Drück einfach, drück diese beschissene Taste, du elender Feigling!
Aber Raphael konnte es nicht. Er schaffte es einfach nicht seinen Finger dazu zu bewegen, sich zu senken. Es war ganz einfach, nichts, was er nicht schon tausend Mal getan hätte, doch sie hasste ihn. Er hatte es in ihrem Blick gesehen. Was er getan hatte … das würde Cayenne ihm niemals verzeihen. Wenn sie seinen Anruf überhaupt annahm, dann nur um ihn zum Teufel zu wünschen. Und er hatte es auch nicht besser verdient.
Seufzend ließ er das Handy sinken und versuchte den Schmerzensschrei von diesem Drecksack hinter der Tür zu ignorieren. Stattdessen konzentrierte er sich auf das Foto auf seinem Knie. Es stammte von dem Tag, als sie versucht hatten, zusammen das Wohnzimmer zu streichen. Ihr Gesicht war völlig mit Farbe beschmiert. Eine Haarsträhne stand ihr wie ein Teufelshorn vom Kopf ab. Ihre Augen funkelten empört. Er hatte nie etwas Schöneres gesehen.
Beinahe schon zärtlich strich er mit dem Finger die Konturen ihres Gesichts nach.
Es war nie seine Absicht gewesen sie zu verletzten, oder ihr diese Last aufzubürden. Es hätte alles ganz anders laufen sollen. Wenn Roger doch nur niemals diesem Säufer in der Bar begegnet wäre. Vielleicht wären sie sich dann nie begegnet, aber wenigstens wäre sie noch glücklich und würde ihn nicht verabscheuen. Doch nun war es zu spät.
Ein erneuter Schrei veranlasste ihn dazu einen Blick auf die geschlossene Tür zu werfen, hinter der sein Schwager sich gerade mit ihrer neusten Informationsquelle beschäftigte. Er glaubte nicht daran, das etwas dabei herauskam. Sie hatten das schon so oft versucht und es hatte nie das gebracht, was es versprochen hatte. Wenigstens würde hier unten im Keller niemand die Schreie hören. Naja, niemand außer ihm und den Informationsbeschaffern.
Ein Knarren auf der alten Holztreppe, kündete von Tristans Ankunft. Zwei Schritte, drei. Staub knirschte unter den Sohlen seiner Schuhe. Auf der Hälfte blieb er stehen und schaute einen schweigsamen Moment zu Raphael hinunter. „Du solltest nicht hier unten sitzen.“
Oh doch, genau hier musste er sein. „Ich gebe Roger nur Rückendeckung.“
Sein Bruder schnaubte. Sie wussten beide, dass Viviens Verlobter das nicht nötig hatte. „Warum versuchst du dich selber zu bestrafen?“
„Ich versuche nicht mich selber zu bestrafen.“
„Du hast schon wieder ihr Foto in der Hand.“
Ohne das irgendwie zu kommentieren, ließ er das in der Zwischenzeit abgegriffene Bild in seiner Hosentasche verschwinden.
Tristan kam den Rest hinunter und trat direkt vor seinen Bruder. „Du hast nichts falsch gemacht, Ryder.“ Als er nicht reagierte, legte Tristan ihm eine Hand auf die Schulter. „Du hast das getan, was du tun musstest, du hast das gleiche wie wir gemacht.“
Nein, das stimmte nicht. Auch wenn er nichts für ihre Gefühle konnte, er hatte sie dazu ermutigt, obwohl er gewusst hatte, dass es nur nach hinten losgehen konnte. Und er hatte es nicht mal für Vivien gemacht, er hatte es getan, weil er es wollte, weil er sie wollte. Weil er es mochte, wenn sie bei ihm war, weil er sich gut fühlte, wenn sie sich von ihm in die Arme nehmen ließ, weil er davon geträumt hatte sie zu küssen – so oft. Doch jeder Traum war nur ein blasser Abklatsch der Realität gewesen.
Als Cayenne ihn geküsst hatte … einen Moment hatte er wirklich geglaubt, es könnte funktionieren und dass sie ihm alles verzeihen würde, wenn sie erst die ganze Wahrheit kannte. Wie man sich doch täuschen konnte.
„Ryder“, sagte Tristan, als sein Bruder nicht reagierte. „Hör auf dir …“
Als die Tür zur Kammer aufging, unterbrach er sich. Beide schauten dem großgewachsenen Mann mit der Brille entgegen. In der Hand hielt er ein feuchtes Tuch, mit dem er sich penibel das Blut von den Fingern wischte. Rogers Hände waren immer blutig, wenn er mit einem dieser Widerlinge fertig war.
„Wir haben was wir brauchen. Murphy kümmert sich um den Rest.“
Wie um seine Worte zu bestätigen, hörte man in diesem Moment aus der kleinen Kammer einen einzelnen Knall. Dann war es dahinter endlich still.
„Was haben wir denn genau?“, fragte Raphael und versuchte zu verdrängen, was dort hinter dieser Tür vor sich ging. Vor einem Jahr noch hätte er es nicht für möglich gehalten, so ruhig dasitzen zu können, wenn er wusste, dass ganz in der Nähe jemand starb. Noch vor einem Jahr hatte er Vieles nicht für möglich gehalten, was heute zu seinem Alltag gehörte.
„Eine Adresse.“ Als Roger den Kopf ein wenig senkte, fiel ihm sein braunes Haar ins Gesicht und verschattete seine Brille. „Ein Club. Nicht weit von hier. Alexia steht schon bereit, aber wir gehen heute nur hinein, um uns umzusehen.“
Wieder ein Club, wieder die verschwindend geringe Chance auf einen Hinweis. „Dann sollten wir wohl besser aufbrechen, bevor sie den Laden für heute dicht machen.“ Denn es war egal wie klein die Aussicht auf Erfolg war, niemand von ihnen würde aufgeben, bevor sie nicht erfahren hatte, was mit Vivien geschehen war.
„Wir treffen uns draußen“, erklärte Roger. „Ich werde Murphy noch kurz helfen.“
„Tu das.“ Raphael erhob sich von dem wackligen Klappstuhl, steckte das Handy zu dem Foto in die Tasche und griff nach der Waffe an seiner Hüfte. Nicht um sie herauszuholen, nur um sich zu versichern, dass sie noch da war.
Er würde sie brauchen. Und er würde nicht zögern.
°°°°°
„Okay, fassen wir zusammen. Ihr, fremde Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, seid ab sofort meine leiblichen Eltern.“ Ich zeigte auf das Ehepaar, das mir gegenüber auf dem antiken Sofa Platz genommen hatte. Ihre Namen waren Alica Amarok und Manuel Amarok, in der Verborgenen Welt besser bekannt unter den Namen Prinzessin Alica und Prinz Manuel – meine Tante und mein Onkel.
Mein ausgestreckter Finger wanderte weiter zu dem jungen Mann in dem Sessel daneben, der nicht mal versuchte seine Belustigung zu verbergen. „Du, seltsamer Cousin, der mich anscheinend für den Witz des Jahres hält, bist jetzt mein leiblicher Bruder.“
„Nenn mich doch bitte Kaidan, oder auch Kai.“
Er konnte froh sein, wenn ich ihn nicht als Flachwixer bezeichnete. „Dann habe ich ab sofort auch noch eine Schwerster, die noch nicht mal weiß, dass ich existiere und gerade durch Abwesenheit glänzt.“
„Sadrija“, stimmte Tante Alica mir zu. Genau wie meine Mutter hatte sie lange, karamellbraune Haare und braune Augen. Bis auf die doch recht breite Nase, war sie ziemlich schmal, ansonsten jedoch eher zierlich. Und sie war definitiv älter als Mama. „Sie ist zwei Jahre jünger als du.“
Ja, weswegen sie durch mein Auftauchen in der Thronfolge auf den dritten Platz rutschte. Da konnte ich nur hoffen, dass sie nicht nachtragend war. „Sadrija, genau. Und da ich nun eine neue, wundervolle Familie habe, existiert meine Mutter ab sofort nicht mehr für mich. Richtig?“
„Das ist korrekt.“ Der alte Mann mit den breiten Schultern und dem Stock im Arsch, der neben meinem Cousin/Bruder stand, nickte zustimmend. Er war nicht nur mein Großvater, er war auch noch der mächtigste Werwolf dieses Planeten. Er war König Isaac, Alpha der Lykaner.
„Bei euch piepts es wohl.“ Und ja, ich zeigte meiner bezaubernden Familie tatsächlich den Vogel. Es war mir egal, ob sie dem Hochadel der Verborgenen Welt angehörten, oder sogar vom Mond kamen, bei ihrem blöden Spielchen würde ich ganz sicher nicht mitspielen. „Ich verleugne meine Mutter doch nicht, nur weil euch ihre Nasenspitze nicht gefällt.“
Mein überaus geliebter und mir bis vor ein paar Tagen noch völlig unbekannter Großvater, verschränkte die Arme auf dem Rücken. „Mir ist bewusst, dass dies für dich eine Umstellung sein wird, aber durch die Verbrechen dieser Frau geht es nicht anders.“
Verbrechen. Ich schnaubte. Jemanden zu lieben war kein Verbrechen, egal ob es sich bei ihm um einen Menschen, einen Werwolf, oder auch einen … nein, auf diesen Gedankenzug würde ich jetzt nicht aufspringen, das wollte ich einfach nur hinter mir lassen.
Es war nun zwei Tage her, seit ich mit meiner Mutter und dem ganzen anderen Anhang, den man als Prinzessin so brauchte mit dem Flugzeug in München gelandet war. Zwei Tage, in denen ich mehr oder weniger in meiner Hotelsuite verkrochen hatte und das nicht nur wegen dem Zimmerservice und der Klimaanlage. Ich wollte das alles nicht. Weder meinen Status als Prinzessin, noch mein Werwolferbe und schon gar nicht wollte ich mich auf diesen bescheuerten Plan einlassen.
Da aus Gründen, an die ich im Moment nicht denken wollte, mein innerer Wolf erwacht war, hielt meine Familie es nun für nötig, mich vorübergehend in ihren Schoß zu holen. Doch da meine leibliche Mutter eine Verstoßene des Rudels war und ich eine Misto – ein halber Werwolf – hatte der trottelige Herrscher sich schon bei meiner Geburt einen Plan zurechtgelegt, mit dem er mich in die Familie einführen konnte, ohne allzu großen Aufhebens um meiner Person machen zu müssen – eine einfache Erklärung für meine Existenz.
Wie mir erst vor wenigen Minuten erklärt worden war, hatte Tanta Alica damals so getan, als sei sie schwanger und bekäme ein Kind, das kurz nach seiner Geburt entführt worden war. Natürlich hatte das Rudel nach diesem Kind gesucht, es aber nie finden können. Klar, schließlich war es nur ein Vorwand für eine theoretische Zukunft gewesen. Doch leider war diese theoretische Zukunft nun eingetreten.
Wie mir vor ein paar Tagen jemand gesagt hatte, waren die Alphas vom Rudel der Könige von ihrer Macht besessen. Jedes neue Mitglied der Familie bedeutete einen Machtzuwachs und eine Sicherung ihrer Stellung. Deswegen wollten sie mich in ihren Reihen haben – deswegen und weil sie verhindern wollten, dass herauskam, wer, oder besser gesagt was, ich wirklich war.
Zwar verstand ich noch nicht, was so schlimm daran war, als Alpha eine Misto zu sein, aber es war wohl ein skandalöses Geheimnis, das um jeden Preis gewahrt bleiben musste.
Nun sollte ich so tun, als sei ich dieses vor fast neunzehn Jahren verschwundene Kind, was bedeutete, dass das reizende Pärchen mir gegenüber nun meine Eltern waren, Prinz Kaiden mein Bruder und Prinzessin Sadrija meine Schwester. Und meine leibliche Mutter … tja, die würde ab sofort in meinem Leben nicht mehr existent sein.
Wo genau ich angeblich die letzten neunzehn Jahre verbracht hatte, wurde mir bisher noch nicht mitgeteilt, aber es war auch egal, denn: „Da mache ich auf keinen Fall mit.“
„Du wirst tun was ich sage“, beschied König Isaac mir. „In zwei Stunden werden wir uns auf den Weg zum Hof der Wölfe machen. Das Rudel hat bereits mitbekommen, das etwas im Argen liegt. Wir werden sagen, dass du entführt und an eine kinderlose Familie verkauft wurdest, wo du als ganz normales Mädchen aufgewachsen bist.“
Aber sicher doch. „Was für eine Familie? Menschen? Vampire?“
„Lykaner natürlich.“
Natürlich.
„Vor kurzem wurdest du dann von einem aufmerksamen Mitglied des Rudels bemerkt, der seine Entdeckung direkt an uns weitergeleitet hat.“
Na dann sollten wir die Geschichte mal doch ein wenig ausschmücken. „Wo hat er mich denn entdeckt? Bei der Gartenarbeit? Auf einem Rummel? Im Einkaufszentrum?“
„In der Universität.“
Ob ihm eigentlich bewusst war, dass ich ihn verarschte?
„Du wurdest abgeholt, deine falschen Eltern wurden liquidiert und nun gehst du wieder dorthin, wohin du gehörst.“
Liquidiert? Die machten hier wohl keine halben Sachen, wie? „Ich gehöre an die Seite meiner Mutter.“
Das wurde von König Isaac schlich überhört. „Die ersten Tage wirst du dich zurückhaltend benehmen. Sieh zu und lerne. Lykaner sind nicht wie Menschen.“
„Stimmt, ich habe noch nie einen Extratermin bei der Laserhaarentfernung gebraucht.“
Kaiden gab ein Geräusch von sich, dass entfernt an ein unterdrücktes Lachen erinnerte. Er war ein gepflegter, junger Mann und hatte genau wie der Rest der Familie karamellbraunes Haar. Nahm man dazu noch eine etwas zu große Nase und braune Augen, hatte man ein fertiges Prinzchen in einem maßgeschneiderten Anzug. „Was Großvater damit sagen möchte, wir regeln die Dinge anders. Aber keine Sorge, man wird dir eingeweihte Mentoren an die Seite stellen, die dich alles Wichtige lehren und in der Anfangszeit unterstützten werden.“
„Oh, das ist aber nett von euch.“
Prinz Manuel verengte seine Augen ganz leicht. Er war kaum größer als Alica und wahrscheinlich auch der Grund, warum die beiden als meine falschen Eltern ausgewählt worden waren. Manuel war genau wie ich blond. Ansonsten hatte er keinerlei Ähnlichkeit mit mir. Sein Gesicht war sehr kantig, die Lippen kaum mehr als ein Strich und die Hälfte seines rechten Ohres war ihm irgendwie abhanden gekommen. Das einzige eindrucksvolle an ihm waren seine Augen. Sie waren von einem solch hellen Braun, dass sie beinahe wie zwei Bernsteine wirkten.
„Das hier ist eine ernsthafte Angelegenheit“, erklärte er mir überflüssigerweise. „Das Wohlergehen des Rudels hängt davon an. Ob es dir nun gefällt oder nicht, du bist eine Prinzessin und als solche trägst du Verantwortung.“
„Ich habe weder um diese Verantwortung gebeten, noch darum eine Prinzessin zu sein“, wies ich ihn direkt in seine Schranken. „Ich will weder etwas mit diesem ganzen Kram, noch mit euch Leutchen zu tun haben.“
Prinzessin Alica neigte den Kopf leicht zur Seite. „Wir werden ihr auch einen Mentor für ihre Aussprache geben müssen“, sagte sie, als wäre das was ich gerade von mir gegeben hatte, völlig unbedeutend. „Ihr Vokabular ist sehr schlicht und ordinär, das müssen wir ändern.“
„Und auch ihre Kleidung“, fügte Prinz Manuel noch hinzu. Er war der angeheiratete Teil dieser Konstellation, Alica war die leibliche Tochter des Hauses.
„Ja, so sehe ich das auch“, stimmte König Isaac ihnen zu. „Bitte kümmert euch zeitnah darum.“
Ähm … hallo? War ich plötzlich unsichtbar? „Ihr könnt euch den Aufwand sparen, denn ich werde mich an dieser Scharade sicher nicht beteiligen.“
König Isaac schaute auf seine Armbanduhr. „Wenn noch etwas sein sollte oder du Fragen hast, dann wende dich bitte an Alica. Ich habe vor unserem Aufbruch noch einen Termin.“ Er nickte seiner Tochter zu. „Wir sehen uns in zwei Stunden.“
„Ja, Vater.“
„Hey, Moment mal!“ Ich drehte mich auf meinem Sessel herum, um dem König mit den Augen folgen zu können, als er schnurstracks auf die Tür der Royalsuite zuhielt. „Ich habe doch gesagt …“
„Cayenne?“, sprach Kaidan mich an.
Ich drehte mich zu ihm herum, einfach weil man das so machte, wenn man angesprochen wurde, doch als er dann langsam den Kopf schüttelte, trat meine störrische Seite auf den Plan. Ich stand auf, kehrte ihnen allem den Rücken und wollte meinem ach so geschätzten Großvater hinterher, um ihm mitzuteilen, wohin er sich seinen Plan stecken konnte. Doch bevor ich auch nur einen Schritt getan hatte, sprang Prinz Kaiden von seinem Platz auf und packte mich sehr unnachgiebig an meinem rechten Oberarm.
„Hey!“, schimpfte ich und versuchte mich sofort loszureißen – ging nicht. Dann musste ich mich halt darauf verlegen ihn wütend anzufunkeln. „Nimm deine Pfoten weg!“
„Hör mir zu.“ Er warf einen kurzen Blick auf die sich schließende Zimmertür und wartete bis sie ins Schloss gefallen war, bevor er fortfuhr. Erst als die geschlossen war, wandte er sich wieder an mich. „Diskutiere niemals mit Großvater, wenn er eine Entscheidung getroffen hat. Er ist der oberste Alpha des Rudels, sein Wort ist Gesetz.“
„Schön für ihn, aber ich lasse mich deswegen noch lange nicht wie ein dummes Kleinhirn herumkommandieren. Und jetzt lass mich los, sonst sorge ich dafür, dass du niemals Vater sein kannst.“
Keinen Schimmer, was daran so witzig war, doch seine Mundwinkel bogen sich ein wenig nach oben.
„Du musst tun was er sagt“, sagte Kaidan noch einmal sehr eindringlich, bevor er mich wieder frei gab. „Auch wenn es nicht das ist, was du möchtest.“
Da sah man mal wieder, wie wenig mich diese Familie doch kannte. „Ich tue niemals das was andere von mir erwarten.“ Ich trat einen Schritt von ihnen zurück. „Und jetzt wünsche ich euch noch ein schönes Leben.“ Damit drehte ich mich erneut um und marschierte auf die Tür zu.
Die hatten sie doch nicht mehr alle. Davon abgesehen, dass ich dem Gesetz nach bereits mündig war und sie mir deswegen gar keine Vorschriften mehr machen konnten, war das was sie von mir verlangten, einfach nur grotesk. Man hatte mich bereits neunzehn Jahre lang versteckt, jetzt konnten sie mich auch noch den Rest meines Lebens in Ruhe lassen.
Gerade als ich dir Tür aufriss und zu dem Pulk an Umbras und Wächtern hinaustreten wollte, die auf dem Korridor herumlungerten, sprach Prinzessin Alica mich noch einmal an.
„Cayenne?“
Okay, langsam ging mir dieses Völkchen ganz schon auf den Keks. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete einmal tief durch. „Ja?“ Mein Blick richtete sich auf meine beiden besten Freunde Lucy und Diego, die direkt hinter der Tür geduldig auf mich warteten.
„Du solltest dich noch von Celine verabschieden, sie wird uns nicht zum Hof begleiten.“
Ich fuhr so schnell herum, dass mein langer, blonder Zopf gegen meinen Rücken knallte. Dann versuchte ich mein Gesichtsausdruck neutral zu halten. Meine Mutter würde uns also nicht begleiten, ja? „Wie schade. Wo das doch der einzige Weg wäre, mich dazu zu bewegen, freiwillig mit euch Clowns mitzukommen.“
Alicas Augen verschwanden ein wenig im Schatten. „Tu dir selber einen Gefallen und hör auf dich wie eine ignorante Göre zu benehmen.“
Wie bitte?! Meine Hände ballten sich zu Fäuste. Doch dann spreizte ich sehr langsam den mittleren Finger ab. Ohne die drei aus den Augen zu lassen, hob ich ihn an, doch bevor ich ihn ihnen vor die Nase halten konnte, stand Diego auf einmal neben mir und drückte meinen Arm wieder herunter.
Dafür funkelte ich nun ihn an. Aber er blieb unnachgiebig. Klar, machte sich wahrscheinlich nicht besonders gut, wenn man seiner zukünftigen Mutter den Stinkefinger zeigte.
Ohne ihn oder den ungewollten Teil der Familie auch nur noch eines Blickes zu würdigen, riss ich mich los, machte ich auf dem Absatz kehrt und ließ sie dann alle stehen. Naja, alle bis auf Lucy und Diego, die sich mir sofort anschlossen. Nicht weil sie meine Freunde waren, sondern weil es als Umbra ihre Aufgabe war auf mich aufzupassen und dafür zu sorgen, dass ich mir nicht mal einen Splitter einfing.
Umbra, was für eine dumme Bezeichnung. Sie waren Leibwächter, die mir schon in meiner Kindheit untergejubelt worden waren, als ich von dem was um mich herum los war noch nicht den blassesten Schimmer gehabt hatte. Wenn man es genau nahm, hatte ich noch immer keinen wirklichen Durchblick. Es war ja auch erst ein paar Tage her, dass das ach so große Familiengeheimnis gelüftet worden war und sich mein Leben damit von Grund auf geändert hatte.
Hatten mir meine Freunde vorher schon am Arsch geklebt, so waren sie jetzt wie zwei Schatten, die ich nicht mehr loswurde, sobald ich das Zimmer verließ. Nur gut für die beiden, dass ich sie so gut leiden konnte.
Ignorante Göre.
Der ging es doch wohl zu gut. Versnobte Wichtigtuer.
„Sowas darfst du nicht tun“, tadelte Diego mich sobald wir den Korridor weit genug heruntergelaufen waren, dass uns niemand mehr hören konnte.
War ja klar, dass er noch etwas dazu sagen würde. „Ich bin nun eine Prinzessin, schon vergessen? Ich darf ab sofort alles tun was ich möchte.“
„Nein.“ Genau wie Kaidan es eben getan hatte, griff er nach meinem Oberarm und brachte mich damit sehr wirksam zu sehen. „Gerade weil du jetzt eine Prinzessin bist, darfst du nicht mehr alles tun was du willst – nicht in dieser Welt“, sagte er sehr eindringlich.
Super, jetzt fing der auch noch damit an. „Wie gut dass ich mich dazu entschieden habe keine Prinzessin zu sein.“ Ich zog sehr nachdrücklich an meinem Arm. Natürlich war mir klar, dass ich nur loskam, weil er es zuließ, das hinderte mich aber nicht daran, verärgert den Korridor hinunter zu stapfen, bis ich die Tür zur Executiv Suite erreicht hatte.
Um sie zu öffnen brauchte ich weder einen Schlüssel, noch musste ich anklopfen. Die Wächter der Königsgarde, die dort abgestellt worden waren, kümmerten sich darum, als sie mich kommen sahen. So wurde die Tür bereits geöffnet, kurz bevor ich sie erreichte und konnte direkt in die Suite hinein laufen.
Noch vor zwei Tagen war ich von dem Luxus, dass dieses helle und moderne Zimmer bot, hellauf begeistert gewesen, doch nun wünschte ich einfach wieder Zuhause zu sein und mich mit meinem Kater Elvis auf meinem Bett zusammenzurollen. Da mein Kater aber leider zurückbleiben musste, war das gerade nicht möglich. Doch das würde ich nun ändern.
Auf dem großen, butterweichen Ledersofa in der Mitte der Suite saß eine zierliche Frau, die bei meinem Eintritt die Zeitung in ihrer Hand regelrecht zur Seite warf und auf die Beine sprang. Das war meine Mutter – meine echte Mutter – Celine Amarok. „Und?“, fragte sie angespannt.
„Wir können packen und nach Hause fahren.“ Wie um meine Worte zu untermalen, marschierte ich direkt in das große Schlafzimmer und zerrte meinen Koffer unter dem Bett hervor.
Mama folgte mir stirnrunzelnd. „Er lässt dich gehen?“
Fast hätte ich geschnaubt. „Er hat das nicht zu entscheiden.“ Da hier scheinbar niemand helfen wollte, stemmte ich meinen Koffer allein aufs Bett, klappte ihn auf und ging dann zum Kleiderschrank, um die wenigen Sachen die ich bisher ausgeräumt hatte, wieder einzupacken. Leider vertrat Mama mir auf halber Strecke den Weg.
„Was hat mein Vater gesagt?“
„Jede Menge Bla und auch noch ein wenig Blub.“ Ich umrundete sie, um an den Kleiderschrank zu kommen, doch bevor ich die Schiebetür zur Seite schieben konnte, legte sie mir die Hand auf die Schulter und drehte mich zu sich herum.
„Bitte Cayenne, es ist wichtig. Was genau wollte mein Vater von dir?“
Einen Moment schaute ich sie nur an. Ich wollte es ihr nicht sagen. Nicht weil es ein Geheimnis war, sondern weil es sie verletzten würde.
„Bitte“, sagte sie noch einmal leise.
Ach verdammt. Seufzend ließ ich sie stehen und setzte mich auf die Bettkante. Diego und Lucy drückten sich am Türrahmen herum. Natürlich taten sie das, sie waren auch daran interessiert, wie es nun weitergehen würde. „Dein Vater möchte, dass ich mich als die verschollene Tochter von Alica und Manuel ausgebe und mit ihnen allen an den Hof gehe, wo sie mir beibringen werden, eine echte Prinzessin zu sein und wir als große, glückliche Familie zusammenleben können“, sagte ich eher zu dem Boden als zu ihr, doch dann hob ich den Blick. „Aber das werde ich nicht tun.“ Ich streckte das Kinn herausfordernd hoch. Sollte sie mir nur widersprechen.
Die nervöse Anspannung meiner Mutter schlug in Resignation um. „Du kannst dich dem Befehl des ersten Alphas nicht widersetzen.“
Ich versuchte eine Augenbraue hochzuziehen. Klappte nicht. Die zweite ging immer mit hoch und gab mir eher einen erstaunten, als einen skeptischen Ausdruck. „Willst du drauf wetten?“
„Du verstehst das nicht.“ Meine Mutter drückte die Lippen zusammen, lief einmal im Raum auf und ab und blieb dann direkt vor mir stehen. „Jeder Beta und Omega im Rudel hört instinktiv auf das Wort des Alphas. Da du aber selber einer bist, ist das bei dir anderes. Du musst dich zwingen zu gehorchen, weil du sonst als Rivale angesehen werden kannst und so jemanden wird mein Vater in seinem Rudel nicht dulden.“
„Was will er schon machen, mich umbringen?“
„Im besten Falle.“
Ähm … das war ein Scherz, oder? Leider sah meine Mutter gerade nicht so aus, als würde sie scherzen. „Wenn du versuchst mich einzuschüchtern, dann ist dir das gerade gelungen.“
Ihr Blick wurde ein wenig weicher. „Nein mein Schatz, ich versuche nicht dich einzuschüchtern.“ Sie überbrückte den Meter der uns noch trennte, hockte sich dann vor mich und nahm meine Hand. „Ich versuche nur dir den Ernst der Lage klar zu machen. Ich weiß, dass du das nicht möchtest und auch ich würde nichts lieber tun als dich einzupacken und wieder mit nach Hause zu nehmen, aber das ist nicht so einfach.“
„Natürlich ist es das, lass uns einfach gehen.“
„Wenn das doch nur funktionieren würde“, sagte sie sehr leise. „Aber er würde es nicht erlauben und falls wir es doch schaffen würden ihm zu entkommen, würde er dich einfach zurück holen und mich … mich würde dann wohl nicht mal mehr meine Mutter vor ihm schützen können.“
Nach diesen Worten wusste ich nicht mehr, was ich denken, oder tun sollte. Das klang nicht nur ernst, das klang nach einer völlig ausweglosen Situation. Sollte das wahr sein, würde ich gehorchen müssen, einfach weil ich niemals das Leben meiner Mutter riskieren würde. Aber … „Ich will das nicht machen.“ Ich wollte sie nicht verleugnen und eine Lüge leben. Ich hasste Lügen, besonders wenn sie so weitreichend waren wie diese hier.
„Ich weiß.“ Ohne meine Hand freizugeben, setzte sie sich seufzend neben mich auf die Bettkante,. „Aber leider müssen wir alle hin und wieder Dinge tun, die wir nicht wollen. Er wird dich sicher nur ein paar Wochen in den Hof holen. Sobald du ihm gezeigt hast, dass du keine Gefahr für ihn oder das Rudel darstellst, kannst du sicher wieder nach Hause und dein altes Leben aufnehmen.“
„Er glaubt ich sei eine Gefahr für ihn?“ Das wurde ja immer besser.
Der schwache Abklatsch eines Lächelns zeigte sich auf ihren Lippen. „Vor dir als Person hat er keine Angst, was er fürchtet ist das, was du bist und was es bedeutet, sollte die Wahrheit ans Licht kommen.“
„Das ich deine Tochter und noch dazu eine Misto bin, meinst du.“
Sie nickte. „Im Adel gibt es keine Mistos, besonders nicht unter den Alphas. Eine Misto gilt als schwach, als halbes Wesen. Ein halbes Wesen kann nur eine unzureichende Führung erbringen, aber Lykaner brauchen eine starke Hand, jemand der sich durchsetzen kann. Nur eine starke Führung kann dafür sorgen, dass wir verborgen bleiben.“
Und verborgen bleiben mussten sie, weil der Mensch es niemals zulassen würde, als die dominierende Spezies des Welt zurückzutreten. Aber das müssten sie, denn die Werwölfe waren eindeutig die größeren Raubtiere. Doch wie Mama mir vor kurzem erst gesagt hatte, auf einen Werwolf kamen rund eintausend Menschen. Bei diesen Zahlen war es egal, dass die Lykaner stärker waren, die Menschen würden sie trotzdem nach und nach ausrotten.
„Bitte Cayenne, ich weiß dass du das nicht willst, aber bitte geh freiwillig mit ihm und tu was er sagt. Ich flehe dich an.“
Das war wohl der Moment in dem mir klar wurde, dass ich mich nicht querstellen konnte, nicht wenn ich keine Tragödie auslösen wollte. „Alica hat gesagt ich soll mich von dir verabschieden, da du nicht mit uns an den Hof kommen darfst.“
Ihre Lippen wurden ein wenig dünner. „Das habe ich mir schon gedacht. Aber du hast ja noch Lucy und Diego, sie werden bei dir sein.“
„Als Angestellte.“
„Nur wenn andere euch sehen können.“
Was es auch nicht unbedingt besser machte. Aber wie es aussah, saß ich in der Falle. Wie ich es auch drehte und wendete, ich konnte nicht ablehnen. Darum gab es nur noch eines zu sagen. „Okay, ich gehe mit ihnen.“
„Danke.“ Meine Mutter nahm mich in den Arm und drücke mich auf eine Art an sich, wie sie es seit meiner Kindheit nicht mehr getan hatte. „Du tust das Richtige.“
Das würde sich noch zeigen. „Aber ich werde das Spiel nur ein paar Wochen mitspielen.“
„Natürlich.“ Sie gab mich wieder frei. „Und denk immer daran, dich an die Geschichte zu halten, die mein Vater vorgegeben hat. Außerdem muss deine wahre Natur ein Geheimnis bleiben. Du darfst mit niemanden darüber sprechen, oder ihnen gar sagen, wer du wirklich bist. Hast du das verstanden?“
Ich nickte, wenn auch widerwillige. Ich mochte keine Lügen und das ich nun gezwungen war eine zu leben gefiel mir nicht. Wobei das ja eigentlich nichts anderes war, als das was ich bisher getan hatte, denn auch mein bisheriges Leben war dank des Königs der Werwölfe nichts weiter als eine fette Lüge.
„Und wenn du am Hof bist und Probleme hast, dann wende dich an Blair. Mit ihr kannst du über alles sprechen und sie wird dir helfen, wenn es in ihrer Macht steht.“
Ich musste einen Moment in meinem Hirn kramen, um mich daran zu erinnern, wer denn nun wieder Blair war. Das war Alicas Zwillingsschwester, oder? Ich sollte vielleicht noch mal einen Blick auf den Stammbaum werfen, den Victoria mir vor zwei Tagen gegeben hatte.
„Hast du verstanden?“
„Ja, Mama.“ Ich verstand wohl besser, als sie glaubte.
„In Ordnung.“ Sie drückte noch einmal meine Hand und schaute dann zu meinen Freunden, die die ganze Zeit schweigen zugehört hatten. „Am besten du setzt dich nebenan hin und ruhst dich ein bisschen aus, ich möchte noch mal kurz allein mit Diego und Lucy sprechen.“
„Geheimnisse?“, fragte ich halb im Scherz und verzog dabei das Gesicht. Geheimnisse waren etwas, das diese Familie nun wirklich nicht mehr brauchte.
„Nein, nur ein paar Instruktionen.“
„Die ich nicht hören sollt?“
Meine Mutter schaute mich nur schweigend an.
„Das heißt dann wohl ja.“ Aber das würde nicht bedeuten, dass ich nicht erfahren würde, was die drei hier gleich besprachen, schließlich waren die beiden meine besten Freunde und wir erzählten uns immer alles.
Als ich dann jedoch aufstand und das Zimmer verließ, nisteten sich bei mir mit einem Mal ein paar kleine Zweifel ein, die sich noch verstärkten, als meine Mutter die Tür zwischen uns schloss und mich damit aussperrte. Schließlich hatte ich erst vor kurzem erfahren, dass es da eine Menge Dinge gegeben hatte, von denen die beiden mir nie ein Wörtchen gesagt hatten.
Natürlich verstand ich mittlerweile warum sie das getan hatten, aber es änderte leider nichts daran, dass ich mich verletzt fühlte. Wenn der König es befahl, dann würden sie sicher weiterhin Dinge vor mir verbergen, oder? Ich konnte nur hoffen, dass es nicht so war, denn jedes Geheimnis zwischen uns hatte die Macht uns auseinander zu treiben und ich brauchte die beiden doch.
Nun höre sich mal jemand meine Gedanken an. Als wenn ich nicht bereits genug Drama um mich herum hatte, da brauchte ich mich nicht auch noch in Selbstmitleid baden. Das würde sowieso nichts bringen.
Um mich von meinen düsteren Hirngespinsten abzulenken, setzte ich mich auf das lederne Ecksofa und kramten zwischen den Zeitschriften auf dem Tisch den Stammbaum meiner Familie heraus. Da ich mich nun bereiterklärt hatte in den Hof zu fahren, war es wahrscheinlich gar keine schlechte Idee noch mal einen Blick darauf zu werfen.
Ganz oben auf dem Zettel waren zwei Bilder. Das eine zeigte König Isaac und das andere seine Frau Geneva. Von den beiden gingen zwei Linien nach unten zu ihren Zwillingen Alica und Blair. Eigentlich gehörte da ja noch eine dritte Tochter hinzu, aber meine Mutter war scheinbar nicht nur aus dem Rudel, sondern gleich auch noch aus der Familie gestrichen worden.
Von den Zwillingen und ihren Männern, führten vier weitere Linien zu meinen beiden Cousins und meiner Cousine. Und auch zu mir. Ja, auf diesem Stammbaum war ich bereits die Tochter von Alica und Manuel und wenn ich ehrlich war, dann störte mich das.
Kurzerhand schnappte ich mir einen Stift und durchkreuzte mein Bild. Dann fügte sowohl den Namen meine Mutter, als auch den meines Vater an richtiger Stelle hinzu und setzte unter diese beiden mein eignen Namen. So, jetzt war der Stammbaum richtig.
Da ich gerade eh nichts besseres zu tun hatte, begann ich noch damit, Rahmen um die Namen zu malen und diese ein wenig zu verzieren. Dabei dachte ich darüber nach, was mich im Haus meines Großvaters wohl erwartete. Mama hatte gesagt, er lebte wie so ein richtiger König auf einem Schloss. Was konnte ich mir darunter vorstellen?
In der siebenten Klasse war ich bei einem Ausflug mit der Schule das berühmte Schloss Sanssouci besuchen gewesen. War es das was mich erwartete? Jede Menge antiker Teppiche, Bilder und Vasen in mit Gold und Stuck verzierten Räumen? Oder hatte Mama einfach nur ein wenig übertrieben?
Ich konnte mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen an einem solchen Ort zu leben, oder aufzuwachen, oder überhaupt Urlaub zu machen.
Worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Es entsprach einfach nicht meinem Wesen, anderen aufs Wort zu gehorchen. Was wenn ich nun etwas tat, was mein liebes Großväterchen nicht in den Kram passte? Laut Mama war er fähig Leute umzubringen. Er selbst hatte mir gesagt, dass die Eltern aus meiner Tarngeschichte umgebracht wurden. Konnte er sowas wirklich tun, oder versuchten sie mich mit diesen Schauermärchen nur auf Kurs zu bringen?
Fragen über Fragen und keine Antwort in Sicht.
Als die Tür zum Schlafzimmer aufging und Lucy und Diego herauskamen, schaute ich auf und legte den Stift zur Seite. „Und?“, fragte ich, als ich bemerkte, dass meine Mutter ihnen nicht folgte. „Was gab es jetzt so Wichtiges, was nicht für meine Ohren bestimmt ist?“
„Nichts weiter“, sagte Diego und ließ sich neben mir ins Polster fallen. „Sie macht sich nur Sorgen und hat uns gebeten ein Auge auf dich zu haben.“
„Mehr nicht?“ Irgendwie konnte ich das nicht glauben. Dafür hätte sie mich nicht rausschmeißen müssen.
„Doch“, sagte Lucy und ließ sich auf meiner anderen Seite nieder. Dann warf sie einen kurzen Blick zum Schlafzimmer, um sich zu versichern, dass Mama nicht plötzlich auftauchte und beugte sich mir dann ein wenig entgegen. „Sie möchte, dass wir sie benachrichtigen, solltest du Probleme haben.“
„Das ist alles?“ Das konnte ich irgendwie nicht glauben.
Sie nickte.
„Als Verstoßene steht es deiner Mutter nicht zu, Informationen über dich oder von dir einzuholen“, erklärte Diego. Er war ein großer Teddybär mir braunen Haaren und braunen Augen, der seinen Körper über viele Jahre durch Kickboxen gestählt hatte.
„Das heißt, sie hat euch gebeten, ihre Insider zu sein?“
„Ja.“ Lucy bemerkte den Zettel auf dem Tisch und betrachtete meine Ergänzung des Stammbaums. Dann schnappte sie ihn sich, faltete ihn sorgfältig zusammen und ließ ihn in ihrer hinteren Hosentasche verschwinden. „Sowas sollten wir besser nicht rumliegen lassen“, erklärte sie auf meinen fragenden Blick hin.
Ah ja, okay, damit würde ich mich später befassen. Aber jetzt noch mal zurück zu meiner Mutter. „Und warum macht Mama das so kompliziert? Wenn sie etwas wissen will, kann sie mich doch einfach anrufen. Ich besitze schließlich ein Handy.“
„Nein“, widersprach Diego sofort. „Wenn der König es ihr untersagt, kann sie es nicht und sie wird nicht riskieren irgendetwas zu tun, durch das sie dich verlieren könnte.“
Lucy lehnte sich zurück und strich sich das lange, rote Haar hinter die Ohren. Sie war eine umwerfend hübsche junge Frau. „Und wir können davon ausgehen, dass König Isaac es ihr untersagen wird.“
Also langsam nahm das ganze hier wirklich fanatische Züge an. „Und warum hat sie mich vor die Tür gesetzt?“
„Weil sie dich nicht unnötig belasten will“, sagte Diego leise. „Und weil sie immer noch versucht das alles von dir fernzuhalten.“
„Sie will mich beschützen.“
„Sie ist deine Mutter“, erwiderte er schlicht.
Ja, meine Mutter, die trotz allen Widrigkeiten immer versucht hatte für mich da zu sein und mir ein gutes Leben zu ermöglichen und das obwohl ich nicht gerade ein einfacher Mensch war.
Aus einem Impuls heraus erhob ich mich von der Couch und ging hinüber ins Schlafzimmer, wo meine Mutter gerade damit beschäftigt war, meine Klamotten in meinen Koffer zu räumen. Als ich hereinkam, unterbrach sie sich jedoch und schaute auf.
„Alles in Ordnung?“
Ohne ein Wort nahm ich sie einfach in den Arm und drückte sie ganz fest an mich. „Ich hab dich lieb, Mama.“
„Ach Schatz.“ Diese Worte klangen halb erstickt, als sie mich ihrerseits fest an sich zog und obwohl sie fast einen Kopf kleiner war, war ihr Griff der Stärkere.
So standen wir eine ganze Weile einfach nur da, bis es an die Tür der Suite klopfte und Diego mit der Nachricht hereinkam, das Wächterin Victoria eingetroffen war, um mir bei den Vorbereitungen für die Abreise zu helfen.
Wir alle wussten es besser – Victoria eingeschlossen. Sie war nicht hier um zu helfen, sie war von den Alphas geschickt worden, um das zu tun, was sie auch schon in den letzten Jahren so hervorragend getan hatte: Darauf aufpassen, dass ich genau das tat, was das Königshaus von mir erwartete – nicht dass sie sonderlich oft Erfolgt damit gehabt hätte.
Aber damit fiel nun der Startschuss. Nicht nur meine Sachen wurden gepackt, auch die aller anderer. Lucy und Diego verschwanden zwischendurch, um ihre Arbeitsuniformen anzuziehen. Als sie wieder auftauchten, lachte ich mich erstmal halb tot. Die braunen Lederhosen und kurzärmligen Hemden und den passenden Jacken sahen gar nicht mal übel aus, doch sie waren so ungewohnt, dass ich sie die nächste halbe Stunde mit Lack und Leder aufzog, solange, bis Lucy mir genervt ein Kissen ins Gesicht schmiss.
Kurze Zeit später kamen ein paar Leute, um die ganzen Taschen nach unten zu bringen. Da sie ein wenig übereifrig waren, wollten sie auch gleich noch meine Kuriertasche mitnehmen. Die nahm ich ihnen aber direkt wieder weg. Nicht nur weil die niemand außer mir anfassen durfte, dort waren auch Sachen drin, die niemanden etwas angingen. Und ich sprach hier nicht von Tampons und Make-Up. Da war das Bettelarmband von meine Mutter, das Bild meines Vater, der kleine Plastikring und der Fotostreifen, den ich nicht mehr gewagt hatte anzuschauen, seit ich ihn in diese Tasche gelegt hatte.
Meine Tasche war privat und ich traute diesen Leuten nicht, also würde ich sie auch nicht aus den Händen geben.
Als dann alles so weit fertig war und es hier nichts mehr für uns zu tun gab, verkündete Victoria auch schon, dass es an der Zeit war, sich nach unten zu begeben.
Ich wollte nicht.
Ich suchte wirklich nach Gründen noch hier oben bleiben zu müssen, aber nachdem ich alle Räume noch dreimal abgelaufen war, um mich zu versichern, dass ich wirklich nichts vergessen hatte, konnte ich es nicht weiter herauszögern. Also ließ ich mich von Mama wie ein kleines Kind an die Hand nehmen und nach unten in die Hotellobby bringen.
Das erste was ich sah, als die Fahrstuhltüren sich öffneten, waren die Unmengen an Wächter aus der Königsgarde. Das zweite die halben Dutzend Umbras. Und direkt in ihrer Mitte stand Prinzessin Alica. Ihr Mann und ihr Sohn bewegten sich schon auf den Ausgang zu. Nur König Isaac war ihnen scheinbar irgendwie abhanden gekommen. Jedenfalls konnte ich ihn unter den Anwesenden nicht entdecken.
Jetzt wurde es ernst.
Dieser Gedanke ließ mich mit einem Mal doch ein wenig unruhig werden.
Als würde Mama es spüren, drückte sie meine Hand ein wenig fester. „Wie fühlst du dich?“
„Als würde ich gleich einen Einlauf gelegt bekommen. Ohne Narkose wohlgemerkt.“
Lucys Mundwinkel zuckte. Sie hätte wohl zu gerne etwas dazu gesagt, ließ den Mund aber geschlossen. Nicht weil der Anstand es so verlangte, sondern weil man es von ihr erwartete. Ein Umbra war zwar immer da, aber er hatte so zu tun, als sei er Luft.
„Ich möchte, dass du dich benimmst, wenn ihr im Hof seid“, sagte meine Mutter mit Blick auf ihre Schwester. „Denk zweimal nach, bevor du den Mund öffnest. Besonders mein Vater ist mit dem heutigen Slang nicht vertraut und könnte deine Ausdrucksweise als respektlos interpretieren.“
Wenn er etwas als respektlos interpretierte, dann nur, weil ich respektlos sein würde.
„Und bitte Cayenne, tu nichts Unüberlegtes.“
„Natürlich nicht“, sagte ich sofort, um ihre Sorge zu zerstreuen. „Ich werde versuchen lieb und nett zu sein.“ Solange auch alle anderen lieb und nett zu mir waren. Ansonsten würden ich ihnen zeigen, das ich mich nicht herumschubsen ließ – egal ob sie mich dann aus ihrem Club rausschmeißen würden oder nicht.
Als Alica sich in unsere Richtung in Bewegung setzte, wandte meine Mutter sich mir noch einmal zu. „Und denk dran, wenn du Probleme hast, dann geh zu Blair. Sie wird dir zuhören.“
Ich nickte, auch wenn ich sicher war, dass ich nicht zu dieser Frau gehen würde. Nicht nur weil sie eine Fremde war, sondern auch, weil ich mit diesen Leuten nicht mehr als unbedingt nötig zu tun haben wollte.
Als Alica uns erreichte, warf sie meiner Mutter nur einen kurzen Blick zu, bevor sie sich direkt an mich wandte – Mann, die Frauen in der Familie waren aber wirklich klein – naja, von mir einmal abgesehen. „Es wird Zeit, wir müssen aufbrechen.“
Ich will nicht. Fast hätte ich es laut gesagt, aber ich riss mich zusammen. Ich würde hier sicher nicht zeigen, wie unwohl ich mich im Moment fühlte und dass ich lieber in ein Becken mit glitschigen Tintenfischen gesprungen wäre, als in ihrem Beisein auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen.
„Es ist okay“, sagte meine Mutter leise und nahm mich noch einmal in den Arm. Aber ihr besorgter Gesichtsausdruck und die Art, wie sie mich ein wenig länger als nötig festhielt, ließen in mir das Gefühl der Unruhe wachsen. „Lass dich nicht unterkriegen.“
„Ich doch nicht.“ Die Worte waren mutiger, als ich mich gerade fühlte und ich glaubte mich schon seit Jahren nicht mehr so an meine Mutter geklammert zu haben. Aber letzten Endes ließ ich doch von ihr ab und trat ein Schritt zurück. „Bis bald.“
„Bis bald, mein Schatz.“ Ein letztes Mal strich sie mir mit der Hand über die Wange. In ihren Augen schimmerten keine Tränen, dafür war meine Mutter einfach nicht der Typ, doch ich sah den Kummer und die Unsicherheit darin und hätte das alles am liebsten sofort wieder abgeblasen. Aber ich wollte nicht, dass meiner Mutter etwas geschah, also drückte ich nur noch ein letztes Mal ihre Hand und wandte mich dann von ihr ab.
„Folge mir“, forderte Alica mich auf und führte mich durch die Lobby. Lucy und Diego blieben direkt hinter mir und auch wenn ich nicht nach ihrer Hand greifen durfte, so empfand ich ihre Gegenwart doch als tröstlich. Ich war nicht ganz alleine.
Der Portier hielt uns mit einer leichten Verbeugung die Tür des Hotels auf und entließ uns hinaus auf die Straße vor dem Hotel. Was mich dort erwartete, ließ mich erstmal einen Moment innehalten.
Ähm … okay, damit hatte ich nicht gerechnet. Da standen insgesamt vier schwarze Limousinen vor dem Hotel. Links und rechts gab es sogar Straßensperren und überall standen ein Haufen Wächter herum. Das war nicht unauffällig.
Wussten die Leutchen in dem Hotel, wenn sie hier bewirtet hatten? Oder hielten sie uns einfach für ein paar stinkreiche Snobs, die nicht wussten wohin mit ihrem ganzen Geld?
Ich sah Kaidan an einem der Wagen, wie er gerade einstieg. Prinz Manuel stand an einem anderen und schien noch auf Alica zu warten.
„Du wirst im letzten Wagen fahren“, erklärte meine Tante und zeigte auf die hinterste Limousine in der Reihe, die von ein paar aufmerksamen Wächtern umstellt war. Dieses Fahrzeug war mein Ticket zum Hof der Werwölfe.
In der Hoffnung, dem ganzen irgendwie entgehen zu können, war ich kurz in Versuchung, einfach in die andere Richtung zu marschieren, aber Lucy trat an meine Seite und griff unauffällig nach meiner Hand. Eine eindeutige Aufforderung, sie zu begleiten. Tja, auf Lucy war halt immer Verlass, auch wenn ich sie in diesem Moment liebend gern zum Mond geschickt hätte.
Widerwillig ließ ich mich von ihr mitziehen und vor die bereits offene Wagentür schieben. Die neugierigen Blicke der Männer und Frauen um mich herum versuchte ich so gut wie möglich zu ignorieren. Seit mein Geheimnis keines mehr war, wurde ich ständig von allen Seiten beobachtet. Ich würde mich wohl daran gewöhnen müssen.
Okay, ich würde das jetzt einfach machen. Wahrscheinlich war das alles sowieso nur halb so schlimm und bereits in ein paar Tagen würde ich wieder zu Hause sein und mich auf die Prüfungswiederholung meiner Uni vorbeireiten. „Na dann wollen wir mal“, redete ich mir selber Mut zu und stieg ein.
Genau wie der Wagen, mit dem wir vor ein paar Tagen hier angekommen waren, war der geräumige Innenraum Luxus pur. Drei Seiten schwarze Lederbänke, schwarzer Teppich, eine Bar mit Minikühlschrank, Champagnerflasche und Kristallgläser. Indirekte Beleuchtung am Autohimmel und eine Trennscheibe, die den hinteren Bereich von dem vorderen trennen konnte. Und es gab hier sogar noch ein Extra.
Victoria.
Sie saß auf einem der Bänke und schaute mir geduldig entgegen.
Das kam etwas unerwartet, aber wenn ich ehrlich war, erleichterte mich ihr Anblick auch ein wenig. Klar hatten wir immer mal wieder unsere Differenzen gehabt, aber sie war in den letzten Jahren ein Teil meines Lebens gewesen. Allein ihre Anwesenheit konnte die Ungewissheit, die mich die ganze Zeit so verunsicherte ein wenig dämpfen. Allerdings sah sie nicht mehr ganz so aus, wie ich sie kannte. Jeans und Hemd waren verschwunden, dafür trug sie nun genau wie all die anderen Wächter der Königsgarde diese schwarze Außendienstuniform.
Ich nickte ihr zu und rutschte dann auf die längsseitige Bank, damit Diego und Lucy auch noch ein Plätzchen finden konnten. Dann machte von außen irgendjemand die Tür zu. Das bedeutete aber noch lange nicht, dass wir uns auch sofort in Bewegung setzten.
Draußen schienen die Leute noch eine Ewigkeit geschäftig hin und her zu laufen und langsam schlug meine Nervosität in Ungeduld um. „Warum brauchen die denn so lange? Haben die den Wagenschlüssel verlegt?“
Victoria schmunzelte. „Die Straßensperren müssen erst geöffnet werden.“
Aber das konnte doch nicht so lange dauern.
Seufzend lehnte ich mich in die Polster zurück und warf dabei einen Blick auf meine Hand. Vor ein paar Tagen hatte ich mir versehentlich die halbe Innenfläche aufgeschnitten. Die Wunde war zwar noch nicht ganz verheilt, aber sie wirkte als sei der Unfall mindestens eine Woche her. Auch meine von der Flucht aus der Uni geprellte Schulter, spürte ich so gut wie gar nicht mehr, obwohl ich mich damit eigentlich wochenlang rumärgern müssen.
Ich hatte nicht nachgefragt, aber ich glaubte, es lag daran, dass mein Wolf beim letzten Vollmond müde das Haupt gestreckt hatte. Das würde auch erklären, warum das Veilchen, das Lucy mir vor ein paar Wochen ausersehen verpasst hatte so schnell wieder verheilt war. Gesteigerte Heilfähigkeiten. Das war schon irgendwie cool, aber auch unheimlich. Es war, als würde man seinen eigenen Körper plötzlich nicht mehr kennen und das war … naja, unheimlich eben.
Gerade wollte ich fragen, wie lange das denn noch dauerte, da hörte ich, wie vorne die Türen geöffnet wurden und sah dann zwei Leute einsteigen. Der eine war der weißhaarige Großwächter Edward Walker, der andere David Evers, Diegos Vater. Oder besser gesagt der Mann, den ich bis vor kurzen für seinen Vater gehalten hatte. In Wirklichkeit war Diego ein Waise und der Mann dort vorne sein Ausbilder.
Ich warf einen vorsichtigen Seitenblick zu Diego, doch der hatte wieder diesen undurchdringlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt und starrte stur geradeaus.
Vorsichtig tastete ich nach seine Hand und nahm sie in meine. Diego tat vielleicht gerne so, als hätte er ein dickes Fell, aber das stimmte nicht. Vielleicht besaß er die Fähigkeit sein innerstes zu verbergen, doch das hieß noch lange nicht, dass es ihn nicht berührte.
„Ich könnte ihn zwingen nackt neben dem Auto herzulaufen“, sagte ich so leise, dass nur Diego es hören konnte. Naja, das zumindest glaubte ich, bis auch Victoria und Lucy zu mir schauten.
Diego wandte sich mir zu.
„Naja, also Prinzessin und so. Er muss doch jetzt tun was ich sage, oder?“
Seine Antwort bestand darin, meine Hand ein wenig fester zu drücken und sich ein etwas zu entspannen. Dann dann setzte sich die Wagenkolonne endlich in Bewegung. Nicht dass das besonders viel zu meinem Wohlbefinden beitrug. Aber es war weniger schlimm als nutzlos rumzustehen und einfach nur zu warten. Warten war etwas, dass ich einfach nicht ausstehen konnte.
Durch die heruntergelassene Trennscheibe konnte ich ein wenig nachverfolgen, wohin wir uns bewegten. Nicht das ich irgendwas aus dieser Gegend erkannte. Mein Geburts- und Heimatstadt war Berlin. Obwohl … nachdem was ich in der letzten Zeit alles erfahren hatte, konnte ich mir gar nicht mehr so sicher sein, ob irgendwas von dem was ich wusste auch wirklich stimmte.
Da es einfach nur müßig war sich diesem Thema zu widmen, konzentrierte ich meinen Blick lieber nach draußen. Die vier Limousinen schien mit einigem Abstand immer in einer Reihe zu bleiben. „Warum fahren wir eigentlich alle in anderen Autos?“, fragte ich niemanden bestimmtes. Nicht das ich mich daran störte, es wunderte mich einfach. Und außerdem war es schlecht für die Umwelt.
„Das ist eine Sicherheitsmaßnahme“, erklärte Victoria sofort. „Sollte ein Wagen verunglücken, oder Opfer eines Anschlags werden, so verlieren wir nur einen Alpha und nicht gleich alle.“
Anschlag? Ein bisschen paranoid die Guten. „Aber Alica und Manuel fahren im selben Wagen.“
„Prinzessin Alica und Prinz Manuel“, verbesserte mein ach so geliebter Wachhund mich sofort. „Ihr müsst Euch angewöhnen die Anrede zu benutzen, Prinzessin.“
Ich wedelte mit der Hand, um zu verdeutlichen, dass ich verstanden hatte, es mir aber egal war und dass sie damit nicht auf mein eigentliches Anliegen eingegangen war. „Und sie fahren in einem Wagen weil?“
„Weil Prinz Manuel kein Alpha ist, er ist nur Beta“, erklärte sie, als sei es doch völlig offensichtlich. „Er hat in die Familie eingeheiratet, um die nächste Generation zu sichern. Natürlich wäre sein Ableben ein Verlust, doch im Gegensatz zu einem echten Alpha, wäre es nicht von großer Bedeutung.“
O-kay, die schienen hier alle ein wenig kaltschnäuzig zu sein. Jeder Mensch hatte eine Bedeutung. Sein Leben, sein Tod. Und dabei war es egal welche Stellung die Person im Leben gehabt hatte. Das war zumindest meine Meinung. „Hätte mein Tod eine Bedeutung?“, fragte ich leise und lauernd.
Diese Frage bescherte mir nicht nur die Aufmerksamkeit von Victoria und meinen Freunden. Vorne konnte ich beobachten, wie Eddy einen Blick in den Rückspiegel warf.
„Ihr seid bald ein offizieller Alpha des Rudels“, erwiderte Victoria schlicht.
Na das war doch mal eine Antwort. „Ja, aber bis auf eine kleine Gruppe von Auserwählen, weiß niemand etwas von mir.“
„Bald werden alle von Euch wissen.“
Das mochte stimmen, aber: „Keiner wird die Wahrheit kennen.“
„Weil die Konsequenzen dieser Wahrheit einen Umsturz auslösen würden.“ Victoria beugte sich ein kleinen wenig vor. „Ihr müsst verstehen, Prinzessin Cayenne, was Eure Mutter damals getan hat, war nicht nur ein Bruch unserer Gesetzte, damit dass sie diesen Weg eingeschlagen hat, hat sie die Preisgabe unserer Welt riskiert. Nicht nur weil Euer Vater ein Mensch war, der uns alle hätte verraten können. Dadurch das Ihr seid, was Ihr seid, könnte sich das ganze Rudel gegen die Alphas stellen.“
Wow, seit wann sprach Victoria bitte so seltsam? „Aha. Und das ist schlimm, weil?“ Nein, ich verstand es nicht. Wenn das hier ähnlich wie ein echtes Wolfsrudel funktionierte, dann würde sich schließlich einfach ein anderer Alpha auf den Thron setzten. Nicht nur, dass ich damit aus dem Schneider wäre, das Rudel wäre dann auch diesen Idioten von Isaac los.
„Zum einen würden Konkurrenten versuchen jeden Alpha des Königshauses töten und das Rudel würde sie nicht daran hindern.“
Okay, das war dann wohl nicht so gut.
„Und danach würden Kämpfe um den Posten ausbrechen. Es würde nicht nur eine sehr blutige Zeit folgen, durch das Zeitalter in dem wir befinden, besteht auch eine hohe Wahrscheinlichkeit auf die Entdeckung der verborgenen Welt.“
Und was das bedeutete, musste sie mir nicht erklären.
„Es würde auch nicht nur uns betreffen, sondern auch die Vampire und die Ailuranthropen.“
Das Wort hatte ich schon einmal gehört, von … naja, von niemanden. „Was zum Teufel ist ein Ailuranthrop?“
„Die Kinder der Venus“, erklärte sie sehr kryptisch. „Werleoparden.“
Werleoparden? Ich hatte ja unbedingt fragen müssen. „Und die sind wie Werwölfe?“
„Lykaner und nicht ganz. Sie sind ähnlich und doch ganz anders. Es gibt eigentlich kein Wesen, dass man mit einem Lykaner vergleichen kann. Wir sind weder Tier noch Mensch und doch sind wird beides.“
Jaaa … nein, das ergab absolut keinen Sinn. „Okay, das ist mir zu hoch.“
Auf ihren Lippen erschien ein schmales Lächeln. „Jetzt noch, aber mit der Zeit werdet Ihr nicht nur lernen, sondern auch verstehen. Es ist gar nicht so kompliziert, nur sehr viel auf einmal.“
Dem konnte ich nicht widersprechen.
Tief einatmend lehnte ich mich an Diego und platzierte meinen Kopf auf seiner Schulter. Wir waren hier schließlich mehr oder weniger unter uns und da auch Diego entspannt blieb, sollte das kein Problem sein. „Wie lange fahren wir jetzt?“
„Etwas mehr als zwei Stunden. Ihr könnt Euch also ein wenig ausruhen, wenn Ihr das wünscht.“
Als wenn ich gerade das Bedürfnis hätte die Augen zu schließen. „Wirst du jetzt immer so seltsam mit mir labern, oder sprichst du irgendwann wieder normal?“
Das sorgte nicht nur bei ihr für zuckende Mundwinkel.
„Im Hof werden wir wahrscheinlich nicht sehr viel miteinander zu tun haben, doch sollte ich Euch begegnen, werde ich Euch genau wie jeden anderen Alpha mit dem gebührenden Respekt behandeln.“
„Also wirst du mich jetzt nicht mehr als verzogene, kleine Göre bezeichnen?“
Das entlockte ihr ein vergnügtes Lächeln. „Nicht wenn Ihr es hören könnt, Prinzessin Cayenne, nicht wenn Ihr es hören könnt.“
Wenigstens war sie ehrlich.
°°°
Knapp zwei Stunden später schaffte ich es kaum noch still auf meinem Hintern zu sitzen. Nicht wegen irgendwelcher Erwartungen die ich hegte, ich war einfach … unruhig. Die ganze Zeit hier zu sitzen und nicht wirklich zu wissen, was als nächstes kommen würde, steigerte nicht nur meine Nervosität. Ständig rutschte ich hin und her und machte durch mein Seufzen mehr als einmal deutlich, dass ich von diesem Wagen langsam wirklich die Schnauze voll hatte.
„Es ist nicht mehr weit“, erklärte Diego leise.
„Das hast du schon vor einer halben Stunde gesagt“, murrte ich, nicht bereit mich besänftigen zu lassen.
Bereits kurz nachdem wir die Stadt verlassen hatten, waren aus dem weiten, flachen Land, felsige Berge geworden. Es ging in die Alpen. Der Weg führte uns durch kleine Dörfer, die sich mit versprengten Bauernhöfen und dichtem Wald abwechselten. Jede Menge Getreidefelder und Viehwiesen mit Kühen säumten die Straßen. Aber nun hatte ich seit bestimmt zwanzig Minuten nichts anderes als Bäume mehr gesehen, deren Wipfel das Sonnenlicht nur spärlich hindurch ließen.
„Aber nun ist es wirklich nicht mehr weit.“
Ich glaubte ihn nicht und war deswegen auch ein wenig überrascht, als wir zwei Minuten später in einen sehr langen Tunnel im Gebirge hineinfuhren, an dessen Ende eine Kleinstadt auf uns wartete.
In Erdkunde war ich ja nie der Überflieger gewesen, aber ich glaube nicht, dass es so tief in den Alpen ein so dich besiedeltes Gebiet gab.
„Willkommen in Silenda“, sagte Lucy und machte eine einladende Geste zum Fenster hin.
Die Königsstadt der Werwölfe, wir hatten sie also erreicht.
Als draußen die ersten Häuser begannen vorbeizufliegen, gab ich meiner Neugierde nach, drängte mich an die Wagentür und griff nach dem Fensterheber. Leider war das was ich zu sehen bekam ein wenig enttäuschend. Da waren zwar viele Leute unterwegs und ich sah auf den Straßen die wir passierten immer wieder sehr große Hunde herumlaufen – ja mir war durchaus bewusst, dass das nicht wirklich Hunde waren – aber ansonsten schien sich dieser Ort nicht großartig von anderen abzuheben.
Da gab es große und kleine Häuser, Ladenstraßen mit Geschäften, Supermärkten und Restaurants. An der Ecke war ein kleiner Bäcker direkt neben einem Kleidungsgeschäft.
Was ich hier jedoch nicht sah, waren Filialen von Ladenketten. Doch, eine solche Filiale entdeckte ich. Hieß das, die ganze Kette gehörte einen Werwolf?
„Vampir“, erklärte Lucy, als ich niemand bestimmten im Wagen darauf ansprach. „ Dana Estrada. Sie ist eine echte Koryphäe was Klamotten angeht.“
„Vampir? Ich dachte das hier sei die Hauptstadt der Werwölfe.“ Ich drückte mir fast die Nase platt, als wir an eine Art Tempel in einer rissigen Parkanlage vorbeifuhren. Es war im Grunde nur ein großes Dach, dass von einem Haufen reichverzierter Säulen getragen wurde.
