„Du solltest hier bleiben“, wiederholte James.

Mia gab ihm eine Ohrfeige. Einfach so aus Reflex. Sie konnte wirklich nichts dafür. Sowas gewöhnte man sich eben an, wenn man mit drei Männern zusammen wohnte.

„Aua... wofür war das denn jetzt...?“ James rieb sich die Wange. „Du solltest wirklich hier bleiben!“

Mia konnte wirklich nichts dafür... der Ohrfeigenreflex war einfach unvermeidbar.

„Au! Jetzt hör mir doch mal... Aaah! Ist die immer so drauf?!“

Marc nickte abwesend. Er war noch immer nicht über das Fenster hinweg.

„Mia, ich kann doch auch nichts...“

Sie hob ihre Hand. Er zuckte zurück. Phase 1 der Umerziehung war erreicht. Felix ging schon in Deckung, wenn sie nur mit dem kleinen Finger zuckte.

„Ist ja gut, ist ja gut! Komm meinetwegen mit...“

„Jaa!“. In ihrem Überschwung fiel sie James um den Hals. Marc stöhnte.

„Und wer macht die Sauerei hier weg?!“

„Das schafft ihr schon“, flötete Mia. „Ich komme heute Abend auch wieder. Bestimmt“

Sie wusste bereits jetzt, dass es eine Lüge war. Und sie sollte Recht behalten. Doch in der nächsten Sekunde stand sie schon an der Tür. Sie dachte nicht groß darüber nach, was sie tat. Noch hatte sie Semesterferien, da konnte man ruhig mal ein wenig verrückt sein. Außerdem hatte sie Handy, Geld und Schlüssel dabei, da konnte nichts passieren. Sie schlüpfte in ihre Schuhe und James wartete an der Tür.

„Sag mal...“, fragte sie vorsichtig.

„Hm?“, fragte James.

„Solltest du... ich meine... ich bin mir nicht sicher, aber...“

„Was denn?!“

„Vielleicht solltest du dir doch noch was anziehen“

 

**

3. Kapitel-Ein Kühlschrank

3. Kapitel

 

 

„Ich weiß immer noch nicht, ob das das perfekte Outfit für dich ist!“, rief Mia, als sie versuchte, mit James Schritt zu halten.

„Wieso nicht?!“, fragte James.

„Also einmal sind das alles Sachen von Felix, die er bestimmt wieder haben will...“, begann Mia, „...und außerdem haben wir Sommer!“

„Ja und?“

„Da trägt man keine Bommelmützen!“

„Dann hat sich Problem 1 ja gerade in Luft aufgelöst“, meinte James gut gelaunt.

„Ja, aber... die Sonnenbrille macht das Ganze nicht unbedingt glaubwürdiger.“

„Wie hätte ich sonst meine Augen verstecken sollen?“

„Na gut. Aber den Bademantel hätte es wirklich nicht gebraucht. Und eine Hose hättest du dir auch über die Shorts ziehen können“

„Ich finde, ich sehe ganz fantastisch aus“, grinste James und machte eine kleine Drehung, um seinen Satz zu untermalen. Die Passanten machten nicht nur deswegen einen weiten Bogen um ihn.

„Wo willst du denn überhaupt hin?!“, fragte Mia verzweifelt.

„Keine Ahnung! Ich hoffe, dass wir ein weiteres Loch im Zeitvortex finden, damit wir hier weg kommen“

„Zeitvortex?!“

„Vielleicht landen wir dann in einer Alpha Galaxie... wobei mir Delta auch schon reichen würde. Hauptsache, wir kommen aus dem bescheuerten Omega-Bereich raus“

„Omega-Bereich?!“

„Ja! Am Besten noch ein inoffizieller Föderationsstern. Das wäre wirklich Glück“

„Föderationsstern?!“

„Könntest du bitte aufhören, meine Worte andauernd zu wiederholen? Ich weiß auch so, wie brillant ich bin“

„Brillant?!“

Plötzlich blieb James so ruckartig stehen, dass Mia in ihn hinein stolperte. Die Sonne stand bereits nachmittagstief und blendete sie, aber James schien etwas Anderes zu beschäftigen. Er musterte die Fußgängerzone der Kleinstadt, als wäre an den leicht bekleideten Passanten irgendetwas Seltsames, was niemand außer ihm wahr nahm.

„Was ist...?“, wollte sie fragen, aber er bedeutete ihr, still zu sein. „Hörst du das nicht?“, fragte er dann. Mia stutzte und lauschte. Aber sie hörte nichts seltsames, außer dem dem Gemurmel der Passanten und den Autos auf der weiter entfernten Straße.

„Ich höre nichts“, meinte sie dann auch, aber noch in der selben Sekunde schrie James: „Runter!!“ und zog sie zu Boden, aufs Kopfsteinpflaster. Es war ein harter Aufschlag, aber er wäre noch härter gewesen, wenn sie von dem Objekt getroffen worden wären, das nun kaum ein paar Zentimeter vor ihnen aufschlug und am Boden zerbarst.

„Ein Kühlschrank?!“, fragte Mia fassungslos, aber James schien das gar nicht zu interessieren. Die Passanten dafür umso mehr. Kreischend und rufend stoben sie auseinander, schubsten sich gegenseitig aus dem Weg und hätten James beinahe überrannt, doch er blieb standhaft gegen das Gedränge.

„Wo ist er her gekommen?“, fragte er angestrengt und starrte in den Himmel. Dann duckte er sich erneut. Mia ging aus Reflex mit und: Kawumm. Ein Mixer zerschellte knapp neben ihr am Boden.

„Da!“, schrie James und griff nach ihrer Hand, während er mit der Anderen in den Himmel zeigte. „Da, siehst du das?!“

Und tatsächlich: Da schimmerte etwas. Kaum sichtbar, aber eindeutig.

„Komm, Mia! Wir müssen uns beeilen!“

Er stürmte über die Straße, kämpfte sich durch die aufgebrachten Massen, die vor weiteren Haushaltsgegenständen flohen, und rannte in das nächste Bekleidungsgeschäft. Mia ließ sich mitziehen. Ihr Herz klopfte viel zu sehr, als dass sie auch nur einen klaren Gedanken hätte fassen können.

Er wollte in die erste Etage.

„Aber da ist doch die Frauenbekleidung!“, schrie Mia verzweifelt. James ignorierte sie. Oben angekommen stolperten sie durch Ständer mit Kleidern, Röcken und Tops, wurden von aufgescheuchten Verkäuferinnen umgerannt und landeten schließlich in einem Wühltisch mit Dessous. James schrie vor Wut.

„Wir müssen zur Glasfront!!“, brüllte er. Irgendeine der erschrockenen Verkäuferinnen hatte den Feueralarm ausgelöst. Jetzt schrillte ein lauter Alarm durch die mittlerweile leeren Gänge. Mia pflückte sich einen BH aus den Haaren und folgte James stolpernd zu der riesigen Fensterscheibe. Von hier oben sah es aus, als hätte ein Krieg auf der Straße geherrscht. Mittlerweile lag überall zerschmetterte Elektronik herum, von der einiges Feuer gefangen hatte. Der leichte Schimmer in der Luft lag nun unter ihnen und Mia begriff erst, was James vorhatte, als er die Arme um ihre Hüfte legte und Anlauf nahm.

„Warte... warte, Moment!!“, rief sie panisch. „Das kannst du nicht machen!!“

„Tschakka!“, brüllte James und rannte los. Sie konnte gar nicht anders, als mitzulaufen.

Dann der Sprung. Zerbrechendes Glas unter ihren Schultern. James schrie. Sie auch. Gleich würden sie auf dem Pflaster aufschlagen, mit gebrochenen Gliedern in ihrem eigenen Blut.

Aber das passierte nicht. Stattdessen wurden sie durch die Luft gewirbelt, hin und her. Sie begann, zu strampeln. Was passierte hier?! James hielt sie fest, Gott sei Dank, aber alles Andere verschwand. Mit fest geschlossenen Augen kämpfte sie gegen den Würgreiz und die Panik in sich an, schrie und schrie und schrie. Und dann war es aus. Auf einmal lag sie wieder am Boden, rutschte aus James' kraftlosen Armen und versuchte, die Tränen zurück zu halten. Was ging hier vor sich...?

 

**

 

„Mia... Mia, wach auf!“

Jemand schlug auf ihre Wange. Angestrengt versuchte Mia, die Augen zu öffnen, aber alles blieb dunkel. Was war passiert? Wer war die Stimme im Dunkeln? Und wo war sie?

„Was...?“, nuschelte sie.

„Ich bin's! James!“

„Wieso kann ich nichts sehen?“, flüsterte sie heiser. Alles tat ihr weh. Als hätte sie einen Grippe Virus. Oder wäre gerade durch Zeit und Raum geflogen.

„Ich fürchte, wir sind im Nichts gelandet“, wisperte die Stimme zurück. James. Natürlich. Der verrückte Vogel mit Pudelmütze und Sonnenbrille, der ihr Fenster eingeschlagen hatte. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht, als sie ihm nachgelaufen war?!

„Im Nichts?“, fragte sie und rieb sich die schmerzende Stirn.

„Ja... das passiert hin und wieder mal“

„Und wie kommen wir hier raus?“

„Wahrscheinlich... gar nicht mehr“

„WAS?!“

Mit einem Satz stand Mia auf den Füßen. Nun fühlte sie etwas hartes hinter sich, wie eine Eingrenzung. Es war ziemlich eng, im Nichts. Außerdem war alles voller Stoff. So fühlte es sich zumindest an.

„Tut mir Leid... die Chance bei einem unkontrollierten Zeitsprung ins Nichts geschleudert zu werden liegt bei 2%. Ich musste das Risiko eingehen“

„James...“. Er unterbrach sie.

„Nein, Mia, lass mich ausreden. Ich weiß, ich habe Mist gebaut. Und es tut mir so Leid. Wir werden sterben. Ja, das ist die bittere Wahrheit. Wir werden sterben“

„James!“

„Es ist okay, Mia. Wir müssen uns damit abfinden. Es tut mir so Leid. Ehrlich“

„James!!“

„Ich kann doch auch nichts daran ändern...“

Nun wurde es Mia zu bunt. Mit einem beherzten Tritt riss sie die Wand ein und stand: Im Freien. Licht drang ins Innere ihres Gefängnis. Wie sie es sich gedacht hatte: Ein Schrank.

„Das Nichts, ja?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

James, noch immer in Boxershorts, Feinripunterhemd und Bademantel, kroch langsam aus dem Wäscheberg hervor, dann kratzte er sich den Kopf und nahm die Sonnenbrille ab.

„Tatsache... ein Kleiderschrank. Naja. Kann ja mal passieren, was?“

„Wolltest du mir gerade ernsthaft weiß machen, dass wir sterben werden, weil wir in einem Kleiderschrank sitzen?!“

James zuckte mit den Schultern. „Hab mich wohl geirrt. Umso besser. Dann hat der Zeitsprung also funktioniert! Genial!“

Mia schnaubte. „Wir sind bei H&M aus dem Fenster gesprungen. Bei mir Zuhause würde man das eher als irre bezeichnen“

„Ich nenne es genial“, strahlte James und machte ein paar Schritte zurück. „Aber wo sind wir hier?“

Erst jetzt sah Mia sich um. Das Zimmer, in dem sie standen sah eigentlich aus wie ein ganz normales Kinderzimmer... ein Bett in Form von einer Rakete, ein paar bunte Bilder an der Wand, kolorierte Holzmöbel. Wäre da nicht ein Haken gewesen: Das Fenster nach draußen.

„James...“, japste sie erschrocken. „Komm mal bitte“

James stellte sich an ihre Seite und lachte. „Ich glaub's ja nicht! Ein inoffizieller Föderationsstern! Wir müssen uns mindestens im Pi-Raum befinden! Unglaublich! Das Schicksal scheint mich zu lieben!“

Aber Mia hatte keinen Blick für ihn übrig. Denn das, was sich da draußen vor ihr eröffnete, war unfassbar. Unfassbar schön. Schrecklich. Sie fand kein Wort für das Bild. Grauer Smog hing über dem Boden, dicht und beinahe undurchsichtig, wie Nebel an einem kalten Morgen. Graue Gebäude zogen sich unendlich hoch in den Himmel, bis ihr Blick sie nicht mehr verfolgen konnte und zwischen diesen Bildnissen zog sich ein seltsames, riesiges Gerüst, an dem fahrstuhlartigen Kabinen hin und her sausten. Hoch, runter, rechts, links... es war, als würde es die ganze Stadt umschließen und überall hinführen. Von der Sonne war nichts zu sehen. Alles war grau und still. Eine Stadt im Smog, faszinierend und grausam.

„Wo bleibst du denn?!“

Mit offenem Mund drehte Mia sich zu James um, der an der Tür stand und nach draußen nickte. Als er ihren entgeisterten Gesichtsausdruck sah, schien er zu verstehen.

„Ungewohnt, das erste Mal, was?“

Mia nickte langsam.

„Keine Sorge. Du wirst dich dran gewöhnen“

„Was...? Wie...?“, fragte Mia verwirrt.

„Das, meine Liebe, war ein Sprung durch Raum und Zeit. Kannst froh sein, dass wir nicht in einem Fenster gelandet sind. Das ist mir nämlich letztes Mal passiert“. Er zwinkerte frech. „Wir befinden uns ein paar Kilometer von deinem Heimatplaneten entfernt, ein paar Galaxien weiter“

„Kilometer?“, fragte sie irritiert. „Das kann nicht sein. Müssten wir nicht Millionen von Lichtjahren weg sein?“

James sah sie kurz an, dann brach er in schallendes Gelächter aus.

„Ach ja... das habe ich fast vergessen“, kicherte er, als er sich wieder eingekriegt hatte. „Ihr habt ja eure Entfernungsmatrix noch nicht durchbrochen...“

„Was zur Hölle ist eine Entfernungsmatrix?“

„Sie simuliert Entfernungen für euch, damit ihr nicht auf die Idee kommt, hin zu fliegen“, grinste James. „Weil eure Zivilisation als unzureichend eingestuft wurde. Ihr seid noch nicht bereit, das All zu entdecken“

„Und wieso bin ich dann hier?!“, fragte Mia herausfordernd. Es kränkte sie immer noch, wenn James auf ihrer Heimat herum ritt. Das war einfach nicht nett.

James' Gesicht wurde mit einem Schlag ernst.

„Weil ich unglaublich dumm bin. Wenn die dich identifizieren, dann war's das“.

Mia bekam eine Gänsehaut, so düster sah er auf einmal aus.

„Und... wie kann man das verhindern...?“

„Wir dürfen uns nicht erwischen lassen!“, lachte James, dann riss er die Tür auf. „Na los! Lass uns einen Weg suchen, hier weg zu kommen“

 

**

 

„Wieso... wieso ist es so leicht, hier laufen?“, fragte Mia.

Anfangs war sie sich nicht sicher gewesen, aber nun war es eindeutig: Sie konnte deutlich höher springen als auf der Erde. Und weiter hüpfen. Es fühlte sich seltsam kribbelig an, so durch den gläsernen Tunnel zu schweben, unter, neben und über ihr nur das Grau des Nebels.

„Kleiner Planet, geringe Anziehungskraft. Das ist vermutlich auch der Grund für den Smog. Die Abgase können nur schwer aus der kleinen Atmosphäre entweichen. Das hier muss mal ein riesiger Schwarzmarkt gewesen sein... alle Fahrzeuge mit Gasen als Nebenproduktion sind seit Jahren verboten“, mutmaßte James. Sein Blick lag in der Ferne, als würde er krampfhaft nachdenken. „Ich weiß nicht, ob ich schon Mal hier war...“

„Wie geht denn das?“, fragte Mia.

„Bin viel rum gekommen“

„Hm“

Langsam begann sie sich zu fragen, wer James wirklich war. Wirklich nur ein Verrückter? Inzwischen bezweifelte sie das. Denn das, was sie gerade erlebte war erstaunlich real. Vielleicht fantasierte sie auch nur und war nach dem Sprung aus dem Schaufenster ins Koma gefallen oder gar tot...

„Du siehst aus, als müsstest du kotzen“, kommentierte James trocken.

„Sorry...“, murmelte Mia. Ihr war tatsächlich schlecht.

„Keine Sorge. Geht den Meisten so, nach einem unerwarteten Zeitsprung. Mit der Zeit gewöhnt man sich dran“

„Das hoffe ich...“, erwiderte Mia gepresst.

„Hier, nimm die“. James hielt ihr eine Dose mit kleinen Kapseln hin.

„Was ist das? Außerirdisches Zeugs? Das esse ich nicht!“

James stöhnte entnervt. „Mensch Mia, das sind nur Tic-Tacs. Stell dich nicht so an“

Das erfrischende Gefühl half tatsächlich ein wenig.

„Wo hast du die her?“, fragte sie lutschend.

„Dein Mitbewohner hat die Taschen voll mit Krims Krams. Gefällt mir. Habe ich wenigstens was zu tun, während der Zeitsprünge“

„Das klingt, als fändest du es langweilig!“

„Wie gesagt: Man gewöhnt sich dran“

„Du hast lauter geschrien als ich!“

James antwortete nicht und ging weiter. „Komm mit! Wir haben noch eine ordentliche Strecke vor uns!“

Das hatten sie tatsächlich. Denn obwohl sie schneller und weiter laufen konnten, schien der Tunnel nicht enden zu wollen. Sie orientierte sich an James, aber konnte nicht verhindern, dass ihr Blick immer wieder nach draußen abschweifte und sich in dem undurchdringlichen Grau verlor.

Wo war sie hier bloß gelandet?

„Ha!“

James schrie auf und sie holte zu ihm auf.

„Was?“

„Eine Tür!“

„Nein!“

„Doch!“

„Ohhh!“

Er sah sie überrascht an.

„Der Gag scheint überall bekannt zu sein“, grinste Mia. „Aber egal“ Sie musterte die unscheinbare Tür und den großen Knopf daneben. „Wo führt sie hin?“

„Keine Ahnung!“, rief James überschwänglich. „Wir werden es sehen!“

Dann trat er mit aller Wucht zu. Die Tür brach aus dem Rahmen und fiel. Nur mit extrem guten Reflexen und sehr viel Kraft konnte sie James beim Bademantel packen und verhindern, dass er das Gleichgewicht verlor.

„Woooow“, keuchte James, als er mit großen Augen in den Abgrund starrte, in dem die Tür verschwunden war. Erst jetzt hörte man den Aufprall.

„Was ist denn DAS?!“

„Sieht aus wie ein... Aufzugsschacht...“, überlegte Mia und musterte die dicken Eisenseile die in die Tiefe führten.

„Ich werd' mal nachsehen. Das hier sieht nützlich aus!“

James hatte eine Zahnbürste aus dem Bademantel gezogen. Noch bevor Mia protestieren konnte, hatte er sie sich zwischen die Lippen geklemmt und sich auf das dickste Seil geschwungen. Es schwankte nur minimal und er hielt sich mit eisernen Händen fest, trotzdem wurde ihr schlecht, als ihr bewusst wurde, wie hoch er hing. Doch da war er auch schon ein paar Meter hinab geklettert.

Plötzlich hörte sie ein Sirren. Zunächst kaum wahrnehmbar, dann immer lauter.

„James“, rief sie. „Hörst du das?“

James war gerade zu dem Schluss gekommen, dass die Zahnbürste nicht unbedingt hilfreich war und hatte begonnen, mit einer Taschenlupe die Schaltkreise zu untersuchen.

„Was?“, fragte er irritert.

„Das... Brummen“

Kurz herrschte Stille. Nun war es ganz deutlich: Da war ein Geräusch, das sich stetig näherte. Ein Rattern. Und Sirren.

Brrm. Brmm. Sitt. Sitt. Brmm. Brmm. Sitt. Sitt.

James starrte in den Abgrund unter seinen Füßen, dann sah er hoch zu Mia. Er hatte die Sonnenbrille in seine blonden Haare geschoben und so sah sie die Furcht in seinen blitzend violetten Pupillen.

„Na los!!“, schrie sie. „Kletter hoch!!“

Und das tat er auch. Aber leider zu langsam. Noch bevor er den ersten Meter geschafft hatte, erschien am Grund des Schachts bereits die blitzende Decke der Fahrstuhlkabine. Sie näherte sich mit rasender Geschwindigkeit. James tat sein Bestes, möglichst schnell nach oben zu kommen, aber es war klar, dass er das nicht schaffen würde.

„Beeil dich!!“, schrie sie hysterisch.

„Tu ich doch...“, ächzte James zurück.

Der Kasten kam näher. Es würde nicht mehr lange dauern und er würde James' Füße erreichen.

„Nicht reden! Klettern!“, befahl sie herrisch. Das durfte doch nicht wahr sein! Wenn er jetzt starb, dann säße sie ganz alleine auf diesem verdammten Planeten und würde womöglich nie wieder nach Hause kommen...

Aber es war klar, dass ihr neuer Reisepartner nicht rechtzeitig ankommen würde. Er würde von dem Aufprall zerschmettert werden. Das musste sie verhindern.

Panisch drehte sie sich um sich selbst. Da musste es doch irgendwas geben... wenn sie wenigstens die Fahrt verlangsamen könnte...

und mit einem Mal wurde es ihr klar: Der Fahrstuhl musste halten. Jetzt. Ohne groß darüber nachzudenken schlug sie mit aller Kraft auf den großen roten Schalter neben der Tür. Immer und immer wieder. Ein rotes Licht ging an. Und ein Zischen ertönte.

„Mia! Du bist ein blutiges Genie!“, rief James. Dann fuhr er an ihr vorbei, neben einer zebrochenen Tür. Jetzt lebte er zwar noch, allerdings saß er nun auf der Kabine drauf. Und nicht drin. Und der Fahrstuhl war bereits im Begriff, weiterzufahren.

Mit einem Satz sprang sie hinein. Die Türen schlossen sich zischend. Es war ein massiver Metallfahrstuhl und im Innern wimmelte es nur so von Knöpfen. Blendende Lichter, egal wohin sie sich drehte. Und das Ganze gewann wieder an Fahrt. Von oben hörte sie ein Rumpeln.

„Scheiße“. Mit zusammen gebissenen Zähnen versuchte sie, das System der Displays und Schalter zu verstehen, allerdings konnte sie nicht einmal lesen, was darauf stand. Keine Zahlen. Keine Buchstaben. Eher Runen.

„Miaaaaa!“, drang James' gedämpfte Stimme von oben. „Die Decke kommt immer näheeeeer...“

„Verdammt, ich versuch's ja!“, schnauzte sie zurück. Mit hektischen Fingern drückte sie den erstbesten Knopf, der ihr vor die Nase kam. Ein Ruck ging durch das Gefährt und nun ging die Fahrt auf einmal nach rechts. Ein Rummsen drang von oben, dann sah sie durch die einzige Glaswand James. Also zumindest die Hälfte von ihm. Die Andere hing noch auf dem Dach.

„Willst du mich umbringen?!“, tönte es von draußen.

„Jetzt mecker auch noch!“, rief sie zurück. „Moment, ich versuch's nochmal!“

Der nächste Knopf. Es war ein großer Blauer mit einem Halbkreis darauf. Der Fahrstuhl stoppte und schien ins Bodenlose zu fallen. Der halbe James verschwand und Mia schlug hart gegen eine der Wände. Daraufhin spielte die Bedienung verrückt. Ein lautes Schrillen ertönte und nun schien sich das Gefährt dazu entschieden zu haben, jede mögliche Abzweigung zu nehmen, die sich ergab.

„Miaaaaaaaa!“, brüllte James. Es klang, als würde er regelmäßig auf dem Fahrstuhl aufschlagen, gegen Wände prallen und sich dabei alles mögliche brechen. „Wenn ich dich jemals in die Finger kriege...“

Verzweifelt probierte sie einen letzten Knopf. Er war rot. Und natürlich war er der Richtige. Sogar im Weltraum schien es Klischees zu geben. Die Kabine hielt mit einem schrillen Bremsgeräusch, vor dem nächsten Ausgang. Die Türen öffneten sich und Mia sprang hinaus. Jetzt musste nur noch James von dem Fahrstuhl kommen... was er auch tat. Als sich die Kabine langsam nach unten bewegte, rollte er sich von der Decke und schlug hart auf dem Boden auf.

„Das... war...“, keuchte er. Dann musste er eine Pause machen, um zu Atem zu kommen. Vielleicht wollte er es auch nur spannend machen. „...absolut genial“

Dann lachte er und sie war auf einmal so erleichtert darüber, dass er nicht gestorben war, dass sie es ihm gleich tat. Ihre zittrigen Beine gaben nach und so sackte sie neben ihm am Boden zusammen. Und da lagen sie: Zwei Raumreisende, der eine in Bademantel und Shorts, die Andere in Jeans und Lederjacke, mit Sonnenbrille, Holzsplittern einer Tür und einer Zahnbürste, inmitten eines Glastunnels. Unter ihnen der graue Nebel, über ihnen das gleißende Aufblitzen zweier Sonnen.

„Das sollten wir öfters machen“, grinste Mia keuchend.

„Ja...“, lachte James. „Aber vielleicht sollten wir ein bisschen Vitamin C im Gepäck haben. Am Ende passiert noch was...“

Mia lachte noch lauter. Sie hatte eigentlich gar keine Ahnung wieso. Aber ihr ging es einfach gut. Lächerlich gut.

Mit einem Mal verstummte James. Sie brauchte noch ein paar Sekunden länger, bevor sie bemerkte, was los war. Am Ende des Tunnels waren Schatten aufgetaucht. Große Schatten. Und sie kamen näher. Wirklich nett sahen die nicht aus.

Sie rappelte sich auf, James stellte sich neben sie.

„Was sind das für Dinger?“, fragte sie dann. Wer wusste schon, was hier draußen so lebte.

„Wir sind noch im humanitären Sektor“, flüsterte James. „Also vermutlich wie ihr. Nur ein bisschen größer. Oder so“

Er hatte Recht: Die Leute, die auf sie zukamen waren hochgewachsen, hatten ewig lange Beine und schienen so blendend weiß, dass Mia mehrmals blinzeln musste. Sie verstanden sich darauf, sich durch die veränderte Schwerkraft zu bewegen, als wären sie erhabene Wesen und keine betrunkenen Giraffen, wie James und sie selbst. Ihre Haut war weiß, ihre Haare, ihre Kleidung, ihre Waffen. Waffen. Verdammt.

Mia zwang sich dazu, nicht auf die gewaltigen Pistolen in ihren Händen zu starren und konzentrierte sich lieber auf ihre schwarzen Pupillen und die schmalen Münder. Sie sahen aus wie Elfen. Eine gruseligere Form von den Elfen aus all den Fantasyromanen. Und größer. Und schmaler.

Sie waren zu dritt. Und als sie angekommen waren, öffnete der Vorderste den Mund. Ein knartischiger Ton erschallte.

„Gnaaaaaaa...“

Sie zuckte zusammen und presste sich die Hände auf die Ohren. Aber James blieb ruhig. Um genau zu sein öffnete er den Mund und machte das selbe Geräusch, nur abgehackter.

„Gna-Gna-Gna-Gnaaa“

„Was zur Hölle...?!“, zischte sie mit zusammen gekniffenen Augen.

„Sag nichts, ich bin damals durch den Sprachtest durchgefallen“, erwiderte James. „Es reicht um einen Drink zu bestellen, okay?“

Die Elfenwesen schienen das anders zu sehen. Weitere Geräusche ertönten und die Beiden hinteren traten vor. Mia wurde mit erstaunlich kräftigen Händen gepackt und festgehalten.

„Hey!“, rief sie. „Lasst mich los!“. Aber die Wesen waren unerbittlich. „Was hast du denen gesagt?!“

„Ich habe keine Ahnung...“, stammelte James. Er selbst wurde auch fest gehalten. „Vielleicht habe ich 'ne Pina Colada bestellt? Ich hab doch keine Ahnung!“

„Das merk ich“, knurrte Mia finster. Sie wurden mitgeschleift. Sie versuchte mit allen Mitteln, die Panik in ihrem Magen zu unterdrücken. Das würde ihr jetzt auch nicht weiter helfen. „Wo bringen die uns hin?“

James zuckte mit den Schultern, so gut das eben ging, im Griff des weißen Riesens. „Aber ich denke, wir werden's gleich sehen“

 

**

 

 

4. Kapitel-Sparkling Fawkes

4. Kapitel

 

Er sollte Recht behalten. Ein paar Minuten später fand sich Mia in einem weiteren Fahrstuhl wieder. Die Fahrt war genau so rasant, allerdings verhinderte das Paar Hände in ihrem Nacken, dass sie Spaß daran hatte. James schien es ähnlich zu gehen.

Als die Kabine hielt und die Türen sich zischend öffneten, wurden sie weiter gestoßen und betraten einen riesigen Saal. Er war ähnlich weiß wie der Rest der Welt, ein krasser Kontrast zu dem Grau um sie herum. An den Seiten standen viele weitere Weißelfen und am Ende des Raums saß ein weibliches Exemplar auf einem großen Stuhl. Sie war nicht das, was man unattraktiv nannte und James machte sich keine Mühe, das zu verbergen. Mia trat ihm auf den Fuß.

„Reiß dich zusammen!“

„Gnaaaaaaa“, machte die große Weißelfin.

„Jaja. Genau. Gnaaaa“, erwiderte Mia genervt. „Kann mir bitte mal jemand erklären, was hier vor sich geht?!“

Die Weißelfin musterte sie von oben bis unten, aber noch viel eingehender musterte sie James. Mia redete sich ein, dass es an der Bommelmütze und der Sonnenbrille lag, aber noch bevor sie sich darüber Gedanken machen konnte, winkte die große Elfin. Zwei neue Rekruten erschienen auf der Bildfläche. Sie hatten eine erstaunliche Ähnlichkeit zu ihren Kollegen und Mia fragte sich, wie man sie wohl auseinander hielt. Was sie dann allerdings noch mehr beschäftigte, war die Frage, was sie mit den seltsamen Stöpseln in ihren Händen vorhatten.

Mia zeterte und strampelte, als sie sich näherten.

„Bah! Bleibt bloß weg, ihr... ihr... Bah!!“

„Bleib ruhig“, zischte James. „Das sind nur Dolmetscher. Das ist gut. Wenn wir so ein Teil mitgehen lassen können, haben wir das Kommunikationsproblem demnächst nicht mehr“

Widerwillig ließ Mia zu, dass ihr das Kabel mit einem Pflaster am Rücken befestigt wurde. Die Teile, die am Anderen Ende hingen, sahen ein wenig aus wie kleine Kopfhörer und so fühlten sie sich auch an, als sie sie ins Ohr steckte. Da war ein Rauschen. Ein Knistern. Kurz hörte sie ihren eigenen Herzschlag. Und dann verwandelte sich das Knarren in eine Stimme.

„Was macht ihr hier?!“

Die Stimme klang seltsam metallisch, aber James schien das nicht zu stören.

„Wir sind unerwartet in den Strudel des Zeitvortex gezogen worden“, erklärte er. „Ein Raumsturz. Und dann sind wir hier raus gekommen“

Die Augenbrauen ihres Gegenübers wanderten erstaunlich hoch.

„Und wo kommt ihr her?“

„Omicron Sektor. Alles legal. Sechster Abschnitt“

„Chip?“

James streckte sein Handgelenk nach vorne. Die Frau musterte es länger. „Scheint in Ordnung zu sein. Berufungsfolger, ja? Nicht wirklich das, was zurzeit ein gut angelegter Job ist“

„Man schlägt sich durch“, erwiderte James schulterzuckend. „Hören Sie, wir wollen gar nicht lange bleiben. Am liebsten wollen wir sogar möglichst schnell weg“

„Ach ja?“. Die Augenbrauen rutschten noch höher. Unglaublich.

„Ja. Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind oder was Sie hier machen, aber ich habe einen Auftrag. Ich muss die Welt retten. Möglichst schnell... deshalb würde ich auch gerne weiter“

Nun lachte die Frau. Spöttisch. Herablassend. Mia hasste sie bereits jetzt.

„Die Welt retten auch noch... Na da gibt es aber wirklich passablere Berufungen“

„Ich habe eine Zeit lang über Handwerken nachgedacht...“. James ließ sich auf das Spielchen ein, blieb aber ruhig. „Aber ich hatte doch etwas heroischeres im Sinn“

„Heroisch“, wiederholte die Frau. „Als Weltretter. Ja. Sicherlich“

„Wie auch immer. Wir wollen hier weg. Ist das machbar?“

„Schätzchen...“, lächelte die Frau. Am liebsten hätte Mia ihr ins Gesicht geschlagen. Und James auch. Alleine dafür, dass er so dämlich grinste. „Hier ist seit 250 Jahren niemand mehr weg gekommen“

James pfiff leise durch die Zähne. „Das ist aber 'ne ganz schön lange Zeit...“

Auch Mia konnte ein gewisses Erstaunen nicht verbergen.

„Ach sag bloß“, seufzte die Frau. „Dieser Planet ist schlicht nicht mehr bewohnbar. Da kommt keiner raus oder rein. Die Luft ist reines Gift“

„Und was macht ihr dann hier?!“, fragte Mia. Sie hatte es satt, immer nur zuzuhören und sich dumm zu fühlen.

Die Frau seufzte. „Weil uns keiner mehr haben will. Wir haben den Planeten einfach übernommen, als ihn keiner mehr brauchte und residieren hier jetzt schon ein ganzes Weilchen“

„Aber... das... Kinderzimmer?“, fragte Mia langsam.

„Überbleibsel einer verlorenen Bevölkerung. Alle erstickt. Oder verhungert. Perfekte Voraussetzungen für uns, als Fey“

James sog scharf die Luft ein.

„Ja, kleiner Reisender. Du hast uns gefunden“

Plötzlich sah die Frau kalt aus. Eiskalt und hart. Mia fröstelte und hielt die Luft an.

„Aber das ist unmöglich... die haben überall nach euch gesucht...“, stotterte James.

„Nicht hier“, erwiderte die Frau. „Nicht hier. Wir haben ebenfalls einen Raumsturz hinter uns. Es war purer Zufall, dass wir während unseres Falls diesen Ort hier entdeckt haben. Aber das ist in Ordnung. Hier stört uns niemand, wir stören selbst niemanden und es kann weiter gehen, bis selbst unsere Energie erschöpft und unsere Lebenszeiten abgelaufen sind“

James nickte langsam. „Brillant. Einfach brillant. Sie suchen überall nach euch. Die ganzen Aktivisten. Sie wollen euch zurückholen“

„Süß“, kommentierte die Frau trocken. „Aber auch ein bisschen spät, was?“

„Kann mir mal jemand erklären, was hier abgeht?!“, fragte Mia. „Ich verstehe gar nichts mehr“

„Die Fey sind ausgerottet, offiziell. Unter dem letzten Herrschen von Sektor Ni gab es regelrechte Treibjagden. Und dann waren die Fey irgendwann weg und sind nie wieder gekommen. Ist ein paar hundert Jahre her. Die haben ewig gebraucht, um Ni wieder aufzubauen, denn ohne die Fey und ihre totale Unabhängigkeit von jeglichen Energiequellen fehlten auf einmal 60% der Berufskräfte. Und jetzt sind wir hier, im Phi Bereich und treffen auf die Fey... genial. Einfach genial“

James schüttelte den Kopf, als könnte er es selbst nicht glauben.

„Na schön...“, nickte Mia. „Freut mich. Aber was machen wir denn jetzt? Wenn wir hier nicht wegkommen sind wir geliefert!“

„Gibt es seltsame Vorkommen?“, fragte James. „Erscheinen Dinge? Fliegen durch die Luft? Verschwinden in Löchern in der Luft?“

Die Frau erstarrte. „Woher...?“

„Ich wusste es. Die Risse im Zeitvortex sind überall. Sogar im Omega-Bereich ist mir eins über den Weg gelaufen“

„Das klingt ernst“, meinte die Elfe.

„Heroisch“, verbesserte James.

Sie lächelte. Er auch.

Mia wurde schlecht.

„Na gut. Ich zeige euch, wo das Loch ist. Kommt mit“

 

**

 

Ein paar weitere Gänge später standen sie vor der selben Erscheinung, die Mia bereits in der Fußgängerzone getroffen hatte. James und die Elfe standen erstaunlich nah beieinander vor dem Portal.

„Eindeutig. Ein Riss“, bestätigte James. „Da müssen wir rein. Es ist der einzige Weg hinaus. Und ihr solltet aufpassen. Da kann nämlich auch alles heraus kommen“

Die Elfe nickte. „Ist es nicht gefährlich, da hinein zu springen?“

„Oh doch. Aber das ist das Risiko, wenn man die Welt retten will“, grinste James und tat auf obercool, als er seine Sonnenbrille aufsetzte. Und dabei sah er so bescheuert aus, in seinem Outfit. Der Elfe schien das nicht aufzufallen. Sie beugte sich zu ihm herunter und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Dann pass auf dich auf. Und komm mal wieder vorbei. Ich freue mich“

„Komm, wir gehen!“, rief Mia, bevor James etwas erwidern konnte. Das war ja widerlich! Ohne groß nachzudenken rief sie noch ein „Tschüss!“ nach draußen, dann packte sie James beim Bademantel und stieß ihn in das Portal. Danach sprang sie selbst hinein und hielt sich an seinem Arm fest. Alles drehte sich. Und wackelte. Das hielt sie nicht davon ab, ihn zu fragen: „Machst du das immer so?!“

„Was?!“, brüllte James gegen den Lärm.

