ein Hilfsprojekt nach dem Bosnienkrieg 1992 – 1995
Es ist bereits in der Behindertenhilfe und in der Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses in Hamburg Tradition, zu Einrichtungen der Behindertenhilfe in Ost- und Südosteuropa Kontakte zu pflegen. So bestehen bereits seit 1992 Kontakte zu einer rumänischen Einrichtung in dem kleinen Dorf Puini, also vor dem Eintritt Rumänies 2007 in die EU. Bereits sieben Mal waren Behindertengruppen aus dem Rauhen Haus dort zu Gast.
Zu Beginn des Jahres 1999 kam durch Vermittlung der Janusz-Korczak-Gesellschaft, durch Frau Renate von Doeming aus Hannover, Vorstandsmitglied der schweizerischen Janusz-Korczak-Gesellschaft, Kontakt zu einer Einrichtung der Behindertenhilfe in dem kleinen Dorf Pazaric´, etwa 30 km südwestlich von Sarajevo in Bosnien-Herzegowina gelegen zustande. Frau Renate von Doeming war verantwortlich für das Projekt „Korczak für Bosnien“ und pflegte auch gute Kontakte zum Rauhen Haus.
Bereits im September 1999 besuchten vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rauhen Hauses die Einrichtung Zavod za zaśtitu djece i omladine Pazaric´ (Anstalt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen Pazaric´) bei Sarajevo in Bosnien-Herzegowina. lm Sommer des Jahres 2000 war ein Mitarbeiter des Rauhen Hauses mit einer sechsköpfigen Behinderten-Gruppe für neun Tage dort zu Gast. In dieser Zeit besuchte der Diakon Bernd Klinkenstein die Einrichtung in Pazaric´ und entwickelte erste Überlegungen zu einem Hilfsprojekt der Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses und nannte dieses „Bäume für Pazaric´". Hierüber berichtete er auf dem Brüder- und Schwesterntag in Hamburg im September 2000. Auf Grund seiner Anregungen wurden als erste Hilfsprojekte von der Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses Folientunnel für 2000 qm Gemüsebeete in der Einrichtung Pazaric´ I finanziert, 300 Apfelbäume in der Einrichtung Pazaric´ II gepflanzt und diese mit einem Wildschutzzaun versehen. Aus gesundheitlichen Gründen musste er jedoch sein Engagement aufgeben. Es wurde aber von den Diakonen Günter Grosse und Klaus-Rainer Martin fortgeführt.
Im April 2021 jährt es sich zum 20. Mal, dass die Diakone Günter Grosse und Klaus-Rainer Martin zum ersten Mal in Pazaric` waren.
Klaus-Rainer Martin,
Günter Grosse
Klein Wesenberg / Hamburg, im April 2021
Durch den beginnenden Zerfall Jugoslawiens und der damit verbundenen kriegerischen Auseinandersetzungen besonders in Kroatien wuchsen in den Jahren 1990 und 1991 auch die Spannungen zwischen den vielen Völkern innerhalb Bosniens und der Herzegowina. Während große Teile der serbischen Bevölkerung für einen Verbleib in der jugoslawischen Föderation und für einen engen Verbund mit Serbien plädierten, gab es insbesondere bei den Bosniaken den Wunsch, einen eigenen unabhängigen Staat zu bilden, unter anderem, weil sie durch die neu gebildeten Staaten Slowenien und Kroatien eine Übermacht Serbiens im verkleinerten Jugoslawien befürchteten. Die Kroaten aus der westlichen Herzegowina wollten sich dagegen stärker an den neuen Staat Kroatien anlehnen.
Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Kräften der drei großen ethnischen Gruppen der Kroaten, der Serben und der Bosniaken wurden von den jeweiligen nationalistischen Gruppierungen angeheizt und von sogenannten ethnischen Säuberungen begleitet. Dabei wurden die bosnischen Serben sowohl mit Waffenlieferungen als auch durch Bereitstellung paramilitärischer Truppen von Seiten der Bundesrepublik Jugoslawien unterstützt, während die bosnischen Kroaten Unterstützung bei der Ausbildung, Bewaffnung und Logistik ihrer Einheiten sowie durch die Zurverfügungstellung regulären Militärpersonals zur aktiven Kampfbeteiligung seitens Kroatien erfuhren. Die Bosniaken hingegen konnten sich anfangs nur auf leichte Waffen der früheren Teritorialverteidigung stützen. Später erhielten sie auch internationale militärische Unterstützung, vornehmlich aus muslimischen Staaten. Jedoch konnten aufgrund des Waffenembargos nur Kleinwaffen ins Land gelangen. Die militärische Übermacht der bosnischen Serben führte dazu, dass diese teilweise bis zu 70 Prozent des Territoriums von Bosnien und Herzegowina eroberten und kontrollierten. Dazu kamen vom Sommer 1992 bis zum Frühjahr 1994 Kämpfe zwischen Kroaten und Bosniaken hauptsächlich in der Herzegowina, vor allem um Mostar, der größten Stadt der Herzegowina.
Sarajevo, die Hauptstadt Bosniens, während des Krieges von der UN als muslimische Schutzzone erklärt, wurde von 1991 bis 1995 von den bosnischen Serben belagert und beschossen, obwohl UN-Soldaten in ihr stationiert waren. Die Bevölkerung wurde -ähnlich wie 1949 Berlin- über eine Luftbrücke mit dem Nötigsten versorgt oder auf dem Landweg, wobei man den serbischen Belagerern „Wegezoll" in Form von Lebensmitteln und Medikamenten zu entrichten hatte.
Die serbischen Truppen griffen im Juli 1995 auch die seit drei Jahren belagerte und in der UN-Schutzzone gelegene Stadt Srebrenica an. Die gesamte muslimische Bevölkerung von Srebrenica wurde ausgesondert, weibliche Bewohner und Kinder mit Bussen deportiert und die männliche Bevölkerung umgebracht, sofern sie nicht entkommen konnte. Unter den Augen meist niederländischer UN-Soldaten verübten die Serben ein Massaker mit 6.975 vorwiegend männlichen Todesopfern. Am 14. Juli 1995 entdeckten die UN-Soldaten auf ihren Erkundungsgängen in der Stadt Srebrenica nicht einen lebenden Bosniaken mehr. Zuvor lebten in dem mit Flüchtlingen überfüllten Ort 50.000 bis 60.000 Menschen.
Auch internationale Vermittlungsbemühungen sowie der Einsatz von UN-Truppen konnten über lange Zeit den Krieg nicht eindämmen. Nachdem, durch internationalen und internen Druck, Kroatien seine Teilungspolitik in Bosnien beendete und es Kroatien mit seiner Regierungsarmee im Sommer 1995 gelang, das Gebiet Serbische Krajina zu erobern und ihrem Staat einzuverleiben und die serbische Seite auch in Bosnien in die Defensive zu bringen, zeigten sich die inzwischen ermüdeten Kriegsparteien, auch unter internationalem Druck bereit, ernsthafte Verhandlungen über eine Beendigung des Krieges zu führen. Diese Verhandlungen mündeten Ende des Jahres 1995 in den Dayton-Vertrag. Mit diesem Vertrag wurden die beiden Gebilde Bosnien und Herzegowina und die Republika Srpska als Bestandteile des neuen Staates Bosnien-Herzegowina festgeschrieben. Gleichzeitig wurde eine internationale militärische und zivile Kontrolle des Landes vereinbart, die bis heute fortgeführt wird.