„Ist es auch, aber gut ein Viertel der Anwohner sind Vampire. Hier gibt es keine Rassentrennung.“
„Das heißt hier wohnen auch diese Werkatzen?“
„Ailuranthropen“, sagte sie sofort. „Und nein. Die sind ziemlich Eigenbrötlerisch, die bleiben lieber unter sich und ihren Geistern.“
Überrascht drehte ich mich zu ihr herum. „Geister?“
„Ach.“ Lucy winkte ab. „Nichts als Aberglaube. Ailuranthropen denken sie haben den Durchblick und das eben dank ihrer Geister.“
„Sie können aber wirklich Geister sehen“, warf Diego ein. „Ich habe einmal einen jungen Mann kennengelernt und war dabei, als er mit den Schatten der Seelen gesprochen hat.“
„Was, du hast ihnen ihre Show abgekauft?“, fragte Lucy spöttisch. „Seit wann bist du so naiv?“
Diego bedachte sie mit einem finsteren Blick. „Nur weil ich an etwas glaube, bedeutet das noch lange nicht, dass ich naiv bin. Es heißt einfach nur, dass du blind bist.“
Hm, wenn ich ehrlich war, stufte ich Diego nach dieser Aussage auch ein wenig naiv ein, aber ich behielt meine Meinung für mich. Geister, das hätte mir jetzt gerade noch gefehlt.
Lächelnd wandte ich mich wieder zum Fenster und da sah ich es zum ersten Mal: Das Schloss. Vor Staunen wurden meine Augen groß.
Silenda war komplett von einem Wald eingeschlossen und über den Wipfeln der Bäume, etwas erhöht auf einem Hügel erblickte ich den Sitz meiner Familie. Von hier aus konnte ich kaum mehr als ein paar Türme und Dachzinnen mit großen Fahnen erkennen. Aber es war da, es war grau und es war riesig. „Wow“, sagte ich, ohne es zu wollen.
„Das ist noch gar nichts“, sagte Lucy sofort. „Wirklich beeindruckend ist es erst, wenn du direkt davor stehst.“
Um dieses Aussage zu überprüfen, mussten wir aber noch ein ganzes Stück fahren.
Der Hof der Werwölfe lag ein wenig außerhalb von Silenda. Sobald wir den Ort hinter uns gelassen hatten, fuhren wir über eine einsame Straße, die unter einem Baldachin von Bäumen lag. Vögel zwitscherten im Geäst, in der Ferne hörte ich das Heulen eines Wolfes und dann tauchte es plötzlich wie aus dem Nichts direkt vor uns auf. Eben noch war da nichts anderes als der Wald und dann ragte da auf einmal ein zehn meterhoher Burgwall mit einem großen Torbogen vor uns auf.
Hätte ich da jetzt auch noch ein Fallgitter erblickt, hätte es mich gar nicht weiter gewundert, aber da waren nur ein paar massiver Flügeltüren, die weil offen standen und geradezu dazu einluden hindurchzufahren.
Ich verrenkte mir fast den Hals, als ich versuchte dieses steinerne Ungeheuer von einem Tor im Blick zu behalten. Dabei bemerkte ich die Leute von der Königsgrade. Sie standen nicht nur am Einlass, sondern auch oben auf der Mauer. Ein paar von ihnen regten neugierig die Hälse, einer zeigte sogar auf meinen Wagen.
Eddy fuhr uns unbeirrt an ihnen vorbei.
Direkt hinter dem Tor lag ein großer, gepflasterter Innenhof, auf dem reger Betrieb herrschte. Hier hätten locker zwei bis drei Fußballfelder Platz gehabt. Ich sah Männer und Frauen jeden alters, die geschäftig von A nach B eilten. Autos auf einem großen Parkplatz. Der Wall aus grob gehauenen Stein war mit Efeu behangen. Sträucher und kleine Bäume säumten die kargen Mauern.
Von hier aus gingen zwei weitere Tore ab. Eines führte rechts am Schloss vorbei, das andere befand sich links und führte direkt auf den riesigen Bau zu. Wobei ich nun langsam bemerkte, dass es mehr Ähnlichkeit mit einer mittelalterlichen Burg, als mit einem preußischen Schloss hatte.
Eddy lenkte den Wagen durch den linken Torbogen, direkt hinter den drei anderen Limousinen her und dieses Mal sah ich wirklich ein Fallgitter. Jetzt blieb bloß die Frage, war das Dekoration für das Ambiente, oder funktionierte das wirklich?
Der Bereich hinter diesem zweiten Torbogen sah ganz anders aus, als der Vorhof. Es wirkte fast wie ein kleiner Park. Penibel gepflegter Rasen, ordentliche Blumenbeete, exakt angeordnete Baumgruppen und ein paar Steinbänke aus Marmor um einen kleinen Springbrunnen herum.
Eine kreisrunde Auffahrt, die zu beiden Seiten mit prächtigen Rosensträuchern eingefasst war, führte direkt vor die steinerne Freitreppe des verzierten Schlossportals.
Links und rechts von der Treppe standen majestätische Staturen von Wölfen, die doppelt so groß waren, die ihre realen Vorbilder. Über dem Portal war ein großer Mond in den Stein gehauen worden. Zu beiden Seiten wachten Wächter der Königsgarde.
Eddy ließ die Limousine direkt hinter Kaidans Wagen ausrollen und schaltete dann den Motor ab.
Ich zog den Kopf wieder ins Auto. „Das heißt dann wohl, wir haben unser Ziel erreicht.“
Das Schlossportal wurde aufgezogen und ein Dutzend Männer und Frauen in dunkelgrünen Portieruniformen eilten heraus, um sich an den einzelne Wagen zu verteilen. Sie öffneten den Herrschaften die Wagentüren und begannen sich um das Gepäck zu kümmern.
Meine Aufmerksamkeit war so sehr auf die anderen Limousinen fokussiert, dass ich überrascht aufsah, als einer von diesen Heinzelmännchen meine Tür öffnete und mir dann seine Hand vor die Nase hielt. Dann schaute er mich halb neugierig, halb erwartungsvoll an.
Ich lehnte mich schon ganz automatisch zurück. „Ähm … es wäre nett, wenn Sie ihre Griffel aus meinem Gesicht nehmen könnten.“
Es war schon beinahe urkomisch, wie schnell er seine Hand zurückzog. „Verzeiht.“
„Er wollte Euch nur beim Aussteigen helfen“, flüsterte Lucy mir zu und schob mich dann nach vorne. „Und jetzt bewegt endlich Euren Hintern.“
Leicht irritiert drehte ich mich zu ihr um. Nicht wegen dem was sie sagte, sondern wie sie es sagte. „Du wirst doch jetzt nicht auch so geschwollen mit mir quatschen, oder?“
„Ich spreche so mit Euch, wie es angebracht ist.“ Ihre Augen funkelten vergnügt und ich bekam den starken Verdacht, dass sie ihren Spaß an dieser Situation hatte. „Und jetzt sieh zu dass du dich bewegst.“
„Lucy“, mahnte Diego und schüttelte ganz leicht den Kopf.
Ihre Belustigung ging ein kleinen wenig in den Keller und sie ließ den Tadel wohl auch nur wortlos über sich ergehen, weil er von ihm gekommen war. Tja, so durfte sie dann wohl nicht mehr mit mir sprechen.
„Cayenne“, eine neue Hand erschien in der offenen Wagentür. Dieses mal nicht ganz so aufdringlich, aber dennoch sehr nachdrücklich. Sie gehörte zu Prinz Kaidan.
Ich schaute sie nur wortlos an. Doch so sehr es mir widerstrebte, diesen Wagen zu verlassen, war ich doch zu neugierig auf das was mich erwartete. Aber die Hand meines Cousins – oder besser gesagt, meines Bruders – zu nehmen, ging gar nicht. Ich erinnerte mich nur zu gut daran, was das letze Mal geschehen war, als er mir die Hand gereicht hatte.
Darum warf ich ihm nur einen du-kannst-mich-mal-Blick zu, ignorierte die dargebotene Geste und stieg völlig allein aus. Ich war schließlich schon ein großes Mädchen, ich brauchte Nachts nicht mal mehr eine Schmusedecke.
Und dann ragte direkt vor mir dieses burgähnliche Schloss auf. Wow, da fühlte man sich wirklich mal in der Zeit zurückversetzt. Die Mauern hingen voller Efeu. Türme und Zinnen ragten wie Speere in den Himmel. Da waren riesige Balkons, geschmückt mit Blumen in prächtigen Farben.
Ich entdeckte ein Buntglasfenster. Nein, zwei, drei, vier. Um die Ecke ging es noch weiter. Sie waren wunderschön. Und das war nur der vordere Teil. Links und rechts gingen noch Flügel in den hinteren Bereich ab. Das ganze Anwesend musste riesig sein.
So hatte ich mir als kleines Mädchen immer den Turm vorgestellt, in dem Rapunzel lebte. Natürlich nicht so groß. Dieses Schloss musste hunderte von Zimmern beherbergen. Doch durch den imposanten Wall von dem es eingeschlossen war, wirkte es auch ein wenig wie eine Festung – was wahrscheinlich auch Sinn und Zweck der Sache war.
„Beeindruckend, nicht?“, fragte Prinz Kaidan leise. „Ich selber lebe bereits mein ganzes Leben hier und doch staune selbst ich immer wieder mal über die Kunst dieser Architektur.“
„Es ist schon … außergewöhnlich“, musste ich mir eingestehen. Sowas hatte ich jedenfalls noch nie gesehen und dass lag nicht nur an dem Motiv des Wolfes und des Mondes, die ich hier immer wieder in kleinen Schnitzereien am Fensterbrett, oder am offenen Portal und den Buntglasfenstern erblickte.
„Komm, begleite mich hinein.“
Ich schaute zu den anderen Limousinen rüber. König Isaac verschwand in einem ganzen Pulk im inneren der Mauern, ohne auch nur einen Blick in meine Richtung zu werfen. Prinzessin Alica und Prinz Manuel folgten ihm, während ein dicker Mann mit Schweinsäuglein auf sie einredete. Prinz Kaidan und seine Umbra waren die einzigen, die bei mir zurück blieben. Naja, abgesehen von den ganzen Schaulustigen, die neugierig die Köpfe hoben, um einen Blick auf mich zu riskieren.
„Wer ist das?“, hörte ich sie tuscheln.
„Sie ist ein Alpha.“
„Seht, ihr langes Haar.“
„Eine Prinzessin.“
„Woher?“
„Das gestohlene Kind.“
Prinz Kaidan machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf. „Wenn ich mich nicht irre, habt ihr alles etwas zu tun.“ Seine Stimme war nicht mal laut, doch die Leute sprangen alle auf, als seien sie von einer Tarantel gestochen worden und stürzten sich auf irgendwas, nur um beschäftigt zu sein.
„Okay, das war schräg.“ Ich schaute mich nach Diego und Lucy um, die mittlerweile selber aus dem Wagen gestiegen waren. Auch Eddy, Victoria und David hatten ihn verlassen.
„Ich werde mich später bei Euch melden“, erklärte der Sozialfuzzi und führte seine beiden Anhängsel durch den Torbogen, durch den wir gerade erst gekommen waren. Das auch Victoria so wortlos verschwand, wollte mir nicht so richtig gefallen.
Die erste Limousine wurde auch bereits weggefahren, während man aus den anderen noch das Gepäck auslud.
„Komm, Cayenne.“ Wieder hielt Kaidan mir die Hand hin. „Ich werde dich zu deinem Gemach bringen.“
Ich schaute erst seine Hand an, und dann ihn. „Das bedeutet dann wohl, du bist der arme Tropf, der dazu abgestellt wurde, sich mit mir zu befassen.“
Er lächelte nur und da ich keinerlei Anstalten machte seine Hand zu ergreifen, deutete er damit nur einladend auf das offene Portal. „Als amtierender Thronfolger habe ich sehr viele Pflichten. Meine Schwester in ihr neues Zuhause zu geleiten, ist dabei noch eine von den Angenehmen.“
Als er mich als seine Schwester bezeichnete, konnte ich gar nicht anders, als das Gesicht zu verziehen. Nicht nur wegen der Lüge an sich, sondern weil es mir zeigte, dass unsere kleine Scharade bereits begonnen hatte.
„Nun komm.“
Also gut. Ich warf noch einen kurten Blick über die Schulter, um mich zu versichern, dass Lucy und Diego noch bei mir waren und betrat dann an Kaidans Seite das Schloss. Dabei die neugierigen Blicke und das ständige Getuschel nicht zu beachten, war gar nicht so einfach.
„Wenn es dir zu viel wird, werde ich sie alle wegschicken.“
Auf der Schwelle zum Foyer des Schlosses blieb ich stehen und schaute ihn an. Dann drehte ich mich zu dem Wächter rechts vom Portal und schaute ihn an. „Was gibt es da so blöd zu glotzen?“
Eine Schrecksekunde lang starrte er mich an, dann drehte er den Kopf ganz schnell nach vorne.
„Ich denke ich werde deine Hilfe nicht brauchen“, erklärte ich ganz souverän, auch wenn ich schon merkwürdig fand, wie die Leutchen um mich herum auf meine Gegenwart reagierten.
Kaiden ließ sich nicht anmerken was er dachte. Er behielt einfach das kleine Lächeln auf seinen Lippen und hob den Arm, als wollte er ihn mir auf den Unterrücken legen. „Komm.“
Das tat ich, aber so, dass er mich nicht berühren konnte. Und dann staunte ich erneut.
Vor mir öffnete sich ein riesiges Foyer in warmen, Holztönen. Und es war wirklich riesig. In dem Raum, hätte ein ganzer Zirkus reingepasst. Samt Zelt und Wohnwagen. Links und rechts führten geschwungene, schwebende Mahagonitreppen hinauf eine offene Galerie mit einem aufwendigem Geländer. Unten am Handlauf posierten zwei geschnitzte Holzwölfe. Der Boden bestand aus edlem Teakholzparkett, auf dem ein langer, hässlicher Läufer zu der großen Bogenförmigen Tür direkt zwischen den beiden Treppen führte. Der Teppich war so hässlich, dass er nur teuer sein konnte. Ganz klar. Und die Wände und die Decke waren verziert mit goldenem Stuck und filigranen Malereien. An die Decke war ein riesiges Wandbild gemalt, das Wölfe bei der Jagt zeigte. Irgendwie schaurig, aber zugleich auch faszinierend.
Rechts von mir führte eine gebogene Flügeltür zu einem offenen Saal mit Säulen und einer hohen Gewölbedecke. Tanzsaal? Auch links gab es eine Tür, diese war aber geschlossen. Und dann gab es da noch das ganze Beiwerk an den Wänden. Ölgemälde, die stolze Persönlichkeiten zeigten, oder auch mal einen Wolf. Antike Vasen und Staturen. Eine Couch auf Storchenbeinen mit passendem Beistelltisch. Blumenarrangements. Und in fast jeder Holzfläche entdeckte ich detailliere Schnitzereien, deren Thema sich alle um Wölfe drehte.
Staunend bewegte ich mich durch das Foyer und ließ mich dabei auch nicht von aufdringlichen Blicken unterbrechen. Hier also war meine Mutter aufgewachsen. Ich hatte ja gewusst, dass sie kein Kind von Traurigkeit gewesen war, aber das hier übertraf alle meine Vorstellungen.
Geistesabwesend strich ich über den Holzwolf an der linken Treppe. „Kein Staub.“ Ich schaute nach oben. „Keine Spinnennetze.“ Da gab es wohl viele fleißige Bienchen.
„Was hast du denn erwartet? Eine Gruft?“ Prinz Kaidan schmunzelte.
„Jedenfalls nicht das.“
„Wir mögen Lykaner sein, aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir verwilderte Tiere sind.“ Er deutete die Treppe hinauf.
Wie bereits draußen, schaute ich mich erstmal nach Diego und Lucy um, die genau wie Kaidans Umbras ein Stück hinter uns standen. Erst als ich mich versichert hatte dass sie noch da waren, nahm ich die Treppe in Angriff.
„Dieses Schloss wurde im vierzehnten Jahrhundert unter der Regentschaft von Königin Chenoa Canavar erbaut“, erklärte Kai und machte eine ausladende Handbewegung, die alles mit einschloss. „Sie war es auch, die das Rudel aus dem eisigen Grönland nach Europa brachte.“
Grönland? „Wir stammen also wirklich von den Inuit ab?“
Vor uns kam eine ältere Frau aus einem der Zimmer. Ihrer Aufmachung nach musste sie ein Zimmermädchen oder eine Haushaltshilfe sein. Sie machte sich nicht einmal die Mühe mich unauffällig zu mustern, als sie an uns vorbei ging.
„Ja und nein.“ Als wir die oberste Stufe hinter uns gelassen hatten, führte Kaidan mich nach Links und einen sehr langen Korridor mit sehr vielen Türen und Gemälden entlang. „Wir lebten in ihrer Mitte, manchmal liebten wir sie sogar, aber sie wussten, dass wir anders waren und viele von ihnen fürchteten dieses Anderssein. Das führte zu … Problemen. Also gingen wir und lebten fortan im Verborgenen.“
Klang einleuchtend – auf eine sehr verquere Art.
Kaidan führte uns den Korridor entlang nach rechts in den Westflügel. Hier gab es weitaus weniger Türen und sie lagen auch viel weiter auseinander. „In diesem Teil des Schlosses befinden sich zurzeit nur die Schlafgemächer der letzten Nachkommen und ihrer Umbra.“
„Letzte Nachkommen?“
„Prinzen und Prinzessinnen der letzten Generation.“
Aha.
„Die Schlafgemächer der ersten Nachkommen liegen eine Etage höher“, erklärte er weiter. „Im Ostflügel befinden sich weitere Wohnräume, in der dritten Etage die Arbeitsräume und die vierte Etage ist allein den Regenten zugänglich. Im Keller haben wir Sport- und Erholungsräume. Sauna, ein großes Schwimmbecken. Der Ballsaal ist im Erdgeschoss zu finden, genauso wie der Thronsaal und der große Speisesaal.“
Man, dieses Gebäude hatte verdammt viele Säle. „Und wo ist die Küche?“ Das musste ich einfach wissen, weil ich manchmal zu den unmöglichsten Nachtzeiten Appetit bekam und wenn ich dann keinen Kühlschrank in der Nähe hatte, den ich plündern konnte, würde ich das ganze Schloss wecken, nur um ihn zu finden.
Kaidan bedachte mich schmunzelnd mit seinem amüsierten Blick. „Du willst in die Küche?“
„Nicht jetzt, aber bei Gelegenheit bestimmt.“
„Wenn du etwas brauchst, kannst du einfach zum Telefon greifen. Man wird dir bringen, was immer du wünschst.“
„Oder – und das ist nur so eine Idee – ich gehe selber. Aber dazu muss ich wissen, wo ihr hier die Fressalien versteckt.“
Lächelnd schüttelte er den Kopf, als könnte er nicht glauben, was er da hörte. „Die Küche befindet sich im Ostflügel, gleich hinter dem großen Speisesaal.
Natürlich. Der Entfernteste Punkt. War ja irgendwie klar. „Und da kann ich jederzeit rein?“
„Wenn du das möchtest.“
Na hoffentlich hatten die hier auch saure Gurken, sonst müsste ich einen königlichen Anfall bekommen.
Kaidan machte noch ein halbes Dutzend Schritte, dann blieb er vor einer Flügeltür mit aufwendigen Schnitzereien stehen. Bäume, Wald und Wiese. Darüber der Mond. „Wir sind da“, erklärte er und legte seine Hand auf ein Display an der Wand. Sofort begann das Gerät seine Handfläche zu scannen. „Hier im Schloss funktioniert alles mit elektrischen Schlössern. Die Gemächer der Alphas haben einen besonders hohen Sicherheitsstandart.“ Das Gerät gab ein Piepen von sich und leuchtete grün auf. Dann klickte das Schloss der Tür. „Nur ausgewähltes Personal und die Alphas selber können diese Zimmer auf diese Art betreten, alle anderen müssen um Einlass bitten. Nachher wird jemand zu dir kommen, damit auch dein Handabdruck ins System eingespeist werden kann.“
„Findest du das nicht ein kleinen Wenig übertrieben?“
Kaidan lächelte nur. „Umbra Laiko, Umbra Kimberly, ihr könnt euch nun erst einmal zurückziehen.“
Die Japanerin und die dunkelhäutige Frau, die Kaidan immer wie zwei Schatten folgten, verbeugten sich leicht und liefen dann den Korridor weiter hinunter, bis sie eine ähnliche Tür wie diese erreichten. Dort verschwanden sie aus meinem Sichtfeld.
„Außer in deinem Zimmer, werden deine Umbra ab jetzt immer bei dir sein müssen“, erklärte das Prinzchen. „Solange du dich im Hof befindest, reicht es einen von ihnen an deiner Seite zu haben. Nur wenn du das Anwesen verlässt, müssen dich beide begleiten.“
Ähm … okay. „Und wann schlafen sie?“
„Umbra kommen mir sehr wenig schlaf aus.“
Das war nicht direkt das was ich gefragt hatte und es gefiel mir nicht, wie er es sagte. Es erweckte den Eindruck, als seien meine Freunde unwichtige Gegenstände, die zu funktionieren hatten.
Kaidan schien meinen Unmut gar nicht zu bemerken. Er öffnete einfach die Flügeltür und trat in einen kleinen Korridor, der knapp drei mal drei Meter groß war.
Links und rechts gab es zwei unscheinbare Türen, die fast mit der antiken Wandvertäfelung verschmolzen. Mit direkt gegenüber war eine weitere Flügeltür, auf der ein einziger großer Wolf eingraviert worden war.
„Das hier wird nun dein Zimmer sein“, erklärte Kaiden und stieß die Flügeltür schwungvoll nach innen auf.
Einen kurzen Moment wollte ich fragen, für was die beiden anderen Türen waren, doch der Anblick der sich mir bot, ließ meinen Unterkiefer eine Etage tiefer klappen. Das war … Wahnsinn – und das meinte ich ausnahmsweise einmal im positiven Sinne.
Staunend trat ich an Kaiden vorbei in die imposante Suite.
„Dieses Gemach wurde extra für dich hergerichtet“, erklärte Kaidan.
Ich hörte ihn kaum, viel zu sehr war ich damit beschäftigt diese Pracht zu verarbeiten. Das Zimmer war quadratisch und … groß. In der hinteren Ecke, auf einem Podest, stand ein Himmelbett. Was sollte darin schlafen? Ein Pottwal? Rechts und links waren angepasste Nachtschränkchen und der Himmel bestand aus milchigem Gardinen, die gerafft um das Bett fielen. Über drei Stufen mit weißem Plüschteppich, war es zu erreichen. Ein Stück daneben führte eine Tür hinaus auf meinen eigenen Balkon. Im vorderen Bereich des Zimmers war eine Sitzgruppe arrangiert, die sich um einen kinoähnlichen Bildschirm gruppierten.
Von mir aus rechts waren noch zwei weitere Türen, aber die waren geschlossen. Weiß und Ocker harmonierten perfekt miteinander. Nichts was in diesem Raum war, störte die Eintracht. Der Teppich, mit dem der ganze Boden bedeckt war, Beistelltische, Vasen, Kristallkaraffen, der Kronleuchter, Deckchen, alles passte perfekt zusammen. Lange Vorhänge an den Bodenlangen Fenstern, aus weißem Samt und auch dort milchige Gardinen. Hell und freundlich, das war der Raum, und viel moderner, als das Gebäude von außen vermuten ließ. Die helle, elegante Ledercouch, mit dem runden Glastisch davor, lud zum hinein lümmeln ein, das Bett zum Schlafen … mein Gott, der Teppich sah so weich aus, dass ich selbst darauf schlafen würde, wenn nicht dieses unglaubliche Himmelbett dort in der Ecke gestanden hätte.
„Das ist der Hauptraum“, erklärte Kaidan. „Der Balkon zeigt zum Garten und den Ländereien hinaus.“
„Das ist einfach phantastisch.“ Ich war echt sprachlos. Langsam ging ich tiefer in das Zimmer, sog alles in mich auf und auch hier war das auffälligste Merkmal das Motiv der Wölfe, das sich überall in verschiedenen Varianten wiederholte.
Während ich mit den Augen einer Schnitzerei an der Bordüre folgte, bemerkte ich auf einmal, dass wir nicht allein in diesem Zimmer waren. Überrascht blieb ich stehen.
Links neben der Tür stand eine junge Frau in einer grauen Zimmermädchenuniform. Ihr Haar hatte ein dunklen Kupferton und war zu einem festen Knoten an den Kopf gebunden. Sie war ziemlich dünn und konnte nicht viel älter sein als ich. An ihrer rechten Schläfe hatte sie ein auffälliges Muttermal, dass durch ihre strenge Frisur nur noch deutlicher zutage trat.
Als ich sie bemerkte, begegnete sie meinem Blick mit ihren braunen Augen und machte dann einen Knicks vor mir – so einen richtigen, wie ich ihn nur aus Filmen kannte. „Eure Majestät.“
Ganz ehrlich, langsam glaubte ich wirklich in einem Film gelandet zu sein.
„Das ist Collette“, erklärte das Prinzchen. „Deine Kammerzofe. Sie wird dir ab sofort bei deiner Toilette und beim ankleiden helfen. Und bei allem anderen, was Frauen eben so tun, wenn sie unter sich sind.“
Also für den blöden Spruch bekam er den entsprechenden Blick. Das hörte sich in meinen Ohren nämlich ein wenig abwertend an. „Was bitte tun Frauen denn so, wenn sie unter sich sind? Gespräche über die Menstruation und Tampons? Frisur und Make-Up?“ Ich machte einen provozierenden Schritt auf ihn zu. „In welche Reizwäsche wir uns am besten schmeißen, um unseren Männern eine Nacht voller Lust zu schenken, die selbst ihre kühnsten Träume übertrifft?“
Hatte ich gehofft das Prinzchen damit ein wenig in Verlegenheit zu bringen, so hatte ich es wohl anders angehen müssen. Er senkte einfach nur ein wenig den Kopf und lachte leise. „Ich werde wohl recht behalten, mit dir wird es nicht langweilig werden.“
Im Hintergrund versuchte Lucy sich das Lächeln zu verkneifen, scheiterte aber kläglich.
„Du solltest deine Einstellung zu Frauen einmal dringend überdenken“, merkte ich an und musterte dann meine Kammerzofe. Ich war nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte. Meine Toilette erledigte ich bereits seit meinem dritten Lebensjahr völlig alleine. Und auch das anziehen hatte meine Mutter mir bereits als kleines Mädchen beigebracht.
„Sie ist eine Eingeweihte“, erklärte Kaidan leise. „Großmutter hat sie wegen ihrer Kompetenzen und Verschwiegenheit ausgewählt.“
Ich schaute sie an. „Das heißt du weißt wer meine Mutter ist?“
„Prinzessin Alica, Euer Majestät“, antwortete sie sofort.
Ich warf einen zweifelnden Blick zu Kaidan. „Ich rede von meiner leiblichen Mutter, der Frau bei der ich die letzten neunzehn Jahre aufgewachsen bin.“ Naja, zumindest dann, wenn sie nicht durch Abwesenheit geglänzt hatte.
Collettes Blick richtete sich einen nervösen Moment auf den Prinzen. „Beraterin Celine, die verstoßene Tochter der amtierenden Alphas.“ Ihre Stimme senkte sich ein wenig. „Erst vor wenigen Tagen rief Königin Geneva mich zu sich, um mich in das Geheimnis einzuweihen. Mein Wort darauf, ich werde schweigen. Eure Geheimnisse sind bei mir sicher.“
Da fragte sich nur, vor wem. Würde sie auch Sachen für sich behalten, die nicht für die Ohren der Alphas bestimmt waren? Zweifelhaft.
„Collette wird Tag und Nacht für dich erreichbar sein“, erklärte Kaidan und ging zu dem kleinen Beistelltisch neben der Couch, auf der ein Telefon stand. „Ihre Nummer ist in der Kurzwahl eingespeichert. Aber nicht nur ihre, auch ein paar andere. Die Liste liegt direkt daneben.“ Er zeigte auf einen Notizzettel.
Als wenn ich mitten in der Nacht eine wildfremde Frau aus ihrem Bett klingeln würde, nur damit sie … was-weiß-ich, mir das Kissen aufschüttelte. „Ich glaube nicht, dass ich eine Kammerzofe brauchen werde.“
„Ob du sie nun nutzt oder nicht, sie wird dir zu Diensten sein.“
Wie um seine Worte zu bestätigen, verbeugte sie sich noch einmal vor mir.
O-kay, an diese blinde Ergebenheit würde ich mich wohl erst noch gewöhnen müssen. Ich wusste nicht warum, aber irgendwie war mir das unangenehm. Vor mir war noch nie jemand gekrochen und ich wusste wirklich nicht, wie ich das finden sollte.
„Sie wird dir auch in der Anfangszeit helfen dich ein wenig zurecht zu finden.“
„Ist wahrscheinlich besser als ein Lageplan“, murmelte ich und wandte mich wieder zu ihr um. Irgendwie wirkte sie … erwartungsvoll. „Ähm … ja, was machst du hier?“
„Ich sollte hier warten, um Euch zu begrüßen und gegebenenfalls zu helfen. Bei Eurem Gepäck. Falls Ihr es wünscht, könnte ich auch hinunter in die Küche gehen und euch eine Kleinigkeit zubereiten. Nach der Anreise müsst Ihr doch hungrig sein.“
Hm, ein wenig schon, aber … das konnte ich nicht machen. Eine wildfremde Frau herumzukommandieren, das kam mir irgendwie seltsam vor. Andererseits schien sie voller Tatendrang zu sein, so als wollte sie unbedingt etwas für mich tun.
Das hing wohl mit dem zusammen, was Lucy vor ein paar Tagen zu mir gesagt hatte. Licht und Motten. Ich war das Licht und sie … naja. Sie schien etwas für mich tun zu wollen, um sich selber gut zu fühlen. Schon irgendwie schräg. „Ich glaube das mit dem Snack lassen wir erstmal. Stattdessen könntest du mir auch einfach den Rest des Zimmers zeigen.“
„Natürlich.“ Wieder neigte sie ein wenig das Haupt und wandte sich dann den beiden Türen zu. „Dort geht es ins Bad.“ Sie zeigte auf die Tür in der Raummitte. „Und die Tür daneben führt in Euren begehbaren Kleiderschrank.“
„Ich hab einen begehbaren Kleiderschrank?“ Ja ich gebe es zu, meine Stimme war vor positiver Überraschung ein paar Oktaven höher gerutscht – wie peinlich. „Ich meine … ähm, das hört sich toll an.“
Sie lächelte mich freundlich an. „Kommt und seht ihn Euch an. Er ist allemal einen Blick wert.“
Na das ließ ich mir nicht zweimal sagen.
Direkt hinter ihr trat ich zur Tür und wartet schon fast ungeduldig darauf, dass sie sie öffnete. Dann machte sie einen Schritt zur Seite, damit ich als erstes hineingehen konnte.
Nur ein Schritt, das Licht schaltete sich automatisch ein und ich war baff. Das Ding hatte die Ausmaße von einem kleinen Geschäft. „Das ist der Wahnsinn.“ Ich ging ein Stück weiter herein und drehte mich einmal im Kreis. Links neben dem Eingang, war ein breites Regal, das bis zur Hälfte mit dünnen Schubladen gefüllt war. Darüber waren fein säuberlich Handtaschen über Handtaschen ausgestellt. Diese Art von Schubladen hatte ich schon einmal in einem Film gesehen und sie waren gefüllt gewesen mit … Vorsichtig zog ich eine auf und gab ein begeistertes Geräusch von mir. Schmuck. Alles voller Schmuck. Ringe, Armbänder, Fußkettchen, Ohrringe, Ketten, sogar eine Bauchkette entdeckte ich. In jeder Schublade dasselbe. Und das ganze Zeug sah echt wertvoll aus.
„Das ist alles für Euch“, sagte Collette, die hinter mir in den Raum gekommen war. „Königin Geneva hat jedes Stück selber ausgesucht.“
„Alles meins“, hauchte ich und spielte mit dem Finger an einem Stein herum, der verdächtig nach Diamant aussah. „Das muss doch ein Vermögen wert sein.“
„Ihr besitzt damit weitaus weniger, als Prinzessin Sadrija“, gestand sie ein. „Doch ja, dieser Schmuck hat einen hohen Wert.“
„Wow.“ Ich schob die Lade wieder zu und sah mich weiter um. Der Rest dieser Wandhälfte war bis unter die Decke mit Schuhen gefüllt. Und da war wirklich alles dabei. Hohe, flache, offene, geschlossene. Jede Farbe und jede Form, die ich mir nur wünschen konnte, stand in diesen Regalen. „Oh mein Gott, ich krieg voll die Krise!“, jammerte ich.
Besorgt runzelte Collette die Stirn. „Stimmt etwas nicht, Prinzessin Cayenne? Habt Ihr vielleicht einen Wunsch, den Euch dieser Schrank nicht erfüllen kann?“
„Was nein. Das ist alles … wow.“
„Was Cayenne damit zu sagen versucht“, erklärte Lucy, „ist, dass ihr alles Bestens gefällt. Voll die Krise ist in diesem Fall positiv aufzufassen.“
Das schien Collette zu beruhigen. Sie war für einen Moment scheinbar wirklich besorgt gewesen.
Dann wandte ich mich den Kleiderschränken auf der anderen Seite zu. Um sie zu erreichen, musste ich allerdings um eine kleine Sitzgruppe herumgehen. Wie bereits gesagt, das hier drinnen war wie ein kleiner Laden.
Die Türen fuhren bei Berührung automatisch zur Seite und offenbarten mir dann eine ganze Kollektion neuwertiger Klamotten. Kleider, so schön, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Bezaubernde Röcke und Oberteile jeder Richtung, aber eines fand ich nicht. „Keine Hosen?“
„Ähm … nein.“ Collette wirkte verwirrt. „Prinzessinnen tragen keine Hosen.“
„Ach nein?“ Ich zog eine Augenbraue hoch und deutete auf mich. „Prinzessin.“ Dann deute ich auf mein Bein. „Hose.“
Plötzlich schien Collette sich nicht mehr wohl in ihrer Haut zu fühlen. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie ein Stück weit kleiner war als ich. „Ja … ja, das sehe ich sehr wohl“, stimmte sie mir eifrig nickend zu. „Aber die Kleiderordnung verbietet es. Wenn Ihr am Hof seid, müsst Ihr Röcke und Kleider tragen. So wollen es die Regeln.“
„Was?“ Das konnte doch nicht ihr ernst sein. Ich funkelte Kaidan an, der mich amüsiert beobachtete.
„Sieh mich nicht so an, ich hab die Regeln nicht gemacht“, verteidigte er sich sofort.
Wen sollte ich denn sonst ansehen? Collette sah aus, als würde sie in Tränen ausbrechen, wenn ich ihr die Schuld geben würde. „Aber ich trage keine Kleider“, knurrte ich.
„Es tut mir leid, dass du das so siehst, aber wir haben hier eine Kleiderordnung an die auch du dich halten musst.“ Er trat zu mir in den Schrank, um selber einen Blick auf die Klamotten zu werfen. „Sie sind doch sehr hübsch.“
Als würde es darauf ankommen. „Es ist egal wie sie aussehen, ich kann keine Kleider tragen.“ Nicht mit meinem Makel.
Irritiert musterte er mich. „Warum?“
Als wenn ich ihm das sagen würde. „Das geht dich nichts an.“
Er schaute mich nur abwartend an.
„Hör zu“, sagte ich dann. „Ich mach diesen ganzen Blödsinn mit – gegen meinen Willen, wie ich betonen möchte – aber ich werde keine Kleider tragen. Niemals.“ Und da konnten sich die ganzen Hoheiten Kopfstellen.
„Cayenne“, begann Kaidan. „Ich weiß, dass es eine Umstellung für dich sein wird, aber …“
„Kein Aber“, fuhr ich ihm einfach über den Mund. Kurz war ich versucht das Ganze einfach hinzuschmeißen und wieder nach Hause zu fahren, aber dann dachte ich an meine Mutter. Ich musste mich zusammenreißen. „Du kannst das nicht verstehen“, sagte ich leise. „Ich kann keine Röcke und Kleider tragen. Das geht einfach nicht.“ Die Gefahr, dass dabei jemand mein Bein sehen könnte, war einfach zu groß.
Er verstand es nicht, dass sah ich ihm an. Wie sollte er auch? Selbst wenn er von dem Unfall bei dem Grillfest vor zehn Jahren wüsste, so brachte er diese Situation sicher nicht mit dem damaligen Vorfall in Verbindung. „In Ordnung“, wiegelte er dann ab. „Ich würde sagen, wir vertagen dieses Thema erst mal, denn wenn ich mich recht erinnere, gibt es da noch einen Raum, den du noch nicht gesehen hat.“
Sofort war Collette wieder eifrig dabei. „Oh ja, das Bad. Möchtet Ihr es sehen, Prinzessin Cayenne? Es ist wahrlich ein Blickfang .“
Ich zuckte gleichgültig mit den Achseln. Was sollte an einem Bad denn schon so besonders sein? „Von mir aus.“ Damit war die Sache mir den Kleidern aber noch nicht vergessen, das schrie geradezu nach Klärung.
Wir folgten Collette aus dem Kleiderschrank hinüber ins Bad. Wie schon zuvor öffnete sie die Tür und trat dann leichtfüßig zur Seite, um mich als erste eintreten zu lassen.
Meine Augen wurden groß wie Untertassen. Wer rechnete denn auch schon mit sowas? Kaum dass ich die Türschwelle übertreten hatte, befand ich mich in einem tropischen Regenwald. Wie cool war das denn? So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Boden und Wände, alles bestand aus weißem Marmor, aber das war nicht, weswegen mir fast die Augen aus dem Kopf fielen. Überall, auf dem Boden, an den Wänden und von der Decke, hingen und standen riesige Pflanzen. Manche mit farbenfrohen Blüten, andere einfach nur grün, aber zusammen sah das einfach fantastisch aus. In der Mitte des Raums war eine riesige Wanne in den Boden eingelassen – mit Whirlpoolfunktion! An der Seite war eine große Regendusche mit Steinboden.
Ich entdeckte ein Waschbecken mit einem beleuchtetem Spiegel und offene Regalen. Das Klo war eine schwebende Toilette und daneben gab es auch ein Bidet. Die Armaturen waren allesamt aus Weißgold und passten perfekt in den Raum. Beleuchtet wurde es durch indirektes Licht.
„Geil.“ Das war das Einzige war mir einfiel und es war ja auch so passend. Das war einfach nur geil. Bei diesem Anblick vergaß ich sogar die Kleidersache.
„Ich kann also davon ausgehen, dass Euch dieses Gemach zusagt?“, fragte Collette vorsichtig.
„Auf jeden Fall.“ Nie im Leben hätte ich gedacht, das etwas so Schönes hinter diesen alten Mauern stecken könnte.
„Wusste ich doch, dass es dir gefällt“, schmunzelte Kaidan.
Ausnahmsweise ignorierte ich seine Überheblichkeit. „Es ist als wäre man in einem Urwald. Nur ohne die ganzen ekligen Käfer.“
„Ich gehe dann wohl recht in der Annahme, dass du dich hier wohlfühlen wirst?“
Das würdigte ich mit keiner Reaktion. Stattdessen interessierte mich noch etwas ganz anderes. „Und was ist mit Lucy und Diego? Wo werden sie untergebracht?“ Er hatte doch gesagt, dass sie ihre Zimmer auch in diesem Flügel haben würden. Da es hier aber nur ein Bett gab, ging ich nicht davon aus, dass sie in diesem Zimmer schlafen würden. Nicht dass ich ein Problem damit gehabt hätte, mit ihnen mein Bett zu teilen.
„In den vorderen Zimmern.“
Vordere Zimmer? Sprach er von den beiden unscheinbaren Türen? „Die will ich auch sehen.“
„Nur zu.“ Kaidan bat mich mit einer Geste, vorzugehen.
Lucy und Diego standen noch immer in der Nähe der Tür. Das war seltsam. Wahrscheinlich musste ich das Prinzchen loswerden, damit sie sich wieder normal benahmen.
„Los, ihr beide kommt auch mit.“ Nicht dass der Weg besonders weit war.
Prinz Kaiden schloss sich mir an, nur Collette hielt sich ein wenig im Hintergrund.
Als ich durch die Flügeltüren in den Minikorridor trat, bemerkte ich ein junges Mädchen auf dem Flur, dass mich, eingerahmt von zwei männlichen Umbras, sehr eindringlich musterte.
Sie war hübsch – vielleicht ein bisschen blass, aber hübsch – und sie war definitiv jünger als ich. Genau wie ich hatte sie unglaublich lange Haare. Auch sie waren blond, nur wesentlich dunkler. In ihrem Gesicht saß eine süße kleine Stupsnase über einem Puppenmund. Ihre mandelförmigen Augen jedoch waren wie zwei Tore in eine andere Welt. Verschlossen, beinahe eisig. Sie waren von der gleichen Farbe wie die meinen.
Ihr marineblaues Kleid raschelte leise, als sie sich mir zuwandte und den Kopf leicht zur Seite neigte. „Du musst Cayenne sein, meine … Schwester.“ Ihre Lippen kräuselten sich spöttisch.
Irgendwas an dem wie sie das sagte, störte mich gewaltig. Es gab mir das Gefühl etwas Minderwertiges zu sein. „Deine große Schwester. Wenn du nett zu mir bist, dann gebe ich dir vielleicht mal ein paar Schminktipps. Dann kannst du dich wieder in die Öffentlichkeit wagen.“
Der spöttische Ausdruck blieb in ihrem Gesicht kleben.
„Sadrija“, tadelte Kaidan. „Benimm dich.“
„Ich bin nur hier um mich vorstellen, so wie Mutter es gewünscht hat.“
Ob es stimmte oder nicht, Kaidan warf ihr einen mahnenden Blick zu. Es half nicht viel.
„Heutzutage darf wohl jeder Alpha spielen.“ Ihre Stimme war äußeres sanft. Sie sprach sehr leise und doch war jedes ihrer Worte glasklar.
„Scheint so“, stimmte ich ihr zu und musterte sie so auffaltend, dass ihr klar sein musste, wenn von uns beiden ich meinte. „Ansonsten hätte man dich wahrscheinlich schon direkt nach deiner Geburt im Wald ausgesetzt.“
Beinahe schon züchtig verschränkte sie die Hände vor dem Bauch. „Nun – korrigiere mich wenn ich falsch liege – aber bist nicht du es, die man versteckt gehalten hat?“
Oh, diese kleine, miese Schlampe. „Versteckt?“, fragte ich überrascht, als wäre diese Tatsache völlig neu für mich. „Also, wenn ich ehrlich bin, hatte ich jede Freiheit die ich mir nur wünschen konnte. Frag dich doch mal selber, wann durftest du das letzte Mal hingehen, wohin du wolltest, wann es du wolltest und solange du es wolltest.“ Wenn ich das Anwesen und seine Bewohner richtig einschätzte, dann hatte sie das noch nie gedurft.
Leider ließ sie sich auch damit nicht aus der Reserve locken. Die kühle Fassade blieb ihr erhalten und nur das Kräuseln ihrer Lippen zeigte mir, dass sie zugehört hatte.
Kaidan schaute wachsam zwischen uns hin und her. „Musst du nicht zu deiner Musikstunde?“ fragte er das kleine Miststück.
Ihr Blick huschte nur einen kurzen Moment zu ihm. „Hör auf mich zu bemuttern, Kai. Ich habe einen Terminkalender und weiß sehr wohl wann ich wo zu sein habe.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Auf bald … Schwester.“
Oh, diese miese … „Auf bald, kleiner Omega.“
Sie war gerade dabei sich von mir abzuwenden, doch bei dem Spruch warf sie mir noch einmal einen warnenden Blick zu. Das mit dem Omega war nur ins blaue hineingeraten, aber wie es schien, hatte ich damit genau ins Schwarze getroffen. „Du solltest eines nicht vergessen“, sagte sie kühl. „Wir sind keine Menschen.“
„Nein, wirklich?“ Ich tat erstaunt.
Ihre Lippen wurden ein kleinen wenig schmaler, doch ein weiteres Mal zu reagieren schien unter ihrer Würde zu sein. Sie richtete einfach ihren Blick nach vorne und verschwand in Begleitung ihrer Umbras den Korridor hinab.
Ich hatte nur noch ein herablassendes Schnauben für sie übrig.
Prinz Kaidan seufzte. „Bitte verzeih Sadrijas Verhalten, sie ist nicht immer ganz einfach.“
„Sie ist eine eingebildete Zimtzicke, die sich nur groß fühlt, wenn sie andere klein macht.“
Ja, ich bemerkte Diegos warnenden Blick, aber ich ignorierte ihn.
Das Prinzchen öffnete den Mund, schloss ihn dann aber gleich wieder, als hätte er es sich anders überlegt. „Ich denke ich werde mich dann jetzt auch erst einmal zurück ziehen. Du kommst zurecht?“
„Wenn nicht, habe ich ja ein Telefon mit ganz vielen Nummern auf der Kurzwahl.“
Er nickte. Entweder hatte er den Sarkasmus in meiner Stimmer nicht verstanden, oder er ignorierte ihn einfach. „Dein Gepäck wird in Kürze auf dein Zimmer gebracht. Du kannst Collette schicken, damit sie sich darum kümmert.“
„Was, sie soll die schweren Koffer tragen?“
Das ließ ihn mal wieder schmunzeln. „Ich vergesse immer, dass du ganz anders aufgewachsen bist als wir. Aber glaub mir, ein paar Koffer sind für sie kein Problem. Sie ist ein Lykaner.“
Oh. Hm, das bedeutete dann wohl, dass sie über außergewöhnliche Stärke verfügte – naja, zumindest im Vergleich mit einem Menschen.
„Solltest du Probleme haben, kannst du dich auch gerne an mich wenden. Mein Zimmer ist gleich neben deinem. Wenn also etwas sein sollte, klopf einfach an.
Darauf konnte er lange warten. „Ich werde es schon schaffen nicht tot umzufallen, nur weil du dich aus meiner Reichweite begibst.“
Sein Lächeln wurde ein wenig schmaler. „Es war nur ein Angebot. Wenn du nicht möchtest, musst du nicht darauf eingehen.“
„Gut zu wissen.“ Ja, ich war ein kleinen wenig angriffslustig. Aber mal ehrlich, da kommt diese dumme Göre und macht mich blöd von der Seite an, nur weil ich nicht in einem Schloss aufgewachsen war. Und Kaidan mit seiner leichten Überheblichkeit, ging mir langsam auch auf den Sack. Okay, dann war er eben ein Prinz, aber das bedeutete doch noch lange nicht, dass er das niedere Fußvolk wie … naja, wie das niedere Fußvolk behandeln musste.
„Nun denn. Um sechs wird das Abendmahl serviert. Bitte sei pünktlich, Großmutter schätzt Verspätungen nicht. Und bitte zieh dir ein Kleid an.“
Aber sicher doch.
„Des weiteren wurde das Personal mittlerweile sicher angewiesen, dich nicht zu bedrängen, man wird dich also weitestgehend in Ruhe lassen.“
„Ja, wir wollen ja schließlich nicht, dass unser kleines, schmutziges Geheimnis ans Tageslicht kommt.“
Sein Blick wurde ein wenig weicher. „Es tut mir leid, dass du dich hier noch nicht wohlfühlst, aber ich kann nichts für das was geschehen ist. Ich nehme dir deine scharfe Zunge nicht übel, aber du solltest dringend überdenken, bei wem du sie einsetzt.“ Er nickte mir noch einmal zu. Dann verabschiedete er sich mir einem „Wir sehen uns beim Abendessen“ und verschwand in die gleiche Richtung, wie vorhin seine Umbras.
Ich starrte ihm finster hinterher, drehte mich dann herum und hatte Collette direkt vor der Nase. Überrascht machte ich einen Schritt zurück.
„Verzeiht, ich wollte Euch nicht erschrecken. Ich wollte nur wissen, ob ich mich nun um das Gepäck kümmern soll.“
„Ähm“, ich warf einen hilfesuchenden Blick zu Diego – der schien hier irgendwie den größten Durchblick zu haben – und als er nickte, tat auch ich es. „Ja klar, wenn du meinst, dass du das schaffst.“
„Das ist kein Problem, Euer Majestät.“
Okay, das Majestät-Gequatsche würde ich ihr dringen abgewöhnen müssen. „Aber überanstrenge dich nicht, ja?“
„Natürlich nicht.“ Sie machte einen kleinen Hofknicks und lief dann so leise an mir vorbei, dass ich gar nicht hörte wie sie sich bewegte. Das war unheimlich.
Sobald sie sich ein wenig entfernt hatte, trat Diego vor, warf einen schnellen Blick auf den Korridor und schloss dann die äußeren Flügeltüren. Dann drehte er sich mit einem Ausdruck in seinem Gesicht zu mir herum, der keinen Zweifel daran ließ, was nun folgen würde. „Du legst es echt darauf an, dass dich der gesamte Hof bereits am ersten Tag zum Teufel wünscht“, tadelte er mich auch sofort.
„Nein“, widersprach ich. „Ich hab mir dafür eine Woche in den Kalender eingetragen.“
Dafür bekam ich seinen patentierten Großer-Bruder-Blick. „Das hättest du nicht tun dürfen. Egal wie sehr Prinzessin Sadrija dich auch provoziert, du musst ruhig bleiben. Und Prinz Kaidan wollte dir nur helfen.“
„Also ich fand das einfach Spitze“, freute sich Lucy.
Diego warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
„Was?“, fragte sie unschuldig. „So wie das kleine Miststück sich immer aufführt, hat sie es dringend Mal gebraucht in die Schranken verwiesen zu werden. Aber viel interessanter fand ich, dass Prinzessin Sadrija wirklich reagiert hat.“
Reagiert? „Also ich fand sie ziemlich gleichgültig.“ Wenn man mal von der Sache mit dem Omega absah.
Diego seufzte, als sei er sich nicht sicher, was er mit mir anfangen sollte. „Prinzessin Sadrija hat unter den Bediensteten einen Spitznamen, die Eisprinzessin.“
„Und den hat sie nicht umsonst.“ Lucy ging an mir vorbei zu einer der unscheinbaren Türen. „Normalerweise ist sie eiskalt und völlig unempfänglich für Beleidigungen und Sticheleien. Die meisten sagen sogar, sie besitzt gar keine Gefühle.“
„Dann wäre sie ein Psychopath“, überlegte ich.
Lucy grinste mich an und öffnete dann die Tür. Scheinbar war sie auch neugierig auf ihre Unterbringung. Doch das Zimmer war bereits auf den ersten Blick ein Enttäuschung – und das nicht nur, wenn man es mit der Ausstattung und dem Luxus in meinem Gemach verglich.
Ein schmales Bett, ein alter Holzstuhl mit einem zerkratzten Tisch und einen Schrank, der sicher auch schon ein paar Jahre auf dem Kerbholz hatte. Der Boden war zwar aus Parkett, aber das hatte seine besten Tage auch schon hinter sich gelassen. Aber was ich am schlimmsten fand, waren die Fenster: Es gab keine. Das war nichts als eine kleine Kammer. Zwar eindeckte ich noch ein kleines Bad, aber da drin war nur ein Waschbecken und eine Toilette.
Es war zwar alles sauber, aber … naja, es war absolut nicht das was ich mir vorgestellt hatte. Oder was ich mir für meine Freunde wünschte.
Ich schob die Lippe vor. „Ich glaube man hat euch die falschen Unterkünfte zugeteilt.“
Lucy zuckte die Schultern. „Es ist zwar nicht das Ritz, aber besser als das, wo wir sonst untergebracht werden.“
Ach wirklich? „Wo werdet ihr dann sonst untergebracht?“
„In den Barken der Wächter. Großer Raum, ein dutzend besetzter Etagenbetten, keine Privatsphäre.“ Sie schaute zu dem kleinen Bad. „Gemeinschaftsduschen.“
„Aber das hier ist alles so …“ Ich überlegte, wie ich es nett ausdrücken konnte.
„Schlicht?“, schlug Lucy vor.
„Ja.“ Das war das passende Wort. „Schlicht, klein. Eine Mausefalle.“
„Das ist in Ordnung für uns“, sagte Diego.
„Finde ich nicht“, schmollte ich und sah mich ein weiteres Mal in dieser Sardinenbüchse um. „Ihr habt etwas Besseres verdient.“ In meinen Augen war es einfach unfair. Ich bekam eine Luxussuite mit tropischen Regenwald und die beiden mussten dagegen in einem Rattenloch hausen. Gut, ich war eine Prinzessin, aber trotzdem.
Diego ging an mir vorbei um den Kleiderschrank zu inspizieren. „Ich finde es toll, dass du dich so für uns einsetzen willst, aber wirklich, das reicht uns völlig aus.“
„Das sagst du nur, weil du nicht willst, dass ich einen königlichen Anfall bekomme.“
„Das auch“, stimmte er mir zu und zog saubere Bettwäsche aus dem Schrank.
Während er nun damit begann sein Bett zu beziehen, ließ ich mich auf dem einzigen Stuhl um Raum nieder.
„Ich werde dann mal in die andere Mausefalle gehen und mich dort häuslich niederlassen“, erklärte Lucy und hob die Hand. „Bis nachher. Und stellt nichts ohne mich an.“
„Als wenn Diego das zulassen würde.“
Dafür bekam ich noch ein Grinsen, dann war sie auch schon verschwunden.
Als ich meinen Blick wieder auf Diego richtete, bemerkte ich, wie er ihr nachdenklich hinterherschaute. „Was ist los?“
Ein kurzer Blick in meine Richtung, dann widmete er sich wieder der Aufgabe das Laken aufs Bett zu bekommen. „Findest du nicht, dass sie sich seit ein paar Tagen seltsam verhält?“
Jetzt wo er es sagte … „Nein, eigentlich nicht. Zumindest wenn man davon absieht, dass ihr so tut, als wärt ihr meine Leibeigenen, die sich bei einem Artikulationsvirus eingefangen haben.“
Diego ging auf den Witz nicht ein. „Ich habe das Gefühl, etwas beschäftigt sie.“
„Naja, in den letzten Tagen ist ja auch eine Menge passiert.“ Und nicht nur für mich hatte sich dadurch einiges geändert. „Vielleicht braucht sie einfach nur ein bisschen um mit der neuen Situation klar zu kommen. Du weißt doch, sie mag Veränderungen nicht so besonders.“
Einen langen Moment schaute er einfach nur sein Bettlaken an, dann schüttelte er den Kopf, als wollte er einen Gedanken loswerden und sagte. „Ja, wahrscheinlich hast du recht.“ Aber so wie er das sagte, schien er nicht wirklich daran zu glauben. Das ließ mich aufmerken.
Diego war schon immer sehr aufmerksam gewesen und wenn er glaubt mit Lucy sei etwas nicht in Ordnung, dann sollte ich dem vielleicht einmal nachgehen. Mit mir würde sie wahrscheinlich eher sprechen, als mit ihm. Nicht nur weil ich eine Frau war, ich war ihre beste Freundin.
°°°°°
Um kurz nach achtzehn Uhr saß ich mit sechs weiteren Personen im großen Speisesaal, an einem ewig langen Tisch, vor etwas, das aussah wie gebratener Tintenfisch, der sich mit ein paar Röstis zusammen unter einer Schicht Seetang versteckte. Igitt. Das sollte ich essen? Das sah so aus, als wäre es bereits einmal gegessen worden.
Lustlos stocherte ich mit der Silbergabel auf dem goldverzierten Teller herum, nicht gewillt, auch nur ein Stück davon in meinem Mund wandern zu lassen. „Was ist das?“
Kaidan, der mir gegenüber Platz genommen hatte, lächelte mir zuversichtlich zu. „Keine Sorge, du kannst das gefahrenlos essen.“
Das war keine Antwort auf meine Frage.
Unzufrieden schaute ich am Tisch entlang. Neben meinen Eltern und meinen Geschwistern, saßen noch König Isaac und Königin Geneva an der langen Tafel.
Meine Großmutter war eine hochgewachsene Frau, die sogar Isaac ein paar Zentimeter überragte. Aber bei seinen breiten Schultern fiel das wohl nicht weiter auf. Ihre grauen Haare waren zu einem akkuraten Bob geschnitten und ihre langen Finger erinnerten mich an die einer Künstlerin. Sie war ein kleinen wenig rundlich, was ein wenig im Widerspruch zu ihren aristokratischen Gesichtszügen stand. Sie schien auch sonst nicht so wirklich das keksbackende Großmütterchen zu sein, bei dem man hinterher die Schüssel auslecken durfte.
Als ich vor zwanzig Minuten mit Diego im Schlepptau hier aufgekreuzt war, bestand ihre Begrüßung aus einem bewertenden Blick. Nicht dass sie etwas gegen meine Person hatte – zumindest hatte sie nichts dergleichen durchblicken lassen – doch meine Kleiderwahl schien ihr absolut nicht zuzusagen.
Ich hatte es bereits gesagt, ich weigerte mich meine Jeans gegen ein Kleid eintauschen. Ich trug einfach keine Kleider. Jetzt, nicht und auch in Zukunft nicht. Das hatte mir auf dem Weg hier her einiges an Geflüster und seltsame Blicke von Seiten der Schlossbewohner eingebracht. Und Königin Geneva hatte deutlich zum Ausdruck gebracht, dass ihr diese Aufmachung missfiel und dass ein solcher Aufzug in Zukunft nicht mehr geduldet werden würde. Als wenn sie mich daran hindern könne.
Jetzt saß ich hier und suchte Diegos Blick, in der Hoffnung, dass er mir irgendwie aus dieser Situation helfen würde, aber er stand genau wie all die anderen Umbras einfach nur steif da und verhielt sich, als würde er gar nicht existieren. Das war es wohl, was man von einem Leibwächter erwartete.
Laut dem Stammbaum von Victoria, gab es noch drei weitere Familienmitglieder, doch die waren im Moment wohl irgendwo in Australien auf Geschäftsreise. Bis die sich hier blicken ließen, wäre ich sicher schon lange wieder Zuhause bei Mama.
Hoffentlich.
Ich blickte wieder hinab auf mein Abendbrot, dachte zurück an Zuhause und an das, was Victoria mir dort servieren würde und seufzte. Nicht mal saure Gurken hatten die hier – ich hatte bereits nachgefragt. „Das kann ich nicht essen. Haben Sie nicht was anderes, Fritten oder so was?“
„Frit-ten?“, fragte Königin Geneva verwirrt.
„Ich denke sie mein Pommes, Großmutter“, unterstützte das kleine Prinzchen mich. „Du weißt schon, diese frittierte Kartoffelbeilage.“
Königin Geneva machte ein leicht abfälliges Gesicht. „Mir ist durchaus bewusst was Fritten sind, aber danke für deine Belehrung, mein Sohn.“ Dann sah sie zu mir. „Und um deine Ausdrucksweise aufzufassen, Fritten sind kein angemessenes Abendessen, also nein, es gibt keine Fritten.“
„Dann hab ich keinen Hunger.“ Extra bockig schob ich den Teller von mir und riss dabei fast noch eines meiner drei Kristallgläser um – ja, ich hatte drei Gläser, wozu auch immer. Schade, dass es nicht umfiel, das hätte eine richtig schöne Sauerei gegeben. Die missbilligenden Blicke meiner neuen Familie, prallten einfach an mir ab.
„Also“, sagte Prinz Kaidan, bevor jemand auf mein Verhalten eingehen konnte. „Erzähl doch mal, womit beschäftigst du dich in deiner Freizeit? Welche Hobbys hast du?“
Wahrscheinlich wollte er der ganzen Situation ein wenig die Spannung nehmen. Mal sehen was sich daraus machen ließe. Sie würden es sehr schnell bereuen, mich an diesen Ort gezwungen zu haben. „Meistens hänge ich mit meinen Freunden herum und mache das, was so anfällt. Tanzen, Kino, im Wald heiße Orgien feiern.“ Ich zuckte die Achseln. „So was eben.“
Prinzessin Alica verfiel mitten in der Bewegung in eine Starre. „Orgien feiern?“
„Sie hat nur einen Scherz gemacht, Mutter“, sprang das Prinzchen mir ein weiteres Mal hilfreich zur Seite und ignorierte den bösen Blick, den ich ihm zuwarf. Wie sollte ich diese Leute schockieren, wenn er alle meine Versuche vereitelte?
„Ja“, stimmte ich ihm zu, weil ich mir nicht die Blöße geben wollte. „Was ich sage, darf man nicht immer für wahre Münze nehmen.“
„Ein sehr eigenwilliger Sinn für Humor“, merkte Prinz Manuel an und ließ einen von diesen seltsamen Tintenfischdingern in seinem Mund verschwunden. Ich hoffte zumindest dass es Tintenfisch war, wenn wenn nicht … ich wollte gar nicht wissen, was es sonst noch sein könnte.
Wenn sie dieser blöde Spruch schon so aufbrachte, was nur würden sie dann zu einer handfesten Auseinandersetzung sagen? Ich würde es gleich herausfinden. „Vor ein paar Wochen“, erzählte ich weiter, „bin ich auf einer Party in einer Schlägerei gelandet. Zum Glück war mein blaues Auge, das Schlimmste, was ich davon getragen habe.“ Gut, Schlägerei stimmte nicht wirklich, aber das blaue Auge hatte ich.
„Du hast dich geschlagen?“ Sadrija kräuselte ihre Lippen auf eine sehr abfällig Art. Sie hatte sich für das Abendessen extra umgezogen. Jetzt trug sie ein graues Kleid, das ihr, wie ich zugeben musste, ausgesprochen gut stand – nicht dass ich das jemals laut gesagt hätte. „Wie gewöhnlich.“
Genau aus diesem Grund, würde sie wohl niemals ein nettes Wort von mir hören. „Das ging nicht von mir aus, aber ja. Ich bin zwischen einen Vampir und einen Werwolf geraten und …“ Ich zuckte wieder mit den Achseln. „Ist halt passiert.“
„ Für eine Prinzessin ziemt es sich nicht, sich zu raufen“, merkte Prinz Manuel an. „Das ist primitiv.“
Na da hatte er mir ja eine gute Vorlage gegeben. „Bis vor ein paar Tagen war ich noch keine Prinzessin“, sagte ich mit einem herausfordernden Unterton. „Zumindest wusste ich nichts davon, da ein gewisser Teil der Familie der Meinung war, es sei besser mich eine Lüge leben zu lassen.“ Ich fixierte unseren tollen König mit einem eiskalten Blick. „Oder, lieber Großvater?“
Was auch immer in Isaacs Kopf los war, er ließ sich von mir nicht provozieren. Ganz in Ruhe kaute er seinen Bissen zu Ende, legte dabei sein Besteck an den Teller und wischte sich dann den Mund mit der Serviette ab. Erst als das erledigt war, ging er auf mich ein. „Ich kann verstehen, dass du verstimmt bist, aber hier geht es nicht um den Einzelnen, sondern um das Rudel. Du bist eine Prinzessin vom Rudel der Könige, du lebst allein um den Betas und den Omegas zu dienen und für ihre Sicherheit zu sorgen. Alles andere ist nebensächlich.“
„Die Sicherheit der Wölfe also.“ Ich dachte einen Moment darüber nach und dann über das, was ich bei meinem unfreiwilligen Ausflug am Flughafen erfahren hatte. „Und was tut ihr für die, die dieser Sicherheit entrissen wurden?“
Ein leichter Anflug von Verwirrung legte sich wie ein Schatten über König Isaacs Gesicht. „Ich kann deinen Worten leider nicht folgen, meine Tochter.“
„Also, um das einmal ganz deutlich zu sagen, ich bin nicht Ihre Tochter. Ich kenne Sie seit etwa zwei Tagen und mochte Sie schon nicht, bevor ich Ihnen das erste Mal begegnet bin. Ich bin nur hier, weil ich dazu gezwungen wurde. Und wo wir das nun geklärt haben, ich spreche von den Skhän und ihren Opfern.“
Prinz Kaidan verschluckte sich und Prinz Manuel hatte genau wie seine Frau mit dem Essen aufgehört. Sogar die kleine Eisprinzessin schien neugierig, was als nächstes geschah. Nur Königin Geneva fuhr mit dem Abendessen unbeirrt fort.
„Wie ich erfahren musste“, führte ich weiter aus, „macht keiner der Anwesenden auch nur einen Finger für die Leute krumm, die aus der sogenannten Sicherheit gerissen wurden. Den Angehörigen wird nur Beileid zugesprochen und dann geht man wieder zur Tagesordnung über.“ Ich sah herausfordernd zwischen meinen Großeltern hin und her. „Oder hab ich da etwas falsch verstanden?“
König Isaac faltete die Hände unterm Kinn und taxierte mich auf eine schaurig stille Art, bei der mir ganz mulmig wurde. „Ich schätze, du hast mit einem dieser Angehörigen gesprochen“, erkannte er ganz richtig.