„Die nächstbeste Frau anzuflirten und mitzunehmen!“

„Ich habe dich nicht mitgenommen! Du bist mir hinterhergelaufen!“

„Sei froh, dass ich keine Hand zum Ohrfeigen frei habe“, knurrte Mia, aber sie musste grinsen.

„Wo kommen wir jetzt raus?“

„Keine Ahnung“, antwortete James.

Und dann gab es einen Knall und alles wurde schwarz.

 

**

 

„So langsam bist du mir aber wirklich eine Erklärung schuldig“, forderte Mia ihr gutes Recht ein, während sie mit einem Cocktail-Stäbchen in ihrem Sparkling Fawkes herumrührte. Sie wusste nicht, was da drin war, aber es hinterließ einen Geschmack von viel Zucker und Alkohol auf ihrer Zunge und das half gegen den Schwindel nach dem erneuten Raumsturz.

Diesmal waren sie in einer Art Weltraumcafe gelandet. Sie hatte gar keine Zeit gehabt, sich irgendwie auffällig zu verhalten, so schnell hatte sich James der neuen Situation angepasst und sie an den nächsten Tisch gezogen. Er fiel hier nicht groß auf, in seinem Outfit. Das Treiben war noch bunter als alles, was sie jemals gesehen hatte. Inzwischen schaute sie einfach nicht mehr auf, so sehr verwirrten sie all die unbekannten Gestalten und Farben.

„Ja, war alles ein bisschen chaotisch, was?“, fragte James mit einem schiefen Grinsen. „Kann ja keiner ahnen, dass wir in den ersten zwei Stunden unserer Zusammenarbeit gleich eine verschollene Rasse wiederfinden“

„Oder von einem Fahrstuhl ermordet werden“

„Oder bei H&M aus dem Fenster springen“

„Oder von Küchengeräten erschlagen werden“

James nickte langsam. „Ja... wir haben schon echt viel erlebt, bis jetzt“

„Und ich habe echt viele Fragen“, bestätigte Mia.

„Na dann leg mal los“. James griff nach seinem Cocktail, einem 'Fired Burns', und sog eine halbe Ewigkeit an seinem Strohhalm.

„Zunächst mal: wieso haben diese Cocktails englische Namen? Wir sind doch irgendwo im nirgendwo!“

„Englisch liegt eben ziemlich nah an der Grundsprache der Föderation... es gibt natürlich ein paar Variationen, aber im Grunde ist es so gut wie das Selbe. Ist natürlich auch kein Zufall. Die haben das damals in eure Zivilisation eingestreut, damit ihr vorbereitet seit, falls die Entfernungsmatrix irgendwann aufgehoben wird“

„Da sind wir schon beim nächsten Punkt“, nickte Mia. „Die Entfernungsmatrix. Was zur Hölle ist das?!“

James seufzte. „Ihr Menschen seit doch so fasziniert von schwarzen Löchern. Es ist im Grunde das Selbe: von außen sieht es aus, als würde sich das Objekt normal schnell bewegen, aber in Wirklichkeit ist die Zeit für es schon fast stehen geblieben, ohne, dass es das merkt. Weiter draußen wartet dann ein riesiges Netz, das alles abfängt, was Gefahr läuft, sich dem Ursprung der Matrix zu nähern.“

Mia schluckte. „Und... wann wird sie aufgelöst?“

„Ach, machen wir uns nichts vor“, meinte James trocken. „Einmal in der Matrix, immer in der Matrix. Ihr werdet für immer in eurer eigenen, unendlichen Nussschale leben und niemals verstehen, wie nah die Freiheit eigentlich liegt“

Mia starrte in ihr Glas. „Das ist ganz schön deprimierend...“

„Kann schon sein“. James zuckte mit den Schultern. „Sonst noch fragen?“

„Berufungsfolger?“. Mia versuchte, nicht daran zu denken, was James ihr vorhin eröffnet hatte. 'Ihr werdet niemals verstehen, wie nah die Freiheit liegt'. Niemals. „Was ist das?“

„Zivildienst. Für die Leute, die nach der Akademie nicht wissen, wohin es geht. Die reisen dann herum, immer ihrer Nase nach und machen das, was ihnen gefällt“

„Und dir gefällt es, die Welt zu retten?“, fragte Mia.

„Ja, so kann man es sagen. Ich bin einer von diesen Typen, die auf die Apokalypse warten, um die Welt dann davor zu bewahren. Ich hab allerdings nicht damit gerechnet, dass das so schnell gehen würde“

„Womit wir bei der nächsten Frage wären“, nahm Mia den Faden wieder auf. „Was geht hier vor?“

„Es gibt seit ein paar Wochen überall Risse im Zeitvortex. Das sind Löcher im Raum-Zeit-Konstrukt, die praktisch überall hinführen könnten, in jede Zeit, zu jedem Ort“

„Und was bedeutet das?“

„Galaxien, die niemals kollidieren dürften, kollidieren. Abgegrenzte Sektoren gelangen außerhalb ihres Bereichs und entdecken die Wirklichkeit viel früher als sie es dürften. Rassen treffen aufeinander, die sich niemals hätten begegnen dürfen und Kriege entstehen, neue Rassen, Mutanten. Techniken verschmelzen, neue Waffen werden gebaut, das Universum versinkt im Chaos. Nicht wirklich so super...“

Mia schüttelte den Kopf. „Und das in der Fußgängerzone war...?“

„Genau so ein Loch“, bestätigte James. „Wahrscheinlich in einem Geschäft für Küchengeräte. Das wäre eine logische Erklärung. Ein Loch ist entstanden, die Küchengeräte sind hinein gefallen und bei euch wieder heraus gekommen. In einem Sektor, der noch nicht einmal ansatzweise so weit ist, das Außen zu begreifen und sich trotzdem schon so gut wie selbst ausgelöscht hat“

„Jaja, ich weiß, die Menschen sind halt beknackt“, nickte Mia genervt. Jetzt kam doch tatsächlich wieder dieses Klischee...

„Quatsch“, entgegnete James. „Euer Planet ist einfach zu schwach für so eine anspruchsvolle Rasse, wie euch. Ihr seid wirklich nicht gerade die Krönung der Schöpfung, aber da gab es wirklich schon schlimmere. Nur ein Planet von extremen Ausmaßen könnte die Zeit, die ihr braucht, um zu verstehen, dass ihr etwas ändern müsst, überbrücken. Eurer ist schlichtweg zu klein. Natürlich könntet ihr ihn noch retten, wenn ihr umdenkt, aber das wird vermutlich nicht mehr passieren. Ihr habt die Schuld an dem Sterben eures Planeten, das schon. Aber das liegt nicht daran, dass ihr die einzige Arschloch-Rasse des Universums seid. Es gab auch schon Leute wie euch, die haben einfach ihre ganze Galaxie überrannt. Das haben wir von euch nicht zu erwarten und das macht euch wieder sympathischer“

„Du willst mir also gerade erklären, dass wir zwar scheiße sind, aber das nicht schlimm ist, weil wir gleichzeitig auch noch dumm sind, oder was?“, fragte Mia mit verschränkten Armen.

„Naja... also... Ja“, bestätigte James. „Aber mach dir keinen Kopf, du bist auszuhalten“

Mia schnappte nach Luft. „Also ich finde nicht, dass du bisher viel intelligenter wirkst, als ich! Du wolltest mit einer Zahnbürste den Fahrstuhl reparieren!“

„Jeder fällt mal aus der Reihe“, erwiderte James schulterzuckend. „Du bist halt intelligenter als der Durchschnitt, ich verpeilter als der Durchschnitt. So kann's kommen“

„Ich finde das trotzdem unfair“, meinte Mia. „Ich finde, die Menschen hätten es verdient, zu verstehen, was da draußen vor sich geht“

James brauchte eine Weile, um zu verstehen. Plötzlich sah er unglaublich ernst aus.

„Du darfst ihnen nichts erzählen, Mia“, meinte er mit eiserner Stimme. „Das darfst du nicht tun“

„Was erwartest du?!“, fragte sie mit ausgebreiteten Armen. „Du nimmst mich mit zu den Sternen, offenbarst mir, dass wir nur wenige Kilometer von der Außenwelt entfernt sind und verlangst dann, dass ich den Rest meines Lebens die Klappe halte?!“

James' Stuhl fiel krachend zu Boden, als er aufsprang. Schneller als sie reagieren konnte, hatte er Mia gepackt und gegen die Wand gedrängt. Auf einmal hatte sie furchtbare Angst vor seinen stechend violetten Pupillen.

„Mia“, knurrte er eindringlich. „Du wirst da unten nichts von dem erzählen, was wir hier machen“

„Und wieso nicht?!“, fragte Mia herausfordernd.

Der Druck gegen die Wand verhärtete sich und plötzlich wurde ihr bewusst, wie wenig sie James kannte. Er könnte sie umbringen. Einfach so. Und keiner würde es merken.

„Deine Welt ist nicht bereit“, fuhr James fort. „Und wenn du nicht in der Klapse endest, dann als Versuchsobjekt. Was meinst du, wen sie benutzen, um all deine Behauptungen nachzuprüfen? Du hast meine DNA an dir! An dir kleben die Partikel eines Raumsprungs! Die werden dich benutzen, Mia und dann werden sie ausbrechen. Euch fehlt nur der ausschlaggebende Punkt, um eure Technik so weiterzuentwickeln, dass ihr Leute per DNA verfolgen könnt. Und dann werden sie mich suchen. Denn ich habe dich hinaus gebracht. Und sie werden wollen, dass ich sie hinaus bringe. Egal wie.

Ich habe das schon oft mitbekommen, wie die Außerirdische, die verbotener Weise in einem abgegrenzten Sektor waren, abgefangen haben. Die haben Experimente mit denen gemacht. Sie gefoltert. Getötet. Aufgeschnitten“

Sein Atem zitterte vor Anspannung. Ihren Herzschlag riss es mit.

„Und irgendwann hat die Föderation davon Wind bekommen. Sie haben die Leute besucht und irgendwie mitgenommen. Den Bewohnern des Sektors das Gedächtnis genommen. Und als die armen verkrüppelten Leute dann dachten, sie wären sicher, in den Händen der Regierung, weißt du, was sie da gemacht haben?“

Er sah sie lange an und Mia schüttelte den Kopf.

„Exekution“.

Das Wort war wie ein Schlag in die Magengrube.

„Sie haben ein Exempel statuiert. Für alle, die gedacht haben, es wäre ein Spaß, sich in die verbotenen Sektoren zu stehlen und die Zivilisationen ein wenig aufzumischen. Getötet. Erschossen. Und auf allen Kanälen gesendet, damit bloß keiner auf die Idee kommt, es ihnen gleichzutun“

Er ließ sie los und setzte sich. Mia rutschte geschockt zurück auf ihren Stuhl. Eine Weile herrschte Schweigen und es war nichts zu hören außer dem Gelalle der Betrunkenen.

„Aber...“, versuchte sie nach einer Weile, ihre Gedanken in Worte zu fassen. „Wenn du das wusstest, wieso... wieso...“

Sie stockte.

„Wieso hast du mich mitgenommen?“

James starrte sie an, als wüsste er es selber nicht.

„Du hast mir das Leben gerettet“, begann er dann leise. „Du hast mir das Leben gerettet und mir geglaubt. Du hast mich duschen lassen, in deiner Dusche und du hast getan, als wäre ich ein ganz normaler Mensch mit Vorliebe für Orangensaft und Kontaktlinsen. Du hast mich geschlagen. Und mir Kaffee ins Gesicht geschüttet. Als wäre es keine große Sache, dass ich von so weit weg komme. Das war... erfrischend nach all der Zeit des Wanderns“

„Wie lange bist du schon unterwegs?“, fragte Mia. Sie ahnte, was für eine Antwort kommen würde.

„Länger als du glaubst. Damals dachte ich noch, ich könnte die Welt erobern, mit einem One Way Ticket weg aus meiner Heimat, aber seitdem... ich schlage mich halt so durch. Springe durch Portale, hin und wieder. Lasse mich überraschen, wo ich raus komme.“

„Willst du denn gar nicht nach Hause?“

James brauchte Ewigkeiten, um zu antworten. Kurz dachte sie, er hätte alles um sie herum vergessen.

„Ich kann nicht. Ich habe ja kein Raumschiff, kein Geld, keinen Plan. Ich saß fest auf den Planeten, die ich besucht habe und ich hatte keine Chance, wieder nach Hause zu kommen. Keine Ausbildung, keinen Job... Ich dachte, ich würde für immer weg bleiben“

„Und dann kamen die Risse...“, murmelte Mia.

„Ich dachte, wenn ich nur genug Risse abpasse, dann finde ich vielleicht den einen, der mich zurück bringt“, bestätigte James ihre Vermutung. Er sah plötzlich unglaublich traurig aus. „Aber es ist so unwahrscheinlich... ich brauche die richtige Zeit und den richtigen Ort, unter Billionen von Möglichkeiten. Das wird nichts mehr. Spätestens seitdem ich meinen ersten Zeitsprung gemacht habe, bin ich verloren. Meine Mutter wird erst in 1232 Jahren geboren...“

Seine Finger zitterten und einer plötzlichen Eingebung folgend, legte Mia ihre Hand über seine. „Du kommst wieder nach Hause...“, lächelte sie.

James sah auf. „Du verstehst das nicht, oder?“, fragte er.

„Was denn?“

„Ich habe dich mitgenommen“

Mia sah ihn an. Langsam, ganz langsam, begann sie zu realisieren.

„Du hast... mich... mitgenommen“, wiederholte sie benommen. „Du hast...“

Sie starrte ihn an. Fassungslos. Ihr Finger rutschten von seinen. „Du hast...“

„Es tut mir Leid...“, meinte James hilflos. „Es tut mir so Leid... aber ich hatte es so satt, alleine zu sein...“

„Du hast...“, stammelte Mia und stand auf. Ihre Beine zitterten. „Du hast mich mitgenommen... das heißt... ich bin jetzt genau so verloren wie du! Ich werde niemals wieder nach Hause finden, ich... ich...“

Ihre Gedanken kreisten. Nie wieder. Nach Hause. Sie würde nicht zurück kommen, um Felix und Marc Essen zu kochen. Sie würde am Sonntag nicht mit einem Blumenstrauß vor der Haustür ihrer Mutter stehen und zum Hochzeitstag gratulieren. Sie wäre verschwunden, einfach so, als hätte es sie nie gegeben. Nur alle, die ihr lieb waren, würden sich erinnern und weinen. Während sie durch das Weltall irrte und irgendwann genau so traurig aussehen würde, wie James.

Er wollte nach ihrer Hand greifen. Sie zog sie weg.

„Lass mich“

„Mia...“

„Lass mich!“

„Hör mir doch zu...“

„Nein!“

Sie riss sich los und stürmte nach draußen, wie in einer Liebesschnulze. Nur, dass das hier keine Schnulze war, sondern ihre Realität. Und dass sie nie wieder eine Schnulze sehen würde. Nie wieder Bridget Jones. Nie wieder mit der besten Freundin weinend auf dem Sofa liegen. Draußen war es staubig. Über ihrem Kopf befand sich ein riesiger Planet und sein Anblick schien sie zu erdrücken. Sie begann zu rennen. An all den verschrobenen Kreaturen vorbei, deren Teil sie bald werden würde, unbeachtet all der seltsamen Pflanzen und den Steinen, nur geradeaus. Weg von James. Seine Trauer machte es ihr so schwer, ihn zu hassen.

Sie war eine Verirrte.

Wie er.

 

**

 

 

 

5. Kapitel-Tic Tac?

5. Kapitel

 

Irgendwo auf dem kleinen aber feinen Planeten Erde bemerkte ein junger, hungriger Mann, dass es kein Essen gab. Und dann bemerkte er, dass sein Bademantel weg war. Und seine Pudelmütze. Und zum Schluss auch noch seine Mitbewohnerin. Das war ziemlich viel auf einmal, bedachte man die Tatsache, dass er gerade einmal 4 Stunden weg gewesen war.

Immerhin war sein bester Freund noch da. Playstation spielend. Auf dem Sofa.

Der wusste allerdings auch nicht, wo die Mitbewohnerin, ihr Name war übrigens Mia, war. Weggegangen. Der Bademantel und die Pudelmütze? Die hatte der Typ sich genommen, mit dem sie gegangen war. Wann sie wiederkamen? Zum Abendessen. Es war schon 8 Uhr? Dann wusste er es auch nicht.

Der junge Mann dachte nach. Wenn ein einziger Mann seinen Bademantel, seine Pudelmütze UND seine Mitbewohnerin geklaut hatte und noch dazu verhinderte, dass es etwas zu Essen gab, dann hatte er dem gegenüber nicht unbedingt eine positive Grundeinstellung. Aber er wusste ja auch nicht, wo Besagter war.

Plötzlich meldete sich der Freund wieder. Schon acht Uhr? Ja. Eine heftiger Anflug von Panik war im Gesicht seines Gegenübers zu beobachten. Wirklich? Schon acht? Ja. Er glaube, Mia sei gekidnappt worden. Was? Ja.

Der junge Mann dachte nach. Und wer machte nun das zu Essen? Das wusste sein Kumpel auch nicht. Verdammt. Eine mittelschwere Paranoia brach aus. Nach Stunden des Haareraufens, Zitterns und gegenseitig verrückt machen stand es fest: es war 6 Uhr morgens und sie mussten ihre Freundin retten.

Hinaus auf die Straße. Leute befragen. Ein Typ in Pudelmütze und Bademantel? Ja, der war da gewesen. In der Fußgängerzone. Die Beiden starrten in das Loch in der Scheibe von H&M. Ja, das sah Mia-förmig aus. Vielleicht auch ein bisschen Pudelmützen-förmig. Ihr Blick wanderte noch höher. Da war ein Schimmern. Ganz schwach, klar. Aber es war da. Die Sache schien eindeutig.

Aber unvorbereitet durfte man seine Freundin nicht retten. Wenigstens einen Baseballschläger sollte man haben. Hatte er schon dabei? Auch gut.

Der junge Mann entschied sich spontan für eine Wasserpistole, die es im Shop nebenan gab. Besser als nichts. Ob sie es wirklich tun wollten? Ja natürlich. Wer würde denn sonst essen machen? Baseballschläger und Wasserpistole waren gezückt. Sie würden Mia retten. Und den Bademantel. Und die Pudelmütze.

Ob die nicht sowieso längst in den Müll gehört hatte? Natürlich nicht! Die war noch so gut wie neu!

Na gut. Dann jetzt. Oder nie. Die H&M Tür einschlagen, rein. Treppe rauf, Damenabteilung. Hier lagen ja überall Dessouts herum... naja, egal. Tief einatmen. Anlauf nehmen. Über das Absperrband, raus aus dem Fenster. Er flog...

und dann war alles schwarz.

 

**

 

Die Sonne brannte erbarmungslos auf Mias ohnehin schon heißen Kopf. Ihre Beine schmerzten und so ließ sie sich an Ort und Stelle im Staub nieder, den Blick auf dem riesigen Astralkörper über ihr, der rotierte und auf sie hinab stürzen zu schien. Ihr wurde bewusst, wie klein sie war und nicht nur deswegen war auf einmal alles durch Tränen verschleiert.

Sie wollte James so gerne hassen für das, was er getan hatte. Sie hätte ihn gerne verflucht, gehasst und vielleicht sogar nochmal geschlagen, aber sie konnte es nicht. Denn die bittere Wahrheit war: sie liebte es schon jetzt. Das Adrenalin, das Gefühl von Freiheit und den Reiz, etwas Neues zu entdecken. Sie wollte nicht nach Hause. Irgendwie gefiel es ihr, die Verirrte zu sein. Ein Outlaw-Mädchen. Und sie fühlte sich schlecht deswegen.

Am Horizont erschien die Gestalt von James. Er stolperte mehrmals auf dem Weg, zu ihr, drehte den Kopf hin und her und wirkte ähnlich verpeilt wie immer. Dazu kam noch, dass er zwei Cocktails in der Hand hatte.

„Mia!“, rief er, als er sie erkannte. „Hallelujah! Ich dachte, ich finde dich nicht mehr wieder!“

Mit wehendem Bademantel eilte er an ihre Seite. Seine violetten Pupillen reflektierten die Sonne blitzend durch die dunklen Brillengläser, als er sich neben ihr niederließ.

„Du hast die Cocktails mitgehen lassen?“, fragte Mia und zog die Nase hoch.

„Hast du mir nicht zugehört?! Ich bin pleite! Da lässt man nichts stehen!“

Er reichte ihr ihren Sparkling Fawkes und nahm selbst einen tiefen Zug aus seinem Strohhalm.

„Prost“

„Prost“. Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und lächelte traurig.

Dann stießen sie an und betrachteten Seite an Seite, wie die zwei Sonnen am Horizont versanken. Es war wie ein gewaltiges Konzert aus Farben. Rot explodierte in Orange, vermischte sich mit Gelb und trennte sich wieder, schlang ineinander, glitt fort und verblasste, bis die nächste Sonne Zentrum des Farbenspiels wurde. Eine Weile herrschte einträchtige Stille.

'Meinetwegen könnte es öfters so sein', dachte Mia. 'Vielleicht sogar immer'

Der Alkohol nahm prickelnd seinen Weg in ihren Magen und breitete sich von da aus über ihren ganzen Körper aus.

„Tut mir Leid“, wiederholte James irgendwann, kaum hörbar.

Stille. Der Wind heulte über die hohen Sanddünen in der Ferne.

„Ist okay“, antwortete Mia.

Dann stießen sie nochmal an und starrten wieder in die Ferne. Von irgendwo erschallte ein alter Hit aus den 80ern.

„Erdenmusik?“, fragte Mia überrascht. „Sind wir so populär?“

„Nur für Hipster“

„Oh. Achso“

Sie waren zwei Verirrte.

Aber nicht mehr allein.

Irgendwann hörte Mia auf, die Sekunden zu zählen, die Minuten, die Stunden. Ihre Augenlider strebten unerbittlich nach unten und irgendwann konnte sie nicht mehr widerstehen. Langsam sank ihr Kopf zur Seite, auf James Schulter und schließlich nach unten, auf seine Beine. Sie nahm das alles gar nicht mehr richtig war. Sie wollte nur noch schlafen. Jetzt.

Und das tat sie dann auch.

 

**

 

Als Mia erwachte, war alles um sie herum in ein blendendes Weiß getaucht. Blinzelnd versuchte sie, die Augen zu öffnen, ohne von der Helligkeit erschlagen zu werden, aber es war unmöglich. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre Schläfen und sie fühlte sich seltsam benommen. Was war passiert?

Sie versuchte, sich zu bewegen, aber es schien, als wäre ihr Körper eingegipst. Da war ein Brennen an ihren Handgelenken und ihre Arme waren seltsam nach oben verdreht. Ihre träge Zunge versuchte, Worte zu formen, aber sie brachte nicht mehr als ein Lallen heraus. Ihre Augäpfel bäumten sich gegen die schweren Lider auf und ihr Hals versuchte sich durch ein Räuspern von dem belegten Gefühl zu befreien, vergebens.

Alles drehte sich. Mia versuchte irgendwie, ihr schwankendes Hirn wieder auf die Beine zu bekommen und entschied sich für die rabiate Weise. Da ihre Hände noch immer unbeweglich waren, nahm sie Schwung und riss mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, ihren Kopf in den Nacken. Der Aufprall war hart und metallische Schwingungen durchströmten Sekunden später noch immer ihre Schläfen, aber mit einem Mal konnte sie klarer sehen. Der Nebel verzog sich und abgesehen von den neu errungenen Kopfschmerzen konnte sie nun besser erkennen, was vor sich ging.

Sie war aufrecht an eine Art Metallgitter gefesselt und so gut wie unbeweglich. Die Wände um sie herum erstrahlten im grellen Weiß, beinahe schon unwirklich hell, wie in einem Traum. Leute liefen geschäftig hin und her und neben ihr hing, an einem weiteren Gitter gefesselt, James. Er gluckste leise vor sich hin.

„James“, zischte sie. „James!“

Er sah sie mit trägem Blick an und lachte leise. „Wer bistn du?“. Seine Stimme kippte zum Ende des Satzes ins lächerlich Hohe. „Sag mal wo kommst du denn her?“

„James! Reiß dich zusammen!“, knurrte Mia und versuchte, ihn gegen das Schienbein zu treten, aber James wich ihr elegant aus.

„Neinein“, nuschelte er. „Das heißt: Aus Schlumpfhausen, bitte sehr!“. Dann grinste er süffisant und begann, die Melodie zu summen.

„James!!“, rief Mia erneut. Aber nun ignorierte er sie standhaft.

„Gib's auf. Den haben wir bis aus Weiteres ausgeschaltet“

Mia riss den Kopf herum und starrte den Mann an, der nun vor ihr stand.

„Wer sind Sie? Und was haben Sie mit James gemacht?!“

„Nur die Daten in seinem Chip ein bisschen durcheinandergebracht. Du hast das Beste verpasst: vorhin ist er noch durch die Gegend geflattert und dachte, er sei ein Hühnchen“

Mia schnaubte. „Sehr erwachsen von Ihnen. Wer sind Sie alle denn bitte?!“

„Die Föderationsgatherer“

Schon wieder englisch. „Also sowas wie die Polizei?“, rutschte es ihr heraus, bevor sie sich daran erinnerte, dass auf gar keinen Fall herauskommen durfte, dass sie von der Erde war.

„Polizei?“, sprang der Gatherer auch sofort darauf an.

„Ähm... nein... ich sagte: Raserei! Ich finde es unmöglich, dass offizielle Angestellte solch eine Raserei betreiben. Sie sind weit über dem Tempolimit“

„Das geht dich erstmal gar nichts an...“, begann der Mann, „Und zweitens gibt es keine Geschwindigkeitbegrenzungen mehr im Outlaw“

„Ach jaa...“, nickte Mia, obwohl sie rein gar nichts verstand. Dann betrachtete sie den Typen eingehender. Er hatte eine schmale, dunkle Sonnenbrille und einen weißen Anzug an. Kräftig gebaut, mittelalt, ein wenig wie ein klassischer Polizeibeamter im Bürodienst.

„Aber jetzt kommen wir mal zur Sache“. Der Mann machte einen Schritt nach vorne. Mia wollte automatisch einen zurück machen, aber das Gitter und die Fesseln hinderten sie daran.

„Wo ist dein Chip, Mädchen?“

„Ich hab keinen“, antwortete Mia herausfordernd. „Ich bin ein Fehler in eurem System!“

Der Satz klang echt gut, fiel ihr im Nachhinein auf.

„Soso...“, wiederholte der Beamte: „Ein Fehler im System, also. Wo kommst du her?“

„Das weiß niemand“, fuhr Mia verschwörerisch fort. „Ich war einfach da, von der einen Sekunde auf die Andere. Es gibt mich nicht, in eurem Verzeichnis, ihr könnt mich nicht erfassen, ich bin wie ein Schatten, ein Schatten, den ihr niemals verstehen werdet“

Kurz herrschte Stille.

Dann lallte James den Biene-Maja Soundtrack.

Mia stöhnte.

Der Beamte lachte.

„Soso... welcher Bereich?“

Wo war James nochmal her gewesen?

„O... omi... Omicron Sektor!“

„Wie er“, stellte der Typ fest. „Vielleicht hat das Gerät ja auch nur einen Fehler“

Mia nickte. „Wo sind wir denn hier?“

„Ihr habt in der Wüste vagabundiert. Das ist eine Straftat. Deshalb haben wir euch eingesammelt und werden euch zum Großen Rat bringen, wo über euer Schicksal entschieden wird“

„Ist das immer so aufwendig?“, fragte Mia stirnrunzelnd.

„Mit euch reisen 305 andere Sträflinge... ihr werdet alle noch drankommen, heute“

Mia nickte langsam. „Und was ist mit ihm?“. Sie nickte zu James.

„Er hat sich gewehrt“, erwiderte der Mann schulterzuckend. James stimmte nun zum furiosen Finale des Spongebob-Titels an.

„Spongebob! Schwammkopf!“

„Wovon redet der da bloß?“, fragte der Typ kritisch.

„Auf unserem Heimatplaneten ist das der... Präsident. Neu gewählt. Das war die Kampagne“

„Ahja“, nickte der Gatherer. „Ich erinnere mich. Wo wohnt der noch gleich?“

„In einer Ananas... ganz tief... im Meer?“, fragte Mia vorsichtig.

„Richtig, richtig. Hätte ich fast vergessen“

Der Gatherer drehte sich um und ging langsam fort. Dann blieb er stehen und fragte leise: „Hältst du mich eigentlich für dumm?“

„Najaa...“, überlegte Mia.

„Das war eine rhetorische Frage! Ich glaube, du hast keinen Chip, weil du aus dem Omega-Sektor stammst. Noch dazu aus einem der Planeten, die unter höchster Diskretion steht! Du dürftest gar nicht hier sein!“

Mia wurde eiskalt. Schreckerstarrt starrte sie den Gatherer an. Was würden sie jetzt tun? James erschießen? Oder womöglich sie selbst?

Der Mann schüttelte den Kopf. „Du bist durch eines der Portale gekommen, oder?“

Mia nickte zaghaft.

„Sie reichen wirklich schon bis zu euch?“

Sie nickte erneut.

Er seufzte. „Das Ganze gerät außer Kontrolle. Ich weiß wirklich nicht, wie lange wir noch Zeit haben, bis das ganze Konstrukt in sich zusammenbricht. Keine Sorge, ich werde dich nicht verraten. Das macht nur noch mehr Ärger, als wir ohnehin schon haben. Aber einen Chip solltest du schon im Arm haben, damit du nicht direkt auffliegst“

Mia atmete auf. Glück gehabt. Der Mann zückte ein Gerät, das sie ein wenig an einen Scanner aus dem Supermarkt erinnerte.

„Wir erstellen jetzt eine neue Persönlichkeit für dich, Mia. Im Grunde bleibst du die Selbe, nur, dass du jetzt auf Sektor Omicron Sektor, sechster Abschnitt eingetragen bist. Bist du seine Schwester? Nein, zu offensichtlich. Geliebte, das kommt besser“

Plötzlich wurde ihr heiß, aber der Gatherer tippte eifrig weiter auf seinem Gerät herum. Geliebte? Von James? Dass sie nicht lachte! Aber irgendwie hatte die Vorstellung auch ihren Reiz...

„So, das war's“

Er hielt den Scanner über ihren Arm. Ein kurzer, heißer Schmerz lief durch ihren Unterarm und dann war alles vorbei.

„Und jetzt bin ich sicher?“, fragte sie.

Der Mann nickte.

„Danke“, sagte sie und meinte es aus ganzem Herzen. „Aber... wieso?“

Er musterte sie eingehend. „Es sollten nicht noch mehr Leute draufgehen, als nötig. Ich glaube, Sie können mit der Verantwortung umgehen“

Mia lächelte stolz. Diese Worte hatten gut getan.

Neben ihr lachte jemand auf.

Am liebsten hätte sie James dafür geschlagen, aber die Tatsache, dass er neben ihr stand und nun den Mann mit einem Handkantenschlag in die Ohnmacht beförderte, anstatt singend an dem Gitter neben ihr zu hängen, lenkte sie vorerst von diesem Impuls ab.

„Was zur Hölle?!“, zischte sie, als er sich an ihren Fesseln zu schaffen machte.

„Alles nur Show“, raunte er ihr zu und zog sie von dem Gitter weg. „Er musste bemerken, dass du von der Erde bist, sonst hättest du nie einen Chip bekommen“

„Und wenn er mich sofort erschossen hätte?“

„Dann hätte ich ein Problem weniger gehabt“, grinste James. Mia antwortete mit einem Todesblick, weshalb er schnell fortfuhr:

„Nein nein. Hat doch funktioniert. Ich habe einfach alle Erdenlieder gesungen, die mir eingefallen sind“

„Und das mit dem Hühnchen? War das auch nur Show?“, fragte Mia weiter, als er sie durch die Halle mit den geschäftigten Leuten zog. Keiner nahm Notiz von ihnen.

James hielt kurz inne und antwortete dann eine Spur zu laut: „Jaaaa, natürlich. War alles geplant“

Mia grinste. „Soso...“

„Jetzt komm!“. James zog sie weiter, in den nächsten Gang. Hier war alles genau so weiß.

„Wir müssen hier raus, bevor wir beim hohen Rat landen. Dann kommen wir sofort hinter Gitter“

„Nur für's schlafen?“, fragte Mia stirnrunzelnd.

James schwieg betreten.

„Ah, Vorstrafenregister. Verstehe“. Sie fragte nicht weiter und stolperte ihm schweigend hinterher, bis James irgendwann stehen blieb.

„So. Wir sind da“

„Was ist das?“

„Der Ausgang“

Er deutete auf den Boden, wo sich die Konturen einer runden Falltür abzeichneten.

„Wir müssen da runter“

„Aber... wir fliegen“, protestierte Mia.

„Das ist der Haken bei der Sache... aber das wird schon irgendwie gehen“

Er griff hart nach ihrem Handgelenk und hielt es vor ein Lesegerät, das an der Wand hing. Es piepte und der Boden öffnete sich zischend.

„Du hast noch keine registrierten Straftaten begangen“, erklärte James hastig und schaute sich um, damit sie keiner erwischte. „Aber auf dem Schiff gibt es nur Besatzung und Sträflinge. Du bist kein Sträfling, also lässt der Computer dich als Besatzung durchgehen und gibt deinem Chip automatisch alle Zugriffsrechte. Ich würde zu gern in den Speicher hineinsehen, aber dafür bleibt leider keine Zeit...“

„Was soll das heißen?“

„Die werden gleich hier sein! Also: Chacka!“

Dann machte James einen Satz und verschwand im Loch des Bodens. Mehrere Kilometer unter Mia sauste eine fremde Landschaft entlang, die größtenteils rot gefärbt war. Vor Schreck hielt sie sich den Mund zu. War er gerade wirklich gesprungen?!

„Jetzt komm schon, Mia!!“

Nein, war er nicht. Zum Glück nicht. Das Bild von James' zerschmettertem Körper, das ihr mehr Angst gemacht hatte, als es sollte, wich aus ihrem Kopf und nun erkannte Mia, dass er sich unter dem Flugobjekt an einer Metallstrebe festgehalten hatte. Erwartete er das Selbe etwa auch von ihr?

„Vergiss es!“, schrie sie gegen den rauschenden Fahrtwind und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin doch nicht lebensmüde!“

„Deshalb bist du auch mit mir kommen!“, rief James grinsend zurück und ihr wurde klar, dass er gewonnen hatte. Mal wieder.

Mia sah auf und hörte, wie sich Schritte näherten. Noch ein paar Sekunden länger und sie würde entdeckt werden. Jetzt oder nie. Sie hielt die Luft an und sprang wie James durch das Loch. Augenblicklich wurde sie vom Fahrtwind erfasst und gegen eine der Streben geschleudert, an der sie sich nur mit Müh und Not festhalten konnte.

'Scheiße', dachte sie, 'Scheiße, ich bin tot'

James schrie und strampelte mit den Beinen, bis er Halt fand und sich mit Beinen und Armen festklammern konnte. Sein Bademantel wurde vom Wind aufgebläht und kam den Triebwerken gefährlich nahe.

„Pass auf!“, rief Mia, nachdem sie es ihm gleich getan hatte. Sie versuchte mit aller Kraft nicht an die tausenden Meter zu denken, die sie vom unbekannten Erdboden trennten. „Du brennst!“

James riss den Kopf herum und starrte auf die Flammen, die sein Bademantel gefangen hatte. Hilflos begann er, zu pusten, was bei dem Wind nicht wirklich einen Effekt hatte. Die Sonnenbrille wäre ihm beinahe von der Nase geweht worden, aber aus irgendeinem Grund hielt sie standhaft.

Mias inzwischen eiskalte Hände krallten sich mit aller Kraft in das Metall, aber ihr war klar, dass sie sich nicht lange halten könnte. Die Stimme ihrer Sportlehrerin setzte sich in ihrem Ohr fest.

„Du bist ja wirklich ein schlaues Mädchen, Mia, aber mit Sport hast du wohl nichts am Hut, oder?“

Ihr eigenes, kleines Ich senkte den Kopf und hasste es mit aller kindlicher Kraft, in etwas schlecht zu sein.

„Halt dich fest!“, brüllte James, zwischen ein paar verzweifelten Pustern. „Wir landen gleich“

„Ich versuch's ja...“, ächzte Mia. Ihr wurde schlecht, weil all ihr pulsierendes Blut sich in ihrem Kopf sammelte. „Aber ich fürchte, wir bekommen Besuch...“

Und tatsächlich: Die schlanke, weiße Gestalt eines Gatherers schob sich durch die Luke, und richtete ihre Pistole auf Mias Stirn.

„Begeben Sie sich sofort wieder ins Innere des Schiffes!“

„Würde ich ja gerne!“, schnauzte Mia zurück. „Tun Sie bloß die Knarre weg. Ich habe gerade schon genug Probleme, nicht zu sterben, da brauch ich nicht auch noch ne Kugel in meiner Stirn!“

Zu ihrer Überraschung steckte der Gatherer die Pistole wirklich zurück in seinen Gürtel.

James hörte auf zu Pusten und starrte den Mann an. In seinem Gesicht spiegelte sich Überraschung.

Stechender Schmerz fuhr durch Mias Arme und sie begann, zu zittern. Blut pulsierte durch ihre Knie. Ein Ziehen und Stechen erfüllte ihre Schultern. Alles in ihr rebellierte dagegen, sich weiter fest zu halten, noch dazu riss der Wind an ihren Haaren und Kleidern und sie konnte nur mit Mühe dagegen halten.