Der Bosnienkrieg forderte nach dem 2007 durch das bosnische Untersuchungs- und Dokumentationszentrum IDC festgestellte Ergebnis insgesamt 97.207 Tote. Diese Zahl könnte sich im Zuge der fortschreitenden Untersuchungen noch um etwa 10.000 erhöhen. 60 Prozent der Opfer waren den Angaben zufolge Soldaten, 40 Prozent Zivilpersonen. 65 Prozent der getöteten Soldaten waren Bosniaken, 25 Prozent Serben und acht Prozent Kroaten. Unter den getöteten Zivilisten waren dagegen 83 Prozent Bosniaken, zehn Prozent Serben, und fünf Prozent Kroaten. Etwa 2,2 Millionen Menschen flohen oder wurden vertrieben. Viele flohen ins Ausland. Von den Flüchtlingen und Vertriebenen ist bis heute nur ein Teil zurückgekehrt. Auch mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende sterben nahezu jährlich weitere Menschen an den Kriegsfolgen. Seit 1996 kamen über 600 Menschen durch Minenexplosionen ums Leben, weitere 1.100 wurden verletzt.
Bosnien und Herzegowina galt vor dem Bosnienkrieg aufgrund seiner Bevölkerungsstruktur oft als „Jugoslawien im Kleinen“. Drei Völker lebten lange Zeit friedlich zusammen: die muslimischen Bosniaken, die orthodoxen Serben und die katholischen Kroaten; wobei die Religion im sozialistischen Jugoslawien nur eine geringe Rolle spielte. In vielen Landesteilen waren diese Bevölkerungsgruppen direkte Nachbarn. Nach der Volkszählung von 1991 machten von insgesamt 4,36 Millionen Einwohnern die Bosniaken 43,7 % aus, die Serben 31,4 % und die Kroaten 17,3 %. 5,5 % erklärten sich weiterhin als Jugoslawen, ohne anzugeben, zu welcher Volksgruppe sie sich bekennen. Daneben gehörten etwa 2 % anderen Minderheiten an, wie z.B. den Juden, Rumänen oder Ungarn.
Im November 1995 wurde in der jugoslawischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina der über drei Jahre dauernde Krieg durch einen von der UN diktierten und bis heute durch die Präsenz der 25.000 SFOR- (heute EUFOR-) Soldaten und Polizisten vieler Nationen überwachten Vertrag beendet, welcher Grenzen und Struktur des Staates Bosnien-Herzegowina festlegt. Das Land wurde in zehn Kantone unterteilt, welche die inneren Angelegenheiten ihrer Region weitgehend eigenständig regeln sollen. Zwei der Kantone sind vorwiegend serbisch, in den übrigen acht Kantonen leben überwiegend Kroaten und Muslime. Diese bilden die Föderation. Daneben gibt es die fast ausschließlich von Serben bewohnte autonome „Republika Srpska". Die Föderation mit den zehn Kantonen und die Republika Srpska bilden zusammen den Staat Bosnien-Herzegowina. Hauptstadt des 3,5 bis 4 Millionen Menschen zählenden Staates (so genau weiß man nach Krieg und Flucht nicht mehr die korrekte Einwohnerzahl) ist Sarajevo mit 600.000 Einwohnern.
Am 29. Februar 1996 endete offiziell die fast vierjährige Belagerung von Sarajevo durch serbische Truppen, kontrolliert durch die Nato-geführte IFOR. Diese wurde nach Erfüllung ihres Auftrages durch die Stabilization Force (SFOR) ersetzt.
2004 löste die European Union Force (EUFOR/ALTHEA) unter Führung der Europäischen Union die NATO-geführte SFOR ab.
Die deutschen Truppen genießen in der Bevölkerung eine besonders hohe Wertschätzung, da sie nicht nur durch ihre Anwesenheit für Ruhe sorgen, sondern zugleich durch praktische Hilfe dazu beitragen, einige soziale Projekte zu realisieren. Der Politik der neuen Bundesregierung Jugoslawiens steht man weiterhin misstrauisch gegenüber. Doch nachdem seit dem Frühjahr 2001 in Bosnien-Herzegowina eine neue Regierung
Verlag: BookRix GmbH & Co. KG
Tag der Veröffentlichung: 01.04.2021
ISBN: 978-3-7487-7901-8
Alle Rechte vorbehalten