„Gewissermaßen“, räumte ich ein.
Er ließ sich nicht anmerken, was er dachte. „ Dein Interesse am Schutz des Rudels in allen Ehren, aber leider ist diese Angelegenheit doch weitaus komplizierter, als sie dir zugetragen wurde. Diese Sklavenhändler, von denen du hier sprichst, sind nicht nur ein paar kleine Taschendiebe. Es ist ein blühendes Imperium innerhalb des Rudels, das auf der ganzen Welt operiert. Es gibt einen riesigen Schwarzmarkt für diese Art von Ware und diese Leute sind gerissen. Es ist nicht einfach die Urheber auswendig zu machen und ihre Lager auszuräumen.“
„Nicht einfach bedeutet aber im Bereich des Möglichen“, hielt ich sofort dagegen.
Auch wenn ein Schatten der Verärgerung über sein Gesicht huschte, so blieb der König ruhig. „Wir haben schon so einiges geleistet, um den Skhän entgegenzuwirken und auch schon so manchen Zivilisten zurück nach Hause geschickt, aber es gibt dabei Gesetzte, die berücksichtigt werden müssen.“
„Das müssen ja tolle Gesetzte sein“, spottete ich. „Gehen Sie nicht ins Gefängnis. Gehen Sie über Los und ziehen Sie zweihundert Euro ein.“
Auch damit ließ sich dieser Mann nicht aus der Reserve locken. „Die Politik der Werwölfe ist nicht weniger kompliziert, als die der Menschen.“
Werwölfe hatten eine eigene Politik, in der es um mehr als ums Abschlecken und Rumschnüffen an unangebrachten Körperstellen ging?
„Darum sollte ein Mädchen, das von der ganzen Situation keine Ahnung hat, nicht über ein so ernsthaftes Thema spotten.“ Er nahm die Hände herunter und legte sie flach auf den Tisch.
„Ich hab vielleicht nicht so viel Ahnung, aber ich habe diese Menschen kennengelernt und miterlebt, was sie bereit sind …“
„Keine Menschen“, unterbrach er mich. „Lykaner.“
Wenn Blicke töten könnten, wäre mein Großvater in diesem Moment wohl eines grausigen Todes gestorben. „Natürlich“, sagte ich distanziert. „Lykaner. Weil ja jeder in meiner Umgebung bei seinem monatlichen Mondscheinspaziergang einen Pelz trägt.“ Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf. „Ich bin fertig.“ Damit drehte ich mich um.
„Du bist noch nicht vom Tisch entlassen“, hörte ich Königin Geneva sagen.
Verärgert fuhr ich zu ihr herum. „Ganz ehrlich? Das ist mir so was von scheiß egal! Ihre Regeln und Gesetzte sind scheiß egal und Sie sind mir auch scheiß egal. Vielleicht kriechen die anderen vor Ihnen im Staub, aber ich werde das nicht tun. Ich bin nicht wie ihr und werde auch niemals sein und ich gehöre auch nicht hier her und werde …“
„Da täuschst du dich, meine Tochter“, unterbrach sie mich ganz ruhig, griff nach ihrem Glas und nippte daran. „Du gehörst sehr wohl hier her, du bist ein Teil von uns und so hast du dich auch zu verhalten.“
Ach ja? Herausfordernd verschränkte ich die Arme und hob ich das Kinn. „Zwingen Sie mich doch.“ Ich war mir sicher, dass sie es nicht tun würde, keiner von ihnen und ich sollte Recht behalten. „Das hab ich mir gedacht.“ Ohne ein weiteres Wort kehrte ich ihnen erneut den Rücken und hielt mit langen Schritten auf den Ausgang zu.
Ich war plötzlich echt wütend und wusste nicht einmal genau warum. Weil sie mich wie ein dummes, kleines Kind behandelten? Weil sie mir vorschreiben wollten, was ich zu tun hatte? Ich hatte nicht darum gebeten, herzukommen, das war auf ihrem Mist gewachsen. Und von so einer überheblichen Königin würde ich mir sowieso nichts sagen lassen.
„Das hättest du nicht tun sollen“, erklang es plötzlich hinter mir.
Vor Schreck machte ich einen Satz zur Seite, doch es war nur Diego, der mir da gefolgt war. Verdammt, seit wann konnte der sich so leise bewegen? „Hältst du es etwa für richtig, dass sie mit mir umspringen, als sei ich eine naive Blondine, die nicht mal bis drei zählen kann?“
„Ob ich es für richtig halte, oder nicht, spielt keine Rolle. Sie hat einfach recht. Du bekleidest ab jetzt den Posten einer Prinzessin und wirst dich entsprechend verhalten müssen.“
Ich stürzte die Lippen. „Du bist also auf ihrer Seite.“
„Natürlich nicht“, widersprach er mir sofort. „Aber …“
„Dann nerv mich nicht!“ Auf die Stimme der Vernunft hatte ich jetzt überhaupt keinen Bock. Diesem blasierten Verein wollte ich nicht angehören und sie würden es sehr schwer mit mir haben, wenn sie mich dazu zwingen wollten.
Obwohl Diego eigentlich am aller wenigstens etwas für diese ganze Situation konnte, funkelte ich ihn warnend an, bevor ich den Gang weiter hinunter stürzte. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich ging und es war mir auch egal. Ich wollte allein sein, meine Ruhe haben, nachdenken, doch Diego blieb mir dicht auf den Fersen. Klar, das war schließlich sein Job. Er würde mich nie wieder irgendwohin alleine hingehen lassen, aber genau das brauchte ich jetzt. Natürlich konnte ich auf mein Zimmer gehen, aber dort wollte ich im Augenblick am allerwenigsten sein. Ich musste ihn irgendwie loswerden und wie immer tat ich das erste, was mir in den Sinn kam.
Ich lief noch ein paar Schritte, verlangsamte sie solange, bis ich stand und tat so, als würde mir einfach die Kraft ausgehen. „Ich kann das einfach nicht“, sagte ich leise. „Kleider und Diener und noble Suiten. Das bin nicht ich.“
Einen Moment blieb er still, dann hörte ich sein leises Seufzen. „Cayenne …“
„Bitte nicht“, unterbrach ich ihn melodramatisch und lehnte mich mit dem dem Rücken zur Wand. „Nicht jetzt“, murmelte ich und verfiel in Schweigen. Ja, es war schäbig, was ich hier trieb und ich fühlte mich dabei auch wie ein kleines Miststück, aber er würde nicht gehen und mich allein lassen – nicht freiwillig.
Lange Zeit gab ich keinen Ton von mir, versteckte mein Gesicht einfach nur hinter Haaren, als versuchte ich mich zu fangen und starrte ins Nichts. Dann fragte ich. „Wo ist Lucy?“
„Ich denke noch beim Essen.“
Das hatte ich mir bereits gedacht, doch damit mein Vorhaben funktionierte, musste ich ihn fragen. Ich seufzte, als läge die Last der Welt auf meinen Schultern und sah ihn dann mit dem kläglichsten Ausdruck an den ich zustande brachte. „Kannst du sie holen?“, fragte ich leise.
Er schaute mich an, tippte sich angespannt mit dem Finger gegen sein Bein und drückte die Lippen zusammen. „Cayenne, ich sollte dich nicht …“
„Bitte.“
Es war geradezu spürbar, wie unwohl er sich plötzlich fühlte. Es war praktisch zu hören, wie sich die kleinen Zahnräder in seinem Kopf drehten.
„Ich brauche sie jetzt“, fügte ich noch ein wenig weinerlich hinzu und im nächsten Moment hatte ich ihn.
Er seufzte gequält. „Okay, ich gehe sie schnell holen. Aber du bleibst genau hier und wartest auf uns.“
„Natürlich.“ Wie um meine Worte zu untermauern, ließ ich mich an der Wand hinunter rutschen und versteckte mein Gesicht hinter meinen Knien. Meine Show musste wohl sehr gut sein, denn nur wenige Sekunden später, wandte er sich eilig von mir ab und verschwand den Korridor hinunter.
Das schlechte Gewissen, dass mich überkam, versuchte ich zu ignorieren. Seit der Nach in der ich stundenlang auf der alten Bank am Spielplatz gesessen hatte, war ich nicht mehr wirklich allein gewesen. Aber das war genau das, was ich gerade brauchte – wenn auch nur für eine halbe Stunde.
Ungeduldig wartet ich darauf, dass seine Schritte auf dem Korridor verhallten. Erst als ich mir sicher war, dass er wirklich weg war, kam ich wieder auf die Beine und machte mich eilig davon. Ich würde mich später bei ihm entschuldigen.
Meine Beine trugen mich eine ganze Weile geradeaus. Dann ging es einmal nach links, dann nach recht, durch eine halb geöffnete Tür und dann stand ich auf einmal in einem imposanten Saal.
Das erste was mir auffiel, war das vorherrschende Thema. Da war nicht ein einziger Wolf. Stattdessen zierte das riesige Mosaik einer roten Rose den Boden, deren Dornenranken sich nach den Säulen ausstreckten und sich darum wanden. Der zweite Hingucker war die Fensterfront, die eine komplette Seite des Saals einnahm und einen atemberaubenden Blick in einen wunderschönen Garten gewährte.
Beinahe ehrfürchtig nährte ich mich der Glasfront und schaute hinaus. Direkt hinter dem Glas lag eine Terrasse, von der drei mit Rosenbüschen verzierte Wege abgingen.
Ohne lange darüber nachzudenken, öffnete ich die Schiebetüren und trat nach draußen. Sofort wehte ein mir ein herrlich warmes Lüftchen um die Nase. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und färbte den Horizont in leuchtende Rot- und Goldtöne. Hier draußen war es wirklich wunderschön. Nicht mal die wenigen Besucher des Gartens störten den Anblick.
Zuerst wusste ich nicht wohin ich mich wenden sollte. Der Garten schien wie ein kunstvoller Park aufgebaut worden zu sein. Links von mir konnte ich hohe Hecken ausmachen War das ein Labyrinth? Das sollte ich lieber meiden. Nachher verirrte ich mich noch darin und dann hatte ich den Salat. Da war es auf jeden Fall besser den Weg nach rechts einzuschlagen. Doch leider bemerkte ich bereits nach kurzer Zeit, dass um diese Zeit hier draußen mehr los war, als ich geglaubt hatte.
Ich bekam mehr als einen neugierigen Blick, als ich versuchte unbemerkt durch den Garten zu kommen. Immer wieder zeigte jemand auf mich, oder tuschelte hinter vorgehaltener Hand mit seinem Begleiter, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.
Ich fand es ansengend. Hatten die denn alle kein eigenes Leben? Ich war nicht unbedingt versessen darauf im Mittelpunkt zu stehen – besonders nicht hier.
Als ein besonders neugieriges Exemplar dieser Gattung den Hals nach mir reckte, bog ich eilig um die nächste Ecke ab. Und da roch ich es: Pferde.
Erinnerungen an den einzigen Sommerurlaub mit meiner Mutter stiegen in mir auf. Damals war ich gerade mal sieben oder acht gewesen und wir hatten zwei ganze Wochen auf einem Bauernhof verbracht – nur sie und ich. Es war wundervoll gewesen.
Der Geruch der mir nun in die Nase stieg, erinnerte mich an all die schönen Momente, die wir dort gemeinsam erlebt hatten. Mein erster Ritt auf einem Pferd. Frische Kuhmilch, die ich selber bei der Kuh abgezapft hatte. Putzige Kaninchen in ihren Ställen und die Hühner, die immer angerannt kamen, wenn ich einen ganz bestimmten Eimer zur Hand nahm. Dort hatte es auch ein paar Katzen gegeben, die aber immer abgehauen waren, wenn meine Mutter in die Nähe kam. Jetzt war mir auch klar warum.
Ein Hauch von Wehmut überkam mich. Diese Zeit war eine meiner schönsten Erinnerungen und das war wohl auch der Grund, warum ich mich wieder in Bewegung setzte und dem Geruch folgte.
Um allerdings an mein Ziel zu gelangen, musste ich ein paar strategisch angepflanzte Baumreihen passieren und fand mich auf einmal in einem ganz anderen Teil des Anwesens wieder. Hier war es bei weitem nicht so … künstlich, hier durfte die Natur sich halbwegs frei entfalten – naja, solange sie nicht auf die Wege wuchs.
Baumgruppen und Büsche wechselten sich ab. Nach ein paar Minuten konnte ich durch die Blätter und Äste eine Pferdekoppel ausmachen, auf der ein paar wunderschöne Haflinger im Licht der abendlichen Sonne entspannt ein wenig Gras rupften.
Ein Weilchen blieb ich stehen und beobachtete die Tiere. Leider vernahm ich nach ein paar Minuten Stimmen, die in meine Richtung kamen. Da ich noch immer nicht besonders scharf auf Gesellschaft war, sah ich zu, dass ich hier wegkam.
Ungefähr hundert Meter folgte ich dem Zaun der Koppel, dann entdeckte ich die Stallanlage. Ein paar Leute liefen weiter vorne herum, aber niemand von ihnen schenkte mir beachten – was auch daran liegen könnte, dass ich hier halb hinter ein paar Heuballen stand.
Sollte ich wirklich hineingehen? Wenn mich jemand bemerkte, würde sie mich sicher wieder verscheuchen. Andererseits war ich eine Prinzessin, und als solche sollte ich doch das Recht haben, mich hier aufzuhalten, oder?
Ich probierte diese Theorie nicht aus. Stattdessen schlich ich unbemerkt um die Ställe herum, bis ich einen unbeobachteten Zugang entdeckte und schlüpfte dann einfach eilig hinein.
Sobald ich das Gebäude betreten hatte, schlug mir dieser vertraute Geruch entgegen und für einen Moment konnte ich mir vorstellen wieder acht Jahre zu sein und das erste Mal einem echten Pferd gegenüber zu stehen. Plötzlich überkam mich ein Gefühl der Geborgenheit, etwas das mir abhandengekommen war, seit ich in der Uni auf dem Frauenklo gestanden hatte und … ihn küsste.
Ich wollte nicht daran denken, aber jetzt war er wieder in meinem Kopf und schien sich nicht so einfach verscheuchen lassen zu wollen. Verdammt.
Langsam ging ich die Stallgasse entlang und überlegte, ob ich mich in einem der Leeren Pferdeboxen niederlassen sollte. Aber dann entdeckte ich die Leiter, die hinauf zum Heuboden führte. Ohne groß darüber nachzudenken, packte ich die Sprossen und kletterte hinauf. Oben schaute ich mich einen Moment um und setzte mich dann in einen halb auseinandergefallenen Heuballen und genoss den Moment der Ruhe, der nur von dem Schnauben und Scharren der Pferde in den Boxen unterbrochen wurde.
Ich streckte mich auf dem Rücken aus, beobachtete eine kleine Spinne, die in den Dachbalken fleißig ein Netz spinnte und begann darüber nachzusinnen, wie ich den Klauen meiner Familie entrinnen konnte. Leider drifteten meine Gedanken sehr schnell zu der einzigen Person ab, die ich einfach nur vergessen wollte: Ryder. Wobei das ja eigentlich gar nicht sein Name war.
„Raphael“, sagte ich leise und kostete den Klang dieses Wortes auf meiner Zunge. Es klang ungewohnt und irgendwie seltsam. Der Name selber war dabei gar nicht das Problem, sondern der Typ, dem er gehörte. Wie sollte ich nur das eine mit dem anderen in Einklang bringen?
Die Frage war müßig, da er für immer aus meinem Leben verschwunden war. Ich selber hatte ihn weggeschickt und ihm gesagt, er solle mir nie wieder unter die Augen treten. Doch wenn ich ehrlich mit mir selber war, dann musste ich zugeben, dass ich ihn vermisste. Sein Lächeln, diese faszinierenden Augen, die immer so vergnügt gefunkelt hatten. Die Art und Weise wie er immer mit mir gesprochen hatte.
Prinzessin …
Mit einem Mal merkte ich, wie schmerzlich ich ihn doch vermisste. Wie ein Tornado war er zusammen mit seinem Bruder in mein Leben gerauscht, hatte es komplett auf den Kopf gestellt und war dann genauso schnell wieder verschwunden. Und doch wünschte ich mir einen kurzen Augenblick, er würde jetzt hier bei mir sein.
Eine einsame Träne rann mir aus dem Augenwinkel. Ich wischte sie sofort weg und tadelte mich selber dafür. Er war doch schließlich der Grund, warum das Geheimnis meiner Familie keines mehr war – naja, für mich nicht. Er war der Grund, warum der Wolf in mir erwacht war. Er war der Grund, warum ich nun hier war und nicht Zuhause, wo ich mit Diego und Lucy meinen Sommertrip durch das Land plante. Nur wegen ihm wusste ich nun, dass es auf diesem Planeten mehr als nur Menschen gab. Lykaner, Ailuranthropen und ja, auch Vampire. Raphael war ein Vampir.
Bei unserem letzten Aufeinandertreffen hatte er so verzweifelt gewirkt, aber nach all den Lügen die er mir aufgetischt hatte, wie sollte ich ihm da noch vertrauen? Ich wusste nicht einmal, ob ich in der Lage war ihm zu vergeben. Besonders nicht nach diesen drei kleinen Worten.
Es war die Ausweglosigkeit der Situation gewesen, die ihn zu dieser letzten Lüge getrieben hatte, da war ich mir sicher.
Ich liebe dich.
Noch immer konnte ich hören, wie er mir diese Worte ins Ohr flüsterte. Und jedes mal wenn ich daran dachte, schmerze es genauso wie in dem Moment, als ich sie gehört hatte. Dieser Schmerz ging so viel Tiefer, als alles was ich bisher erfahren hatte.
Gott, wie hatte ich nur so dumm sein können, mich in ihn zu verlieben? Hätte ich nur auf Diego und Lucy gehört, dann wäre mir so viel erspart geblieben. Leider erkannte man sowas immer erst dann, wenn es bereits zu spät war.
Jetzt konnte ich ihn mir nur noch aus dem Kopf schlagen und hoffen, dass ich mit einem blauen Auge aus dieser Sache herauskam. Fragte sich nur wie. Und damit war ich wieder an dem Punkt angekommen, mit dem ich begonnen hatte. Das Wort Gedankenkarussell schien mit einem Mal wirklich Sinn zu machen.
Ich grübelte noch immer, als ich plötzlich andere Geräusche an meine Ohren drang. Pferdehufe, begleitet von einem Summen.
Leise, um nicht die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, kroch ich an den Rand des Heubodens und sah hinunter in die Stallgasse.
Ein junger Mann mit blondem Haar, führte zwei Pferde in ihre Boxen und summte dabei leise ein Liedchen vor sich hin. Es waren zwei große, schwarze Tiere. Wenn ich nicht ganz falsch lag, dann müssten das zwei Friesen sein. Leider hatte ich von Pferden nicht viel Ahnung. Ich war schon froh, dass ich einen Pony von einem Esel unterscheiden konnte.
Das eine Pferd steckte er in eine Box auf Höhe der Mitte und stieß das Boxentor mit der Hüfte zu. Dabei bemerkte er nicht, dass es sich nicht verriegelte, sondern kurz andockte und dann langsam wieder aufschwang. Dann brachte er das zweite Tier direkt unter mir in die Box und machte sich daran, das Pferd zu versorgen. Erst den Sattel, dann das Zaumzeug. Dabei begann er leise zu singen und wippte immer wieder mit dem Fuß im Takt.
Ich musste mich echt zusammenreißen, um nicht zu kichern. Das war einfach nur niedlich. Ich beobachte ihn dabei, wie er begann das Pferd abzureiben und bemerkte nur aus dem Augenwinkel diese verdächtige Bewegung.
Das andere Pferd hatte wohl keine Lust in seiner Box zu warten. Es stieß einfach das Gatter auf, spazierte nach einem kurzen Blick von links nach rechts hinaus auf die Gasse und machte sich daran den Stall zu verlassen.
Ich wartete darauf, dass der Typ das Hufgeräusch vernehmen würde und aus der Box eilte, um das Pferd wieder einzufangen, doch er sang einfach munter weiter.
Verwundert runzelte ich die Stirn. Warum hörte er das nicht? Doch dann sah ich es. Als der Kerl sich leicht zur Seite lehnte, um ein Stück Stroh aus dem Schweif zu ziehen, stellte ich fest, dass er Ohrstecker trug. Mist. Jetzt hatte ich die Qual der Wahl. Entweder ich machte ihn auf das Pferd aufmerksam und gab damit meine Deckung auf, oder ich zog mich zurück und ließ dem Schicksal seinen Lauf. Wobei ich wetten würde, dass es mordsmäßigen Ärger für ihn bedeutete. Okay, mir blieb offensichtlich keine Wahl. „Hey du“, rief ich.
Der Junge reagierte nicht.
„Hallo.“ Nun schon lauter.
Nach wie vor sang er munter weiter.
War der taub oder was? Ich griff ein Klumpen Heu, warf es nach ihm und traf ihn damit am Kopf.
Verwundert fasste er in sein Haar, zog das Heu heraus und betrachtete es einen Moment. Dann legte er den Kopf in den Nacken und sah zu mir nach oben. Damit hatte er mich endlich bemerkt.
Er zog sich die Musikstöpsel aus den Ohren und starrte irritiert zu mir nach oben. Und dann begriff ich, was ich da vor mir hatte, der junge Mann war ein Vampir.
„Was macht Ihr dort oben?“
„Die bessere Frage lautet wohl, was macht dein Pferd da?“ Ich deutete die Stallgasse entlang. „Es macht sich nämlich gerade aus dem Staub.“
Der Blondschopf lehnte sich aus der Box, fluchte zweimal sehr ausgefallen und eilte dem Tier hinterher. Beide verschwanden kurz nacheinander hinaus ins Freie.
Wartend drehte ich einen Halm zwischen meinen Fingern hin und her, bis er wieder auftauchte und das Pferd zurück in seine Box sperrte. Dieses Mal achtete er sehr genau darauf, dass das Tor auch richtig zu verschließen. Dann sah er wieder zu mir nach oben zu mir.
Er klappte den Mund auf, klappte ihn wieder zu, klappte ihn noch mal auf, nur um ihn erneut zu schließen. Dann schien seine Stimme auf wundersame Weise zu ihm zurückgekehrt zu sein. „Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich Euch bitten dort herunter zu kommen. Der Heuboden kann gefährlich sein.“
„Gefährlich?“ Ich schmunzelte. „Was soll hier denn gefährlich sein? Hast du Angst, dass ich mir einen Splitter einfange? Vielleicht kommt ja auch eine kleine Spinne und krabbelt mir ganz frech übers Bein.“
Irgendwie schien er das nicht besonders lustig zu finden. Unruhig schaute er von mir zum Stalltor und wieder zurück, als überlegte er, irgendjemand Bescheid zu sagen, dass ich auf dem Heuboden herumlungerte. „Bitte Prinzessin.“
Woher zum Teufel wusste er dass ich eine Prinzessin war? Ich war schließlich erst seit dem Mittag hier und so weit ich wusste, hatten sie keinen Flyer mit meinem Bild rumgehen lassen. Und nur weil ich eine Fremde war, hieß das ja noch lange nicht, dass ich zum hohen Adel gehörte. „Ich bin keine Prinzessin“, behauptete ich daher ganz dreist.
Er starrte mich an. Mehrere Sekunden tat er nichts anderes. Dann verlagerte er sein Gewicht und schnaubte belustigt. „In Ordnung, dann seid Ihr keine Prinzessin. Bitte kommt trotzdem herunter.“
Ich hegte den starken verdacht, dass er mich nicht glaubte. „Kannst du nicht einfach vergessen, dass du mich hier oben gesehen hast?“
„Nein, tut mir leid.“
Das kaufte ich ihm nicht ab. Aber ich wusste wann ich verloren hatte. Natürlich konnte ich mich weiter sträuben, doch dann bestand die Gefahr, dass er jemanden holen würde und dann wüsten noch mehr Leute, wo ich mich verkrochen hatte. Da war es intelligenter jetzt herunter zu kommen und nur ihn an der Backe zu haben.
Also rollte ich herum und begann mit dem Abstieg.
Unten erwartete mich bereits seine helfende Hand. Einen Moment war ich versucht sie zu ignorieren. Nicht nur weil er mich genötigt hatte mein Versteck aufzugeben. Meine letzte Begegnung mit Vampiren hatte mit der Entführung meiner Person geendet. Aber der Typ hier war nicht Ryder.
…
Verdammt, Raphael. Ich würde es wohl nie lernen.
Seufzend nahm ich die dargebotene Hand und ließ mir von der Leiter herunterhelfen. Dann musterte ich ihn erstmal. Mitte zwanzig, in etwa so groß wie ich, schlaksig, blond, nettes Lächeln. Aber das wohl auffälligste an ihm waren seine Augen. Ein blasses Gelb, das mit dem weiß in seinen Augen zu verschmelzen schien. Hätte ich nicht gewusst, dass diese blasse Farbe das Markenzeichen der Vampire war – von ihren langen Reißzähnen einmal abgesehen – ich hätte wohl geglaubt, dass es sich um Kontaktlinsen handelte.
Ich streckte ihm die Hand entgegen. „Cayenne.“
Erst warf er ein Blick auf meine sauberen Hände, dann auf seine dreckigen und grinste dann ein wenig verlegen, ohne nach meiner Hand zu greifen.
Oh je. Kurzerhand bückte ich mich nach etwas dreckigem Stroh auf den Boden und rieb meine Hände damit ein. Dann streckte ich sie ihm erneut entgegen. „Besser so?“
So wie der Junge mich ansah, hätte man annehmen können, ich sei geisteskrank. Doch dann griff er endlich zu und lächelte dabei sogar. Dabei wurden die spitzen seiner Reißzähne sichtbar. Bei dem Anblick spannte ich mich ein wenig an. Es war noch immer ungewohnt und ja, irgendwo auch beängstigend. Ryder hatte seine immer versteckt gehalten. Ja ja, schon klar, Raphael, nicht Ryder.
„Und du bist?“, fragte ich, als er meine Hand wieder freigab.
„Der Stallbursche.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Eigentlich habe ich ja deinen Namen gemeint, aber schön zu wissen, wie deine Stellenbezeichnung lautet.“
Seine Augen funkelten vergnügt. „Alexander Cheval, aber alle nennen mich nur Alex, Euer Majestät.“
Oh nein. Ich verzog das Gesicht. „Bitte nenn mich nicht so. Sag einfach nur Cayenne, okay?“
Diese Bitte schien ihn zu überraschen. „Ich soll Euch … ich soll Euch mit Eurem Vornamen anreden?“
„Klar, ich nenn dich ja auch Alex und nicht Stallbursche Alexander Cheval, also kannst du das auch.“
Er blinzelte. Einmal, zweimal, dreimal. Es machte den Anschein, als wüsste er nicht recht, was er denken sollte. „Tut mir leid, aber die Regeln des Hofes verlangen …“
„Ist mir egal.“ Ich drehte mich zu dem großen, schwarzen Pferd herum, das neugierig seinen Kopf in den aus der Box streckte und begann damit es zu streicheln. „Ich bin kein Gott und ich finde es ehrlich gesagt ein wenig schräg, dass man versucht mich auf ein Podest zu heben, nur weil ich zufällig mit dem Idioten auf dem Thron verwandt bin. Was ist so verkehrt daran, ganz normal mit mir zu sprechen?“
Darauf folgte wieder ein Moment des Schweigens, in dem das Pferd meine Haare untersuchte, als hoffte es darin ein Leckerli zu finden. „Naja, Ihr seid von Adel und dazu noch eine Prinzessin.“
Ja, das behaupteten zumindest alle. „In erster Linie bin ich Cayenne, darum, bitte, hör auf mit diesem Ihr und Euch und dem ganzen Kram. Es ist einfach seltsam, wenn jemand so mit mir spricht.“
„Weil Ihr nicht … ich meine, weil du nicht wie die andern Majestäten aufgewachsen bist.“ Seine Hand erschien vor meinem Gesicht. Darin lagen ein paar Pferdekekse.
Ich nahm sie lächelnd entgegen und begann damit sie an den schwarzen Riesen zu verfüttern.
„Du bist das Baby, das damals entführt wurde.“
Es war keine Frage und trotzdem wurde ich wachsam. „Also gab es hier wohl doch ein Rundschreiben“, sagte ich leise und gab dem Tier den Keks.
Alex lehnte sich mit der Schulter an die Stallbox. „Kein Rundschreiben, Werwölfe sind einfach Klatschmäuler. Schon kurz nach deiner Ankunft wusste der ganze Hof beschied, dass man dich gefunden hat.“ Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Ich finde das immer noch erstaunlich.“
Nicht wirklich, wenn man bedachte, dass ein Teil der Familie immer gewusst hatte, wo genau ich mich befand. „Darüber möchte ich nicht sprechen.“ Nachher verhaspelte ich mich noch.
„Kann ich verstehen. Es muss schon ziemlich seltsam sein, herauszufinden, dass die Eltern Entführer sind und man selber eigentlich eine Prinzessin.“
Da ich ihm eben bereits gesagt hatte, dass dies ein Thema war, dass wir lieber ruhen lassen sollten, ging ich gar nicht weiter darauf ein. Außerdem war ich viel zu sehr damit beschäftigt dem Pferd zu erklären, dass ich keine Kekse mehr hatte. „Er ist ein Friese, oder?“ Ich wandte mich ihm zu und sah gerade noch, wie er hastig den Kopf hochriss.
Meine Augen wurden ein kleinen wenig schmaler. „Hast du wirklich gerade meinen Hintern abgecheckt?“
Er war wenigstens so anständig mir ein reumütiges Lächeln zu schenken. „Er ist eine sie und ja, sie ist ein Friese.“
Oh, okay. „Und wie heißt sie?“
„Mystery. Sie ist das Lieblingspferd von Prinzessin Sadrija.“
Ohje, das arme Tier. „Wie lange arbeitest du schon hier?“
Als Mystery bemerkte, dass mir die Vorräte ausgegangen waren, begann sie damit Alex abzusuchen.
„Eigentlich so lange ich mich zurückerinnern kann. Ich bin hier aufgewachsen. Mein Vater ist der Stallmeister und meine Mutter Hufschmiedin, darum habe ich mich schon als Kind hier herumgetrieben. Und mit der Zeit … naja, es hat sich einfach angeboten hier zu arbeiten.“
„Deine Mutter ist Hufschmied?“ Wow, kein Job den ich bei einer Frau erwartet hätte. „Ich bin ehrlich beeindruckt.“
Er schnaubte, als würde er mir kein Wort glauben.
Mystery hatte die Hosentasche mit den Keksen auswendig gemacht, doch als sie begann daran zu zupfen, schob er ihren Kopf zur Seite. Das hatte zur Folge, dass sie ihn empört anwieherte, ihm einen Stups gegen die Brust versetzte und sich dann beleidigt in ihrer Box herumdrehte.
Ich kicherte. „Jetzt ist sie eingeschnappt.“
Alex zuckte nur mit den Schultern.
„Und?“, fragte ich dann. „Was machst du, wenn du dich nicht gerade von einem Pferd ärgern lässt?“
„Ausgehen, zocken.“ Der Farbton seiner Augen verdunkelte sich ein wenig. „Manchmal verschwinde ich mit ein paar Leuten tief in den Wälder, wo wir …“
Als seine Kunstpause zu lange wurde, fragte ich: „Wo ihr was?“
Er zögerte, als sei er sich auf einmal nicht mehr ganz sicher, ob er mir das wirklich sagen sollte. Wahrscheinlich weil ich trotz allem immer noch eine Prinzessin war.
„Komm schon“, bettelte ich und versuchte es mit dem Hundeblick, dem eigentlich niemand widerstehen konnte. „Mir kannst du es doch sagen. Ich werde schweigen wie ein Grab, versprochen.“
„Wo sie wilde Partys feiern und sich solange betrinken, bis sie einfach umfallen“, hörte ich Lucy am Zugang zur Stallgasse sagen. „Natürlich ohne das Wissen der Blaublüter.“
Erschrocken fuhr ich herum. Mist. Da war nicht nur Lucy, sondern auch Diego. Und sie schienen beide leicht angefressen zu sein. „Hey“, sagte ich etwas überschwänglich und hob zur Begrüßung die Hand. So wie sie mich anschauten, brachte das rein gar nichts.
Lucy schritt auf mich zu und knuffte mich dann sehr nachdrücklich gegen die Schulter.
„Au-a!“, beschwerte ich mich und rieb mir über die Stelle. Das hatte wehgetan.
„Bist du eigentlich noch zu retten?“, fuhr sie mich an. Dabei schien es ihr egal zu sein, dass wir einen neugierigen Zuschauer hatten. „Du kannst dich doch nicht so einfach aus dem Staub machen, ohne uns zu sagen wohin du willst!“
Wow, warum regte sie sich denn gleich so übertrieben auf? „Ich wollte ein bisschen alleine sein.“
Lucy warf dem plötzlich wachsamen Alex einen abwertenden Blick zu. „Alleine also?“
Na toll. „Anfangs war ich alleine“, rechtfertigte ich mich.
„Wenn du schon mit jemanden alleine sein willst, dann nicht ausgerechnet mit so einem.“
Ich funkelte sie an. Auf eine Standpauke hatte ich jetzt echt keine Lust. „Mit euch bin ich auch ständig alleine, das hat dich noch nie gestört.“
„Es würde mich auch nicht stören, wenn du mit dem Küchenpersonal alleine wärst.“
Verwirrt runzelte ich die Stirn. Was sollte das jetzt wieder heißen?
„Was Lucy damit sagen will“, sprang Diego hilfreich ein, „er ist ein Vampir. Eine Prinzessin der Lykaner sollte sich nicht mit einem von ihnen treffen. Schon gar nicht heimlich.“
Heimlich, als wenn ich es darauf angelegt hätte. Bis er mit den Pferden hier aufgetaucht war, hatte ich nicht mal gewusst, dass er existierte. Aber mir dämmerte langsam, worauf Diego hinaus wollte. „Ihr habt hier Rassentrennung?“
Diego zögerte. Dann sagte er schlicht: „Es wird einfach nicht gerne gesehen.“
„Was heißt hier nicht gerne gesehen?“, fuhr Lucy direkt dazwischen. „Lykaner und Vampire, so etwas gibt es einfach nicht, also halt dich von ihm und seinesgleichen fern.“
Etwas ähnliches hatte Ry… ich meine natürlich Raphael, auch einmal gesagt. Direkt bevor ich ihn geküsst hatte. Wenn ich jetzt so darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich den beiden nie erzählt hatte, was genau zwischen ihm und mir geschehen war. Und so wie sie sich gerade aufführten, war das wahrscheinlich auch besser. „Okay, ich hab es kapiert, jetzt fahr deine Zickentour wieder runter.“
Das veranlasste Lucy dazu sich ein wenig aufzupumpen, doch Diego legte ihr die Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf.
Seufzend wandte ich mich wieder Alex zu. „Also du finsterer Fürst der Finsternis. Bevor sie noch ein Aneurysma bekommt, werde ich werde jetzt meine unschuldige Seele vor dir in Sicherheit bringen.“ Mit dem Daumen deutete ich über meine Schulter. „War nett dich kennengelernt zu haben.“
Dafür bekam ich wieder eines von diesen netten Lächeln. „Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite.“
°°°
Nachdem sich Lucy noch mit einer bösartigen Drohung, die den Fortbestand seiner Existenz betrafen, von Alex verabschiedet hatte und ich ihm sagte, er solle sie einfach ignorieren und dass ich sicher mal wieder auftauchen würde, machten wir uns wieder auf den Weg zurück ins Schloss. Nicht das ich wollte, aber mit den beiden Miesmachern im Nacken, blieb mir im Augenblick keine Wahl.
Den ganzen Weg über durfte ich mir anhören, wie unreif mein Verhalten selbst für meine Verhältnisse war. Einfach so zu verschwinden, damit brachte ich nicht mich selber, sondern die beiden gleich noch dazu, in Schwierigkeiten.
„Denk in Zukunft mal nach, bevor du mal wieder mit dem Kopf durch die Wand willst, das ist nämlich kein Rammbock“, brummte Lucy hinter mir, als wir gerade in dem Korridor zum Westflügel einbogen und auf mein Zimmer zuhielten. „Ich habe keine Lust wegen deinem Fehlverhalten eins auf den Deckel zu …“
„Okay, ich hab es verstanden“, unterbrach ich sie ungeduldig. „Und zwar jedes Wort in den letzten zehn Minuten. Ich dumm, ihr gut.“
„Ja“, ritt sie weiter darauf herum. „Du hast dich heute wirklich dumm verhalten. Diego hat mir erzählt, was du im Speisesaal für eine Nummer abgezogen hast.“
War ja irgendwie klar gewesen. „Danke, Mami Diego.“
„Das ist nicht witzig!“, fuhr sie mich an, umrundete mich und baute sich vor mir auf. Damit zwang sie mich stehen zu bleiben. „Du hältst das alles vielleicht für ein blödes Spiel, aber das ist es nicht. Du hast keine Ahnung, welche Macht die Alphas besitzen und du solltest dich besser mal zusammenreißen, sie können dir dein Leben nämlich zur Hölle machen!“
„Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, mein Leben ist bereits die Hölle“, hielt ich sofort dagegen. Ich hatte langsam echt genug von ihrem Rumgemecker. Heute übertrieb sie wirklich. „Seit fünf Tagen lebe ich nicht nur unter Monstern, wie sich herausgestellt hat, bin ich selber eines. Heute musste ich sogar meine Mutter verlassen, nur um bei dieser hirnrissigen Scharade mitzuspielen und das in einer Familie, die mich nicht mal hier haben möchte.“
„Du findest das schon schlimm?“, fragte sie. „Dann mach nur so weiter, dann wirst du erfahren, was wirklich schlimm ist!“
Wir funkelten einander böse an. Das war eine Disziplin, in der wir beide äußerst begabt waren und wenn keiner nachgab, könnten wir noch morgen hier stehen.
Aber wie es schien, hatte Lucy keine Lust, hier auf dem Korridor zu vergammeln. Nach einem kurzen Moment seufzte sie einfach resigniert, strich sich eine rote Strähne hinters Ohr und musterte mich dann sehr eindringlich. „Du musst dir über eines sehr schnell klar werden, Cayenne, wir sind hier nicht mehr unter den Menschen. Wenn wir auf zwei Beinen laufen, mögen wir ihnen ähneln, aber das sind nur Äußerlichkeiten. Innen drin bleiben wir Tiere. Immer. Das bedeutet nicht nur, dass wir uns hin und wieder ein Fell wachsen lassen, wenn unsere Instinkte überhand nehmen, verhalten wir uns auch so.“
Ich blieb stumm.
„Bitte Cayenne, egal was du tust, du musst das immer im Hinterkopf behalten. Die Sitten der Lykaner sind rau, also bitte – ich flehe dich an – reiß dich ein wenig zusammen. Wenn schon nicht für dich, dann wenigstens für uns und für deine Mutter.“
Das sie jetzt meine Mutter mit ins Spiel brachte, war echt unfair. Nur wegen ihr war ich schließlich hier. Nicht nur weil ich durch sie eine Tochter des Königshauses war, sondern auch, damit Isaac sie mir nicht wegnahm. Natürlich meine Lucy es nur gut, aber … „Ich will das Ganze nicht. Ich bin keine Prinzessin, ich gehöre nicht in dieses Schloss. Ich will nur wieder nach Hause.“ Tief ausatmend strich ich mir das Haar aus dem Gesicht. „Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte, wenn ich nur auf euch gehört hätte.“
Ohne auch nur einen Moment zu zögern, trat Lucy vor und nahm mich in ihre Arme. „Vielleicht hörst du ja ab jetzt auf uns“, grummelte sie in mein Ohr und drückte mich ein wenig an sich.
Ich lachte auf. Es klang nicht sehr fröhlich. „Ich kann es versuchen, aber du weißt doch wie ich bin. Manchmal … ich denke einfach nicht an die Konsequenzen. Und ich habe keine Ahnung wie ich das ändern kann.“
„Für den Anfang könntest du einfach mal zuhören, wenn wir etwas sagen.“ Sie ließ mich wieder los und trat einen Schritt zurück. „Und darauf vertrauen, dass wir wissen was richtig und was falsch ist.“
„Na ob ich das hinbekomme?“ Ich zweifelte daran.
„Wenn du nur …“ Als mein Magen plötzlich ein sehr forderndes und ausdrucksstarkes Knurren hören ließ, verstummte Lucy wieder und starrte auf meinen Bauch.
„Das war dann wohl mein Wolf“, scherzte ich.
Diego schüttelte nur den Kopf. „Du hast seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.“
„Das Zeug das sie serviert haben, war ja auch-“ Ich hielt mir den Finger in den Rachen und machte das passende Geräusch dazu.
„Du weißt was das heißt?“, fragte Lucy.
„Ähm … nein?“
„Zimmerservice!“ Sie drehte sich herum und hielt direkt auf meine Suite zu. „Wir rufen Collette an und lassen dir was Essbares auf dein Zimmer bringen.“
Mein Magen knurrte zustimmend. Ich jedoch war da ein wenig zurückhaltender. „Ich ruf sie doch nicht extra her, nur weil hunger habe. Ich kann doch selber in die Küche gehen.“
Lucy blieb nicht stehen. „Ersten, du bist eine Prinzessin und für irgendwas muss das ja gut sein. Zweitens, Collette freut sich einen Kullerkeks, wenn sie etwas für dich tun kann. Und drittens, wirst du von allen Seiten nur wieder dumm angeglotzt, wenn du selber in die Küche gehst – auf dem Weg dorthin, in der Küche und auch wieder auf dem langen Rückweg.“
Hm, da war schon etwas dran. Trotzdem fand ich es irgendwie komisch. Andererseits war das ja auch Collettes Job und man bezahlte sie dafür. Und da Diego ein kein Einspruch erhob, verschanzten wir drei uns kurz darauf in meinem Zimmer, wo ich das Telefon vom Beistelltisch nahm und eine Bestellung aufgab, mir der wir wohl eine halbe Fußballmaischaft sattbekommen hätten. Natürlich bat ich auch im meine geliebten sauren Gurken.
Collette versprach zu schauen, was sich da machen ließ.
Nachdem ich aufgelegt hatte und das Telefon wieder an seinem Platz stand, verschwand Lucy für einen kurzen Besuch in meinem tropischen Badezimmer.
Ich überlegte gerade ob ich mir eine Decke vom Bett holen sollte, um mich darin einzukuscheln, als ich bemerkte, wie Diego ihr nachdenklich hinter schaute.
„Du glaubst immer noch, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist“, erkannte ich ganz richtig, stellte mich ans Bett und grapschte nach der gelben Tagesdecke, die dort lag. Uh, weich. Ich nahm sie mit zum Sofa.
„Sie ist reizbarer als sonst.“ Er ließ sich in der Ecke der Couch nieder, trat sich die Schuhe von den Füßen und legte die Beine hoch. „Schon seit ein paar Tagen.“
Dem konnte ich nicht widersprechen. Wenn ich nur daran dachte, wie sie mich eben auf dem Korridor angegangen hatte. Das war selbst für ihre Verhältnisse ein wenig übertrieben gewesen.
Ich setzte mich neben ihn, warf die Decke über uns beide rüber und griff nach der Fernbedienung auf dem Tisch. „Dann ist es wohl an der Zeit ihr ein wenig auf den Zahn zu fühlen.“
Eine mündliche Zustimmung brauchte ich nicht, ich wusste auch so, dass wir uns einig waren. Wir würden Lucy gleich ein wenig ausquetschen und wenn sie den Mund nicht freiwillig aufmachen würde, dann würden wir sie solange in die Mangel nehmen, bis sie auch ihre dunkelsten Geheimnisse ausspuckte.
Okay, ganz so rabiat würden wir nicht sein, aber Lucy würde mit uns reden – ob sie nun wollte oder nicht.
Da ich nichts Gescheites im Fernseher fand, drückte ich Diego die Fernbedienung in die Hand, kuschelte mich an seine Schulter und überließ ihm die Wahl des Programms. Ich war noch dabei mich wieder unter der Decke zu vergraben, als Lucy auch schon aus dem Bad kam, sich neben mich fallen ließ und die Füße an den Tisch stelle.
„Was schauen wir uns an?“
„Vorläufig? Gar nichts.“ Ich drehte mich ein wenig, damit ich sie besser sehen konnte. „Wir wollen mit dir reden.“
Ihre Mimik verriet nicht was in ihrem Kopf vor sich ging. „Aha.“
„Obwohl ich vielleicht besser sagen sollte, du solltest mit uns reden.“
Da sie daraufhin nur einmal blinzelte und dann den Kopf gegen die Lehne fallen ließ, war ihr wohl klar, worauf ich hinaus wollte. „Es ist eigentlich nichts.“
„Dann kannst du es uns ja problemlos mitteilen. Also, was ist los?“
Erst sagte sie nichts, dann entkam ihr ein schwerer Seufzer, als würden wir sie wegen irgendwelchen Nichtigkeiten belästigen. „Ach, es ist einfach … weißt du noch am Flughafen?“
Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Allein die Erinnerung daran sorgte dafür, dass ich mich ein wenig anspannte. Wie könnte ich das auch vergessen? „Was genau meinst du?“
„Als sie uns in die Falle gelockt haben. Dieser Lagerraum. Zusammen mit diesem Mädchen und den beiden Idioten, war noch ein dritter Mann.“
„Romeo.“ Natürlich erinnerte ich mich auch an ihn und das nicht nur, weil Ryder mir anschließend von ihm erzählt hatte. Es war nicht das erste mal gewesen, dass er mir begegnet war. In der Vollmondnacht war er in seiner Wolfsgestalt zusammen mit mir in der U-Bahn gefahren, um auf mich aufzupassen – das zumindest hatte Ryder behauptet.
Mist, verdammt, ich tat es schon wieder. Nicht Ryder, Raphael. Ob es wohl helfen würde mir jedes Mal einen Klaps zu verpassen, wenn ich den falschen Namen nannte? Fraglich.
„Ja, so hat Tyrone ihn genannt, Romeo. Aber das ist nicht sein richtiger Name.“
Nein, wahrscheinlich nicht. Wenn er wie die Brüder war, würde auch er ein Pseudonym benutzen. Wusste Lucy mittlerweile überhaupt, dass Tyrones richtiger Name Tristan lautete? Moment, was hatte sie gerade gesagt? Einmal zurückspulen bitte. „Wie kommst du darauf, dass es nicht sein richtiger Name ist?“ Ich hatte weder ihr noch Diego gegenüber erwähnt, was Raphael mit erzählt hatte.
„Weil ich ihn erkannt habe.“ Sie stellte die Beine zurück auf den Boden und wandte sich uns zu. „Das ich solche Probleme hatte ihn abzuschütteln, hatte seinen Grund. Romeo ist Umbra Roger.“
Diego richtete sich ein wenig gerader auf. „Roger Naue?“, fragte er ungläubig.
„Wie viele Umbras mit Namen Roger kennst du denn noch?“
Umbra Roger? Moment, irgendwo hatte ich das schon mal gehört und das war noch gar nicht so lange her. „Ist das nicht der Typ, bei dem du deine Prüfungen abgelegt hast?“, fragte ich Diego.
Er nickte. „Der alte Tribunus Umbra, der Mann, der vor drei Jahren spurlos verschwunden ist.“ Er runzelte die Stirn. „Aber was macht er bei den beiden Schwindlern?“
Er war mit der Schwester verlobt. Kurz war ich versucht ihnen genau das zu sagen, aber aus einem mir unerfindlichen Grund, behielt ich es für mich – zusammen mit den ganzen anderen Informationen, mit denen man den Brüdern das Leben wahrscheinlich ein wenig schwerer machen konnte.
„Genau das ist hier die Frage“, sagte Lucy, die nichts von meinen Gedanken ahnte. „Die Wächter sind zwar noch immer an der Sache dran, aber bisher haben sie nichts weiter über die Randal-Brüder herausbekommen können, außer dass die falsche Identitäten benutzen.“
Diego nickte. „Ja, ich weiß. Die Gründe für ihr Auftauchen sind nach wie vor ein Rätsel, genau wie die Entführung.“ Aus der Augenwinkel war er einen kurzen Blick zu mir herüber. „Oder warum sie dich praktisch sofort wieder haben gehen lassen.“
War ja irgendwie klar gewesen, dass sie früher oder später darauf zu Sprechen kamen. Verwunderlich war nur, dass es verhältnismäßig lange gedauert hatte. „Der Peilsender“, sagte ich und wusste nicht einmal, warum ich log. Wollte ich die beiden beschützen? Nach allem was sie mir angetan hatten? Mir war doch wirklich nicht mehr zu helfen. „Ihr ward ihnen zu dicht auf den Fersen. Die Frau am Steuer ist nervös geworden.“
Ob die beiden mir glaubten, konnte ich nicht beurteilen.
Lucy strich sich ihre ewig störenden Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Wir können froh sein, dass es so gut ausgegangen ist. Ich versteh nur einfach nicht, was der Umbra Roger bei Tyrone macht, oder in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Ich verstehe ja nicht mal, was sie von dir gewollt haben.“ Sie nickte mir zu.
Ich schwieg. Ich wollte es einfach nicht sagen.
Diego jedoch runzelte erneut die Stirn, als würde ihn daran etwas verwirren. „Lucy?“
„Hmh?“
„Du hast das gegenüber Großwächter Eddy gar nicht erwähnt.“
„Erwähnt?“, fragte ich und schaute zu ihm auf.
„Wir wurden zu dem Vorfall am Flughafen befragt. Das mit Umbra Roger ist aber neu.“ Er richtete den Blick auf die rothaarige Versuchung. „Warum hast du bis jetzt nichts davon gesagt?“
Lucy erwiderte seinen ruhigen Blick einen langen Moment. Dann stand sie wortlos auf, kehrte uns den Rücken und verließ das Zimmer.
Diego und ich konnten nichts anderes tun, als ihr verwirrt nachzuschauen.
Okay, das war mal etwas Neues und so völlig untypisch für sie.
Ich wechselte einen kurzen Blick mit Diego und erhob mich dann meinerseits von der Couch. „Bleib hier, ich rede mal mit ihr.“ Immerhin waren wir trotz allem noch beste Freundinnen. Mit mir würde sie eher reden, als mit Diego – falls sie überhaupt etwas sagen würde.
Da er das genauso gut wusste wie ich, nickte er einfach nur und schaute nun auch mir hinterer, als ich die Suite verließ und in den quadratischen Korridor trat. Ein abendlicher Spaziergang war nicht unbedingt Lucys Ding, deswegen versuchte ich es direkt in ihrem Zimmer. Ein kurzes Klopfen, dass mich ankündigte, dann öffnete ich auch schon die Tür, ohne auf eine Antwort zu warten.
„Was?!“, knurrte sie nur. Sie saß mit angezogenen Beinen auf ihrem Bett, hatte den Kopf auf die Knie gelegt und starrte ins Leere.
Ich ließ mich von ihrer Art nicht verschrecken. Leise schloss ich die Tür hinter mir, durchquerte das kleine Zimmer und ließ mich neben ihr auf die Bettkante sinken. Dann blieb ich einfach still und wartete. Bei Lucy war das meist die beste Taktik. Wenn ich versuchen würde sie zu etwas zu drängen, würde sie sowieso nur dichtmachen und mich zum Teufel wünschen.
Die Zeit vertrödelte ich mir, indem ich mich in ihrem Zimmer umsah. Kahle Wände, keine Fenster. Die Möbel allerdings sahen nicht ganz so alt aus wie die von Diego. Sie hatte sogar einen kleinen Teppich vor dem Bett zu liegen.
„Ich weiß nicht warum ich es für mich behalten habe, okay?“, sagte sie, als gerade versuchte herauszufinden, wie man diese Farbe nannte. Das war kein Braun, aber auch kein Grau, irgendwas dazwischen. Auf jeden Fall war der Teppich so hässlich, dass ich mir vornahm, ihr einen neuen zu besorgen.
Ich wandte ihr den Kopf zu. „In meinem ganzen Leben gab es nur einen Menschen, der immer den vollen Durchblick hatte – ganz egal in was für einer Situation. Also nimm es mir nicht übel, wenn ich dir das nicht abkaufe.“
Sie biss die Zähne aufeinander.
„Wir müssen nicht darüber reden“, sagte ich in ihre Gedanken hinein. „Aber du weißt, dass es dann nicht besser wird.“
Das hatte ein Seufzen zur Folge. „Es ist nicht so, dass ich etwas verheimlichen wollte, aber …“ Ihr Mund klappte zu.
„Aber?“, bohrte ich nach.
Sie ließ sich mit ihren nächsten Worten ein wenig Zeit. „Als Umbra Roger damals verschwand, war das nicht wirklich mysteriös oder sowas. Er hatte eine Verletzung, er wollte sie kurieren, also hat er sich zurückgezogen. Ich denke, er hat sich einfach ein neues Leben aufgebaut.“
Ich wartete, denn sie war noch nicht fertig.
„Wenn man nur ein wenig suchen würde, wäre es sicher nicht weiter schwer herauszufinden, was er die letzten Jahre so getrieben hat. Und wenn man nachforscht, kann es durchaus sein, dass man auch eine Verbindung zu den Randals findet. Aber Tyrone … was passiert dann mit ihm?“
Ach du kacke, damit hatte ich nun absolut nicht gerechnet. Sie schwieg aus dem gleichen Grund, aus dem auch ich eben die Klappe gehalten hatte – naja, wobei ich mir noch immer nicht ganz sicher war, warum ich schwieg. „Du hast ihn gerne“, reimte ich mir zusammen.
Ihre einzige Reaktion war ein resignierter Atemzug. „Ich weiß was meine Pflicht wäre. Ich weiß was König Isaac möchte, aber … keine Ahnung, Tyrone ist nie vor mir zurückgeschreckt. Die meisten Kerle schüchtert es ein, einen Umbra vor sich zu haben. Er jedoch … er hat gesagt, er bewundert meine Stärke.“
Wenn ich ehrlich war, konnte ich mich nicht in ihre Situation hineinversetzen. Es stimmte, viele Kerle schreckten vor Lucys Art zurück, mich dagegen hielt man gerne für eine hohle Nuss und das nur, weil ich blonde Haare hatte. „Glaubst du ihm?“
Fragend sah sie mich an.
„Ryder ist ein Lügner, genau wie Tyrone. Wie kannst du dir sicher sein, dass irgendwas von dem was er zu dir gesagt hat der Wahrheit entspricht?“
„Ich weiß nicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Es ist ein Gefühl. Weißt du, an dem Abend, nachdem wir im Lassidas waren, lag da auf einmal eine rote Rose außen auf meinem Fensterbrett. Es war keine Nachricht dabei, und der Regen hatte fast alle Gerüche weggewaschen, aber da klebte ein Hauch von ihm an der Blüte.“
Oh ha, davon wusste ich ja gar nichts. „Das ist … süß.“
Sie schnaubte. „Ich habe die Rose zerrissen und in den Mülleimer gefeuert. Ich meine, was bildete sich dieser Idiot eigentlich ein? Erst macht er mir die Arbeit schwer und dann versucht er sich bei mir einzuschleimen? Am liebsten hätte ich ihm den Kopf abgerissen.“
Ja, so kannte ich meine Lucy.
„Am nächsten Morgen lag da wieder eine Rose, dieses Mal auf unserer Türschwelle. Ich hab sie zum Glück vor Isabelle gefunden. Und dieses Mal habe ich sie nicht zerrissen, sondern in meine Tasche gesteckt. Und als ich nach dem Flohmarkt nach Hause kam, hab ich sie genommen und auf meinen Schreibtisch gelegt.“
Ich wartete, weil ich mir sicher war, dass da noch mehr kam. Und ich sollte recht behalten.
„Am Abend dann warf er Kieselsteine gegen mein Fenster.“
„Was, es gibt Kerle die machen das wirklich? Und ich habe gedacht, sowas passiert nur im Filmen.“
Ihr Mundwinkel zuckte ein wenig. „Er hat mich eingeladen eine Spritztour mit ihm zu machen und … ja, keine Ahnung was da in mich gefahren ist, aber ich bin mit ihm gegangen und es hat mir gefallen.“
Wow, da taten sich ja Welten auf. „Was habt ihr denn gemacht?“
„Wir sind runter zum Wannsee gefahren und haben uns da ans Wasser gesetzt. Wir haben geredet, erst nur über belanglose Dinge. Dann fiel die Sprache auf einmal auf dich und das hat mich furchtbar wütend gemacht. Nicht nur weil die Idioten irgendwas mit dir vorhatten und ich mich eigentlich gar nicht hätte mit ihm treffen dürfen, jetzt versuchte er auch noch mich über dich auszufragen.“
Kein besonders gescheiter Schachzug.
„Ich bin auf ihn losgegangen und es hat nur Sekunden gedauert, bis er unter mir am Boden lag. Und was macht der Schwachkopf dann?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Er hat mich geküsst. Und ich dumme Pute habe diesen verdammten Kuss auch noch erwidert. Und als ich noch versuche das Ganze irgendwie in meinen Kopf zu bekommen, da haut er raus, dass er starke Frauen schon immer bewundert hat. Und ich wusste nicht mehr, was ich noch denken sollte.“
Wenn man bedachte, dass Diego die beiden am nächsten Morgen knutschend vor ihrem Haus begegnet war, konnten die Gedanken nicht allzu schlecht gewesen sein.
„Und am Samstag in der Uni, als Tyrone dann …“
„Tristan“, sagte ich ganz unvermittelt.
Ihre Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen.
„Er heißt nicht Tyron, sein richtiger Name lautet Tristan.“
Langsam hob sie den Kopf und fixierte mich mit einem Blick, den ich absolut nicht lesen konnte. „Du kennst seinen richtigen Namen?“
Dazu schwieg ich wohl besser.
„Was weißt du noch?“
Auch dazu sagte ich nichts.
Sie belauerte mich einen Moment, entspannte sich dann aber wieder ein wenig. „Das darf niemand wissen.“
„Was darf niemand wissen?“, fragte ich scheinheilig.
„Das … egal.“ Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie einen Gedanken loswerden. „Die Schwachköpfe sind weg und wenn wir großes Glück haben, werden wir sie niemals wiedersehen.“
Ja, sie klang genauso überzeugt, wie ich vorhin im Stall. Ich war hier wohl nicht die einzige Dumme, die nicht recht wusste, wie sie mit dem ganzen Scheiß umgehen sollte. „Sie werden nicht wiederkommen“, sagte ich leise. „Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mir niemals wieder unter die Augen treten.“ Und da sie wussten, sie würden nicht bekommen was sie brauchten, bestand für keinen der beiden noch ein Grund, sich je wieder bei uns blicken zu lassen.
Wortlos erhob sich Lucy von ihrem Bett und zog den großen Koffer hervor, den sie unter den Tisch geschoben hatte. Sie klappte ihn auf, wühlte ein wenig darin herum und zog dann einen grünen Pappordner hervor. Ohne den Koffer dann noch eines weiteren Blickes zu würdigen, setzte sie sich wieder neben mich und legte mir den Ordner in den Schoß.
Verwundert schlug ich ihn auf und konnte im ersten Moment kaum glauben, was sich mir da offenbarte. Dort drin, geschützt in einer Klarsichtfolie, lag das Bild, das Tyrone – ich meine natürlich Tristan – für mich gemalt hatte. Eine Zeichnung, von ihm, seinem Bruder und mir, wie wir vor einer Imbissbude saßen und uns die Mägen vollschlugen. Sich selber hatte er darauf als Werwolf gezeichnet, seinen Bruder als Vampir und mich als Hexe.
Es war zu einer Zeit entstanden, als meine Welt noch in Ordnung war und diese Monster nur Ausgeburten meiner Phantasie.
„Es tut mir leid, dass wir es dir weggenommen haben“, sagte Lucy leise. „Aber das Bild beinhaltete zu viel Wahrheit, als das wir es dir hätten lassen dürfen und nach einer kurzen Rücksprache mit Victoria hielten wir es für besser, wenn es nicht in deinem Besitz ist.“
Bedächtig strich ich die Linien meines Hexenhutes nach. „Diego hat gesagt, ihr hab es nicht mehr.“
„Naja … eigentlich hätte ich es auch vernichten sollen, aber … ich weiß nicht, dafür ist es einfach zu schade.“
Ja, weil Tyrone das Talent besaß, seine Bilder lebendig wirken zu lassen. „Danke“, sagte ich und klappte den Ordner wieder zu. Ich war froh das Bild wiederzuhaben, aber wenn ich ehrlich war, konnte ich es mir nicht anschauen – nicht ohne an all das zu denken, was gewesen war.
„Ich glaube, wir sollten langsam mal zu Diego zurückgehen, sonst schickt der noch die Kavallerie.“
Das glaubte ich zwar nicht, aber mir war klar, dass sie einfach keine Lust hatte, weiter darüber zu sprechen. Wenn man es genau nahm, war ja auch gab es ja auch gar nichts mehr zu besprechen. Außer: „Was wirst du in Bezug auf Roger tun?“
Schulterzuckend erhob sie sich von ihrem Bett. „Sagen kann ich jetzt nichts mehr, ohne dass es üble Konsequenzen hat.“
„Dann ist es wohl das Beste, wenn wir so tun, als wüssten wir nicht, wer der dritte Mann dieser illustren Runde war.“ Auch ich erhob mich und folgte ihr mit dem Ordner in der Hand zur Tür.
„Wahrscheinlich“, stimmte sie mir zu.
Damit war nun wirklich alles gesagt.
Schweigend gingen wir zurück in mein Zimmer, wo Diego noch immer auf der Couch saß und unentschieden durch die verschiedenen Kanäle zappte. Als wir hereinkamen, schaute er auf, doch ich verdeutlichte ihm mit einem Kopfschütteln, dass wir es für heute einfach dabei belassen würde.
Als ich mich wieder neben ihn setzte, bemerkte ich, dass sich während meiner Abwesenheit doch eine Kleinigkeit geändert hatte: Auf dem Tisch stand ein großes Tablet mit kleinen Sandwiches, Blätterteigtaschen die eine Gemüsefüllung hatten, Salzcracker, Lachshäppchen, Käsespieße mit Ei und natürlich meine geliebten sauren Gurken.
Also, wenn das eine Kleinigkeit war, dann wollte ich gar nicht wissen, was ich bekommen würde, wenn ich eine richtige Mahlzeit verlange.
Da Collette bereits weg war, nahm ich mir vor, mich beim nächsten Mal bei ihr zu bedanken und vertilgte dann zusammen mit Lucy und Diego ein Großteil der Speisen. Danach kuschelten wir uns alle drei zusammen unter der Decke und schauten uns eine alte Komödie an.
Eigentlich war es noch gar nicht so spät, doch nach der Hälfte des Films fielen mir bereits die Augen zu. Ich versuchte noch ein Weilchen sie offen zu halten, aber kurz nachdem wir begannen den zweiten Film zu schauen, schickte Diego mich ins Bett und verschwand mit Lucy aus meinem Zimmer.
Das Problem dabei war nur, dass ich nicht allein bleiben wollte. Diese fremden Mauern, die Leute die hier lebten, meine Familie, die mich bereits jetzt als Plage betrachtete und sich in blutrünstige Wölfe verwandeln konnten … das alles ließ wieder hellwach werden, kaum dass, ich mein Kopf auf dem Kissen gebettet hatte.
Die nächsten Stunden verbrachte ich damit mich ruhelos von einer Seite auf die andere zu drehen. Ich war müde und wollte einfach nur schlafen, doch immer wenn mir die Augen zufielen, war da plötzlich ein Geräusch, dass mich dazu zwang, sie sofort wieder aufzuschlagen.
Als ich es irgendwann nicht mehr aushielt, scheuchte ich Diego und Lucy auf, bis die beiden sich bereiterklärten sich mit mir zusammen in mein übergroßen Bett zu kuscheln. Und endlich konnte ich schlafen. Doch es war kein sehr erholsamer Schlaf. Die ganze Nacht wurde ich von knurrenden Monstern verfolgt, die mich aus den Schatten heraus belauerten. Reißzähne blitzten auf, Blut sickerte aus Ritzen und überschwemmte ganze Landstriche. Egal wohin ich mich wandte, das Grauen folgte mir.
Es war schon fast eine Erleichterung, als ich am frühen Morgen um kurz nach sieben durch lautes Klopfen an meiner Tür aus dem Schlaf gerissen wurde, auch wenn ich meine Augen eigentlich noch nicht öffnen wollte. Ich war noch so müde, dass ich mich einfach noch etwas enger an Diegos Brust kuschelte. Ich war dem Störenfried zwar dankbar, dass er mich aus meinen Träumen geholt hatte, aber nicht dankbar genug, um auf das Klopfen zu reagieren. Leider schien das den Plagegeist da draußen nicht zu interessieren. Als niemand auf sein Klopfen antwortete, tat er es einfach noch einmal. Verstanden die Leute nicht, dass wenn man nicht reagierte, nicht gestört werden wollte?