„Ich werde Ihnen jetzt ein Seil zuwerfen!“, rief der Mann. „Halten Sie sich daran fest, wir ziehen sie zurück rein!“

Dann zückte er ein Seil. Mias Blick wanderte zu James. Er schüttelte heftig den Kopf. Dann sah sie auf ihre zitternden Arme. Tot oder gefangen. Sie war sich nicht wirklich sicher, was besser war, aber ihr Gefühl tendierte zu Gefangen. Die Spitze des Seils baumelte nur wenige Zentimeter vor ihrer Nase. Ihr Arme verloren an Halt. Mit einem spitzen Schrei griff sie nach dem Seil, verfehlte es aber um wenige Milimeter. Nun hing sie nur noch mit ihren demolierten Knien an dem Raumschiff, aber zum Glück nicht so nah an den Düsen wie der immer noch brennende James.

„Mia!“, rief er verängstigt.

„Jaames“, rief sie genervt zurück. „Jetzt mach was oder halt die Schnauze!“

James starrte sie hilflos an.

„Tic-Tac?“, fragte er dann. Er wollte wohl lustig sein, aber sie fand das nicht mal ansatzweise zum Lachen.

Ihr Blick wanderte zum Erdboden. Sie waren nun bereits viel näher als zuvor, aber immer noch zu hoch als dass sie einen Sprung ansatzweise überleben würde. Angst kroch ihr in den Hals und ihr Herz pulsierte durch ihren ganzen Körper. Ihr versagte der Atem.

„Warten Sie, ich komm runter!“, rief der Gatherer. Kurz darauf erschien ein weiteres Seil vor ihr und ein paar Sekunden später auch der Beamte.

„Siehst du?“, fragte sie James. „So rettet man eine Lady!“

Der Gatherer hatte seine Stiefel mit einem Gestell auf dem Seil verhakt und nahm sie nun schwungvoll auf den Arm. Sie musste zugeben: ihr gefiel das. Er lächelte sie wissend an, dann wurden sie nach oben gezogen.

Mia atmete auf und entspannte ihre verkrampften Kniekehlen in seinem warmen Griff. Hinter der Sonnenbrille blitzte es auf. James rief irgendetwas. Sie hörte ihm gar nicht zu. Der Gatherer schon. Sein Blick wanderte nach oben und plötzlich wurde er so weiß wie sein Anzug. Das Seil hatte Feuer gefangen und brannte wie Zunder. Das Gestell, dass sie nach oben gezogen hatte, stoppte und augenblicklich schoss Mias Herzschlag wieder in die Höhe. Sie würden abstürzen, jeden Moment. Verzweifelt sah sie sich um, aber der Gatherer hielt sie wortlos fest und sah ziemlich hilflos aus.

Unter ihnen erschien eine riesige Glaskuppel, sie war inzwischen ganz nah. Jeden Moment würde das Seil nachgeben... sie verkrampfte sich am ganzem Körper.

„Macht doch irgendwas!!“, schrie sie die vielen betroffenen Gesichter über sich an. „Irgendetwas!“

Aber niemand rührte sich auch nur einen Zentimeter. Sie würden sterben. Nun war es sicher. Ängstlich krallte sie sich in die Uniform des Gatherers. Sie zitterte und alles in ihr schrie nach sicherem Boden unter ihren Füßen.

Ein Ruck ging durch das Seil, als James sich fallen ließ und sich an ihrer Halterung festklammerte. Sein Gesicht war nah neben ihrem, aber im Gegensatz zur Masse war er ganz ruhig.

„Ich rette uns schon irgendwie...“, murmelte er und zwinkerte ihr zu. „Mach dir keine Sorgen“

Irgendetwas an seinem Gesicht beruhigte Mia unglaublich.

Und dann riss das Seil und sie fielen in die bodenlose Tiefe. Noch im Sturz bemerkte Mia, wie sie aus den Armen des schreienden Gatherers glitt und dafür in den Griff des lachenden James rutschte.

Ein „Chacka!“, ein ohrenbetäubender Knall. Die Luft bestand aus zerberstendem Glas. Und dann war alles schwarz.

 

**

 

Es ist aussichtslos“

Die Stimme des Oberrats erhob sich über die murmelnde Gruppe von Weisen, als er sich erhob. Sein Blick hing sorgenvoll in der Ferne, während seine Hände zusammen gefaltet waren, um ihr Zittern zu verbergen.

Wir sind hoffnungslos verloren, in diesem Chaos“

Vierundzwanzig ratlose Gesichter blickten ihm entgegen. Sie wussten, dass er Recht hatte, aber keiner wagte, es auszusprechen.

Das Raum-Zeit-Konstrukt wird auseinanderbrechen, in tosenden Wellen und gewaltigen Beben und uns wird es mitreißen, hinein in die Ewigkeit, das brennende Nichts, in den jubelnden Untergang. Wohin sollen wir fliehen, Brüdern und Schwestern, wenn es keinen Ausweg gibt? Wenn das Alles, was wir kennen, kollabiert und das Nichts zurückbleibt? Es gibt keinen Ausweg aus dieser Misere, unser Reich kann nicht gerettet werden“

Sein Blick ging zu Boden. Das erste Mal während seiner 423-jährigen Amtszeit wünschte er sich, einen anderen Beruf eingeschlagen zu haben. Aber nun war es zu spät.

Bewahrt eure Sektoren vor der alles vernichtenden Panik“, befahl er mit müdem Blick. „Verhindert, dass die Welt vor dem Ende auseinanderbricht. Verkündet frohe Nachrichten, gebt Sicherheit den euch Folgenden und lasst nicht zu, dass eine Angst aufkommt, die alles zerstört“

Ein Schweigen lag über dem Kreis der alten und weisen Führer, die ihr Leben lang nichts Anderes getan hatten als weise zu sein und zu führen und nun doch vor eine Aussage gestellt worden waren, die ihnen unmöglich schien.

Plötzlich erhob sich eine Frau. Ihr Gesicht war eingefallen und runzlig, ihre Hände bittend gen Himmel gestreckt.

Omega“, rief der Oberrat. „Was spürst du?“

Die alte Wahrsagerin starrte gebannt nach oben. Durch die gewaltige Glaskuppel fiel Sonnenlicht. Der Schatten eines Raumschiffes flog über sie hinweg.

Ich spüre ein Aufbäumen des Zeitvortex“, hauchte sie mit kratziger Stimme.

Die Welt will nicht sterben! Himmel, gib uns ein Zeichen! Was willst du uns verkünden? Wie willst du uns retten?“

Ihren Worten folgte ein alles verschlingender Knall. Die Alten schrien auf und stoben auseinander, Glassplitter flogen durch die Luft und auf dem Boden schlugen drei Gestalten auf. Ein brennender, junger Mann stöhnte und ließ ein ohnmächtiges Mädchen aus seinen Armen rutschen.

Nein“, hauchte er mit geschlossenen Augen. „So rettet man eine Lady“.

Dann verstummte er und das Chaos brach aus.

Der Himmel!“, schrie der Oberrat. „Ein Zeichen! Es ist unser Zeichen!“

Die Alten scharrten sich um die drei Figuren und er nutzte das Chaos, um zu Omega zu eilen.

Du tust gut daran, unseren Rat aufzubauen“, meinte er und nickte ehrfürchtig.

Omega lächelte verschmitzt. „Nichts gibt den Leuten mehr Hoffnung als eine leere Prophezeiung und ein paar Auserwählte“

Der Oberrat nickte.

Sie fielen aus einem Sträflingsschiff. Sie werden unser Spiel mitspielen, ob sie wollen oder nicht“

Omega musterte den Mann mit dem brennenden Bademantel und der Bommelmütze.

Sie werden. Wir müssen es ihnen nur gut verkaufen“

 

**

6. Kapitel-Die himmlische Macht

6. Kapitel

 

Mia erwachte erneut mich dröhnenden Kopfschmerzen. Stöhnend öffnete sie die Augen und drehte sich herum. Glasscherben knirschten unter dem Gewicht ihres Körpers. Wo war sie? Und was war passiert? Von allen Seiten drang ein aufgeregtes Gemurmel an ihr Ohr. Über ihr prangte ein gewaltiges Loch in einer riesigen Glaskuppel. Er roch verbrannt.

Plötzlich erinnerte sie sich. Sie waren abgestürzt... Sie und James und der Gatherer. Mit Augen wie Schlitzen drehte sie sich nach links. Da lag James. Er blutete aus der Nase und war überall mit Kratzern übersäht. Sein Arm lag noch unter ihrem Körper. Er musste sie vor dem Aufprall geschützt haben... Plötzlich machte sie sich unglaubliche Sorgen um das Blut, dass nun auch noch aus seinen Ohren rann. Erschrocken setzte sie sich auf. Der Gatherer war durch seine Uniform einigermaßen geschützt gewesen, allerdings auch ohnmächtig. Sie waren umringt von alten Leuten, deren Augen silbern leuchteten. In ihren Pupillen schienen Universen verborgen zu sein und kurz vergaß Mia ihre Schmerzen und starrte sie an.

Jemand wisperte etwas, was sie nicht verstand. Was war mit dem Übersetzer? Sie tastete nach dem Kabel auf ihrem Rücken. Funken stoben auf und sie konnte sich das Gerät gerade noch vom Körper reißen und fortschleudern, bevor es ihr einen saftigen Stromschlag verpasste.

Mit fahrigen Bewegungen zupfte sie James den Bommel aus dem Gesicht und flüsterte: „James? Kannst du mich hören? Wach auf...“

Der alten Leute starrten sie an wie eine Außerirdische, was sie streng genommen auch war, und machten keine Anstalten, ihr zu helfen.

„Jetzt tut doch etwas!“, rief sie verzweifelt. „Er verblutet!“

Der vorderste Mann sank auf die Knie und starrte den Boden an. Erst dachte sie, er hätte etwas entdeckt, aber dann taten die Anderen es ihm gleich und Mia wurde klar: sie wurden angebetet. Mit offenem Mund starrte sie die gut zwei Dutzend Leute an, die sich nun vor ihr verneigten. Ihr stiegen Tränen in die Augen.

„Ihr sollt nicht beten! Helft uns doch!“

Über den an den Boden gepressten Körpern erschien ein besonders eindrucksvoller Mann. Er war sehr klein, noch kleiner als sie und seine Pupillen glänzten golden, als wären sie mit Tränen getränkt, aber er strahlte eine Sicherheit aus, die sie noch nie erlebt hatte.

„Mach dir keine Sorgen. Für euer Wohl ist gesorgt“

Erschrocken starrte Mia den Mann an. Er hatte seine Lippen nicht bewegt. Und trotzdem erklang seine Stimme in ihrem Kopf. Panisch fasste sie sich an die Schläfen, aber die Stimme verschwand nicht.

„Dein Freund braucht Vitamin C, wir wissen das. Hab keine Angst um ihn, wenn sie ihn wegtragen. Er wird das alles gut überstehen“

Auf Reflex ohrfeigte sie sich selbst. Der Schmerz drang prickelnd und rein durch ihre Wangen, aber er gelangte nicht in ihren Kopf, um die Stimme zu verdrängen.

„Ganz ruhig. Du wirst jetzt schlafen. Mach dir keine Sorgen. Alles ist in Ordnung“

Sie bemerkte, wie sich Dunkelheit in ihrem Kopf ausbreitete.

„Nein!“, kreischte sie. „Wage es ja nicht!!“

Panisch begann sie, um sich zu schlagen, aber die Müdigkeit war bereits in ihre Glieder gelangt und so war sie gezwungen, nachzugeben. Ein paar Sekunden kämpfte sie gegen die Schwere in ihren Gedanken an, dann gab sie sich der Wärme hin. Sie träumte davon, durch die Galaxie-Pupillen der Alten zu schwimmen und James die Sonnenbrille von der Nase zu reißen. Sie ging nicht ab.

 

 

**

 

 

„Wo ist er? Wo...?“

Sie erwachte durch ihre eigenen Worte, die sie im Schlaf gemurmelt hatte. James' Name lag ihr noch auf den Lippen, als sie erwachte, doch als die Augen aufschlug, verstummte sie schlagartig. Sie wollte seinen Namen gar nicht rufen. Er war doch so ein Vollidiot... aber er hatte sie gerettet und dafür sein Leben riskiert. Das ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, egal wie benebelt sie war.

Mia lag in einer weichen Hängematte und spürte ein leichtes Gewicht an ihrem Ohr. Als sie danach tastete, spürte sie ein kleines Plastikgerät unter ihren Fingern. Ein neuer Übersetzer?

Sie streckte sich und setzte sich auf. Ihre Jeans und das abgenutzte T-Shirt waren verschwunden, stattdessen trug sie ein verhältnismäßig edles Kleid. Es war weiß und mit Spitzen verziert. Nicht unbedingt das, was sie normalerweise trug, wenn sie nicht gerade auf einer Hochzeit war. Der Raum in dem sie lag war leer und hatte keine Fenster. An den hölzernen Wänden zogen sich seltsame Muster über die großen Flächen, die die Atmosphäre des Raumes auf eine irritierende Art und Weise auffüllten.

Vorsichtig setzte sie einen Fuß aus dem Bett und erhob sich. Die Anziehungskraft auf diesem Planeten war stärker als die bei ihr Zuhause und so fühlte sie sich, als hätte sie eine seltsame Last auf dem Rücken. Das hinderte sie trotzdem nicht daran, zur einzigen Tür zu treten und sie zu öffnen. Nun stand sie vor einem weiteren Bett, neben dem sich ein Haufen Orangenschalen auftürmten. James.

Erleichtert eilte sie an sein Bett, aber es war leer. Verwirrt wühlte sie durch die Bettlaken. Sie waren Blut getränkt. Plötzlich wurde ihr eiskalt. Was war, wenn er es nicht geschafft hatte? Wenn sie ganz alleine war und niemanden mehr hatte, der sie retten konnte?

Ihr stiegen Tränen in die Augen. Das durfte einfach nicht wahr sein... mit zittrigen Beinen schritt sie zu dem Haufen Orangenschalen und trat dagegen. Dann sackte sie an der Wand zusammen und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Allein. Völlig. Allein.

Plötzlich hörte sie eine Stimme.

„Nein! Ich will das Zeug nicht! Lass das sofort los!!“

James. Sie sprang auf und sah sich um. Auch dieser Raum hatte keine Fenster, dafür eine weitere Tür. Aufgeregt stieß sie sie auf und stürzte in das Zimmer dahinter. Der Gatherer lag da, bewegungslos. Sie beachtete ihn nicht. Wo war James?

Nächstes Zimmer. Viele kleine Steine lagen hier herum, ein Piepsen drang von irgendwo, Stoffbahnen fielen von der Decke. Da stolperte eine Gestalt hinter einer der Lagen hervor. James war, bis auf die Shorts, komplett nackt und krallte sich in den zerrupften Bademantel zwischen seinen Fingern, wie ein kleines, trotziges Kind. Als er Mia sah, ließ er ihn sofort fallen und umarmte sie lachend.

„Mein Gott, gut, dass du da bist. Bitte hilf mir mal, diese Frau davon zu überzeugen, dass mein Outfit gut so ist, wie es ist!“

Mia grinste.

„Ernsthaft? Eine Ente?“

James folgte ihrem Blick auf das Tattoo auf seiner Brust.

„Ja... wieso?“

„Ich dachte eher an etwas episches...“, stellte Mia mit hochgezogenen Augenbrauen fest und musterte die ziemlich schlechte Zeichnung. Das eine Auge war größer, als das Andere. Und sie sah ein wenig aus wie auf LSD.

„Es war eine lange Nacht mit viel Alkohol...“. James zuckte mit den Schultern. „Da lässt man sich auch mal eine LSD-Ente tätowieren“

Mia grinste, weil sie den selben Gedankengang gehabt hatten und schnipste gegen das Bild.

„Naja, egal. Dann lass uns mal über dein Outfit diskutieren“

Eine gehetzt aussehende Frau mit einem dunklen Gewand stürzte ihr entgegen. Sie sah ziemlich entnervt aus und rief: „Jetzt warten Sie doch erstmal! Sie müssen doch etwas anzuziehen haben!“

Mia fing sie ab und nahm vorsorglich die Bommelmütze an sich, die aus einer ihrer Taschen ragte, von denen die Frau zwei in ihrem Kittel hatte.

„Hat er doch“, meinte sie und setzte James die Mütze auf. Dann hob sie den Bademantel auf, zupfte das Rip-Shirt aus der anderen Tasche und reichte es ihm. Zum Schluss half sie ihm in den halb abgebrannten Bademantel und setzte ihm die Sonnenbrille auf.

Er sah schon irgendwie cool aus.

„Sie wollen mir doch nicht sagen, dass ihm dieses Outfit nicht gerecht wird?“, fragte sie und sah die hilflose Frau dabei eindringlich an.

„Nein nein...“, stammelte besagte, „...aber ich dachte für die Audienz beim Oberrat...“

„...wird das hier vollkommen genügen“, beendete Mia ihren Satz nickend. „Denke ich auch“

„Na gut“, gab sich die Frau geschlagen. „Aber ich übernehme nicht die Verantwortung für diese... Variation“

James nickte und klopfte ihr auf die Schulter. „Gut gemacht. Was würde ich bloß ohne dich machen“

Mia checkte heimlich sein Ohr. Kein Blut. Kein Kratzer. Alles regeneriert. Wunderbar.

„Sterben“, grinste sie. Dann ergriff sie seine Hand und zog ihn in Richtung Tür.

 

**

 

Mia hatte eigentlich nichts dagegen, wenn man sie anbetete. Das war bei ihrem ersten Freund nicht anders gewesen als bei der kleinen Internet-Sekte, die sie mal aus Langeweile gegründet hatte. Aber das war noch amüsant gewesen. Lachhaft, sozusagen.

Doch das, was ihr nun geschah, war eine andere Art vom Anbeten. Von irgendwo erschallte eine langsame, gesetzte Musik. Seite an Seite mit James trat sie in eine riesige Halle. Ihr Weg wurde gesäumt von den alten Leuten mit den Universums-Augen, auf jeder Seite ungefähr 10. Sie hatten die Köpfe gesenkt, obwohl sich Mia wünschte, ihnen erneut in die Pupillen sehen zu dürfen. Langsam setzten sie ihren Weg fort, weit unter der edel bemalten Decke und von dem Thron am Ende entfernt. Der Aufbau des Raums erinnerte sie ein wenig an die Weißelfen, nur, dass dieser Raum von Licht und Wärme erfüllt schien und nicht mit Weiß und Kälte. Der Oberrat, dessen Namen sie seltsamerweise wusste, erhob sich und kam ihnen mit kleinen Schritten entgegen.

Automatisch bremste sie James aus. Sie durften nicht früher in der Mitte ankommen, als ihr Gegenüber, das war wie beim Tanzen. Und dann abklatschen und drehen. Okay, vielleicht nicht ganz, aber so ungefähr stellte sie es sich vor.

James sah nicht eine Sekunde so aus, als hätte er seine Kleiderwahl bereut. Die Musik im Hintergrund verlieh seiner Erscheinung wirklich einen grotesken Kontrast, aber es untermalte auf irgendeine Weise die Selbstsicherheit, mit der er den langen Flur entlang schritt. Unwillkürlich fragte Mia sich, ob er tanzen konnte. Bestimmt. So schwungvoll, wie er immer ging, tanzte er sicherlich Tango.

Sie war so in Gedanken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass sie in der Mitte angekommen waren. Der Oberrat blieb stehen und verbeugte sich. Sie machte einen leichten Knicks und James tat es dem Oberrat gleich.

„Ihr seid die Auserwählten“, meinte er langsam. „Ihr müsst unsere Welt vor dem Aus bewahren“

Kurz herrschte Stille.

„Hä?“, fragte Mia dann. Damit hatte sie nicht gerechnet.

James schaute ähnlich verwirrt.

„Ihr seid das Zeichen, dass der Himmel uns geschickt hat. Ihr werdet das Raum-Zeit-Konstrukt davor bewahren, in sich zusammenzubrechen“

James nickte langsam. „Okay... so weit, so gut. Aber... wie?“

„Das ist der Haken“. Der Mann seufzte und schaute traurig zu Boden. „Das wissen wir auch nicht so genau“

Ein betretenes Schweigen trat ein.

„Aber ihr schafft das schon!“, rief der Oberrat dann schnell. „Ihr habt die himmlische Macht, also werdet ihr das schon irgendwie hinkriegen“

Mia wechselte einen kritischen Blick mit James.

„Und diese himmlische Macht ist...?“

Der Oberrat sah sich unschlüssig um. Dann seufzte er, schüttelte den Kopf und lehnte sich vor.

„Es gibt die himmlische Macht nicht... jetzt spielt halt mit!“

Sie wechselten einen weiteren, kritischen Blick.

„Okay...“, sagte James erneut. „Oh jaa! Wir werden die Welt retten, mit unserer...“

„...himmlischen Macht!“, sprang Mia ein. „Wir werden das schon schaffen“

„Sehr gut“, nickte der Oberrat zufrieden. „Der Gatherer ist sichergestellt. Ihr müsst keine Angst vor dem Gesetz haben. Folgt mir nun“

Dann wandte er sich an die ehrfürchtig betenden Männer und Frauen vor ihm.

„Brüder und Schwestern! Macht euch keine Sorgen, die Auserwählten haben ihre Bestimmung erkannt und werden ihr nachkommen!“

Es war, als würde ein kollektives Aufseufzen durch den Raum gehen. Die Leute erhoben sich und lachten befreit.

„Kehrt nun zurück in eure Sektoren und verkündet die frohe Nachricht! Wartet auf neue Kunde meinerseits und verzagt nicht im Angesicht des Sturms!“

James fuhr herum.

„Nein! Sind das die...?“

„Die Leiter der Sektoren. Alpha bis Omega. Alle da“, nickte der Oberrat.

James schrie auf und begann zu laufen, während sich um die Gestalten langsam Nebel bildete. Wind kam auf und langsam lösten sich die faltigen Gesichter auf, als würden sie mit der Luft verschmelzen. Mia hielt den Atem an und verfolgte, wie James zu einer bleichen Frau sprintete, die ziemlich weit am Ende des Gangs stand.

„Nein! Geh nicht fort!“, rief er. „Nimm mich mit! Bitte nimm mich mit...“

Aber es war zu spät. Als er die Hand ausstreckte, hatte sich die Frau bereits in Nebel aufgelöst und alles, was zu Greifen bekam, war eine winzige, graue Feder. Fassungslos saß er da, starrte das Ding zwischen seinen Fingern an, als könnte er nicht glauben, was passiert war und hatte Mühe, die Tränen zurück zu halten.

Mia verstand. „Omikron?“

Der Oberrat nickte.

James begann, zu schreien.

„Nein! Nein! Verdammt nochmal, das ist so ungerecht! Ich hasse dich! Ich hasse diich!!“

Er klang so verzweifelt wie noch nie, als er auf die Säule neben ihm eintrat, zeterte und brüllte und Flüche in die Luft schickte. Er zitterte am ganzen Körper und plötzlich waren seine Augen erfüllt von Schmerz und Müdigkeit. Der Oberrat sah Mia an, als wüsste er, dass sie nun dran war, etwas zu tun. James' Schreie wurden von den hohen Wänden zurückgeworfen und schallten durch den ganzen Raum, als würde die Luft mit ihm an die Fairness der Welt appellieren. Mia beobachtete ihn dabei, wie er hin und her rannte, getrieben von unendlicher Wut und wie er schrie, immer und immer wieder, bis er schließlich kraftlos am Boden zusammen sackte.

Erst dann stellte sie sich neben ihn, setzte sich und legte die Hand auf seine bebende Schulter. Sie hatte James noch nie so aufgelöst erlebt. Mit Tränen in den Augen starrte er sie an, als wäre sie Schuld daran, dass er gerade seine einzige Fahrkarte zurück nach Hause verloren hatte. Hasserfüllt. Verzweifelt.

Ihr wurde kalt.

„Hey...“, flüsterte sie. „Es ist alles gut. Du wirst noch nach Hause kommen, irgendwann. Versprochen“

James schüttelte den Kopf und wandte den Blick ab. Er sagte kein Wort, als er aufstand und fortging. Mia sah ihm betroffen hinterher, doch er ging den ganzen Weg durch die Halle, am Oberrat vorbei, zum Ende des Saals.

„Eine Zeitschleife?“, fragte er.

Mia hörte, wie schwer es ihm fiel, Haltung zu bewahren.

„Wir sind in einer Zeitschleife?“

Der Oberrat nickte und stellte sich neben ihn.

„Wir haben unsere Kräfte konzentriert, um das Konstrukt zu durchdringen und einen ewigen Raum zu erschaffen“

Mia konnte immer noch nicht verstehen, was mit James los war, aber sie versuchte ebenfalls, sich zu konzentrieren.

„Was heißt das?“, fragte sie.

„Diese Zeit ist ewig. Man kann diesem Gespräch zu jeder Zeit beiwohnen, heute, gestern, in dreißig Jahren. Diese Kuppel ist das Heim der Ältesten, denn wir bestehen ewig. So soll zu jeder Zeit hierher gefunden sein, wenn man denn die Kuppel durchstößt. Mit genug Schwung ist das möglich, wie ihr bemerkt habt...“

Mia nickte langsam. James mischte sich wieder ein. Seine Stimme zitterte noch immer.

„Was soll das Ganze mit den Auserwählten?“

„Wir mussten unserem Volk wieder Hoffnung geben“, seufzte der Oberrat und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Eine Prophezeiung von Omega, euer Sturz... ein einziges Spiel, um zu verhindern, dass die endgültige Panik ausbricht. Ihr könnt jetzt meinetwegen gehen. Vielleicht haben wir noch ein paar Monate. Ihr solltet sie genießen, bevor alles zusammenbricht“

„Gibt es keine Möglichkeit, das zu verhindern?“, fragte Mia bedrückt. „Es muss doch einen Weg geben, eure Welt zu retten!“

„Unsere“, berichtigte der Oberrat. „Ich weiß, dass du nicht von hier bist. Aber auch deine Welt wird mit untergehen, wenn das Raum-Zeit-Konstrukt kollabiert“

Mia schluckte. „Dann eben unsere. Es muss doch einen Weg geben!“

Der Oberrat schien lange zu überlegen, bevor er antwortete.

„Wir haben keine Ahnung, woher die Portale stammen“, meinte er. „Es muss sich wie ein Virus verhalten. Irgendetwas oder irgendjemand muss eine so gewaltige Energiequelle ausnutzen, dass er das Konstrukt zerstört, mit jeder Sekunde, mit der der seine Maschine versorgt“

„Konnte man sie lokalisieren?“, fragte James. „Es muss doch eine Spur geben“

„Mehrere. Wir haben die größten Risse identifiziert und ihre Koordianten unter der Gers-These abgeglichen, dabei kam heraus, dass es wohl einen Weg gibt, zur Quelle zu gelangen“

„Welchen?“, fragte Mia aufgeregt.

„Die These besagt, dass man nur genug Zeitsprünge absolvieren muss, bis man irgendwann bei der Quelle ankommt. Jeder 11.000ste Riss muss an die Quelle führen und mit etwas Glück...“

„Wieso versucht das noch keiner?“, fragte James aufgebracht. „Wieso hat es nicht längst eine Konsequenz gegeben?“

„Das Risiko im Nichts zu landen ist zu groß“, meinte der Oberrat.

„Oh, da waren wir schon“, grinste Mia. „Sind aber ohne Probleme wieder hinaus gekommen. War nämlich doch nur ein Kleiderschrank“

Der Oberrat musterte sie lange. Er schien wohl keinen Spaß zu verstehen.

„Kaum jemand ist so lebensmüde, dass er sich freiwillig aus seiner Zeit katapultieren lässt. Es gibt keinen Weg zurück, keine Zeitmaschinen. Man wäre für immer Verloren im Chaos des Raum-Zeit-Konstruktes“

„Lebensmüde vielleicht nicht...“, begann James. Plötzlich funkelten seine violetten Augen wieder.

„...aber verrückt genug sind wir allemal!“, beendete Mia seinen Satz und grinste.

Der Oberrat starrte sie an. „Ihr seid bereits hineingesprungen?“

Mia nickte. „Nicht nur einmal“

„Einen Versuch ist es wert“, lächelte der alte Mann. „Auch wenn es wohl kaum eine Chance gibt, dass ihr das schafft“

Nun fühlte sich Mia doch wie ein Outlaw-Mädchen. Ein wenig zumindest.

„Na dann“, rief sie. „Würde ich sagen, ich geh schnell duschen, mich umzieheh und dann geht’s los: Ab in den Zeitvortex!“

**

 

„Danke übrigens“, murmelte Mia, als sie ein paar Stunden später frisch geduscht, satt und mit gewohnten Klamotten neben James stand und in den nächsten Riss starrte.

„Wofür?“, fragte er verwundert und schob sich die Sonnenbrille nach oben.

„Dafür, dass du mich gerettet hast, bei dem Sprung“. Sie lächelte leicht.

„Kannst du dich mit Orangensaft regenerieren?“, fragte James.

„Nein...“, antworte Mia irritiert.

„Eben. Das war eine rein pragmatische Handlung. Entweder, du gehst drauf und ich regeneriere, oder ich regeneriere und du gehst nicht drauf. Rein logisch“

„Aha“, gab Mia knapp zurück. Irgendwie hätte sie mehr erwartet.

„Können wir?“, fragte James und deutete auf den Zeitstrahl, der sich wie immer nur durch ein leichtes Schimmern bemerkbar machte. Sie waren allein, der Oberrat hatte sie verlassen und tat, was man auch immer tat, als Oberrat.

Mia nickte. Ohne große Umschweife machte sie einen Sprung und stürzte hinein in den riesigen Strudel, der sie sofort mitriss und ins Chaos schleuderte. Diesmal zwang sie sich dazu, die Augen offen zu halten, um mitzubekommen, was um sie herum vor sich ging.

Es war die absolute und finale Form des Chaos. Farben, Figuren, Schatten, Striche, Formen, Töne und alle auf einmal und alle unterschiedlich. Rot, grün, nein gelbe und jetzt doch wieder orange Vierecke verwandelten sich rotierend in Hände, deren türkise Fingernägel sich in Schlangenlinien nach allen Seiten ausstreckten, sich mit anderen Strichen kreuzten und gemeinsam glitzernde Schatten von einstigen Figuren bildeten... es war unbeschreiblich. Unbeschreiblich still und brüllen laut zugleich. Mia wollte schreien und sich die Ohren zuhalten gleichzeitig. Atemlos starrte sie ihre Umgebung an, versuchte, etwas davon zu greifen. Ein leichtes Prickeln ging durch ihren Körper und plötzlich stieß sie hart mit etwas zusammen. Nein. Mit jemandem.

Wie von selbst griffen ihre Hände nach den Armen, die wild in der Luft herum ruderten. Sie wurden in die entgegengesetzte Richtung gezogen, doch die paar Sekunden, die ihre Hände sich ineinander krallten reichten, damit sie ihr gegenüber erkannte.

„Du?!“, schrie sie erschrocken auf.

„Mia?“, kam es zurück.

Und dann konnte sie sich nicht mehr halten und wurde fortgesogen. Nur wenige Augenblicke später war ihre Begegnung im heillosen Chaos untergegangen und sie spürte harten Boden unter ihren Schultern. Aber sein Gesicht hatte sie noch nicht vergessen.

„Das... das....“, stammelte sie.

„Was?“, fragte James, der sich den Kopf massierte, wie nach jedem Raumsturz.

„Das... ist unmöglich“

„Was denn?“

„Da war Felix“

 

**

 

„Mia, ich sag dir, das ist unmöglich!“, rief James von irgendwo weiter hinten.

„Wo ist das Portal?!“, fragte sie und suchte angestrengt nach dem Schimmern. Sie waren in einem Urwald gelandet, dessen Bäume so hoch waren, dass sie den Himmel nicht sehen konnte. Unzählige Blätter polsterten den Boden und dämpften ihre Schritte. Die Luft war so feucht, dass ihr schwindelig wurde. Aber Mia hatte nur eines im Kopf. „Wo ist das Portal?!“, fragte sie erneut, lauter.

„Weißt du, wie gering die Chance ist, dass das dein Mitbewohner war? Er müsste genau hier gewesen sein und dann zur genau gleichen Zeit wie wir in das Portal gefallen sein! Erstmal: wie sollte er hierher gekommen sein? Zweitens: Wie groß ist die Chance, dass wir exakt das selbe Portal erwischen und vor allem drittens: Was für eine Milisekunden-Abpassung müssen wir gehabt haben, damit wir uns im Flug treffen, noch dazu mit einem Zusammenstoß?“

„Ich weiß, was ich gesehen habe“, knurrte Mia. „Und ich werde jetzt herausfinden, was er hier macht. Wo ist das dämliche Portal?!“

„Das wirst du nicht wiederfinden“, rief James und kämpfte sich durch das Gestrüpp, das Mia bereits leichtfüßig durchquert hatte. Mehr oder weniger. „Es schließt sich nach einmaliger Benutzung“

„Und wie ist Felix dann dadurch gekommen?!“, fragte sie und drückte einen Ast zur Seite, der den Weg versperrte.

James holte zu ihr auf. Sie ließ den Ast zurückschnellen. Er stöhnte auf und blieb zurück.

„Ich sagte doch bereits, die Chance, ein Portal von beiden Seiten gleichzeitig zu benutzen ist gleich 0! Das muss exakt die selbe Milisekunde sein“

„Dann hatten wir eben Glück“, rief Mia zurück. Er musste lügen. Irgendwo musste doch dieses dämliche Tor sein... ihr Blick wanderte zu einem gewaltigen Baumstamm, der von rosanen Blüten übersät war. Vielleicht war es weiter oben... mit einem Satz erklomm sie den untersten Ast und zerrte sich Stück für Stück weiter hoch. James fluchte, sein Bademantel hatte sich in einem Dornenstrauch verfangen.

„Jetzt warte doch mal!“

„Das ist SO typisch!“, rief Mia hinunter. „Wenn du kommst und mir was erzählst, erwartest du gleich, dass ich es dir glaube. Aber wenn ich mal was sehe...“

Plötzlich sah sie sich Auge in Auge mit einem mehr oder weniger menschenartigen Wesen gegenüber. Die Ohren waren winzig, die Augen dafür glupschig groß. Sie stockte und erwiderte den hypnotisierenden, pupillenlosen Blick.

„Ach jetzt komm mir doch nicht auf die Tour“, tönte es von unten. „Gleich fängst du auch noch mit dem Männer-Frauen Klischee an, das gibt’s doch nicht“

„James...“, hauchte Mia, kaum hörbar. Das Wesen starrte sie weiterhin an, regungslos und stocksteif verkrampft. Es hatte erschreckend scharfe Klauen, die sich eisern in den Baumstamm schlugen und... „Ein Schwanz?“, fragte sie entgeistert, als sie sah, wie das Wesen sein Gleichgewicht ausbalancierte. Die wilde Gesichtsbemalung kam ihr auf einmal unglaublich bedrohlich vor.

„Ich WUSSTE, dass du damit kommst!“

James' Kopf erschien im Blätterwirrwarr. „Wenn auch vielleicht nicht ganz so direkt“

Mia starrte ihn verängstigt an und er runzelte die Stirn.

„Was ist los?“

„Da“, stieß sie hervor und nickte zu dem Wesen, das ihr gegenüber saß. Aber anstelle von schwarzen Pupillen sah sie nun nur den Baum und die Blätter.

Ihr wurde eiskalt.

„Da ist doch gar nichts“, stellte James fest. „Halluzinierst du? Bah... was stinkt denn hier so?“

„Nein, ich...“, stammelte sie konfus. „Da war doch eben noch...“

Ein Rascheln. James schrie auf.

Mia zuckte zusammen und starrte nach unten.

„Was ist?!“

James sah sich panisch um. „Ich … ich dachte gerade, etwas hätte an meinem Fuß gezogen...“

Er hielt den Atem an und als sein Blick nach oben zu ihr wanderte, wurde er kreidebleich.

„Mia... halt jetzt bloß still...“

Mia verkrampfte sich am ganzen Körper. Sie meinte, heißen Atem in ihrem Nacken zu spüren.

„Was ist da los...? James... James, was geht hier vor sich?“

„Ssssh...“, machte James beruhigend und tastete nach einem Stock, der neben ihm aus dem Geäst ragte.

Dann ging alles ganz schnell. Das, wonach er griff wandte sich urplötzlich unter James' Fingern. Er schrie, Mia schrie. Spitze Finger krallten sich in ihren Hals. James ruderte wild mit den Armen. Ein und der selbe Laut erklang von allen Seiten, der schrille und kreischende Schrei eines Wesens, das weder menschlicher noch tierischer Herkunft war. Mia presste sich die Hände auf die Ohren und vergaß, sich fest zu halten, aber plötzlich schien der Baum selbst Klauen zu haben, die nach ihr griffen und ihren Fall abfingen. James hatte nicht das Glück und verschwand zappelnd im Blätterdach.

Mia wollte seinen Namen rufen, aber der Druck auf ihren Hals nahm ihr die Luft. Um sich tretend und schlagend versuchte sie, den tausenden Händen zu entkommen, aber sie hatten sie mit einer unerbittlichen Kraft gepackt als würden sie sie nie wieder loslassen. Blut strömte ihr in den Kopf und alles in ihr schrie nach Sauerstoff in ihren zusammen gepressten Lungen.

Irgendjemand rief ihren Namen und sie wollte antworten, aber ihr Körper verwerte den Dienst. Der Luftmangel wurde mit unkontrollierten Zucken und Zerren an den Krallen quittiert, aber nichts half.

„Hil...“, röchelte sie, „Hil...“

Erst jetzt hörte sie James' Aufprall. Einen gequälten Schrei. Ihr wurde das Blut abgeschnitten.