„Da will jemand was von dir“, nuschelte Lucy verschlafen. Sie benutzte Diegos Arm als Kopfkissen.
„Dann geh doch und lass ihn rein“, nuschelte ich zurück, nicht gewillt mein kuscheliges, warmes Nest so schnell aufzugeben.
„Ist das mein Zimmer, oder deines?“
Diese Frage wurde schlicht ignorierte.
Erneut pochte jemand ans Holz.
„Gehst du nun?“, fragte Lucy, nun schon etwas gereizter. Sie war mehr Morgenmensch als ich, aber auch sie mochte es nicht aus dem Schlaf gerissen zu werden.
Wie zur Antwort, zog ich die Decke bis unters Kinn.
Sie grummelte irgendeine Bosheit, die ich nicht verstand, schwang dann die Beine aus dem Bett und stolperte in nichts als ihrem Nachtshirt verschlafen zur Tür.
Diego bekam von der ganzen Sache nichts mit. Er schlief wie ein Stein. Nicht mal ein Atomkrieg würde den wach bekommen.
Währen Lucy die Tür öffnete, strich sie sich das wirre Haar aus dem Gesicht. Sie wechselte mit jemand ein paar Worte, wandte mir dann ihr Gesicht zu. „Prinzessin Cayenne, Ihr solltet doch lieber an die Tür kommen.“
Iiih, diese Förmlichkeit konnte nur bedeuten, dass da draußen jemand stand, mit dem ich um diese Uhrzeit sicher nicht reden wollte. Obwohl, was hieß hier Uhrzeit? Ich wollte wahrscheinlich gar nicht mit demjenigen reden. „Warum, wer wagt es die Ruhe der Prinzessin zu stören?“
Bei meinen Worten zuckten ihre Mundwinkel nach oben. Sie hatte sich aber sofort wieder im Griff. „Prinz Kaidan. Er sagt, er hätte etwas Wichtiges mit Euch zu besprechen.“
Ich stöhnte. Na wenigstens war es keiner meiner geliebten Großeltern. „Lass ihn rein.“
Lucy zögerte. „Ihr wollt, dass ich dem Prinzen Einlass gewähre? Haltet Ihr das für eine gute Idee? Euer Geist scheint von der Nacht noch ein wenig getrübt.“
Seit wann konnte Lucy so geschwollen quatschen? Das war ja nervtötend. „Bei mir ist gar nichts getrübt und jetzt lass ihn rein, bevor ich dich den Löwen zum Fraß vorwerfen lasse.“ Auf irgendwelche Anstandsregeln hatte ich jetzt keinen Bock. Wenn er mich so unbedingt jetzt sprechen musste, dann konnte er das auch während ich weiterschlief.
Widerwillig trat Lucy beiseite und ließ das Prinzchen herein. Die Umbras blieben draußen. Lucy dagegen postierte sich neben der Tür. Es sah schon wein wenig albern aus, wie sie da in nichts als Slip und Shirt mit noch vom Schlaf zerwühlten Haaren stand und einen auf Leibwächter machte.
Prinz Kaidan brauchte einen Moment, bis er peilte, dass ich noch im Bett lag und als er mich dann entdeckte, wanderte seine reichte Augenbraue ein Stück nach oben. „Komme ich ungelegen?“
„Noch ungelegener wärst du nur gekommen, wenn ich gerade auf dem Klo sitzen würde“, murmelte ich und richtete mich halb auf, wobei die Decke an meinem Oberkörper herunterrutschte. Genau wie Lucy trug ich zur Nacht nur ein lockeres Shirt, aber das reichte. Mein Bein blieb verborgen unter der Decke. „Was willst du?“
Er sah einen Moment auf den schlafenden Diego, bevor er mich anlächelte. „Eine Pyjamaparty?“
Diese scheinbar harmlose Frage ließ bei mir alle Alarmglocken gleichzeitig losgehen. Verdammt, jetzt wusste ich, warum Lucy gewollte hatte, dass ich zur Tür kam. Das Problem war nicht, dass ich noch im Bett lag, sondern dass ich mit meinem halbnackten und männlichen Umbra in meinem Bett lag. Das Lucy bis vor ein paar Minuten auch noch mit drinnen gelegen hatte, machte die Angelegenheit nicht unbedingt besser.
Das würde der Familie sicher nicht gefallen. Nun gut, jetzt war es zu spät. „Sag mir was du willst, oder verzieh dich“, forderte ich ihn auf, ohne auf seine Frage einzugehen. Ich würde mich nicht einschüchtern lassen und wenn er versuchen sollte, meinen Freunden zu schaden, dann konnte er sein blaues Wunder erleben.
Einmal mehr schien Kaidan mich einfach nur amüsant zu finden. „Da du gestern so schnell verschwunden warst, hatten wir keine Gelegenheit mehr über deine Ausbildung zu sprechen. Daher hab ich mich erboten, das zu übernehmen.“
Ich war gerade dabei mir das zerwühlte Haar aus dem Gesicht zu schieben. Bei diesen Worten jedoch hielt ich mitten in der Bewegung an. „Was meinst du mit Ausbildung?“
„Mir ist bewusst, dass du das nicht hören möchtest, doch trotz deiner Abstammung, lassen dein Auftreten und deine Manieren sehr zu wünschen übrig.“
Bitte?!
„Doch um in diesen Kreisen zu verkehren, ist ein gewisses Betragen unumgänglich, da du sonst ganz ohne Absicht jemanden schwer beleidigen kannst und das könnte üble Konsequenzen haben.“
So so, schwer beleidigen, ja? „Glaub mir, wenn ich hier jemanden schwer beleidige, dann mit voller Absicht. Und da du mich gerade schwer beleidigst, kann eure tolle Ausbildung also gar nicht so toll sein.“
Mit einem Lächeln überging er meinen Einwurf. „Großmutter hat zwei Tutoren für dich ausgewählt. Leona van Schwärn ist unschlagbar wenn es um die Sitten und Gebräuche des Adels geht. Sie wird dir Anstand und Manieren beibringen, dir zeigen worauf es im Umgang mit anderen ankommt, wie du Gespräche führen kannst und dich verhalten musst. Kurz gesagt, sie wird dir helfen dich zurechtzufinden.“
Ich blinzelte einmal und ließ mich dann zurück ins Bett fallen. „Träum weiter, ich hab Ferien.“
Durch die Unruhen in meinem Bett, wachte nun auch Diego aus. Er blinzelte verschlafen, hob den Arm um sich am Kopf zu kratzen und erstarrte mitten in der Bewegung. In der nächsten Sekunde schon war er aus meinem Bett verschwunden und ich knallte mit dem Gesicht voran in die Laken.
„Danke Diego“, grummelte ich, bevor ich ihn missmutig anfunkelte.
Er antwortete nicht. Still und in nichts als Boxers, stand er wie eine Statur mit den Händen auf dem Rücken neben dem Bett und versuchte die Situation zu erfassen. Seine Augen waren noch müde und in seinem Gesicht hatte er vom Schlaf noch Knitterfalten. Es sah ein wenig lächerlich aus.
Das Prinzchen hatte nur ein müdes Lächeln für ihn übrig, bevor er sich wieder mir zuwandte. „Frau van Schwärn erwartet dich bereits nach dem Frühstück zu deiner ersten Stunde und ich würde empfehlen, ein Kleid anzuziehen.“
Sprach ich neuerdings irgendwie undeutlich?
„Natürlich ist auch sie eine Eingeweihte und weiß um deine Situation. Sadrija hat angeboten zu helfen und wird bei diesen Stunden hin und wieder auch anwesend sein. Du solltest ihr zuhören und dich nach ihrem Beispiel richten. Sie ist mit diesen Dingen aufgewachsen und sehr versiert.“
Na das wurde ja immer besser. „Das ist ja wirklich nett, aber …“ Bevor ich meinen Satz beenden konnte, fing ich den scharfen Blick von Lucy auf und ich kam nicht umhin mich an unser gestriges Gespräch auf dem Korridor zu erinnern. Auch wenn ich es nicht sehen konnte, ich hatte hier ein Tier vor mir und einem Tier mit Zähnen und klauen zu widersprechen, war nicht unbedingt das klügste. Nun gut, wenigstens nicht, solange man selbst noch keine eigenen besaß.
„Ja, okay, von mir aus“, sagte ich und erstickte fast an diesen Worten. Nur ein paar Wochen, redete ich mir gut zu. In ein paar Wochen wäre dieser ganze Schwachsinn wieder vorbei und ich könnte das alles vergessen.
Zwar etwas verwundert, aber doch positiv überrascht, nickte er mir zu. „Es freut mich eine so schnelle Zusage zu hören.“
Als hätte ich eine Wahl. Ich richtete mich wieder auf und setzte mich in den Schneidersitz. Dabei achtete ich peinlichst genau darauf, dass die Decke weiterhin über meinen Beinen lag. Zwar trug ich eine breite Binde, die die großflächige Brandnarbe an meinem linken Oberschenkel verbarg, aber deswegen musste musste ich sie ihm ja noch lange nicht unter die Nase reiben. „Sonst noch was?“
Er nickte. „Du wirst in verschiedenen Dingen ausgebildet werden. Die Grundlage der Etikette ist nur eine davon. Des weiteren wirst du auch im Tanz unterrichtet werden müssen und kannst dir darüber hinaus noch eine Freizeitbeschäftigung aussuchen. Reiten, Bogenschießen, Polo oder Krocket. Natürlich wäre auf das Spielen eines Instruments eine vorzügliche Wahl. Kannst du ein Instrument spielen?“
„Ich weiß wie eine Triangel funktioniert.“
Kaidans Mundwinkel zuckten. „Ich habe eher an eine Harfe oder das Klavierspiel gedacht. Sadrija ist eine Künstlerin an der Oboe.“
Schön für sie. „Hast du nicht noch irgendwas von einem zweiten Mentor gefaselt?“ Ich hatte keine Lust mehr zu hören, was ich in seinen Augen alles noch lernen musste.
„Sydney Sander. Er ist hier am Schloss eigentlich Historiker, doch er hat noch ein weiteres Talent, dass uns von großem Nutzen ist. Du wirst ihn nach Sonnenuntergang kennenlernen.“
„Warum? Ist er ein Vampir und verbrennt in der Sonne?“ Hm, das war vielleicht ein schlechtes Beispiel, immerhin gab es Vampire ja wirklich und bisher hatte ich bei keinem eine Sonnenallergie feststellen können.
„Nein, aber die Verwandlung lässt sich am einfachsten unter dem Einfluss des Mondes üben.“
„Verwandlung? Was für eine …“ Noch bevor die Frage meinen Mund verlassen hatte, formte sich die Antwort in meinem Kopf.
„Die Verwandlung in deinen Wolf natürlich.“ Ich wusste nicht, ob sich der Widerwillen in meinem Gesicht spiegelte, doch mit einem Mal wurde Kaidans Blick ein wenig weicher. „Du bist eine von uns Cayenne. Und um hier zu überleben, musst du das auch zeigen können.“
„Natürlich“, erwiderte ich bitter. „War es das denn?“
„Vorerst. Aber bitte denk daran dein Zimmer nicht wieder in Hosen zu verlassen. Es ziemt sich für eine Prinzessin nicht sich so zur Show zu stellen. Und nicht nur Großmutter empfand dein gestriges Auftreten als unangebracht.“
Zur Show stellen? Dem ging es doch wohl zu gut. „Ist das mein Problem?“
„Wenn du dich nicht an die Kleiderordnung hältst, könnte es zu deinem werden.“
Den Vorwurfsvollen Blick, den er daraufhin kassierte, hatte er sich selber zuzuschreiben. „Das war eine rhetorisch Frage gewesen. Weißt du was das bedeutet?“
Prinz Kaidan seufzte. „Cayenne, niemand hier ist dein Feind, wir wollen dir nur helfen.“
„Ihr wollt mir helfen?“, fragte ich.
Er nickte. „Natürlich.“
„Dann schickt mich nach Hause, gebt mir mein Leben wieder. Alles andere ist keine Hilfe.“
Das Prinzchen blickte stumm auf mich nieder. „Wie wäre es, wenn du alles etwas offener angehen würdest. Vergiss deine Vorurteile und lass dich darauf ein. Ich versichere dir, du wirst Gefallen an diesem Leben finden und lernen die Vorzüge zu genießen.“
„Weißt du was?“, fragte ich ein wenig bissig. „Behalte deine Ratschläge für dich und verzieh dich aus meinem Zimmer, bevor ich dich rausschmeiße. Ich würde mich gerne anziehen.“
Er seufzte, als hätte er es mit einem unbelehrbaren Kleinkind zu tun, beugte dann aber leicht sein Haupt. „Natürlich. Wir sehen uns dann beim Frühstück.“
„Aber nur weil ich das nicht verhindern kann“, murmelte ich, während Diego Kaidan zur Tür begleitete.
„Verzeiht die Rüde Art der Prinzessin“, entschuldigte er sich dabei für mich. „Sie meint es nicht so, sie ist nur kein Morgenmensch.“
„Ich bin überhaupt kein Mensch!“, rief ihn hinterher. „Und ich meine alles genauso wie ich es sage!“ Ich sah Prinz Kaidan noch schmunzeln und dann war er draußen.
Das gab es doch einfach nicht. Da bekam man doch das Gefühl, kaum mehr als eine Witzfigur zu sein. Wenn er jetzt kurz in sein Zimmer verschwand und sich dort über seine bauernhafte Cousine ins Fäustchen lachte, würde mich das nicht mal wundern. So ein Idiot!
„Prinz Kaidan hat Recht“, sagte Diego, nachdem die Tür geschlossen war. „Du solltest deine Vorurteile wirklich ablegen.“
„Und hör endlich auf so unhöflich zu der Königsfamilie zu sein“, unterstützte Lucy ihn noch. „Sonst kostet dich das irgendwann noch den Kopf!“
„Genau, weil sie ihn abbeißen werden, mit ihren scharfen Wolfszähnen.“ Ich schlug die Decke zur Seite und verschwand, ohne sie und ihre Ratschläge weiter zu beachten, ins Bad.
Nach meinem Wissen wurde hier um acht gefrühstückt und wie es mir schien, war meine Anwesenheit erwünscht, also hatte ich noch etwa eine halbe Stunde, um mich fertig zu machen. Eine schnelle Dusche genügte mir, obwohl ich es nicht eilig hatte, diesen fantastischen Raum so schnell zu verlassen. Trotzdem, keine Zeit zum Genießen.
Ich schrubbte mir die Zähne, während ich mir gleichzeitig die Haare trocken föhnte – ja, das war ein wenig umständlich. Eingewickelt in einen kuschelweichen Frotteebademantel, ging ich zurück in mein Zimmer. Diego und Lucy waren nicht mehr da. Wahrscheinlich waren sie in ihre eigenen Zimmer gegangen, um sich selber fertig zu machen. Ihre Abwesenheit störte mich mehr, als es eigentlich sollte. Sie waren praktisch auf der anderen Seite der Tür und nicht nach China ausgewandert. Trotzdem, so ohne ihre Gegenwart fühlte ich mich hier sehr verlassen.
Wie albern.
Über mich selber den Kopf schüttelnd, wandte ich mich meinem Kleiderschrank zu, als es sehr zurückhalten an der Tür klopfte.
Da es weder Lucy noch Diego sein konnten – die würden nicht anklopfen – noch Kaidan – der klopfte viel fordernder – rief ich nach kurzem Zögern einfach nur herein und verschwand dann in meinem Kleiderschrank. Obwohl Kleiderschrank ja ein wenig untertrieben war. Ich sollte es lieber meine kleine Boutique nennen. Das hätte doch mal Style.
Da Collette gestern in einem Anfall von Übereifer nicht nur meine Koffer hochgebracht, sondern sie gleich auch noch ausgeräumt hatte, fand ich zwischen all den teuren Fetzen auch mein Eigentum. So griff ich nun statt nach der sauteuren Omaunterwäsche, nach meinem Lieblingsset, als sich jemand hinter mir räusperte.
Als ich aufschaute, sah ich Collette in der Schranktür stehen. „Morgen“, murmelte ich und nahm mir auch noch ein paar Sneakersöckchen aus der Schublade. Jetzt begann die wohl schwierigste Aufgabe: Die Suche nach einem Kleid.
„Guten Morgen, Euer Majestät“, begrüßte sie mich und machte doch tatsächlich einen kleinen Knicks. „Ich hoffe ihr habt wohl genächtigt.“
Oh nein, jetzt fing das schon wieder an. „Bitte“, flehte ich und versuchte meinen genervten Unterton aus der Stimmer rauszuhalten. „Nenn mich um Gotteswillen Cayenne.“
„Wie Ihr wünscht, Prinzessin Cayenne.“
Na ja, noch nicht befriedigend, aber besser. „Was gibt´s?“ Ich trat an den gegenüberliegenden Schrank, öffnete die Türen und allein schon der Anblick der sich mir bot, ließ mich beinahe verzweifeln. Wie sollte ich da denn etwas finden?
„Ihr habt nicht nach mir rufen lassen, um Euch bei der Morgenwäsche zu helfen, da wollte ich nur nachsehen, ob bei Euch alles in Ordnung ist und Euch meine Hilfe anbieten.“
„Hilfe hört sich gut an.“ Wenn sie mir half, konnte ich wenigstens keinen Wutanfall bekommen, in dem ich die ganzen Klamotten hier einfach zu einem Scheiterhaufen verarbeitete. „Ich brauche ein Kleid, ein langes Kleid. Am besten eins, das bis auf den Boden reicht.“
Von der Aufgabe beflügelt, eilte Collette fröhlich an mir vorbei zum nächsten Schrank und zog zielsicher ein leichtes Sommerkleid in einem angenehmen, hellen Blau heraus. „Würde Euch dieses zusagen?“
Es war kurzärmlig und fiel unter der Brust in langen Wellen herab. „Nicht mehr als jedes andere.“
Ihr Lächeln verrutschte ein wenig. „Ich kann Euch auch ein anderes …“
„Nein, nein, das ist schon okay. Das Kleid ist super. Es liegt nur daran … ich mag einfach keine Kleider. Ich bin ein Hosenmensch, verstehst du?“
Sie nickte, legte das Kleid auf einen weißen, seidenbezogenen Hocker und machte sich erneut an dem Schrank zu schaffen. Dann übergab sie mir eine Radler. „Vielleicht steigert dies Euer Wohlbefinden. Unter dem Kleid wird sie niemand erblicken.“
Das war die Idee. Ich schlug mir gegen den Kopf. Ich war ja auch wirklich blöd. „Das ich da nicht selber drauf gekommen bin.“
Beinahe schon entsetzt riss Collette die Augen auf. „Bitte schlagt Euch nicht“, bat sie mich und das mit einer so ernsten Stimme, dass es mir fast misslungen wäre, mir das Lachen zu verkneifen.
„In Ordnung, aber nun hinaus mit dir, ich will mich anziehen.“
„Dabei kann ich Euch helfen.“
„Danke für das Angebot, aber ich kann das alleine.“ Niemals würde ich jemanden freiwillig die entstellte Haut an meinem Bein zeigen.
„Wir Ihr wünscht.“ Sie machte wieder einen Knicks. „Solltet Ihr Eure Meinung ändern, ich werde draußen warten.“
„Danke.“ Auch wenn ich dieses Angebot niemals annehmen würde.
Sobald ich allein war, warf ich den Bademantel von mir und begann mich anzuziehen. Bei dem Kleid stellte ich mich ein wenig ungelenk an, aber ich schaffte es. Als ich fertig war und wieder aus dem Schrank trat, musste ich feststellen, dass mein Bett bereits gemacht war und Collette nun die Reste von gestern Abend zusammenräumte.
„Danke“, sagte ich direkt. „Auch dafür, dass du es gestern gebracht hast.“
„Immer gerne, Prinzessin Cayenne.“
Oh Mann, irgendwann würde ich von dieser Anrede noch Zahnschmerzen bekommen. „Kannst du mir sagen, ob es hier irgendwo in der Nähe einen Klamottenladen gibt?“ Wenn ich schon Kleider tragen musste, dann würde ich mir eine Vorrat an an kurzen Hosen zulegen.
„Ihr wollt einkaufen?“
„Ja, ich will noch mehr von diesen Radlern haben.“
Sie nickte verstehend, obwohl gar nichts verstand. Wie konnte sie auch, schließlich wusste sie ja nichts von meinem Bein. „Wenn Ihr es wünscht, werde ich noch heute hinunter nach Silenda gehen und Euch noch ein paar Radler besorgen.“
„Das würdest du tun?“ Warum nur überraschte mich das eigentlich?
„Natürlich. Ich bin hier, um für Euer Wohlbefinden zu sorgen.“
Das würde sie nicht schaffen, aber wegen der Hosen würde ich nicht nein sagen.
Collette versprach sich darum zu kümmern, nahm das Tablet vom Tisch und verschwand mit einer kurzen Verabschiedung.
Ich nahm noch das Bettelarmband von Mama aus meiner Handtasche, legte es mir an und ging dann rüber zu Diego, der gerade dabei war sich den letzten Schliff zu verschaffen.
An diese braune Umbrakleidung würde ich mich wohl erst noch gewöhnen müssen.
Auf Lucy mussten wir nicht warten, denn genau wie gestern war sie bereits zum Essen gegangen und würde erst wieder auftauchen, wenn ich mir den Magen vollgeschlagen hatte, um Diego abzulösen. So konnte immer einer von ihnen bei mir sein.
Als wir ein wenig später in den Speisesaal kamen, wo die Familie bereits vollzählig versammelt war – naja, bis auf mich und dem Teil, der sich gerade im Ausland befand – tat mir Diego plötzlich ein wenig leid. Er würde jetzt noch warten müssen, während wir uns hier die Bäuche vollschlugen. Am liebsten hätte ich ihn mit zu mir an den Tisch genommen, aber das war definitiv etwas, dass die Alphas nicht erlauben würden. So zog er mir nur den Stuhl zurecht, half mir mich mit dem Kleid zu setzen und nahm dann seinen Platz an der Wand ein.
„Morgen“, murrte ich und sah mich misstrauisch auf dem Tisch um. Hm, Brötchen, Wurst, Käse und Marmelade. Sah wie ein ganz normales Frühstück aus. Ein wenig aufwendiger als das was ich Daheim bekam, aber nichts desto weniger ein ganz normales Frühstück. Direkt an meinem Teller stand sogar eine kleine Schale mit sauren Gurken. Das war doch mal ein Service.
„Ich wünsche dir auch einen guten Morgen.“ Prinzessin Alica musterte mein blaues Kleid. „Wie hübsch du heute aussiehst.“
Sollte das ein Kompliment sein? „Sah ich gestern etwa hässlich aus?“ Ich zog mir den Korb mit dem Brot heran und suchte mir ein besonders helles Brötchen heraus – die dunklen mochte ich nicht.
„Nein, nur unpassend“, erklärte sie sofort. „Kai hat bereits mit dir gesprochen, wie ich hörte.“
„Hmh“, machte ich und überlegte ob ich lieber nach dem Lachs oder der Wurst greifen sollte. Meine Wahl fiel auf den toten Fisch.
„Sadrija wird dich nach dem Frühstück nach oben begleiten. Frau van Schwärn wurde dazu angehalten einem strengen Zeitplan zu folgen. Es wird eine Menge Arbeit auf dich zukommen.“
Erwartete sie jetzt etwa, dass ich in Begeisterungsstürme ausbrach?
„In den nächsten Tagen wird der Fokus deines Unterrichts vor allen Dingen beim Tanzen liegen. Ich gehe davon aus, dass du in Standart- und Gesellschaftstänze nicht unterrichtet wurdest. Liege ich damit richtig?“
Also so langsam verging mir der Appetit. Mit jedem weiteren Wort dieser Leute kam ich mir wie ein unfähiger Bauerntrampel vor. „Ich war wohl zu schwer damit beschäftigt mich wie ein asoziales Gossenbalg aufzuführen, als dafür die Zeit zu finden.“
Königin Geneva neigte den Kopf ein wenig. „Vielleicht sollten wir ihr direkt ein paar Zusatzstunden in ihren Tagesablauf intrigieren. Die Kunst der Konversation sollte sie noch vor ihrer Einführung erlernen. Der Adel wird sonst Anstoß nehmen.“
Prinz Manuel nickte. „Das halte ich für eine gute Idee.“
„Ich nicht.“
Nein, das war nicht von mir gekommen, sondern von meinem lieben Bruder/Cousin.
„Dies alles ist noch fremd und neu für Cayenne, so viel Arbeit ist sie nicht gewohnt, wir sollten sie nicht gleich überfordern.“
Ich ließ mein Messer klirrend auf meinen Teller fallen und erregte damit natürlich der allgemeinen Aufmerksamkeit.
„Möchtest du etwas dazu sagen?“, fragte mich Königin Geneva.
Denk an das was Lucy gesagt hat und halt dich verdammt noch mal zurück. In dem Versuch den Mund zu halten, biss ich mir fast die Zunge ab. Es war nicht so, dass mich weniger Arbeit stören würde. Was mich störte war die Art wie sie das sagten. Als sei ich unterbelichtet und würde nach jedem zweiten Schritt den Boden knutschen.
Da mich weiterhin alle anstarrten, als warteten sie auf eine Antwort, quetschte ich ein sehr gezwungenes „Nein“ über die Lippen. Das war doch mal zurückhaltende Konversation. Ich war stolz auf mich.
„Ich denke Kai hat recht“, kam es dann von Prinzessin Alica, als hätte es diese kleine Unterbrechung niemals gegeben. „Wir sollten Vaters Plan befolgen. Er wurde nicht umsonst so ausgearbeitet.“
„Aber wird sie dann rechtzeitig zu ihrer Einführung fertig?“, fragte Prinz Manuel.
Das Bedürfnis über den Tisch zu springen und ihm eine zu klatschen, war nicht ganz einfach zu unterdrücken. Als sei ich irgendein Ding, das man aufpolieren musste. „Was meinen sie mit Einführung?“
„Deine Einführung ins Rudel als Alpha“, erklärte Königin Geneva. „Nächste Woche Freitag werden wir dir zu ehren einen Ball geben. Die Einladungen sind bereits ausgeschickt.“
Hätte ich was im Mund gehabt, hätte ich mich wohl verschluckt. So schaute ich sie nur einen Moment an und versuchte die Information zu verarbeiten. „Ein Ball?“, fragte ich leise und nicht recht wissend, was ich davon halten sollte. Allerdings verstand ich nun, warum ich so unbedingt tanzen lernen sollte. „Wegen mir?“
„So ist es, meine Tochter“, erwiderte Königin Geneva ruhig. „Man wird nicht zum Alpha, nur weil man sich selbst als einen bezeichnet. Dafür ist ein Ritual erforderlich. Normalerweise durchlaufen die Nachkommen es an ihrem zehnten Geburtstag, doch da du erst jetzt in den Schoß der Familie gefunden hast, müssen wir das nun nachholen.“ Sie lächelte mich an und zum ersten Mal sah ich so etwas wie Wärme in ihrem Blick. „Das Rudel soll wissen, dass es unter den Alphas ein weiteres Herz gibt, das für sie schlägt.“
Aber bei den Gedanken an einen Ball, der auch noch wegen mir ausgerichtet wurde, fühlte ich mich ein wenig unwohl. Keine Ahnung warum, vielleicht weil alle Blicke auf mich gerichtet sein würden. „Was ist das für ein Ritual?“
„Nichts Großes. Du musst dich nur der Seele von Leukos öffnen. Dann wirst du sein wie wir.“
Ein Snob? „Wer ist Leukos?“
„Der Urvater der Lykaner“, sagte König Isaac und beteiligte sich damit zum ersten Mal an diesem Gespräch. „Der erste Lykaner in dieser Welt.“
Die Skepsis stand mir ins Gesicht geschrieben. Ich sollte mich einem was-weiß-ich wie altem Geist öffnen? Und was hieß hier, in dieser Welt? Kamen wir etwa von einem anderen Planten? Also langsam zweifelte ich an dem geistigen Zustand dieser Leute. Das kam bestimmt davon, dass sie sich immer wieder in ein Tier verwandelten, sowas musste ja einen Hirnschaden hinterlassen. „Ähm … ja. Ich bin mir sicher, dass Sie es nur gut meinen, aber ich glaube nicht, dass ich auf so einen piekfeinen Ball passen würde.“ Und anfangen würde Geister anzubeten.
„Du bist ein Alpha aus unserer Blutlinie, ohne Frage passt du dort hinein.“
Da war ich definitiv anderer Meinung. Ich sollte mit irgendwelchen Snobs auf einen Ball gehen? Wahrscheinlich würde ich auch noch mit den ganzen Lackaffen tanzen müssen und das zu einer Musik, bei der ich im Stehen einschlafen würde.
Am liebsten hätte ich ihnen erklärt, wohin sie sich ihre Pläne schieben konnten. Mir war ja schon klar gewesen, dass sie mich zu einem Alpha machen wollten, aber so öffentlich? Das wollte mir so gar nicht gefallen.
Nur ein paar Wochen, rief ich mir in Erinnerung. Ich würde das nur ein paar Wochen durchhalten müssen, dann konnte ich wieder nach Hause gehen und … hm. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht so recht, was dann kommen würde. Einfach wieder studieren? Meinen Alltag aufnehmen? Elena auf den Mond schießen?
Während Königin Geneva sich den Mund mit einer Serviette abtupfte und Prinz Kaidan seine Schwester um das Salz für sein Frühstücksei bat, ereilte mich auf einem die Erkenntnis, dass wirklich nie wieder etwas so sein würde, wie es einmal gewesen war. Ja, ich konnte – und würde – in mein altes Leben zurückkehren, aber es würde nie mehr wie früher sein.
°°°°°
Eine Stunde später fand ich mich in einem kleinen Salon in der dritten Etage wieder und versuchte unter den strengen Blicken von Leona van Schwärn die Schrittfolge eines Walzers auf das Parkett zulegen.
Mit den bereits ergrauten Haaren, dem schmalen Gesicht und dem schlanken Körper, hätte sie eigentlich ganz hübsch sein können, wären da nicht die wirklich hässliche Brille auf der Nase, der strenge Knoten auf ihrem Kopf und der verdrossene Ausdruck in ihrem Gesicht.
„Nein, nein, nein“, unterbrach sie mich nun zum … ich wusste nicht mehr wievieltem Male. „Prinzessin Sadrija hat es Euch doch bereits ein Dutzend Mal gezeigt. Stellt euch ein Quadrat vor und dann geht es zurück, Seite, schließen, vor, Seite, schließen. Dann müsst Ihr von vorne beginnen und nicht noch ein Schritt nach hinten. Haltet Euren Arm höher und nicht mit dem Hacken auf dem Boden. Ihr seid eine Prinzessin und kein Elefant.“ Während sie sprach, untermauerte sie ihre Worte mit der passenden Bewegung.
Ich stöhnte und sah Sadrija hinüber, die es sich mit übergeschlagenen Bein in einem Sessel am Rand bequem gemacht hatte, den man nur als antik bezeichnen konnte. Sie wirkte nicht hämisch oder ungeduldig, während sie mich aus kühlen Augen beobachtete. Ja, sie zeigte nicht mal ein Zeichen von Ungeduld. Sie war nur da und weiter nichts.
Das fand ich irgendwie gruselig.
Gerne hätte ich nun einen Blick mit Lucy getauscht, einfach um mich nicht ganz so alleine zu fühlen, aber die stand zusammen mit Sadrijas Umbra draußen vor der Tür. Und Diego … naja, der musste schließlich auch mal etwas essen.
„Konzentriert Euch“, befahlt Frau van Schwärn mir. „Und beginnt noch einmal von vorn.“
Na super. Vielleicht wäre das Ganze einfacher, wenn ich Musik hätte und das hier nicht als staubtrockene Übung durchziehen müsste, denn ich konnte tanzen. Ich hatte es zwar nie gelernt, aber wenn ich in der Diskothek auf der Tanzfläche stand, wusste ich mich zu bewegen, ohne mich dabei lächerlich zu machen. Vielleicht würde aber auch ein wenig Geduld ihrerseits helfen.
Im Grunde war es auch egal. Ich hatte versprochen mich zusammenzureißen und folgte der Aufforderung deswegen kommentarlos. Rechter Fuß nach hinten, linker zur Seite, rechten Fuß ranziehen. Rechter Fuß nach vorne und …
„Nein, nein und nochmals nein.“ Ungeduldig tippte sie mit dem Fuß auf. Das machte sie schon die ganze Zeit und es machte mich wahnsinnig. „Den Schritt nach Vorne müsst ihr mit dem linken Bein tun, nicht mit dem rechten. Ihr müsst euch besser konzentrieren, Prinzessin Cayenne. Prinzessin Sadrija, wärt Ihr noch einmal so gütig Eurer Schwester die Schrittfolge zu zeigen?“
„Natürlich.“ Sadrija erhob sich von ihrem Platz mit einer angeborenen Anmut, die mich schon fast neidisch werden ließ. Die trat in die Mitte des Raumes, nahm Haltung an und begann sich zu lautlosen Klängen zu bewegen. Ich musste zugeben, es sah schon ziemlich beeindruckend aus. Elegant und adrett. Genau so stellte ich mir eine Prinzessin vor.
Das würde ich niemals hinbekommen und schon gar nicht bis nächste Woche.
Sobald meine Cousine fertig war und wieder zurück zu ihrem Platz ging, forderte die Van Schwärn mich auch schon auf das gesehene zu wiederholen. Ich kam zwei Schritte weit, dann bemerkte ich, dass ich mehr auf die Zehenspitzen gehen musste. Also nahm ich den Hacken höher, schaute dabei auf meine eigenen Füße und stolperte prompt zur Seite. „Verdammt!“, fluchte ich. Warum nur bekam ich das einfach nicht hin?
„Eine Prinzessin flucht niemals“, tadelte meine Mentorin mich sofort. „Sie verleiht ihren Unmut niemals Geltung.“
„Diese Prinzessin“, ich deute mit meinen Daumen auf mich, „bringt ihren Unmut immer zur Geltung.“
Von der Tür her erklang ein amüsiertes Lachen.
Ich drehte den Kopf und funkelte Prinz Kaidan an. „Na, vorbeigekommen um mal eine Lachnummer zu sehen?“, giftete ich ihn an und brachte mich dann wieder in Position, um mir nicht auch noch vor ihm die Blöße zu geben. Hacken hoch, Ellenbogen hoch, Kopf hoch. Am Besten wäre vermutlich, ich würde einfach fliegen lernen, dann wäre ganz automatisch alles oben.
„Nein, eigentlich wollte ich meine Hilfe anbieten. Paartänze lassen sich leichter lernen, wenn man einen gelernten Partner hat, um sie zu üben.“
„Du willst mir helfen?“ Bisher war ich der Annahme verfallen, dass er jede Gelegenheit nutzt, um sich über mich lustig machen. Darum fragte ich auch ziemlich misstrauisch: „Warum?“
„Warum sollte ich dir nicht helfen wollen?“ Er durchschritt den Raum mit langen Schritten und hielt mir dann einladend seine offenen Hand entgegen.
Ich blieb argwöhnisch, konnte aber keinen Hinterhalt an dem Angebot finden. Wenn man es genau nahm, hatte er bis jetzt eigentlich immer versucht, mir zu helfen – wenn auch nicht immer in meinem Sinne. Wahrscheinlich nahm ich es ihm einfach noch übel, dass er bei unserem ersten Aufeinandertreffen Diego gegen eine Fremde hatte eintauschen wollen. „Aber mecker nicht herum, wenn ich dir versehentlich auf den Fuß trete“, merkte ich an und legte dann meine Hand in seine.
Sein Lächeln ließ sein Gesicht erstrahlen. „Ich werde es wohl verkraften.“ Und dann, als würde er den ganzen Tag nichts anderes tun, legte er mir eine Hand an die Schulter und verschränken die andere mit meiner.
Zu meiner Überraschung stand dann auch noch Sadrija auf und begann damit meine Haltung zu korrigieren. „Nimm den Arm höher“, wies sie mich an und drückte meinen Ellenbogen in einen ungewohnten Winkel. „Und lass Kai führen.“ Sie presste ihre gerade Hand gegen meinen Rücken. „Halt dich aufrecht. Schultern zurück, Kopf gerade. Such dir einen Punkt in Kais Gesicht und den behältst du dann im Blick. Kinn hoch.“
Ich war so verdutzt, von ihrer plötzlichen Hilfe, dass ich ihre Anweisung ohne Widerworte befolgte.
Sadrija trat wieder zurück und ging zu dem uralten Grammophon. Zwei Handgriffe später war der Raum von den sanften Klängen eines Walzers erfüllt.
„Und jetzt zusammen. Zurück.“ Kaidan drückte ein wenig, wodurch ich den linken Fuß ganz automatisch nach hinten setzte. Und dann tanzten wir.
Ich hatte absolut keine Ahnung wie das Prinzchen das machte, aber plötzlich fiel es mir viel leichter den Schritten zu folgen und das auch noch ohne ihm auf die Füße zu treten, oder über meine eigenen zu fallen. Nach ein paar Minuten zeigte er mir sogar schon die nächsten Schritte und auch wenn ich bei denen ein wenig länger brauchte, mit der Zeit bekam ich den Bogen raus.
Irgendwie war es seltsam so zu tanzen, einfach weil es völlig ungewohnt war, doch mit der Zeit begann es mir sogar Spaß zu machen – ein kleinen Wenig nur und auch nur, solange die Van Schwärn den Schnabel hielt. Als Kaidan mich nach einer Weile einfach nur zum Spaß herumwirbelte, konnte ich sogar lachen. „Das kannst du echt gut, Genosse.“
„Genosse?“ Er zog die Augenbrauen hoch.
„Hoheit, Prinz, Hochwohlgeboren, Durchlaucht. Such dir was aus.“
„Wie wäre es einfach nur mit Kai?“
Ich ließ mich von ihm wegdrehen und wieder heranziehen. Einzig seinem Können war es wohl zu verdanken, dass ich uns beide bei diesem Manöver nicht zu Boden riss, sondern einfach nur gegen seine Brust knallte. „Kai hört sich gut an, aber nur, wenn du mich Cayenne nennst. Ich hab nicht besonders viel dafür übrig, wenn sich alle in meiner Gegenwart wie Arschkriecher benehmen.“
Bei diesem Wort schürzte meine Mentorin übertrieben die Lippen. „Prinzessin Cayenne, ich muss doch sehr bitten.“
Ich verdrehte die Augen. „Wie hältst du das bloß aus? Ich bin den zweiten Tag hier und würde mich jetzt schon am liebsten aus dem nächsten Fenster stürzen.“
„Dir mag das ganze unangenehm sein, aber ich bin damit aufgewachsen, ich kenne nichts anderes.“ Er drehte mich einmal um mich selbst, ließ mich dann los und trat einen Schritt zurück. Nur meine rechte Hand blieb in seiner. „Ich würde mich wahrscheinlich in deiner Welt ein wenig unwohl fühlen.“
„Nur wenn du was gegen heimliches Ausreißen und wilde Partys hättest.“
Sein Lächeln sackte etwas in sich zusammen. „Ich bin ein Prinz. Ausreißen ist gegen meine Pflicht.“
„Gerade das macht es doch so interessant.“
Einen Moment betrachtete er mich nachdenklich. „Bist du den schon mal ausgerissen?“
Ich lächelte geheimnisvoll, antwortete ihm aber nicht.
„Ich möchte Eure Unterredung nicht grob unterbrechen“, unterbrach Frau van Schwärn unsere Unterredung grob, „aber Prinzessin Cayenne hat einen sehr strafen Zeitplan, der keinen Aufschub gewährt.“
Sadrija stellte das Grammophon ab. Dabei entstand ein Geräusch das einem in den Ohren schmerzte. „Geh Kai.“
Das Prinzchen beugte sich mir ein wenig entgegen. „Irgendwie habe ich auf einmal das Gefühl, nicht länger erwünscht zu sein.“
Das Gefühl kannte ich. „Nimmst du mich mit?“, flüsterte ich verschwörerisch zurück und erntete dafür ein Lächeln.
Nein er nahm mich nicht mit, gab mir zum Abschied aber einen Kuss auf den Handrücken, der ich verstohlen an meinem Kleid abwischte, als ich glaubte, niemand würde es bemerken. Nicht das es ekelig war, es war nur seltsam. Ich hatte noch nie einen Handkuss bekommen.
„Setzt Euch, Prinzessin Cayenne“, forderte mich Frau van Schwärn auf und befolgte dann ihre eigene Anweisung.
Als ich mich genau wie sie in einem der antiken Sessel bei Sadrija fallen ließ, gab ich ein erleichtertes seufzen von mir. Wer hätte geglaubt das Walzertanzen anstrengend genug war, um mich ins schwitzen zu bringen. Nun gut, es war ja auch nicht unbedingt kühl. Und doch war ich froh meine Füße einen Moment ausruhen zu können.
„Bitte erhebt Euch noch einmal.“
Ich sah die Van Schwärn an wie ein Pferd.
„Erhebt Euch, Prinzessin.“
So viel zum Thema ausruhen. Mit einem weiteren Seufzen erhob ich mich wieder.
„Und nun lasst Euch langsam und anmutig in den Sitz sinken. Beine zusammen, Hände im Schoß, Rücken gerade. Ihr seid kein Plumpssack.“
War das ihr verdammter Ernst? Ich ließ mich genau wie zuvor in den Sessel fallen.
Sie schürzte die Lippen. Das schien sie gerne zu tun. „Prinzessin Cayenne, dieses Verhalten ist nicht sehr hilfreich.“
„Was wollen Sie mir damit nur sagen?“
Ob ihre Lippen irgendwann einfach so bleiben würde, wenn sie die zu oft spitzte? „Jeder Dummkopf kann sich wie ein Dorfdepp aufführen, Ihr jedoch seid eine Prinzessin und dementsprechend hegt man gewisse Erwartungen an Euch. Dazu zählt auch Euer Verhalten, Eure Sprache, Euer ganzes Auftreten. Ich bin hier um Euch auf das vorzubereiten, was Euch erwartet. Es wäre also hilfreich für uns beide, wenn Ihr Eure unangebrachte Sturheit ablegen würdet.“
„Sie vergessen sich“, sagte Sadrija sehr leise.
Frau van Schwärns Haltung wurde gleich ein wenig wachsamer. „Verzeiht, ich wollte nicht unhöflich sein.“
Doch, genau das wollte sie, da war ich mir sicher. Was mich nur verwunderte, dass Sadrija für mich einstand. Das wurde wirklich zunehmend seltsamer.
„Nicht nur Sie werden Großvater Bericht erstatten.“ Das war eindeutig eine Warnung.
So wie die beiden sich daraufhin anschauten, kam ich mir auf einmal ein wenig überflüssig vor, doch dann richteten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich.
„Nun gut“, sagte meine Mentorin und fixierte mich. „Stellen wir das erstmal hinten an. Es gibt noch andere Dinge, die Ihr viel dringender lernen müsst. Euer Verhalten und Umgang mir anderen Lykanern. Ihr werdet eine Prinzessin des Rudels der Könige sein und als solche müsst Ihr bei allem was ihr tut eines immer im Hinterkopf behalten: Ihr repräsentiert die Unschuld.“
„Unschuld?“ Ich hatte zwar noch keinen Sex gehabt, aber unschuldig war ich ganz sicher nicht mehr.
„Ihr seid die Reinheit, ein Licht in der Dunkelheit, etwas das schützt und beschützt werden muss. Der Kern des Rudels, der alles zusammenhält.“
Ah-ja. „Soll das heißen, ich bekomme ein Elektroschocker oder sowas?“
Es war geradezu zu sehen, dass ihr eine spitze Bemerkung auf der Zunge lag, doch dann schüttelte sie einfach nur den Kopf. „Nein, es ist genau das was ich sage. Der erste Alpha hat das sagen, doch der Zusammenhalt entsteht aus dem Bedürfnis heraus, etwas zu behüten. Eine Prinzessin hat Macht, doch gleichzeitig ist sie ein Zeichen der Integrität.“
„Das heißt dann also, der erste Alpha hat das Sagen, doch eine Prinzessin ist der Kleber, der das ganze Gebilde zusammenhält.“
Sie antwortete mit einem einfachen „Ja“ und schien nicht weniger überrascht als ich, dass ich es kapiert hatte.
„Und wenn es keine Prinzessin gibt?“, wollte ich wissen. „Ich meine, bevor Isaac und Geneva Kinder bekommen haben, gab es doch keine Prinzessin, oder?“
„König Isaac und Königin Geneva“, verbesserte die Van Schwärn mich sofort. „Sollte es keine Prinzessin geben, liegt die Macht noch immer beim Ersten Alpha, nur ist es für ihn dann anstrengender das Rudel zusammenzuhalten. Es ist bei Weitem nicht unmöglich, doch ist es leichter und auch für alle Beteiligten viel entspannter, wenn der Kern gestärkt wird. Eine Prinzessin bring dem Lykanern Frieden.“
„Also bin ich für die Leute nichts anderes, als ein bisschen Canabis?“ Ich schaute zu Sadrija. „Und das machst du freiwillig?“
„Wir alle wurden geboren um eine Aufgabe zu erfüllen. Dies ist die unsere.“
Aber sicher doch. Ich konnte mich gerade noch so zusammenreißen, um nicht zu schnauben.
„Das ist aber noch nicht alles“, erklärte die Van Schwärn weiter. „Um das zu sein, muss ein gewisse Prestige eingehalten werden. Eine Prinzessin muss unberührt sein, in Körper, Blut und Geist.“
„Das heißt ich darf mich niemals wild in den Laken wälzen?“ Nein, ich konnte es einfach nicht lassen. „Wo bekommen die Alphas dann all ihre Babys her?“
Wie nicht anders zu erwarten, schürzte sie daraufhin wieder die Lippen. „Ich muss doch sehr bitten. Und dieses ist keine Regel, deren genauer Wortlaut eingehalten werden muss, es ist eine Richtlinie. Ihr dürft Euren Körper nicht schänden. Kein Schmuck, der Eure Haut durchsticht, keine Tätowierungen, keine Haareschneiden.“
Ah, das erklärte dann wohl, warum meine Mutter mit mir immer einen weiten Bogen um jeden Friseursalon gemacht hatte.
„Euer Blut muss rein bleiben. Keine Drogen, keine Mistos als Partner, oder als Kind.“ Bei dem letzten Teil verzogen sich ihre Lippen ein kleinen wenig. „Ihr braucht einen klaren und aufmerksamen Geist.“
„Ich muss also ein strahlender Engel werden“, fasste ich zusammen und konnte kaum glauben, dass sie das Ernst meinte.
„Ja“, erwiderte sie. „Das ist ein ausgesprochen guter Vergleicht.“
Okay, jetzt war ich mir sicher, die hatten hier doch alle einen Sockenschuss.
Leider war das erst der Beginn meiner heutigen Lektion. Bei den ganzen Informationen die meine Mentorin und Sadrija in mein Hirn stopften, hatte ich schon sehr bald das Gefühl, mir würde bald einfach der Kopf platzen. Selbst als uns gegen Mittag von ein paar Dienern verschiedene Speisen gebracht wurden, hörten sie nicht auf, jedes Quäntchen Luft in meinem Hirn mir irgendwelchem Prinzessinnen-Müll zu füllen.
Eins wurde mir jedoch sehr schnell klar. Wenn ich all das tat was sie wollten, dann wäre ich am Ende nicht mehr ich, sondern … naja, Sadrija und diese Aussicht wollte mir so gar nicht gefallen.
Als ich am Nachmittag endlich entlassen wurde, qualmte mein Kopf und ich hatte die Hälfte von dem ganzen Quatsch bereits wieder vergessen. Das würde sicher noch Folgen haben. Doch im Moment war ich einfach nur froh, endlich hier raus zu können. Also nahm ich die Beine in die Hand, schnappte mir Lucy und machte eilig einen Abgang, bevor noch jemand auf die glorreiche Idee kam, mich wieder zurück zu holen.
„Ich muss dich loben“, sagte Lucy, als sie mir den Korridor entlang folgte. „Du hast dich den bisherigen Tag sehr gut gehalten.“
„Warum klingt das in meinen Ohren so überrascht?“
Sie lächelte mich mit einem eindeutigen Blick an.
„Du kannst mich mal“, sagte ich und nahm die Treppe nach unten in Angriff. Dabei ignorierte ich den neugierigen Blick eines Mannes, der mir entgegen kam. Würden die irgendwann aufhören mich wie eine Kuriosität anzustarren?
„Du musst doch zugeben, dass du in deinen Leben noch nie so viel Zurückhaltung gezeigt hast wie heute“, grinste Lucy. „Und bevor du jetzt einen deiner schlauen Sprüche loslässt, ich hab bemerkt, wie du dir heute mehr als nur einmal auf die Zunge gebissen hast.“
„Und?“, fragte ich, weil ich mich nicht geschlagen geben wollte.
„Nichts und. Ich bin nur stolz auf dich.“
Dieses kleine Kompliment erwärmte mein Herz. Sie war stolz auf mich. Kein Schimpfen, oder keine langen Vorträge, einfach nur ein kleines Lob.
„Jetzt musst du nur noch lernen, nachzudenken, bevor du sprichst, Genosse ist nämlich kein Wort, mit dem man einen Adligen bezeichnet.“
Na toll. „Können wir wieder an den Punkt zurückkehren, an dem du einfach nur Stolz auf mich warst?“
Sie grinste. Ich verdrehte nur die Augen und zögerte auf der letzten Stufe, nicht sicher, wie genau es von hier aus weiter ging. Vielleicht hätte ich doch besser die Haupttreppe hinunter ins Foyer genommen.
„Wo gehen wir eigentlich hin?“, wollte Lucy wissen.
„In die Ställe.“ Wenn ich den Grundriss halbwegs richtig im Kopf hatte, dann müsste ich von hier aus den Gang rechts runter, oder? Probieren ging über studieren, also ab nach rechts.
Lucy gab ein genervtes Geräusch von sich. „Hast du mir gestern eigentlich zugehört, als wir über Vampire gesprochen haben?“
„Alex ist nett“, sagte ich nur. „Wenn du ein Problem mit ihm hast, ist das deine Sache. Ich für meinen Teil habe versprochen, ihn wieder zu besuchen und werde mich daran halten.“ Wobei versprochen eigentlich zu viel gesagt war. Aber ich brauchte jetzt eine Auszeit von meiner Familie.
Das gefiel Lucy nicht. Sie sagte zwar nichts dazu, aber ihre Verärgerung ging in keinen Wellen von ihr aus.
Trotz meines räumlichen Denkvermögens, musste ich ein wenig herumsuchen, bis ich schließlich ausversehen in der Küche landete und von dort einen Ausgang hinaus in den Garten fand. Von hier aus fand ich den Weg zu den Ställen ganz einfach.
Bereits von Weitem erkannte ich, dass dort heute mehr Betrieb herrschte, als gestern Abend. Als ich zu dem Stall marschierten, in dem ich gestern auf Alex getroffen war, drehten sich einige Köpfe zu mir um. Ich ignorierte sie so gut ich konnte.
Bevor ich jedoch in den Stall trat, blieb ich noch einmal stehen und drehte mich zu Lucy um. „Wirst du nett sein?“
So wie sie mich anschaute, lautete die Antwort wohl nein.
Immer das selbe mit ihr. „Dann bleib draußen.“ Ich hatte nämlich kein Interesse an Stress.
Zu meiner Überraschung, bezog sie tatsächlich draußen vor dem Tor Stellung.
Da konnte man doch wirklich nur noch den Kopf schütteln. Und das alles nur, weil er ein Vampir war. Naja, wenn man da so an die letzten Wochen dachte … vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass sie draußen blieb und mich von dort aus im Auge behielt.
Ich ging die ganze Gasse ab, schaute in jede Box, an der ich vorbei kam. In manchen standen Pferde, andere waren leer und in einer entdeckte ich ein kleines Mädchen, das in dem losen Stroh scheinbar verstecken spielte, aber Alex entdeckte ich nirgends.
Kurz bevor ich das Ende erreichte, trat ein kräftiger Mann mit einer vollgeladenen Schubkarre und schwarzen Haaren aus einer der Boxen. Bei meinem Anblick verharrte er überrascht.
„Prinzessin Cayenne.“ Da er die Hände voll hatte, deutete er mit dem Kopf eine Verbeugung an. „Kann ich Euch behilflich sein?“
Mir fiel die Kinnlade herunter. Diese Präsenz, die von dem Typen ausging, war so enorm, dass sie beinahe schon bedrohlich wirkte. Daran konnte nicht mal sein freundliches Lächeln etwas ändern. Aber was mich für einen Moment wirklich aus dem Konzept brachte, waren seine Augen. Sie waren blau, genau wie die von Ryder.
Eine Gänsehaut kroch mir über die Arme. „Ja, ähm …“ Über die Schulter hinweg, warf ich einen Blick zu Lucy nach draußen. Sie beobachtete mich. „Ich bin auf der Suche nach einem Stallburschen, er heißt Alex, ähm, Alexander.“
„Alexander?“ Der Mann … Vampir stutzte einen Moment. „Darf ich erfahren, was Alexander getan hat?“
„Getan?“ Was war denn das für eine Frage? „Warum sollte er etwas getan haben, nur weil ich ihn sehen möchte?“
Nur war er es, der leicht verunsichert war.
Ich schnaubte. „Er hat gar nichts getan“, sagte ich um den Typ schnell wieder los zu werden, weil ich mich in seiner Gegenwart irgendwie klein fühlte und das mochte ich gar nicht. Diese Präsenz war wirklich erdrückend. „Ich wollte ihn besuchen, das ist alles.“
Bei diesen Worten wirkte er sofort erleichtert. „Alex ist draußen.“ Er zeigte zu dem offenen Stalltor ganz hinten. „Dort könnt Ihr ihn finden.“
Oh Mann, so wie der sich verhielt, hätte man wirklich annehmen können, ich wäre ein Henker mit einer tragbaren Guillotine. „Danke“, sagte ich schnell und machte dann, dass ich von ihm wegkam. Der Kerl war wirklich einschüchternd.
Hinaus kam ich jedoch nicht. Nach ein paar Schritten Richtung Tor, trat Alex mit einem großen Schecken an den Zügeln herein. Als er mich erblickte, blieb er genauso wie der andere Vampir einfach stehen. Das Pferd interessierte das nicht. Es lief einfach weiter und als die Zügel zu ende waren und nicht mehr vom Fleck kam, riss es den Kopf herum und zog Alex damit ein Stück nach vorne.
Ich kicherte. „Wer führt hier eigentlich wen?“
Alex bedachte das Tier mir einem bösen Blick, setze sich aber wieder in Bewegung. „Er ist ein wenig eigenwillig.“
Ich trat ein Stück zur Seite, damit er vorbei konnte und schloss mich ihm dann an. „Also auf mich macht er den Eindruck, als wüsste er ganz genau was er will.“
Er musterte mich von der Seite.
„Du fragst dich wohl, was ich hier schon wieder will.“
„So könnte man sagen.“ Er brachte den Schecken zu der Box, in dem das kleine Mädchen noch immer wie ein Frosch durchs trockene Stroh hüpfte, schickte sie raus und führte das Pferd hinein.
„Ich hab für heute einfach genug von dem gehobenen Adel, ich wollte mal wieder jemand normales um mich haben.“
Alex machte die Leine los und griff dann nach dem Halfter.
Das Pferd drehte einfach den Kopf weg.
Alex stemmte die Hände in die Hüften. „Du weißt wie es läuft. Wenn du nicht still hältst, dann gibt es keine Karrotte.“
Wie süß, er redete mit Tieren. „Glaubst du er versteht was du sagst?“
„Oh, der Knabe weiß ganz genau was ich will.“
Vielleicht hatte er recht, aber dieses Pferd hatte auf jeden Fall seinen eigenen Willen und machte es Alex nicht unbedingt einfach. Schnell merkte ich, dass das Pferd, sehr störrisch war. Als er ihm den Rücken striegelte wollte, drehte es sich einfach weg und als er dann hinterher ging, landete der Schweif in seinem Gesicht. Ich kicherte, während er versuchte, das Pferd an die Wand zu drängen, um mit seiner Arbeit fortzufahren, es aber einfach um ihn herumlief und ihm mit dem Kopf von sich schubste. Er grummelte dem Pferd etwas von Sturkopf zu, worauf hin es verächtlich schnaufte.
Während ich die beiden beobachtete, bekam ich Sehnsucht nah Elvis. Wie es meiner kleinen Kratzbürste wohl ging? Wahrscheinlich war er schwer beleidigt, dass ich ihn einfach zurückgelassen hatte.
Als der Mann mit der Schubkarre wieder an mir vorbei fuhr, rückte ich ein wenig näher an die Box. „Der ist irgendwie unheimlich“, murmelte ich, sobald der Kerl an uns vorbei war.
„Wer?“
Ich zeigte auf den Vampir.
„Du findest meinen Vater unheimlich?“ Er grinste.
„Ähm …“ Ups. „Naja, er ist schon freundlich, aber … da ist halt … hm.“ Wie drückte ich das jetzt am Besten aus, ohne völlig bescheuert zu klingen?
„Ein gereifter Vampir?“
„Ein was?“
So wie er mich daraufhin anschaute, war das wohl nicht unbedingt die klügste Frage gewesen, die ich hatte stellen können. Aber mal ehrlich, was bitte sollte ein gereifter Vampir sein?
„Du hast in deinem Leben wohl noch nicht viel mit Vampiren zu tun gehabt“, mutmaßte er ganz richtig und schob den Schecken zur Seite, als der versuchte sein Hemd zu fressen.
„Nein“, sagte ich im vollen Bewusstsein, mich gerade auf dünnes Eis zu begeben. „Da waren immer nur ich und … meine Eltern.“ Gott, ich bekam diese Lüge kaum über die Lippen.
Er nickte, als würde er verstehen. Dann lehnte er sich mit den Unterarmen auf das Boxentor. „Wenn ein Vampir erwachsen wird, entwickelt er mit den Jahren eine Art Aura oder auch Präsenz, wenn du so willst.“
„Und wozu ist die gut?“
„Zu einen zeigt sie, das man kein kleiner Junge mehr ist, aber hauptsächlich ist sie dazu gedacht, unsere Wirte zu schützen.“
„Wirte wie in …“ Ich ließ die Frage offen. Er meinte sicher nicht, was ich glaubte. Da wäre ja barbarisch.
„Blutwirte.“
Doch, er meinte ganz genau das was ich dachte.
„Wenn wir von jemanden trinken, bleibt bei demjenigen eine Zeitlang etwas von unserer Präsenz zurück. So wird verhindert, dass ein weiterer Vampir bei ihm trinkt, bis der Wirt sich wieder vollkommen erholt hat.“
„Als würdet ihr euer Bein heben und die Leute anpinkeln.“
Er lachte und schob den Schecken ein weiteres mal zur Seite. „Ist ja gut, du bekommst ja deine Karotte.“ Alex öffnete das Tor einen Spalt und schlüpfte aus der Box.
„Du hast aber nicht so eine Präsenz.“ Als er losmarschierte, schloss ich mich ihm einfach wieder an.
Er grinste schief. „Das kommt noch.“
Raphael hatte sowas auch nicht gehabt.
Vor Überraschung stolperte ich fast über meine eigenen Beine. Ich hatte an ihn mit seinem richtigen Namen gedacht. Wow, ich war also doch noch lernfähig. Nicht dass das noch irgendeine Bedeutung hätte. „Und wie alt muss man sein, um so unheimlich zu werden?“, fragte ich, um mich direkt wieder auf andere Gedanken zu bringen.
Kurz vor dem hinteren Tor bog Alex in die Sattelkammer ab. „Dreißig bis vierzig.“
„Und du bist?“
„Sechsundzwanzig.“
Oh-ha, ich hätte ihn kaum älter als Anfang zwanzig geschätzt. Aber dann musste ich mir wieder in Erinnerung rufen, dass sowohl Vampire, als auch Werwölfe die doppelte Lebenserwartung von Menschen hatten. Darum sah meine Mutter auch aus wie ende zwanzig, obwohl sie schon Anfang vierzig war.
Alex wandte sich einer Kiste in der Ecke zu, in der sich die Karotten nur so stapelten. „Kannst du mir mal die blaue Pferdedecke vom Haken geben?“
Wie sich gleich darauf herausstellen sollte, konnte ich es nicht. Ich ging zu dem Haken, streckte mich nach der Decke und hatte mal wieder das unglaubliche Glück einen heraustehenden Nagel in der Wand zu finden. Natürlich bemerkte ich das erst, als ich mir mit einem Ruck den Schorf von der Schnittverletzung abriss, die ich mir nach meiner Aufräumaktion bei den Mülltonnen zugezogen hatte.
Zischend riss ich die Hand zurück. Die Pferdedecke fiel zu Boden und in meiner Hand sammelte sich das Blut. „Mist verdammter.“
„Was ist los?“
Als ich sah, wie er seinen Blick auf mich richtete, bekam ich auf einmal ein ganz ungutes Gefühl. Enge Kammer, blutende Wunde, hungriger Vampir. Keine gute Kombination.
Meine Gedanken mussten mir wohl ins Gesicht geschrieben haben, den Alex schnaubte nur. Doch dann blähten sich auf einmal seine Nasenflügel und sein Lächeln erstarb einfach. „Was hast du getan?“
Irgendwas in seiner Stimme veranlasste mich dazu einen Schritt vor Ihm zurückzuweichen. „Ähm …“ Ja was hatte ich denn getan? „Ich hab mich geschnitten. An einer Glasscherbe. Als ich den Müll weggebracht habe.“
„Das habe ich nicht gemeint.“ Auf einmal stand er direkt vor mir und riss meine Hand so plötzlich zu sich heran, dass ich beinahe noch gegen ihn gefallen wäre.
Als er meine Hand dann auch noch zu seinem Gesicht hob, war ich kurz versucht ihn zu treten und dann schnellstens abzuhauen. Doch gerade als ich den Fuß hob, bemerkte ich, dass er mich gar nicht beißen wollte, sondern an meiner Hand schnüffelte.
Mein Gott, die hatten hier doch alle einen an der Waffel. Erst Kai, jetzt er. Und bevor ich dazu kam meine Hand wegzuziehen, steckte er sich den Finger in den Mund und schmadderte mir eine ordentliche Portion Sabber auf die Wunde.
Genau wie letzten Samstag, als Ryder etwas Ähnliches bei mir getan hatte, begann die Wunde leicht zu kribbeln. Dann konnte ich dabei zuschauen, wie die Blutung aufhörte und die Wunde begann sich zu schließen. Und dann, bevor ich reagieren konnte, zog er mich plötzlich zu einem Wassereimer in der Ecke und wusch mir hastig das Blut von der Hand.
„Hey!“, beschwerte ich mich. „Das kann ich auch alleine.“
Er ließ mich los.
„Was sollte diese Schnüffelaktion gerade?“, wünschte ich zu erfahren, während ich auch den letzten Rest Blut von meiner Hand entfernte.
„Ich habe versucht zu erfahren, wer es war, aber zum Glück kenne ich ihn nicht und wenn ich dir einen guten Rat geben darf, schickt ihn in die Wüste. Das kann nicht gut enden.“
Verwirrt verzog ich das Gesicht. „Wovon zum Teufel sprichst du da?“
Seine Lippen wurden zu einer dünnen Linie. „Hör zu, das geht mich nichts an und ich werde dich auch nicht verraten, aber das kann nicht gutgehen.“
Hä? „Kannst du mal Klartext sprechen? Ich verstehe nämlich kein Wort.“ Ich richtete mich wieder auf, sah mich nach einem Handtuch um, aber da keines da war, wischte ich mir die Hand an meinem Kleid ab. Die Wunde war nun fast verschwunden.
Er musterte mich. Studierte mein verwirrtes Gesicht und schien dann selber ein wenig verwirrt. „Weißt du es gar nicht?“
„Keinen Schimmer, was du meinst.“
Das schien ihn nicht sehr fröhlich zu stimmen. Nervös strich er sich übers Gesicht, sah sich dann um, ob auch niemand zugegen war und trat dann einen Schritt näher, als wollte er verhindern, dass irgendwer etwas mitbekam. „Du bist markiert worden.“
„Und das heißt?“
Alex seufzte schwer. „Das heißt, dass ein Vampir dich als die Seinige gezeichnet hat, als du dich von ihm hast beißen lassen. Ich meine, ich verstehe das, der Endorphinrausch ist ganz nett, aber du solltest …“
„Moment, Moment“, unterbrach ich ihn, weil ich absolut nicht mehr mitkam. „Immer der Reihe nach. Also, als erstes, was bedeute als Seinige gezeichnet und zweitens, ich habe mich nie von einem Vampir beißen lassen. Wie wir vorhin bereits festgestellt haben, hatte ich noch nie viel mit Vampiren zu tun.“ Und wenn ich ganz ehrlich war, hatte ich noch immer großen Respekt vor ihnen, versehen mit einer Prise Furcht. Und wenn ich da an Ryder – Mann, Raphael! – dachte, auch Misstrauen.
„Du wurdest nicht gebissen?“, fragte er mich mit wachsender Verwirrung.
„Nein.“
„Und du weißt nichts von einer Markierung?“
„Nein.“
Alex überlegte. „Gab es vielleicht einen anderen Moment, in dem ein Vampir zu deinem Blut gekommen ist, während du es noch im Körper hattest?“
„Nein.“ Das dritte in Folge. Der einzige Vampir, der mir je nahe genug gekommen war, um mich beißen zu können, war Raphael – ja! – und der hatte das nicht getan, er hatte mich nie gebissen, nie mein Blut getrunken, und mich nie … oh Backe. „Doch“, hauchte ich, als mir plötzlich der Kuss wieder in den Sinn kam.
Ryder hatte meine Hand an den Mund gehoben, um sie zu heilen und dabei einen kurzen Moment seine Reißzähne hineingebohrt.
„Aber … es war nur ganz kurz gewesen.“, sagte ich mehr zu mir, als zu ihm. „Er wollte die Wunde heilen.“
Mit verschränkten Armen lehnte Alex sich an die Wand der Sattelkammer. „Das ist nicht gut.“
„Warum? Was bedeutet das?“
„Du bist eine Prinzessin“, sagte er, als hätte ich es vergessen. „Eine Prinzessin muss unberührt sein, in Körper, Blut und Geist.“
Das hatte ich doch heute erst gehört. Wenn das rauskam, würde das sicher mordsmäßigen Ärger geben. Ryder du Schwachkopf! „Und was mache ich jetzt? Kann ich diese Markierung irgendwie loswerden?“
„Nur wenn er stirb.“
Das machte mich einfach nur sprachlos.
Alex seufzte und rieb sich über die Stirn. „Eine Markierung wird von einem Vampir ganz bewusst gesetzt. Damit sendet er anderen Vampiren ein deutliches Zeichen. Du gehörst nun zu ihm. Damit hat er dich sozusagen unter seinen Schutz gestellt. Keiner der noch klar bei Sinnen ist, würde jetzt noch dein Blut wollen. Und wenn doch, dann sollte er sich schon mal nach einem Grabstein umsehen.“
Ich gehörte nun zu ihm? „Du meinst, Ryder würde jemanden töten? Wegen mir?“ Der Gedanke schoss mir so plötzlich durch den Kopf, dass ich ihn einfach fragen musste. Doch erst nachdem ich es ausgesprochen hatte, wurde mir die volle Tragweite bewusst.
„Ryder?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Das ist also sein Name?“
„Ähm … naja.“ Nicht wirklich. Aber wahrscheinlich war es gut, dass ich ihn mal wieder mit seinem falschen Namen bezeichnet hatte.
Nach einem Moment der Stille sagte er dann: „Ja, Ryder würde für dich töten und zwar ohne mit der Wimper zu zucken. Was mich gleich noch viel mehr verwirrt. Ein Vampir markiert normalerweise keinen reinblütigen Werwolf. Sowas macht man nur mit seinem Lebenspartnern und Schutzbefohlenen. Jemanden den man liebt und dem man vertraut. Jemanden, den man niemals verlieren will.“
Diese Worte schlugen bei mir ein wie eine Bombe und ich konnte gar nicht anders, als an die drei gemurmelten Worte zu denken, die Ryder mir bei unserem letzten Treffen ins Ohr geflüstert hatte.
Ich liebe dich.
Aber das war doch eine Lüge gewesen. Es konnte gar nichts anderes als eine Lüge sein, schließlich war alles eine Lüge gewesen. Das passte doch nicht zusammen. „Was soll ich denn jetzt machen?“
Ein wenig hilflos zuckte er mit den Schultern. „Achte darauf, dass du dich in der Nähe von Vampiren nicht verletzt. Die Markierung ist ziemlich schwach und kann von Vampiren nur wahrgenommen werden, wenn du eine offene Wunde hast.“
„Und was ist mit den Lykanern?“
„Ein Lykaner muss schon eine sehr sehr feine Nase haben, um das zu riechen, selbst bei einer offenen Wunde.“
Ich traute mich kaum die nächste Frage zu stellen. „Und wenn es doch einer riecht?“
Sein Blick war eindringlich. „Ich hoffe für deinen Ryder, dass das nicht passiert“, sagte er schließlich. „Kein Werwolf wäre darüber erfreut und es könnte ihn das Leben kosten.“
Denn nur so konnte die Markierung wieder gelöst werden. Nein, Alexander übertrieb bestimmt. Man brachte doch niemanden wegen sowas um. Dagegen gab es doch bestimmt Gesetzte. „Aber ich kann mich doch nicht in Watte einpacken, um zu verhindern dass ich mich verletze. Früher oder später wird es irgendein Vampir sicher bemerken. Die laufen hier doch überall herum.“
„Die Vampire arbeiten nicht im Schloss“, klärte Alex mich auf. „Nur hier draußen in der Menagerie. Wir dürfen das Schloss nicht einmal betreten.“
„Hä?“ Nicht sehr Wortgewandt, aber das brachte meine Gedanken in etwa zum Ausdruck.
Alex lächelte. „Die Vampire, die im Hof angestellt sind, sind dazu da, sich um die Tiere zu kümmern. Wir haben ein sehr feines Gespür für andere Wesen.“
Das würde vielleicht erklären, warum meine schwarze Kratzbürste sich hatte von Raphael anfassen lassen. „Ihr bereitet die Pferde also praktisch für die Lykaner vor.“
„Wir sind auch dazu da, die Tiere an ihre Herren zu gewöhnen.“
Ansonsten würden die Pferde vermutlich Reißaus nehmen, sobald sie einen Werwölfe nur rochen.
Mein Blick richtete sich auf meine nun völlig verheilte Handfläche. Was zur Hölle hatte Raphael sich nur dabei gedacht? Das war doch dumm und konnte ihn in Teufels Küche bringen. „Nimm es mir nicht übel, aber ich glaube, ich verschwinde erstmal.“
Alex nickte verstehend. Das war ja auch ein ziemlich fetter Brocken, den er mir da aufgetischt hatte. Den musste ich erstmal verdauen. „Aber denk dran“, sagte er noch, bevor ich aus der Sattelkammer verschwand. „Erzähl niemanden davon.“
Nicht mal meinen Freunden. Ich verstand, auch wenn es das nicht unbedingt leichter machte.
Ich bekam es einfach nicht in meinem Kopf. Warum? Warum machte er sowas? Hatte er geglaubt, mich damit halten zu können? Wollte er damit sicher gehen, dass mich niemals ein anderer bekam? Oder glaubte er einfach nur, dass er mich damit in Sicherheit wiegen würde? Es war mir einfach unbegreiflich und je länger ich darüber nachdachte, desto schwerer wurde mein Herz.
Ich wollte das nicht. Ich wollte ihn weg haben. Weg aus meinem Kopf, weg aus meinen Gefühlen und auch weg aus meinem Blut, aber darin hatte er sich ja nun für eine ganze Ära verewigt. Und jetzt, ohne mir dessen überhaupt bewusst gewesen zu sein, trug ich auch noch sein Mal an mir. Er hatte mehr Spuren auf mir zurückgelassen, als ich geahnt hatte und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. „Du bist so dumm“, murmelte ich, während ich durch die Stallgasse lief. „So unglaublich dumm.“
°°°
Am Abend trat ich an der Seite von Diego in den sogenannten Rosensaal. Woher er den Namen hatte, musste ich nicht lange fragen. Das große, rosenförmige Mosaik im Boden, war mir Anhaltspunkt genug. Ich war nicht zum ersten Mal hier, doch im Gegensatz zu gestern, war der Raum heute bereits in Dunkelheit getaucht. Es war ja auch schon kurz vor elf. Zeit für meinen Verwandlungsunterricht.
Zwar war ich nicht besonders scharf darauf, jetzt noch zu Unterricht zu müssen – schon gar nicht, wenn es darum ging mich in ein haariges Monster zu verwandeln – aber ich wurde hier ja nicht gefragt.
Gerade wollte ich mich nach einem Lichtschalter umschauen, da hörte ich diese Stimme zum allerersten Mal.
„Lasst es aus.“
Vor Schreck wirbelte ich so schnell herum, dass mir mein Zopf ins Gesicht klatschte – aua, meine Nase. Verwundert schaute ich mich nach dem Urheber der Stimme um. Das hatte irgendwie seltsam geklungen. Ein sanfter, melodischer Tonfall. Aber die Stimme war nicht im Saal erklungen, sondern – haltet mich jetzt bitte nicht für verrückt – in meinem Kopf.
„Kommt zu mir.“
Da, schon wieder! „Ähm …“ Ich sah zu Diego, traute mich aber nicht etwas zu sagen. Nachher rief er noch die netten Leute mit den hab-mich-lieb-Jacken.
Er schaute mich nur abwartend an.
Hatte er das auch gehört, oder entsprang diese Stimme meiner Phantasie? Es dauerte einen Moment, aber dann schaffte ich es mich zu einem „Hallo?“ durchzudringen.
„Hier am Fenster.“
Ich spähte durch die Dunkelheit zu dem Panoramafenster. Etwas saß davor, etwas Pelziges, der Silouette nach ein Wolf – ein sehr großer Wolf. In dem wenigen Licht, das von der Beleuchtung des Gartens zu uns hinein drang, war die Farbe seines Fells nicht zu erkennen.
„Kommt zu mir“, klang es wieder in meinem Kopf.
Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück und trat halb hinter Diego. Vielleicht war das feige, aber hinter meinem Freund fühlte ich mich auf jeden Fall sicherer. Ich meinte, das war schon unheimlich, eine Stimme im Kopf zu hören, noch dazu eine, die offensichtlich von einem großen Wolf kam. Ihr noch entgegenzukommen erschien mir irgendwie dumm.
Der Wolf neigte seinen Kopf leicht zur Seite. „Ihr braucht Euch nicht zu fürchten.“
Da war ich ganz anderer Meinung.
Neben mir gab Diego ein glucksendes Geräusch zum Besten. „Keine Angst, das ist nur dein Mentor. Du bist hier mit ihm verabredet.“
Ich sah ihn erstaunt an. „Du hast das auch gehört?“
Er lächelte.
„Dann muss ich also nicht um meinen geistigen Zustand bangen?“
Seine Mundwinkel kletterten noch ein wenig höher.
„Kommt.“ Der Wolf erhob sich und stellte sich an der Tür auf. Nur Sekunden später hatte er sie aufgedrückt und trat hinaus in die Nacht.
Irgendwie widerstrebte es mir ihm zu folgen. Das war aber auch unheimlich und wäre Diego nicht bei mir, wäre ich wohl schreiend in die andere Richtung davongelaufen. So jedoch ließ ich mich von ihm wie ein kleines Kind an die Hand nehmen und mit nach draußen in den Garten ziehen. Sein Schmunzeln entging mir dabei nicht.
„Du scheinst dich zu amüsieren.“
Er ließ es unkommentiert, doch das Funkeln in seinen Augen sprach Bände.
Als wir auf der Terrasse standen und ich mich suchend nach dem Wolf umschaute, unterdrückte ich dem Impuls, meinen Freund einmal kräftig gegen das Schienbein zu treten. So stahlhart wie Diegos Muskeln waren, würde ich mich dabei vermutlich nur selber verletzten.
Blödmann.
„Hier, bei den Bäumen. Folgt mir.“
Dahinten. Er trottete den Weg vor uns entlang. Zu beiden Seiten des Pfades standen abwechselnd kleine Bäume und Ziersträucher. Und wie ich nach einem Moment feststellen musste, führte der Weg zielgerade in das Labyrinth.
Ich schluckte. Konnte es noch grusliger werden? Geisterhafte Stimmen, finstere Nacht, der halbe Mond am Himmel, der nur spärlich seinen diffusen Schein auf die Erde sandte. Und jetzt sollte ich auch noch ein unheimliches Labyrinth betreten. Fehlte eigentlich nur noch der Nebel und die schaurige Musik im Hintergrund, dann wäre das die perfekte Kulisse für einen Horrorstreifen.
Okay, ich war eine Prinzessin, ein Lykaner – na ja, zumindest ein halber – und außerdem war ich Cayenne und eine Cayenne ließ sich von nichts so schnell einschüchtern. Allerdings … wenn man es genau nahm, dann war das hier nicht wirklich normal – zumindest für mich.
Schluss damit, befahl ich mir selber. Ich strafte die Schultern, nahm den Kopf hoch und folgte dem Wolf, der nun schon am Zugang zum Labyrinths auf mich wartete.
Den ganzen Weg über rede ich mir gut zu. Dieser Wolf, so angst einflößend er auch sein mochte, war nur mein Mentor, eine weitere Landplage, die nur geboren wurde, um mir auf die Nerven zu gehen. Kein fürchterliches Monster, das mich fressen wollte. Und wenn er es doch versuchen sollte, konnte ich mich noch immer hinter Diego verstecken.
Die Gedanken um das was mir nun bevorstand rückten ein wenig in den Hintergrund, als ich bemerkte welche Ausmaße dieser Garten haben musste. Das war nicht nur ein Park, das war … überwältigend. Und das nicht nur wegen dem Labyrinth, in dessen Zentrum ein Turm aufragte, der selbst das Schloss überragte.
Diese Ausmaße … und dann erst der ganze Wald drumherum. Grüne Berge und weiße Gipfel. Wie viele Leute lebten eigentlich auf so einem Schloss und seinen Ländereien?
Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ich mich bis auf zwei Meter an meinem Mentor genährt hatte. Weiter traute ich mich nicht an ihn ran, auch nicht wenn ich mich noch immer an Diegos Hand klammerte.
Wir befanden uns nun auf einem kleinen grasbewachsenen Platz mitten im Labyrinth. Die Hecken hier waren so hoch, dass sie mich überragten und kaum mehr als den Himmel preis gaben. Eine einsame Laterne in der Ecke verteilte sanft ihr weiches Licht.
Jetzt erkannte ich zum ersten Mal seine Fellfarbe. Sie erinnerte mich an die Sandstrände in Australien. Aber irgendwas stimmte an diesem Anblick nicht. Das Fell sah irgendwie wild aus, unbändig und machte den Eindruck an manchen Stellen unterbrochen zu sein, als würden dort ein paar Haare fehlen.
Aus gelben Augen beobachtete er mich aufmerksam. Dann legte es sich ins weiche Gras. „Setzt Euch zu mir.“
Ähm … ja. Hatten wir das nicht gerade erst? Dunkle Nacht, verworrenes Labyrinth, böser Wolf. Aber dann ließ Diego meine Hand los und positionierte sich an den Hecken.
Ich warf ihm einen unsicheren Blick zu und entschloss mich, dass der Platz hier genauso gut war wie jeder andere, also ließ ich mich an Ort und Stelle ins Gras sinken.
Und dann … saßen wir einfach da. Die Minuten verstrichen und aus meiner anfänglichen Angst wurde schnell Langeweile. Er sagte nichts, er tat nichts, er lag einfach nur da und beobachtet mich. Ich sollte wohl anfangen Passfotos zu verteilen.
„Könnt Ihr es hören?“, erklang seine Stimme auf einmal wieder in meinem Kopf. Das war ein echt seltsames Gefühl. Es fühlte sich richtig an, vertraut, aber doch völlig fremd und verkehrt.
Verunsichert schaute ich zu Diego, aber dieses Mal schienen er die Worte nicht gehört zu haben. Ich sah wieder zum Wolf. „Was kann ich hören?“
„Den Zauber?“ Er hob den Kopf und sah hinauf zu der zunehmenden Kugel am Himmel. „Das Wunder des Himmels, die Melodie des Mondes, das Lied, das uns zu dem macht, was wir sind.“
Ich folgte seinem Blick, aber für mich war da nichts Magisches dran. Es war einfach der Mond, so wie immer. „Nein, ich höre nichts.“
Er seufzte. Ja, wie es schien, konnten Wölfe seufzen. „Das hatte ich befürchtet.“
Als er plötzlich aufstand und mir in seiner ganzen bedrohlichen Größe gegenübertrat, wäre ich fast aufgesprungen. Ich meine, er war nicht der erste Wolf den ich hier sah, aber definitiv der größte und ich war bisher noch keinen von ihnen so nahe gewesen. Aber er setzte sich nur vor mich und starrte mich mit einem durchdringenden Blick an, der mir ein Kribbeln durch den Körper jagte.
„Mein Name ist Sydney Sander und wie Ihr sicher bereits vermutet, wurde ich dazu auserwählt, Euch bei der Suche nach Eurem inneren Wolf zu unterstützen.“
Ich nickte, einfach weil man das an so einer Stelle eben tat.
„Außerdem werde ich für Euch bei allen Fragen zu diesem Thema zu Verfügung stehen. Ich bin nicht nur dazu da, um Euch bei Eurer Verwandlung zu unterstützen, sonder auch, damit Ihr versteht, was es bedeutet ein Wolf zu sein.“
„Ähm … Danke?“ Was sollte ich dazu sonst sagen?
„Bitte.“ Sydney legte sich wieder in Gras, dieses Mal so dich, dass ich sein Fell mein Bein streifte.
Das war eindeutig zu nahe, also versuchte ich unauffällig ein Stück abzurücken.
„Für den Anfang werden wir einfach nur hier draußen unter dem Licht des Mondes sitzen. Ich möchte, dass Ihr Euch auf ihn konzentriert. Versucht Schwingungen aufzufangen, einen Hauch der Macht zu erahnen, die von ihm ausgeht.“
Das sollte der ganze Unterricht sein? Ich sollte nur hier draußen sitzen, um mir den Mond anzusehen? Ich hätte mir ein Buch mitbringen sollen.
„Beginnt“, wies er mich an.
Und ich begann. Ich sah hoch zum Mond, konzentrierte mich darauf und spürte … rein gar nichts. Das war bloß der Mond, so wie immer. Ich starrte so lange auf das Teil, dass ich irgendwann zu den Sternen abschweifte und versuchte, die Sternbilder zu erkennen, von denen ich noch nie gewusst hatte, wie sie aussahen. Es hatte mich nie interessiert, aber jetzt fand ich das wesentlich spannender, als die ganze Zeit den Mond anzugaffen.
„Ihr solltet Euch ins Gras legen, sonst schmerzt Euer Nacken nachher“, riet er mir.
Ich richtete meine Augen wieder auf ihn. „Ich spüre rein gar nicht. Nicht magisches, kein Lied, oder sonst irgendwas.“
„Ihr müsst Geduld haben. Für einen Misto ist es schwerer, den Zauber zu erkennen, aber auch Ihr besitzt diese Fähigkeit.“
Das behauptete er.
„Legt Euch in Gras“, forderte er mich ein weiteres Mal auf.
Widerwillig folgte ich der Anweisung. Nicht weil ich mich davor ekelte, dass irgendwelche Käfer versuchen könnten, an mir hoch zu klettern, sondern weil es mir widerstrebte, ihn aus den Augen zu lassen und mich in eine Position zu bringen, die mich angreifbar machte. Schließlich war er immer noch ein Wolf und wäre da nicht Diego, hätte ich mich wohl geweigert.
Aber Diego war da. Also verschränkte ich die Arme im Nacken und stierte wieder hinauf zum Mond, konzentrierte mich mit all meinen Sinnen auf ihn. Aber es war wie es war, da war nichts.
Eine ganze Weile blieb es ruhig zwischen uns beiden. Nur ein paar Grillen zirpten. Eigentlich war es ganz schön hier, irgendwie friedlich. Langsam aber sicher begann ich mich zu entspannen. Der Anblick vom Mond über mir, hatte etwas Beruhigendes an sich, etwas Normales. Er war schon in meinem alten Leben da gewesen und begleitete mich jetzt auch in mein neues. „Kann ich sie etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Was ist das für ein Gefühl, ein Wolf zu sein?“ Ich drehte meinen Kopf zur Seite, um ihn ansehen zu können.
„Was ist es für ein Gefühl ein Mensch zu sein?“, fragte er, anstatt mir eine Antwort zu geben.
Ich verzog das Gesicht. „Was ist das den für eine Frage?“
„Die gleiche die Ihr mir gestellt habt, nur umgekehrt.“
Darüber musste ich einen Moment nachdenken. „Keine Ahnung“, sagte ich schließlich. „Ich bin ich, ich fühle mich wie ich halt.“
„Dann ergeht es Euch genauso wie mir.“ Er hob seinen Kopf von den Pfoten und neigte den Kopf auf eine so hündische Art, dass er auf einmal gar nicht mehr bedrohlich wirkte. „Nach der Verwandlung, hat sich der eigene Körper zwar verändert, aber man ist immer noch man selber. Die Wahrnehmung und die Sinne verschieben sich ein wenig. Als Wolf kann ich besser riechen, aber schlechter sehen. Ich hab jetzt vier Beine, mit denen ich mich schneller bewegen kann, aber gleichzeitig ist es mir nun nicht mehr möglich, mit Gabel und Messer zu speisen. Es ist alles ein bisschen anders, aber doch irgendwie gleich.“ Er blinzelte einmal. „Es ist schwer zu beschreiben, man muss es selber erleben.“
Ich verstand, was er mir damit vermitteln wollte, war aber nicht wirklich schlauer als vorher. „Und die Verwandlung selber? Was ist das für ein Gefühl?“
Sydney legte seinen Kopf zurück auf die Pfoten und sah mir forschend ins Gesicht. „Ich kann Euch nur sagen, was das für mich für ein Gefühl ist. Wie es bei einem Misto ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist es gleich, aber vielleicht auch nicht.“
„Und wie ist die Verwandlung für Sie?“
„Es ist erfüllend. Es ist, als würde das Licht des Mondes mich durchtränken. Ich sehe, spüre und schmecke das Licht, wie einen süßen Wein. In Euren Ohren muss es seltsam klingen, aber genauso ist es. Wenn ich vom Licht erfüllt bin, breitet sich eine wohltuende Wärme in mir aus und ich gleite hinüber in meinen anderen Körper.“
„Tut das weh?“ In Horrorstreifen sah es immer sehr schmerzhaft aus.
„Nein. Ich kann zwar spüren, wie mein Körper sich verändert, aber Schmerzen habe ich keine. Es ist als würde das Lied des Mondes für einen Augenblick alles Schlimme von mir nehmen. Ich bekomme alles mit, spüre wie sich meine Knochen verändern, die Haut dehnt und Haare sprießen, aber es hat nichts schmerzhaftes an sich.“
„Und wie ist das zu anderen Zeiten? Ich meine, ich hab Werwölfe am Tag verwandelt gesehen, ohne Mond.“
Sydney schnaubte. „Ihr dürft nicht alles glauben, was in Filmen und Büchern über uns erfahrt. Mit ein bisschen Übung, können wir die Metamorphose zu jedem Zeitpunkt herbeiführen. Wir müssen uns nur mit all unseren Sinnen an das Lied des Mondes erinnern. Das ist etwas, dass ich Euch lehren werde, wenn die Zeit reif ist.“
Ich wendete meinen Blick von ihm ab, zurück auf den Mond. Wenn es Zeit war. Ich wusste nicht, ob ich mich auf diese Zeit freuen sollte, oder besser alles tun sollte, damit es niemals zu einer Verwandlung kam. Einerseits war ich schon neugierig darauf, aber andererseits hatte ich auch panische Angst davor. Das letzte Mal, als ich einer Verwandlung nahe gekommen war, war da nichts als Leid gewesen. Ich konnte mich noch immer nicht richtig an diese Nacht erinnern, doch die Schmerzen, die konnte ich nicht vergessen. „Was ist, wenn ich mich gar nicht verwandeln will?“, fragte ich leise.
„Warum solltet Ihr dass nicht wollen?“
„Weil es weh tat. Soweit ich das verstanden habe, wollte der letzte Vollmond mich zu einer Verwandlung zwingen, der Wolf in mir wollte erwachen, aber meine menschliche Seite hat das nicht zugelassen. Das Ergebnis waren Schmerzen, wie ich sie kein zweites Mal erleben möchte.“
„Ihr müsst lernen zu akzeptieren was Ihr seid“, halte seine Stimme in meinem Kopf wieder. „Ihr müsst den Wolf in Euch annehmen und ihm erlauben sich zu entfalten. Es ist natürlich, dass Eure menschliche Seite das verhindern möchte. Für sie ist der Wolf ein Eindringling. Ihr müsst lernen sie zu kontrollieren, ihr im richtigen Moment den Befehl geben, sich zurückzuziehen und dem Wolf den Zugang gestatten.“ Für einen Moment schwieg Sydney. Dann fügte er hinzu: „Ich weiß, das ganze hört sich sehr kompliziert an, aber Ihr werdet es schon lernen.“
Sein Wort in Gottes Ohr, denn solche Schmerzen wie beim letzten Mal, wollte ich nie wieder erleben.
Wieder verfielen wir in Schweigen. Die Ruhe war angenehm und seine Gesellschaft irgendwie beruhigend.
„Wie funktioniert das eigentlich mit der Stimme?“
„Da ist unsere Methode uns zu verständigen. In der Gestalt des Wolfes, können wir nicht anders sprechen.“
„Warum nicht?“ Ich meinte, sie konnten ja auch ihre Gestalt verändern, also sollte Sprechen doch ihr geringstes Problem sein, oder?
„Weil wir Tiere sind. Oder habt Ihr schon mal von einem Tier gehört, das sprechen kann?“
„Klar“, lächelte ich, einen Haufen sprechender Tiere im Kopf. „Bugs Bunny kann sprechen und Jogi Bär. Ich hab auch mal mit einem Papagei gesprochen. Na ja, der konnte zwar nur einen Satz, aber immerhin.“ Wenn ich mich nicht täuschte, sah ich so etwas wie Belustigung in seinen Augen. Und auch als er wieder sprach, konnte ich schwören, ein Lächeln zu hören.
„Wie dem auch sei. Die Verständigung zwischen den Lykaner ist eine angeborene Fähigkeit, die wir automatisch ausüben, wenn wir als Wölfe streifen. Meine Stimme, wie Ihr sie hört, sind Gedanken, die ich Euch übertrage. Ich kann sie kanalisieren, damit nur Ihr sie hört, oder auch fächern, damit Eure Freunde sie hören.“
Wie von selbst drehte sich mein Gesicht zu Diego. Er schien sich die ganze Zeit noch nicht einen Millimeter bewegt zu haben. Etwas, dass er in letzter Zeit sehr oft tat. Ich vermisste meinen Freund.
„Im Augenblick allerdings, könnt nur Ihr mich hören. Außerdem funktioniert die Gedankensprache nur bei Lykaner. Nur mit ihnen können wir auf diese Weise kommunizieren. Kein anderes Wesen kann uns auf diese Art verstehen.“
„Und mit wie vielen Menschen … Wölfen – was auch immer – können Sie sich gleichzeitig unterhalten?“
„Wie ich möchte. Ich kann meine Stimme auf nur auf einen Lykaner richten, auch auf drei, oder meine Gedanken öffnen und alle in meiner Umgebung dran teilhaben lassen.“
„Das klingt irgendwie cool“, hörte ich mich murmeln und grinste ihn an. „So würden die Tutoren es nicht mitbekommen, wenn ich heimlich im Unterricht quatschte.“
„Nur wenn Ihr als Wolf in den Unterricht kämmt. Die Gedankensprache ist nur in unserer animalischen Gestalt möglich.
War ja irgendwie klar dass die Sache einen Haken haben musste, das hatten die guten Sachen doch immer. Obwohl es mich doch irgendwie juckte, als Wolf in der Uni zu erscheinen. Wenn ich so vor Elena auftauchte, würde sie sich beim wegrennen vermutlich die Hacken abbrechen und der Länge nach auf die hübsche Nase knallen. Allein der Gedanke daran war so witzig, dass ich mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Allerdings galt es vorher noch ein Problem zu lösen, ich musste mich erst mal in einen Wolf verwandeln können. „Wissen Sie, ich glaub ich will das doch lernen.“
„Das freut mich zu hören.“ Sydney hob den Kopf und sah hinauf zu den Sternen. „Und jetzt würde ich empfehlen, mit dem Unterricht fortzufahren.“
Was man hierzulande halt als Unterricht bezeichnete.
Leider wurde es, sobald wir wieder in Schweigen verfielen, zum Gähnen langweilig. Konnte natürlich auch an der späten Uhrzeit liegen und der Tatsache, dass ich bereits seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen war. Mehr als einmal musste ich mich dazu zwingen die Augen offen zu halten und das Gähnen, das mir in der Kehle hing, runter zu schlucken. Irgendwann musste ich einfach etwas sagen, wenn ich nicht einfach einschlafen wollte. „Man hat mir gesagt, Sie sind Historiker.“
„Das ist korrekt.“
„Wie kommt ein Historiker dazu jemanden wir mir bei der Verwandlung zu helfen?“ Das eine hatte mir dem anderen ja nun absolut nichts zu tun.
„Es ist sowohl Zufall, als auch eine Fügung des Schicksals.“
Jetzt war ich genauso schlau wie vorher. „Hm, ein wenig genauer hätte ich es schon gerne gehabt.“
Er veränderte seine Position ein wenig. „Eine Bekannte hier am Hof hat einen Misto zum Sohn. Er ist jetzt sechs, doch genau wie Ihr hatte er sehr starke Probleme mit der Verwandlung. Ich habe mich seiner angenommen und konnte ihm helfen.“
„Das heißt, du hast gar keine außergewöhnliche Kompetenz für sowas?“
„Nein, nur ein sehr feines Gespür und die Gabe des Beobachtens. Bis Königin Geneva vor wenigen Tagen auf mich zukam, wusste ich nicht einmal, dass sie Kenntnis über diese Geschehnisse hatte.“
„Also wirklich nichts als Zufall.“ Wieder sah ich hinauf zum Mond. Langsam wurde es kalt und meine Augen hatten langsam keine Lust mehr mitzuspielen.
„Ihr seid müde.“
„Es ist ja auch schon … wie spät?“
„Zeit den Unterricht für heute zu beenden.“ In einer geschmeidigen Bewegung erhob er sich auf die Beine. „Ich erwarte Euch morgen Abend um die gleiche Zeit wie heute, nur werdet Ihr hier her kommen.“
Auch ich setzte mich auf. „Wo hier?“ Ich schaute mich kurz um. „Hier hier?“
Sein Kopf sank ein wenig herab.
Ich interpretierte das mal als Nicken. „Noch mal zur Verständigung. Sie wollen mich hier im Labyrinth treffen, Sie werden mich nicht abholen, was heißt, ich soll selber hier her finden?“
„Ihr habt es erfasst.“
Ähm … ja. „Aber das hier ist ein Labyrinth“, rief ich ihm in Erinnerung, weil er das anscheinend vergessen hatte. „Hier kann man sich verlaufen und dann tagelang ziellos herumirren.“
„Ihr seid den Weg einmal gelaufen, Ihr werdet ihn ein zweites Mal finden. Verlasst Euch auf eure Instinkte, sie werden Euch leiten. Und du“, er wandte sich an Diego, „wirst ihr nicht helfen.“ Und dann, ohne ein weitere Wort, ohne sich zu verabschieden, oder einen von uns noch mal eines Blickes zu würdigen, wandte er sich einfach ab und trottete davon.
Ich sah ihm böse hinterher. „Der hat sie doch nicht mehr alle.“
„Und trotzdem hat er recht“, pflichtete Diego ihm bei.
Jetzt sah ich ihn böse an. „Wo bitte hat er denn recht? Ich soll meinen Instinkten folgen? Ich habe keine Instinkte, mit denen ich irgendwas finden könnte. Du kennst doch meinen Orientierungssinn.“
„Auch du hast Instinkte.“ Mit einem Schmunzeln auf den Lippen trat Diego zu mir und hielt mir die Hand entgegen. Ich nahm die hilfreiche Geste dankend an und ließ mich von ihm auf die Beine ziehen. Mein Hintern tat weh.
„Meine Instinkte beschränken sich auf Klamotten und Nachtisch.“ Ich wandte mich nach rechts, dahin wo dieser Sydney verschwunden war, zögerte dann aber. Waren wir nicht aus der anderen Richtung gekommen? „Na ganz große Klasse, er hat mich mitten in Labyrinth ausgesetzt.“
Auf Diegos Lippen erschien ein Lächeln. Dann ruckte er mich dem Kopf nach Link. „Komm, ich kenne den Weg.“
Gott sei dank. Hätte ich mit meinem müden Hirn heute Nacht noch hier rausfinden müssen, wäre ich am Ende wahrscheinlich in China gelandet. So musste ich mich einfach nur beeilen, an seine Seite zu kommen. „Nicht das ich mich beklagen will, aber hat der Typ nicht eben noch gesagt, ich muss den Weg alleine finden?“
„Morgen. Von heute Nacht hat er nichts gesagt.“
Dem konnte ich nicht widersprechen.
Der Weg zurück war kürzer als ich angenommen hatte und schon eine halbe Stunde später kuschelte ich mich in mein Bett und hatte die Augen bereits geschlossen, bevor mein Kopf das Kissen berührte.
Ich wusste nicht was genau es war – vielleicht einfach die Erschöpfung – doch dies war die erste Nacht seit einer Woche, in der mich keine Alpträume heimsuchten. Ich war so fertig, dass ich nicht mal meinen Wecker hörte und Lucy wieder wegschickte, als die gegen meine Zimmertür donnerte. Ich wollte einfach nur weiterschlafen.
Doch leider schien es in diesem Schloss eine olympische Disziplin zu sein, mich um meinen Schlaf zu bringen, denn schon kurz nachdem ich Lucy zum Teufel gewünscht hatte, klopfte es wieder. Dieses Mal jedoch viel zaghafter.
Schon bevor ich ein verschlafenes „Herein“ nuschelte und Collette ins Zimmer trat, wusste ich bereits, dass sie es war. Niemand anders klopfte hier so zurückhaltend an meine Tür. Was ich jedoch erst von ihr erfuhr, war die Uhrzeit. Es war bereits kurz nach neun. Heilige Scheiße!
Während ich schnell ins Bad hastete und mich meiner morgendlichen Wäsche zu unterzog, die auf Grund des Zeitmangels sehr dürftig ausfiel, suchte Collette mir schon ein passendes Kleid für den Tag raus. Als ich mich anzog, fiel mein Blick auf einen Stapel knielanger Leggins, in allen möglichen Farben. Collette hatte Wort gehalten. Aus Dankbarkeit drückte ich sie schnell und warf sie dann aus meinem Kleiderschrank heraus.
Ich schlüpfte in ein langes, zartrosa Kleid mit passenden Schuhen und stürzte hastig aus meinem Zimmer. Als ich die Zimmertür aufriss, stand Lucy schon bereit, als hätte sie die ganze Zeit nur auf mich gewartet.
Auf dem Weg zum kleinen Salon rannte ich noch fast einen Diener über den Haufen, der es in letzter Sekunde schaffte, mir auszuweichen und irgendwie dafür sorgte, dass das Geschirr von seinem Tablett nicht auf dem Boden landete und kam fast nicht verspätet zum Unterricht.
Sadrija war bereits da. Sie saß wieder auf einem der antiken Sessel und schaute nur mäßig interessiert von ihrem Buch auf, als ich ich in den Raum stürmte. „Wenn du es erlaubst, würde ich dir gerne einen Rat geben.“
„Nur … zu“, keuchte ich und ließ meinen Blick nach Luft ringend durch den Raum schweifen. Die Van Schwärn war noch nicht da, dafür aber Kai, der mich mit seinen warmen Augen anlächelte und eine Reihe perlweißer Zähne zeigte.
„Eine Prinzessin rennt niemals.“ Sie schlug eine Seite in ihrem Buch um. „Sie schreitet eilig, aber niemals überhastet. Das entsagt ihrer Anmut.“
Ah ja. Das sollte ich wohl unter Ratschläge fürs Leben abheften. „Diese Prinzessin rennt, weil ihr sonst der Drache den Arsch aufreißt.“
Bei dem Wort Drache, zuckte Sadrijas Mundwinkel. Nur ganz leicht, aber ich hatte es gesehen.
„Wo wir schon gerade dabei sind, wo ist sie eigentlich?“
„Sie kommt etwas später“, sagte Kai, der bei einer Anlange weiter hinten stand und sich durch einen Stapel CDs durcharbeitete. „Großmutter hat sie noch zu einer Unterredung gerufen, aber sie wird sicher gleich bei uns sein.“
Toll und dafür hatte ich mich nun so beeilt. Sogar fast jemanden umgerannt. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich meine Zimmertür geschlossen hatte, aber Collette würde sich bestimmt darum kümmern.
Ich ging zu Kai hinüber. „Was sind das für CDs?“
Wortlos reichte er sie mir, damit ich sie ansehen konnte.
Schon bei dem Blick auf die erste Hülle, gab ich sie ihm zurück. Winer Walzer. Hätte ich mir eigentlich auch denken können. „Habt ihr hier keine richtige Tanzmusik? Zu diesem alten Zeug kann sich ja keiner bewegen.“
Kai lächelte. „Nur du kannst dich nicht bewegen. Ich hab damit keine Schwierigkeiten.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „So? Du glaubst also, ich kann mich nicht bewegen?“
„Noch nicht jedenfalls.“
„Das nehme ich als Herausforderung. Rutsch mal.“ Ich schob ihn von der Anlage weg und stellte sie auf Radio um. Vielleicht gab es hier keine vernünftigen CDs, aber dass die aktuellen Charts konnte man hier auch hören. „Pass gut auf, das wird dein Untergang.“
Ich verstellte solange die Sender, bis ich etwas fand, zu dem ich mich bewegen konnte. Dann stellte ich die Anlage ganz laut und schwang mich mit einer aufreizenden Drehung in die Mitte des Raums. Und dann zeigte ich ihm, was ich unter tanzen verstand.
Da ihm die Augen vor Entsetzen nicht aus dem Kopf fielen, hatte er sowas wohl schon einmal gesehen und da es mehr Spaß machte zu zweit zu tanzen, zog ich ihn mit auf die Tanzfläche. Im Gegensatz zu mir bewegte er sich zwar ein wenig unbeholfen, aber wir konnten lachen und das war doch das Wichtigste.
Ein paar mal versuchte er meine Schritt zu kopieren, was wirklich lächerlich aussah. Nicht nur weil die Bewegungen für Frauen gemacht waren, ich befolgte auch keine Schrittfolge, sondern ließ mich einfach zu dem Rhythmus treiben.
Sadrija las einfach ihr Buch weiter. Nicht mal von der lauten Musik ließ sie sich stören.
Manchmal war das Mädchen schon ein wenig seltsam.
Gerade schlängelte ich mich lachend um das Prinzchen herum, als ganz plötzlich die Musik erstarb. Verwirrt blickte ich mich nach der Anlage um und entdecke die Van Schwärn noch mit dem Finger auf dem Schalter. Ein entrüsteter Ausdruck um Gesicht, hatte sie die Lippen auf eine Art geschürzt, die ihre ganze Empörung ausdrückte.
Lächelnd stützte ich mich auf Kaidans Schulter und rang nach Luft. „Sie sind zu spät.“
Wow. Plötzlich erschien da eine Ader an ihre Stirn, die absolut nicht gesund aussah „Ich muss doch sehr bitten, Prinzessin Cayenne. Dies ist kein angemessenes Verhalten für Euren Stand.“
„Warum?“, fragte ich scheinheilig. „Darf eine Prinzessin sich nicht amüsieren?“
„Nein, nicht auf diese Art. Wenn Eure Ahnen Euch so sehen könnten, würden sie sich in ihren Gräbern umdrehen.“
„Ganz ruhig, Brauner“, sagte ich genervt. „Ich hab getanzt und mich nicht prostituiert.“
„Ich sah keinen Unterschied.“
Und damit war meine gute Laune dahin. Das war wirklich ein Schlag unter die Gürtellinie. Auf ein Mal war es mir ziemlich egal, was für Konsequenzen es haben würde, die Tussi würde ich mir nun zur Brust nehmen. Doch noch bevor ich den Mund öffnen konnte, ging von Kaidan plötzlich eine Aura aus, unter der ich mich fast geduckt hätte. Was war das denn?
„Sie vergessen sich, Frau van Schwärn“, sagte Kaidan sehr leise, doch seine Stimme, das war schon ein halbes Knurren.
Selbst Sadrija hatte ihr Buch zusammengeklappt und fixierte die Frau. „Vielleicht sollte ich doch einmal mit Großvater sprechen.“
Etwas irritiert schaute ich von einem zum andern. Was sie da machten war ja schön und gut, doch normalerweise trug ich meine Kämpfe selber aus.
Doch die Erwähnung unseres allseits geliebten Königs brachte den hauseigenen Drachen sehr wirksam zum Schweigen. In ihren Augen flackerte einen kurzen Moment sogar etwas wie Furcht. Und dann machte sie eine so unterwürfige Verbeugung, dass es den Anschein hatte, sie wollte den Boden knutschen. „Ihr habt natürlich recht, Majestäten. Meine Worte sind unverzeihlich und doch bitte ich Euch Nachsicht walten zu lassen. Ich habe nicht nachgedacht, es tut mir leid.“ Sie blieb in dieser unterwürfigen Haltung, als wartete sie darauf, dass Kai sie daraus entließ.
Die Macht die vom Prinzchen ausging, war zum Greifen dick. Ich konnte sie richtig spüren. Es war, als würde sie aus ihm heraus fließen, uns alle umnebeln. Aber sie machte mir keine Angst, so wie Frau van Schwärn. Ganz im Gegenteil, ich fühlte mich in ihr wohl, badete darin, wie an einem heißen Sonnentag in der Sonne. Es war, als würde sie zu mir gehören, auch wenn sie von ihm stammte.
„Bitten Sie nicht uns um Verzeihung, sonder Prinzessin Cayenne.“ Seine Stimme war genauso kalt, wie der Blick, den er auf sie gerichtet hatte.
„Natürlich.“ Nun benutzte sie diese Unterwürfige Haltung bei mir. Mehr widerwillig, als alles andere und nicht ganz so überzeugend, wie bei Kai, aber sie tat es. „Verzeiht Prinzessin Cayenne, es war nicht meine Absicht Euch zu beleidigen und Eure Unschuld anzuzweifeln.“
Und plötzlich kapierte ich, warum Kaidan so aussah, als wollte er jemanden bei lebendigem Leibe verspeisen. Das Schlüsselwort hier war die Unschuld. Ich war eine Prinzessin und repräsentierte damit die Unbeflecktheit in ihrer reinsten Form.
Es war nicht einfach nur, dass sie es nicht mochte wie ich tanze, sie hielt mich für eine Straßentöle, die es nicht wert war den Titel einer Prinzessin zu tragen. Sozusagen eine blutsaugende Zecke am Busen des Königs.
Die Verwirrung, die sich eben noch in mir geregt hatte, war mit einem Schlag verschwunden und verwandelte sich in Verachtung. Welches Recht hatte sie über mich zu urteilen? Sie kannte mich doch gar nicht. „Ich glaube Ihnen nicht“, sagte ich ganz direkt.
Plötzlich wurde sie ein wenig blass und nun war ihre Furcht mehr als nur ein kurzes Aufflackern. Sie Senkte ihr Haupt sogar noch ein wenig tiefer, aber das machte sie wohl nur, weil Kaidan und Sadrija sie so genau beobachteten. „Es tut mir wirklich leid. Ich hatte nicht vor Euch zu erzürnen. Bitte vergebt, es wird kein weiteres Mal vorkommen.“
Jedenfalls nicht, wenn außer mir noch andere anwesend waren.
Irgendwie juckte es mich schon in den Fingern, ihr einen Denkzettel zu verpassen, aber mal ehrlich, was würde es mir bringen? Danach wäre sie nur noch schlechter auf mich zu sprechen. Wenn man es so betrachtete, gab es eigentlich nur eines, was ich tun konnte. „Das glaube ich ihnen zwar auch nicht, aber am Besten vergessen wir die Angelegenheit einfach. Sie müssen mir ja noch das Tanzen beibringen, damit ich mich nicht prostituieren muss.“
Bei dem Wort zuckte sie leicht zusammen, wirkte aber auffallend erleichtert und bekam auch wieder etwas Farbe. „Vielen Dank, Euer Majestät, ich seid zu gütig.“
Das war ich nicht, aber unterm Strich wäre ich am ende die Angearschte.
Sadrija lehnte sich in ihrem Sessel zurück und legte ihr Buch auf den Tisch neben sich. „Sie haben mehr Glück als sie verdienen. Bei mir wären sie nicht so einfach davongekommen.“
„Ich weiß, Prinzessin Cayenne ist äußerst anständig.“
Okay, jetzt übertrieb sie aber maßlos.
Kai ergriff meine Hand, wie man es wohl nur auf einer Schule für Kavaliere lernte. Die Aura, die ihn eben noch umgeben hatte, verblasste langsam. „Wenn ich Sie dann jetzt um die Musik bitten dürfte. Es ist wohl an der Zeit zu beginnen.“
Ein weiteres Mal verneigte sie sich unterwürfig und ging dann zum Grammophon.
Als die ersten Klänge des Walzers durch den Raum schwebten, nahmen Kaidan und ich unsere Tanzposition ein und begannen zusammen über das Parkett zu schweben. Nun gut, er schwebte, ich versuchte mich an die Schritte zu erinnern.
Am Ende der Stunde konnte ich sagen, dass ich mich verbessert hatte, aber um auf einem Ball zu tanzen, würde ich noch einiges an Übung brauchen. Diese Standarttänze waren einfach nichts für mich.
Als der Teil mit dem Tanzen beendet war, verabschiedete Kai sich wieder und ich ging zusammen mit meiner Mentorin und Sadrija hinunter in den Speisesaal, wo für mich ein Tisch vorbereitet worden war, vollgeladen mit Tellern, Schüsseln, Besteck und diversen Gläsern. Und das alles war allein für mich gedacht. Heute sollte ich lernen, was man wann bei welchem Gang und Gericht benutzte. Alleine die Auswahl der fünftausend Gabeln überforderte mich schon. Wer hatte sich so einen Blödsinn nur ausgedacht? Der gehörte ausgepeitscht und gevierteilt.
Das alles im Kopf zu behalten, war viel schwieriger als ein paar Tanzschritte. Ständig wurde ich korrigiert und am Ende der Stunde rauchte mein Kopf mal wieder so sehr, dass man darin wohl Räucherfisch hätte herstellen können. Als ich endlich gehen konnte, war ich wirklich froh.
Eigentlich wäre es nun Zeit sich mit den anderen Hoheiten an den Tisch zu begeben, doch wie bereits gestern hatte ich nach dem ganzen Lernen keine Lust auf die Familie. Darum entschied ich auf mein Zimmer zu gehen und Collette zu bitten, mir etwas heraufzubringen.
„Es wäre besser, wenn du dich zu deiner Familie an den Tisch setzten würdest“, belehrte Lucy mich auf dem Weg nach oben. „Sie erwarten das von dir.“
„Das ist nicht meine Familie“, hielt ich dagegen. Okay, Kaidan war zwar ein wenig hochnäsig, aber mit ihm kam ich mittlerweile recht gut klar. Der Rest allerdings … es war wohl am Besten, sie unter entfernte Bekannte zu verbuchen.
„Ob es dir nun gefällt oder nicht, sie sind deine Familie. Deswegen bist du doch hier.“
Als wenn ich das vergessen könnte. „Meine Familie besteht aus drei Leuten. Mama, Diego und dir. Die Leute da unten sind Fremde.“ Und wegen ihnen hatte ich mein halbes Leben ohne meine Mutter verbringen müssen.
Auf einmal vermisste ich sie furchtbar. Ich hatte sie zwar erst vor drei Tagen gesehen, aber nach all diesen Veränderungen, war sie eine der wenigen Dinge, die ich aus meinem alten Leben hatte mitbringen können. Oder auch nicht, wenn man bedachte, dass sie zur Zeit mal wieder wer-weiß-wo war.
In den letzten Tagen war so viel los gewesen, dass ich kaum einen Gedanken an sie verschwendet konnte. Aber jetzt … vielleicht sollte ich sie mal anrufen. Normalerweise war sie zwar immer sehr kurz angebunden, wenn ich sie unter der Woche anrief, aber nun wusste ich ja warum. Vielleicht konnte sie nun ein wenig mehr Zeit erübrigen.
„Sie mögen Fremde sein“, stimmte Lucy mir zu, „aber sie sind nun ein Teil deines Lebens.“
„Nur ein paar Wochen.“ Wenn ich auch noch nicht genau wusste, wie viele Wochen. Vielleicht sollte ich mal mit jemanden darüber sprechen? Am Besten Kai, der war am Zugänglichsten. „Und außerdem ist es ja auch nicht so, dass sie sich um meine Anwesenheit reißen würden. Meine Eltern“ Ja, das Wort kam sehr spöttisch über meine Lippen „habe ich seit gestern Morgen nicht mehr gesehen.“
„Ja, weil du immer die Mahlzeiten ausfallen lässt.“
Die Gesellschaft war ja auch nicht unbedingt sehr verlockend. „Lucy?“
„Hm?“
„Halt die Klappe.“
Das gab einen bösen Blick.
Ich ignorierte ihn und machte mich daran das letzte Stückchen in den Westflügel hinter mich zu bringen.
Noch immer bekam ich von allen Seiten neugierige Blicke, aber sie waren bei Weitem nicht mehr so aufdringlich wie noch am ersten Tag. Wenn das so weiter ging, dann würden sie in ungefähr fünf Jahren endlich damit aufhören, mich wie eine Kuriosität zu begaffen.
Als ich endlich durch die Tür in meinem kleinen Korridor schlüpfen konnte, machte ich eilig die Tür hinter mir zu und seufzte erleichtert. „Gehst du zum Essen?“, fragte ich und klopfte an Diegos Tür, um ihm zu sagen, dass wir wieder da waren. Keine Ahnung, ob er auf seinem Zimmer war.
„Willst du mich loswerden?“
„Dich? Nein. Dein Gemecker? Oh ja, unbedingt.“
Lucy verengte die Augen leicht. „Wir sind heute wohl mal wieder besonders komisch.“
Da Diego in dem Moment aus seiner Tür trat, blieb mir eine Antwort erspart. „Wie war der Unterricht?“, fragte er dann ganz direkt.
Meine Antwort bestand in einem Augenverdrehen, bevor ich die Tür zu meinem Zimmer – ich weigerte mich das Ding Gemach zu nennen – öffnete. „Ich lebe noch.“
„Die anderen auch?“
Nein, das würdigte ich mit keiner Antwort. Ich schüttelte einfach meinen Kopf, machte einen Schritt nach vorne und blieb auf der Schwelle so abrupt stehen, dass Lucy von hinten voll in mich reinlief.
„Hey!“, beschwerte sie sich.
Ich beachtete sie nicht weiter. Etwas anders nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Mein Zimmer … irgendwas stimmte hier nicht, etwas hatte sich verändert. Ich wusste nicht woher dieses Wissen kam, aber ich hatte es im Gefühl und irgendwie in der Nase. So bescheuert das auch klingen mochte, ich hatte das Gefühl, das mein Zimmer plötzlich anders roch.
Diego bemerkte mein Zögern und trat neben mich. „Was ist los?“
„Jemand war hier“, hörte ich mich sagen und obgleich ich mich diese Worte sagen hörte, hatte ich keine Ahnung, wie ich mir so sicher sein konnte. Es sah alles gleich aus, nichts hatte sich verändert.
Als plötzlich ein rasselndes Geräusch von meinem Glastisch kam, zuckte ich vor Schreck zusammen und warf meinem Handy einen bösen Blick zu. Doch als ich mich daran machen wollte den Anruf entgegen zu nehmen, hielt Diego mich mit seinem ausgestrecktem Arm davon ab. „Woher weißt du das jemand hier war?“
„Ich … haltet mich jetzt nicht für verrückt oder so, aber ich glaube, rieche es.“ Klang das wirklich so bescheuert, wie es sich in meinen Ohren anhörte?
Keiner der beiden lachte, oder zeigte sich anderweitig belustigt. Ganz im Gegenteil, plötzlich wirkten beide todernst.
„Haushaltspersonal?“, fragte Lucy.
Ich schaute mich zu ihr um. „Hier turnen Leute herum, wenn ich nicht da bin?“ War das ihr Ernst?
Sie schaute mich mit einem Blick an, der mir eindeutig sagte: Benutze doch mal deine grauen Gehirnzellen. „Du bist eine Prinzessin, Cayenne. Glaubst du wirklich, irgendjemand hier würde dir einen Staubsauger in die Hand drücken?“
Wenn ich ehrlich war, hatte ich darüber noch gar nicht nachgedacht. „Es wäre auf jeden Fall besser. Ich kann es absolut nicht leiden, wenn hier irgendjemand in meinen Sachen herumwühlt.“
Das Klingeln des Handys erstarb.
„Du scheinst einen völlig falschen Eindruck vom Personal zu haben“, murmelte Lucy und ging an mir vorbei in den Raum hinein. Dann sondierte sie den ganzen Raum. Nicht nur mit den Augen, auch mit der Nase. „Ich kann nichts ungewöhnliches riechen.“
„Keine fremde Witterung?“ Auch Diego trat hinein, doch als ich ihm folgen wollte, hielt er mich ein weiteres Mal zurück.
Ich gab ein genervtes Geräusch von mir. Hätte ich doch nur nichts gesagt.
„Ich kenne noch nicht alle, aber die meisten kann ich zuordnen.“
Diego hob sein Gesicht ein kleinen wenig an, dann begann er den Raum systematisch abzulaufen.
Das war doch einfach nur noch grotesk. „Wovor glaubt ihr, müsst ihr mich hier drinnen beschützen?“
Lucy folgte Diego mit dem Blick, blieb aber an der Tür stehen. Vermutlich um mich daran zu hindern, einfach hinein zu gehen. „Die Alphas haben Feinde, Cayenne. Anschläge auf die Majestäten sind bereits vorgekommen.“
„Feinde?“ Wollte sie mir nun wirklich weiß machen, dass irgendein Psychopath in mein Zimmer eingedrungen war und eine tödliche Falle für mich vorbereitet hatte? Das fand ich doch ziemlich weit hergeholt.
„Abtrünnige.“ Sie wandte sich mir wieder zu. „Einsame Wölfe, die außerhalb des Rudels der Könige eigene Rudel gegründet haben, um nicht verrückt zu werden. Lykaner, die aus anderen Gründen das Rudel verlassen haben. Die Abtrünnigen sind auf uns nicht besonders gut zu sprechen und manch einer würde es als Genugtuung betrachten, dem Königshaus zu schaden.“
Klang einleuchten, wenn auch ein wenig zu fantasievoll. Vielleicht wollte ich auch einfach nur nicht glauben, dass es diese Möglichkeit gab. Sowas waren eben Dinge, die anderen geschahen, aber niemals einem selber. „Es gibt noch andere Rudel?“
„Na was hast du denn gedacht?“
Hm, irgendwie hatte ich angenommen, dass König Isaac über jeden Lykaner der Welt herrschte. „Und wie könnt ihr euch unterscheiden? Tragen die Abtrünnigen irgendein farbige Halsbänder, oder was?“
Sie schüttelte den Kopf. „Sie riechen fremd, nicht nach Rudel. Das ist wie ein Stechen in der Nase.“
Fremd? „Wie kann man den fremd riechen? Man verändert seinen Geruch doch nicht, nur weil sich die Lebensumstände verändern.“
„Doch, das tun wir.“
Darauf wusste ich nun nichts zu erwidern. Das war doch unlogisch. Gut, wenn man in ein ganz anderes Klima zog und von der Stadt aufs Land, dann konnte sich der Geruch durch die äußeren Einflüsse wohl ein wenig verändern, aber doch nicht so stark, dass man ihn als fremd bezeichnen konnte.
Als Diego seine Runde beendet hatte, gesellte er sich wieder zu uns. „Ich kann keine unbekannte Witterung finden. Wahrscheinlich wirklich nur jemand vom Personal, den du noch nicht kennst.“
„Ich kenne so gut wie niemanden vom Personal“, klärte ich ihn auf und durfte nun endlich mein Zimmer betreten. Mein erster Gang ging direkt zu meinem Handy auf dem Tisch. Nummer unterdrückt. Tja, dann konnte ich wohl nicht zurückrufen.
„Vielleicht nicht vom Namen oder vom Aussehen“, sagte Lucy und ließ sich auf die Couch fallen. „Aber seit deiner Ankunft nimmst du instinktiv die Gerüche um dich herum auf und speicherst sie ab.“
Schon wieder dieser Instinkt. Ich ersparte mir jegliche Einwände, die sie eh nur widerlegen würde und legte mein Handy auf den Tisch. Dabei bemerkte ich, dass mein Kleiderschrank einen Spalt offen stand.
Ich wusste nicht genau was es war, solche Kleinigkeiten störten mich sonst auch nicht, aber irgendwas brachte mich dazu, mir die Sache näher anzuschauen. Als ich die Tür jedoch ganz aufzog, wirkte auf den ersten Blick alles normal.
Langsam ließ ich den Blick über die geschlossenen Schränke wandern. Alles so wie ich es verlassen hatte. Und doch trat ich hinein und begann damit Schubladen und Schranktüren zu öffnen. Zuerst schien auch jetzt noch alles okay, doch dann fiel mein Blick auf ein leeres Fach, wo heute morgen noch zwei Stapel Hosen gelegen hatten.
Oh nein, das hatten sie nicht getan.
Hastig ging ich zu dem Schrank daneben. Die kurzen Leggins die Collette besorgt hatte: weg. Die Hälfte meiner Oberteile: weg. Ein Teil meiner Unterwäsche: weg! Die Kleider dagegen waren noch alle fein säuberlich dort wo sie hingehörten.
In mir begann es zu brodeln und dann knallte ich die Schranktüren mit einem Wutschrei zu und trat dann noch einmal dagegen.
Lucy erschien in der offenen Tür. „Was ist los, warum schreist du so rum?“
„Weil meine Klamotten weg sind!“, fauchte ich sie an. „Irgendjemand war hier und hat meine Sachen geklaut! Hosen, Oberteile, Unterwäsche, alles weg!“
Lucy schaute zu den noch offenen Schranktüren. „Scheint so, als wollten sie mit aller Macht verhindern, dass du Hosen trägst.“
Ich brauchte einen Moment um zu verstehen, wen genau Lucy mit sie meinte. Die Antwort war einfach, meine Familie. Nur sie wollten unbedingt, dass ich mich an diese beschissenen Kleiderordnung hielt. „Das geht zu weit, das lasse ich mir nicht bieten“, knurrte ich und drängte mich an Lucy vorbei, doch nun stand auch noch Diego da und versperrte mir den Weg. „Lass mich durch.“
Diego blieb genau dort wo er war.
„Diego.“ Meine Stimme glühte nur so vor Ärger.
„Und wenn ich dich jetzt durchlasse, was dann? Deine Klamotten sind weg und wenn die Majestäten das veranlasst haben, bekommst du sie auch nicht wieder, ganz egal was du tust.“
„Aber ich kann mir das nicht bieten lassen!“, protestierte ich. „Sie haben meine Sachen geklaut. Und das nachdem ich die letzten beiden Tagen diese verdammten Kleider angezogen habe!“
„Du wirst es dir bieten lassen, du hast gar keine andere Wahl“, sagte er mit dieser vernünftigen Stimme, der ich noch nie etwas abgewinnen konnte.
„Wir haben immer eine Wahl.“
„Nein“, widersprach er mir sofort. „Nicht immer.“
Und das Schlimme daran? Er hatte recht.
°°°°°
Wie der Bote eines drohenden Unheils ragte der Zugang zum Gartenlabyrinth vor mir auf. Okay, es waren bloß ein paar grüne Hecken mit zwei etwas altertümlichen Laternen, doch da ich den Weg hinein alleine finden sollte, konnte das nur in einer Katastrophe enden. „Ich glaube es ist besser, wenn du vorgehst“, sagte ich zu Lucy.
Den Blick den sie mir zuwarf, ließ mich mal wieder an meiner Intelligenz zweifeln. „Dir ist klar, dass ich mit Diego kommuniziere und daher weiß, dass du den Weg alleine finden sollst?“
„Danke Diego.“ Da es nichts brachte meine Freundin böse anzugucken, funkelte ich eben die Hecke böse an. Sie ließ sich davon nicht beeindrucken. Dieser verdammte Sydney, dieser verdammte Garten, die verdammte Hof. Langsam aber sicher entwickelte ich eine tief verwurzelte Abneigung gegen alles und jeden an diesem Ort, ganz vorne meine Großeltern und diese verdammte Kleiderordnung.
Ja ich war immer noch sauer. Diego hatte mich vielleicht davon abhalten können das Schloss niederzubrennen, aber deswegen war meine Welt noch lange nicht wieder in Ordnung. Ich hatte noch immer eine Stinkwut.
„Willst du nicht langsam mal losgehen?“
Wenn ich ehrlich war: „Nein.“ Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging in die andere Richtung.
Lucy zögerte einen Moment, eilte dann aber sofort wieder an meine Seite. „Du musst zum Unterricht. Historiker Sydney erwartet dich.“
„Dann soll er halt warten.“ Ich würde sicher nicht in das Labyrinth gehen und die halbe Nacht darin herumirren, nur weil der Herr sich zu fein war mich abzuholen. Das konnte er vergessen.
Ein Stück weiter, unter einer weiteren dieser veralteten Laternen, stand eine verhältnismäßig einfache Steinbank ohne Rückenlehne. Ich setzte mich drauf und hätte am liebsten wieder geflucht. Nicht nur dass es bereits Nacht war und deswegen sowieso ein wenig kühler, dieses Kleid war so dünn, dass ich ich auch gleich mit dem nackten Arsch hätte daraufsetzen können.
Lucy schaute vom Zugang zwischen den Hecken zu mir. „Man hat dir deine Mentoren aus gutem Grund zur Seite gestellt. Du solltest …“
„Kannst du nicht einmal aufhören an mir herumzunörgeln? Ich sitze doch hier draußen unter dem verdammten Mond und friere mir den Arsch ab. Ob da nun so ein blöder Wolf neben mir liegt oder nicht, ist doch völlig egal.“
Ihre Mundwinkel sanken deutlich herab. „Wenn du schlechte Laune hast, okay, aber lass sie nicht an mir aus. Ich war es nicht, der in deinem Schrank herumgewühlt hat.“
Nein, war sie nicht, aber jeden Schritt den ich machte zu kritisieren war auch nicht gerade hilfreich. Da eine Diskussion mit Lucy im Moment nur einen handfesten Streit auslösen würde, ignorierte ich sie und brodelte einfach still weiter vor mich hin.
Das Abendessen hatte ich ausfallen lassen und als ich auf dem Weg hier her zufällig Prinz Manuel gesehen hatte, war ich sofort in die entgegengesetzte Richtung verschwunden, um ihm nicht begegnen zu müssen. Im Moment wollte ich mit dieser Familie absolut nichts zu tun haben. Vorhin hatte ich sogar überlegt einfach meine verbliebenen Sachen zu packen und zu gehen. Leider – oder auch zum Glück – hatte Diego mich an meine Mutter erinnert und daran, dass ich sie vielleicht nicht wiedersah, wenn ich diese beschissenen Wochen hier am Hof nicht durchhielt.
Mein Gott, ich war jetzt den dritten Tag hier und konnte schon an nichts mehr anderes denken, als an den Tag, an dem ich hier endlich rauskam. Wenn es endlich so weit war, würde ich vermutlich vor Freude Luftsprünge machen.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich hier bereits saß und still vor mich hinkochte, als ich am Rande meiner Wahrnehmung eine Bewegung bemerkte. Meine Augen huschten zu den Hecken und ich konnte dabei zuschauen, wie ein großer, sandfarbener Wolf heraus kam.
Als er mich bemerkte, verharrte er einen Moment und kam dann direkt auf mich zu. „Prinzessin Cayenne.“ Er senkte seinen Kopf ein wenig, als wollte er sich verbeugen. „Ich hab auf Euch gewartet.“
„Und?“
Er musterte mich mit einem so durchdringenden Blick, dass ich mir richtig durchleuchtet vorkam. „Ihr seid verärgert.“
„Woran haben sie das nur erkannt?“, fragte ich spitz.