Und dann war alles schwarz.

 

**

 

Gar nicht weit entfernt hielt ein gewisser junger Mann eine angeregte Diskussion mit einem seltsamen alten Mann, der sie ungläubig anstarrte.

Wen sie suchten?

Mia. Und den Irren mit der Bommelmütze.

Die hätten sie gerade verpasst.

Mist.

Wohin sie gegangen wären?

Das wüsste er nicht.

Mist.

Sein Mitbewohner schlug frustriert auf eine der Säulen ein, mit seinem Baseballschläger, versteht sich. Der Alte kreischte auf und begann, hysterisch mit den Armen zu wedeln.

Ob sie denn bekloppt wären.

Das wüssten sie gerade auch nicht mehr so richtig. Immerhin waren sie im Weltraum gelandet. Und sahen jede Menge Dinge, die sie selbst nicht so richtig glauben konnten.

Na gut. Wo sie denn hin wollten.

Das wüssten sie auch nicht so genau. Dahin, wo Mia war, hätten sie jetzt gedacht.

Das geht nicht? Wieso denn nicht?

Der junge Mann dachte wehmütig an die Pfannkuchen, die sie immer gebacken hatte. Hier im Weltraum hatte er noch nirgendwo Pfannkuchen gesehen. Nicht einmal Marmelade. Oder Nutella. Er fragte sich, wie man überleben konnte, ohne Pfannkuchen, Marmelade oder Nutella. Wie frühstückte man denn dann, ohne Nutella? Da blieben dann ja nur noch so ekelige Dinge wie Müsli oder Bananen, irgendetwas gesundes und dann auch noch zum Frühstück. Der junge Mann verzog das Gesicht.

...und dann müssten sie ankommen.

Er bemerkte, dass er wohl etwas verpasst hatte. Sein Mitbewohner hatte sich mit dem Alten unterhalten und herausbekommen, dass es einen Weg gab, den Flug zu rekonstruieren, um zu Mia zu kommen. Es würde sehr viel Kraft kosten und viele Risse verursachen.

Ob ihnen das egal war?

Natürlich. Sie wussten ja nicht einmal, was Risse waren, aber es war ja auch nicht ihre Welt. Egal. Ja.

Der junge Mann zückte seine Wasserpistole, als ausschlaggebendes Argument. Der Alte erhob die Hände und führte sie zitternd zu einem glänzenden Becken. Eine maschinelle Konstruktion war darum herum gebaut. Er begann, darauf Dinge einzutippen. Sein Mitbewohner schlug sich lächelnd mit dem Schläger in die Flache Hand.

Sie würden jetzt zu Mia kommen. Und sie vor dem Irren retten. Sie hatte wirklich verstört ausgesehen, als sie im Flug gegeneinander gestoßen waren. Hoffentlich hatte er ihr noch nichts angetan, dieses Schwein von Mützendieb. Sie stand dem Typen bestimmt nicht einmal halb so gut wie ihm.

Der junge Mann seufzte bei dem Gedanken an all die Winter, die sie zusammen verbracht hatten. Es war eine gute Gefährtin gewesen, vielleicht nicht übertrieben stylish, mit ihrem roten Streifen auf weiß, aber man hatte sie auch umdrehen können und dann war da ein weißer Streifen auf rot gewesen. Das hatte er oft getan und nicht selten hatten die Leute ihn dafür bewundert. So interpretierte er die langen Blicke auf jeden Fall immer.

Dann nahmen sie den Weg. Alles drehte sich. Vor Schreck drückte der junge Mann den Abzug seiner Wasserpistole. Es begann zu regnen. Als sie im Regenwald ankamen, waren sie klitschnass und landeten im feuchten Gras, direkt vor einer ihm nur allzu gut bekannten rotweißen Bommelmütze.

**

 

7. Kapitel-Cytoplasma

7. Kapitel

 

„Du!!“, schrie Felix und stürzte sich auf die leblose Gestalt im Gras.

Marc hielt sich den Kopf und stöhnte. Diese Raumstürze gingen wirklich auf den Kopf.

„Was machst du da?“, fragte er und legte die Stirn in Falten. Wo war sein Baseballschläger? Da. Mit klammen Fingern griff er danach und richtete sich auf. Felix hatte den ohnmächtigen Kerl, der gestern Morgen schon in Marcs Wohnung gestanden hatte, herumgedreht und zeterte: „Der hat meinen Bademantel abgefackelt! Dieses Schwein!“

Marc rieb sich die Augen. „Waas?“

„Mein Bademantel!!“. Anklagend hielt Felix die angekokelten Fetzen des Kleidungsstückes hoch. „Dieser Dreckskerl hat ihn abgebrannt!“

„Jetzt komm mal runter“, brummte Marc. „Der sieht nicht besonders gesund aus, oder?“

Erst jetzt schien Felix das Blut aufzufallen, dass von der Stirn des fremden lief. Er quietschte auf und wurde bleich. Ach ja, die Blutangst.

„Das ist in meiner Mütze!!“, kreischte er. „Mach es weg! Mach es weheeg!!“

Marc stöhnte und zog dem fremden Sonnenbrille und Mütze vom Kopf.

„Die gehört übrigens mir“, stellte er fest und setzte sich die Brille in die inzwischen nicht mehr ganz so perfekt gegelten Haare, dann reichte er Felix die Mütze, die er sich sogleich auch aufsetzte. Marc schüttelte den Kopf.

„Was?“, fragte Felix und verschränkte die Arme vor seinem Karo-Hemd.

„Ihm stand sie einfach besser“. Marc deutete auf den ohnmächtigen James. Genau, James, so hieß er. Der Cosplayer, der nicht wusste, wie man Deo benutzte.

„Sag mal, kann es sein, dass der gerade verblutet?“. Felix überging Marcs Kommentar mit einem bösen Blick und wandte sich angewiderte James zu.

„Das wäre schlecht“, stellte Marc fest und stupste den leblosen Körper an. Keine Reaktion.

„Wieso? Ich habe meine Sachen doch wieder“

„Wegen Mia, du Pfosten!“, rief Marc. „Oder siehst du sie hier irgendwo?“

Felix sah sich ratlos um. „Nee...“

„Eben. Also hat er sie wahrscheinlich versteckt. Wir müssen ihn irgendwie aufwecken. Und wir sollten verhindern, dass er stirbt“

Vorsichtig ließ Marc sich neben James nieder und hob seine Haarsträhnen an, um die Wunde zu begutachten, die sich darunter verbarg.

„Sieht nicht gut aus...“, murmelte er besorgt. „Würde mich nicht wundern, wenn der den Tag nicht übersteht“

„Das haben schon viele vor Ihnen gedacht“, ächzte James mit geschlossenen Augen. „Bisher hat's immer irgendwie geklappt“

Marc schreckte zurück und Felix zückte seine Wasserpistole, als James sich stöhnend aufrichtete. Er strich sich durchs Gesicht und musterte mit verklärtem Blick das Blut an seinen Fingerkuppen.

„Hat jemand Orangensaft dabei?“, fragte der Außerirdische mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Marc sah Felix an, dann schüttelten sie zeitgleich den Kopf.

„Na ganz super. Vielleicht haben Sie doch Recht mit Ihrer Prognose“. James schüttelte den Kopf und hielt mit wehleidigem Gesicht inne.

„Sie haben meine Sachen geklaut“, stellte Felix mit bebender Stimme fest. „Und meine Mitbewohnerin“

„Ist das so?“, fragte James blinzelnd. Der Typ kam ja echt überhaupt nicht klar...

„Ja! Schauen Sie, das ist mein Bademantel!“

James erwiderte seinen Blick eine Weile.

„Sie haben MEINE Sachen geklaut“, meinte er dann ruhig.

„Wie bitte?“

„Ja! Schauen Sie, das ist meine Mütze!“

Felix schnappte empört nach Luft, aber Marc musste grinsen. Der Kerl hatte es wirklich drauf, Kontra zu geben.

„Das ist ja wohl unerhört! Das ist meine Mütze!“

Mit hektischen Bewegungen rückte Felix seine Brille zurecht, wie immer, wenn er nervös war.

„Und Sie! Sie müssen gar nicht lachen! Sie haben meine Sonnenbrille“, wies James Marc zurecht. Der amüsierte sich allerdings so sehr über den überrumpelten Felix, dass er ihm sie gerne überließ.

„Geht doch“, lächelte James. „So, und jetzt zu Mia. Die Mütze kriege ich schon noch irgendwann. Wo habt ihr sie versteckt?“

„SIE haben sie doch gekidnappt!“, rief Felix. Er begann, an den Bommeln seiner Mütze zu ziehen, wobei seine Brille in Schieflage geriet. Er wäre beinahe geplatzt.

„Wohl eher sie mich“, berichtigte James nachdenklich. „Mann, ist mir schwindelig. Ich glaube, diese seltsamen Wesen haben sie mitgenommen...“

Marc wurde ernst. „Welche Wesen?“

„Chamäleonartige Viecher. Haben sich in den Bäumen versteckt. Ein bisschen wie Katzenmenschen... mit... Schuppen“

Marcs Augenbrauen wanderten an seinen Haaransatz. „Ahja. Und die haben Mia?“

James nickte. „Jap. Wir sollten sie wohl retten, was?“

Marc stimmte zu.

James versuchte, sich zu erheben, scheiterte aber dreimal kläglich daran, seine Körperbalance zu finden. Marc machte keine Anstalten, ihm zu helfen. Dazu war es zu amüsant, ihm dabei zuzuschauen, wie er erst gegen eine Palme, dann gegen eine Liane und zum Schluss gegen seinen eigenen Fuß stolperte und umkippte. Irgendwann hatte er es dann aber doch geschafft und stand schwankend zwischen den Beiden. Felix hielt noch immer die Wasserpistole vor sich, als könnte sie ihn beschützen.

„Also dein Kumpel hat sich besser ausgerüstet“. Anerkennend klopfte James gegen den Baseballschläger. „Mit dem Spritzding kommste wahrscheinlich nicht sehr weit“

Felix zog sich die Brille wieder gerade und rümpfte die Nase. „Hilfst du uns jetzt oder nicht?“

James überlegte kurz. „Dir nicht. Ihm schon“

Marc lachte triumphierend, während Felix rot anlief, vor Wut. „Ich möchte wissen, was der gegen mich hat“, murmelte er, als er und Marc James durch den Wald folgten. „Wo bringst du uns überhaupt hin?!“

„Riecht ihr das nicht?“, fragte James.

„Was?“, fragte Marc.

„Ist das euer Ernst? Es stinkt hier ja gerade zu abartig nach farbgefülltem Cytoplasma!“

„Will der uns verarschen?“, fragte Felix aufgebracht, aber Marc wurde neugierig.

„Was ist den Cytoplasma?“

„Damit sind eure Zellen gefüllt. Also meine auch. Generell jede Zelle ist damit gefüllt. Und bei Chamäleons ist diese Suppe mit Farbe angefüllt, damit sie sich tarnen können. Dabei entsteht aber leider auch ein Nebenprodukt und das stinkt einfach nur erbärmlich. Ich kann euch genau sagen, wo diese Mistviecher ihr Nest haben, aber leider habe ich das vorhin nicht ganz begriffen“ James rieb sich die Stirn und heulte schmerzerfüllt auf. „Meine Güte, es muss hier doch irgendwo Vitamin C geben“

Marc musterte die Früchte in den Baumkronen weit über ihm. Er hatte keine Ahnung, ob die essbar waren, geschweige denn welche Vitamine sie beinhalteten. James teilte seinen Gedankengang. „Dann warte ich lieber auf's nächste Portal und gönne mir eine gute Flasche“.

Felix knirschte mit den Zähnen, als Marc ihn anstieß.

„Jetzt hab dich doch nicht so. Wir sind auf einer guten Spur! Dieser Typ scheint doch zu wissen, wo Mia ist“

„Und wenn er Mia entführt hat und nun das selbe mit uns tut?“, fragte Felix, wobei er mit zitternden Händen das oberste Knopfloch seines Hemdes öffnete. Hallelujah -das tat er sonst nie! „Du weißt doch gar nicht, wer dieser Typ ist“

„Doch, James“, antwortete Marc und grinste. Irgendwie empfand er Sympathie für den Mann, auch wenn er ihm immer noch übel nahm, dass er ihm seine Shorts geklaut hatte -und immer noch trug. Aber das war leicht wieder wett zu machen, zum Beispiel indem er noch ein wenig weiter Felix ärgerte. Es war, als hätte James ihn erhört.

„Wissen Sie, Felix, als ich Marc gesehen habe, dachte ich, Mia würde nur mit gestählten Profisportlern zusammen leben... aber anscheinend hat sie ja auch was für Nerds übrig“

Marc sog scharf die Luft ein. Der hatte gesessen. Und wie. Plötzlich tat ihm Felix Leid, der japsend und hilflos auf Zehenspitzen hin und her trippelte. In ihm regte sich etwas wie Beschützerinstinkt und außerdem war ihm gerade ein wirklich guter Konter eingefallen.

„Ja, anscheinend... sonst wäre sie ja auch nicht dir hinterher gelaufen“, erwiderte er grinsend.

James stutzte und begann, zu lachen.

„Gut, dass Sie ihn haben, Felix“, nickte er anerkennend.

Felix warf einen dankbaren Blick zu Marc. Dieser nickte. „Gern geschehen“

Dann holte er zu James auf.

„Wo genau kommen Sie eigentlich her?“, fragte er neugierig.

„Omicron-Sektor, sechster Abschnitt, Planet X9“, antwortete James und rümpfte die Nase, bevor er eine neue Abbiegung nahm.

„Ist das weit entfernt?“

„Ziemlich“, erwiderte James knapp. Nun blieb er stehen und reckte den Riecher in den Himmel, wie ein Jagdhund.

„Was machen Sie dann auf der Erde?“

„Zufall“

„Und wie sind Sie hierher gekommen?“

„Viele Zufälle“

„Wie geht es Mia?“

„Gut“

„Meinen Sie, sie ist in Ordnung?“

„Keine Ahnung“

„Eben waren Sie aber noch gesprächi...“ James legte ihm den Finger auf die Lippen.

„Hören Sie das?“

Marc blieb stehen und lauschte. Als er die wispernden, kaum hörbaren Stimmen wahrnahm, krallten sich seine Finger so fest in den Griff des Baseballschlägers, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. „Was ist das?“, fragte er atemlos. Er konnte die Laute nicht verstehen, die aus den Baumkronen drangen, es war kaum mehr als ein unzusammenhängendes, schemaloses Geschwätz.

Das kleine Plastikgerät an James' Ohr, dass Marc bisher für ein Headset gehalten hatte, begann zu blinken. James starrte angestrengt nach oben und begann, zu übersetzen.

„Wieso...?“

Marc sah ihn unsicher an. Wieso was?

„Wieso ist es anders? Wieso hat es keine Schuppen?“

James' Stimme klang verwirrt und heller als sonst, als würde der Übersetzer durch ihn hindurch sprechen.

„Wo ist seine Gleichheit? Wo ist seine Balance? Wo? Wieso? Wieso ist es... anders?“

Seine Stimme kippte ins Hohe, Verzweifelte.

„Was sollen wir tun? Es ist anders! Es bedroht unsere Gleichheit, wo ist es? Das Gleichgewicht? Wo? Wieso? Wieso ist es anders? Wieso?!“

Das letzte Wieso schrie er beinahe. Plötzlich bemerkte Marc die Schweißperlen auf der Stirn seines Gegenübers. Der Außerirdische zitterte und wirkte viel zu angestrengt, nur für's Übersetzen.

„Wieso?!“, brüllte er. „Wieso ist es ANDERS!?“

Marc starrte James angstvoll an. Er wirkte unkontrolliert, aggressiv und bedrohlich zugleich, als er die Fäuste ballte und das letzte Wort immer wieder wiederholte.

„Wieso? Wiesoo??“

Kurz entschlossen riss Marc ihm das kleine Headset vom Kopf. Augenblicklich wich jegliche Kraft aus James' Körper. Das Blut, dass seine Stirn herunterrann, wirkte plötzlich, als hätte sich seine Menge verdoppelt. James zitterte und wandte sich hin und her.

„Wieso? Wieso?“

„James! Hey, James!!“. Marc kniete sich neben ihm und begann, ihm auf die Wangen zu Klopfen. Der Puls des Mannes echote wie ein gewaltiges Beben durch seinen ganzen Körper.

„Wir wollen ihm Schuppen geben“, hauchte er heiser. „Wir müssen ihn anpassen...“

Nach weiteren Versuchen gab Marc es auf. Aus James war kein sinnvolles Wort herauszubekommen. Und ihm war klar, dass er nicht mehr lange überleben würde, in seinem Zustand. Er verlor immer mehr Blut und der Gürtel des Bademantels, mit dem Marc die Wunde provisorisch verbunden hatte, würde auch nicht lange ausreichen. Er hatte keine Wahl. Er musste irgendetwas tun.

„Felix?“

Erst jetzt fiel ihm auf, dass Felix fort war. Na ganz super. Jetzt durfte er sich auch noch alleine darum kümmern, Mia und James zu retten. Vielleicht sogar noch Felix. Bei seinem Glück war er bestimmt auch gekidnappt worden.

Ächzend erklomm er den Baum, aus dessen Krone noch immer das Wispern drang. Jetzt würde er mal nachschauen, was hier vor sich ging.

 

 

**

 

 

Alles war schwarz. Mia hörte Stimmen, gewisperte Worte, kaum wahrnehmbar, aber sie setzten sich in ihren Kopf und wurden tausendfach wider geworfen.

Wieso ist es anders? Wieso hat es keine Schuppen?

Sie wollte etwas erwidern oder zumindest nach James rufen, aber es schien, als wäre ihr Geist von ihrem Körper getrennt worden. Sie spürte sich selbst nicht mehr, nicht einmal ihren eigenen Atem, und ihre Gedanken waren erfüllt von Gewisper.

Wieso? Wieso? Es muss sich verändern, es muss verändert werden. Es muss gleich sein.

Die schwachen Stimmen erschienen ihr plötzlich warm und willkommen, als würden sie sie umarmen und ihr immer das selbe ins Ohr flüstern. Sie waren zu gut, um zu lügen. Es musste die Wahrheit sein.

Es muss gleich sein.

Sie wollte lächeln und nicken. Ihr Körper war nicht gut so, wie er war. Keine Balance. Keine Schuppen. Sie konnte sich nicht anpassen, sich nicht ihrer Umgebung angleichen, sie war dem Individualismus schutzlos ausgeliefert, ohne die Möglichkeit, sich einzufügen in das Schema. Sie war allein. Ihr Geist verzerrte sich nach einer Chance, sich zu wandeln. Irgendwie spürte sie ihren Körper wieder, ihre Hände waren bittend ausgestreckt, verlangten nach den kühlen, schützenden Schuppen auf ihrer weichen Haut, die sie in die Masse eingliederten, ihr Geborgenheit gaben, nach Balance für ihren Körper und nach der totalen Anpassung an das Gleichgewicht ihrer Umwelt, sie sie mit lockenden Worten rief. Ihre Beine kribbelten und wurden kalt. Eiskalt. Sie spürte, wie ein kühles Prickeln durch ihren Körper lief und ihr wurde klar, dass sie sich langsam anpasste, an die Gruppe. Nie wieder allein sein. Es war ein gutes Gefühl.

Doch dann wurde die Einheit gebrochen.

Wie aus weiter Ferne hörte sie einen Schrei, darauf folgte ein ohrenbetäubendes Aufkreischen in ihrem Kopf. Die Luft bestand aus vibrierendem Schmerz, zerreißendem Schall und zerberstendem Schädel. Sie zuckte zusammen und auf einmal spürte sie wieder alles. Ihre Hände. Ihre Beine. Entsetzt riss sie die Augen auf, während die Stimmen in ihrem Kopf weiterhin heulten. Mia gab sich eine Ohrfeige, wie damals, als der Oberrat durch ihren Kopf gesprochen hatte doch im Gegensatz zu damals half es diesmal. Die Stimmen wurden leiser, doch ihre Ohren klingelten noch immer, als würden Kreischsägen durch ihren Schädel gejagt werden. Ihr Herz schien zu zerbersten und Splitter in ihre Lunge zu schicken. Mia rang nach Atem und kämpfte um den brennenden Schmerz in ihrer Wange, um die Stimmen loszuwerden, die um Hilfe riefen und schrien.

Wamm.

Noch eine Ohrfeige. Ihr war, als würde ihr alle Luft geraubt werden, die ihr Körper besaß. Beklemmende Enge in ihrer Kehler. Tobender Schmerz in ihrer Brust.

Wamm.

Feuer breitete sich über ihren Kopf aus, die Stimmen japsten.

Wamm. Wamm. Wamm.

Endlich.

Stille.

Zitternd sank sie zurück zu Boden, starrte in das Grün über ihr und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Alles in ihr drehte sich. Ihr wurde schlecht.

Und dann waren da auf einmal Marcs Arme, die sie sicher hochhoben und zu Boden brachten, als gäbe es kein Unheil auf dieser Welt, vor dem er sie nicht beschützen konnte. Mit zittrigen Fingern krallte sie sich in sein Sweatshirt und hatte nicht vor, ihn jemals wieder loszulassen. Tränen rollten ihr über die Wange.

Aber die Stimmen, die sie an die ewige Gleichheit hatten pressen wollen, waren fort und würden nicht wiederkommen.

 

**

 

Es waren tatsächlich menschliche Chamäleons. Marc traute seinen Augen nicht, als er die Baumplattform erreichte, auf denen sie nisteten. Es waren wahrhaftig menschliche Chamäleons. Eine Weile saß er nur da und starrte sie an, mit ihren langen Schwänzen, die sich ständig an irgendetwas abstützten und ihren Schuppen, die andauernd mit neuen Farbwellen überrollt wurden, die sie an die Umgebung anpassten und unsichtbar machten.

In ihm regte sich etwas zwischen Faszination und Abscheu. Die Wesen sahen so seltsam und wunderschön zugleich aus, dass er noch Stunden hätte dasitzen können, nur um sie zu beobachten. Allerdings bemerkte er irgendwann, dass sie sich um eine leblose Person scharrten und als ihm klar wurde, dass es sich um Mia handelte, vergaß er diesen Vorsatz. Sie taten ihr nichts an, keine Wunden, keine Tränen, aber sie wisperten die selben unzusammenhängenden Worte wie sie es bei James getan hatten.

Entschlossen fasste er seinen Baseballschläger fester. Er würde nicht zulassen, dass Mia etwas passierte!

Mit aller Kraft stieß Marc sich von dem Ast ab, auf dem er stand, setzte auf der schmalen Plattform auf und hob drohend den Schläger. Zunächst bemerkten sie ihn gar nicht, doch als er kurzentschlossen ausholte, zuschlug und damit eines der Wesen meterweit in den nächsten Baum katapultierte, hatte er die allgemeine Aufmerksamkeit doch bei sich. Ohne groß darüber nachzudenken, was er gerade tat, begann Marc, sich durch die Chamäleonherde zu drängen. Aber anstatt sich, wie erwartet, zu wehren, saßen sie nur da, starrten ihn an und verschwanden von der einen Sekunde auf die Anderen. Erstaunt sah sich Marc um.

Blinzelnde Augen stierten ihn schreckerfüllt an. Zungen schnellten aus Mündern und wieder zurück. Leiber hatten sich an den Hintergrund angepasst.

„Tut mir Leid. Ich will nur meine Freundin retten“, murmelte Marc.

Auf einmal tat es ihm Leid, dass er das Chamäleon weg geschmettert hatte. Die Ehrfurcht und Angst, mit der ihn die Wesen musterten, bereitete ihm Magenschmerzen. Wieso hatte er nicht gleich versucht, Mia auf die sanfte Art zu befreien?

Vorsichtig hob er seine zitternde Mitbewohnerin auf und machte sich wieder an den Abstieg. Sie stand völlig neben sich.

 

**

 

Für James war die Rettung zu spät gekommen.

Entgeistert starrte Mia das regungslose Misch-Masch aus Chamäleon und Mensch an, das vor ihr auf dem Boden lag. Zur Hälfte übersäht mit Schuppen, eine ewig lange Zunge und violette Augen in Bademantel und Shorts waren alles, was von ihrem Freund übrig geblieben war.

Er atmete nicht mehr.

Von der einen Sekunde auf die Andere war alles vergessen. Sie fragte nicht, wo Marc auf einmal hergekommen war. Sie versuchte nicht, sich zu bedanken oder sich die Tränen abzuwischen. Mit einem Satz saß sie neben ihm, nahm seine Hand, sprach leise mit ihm... aber er regte sich nicht mehr.

Mia fühlte sich wie im Wahn. Mit fahrigen Bewegungen versuchte sie, James zurück ins Bewusstsein zu holen, mit Worten, Berührungen, Schlägen, aber nichts half. Plötzlich stand Marc neben ihr.

„Hör auf, Mia. Es hat keinen Sinn mehr“

Mit einem Mal wurde ihr klar, was das hieß.

„Er ist...?“, fragte sie mit Tränen erstickter Stimme. Er sah so friedlich aus, wie er da lag, mit geschlossenen Augen. Die fremdartigen Schuppen verunzierten sein Gesicht auf eine grotesk schöne Weise. Er durfte nicht tot sein. Nicht er.

Ihr versagte der Atem.

„Nein!“

„Mia...“

„Nein!!“

Nun flossen die Tränen endgültig. Verzweifelt stürzte sie sich neben ihn und begann mit einer Herzmassage. Das durfte doch nicht war sein... woher kam bloß all das Blut? Schweiß lief ihr über die Stirn, aber sie hörte nicht auf. Das durfte einfach nicht wahr sein. Nicht James. Nicht der, der ihr eine völlig neue Welt offenbart hatte.

„Jetzt komm schon“, schluchzte sie und schlug ein weiteres Mal auf seinen Brustkorb ein. „Das kann doch nicht dein Ernst sein“

Doch da war keine Farbe in seinem Gesicht. Kein Herzschlag. Kein Atem. Nur graue, farblose Schuppen und die Erkenntnis: James, derjenige, der ihr innerhalb von zwei Tagen wichtiger als ein Bruder geworden war, war tot.

Marc fing ihren Sturz ab, als sie zur Seite sackte, aber sie riss sich los. Sie wollte niemanden mehr sehen. James war tot. Diese Erkenntnis schmerzte viel mehr, als sie sollte.

„Er wäre fast von einem Fahrstuhl erschlagen worden!“, weinte sie. „Er ist durch mein Fenster gefallen! Er hat sich Deo in den Mund gesprüht! Wie kann er dann bei einem Sturz von einem Baum sterben?! Das ist so ungerecht!!“

Aus lauter Verzweiflung trat sie gegen einen der gewaltigen Stämme und sackte dann schluchzend daran zusammen. Das durfte einfach nicht wahr sein. Marc musterte sie hilflos, während ihre Wangen, von den Tränen angefacht, Feuer fingen.

Er war tot.

Tot. Tot. Tot.

Das Wort erschien ihr viel zu unwirklich, um es auszusprechen.

„Ich hasse dich!!“, schleuderte sie James' Leiche entgegen. „Ich HASSE dich!!!“

Dann krümmte sie sich am Boden zusammen und ließ die Tränen gewähren. Warum tat er bloß nichts? Warum stand er nicht wieder auf und machte irgendeinen dummen Witz?

„Was ist denn hier los?“

Plötzlich stand da Felix zwischen den Bäumen. Mit einer Pudelmütze auf dem Kopf. James' Pudelmütze. Mia wäre ihm am liebsten an den Hals gegangen, aber etwas hinderte sie daran. Die Früchte auf seinem Arm.

„Was... was ist das?“, fragte sie heiser.

„Birnen! Die wachsen da drüben -aber was ist denn hier passiert?“

Mia hörte ihm nicht länger zu, sondern sprang auf und entriss ihm das Obst. Vitamin C. Das war die Lösung!

„James“, knurrte sie, als sie sich neben ihn setzte. „Ich will jetzt, dass du mir zuhörst! Du wirst irgendwann sterben, aber nicht jetzt und nicht hier. Generell erst, wenn ich es dir erlaube. Und das ist nicht jetzt!“

Mit aller verbliebenen Kraft stützte sie sich auf die zum Glück ziemlich reifen Beinen und zermatschte sie so zu einem weichen Brei. Den klatschte sie dem Außerirdischen ohne große Umschweife ins Gesicht. Das musste einfach funktionieren.

„Wie heißt es doch so schön? Friss oder stirb“, stieß sie zwischen den Zähnen hervor, als sie ihm die dritte Birne ins Gesicht matschte. Sie konnte nicht verhehlen, dass es sie mit einer gewissen Befriedigung erfüllte, nach so einigen Sprüchen, die er abgelassen hatte.

„Und jetzt?“, fragte Marc und kratzte sich den Kopf, als sie alles an Birne in seinen Mund gestopft hatte.

„Warten“, erwiderte Mia mit zusammen gepressten Lippen. „Bitte bitte mach, dass das funktioniert...“

Und dann warteten sie.

Sie warteten lange.

Sie sprachen kein Wort und Mia vergaß irgendwann sogar das Erstaunen darüber, dass ihre Mitbewohner neben ihr in einem Dschungel auf einem fremden Planeten standen.

Und irgendwie hatte sie die Hoffnung bereits zum zweiten Mal aufgegeben, als James sich regte. Er hustete. Und spuckte.

Und dann sagte er sogar etwas.

„Baaah... Mia... was soll denn das?“

Mit Tränen in den Augen rutschte sie neben ihn.

„Das macht man hier so zur Begrüßung, auf der Erde...“, erklärte sie dann lächelnd.

„Na da hattest du aber auch schon originellere Witze...“, beschwerte sich James. „Wie viele von den Mistteilen habe ich gegessen?“

„Zweiundzwanzig?“, fragte Mia schuldbewusst.

„Ist ja abartig“, stellte James fest. „DU bist wirklich abartig! Wer kommt denn auf so was?!“

„Jetzt halt mal die Luft an! Ich habe dich gerettet!“, gab Mia zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Finde ich aber auch!“, mischte Marc sich ein.

Ein einstimmiges: „Schnauze!“ war die Antwort.

„Also das geht auch ein wenig sanfter“, stellte James fest, als er sich den Birnenmatsch aus dem Gesicht kratzte.

„Sei froh, dass ich das überhaupt gemacht habe“, brummte Mia. „Ich hätte dich auch sterben lassen können“

„Hättest du sowieso nicht“

„Was soll denn das bitte heißen?“

„Ich bin viel zu süß“

„Ja... davon träumst du!“

„Ich will euch ja nur ungern unterbrechen...“, unterbrach sie Felix. „Aber... Sie sind immer noch ein halbes Chamäleon!“

James sah an sich hinunter und quiekte auf. „Was ist denn DAS?!“

Verzweifelt befühlte er die neuen, schuppigen Stellen. „Das stinkt ja abartig! Farbgefülltes Cytoplasma! Oh neiiin...“ Aufheulend ließ er sich zurück ins Gras sinken. „Bringt mir Erdbeeren! Bananen! Orangen! Buschpflaumen! Alles, was im Ansatz Vitamin C enthält! Ich kann doch nicht den Rest meines Lebens so stinken...“

Mia schnupperte. „Also außer einem starken Birnenaroma rieche ich nichts. Was ist das? Neues Deo?“

James sah sie trocken an. „Deine Witze werden wirklich immer schlechter. Und jetzt besorg' mir Buschpflaumen“

 

**

 

Einen Tag später, in dessen Verlauf Mia, Felix und Marc alle möglichen Arten von Obst und Gemüse angeschleppt hatten und James die eine Hälfte wegen angeblichen Allergien und die Andere wegen Ungenießbarkeit und unbekanntem Giftstatus aussortiert hatte, hatten sie doch noch Erdbeeren gefunden und mit jeder war ein bisschen von James' Schuppen verschwunden, bis sich schließlich auch die Zunge wieder zurückgebildet hatte, was er mit großem Leiden quittiert hatte.

„Stell dich nicht so an“, brummte Mia, genervt von all der Kraxelei durch alle möglichen Büsche, während James direkt vor ihrer Nase auf einem Baum herumgelegen und sich gesonnt hatte.

Zum wiederholten Mal kratzte sie sich am Schienbein, wo sich, dem Gefühl durch den Stoff nach zu urteilen, ein fieser Hautausschlag gebildet hatte.

„Die Tschunge war einesch der Dinge, an die isch misch hätte gewöhnen können“, nuschelte James, sichtlich verwirrt durch die plötzliche Wandlung in der Länge seiner Zunge.

Mia schüttelte den Kopf und wandte sich Marc und Felix zu. Sie waren am ganzen Körper zerkratzt von Dornen und anderen Bewohnern des Urwalds und schauten sich an, als warteten sie auf etwas.

„So, und jetzt zu euch. Wo zur Hölle kommt ihr her?! Und was macht ihr hier?“

Marc wechselte einen Blick mit Felix, dann holte er tief Luft. „Najaa, wir wollten dich retten, also sind wir einfach los und in das Port...“

„Jaaajaaa, schöne Geschichte“, unterbrach ihn James. „Schön, dasch wir drüber geredet haben. Jetscht müschen wir aber weiter, dasch näschte Portal schuchen. Wünsche euch einen schönen Heimflug“

Dann griff er nach Mias Handgelenk und zog sie mit.

„Hey!“, protestierte sie und stemmte sich mit all ihrem Gewicht gegen ihn. „Jetzt halt mal die Luft an! Die Beiden haben unser Leben gerettet“

„Dasch hätte isch auch so hinbekommen“, knurrte James. „Irgendwie. Bestimmt. Auscherdem stinken die gansch abartig nach farbgefülltem Tschytoplaschma“

„Du wärst grandios gescheitert, mehr nicht“, stellte Mia klar. „Ich finde, sie sollten mit uns kommen. Immerhin sind sie jetzt auch verloren im Weltall und kommen wahrscheinlich nie wieder nach Hause...“

„Was soll das denn heißen?“, fragte Marc mit hochgezogenen Augenbrauen. Keiner beachtete ihn.

„Ich kanns mir nicht leisten, gleich DREI von euch mit mir rumzuschleppen“, knurrte James missmutig. „Wegen euch verlier ich noch mein Leben!“

„Och bitte...“

„Nein“

„Bitte bitte...“

„Nein!“

Plötzlich kam Mia ein neuer Gedanke. „Sag mal... bist du eifersüchtig?“

„Natürlich nicht!“. Die Antwort kam zu schnell, zu laut und zu heftig, als dass Mia ihr auch nur ansatzweise Glauben geschenkt hätte.

„Du bist wirklich eifersüchtig“, lachte sie kopfschüttelnd. „Aber worauf denn?“

James blieb stehen und sah sie an. „Man kann nicht einfach so von der Erde ins Weltall gehen und sein Leben als Outlaw feiern! Das ist ein Privileg! Ich nehme nicht einfach so jeden mit“

„Du willst also mit mir allein sein“, fasste Mia seine ausschweifende Erklärung trocken zusammen.

„Nein!“. James Stimme kippte wieder ein paar Oktaven höher. „Ja, mein Gott, dann nimm sie halt mit! Aber ich werde mich nicht darum kümmern, wenn sie gegen 'ne Palme rennen und von einer Kokosnuss erschlagen werden“

„Wer ist denn hier gerade vom Baum gefallen und abgekratzt?“

Aufgebracht schrubbte Mia sich die brennenden Schienbeine.

James starrte sie wutschnaubend an. „Ich riskiere hier alles für euch“, meinte er dann leise. „Ich hoffe, das ist dir klar“

„Du hast mein Leben zerstört“, erwiderte Mia. „Sind wir quitt?“

Sie hielt ihm grinsend die Hand hin.

„Oh man, gegen dich hat man echt keine Chance“, stöhnte James und schlug ein.

„Gewöhn dich draan!“, trällerte Marc aus der Ferne.

 

 

 

8. Kapitel-Zwei zum Preis von Einem

8. Kapitel

 

„Ich hab das Portal gefunden!“, rief Felix von irgendwo. Mia drehte den Kopf und folgte der Stimme. Seit Stunden suchten sie nun schon nach einem Ausweg aus diesem verdammten Urwald, aber die Welt schien nur aus Bäumen und Blüten zu bestehen.

Erleichtert holte sie zu ihrem Mitbewohner auf, der triumphierend auf die schimmernde Luft vor sich zeigte. „Hier müssen wir rein“

Nun waren auch James und Marc gekommen und beäugten ihren Ausweg von allen Seiten.

„In Ordnung“, seufzte James. „Also zunächst einmal hört jetzt alles auf mein Kommando“

Er musterte die drei mit gerunzelter Stirn.

„Bevor wir anfangen: Das ist meine Mütze“. Er schnappte sich die Bommelmütze von Felix' Kopf und holte tief Luft.

„Das war's auch schon. Gute Reise!“

„Was soll das h...?“, fragte Felix, aber noch bevor er zum Ende kam, schubste James in mitleidlos in das schimmernde Portal.

Marc folgte ihm vorsichtshalber. Er war sichtlich nicht wild darauf, das gleich Schicksal wie Felix zu teilen.

„Das wär' nicht nötig gewesen“, meinte Mia kopfschüttelnd, aber James grinste nur.

„Ich mag es, wenn sein Gesicht die selbe Farbe annimmt, wie seine Haare“

Mia hörte ihm nicht mehr zu, sondern folgte den Jungs in den blinkenden Tunnel des Wahnsinns. Inzwischen war sie beinahe daran gewöhnt, durch die Luft gewirbelt zu werden, bis sie nicht mehr wusste, wo oben und unten war, aber die Übelkeit spürte sie trotzdem noch in ihrem Magen pulsieren, als sie am Boden aufschlug.