Mein Mentor legte die Ohren an und duckte sich ein wenig. „Habe ich Euch verärgert?“
„Nein.“ Meine Stimme war ein halbes Knurren und auch wenn er mir im Grunde nichts getan hatte, so gehörte auch er zu diesem Verein und das trug nicht gerade positiv zu meiner Laune bei.
Auch wenn der Historiker sich von meinem Verhalten nicht direkt einschüchtern ließ, so machte er doch einen vorsichtigen Schritt zurück.
Ich versuchte seine Anwesenheit zu ignorieren, doch dieser bohrende Blick war so … naja bohrend eben, dass das gar nicht möglich war. „Können sie nicht wen anders anglotzen?“
Ein wenig unterwürfig senkte der den Kopf. „Natürlich, verzeiht.“ Und dann drehte er sich wirklich um und setzte sich mit dem Rücken zu mir vor die Bank. Dabei hatte er die Schultern auf eine Art hochgezogen, dass ich mir auf einmal wie das größte Miststück der ganzen Gegend vorkam. Genau wie ich war er schließlich hier, weil man es von ihm erwartete. Er hatte sicher nicht darum gebeten den unerwünschten Bastard der Familie zu betreuen und sich dafür auch noch die Nächte um die Ohren zu hauen.
Na toll, jetzt hatte ich auch noch ein schlechtes Gewissen. „Tut mir leid“, sagte ich leise und stocherte mir dem Schuh in der festgetretenen Erde vor der Bank herum. „Ich hab schlechte Laune, ich wollte es nicht an ihnen auslassen.“
Seine Haltung entspannte sich ein wenig. Er drehte den Kopf und begann erneut mich zu mustern. „Manchmal sind unsere Gefühle mächtiger als unser Willen und treiben uns zu Dingen, die jeglicher Vernunft entbehren.“
Ich schnaubte. „Ja, Vernunft war noch nie so wirklich meins.“
Nach einem weiteren Augenblick, drehte er sich ganz herum und setzte sich vor mich. „Ich weiß dass wir uns im Grunde nicht kennen, doch bisweilen kann auch ein Gespräch mit einem Fremden hilfreich sein.“
Ich musste an den Obdachlosen denken, der mir die Taschentücher gereicht hatte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich ihn gar nicht nach seinem Namen gefragt hatte. Er war einfach nur ein weiteres Gesicht der Großstadt gewesen, dass man mit der Zeit vergaß. Doch seine Worte lebten noch immer in meiner Erinnerung. Tu das was dich glücklich macht. „Es ist diese verdammte Kleiderordnung.“ Seufzend rieb ich mir über die Arme. Heute Nacht war es wirklich recht kühl. „Meine tollen Großeltern haben in meiner Abwesenheit alle meine Hosen geklaut und das obwohl ich doch schon diese blöden Kleider trage.“
„Ihr fühlt Euch betrogen.“
„Wie sollte ich mich denn sonst fühlen?“ Ich begann wild zu gestikulieren. „Die fordern und fordern und fordern und was bekomme ich zurück? Nichts! Ich mache den ganzen Scheiß mit, also warum können die mir nicht mal ein kleinen wenig entgegen kommen? Ich kann nicht mal zu ihnen gehen und mich beschweren, weil meine Freunde der Meinung sind, dass man mich dann einen Kopf kürzer macht. Langsam komme ich mir vor, als würde ich in einer Falle sitzen, aus der es keinen Ausweg gibt.“ Ich war ein wenig laut geworden, doch weder Sydney noch Lucy schienen sich daran zu stören.
Mein ganz persönlicher Mentor neigte den Kopf ein wenig zur Seite, als müsste er das Problem erst einmal gründlich überdenken. „Das Leben wie Ihr es bisher gekannt habt war etwas völlig anderes, als jenes, in das ihr gestoßen wurdet. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Begegnung mit dem Fremden niemals einfach ist, doch wir leben um zu lernen.“
Aha, sehr interessant. „Und wie hilft mir das jetzt weiter?“
„Ich möchte damit nur sagen, dass Ihr Euch selber Zeit geben müsst, um Euch an die neuen Umstände zu gewöhnen. Das schließt auch die Kleiderordnung mit ein. In Euren Augen mag sie alt und unsinnig erscheinen und natürlich habt Ihr ein Recht auf Eure Wut. Auch die Majestäten dürfen Euch Euer Eigentum nicht entwenden, aber alles hat einen Grund. Es liegt nun an Euch zu lernen diesen zu verstehen und zu akzeptieren.“
„Aber was bitte soll das für ein Grund sein? Ja, an meinem ersten Tag bin ich mit einer Hose am Tisch aufgetaucht, na und? Die letzten beiden Tage habe ich mich in diese überteuerten Fummel geschmissen und sie sind trotzdem an meine Sachen gegangen. Und davon abgesehen, dass man sowas einfach nicht macht, verstehe ich auch nicht warum.“
Er senkte den Kopf ein wenig. „Habt Ihr etwas getan oder gesagt, dass sie glauben ließ, Ihr würdet die Kleiderordnung brechen wollen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab es nicht mal erwähnt.“
„Du hast dir von Collette die Hosen besorgen lassen“, warf Lucy ein.
„Aber die waren doch nur zum drunter ziehen gedacht und … Moment, woher weißt du denn davon?“ Ich hatte ihr das doch gar nicht erzählt.
Sie zuckte nur entschuldigend mit den Schultern. „Die Leute hier sind ziemlich geschwätzig. Wenn Peter mitbekommt, dass Walter in der Nase popelt, weiß es nach einer halben Stunde das ganze Schloss.“
„Du meinst Collette hat das herumerzählt?“ Irgendwie konnte ich mir das nicht vorstellen.
„Keine Ahnung, wahrscheinlich nicht. Aber es reicht schon, wenn jemand sie gesehen hat. Du darfst nicht vergessen, du bis eine Prinzessin. Deine Rückkehr ist ein Wunder. Alle beobachten dich und die Leute um dich herum.“
Fantastisch. „Das heißt ich muss in Zukunft darauf aufpassen, wann ich mich am Arsch kratze?“
Ihre Antwort bestand aus einem weiteren Schulterzucken.
„Das ist doch einfach nur noch zum Kotzen.“ Seufzend sackte ich ein wenig in mich zusammen. „Egal, vergesst es einfach, ich hab keine Lust mehr darüber zu sprechen.“ Davon wurde meine Laune nämlich auch nicht besser.
„War dies der Grund, warum Ihr nicht zu mir ins Labyrinth gekommen seid?“
„Zum Teil.“
Er rutschte ein Stück nach vorne, um mich ins Gesicht sehen zu können. „Verratet Ihr mir auch den anderen Teil?“
Nun war ich es, die mit den Schultern zuckte. „Ich hatte keine Lust mich zu verirren.“
Verstehen machte sich in seinem Gesicht breit. „Ich glaube nicht, dass Ihr Euch verirrt hättet.“
„Wegen meiner tollen Instinkte?“, fragte ich in Erinnerung daran was Diego gesagt hatte.
Sydney nickte. Das sah ein wenig seltsam aus. „Ich habe Euch diese Aufgabe gestellt, damit ihr Eure Sinne schärfen könnt. Auch in dieser Gestalt könnt Ihr auf Euren Wolf zugreifen. Wenn Ihr es nur zulasst, könnte Ihr besser hören und riechen, was auch die Orientierung in einem Labyrinth erleichtert.“
Ich dachte daran, wie ich vorhin bemerkt hatte, dass sich in meinem Zimmer etwas verändert hatte. „Ich sollte meinen Weg erschnüffeln?“
„Ja, so kann man es ausdrücken.“
Das Schnauben konnte ich mir nicht verkneifen. „Du bist verrückter als … ähm, sorry, ich meinte sie, nicht du.“
„Ihr könnt mich ruhig duzen. Ganz wie es Euch beliebt.“
Mein Mundwinkel verzog sich ein wenig. „Sie sind mein Mentor.“
„Und Ihr seid eine Prinzessin. Wenn Ihr es wünscht, dürftet Ihr mich sogar Fiffi nennen.“
Schmunzelnd streckte ich meine Hand nach seinem Kopf. „Fiffi.“ Meine Fingerspitzen berührten das weiche Fell hinter seinen Ohren. So wie ich es bei Elvis immer machte, kraulte ich ihn da, bis er genüsslich die Augen schloss und mir damit klar machte, was ich hier eigentlich trieb. Ich streichelte meinen Lehrer! Als hätte ich mich an ihm verbrannt, riss ich meine Hand zurück und setzte mich kerzengerade auf.
Er sah mich nur fragend an. „Was habt Ihr?“
„Ich … tut mir leid, das war nicht meine Absicht. Ich weiß nicht warum … oh Gott.“ Ich schlug die Hände vors Gesicht. Das war doch mal eine peinliche Aktion gewesen.
„Ihr braucht Euch nicht zu schämen. Körperkontakt zwischen Lykanern ist eine instinktive Handlung. Es stört mich nicht und Euch sollte es auch nicht stören.“
Ich blinzelte zwischen meinen Fingern hindurch. „Ich habe gerade meinen Mentor gestreichelt.“
„Weil Ihr eine schwere Zeit durchmacht und solche Berührungen heilsam für Körper und Geist sind. Instinktiv hab Ihr das gemacht, was Ihr braucht und es sollte Euch nicht beschämen.“
„Ich hab gerade meinen Mentor gestreichelt“, wiederholte ich ein wenig nachdrücklicher.
Sydney rückte näher und legte mir seinen großen Kopf in den Schoß. „Es ist etwas völlig normales“, flüsterte er in meine Gedanken.
Zuerst wusste ich nicht so recht was ich tun sollte und warf einen hilfesuchenden Blick zu Lucy. Nicht weil es unangenehm war und irgendwie sah er ja schon ein bissen wie ein Hund aus, aber er war halt keiner und das machte diesen Moment ein wenig bizarr. Aber Lucy beachtete weder mich noch ihn. Ihr Blick war auf die Umgebung konzentriert.
Meine zweite Reaktion war ein Zucken in meinen Fingern. Nicht weil ich ihn wegstoßen wollte, sondern weil ich auf einmal das Bedürfnis hatte ihn noch mal zu streicheln. Diese Nähe fühlte sich irgendwie vertraut an. Es wie mit Diego und Lucy. Auch bei den beiden hatte ich nie ein Problem mit Berührungen gehabt – egal ob sie von mir, oder von ihnen ausgegangen waren.
Sydney saß nur ruhig da und wartete einfach ab was als nächstes geschehen würde.
Und dann tat ich es einfach. Ich streckte meine Hand erneut aus und begann wieder damit, ihn hinterm Ohr zu kraulen. Nur zögernd, einfach weil ich das komisch fand. Aber dann schloss er einfach die Augen und stieß erleichtert die Luft aus.
Lucys Worte kamen mir wieder in den Sinn. Omegas liebten es sich in der Nähe ihrer Alphas aufzuhalten. Laut Lucy war es beruhigend und erfüllend zugleich. Was unterm Strich wohl bedeutete, dass Sydney meine Nähe genoss und es für ihn wirklich in Ordnung war.
Es war wohl dieser Gedanke, der mich dazu brachte mich ein wenig zu entspannen. Trotzdem musste ich mir noch ein paar mal sagen dass ich das durfte und es laut Sydney auch etwas völlig normales war.
Langsam ließ ich die Hand zu seinem Kragen wandern. Das Fell dort war ganz anders als das von meinem eigensinnigen Kater. Ein wenig drahtig, mit einer ziemlich dicken Unterwolle. Als Sydney dann auch noch genießerisch grummelte, begann ich zu lächeln.
Da ich es aber trotzdem ein wenig seltsam fand, ihn wie ein Hund zu behandeln, begann ich die Stille zu füllen. „Sag mal, wie alt bist du eigentlich? Unter einem Historiker stelle ich mir eigentlich einen alten Mann mit dicker Brille vor, aber wirklich alt siehst du nicht aus.“ Obwohl man sich bei einem Werwolf ja auch nicht so sicher sein konnte.
In meinem Kopf erklang sein leises Lachen und ich könnte schwören, dass er lächelte, doch die Augen hielt er geschlossen. „Noch bin fünfunddreißig.“
Also doch schon ein etwas älteres Exemplar – naja, von meinem Standpunkt aus betrachtet. „Noch?“
„In zwei Tagen habe ich Geburtstag.“
Ich rechnete im Kopf schnell nach. „Dann bist du siebzehn Jahre älter als ich.“ Meine Hand glitt weiter durch sein Fell und langsam wurde es … normal. Es war noch immer ein wenig merkwürdig, aber es fühlte sich nicht falsch an. „Und, hast du eine große Party geplant?“
„Ich feiere diesen Tag nicht.“
Das Warum lag mir bereits auf der Zunge, doch etwas in seiner Stimme veranlasste mich dazu, nicht weiter nachzufragen.
Als mein Finger über einen kahlen Strich in seinem Fell glitt, verharrte ich einen Moment. Ich beugte mich zur Seite, um mir die Sache genauer anzuschauen. Im schwachen Schein der Laterne war nicht viel zu erkennen, doch wenn ich nicht völlig falsch lag, dann war das eine Narbe.
Langsam strich ich an ihr entlang und musste mit Bestürzung feststellen, dass das nicht nur ein kleiner Kratzer war. Und auch, dass es nicht nur einer, sondern gleich vier waren, die parallel zueinander lagen. Daher diese seltsamen Unterbrechungen in seinem Fell. „Was ist das?“
Sydney Antworte nicht sofort und als er es dann tat, war seine Stimme so leise, dass ich sie kaum verstand. „Vergessene Narben. Beachtet sie nicht.“ Sein Ton verdeutlichte mir unmissverständlich, dass dieses Thema beendet war, bevor es beginnen konnte.
Wenn ich da nur an meine eigene Narbe dachte, konnte ich ihn durchaus verstehen. Es gab halt Makel, die man lieber im Verborgenen ließ. Aber dann entdeckte ich über seinen ganzen Körper noch weitere Schrammen und Kratzer, die zwar vor langer Zeit verheilt, aber niemals verschwunden waren. Selbst auf seiner Schnauze konnte ich einen Silberfaden entdecken. Das waren nicht nur irgendwelche Narben, das waren Kratz- und Bissspuren. „Jemand hat dir wehgetan“, sagte ich leise.
Ich spürte wie er sich ein wenig anspannte. „Es ist lange her und nicht mehr von Bedeutung.“
Nein, ich glaubte ihm nicht, aber ich würde ihn sicher nicht bedrängen. Das war einfach etwas, dass mich nichts anging, wenn er mich nicht daran teilhaben lassen wollte. „Und?“, fragte ich dann, um das Thema zu wechseln. „Was treibst du so, wenn du nicht gerade mit nervtötenden Prinzessinnen abgeben muss?“
Er schlug die Augen auf, in denen nichts menschliches war. Da war nur die Wildheit des Wolfes. „Ihr seid nicht nervtötend.“
Mein Mundwinkel zuckte. „Das behauptest du jetzt noch, warte mal ein paar Tage, dann siehst du das ganz anders.“
„Ich glaube nicht, dass es etwas gibt, was meine Meinung über Euch so schnell ändern könnte.“ Er hob den Kopf aus meinem Schoß und sofort wurde es etwas kühler. „Aber vielleicht ist es an der Zeit, sich nun noch ein wenig unter den Mond zu legen.“
Unterricht? Jetzt noch? Wirklich? „Ich bin doch draußen, reicht das nicht?“
„Nein, nicht wenn Ihr den Mond dabei nicht beachtet.“
Ich musste ja fragen. „Findest du es heute nicht ein wenig kalt?“
Wie um meine Frage zu beantworten, erhob er sich und ließ sich ein Stück weiter im Gras nieder. „Ihr könnt Euch an mich lehnen, dann werdet ihr nicht frieren.“
Ja, weil er praktischerweise immer einen dicken Pelz mit sich herumtrug.
Für einen kurzen Moment war ich versucht mir ihm zu diskutieren, doch am Ende würde ich wahrscheinlich trotzdem unterm Mond liegen, also ersparte ich uns die Prozedur und legte mich mit einem schweren Seufzen neben ihm ins Gras. Ihn als Kopfkissen zu benutzen, fand ich doch irgendwie schräg, immerhin war er doch mein Mentor.
Sydney jedoch hatte nicht solche Probleme. Sobald ich lag rückte er an mich heran, sodass ich zumindest von einer Seite gewärmt wurde. Dann hörte ich für eine ganze Weile nichts außer den lauen Sommerwind und meine eigenen Gedanken.
Ein paar Wolken schwebten einsam und träge über den Himmel. Der Mond hing still am Himmel und verteilte sein diffuses Licht in der Nacht. Ich begann mich zu fragen, wie etwas so Alltägliches mit einem Schlag so viel Einfluss auf mich haben konnte, dass es sogar mein ganzes Leben verändert hatte.
Es war nun fast zwei Wochen her, dass der Mond für mich mehr wurde, als ein leuchtender Himmelskörper in der Nacht und das Raphael mich zu einem Monster gemacht hatte.
Na toll, jetzt hatte er es wieder geschafft sich in meine Gedanken zu schleichen. Nicht dass er zwischendurch mal gänzlich verschwunden gewesen war, aber die meiste Zeit schaffte ich es eigentlich ganz gut ihn zu verdrängen.
Was er im Moment wohl tat? Vielleicht saß er ja auch irgendwo und schaute genau wie ich den Mond an. Gott, war das kitschig. Und doch war da ein kleiner Teil in mir, der sich das trotz allem wünschte.
Bei unserer letzten Begegnung hatte er so elend ausgesehen, aber nach alles was er getan hatte, was hätte ich den sonst tun können, als ihn wegzuschicken? Der ganze Lug und Trug. Wahrscheinlich gehörte selbst die blöde Markierung dazu und er war einfach nicht mehr dazu gekommen, sie einzusetzen.
Nur was ich nicht verstand, war dieser Umweg, den er genommen hatte. Ich hatte gesehen, wie er einen Bekannten von mir allein durch einen Blick dazu brachte seinem Wort zu gehorchen. Warum hatte er das nicht auch bei mir getan? Das wäre doch sicher einfacher gewesen.
Eigentlich war es auch egal. Raphael war mit dem Vorsatz in meinem Leben getreten mich zu benutzen, um seine Ziele zu erreichen und auch auch wenn ich seine Beweggründe verstand, rechtfertigte das noch lange nicht sein Tun. Er hatte selbst dann weiter gemacht, als er merkte, was er mir damit antat. Er hatte nicht aufgehört, bis es zu spät war und das war es, was ich ihm einfach nicht verzeihen konnte.
Auch jetzt spürte ich wieder den Schmerz und die Wut, die mich bei den Gedanken an ihn überkamen. Gleichzeitig wurde ich aber auch wütend auf mich selber, weil ich es nicht schaffte meine Gefühle und Gedanken für ihn zu verbannen. Das war einfach so …
„Ihr zittert.“ Sydney hob den Kopf und riss mich damit aus meinem Kopf heraus. „Ist Euch kalt?“
Kalt? Fast hätte ich gelacht. Mir war nicht kalt, das war die Wut, die wieder zu kochen begann. „Nein“, sagte ich, schaute ihn aber nicht an.
Wie er es bereits vorhin getan hatte, begann Sydney mich wieder zu durchleuchten, als wollte er mein Innerstes erforschen – na bei dem Versuch wünschte ich ihm viel Glück. „Welcher Kampf tobt durch Eure Gedanken?“, fragte er dann sehr leise.
Verdammt, war ich wirklich so einfach zu durchschauen? Mit einem Ruck setzte ich mich auf. „Tut mir leid, aber ich bin langsam ziemlich müde. Ich denke es ist besser, wenn ich ins Bett verschwinde.“
So wie er mich anschaute, schien er mir kein Wort zu glauben. „Natürlich, wenn es das ist, was Ihr wünscht.“
Fast hätte ich ihn angefahren, dass er doch nicht so gönnerhaft sein sollte, aber ich schaffte es noch mich daran zu erinnern, dass Sydney nicht Raphael war und absolut nichts falsch gemacht hatte. So erhob ich mich nur schweigen, klopfte mir den Dreck vom Hintern und wandte mich zum Gehen.
„Morgen möchte ich Euch im Labyrinth treffen.“
Ich drehte mich nicht um. „Hatten wir das nicht gerade?“
„Bitte Prinzessin Cayenne. Es ist wichtig und es wird Euch helfen.“
Das bezweifelte ich.
„Die Prinzessin wird da sein“, versprach Lucy.
Dafür bekam sie einen bösen Blick, von dem sie sich nicht im Mindesten einschüchtern ließ.
„Dann wünsche ich eine geruhsame Nacht.“
Trotz allem schaffte ich es noch ein „Nacht“ über die Lippen zu bringen, bevor Lucy mich durch den Garten zurück ins Schloss begleitete. Allerdings bezweifelte ich bereits auf dem Weg in meinem Zimmer, dass diese Nacht geruhsam werden würde und zu meinem Leidwesen sollte ich recht behalten.
°°°
„Du musst dich zusammenreißen, Cayenne“, mahnte mich Diego, als er hinter mir auf den Korridor trat und die Tür zuzog. Wozu eigentlich? Wie man gemerkt hatte, hinderte eine geschlossene Tür die Leute nicht daran in meinen Sachen herumzuwühlen. „Und beeil dich ein wenig, sonst kommst du noch zu spät.“
„Oh ja, das wäre wirklich schlimm, ich könnte ja all die intellektuellen Gespräche verpassen.“ Ja, ich hatte schlechte Laune. Die Nacht war scheiße, der Morgen noch beschissener und ich hasste das grüne Kleid, das Collette mir herausgesucht hatte. Nicht weil es hässlich war, aber da war nichts als Luft zwischen mir und dem losen Stoff. Wenigstens besaß ich noch meine Beinbinden. Ohne die hätte ich mich geweigert mein Zimmer zu verlassen.
„Mir ist es Ernst. Du hast gestern an keiner einzigen Mahlzeit teilgenommen.“
„Woran das nur liegt“, murmelte ich, ließ das Thema damit aber fallen. Trotzdem konnte ich mir einen neidischen Blick auf Diegos Hose nicht verkneifen. Zwar war diese braune Lederuniform nicht unbedingt meins, aber sie war auf jeden Fall besser, als dieses dünne Stück Seide, dass ich hatte anziehen müssen.
Das ich die Halbe Nacht hatte an Raphael denken müssen, hatte den Morgen auch nicht unbedingt besser gemacht. Irgendwie war das schließlich auch seine Schuld.
Mehr und mehr wünschte ich mir, dass dies alles nur ein Alptraum war, der aufhörte, sobald ich erwachte. Nur leider erwachte ich nicht.
Auf dem Weg nach unten wurde mir wieder mal bewusst, wie groß dieses Schloss eigentlich war. Da ich den Speisesaal aber schon wenige Minuten später erreichte, musste ich feststellen, dass es noch nicht groß genug war.
„Bleib ruhig“, zischte Diego mir noch einmal zu, bevor wir hinein traten. Er marschierte direkt zu seinem Platz an der Wand. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu dem Rest der Familie an den Tisch zu gesellen und einen alphamäßigen Eindruck zu machen.
„Einen schönen Morgen, meine Tochter“, wünschte mir Königin Geneva, als ich mich zwischen ihr und der Eisprinzessin auf meinen Platz setzte. „Ich hoffe du hattest eine geruhsame Nacht.“
„Sie war genau wie all die anderen Nächte.“ Nämlich beschissen! Das sagte ich natürlich nicht laut.
„Das freut mich zu hören.“ Sie langte nach einem aufgeschnittenen Brötchen und bestrich es so hauchdünn mit Butter, dass sie sie eigentlich auch ganz weglassen konnte. „Sadrija hat mir gerade von deinen Vorschritten bei Frau van Schwärn berichtet. Ich muss dich loben. Was deinen Unterricht bei Historiker Sydney dagegen angeht, da solltest du dir wohl ein wenig mehr Mühe geben.“
„Ja, weil es ja auch genauso einfach ist sich in ein völlig anderes Wesen zu verwandeln, wie sich die Schrittfolge des Walzers zu merken.“
„Wenn du es nur zulässt, dann ist es das.“
Die Wut, die schon die ganze Nacht in mir gebrodelt hatte, kochte wieder auf. Bleib ruhig, ignoriere sie einfach. Das war wohl der einzige Weg diese Mahlzeit heil zu überstehen. Also verschenkte ich die Arme vor der Brust und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. Ich musste hier sein? Okay, aber das bedeutete noch lange nicht, dass ich mich beteiligen musste.
Quer über den Tisch warf Kaidan mir einen aufmerksamen Blick zu. „Du siehst ein wenig müde aus.“
Könnte daran liegen, dass ich die halbe Nacht im Garten rumliegen musste. Ich verkniff mir diesen Kommentar und starrte einfach auf meinem leeren Teller. Mit einem Mal vermisste ich mein altes Leben mehr als jemals zuvor. Nicht nur wegen all der Freiheiten, die ich dort besessen hatte. Ich vermisste mein Zimmer, meine Privatsphäre und die Gespräche mit Elvis. Ich vermisste selbst Victoria und ihr ewiges Genörgel. Doch ganz besonders vermisste ich meine Mutter.
Klar, sie war nie besonders oft für mich da gewesen, einfach weil es ihr verboten war, doch selbst aus der Ferne hätte sie es niemals zugelassen, dass man meine Privatsphäre so missachtete und mir einfach meine Sachen wegnahm.
„Ich will meine Mutter sehen.“ Die Worte waren draußen, bevor ich überhaupt darüber nachdachte.
Mehrere Blicke richteten sich zeitgleich auf mich. Nur Königin Geneva ließ sich wie immer nicht aus der Ruhe bringen. Sie nahm sich einfach eine Scheibe Käse von der silbernen Servierplatte und belegte damit ihr Brot. „Das ist kein Thema für den Tisch.“
„Damit kann ich leben“, sagte ich kühl. „Wann würde es Ihnen den besser gefallen? Nach dem Essen? Muss ich einen Termin bei Ihnen machen? Dann brauche ich noch die Telefonnummer ihrer Sekretärs.“ Ich wusste, dass ich mich mit meinen Worten lieber zurückhalten sollte, aber das konnte ich einfach nicht. Da hatte sich einfach zu viel angestaut.
Leider ging sie auf die Stichelei überhaupt nicht ein. „Ich werde mit dir gar nicht darüber sprechen. Du solltest es besser akzeptieren. Die Frau, die dir das Leben schenkte, ist nicht von Bedeutung.“
Ich traute meinen Ohren kaum. Was sie da verlangte war einfach so unglaublich, dass ich mich weigerte es zu akzeptieren. „Sie wollen dass ich meine Mutter vergesse?“
„Es wäre besser für dich.“
„Klar wäre es das.“ Meine Stimme triefte vor Hohn. „Am besten lege ich mir eine schwere Amnesie zu, damit ich gleich alles vergessen kann, was in meinem Leben auch nur irgendeine Bedeutung hat.“
Sie sah mich an und sagte dann mit purem Ernst: „Es wäre vermutlich das Beste was du tun könntest.“
In meinem Kopf brannte eine Sicherung durch. Noch ehe ich wusste, was ich da tat, hatte ich ihr dass Brötchen aus der Hand geschlagen und stemmte mich vor ihr auf den Tisch. Was sie von mir wollte, war so absurd, dass ich mich einfach zur Wehr setzten musste. „Sie können mir meine Klamotten nehmen …“, knurrte ich.
Im Augenwinkel sah ich Diegos erschrockenes Gesicht.
„… Sie können mir vielleicht sogar mein Leben nehmen …“
Von den Wänden lösten sich ein paar Umbra und traten vorsichtig auf uns zu.
„… aber was Sie mir niemals nehmen können, sind meine Erinnerungen und die Gefühle zu meiner Mutter, die so tief in meinem Herzen verankert sind, dass Sie sie mir schon aus der Brust reißen müssten, um sie zu entfernen.“ Ein grausiges Bild stieg mir in Gedanken auf, ein Bild, das Königin Geneva zeigte, die langen Künstlerfinger blutig, in ihrer Hand mein noch schlagendes Herz und ich mit einem großen Loch in der Brust, tot vor ihr auf dem Boden. Ich hatte eindeutig zu viele Horrorstreifen gesehen.
Sie tat nichts dergleichen, obwohl ich mir ziemlich sicher war, das sie dazu durchaus in der Lage wäre.
„Und wenn Sie wollen, dass ich ihre kleine Scharade weiterhin mitspiele, dann sollten Sie mir vielleicht auch mal ein bisschen entgegenkommen.“ Ich drehte mich herum, stieß meine Stuhl beiseite, einfach weil er mir im Weg stand und marschierte wutentbrannt aus dem Saal hinaus.
Meine Mutter vergessen. Das war einfach zu viel. Diese Leute verleugneten mich fast zwei Jahrzehnte und jetzt tauchten sie auf und verlangten allen Ernstes, den einzigen Elternteil der mir noch geblieben war in die Wüte zu schicken. Ich konnte es nicht fassen!
Ich war kaum außer Hörweite der Majestäten, als Diego mich auch schon eingeholt hatte. „Das hättest du nicht tun dürfen.“
„Sie hat es herausgefordert.“ Mit weiten Schritten lief ich auf die Eingangshalle zu.
„Ich weiß dass es schwer ist, aber du musst deine Gefühle unter Kontrolle halten.“
„Warum? Irgendjemand in diesem riesigen Kasten muss doch Gefühle haben, warum also nicht ich?“
Ohne jede Vorwarnung packte Diego mich am Arm und wirbelte mich zu ihm herum. „Weil es dich deinen Kopf kostet, wenn du so weiter machst!“ Seine Stimme mochte streng geklungen haben, doch in seinem Gesicht las ich Sorge.
„Na und?“ Ich zerrte an meinem Arm – brachte nichts. „Dann hat dieser ganze Mist wenigstens ein Ende und jetzt nimm deine Pfoten weg, du tust mir weh!“ Das tat er wirklich. Ob beabsichtigt, oder nicht, das würde bestimmt einen blauen Fleck geben.
Er ließ von mir ab und bevor er es schaffte seine Gefühle hinter seiner Maske zu verbergen, sah ich noch die Bestürzung in seinen Augen. „Das ist es was du willst?“, fragte er ungläubig. „Du würdest sterben, nur um deinen Stolz nicht zu verlieren?“
„Da sie mir alles wegnehmen, ist mein Stolz im Moment das einzige was mit noch bleibt!“, fauchte ich ihn an und wünschte mir, dass wir einfach aufhören konnten zu streiten. Dass er mich in die Arme nahm und mir damit das Gefühl gab, das alles wieder gut werden würde. Aber das tat er nicht. Er stand nur da und starrte mich an, als würde er mich nicht wiedererkennen.
„Du besitzt viel mehr, als nur deinen Stolz“, er sehr leise. „Und mit deinem Verhalten setzt du alles aufs Spiel.“
„Scheiß drauf!“, schrie ich. „Ich will das alles nicht! Von mir aus sollen sie alles haben, Hauptsache ich bekomme mein Leben wieder!“
Lange sah Diego mir in die Augen. Ein Anflug von Trauer überzog sein Gesicht. „Du willst deine Freunde nicht?“
„Welche Freunde? Seit wir hier angekommen sind, warst du kaum etwas anders als ein Umbra. Jetzt plötzlich tust du wieder so als wärst du mein Freund, als würde dir etwas an mir liegen, aber da drin“, ich deutete zurück auf den Speisesaal, „da wo ich dich gebraucht habe, da standest du einfach nur da und hast blöd geguckt. Nein, du bist nicht mehr mein Freund. Mein Freund, mein Diego, wäre an meiner Seite gewesen und hätte mich unterstützt. Den Diego den ich kenne, würde mir helfen aus dieser Sache raus zukommen, aber du folgst einfach nur diesen dummen Regeln. Du siehst seelenruhig zu, wie sie mich nach und zu etwas machen, dass ich gar nicht bin!“ Ich wusste dass ich unfair war, aber ich konnte einfach nicht anders. In den letzten Tagen musste ich alles in mich hineinfressen und jetzt platze es einfach heraus.
Durch einen seitlichen Zugang, trat Lucy auf den Korridor. Sie stoppte als sie uns so sah, runzelte die Stirn und ging weiter.
„Ich weiß nicht wer du bist, aber ganz sicher nicht mein Freund“, zischte ich ihn an.
„Du weißt, dass ich das tun muss. Mir bleibt keine Wahl“, verteidigte er sich.
„Du hast die gleiche Wahl wie ich.“
Er schnaubte. „Dieses Leben, oder der Tod sind keine wirkliche Wahl.“
„Und doch hast du dieses Leben gewählt.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich nicht, dieses Leben würde ich niemals wählen, denn es ist kein Leben.“
Wir funkelten uns böse an und unterbrachen uns auch nicht, als Lucy an unserer Seite erschien.
Wachsam sah sie von einem zum anderen. „Was ist denn mit euch beiden los?“
„Nichts“, sagte ich und wandte mich ab. „Ich habe Diego nur dem Rest des Tages freigegeben. Sorry, jetzt musst du alleine den Leibwächter spielen.“
„Ähm …“ Sie warf einen unsicheren Blick auf Diego und folgte mir. „Okay.“
Ich hatte fast die Eingangshalle erreicht, als er noch mal nach mir rief. Den Impuls mich bei ihm zu entschuldigen, unterdrückte ich einfach. „Verschwinde!“, sagte ich laut. „Und wag es ja nicht mir zu folgen!“
Von der Seite her betrachtete Lucy mich stirnrunzelnd.
„Was?“, fauchte ich sie an.
Sie schürzte die Lippen, „Ich hab keine Ahnung, was da gerade zwischen euch passiert ist, aber du brauchst es nicht an mir auszulassen.“
Erneut wallte die Wut in mir auf, aber dieses Mal ließ ich sie nicht zu. Für einen Tag hatte ich genug Freunde aufs gröbste vor den Kopf gestoßen. Stattdessen brodelte ich einfach still vor mich hin.
„Du scheinst mir in den letzten Tagen ein wenig gestresst.“
„Ach was“, höhnte ich. „Du bist ja mal wieder ein echter Schnellmerker.“
„Hör auf damit“, fuhr sie mich an. „Ich meinte das nur, weil das sonst nicht deine Art ist.“
Auch dazu sagte ich besser nichts. Ich hatte von der ganzen Scheiße hier einfach nur noch die Nase voll. Ich wollte nicht mehr. Diese ganze Hof- und Königsscheiße war einfach nicht meins und wenn ich ehrlich war, wollte ich nur noch weg.
Mit einem Mal war dieser Wunsch so mächtig, dass ich im Foyer die Treppe in die erste Etage ignorierte und stattdessen auf das Eingangsportal zusteuerte. Ich hatte es noch nicht mal erreicht, da traten bereits zwei Diener hervor und öffneten eilig die Türen für mich.
Ich verkniff mich meinen scharfen Kommentar übers arschkriechen und stampfte einfach hinaus in den brühend heißen Tag. Ich hatte es so eilig hier wegzukommen, dass ich die Freitreppe praktisch hinunter flog.
Lucy hielt mit mir Schritt. „Kannst du mir mal sagen, wo du hinwillst?“
„Weg“, sagte ich nur und lief mit langen Schritten die Auffahrt hinunter. Ich wollte nur ganz schnell und ganz weit weg.
„Wie weg? Du kannst nicht einfach weg.“
„Ich bin eine Prinzessin“, erwiderte ich schlicht. Wenn ich als solche nicht mal durch ein Tor konnte, wozu war der ganze Kram dann gut? Leider tat sich gleich darauf ein Problem auf, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Das Fallgitter im Torbogen war heruntergelassen und schnitt mir damit sehr wirksam den Weg ab.
Dieses Hindernis bremste mich einen Moment aus, aber dann bemerkte ich links und rechts die Typen von der Königsgarde, die mir bereits neugierig entgegen sahen und hielt direkt auf sie zur.
„Öffnen“, befahl ich noch bevor ich sie erreicht hatte, doch niemand bewegte auch nur einen Muskel. „Öffnet das Tor“, wiederholte ich nun mit einem halben knurren in der Stimme und blieb direkt vor dem Gitter stehen. Es sah nicht aus sie die Fallgitter aus alten Ritterfilmen, dieses hier war viel moderner, stabiler und ließ sich vermutlich mit einem einzigen Knopfdruck heben.
Ein hochgewachsener Mann, den ich zu meiner Überraschung als den Kerl mit dem Tribialtatto auf dem Oberarm wiedererkannte, trat einen Schritt auf mich zu. Sein Blick war wachsam und auch ein kleinen wenig nervös.
„Es tut mir Leid, Prinzessin Cayenne, aber wir dürfen Euch nicht hinaus lassen.“
„Ist mir egal, was Sie dürfen, ich will dass dieses verdammte Tor geöffnet wird! Oder wollen Sie sich etwa meinem Befehl widersetzen?“
Sofort schüttelte er den Kopf. „Natürlich will ich das nicht, aber König Isaac …“
„König Isaac ist mit scheiß egal, ich will hier raus!“, schrie ich ihn an und verlor vollends meine Beherrschung.
Ich dachte gar nicht weiter nach, holte nur aus und trat mit solcher Wucht gegen das Tor, dass mir der Schmerz wie ein Pfeil durchs Bein schoss. Ich spürte es nur eine kurze Sekunde, dann war ich auf einmal so voll mit Adrenalin, dass ich gar nichts mehr spürte.
Alle anwesenden duckten sich und traten ein Stück vor mir zurück, während ich nach dem Gitter griff und wie eine Besessene daran rüttelte. Aber es gab natürlich nicht nach. „Macht es auf!“, brüllte ich und schlug dagegen. „Ich will hier weg!“
„Cayenne, hör auf“, sagte Lucy sanft.
Aber ich hörte nicht auf, ich konnte nicht. Ich saß in der Falle und das konnte ich nicht länger ertragen. Darum konnte ich einfach nicht anders als immer und immer wieder auf dieses verdammte Fallgitter einzuschlagen, bis meine Knöchel aufplatzten und bei jedem Schlag einen blutigen Abdruck hinterließen.
Auf einmal schlossen sich von hinten zwei zierliche Arme mit einer Kraft um mich, der ich nichts entgegenzusetzen. „Hör auf Cayenne“, flüsterte Lucy mir ins Ohr und zog mich vom Tor weg.
Ich wehrte mich gegen ihren Griff, aber sie blieb unnachgiebig. Trotzdem gab ich nicht auf.
„Bitte, du musst aufhören.“ Ihr Griff wurde noch ein wenig fester. „Bitte.“
Es war wohl der flehende Klang in ihrer Stimme, der letztendlich zu mir durchdrang und mich dazu brachte meine Befreiungsversuche einzustellen. Ein letztes Mal versuchte ich mich aufzubäumen, aber wie schon zuvor, hatte es keinen Sinn. „Ich will das nicht mehr“, sagte ich so leise, dass nur sie es hören konnte.
„Ich weiß.“
Plötzlich wollte ich mich einfach nur noch irgendwo verkriechen und die ganze Welt aussperren. Und das nicht nur wegen den Klamotten, es war einfach alles. Meine Familie, die Erwartungen, der Druck wegen meiner Mutter. Ich war neunzehn verdammt, warum nur lastete man mir diesen ganzen Mist auf?
Ich bemerkte die Wächter um mich herum. Alle starrten mich an, aber nicht als würden sie mich für verrückt halten, sondern als befürchteten sie einen weiteren Anfall, der damit enden würde, ihnen den Hinter zu versohlen. Super, ich hatte die Streitmacht des Königs in Angst und Schrecken versetzt. „Lass mich los, Lucy.“
„Hörst du auf?“
„Ja.“ Was blieb mir auch anderes übrig? Nichts, das war die traurige Antwort.
Lucy zögerte einen Moment und nahm dann so langsam ihre Arme fort, als befürchtete auch sie einen neuerlichen Wutausbruch und wäre bereit mich sofort wieder zu packen, sollte ich auf die Idee kommen, erneut auf das Tor loszugehen.
Aber das tat ich nicht. Sobald ihre Arme weg waren, kehrte ich den Leuten und dem Tor den Rücken und eilte mit gesenkten Blick zurück zum Schloss.
„Bitte, hör auf mich so anzuschauen“, sagte ich zu Lucy, als wie die große Freitreppe erreichten.
Sie wandte den Blick ab. „Sowas darfst du nicht machen“, sagte sie leise, als befürchtete sie, jemand könnte uns hören.
Ich drückte die Lippen zusammen.
„König Isaac wird davon erfahren, aber du darfst vor ihm keine Schwäche zeigen. Niemals.“
„Hör auf, bitte.“
Ihr lag noch etwas auf der Zunge, doch zu meiner Verwunderung sprach sie es nicht aus. Ihr Mund blieb geschlossen, während das Portal vor uns ein weiteres Mal geöffnet wurde. Als ich jedoch die Treppe ansteuerte, nahm sie mich bei der Hand und zog mich zu dem Seiteneingang, durch den sie vorhin aufgetaucht war. Dahinter lag ein weiterer, viel schmalerer Flur mit einem abgetretenen Holzboden und einer Tapete, die schon seit fünfzig Jahren nicht mehr verkauft wurde.
Links und rechts gingen mehrere Türen ab. Ein paar Leute standen herum und unterhielten sich leiser. Einer kam gerade aus einem angrenzenden Raum. Doch sobald sie mich bemerkten, verfielen sie alle in Schweigen und begannen mich zu beobachten.
Weder Lucy noch ich beachteten sie. Lucy zog mich einfach vorwärts, bis wir in eine Art Pausenraum kamen, in dem ein paar Leute um einen Tisch herum saßen und lautstark lachten. Doch auch sie verstummten, als sie mich sahen.
„Könnt ihr bitte rausgehen?“, fragte Lucy und setzte mich auf eine der beiden Couchen in der Ecke. Dann ging sie zu den Hängeschränken über der Kochecke und begann darin herumzuwühlen.
Die sechs Männer und Frauen am Tisch erhoben sich wortlos von ihren Plätzen und verschwanden aus dem Zimmer. Natürlich nicht, ohne mir ein paar neugierige Blicke zuzuwerfen.
„Ich glaube ich werde langsam verrückt“, sagte ich leise. Langsam ebbte das Adrenalin ab. Das Gefühl kehrte in meinen tauben Körper zurück und damit kam auch der Schmerz. Mein Bein tat weh und meine Knöchel sahen ein wenig ramponiert aus.
„Das sind nur die Nerven“, sagte Lucy und zog einen Schuhkarton aus dem Schrank. Nach einem Blick auf den Inhalt, trug sie ihn zu mir uns setzte sich mit ihm neben mich auf das verschlissene Polster. „Als Alpha fällt es dir einfach unheimlich schwer dich dem Willen eines anderen zu beugen.“
Ich schnaubte. „Hast du mich gerade da draußen gesehen? Ich habe mich aufgeführt als sei ich wahnsinnig geworden und das hat sicher nichts damit zu tun, wer oder was ich bin.“
„Ich glaube, da irrst du dich.“ Sie öffnete die Kiste und entnahm ihr einen dicken Wattebausch und eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit. Das eine wurde mir dem anderen getränkt. Dann nahm sie meine Hand und betupfte vorsichtig meine lädierten Knöchel. „Ich denke, es sind weniger die bewussten Veränderungen die dich belasten, als vielmehr die Unbewussten.“
„Ach, ich mache auch unbewusste Veränderungen durch?“
„Dein Körper verändert sich und nein, ich rede hier nicht von einer Pubertät. Auch wenn du es nicht so empfindest, dein Wolf ist noch immer dabei zu erwachen, jeden Tag ein kleinen wenig mehr. Das ist sowohl eine Geistige, als auch eine körperliche Entwicklung und natürlich hat das auch gewisse Auswirkungen auf dein Verhalten.“
„Also habe ich doch recht, ich werde verrückt.“
Seufzend legte Lucy den Wattebausch beiseite und schmierte die Knöchel dann mit einer geruchslosen Creme aus einem kleinen Tiegel ein. Dann umwickelte sie die Hand mit einem Verband und wiederholte die ganze Prozedur mit der anderen Hand. „Das hat vielleicht ein paar Auswirkungen auf deine Psyche, aber das bedeutet nicht, dass du verrückt wirst. Ich bin schon mit meiner Geburt erwacht. Hältst du mich deswegen für verrückt?“
„Manchmal.“ Vorsichtig streckte ich mein Bein aus. Es schien nichts gebrochen oder verstaucht, es tat einfach nur weh. Die nächsten Tage würde ich damit vermutlich keine Wanderung in die Berge unternehmen können – nicht das an mir das überhaupt gestattet wurde.
Lucy schüttelte nur den Kopf und beendete dann ihre Arbeit. Als sie dann alles wieder eingeräumt hatte, schaute sie mich einen Moment einfach nur an. „Wir müssen für dich einen Ausgleich finden.“
„Einen Ausgleich?“ Ich schaute auf meine Hände. Das würde ich sicher nicht verstecken können.
„Ein Ventil. Wenn mir alles zu viel wird, gehe ich ein bisschen am Punchingball trainieren. Vielleicht solltest du das auch mal probieren.“
„Hab ich doch gerade.“ Ich meine Hände hoch. „Beweisstück A. Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal probieren möchte.“
„Dann müssen wir etwas anderes für dich finden.“
„Ich kann ja anfangen Krocket zu spielen.“ Das würde meiner Familie sicher gefallen.
„Ich glaube nicht, dass es im Moment besonders ratsam wäre dir einen Holzschläger in die Hand zu geben.“
Da hatte sie vermutlich recht. Wenn ich Daheim wäre und mir würde alles über den Kopf wachsen, würde ich einfach einen Abend weggehen und so richtig die Sau rauslassen. Aber hier konnte ich ja nicht mal die Musik ein wenig lauter stellen, ohne gleich von alles Seiten schräg angesehen zu werden.
Aber Moment mal, das war doch die Lösung. „Alex“, flüsterte ich.
Sie schaute ein wenig irritiert. „Der Pferdejunge?“
Ich grinste sie nur an. „Ich denke ich habe gerade die Lösung für mein Problem gefunden.“ Ihren Zweifel ignorierend, erhob ich mich. „Komm, lass uns in die Ställe gehen.“
„Warum, willst du jetzt ihn verhauen?“ Auch sie erhob sich, doch bevor sie sich mir anschloss, räumte sie noch die Kiste zurück in den Schrank. „Nicht das ich etwas dagegen hätte.“
„Hör auf so ein Miststück zu sein. Alex ist in Ordnung.“
„Das hast du auch von dem letzten Vampir geglaubt und sieh wohin dich das gebracht hat.“
Okay, das war ein Schlag unter der Gürtellinie gewesen. Und so wie sie mich daraufhin anschaute, war ihr das wohl selber klar.
„Tut mir leid.“
„Vergiss es.“ Ich wollte jetzt weder an Raphael denken, noch über ihn sprechen. Hey, scheinbar bekam ich das mit dem Namen endlich auf die Reihe. Ich hatte ihn jetzt schon fast ein Tag nicht mehr Ryder genannt.
„Und wie kommst du darauf, dass er dir bei deiner Ventilsuche helfen kann?“
„Zeig mir den schnellsten Weg zu den Ställen, dann wirst du es erfahren.“
Das überzeugte sie zwar nicht, einfach weil es im Grunde überhaupt keine Erklärung war, dennoch führte sie mich aus dem Pausenraum. Wie sich herausstellte, dauerte der schnellste Weg noch immer zehn Minuten. Hätte ich die Führung übernommen, wären wir wahrscheinlich erst nächste Woche angekommen. Doch Lucy kannte sich dank ihrer früheren Besuche am Hof bereits ganz gut aus und so tauchte schon bald die Stallanlage vor uns auf.
Alex zu finden war dieses Mal gar nicht so einfach. Ich musste mich ein wenig durchfragen und zwei verschiedene Stellgassen absuchen, bis man mir sagte, ich sollte es doch mal in der Reitstube versuchen.
Die Reitstube entpuppte sich als ein kleines Gebäude, das ein wenig abseits mitten in einer Baumgruppe stand. Mit der alten Holzveranda, erinnerte es ein wenig an ein altes Farmhaus – ein kleines Farmhaus.
Da dir Tür offen stand, trat ich direkt auf die Schwelle und steckte meinen Kopf hinein. Was mich erwartete, war eine kleine Stube mit mehreren Holztischen. Die Wände waren mit Holz vertäfelt, der Boden bestand aus ausgetretenen Dielen und der ganze Raum war mit Dingen dekoriert, die alle das Thema Pferd hatten. Fotos und Poster, Urkunden und Pokale, sogar ein paar ausrangierte Sättel entdeckte ich an den Wänden.
An dem vordersten Tisch, vor einem Haufen Ordnern, saß der Vater von Alex und brütete über in Paar Papieren. Alex selber entdeckte ich weiter hinten, wo er mit zwei weiteren Männern wohl gerade sein Frühstück zu sich nahm.
Da er mit dem Rücken zu mir saß, konnte er mich nicht sehen, doch der junge Mann links neben ihn, bemerkte mich bereits beim Hereinkommen und stieß Alex mit dem Ellenbogen an, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Sobald er sich zu mir umgedreht hatte, winkte ich ihm zu mir.
Alex zog zwar die Stirn kraus, wischte sich aber ein paar Krümel mit der Serviette ab und erhob sich dann von seinem Platz. Als er dann auf mich zukam, hob sein Vater auch kurz den Kopf, sagte aber nichts.
Da unbeteiligte Zuhörer ungelegen kämen, trat ich wieder zu Lucy nach draußen auf die Veranda. Sie lehnte am Geländer und schaute ein wenig misstrauisch, enthielt sich aber jeglichen Kommentars, als auch Alex seinen Weg zu uns nach draußen fand.
„Komm“, sagte ich und winkte ihn ein wenig von der Tür weg. Ich war mir nicht ganz sicher, wie gut die Ohren von Vampiren waren.
Er zog zwar eine Augenbraue hoch, folgte mir aber. „Du machst es ja ganz schön spannend.“
„Ich will nur nicht, dass man uns belauscht.“
„Wie bereits gesagt, spannend.“
Wir gingen ans äußerste Ende der Veranda. Dann schaute ich mich noch mal nach alles Seiten um, nicht dass ich vielleicht doch jemand übersehen hatte und beugte mich ihm dann entgegen. „Ich habe eine Bitte an dich.“
„An mich?“
Ich nickte wieder. „Du hast mir letztens erzählt, was du immer so schönes in deiner Freizeit treibst.“
Er wurde ein wenig vorsichtiger. „Ja?“
Ich überlegte, wie ich es am besten anfing und entschied dass es am einfachsten war, direkt zum Punkt zu kommen. „Hör zu, das hier“ – Ich wedelte mit der Hand Richtung Schloss – „ist nicht meins. Ja ich weiß, ich bin jetzt eine ach so große Prinzessin und ich weiß auch, dass ich noch nicht lange hier bin, aber wenn ich keine Auszeit bekomme, werde ich demnächst einfach durchdrehen.“
„Ich kann dir nicht ganz folgen.“ Als er die Verbände an meinen Händen entdecke, vertiefte sich sein Stirnrunzeln ein wenig. „Also, ich verstehe was du sagst, aber ich weiß nicht, was ich da machen kann.“
„Du hast mir erzählt, dass du und deine Freunde manchmal in den Wald verschwinden.“ Ich sah ihn sehr eindringlich. „Weißt du was ich meine?“
Er antwortete zwar nicht, aber so wie der den Blick kurz abwandte und sich dann nervös übers Kinn strich, musste er einfach wissen, dass ich über die Tanzpartys sprach.
Ich rückte noch ein wenig näher. „Wann … also, ich meine, wie läuft das hier ab?“
Ein schiefes Lächeln erschien in seinem Gesicht. „Ich bin mir nicht so sicher, ob du die richtige Gesprächspartnerin dafür bist.“
„Bitte Alex.“ Ich setzte das auf, was man im Allgemein als Dackelblick bezeichnete. Es gab kaum jemanden, der dem widerstehen konnte. „Ich muss wirklich mal ein wenig abschalten und das ist die einzige Option die ich habe.“
„Naja“, sagte er dann nach kurzem Zögern. „Wir planen das nicht groß, wenn einer Lust hat, dann startet er eine Rundmail. Und wenn genug Leute mitmachen wollen, dann treffen wir uns einfach. Aber ich glaube nicht, dass die anderen sehr begeistert sein werden, wenn eine Prinzessin auf so einer Fete auftaucht.“
„Könntest du so eine Rundmail losschicken? Für heute Abend?“ Den Teil mit der Prinzessin überging ich einfach.
„Cayenne …“
„Bitte.“ Ich fügte meinem Dackelblick noch eine klägliche Note hinzu.
Alex warf einen hilfesuchenden Blick zu Lucy, doch die hatte nicht vor sich in die Sache einzumischen.
„Wenn es sein muss, dann verkleide ich mich auch, damit niemand merkt, dass ich dabei bin.“
Das ließ ihn schnauben. „Ich glaube kaum, dass es hier noch jemanden gibt, der nicht weiß wie du aussiehst.“
Ich gab es nur ungern zu, aber da hatte er vermutlich recht. „Aber ich bin nicht wie die.“ Wieder wedelte ich Richtung Schloss. „Ich will nur einen Abend tanzen und mich ein wenig amüsieren. Ich werde bestimmt niemanden sagen, was da im Wald los ist. Versprochen.“
„Du vielleicht nicht, aber …“ Er warf einen vielsagenden Blick zu Lucy.
„Sie würde mich niemals verraten.“ Das wusste ich so sicher, wie ich hier vor ihm stand.
„Nicht freiwillig“, stimmte er mir zu.
Auch in diesem Fall musste ich ihm leider recht geben. Von sich aus würde Lucy nichts sagen, doch wenn der König davon Wind bekam und sie befragte dann war ich mich auch nicht mehr so sicher. „Niemand wird es erfahren“, versicherte ich ihm und hoffte, dass ich dieses Versprechen auch einhalten konnte. „Und sieh es doch mal so, wenn du mir jetzt diesen Gefallen tust, dann hast du was gut bei mir. Ein Gefallen von einer Prinzessin ist doch sicher einiges wert, oder?“
Das brachte ihn ins Grübeln. Dann fragte er „Dein Wort drauf? Und egal ob ich heute genug Leute zusammen bekomme, oder nicht, du schuldest mir dann einen Gefallen?“
Ja, das hatte er sich so gedacht, aber ich war ja nicht auf den Kopf gefallen. „Nein, du hast nur was gut bei mir, wenn ich ein paar Stunden abschalten konnte.“
Das ließ ihn einen Moment zögern, aber dann streckte er mir die Hand entgegen. „In Ordnung, ich werde sehen, was sich machen lässt.“
Vor Freude ignorierte ich die Hand und fiel ihm stattdessen kurz um den Hals. Bereits seit Wochen war ich nicht mehr tanzen gewesen, vielleicht war es wirklich das was ich brauchte.
Wir tauschten noch kurz unsere Handynummern aus und beschlossen, dass ich mich nach dem Unterricht bei Historiker Sydney bei ihm melden würde, damit er mich bei den Ställen abholen konnte. Dann war ich auch schon wieder auf dem Weg zum Schloss.
„Dann brauche ich jetzt nur noch eine Sache“, erklärte ich Lucy, kaum dass wir von der Veranda runter waren.
„Ach ja? Und das wäre?“
„Eine Hose.“ Ich würde da nämlich nicht in einem dieser vornehmen Designerfummel auftauchen. Dann könnte ich mir auch direkt Außenseiter auf die Stirn tätowieren.
„Und wo willst du bitte eine Hose herbekommen? Collette wird dir sicher keine mehr besorgen.“
„Am Collette habe ich auch gar nicht gedacht.“
„An wenn denn …“ Sie verstummte, als sie meinen Blick bemerkte. „Du willst eine Hose von mir haben“, erkannte sie dann ganz richtig.
„Wäre doch nicht das erste Mal, dass wir Klamotten tauschen.“ Und wahrscheinlich auch nicht das Letzte.
„Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich jetzt gekreuzigt werde, wenn das rauskommt.“
„Glaubst du wirklich, ich würde damit hausieren gehen?“
Darauf musste sie nicht antworten, wir wussten beide, dass ich das nicht machen würde.
„Komm schon Lucy, es ist doch nur ein Abend und niemand wird es erfahren.“
„Wenn wir Glück haben“, murrte sie. Sie schien von der Partyidee nicht so angetan.
„Komm schon, oder muss ich erst betteln?“
Ob nun wegen der Situation, oder als Antwort, sie schüttelte den Kopf und sagte dann. „Okay, ich gebe dir nachher eine Hose.“
„Danke.“ Damit hatte auch sie sich eine Umarmung verdient.
„Pass nur auf, dass man dich damit nicht erwischt.“
„Keine Sorge, ich weiß schon was ich tue.“
„Nein das tust du nicht und genau deswegen mache ich mir Sorgen. Die Welt der Lykaner ist anders.“
Jetzt fing das wieder an. „Ja ja, ich weiß schon, fressen oder gefressen werden.“
„Vergiss das nicht“, mahnte sie mich ernst.
°°°°°
Diese verdammten Hecken wollten einfach keine Ende nehmen. Verärgert wechselte ich die Richtung und fand mich gleich darauf in einer weiteren Sackgasse wieder. So viel zum Thema Instinkte. Ich hatte doch gleich gewusst, dass das nicht klappen konnte, aber auf mich hörte ja niemand.
Verfluchter Sydney.
Nur wegen ihm irrte ich bereits seit einer halben Stunde ziellos zwischen dem ganzen Grünzeug herum. Es war doch von Anfang an klar gewesen, dass ich mich hier hoffnungslos verlaufen würde. Das hier konnte unmöglich der richtigen Weg sein, sonst wäre ich doch sicher schon über ihn gestolpert.
Gereizt schaute ich über die Schulter zu Lucy, die mich nur schmunzelnd beobachtete. „Wenn du mir nicht endlich zeigst wo wir lang müssen, dann irren wir noch morgen früh hier herum, das ist dir doch hoffentlich klar.“
Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Sie weigerte sich schon die ganze Zeit mich zu führen und auch jetzt schien sie nicht gewillt mir zu helfen. „Konzentriere dich auf deine Sinne, dann wirst du es schon schaffen.“
„Ich verschwinde hier gleich einfach.“ Auf die Sinne konzentrieren, so ein Schwachsinn.
„Dazu müsstest du aber erst mal den Weg nach draußen finden und dann kannst du auch genauso gut weiter machen. Außerdem wird König Isaac dir die Hölle heiß machen, wenn du noch eine Stunde blau machst.“
Klugscheißer. Zähneknirschend musste ich ihr zustimmen. Frau van Schwärn hatte sich bei König Isaac über mein heutiges Fehlen beklagt, woraufhin der König persönlich in mein Zimmer eingeritten war. Kaum hatte ich ihm die Tür geöffnet, war mir der große Raum plötzlich sehr klein vorgekommen. Seine Macht hatte mich förmlich umschlungen.
Als er mir unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er kein weiteres Versäumnis dieser Art dulden würde, hatte ich dabei sogar ein Hauch von Furcht verspürt. Es war ihm absolut Ernst gewesen und ich hatte mal wieder gar keine andere Wahl, als zu gehorchen.
„Ja, okay“, grummelte ich. „Dann sag mir, wie ich das mit den Sinnen mache.“
Sie warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. „Das habe ich dir bereits erklärt. Zwei Mal.“
Ich winkte ab. „Ich hab nicht zugehört.“
„Dann bist du selber schuld, würde ich sagen.“
„Lu-hu-cy“, jammerte ich in dem erbärmlichen Tonfall, den ich zustande brachte. „Bitte, ich höre jetzt auch zu. Ehrenwort.“
Es war genau zu sehen, wie es in ihrem Kopf ratterte. Die Freundschaft rang mit ihrer Sturheit. „Geruch und Gehör sind am besten zur Orientierung geeignet“, sagte sie dann und zeigte damit mal wieder, dass Freundschaft immer siegte.
Ich nickte um ihr zu zeigen, dass ich dieses Mal ganz bei der Sache war.
„Am besten erst mal nur Geruch“, überlegte sie laut. „Also, du hast Sydney bereits mehrmals getroffen und hast damit unterbewusst auch seine Witterung aufgenommen und abgespeichert. Jetzt musst du sie nur finden und ihr dann folgen.“
Na toll, das sollte der Tipp sein? Er roch nach Hund, wie jeder verdammt Köter in diesem Hof.
„Am besten du schließt die Augen und versuchst so seinen Geruch aufzuspüren. So können visuelle Reize dich nicht ablenken.“
Super, ich sollte einen Schnüffler spielen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kam mir dabei schon albern vor, bevor ich es überhaupt versucht hatte. Andererseits hatte ich auch keine Lust mehr hier herumzuirren und mehr als mich lächerlich zu machen, konnte nicht passieren. Also schloss ich trotz aller Zweifel meine Augen und sog die Nachtluft tief in meine Lunge. Ich versuchte mich auf die einzelnen Gerüche zu konzentrieren und … kam mir dabei so richtig schön bescheuert vor.
Ein kurzer Blick zu Lucy. Vielleicht sollte ich sie ja doch noch Mal …
„Konzentriere dich.“
„Ist ja gut.“ Scheinbar hatte ich von ihr keine weitere Hilfestellungen zu erwarten. Seufzend schloss ich wieder die Augen und versuchte es noch einmal.
Ich roch verschiedene Blumen, das Deo, das Lucy immer benutzte und von irgendwo her drang mir der Duft nach frisch gemähtem Gras in die Nase. Ich strengte mich noch ein wenig an.
„Entspann dich“, riet sie mir. „Gib dir Zeit und lass die Gerüche auf dich wirken.“
Okay, dann entspannte ich mich eben und versuchte einfach zu vergessen, wie dumm ich mir dabei vorkam.
Immer wieder nahm ich einen tiefen Atemzug und je länger ich dort so stand, umso intensiver wurden die Gerüche im mich herum. Langsam wurde es merkwürdig, ich konnte meine Umgebung sehen – mit der Nase. Einige Düfte konnte ich herausfiltern und zuordnen. Rosen, Calla, irgendwo in der Nähe gab es Lavendel. Durch ein offenes Küchenfenster wurden die Gerüche des Abendessens nach draußen getragen. In der Ferne konnte ich sogar die Pferde riechen und irgendwo hockte eine Maus unter den Hecken – seit wann wusste ich denn wie Mäuse rochen?
Jeden Geruch konnte ich einer Richtung und einer bestimmten Entfernung zuordnen. Und dann roch ich etwas, wodurch das Bild eines großen, sandfarbenen Wolf in mir heraufbeschworen wurde.
Sydney.
Aber bedeutete das jetzt auch, dass dieser Geruch zu ihm gehörte? Langsam drehte ich mich ein Stück. Der Geruch wurde intensiver. „Ich glaub ich hab ihn.“
„Dann folge seiner Fährte, du kannst das.“
So zuversichtlich wie sie wäre ich auch gerne gewesen, aber allein beim Gedanken daran, einer Fährte zu folgen, begann ich an meinem Verstand zu zweifeln. Und dennoch öffnete ich die Augen, um beim Gehen nicht in irgendeiner Hecke zu landen. Und dann folgte ich meiner Nase.
Die ersten Schritte waren noch ein wenig zögerlich und wenn ich an eine Abzweigung kam, verharrte ich einen Moment länger, doch da war diese unsichtbare Spur in der Luft, die mich leitete. Ich bog ein paar Mal ab, lief in einem Halbkreis, dann geradeaus. Vor mir öffnete sich ein grasbewachsener Platz mit einem kleinen Zierteich, in dem ein Frosch quakte. Ohne anzuhalten, ging ich an ihm vorbei.
Mit jedem Schritt, den ich machte, wurde ich mir sicherer, ich war auf dem richtigen Weg und die Aufregung, dass ich jemanden erschnüffeln konnte, machte mich ganz hibbelig. Gleichzeitig fand ich das aber auch leicht beunruhigend, weil es mir einfach zeigte, wie sehr ich mich in der kurzen Zeit bereits verändert hatte.
Als der Geruch auf einmal noch stärker wurde, machte sich eine freudige Erwartung in mir breit. Ich bog links ab und … er war weg. Mit einem Schlag konnte ich ihn nicht mehr riechen. Irritiert blieb ich stehen. Nein, ich hätte geradeaus gemusst, aber da war doch eine Sachgasse gewesen. „Lucy“, jammerte ich. „Hilf mir.“
„Du schaffst das schon“, sagte sie voller Vertrauen in meine Fähigkeiten.