Das erste, was sie wahr nahm, war brennende Hitze. Heißer Sand glühte unter ihrer Wange und so rappelte sie sich möglichst schnell auf, aber es wurde nicht besser. Ein verschwommener, blendend heller Fleck am Himmel brannte auf sie nieder und augenblicklich brach ihr der Schweiß aus. James fiel vom Himmel, überschlug sich dreimal und landete mit dem Gesicht nach unten im Sand. Sekunden später stand er wieder, den Sand von seinem Bademantel abklopfend.

„Hat keiner gesehen“, nuschelte er.

Felix und Marc quälten sich hustend hinter einer Düne hervor. Sie sahen nicht sehr glücklich aus.

„Man ist das heiß...“, stöhnte Felix.

Währenddessen hatte James angefangen, in seinem Bademantel herumzukramen. Triumphierend zog er die Zahnbürste hervor und hielt sie gegen die Sonne. Dann begann er wild darauf herumzudrücken.

„Was denkst du, was du da machst?“, fragte Mia mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ich werd' schon noch rausfinden, wozu das Teil gut ist“, rief James und packte die Bürste wieder in die Tasche. Dann zog er ein neues Ding hervor: eine Computermaus. Unwillkürlich fragte Mia sich, was für Zeugs Felix alles in seinem Bademantel hatte.

„Ha!“, rief James. „Damit kann ich schon mehr anfangen!“

Dann nahm er das Ende und begann, die Maus wild über seinem Kopf zu schwingen, wie ein Lasso. Felix kreischte auf und schlug sich die Hände vor den Mund.

„Die ist brandneu! Was tust du?!“

„Was habt ihr denn für komische Sachen auf der Erde?!“, fragte James stirnrunzelnd und klickte ein paar Mal ratlos auf den Knöpfen herum. „Bei euch funktioniert ja nichts!“

„Vielleicht nur nicht so, wie du es dir vorstellst...“, mutmaßte Mia. „Aber wo sind wir denn hier? Verlassener Wüstenplanet? Sieht nicht sehr gemütlich aus, wenn ihr mich fragt...“

Mit zusammen gekniffenen Augen starrte sie in die Ferne, wo die Hitze sich flimmernd abzeichnete. Da war ein Schatten... Marc schien ihn auch entdeckt zu haben.

„Lasst uns mal schauen, was das da hinten ist!“, schlug er vor.

Und so quälten sie sich durch die sengende Hitze in Richtung Schatten, der kaum wahrnehmbar, aber sichtbar auf sie wartete.

„Jetzt ist es so weit“, meldete sich James von vorne. „Ich glaube, ich bin verdampft“

Felix quiekte, als er in den heißen Sand fiel. Alles bestand aus Bergen von Sandkörnern und Hitze. Immerhin war die Schwerkraft normal. Plötzlich wünschte Mia sich zurück in den nassen Urwald und alles in ihr schrie nach Wasser.

„Jetzt ist die Wasserpistole auf einmal doch nicht so blöd, was?“, grinste Felix, als er sich zum wiederholten Mal abkühlte.

Marc ächzte. James legte sich auf die Klappe. Aber irgendwann kamen sie doch an.

„Kannst du das lesen?“, fragte Mia, als sie die Runen auf dem Schild erkannte.

„Zw... Zwei...“, begann James. „Zwei Liegestühle, ein Sonnenschirm... Fünf Exos“

Er kratzte sich den Kopf. „Sonnenstühle?“

„Leute, guckt euch das an!“, rief Felix.

Er stand auf der letzten hohen Düne vor ihnen und als sie zu ihm aufholten, eröffnete sich vor ihnen etwas, was keiner wirklich fassen konnte.

„Ich fasse es nicht...“, murmelte Marc. „Das ist eine Touri-Metropole“

Unter ihnen tümmelten sich tausende Ameisen. Nein, keine Ameisen. Menschen. Oder was auch immer das da war.

„Heute großer Hochzeits-Rabatt! Genießen Sie ihre Vermählung in der wunderschönen Kulisse Eklasiens!“

„Eklasien“, sinnierte James. „Kappa-Sektor. Meine Güte, wir sind ganz schön weit oben gelandet!“

Plötzlich zertrümmerte ein ohrenbetäubender Schrei die Luft. Der Boden begann zu vibrieren. Erschrocken fuhren die drei herum und starrten in das Paradies aus Sand, Wasser und Palmen unter sich, wo sich nun auf einmal ein viel größerer Schatten abmalte. Die Ameisen kreischten fein auf und stoben auseinander-das große, unförmige Wesen nahm Verfolgung auf. Doch dann schien es sich anders zu entscheiden: es blieb stehen, blickte sich ratlos um und setzte mit einem großen Satz in das türkisblaue Wasserbecken. Dann war es verschwunden.

Die Ameisen hielten erstaunt und nach und nach hörte man ein zögerndes Klatschen von allen Seiten, bis schließlich tosender Applaus herrschte.

„Was ist da los?“, fragte Marc mit V-förmigen Augenbrauen.

„Die halten das für ein Schauspiel“, murmelte James. „Aber das war es nicht. Dieses Wesen gehört nicht hierher, das stammt höchstens aus dem Psi-Sektor. Und das heißt, da unten muss ein Riss sein“

„Wir müssen da also rein“. Mia nickte und begann entschlossen, die Düne hinunter zu rutschen, aber sie wurde von einer seltsam aussehenden Maschine aufgehalten, die aus der Luft zu ihr hinunter schoss.

„Bitte zeigen Sie ihre Eintrittskarte vor“, forderte eine aufgenommene Frauenstimme sie auf.

„Mist“, knurrte Mia und machte sich wieder an den Aufstieg.

„Halten Sie dafür ihren am Eingang erhaltenen Check wie auf der Abbildung vorgegeben vor den Scanner“, laberte die fliegende Maschine weiter, voller Desinteresse für Mias Desinteresse.

James seufzte. „Na los, zur Kasse“, trieb er sie dann an. „Sonst ist der Riss verschwunden“

In einer Viererreihe watschelten sie zur Kasse, wo sie ein weiterer Roboter empfing. Die selbe Frauenstimme erklang.

„Bitte zahlen Sie den geforderten Betrag in den Eingabe-Schlitz“

James zog von irgendwo eine Art verschönerte Brieftasche in Form einer Ente hervor. „Mein Gott, das wird bestimmt teuer“, brummte er und las mit gerunzelter Stirn die Preis-Tabelle. „Was?! Das ist doppelt so viel wie mein gesamtes Erspartes! Um nicht zu sagen, genau doppelt so viel“

„Für vier Personen?“, fragte Mia und James nickte. „Für zwei würde es reichen“

Sie tauschten Blicke aus.

„Ich habe gleich gesagt, wir sollen sie nicht mitnehmen“, zischte James.

„Schon in Ordnung“, wehrte Marc ab. „Wir bleiben hier, oder Felix?“

Felix nickte und zückte seine Wasserpistole. „Schließlich haben wir es bis hierher auch alleine geschafft“

„Kommt gar nicht in Frage!“, rief Mia aufgebracht. „Ihr kommt mit! Sonst darf ich mir später anhören, ich hätte euch im Stich gelassen“

Marc wollte protestieren, aber als Mia ihre Hand nur auf Brusthöhe hob, verstummte er augenblicklich und zuckte reflexartig mit der Wange. Mia lächelte zufrieden.

„So. Es wird doch eine Lösung geben!“

Seufzend ließ sie sich in den heißen Sand sinken und dachte nach. Dabei ließ sie ihren Blick über die Lagune unter ihnen schweifen, wo sich unzählige Brautpaare tummelten. Meistens machten die Frauen einen sehr zufriedenen und die Männer einen sehr gequälten Eindruck. Sie entdeckte auch ein paar gleichgeschlechtliche Paare unter den Ameisen. Der Weltraum war also tolerant. Fand sie gut.

Und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

Brautpaare.

Rabatt.

Zwei zum Preis von Einem.

„Wir müssen heiraten!“, rief sie aufgeregt und sprang auf.

 

**

 

„Was bitte?!“. Marc starrte sie irritiert an.

„So kommen zwei zum Preis von Einem rein! Heißt, wir müssen nur die Hälfte bezahlen, heißt, wir kommen alle vier rein“

Ohne groß zu reden griff sie sich die Hälfte des Geldes aus James' Hand.

„Aber wie soll das gehen?“, fragte Felix stirnrunzelnd.

„Zufälligerweise steht da drüben ein Standesamtzelt“, gab James zu denken. „Warum auch immer. Anscheinend arbeiten die mit der Lagune zusammen... aber das ist totaler Schwachsinn!“

„Siehst du einen anderen Weg?“, fragte Mia herausfordernd.

„Nein...“, gab James zu und auch Marc und Felix schüttelten langsam die Köpfe.

„Na also. Dann los!“

„Aber... aber ich heirate dich doch nicht, ich kenne dich kaum!“, protestierte James.

„Na da trifft es sich ja gut, dass ich Marc heirate“, grinste Mia und hakte sich bei ihrem Mitbewohner unter. Dann zog sie ihn siegessicher zu dem großen Zelt in der Ferne, vor dem sich bereits jetzt eine ewig lange Schlange abbildete. Viele Leute schienen das Angebot auf den letzten Drücker nutzen zu wollen.

„Warte...“, stutzte Marc. „Heißt das, dass... James und Felix...?“. Er brach in schallendes Gelächter aus und Mia grinste.

„Sie sind bestimmt ein süßes Pärchen!“

Lachend stellten die Beiden sich an einer der ewigen Reihen an. Alle möglichen Rassen aller möglicher Geschlechter warteten bereits seit Stunden und jede Minute erschien ihr plötzlich ewig lang zwischen der brennenden Sonne und dem glühenden Sand. Marc fächelte ihr Luft zu.

„Was wird'n das?“, fragte Mia und wischte sich Schweiß von der Stirn.

„Ich werde bald dein Ehemann, da muss ich mich doch kümmern“, grinste Marc. Mia nickte zufrieden. Da hatte er allerdings Recht.

Plötzlich wurde sie angerempelt und eine grünhäutige, stachelige Frau landete in ihren Armen. Sie stammelte etwas zusammen genuscheltes, das Mia trotz Übersetzer nicht verstand, dann versuchte sie sich wieder einzureihen. Aber es war unmöglich. Die ganze rechte Seite schien in Aufruhr geraten zu sein und bald wurde auch klar, wer dafür verantwortlich war.

James und Felix hatten sich ein kamelartiges Vieh gekrallt und ritten nun einfach ihre Schlange um.

„Wenn dann werden wir als erste heiraten!“, rief James ihnen über die Menge hinweg zu.

Mia starrte ihn an und schließlich fasste sie einen Entschluss.

„Das können wir besser!“, bestätigte Marc, dann nahm er sie unerwartet auf den Arm. „Die McDonalds-Akte, erinnerst du dich?“

Mia grinste. „Aber hallo. Welcher Absatz?“

Die McDonalds-Akte war entstanden, als sie einen heißen Sommertag keine Lust auf die ewig lange Schlange vor dem Fastfood-Restaurant gehabt hatten und sich alle möglichen Techniken ausgedacht hatten, um daran vorbei zu kommen. Nur leider hatten sie kaum eine getestet.

„Baby-Alarm“, zischte Marc und Mia nickte. Kurzerhand befreite sie sich von ihrer Lederjacke und stopfte sie sich unter das T-Shirt. Dann überreichte sie einen der Ohrstöpsel des Übersetzers Marc, in der Hoffnung, er möge auch seine Worte übersetzen. Zum Schluss brach sie in Tränen aus. Eine der leichtesten Übungen.

„Aaah... es ist so weit...“, jammerte sie.

„Lassen Sie mich durch!“, brüllte Marc. „Wir bekommen ein Kind! Und wir müssen doch heiraten!“

Die Masse wich erschrocken zur Seite. Nun hieß es Laufen, bevor sie auffielen. Marc sprintete los und Mia gab ihr Bestes, sich zwischen den theatralischen Schluchzern an Marcs Schultern fest zu halten. James' Kamel war inzwischen von Wachmännern gestoppt worden. Sein Blick verfolgte sie auf ihrem Weg und sie zwinkerte ihm zu, was mit einem Todesblick erster Klasse quittiert wurde.

Doch irgendwann keuchte Marc so heftig, dass sie von seinem Arm springen musste. Die Leute hatten längst keine Ahnung mehr, warum sie vorbei sprinteten, sie wichen einfach nur noch kollektiv zur Seite. Jetzt aber schloss sich die Masse wieder und reihte sie in das Schema ein und so konnte Mia ganz genau sehen, für was für eine Masche sich James entschieden hatte. Er hatte den heillos überforderten Felix an seiner Hand und rief: „Entschuldigung, bitte einmal Platz machen! Dieser Mann hat das Gesetz gebrochen und muss ins Hauptlager gebracht werden! Madame! Bitte gehen Sie zur Seite. Kein Grund zur Sorge“

Er trug die Mütze eines Wachmanns und benutzte Felix' Wasserpistole. Dieser Vollidiot. Mit zusammen gebissenen Zähnen stieß Mia Marc an.

„Was jetzt?“

Marc sah sich ratlos um. Dann erhellte sich sein Gesicht. Mit einem Grinsen zog er seinen Baseballschläger und rammte sich in genussvoll ins Auge. Mia schrie auf. Augenblicklich schwoll sein Lid an, wurde blau und rot und sah wirklich übel aus.

Ratsch.

Bevor sie wirklich begriffen hatte, was passiert war, hatte er ihr einen langen Riss im T-Shirt verpasst. Mia war viel zu überrumpelt, um irgendwo zu reagieren und so war sie wohl wirklich blass, als Marc anfing, zu röcheln: „Lasst uns durch... um Himmels Willen, lasst uns durch... sie sind uns dicht auf den Fersen... wenn sie uns nur kriegen...“

Die Leute schienen so eine Angst vor den brutalen Verfolgern zu haben, dass sie widerstandslos zur Seite wichen. Innerhalb kürzester Zeit hielten sie wieder die Führung und Mia konnte James förmlich mit den Zähnen knirschen hören. Aber auch diese Masche flog irgendwann auf, spätestens, als sie hinter einem besonders breiten Festzug mit jeder Menge Erdbeerbowle landeten, in der sich jeder vehement dagegen weigerte, zur Seite zu treten.

James holte wieder auf. Diesmal ruhte die Wasserpistole an Felix' Kopf.

„Glaubt mir, ich mach das!!“, schrie er und seine Stimme überschlug sich beinahe. „Haut ab! Macht Platz! Oder soll ich ihn erschießen?!“

Felix' Angst war nicht gespielt.

Dass die Wachmänner James wenige Minuten später mit einem Elektrotazer umlegten war zwar amüsant („Lasst mich durch, ihr Bzzzzzzzzzz....“) aber trotzdem hatte er einen weiten Vorsprung.

„Plan?“, fragte Marc und ließ seinen Blick umher wandern.

„Wir machen so weiter, wie bisher“, knurrte Mia.

Dann riss sie die volle Schale mit Erdbeerbowle aus der Hand des pinken Aliens vor ihr und übergoss Marc und sich selbst damit. Eine zermatschte Erdbeere hier, eine da...

Sie hustete und spuckte ein wenig Bohle.

„Helft uns...“, keuchte sie mit zusammen gekniffenen Augen. „Wir sind so krank... so unglaublich, widerlich, abstoßend, ansteckend krank...“

Die Blumenmädchen schrien angeekelt auf und stoben auseinander. Die Braut wedelte mit ihren beachtlichen Tentakeln im Gesicht und watschelte vor Mias ausgestreckter Hand davon. Es ging quälend langsam voran, aber sie holten wieder auf.

James' Kopf erschien in der Gruppe von Wachmännern, er sah Mia und die Erdbeere auf ihrer Stirn.

„Mia? Was hast du denn gemacht? Bahahaahahaha...bzzzzzzzzz“

Dann war er wieder weg. Sie hörte, wie Felix verzweifelt versuchte, sich zu verständigen, aber die Wachmänner sprachen seine Sprache nicht. Sie grinste. Wie gut, dass nicht jeder die Föderationssprache konnte.

Sie ließen die Beiden weit hinter sich, doch dann trafen sie auf einen Arzt.

„Jaja, sehr lustig“, brummte der blauhäutige im weißen Anzug. „Die Krankheit will ich sehen. Wir wollen alle heiraten, heute, stellen sie sich gefälligst hinten an!“

Mia kratzte sich resigniert die Erdbeere von der Nase. Dann hörte sie einen Schrei. Felix versuchte verzweifelt, mit James mitzuhalten, der sich nun einfach für die rabiate Weise entschieden hatte. Ein Bräutigam brüllte, als er über die Absperrung geschubst wurde, eine Braut kreischte, als sie plötzlich im Arm eines anderen Mannes lag.

Na gut. Dann eben auf die harte Tour. Kurzentschlossen griff sie nach Marcs Arm und zerrte ihn hinter sich her, an der Schlange vorbei. Jetzt hießt es Ellenbogen einsetzen. Mit einem Tritt nach links bugiserte sie eine ganze Hochzeitsgesellschaft aus dem Weg, mit einem Schlag nach rechts landete die Sahnetorte in der Menge, vorzugsweise in Gesichtern.

Nun lagen sie gleich auf. Bräute schrien, Blumenmädchen kreischten. Trauzeugen versuchten, ihnen zu folgen und die betrunkenen Onkel nutzen die Gelegenheit, um sich vom Acker zu machen. Es war wie ein Kampf gegen den Strom. Mit jeder Sekunde, die die Panik sich weiter ausbreitete, war es schwerer, durch die Massen zu kommen und irgendwann dachte Mia, ihr würden gleich alle Gliedmaßen abfallen. Keuchend rammte sie ihr Knie gegen ein letztes lebendes Hindernis, dann kam ihr Ziel in Sicht: Ein Schalter mit der Aufschrift Standesamt.

Zeitgleich mit ihnen brach auch James aus der Menge, hinter sich Felix. Der Arme hatte seine Brille irgendwo in den roten Haaren hängen und war zur Hälfte mit Torte bedeckt.

Mia zerrte Marc weiter, schubste das Ehepaar zur Seite, dass gerade dran war und lehnte sich keuchend auf den Schalter.

„Einmal heiraten und Eintritt in die Lagune, bitte...“, japste sie völlig außer Atem und knallte das Geld auf den Tresen. Nebenan tat James das Gleiche.

„Ach nee, Schätzelein“, schmatzte das schwabbelige Etwas hinter dem Tresen und zückte einen ähnlichen Scanner wie der Gatherer auf dem Gefangenentransport. Es war eine Art Riesenfrosch-Frau-Schwabbel-Dings mit viel zu fetten Lippen und viel zu kleinen Augen. Mia hätte sich bestimmt mehr Gedanken darüber gemacht, wenn sie nicht so außer Atem gewesen wäre.

„Dann bräucht' ich mal deinen Chip“

Mia streckte den Arm vor. Es piepte.

„Sehr schön. Und jetzt deinen“, forderte das Wesen Marc auf.

Die beiden wechselten einen Blick, dann starrten sie zu Felix und James. Sie schienen das selbe Problem zu haben. James machte betreten ein paar Schritte zur Seite, doch dann erkannte Mia seine Taktik. Raffiniert. Sie tat es ihm gleich und verschwand aus dem Sichtfeld des Monsters, nur um sich mit dem Arm durch Marcs Jackenärmel erneut einscannen zu lassen.

„Ihr heißt also beide Mia, ja“, stellte das Etwas fest. „Gleiches Geburtsdatum, gleicher Planet... ihr seit minus 239 Jahre alt und... ach, ist ja auch egal. Geht mich ja nichts an. Jetzt müsst ihr euch noch küssen, damit eure DNA abgeglichen wird und dann seid ihr ein Paar. Hier ist eure Eintrittskarte in die Lagune. Viel Glück in eurem Leben, tschüss“

Nebenan ging der Alarm los. Anscheinend hatten sie James' Vorstrafenregister gecheckt. Aber gerade war Mia mit etwas Anderem beschäftigt, nämlich damit, dass sie Marc küssen sollte. Hoffentlich bekam er das nicht in den falschen Hals.

„Keine Sorge“, grinste ihr Mitbewohner aber zu ihrer Erleichterung. „Alles nur für den Zweck“

Dann hauchte er ihr einen Kuss auf die Lippen, den sie kaum merkte, hakte sich unter und führte sie in Richtung Ausgang, während im Hintergrund eine vorgespulte Version des Hochzeitsmarschs gespielt wurde. Für die normale war anscheinend keine Zeit.

„Fühlt sich richtig gut an“, grinste Marc, als sie plötzlich jemand anrempelte. James, Felix und gefühlte hunderte Wachmänner rauschten an ihnen vorbei, und das in einem Wahnsinnstempo.

„Das darf doch nicht wahr sein“, knurrte Mia. „Auf den letzten Metern...“

Dann begann auch sie wieder zu sprinten.

Draußen empfing sie brüllende Hitze und eine mechanische Ansage: „Die letzten 23 Plätze in Eklasiens schönster Lagune sind nun verfügbar“

„Dreiundzwanzig Plätze!“, stieß Mia hervor. „Wir müssen uns beeilen!“

Ohne auf Marc zu achten legte sie einen Zahn zu und plötzlich hatte sie zu James aufgeholt.

„Was machst du denn hier?!“, fragte er.

„Ich will mir meine wohlverdienten Flitterwochen in Euklasien abholen!“, erwiderte sie keuchend.

„Ich sehe deinen Bräutigam aber gar nicht“, erwiderte James und machte einen Satz, um über ein weißes Hündchen mit rosa Schleife und Eheringen auf dem Rücken zu springen.

„Ich deinen auch nicht“, gab Mia zurück und machte einen Schlenker um eine Hochzeitsgesellschaft.

„Den habe ich schon seit dem Kuss nicht mehr gesehen“, rief James außer Atem. „Da kamen auf einmal diese Wachmänner...“

„Ihr habt euch geküsst?!“, quiekte Mia und auf einmal verspürte sie den Drang, lachend am Boden zusammen zu brechen.

„Ich hatte ja keine Wahl!“, rief James. „Unverheiratet kommt man nicht rein!!“

„Hast du die Karte?“, fragte Mia, als die Lagune in Sicht kam.

„Ja!“, rief James und wedelte mit seiner.

„Glaub bloß nicht, dass du eher ankommst, als ich!“

Mit einem gewaltigen Sprung setzten sie über den Rand der Düne. Mia verlor den Boden unter den Füßen und überschlug sich mehrmals im heißen Sand, bis sie endlich liegen blieb und sich aufrappeln konnte, um dem eifrigen Roboter vor sich ihre Karte entgegen zu halten.

„Vielen Dank für Ihren Besuch. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Zeit voller Erholung und Liebe“

Mit klopfendem Herzen blieb Mia im Sand liegen und für wenige Sekunden starrte sie nur in den blitzblauen Himmel um zu Atem zu kommen. Das war vielleicht ein Ritt gewesen...

Sie hörte die Schritte von Marc und Felix die Düne hinunter kommen. Auch die Beiden hielten ihre Karten dem Roboter entgegen.

„Es tut uns sehr Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir voll belegt sind. Wir empfehlen Ihnen an einem anderen Tag wiederzukommen und unseren exzellenten Service in Anspruch zunehmen“

Mia hob den Kopf.

Marc versuchte erneut, seine Karte einzulösen.

„Es tut uns sehr Leid, Ihnen mitteilen zu müssen...“

„Oh nein...“, murmelte sie und erhob sich.

„Scheiße!“, rief Marc. „Jetzt war alles umsonst. Da hätten wir auch gleich zwei Karten kaufen können“

Die Wachmänner erschienen am oberen Rand der Düne. Sie hatten James fest im Visier. Ihnen lief die Zeit davon. Mia streckte die Hand aus und klopfte Marc auf die Schulter.

„Es war mir eine Ehre, deine Ehefrau zu werden“, grinste sie. Marc nickte. Felix sah zu verstört aus, um irgendetwas sagen zu können. Seine Haare waren voll Sahne und standen zu allen Richtungen ab, außerdem fasste er immer wieder seine Lippen an, als könne er nicht fassen, was passiert war.

„Kommt ihr klar?“, fragte Mia besorgt. „Vielleicht gibt es einen anderen Weg, hier rein zu kommen...“

„Ach quatsch“, winkte Marc ab. „Wir kommen schon irgendwie nach Hause. Passt auf euch auf. Wir sehen uns!“

„Warte...“, wollte Mia rufen, aber Marc hatte sich schon abgewandt und zog Felix davon.

Also sagte sie nur: „Danke. Danke, dass ihr mich gesucht habt“

„Kein Ding“, grinste Marc. „Dafür sind Mitbewohner doch da!“

„Mia...“, drängelte James mit einem nervösen Blick auf die Männer.

„Und, Marc...“

„Ja?“. Marc drehte sich um und kniff geblendet die Augen zusammen.

Kurz überlegte Mia, ob sie ihm sagen sollte, dass er nie wieder nach Hause kommen würde. Dass er verloren war. Dass sie sich vermutlich niemals wiedersehen könnten. Aber alles, was sie rausbekam, war:

„Vergesst nicht, den Müll raus zubringen, wenn ich weg bin“

Marc nickte und lächelte. Dann zog er endgültig ab.

„Jetzt komm schon!“.

James griff nach ihrem Handgelenk und zog sie in Richtung Wasser.

„Hier muss irgendwo ein Portal sein! Kentaner können nicht schwimmen. Geschweige denn tauchen. Das heißt, hier unter Wasser muss ein Riss sein“

Mia nickte abwesend. Irgendwie war sie unglaublich traurig darüber, dass Marc und Felix wieder fort waren. Eine Zeit lang hatte sie gedacht, dass es so bleiben könnte. Mit James und Marc und Felix. Eine kleine Familie von Verirrten. Aber nein. Jetzt waren sie wieder zu zweit.

Die Wachmänner wurden von dem Roboter aufgehalten, der ihre Dienstmarken forderte. James umrundete einen Haufen Handtücher und steuerte auf die Lagune zu.

„Können wir nicht vorher noch was essen?“, fragte Mia und hielt sich den Bauch.

„Da drüben gibt’s ein Buffet“. James deutete in eine vage Richtung, „Aber beeil dich. Wir haben nicht viel Zeit“

Mia nickte und schlüpfte zwischen ein paar im Bikini durch den Sand flanierenden, riesigen, blauen Frauen hindurch. Das Buffet war wirklich reich gedeckt. Ohne große Umschweife griff sie nach ein paar frikadellenartigen Fleischstücken und ein wenig Obstjoghurt, oder was auch immer das war. Joghurt jedenfalls nicht, der Geschmack lag ihr eigenartig sauer auf der Zunge. Obwohl in ihrem Mund nun tausende neue und faszinierende Geschmäcker explodierten, hatte sie keine Zeit, darauf zu achten. Mit der ganzen Joghurtschüssel unter dem Arm rannte sie zurück zu James, wobei sie sich immer wieder eine Handvoll in den Mund schaufelte.

„Das sieht jetzt aber nicht sehr weiblich aus“, stellte James kritisch fest.

„Du hättescht dich beim Birneneschen schehen schollen!“, nuschelte Mia. „Jetscht lauf!!“

Die Wachmänner konnten passieren und hatten sie nun wieder direkt im Visier. Die Masse teilte sich vor ihnen und gab den Weg zu James und Mia ohne weitere Hindernisse frei.

„Nehmt das!“, rief James und zog die Zahnbürste.

...

Nichts geschah.

Frustriert schüttelte er sie und steckte sie dann zurück in die Tasche. „Ich verstehe einfach nicht, wie man so ein sinnloses Objekt erfinden kann!“, rief er, während er anfing, zu laufen.

Mia tat es ihm gleich, aber die Aufgabe, zu laufen, den Leuten auszuweichen und zu essen gleichzeitig nahm all ihre Sinne in Anspruch, weshalb sie es nicht schaffte, James' Weg zu folgen. Als sie das nächste Mal aufsah, über und über mit Joghurt bekleckert, war James in den Fängen der Wachmänner und sie auf der anderen Seite der Lagune.

Mist.

Jetzt war wieder alles an ihrem Orientierungssinn gescheitert.

Aufgeregt, begann sie seinen Namen zu schreien und zu winken. James sah sie entnervt an und er hatte Recht: Das brachte jetzt wirklich nicht viel. Sie musste zu ihm kommen, möglichst schnell. Wehleidig nahm sie einen letzten, großen Haps von ihrem Joghurt-Zeug und beförderte es dann im hohen Bogen ins Wasser, wo die Schale sofort verschwand.

Dann sprintete sie los, wieder um die Lagune herum, über seltsame kleine Haustiere hinweg, an kreischenden Frauen vorbei, neben spielenden Kindern her. Sie hatte die blau angezogenen Männer, die noch immer mit James rangelten, fast erreicht, als sich ihr ein kleiner Pinscher entgegen stellte. Er kläffte und geiferte mit wildem Blick und Mia war klar, dass er sie nicht so leicht passieren lassen würde, obwohl sie sich mit rasendem Tempo näherte.

„Tut mir Leid. Opfer müssen gebracht werden“, keuchte sie, holte aus und trat zu.

Ein Jaulen. Der Hund flog in hohem Bogen ins Wasser und verschwand. Irgendwo kreischte eine besonders fette Frau auf.

„Francesco! Sie hat meinen Francesco ertränkt!“

„Sie bekommen bestimmt einen neuen Hund!“, rief Mia entschuldigend über die Schulter.

„Er war mein Ehemann!“, kam es empört zurück.

Mia beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, denn nun war sie bei der Gruppe Wachmänner angekommen. Der eine hatte James fest im Griff, während der Andere sich mit einem Tazer näherte.

Mia sog scharf die Luft ein. Jetzt hieß es Beeilung. Mit aller verbliebenen Kraft in ihren brennenden Beinen setzte sie zum Endspurt an.

Dann fiel ihr ein entscheidender Fehler in ihrer Taktik auf: Was wollte sie überhaupt machen, wenn sie da war? Sie konnte ja schlecht die ganze Truppe ausknocken... wenn sie wenigstens noch Marcs Baseballschläger gehabt hätte, wäre das Problem bestimmt nicht ganz so groß gewesen, aber unbewaffnet und hilflos hatte sie so gut wie keine Chance.

Aber nun war es zu spät zum Bremsen. Hilflos starrte sie den wuchtigen Körper vor sich an, der sich mit erschreckender Schnelligkeit näherte und dann:

WAMM.

Für ein paar Sekunden bestand die Welt aus verknoteten Körperteilen, dem elektrischen Surren eines Tazers, Sand in ihrem Mund und ihrem eigenen, völlig verwirrten Schrei. Sie spürte, wie sich ihre Arme aufs unmenschlichste verrenkten als sie durch den Sand geschleuderte wurde und wie sie weitere Leute mitrissen, bis ihr die Luft abgedrückt wurde und sie hart auf dem Boden aufschlug.

Stöhnend öffnete sie die Augen. Ihr Körper war begraben unter drei Wachmännern und direkt vor ihr wandte sich James auf dem Boden, mit dem Tazer am Rücken.

Scheiße.

Mit aller Kraft versuchte sie, ihren Arm unter dem Haufen herzuziehen, aber keine Chance. Es gab keine Möglichkeit, ihm das blitzende Teil vom Körper zu ziehen.

„Ddddddddaaaaaaasssss“, stotterte James mit hasserfülltem Blick, „kkkkkrieeeeggggsssttt duuu ssssoooowwwaaaasssvvooonnn zzzzuuurrrüüüüccckkkk....“

Mia wollte eine bissige Antwort zurück werfen, aber ihr fehlte die Luft. Um sie herum brach nun das totale Chaos aus. Der Alarm ging los. Die fette Frau zeterte. Neue Truppen rückten an. Der Park wurde evakuiert. Und die Erde bebte.

...Moment.

Die Erde bebte?!

Mia riss den Kopf hoch und starrte angsterfüllt in die Lagune, wo sich nun ein eine riesige Gestalt abzeichnete. Die Luft war erfüllt von Schreien, aber die riesige Welle Wasser, die nun an Land rollte und mit tosendem Gebrüll gen Himmel schrie, übertönte alles. Mias Blick flog zum aktivierten Tazer und egal, wie verrückt es war, bei der meterhohen Welle nur daran zu denken, ihr wurde bewusst, dass Wasser und Elektrizität nicht wirklich gut aufeinander einwirkten.

Mit aller Kraft warf sie sich nach vorne und biss in das Kabel, dass direkt vor ihr im Sand lag. Dann zog sie. Der Stromkreis wurde unterbrochen. Aber das Teil blitzte noch immer.

„Okay...“, keuchte sie. „Okay“

Sie hatte eine minimale Chance, den Ausschalter zu treffen, ohne geblitzt zu werden, aber sie musste es einfach wagen. Ihr Gesicht bekam erste Tropfen ab. Gleich würde die riesige Welle alles verschlingen und der Strom würde sie alle umbringen. Zumindest war das ihr Gedankengang, in ihrer Panik. Also riss sie den Kopf runter und betete.

Es piepte.

Der Tazer schaltete sich aus.

Und dann wurde sie mit so einer Wucht vom Wasser getroffen, dass sie alles vergaß. Von unsichtbaren Mächten hin und her geschleudert, gegen andere Leute, Gegenstände und Tiere geschmettert, nach oben, unten, rechts, links, bis sie nichts mehr wusste und keine Orientierung mehr hatte. Die Augen offen zu halten war zwecklos. Sie sah sowieso nichts. Und langsam ging ihr die Luft aus. Salzwasser gelang in ihren Mund. In ihre Lunge. In ihr Blut. Es war einfach überall. Sie konnte sich nicht bewegen. War ein Spielball der Wellen.

Nun war sie sich sicher.

Sie würde sterben.

Dieses Mal.

Würde sie keiner retten.

 

 

 

9. Kapitel-Earth Sister

9. Kapitel

 

„Mia? Mia, wach auf...“

Alles roch nach Salz. Ihr Kopf schmerzte. Ihr war kalt.

„Mia!“

Wo war sie? Ein Fiepen drang durch ihren Schädel und verhinderte auch nur einen klaren Gedanken. Ihr Hals schmerzte. Ihre Nase brannte.

„Verdammt, wach auf“

Sie versuchte, einen Laut von sich zu geben und er klang rauer als gewohnt. Ihre Herz schlug ihr bis in den schmerzenden Kopf.

„Hallelujah! Kannst du mich hören?“

Sie nickte schwach.

„Wir werden jetzt springen. Erschreck dich nicht. Es ist alles gut“

Sie versuchte, ihre Augen zu öffnen, aber ihre Lider waren schwer wie Stein. Ein schmaler Streifen Gold drang durch all das Schwarz und formte sich langsam zu einem Tränen getränktem Bild. Die absolute Zerstörung. Schutt und Bruchstücke. Leblose Körper. Die Sonne brannte erbarmungslos auf dieses Bild des Chaos ein und auf einmal entfernte sich der Boden. Da war ein Arm unter ihren Knien und ihren Schultern. Sie blinzelte. Versuchte, all das einzuordnen.

Aber da sprang James schon und alles, was sie sah, waren die Hände, aus denen Bäume wuchsen, im Chaos des Risses.

 

**

 

Als sie das nächste Mal zu sich kam, ging es ihr bereits besser. Ihre Sicht war klarer und ihr Herz schlug langsamer, das Atmen tat nicht mehr ganz so weh und es war einigermaßen warm.

Vorsichtig richtete Mia sich auf. Sie blinzelte. Und langsam entstand ein Bild vor ihren Augen.

James hatte sich den Gürtel des Bademantels um den Kopf gebunden und versuchte, mit einem Feuerzeug einen Haufen Holz anzuzünden, den er mit Papier präpariert hatte.

Ritsch-Ritsch. Das Feuerzeug quietschte leise.

Sie saßen an einer großen Betonmauer, die mit Graffiti vollgeschmiert war. Es roch fürchterlich. Von irgendwo drang Motorenlärm und nichts sagte ihr, dass sie sich nicht auf der Erde befanden, abgesehen von dem unglaublichen Druck, der auf ihren Schultern lastete.

Ritsch-Ritsch.

„James?“, fragte sie heiser. Er drehte den Kopf.

„Oh gut, du bist wach. Ich dachte schon, ich dürfte die Nacht allein verbringen... auch wenn das ein Problem geworden wäre. Die Nacht dauert hier ungefähr 5 Tage...“

„Wo sind wir?“, fragte Mia und versuchte, ihre steifen Gelenke zu bewegen.

Ritsch-Ritsch.

„Ich habe keinen blassen Schimmer...“, murmelte James. „Sieht nach irgendetwas höher entwickeltem aus. Vielleicht Delta... oder so...“

„Was ist passiert?“, fragte sie weiter und fuhr sich durch die verknoteten Haare. Sie waren noch nicht ganz getrocknet.

„Die Risse kollabieren“. James sah ernst aus. „Es wirkt, als würde unser ganzes Raum-Zeit-Konstrukt auseinander brechen“

Ritsch-Ritsch.

Mia hielt den Atem an. „Und... was machen wir jetzt?“

„Wir müssen uns beeilen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Bald reißt alles auseinander und dann sind wir verloren. Ausnahmslos“

Endlich fing das Papier Feuer. James zog die Zahnbürste aus der Tasche und versuchte, das ganze anzufeuern. „Nicht Mal brennen tut das Ding...“, brummte er missmutig.

„Eigentlich benutzt man es ja auch um...“

„Psht!“, unterbrach er sie ruppig. „Ich finde das schon noch raus!“

Mia zuckte resignierend mit den Schultern und rutschte näher ans Feuer. Es roch nach verbranntem Plastik.

„Was ist geschehen, in der Lagune?“

Ein paar Regentropfen fielen. Sie schlugen viel härter auf dem Boden auf, als gewohnt und in Windeseile war das Feuer wieder ausgelöscht. James zog erneut das Feuerzeug.

„James?“

„Der Riss ist kollabiert“

„Was heißt das?“

Ritsch-Ritsch.

„Flutwelle.“

Seine knappen Antworten machten ihr Sorge.

Ritsch-Ritsch.

„Wie groß? Was ist übrig geblieben?“

Ritsch-Ritsch.

Ihr wurde schlecht.

„James?“

Ritsch-Ritsch.

Marc und Felix. Ihr Herz klopfte schneller.

„James?!“

Ritsch-Ritsch.

Seine Hände zitterten wie Espenlaub und er war kreidebleich, das fiel ihr seltsamerweise erst jetzt auf.

Ritsch-Ritsch.

„James, sag mir, dass sie das überlebt haben“

Er stierte auf den Feuerhaufen, als könne er ihn mit reiner Willenskraft zum Brennen bringen.

Der Regen nahm zu.

Ritsch-Ritsch.

„James!!“

Er sprang auf.

„Ich kann doch auch nichts daran ändern!! Ach, dieses verdammte Feuerzeug, scheiße!“

Wütend pfefferte es es gegen die Wand.

„Sie sind... sie sind...?“, stammelte Mia. Ihre Knie wurden weich.

„Ich weiß es doch auch nicht“, warf James zurück. „Alles war zerstört. Nichts stand mehr aufrecht. Ich habe keine Überlebenden gesehen. Habe mir ein paar Erdbeeren reingeschoben und bin mit dir verschwunden“

„Du hast sie nicht gesucht?!“. Ihre Stimme kippte ins bedrohlich hohe.

„Was hätte das denn gebracht? Da waren Tausende! Außerdem hätten die Wachmänner...“

„Ach, jetzt geht es wieder um dich“, zischte Mia. „Es geht dir immer nur um dich, oder? Es ist dir egal, was die Anderen machen, solange du deinen Hals retten kannst. Was ist, wenn wir sie noch hätten retten können? Was ist, wenn sie jetzt gestorben sind, nur weil du dir zu fein warst, nach ihnen zu suchen?!“

James öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, aber er schloss ihn hilflos wieder.

„Weißt du was?! Ich hätte dich sterben lassen sollen, damals im Wald. Genau so, wie du sie hast sterben lassen“

Ihm wich alle verbliebene Farbe aus dem Gesicht, aber sie hasste ihn sosehr für seine Feigheit, dass es ihr egal war.

„Du bist nicht süß! Du bist kein toller, aufregender Held, nur weil du im Bademantel herum rennst! Du hast nicht das Recht, zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht! Du hattest nicht das Recht, sie sterben zu lassen!!“

Ihr stiegen Tränen in die Augen, aber sie wollte nicht, dass er es sah, also biss sie sich auf die Lippe und schluckte sie herunter.

„Gib es auf. Du kommst niemals nach Hause. Und wenn du es tust, dann wollen sie dich sowieso nicht da haben. Weil dich keiner haben will.“

James taumelte gegen die Wand, als hätte sie ihn geschlagen. Noch mehr: als hätte sie ihm das Herz herausgerissen. In der selben Sekunde, in der sie in seine schmerzerfüllten Pupillen sah, bereute sie ihre Worte. Doch der Selbstschutzreflex in ihr ließ nicht zu, dass sie eine Entschuldigung heraus bekam. Es endete in einem heiseren Krächzen in der Nacht und ihren Beinen, die sie sicher forttrugen, von James, der Mauer und dem blöden Feuerzeug.

Sie wollte nur noch fort von hier.

Die brodelnde Wut in ihrem Magen übertönte die Panik in ihrer Brust. Was hatte sie getan? Nein, was hatte ER getan? Er hatte Felix und Marc sterben lassen, einfach so. Und dafür sie gerettet. Sie schluckte.

Und lief weiter.

Plötzlich wünschte sie sich, das alles wäre nie passiert. Sie wünschte sich, sie hätte James gehen lassen, anstatt ihn angebettelt zu haben, sie mitzunehmen. Dann würde sie jetzt mit Felix und Marc auf dem Sofa sitzen und fernsehen, anstatt im Dunkeln über einen fremden Planeten zu laufen und zu weinen.

Irgendwann verweigerten ihre Beine ihr den Dienst und sie sacke kraftlos am Straßenrand zusammen. Unglaublich schnelle Autos flitzten in der Ferne vorbei und ihr Lärm drang bis zu ihr hinüber. Der kalte Stein und der Regen hatten sie völlig ausgekühlt und auf einmal war Mia schrecklich müde.

Sie wollte schlafen.

Jetzt.

Und dann tat sie das auch.

 

**

 

Das war knapp gewesen.

Marcs Atem zitterte noch immer, als er sich aufrichtete, aber sie hatten es geschafft. Haarscharf.

Mit gerunzelter Stirn sah er sich um und suchte nach Felix. Wo waren sie?

Das Wasser hatte sie nicht erreicht, bevor sie an dem Portal angekommen waren. Bevor ER an dem Portal angekommen war. Hatte Felix es auch geschafft?

Es war bitterkalt. Erst jetzt fiel ihm das gefrorene, knallblaue Gras auf, das unter jedem seiner Schritte knirschte, als er sich aufrappelte. Feine Eiskristalle rieselten vom Himmel. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte er, wie sein Atem in Form einer Wolke in den Himmel aufstieg und verrauchte. Seine Finger waren bereits jetzt bitterkalt.

„F...Felix?“, fragte er in die eisige Stille hinein. Es schien nicht so, als wäre der Planet bewohnt. Irgendwo in der Ferne ragten die schneebedeckten Spitzen von hohen Bergen in die Höhe. Der Wind heulte hohl über die Ebene.

Keine Antwort.

„Felix...“, rief er lauter. „Wo bist du?“

„Marc... ich... ich bin hier“

Felix' Stimme bebte noch mehr als seine eigene. Marc drehte sich um. Da stand er, seltsam versteift und mit Schreck geweiteten Augen.

„Alles in Ordnung?“

Felix starrte ihn an, dann nickte er wie in Zeitlupe. Noch immer bewegte er sich keinen Zentimeter.

„Was ist denn los?“

Felix rang nach Luft, brachte aber keinen Laut hervor. Stattdessen begann er, zu zittern.

„Marc...“, hauchte er. „Beweg dich nicht“

Marc, der gerade auf ihn hatte zugehen wollen, verharrte in seiner Bewegung.

„Wieso...?“, fragte er unsicher. Felix war nun alle Farbe aus dem Gesicht gewichen.

„Sie sind direkt hinter dir“

Marc wollte den Kopf drehen, doch Felix hinderte ihn mit einem hohen Kieksen daran.

„Tu das nicht... sonst... sonst drückt er ab...“

Augenblicklich schoss Marcs Puls in die Höhe. Er hörte sein eigenes Blut in seinen Ohren rauschen. Sonst drückt er ab.

Er hatte noch nie eine Waffe im Rücken gehabt, aber nun war es so weit und die Panik, die nun von ihm Besitz ergriff, überschattete jegliche emotionale Regung, die er jemals verspürt hatte. Was nun?

Ein paar schreckliche Sekunden standen sich die beiden nur gegenüber und starrten sich an.

Dann ertönte ein unglaublich schrilles Geräusch, das Marc noch Sekunden später in den Ohren klingelte. Erschrocken duckte er sich. Was zur Hölle war das gewesen?

„Gnaaaaaaaaaaa“

 

 

**

 

 

Als Mia am nächsten Morgen erwachte, war James nicht bei ihr. Das war das erste, was ihr auffiel und mit einem Schlag wurde ihr klar, wie furchtbar ungünstig ihre Lage war.

Da saß sie also, an irgendeiner Außerirdischen-Autobahn, ohne Freund, ohne Orientierung, völlig alleine und den einzigen, der bei ihr gewesen war, hatte sie zurückgelassen und ausgeschimpft. Müde fuhr sie sich durch die Haare. Sie hatte schrecklichen Durst. Und ihr war bewusst, was für einen Mist sie gebaut hatte.

Mit dem trockenen Ziehen im Hals richtete sie sich auf und rieb sich den Schlafsand aus den Augen. Sie musste James finden und sich entschuldigen. Selbst wenn er Marc und Felix zurückgelassen hatte, da half es ihr jetzt auch nicht weiter, auch noch ihn sterben zu lassen. Denn darauf würde es ja wohl hinauslaufen, wenn sie ihn alleine ließ. Außerdem war sie vielleicht wirklich ein ganz klein bisschen ungerecht gewesen. Aber auch nur ein bisschen.

Gähnend machte sie sich auf den Rückweg, der relativ einfach zu finden war, weil ihre Fußstapfen in der aufgeweichten Erde den Weg wiesen. Auf dem Weg kam sie an einer Zeitung verkaufenden Pflanze vorbei. Die Welt war schon verrückt...

„Ist es nicht ungesund, zu rauchen?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn, als ihr das Ding eine Zeitung andrehen wollte.

„Heutzutage ist es ungesund, zu atmen, Ma'am“, erwiderte die Pflanze Schulter(/Blätter)zuckend und drückte ihr die Ausgabe in die Hand.

Vor Mias Augen tummelten sich Zeichen, die sie nicht verstand.

„Was steht da?“, fragte sie stirnrunzelnd.

„Ah, kommst wohl nicht von hier, wadd?“ Die Pflanze nahm einen weiteren Zug und auf einmal war sich Mia nicht mehr so sicher, ob es sich um den glimmenden Stummel wirklich nur um eine Zigarette handelte. „Warte, ich les's vor: Streit um neuen Paketlieferdienst geht weiter“

Mia zog die Augenbrauen hoch. „Alles eskaliert, weil das Universum Risse bekommt und in der Zeitung geht es um Paketdienste?“

„Jojo... die Welt geht vor die Hunde“, nickte die Pflanze. Unwillkürlich fragte Mia sich, womit das Ding sprach.

„So, Frühschicht ist fettich“, beschloss besagte in eben jenem Moment und schmiss die restlichen Ausgaben über die Schulter. Dann ertönte ein hohes Ritschen und ein Mann stieg aus der Pflanze.

Mia klappte der Mund auf.

„Was guckstn so, hä?“, fragte der Typ und nahm einen tiefen Zug. „Is halt 'n Job!“

Dann warf er sich sein Pflanzenkostüm über die Schulter und zog ab. Mia schluckte. Okay. Das war seltsam gewesen.

Sie beschloss, sich nicht weiter Gedanken darüber zu machen und setzte ihren Weg zu James fort. Sie hörte ihn bereits von Weitem und konnte nicht verhindern, dass ihr ein Stein vom Herzen fiel. Er war also noch da und sie würde nicht völlig alleine durchs Weltall driften müssen.

„Gnaaaaa Gna Pina Colada?“

Erschrocken hielt sie inne. Wieso übersetzte ihr Gerät nicht? Irritiert klopfte sie auf den winzigen Knopf in ihrem Ohr. Er war intakt. Und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: James' Übersetzer war kaputt, seit dem Chamäleon-Dschungel!

Ein schrilles „Gnaaaa!“ kam zurück und erneut musste sie sich an der Mauer abstützen. Das waren die Weißelfen! Was zur Hölle taten die hier?! Vorsichtig linste sie über die Reihe von Büschen, die sie von James abtrennte. Er war von den hochgewachsenen, bleichen Wesen umzingelt und erhob hilflos die Arme. In der linken Hand hielt er die Zahnbürste. Typisch.

Kurz überlegte sie, ob sie sich zeigen sollte, denn eigentlich kannte sie die Weißelfen ja, aber die Stimme, die sie nun hörte, brachte sie rechtzeitig davon ab.

„Wo ist die andere?! Wir sollten beide mitnehmen!“

„Die wird uns den Kopf abreißen... schon wieder der Falsche“

Einer der Weißelfen packte James grob ins Gesicht und drehte ihn herum.

„Öii, ein bischn Reschpkt btte“, nuschelte dieser verärgert, verstummte aber sofort, als einer der Weißelfen seine Waffe entsicherte.

„Nein, er ist der Richtige“, murmelte der Soldat. „Aber die Göre fehlt.“

„Aber wir brauchen die Daten von Beiden, um den Plan umzusetzen.“ Der Andere schüttelte den Kopf.

„Ach, die holen wir eben später. Jetzt lass uns den Schwachmaten wegbringen, bevor er auch noch entwischt. Sie kann ja nicht weit weg sein.“

Dann packten sie sich den protestierenden James und schleiften ihn hinter die Mauer, wo Mia das Brummen eines Motors hörte. Einer der Weißelfen blieb stehen und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Er hatte eine furchtbare Narbe über dem Auge, das einzige, was ihn von den Anderen unterschied. Kurz dachte sie, seine blitzend schwarzen Augen hätten sie erfasst, aber nach wenigen Sekunden der Atemlosigkeit drehte er sich ab und verschwand ebenfalls.

Jetzt hieß es handeln. So schnell sie konnte, setzte sie über die Büsche und schlitterte durch das nasse Gras, um die Mauer herum. Sie hatte noch nie ein Raumschiff gesehen, aber dafür blieb genau so wenig Zeit wie für den Streit von gestern Abend, als sie einen Satz machte und sich irgendwie an dem riesigen Gefährt festklammerte, das nun zu vibrieren begann.

Das Brummen und Dröhnen der Maschinen durchströmte ihren ganzen Körper und ihre Hände kribbelten, als sie sich noch fester krallte.

Auf einmal wurde ihr bewusst, wie dämlich sie war. Vielleicht lag es daran, dass das metallisch schwarze Gefährt sich nun immer weiter vom Erdboden entfernte oder daran, dass ihr klar wurde, dass sie die Atmosphäre verlassen würden. Natürlich. Es war ein Raumschiff, was hatte sie erwartet?!

Der zusätzliche Druck der Anziehungskraft zerrte noch dazukommend an ihrem Körper und so kostete es sie alle Kraft, sich festzuhalten. Und nun waren sie schon mindestens einen Kilometer in der Höhe... sie zwang sich, nicht nach unten zu sehen. Das hatten sie doch schon einmal getan, James und sie... mit zusammen gepressten Augen machte sie einen Schritt zur Seite, um sich langsam an die Wand gepresst zu dem winzigen Fenster zu bewegen, dass sich neben ihr auftat. Sie hatte keine Ahnung, ob es da hinein ging, aber es war ein Ziel.

Aber es kam anders, als erwartet.

Das Raumschiff flog eine Kurve und riss sie aus ihrem Halt.

Für den Bruchteil einer Sekunde schoss ihr all ihr Blut in den Kopf und ihre Finger verloren den Halt.

Ihr Füße rutschten ab.

In ihrer Brust explodierte ihr Herz.

Und dann fiel sie. Und fiel. Und fiel.

Am liebsten hätte sie James umgebracht dafür, dass sie nun doch noch wegen ihm starb.

Aber es sollte schon wieder anders kommen.

Als Mia bereits jegliche Hoffnung aufgegeben hatte, wurde sie von einer seltsamen magnetischen Kraft sanft abgefangen und angesogen. Erschrocken riss sie die Augen auf und starrte das Raumschiff an, das sie nun aufnahm. Es schien nur noch von ein paar Rollen Panzerband zusammen gehalten zu werden, die die rostigen Metallplatten aneinander ketteten und verhinderten, dass das ganze auseinander fiel. Die richtigen Geräusche machte es auf jeden Fall schon. Das laute Knartschen war lauter als ihr Geschimpfe und Gezeter.

„Was fällt ihnen ein, mich einfach so abzufangen?! Ich falle hier gerade!“

„Jetzt halt mal die Luft an, Mädel“

Zu ihrem Erstaunen verstummte Mia tatsächlich. Vielleicht lag es an dem Inneren des Raumschiffs, das sich ihr nun eröffnete. Hier sah es noch schlimmer aus, als von außen. In der Ecke stand ein winziges Bett, auf dem Boden war überall Essen verteilt und gekritzelte Zeichnungen hingen an der Wand, neben Pink Floyd und Bob Marley Postern. Und inmitten all dieses Chaos saß eine Frau mittleren Alters, mit streichholzkurzen, blondierten Haaren und einer Fliegerbrille auf. Sie sah nicht sehr außerirdisch aus, nicht mal ihre Pupillen hatten eine besondere Farbe.

Auch sie starrte Mia sehr interessiert an.

„Menschlich...?“

Mia nickte.

„Mensch?“

Mia nickte erneut.

„Von der Erde?“

Mia nickte ein drittes Mal.

„Mein Gott! Dass ich das noch erlebe!“

Die Frau lachte und stürzte auf sie zu, dann umarmte sie sie stürmisch und begann, Mia mit Küssen zu übersähen.

„Ein echter Mensch von der Erde! Ich fasse es nicht!“

„Ja... ja, toll...“, murmelte Mia und versuchte, sich aus der Umarmung zu befreien. Das war ja ekelig... „Und mit wem habe ich es zu tun?“

„Mit dem selben! Mensch von der Erde!“

Sie starrte die Frau an. „Nein!“

„Doch!“

„Ohh!“

Die Frau lachte Tränen. „Dass ich diesen Witz noch einmal reißen darf... oh, Hallelujah!“

„Wie sind Sie ins Weltall gekommen?!“

„Da war dieser Riss, vor 22 Jahren... und da bin ich rein gefallen. Und auf einmal war ich hier“

Die Frau zuckte mit den Schultern. „Hab mich so durchgeschlagen“

Mia klopfte respektvoll an eine der Wände. Ein Stück Wand brach unter ihren Fingern heraus und landete mit einem metallischen Aufschlag vor ihr auf dem Boden.

„Das... würde ich lassen“, stellte die Frau fest. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Anne, aus Norwegen“

„Mia, aus Deutschland“, erwiderte Mia und schlug in die behandschuhte Hand ein.

„Und wie bist du hierher gekommen?“, fragte Anne.

„So ähnlich wie du... aber mich hat jemand mitgenommen... und der steckt in gehörigen Schwierigkeiten“

„Das Raumschiff, an dem du hingst?“, fragte Anne wissen.

Mia nickte.

„Kein Problem. Ich habe mir schon so etwas gedacht und den Verfolgungskurs aufgenommen“

„Endlich denkt mal jemand mit!“, freute sich Mia. „Darf man sich setzen?“

„Nee, sorry“, wehrte Anne ab. „Der Stuhl stopft nur das Loch im Boden“

Mia sah den Stuhl eine Weile an.

„Echt jetzt?“

„Jap“

Anne steuerte das ächzende Raumschiff, als wäre es das normalste der Welt, dass da ein Stuhl ihr Raumschiff abdichtete.

„Kommt da nicht irgendwie Luft durch?“

„Wir haben ein Schild. Also zumindest so lange du die Scheibenwischer nicht anmachst. Dann reicht die Energie nicht mehr“

„Ahja“

Mia machte einen Schritt nach vorne, um sich einen Weg zum Bett zu bahnen, aber Anne hielt sie auf.

„Lass es lieber. Wenn hinten zu viel Gewicht liegt, reicht der Sprit nicht mehr“

„Oh“

„Ja“

Mia sah sich unschlüssig um, dann blieb sie einfach genau da stehen, wo sie war.

„Jetzt erzähl doch mal!“, rief Anne. „Wie ist es so, auf der Erde?“

„Hmm...“, Mia überlegte. „Geht so. Ziemlich viel um die Ohren, mit Klimaerwärmung und so. Außerdem denkt jetzt noch jeder, er müsste ein Individuum sein und wird zum Hipster und Leute setzen sich dicke Brillen auf und tun so, als wären sie Nerds. Auf einmal sind Informatiker cool und Rechtsanwälte schnöselig... und im Radio läuft nur Müll“

„Nein!“, rief Anne. „Nicht den Schwachsinn! Den hatte ich früher auch. Erzähl mir was von draußen! Von der Sonne, von der Landschaft, von den Stränden...“

Sie schloss genießerisch die Augen und riss sie im nächsten Moment wieder auf, weil sie den Steuerknüppel in der Hand hatte. „Oh, verdammt... mach dir keine Sorgen, der geht wieder rein“

Dann schlug sie ein paar Mal auf das Modul ein und übernahm wieder den Flug. Mia fragte sich, ob sie nicht lieber hätte fallen sollen. Dann wäre sie jetzt immerhin sicher tot.

„Na los, jetzt erzähl!“

Mia holte tief Luft und versuchte, nicht panisch auf all die rot blinkenden Lämpchen der Rostlaube zu starren.

„Also... wenn die Sonne scheint sind meistens alle im Park, auf der Wiese... und wenn es regnet sitzen wir zusammen drinnen und spielen PlayStation...“ Sie erinnerte sich an all die Nachmittage in der WG, als Julius noch bei ihnen gewohnt hatte. Zugegeben, es waren nicht nur Regentage gewesen, an denen sie stundenlang gezockt hatten... „Im Winter, wenn es kalt war, haben wir immer Kekse gebacken und dann hat es überall danach gerochen... Dann waren an den Fenstern die Winterkristalle und drinnen haben wir gespielt. Es roch nach Zimt und... Marcs verbranntem Nudelauflauf und...“

Auf einmal vermisste Mia das alles mehr als alles Andere.

„Im Sommer lagen wir manchmal tagelang nur im Park und haben den Leuten beim Spazierengehen zu geschaut. Wir hatten immer so eine kleine Musikbox mit und haben ausgelost, wer zum Kiosk muss, Cola und Kekse holen. Es roch nach Blumen und nassem Gras und den Mülleimern, die niemals ausgeleert wurden...“

Selbst nach diesem Geruch sehnte sie sich nun.

„Und manchmal hat Marc versucht, uns Baseball beizubringen oder Felix hat uns Mathe erklärt oder Julius ist einfach so drei Runden im Kreis gejoggt... wir waren ein bekloppter Haufen, aber dann war Julius fertig mit Studieren und ist weggezogen. Wir waren alleine und irgendwie war's nicht mehr wie vorher, weil irgendwas gefehlt hat. Und dann lag auf einmal James in meinem Badezimmer und mit einem Schlag war alles anders“

Sie schüttelte sich.

„Und jetzt sind Felix und Marc wahrscheinlich tot und James ist entführt. Und ich sitze hier, völlig alleine im Weltraum, in einem total schrottigen Raumschiff“

„Erstens“, unterbrach Anne sie, „bist du nicht alleine und zweitens ist das hier nicht schrottig. Vor ein paar Jahren war sie das Beste, was man auf dem Markt bekommen konnte“

Mia grinste und schluckte die Tränen hinunter. Das wäre ja noch schöner, wenn sie jetzt losheulen würde... sie würde jetzt James retten. Und dann weiter schauen.

Also atmete sie tief durch und richtete sich auf.

„Wirst du mir helfen, ihn zu retten?“

„Aber klaro. Earth-Sister!“ Anne hielt ihr die Faust hin.

Mia grinste schief und schlug ein. Diese Anne war wirklich ein bisschen schräg, aber schwer in Ordnung. Und vielleicht hätte sie mit ihr sogar eine reelle Chance, dahinter zu kommen, was die Weißelfen im Schilde führten und wozu sie Mia und James dazu brauchten.

Denn sie hatte das Gefühl, dass das ganze nicht so einfach werden würde, wie zu Anfang gedacht. Um genau zu sein würde es vermutlich extrem hart werden. Und um das zu überstehen brauchte sie James wieder.

Aber eins nach dem Anderen.

 

10. Kapitel-Blöde Kuh

10. Kapitel

 

„Das Raumschiff ist weg“, stellte Anne fest.

Mia sah auf. Sie hatte sich gerade auf dem Boden niedergelassen und darüber nachgedacht, was zur Hölle die Weißelfen hier machten. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass sie keine Ahnung hatte. Und viel weiter war sie auch nicht gekommen. Es war ja auch erst 2 Minuten her, dass sie sich hingesetzt hatte und alleine dafür hatte sie 5 Minuten gebraucht. Man hatte ja direkt Panik, das Gewicht überhaupt irgendwohin zu verlagern...

„Wie, weg?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn und sah auf.

„Naja...“

Anne zog an einem Hebel, woraufhin sich der kleine Raum mit einem bedrohlichen Ächzen zur Seiten neigte.

„Es ist eben weg“

Mia erhob sich langsam und stellte sich neben Anne. Die Frau hatte ihre Fliegerbrille in die streichholzkurzen Haare geschoben und rieb sich nachdenklich die Stirn. Ihre ölverschmierten Finger hinterließen dunkle Schlieren auf der Haut.

Mit zusammen gekniffenen Augen versuchte Mia, etwas durch die tausendfach gesplitterte Frontscheibe zu erkennen. Sie befanden sich noch immer in der Atmosphäre des Planeten, der sich groß und grau weit unter ihnen drehte. Es war unmöglich, zu erkennen, ob da irgendwo ein glitzernder Riss war oder ob es sich nur um die reflektierte Sonne in den Glassplittern handelte.

„Kann ich auf's Dach?“, fragte Mia.

„Das Dach?!“, wiederholte Anne verwirrt.

„Ja... von da aus müsste ich sehen können, ob und wo es ein Portal gibt“, erklärte sie.

Anne grinste. „Du gefällst mir! Ich versuche, die Maschinen still zu halten“

„Kannst du nicht in der Luft stehen?“, fragte Mia.

„Mädchen, das ist eine Maschine im 54er Modell, da wurde an der Kolibri-Technik noch nicht einmal gearbeitet!“

Mia vergrub das Gesicht in den Händen. „Na super...“

„Da ist die Leiter.“ Anne deutete auf ein rostiges etwas, das zu einem Loch in der Decke führte. Sofort bereute Mia ihre Entscheidung.

„Jetzt mach schon, ich kann das nicht lange halten...“, forderte Anne sie auf. „Die Maschinen sind nicht sehr standhaft“

Resignierend schwang Mia sich auf die erste Stufe, die auch prompt in zwei brach. „Willst du mich umbringen?“, fragte sie erschrocken.

„Jetzt mach hinne!“

„Was tue ich hier eigentlich?!“, murmelte sie, stieg aber trotzdem auf die nächste Stufe. Die Leiter schwankte bedrohlich hin und her und der rote Rost hatte bereits jetzt die Hälfte ihres Shirts eingefärbt. Dann empfing der reißende Wind ihre Haare und kurze Zeit bestand die Welt aus einem Wirrwarr aus braunen Strähnen.

Prustend zog sie sich ihre Haarpracht aus ihrem Gesicht und ließ ihren Blick über das Bild schweifen, das sich ihr nun eröffnete. Der Erdboden war wirklich erstaunlich weit weg... durch die leicht grünlich schimmernden Wolkenfetzen konnte sie kaum die Städte erkennen. Ein paar Meter weiter unten rauschten weitere Raumschiffe durch die Luft, in geordneten Bahnen, scheinbar einem unsichtbaren System folgend. Ihre Verkleidungen blitzten metallisch im Sonnenlicht. Wieso hatte sie nicht eines dieser Modelle abfangen können?

Der rostige Boden unter ihren Füßen machte einen Schlenker nach rechts. Beinahe hätte Mia den Halt verloren, aber gerade noch rechtzeitig krallte sie sich an einem Griff fest. Nun erinnerte sie sich an ihre Aufgabe: nach dem Portal Ausschau halten. Tatsächlich erspähte sie das charakteristische Glimmern nur wenige Meter von ihnen entfernt.

Kurz dachte sie nach. Mit einem gewagten Satz könnte sie mit Leichtigkeit hinein springen... es wäre kaum ein Risiko. Denn die Frage war, ob sie Anne wirklich da mit hineinziehen wollte. So gerne sie die verschrobene Norwegerin auch mochte, noch so einen Chaoskopf konnte sie eindeutig nicht gebrauchen. Und mit dem Raumschiff würden sie bestimmt nicht lange unauffällig bleiben. Andererseits bestand aber auch das Risiko, dass das Portal irgendwo im Himmel endete und sie fallen würde...

Das Raumschiff nahm Mia die Entscheidung ab. Mit einem gewaltigen Satz wurde sie nach vorne geschleudert und ehe sie sich versah, befand sie sich in den Händen des Chaos und vergaß, was oben und unten war.

 

**

 

Es war beinahe schon unverschämtes Glück, dass Mia auf festem Erdboden aufsetzte und nicht kilometertief ins Nichts fiel. Inzwischen hatte sie es auch fast drauf, auf beiden Füßen zu landen, aber leider bekam das keiner mit. War ja mal wieder typisch.

Doch in der nächsten Sekunde besann sie sich. Es war gut, dass keiner hier war, der sie erwartete, denn dann hätte sie wirklich keine Chance mehr gehabt, sich zu retten. Sie befand sich wieder in den gläsernen Tunneln auf dem Smog-Planeten und als sie sich aus irgendeinem unerklärlichen Grund vom Boden abdrückte, wäre sie beinahe gegen die Decke geflogen. Nach dem Druck, der auf dem letzten Planeten geherrscht hatte, erschien ihr die Schwerelosigkeit umso heftiger.

Unsicher sah sie sich um. Wohin jetzt? Der ewige Gang vor ihr war nicht der Raum, in dem die Oberelfe ihnen den Riss gezeigt hatte, es schien, als hätte sich ein neuer aufgetan, einfach so.

„Halloo...?“, fragte sie leise. Niemand antwortete.

Jetzt galt es: Sie musste sich für eine Richtung entscheiden.

Rechts. Links. Rechts. Links.

„Enemene Miste...“, begann sie aufzuzählen. „Es rappelt in der Kiste... Enemenemeck und du bist weg!“

Sie entschied sich für links. Doch sie kam nicht sehr weit.

Mia war gerade ein paar Schritte gegangen, als ein Schrei ertönte.

„Neiiiin! Verdammt, neiiiiiin!!“

Er wurde tausendfach von den Wänden wieder geworfen, drang vibrierend in den Boden und säte ihr Gänsehaut auf den Rücken. Das war James gewesen. Er klang so verzweifelt wie noch nie. Ohne weiter nachzudenken drehte sie sich um und rannte los. Sie musste ihn retten, vor was auch immer.

 

**

 

Marc erwachte davon, dass eine Tür knallte. Erschrocken fuhr er zusammen und sprang auf.

Es war noch alles beim Alten.

Er saß noch immer in dem Gitterkäfig, Felix noch immer in dem Gefängnis neben ihm und die seltsamen, schlanken Schneemänner saßen noch immer an den computerartigen Geräten und gaben Daten ein. Auch die Beule an seinem Hinterkopf pochte noch schmerzhaft vor sich hin.

Alles beim Alten, wie gesagt.

Abgesehen von einem: Sie hatten James in den großen, mit weißen Wänden bestückten Raum gezerrt.

Er sah wirklich fertig aus. Tiefe Augenringe, abstehendes Haar unter dem Mützenansatz und müde Augen verunstalteten sein Gesicht und er wehrte sich nicht, als sie ihn in die Mitte stießen und in die Knie zwangen.

„Na, da bist du ja endlich“

Die Oberschneefrau hatte sich erhoben. Ihre Absätze klangen hohl an den Wänden wider, als sie mit langsamen Schritten auf James zuschritt.

„Du weißt gar nicht, wie sehnsüchtig ich dich erwartet habe“

Marc fasste sich an das kleine Gerät hinter seinem Ohr. Es war immer noch ungewohnt, den Übersetzer mit der Computerstimme in seinem Kopf zu hören. James schien allerdings gar nichts zu verstehen.

„Bitte, ich habe keinen Übersetzer mehr...“, keuchte er. „Ich habe schon gefühlt 10 Pina Coladas bestellt, aber das bringt uns auf Dauer auch nicht weiter... Klebt mir endlich so ein blödes Teil auf den Rücken und gut ist!“

Die Schneefrau zuckte resignierend mit den Schultern und winkte mit dem kleinen Finger. Sofort eilte ein großer, langhaariger Schneemann mit den Geräten in der Hand herbei. Wie konnte ihre Haut bloß so unmenschlich blass sein? Das war unmöglich...

James seufzte auf.

„Hallo“. Er winkte der Schneefrau zu. „Lange nicht gesehen... freut mich“

„Wie gesagt, ich habe dich erwartet“, lächelte besagte. „Jetzt haben wir dich also doch noch gefunden“

„Ihr habt mich gesucht?“, fragte James mit verrutschten Augenbrauen.

„Ja, aber zuerst haben wir nur deine trotteligen Freunde gefunden... der Weltenretter hat sich also Gefährten gesucht. Wie originell!“

James runzelte die Stirn. „Meine... Freunde?“

Die Schneefrau nickte zu den Käfigen in der Ecke. James' Blick fiel auf Marc und Felix, der immer noch schlief. Für ein paar Sekunden schien ihm alle Anspannung aus dem Gesicht zu fallen. Blanke Freude glitt in seine Augen.

„Um Himmels Willen, ihr lebt...“, atmete er auf. „Und ich dachte schon...“

Die Schneefrau verpasste ihm eine schallende Ohrfeige.

„Sie sind nicht von Bedeutung! Wo ist deine kleine Freundin?!“

James schluckte und sah auf.

„Sag ich nicht“

„Du bist so unerträglich dumm...“ Die Schneefrau schüttelte den Kopf. „Wenn du nicht so unverschämt gut aussehen würdest, hätte ich dich einfach umgebracht, als ihr bei uns im Lager gestanden habt“

„Na, da hab ich ja Glück gehabt“, grinste James schief.

„Jetzt ist vorbei mit Scherzen!“, knurrte die Schneefrau. „Sag mir sofort, wo das Mädchen ist oder wir müssen andere Maßnahmen ergreifen“

Marc musterte James besorgt. Was war mit Mia? Wenn er nicht auf sie aufgepasst hatte... sein Blick wanderte zu seinem Baseballschläger. Immerhin war er jetzt ihr Ehemann!

„Was wollt ihr denn mit uns?!“, fragte James hilflos.

„Eure Chips“, zischte die Schneefrau.

„Sorry, alle aufgegessen“, erwiderte James.

Es gab eine erneute Erziehungsschelle. Unwillkürlich dachte Marc an Mia.

„Die Ausweis-Chips in euren Armen, natürlich“, knurrte sie.

James rieb sich die Wange.

„Wir wollen deinen Code! Und das Mädchen!“

Er setzte ein trotziges Gesicht auf.

„In Ordnung...“

Die Frau ging in die Knie und streckte ihren Kopf nach vorne. Unmerklich kam James ihr entgegen. Kurz herrschte Stille.

„Bist du dir ganz sicher, dass du uns nicht etwas erzählen willst?“, fragte sie mit kaum hörbarer Stimme. Dabei legte sie einen ihrer langen, schlanken Finger unter sein Kinn und hob es leicht an.

James schluckte erneut.

„Nein“, meinte er dann. Er klang aber auf einmal nicht mehr so sicher.

„Also gut“.

Die Frau erhob sich und schnippte mit den Fingern.

„Fangen wir mit dem an, was dir lieb ist“

Ihr Blick wanderte zu den Käfigen. Felix wachte auf und gähnte selig. Marc wurde kalt. Das klang so, als würde es ihnen bald an den Kragen gehen... James sah sie eine Weile an.

Für ein paar Sekunden herrschte Nerven zerreißende Stille.

Er würde noch nicht...

James zuckte mit den Schultern.

„Okay. Nehmt sie. Ich mag die sowieso nicht“

Marc starrte ihn entsetzt an und öffnete den Mund. Die Frau stutzte. Dann lachte sie.

„Und das traurigste daran...“, lächelte sie, „du meinst es sogar ernst... aber glaub mir, ich weiß, wie ich dich herum kriege. Nehmt seine Mütze“

James und Felix erblichen im Einklang.

„Was...?“ Felix rang nach Luft. „Nein...“

„W...wartet...“, stotterte James und versuchte, sich zu erheben. Aber die Schneemänner hielten ihn unerbittlich fest. „D...das könnt ihr nicht bringen...“

„James!!“

Felix warf sich gegen das Gitter. „Lass das nicht zu! Lass sie das nicht machen!!“

Seine Stimme überschlug sich fast. „Das ist MEINE Mütze! MEINEE!!“

„Kommt schon...“, flehte James.

Die Frau hielt inne. Ihre Hand ruhte nur wenige Zentimeter über der Mütze.

„Sagst du uns, wo das Mädchen ist?“

„Natürlich nicht!“

Sie rupfte die Mütze unsanft von seinem Kopf.

„Neiiiin! Verdammt, neiiiiiin!!“, brüllte James. Felix stimmte in seinen Schrei mit ein.

Marc schlug sich die Hand vor den Kopf. Waren denn hier alle durchgedreht?!

Die Frau zückte eine seltsame, kleine Apparatur, die so etwas wie ein Feuerzeug zu sein schien. Als die kleine Flamme aufloderte, heulten James und Felix, als wäre sie im Begriff, ihr gesamtes Erspartes abzufackeln.

„Tu es nicht, bitte, bitte, tu es nicht...“, jammerte James und wehrte sich gegen die Griffe.

Die Flamme näherte sich der Wolle und schien sich ihr hungrig entgegen zu strecken. Nun schoss selbst Marcs Herzschlag in die Höhe. Irgendwie war es ja schon dramatisch.

„Wo. Ist. Das. Mädchen? Was. Ist. Dein. Code?“, fragte die Frau ewig langsam.

„Sag's ihnen!“, rief Felix. „Sag's ihnen, das können wir nicht zulassen!!“

James schüttelte total fertig den Kopf. „Ich kann nicht... ich kann nicht...“

Es roch verbrannt.