Sie hatte leicht reden. Ihr bereitete es bestimmt keine Schwierigkeiten anhand einer Fährte jemanden zu finden.
Es half alles nichts, also zurück.
Sobald ich den Geruch wieder in der Nase hatte, führte er mich, wie erwartet, in eine Sackgasse. Aber hier war er so stark, dass ich mir sicher war, Sydney saß auf der anderen Seite und lachte sich heimlich in Fäustchen – äh Pfötchen.
Ich schaute an der Hecke hinauf. Wenn ich jetzt einen anderen Weg einschlug, würde ich vermutlich eine weitere Stunde hier herumirren, bis ich mein zielt erreicht hatte, aber die Hecke war zu dich, als dass ich einfach hindurch schlüpfen konnte.
„Du trägst nicht zufällig eine Heckenschere mit dir herum, oder?“, fragte ich Lucy.
„Sehe ich so aus?“
Ich grinste. „Möchtest du eine Ehrliche Antwort?“
Ihr Blick verriet mir, dass ich schon bessere Witze gerissen hatte.
Dann musste es halt anders gehen. „Hilf mir mal.“ Ich griff in die Dreimeterhecke und suchte einen Ast, der sich unter meinem Gewicht nicht bis zum Boden durchbog.
„Du willst darüber klettern?“
„Er ist dahinter und ich habe von Sackgassen und verschlungenen Wegen die Schnauze gestrichen voll, also ja, ich will darüber klettern. Hilfst du mir nun, oder nicht?“
Sie half mir.
Während ich mich hochzog, schob sie von unten und man, das war schwerer als es aussah. Die Hecke war vielleicht zu dicht, um einfach durch sie hindurch zu schlüpfen, aber gleichzeitig zu durchlässig, um einen guten Halt an ihr zu finden. Ich rutschte mehr als einmal ab, riss mir die schorfigen Knöchel wieder auf und bekam ein paar Kratzer am Bein.
Mit ächzen und stöhnen schaffte ich es dann aber doch hinauf. Na ja, mehr oder weniger. Mein eines Bein steckte halb in der Hecke, mit den Armen versuchte ich mich krampfhaft abzustützen und festzuhalten, während ich mit dem Oberkörper über dem Abgrund hing und auf die Wiese drei Meter unter mir starrte. Verdammt, das war ganz schön tief. Aber jetzt war ich schon oben und musste auch wieder runter.
Dann ging alles ganz schnell. Ich rutschte mit dem Oberkörper rum, schwang mein Bein über die Hecke und verhedderte mich mit meinen langen Ärmel auch noch in dem Gestrüpp. Bei meinem Versuch mich zu befreien, rutschte ich weg. Meine Tasche blieb an einem Ast hängen und knickte ihn ab. Blätter rieselten um mich herum, die Schwerkraft zog mich nach unten. Ich fiel …
Bevor ich aufknallen konnte, fand ich in der Hecke Halt und fing meinen Sturz ab.
Fluchend ließ ich mich das letzte Stück fallen und war einfach nur froh, es geschafft zu haben. „Ich bin unten“, rief ich Lucy zu und befreite den Saum meines Kleides von der Hecke. Etwas zu ruppig. Die Seide riss ein und ein paar dünne Fäden blieben in den Ästen hängen. Für den Moment überlegte ich, ob ich darüber verärgert sein sollte, aber eigentlich war es mir schnuppe. So gab es wenigstens ein Kleid weniger, in das man mich stecken konnte.
„Wenn es dich nicht stört, gehe ich außen lang“, rief Lucy zurück.
„Von mir aus.“ Während ich versuchte mich und mein Kleid von Blättern und kleinen Zweigen zu befreien, drehte ich mich um. Da saß er. Den Blick missbilligend auf mich gerichtet.
„Ihr seid zu spät“, sagte er. Kein „Hallo“, kein „Toll dass du mich gefunden hast“, nur der überflüssige Hinweis darauf, dass ich zu spät war.
„Dir auch einen schönen Abend“, grummelte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. Wenn der schon so anfing, hatte ich keine Lust auf seine Gesellschaft.
Er musterte mich mit diesem durchdringenden Blick, wie er es immer tat, wenn wir aufeinander trafen, schnupperte. „Ihr blutet.“
Ich sah an mit herunter, auf meine Fingerknöchel, an denen sich etwas Schorf wegen der Kletterpartie gelöst hatte. Vielleicht hätte ich die Verbände drum lassen sollen, aber sie hatten mich gestört. „Ist nichts Lebensbedrohliches“, sagte ich und wischte meine Hand an dem Kleid ab. Es war sowieso ruiniert. Ein kleiner Blutfleck wog da auch nicht mehr schwer.
Ein Funke der Belustigung sprang in Sydneys Augen. „Kommt her und legt Euch in den Schein der Nacht. Das Lied des Mondes wird lauter.“
Automatisch blickte ich nach oben zu der milchigen Kugel, die die Nacht ein wenig erhellte.
„Kommt zu mir.“
Das hieß wohl, ich würde für meine Leistung kein Lob bekommen. War ja irgendwie klar gewesen. Aber da ich nachher noch eine Verabredung zum Tanzen hatte und pünktlich weg wollte, sollte ich heute ein wenig kooperativ sein. Darum ließ ich meine Tasche ins Glas fallen, legte legte mich direkt daneben und begann damit wie gewünscht in den Himmel zu starren.
Genau wie gestern zeigte Sydney mir ein weiteres Mal, dass er absolut keine Berührungsängste hatte. Er legte sich so dich neben mich, dass ich seinen warmen Körper an meinem spüren konnte und … es war okay. „Wie war Eurer Tag?“
„Außerplanmäßig.“ Ich zuckte mit den Achseln. „Statt zum Unterricht zu gehen, habe ich mich mit erst mit der Königin angelegt, dann mit meinem besten Freund und am Ende habe ich versucht das Fallgitter mit bloßen Händen aus der Mauer zu reißen.“ Nicht sehr erfolgreich, wie ich gestehen musste. Ich verzog den Mund zu einer Abstraktion eines Lächelns. „Aber das weißt du sicher schon.“ Die Leute hier waren schließlich die größten Tratschtanten, die mir jemals begegnet waren.
Er betrachtete mich so nachdenklich, als könnte er in meinen Kopf eindringen und langsam begann ich mich zu fragen, ob er meine Gedanken lesen konnte. Warum sonst kam ich mir von ihm immer so durchleuchtet vor? „Ihr tragt viel Wut in Euch.“
„Du hast es also auch schon bemerkt“, murmelte ich ein wenig spitz.
Er seufzte über meinen scharfen Ton und es tat mir leid. Er konnte ja nichts für meine schlechte Laune und zu was es führte, meine Verstimmung an den Falschen auszulassen, hatte ich ja heute Morgen an Diego mitbekommen.
„Tochter der Mondes, Gesandte der Nacht, von Kummer zerfressen, das Herz nicht mehr lacht. Der Sturm in Euch wütet, er tobt und er schreit …“ Er sah hinauf zum Mond. „… doch vergesst dabei niemals, Ihr seid nicht allein.“
Nicht allein. Fast hätte ich geschnaubt. Aber leider beinhaltete dieses Gedicht zu viel Wahrheit, als dass ich es hätte ins Lächerliche ziehen können. Denn egal wie viel Leute um mich herum waren, das Gefühl allein zu sein war seit der Ankunft am Hof ein dauerhafter Begleiter. „Warum sagst du so was?“
„Weil Ihr endlich erkennen und akzeptieren müsst. Ihr seid ein Teil von uns, jetzt und für immer. Es ist schwer zu begreifen, aber wenn Ihr es nur zulasst, dann können wir alle Euch Kraft schenken. Doch das geht nur, wenn Ihr aufhört, Euch zu verschließen.“
Jetzt und für immer.
Es waren wohl diese Worte, die sich wie ein Dolch in mein Bewusstsein rammten. Dieses Leben hier konnte ich zwar in ein paar Wochen hinter mir lassen, doch was würde danach kommen? Eigentlich war es egal, denn eines war sicher: Es würde niemals mehr so werden, wie es einmal war. Die Werwölfe gehörten nun zu meinem Leben. Jetzt und für immer.
Als Sydney mit der Nase gegen meine Hand stupste, zog ich meinen Arm weg. Nicht nur weil die Berührung in der wieder offenen Wunde brannte, ich wollte mich gerade nicht trösten lassen.
„Seid nicht traurig, wenn etwas Altes zu Ende geht, beginnt immer etwas Neues.“
Etwas Neues. „Aber wenn mir das Neue nicht gefällt? Wenn ich einfach nur die Zeit zurück drehen will?“
„Ich kann verstehen …“ Er stutzte, runzelte die Stirn und schielte auf seine Nasenspitze. Ganz langsam glitt sein Blick zu mir und als ich den Ausdruck in seinen Augen sah, bemerkte ich erst das Blut an seiner Nase – mein Blut. Alexanders Warnung kam mir wieder in den Sinn, doch viel zu spät. Mit Schrecken sah ich zu wie Sydneys Zunge sich langsam zu seiner Nasenspitze bewegte.
„Nein, nicht!“ Ich griff noch nach ihm, wollte das Blut wegwischen, aber ich war nicht schnell genug.
In dem Moment, in dem die Zunge in seiner Schnauze verschwand, wusste ich, dass er die Markierung schmeckte. Seine Augen weiteten sich ungläubig. Er sprang auf, starrte mich fassungslos an.
Ich zwang mich seinem Blick standzuhalten. „Es ist nicht das, wonach es aussieht.“
Er sagte nichts. Ich konnte nur raten, was in seinem Kopf vor sich ging.
„Es geschah ohne mein Wissen“, erklärte ich.
„Aber Ihr wisst davon.“
Ich gab ein verbittertes Geräusch von mir. „Ja, aber erst seit ein paar Tagen.“
Er ließ sich nicht anmerken, was er dachte, stand einfach nur da und starrte mich an, als würde er mich zum ersten Mal wirklich sehen. Nicht die Prinzessin der Lykaner, sondern mich, Cayenne, das Mädchen, dass eine Fremde in dieser Welt war und kaum eine Ahnung von den Dingen hatte, die um sie herum vorgingen.
Ich jedoch konnte mich nur fragen, was jetzt geschah.
Würde er so tun, als wüsste er nichts davon, würde er einfach darüber hinwegsehen, oder würde er zu König Isaac gehen und mich verpetzen? Ich wollte gar nicht wissen, was passierte, wenn König Isaac von meinem kleinen Makel erfahren würde.
„Wer weiß noch davon?“, fragte er mich schließlich.
Da es nicht sonderlich ratsam war mit Namen herauszuplatzen, formulierte ich meine Antwort sehr vorsichtig. „Außer uns beiden noch der, der es mir gesagt hat und der, der es getan hat.“ Zumindest ging ich davon aus, dass Raphael wusste, was er angestellt hatte.
Sydney legte die Ohren an und grollte leise. „Wer hat es getan?“
Dazu schwieg ich. Das ging ihn nichts an. Nicht nur wegen dem, was Raphael blühen würde, wenn die Wahrheit herauskam, ich wollte auch nicht daran erinnert werden, wie es zu der Markierung gekommen war.
„Sagt es mir“, forderte Sydney und zog die Lefzen leicht nach oben. Selbst sein Nackenfell sträubte sich und ließ ihn noch größer und bedrohlicher wirken.
Zum ersten Mal erkannte ich in dem Historiker das Raubtier, das unter der sanften Oberfläche schlummerte. Er war kein kuscheliger Schoßhund, er war ein tödlicher Werwolf und er hatte respekteinflößende Zähne. „Ich bin hier die Prinzessin“, sagte ich leise ohne ihn aus den Augen zu lassen. Keine Ahnung wo ich bei diesem Anblick den Mut nahm ihm die Stirn zu bieten, anstatt das Weite zu suchen. Der Gedanke auf Fluch kam mir nicht mal. „Ich gebe die Befehle, nicht du. Und davon abgesehen, hat es sich sowieso erledigt. Er ist weg und wird auch nie wieder kommen.“ Dafür hatte ich gesorgt.
Ich spürte einen leichten Windhauch und nur einen Wimpernschlag später stand Lucy an meiner Seite.
„Geh weg“, zischte ich sie an. „Es ist alles bestens.“
Zweifelnd sah sie auf den noch immer grollenden Sydney.
„Er ist nicht auf mich sauer“, erklärte ich ihr, ließ den großen Wolf aber nicht aus den Augen. Wer wusste schon, was in so einem Hundekopf vorging? „Nicht direkt jedenfalls“, fügte ich hinzu.
„Und warum führt er sich dann so auf?“, wollte sie wissen. Nicht weil sie meine Freundin war, im Moment war sie vor allen Dingen mein Umbra..
„Das geht dich nichts an und jetzt geh weg.“ Sie zögerte. „Mach schon und wage es ja nicht zu lauschen.“
Langsam und mit wachsamen Blick auf Sydney, trat sie zurück in die Schatten, bis sie nicht mehr zu sehen war. Aber ich ließ mich nicht täuschen, nur weil ich sie nicht sehen konnte, bedeutete das noch lange nicht, dass sie mich nicht mehr in Auge hatte. Deswegen senkte ich auch meine Stimme. Es musste nicht noch jemand in mein kleines Geheimnis eingeweiht werden. „Mach nur so weiter, wenn du mich verraten willst.“
Sein Grollen verklang, aber er war noch nicht bereit, so zu tun, als wäre die Markierung nur eine Ausgeburt seiner Phantasie. Schade eigentlich. „Warum wollt Ihr mir seinen Namen nicht nennen?“
„Du kennst ihn sowieso nicht.“ Zumindest war das ziemlich unwahrscheinlich. „Und er ist weg. Du würdest ihn nicht finden.“
„Dann könnt Ihr seinen Namen ja gefahrenlos sagen“, folgerte er logisch.
„Warum? Was kannst du schon tun?“
Das sandfarbene Fell um Sydney sträubte sich und ließ ihn noch größer und bedrohlicher erscheinen. „Ich kann ihn töten.“
Diese Direktheit machte mich für einen Moment sprachlos. Ich schaute ihn an und wusste einfach nicht was ich dazu sagen sollte. Klar, die sprachen hier ständig von raubeinigen Sitten, Konsequenzen und dem Gang zum Schafott, doch das war das erste Mal, dass ich ein Körnchen Wahrheit in den ganzen Drohungen erkannte.
„Ihr solltet ihn nicht schützen, nicht wenn er der Grund für Euren Kummer ist, nicht wenn sich das Band zu ihm so leicht durchtrennen lässt.“
Vor meinen Augen erschien ein Bild von Raphael, wie er diesem großen Wolf gegenüber stand. Der Gedanke trieb mir eine Gänsehaut über die Arme. Ich wollte nicht wissen, was geschehen würde wenn die beiden aufeinander trafen. „Wenn mich jemand wegen dieser Markierung bestrafen will, bitte. Aber ich verrate niemanden.“
Wütend funkelte Sydney mich an. „Ihr riskiert alles für einen Vampir?“
„Sei nicht so abfällig. Du weißt nichts über ihn und Vampire sind auch nur Menschen, so wie du und ich.“ Ich hatte gehofft, die Lage damit ein wenig zu entspannen, doch ich hatte Meilenweit daneben gelangt.
„Vampire sind Schmarotzer, die sich am Blut Unschuldiger laben. Der Beweis sitzt hier vor mir.“ Unzufrieden wandte er den Kopf ab.
Einen Moment kehrte zwischen uns Stille ein.
„Ja“, sagte ich dann. „Er hätte das nicht tun dürfen und ich kann dir versichern, ich bin alles andere als entzückt darüber, dass er das getan hat, aber es ist nun mal geschehen und ich werde auf niemanden eine Hetzjagd eröffnen, nur weil er einen Fehler gemacht hat.“
Sydney machte grollend ein paar Schritte. „Das ist mehr als ein einfacher Fehler.“
„Aber nur, wenn wir mehr daraus machen.“ Ich wartete darauf, dass er mich wieder anschaute. Als das nicht geschah, trat ich vor ihn und hockte mich hin. „Sydney.“
Es war klar, dass er mich hören konnte, doch er reagierte noch immer nicht. Also nahm ich kurzerhand seinen Kopf zwischen die Hände und drehte ihn, bis er mich ansehen musste.
„Ich kann es nicht rückgängig machen“, sagte ich leise. „Aber wenn das herauskommt, dann bekomme ich wahrscheinlich große Schwierigkeiten. Darum muss ich wissen, ob du das für dich behalten wirst.“
Wieder schaute er mich eine sehr lange Zeit einfach nur an, doch sein Zorn verebbte zusehends. Sein Blick sank geschlagen herab und mit einem Seufzen versicherte er mir: „Ich werde dieses Geheimnis hüten, als sei es mein eigenes. Mein Wort darauf.“
„Danke.“ Wie von selbst legte ich meine Hand an seinen Kopf und strich ihm durchs Fell. „Weißt du, wärst du nicht nur hier, weil man das von dir erwartet, dann könnte ich dich vermutlich richtig gut leiden.“
Überrascht hob er seinen Kopf. „Wie kommt Ihr darauf, ich sei nur hier, weil man das von mir erwartet?“
„Weil es so ist.“ Da es in der Hocke langsam unbequem wurde, setzte ich mich in den Schneidersitz. „Du bist hier, weil es dir befohlen wurde, oder täusche ich mich da?“
„Ja, Ihr täuscht Euch.“ Auch er setzte sich hin, blieb dabei aber so nahe, dass ich ihn weiter am Hals kraulen konnte. „Natürlich verbringen wir diese Stunden zusammen, weil der König es so wünscht, aber das bedeutet nicht, dass ich es nicht freiwillig tue und mich an Euer Gesellschaft erfreue.“
„Ja, weil ich ein Alpha bin“, sagte ich leise und senkte den Blick. Denn alle Omegas liebten ihre Alphas.
„Nein, nicht weil Ihr ein Alpha seid, sondern weil Ihr eine wunderbare, junge Frau seid.“
Ganz ohne mein Zutun erschien ein kleines Lächeln auf meinen Lippen. „Schmeichler.“
„Die Wahrheit hat nichts mit Schmeicheln zu tun.“
Nein, ich würde mich jetzt nicht geschmeichelt fühlen. Okay, ich tat es doch, aber ich ließ es mir nicht anmerken. „Also … ähm … wie bist du hier gelandet?“
Diese Frage sorgte dafür, dass er sich ein wenig von mir zurück zog. Nicht körperlich, eher geistig. „Das ist eine alte Geschichte, die es nicht wert ist, dass man sie in die Gegenwart zerrt.“
Beinahe automatisch glitt mein Blick auf seine vielen Narben. In seiner Vergangenheit musste etwas schreckliches passiert sein. Warum sonst sollte man sich so vor ihr zieren. Aber wenn er nicht darüber sprechen wollte, würde ich ihn sicher nicht dazu drängen. „Erzählst du mir, wie lange du schon hier bist?“
„Ja, aber bitte legt Euch wieder hin.“
Der Unterricht, natürlich. Wie hatte ich den nur vergessen können? Da ich aber schon ein wenig neugierig auf den Mann unter dem Fell war, streckte ich mich neben meiner Tasche im Gras aus und schaute mal wieder hinauf zum Mond.
„Ich kam mit einundzwanzig Jahren an den Hof der Wölfe.“ Wie zuvor legte er sich erneut neben mich, doch dieses Mal bettete er seinen Kopf auf meinem Bauch, damit ich ihn weiter streicheln konnte. „Seit dem lebe ich nun hier.“
Also fast sein halbes Leben. „Hattest du nie das Bedürfnis von hier fortzugehen?“
„Nein, nie.“
Ich hatte das Gefühl, dass hinter diesen Worten mehr steckte, als es auf den ersten Blick erschien. Aber genauso hatte ich das Gefühl, dass er nicht mehr dazu sagen wollte.
Langsam begann ich mich zu fragen, wer genau unter diesem Fell steckte. Was war es, dass ihn hier her getrieben hatte und was hielt ihn hier? Vielleicht ja … eine Frau? „Bist du verheiratet?“
„Nein.“
„Verliebt?“
„Nein, auch das nicht.“
Hm. „Hast du hier Kinder?“
Verwundert hob er seinen Kopf. „Warum fragt Ihr das?“
„Ähm … naja, ich will ja nicht neugierig erscheinen, aber … ich hab gedacht, dass es vielleicht der Grund ist, gibt, warum du hier bleibst, obwohl du einfach gehen könntest.“
Sein Blick wurde ein wenig weicher. „Eure Ankunft am Hofe, könnt Ihr nicht mit der Meinen vergleichen. Ich kam aus freien Stücken.“
„Warum?“ Ich verstand es wirklich nicht. Ich würde beinahe alles geben, um von hier wieder verschwinden zu können. Also warum blieb er, obwohl er es nicht musste?
Sydney antwortete nicht sofort. Einen Moment glaubte ich sogar, er würde sich gar nicht dazu äußern. Doch dann sagte er: „Mir hat einmal jemand gesagt, wenn ich Sicherheit suche, dann müsste ich an den Hof der Lykaner gehen, also kam ich her und habe diese Mauern seit dem nur noch zu meinen Streifzügen durch den Wald verlassen.“
Sicherheit. Das war es was dieser Ort ihm bot, aber … Sicherheit wovor? Was lauerte dort draußen auf ihn, dass er hinter diesen Mauern blieb? Das hatte sicher etwas mit seinen Narben zu tun. „Damit machst du dich doch selber zu einem Gefangenen.“
„Mag sein“, sagte er leise. „Aber ich ziehe es trotzdem vor, an diesem Ort zu verweilen.“
Die Fragen lagen mir auf der Zunge, doch ich schluckte sie herunter, einfach weil ich nicht den Eindruck hatte, dass er darüber sprechen wollte. „Ich werde gehen, sobald sie es erlauben.“ Gedankenverloren ließ ich meine Finger durch Sydney Fell wandern. „Und dann werde ich nie wieder kommen.“
Sydney hob den Kopf und begann wieder mich mit diesem Blick zu durchleuchten. „Euer Erbe wird nicht verschwinden, nur weil Ihr versucht ihm den Rücken zu kehren.“
„Es muss ja auch nicht verschwinden, es muss mich nur in Ruhe lassen.“
Sein Blick bekam etwas trauriges. „Dabei bedeutet Ihr uns so viel.“
„Ihr kennt mich doch nicht mal, niemand von euch.“
„Das mag stimmen und doch seid Ihr nun ein Teil von uns, jetzt und für alle Zeiten.“
Das war es nicht was ich hatte hören wollen. Natürlich war mir klar, dass hinterher nichts mehr sein würde wie es einmal war, doch noch hegte ich die kleine Illusion, wenigstens ein Mindestmaß an Normalität zurückzubekommen. Schließlich bestand der ganze Plan darin, dem Rudel zu zeigen, dass es einen weiteren Alpha in der Familie gab. Sobald es alle wussten, konnten sie mich wieder gehen lassen.
Ich wollte keine Prinzessin sein. Ich brauchte kein Schloss mit hunderten von Dienern und Wächtern, um mich geborgen und sicher zu fühlen. Ich wollte nur meine Mutter, meine Freunde und meinen Elvis. Ich wollte mein Leben wiederhaben.
Aber wahrscheinlich würde ich diesem Ort niemals ganz den Rücken kehren können. Ich konnte mir gut vorstellen, dass mein geliebtes Großväterchen mich immer mal wieder herbestellen würde, um mich dem Volk vorzuführen.
Und dann waren da ja auch noch die ganzen kleinen Veränderungen, die ich in den letzten Tagen an mir festgestellt hatte.
„Warum passiert mir das?“, fragte ich leise. „Warum jetzt? Warum nicht schon vor einem Jahr, oder erst in Zehn? Die ganze Zeit ist nie etwas geschehen und nun fühle ich mich von Tag zu Tag anders.“ Ich vergrub meine Finger in seinem Fell, einfach weil ich etwas brauchte, an dem ich mich festhalten konnte, um die Realität nicht zu verlieren. „Gestern habe ich gerochen, dass da jemand in meinem Zimmer gewesen ist und heute bin ich deiner Fährte gefolgt. Wie ein Hund.“
Mitfühlend stupste Sydney mir gegen den Arm. „Warum genau jetzt, kann ich Euch nicht sagen. Etwas muss den Wolf in Euch geweckt haben. Was es war, weiß ich nicht, doch was ich weiß ist, was passieren wird. Euer Wolf wird nicht mehr verschwinden. Er wird von Tag zu Tag stärker werden und sich mit Euch vereinen. Der viele Kontakt zu anderen Lykaner und die Zeit bei mir helfen Euch, mit dieser Zeit fertig zu werden.“
„Die Zeit bei dir? Du meinst nachts mit dir auf einer Wiese zu liegen, bedeutet mehr, als nur zu quatschen?“
Sydney schnaubte belustigt. „Natürlich. Ihr seid so im Schein des Mondes. Seine Kraft gibt Euch Kraft und hilft Euch zu Euch selber zu finden, damit …“
Mein Handy schrillte los. Vor Schreck zuckte ich zusammen und hätte dabei beinahe noch Sydney gekratzt. Zum Glück hatte der so dickes Fell. „Moment“, sagte ich, beugte mich zur Seite und zog mein Handy hervor. Welcher Idiot kam jetzt noch auf die Idee mich zu nerven? Alex konnte es nicht sein, denn wir hatten ausgemacht, dass ich mich bei ihm melden würde. Leider gab mir auch auch Blick aufs Display keine Antwort, denn die Nummer war unterdrückt.
Dann musste ich wohl einfach rangehen.
„Ich hier, wer dort?“
Stille.
Ich wartete kurz, aber da kam nichts. „Hallo?“
Leises Atmen war zu hören, ein Auto das auf einer Straße vorbeifuhr und im Hintergrund hörte ich etwas, das nach Wasserrauschen klang, aber niemand sagte ein Wort.
„Hör zu Kumpel, ich kann dich atmen hören. Entweder du sagst etwas, oder ich lege auf.“
Die Verbindung brach ab. Egal wer da dran gewesen war, er – oder sie – hatte aufgelegt.
Genervt über die Störung steckte ich es zurück in meine Tasche. Dabei achtete ich sehr sorgfältig darauf, dass Sydney keine Sicht auf den Inhalt bekam. Es wäre sicher nicht von Vorteil für mich, wenn er die Hose von Lucy darin bemerken würde.
„Was war los?“
„Ach, da wird sich nur jemand verwählt haben.“ Ich streckte mich wieder aus und sobald Sydney seinen Kopf wieder auf meinem Bauch geparkt hatte, vergrub ich die Finger erneut in seinem Fell. Das merkwürdige daran war, dass es mir gar nicht mehr merkwürdig vorkam. „Oder jemand hat gehofft, dass ich schon schlafe und wollte mich ärgern, indem er mich aus dem Bett klingelt.“
„Klingelstreiche sind äußerst kindisch.“
Ich grinste. „Nur wenn man selber das Opfer ist.“
So gekonnt wie Sydney die Augen verdrehte, bekam ich den Verdacht, dass es das heimlich vor dem Spiegel übte. Dann erinnerte er mich daran, dass wir nicht nur zum reden hier waren, sondern auch etwas tun mussten.
So begann ich wieder damit den Mond anzustarren und mich auf etwas zu konzentrieren, das ich nicht hören konnte – für ungefähr fünf Minuten. Dann schweifte mein Blick erneut ab und fiel auf den hohen Turm im in der Mitte des Labyrinths. Die Kuppel obendrauf war irgendwie komisch. Es war eine Kugel. „Was ist das für ein Turm? Habt Ihr Rapunzel da oben versteckt?“
Nein, Sydney seufzte nicht, aber fiel fehlte nicht mehr. „Das ist der Mondturm, der höchste Turm am Hof der Wölfe.“
„Heißt der so, weil er dem Mond am nächsten ist, oder weil er eine Kugel oben drauf hat?“
„Die Kugel wurde gebaut, weil er so heißt, seinen Namen verdankt er seiner Nähe zum Mond.“
Wobei Nähe hier wohl ein relativer Begriff war.
„Und jetzt versucht doch bitte Euch zu konzentrieren. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, aber es ist nötig.“
Ja, genauso nötig wie ein Einlauf. Wenigstens war die Gesellschaft besser als bei meinem anderen Unterricht.
°°°
„Okay, dann bis gleich.“ Ich legte auf, steckte das Hand zurück in meine Tasche und zog mir dann eilig und völlig ungeniert mein Kleid aus. „Alex macht sich jetzt auf den Weg, er ist in ein paar Minuten hier.“
Ein wenig halbherzig streckte Lucy die Faust in die Höhe. „Juhu.“
Das wurde einfach nicht beachtet.
Es war fast zwei Uhr morgens und Sydney hatte mich wohl nur gehen lassen, weil ich vor Langeweile fast eingeschlafen war. Aber jetzt standen wir endlich im Stall.
Ein paar Pferde scharrten und schnaubten in ihren Boxen. Ein besonders neugieriges Exemplar steckte seinen Kopf heraus und schaute interessiert dabei zu, wie ich in nichts als Unterwäsche eine Hose aus meiner Tasche holte und dann hinein schlüpfte. „Bitte, sei nett, okay?“
„Keine Sorge, ich werde die Party schon nicht sprengen.“
Das blieb zu hoffen. Ich knöpfte meine Hose zu und kam nicht umhin, mich meinen Großeltern gegenüber ein kleinen wenig überlegen zu fühlen. Das hatten sie nun von ihren blöden Regeln.
„Um fünf müssen wir spätestens zurück sein“, erklärte Lucy und streckte die Hand nach dem neugierigen Pferd aus. Es schnupperte kurz daran, fand es dann aber doch interessanter, mir beim Umziehen zuzuschauen.
„Warum so früh?“ Das nächste Teil, das ich aus meiner Tasche hervorzauberte, war ein kurzärmliges, schwarzes Shirt, mit der Aufschrift: Vorsicht bissig. Es war eines der wenigen Kleidungsstücke, die dem Raubzug meiner Großeltern nicht zum Opfer gefallen waren. Und für heute Abend wäre es sicher ganz witzig.
„Weil das Personal auch so früh erwacht.“
Schnell übergezogen, dann noch zurück in die Schuhe und dann war ich fertig. Nicht das stylischste was ich jemals getragen hatte, aber viel besser als vorher.
„Hast du gehört, was ich gesagt habe?“
„Nein, ich bin neuerdings taub.“
„Ich meine es Ernst, Cayenne. Wenn du …“
„Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, okay? Mir ist durchaus bewusst, dass meine geliebten Großeltern hier überall Spione haben, die mich verpetzten, wenn Isaac sie nur streng anschaut.“ Ich überlegte, ob ich das Kleid einstecken sollte, oder doch besser einfach draußen auf einen Misthaufen warf. Wenn man allerdings mein Kleid hier fand, konnte das Gerüchte zur Folge haben, die ich eigentlich nicht riskieren wollte. Da war es wohl besser, wenn ich es doch in meine Tasche verfrachtete. „Wir werden schon rechtzeitig zurück sein, damit ich anschließend wieder die artige, kleine Prinzessin spielen kann. Aber jetzt will ich mich einfach nur ein wenig amüsieren.“
Am anderen Ende der Gasse gab es ein knarrendes Geräusch und gleich darauf schlüpfte Alex durchs Tor.
Lucy warf einen nicht all zu freundlichen Blick in seine Richtung. „Aber auch damit solltest du es nicht übertreiben“, mahnte sie mich. „Nicht nur, dass du beim Frühstück wieder fit sein musst, auch die Leute auf der Fete gehören zum Großteil zum Personal.“
Mist, daran hatte ich noch gar nicht gedacht.
„Im Moment sind die Leute dort hauptsächlich neugierig.“ Alex trat mir einem halben Lächeln auf uns zu. In seinem Ohr funkelte ein goldener Stecker und der Geruch von Rauch und Lagerfeuer klebte ab ihm.
Gott, dass ich plötzlich so gut riechen konnte, war mir noch immer reichlich suspekt.
„Die Hälfte von ihnen ist nur gekommen, weil sie dich so vielleicht kennenlernen“, erklärte er weiter.
Wie war das vorhin noch gewesen? Es war fraglich, ob überhaupt jemand mit einer Prinzessin feiern wollte? Ich hatte den Alphafaktor vergessen. „Sind den viele Lykaner dort?“
Er zuckte nur mit den Schultern. „Ziemlich geteilt würde ich sagen.“
Na hoffentlich würde das keine Probleme geben. Ich hatte keine Lust mich verstellen zu müssen, ich wollte einen Abend lang nur loslassen und vergessen. Darum überhörte ich die kleine warnende Stimme in meinem Kopf, die sich verdächtig nach Diego anhörte und grinste einfach nur. „Na dann würde ich sagen, wir machen uns auf den Weg.“
„Eine Sache wäre da noch“, sagte Alex und warf einen kurzen Blick zu Lucy. „Deine Hände. Ich würde gerne … erlaubst du, dass ich sie heile?“
Damit niemand etwas erfuhr, was lieber im Verborgenen blieb. Ich verstand worauf er hinaus wollte. Und nach dem Desaster mit Sydney vorhin, war es wahrscheinlich gar keine Schlechte Idee. „Klar“, sagte ich, ohne Lucys Misstrauen zu beachten.
Dieses Mal war die Prozedur jedoch etwas schmerzhafter, als das letzte Mal, denn – wie Alex mir erklärte – wirkte der Speichel nur in offenen Wunden. Also führte er mich in die Stattelkammer, nahm dort ein halbwegs sauberen Lappen und begann damit den Schorf von meinem Knöcheln zu reiben. Und ja, das tat weh. So sehr, dass ich ihm den Lappen aus den Händen nahm und es selber machte – nicht das es so weniger geschmerzt hätte, es dauerte nur länger.
Als endlich alles offen waren, waren meine Hände ganz blutverschmiert und meine Knöchel pochten unleidlich – denen hatte diese Prozedur auch nicht gefallen. Doch am Ende hatte Alex alle Wunden geheilt und meine Hände zusammen mit dem Lappen in einen Wassereimer gesteckt, um auch noch die letzte verräterische Spur zu verwischen.
Danach schulterte ich mit meinen nun eiskalten und noch schmerzenden Händen meine Tasche und wir konnten uns endlich auf den Weg machen.
Während Alex uns hinaus brachte und uns an der Koppel entlang führte, immer weg vom Schloss, überlegte ich, ob ich Lucy vielleicht noch mal auf ihr Zimmer schicken sollte, damit sie nicht in ihrer Uniform herumlaufen musste. Andererseits würde sie sich sicher nicht wegschicken lassen, weil sie ja auf mich acht geben musste. Also sparte ich mir die Worte und fragte Alex stattdessen nach seinem Tag aus.
Wir waren vielleicht hundert Meter gelaufen, als wir über den Zaun auf die Koppel kletterten und dann einmal quer über die Wiese marschierten. Wenige Minuten später schon, tauchten wir auf der anderen Seite zwischen den Bäumen ein und betraten damit den nächtlichen Wald. Beinahe augenblicklich wurde es stockfinster um uns herum.
Die Bäume hier standen so dicht, dass sie kaum den sanften Schein des Mondes hindurch ließen und mit den Schatten verschmolzen.
„Pass auf wohin du trist“, sagte Alex und hielt einen tiefhängenden Ast hoch. Wie er den gesehen hatte, war mir ein Rätsel.
„Wie tief müssen wir hinein?“
„Angst, Prinzessin?“
Das Kosewort mochte ein verspielter Scherz gewesen sein, doch als ich ihn aus seinem Mund hörte, versteifte ich mich ein wenig „Nenn mich nicht so.“ So hatte mich nur einer genannt und zwar lange bevor ich gewusst hatte, wer ich wirklich war. Für ihn war das wahrscheinlich eine Art Scherz gewesen. Für mich … nicht.
Mein scharfer Ton schien Alex ein wenig zu irritieren, aber er fragte nicht weiter nach. „Es ist noch ein Stück. Wir können ja nicht direkt am Waldrand feiern, das würde nur unerwünschten Besuch anlocken. Vorsicht, Wurzel.“
Die Warnung kam gerade noch rechtzeitig. „Du meinst die Wächter.“
„Und Eltern und alle anderen, die etwas dagegen haben könnten.“ Er schenke mir ein verschmitztes Lächeln. „Einige von ihnen wären nicht sehr erfreut über die Dinge, die wir da so treiben.“
„So? Warum? Was treibt ihr denn da so.“
„Das wirst du schon selber sehen, wir sind gleich da.“
Alex schwang sich über einen umgekippten Baumstamm. Lucy sprang einfach aus dem Stand hinauf und auf der anderen Seite wieder runter. Ich hatte weder die Eleganz des einen, noch die Kraft des andern, also ersparte ich mir die Blöße eines Versuchs und kletterte einfach hinüber.
Und weit war es wirklich nicht mehr. Wir liefen vielleicht noch fünf Minuten, als leise Musik an mein Ohr drang. Nur wenige Schritte später, entdeckte ich einen flackernden Schein zwischen den Bäumen.
Ich reckte den Kopf in der Hoffnung schon etwas sehen zu können, als ich rechts von uns leises Stöhnen hörte. Mein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen, doch als ich dann einen Blick zur Seite riskierte, wäre ich fast über einen Stein am Boden gestolpert.
Ich hatte mit einer heftigen Knutscherei gerechnet, oder mit … naja, sportlichen Aktivitäten, aber nicht damit.
Mein erster Gedanke war: Oh lala. Mein zweiter: Ach du Scheiße!
Ein Mädchen, das nicht viel älter als ich sein konnte, saß zurückgelehnt auf einem umgekippten Baumstamm. Ein Bein stand auf dem Boden, das andere auf der Schulter des Typen vor ihr. Ihr Rock war bis zur Taille hochgeschoben, ihr Mund vor Verzückung geöffnet, wodurch trotz der geschlossenen Augen sehr deutlich klar wurde, dass sie ein Vampir war.
Der junge Mann vor ihr hatte den Kopf zwischen ihren Beinen gesenkt, doch er tat nicht das, was man auf den ersten Blick annahm. Er war auch ein Vampir und … naja, er nuckelte wohl gerade an ihrer Oberschenkelarterie herum, was sie schon wieder stöhnen ließ.
„Sie genießt den Rausch“, sagte Lucy neben mir.
Hätte ich nicht gewusst, dass sie dort stand, hätte ich vor Schreck wohl einen Satz zur Seite gemacht, so fasziniert war ich von dem Anblick. „Rausch?“
„Der Endorphinrausch eines Vampirkusses.“
Ich verstand nur Bahnhof. „Vampirkuss?“
„Der Biss eines Vampirs. Man nenn ihn auch Vampirkuss“, erklärte nun Alex und trat an unsere Seite. „Wenn wir beißen, injizieren wir dabei ein Sekret, das dafür sorgt, dass der Wirt sich sehr gut fühlt.“
„Der Endorphinrausch.“ Das gehörte wohl zu der Evolution der Vampire. „Das vereinfacht dann wohl die Nahrungsbeschaffung.“
Ein schiefes Grinsen erschien auf seinen Lippen. „Das auch.“
Was er damit meinte, musste er nicht er groß erklären, wo ich es doch gerade leibhaftig und in Farbe vor mir saß. Was die beiden da trieben, nannte man im Allgemein wohl Vorspiel.
„Es geht dabei nicht um Sex“, sagte Lucy, die meine Gedanken wohl erraten hatte. „Es geht einfach um das Gefühl.“
„Das klingt ja, als hättest du bereits Erfahrung damit.“
„Das ist etwas, das jeder mal ausprobiert“, sagte sie schlicht und wandte sich zum Weitergehen.
Da die beiden Turteltauben sicher nicht begeistert wären, wenn sie mitbekamen, wie wir sie begafften, sah ich zu, dass ich an Lucys Seite kam. „Du hast dich von einem Vampir beißen lassen?“
„Von einer Vampirin“, korrigierte sie mich. „Diego hat sie mir damals bei einem meiner Besuche am Hof vorgestellt.“
Jetzt war ich buff. „Diego hat das auch gemacht?“
„Diego hatte es nie leicht“, sagte sie so leise, dass nur ich es hören konnte. „Bevor er nach Berlin kam, hat er viele Dinge getan, um seinem Alltag zu entfliehen.“
Das hörte sich überhaupt nicht nach dem Diego an, den ich kannte. Andererseits hatte ich ja erst vor einer Woche erfahren, dass ich so gut wie nichts über ihn wusste. „Aber jetzt macht er es nicht mehr.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Nein, nicht mehr“, sagte sie in einem sehr seltsamen Ton.
Ich wagte nicht nachzufragen. Nicht weil ich mich vor der Antwort fürchtete, sondern weil Alex bei uns war und es ihn nichts anging. Aber ich würde das noch mal zur Sprache bringen. Ein andern Mal. Wenn wir unter uns waren.
Die Musik wurde lauter und das Flackern des Lichts heller. Wir mussten nur noch ein paar Meter gehen, dann traten wir auf eine kleine Lichtung.
Genau in der Mitte brannte ein großes Lagerfeuer und erhellte mit seinem flackernden Schein die ganze Umgebung. Alte Baumstämme sorgten überall für Sitzgelegenheiten und am Rand parkte ein roter Wagen mit offenen Türen. Die Anlage darin war voll aufgedreht und so wie der Bass dröhnte, war das weit mehr als ein einfaches Autoradio.
Auf dem Platz tummelten sich an die fünfzig Leute, von denen ich wohl eine der jüngsten war. Sie saßen schwatzend am Lagerfeuer, lehnten an Bäumen, lachten und tranken. Gut die Hälfte hatte sich auf dem freien Platz neben dem Wagen eingefunden und tanzte zur Musik.
Es war zwar keine wirkliche Tanzfete, aber allein der Anblick brachte mich zum Lächeln. Endlich etwas das ich kannte und in dem ich mich wohlfühlen konnte.
„Willkommen in deiner Auszeit“, sagte Alex leise und dann ganz laut: „Sagt hallo Leute!“
Und dann riefen wirklich alle im Chor: „Hallo Leute!“ und jubelten.
Ich grinste Lucy an. „Ich glaub ich mache gleich Luftsprünge.“
Sie schnaubte nur.
„Komm“, sagte Alex. „Ich stell dir ein paar Leute vor.“
Und das geschah dann auch. Alex führte mich von links nach recht, von einer Gruppe zur anderen und innerhalb von kurzer Zeit prasselten so viele Namen auf mich nieder, dass ich die meisten schon wieder vergessen hatte, bevor ich sie mir überhaupt merken konnte.
Ich merkte sehr schnell, dass die meisten zwar neugierig auf mich waren, aber nicht so aufdringlich, wie ich befürchtet hatte. Sie waren einfach ganz normale Leute, die genau wie ich ein wenig Spaß haben wollten.
Irgendwann mittendrin verschwand Alex zu ein paar Freunden und ich warf mich mit Lucy ins Getümmel und ließ die Musik auf mich wirken.
Es war herrlich einfach abschalten zu können und nur dem Rhythmus der Musik zu folgen. Kein Walzer, keine Benimmregeln oder andere überflüssige Vorschriften. Einfach nur tanzen, den Beat spüren und die Augen schließen. So fiel es mir leicht zu vergessen. Vergessen wer ich war, wo ich war und was alles geschehen war. Hier und jetzt konnte ich für den Moment leben und alles andere ausblenden.
Ein besonders mutiger Lykaner wagte es sogar mich anzutanzen und ein wenig zu flirten. Als er anschließend von seinen Freunden bejubelt und beglückwünscht wurde, konnte ich nur lächelnd den Kopf schütteln.
„Was erwartest du?“, fragte Lucy und drehte sich einmal um sich selbst. „Du bist ihre Prinzessin. Mit dir zu tanzen, war wahrscheinlich der Höhepunkt seines bisherigen Lebens.“
„Wir neigen heute wohl mal wieder ein wenig zu Übertreibungen.“ Als neben mir Jubelrufe laut wurden reckte ich den Hals und bemerkte eine kurzhaarige Brünette, die gerade dabei war, sich in den Mittelpunkt zu tanzen. „Wow“, sagte ich und begann zusammen mit den anderen zu klatschen. Das Mädel war wirklich gut.
Lucy verdrehte nur die Augen. „Nicoletta ist so eine Angeberin.“
„Wer kann, der kann.“ Als sie ein besonders ausgefallenen Tanzschritt vorführte, stieg ich in die Jubelrufe der anderen mit ein. Ich machte mich auf der Tanzfläche zwar nicht gerade zum Affen, aber das würde ich nicht mal hinbekommen, wenn mein Leben davon abhinge.
Klatschen ging ich ein paar Schritte zur Seite, um besser zuschauen zu können, als ich am Rand der Lichtung eine einsame Gestalt bemerkte.
Diego.
Mit hängenden Schultern saß er auf einem Baumstamm, der zusammen mit zwei anderen eine Triangel bildete und starrte den Boden an, als lägen dort die Weisheiten des Lebens verborgen.
Das schlechte Gewissen schlug mit einer solchen Macht zu, dass ich darunter fast ins Taumeln geriet. Ich musste mich bei ihm entschuldigen. Nein, ich musste zu Kreuze kriechen und um Vergebung betteln, denn was ich zu ihm gesagt hatte, war einfach nur ungerecht gewesen. Und ich musste es sofort tun, denn das ertrug ich einfach nicht. „Bin gleich wieder da“, sagte ich zu Lucy und machte mich ohne Umwege auf den Weg.
Leider wurden meine Beine mit jedem Schritt schwerer. Was wenn er mir nicht verzieh? Verübeln konnte ich es ihm nicht.
Als ich dann unsicher vor ihm stand, war meine Zunge wie gelähmt. Plötzlich hatte ich das unbändige Bedürfnis ihn einfach in die Arme zu nehmen, aber da ich mir nicht sicher war, ob er das gutheißen würde, unterdrückte ich den Impuls und setzte mich stattdessen neben ihm auf den Baumstamm. „Es tut mir leid“, flüsterte ich und hoffte, dass er mir noch einmal verzeihen konnte. „Du bist nicht nur ein Freund, du bist ein wichtiger Teil meines Lebens und ich hätte das nicht sagen dürfen. Das war nicht nur dumm, das war auch noch unfair.“
Für einen Moment tat er gar nichts und ich befürchtete schon, dass ich jetzt endgültig in die Flucht geschlagen hatte. Doch dann schloss er seufzend die Augen. „Wenn du hier weg willst, werde ich einen Weg finden.“
Oh Gott. Nun schlang ich doch einfach die Arme um ihn, vergrub das Gesicht an seiner Halsbeuge und sog tief den vertrauten Geruch ein.
„Nein, das wirst du nicht. Ich verbiete es dir. Du wirst nicht alles riskieren, nur weil ich einen Aussetzer hatte.“
Er drehte seinen Kopf über die Schulter, damit er mir ins Gesicht sehen konnte. „Du hast gewählt, das habe ich jetzt auch.“ Er griff nach meinem Arm und drückte ihn leicht. „Ich bring dich hier weg.“
Mein Herz machte vor Freude einen Hüpfer. Das war genau das, was ich hören musste, aber das konnte ich ihm nicht antun. Würden sie ihn dabei erwischen, war ich mir sicher, dass ich ihn nie wieder sehen würde. „Ich werde nicht mit dir gehen.“
„Aber das ist es doch, was du willst.“
„Ja, aber nicht um diesen Preis.“ Ich drückte ihn ein wenig fester an mich. „Es war nicht fair von mir, dich dazu bringen zu wollen, zwischen mir und deinem Leben hier zu entscheiden.“
Er seufzte schwer.
„Bitte Diego, tu nichts Dummes. Ich will nicht, dass sie dich mir wegnehmen.“ Denn genau das würde meine liebe Familie tun, wie Kaidan mir schon einmal sehr verdeutlicht hatte.
„Okay“, sagte er leise. „Aber wenn du es dir anders überlegst …“
„Bist du der Erste, der es erfährt.“ Ich drückte ihn ein wenig fester an mich und als er mich dann auch endlich in den Arm nahm, war meine Welt wieder halbwegs in Ordnung. „Es tut mir wirklich leid“, sagte ich noch einmal leise.
„Du musst dich mit der neuen Situation eben erst arrangieren.“
Fast hätte ich die Augen verdreht. Das war wieder so typisch Diego. Ich war hier das Biest und jetzt fand er doch tatsächlich eine Entschuldigung für mich. „Manchmal bist du einfach zu gut für diese Welt.“ Ich ließ ihn wieder los und sah so eines seiner seltenen Lächeln.
„Da habe ich aber schon ganz anderes von dir zu hören bekommen.“
Ich zuckte die Achseln. „Was soll ich sagen, ich bin eben nicht zurechnungsfähig.“
Dafür bekam ich sogar ein kleines Lachen.
„Und, bist du schon lange hier?“
„Ein Weilchen.“ Er schaute rüber zu Lucy, die sich gerade mit einem jungen Mann unterhielt. „Eine Bekannte hat gefragt, ob ich nicht kommen will.“
„Und da nichts besseres zu tun hattest, dachtest du, dass du einfach mal die Sau …“
„Hey“, unterbrach mich eine Stimme von der Seite.
Als ich aufblickte, sah ich einen Blondschopf und einen Braunhaarigen. Zwei Lykaner.
Diego nickte ihnen zu. „Hey.“
„Dürfen wir uns setzten?“, fragte der Blondschopf. Er war lang und dünn und hatte eine so spitze Nase, dass man sich daran wohl ein Auge ausstechen könnte.
Ich zeigte auf den gegenüberliegenden Baumstamm. „Das ist ein freies Land.“ Zumindest in der Theorie.
Während die beiden sich setzten, harkte ich mich bei Diego unter und lehnte meinen Kopf an seine Schulter.
„Ich bin Rekrut Owen“, stellte sich der Blondschopf dann vor. „Und das ist Rekrut Danilo.“
Mein Mundwinkel zuckte. Daran dass sie ihren Beruf immer gleich mit nannten, würde ich mich wohl nie gewöhnen. „Cayenne.“
„Wissen wir.“ Owen musterte mich auf eine Art, die ihn mir gleich ein wenig unsympathisch machte. Die Region, an der sein Blick hängen blieb, war nicht mein Gesicht. „Und, habt Ihr Euch bereits ein wenig eingelebt?“
Oh nein, jetzt fing das wieder an. Innerlich verzog ich das Gesicht. „Ich komme klar.“
Ein weiterer Lykaner gesellte sich zu unserer illustren Runde und setzte sich auf den noch freien Baumstamm. Ihm folgten zwei Mädels, die sich kichernd bei ihm niederließen.
Wie ich dann sehr schnell feststellte, war das nur der Anfang. Es machte ganz den Anschein, als hätten die Leute nur darauf gewartet, sich mir nähern zu dürfen. Vielleicht bildetet ich mir auch nur ein, dass sie wegen mir kamen. Es waren nämlich auch ein paar Vampire dabei und die interessierten sich ganz sicher nicht für einen weiteren Alpha.
Es war auf jeden Fall lustig. Die Stimmung war ausgelassen und ich kam mir auch nicht wie ein Außenseiter vor. Ganz im Gegenteil, ich fühlte mich hier sehr wohl.
„Sag mal, kennt ihr euch schon länger?“, fragte eine schwarzhaarige Vampirin, die direkt neben Diego saß. „Dafür dass du erst ein paar Tage hier bist, scheinst du ganz schön vertraut mit deinem Umbra.“
Ach du … Scheibenkleister. „Ähm …“, machte ich nicht sehr gescheit und schaute zu Diego. Ich hatte mir bisher gar keine Gedanken darüber gemacht, wie wir auf andere wirkten. Aber sie hatte schon recht. Nach der Geschichte meiner Großeltern, müsste Diego ein Fremder für mich sein. Wie sollte ich dass den jetzt erklären?
Diego ließ sich weder von der Frage, noch von den interessierten Blicken aus der Ruhe bringen. „Was glaubst du, wohin ich vor vier Jahren verschwunden bin?“, fragte er ganz direkt und drückte meine Hand ganz leicht. Das hieß wohl ich sollte einfach die Klappe halten und ihn das machen lassen.
Da ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, überließ ich ihm freiwillig das Feld.
„Lucy und ich wurden ausgebildet, um Prinzessin Cayenne zu finden und genau das haben wir getan.“ Er schaute sie direkt an. „Und nur weil sie erst seit vier Tagen hier ist, heißt das nicht, dass wie sie erst vor vier Tagen gefunden haben.“
Aha, gut zu wissen. Vielleicht sollte ich mich mal mit den Einzelheiten meiner Geschichte vertraut machen, damit ich nicht in Bedrängnis geraten konnte.
Die Vampirin neigte den Kopf leicht zur Seite. „Wann habt ihr sie denn gefunden?“
„Gute Frage“, unterstützte Owen sie. „Bisher wurde immer nur gesagt, dass Ihr gefunden wurdet, nie wie.“
„Naja“, sagte die Lykanerin neben mir. „Ein bisschen ist ja schon bekannt. Du weißt schon, sie wurde von den Skhän verkauft und ist bei einem kinderlosen Paar … aufgewachsen.“ Den letzten Teil sagte sie sehr leise. Ihr gefiel wohl nicht, wie ich sie ansah.
Nach diesen Worten trat in unsere kleine Runde ein drückendes Schweigen ein. Klar, in ihren Augen musste diese Situation für mich ziemlich belastend sein. Nicht nur weil meine angeblichen Eltern wegen ihrer angeblichen Tat, angeblich getötet wurden. Offiziell hatte ich meine Eltern lieb gehabt, ich hatte schließlich nicht gewusst, wer ich war und woher ich kam.
Und wieder wurde ich damit in eine Situation befördert, mit der ich nicht umgehen konnte. Wie reagierte man da?
„Anfang des Jahres bekamen wir einen Tipp und fanden Cayenne“, erklärte Diego ruhig. „Doch um die Situation zu verstehen und auch zu verarbeiten, hielt man es für angebracht, sie erstmal in eine sichere Zuflucht zu bringen, bis sie sich mit allem arrangieren konnte.“
Zeit um zu verstehen und das alles zu verarbeiten, hätte ich vermutlich wirklich gebrauchen können. Schade dass das nicht der Wahrheit entsprach.
„Das heißt ihr kennt euch schon ein halbes Jahr“, fasste die Vampirin zusammen.
„Ungefähr vier Monate“, korrigierte Diego sie. „In dieser Zeit haben Lucy und ich jeden Tag mir ihr verbracht. Wir wurden Freunde.“
Ein paar Murmelten, als würden sie dieses Vorgehen verstehen.
„Und wo wart Ihr die ganze Zeit?“, wollte Owen noch wissen. „Also bevor man Euch fand.“
Es war wohl Diegos ruhiger Blick und sie Sicherheit die er ausstrahlte, die mich antworten ließ. „Berlin“, sagte ich und klopfte für diese Meisterleistung innerlich auf die Schulter. Ich hatte die Wahrheit sagen können.
Die Mädel neben mir verzog das Gesicht. „Kein Wunder, dass man so lange gebraucht hat um Euch zu finden. Ein Leben in der Stadt?“ Es schüttelte sie geradezu. „Keine Natur, der ganze Dreck, die vielen Menschen. Ein Wunder, dass Ihr da nicht verrückt geworden seid.“
„Aber in den Städten leben doch nur Abtrünnige und Streuner“, warf dieser Danilo ein. „Heißt das Ihr habt bei den Abtrünnigen gelebt?“
Hm wenn ich Lucys Definition von den Abtrünnigen mit meiner Mutter verglich, dann konnte ich ganz ohne Reue mit „Ja, hab ich“ antworten. Schließlich war Mama wegen dieser dummen Gesetzte kein Mitglied des Rudels mehr.
Wow, jetzt hatte ich schon zwei Mal die Wahrheit sagen können.
„Bei denen sollen die Sitten ja richtig rau zugehen“, überlegte Owen. „Dagegen sind wir Chorknaben.“
Ich zuckte nur mit den Schultern. „Von anderen Werwölfen habe ich nie viel gesehen.“ Und schon wieder die Wahrheit. Man, langsam wurde ich ja richtig gut darin. Ich war mir nur nicht sicher, ob mir das gefallen sollte.
„Dann habt Ihr die ganze Zeit also völlig abgekapselt von anderen gelebt“, überlegte die Vampirin und verursachte damit ein kollektives Unbehagen bei den Anwesenden. „Wahrscheinlich seid Ihr deswegen auch so lange unentdeckt geblieben.“
„Aber ohne Rudel?“, sagte das Mädel neben mir. „Das ist ja als würde man ohne Kopf leben.“
Ein paar Leute murmelten zustimmend.
War es wirklich so schlimm ein einsamer Wolf zu sein?
„Mit sowas wird nur ein echter Alpha fertig“, erklärte Owen überzeugt und wieder gab es einiges an zustimmenden Gemurmel. „Wärt Ihr nicht …“
Aus dem Nichts ragte plötzlich Lucy hinter ihm auf und fauchte: „Was habe ich dir gesagt!?“ Damit verstummte nicht nur jeder, sie bekam auch mit einem Schlag die komplette Aufmerksamkeit.
Zuerst war ich ein wenig perplex, weil ich glaube, sie meinte mich. Soweit ich wusste, hatte ich nichts angestellt, was dieses wütenden Auftreten rechtfertigte. Doch schon in der nächsten Sekunde schob sie Owen unsanft zur Seite, stieg über den Baumstamm und stieß die Vampirin neben Diego so heftig von ihrem Platz, dass die mit einem Schmerzenslaut auf den Rücken krachte. „Glaubst du ich würde es nicht wahr machen?!“
Ein paar der Anwesenden sprangen auf und wichen vorsichtshalber zurück.
Die Vampirin robbte eilig ein Stück rückwärts, bevor sie versuchte eilig auf die Beine zu kommen, um noch einen Meter Abstand zwischen sich und Lucy zu bekommen.
„Lucy“, sagte Diego und packte sie am Arm, bevor sie der Vampirin folgen konnte. „Lass es, bitte.“
„Das kannst du vergessen!“ Sie schlug seine Hand weg und sah aus, als würde sie gleich einen Mord begehen.
Da Diego nun doch aufsprang und sie am Arm packte, sah er das wohl ganz genauso. „Nicht“, sagte er leise.
Sie beachtete ihn gar nicht. „Ich habe dir gesagt, wenn du noch mal in seine Nähe kommst, reiße ich dir alle Gliedmaßen einzeln aus!“
„Ich habe ihn nicht angerührt, du Psychobraut!“, fauchte die Vampirin zurück, ging aber vorsichtshalber noch einen Stück auf Abstand.
„Ich bin hier die Psychobraut?“ Sie gab ein ungläubiges Geräusch von sich. „Ich war es nicht, die ihn fast umgebracht hat!“
Was zur Hölle? Nun erhob auch ich mich, nicht ganz sicher, wie ich reagieren sollte.
„Lucy!“, sagte Diego nun strenger und riss sie ein Stück zurück. „Lass sie in ruhe.“
Nun funkelte sie ihn an. „Warum beschützt du dieses Miststück auch noch? Du könntest tot sein!“
Was sagte sie da?
„Es war ein Unfall.“
„Hör auf so ein Schwachsinn zu labern! Wir wissen beide, dass es kein Unfall war!“
Er starrte sie nur an und die nächsten Worte die dann seinen Mund verließen, waren nicht für Lucy bestimmt. „Verschwinde, Maja.“
Zuerst glaubte ich die Vampirin wollte widersprechen, doch dann schnaubte sie nur, kehrte uns den Rücken und marschierte direkt in den Wald hinein.
„Und du hör jetzt auf damit“, mahnte er Lucy, die nun versuchte sich von seinem Griff frei zu machen. „Diese Geschichte ist völlig veraltet.“
„Aber deswegen noch lange nicht vergessen“, zischte sie ihn an. Dann riss sie sich mit einem Ruck von ihm los und trat ein Stück zurück. „Ich werde das niemals vergessen“, sagte sie noch, kehrte uns dann den Rücken und stampfte wutentbrannt davon. Ein Typ der nicht schnell genug zur Seite ging, wurde von ihr auch noch weggestoßen.
Ich stand da und wusste nicht recht, ob ich bei Diego bleiben und eine Erklärung verlangen sollte, oder ob es besser war Lucy zu folgen und sie zur Rede zu stellen.
„Geh schon“, sagte Diego, der meinen Zwiespalt offensichtlich bemerkte.
Ich biss mir auf die Lippe. Eigentlich wollte ich ihn auch nicht allein lassen.
„Na los, ich komm schon klar.“
„Okay“, sagte ich dann und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. „Aber wir werden noch darüber reden.“
So wie er meinem Blick auswich, wäre es ihm wohl lieber, wenn ich es einfach vergessen würde, aber das würde nicht passieren. Im Moment jedoch machte ich mir mehr Sorgen darum, ob Lucy dieser Maja nachstellen würde, darum lief ich ihr hinterher.
Obwohl ich mich beeilte, dauerte es einen Moment, bis ich sie entdeckte. Und da sie gleich darauf zwischen den Bäumen verschwand, verlor ich sie schon wieder aus den Augen. Da ich mich nicht abhängen lassen wollte, rannte ich und tauchte selber in den Wald ein. Das Problem dabei? Schon nach wenigen Metern reichte des Schein des Lagerfeuers kaum noch aus, um die Schatten des Waldes zurückzudrängen. Hören konnte ich auch nichts, da die laute Musik die Geräusche der Schritte einfach schluckte.
In der Hoffnung noch eine Spur von ihr zu finden, schaute ich mich nach allen Seiten um und schlug dann auf gut Glück eine Pfad nach rechts ein. Leider wurde mir nach ein paar Minuten klar, dass selbst wenn sie diesen Weg genommen hatte, ich sie vermutlich nicht mehr einholen würde.
Wenn ich nur wüsste, wohin sie gegangen war. Vielleicht auf ihr Zimmer? Eher nicht. Vielleicht war sie auch trainieren gegangen, um ein wenig Dampf abzulassen. Oder sie stampfte noch immer in dieser Wald herum und kochte vor Wut.
Apropos Wald, wo zum Teufel war ich eigentlich? Ablegesehen von dem offensichtlichen. Ich drehte mich einmal um mich selbst, musste aber feststellen, dass das nichts brachte. Das sah hier alles gleich aus. Verdammt, ich hatte jetzt doch nicht verlaufen, oder? Das wäre wirklich passend.
Nein, Moment, ich musste mich doch nur nach der Musik richten. Ich schloss die Augen, um die Geräusche um mich herum besser aufnehmen zu können, musste aber gleich darauf feststellen, dass ich die Musik nicht mehr hörte. War ich wirklich so weit gelaufen? „Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt.“
Okay, keine Panik, einfach nachdenken. Von wo war ich gekommen? Ich schaute nach links, dann schaute ich nach rechts. Hm, sah verdächtig gleich aus. Großer, dunkler Wald mit vielen Bäumen. Ich hatte nicht auf den Weg geachtet. Mist.
Ich überlegte, ob ich einfach wieder losmarschieren sollte, doch die Gefahr, mich dann noch tiefer im Wald zu verirren, war ziemlich groß. Alternativ könnte ich auch einfach hier bleiben und darauf warten, dass mich jemand fand. Früher oder später würde sicher jemand auftauchen, immerhin war ich die Prinzessin, aber wenn es die falschen Leute waren, würde der König sicher von meinen nächtlichen Aktivitäten erfahren und das würde nicht nur für mich Ärger bedeuten. Da blieb eigentlich nur noch Option Nummer drei und die wollte mir ganz und gar nicht gefallen.
Leider fiel mir aber auch nichts anders mehr ein, also schloss ich genervt die Augen und sog die Witterungen des Waldes tief in meine Nase.
Ich roch Wild, Mäuse und Kaninchen, altes Laub und verrottendes Holz. Ich roch den Wald und seine Bewohner, doch was ich nicht roch war meine eigene Fährte. „Mist, verdammter“, murmelte ich und dann ein wenig lauer. „Hallo? Ist da jemand?“
Der Ruf einer Eule antwortete mir.
„Noch jemand anderes?“, fragte ich leicht frustriert und verfluchte Lucy. Ich hatte vorgehabt mich an diesem Abend zu amüsieren und nicht verloren im Wald herumzustehen.
Als der Wind auf einmal drehte, schlug mir eine rauchige Note entgegen. Das Lagerfeuer? Vielleicht auch ein geisteskranker Psychopath, der des Nachts heimlich eine Leiche im Wald verbrannte. Ich schnaubte und setzte mich in Bewegung. Hier würde niemand heimlich Leichen verbrennen, das würden die ganz öffentlich auf einem Scheiterhaufen machen.