Felix heulte auf wie ein geprügelter Hund. „Man kann sie zweiseitig tragen...“, weinte er. „Sie war einfach awesome“

„Was?!“, schrie James entgeistert. „Zweiseitig?!“

Er sah aus, als hätte Felix ihm ins Gesicht geschlagen. „Und ich konnte nicht einmal die andere Seite ausprobieren...“, jammerte er dann.

Die Flammen verbissen sich in dem roten Stoff. Marc starrte das Feuer an, roch den beißenden Geruch und litt auf irgendeine verschrobene Art und Weise mit den Beiden. Inzwischen war die Hälfte der Mütze abgebrannt.

„Wo ist das Mädchen?!“, schrie die Elfe erneut. Ihr Gesicht flackerte gespenstig im Schein des Feuers.

„Hier ist das Mädchen“, kam es vom Ende des Raums.

Alle Köpfe wendeten sich. Die Mütze fiel zu Boden und erlosch. Felix sackte weinend an dem Gitter zusammen.

Da stand sie. Mia. Ihr selbstsicheres Lächeln verlieh ihr einen beinahe düsteres Auftreten. Ihr T-Shirt: zerrissen, voll Erdbeerbowle und Rost. Ihre Haare, wild und an der Luft getrocknet, ihr Gesicht mit dunklen Schatten und Dreck verziert.

Ein Raunen ging durch den Raum.

Und dann geschah eine ganze Weile gar nichts.

Marc wusste sofort, was passiert war. Wieder so eine typische Mia-Aktion. Nicht nachdenken, tun. Immer mit dem Kopf durch die Wand.

Und er musste zugeben, der Auftritt war ihr gut gelungen... nur leider wurde jetzt nach und nach klar, dass sie keine Ahnung hatte, was nun folgen sollte.

Die Schneefrau starrte Mia an und irgendwann begann sie, zu lachen. Laut und schallend, bitterböse.

James hielt den Blick gesenkt.

Marc wusste sofort, dass da irgendetwas gewesen war, zwischen den Beiden.

„Nehmt sie fest“, schallte der kalte Befehl durch den Raum. Und der wurde auch sofort umgesetzt. Marc stöhnte und vergrub das Gesicht in den Händen. Na super.

 

**

 

Mia vermied es, James in die Augen zu sehen, als sie festgenommen und zu einer der Maschinen gezerrt wurde. Einer der Weißelfen wartete mit einem Supermarktscanner in der Hand.

„Was habt ihr vor?!“, fragte sie und sträubte sich gegen die festen Griffe.

Ihr Blick fiel erneut auf Felix und Marc. Sie konnte nicht fassen, dass die Beiden es geschafft hatten. Das hieß, sie hatte James völlig umsonst angeschrien und all das Schreckliche an den Kopf geworfen. Ihre Wangen brannten vor Scham, aber sie beschloss, sich auf Anderes zu konzentrieren.

„Was habt ihr vor?!“, fragte sie hysterisch und versuchte, ihren Arm zu befreien, der nun gewaltsam zum Scanner gezerrt wurde.

„Wir lesen die Daten aus deinem Chip“, lächelte die Frau. „Und dann konstruieren wir daraus eine Simulation der Riss-Struktur“

„Oh, das ist genial!“, tönte James von hinten. „Wieso ist da nicht eher jemand drauf gekommen?! Eine Simulation anhand von Daten eines Raumspringers. Das ist die Lösung! Die Lösung! Man kann daraus die potenzielle Regelmäßigkeit ablesen und alle Risse im Raum anzeigen! Mann kann Wege konstruieren, die Quelle bestimmen und... und... oh.“

Er verstummte. Der rote Strahl tastete Mias Arm ab und augenblicklich erschienen tausende von Zahlen und Daten auf dem Bildschirm dahinter.

„Was?“, fragte sie, als sie zurück in die Mitte des Raums gestoßen wurde. Plötzlich war die Mauer zwischen den Beiden vergessen.

„James?“, fragte Marc hinter den Gitterstäben. Er sah ähnlich besorgt aus.

„Ihr wollt das Universum wiederbesiedeln“, stellte James leise fest. Er starrte die Weißelfin fassungslos an. „Ihr wollt mehr Risse herstellen und in alle Richtungen des Raums ausschwärmen. Ihr werdet in der Zukunft sein -und in der Vergangenheit. Ihr werdet im Omega-Bereich einfallen und im Alpha. Ihr werdet die vorherrschende Rasse werden, weil ihr in eurer eigenen Vergangenheit seid, dazu fähig, eure Zukunft zu verändern, ihr könnt miteinander kommunizieren und keiner wird verstehen, was ihr tut. Ihr werdet für Götter gehalten werden, ihr werdet niemals verstoßen werden, niemals dem Rassismus ausgeliefert...“

„Du bist doch nicht so dumm wie gedacht“, lächelte die Weißelfin. „Die Übersetzer. Sie waren fähig, euren Chips neue Daten einzuspeisen und die alten herauszulesen“

„Ich wusste es!“, rief Mia. „Ich hab den Teilen nie getraut!!“

Aber dann verstummte sie wieder. Die Weißelfin fuhr fort.

„Wir waren in ständigem Kontakt zu euch, bis das Signal aus irgendeinem Grund auf einmal fort war. Die Daten in euren Chips waren weiterhin abrufbar, alle Alten wurden konvertiert und in verwendbare Formate umgeändert, wir mussten nur daran kommen. Zum Glück hatte ich ein wenig DNA abgegriffen...“

Sie lächelte wissend.

„Und dann haben wir versucht, euch aufzuspüren. Wir haben von eurer Hochzeit gehört und durch die DNA, auf die eure Ehen gelegt wurden, hatten wir nun zwei Wege offen. Zwei Risse. Zuerst haben wir den falschen genommen und nur eure Männer gefunden“, sie nickte zu den Käfigen, „Aber dann haben wir euch doch noch erreicht. Die Daten des Mädchens werden jetzt umgerechnet. Wir brauchen nur noch deine, Weltenretter, denn du bist weit aus öfter gesprungen, als wir alle“

„Moment!“, grätschte Mia ein. „Woher konntet ihr wissen, dass ich einen Chip bekommen würde?“

„Er war unser Mann“, erwiderte die Elfin Augen rollend, als wäre das offensichtlich. „Außerdem hat dein Übersetzer alles abgegriffen und ab dann auf dem Chip gespeichert. Gerade noch rechtzeitig, bevor sie kaputt gegangen sind. Auch wenn ich immer noch nicht weiß, wie ihr das geschafft habt... dafür hätte ein Sturz aus mehreren hundert Metern Höhe nötig sein müssen, den du“, ein bedeutender Blick zu Mia, „garantiert nicht überlebt hättest“

Nun war es Mia noch viel peinlicher, dass sie James so zur Schnecke gemacht hatte. Aber der schien zurzeit etwas Anderes im Kopf zu haben.

„Aber.... aber mit dieser Software könnte man auch den Verursacher des Ganzen finden...!“, rief er und erhob sich langsam. Sie hatten seinen Arm bereits eingescannt und nun liefen noch einmal doppelt so viele Zahlen über die Bildschirme.

Sofort erklang das Entsichern unzähliger Waffen.

„Wowowowoow...“ James hob die Hände. „Ganz ruhig. Aber ihr müsst doch Mal nachdenken! Diese Software könnte die Rettung für das ganze Universum bedeuten! Andernfalls wird alles zusammen brechen! Und das bedeutet auch euer Ende!“

„Wir werden in der Vergangenheit sein und sicher leben, bis zu diesem Tag. Das ist genug, um Rache zu nehmen, an all denen, die uns unterdrückt und misshandelt haben!“, rief die Weißelfin. Auf einmal sah sie noch bedrohlicher aus, als vorher. Aber Mia erhob sich ebenfalls. James an ihrer Seite gab ihr Sicherheit.

„Das Raum-Zeit-Konstrukt wird zerstört!“, rief James. „Es wird keine Vergangenheit mehr geben! Keine Zukunft! Da wird nichts mehr sein!“

Mit ein paar Schritten stürzte er zu einem der computerartigen Geräte und begann, wild auf der Tastatur einzuschlagen. Sofort wurde er Ziel von sieben Laserpistolen. Doch die Weißelfe gebot ihnen Einhalt.

„Wartet...“, murmelte sie. „Lasst ihn“

Ein paar Sekunden lagen alle Blicke auf James, dessen Stirn vor Anstrengung in Falten lag, dann erschien auf dem größten Bildschirm am Ende des Raums ein Bild. Das Ganze sah ein wenig aus wie eines der Molekülmodelle, das sie früher immer in der Schule gebaut hatten.

„DAS“, präsentierte er stolz. „Ist das Raum-Zeit-Konstrukt. Also zumindest im Modell. Realistisch ist das schwer darzustellen. Stellen wir uns einmal vor, die waagerechten Ebenen sind der Raum und die senkrechten die Zeit. Jetzt stehen wir also hier...“

Er markierte einen Punkt rot.

Alle lauschten ihm gebannt.

„Und wenn wir jetzt diese Stütze entfernen...“

Er färbte einen Strich rot und entfernte ihn dann.

„Sind wir auf einmal da! Wir sind durch das Konstrukt gefallen, immer noch am selben Ort, aber zu einer anderen Zeit. Das Problem ist, überall brechen diese Teile raus. Das heißt, wir können in keinster Weise abschätzen, wo wir raus kommen, zumal herrschen da unten wirklich unheimliche Winde und Turbulenzen. Mit ganz viel Pech landet man einfach zwischen zwei noch intakten Raumbegrenzungen und dann kommt man wahrscheinlich nie wieder da weg“

Das Nichts, schoss es Mia durch den Kopf. So langsam verstand sie das Prinzip.

„Aber wenn wir jetzt davon ausgehen, dass ALLES zerbricht...“

James' Stimme wurde lauter. Mit einem lauten Schlag auf die Tastatur zerstörte er das Konstrukt des Gestells und alles brach in sich zusammen.

„Dann gibt es da nichts mehr, um durchzufallen. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Raum und Zeit. Es gibt überhaupt nichts mehr, dass den Unterschied machen könnte! Alles futsch!“

Kurze Zeit herrschte Stille.

Von hinten startete jemand einen enthusiastischen Slow-Clap. Mia war sich ziemlich sicher, dass es Felix war.

Die Weißelfe schüttelte den Kopf. Sie sah nicht sehr überzeugt aus, mit ihrem überlegenen Lächeln.

„Schöne Show, Süßer. Aber glaub mir, die paar Stunden für unsere Rache wird das Universum noch halten. Und dann werden wir mit ihr unter gehen. Und wir werden alle gleich sein. Gleich tot. Na los. Holt ihn da weg“

„Aber wir können das noch umkehren!“, rief James verzweifelt, als er von dem Computer weggezerrt wurde. „Wir können die Welt noch...“

„Was? Retten?“ Die Frau lachte spöttisch. „Jaja, Weltenretter, das glaub ich dir auf's Wort. Du denkst, deine kleine, erbärmliche Persönlichkeit könnte noch irgendwas am Ende ändern. Es ist vorbei, nimm es an! Und du... gerade du...“, sie rümpfte die Nase, „denkst, du könntest noch etwas umdrehen. Nicht du. Vergiss es“

Mia schluckte.

„Halten Sie den Mund“, flüsterte sie dann. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.

Keiner nahm Notiz von ihr.

„Denn DU wirst mit der Welt untergehen und NIEMAND, NIEMAND wird sich an dich erinnern. Sie werden dich vergessen, ein für alle Mal, die Welt wird sterben, ohne dass dich jemand bemerkt. Nimm es hin!“

James wurde wieder in die Knie gezwungen und nun starrte er genau so ins Leere, wie als Mia ihm gesagt hatte, dass Zuhause niemand warten würde.

„Halten Sie den Mund!“, rief Mia nun lauter. Sie hielt es nicht mehr aus.

Eisige Stille trat ein.

„Was. Hast du. Gesagt?“, fragte die Weißelfin mit kalter Stimme.

„Sie sollen leise sein, sie, sie... blöde Kuh!“

„Erschießt sie“

Ein dreistimmiges Männer-Team schrie panisch auf. Kurz musste Mia lächeln, als ihr klar wurde, wie gut umsorgt sie war. Aber als nächstes bemerkte sie, dass nun alle Waffen auf sie selbst gerichtet wurden und dann war sie auf einmal nicht mehr so gut drauf.

Noch bevor sie reagieren konnten, ertönte ein Ohren betäubender Knall. Ihr wurde der Boden unter den Füßen weggerissen und plötzlich bestand die Welt aus zerbrochenem Glas, Rauch und explodierendem Schmerz in ihrem Rücken.

Jemand schrie. Panische Schritte waren zu hören, die sich in alle Richtungen entfernten.

Überall waren Funken. Weitere Explosionen zerrissen die Luft.

„Mia!“, brüllte jemand. Ein Klopfen auf ihrer Schulter. „Steh auf!“

Es war niemand geringeres als Anne. Ihre Pilotenbrille stach aus dem Rauch auf eine gruselige Art und Weise hervor, aber ihr Lächeln machte ihr Gesicht mehr zu dem eines süßen Fantasywesens. Gitterstäbe fielen übereinander und Marc und Felix kamen angerannt, in der nächsten Sekunde waren sie mit Anne in dem ächzenden und quietschenden Raumschiff verschwunden. Aber wo war James?

Ratlos sah Mia sich um. Da stand er. Zwischen fliehenden und schreienden Weißelfen saß er und rutschte auf dem Boden herum. Nun verstand sie: er suchte nach der blöden Mütze!

„James!“, schrie sie. „Jetzt komm!!“

„Mia!“, schrie Marc. „Jetzt komm!!“

„Jaja, gleich“, brüllte James zurück.

„Jaja, gleich“, brüllte Mia zurück.

Es war wie verhext. Der Rauch wurde dichter und mit jedem Atemzug wurde das schmerzhafte Brennen in ihrem Hals stärker. Marc griff aus der Tür und zerrte an ihrem Arm; sie hielt dagegen. Sie würde James jetzt nicht hierlassen, nicht nachdem sie ihm vorgeworfen hatte, es getan zu haben.

Die brennenden Bisse des Ruß trieben ihr Tränen in die Augen und Mia spürte bereits, wie ihr schwindelig wurde.

„James...“, röchelte sie.

Und endlich hatte er das blöde Teil gefunden. Triumphierend hielt er die Mütze in die Höhe und presste sie sich dann als Atemschutz vor den Mund, um sich durch das Chaos zum Raumschiff zu kämpfen. Kaum hatte er sie erreicht, ließ Mia sich von Marc ins Innere ziehen. Die Tür wurde zu geschlagen. Der Boden knarrte bedrohlich.

„Hui...“, meinte Anne, „So viele Besucher hatte meine Kleine ja schon lange nicht mehr...“

James rutschte hustend an der Wand zu Boden.

„Ist das... ist das ein... 54er Modell?“

Anne jauchzte entzückt.

„Jaa! Endlich mal jemand, der das zu schätzen weiß! Und ihr seid alle Menschen! Wunderbar, wunderbar!“

Sie schüttelte James' kraftlose Hand.

„Ich bin Anne. Freut mich sehr. Ich bin Anne. Ich bin Anne“

Wo sie schon einmal dabei gewesen war, hatte sie sich auch gleich noch Felix und Marc vorgestellt.

„Und wir...“, sie hielt inne, „...kennen uns schon“

Mia nickte. „Danke für die Rettung!“

„Kein Ding“. Anne grinste. „Aber jetzt müssen wir die alte Lady erst Mal zurück an die frische Luft bringen“

„Geradeaus... da ist ein Riss...“, röchelte James und hustete erneut.

Felix schrie auf.

„Du hast die Mütze gerettet!“

Schwungvoll ließ er sich auf dem Boden nieder. Die Deckenleuchte, die als kahle Glühbirne von der Decke gehangen hatte, schlug auf dem Boden auf. Aber das schien Felix herzlich wenig zu interessieren.

„Oh, du armes, armes Ding...“

Felix schüttelte den Kopf und strich sorgenvoll über die verkokelte Wolle. James zog sich das Teil über. Die Bommel waren noch intakt, dafür war es jetzt eher ein Stirnband als eine Mütze. Ein Stirnband mit Bommeln.

Auf Mias kritischen Blick grinste er.

„Das wird bestimmt zur neusten Mode!“

Plötzlich fiel ihr etwas ein.

„Ihr lebt!“, rief Mia aufgeregt und dann umarmte sie alle.

Marc lebte.

Felix lebte.

Sie lebte.

Und James lebte.

In seinen Armen blieb sie ein wenig länger.

„Es tut mir so Leid...“, flüsterte sie mit geschlossenen Augen.

„Schon okay“, antwortete James. „Aber ich hab was gut bei dir.“

„Klar“

„Genug geturtelt!“, rief Anne vom Steuersitz. „Wir brauchen einen Plan!“

Erst jetzt fiel Mia auf, dass sie bereits durch das Portal gerutscht waren und sich nun wieder in der freien Luft befanden. Die Weißelfen waren ihnen nicht gefolgt.

James wühlte in seinen Taschen und zog die Zahnbürste hervor. Mia stöhnte.

„Ich habe festgestellt, auf diesem Teil kann man keine Daten speichern“, erklärte er. „Aber unser lieber Felix hat einen USB Stick in der Tasche gehabt“

„Nein!“, rief Felix entsetzt.

„Doch!“, erwiderte James grinsend.

„Ohh“, warf Marc ein.

Aber Felix war nicht zum Lachen zu Mute. „Sag mir jetzt bitte nicht, dass du meine Serien gelöscht hast“

„Ach, pfah!“, machte James abfällig. „Star Trek... komm schon, das hast du gerade auch, nur im Real Life! Wer braucht schon Serien, wenn wir die Welt mit diesem Teil retten können?!“

Felix lief knallrot an.

„Was ist da drauf?“, fragte Anne interessiert.

Oh, bitte schau nach vorne, beim Fliegen..., flehte Mia im Stillen.

„Die Simulation“, grinste James. „Wir können jetzt den Verursacher des ganzen Chaos ausmachen“

„Genial“, lachte Mia. Sie war so erleichtert, dass alles wieder in Ordnung war, dass sie die ganze Welt hätte umarmen können.

„Wir haben im Grunde eine Wegbeschreibung auf dem Teil. Ich hab sie mir gemerkt und uns zum ersten Portal gesteuert“

Anne räusperte sich.

„Na gut, Anne hat uns gesteuert. Aber ich habe navigiert!“, gab James widerwillig nach. „Hast du zufällig ein Navi?“

„Klar“

Anne warf ihm einen winzigen Computer zu, der seine besten Jahre ebenfalls schon hinter sich hatte. Ohne große Umschweife steckte James den USB Stick hinein und begann, darauf herumzutippen.

Felix brachte immer noch kein Wort hervor. „Das war die komplette Originalserie...“, jammerte er irgendwann, aber mehr war aus ihm nicht herauszubekommen.

Also entschied sich Mia dazu, abzuwarten und mit Marc darüber zu plaudern, was sie erlebt hatten.

„Nicht viel“, erzählte Marc Schulter zuckend. „Wir sind durch den Riss, dann sind wir festgenommen worden. Und bei euch?“

„Das Selbe, nur, dass sie mich nicht gefangen haben. Ich habe... geschlafen“, log Mia. Marc musste nichts von dem Streit wissen.

Aber der lächelte wissend. Natürlich hatte er das ganze längst durchschaut. War ja typisch.

„Also suchen wir jetzt nach dem Verursacher der Energiequelle und schalten das ganze aus?“, fragte er und Mia nickte langsam.

„Ja... ich denke, so etwas in der Art, ja...“

Plötzlich schaltete sich James wieder ein.

„Naja, es gibt da noch so etwas... und zwar habt ihr jetzt noch die Chance, nach Hause zu kommen“

Alles Köpfe drehten sich zu ihm. „Ich habe die komplette Ansicht der Risse. Ihr müsst vielleicht vier-fünf Sprünge machen, um zurück zur Erde eurer Zeit zu kommen, mal wieder habt ihr unverschämtes Glück. Denn wenn wir jetzt die Quelle ausschalten, dann...“

„...wird alles beim Alten sein“, vollendete Mia seinen Satz nachdenklich. „Dann kommen wir nie wieder nach Hause“

Marc wurde blass, genau wie Felix und Anne. Aber sie selber wollte sich irgendwie nicht damit abfinden, jetzt einfach zu gehen. Immerhin hatte sie dieses Abenteuer angefangen...

„Ihr könnt mich hier absetzen und nach Hause fliegen.“ Man sah James an, wie schwer es ihm fiel, das zu sagen. „Ich komme schon klar“

Marc wechselte einen Blick mit Felix und Anne. Eine Weile herrschte Stille.

„Ich will nach Hause“, murmelte Felix dann bedrückt. Anne atmete geräuschvoll aus.

„Ja... ich auch“

Marc nickte, zögernd, aber dann immer kräftiger. „Ich habe auch die Nase voll vom Weltraum“

Nun lagen alle Blicke auf Mia. Wehmütig dachte sie an die kleine, süße WG, die sie bewohnt hatten. Ihr Zimmer, mit all den Filmpostern und den klugen Sprüchen an der Wand... an die Abende, an denen sie nichts getan hatten, außer Pizza zu essen, alte Kindheitsserien zu gucken und etwas zu trinken... ein Teil von ihr schrie danach, wieder auf dem heimischen Sofa herum zulümmeln. Aber dazwischen funkte das Lachen von James und ihr, als sie keuchend und glücklich neben dem Fahrstuhl gelegen hatten. Dieses Gefühl der absoluten, kranken und euphorischen Freude, das sie noch nie zuvor gespürt hatte, war zu verlockend.

„Mia...“ James sah sie an. „Ist schon okay. Du gehörst nicht hierher“

„Du auch nicht“, erwiderte sie. „Und du könntest auch nach Hause“

James zuckte mit den Schultern. „Ich habe einen Auftrag. Das ist mein Job, schon vergessen?“ Er grinste schief.

„Komm schon, Mia. Wir haben genug erlebt, für unser ganzes Leben“, meinte Marc und legte die Hand auf ihre Schulter.

Unser ganzes Leben.

Es war wohl dieser Satz, der ihr bewusst machte, dass sie sich nun entscheiden müsste, mit wem sie sterben wollte. Pleite, verirrt und planlos mit James im Weltall oder sicher, ein bisschen verrückt aber bodenständig auf der Erde? Sie dachte daran, wie es wäre, da unten zu stehen und zu wissen, wie nah die Unendlichkeit war.

Du würdest verrückt werden, beantwortete sie sich diese Frage selbst. Und damit auch die Andere.

„Ich gehe mit dir“, entschied sie sich. „Ich ziehe das jetzt durch“

Marc sah sie lange an und sie wusste, dass er wusste, dass es sinnlos war, zu argumentieren, genau wie Felix. Er nickte.

„In Ordnung. Es war 'ne geile Zeit“

James' verwirrter Blick streifte sie nur Sekunden, bevor er zu Anne ging und ihr erklärte, wie es nach Hause ging. Nein, nicht mehr nach Hause. Das war jetzt Vergangenheit.

Mit Tränen in den Augen fiel sie Felix und Marc in die Arme.

„Wir sehen uns schon noch wieder, irgendwie...“, log sie und Marc nickte stumm.

„Pass bloß auf dich auf...“, nuschelte Felix in ihre Haare.

„Gebt mein Zimmer nicht zu schnell her“, ermahnte sie die Beiden. „Sucht bloß wen Nettes aus. Und wehe, ihr schmeißt meine Sachen weg“

„Versprochen“, lächelte Marc.

„Versprochen“, stimmte Felix zu.

James war zu ihnen getreten. In der Hand hielt er die halbe Mütze. Schweren Herzens hielt er sie Felix vor die Nase, doch zur Überraschung aller schüttelte der den Kopf.

„Dir steht sie einfach besser“

James grinste überrascht, dann umarmte er Felix auch.

„War mir eine Freude, dein Ehemann zu sein. Und denk bloß gut über deine Entscheidung nach, wenn du vorhast, nochmal zu heiraten!“

„Ja... ja, ist okay“. Felix kämpfte sich aus James' Armen. „Und pass bloß auf meine Klamotten auf! Sei dir in einem klar: Deinetwegen müssen wir uns jemanden zum Kochen anstellen!“

„Okay, Kinder, Fallschirme liegen da hinten“, rief Anne gegen den Motorenlärm, der nun anstieg. „Es war echt super, euch kennenzulernen und danke für das Ticket nach Hause!“

„Hau rein“, verabschiedete Marc sich, als James und Mia die Gurte umgelegt haben.

„So fing die Geschichte an...“, grinste Mia. „Hau rein“

Sie tippte sich an den Kopf. Dann drehte sie sich um und sprang aus dem Raumschiff. Die Fallschirme öffneten sich von selbst und fingen ihren Sturz federleicht ab. Im Segelflug steuerte sie die graue Erdoberfläche an, aber James ließ noch auf sich Warten. Erst ein paar Sekunden später erschien auch er über ihr.

„Auf Wiederseeeehn!“, rief sie zum Flugzeug hinauf.

 

**

 

11. Kapitel-Vollkornhaferkeks

11. Kapitel

 

„Wir müssen weiter da rüber!“

James gestikulierte wild mit den Armen, was Mia kaum sehen konnte, weil er so weit entfernt war. Dennoch verstand sie ungefähr, was er von ihr wollte. Nach links. Aber wie steuerte man so einen Fallschirm? Ehrlich gesagt war sie froh, dass er sie überhaupt flog, bei ihrem Gespür für Fahr- und Flugzeuge.

Verzweifelt ruderte sie mit ihren Armen, um sich in Richtung Schimmern zu bewegen, auf das James deutete. Auf einmal wurde ihr klar, wie viele davon es inzwischen schon gab. Beinahe an jeder Ecke schimmerte es. Die Zeit wurde knapper.

„Nein!! Rechts!!“, tönte es von oben.

Mia stöhnte entnervt und begann, sich ruckartig nach hinten zu schmeißen.

„Sorry! Ich meinte doch links!“

„Bist du doof?!“, schrie sie nach oben.

„Das nennt man Rechts-Links-Schwäche und ist eine anerkannte Lernbehinderung!“, kam es von oben zurück.

„Ja, da merk' ich“, brummte sie missmutig und wackelte wieder nach vorne.

„Okay, jetzt einfach sinken lassen!“

Sie hatten es geschafft, über dem Glimmer zu halten.

„Aber jetzt wird es kompliziert...“

James hatte zu ihr aufgeholt, wie auch immer er das geschafft hatte. Generell sah er sehr viel eleganter aus als Mia, die ein wenig kraftlos in den Seilen hing.

„Wie meinst du das?“, fragte sie.

„Wir müssen jetzt aus dem Geschirr raus“

„Was?!“

„Wenn wir mit Fallschirm in das Chaos fallen, geht das schief. Luftwiderstand und so. Das dürfte die Chance, im Nichts zu landen, um 80% erhöhen“

„Ich lass mich doch nicht fallen!“, rief Mia entsetzt.

„Und das war mir klar! Deshalb hast du ja auch den präparierten Fallschirm.“

„Präpawaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!!“

Ein metallisches Klicken. Und sie fiel. Und schrie sich die Seele aus dem Leib. Oh, wie sie James hasste! Sie hasste ihn so sehr, so unglaublich sehr...

 

**

 

Der Aufschlag auf dem Boden war härter als sonst. James stöhnte.

„Halt du bloß den Mund...“, ächzte Mia und drehte sich auf den Rücken. Es roch nach saftigem Gras. Von irgendwo klangen Gesänge. Die Sonne schien hell durch ihre geschlossenen Augenlider. Warmes rot, überall.

Sie fühlte sich auf Anhieb wohl.

Als sie die Augen öffnete, gefiel ihr dieser Planet noch viel besser. Das Gras war rot, warm und einladend, die Sonne schien hell vom Himmel und in der Ferne ragten hohe, goldene Berge in die Luft. Es roch nach Tau und Apfel. Lächelnd streckte sie sich. Wenn sie sich an so einem Ort niederlassen würde, hätte sie wirklich nichts dagegen, ihr Leben lang nicht zur Erde zurück zukehren.

Die leisen Frauengesänge hielten an. Es musste sich um übersetzte Vogelstimmen oder etwas Ähnliches handeln, das erkannte sie an dem leicht digitalen Unterton.

„Hach...“, seufzte sie, „Lass uns hier bleiben...“

„Wir müssen weiter“, murmelte James knapp.

Seine Stimme klang hart. Mia öffnete die Augen.

„Was ist denn los?“

„Lass uns einfach weiter“

Verwirrt sah sie sich um. „Ach komm, ein paar Minuten werden wir wohl noch Zeit haben. Lass uns doch einmal ausspannen, nach all der Action“

Er vermied ihren Blick. „Das verstehst du nicht. Vertrau mir. Lass uns einfach weiter. Da hinten sehe ich schon das nächste Portal“

„James“

Sie hielt ihn am Ärmel fest. Er sah konsequent an ihr vorbei.

„Warum?!“

Er schluckte.

Und auf einmal verstand Mia.

„Du...“, stammelte sie. „Du...“

James schwieg noch immer.

„Das ist dein Zuhause“, brachte Mia nun endlich hervor. „Du... du wohnst hier!“

„Lass uns einfach gehen!“ James zog sie in Richtung Glitzern, aber Mia wehrte sich nur umso heftiger.

„Du kannst doch jetzt nicht weitergehen! Du hast selbst gesagt, wie unwahrscheinlich es ist, dass du jemals wieder nach Hause kommst! Ich kann auch alleine weiter, ich schaff' das schon! James!!“

Er hörte ihr nicht zu. Seine Wangen waren knallrot.

„Jetzt warte doch mal!“

Er konnte das doch nicht einfach zum Zweiten mal hinter sich lassen...

„James!“

Das Klatschen einer schallenden Ohrfeige schallte über die Wiese. James starrte sie an. Das Eis war gebrochen.

„Mann, jetzt mach es doch nicht noch schwieriger!“, rief er zornig. „Ich will doch auch hier bleiben! Aber es geht nun Mal nicht. Ich habe mich entschieden. Akzeptier es oder lass es bleiben, aber ich werde jetzt weitergehen!“

„Aber... aber...“, flüsterte Mia verzweifelt. „...Es ist alles so wunderschön, hier...“

James' Augen glitzerten feucht. „Ich weiß, Mia. Ich weiß. Und jetzt lass uns bitte gehen“

„Zehn Minuten“, flehte sie. „Nur zehn. Lass uns zehn Minuten durchatmen, bevor wieder alles so furchtbar turbulent wird. Bitte.“

Es dauerte eine Weile, bis er nickte. Widerwillig, aber er nickte.

„Na gut“

Und dann legten sie sich in das rote Gras und atmeten tief durch. Mia lächelte zufrieden.

James' Finger zwischen ihren hörten langsam auf, zu zittern und er entspannte sich sichtlich. Hier lebte er also. Das war der Ort, der ihn zum Weinen brachte. Jetzt, wo sie im Gras lag, die Gesänge hörte und all die Frische roch, verstand sie ihn umso besser.

„Wie lange bist du schon auf der Erde gewesen, bevor du in meinem Badezimmer gelandet bist?“, fragte sie.

„Nicht lange. Kaum der Rede wert“

„Genug gelogen“, erwiderte sie. „Ich hab's langsam auch kapiert. Du kannst perfekt Deutsch sprechen. Du kennst alle möglichen Kinderlieder von der Erde. Du weißt zu viel und du verhältst dich zu menschlich. Also nochmal: wie lange?“

James seufzte. „Hätte ich gewusst, wie aufdringlich du bist, hätte ich dich nicht mitgenommen“

„Hättest du doch“

„Hast Recht“

„Also?“

„Nein, ehrlich. Ich habe ein bisschen Internet inhaliert, bevor ich gelandet bin“

„Okay...“, murmelte sie misstrauisch.. „Wie alt bist du überhaupt?“

„Siebenundzwanzig“

„Wie lange bist du unterwegs gewesen?“

„Elf Jahre“

„Elf...?“ Mia schnappte nach Luft. „Was hast du denn die ganze Zeit gemacht?“

„Hab 'ne Rundreise gemacht... das Leben genossen. Tolle Leute kennen gelernt. Bin viel rum gekommen. Nach fünf Jahren ging's bergab. Bin pleite gegangen. Im dritten Jahr habe ich mich einfach bemüht, ein bisschen günstiger zu leben und bin trotzdem bei legalen Jobs geblieben, aber aber Jahr acht war ich endgültig geliefert. Habe einfach alles getan, wofür man Geld bekommt“

Mia sah ihn entsetzt an.

„Naa, nicht so ein Zeugs“. James schüttelte den Kopf und setzte sich die Sonnenbrille auf die Nase. „Aber eine Zeit lang habe ich mit Drogen gedealt. War bei ein paar Überfällen dabei... war zwei Monate auf der Flucht. Und dann bin ich auf diese ominöse Beam-Firma gestoßen. Hätte natürlich gleich checken sollen, dass dem nicht zu trauen ist. Vermutlich war es noch Glück, dass ich nicht im Nichts gelandet bin. Stattdessen saß ich auf einmal im abgesperrten Gebiet, dem Omega-Bereich und konnte niemandem sagen, woher ich komme oder wer ich bin.

Also habe ich mich abgesetzt und habe gewartet, ein paar Tage. Habe ein paar Serien geguckt. Die Sprache nachgeholt... hat ganz gut funktioniert, anscheinend habt ihr ein schlechteres Sprachgedächtnis als ich. Es war auszuhalten. Und dann kamen die Portale. Eins davon direkt in meinem Schlafzimmer... also, vor meiner Parkbank. Habe es eine Weile untersucht, mit selbst gebasteltem Zeugs und irgendwann war mir klar, dass das mein Ausweg ist. Bin gesprungen. Und in deinem Fenster gelandet“

„Atemerfrischer, ja?“, fragte Mia grinsend.

„Ich habe mich beim Lernen wohl auf die falschen Sachen konzentriert“, gab James zu. „Ist nicht das erste Mal.“

Mia drehte den Kopf und sah in seine violetten Augen, die über dem Rand der Sonnenbrille blitzten. Sie strahlten schon wieder ein bisschen heller.

„Und jetzt?“

„Weißt du...“, seufzte James, „...ich habe 16 Jahre meines Lebens hier verbracht. Und elf unterwegs. Ich erinnere mich kaum noch an diesen Ort. Es ist irgendwie zu einem Ziel geworden, damit ich nicht aufgebe. Jetzt bin ich hier und natürlich, ich könnte bleiben...“

Er schob die Sonnenbrille auf seine Mütze und lächelte.

„...aber eigentlich find ich's ganz nett als Weltenretter“

Es schien, als hätte er sich ein wenig mit sich selbst abgefunden, während er seine Geschichte erzählt hatte. Mia lächelte und sah ihn an.

Unmerklich waren sich ihre Gesichter ein Stückchen näher gekommen. Mia wusste, dass sie mindestens einmal probieren musste, ihn zu küssen. Nur um zu sehen, ob es da nicht vielleicht doch ein bisschen mehr als Freundschaft geben konnte.

Sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht. Er hatte die Augen schon geschlossen. Sie tat es ihm gleich

und dann küssten sie sich. Es war kein sehr langer, inniger Kuss, aber er war besonders. Sie dachte an die Menschen mit den Universums-Augen, an die Weißelfen, die fette Frau vom Hochzeitsschalter und den Ehemann, den sie ins Wasser gekickt hatte, an die Chamäleon-Menschen und alles Andere, was sie zusammen erlebt hatten. Als Freunde. Nicht als Pärchen. Als Freunde.

Langsam lösten sie sich voneinander.

Eine Weile geschah nichts.

Ihre Lippen prickelten noch.

Dann schüttelten sie im Einklang den Kopf.

„Nein“, sagte James.

„Einfach nein“, nickte Mia.

„Das funktioniert nicht“

„Freunde?“

„Freunde“

James schlug ein. Und was war gut so, wie es war. Zusammen die Welt retten. Als Freunde. Und nicht anders.

Und dann lagen sie noch eine Weile da und starrten in den Himmel, bis sie schließlich einschliefen.

 

**

 

 

Mia erwachte davon, dass die Erde brüllte. Zumindest fühlte es sich so an. Erschrocken riss sie die Augen auf und stellte fest, dass es Nacht war. Der Planet sah in der Dunkelheit noch verwunschener aus, als bei Tag, aber sie hatte kein Auge für das tiefe, dunkle Rot und dem orangen Mond hinter den Bergkuppen.

Die Erde bebte. Und wie. Es schien, als würde sich der Erdkern selbst gegen die Erdkugel stemmen und all seinen Frust in die liebe weite Welt hinaus schreien. Das Beben kam von überall, wurde von allen Seiten wider geworfen und erfüllte die Luft wie Beton.

Mia rang nach Luft. James war nun ebenfalls aufgewacht, stand neben ihr und sah sich panisch um.

„Verdammt, Mia...“, rief er gegen den Lärm, „Ich glaube, wir haben verschlafen!“

Ein Schatten senkte sich über das Mondlicht. Mia schaltete schnell und warf sich in letzter Sekunde gegen James, bevor sie von dem gewaltigen Klavier erschlagen wurden, das nun wenige Zentimeter neben James Kopf zersplitterte.

„Lauf!“

Der Außerirdische rappelte sich auf und zog Mia auf die Füße, dann zerrte er sie hinter sich her, in Richtung Riss. Und Mia lief. Oder eher stolperte. Hinter ihr explodierte eine Blumenvase am Boden. James warf im Laufen einen Blick auf das Navi. Der Bildschirm sprudelte fast über vor roten Markierungen.

„Das Konstrukt kollabiert!“, stellte er keuchend fest. „Wir sind zu spät! Viel zu spät!“

Ein Mensch mit Hörnern erschien am Himmel, fiel genau auf sie zu und verschwand im nächsten Moment wieder im Nichts. Der Boden zitterte noch immer und hätte Mia fast von den Füßen gerissen.

„Da entlang!“

James machte eine scharfe Kurve und warf Mia hinter sich herum, wobei sie fast zu Boden gegangen wäre. Ihr Schrei wurde von dem Krähen eines riesigen Vogels mit rot glühenden Augen verschluckt, der aus dem Nichts erschien und sie beinahe umgeflogen hätte. Mit einer Bauchlandung konnten sie im letzten Moment ausweichen.

„Nein, da lang!“, ächzte James und zog sich wieder auf die Füße. Die Punkte begannen, wild zu blinken und ohne sichtbares System hin und her zu schwirren. „Die Risse sind unkontrollierbar...“

„Aber... das Nichts...“, schrie Mia gegen all den Lärm an, als James auf das nächstbeste Portal zusteuerte.

„Ich weiß!“, brüllte er zurück. „Aber die Chance ist zurzeit größer, erschlagen zu werden, als dort zu landen!“

Und dann stolperte er über einen Stein und zog Mia mit in das Chaos des Raum-Zeit-Konstrukts. Aber diesmal war sie sich in einem absolut sicher: Nochmal würden sie nicht so ein unverschämtes Glück haben.

Im Tunnel war der Teufel los. Wenn die Umgebung das letzte mal schon verwirrend war, dann herrschte nun der absolute Wahnsinn. Die Farben wechselten nicht nur, sie blinkten in allen Variationen. Fratzen, Tiere, Formen, Pflanzen, Wellen, Punkte, Töne, Schreie, Musik, Klingeln und all das tausendfach wider geworfen und unzählige male verstärkt. Ein Elefant trötete in voller Lautstärke und trudelte an einem geflügelten Ochsen vorbei. Er verfehlte sie nur um Haaresbreite. Ihre Schreie wurden vom absoluten Chaos verschluckt.

Und dann...

...wurde es dunkel.

Wäre sie bloß Zuhaus' geblieben.

 

**

 

„James?“

„Ja?“

„Ist das... das Nichts?“

„Kann schon sein...“

„Hörst du was?“

„Warte...“

„Hm?“

„Nee.“

„Wo sind wir?“

„Ich habe keine Ahnung“

„Wo bist du denn überhaupt?“

„Ich weiß nicht... streck' mal deine Hände aus...“

„Okay“

„Oh, da ist was“

„James...“

„Ja?“

„Das sind nicht meine Hände“

„Oh. Tut mir Leid“

„Warte, ich glaube, ich habe dich. Sag mal, wann hast du dich das letzte Mal rasiert?“

„Ähm... Mia...“

„Ja?“

„Das... bin nicht ich“

„WAS?!“

Das etwas unter ihren Fingern, begann sich zu regen. Kreischend und um sich schlagend versuchte sie, das haarige Büschel loszuwerden und es kläffte zurück. Panisch begann sie mit den Armen zu rudern und versuchte, möglichst viel Abstand zwischen sich und das Etwas zu bringen. James schrie aus Reflex mit. Und dann gab die Wand hinter ihnen nach und sie rollten hinten rüber auf den Boden.

„Wirklich?!“, fragte Mia ungläubig. „Ein Kleiderschrank? Schon wieder?!“

James wurde von einem grauen Fellbüschel daran gehindert, zu antworten. Es war ein Hund. Tatsächlich. Ein Weltraum-Hund. Er sah ein wenig aus wie ein Bobtail, nur mit leuchtend orangen Augen. Wie James. Nur als Hund. Mia lachte.

Aber dann wurde sie von einem weiteren, gewaltigen Beben unterbrochen, dass alles zum Wackeln brachte. Erst jetzt sah sie sich um und stellte fest, dass sie sich in einem winzigen Zimmer, vollgestopft mit allen möglichen Dingen befanden. Ein Globus. Eine Landkarte mit abstrusen Landschaften darauf. Eine riesige, alte Uhr, die mit 16 statt 12 Ziffern ausgestattet war. Und all das brach nun in sich zusammen. Winzige Regale, die mit Büchern überquollen, ergossen ihren Inhalt nun über den Boden wie einen Regen aus Buchstaben. James schnappte sich erneut Mias Hand und zog sie aus der Tür, die ihre einzige Rettung vor den harten Einbänden war.

Der Hund folgte ihnen schwanzwedelnd, als würde er all das gar nicht bemerken. Die pure Freude über ihre Anwesenheit sprach blank aus seinen Augen und unwillkürlich fragte Mia sich, was er im Kleiderschrank getan hatte.

Die Tür mündete in einer Art Gewächshaus. Die Luft war schwül und drückend und Kondenswasser lief von den verklärten Glasscheiben. Mia fühlte sich wie erschlagen von der plötzlichen Schwüle. Aber das bekam sie kaum mit. Denn das, was sich nun rechts und links von ihr erstreckte, war die blanke Ungläubigkeit.

Riesige, unbeschreibliche Blumen reckten sich aus kleinen Beeten in die Höhe. Die Blüten schillerten in allen erdenklichen Farben und die Blätter waren grün und kräftig. In der Mitte eines Blütenkranzes entsprang eine Perle, die so weiß und so rein aussah, dass Mia sich selbst dabei erwischte, wie ihre Finger sich danach ausstreckten. Ein wunderbarer Duft lag in der Luft. Süß und leicht, frisch und warm zugleich. Es war schlicht nicht in Worte fassbar. Der Anblick dieser Pflanzen brachte in ihr alles zum Kochen. Sie verzerrte sich danach, diese Wesen zu berühren, sie an sich zu nehmen und nie wieder loszulassen, aber sie hatte zu große Angst, sie zu berühren und ihren Zauber zu zerstören, mit ihren Fingern, die auf einmal so plump und ungelenk wirkten.

„Mia...“, hauchte James, „Wir... sind im Zentrum angekommen...“

Mia schüttelte abwesend den Kopf.

„Nein...“, murmelte sie, „Das kann nicht sein. Das ist keine Maschine. Das sind nur Blumen“

James stupste sie an und riss sie aus ihren Gedanken.

„Schau mal da“

Am Ende des Gewächshauses war ein Kasten aufgebaut, aus dem, wie bei einer Bewässerungsmaschine, Funken sprudelten und die Blumenerde mit einer feinen Schicht benetzte.

„Ich fasse es nicht.“ James stierte fassungslos auf das Display des Navis, danach wieder auf die Maschine und das glitzernde Zeug. „Hier bewässert jemand seine Blumen mit dem Raum-Zeit-Konstrukt.“

Eine Weile standen sie nur da und starrten die Ungeheuerlichkeit an, die sich ihnen offenbarte.

„All das Chaos... für ein Gewächshaus?“, fragte Mia fassungslos. „Das kann doch nicht wahr sein!“

„Das erklärt, wieso es hier nicht bebt...“, überlegte James. „Wir haben die Quelle gefunden. Die Frage ist nur, wie wir das ganze abstellen und rückgängig machen können...“

Plötzlich flogen die Türen auf und ein alter Mann mit Bart und Sonnenbrille stürmte hinein. Mit ihm schwappte eine Welle von Techno-Musik hinein und er drückte seine Verbundenheit zum Rhythmus auf eine sehr interessante Weise aus. Es dauerte eine Weile, bis er James bemerkte, um genau zu sein, tat er es, als er in ihn hinein wirbelte.

„Waah!“, schrie er.

„Waah!“, schrie James.

„Waah!“, schrie Mia.

„Wuff!“, machte der Hund.

„Was zur Hölle?!“

Die Musik verstummte und der Mann schob seine Sonnenbrille herunter. „Aaaaaach!“, lachte er vergnügt. „Besucher! Jaa, gut, ich lieebe Besucher!“

Er trug einen Bademantel und sah generell ein wenig aus, als würde er den selben Stil pflegen, wie James.

James klappte der Mund auf. Aber er schloss ihn wieder.

„Kommt mit, ich hab Teeee“, lachte der Opa und fuhr sich durch den grauen Rauschebart. Dann verließ er das Gewächshaus indem er Pirouetten drehte und sich nach draußen bewegte.

„Was zur Hölle ist hier los?“, fragte Mia mit gerunzelter Stirn.

„Keine Ahnung...“ James zuckte mit den Schultern. „Aber wir werden es wohl noch herausfinden.“

Dann drehte er sich um und folgte dem Opa durch die Glastüren.

 

**

 

„Vollkornhaferkeks?“

Der Opa hatte eine Untertasse mit Keksen darauf geholt und hielt sie James direkt unter die Nase.

Dieser wollte den Kopf schütteln, aber Mia wusste das zu verhindern. Man durfte einem süßen Opa keine Kekse abschlagen. Niemals.

„Jaaa!“, rief sie und schnappte sich einen. „Du doch auch, oder James?“

James schielte sie an.

„Ich hab 'ne naturbedingte Allergie gegen Hafer...“

Und einen Ellenbogen in der Seite.

Widerwillig griff James nach einem der Kekse.

„Essen“, zischte Mia.

„Aber...“

Sie hob die Hand.

James knabberte an seinem Keks.

Der kleine Opa strahlte über das ganze Gesicht. „Es ist so schön, mal wieder jemanden hier zu haben... Bitte, bitte, nehmt noch einen“

Die Kekse schmeckten sogar einigermaßen. Mia schnappte sich noch einen und sah sich um. Sie befanden sich in einem ähnlich voll gestopftem Raum wie zuvor. An den Wänden hingen wilde Zeichnungen, Zirkel, Sextanten und andere altertümliche Gegenstände, meterhohe Regale vollgestopft mit Büchern ragten in die Höhe und auf dem Boden waren überall Haufen mit interessanten Dingen verstreut.

Eine bunte Blumenkette.

Ein pinker Globus.

Ein altes Nummernschild.

Ein Aufkleber mit der Aufschrift „We break for nobody“.

Und unzähliges anderes Zeug, das Mia noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.

James würgte seinen zweiten Keks herunter und hustete.

„Aber... aber wo ist die Quelle?“

„Schaut mal!“, rief der Opa von weiter hinten aus dem Raum. Er hielt eine Zeichnung von einer Katze mit einem Melonenhelm hoch.

„Der ist doch verrückt“, raunte James ihr zu. „Guck dir mal an, wie der sich anzieht“

Mia beschloss, darauf nicht weiter einzugehen.

Plötzlich wurde die Idylle des Raums durch ein gewaltiges Beben zerstört. Der Boden bäumte sich unter ihren Füßen auf, die Regale gaben unter ihnen nach. Mit einem Mal bestand die Welt aus dem Flattern aufgeschreckter Seiten und den dumpfen Aufschlägen von Einbänden auf dem Boden. Binnen weniger Sekunden gaben Mias Beine unter den Treffern nach und dann war auf einmal alles dunkel. Jemand würgte.

Und das Beben gab noch nicht nach; im Gegenteil: eine Erschütterung jagte die nächste und so kam immer mehr Gewicht auf ihrem Rücken hinzu. Der Opa schrie gequält auf und kurz darauf wühlte sich jemand durch das Meer aus Krims-Krams und schaufelte Mias Körper frei. James zog sie auf die Beine und versuchte schwankend, sich auf den Beinen zu halten, als um sie herum die Welt aufschrie. Er war kreidebleich.

„D...du hast n...nicht z..zufällig V...Vitamin C...C, o...oder?“

„Was hast du denn schon wieder gemacht?!“ Mia stolperte zur Seite, als der Boden wieder gegen seine Last rebellierte.

„I...ich sagte doch... Ha...Hafera...allergiee...“

„Im Ernst?! Dafür ist jetzt keine Zeit! Bisher war das hier wie das Auge im Sturm! Aber wenn das sogar schon jetzt eskaliert, dann... dann müssen wir das jetzt aufhalten!“

James starrte sie an, als würde er kein Wort verstehen. Und sie hatte gedacht, das wäre nur eine Ausrede gewesen... Von dem Opa war nichts mehr zu sehen, aber eine Suche in diesem Chaos wäre aussichtslos. Außerdem würde das auch nichts mehr bringen, wenn das Raum-Zeit-Konstrukt nun kollabierte. Also schnappte sie sich James' Hand und zerrte ihn zur zweiten Tür, die zur Hälfte mit Büchern bedeckt, aber sichtbar war.

Das nächste Beben schubste sie in den Raum. Und was sich ihnen hier eröffnete, brachte Mia komplett aus dem Konzept. Nach Luft schnappend starrte sie die weißen Wände an, musterte all die Schläuche und die Knöpfe, konnte nicht fassen, was für eine Ansammlung an High-Tech hier hinter dem kleinen, süßen Zimmer auf sie gewartet hatte.

Das Rauschen einer Maschine war zur hören. Stetiges Piepen. Und eine Glaskapsel, die beinahe einladend blitzend auf sie wartete.

Es schien, als würde der Raum atmen. Die Lunge war die Kapsel, das Herz die glucksende Flüssigkeit, die durch all die Plastikschläuche sauste und das Hirn waren die Kabel, die sich an der Decke wie ein Spinnennetz aus unzähligen Fäden ausbreiteten. Es war unglaublich.

Ein atmendes, denkendes, flüsterndes Ding. Und es flüsterte so viele Worte. Mia wusste, dass sie da waren, aber sie konnte sie nicht verstehen.

James suchte ewig nach Worten, bevor die richtigen fand.

„Eine Zeitmaschine...“, flüsterte er dann. „Er hat eine Zeitmaschine gebaut...“

„Aber... aber...“, stammelte Mia. „Er ist verrückt!“

„Und hier haben wir den Grund dafür“, murmelte James und strich andächtig über einen der Schläuche. „Er hat das geschafft, was keiner für möglich gehalten hat... er hat den Zugang zum Raum-Zeit-Konstrukt gefunden und ist wahnsinnig geworden. Und jetzt...“

Er holte tief Luft, als müsse er Mut fassen, die bittere Wahrheit auszusprechen.

„Jetzt steht die Maschine hier, der Umwelt verborgen und er wässert seine Blumen mit dem Konstrukt“

Mias Herz schlug schneller.

„Es war nie ein böser Plan“, hauchte sie.

„Nie eine Absicht“, fuhr James fort.

„Er ist ein Genie“

„Und ich wollte seine Kekse nicht...“

James verdrehte die Augen und wurde ohnmächtig. Wumms.

Mia hatte keine Augen für seinen leblosen Körper. Sie konnte den Blick nicht von der Schönheit dieser Maschine abwenden. Das war die Lösung. Eine Zeitmaschine. Tausende Fragen stauten sich in ihr auf. Wie viele Möglichkeiten verbarg diese Konstruktion? Wie viele, tausende Träume, wie viele Fragen, wie viele Probleme wurden damit gelöst?

Sie könnte überall hin.

Das kühle Glas der Beförderungskapsel schmiegte sich eiskalt an ihre Handfläche. Ihr Atem stockte, als sie an all die Macht dachte, die unter ihren Fingern ruhte. Für ein paar Sekunden verstand sie den Wahnsinn, der sich im Kopf des Opas eingenistet hatte. All die Verantwortung, die Probleme, die Gedanken...

Doch sie wurde nicht verrückt, zumindest vorerst nicht. Denn bevor sie weiter daran denken konnte, was für Chancen sich ihr durch diese Maschine eröffneten, hörte sie das Durchladen einer Waffe. Erschrocken fuhr sie herum. James lag nicht mehr ohnmächtig am Boden, er hing leblos in den Armen eines Weißelfen, mit einer Laserpistole am Kopf.

Nicht gut.

Entsetzt starrte sie die schneeweiße Gestalt an, die wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Natürlich. Der Plan der verschollenen Rasse.

„Geh da weg, Mädchen“, schallte die eiskalte Stimme durch den Raum. „Geh da weg oder ich drücke ab“

Von draußen drang der gedämpfte Lärm der Erdbeben hinein. Mia hielt den Atem an und erstarrte. Was sollte sie nun tun? Langsam wanderten ihre Hände nach oben, hinter ihren Kopf. Sie musste diese Apparatur stoppen... aber wie? James hätte vielleicht mehr gewusst, aber den hatte sie selbst mit einem Vollkornhaferkeks vergiftet. Plötzlich hatte sie ein unglaublich schlechtes Gewissen.

„Wo sind deine Artgenossen?“, fragte sie zögerlich. „Wieso... wieso bist du allein?“

„Sie werden gleich hier sein, keine Sorge“, lächelte der Weißelf böse. Es war der mit der Narbe über dem Auge.

„Die Welt wird untergehen“, versuchte sie es verzweifelt auf die selbe Tour wie James. „Das Konstrukt zerbricht. Ihr werdet untergehen!“

„Mit euch. Das ist der Plan. Und deshalb wirst du jetzt von dieser Maschine weggehen! Na wird’s bald?!“ Er wackelte mit der Waffe und Mia wusste, dass sie keine Wahl hatte. Also machte sie hilflos ein paar Schritte zur Seite. Sie musste die Zeitmaschine stoppen, irgendwie. Das war ihr klar. Aber sie musste auch den Weißelfen davon abhalten, James zu töten. Und den Vollkornhaferkeks. Aber eins nach dem Anderen.

Mia atmete tief durch und musterte James' lebloses Gesicht. Wirklich leblos? Sie nahm ein leichtes Zucken seiner Augen war. Oh, er war gut... Sie ahnte, was er vorhatte, noch bevor er es in die Tat umsetzte. Der Weißelf schrie erschrocken, als James ihm den Ellenbogen in die Seite rammte und ihn entwaffnete.

„Schnell!“, rief er. „Da kommen gleich viel mehr! Wir müssen da rauf! Zur Hauptversorgung!“

Er deutete zur der Glaskapsel, die in einer Art Säule befestigt war, die mit Kabeln umwickelt in die Höhe ragte. Es waren kaum mehr als ein paar Meter. Mia grinste erleichtert. Das war einfacher, als gedacht.

Mit ein paar Sprüngen war sie bei James, der immer noch ziemlich grün um die Nase war und folgte ihm auf das Gestell aus Kabeln. Der Raum diente noch immer als Festung, kein Beben drang bis hier hervor. Dafür öffnete sich nun die Tür. Da waren Weißelfen. Viele. Weißelfen.

James biss in den Griff der Waffe und machte sich ans Klettern. Mia folgte ihm, so schnell es ging und erneut verfluchte sie sich dafür, so dermaßen schlecht in Sport gewesen zu sein.

„Ergreift sie! Sie dürfen unseren Racheplan nicht aufhalten!“, kreischte die Weißelfin schrill. Sie war höchstpersönlich angereist.

Und es war nicht so einfach wie gedacht.. James hatte das obere Ende der Säule, in der die Kabel mündeten, fast erreicht und streckte schon triumphierend die Hand aus, als die Stimme von unten tönte: „Aktiviert die Entfernungsmatrix“

Augenblicklich wurde es dunkel im Raum. Funken sprühten auf. Das Weiß verwandelte sich in dunkles blau. Die Motoren sirrten auf und es klang, als würden sie ertrinken, in all der Energie, die sich nun durch die Schläuche bewegte.

James Hand bewegte sich weiter. Aber nichts geschah.

„Was ist da los?!“, fragte Mia verzweifelt.

James heulte auf. „Wir stecken in einer Entfernungsmatrix... ich werde niemals ankommen, da oben...“

„Was? Wieso? Es sind doch nur noch ein paar Zentimeter!!“ Mias Stimme kippte ins lächerlich Hohe, vor Panik.

„Das ist kompliziert, zu kompliziert... ich kann nicht meine eigene Singularität erreichen, ohne dabei draufzugehen... das ist ein Paradoxon! Du denkst, meine Hand bewegt sich normal, meine Hand kommt aber niemals an! Das ist unmöglich, ein Fehler in sich selbst, ein... ein...“

Ein kaltes Lachen erschallte.

„Die zapfen die Energie ab...“ James wurde noch blasser, als er ohnehin schon war. „Jetzt sind wir nicht einmal mehr hier sicher.“

Noch bevor er seinen Satz beendet hatte, drang das Beben in den Raum. Weitere Funken sprühten auf. Blitze zuckten durch das Dunkel. Der ganze Raum schwankte und brüllte. Keine neuen Risse, Gott sei Dank. Dafür war Mia sich sicher, jeden Moment zu stürzen.

Verzweifelt krallte sie sich in die Kabel. Ihre Beine hingen frei in der Luft und stechender Schmerz schoss durch ihre Handflächen, als sie abrutschte. Ihr stiegen Tränen in die Augen. Jetzt waren sie so nah am Sieg...

James stand der blanke Schweiß auf der Stirn. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis er wieder ohnmächtig würde. Panisch sah Mia sich um. Es musste doch einen Weg geben...

„Wir zerstören deine Welt!“, rief die Weißelfe. Ihr bleiches Gesicht blitzte im Dunkeln auf wie das eines Geists. Schemenhaft bewegten sich ihre Untertanen um sie herum, eine Gottheit im Kreise ihrer Ergebenen Seelen. „Wir haben alles an uns genommen!“

Ein weiteres Beben. Mias Kopf schlug hart gegen die Säule. Dumpfer Schmerz in ihren Schläfen. Ein kreischendes Fiepen in ihrem Kopf.

„Dein Planet! Willst du ihn sehen?! Willst du ihn sehen?“

Sie fuhr zum Display der Maschinen herum.

„Wir haben eine Maschine im Mittelpunkt des Raum-Zeit-Konstrukts! Ich kann dir alles zeigen, was du willst!“

Im Dunkel flackerte ein Bild auf. Die roten Berge. Das warme Gras. In Flammen. Tausende Tiere, die alles zertrampelten, was da war. Und dazwischen die Weißelfen, die alles niedermachten, was ihnen vor die Waffe kam.

James entwich ein gequälter Laut.

„Hört auf...“, wimmerte er, „Hört auf...“

„Sieh hin. Das ist es, was dein Lebensinhalt ist! Du versuchst etwas zu retten, was bereits seit Jahrhunderten ausgebrannt ist!“

Das Bild wechselte. Es war die Erde. Oder zumindest das, was von der Erde übrig geblieben war. Rauchende Haufen aus Schutt und Asche. Trümmer von Häusern. Mia konnte den Rauch sehen, die dicken Regenwolken, die grau die rote Glut der Sonne verhangen. Die Überreste eines Lebens, das nie existiert hatte. Und inmitten von all dem: Ein Baseballschläger.

Es traf Mia wie ein Schlag in die Magengrube. Sie bemerkte, wie ihre Hände von den Kabeln abrutschten, hörte James schreien, aber sie konnte nichts tun.

Es war zu spät.

Sie hatten versagt.

Die Welt war verloren.

Mit einem leisen Schluchzen verlor sie den Halt und fiel dem Boden entgegen, schlug hart zwischen den Elfen auf und blieb liegen, ohne die Augen zu öffnen. Vor ihrem inneren Auge drehte sich alles und sie hätte James so gut verstanden, wenn er jetzt losgelassen hätte.

Aber er tat es nicht.

Er kämpfte.

Als sie die Augen öffnete, sah sie die Weißelfin an dem Display, wie eine wahnsinnige am Lachen. Es war die irre Freude in ihren Augen, die Mia zur Besinnung brachte. Vielleicht konnte sie auch einfach nicht mehr richtig denken, vor Schmerzen. Aber irgendwie rappelte sie sich auf und stürzte sich auf die Anführerin der Bösen in dieser Geschichte.

Ihre Verzweiflung gab ihr Schwung und dieser Schwung bewirkte, dass sie sich dreimal überschlug, bevor sie auf dem Boden liegen blieben. Die Weißelfin schrie auf und schlug nach Mia. Sie war viel größer, aber leichter gebaut. Und das hier war eine Atmosphäre, die Mia gewöhnt war. Das hieß, sie schaffte es, der Frau dreimal zornig ins Gesicht zu schlagen, bevor sie ergriffen und fortgeschleift wurde.

James hätte bestimmt applaudiert, wenn er nicht mit grasgrünem Gesicht in einer Entfernungsmatrix gehangen hätte. Wütend pustete Mia sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah zu ihm hinauf. Er würde nicht mehr lange durchhalten.

Die Weißelfe richtete sich auf und wischte sich ihr graues Blut aus dem Gesicht. Sie schnaubte.

„Ihr habt noch Minuten! Sekunden!“ Sie baute sich vor Mia auf.

„Schlag mich! Tritt mich! Bring mich um! Es wird euch nichts nützen!“

Mit einem gewaltigen Schlag wurde Mia gegen die Wand geschleudert. Ihr ganzer Körper fühlte sich an wie eingegipst. Sie ließen sie liegen. Sie hörte Schritte, die sich entfernten.

Es war alles umsonst gewesen. Alles, wofür sie in den letzten Tagen gekämpft hatte. All die Schmerzen, die Tränen und die Aufgaben, umsonst. Die Welt war verloren. Sie konnten nichts mehr tun.

Ein Teil von ihr wollte das nicht akzeptieren. Ein Teil irgendwo tief in ihr schrie gegen die Verzweiflung in ihr an und befahl ihr, zu kämpfen. Gegen etwas, was unaufhaltbar schien.

Ihr ganzer Körper rebellierte gegen ihre Bewegungen, als sie sich aufrichtete, aber der Schmerz war ihr egal.

Mit verschwommenem Blick taumelte sie zum Schaltpult.

„Hier ist kein Ausschalter...“, murmelte sie konfus. „Es muss einen Ausschalter geben...“

Verzweifelt sah sie zu James hinauf. Jede Farbe war nun aus seinem Gesicht gewichen.

„Ich wollte dich nicht vergiften...“, weinte sie. „Es war doch nur ein Keks...“

James lächelte schwach. Er war ihr nicht böse. Wie auch? Er war ihr ja nie böse.

Doch er hatte immer noch nicht los gelassen. Und das, obwohl es wirklich eine Qual sein musste, da oben zu hängen. Und das hieß...

„Moment“, rief Mia, „Du hast noch Hoffnung! Es gibt noch eine Lösung, es gibt einen Ausweg! James! James!!“

„Freu dich nicht zu früh...“, röchelte James heiser. „Aber es gibt einen Ausschalter. Es gibt immer einen. Er ist nur ziemlich gut geschützt...“

Wie automatisch wanderte Mias Blick zu einem kleinen Röhrchen zwischen all den Knöpfen. Ihre böse Vorahnung bestätigte sich: dahinter lag ein roter Knopf. Und sie wusste spätestens seit dem Fahrstuhl: Es war immer der rote Knopf, der entscheidend war.

Aber ihre Finger waren zu kurz. Egal wie sehr sie sich anstrengte, sie kam einfach nicht an das Ende. James stöhnte über ihrem Kopf. Nur noch wenige Sekunden.

Der Raum erzitterte erneut. Kabel rissen aus ihren Halterungen, Schläuche platzten und ergossen ihren Inhalt über den Boden. Kaltes, rotes Wasser sprudelte in Mias Nacken.

„Ich komme nicht dran!“, rief sie hysterisch. „Er ist zu weit unten...“

„Du musst“, erwiderte James nicht weniger panisch. „Sonst war's das mit mir, dir und der Welt!“

Erneut drückte sie mit aller Kraft gegen ihre Hand. Das durfte doch nicht wahr sein...

„Beeil dich... Miaaaa...“, jammerte James.

Stechender Schmerz schoss durch ihren Finger, als sie sich die haut an dem scharfen Metall aufschnitt. Es war hoffnungslos. Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen.

„James...“, schluckte sie, „Es tut mir so Leid...“

Ihre Stimme war kaum zu hören gegen das Brüllen der Erde, das Rauschen des Wassers und dem Schlagen ihres eigenen Herzens, aber er antwortete trotzdem:

„Mia... Ich kann nicht mehr...“

Und dann ließ er los und schlug neben ihr auf dem Boden auf. Eines der Geräte fing Feuer und wurde von der roten Flüssigkeit nur noch angefacht.

James zog sich irgendwie auf die Füße, klatschnass und total fertig, mit seiner zerfetzten Mütze und dem abgebrannten Bademantel, mit der Sonnenbrille in seinem Unterhemd und den Shorts und er sah so heldenhaft aus, wie noch nie zuvor.

Wortlos fielen die Beiden sich in die Arme. Nass. Angebrannt. Verletzt. Mia lächelte traurig. Da hatte sie doch noch tatsächlich ein Abenteuer erlebt, in ihrem viel zu kurzem Leben, wie sie es sich früher immer gewünscht hatte. Nur leider würde es nie die Enkel geben, denen sie von dieser Geschichte erzählen könnte...

Wehmütig dachte sie an die Geschichte, die sie nun niemals weiterreichen konnte.

Wie ich einen Außerirdischen in meinem Badezimmer fand. Der Außerirdische mit der Pudelmütze, der nicht wusste, wozu eine Zahnbürste da ist.

Eine Zahnbürste.

Augenblicklich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

„James!“, rief sie aufgeregt, „Die Zahnbürste!!“

James Arme ließen sie los. Er starrte sie an.

„Was?“

„Die Zahnbürste! Damit können wir den Knopf erreichen und die Matrix auflösen!“

Es dauerte noch ein paar Sekunden, bevor er verstand. Dann schrie er auf.

„Oh! OHH!! Ich WUSSTE, dass sie zu irgendetwas gut ist! Ich WUSSTE es!!“

Aufgeregt zog er sie aus seiner Tasche. Lief zum Schalter. Schlug sie in die Röhre. Ein Sirren. Das dunkle Licht verschwand.

Aber nun bebte die Erde heftiger denn je. Es war, als hätte jemand ein Stück Papier durchgerissen, ein Stückchen Pappe oder etwas Ähnliches... ein ratschendes Geräusch in Mias Kopf. Und dann war der Ton weg. Alles, was sie wahr nahm, war für wenige Sekunden ein heller, fiepender Ton in ihrem Kopf und das Blinken der Lichter.

Dann begann alles in ihrem Kopf, sich zu drehen.

Wer war sie? Wo kam sie her? Da war das Bild eines Jungen, mit einem Baseballschläger. Wer war er? Und der rothaarige daneben? Die Mütze? Was war eine Mütze? Verschwommene Bilder rotierten vor ihrem inneren Auge und in der nächsten Sekunde wusste sie nicht mehr, was sie darauf gesehen hatte. Sie verlor jeglichen Halt. Warum war sie nass? Nass? Was hieß das? Kriechende Kälte in ihrem Nacken.

Und da war diese Säule. Diese unglaublich hohe, unbeschreibliche Säule. Und das Männchen daran. Es schien ihr so weit entfernt. Es saß ganz oben, mit der Hand an einem dicken, blauen Kabel. Mia wurde schlecht. Wieso kam es ihr so vor, als wäre ihr das Männchen bekannt? Wieso...? Wieso? Das Gefühl von fremden Lippen auf ihren.

Und dann zog das Männchen. Eine gewaltige Explosion in Mias Kopf. Eine Explosion an Informationen, Gefühlen, Erinnerungen. Ein unbeschreiblicher Schmerz in ihren Schläfen.

Auf diesen Wirbelsturm folgte ein plötzliches Schwarz.

Alles.

Schwarz.

Nichts Anderes mehr.

Da waren Namen.

James.

Marc.

Felix.

Sie kannte ihre Bedeutung.

Aber sie wollte nicht mehr denken.

Sie wollte nur noch eins:

Ruhe.

Ruhe.

Im.

Schwarz.

 

 

12. Kapitel-Chacka!

12. Kapitel

 

„Mia...“

Da war eine Stimme. Mia versuchte, die Augen zu öffnen, aber alles war in blendendes Weiß getaucht. Keine Kopfschmerzen mehr. Kein Ziehen im Rücken. Angenehme Wärme überall und die absolute Körperlosigkeit, die wie ein Gefühl der Schwerelosigkeit durch all ihre Glieder floss.

„Was...?“, wollte sie fragen, aber alles, was sie heraus bekam, war ein kläglicher Laut.

„Sssh...“, kam es zurück. „Nicht sprechen. Ruhig bleiben. Bitte erschrick jetzt nicht: Wir sind im Nichts“

Alles in ihr zog sich zusammen. Da waren die Erinnerungen wieder. James. Wo war James? Verzweifelt versuchte sie, sich zu bewegen.

„Shhh!“, machte die Stimme wieder. „Alles ist gut. Ich bin's, James“

Erleichtert atmete sie auf. In Ordnung. Sie hatten es also geschafft. Oder doch nicht? Sie waren im Nichts...

„Es ist alles in Ordnung“, fuhr James fort, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Wir haben es geschafft. Die Maschine ist zerstört. Aber damit haben wir das Zeit Vakuum zerstört. Es war ein bisschen wie in der Halle mit dem Oberhaupt... dieser Augenblick war überall und als wir die Stromversorgung abgerissen haben war es, als hätte es die Maschine nie gegeben“

Mia lauschte gebannt. Aber das hieß doch... sie dürften gar nicht hier sein...

„Und um zu verhindern, dass wir alles vergessen, bin ich ins Nichts gesprungen. Das heißt, wir bleiben unbeeinflusst von dem Rückwärtsgang der Geschehnisse, werden uns an alles erinnern und nur zum Schluss physisch beeinträchtigt, um zurück nach Hause zu kommen“

Nach Hause. Plötzlich wollte Mia nichts mehr als das.

James' Stimme war nun ganz nah.

„Ich habe Felix und Marc auch ins Nichts geschickt, damals im Flugzeug“, flüsterte er. „Du wirst wieder da sein, wo wir angefangen haben. Da, wo du das erste Mal mit den Portalen in Kontakt getreten bist. Und ihr werdet die einzigen sein, die sich an all das erinnern, was geschehen ist, zusammen mit den wenigen Leuten, die während eines Raumsturzes darin gelandet sind. Und die werden denken, sie sind verrückt“

Vielleicht werde ich das auch, dachte Mia. Vielleicht werde ich einfach wahnsinnig.

„Es war ein Abenteuer“, lächelte James. „Und was für eins. Das großartigste Abenteuer, das man sich nur denken kann. Und du...“

Irgendwie war Mia nun froh, dass sie ihn nicht unterbrechen konnte. Das wollte sie hören.

„Obwohl du mich mit einem Vollkornhaferkeks vergiftet hast und ich gleich erst einmal ein paar Erdbeeren verdrücken muss, war es echt super mit dir. Ohne dich wäre das hier nichts geworden. Überhaupt gar nichts. Ich wäre in deinem Badezimmer verblutet und das Universum wäre kollabiert. Du...“

Er holte tief Luft.

„Du hast die Welt gerettet, Mia, deren Nachnamen ich nicht einmal kenne. Wir haben verdammt nochmal die Welt gerettet. Ich war genial. Und du auch. Aber vor allem ich.“

Mia grinste in Gedanken. Da war er wieder, der alte James.

Dann spürte sie ein Kribbeln in ihren Zehen.

„Es fängt an“, murmelte James. „Das war's dann wohl. Mach's gut...“

Langsam breitete sich das Kribbeln über ihren ganzen Körper aus und irgendwann hatte sie das Gefühl, dass sich ihre Gliedmaßen in einzelne Atome aufspalteten und sich in der Luft ergossen.

Sollte es das jetzt etwas gewesen sein?

„Chacka!“

Und sie hatte schon gedacht...

 

**

 

Epilog

Epilog

 

Perplex starrte sie in das Badezimmer. Wo war sie? Der Baseballschläger rutschte aus ihren Fingern und schlug hohl auf den Fliesen auf.

Keine Scherben.

Kein James.

Keine violetten Pupillen.

Sie brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, was geschehen war.

'Du hast die Welt gerettet, Mia'

Von unten ertönte ein leiser Aufschrei.

Ein Rummsen.

Jemand fluchte.

James?!

Ihr Herz schlug viel zu schnell, bei dem Gedanken daran, dass er wieder da war. Aber als sie die Treppe hinunter stürmte, waren es nur Marc und Felix, die wieder Zuhause gelandet waren. Verwirrt starrten sie sich einander an, ein paar Sekunden geschah nichts.

Dann fielen sie sich in die Arme, still und einträchtig.

Mia weinte ein wenig.

Sie hatten mehr erlebt, als sie es in zwei Tagen für möglich gehalten hätten. Leute kennen gelernt. Leute verloren. Gelernt. Gelacht. Geliebt.

James musste irgendwo da draußen sein und wer wusste es schon... vielleicht würden sie ihn eines Tages auch wieder finden. Vielleicht mussten sie das aber auch gar nicht.

Jetzt würden sie erst einmal ein bisschen was kochen und etwas essen.

Und dann ein bisschen PlayStation spielen.

Vielleicht später noch in den Park.

Wer wusste schon, was noch so kam.

 

 

Ende

Bildquellen des Covers

 Riss: 588465_web_R_by_Rike_pixelio.de

Erde: 412961_original_R_K_B_by_korneloni_pixelio.de

Hintergrund: 539750_original_R_K_B_by_Wilhelmine Wulff_pixelio.de

Sonnenbrille: frau mit laser 158231 

Mütze : woman-84725_640 (Pixabay)

Gesicht: portrait-358970_640 (Pixabay)

Bademantel: 407962_original_R_B_by_Thommy Weiss_pixelio.de

Impressum

Texte: Alle Rechte liegen bei mir, der Person hinter dem Usernamen XNebelparderX
Bildmaterialien: Cover von susymah (Vielen Dank dafür!) Benutzte Bilder im Kapitel "Quellen"
Tag der Veröffentlichung: 29.10.2014

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für Patrick :D

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