Ich verbot mir diesen Unsinn und konzentrierte mich stattdessen auf den Geruch in der Luft. Wenn ich nicht ganz falsch lag, müsste er mich direkt zur Lichtung zurückbringen. Dann hatte ich Lucy zwar immer noch nicht gefunden, aber wenigstens würde ich mir nicht mehr so verloren vorkommen.
Ich war vielleicht fünf Minuten unterwegs, als mir aufging, dass ich mein Handy dabei hatte. Ich schnaubte. Mein Gott, so viel Dummheit sollte verboten werden. Über mich selber den Kopf schüttelnd, fischte ich das kleine Gerät beim Laufen aus meiner Tasche, doch schon nach wenigen Metern hörte ich jemanden laut lachen.
Nein, das war nicht unheimlich. Ganz und gar nicht.
Einen Moment zögerte ich, dann sagte ich mir selber, dass ich ein großer, böser Werwolf war, steckte das Handy wieder weg und bewegte mich in die Richtung, aus der das Lachen gekommen war.
Nach ein paar Metern drang flüstern die Musik von der Lichtung an meine Ohren und als ich einen Baum umrundete, wäre ich fast in Alex reingelaufen, der sich gerade mit zwei Mädels unterhielt. Eine von ihnen war diese Tanzfee Nicoletta. „Gott sei Dank“, murmelte ich und ging direkt auf ihn zu.
Er unterbrach sein Gespräch und schaute mich an. „Was ist los?“
„Nichts ich habe nur gerade festgestellt, dass dieser Wald groß und dunkel ist.“
Er ließ ein perlweißes Lächeln aufblitzen. „Solange deine Nase funktioniert, wirst du sich schon nicht verirren.“
„Das sollte man annehmen.“ Aber die funktionierte um diese Uhrzeit kaum besser als mein Hirn. Wo wir schon mal dabei waren, wie spät war es eigentlich? Bei meinem Glück wahrscheinlich Zeit um wieder in meine Prinzessinnenkleider zu schlüpfen. Das hieß wohl, ich sollte Diego wieder aufsuchen. „Na dann, muss dann weiter.“
Ich hatte mich noch nicht mal richtig abgewandt, als er sagte: „Hey, warte mal kurz“ und mich damit wieder zum Stehen brachte.
Er schaute kurz zu den beiden Mädchen, die mich ganz unverhohlen anglotzten und sagte dann: „Ich hab mir überlegt … also, wenn du Lust hast, dann würde ich dir gerne noch etwas zeigen.“
Zeigen? „Was denn?“
„Hast du schon mal etwas von dem verfluchten Weiher gehört?“
Die Tanzfee schüttelte sich übertrieben. „Äh … ich bin raus, da könnt ihr allein hingehen.“
„Dem schließe ich mich an“, sagte ihre Freundin.
Alex schaute den beiden leise lachend dabei zu, wie sie sich auf dem Weg zurück zur Lichtung machten. „Feige Hühner“ rief er ihnen hinterher, wofür beide ihm den Stinkefinger zeigten, ohne auch nur einen Moment inne zu halten.
Grinsend wandte er sich mir wieder zu „Also, was ist nun?“
Eigentlich wäre es besser, wenn ich zurück auf die Lichtung gehen würde. Anderseits … „Wie lange dauert es denn?“
„Nicht lange, es ist hier ganz in der Nähe.“
Ich wusste, dass ich es nicht machen sollte, aber mal ehrlich, wann würde ich denn das nächste Mal die Gelegenheit dazu bekommen? Außerdem hatte er ja gesagt, dass es nicht lange dauern würde. „Okay, aber denk dran.“ Ich zeigte auf mein Shirt.
Das ließ ihn herzlich lachen. „Ich muss gestehen, mit dir ist es amüsanter, als ich angenommen hatte. Komm.“
Ich folgte ihm. „Was, hast du geglaubt, da steckt ein Stock in meinem Arsch?“
Dazu sagte er nichts. War wahrscheinlich auch besser so.
„Also, dann erzähl mal, was hat es mit diesem verfluchten Weiher auf sich?“ Ich hängte mich dicht an seine Fersen. Nicht nur weil ich nicht verloren gehen wollte, er hatte auch die besseren Augen und konnte mich vor tiefhängenden Ästen warnen.
„Naja, dort hat es mal zwei mysteriöse Todesfälle gegeben, die niemals aufgeklärt werden konnten.“
„Ähm … ich glaube ich gehe wieder.“ Ich drehte mich weg, doch er griff sofort lachend nach meinem Arm.
„Ach komm schon, das ist ein wirklich hübsches Plätzchen.“
„Das mag schon sein, aber die Begleiterscheinungen scheinen nicht so ganz zu stimmen.“
„Das ist jetzt zwei Jahrzehnte her“, schmunzelte er. „Ich denke nicht, dass dir noch eine Gefahr droht.“
Wahrscheinlich hatte er damit recht, aber … „Sollte mir was passieren, werde ich dich bis an dein Lebensende heimsuchen.“
„Deal“, sagte er und ließ mich wieder los. „Und jetzt komm, es ist gleich dahinten.“
„Na hoffentlich werde ich das nicht bereuen“, murmelte ich und schloss mich ihm wieder an. „Dann erzähl mal, was an dieses Todesfällen war wo mysteriös?“
„Das es absolut keine Spuren gab“, erklärte er und verließ den Pfad. Er führte uns direkt zwischen die Bäume. „Das erste Opfer war ein junges Mädchen. Sie verschwand eines Morgens und wurde erst Tage später gefunden. Blutleer, mit weit aufgerissenen Augen. So.“ Er machte es mir vor.
Ich schnaubte nur. „Wenn du gerade versuchst mir Angst zu machen, muss ich dir sagen, dass dein Versuch ziemlich kläglich ist.“
„Ich wollte dir keine Angst machen, das war nur zu Demonstrationszwecken.“
Aber sicher doch.
„Jedenfalls, ein paar Wochen später ging der damalige Thronfolger auf die Jagd. Als er am Abend noch nicht zurück war, schickte man Suchtrupps los. Sie fanden ihn an genau der gleichen Stelle, wie zuvor das Mädchen. In seiner Brust klaffte ein Loch, doch das Mysteriöse an der Geschichte waren seine Augen. Genau wie bei dem Mädchen waren sie weit aufgerissen, so als hätte er im letzten Moment seines Lebens unglaublich Schreckliches gesehen.“
„Wie den Geist des toten Mädchens?“, reit ich einfach mal ins Blaue hinein.
„Vielleicht“, sagte er kryptisch und hielt dann einen Ast hoch, damit ich darunter hindurchgeschlüpften konnte. Dabei verdunkelten sich seine Pupillen ein wenig.
Genau wie bei Raphael. Ich schüttelte den Kopf, um den Gedanken gleich wieder loszuwerden. „Warum passiert das?“ Ich tauchte unter dem Ast hindurch.
Alex folgte meinem Beispiel. „Warum passiert was?“
„Das mit deinen Augen.“ Ich wartete bis er wieder an meiner Seite war, bevor ich weiter ging. „Sie werden dunkler.“
„Ah“, machte er und nickte. „Das passiert automatisch. Das ist ähnlich wie bei einer Katze. Meine Augen passen sich den Lichtbedingungen an. Es passiert aber auch, wenn wir besonders starken Emotionen ausgesetzt sind, oder wenn wir den Leuten unseren Willen aufzwingen.“
„Hä?“, machte ich nicht besonders gescheit.
„Man merkt, dass du kaum Kontakt zu Vampiren hattest.“
Und doch hatte ich mehr gehabt, als mir lieb war.
„Pass auf.“ Er griff nach meinem Arm und sorgte damit dafür, dass ich stehen blieb. Dann konnte ich trotz der praktisch nicht vorhandenen Lichtverhältnissen sehen, wie das blass Gelb in seinen Augen zu einen satten und durchdringenden Gold wurde, dass dann gleich darauf wieder verblasste. „Wir haben die Fähigkeit Menschen in unseren Bann zu schlagen. Es ist ein bisschen wie Hypnose.“
„Wenn die Augenfarbe eines Vampirs dunkel wird, dann versucht er jemanden zu hypnotisieren?“
Er nickte und ließ mich wieder los, damit wir unseren Weg fortsetzen konnten. „Man nennt es Repression, oder Umgangssprachlich, Joch. Wenn wir das machen, können wir einen Menschen kontrollieren.“
Joch. Eine Erinnerung schloss mir durch den Kopf. Ich, mitten auf der Straße, Raphael der mich festhielt, damit ich nicht einfach abhauen konnte und mein Studienkollege Gideon, der mir helfen wollte. Ich wusste noch wie Raphael auf einmal mit einer ganz sanften Stimme zu ihm gesprochen hatte und Gideon dann fröhlich Lächelnd einfach wieder in seinen Wagen gestiegen war. „Ihr könnte Menschen kontrollieren.“
„Menschen und Mistos. Das hat was damit zu tun, dass die halbe Menschen sind.“
Mistos? Gut zu wissen. „Niemand sollte so eine Macht über ein anderes Wesen haben.“
„Es ist nicht ganz so einfach, wie du dir das vorstellst. Es brauch viel Übung und Geduld. Und es kann ganz schön anstrengend sein. Ich selber bin nicht besonders geübt darin.“
Da konnte ich mich wohl glücklich schätzen.
„So, aber jetzt Schluss mit dem Unterricht, wir sind da, gleich da hinter den Bäumen ist es.“
„Ich bin gespannt.“ Ich schlüpfte zwischen zwei Bäumen hindurch, umrundete noch einen Strauch und fand mich mich plötzlich auf einer mondbeschienen Lichtung wieder.
Mir stockte tatsächlich der Atem.
Genau in der Mitte lag ein kleiner Weiher, der halb von einer großen Trauerweide verschattet wurde. Das Licht der Sterne und des Mondes spiegelte sich auf der glatten Oberfläche und ließ ihn erstrahlen. Die Wiese drumherum war von einem saftigen Grün, auf dem aberhunderte von bunten Tupfen Blühten. Der Geruch der von ihnen ausging, war berauschend. „Wow“, sagte ich leise und sog den Geruch tief in meine Lungen. Dieses Blumenmeer war einfach nur atemberaubend.
Als Alex direkt hinter mich trat und ich plötzlich seine Körperwärme im Rücken spürte, erwachte dieses Brüllen in mir, dass ich nicht mehr seit dem Kuss mit Raphael gespürt hatte. Ich spannte mich ein wenig an.
„Gefällt es dir?“, fragte er mich leise. Eine hauchzarte Berührung an meiner Wirbelsäule, jagte mir einen Schauder über den Rücken.
„Es ist wunderschön“, sagte ich leise und drehte mich lächelnd zu ihm herum.
Seine Augen verdunkelten sich ein wenig. „Du bist wunderschön“, erwiderte er genauso leise. Seine Hand legte sich an meinen Arm und strich langsam daran hinauf. Und dann beugte er sich mich auch noch entgegen.
Was zur Hölle? Das Untier in mir brüllte auf, doch bevor ich überhaupt die Gelegenheit bekam einen Schritt zurück zu weichen, schallte plötzlich ein monströses Knurren über die Lichtung.
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Vor Schreck wirbelte ich so schnell herum, dass ich auf dem Gras ausrutschte und nur dank Alex schnellem Reaktionsvermögen, nicht auf meinem Allerwertesten landete. Und dann sah ich mich einer Kreatur gegenüber, die direkt der Hölle entsprungen sein könnte.
Sydney.
Die Rute steif aufgestellt, die Ohren angelegt und das Fell gesträubt, bleckte er die messerscharfen Zähne, als wollte er einen der Anwesenden gleich in einem Stück verspeisen. Und so wie er Alex fixierte, war er es wohl, der auf seiner Speisekarte stand.
Verdammt, wo kam der denn auf einmal her?
„Ähm“, machte ich und hätte am liebsten die Flucht ergriffen, einfach weil diese Zähne zum fürchten aussahen. Aber hieß es nicht, dass man niemals vor einem Raubtier davonlaufen sollte, weil man sich damit nur selber zur Beute machte?
Leider kannte ich Sydney auch nicht gut genug, um ihn einschätzen zu können. Wahrscheinlich sollte ich versuchen ihn zu beruhigen und dann herausfinden, wo sein Problem lag, aber wie bitte beruhigte man einen neunzig Kilo Wolf, der einen fressen wollte?
Als erstes schob ich mich einmal ganz dezent vor Alexander, weil er scheinbar das Ziel von Sydney Groll war.
Die Lefzen dieses Monsters sanken augenblicklich herab, doch die Wut wollte nicht aus seien Augen weichen. „Wie könnt ihr nach unserem Gespräch nur so töricht handeln? Reicht Euch die Markierung nicht? Ihr fordert wirklich das Schlimmste für Euch und die Euren!“
„Was?“ Ich verstand nur Bahnhof.
„Er ist ein Vampir!“, dröhnte seine Stimme in meinem Kopf und war durch sein tiefes Grollen kaum zu verstehen. „Und Ihr repräsentiert die Unschuld. Haltet Ihr das für ein angemessenes Verhalten Eurerseits?“
Ich brauchte einen Moment, um dahinter zu kommen, was genau er damit meinte. Und als ich es dann kapierte, hätte ich fast genervt die Augen verdreht. „Ich wollte ihn nicht küssen. Und wenn du mit deiner Bestiennummer noch einen Moment gewartet hättest, dann hättest du es auch gesehen.“
„Hätte ich gewartet, hätte er etwas Unverzeihliches getan. Ihr dürftet nicht mal allein unterwegs sein, wo sind Eure Umbra?“
Ähm … so genau konnte ich das gar nicht sagen, aber vermutlich würden die mir später auch noch den Kopf abreißen wollen. Das würde ich ihm aber sicher nicht unter die Nase reiben. „Hör auf mich so anzuknurren, du bist nicht meine Mutter.“
„Da kann ich nur von Glück reden!“
Das saß.
„Und jetzt schickt den Vampir fort, bevor ich mich vergesse!“
Als Sydney seine Lefzen wieder hochzog, griff ich instinktiv nach Alex. Er sollte gar nicht erste die Chance bekommen, abzuhauen. So wie Sydney drauf war, würde der das glatt als eine Einladung zur Jagd ansehen. „Du wirst ihm gar nichts tun, ich verbiete es!“, sagte ich selbstsicherer, als ich mich fühlte. „Ich bin deine Prinzessin und du musst tun was ich sage“, fügte ich sicherheitshalber hinzu, um ihn daran zu erinnern, wen er hier vor sich hatte.
Ich konnte spüren, wie sich Alex in meinem Rücken versteifte. Zwar bekam er nur die eine Hälfte des Gesprächs mit, aber der Teil reichte vollkommen aus, um die Situation zu begreifen. Kein Wunder also, dass er nervös wurde. Ich an seiner Stelle hätte schon längst das Weite gesucht.
Sydneys Knurren wurde leiser und auch die aggressive Haltung, ließ etwas nach, aber er behielt Alex genaustes im Auge. „Wenn das Eurer Befehl ist, werde ich mich fügen.“
Auch wenn es genau das war, was ich hören wollte, traute ich dem plötzlichen Frieden nicht. Seine Körpersprache vermittelte einfach etwas völlig anderes. „Versprichst du es?“
„Ich brauch es nicht zu versprechen. Ihr nehmt ihn unter Euren Schutz und damit ist er für mich unantastbar.“
„Versprich es mir“, forderte ich. Ich wollte einfach auf Nummer sicher gehen.
Besonders erpicht schien er darauf nicht zu sein. Er knurrte in Alex Richtung, senkte dann aber den Kopf. „Ihr habt mein Wort.“
Ob es töricht war oder nicht, ich glaubte ihm. Vielleicht weil ich die Prinzessin war und er sowieso auf mich hören musste, oder einfach nur weil ich ihm aus einem unerfindlichen Grund vertrauen wollte. „Alex, geh.“ Ich ließ ihn wieder los.
„Bist du sicher?“, fragte er nervös.
„Ja, er wird dir nichts tun, nicht wahr Sydney?“
„Nein“, knurrte er. Da er aber in m einem Kopf sprach, konnte Alex nur das Knurren vernehmen.
„So dass auch er es versteht, bitte.“
Das fand Sydney unter seiner Würde und bedachte Alex mit einem weiteren finsteren Knurren, aber dann schüttelte er den Kopf.
„Siehst du? Und jetzt sie zu das du wegkommst.“
So ganz wohl fühlte Alex sich dabei nicht, dennoch trat langsam den Rücktritt an. Nicht in die Richtung, aus der wir gekommen waren, denn dort stand jetzt Sydney. Er verließ die Lichtung auf der anderen Seite des Teichs.
Ich sah ihm hinterher und wünschte den Platz mit ihm tauschen zu können, denn mir war klar, dass Sydney noch nicht mit mir fertig war.
Zu meiner Überraschung sagte er aber nur: „Kommt, ich bringe Euch ins Schloss.“
War das sein Ernst? Eben noch benahm er sich wie ein Überbleibsel aus der Steinzeit und jetzt tat er so, als wäre alles ganz normal? „Sag mal, leidest du unter Stimmungsschwankungen? Erst machst du aus eine Mücke einen Elefanten und jetzt bildest du dir ein, mein fürsorglicher Babysitter zu sein?“
„Ihr seid kein Baby.“
Sehr witzig. „Du weißt genau, was ich meine.“
„Ich will nur, dass Ihr sicher und ohne weitere Zwischenfälle im Schloss ankommt.“
Am Horizont begann der Morgen zu grauen. Ein Farbenspiel aus Licht und Dunkel.
„Du meinst, du willst aufpassen, dass ich nicht wieder meine eigenen Wege einschlage.“
Er seufzte resigniert. „Bitte Cayenne, kommt mit mir.“
Mir lag etwas auf der Zunge, doch als er meinen Namen aussprach – nur meinen Namen – stieg trotz meinem Ärger ein molliges Gefühl in mir auf. So hatte er mich noch nie angesprochen. „Mach so etwas nie wieder.“
Er blieb stumm. Das war deutlicher, als jedes Wort, dass er hätte sagen können. Würde ich ein zweites Mal in eine solche Situation geraten, würde er ganz genauso reagieren.
Ich presste die Lippen zusammen, aber ich hatte auch keine Lust mehr zu streiten. Ich hatte doch nur eine kleine Auszeit gewollt, aber wie es schien, wurde mir nicht mal die zugestanden. „Okay, egal, vergiss es“, stimmte ich zu. „Bring mich einfach zurück.“
Die schnelle Zustimmung schien ihn zu erleichtern. Mit einem letzten Blick auf mich, kehrte er mir den Rücken und trottete dann direkt in den Wald hinein.
Ich folgte ihm einfach.
Sobald ich die ersten Bäume hinter mich gebracht hatte, wurde war es trotz der Morgendämmerung wieder dunkler. Nicht so dunkel, wie auf dem Hinweg, aber doch dunkel genug, um mich über zahlreiche Wurzeln stolpern zu lassen.
Wir nahmen nicht den Weg, auf dem ich gekommen war, sondern einen quer durch das Unterholz. Sydney hatte in seiner Gestalt keine großen Schwierigkeiten vorwärts zu kommen, mir dagegen schlugen ein paar Mal Blätter und Äste ins Gesicht und ständig hatte ich das Gefühl, dass irgendwelche Krabbelkäfer auf mir rumkletterten. Das war echt widerlich. „Hey, mach mal ein bisschen langsamer, ich hab nur zwei Beine, auf denen ich mich fortbewegen kann.“
Sydney, der schon vier Meter vor mir war, hielt an und schaute über die Schulter zu mir zurück. „Entschuldigt, ich vergaß, dass Ihr nur in der schwachen Gestalt streifen könnt.“
„Was heißt hier schwache Gestalt? Wenn ich wollte, könnte ich dir mir meinem schwachen Fuß in den Hintern treten.“ Ich wich einer Wurzel aus, übersah dadurch einen tiefhängenden Ast und knallte mit dem Kopf volles Rohr dagegen. „Verdammt!“ Ich sah Sterne.
Vorsichtig tastete ich nach der schmerzenden Stelle und verfluchte Sydney dafür, dass wir nicht den Weg über den Pfad genommen hatten. Wahrscheinlich war das seine Art mich zu bestrafen.
„Kommt“, sagte er schlicht, ohne auf mein Wehwehchen einzugehen. „Wir haben es gleich geschafft.“
Na hoffentlich. Bei dem nächsten Zusammenprall, würde ich mich einfach hinsetzen und mich nicht mehr von der Stelle bewegen, bis der Wald um mich herum abgeholzt war.
Sydney verlangsamte sein Tempo ein wenig. Leider bedeutete das noch lange nicht, dass ich nicht mehr halb blind durch den Wald stolperte. „Passt auf, dort ist ein Loch im Boden.“
„Ach, bekommst du jetzt doch Muttergefühle?“ Ich machte einen großen Schritt über das Loch. „Dabei hast du eben noch sehr deutlich gemacht, wie froh du darüber bist, nicht mit mir verwandt zu sein.“
Irritiert blieb er stehen und schaute sich wieder zu mir um. „Ich verstehe nicht.“
„Was gibt es daran nicht zu verstehen?“ Auch ich blieb stehen. „Du hast mir grade direkt ins Gesicht gesagt, dass es ein Glück für dich ist nicht meine Mutter zu sein.“ Ich funkelte ihn an und ging dann einfach an ihm vorbei.
Auch er setzte sich wieder in Bewegung. „Das war nicht auf Euch, sondern auf ihre Strafe bezogen.“
„Es ist völlig egal wie du es gemeint hast, es war das Letzte. Und sprichst du noch mal so abwertend über meine Mutter, dann sorge ich dafür, dass du ihr Schicksal teilst!“
Ich ging einfach weiter. Erst nach ein paar Metern, bemerkte ich, dass nur noch meine Schritte auf dem laubbedeckten Boden zu hören waren. Ich sah mich nach ihm um und selbst in dem schwachen Licht des Morgens, bemerkte ich das Aufflackern von Furcht, das über sein Gesicht huschte.
Nein, ich würde deswegen jetzt keine Schuldgefühle bekommen. Er war es doch, der Scheiße gelabert hatte und … verdammt! „Ich habe es nicht so gemeint“, sagte ich leise und hätte mir am liebsten selber in den Hintern getreten. Wenn ich nur daran dachte, wie Frau van Schwärn gekatzbuckelt war, als Sadrija und Kaidan ihr eine Strafe angedroht hatten. Wenn ein Alpha etwas sagte, nahmen die Omegas das sehr Ernst. Ich müsste in Zukunft wohl sehr genau darauf achten, was meinen Mund verließ.
Sydney reagierte nicht darauf. Er setzte sich nur wieder in Bewegung und lief schweigend an mir vorbei. Er warnte mich nicht mehr vor Löchern und Wurzeln und verlor auch kein anderes Wort auf dem Weg ins Schloss.
Das gefiel mir nicht. Nicht nur weil es mir zeigte, dass ich Scheiße gebaut hatte, es war ein unangenehmes Schweigen. Nachdem er mich an meiner Zimmertür abgeliefert hatte, verabschiedete er sich nicht mal und ich war zu feige ihn aufzuhalten, einfach weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. So konnte ich nur dabei zuschauen, wie er den Korridor entlang lief und dann um die Ecke verschwand.
„Das habe ich wohl gründlich verbockt“, sagte ich leise und legte meine Hand auf den Scanner. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er grün wurde und die Tür sich automatisch öffnete. Seufzend und niedergeschlagen trat ich hinein. Ich hatte nur eine kleine Ruhepause gewollt, doch irgendwie fühlte ich mich jetzt noch miserabler als vorher.
In dem kleinen Zwischenraum zögerte ich einen Moment und schaute von Diegos Tür zu Lucys. Kurz war ich versucht mich bei ihnen zu melden, aber wenn ich ehrlich war, hatte ich im Moment keine Lust auf weitere Standpauken, die definitiv folgen würden. Also ging ich einfach in mein Zimmer und schloss die Tür leise hinter mir.
Meine Tasche stellte ich neben der Couch ab und setzte mich dann auf die Polster. Dann saß ich einfach nur da. Ich war müde, gleichzeitig glaubte ich aber nicht auch nur ein Auge schließen zu können. Ich war einfach … ach keine Ahnung.
Die Sonne kroch am Himmel immer hör, solange bis ich ihre wärmenden Strahlen in meinem Nacken spürte. Es war still im Zimmer. Nicht mal das ticken einer Uhr war zu hören. Daher zuckte ich auch vor Schreck zusammen, als mein Handy plötzlich klingelte. Zu erschöpft um mich drüber zu ärgern, griff ich in meine Tasche und hielt es mir ans Ohr. „Hallo?“
Stille.
Nicht schon wieder. „Hör zu, ich hatte eine echt beschissene Nacht und habe keine Lust auf diese Spielchen, also entweder sagst du etwas, oder hörst mit diesen dämlichen Klingelstreichen auf.“
Es wurde nichts gesagt und auch nicht aufgelegt. Nur das leise Atmen blieb.
Ich stützte mein Gesicht in die Hand. Meine Haare umgaben mich wie ein Schleier. Was sollte dieser Blödsinn? „Wer bist du?“
Keine Antwort.
„Warum rufst du mich an?“
Keine Antwort.
Langsam wurde das echt unheimlich, aber ich war zu geschafft, um mich darüber zu wundern. „Warum könnt ihr mich nicht einfach alle in Ruhe lassen?“, fragte ich schwach. „Sucht euch jemand anders, auf dem ihr herumhacken könnt.“ Ich legte auf, warf das Handy auf den Tisch und rollte mich an Ort und Stelle auf der Couch zusammen.
Trotz meiner Überzeugung, kam der Schlaf über mich, kaum dass mein Kopf das Polster berührte und die wenigen Stunden, die mir blieben, waren durchzogen von gesichtslosen Monstern mit scharfen Zähnen, Frauen die es genossen, dass man ihnen das Blut abzapfte und einer mystischen Lichtung, auf der sich Berge von Leichen türmten, die blicklos in die Leere starrten.
Erst ein zurückhaltendes Klopfen an meiner Tür riss mich aus der schaurigen Welt meiner Phantasie und holte mich zurück in die Welt der Lebenden. Naja, so mehr oder weniger. Ich fühlte mich eher wie der Tod auf Latschen.
Gähnend bat ich Collette herein und verschwand dann direkt in Bad, in der Hoffnung den Schlaf damit aus meinem Körper zu vertreiben. Die Hose ließ ich unter einem Stapel Handtücher verschwinden. Ich würde sie Lucy später zurückgeben.
Als ich wieder heraus kam, hatte Collette mir bereits ein weißes Kleid mit goldenen Ornamenten herausgesucht, das ich Wortlos anzog und mich dann mit Diego an meiner Seite auf dem Weg zum Unterricht von Frau van Schwären machte.
Den ganzen Weg über wartete ich darauf, dass Diego etwas zu meinem Verschwinden sagen würde, aber entweder er wusste es nicht, oder er wollte keinen neuerlichen Streit riskieren. Und da ich auch noch halb schlief, verschob ich die Themen, die mich beschäftigten auch auf einen späteren Zeitpunkt – nein, ich hatte das mit Maja nicht vergessen.
Der Unterricht verlief heute … bescheiden. Das Prinzchen hatte keine Zeit um meinen Partner zu spielen und allein bekam ich die Schritte einfach nicht auf die Reihe – konnte natürlich auch an dem Schlafmangel liegen. Ich verwechselte oder vergaß die Schritte so oft, dass die Schwärn zwischendurch einen ganz roten Kopf bekam und das Tanzen frühzeitig abbrach. Sie hegte wohl die vage Hoffnung, dass ich ich offener für Benimmregeln und vorbildliches Verhalten sein würde – vergebens, wie ich hinzufügen möchte.
Als sie mich nach mehreren Stunden endlich entließ, waren meine Augenlider bereits so weit herabgesunken, dass sie praktisch schon als geschlossen durchgingen.
Ich verzog mich mit Diego auf mein Zimmer, wo wir uns vor dem Fernseher setzten und ich mich an ihn kuschelte. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ich eingeschlafen war.
Erst als mein Handy am Nachmittag klingelte, verließ ich viel zu früh die Gefilde der Ruhe.
Diego, der scheinbar auch eingeschlafen war, blinzelte müde und rieb sich über die Augen, während ich den Kopf hob und etwas tollpatschig nach meinem Handy griff. Dann ließ ich mich wieder an seine Brust sinken und hielt mir das Handy ans Ohr. „Ja?“
Halb rechnete ich damit, wieder nur dieses unheimliche Atmen zu hören, doch dieses Mal hatte ich einen gesprächigen Gesprächspartner am Ohr. „Hast du geschlafen?“
Mama! Mit einem Schlag war ich hellwach und setzte mich auf. „Nein, ich meine ja, ja hab ich, aber egal. Was ist los?“ Die Stimme meiner Mutter zu hören, war so wunderbar, dass mir vor Glück fast die Tränen in die Augen stiegen. Ich wusste, dass ich sie vermisst hatte, doch bis zu diesem Moment war mir nicht klar gewesen wie sehr.
„Was los ist? Heute ist Sonntag.“
Verdammt, sie hatte recht. Sonntags telefonierten wir immer. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie dir erlauben anzurufen.“
„Ich habe nicht gefragt.“
Das zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. „Jetzt weis ich mal wieder, woher ich meinen Dickkopf habe.“
Sie ließ ihr glockenhelle Lachen erklingen.
„Und, wie geht es dir? Was machst du so?“
„Das sollte ich wohl eher dich fragen. Kommst du klar? Mit meinem Vater?“
Diego erhob sich von der Couch und verschwand ins Bad. Dabei bemerkte ich Lucy, die im Sessel saß und die stummen Bilder auf der Mattscheibe verfolgte. Seit wann war sie denn hier?
„Mit deinem Vater habe ich eher weniger zu tun. Hauptsächlich muss ich mich mit den Mentoren herumplagen, die sie mir aufs Auge gedrückt haben. Sie möchten dass ich so eine richtig anständige und wohlerzogene Prinzessin werde.“
Sie schwieg einen Moment. „Ich hoffe du tust, was sie von dir verlangen.“
Hm, naja, wenn ich ehrlich war: „So halb.“
„Bitte Cayenne, du musst auf sie hören und zwar nicht nur halb. Ich möchte nicht, dass dir etwas passiert.“
Na super, der nächste Schwarzseher. „Ich bin doch eh nur ein paar Wochen hier. Wenn ich Glück habe, lassen sie mich nach meinem Einführungsball nächste Woche schon wieder nach Hause.“
„Einführungsball?“, fragte sie zögernd.
„Ja, da wollen sie mich zum Alpha krönen oder so“, erklärte ich. „Deswegen musst ich jetzt auch tanzen lernen.“ Ich wartete auf eine Erwiderung, aber als da nichts kam, fragte ich: „Mama?“
„Ja, ich bin noch dran, ich … haben sie auch etwas von Leukos Seele gesagt?“, fragte sie angespannt.
„Ähm ja, irgendwas davon, dass ich mich ihr öffnen muss, oder so.“
„Ich muss auflegen.“
Ähm … okay. „Warum?“
„Es tut mir leid mein Schatz, aber ich muss mit meinem Vater sprechen, sofort.“ Und damit beendete sie das Telefonat einfach.
Einen Moment saß ich noch verdutzt da dann ließ ich das Handy langsam von meinem Ohr sinken. Das war wohl eines der kürzesten Telefonate, die wie je geführt hatten. „Lucy?“
„Hm“, machte sie, ohne ihren Blick vom Fernseher abzuwenden?
„Was ist Leukos Seele?“
„Ein blauer Topas der königlichen Kronjuwelen. Angeblich einhält er die Seele von Leukos.“
„Der Urvater der Werwölfe.“
Sie nickte, und wandte sich mir nun doch zu. „Ich hab ihn selber noch nie gesehen, aber ich weiß, dass er den Alphas heilig ist. Durch ihn können sie mit den Ahnen kommunizieren.“
„Ahnen.“ War das ihr Ernst? „Ich dachte du glaubst nicht an Geister.“
Die Tür zum Bad öffnete sich und Diego kam wieder heraus.
„Ich habe nichts von Geistern gesagt. Es ist einfach ein Relikt, das wohl von Leukos selber stammt. Und naja, irgendwie kann das Ding Alphas zeichnen.“
„Nicht der Stein zeichnet die Alphas, es ist Leukos Seele, die das tut“, sagte Diego und setzte sich wieder neben mich auf die Couch.
„Das ist Wissenschaftlich unmöglich“, widersprach sie ihm.
„Man muss nicht alles wissenschaftlich beweisen, um zu wissen, dass es real ist. Wir sind Lykaner, Lucy. Wie willst du das wissenschaftlich erklären?“
Der Punkt ging eindeutig an ihn. „Okay, der Stein enthält eine Seele, oder auch nicht, die einen Alpha erkennt, oder auch nicht. Aber warum muss meine Mutter bei der Erwähnung dieses Steinchens plötzlich mit ihrem Vater sprechen?“
Lucy zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“
Auch Diego konnte dazu nicht mehr sagen. „Man sagt, Leukos Seele erkennt die Seinen und entlarvt die Täuscher. Den einen schenkt er Frieden, den anderen den Wahnsinn und wer sich seinem Urteil ergibt, kann niemals zurück.“
„Dieser Leukos scheint ja ein ganz charmanter Kerl gewesen zu sein.“
Lucy ließ ein Schnauben hören. „Das sind Sagen und Legenden, wie es sie in jeder Kultur gibt. Wer kann heute noch sagen, wie es früher wirklich gewesen ist?“
„Also nichts als Geschwafel“, murmelte ich, legte da Handy auf den Tisch und lehnte mich zurück. Leider lieferte mir das keine Erklärung für Mamas Verhalten. Doch ich hatte ihrer Stimme angehört, dass sie beunruhigt war und das beruhigte auch mich. Vielleicht rief sie ja später noch einmal an und dann würde sie mir das sicher erklären.
Und wo wir schon mal bei Erklären waren, da gab es noch ein Kleinigkeit, die mir unbedingt jemand erklären musste. „Sagt mal Diego, was hat Lucy damit gemeint, du könntest tot sein?“
Er blinzelte einmal, seufzte dann und wandte den Blick zum Boden. „Es ist nichts.“
Ich wartete einfach.
Nach einem sehr langem Moment, öffnete er dann doch noch den Mund. „Wenn ein Vampir beißt, dann injiziert er durch seine Reißzähne ein Sekret in die Wunde.“
„Endorphinrausch“, sagte ich, um die Sache abzukürzen. „Lucy hat es mir gestern erklärt.“
Diego schien nicht wirklich überrascht. „Der Rausch sorgt dafür, dass du dich gut fühlst und alles um dich herum eine Zeitlang vergessen kannst. Das ist manchmal ganz angenehm, besonders dann, wenn dir alles zu viel wird und damals … es gab eine Zeit, da wollte ich mich von all dem nur noch zurückziehen, also ließ ich mich immer wieder beißen.“
Das zu hören, machte mich traurig. Es war meine Schuld, dass er diese Ausbildung hatte durchmachen müssen. Es war nicht meine Absicht gewesen, doch das änderte nichts an den Fakten.
„Anfangs war es nur hin und wieder, aber wenn man sich zu oft beißen lässt, entwickelt man eine Abhängigkeit.“
„Du warst abhängig?“
Er zuckte mit den Achseln, als wollte er fragen: Was willst du hören? „An einem Nachmittag mit Maja und ihren Freunden, haben wir es übertrieben. Ich hatte mich in dieser Woche bereits ein paar Mal beißen lassen und war damit eigentlich schon weit über meinem Pensum und doch ließ ich drei Vampire von mir trinken.“
Ich ahnte, worauf das hinauslief.
„Vorher hatten wir uns noch gut betrunken, weswegen keiner mehr so richtig klar denken konnte. Als Maja mich dann biss, setzte mein Herz einfach aus und sie hat es nicht bemerkt. Es war wohl Zufall, oder auch Schicksal, dass ihre Mutter an dem Tag früher von der Arbeit kam und mich entdeckte. Nur weil sie sofort gehandelt hat, lebe ich heute noch.“
Das erklärte dann wohl auch, warum Diego niemals Alkohol trank.
Er holte einmal tief Luft. „Auch wenn Lucy bis heute glaubt, dass ich versucht habe mich selber umzubringen, es war ein Unfall gewesen. Zu dieser Zeit konnte ich einfach nicht mehr klar denken.“
Er hätte tot sein können. Wenn die Mutter nur ein paar Minuten später nach Hause gekommen wäre, hätte ich ihn niemals kennengelernt. Er wäre niemals erwachsen geworden und hätte keine Chance auf die Zukunft gehabt. Und das alles nur wegen einem kleinen Rausch.
„Es ist lange her“, sagte er leise, als niemand von uns auch nur ein Ton von sich gab.
Seit die beiden mir die Wahrheit über sich erzählt hatten, wusste ich, dass Diegos Kindheit praktisch gar keine Kindheit gewesen war. Doch niemals hätte ich geglaubt, dass er dabei so sehr gelitten hatte, das er seine Flucht in einer Art Droge suchen musste.
Ich beugte mich zu ihm, schlang die Arme um seinen Hals und drückte ihn ganz fest an mich, denn es gab kein Wort das beschreiben konnte, wie froh ich darüber war, dass es ihm gut ging und wie leid es mir tat, dass er das alles hatte durchleiden müssen.
„Es ist okay.“ Er drückte meinen Arm leicht. „Wirklich, es ist alles gut.“
Nein, es war nicht gut, weder für ihn, noch für mich, doch es lag in der Vergangenheit und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Wir konnten nur noch damit leben. „Es tut mir leid. Wenn ich nur könnte, dann würde ich all das Rückgängig machen.“ Aber leider war nicht einmal eine Prinzessin dazu in der Lage.
„Du hast nichts falsch gemacht.“
Da gingen die Meinungen wohl auseinander. Auch wenn ich nicht wirklich etwas dafür konnte, so war doch ich der Grund dafür, dass ihm das alles widerfahren war. In solchen Moment glaubte ich an Wunder. Wie war es sonst zu erklären, dass er mich nicht hasste?
Lucy beobachtete uns nur still und griff dann nach der Fernbedienung um den Ton anzustellen.
Ich ließ Diego nur zögernd los und wusste nicht so recht, ob ich noch was sagen sollte. Keiner der beiden machte den Eindruck, als wollte er sich noch über diesen Vorfall unterhalten. Klar, für sie war das bereits ein alter Hut. Aber wenn sie nicht darüber sprechen wollten, würde ich sie sicher nicht dazu zwingen. Trotzdem musste ich mich einfach fragen, was da noch alles in ihrer Vergangenheit lauerte, von dem ich nichts wusste. Und auch, ob ich die ganze Wahrheit überhaupt verkraften würde.
Während die Bilder des Films über die Mattscheibe krochen, musste ich einmal mehr feststellen, dass ich für dieses Leben nicht geschaffen war. Es war so viel grausamer, als alles, was ich kannte. Wenn ich da nur an meine Mutter dachte. Verstoßen, weil sie den Falschen liebte, ein einsamer Wolf am Rande des Rudels. Und das hatte ich auch noch Sydney angedroht.
Hallo schlechtes Gewissen, da bist du ja wieder. Ich hatte mich schon gefragt wo du abgeblieben bist.
Ja, Sydney, das war auch noch so eine Sache. Mit meiner unbedachten Drohung hatte ich ihn für einen Moment wirklich erschreckt. Es stand ihm praktisch ins Gesicht geschrieben. Vielleicht sollte ich noch mal versuchen mich bei ihm zu entschuldigen, schließlich machte jeder Mal Fehler und wenn ich ehrlich war, wollte ich auch nicht, dass er sauer auf mich war.
Wenn ich all die Leute die ich hier kennengelernt hatte zusammen nahm, war er mir nicht nur der Liebste, sonder auch vertrauenswürdigste. Nicht nur seine Geduld mit mir, er bewahrte auch ein Geheimnis, weil es mich sonst in Schwierigkeiten bringen konnte. Und ich hatte ihn so vor den Kopf gestoßen, nur weil ich ich mich angegriffen gefühlt hatte.
Das war nicht fair von mir gewesen.
Vielleicht könnte ich ihm ja eine kleine Freude machen. Ein Geschenk, oder … Geschenk! Verdammt, Sydney hatte heute doch Geburtstag! Vielleicht war das die Lösung. Er hatte zwar gesagt, dass er diesen Tag nicht feiern würde, aber ein kleines Geschenk zusammen mit meiner Entschuldigung würde er doch sicher annehmen, oder?
Leider tat sich da schon das nächste Problem auf. Was schenkte man einem Historiker zu seinem sechsunddreißigsten Geburtstag? Da ich sicher keinen Freifahrtschein für eine Shoppingtour durch Silenda bekommen würde, hatte ich keine große Auswahl.
Ich könnte ihm was von dem Schmuck schenken, der in meinem Schrank einstaubte, aber ich bezweifelte, dass er damit etwas anfangen konnte.
Wäre ich drei, würde ich ihm einfach ein Bild malen, aber ich sollte schon etwas besonderes sein. Mein Blick fiel auf mein Handgelenk. Das Bettelarmband war mir mittlerweile so vertraut, dass ich es kaum noch bemerkte, doch der Abblick brachte mich auf eine Idee. Einer der Anhänger hatte mich schon im ersten Moment an meinen Elvis erinnert und war damit ganz Automatisch zu meinem Lieblingsstück geworden. Er war zwar ziemlich klein, aber es war ja schließlich der Gedanke der Zählte.
Also stand ich auf, ging in meinen Schrank und durchsuchte die Schubladen dort so lange, bis ich einen dicken Edelstein an einem Leberband fand. Den Stein ließ ich in der Schublade, das Band nahm ich an mich und fummelte dann den kleinen Katzenanhänger von meinem Bettelarmband, während ich den Schrank wieder verließ. „Wisst ihr, wo ich Sydney um diese Zeit finden kann?“
Lucy schaute sich zu mir um. „Dein Mentor?“
„Nein, die Stadt in Australien.“ Blöde Fragen und so.
„Wahrscheinlich ist er in der Bibliothek“, sagte Diego, bevor Lucy zickig werden konnte.
Das passte zu ihm. Ich konnte mir Sydney sehr gut über einem Stapel Bücher vorstellen. „Und ihr wisst auch wo die ist?“
Beide nickten.
„Super, dann lasst uns gehen.“ Ich zog den Anhänger noch schnell auf das Band, machte ein Knoten hinein und ging dann zur Tür.
Ausnahmsweise begleiteten mich einmal beide hinunter und erst dabei wurde mir so richtig bewusst, dass wir seit unserer Ankunft am Hof, außerhalb meines Zimmers eigentlich gar nichts mehr zu dritt gemacht hatten. Und so wie es hier mit den ganzen Regeln stand, würden wir das auch noch eine ganze Weile nicht tun können.
Sobald wir wieder in Berlin waren, würden wir das nachholen. Vielleicht würde sogar noch genug Zeit für eine verkürzte Tour durchs Land bleiben, bevor das neue Semester begann. Und wo wir schon einmal dabei waren, vielleicht sollte ich hin und wieder auch einen Blick in meine Bücher werfen, damit ich überhaupt eine Chance hatte, die Nachprüfung zu bestehen. Mitgenommen hatte ich sie deswegen ja schließlich.
Aber eines nach dem anderen, jetzt hatte ich erstmal eine andere Mission.
Um in die Bibliothek zu gelangen, mussten wir nach unten ins Foyer. Die Tür zwischen der gespaltenen Treppe führte zum Thronsaal, an dem rechts und links direkt angeschlossen jeweils ein großer Tanzsaal war. Das wusste ich bereits, auch wenn ich bisher noch keinen der drei Säle betreten hatte. Wenn man sich im Foyer zum Ostflügel wandte, stieß man als erstes auf den großen Speisesaal. Dahinter lagen Küche und diverse Hauswirtschaftsräume – ja, ich kannte mich hier mittlerweile ein wenig aus.
Den Westflügel hatte ich vom Foyer aus noch nie betreten, aber wie sich nun herausstellte, war das ein großer Fehler gewesen. Als Diego die kunstvoll geschnitzte Tür für mich aufzog und ich über die Schwelle getreten war, blieb ich vor Staunen erstmal stehen.
Wow.
Bücher, Bücher und noch mehr Bücher.
So viele dicke Wälzer auf einem Haufen hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Für Bücher hatte ich nie viel übrig gehabt, aber das war einfach nur beeindrucken und führte selbst mich in Versuchung, die Finger über die vielen Buchrücken fahren zu lassen, um mir dann einen Stapel mit nach oben in mein Zimmer nehmen zu können.
Ich ließ meinen Blick durch den Saal schweifen, bestaunte die vielen decken hohen Regale und fragte mich, wer so todesmutig war, sich ein Buch von ganz oben zu holen – ich jedenfalls nicht.
Die Buntglasfenster malten mit ihren Farben farbige Muster auf die hölzerne Einrichtung. Motive von Wäldern, Sternenhimmel und Wölfen waren detailliert in das Glas gearbeitet. Ehrlich gesagt wunderte es mich, dass ich noch nirgends einen Hydranten entdeckt hatte, so wie sie hier überall auf dieses Thema abfuhren. Vielleicht hatten sie ja Kauknochen, und Quietschespielzeug, das sie vor neugierigen Blicken versteckten. Bei dem Gedanken schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen.
Die Bibliothek war nicht voll. Nur wenige Leute steckten die Nasen in die Bücher. Auch ein Wolf war dabei. Er saß auf einem Stuhl und schaffte es, trotz der Pfoten die Seiten umzublättern. Ein wirklich interessanter Anblick.
Ich suchte die Tische nach Sydney ab, konnte ihn aber nirgends entdecken. Dann fiel mir ein, dass er wahrscheinlich in seiner menschlichen Gestalt hier war und ich keine Ahnung hatte wie er ohne Fell aussah. „Könnte ihr ihn sehen?“, fragte ich meine Freunde. Vielleicht wussten sie ja, wie er mit Kleidung aussah.
„Hier ist er nicht“, sagte Diego. „Am besten, wir gehen mal zu seinem Büro.“
Klar, Büro, hätte ich auch von alleine drauf kommen können, schließlich war es etwas völlig normales, das ein Wolf ein eigenes Büro hatte. Man, jetzt wusste ich schon seit einer Wochen von Menschen, die sich in Hunde verwandeln konnten und kam mit dem Gedanken trotzdem nicht klar. Es war ja auch äußerst abwegig, dass ein Wolf ein eigenes Büro besaß. Nun ja, zumindest war das noch bis vor kurzem so. „Na dann, klärt mich mal auf. Wo kann ich das Büro finden?“
Diego zeigte den seitlichen Gang neben den Regalen entlang. „Bis ganz nach hinten durch.“
Zwar kannte ich mich hier nicht aus, dennoch überließen die beiden mir die Führung. Dabei musste ich ein weiteres Mal über die Größe und Vielfalt dieser Bibliothek staunen und konnte der Versuchung ein paar der Bücher zu streifen nicht widerstehen.
An der Rückwand dieses Archivs gab es nicht ein einziges Buch, dafür aber ein Dutzend schlichter Türen, auf denen mit kunstvollen Lettern Namen eingearbeitet waren. Isolde Meruhn. James Niesski. Ungefähr in der Mitte fand ich den gesuchten Namen, Sydney Sander.
Mit einem mal war ich ein wenig nervös. Nicht nur wegen unserer letzten Begegnung, ich würde ihn nun zum ersten Mal als Mann begegnen. Würden seine Narben mich abschrecken? Was hatte er für eine Frisur? War er attraktiv? Die letzte Frage ließ mich schnauben. Das war ja nun völlig egal, schließlich war er mein Mentor.
„Wartet ihr hier?“, fragte ich und klopfte gegen die Tür. Ich wollte allein mit Sydney sprechen.
Die beiden nickten, doch schon im nächsten Moment wurde mir bewusst, dass das mit dem allein wohl nichts werden würde, denn es war eine Frauenstimme, die mich hinein bat.
Okay, vielleicht hatte er ja eine Sekretärin.
Ich drückte die Tür auf und war einen Moment überrascht die Tanzfee im Raum zu sehen. Das erklärte zumindest die Frauenstimme.
Sie saß an einem großen Schreibtisch, mit einem offenen Buch vor der Nase. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Stift, mit der linken kraulte sie den großen, sandfarbenen Werwolf, der neben ihr auf einem Stuhl saß.
Ich wusste nicht warum, aber dieser Anblick gefiel mir nicht und ich musste mir auf die Zunge beißen, um keinen scharfen Kommentar abzugeben. Sie darf das, erinnerte ich mich, sie ist ein Wolf, er ist ein Wolf und Wölfe machen das so.
„Kann ich mal kurz mit dir sprechen?“ Ich fixierte die Hand in seinem Fell mit einer Intensität, die sie auch völlig wortlos dazu brachte, ihre Pfoten wegzunehmen. „Alleine“, fügte ich sehr nachdrücklich hinzu.
Zur Antwort sprang die Tanzfee auf, machte eine Verbeugung in meine Richtung und verließ dann samt Stift fluchtartig den Raum.
Okay, das war seltsam. Zwar sputeten sich die Omegas immer, wenn ich etwas sagte, aber das war doch ein wenig überstürzt.
Irritiert sah ich dabei zu, wie die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und erst dabei bemerkte ich diese Macht um mich herum. Das war die gleiche Aura, die ich auch schon bei Kaidan gespürt hatte, nur dass sie dieses Mal von mir ausging. Ich konnte das auch? Interessant.
„Sie war es, oder?“ Ich wandte mich zu Sydney. „Von ihr wusstest du, wo du mich finden würdest.“
Sydney antwortete nicht. Sein Blick war auf die Zeilen im Buch gerichtet. „Ihr wolltet mich sprechen?“ Seine Stimme war so kalt, dass ich förmlich spüren konnte, wie sich Eiskristalle auf meiner Haut bildeten.
Hier war wohl mehr als eine einfache Entschuldigung nötig.
Nur zögernd trat ich zu ihm und musste mich beherrschen, nicht meine Hand nach ihm auszustrecken. Ich wollte ihn streicheln, war mir aber nicht sicher, ob er das erlauben würde. „Wegen gestern, oder besser gesagt heute Morgen …“
„Wir brauchen nicht darüber zu sprechen.“ Er sah mich nicht einmal an.
Das geschah mir ganz recht. In meinem Ärger hatte ich wohl etwas Schlimmeres getan, als einfach nur meine große Klappe aufzureißen. „Es tut mir leid. Dass ich dir gedroht habe, war einfach nur dumm gewesen. Ich hab nicht nachgedacht und das … naja, ich möchte mich bei dir entschuldigen.“
„Ihr müsst Euch nicht entschuldigen.“
Wäre da nicht dieser Unterton in seiner Stimme gewesen, der mir verdeutlichte, dass ich eine Prinzessin war und mich daher bei niemand zu entschuldigen brauchte, hätte ich mich gefreut. So aber musste ich den Impuls unterdrücken, ihm die Ohren langzuziehen. „Ich würde dich niemals bestrafen. Egal um was es geht.“
Mit der Pfote blätterte er eine Seite zurück. Das war wirklich faszinierend zu beobachten. „Es freut mich das zu hören.“
Diese gleichgültige Ton … mir platze die Hutschnur. Ich griff nach vorne, knallte das Buch zu und er konnte von Glück reden, dass er schnell genug seine Schnauze weggezogen hatte.
Böse funkelte er mich an. „Ich muss das lesen.“
„Du kannst echt froh sein, dass ich dir das Buch nicht über den Schädel gezogen habe!“, fauchte ich ihn an. „Ja, ich habe einen Fehler gemacht, aber jetzt bereue ich nur noch, hier her gekommen zu sein. Entschuldige bitte die Störung, wird nicht mehr vorkommen.“ Wütend marschierte ich zur Tür. „Ach und keine Sorge, ich werde um einen anderen Mentor bitten, dann brauchst du dich nicht mehr länger mit mir herumärgern!“ Mit einem lauten Knall schlug ich die Tür hinter mir zu und beachtete weder die fragenden Blicke von Lucy und Diego, noch die Tanzfee, die mir hastig aus dem Weg ging, als ich an ihr vorbei rauschte.
Das ich überhaupt auf die Idee gekommen war hier runter zu kommen, war bereits eine Verschwendung von Gedanken gewesen. Und wegen dem Idioten hatte ich auch noch ein schlechtes Gewissen gehabt. Das hätte ich mir echt sparen können. Aber sei es drum, sollte er doch mit seinen Buch glücklich werden.
Ich hatte den Ausgang fast erreicht, als ich hinter mir schwere Pfoten über das polierten Parkett eilen hörte. „Prinzessin Cayenne, wartet.“
Mein langer Zopf wirbelte herum, als ich zu ihm herumfuhr. „Bevor ich es vergesse, Happy Birthday!“ Ich warf ihm die Kette um die Ohren und schritt mit erhobenem Haupt aus der Bibliothek.
Wütend auf ihn und mich und die ganze verdammte Welt, marschierte ich mit Lucy und Diego im Schlepptau auf direktem Wege in den Speisesaal. Da es bald Abendessen geben würde und ich keine Ahnung hatte, wo ich um diese Zeit sonst nach meiner geliebten Familie suchen sollte, war das ein guter Startpunkt. Und ich hatte Glück, sowohl mein Vater Prinz Manuel als auch mein Bruder Prinz Kaidan waren bereits anwesend.
Sie standen zusammen neben dem Tisch und sprachen mit einem Koch, während zahlreiche Diener den Tisch deckten. Ob sie etwas Wichtiges besprachen, oder nicht war mir egal, ich platzte einfach mitten in das Gespräch. „Könnt ihr mir sagen, wo ich König Isaac finde?“ Ich hatte etwas zu klären und wollte nicht warten. Nicht eine Minute länger wollte ich die Schülerin von diesem Mistkerl sein.
Kai musterte mich mit prüfendem Blick. „Du bist aufgebracht.“
„Nein, wirklich?“ Woran er das nur erkannt hatte.
Mit ein paar Worten entschuldigte Kai sich bei seinem Vater und zog mich ein Stück zur Seite, weg von neugierigen Ohren. „Sag mir was passiert ist.“
Auch wenn es sich wie eine Bitte angehört hatte, war es doch ein Befehl und einen Moment wollte etwas Rebellisches in mir dagegen aufbegehren, aber ich entschied mich dagegen. Er würde mich verstehen. Mit seiner Unterstützung würde ich Sydney loswerden. „Ich brauche einen neuen Mentor für Verwandlung.“
Ein wachsamer Ausdruck trat in seine Augen. „Warum, was hast du mit dem Alten gemacht?“
Was hatte ich … „Gar nichts!“ Das war doch echt die Höhe! „Ich lasse mich nur nicht so behandeln!“
Kais Wachsamkeit stieg. Da war wieder dieser kühle Ausdruck, den er schon bei Frau van Schwärn gehabt hatte. „Was hat er getan?“
„Er hat etwas über meine Mutter gesagt, was ich in den falschen Hals bekommen habe. Ich war verärgert und habe ihm gedroht. Gerade eben war ich bei ihm, um mich bei ihm zu entschuldigen, aber ich hätte genauso gut mit einer Wand quatschen können.“ Wobei die wahrscheinlich nachgiebiger gewesen wäre.
„Womit hast du ihm den gedroht?“
Mein Ärger verrauchte ein wenig, als ich an den Moment der Furcht dachte, die über Sydney Gesicht gehuscht war. „Mit der Strafe des einsamen Wolfes.“ Ich rieb mir über die Stirn. „Ich war sauer und hab nicht nachgedacht.“
Als das Prinzchen den Kopf ein wenig senkte, verschwand die Kälte aus seinem Blick. „Hat er dir einmal aus seiner Kindheit erzählt?“
Der Themenwechsel irritierte mich ein wenig. „Äh … nein, ich glaube nicht.“
„Weißt du, Sydney wurde als Streuner geboren.“
„Du meinst er ist ein Abtrünniger?“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Abtrünnige sind Lykaner, die wegen ihrer Vergehen aus dem Rudel verband wurden, oder das Rudel aus eigenem Antrieb verlassen. Streuner sind die Nachkommen der Abtrünnigen. Sie haben nie etwas verbrochen und können sich dem Rudel anschließen, wenn sie das möchten.“
„Und Sydneys Eltern waren Abtrünnige?“
„Seine Eltern, oder seine Großeltern, ich weis es nicht genau. Aber was ich weis ist folgendes: Seine Eltern lebten sehr zurückgezogen von anderen Lykanern. Seine ganze Kindheit über hatte Historiker Sydney niemals Kontakt zu jemanden außerhalb der Familie. Ich weis nicht warum, noch wie alt er genau war, aber als er älter wurde, jagte sein Vater ihn davon und zwang ihn so in das Leben eines einsamen Wolfes.“
Oh mein Gott.
„Als du das zu ihm gesagt hast, hast du wohl unabsichtlich an seinen Ängsten gerüttelt.“
Super, jetzt hatte ich doch wieder Schuldgefühle. Aber es war egal. Ich war für seine Vergangenheit nicht verantwortlich. Ja, es tat mir leid was ihm widerfahren war und ja, ich hätte das nicht sagen dürfen. Aber ich hatte meinen Fehler eingesehen und mich dafür entschuldigen wollen. Aber da er es jetzt offensichtlich vorzog mir die kalte Schulter zu zeigen, würde ich ihn sicher nicht weiter mit meiner Gegenwart belästigen. „Ich will trotzdem einen anderen Mentor.“
Das stellte Kai nicht zufrieden. „Vielleicht solltest du noch einmal darüber nachdenken. Sydney ist ausgezeichnet in dem was er tut und er kann dir …“
„Nein“, beharrte ich. „Meinetwegen gebt mir eine zweite Schwärn, aber von ihm will ich nicht mehr unterrichtet werden.“
Er schwieg einen Moment, überlegte, ob es einen Sinn machen würde weiter auf mich einzureden, gab dann aber schließlich nach. „Na schön, wenn das dein Wunsch ist, werde ich dafür sorgen, dass du heute Abend einen anderen Mentor haben wirst.“
„Danke.“ Auch wenn ich mit dieser Entscheidung nicht besonders glücklich war, sein Verhalten verletzte mich und das würde ich mir nicht antun.
°°°
Einsam verteilte der nächtliche Mond sein kaltes Licht in den Schatten der Nacht. Eine laue Brise zupfte ein einer losen Strähne meines Haares und die Gerüche des Labyrinths kitzelten mich in der Nase.
Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, lag ich auf der trockenen Wiese und starrte in den Himmel. Ich lag schon eine ganze Weile hier und hatte dem Mond beim aufgehen zugesehen. Nicht weil ich plötzlich den Streber in mir entdeckt hatte, ich hatte einfach nur ein wenig Zeit zum nachdenken gebraucht.
Warum ich das ausgerechnet hier im Labyrinth tat, war mir selber nicht so ganz klar. Wahrscheinlich war es einfach nur die Ruhe.
Mein neuer Mentor war bisher noch nicht aufgetaucht und wenn ich ehrlich war, sehnte ich sein Erscheinen auch nicht wirklich herbei. Ob er mich hier überhaupt fand, war mir eigentlich ziemlich egal. Irgendwie war mir seit dem Abendessen mal wieder so ziemlich alles egal.
Lucy stand irgendwo in den Schatten und hatte ein Auge auf mich. Das nervte.
„Kannst du dich nicht einfach zu mir setzen?“
„Das wäre unpassend, Prinzessin Cayenne.“ Mein Name kam ihr ein wenig spöttisch über die Lippen.
„Hier ist doch niemand.“
„Der Hof hat mehr Augen und Ohren, als Ihr Euch vorstellen könnt.“
„Dann eben nicht.“ Gott, wie ich diese ganzen Regeln verabscheute. Was war den bitte so verwerflich daran, wenn man sich mit einem Untergebenen gut verstand. Lucy war immerhin meine Freundin und so sollte ich sie doch eigentlich auch behandeln dürfen. Aber nein, das entsprach nicht der Etikette.
Nein, meine Laune hatte sich in den letzten Stunden nicht gebessert, obwohl ich mittlerweile nicht mehr wirklich verärgert war, sondern nur noch … ach keine Ahnung, vielleicht entwickelte ich ja gerade eine Depression. Das würde zumindest einiges erklären.
Ich wusste nicht was genau es war, da war kein Geräusch und auch kein Geruch, aber etwas veranlasste mich dazu den Kopf zu drehen. So entdeckte ich Sydney.
Er stand knapp außerhalb des Lichtkegels der Laterne, halb verdeckt von den Schatten der Nacht und beobachtete mich. Das war es wohl, was ich ich gespürt hatte.
„Geh weg“, murmelte ich und versuchte dabei einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren, als ich wieder nach oben zum Mond schaute. Lucy und Diego bekamen das wahrscheinlich besser hin. „Man hat mir einen anderen Mentor zugewiesen.“
„Ich weiß.“ In seinen Worten schwang ein Hauch von Kummer mit. „Prinz Kaidan hat mich aufgesucht und mit mir gesprochen.“
„Und was machst du dann hier?“ Ich war nicht bereit, mich von dem traurigen Ton in seiner Stimme berühren zu lassen.
„Ich habe Prinz Kaidan gebeten, mir noch eine Stunde mit Euch zu gewähren, um meinen Fehler wieder gut zu machen.“
Nun sah ich ihn doch an. Aus seiner Schnauze baumelte eine Schnur, nein, keine Schnur, das war die Kette, die ich ihm um die Ohren geworfen hatte. Fast hätte ich nach dem Bettelarmband an meiner Hand gegriffen. „Du kannst die deine Entschuldigung sparen, ich will sie nicht hören.“
Sydney lief ein paar Schritte auf mich zu und setzte sich dann neben mich. Die Kette legte er zwischen uns ins Gras. „Ich bin keineswegs hier, um mich bei Euch zu entschuldigen.“
„Dann kannst du erst recht verschwinden.“
Das tat er nicht. Er war gekommen, um mir etwas zu sagen und würde nicht gehen bevor er es getan hatte. „Ihr seid nun eine Prinzessin und auch wenn es Euch nicht leicht fällt, so müsst Ihr in jeder Situation die Kontrolle über Euch bewahren. Selbst dann wenn ihr aufgebracht oder traurig seid, dürft Ihr nicht unachtsam werden. Aber das wart ihr. Ihr habt gesprochen ohne nachzudenken und an die Folgen …“
„Genau wie du!“, konterte ich und richtete mich ruckartig auf. Ich konnte es kaum glauben. Das war keine Wiedergutmachen, das war eine verdammte Standpauke! „Du hast genauso wenig darüber nachgedacht was du sagst, oder dass du mich damit verletzen könntest! Du hast mit der Scheiße angefangen und dich dann wie ein eingeschnapptes Kleinkind verhalten! Und jetzt tauchst du hier auf und hältst mir einen Vortrag? Sag mal tickst du noch ganz richtig?!“
Sydney bedachte mich mit einem so intensiven Blick, dass mir plötzlich ein Schauer über den Rücken rieselte. Okay, das war neu. „Ich bin kein Alpha.“
Das war seine Ausrede?! „Aber du besitzt doch wohl ein funktionierendes Gehirn! Bisher hast du jedenfalls nicht den Eindruck erweckt nur Stroh im Kopf zu haben!“
Einen langen Moment schaute er mich einfach nur an. „Ihr hab recht, ich habe mich von meinen Instinkten leiten lassen, aber es ändert weder etwas daran wer Ihr seid, noch wer ich bin. Ihr seid mein Alpha, Ihr führt mich und jeden anderen Wolf in diesem Rudel. Deswegen müssen wir darauf vertrauen können, dass Ihr nicht nur uns, sondern auch Euch selber unter Kontrolle habt.“
„Ich will aber keine Kontrolle! Weder über dich, noch über sonst jemanden!“
„Und genau das wird Euch einmal zu einem sehr guten Alpha machen.“
Damit nahm er mir den Wind aus den Segeln.
„Prinzessin Cayenne. Ich hatte niemals vorgehabt Euch zu verletzen, weder durch Worte, noch durch Taten. Ich würde es verstehen, wenn ihr weiterhin auf einem anderen Mentor besteht, aber ich bin gerne mit Euch zusammen und würde es vorziehen, das Geschehene gegeneinander aufzurechnen.“
Was? „Willst du damit sagen, dass wir Quitt sind?“
„So könnte man sagen.“
Das könnte man. Aber ich war nicht bereit das Geschehene einfach zu vergessen. Sein Verhalten hatte mich getroffen und im Gegensatz zu mir war er nicht bereits sich zu entschuldigen und das nur, weil ich ein Alpha war und er nicht.
„Wenn es Euch lieber ist, können wir so tun, als wäre die ganze Sache niemals geschehen.“
„Aber sie ist geschehen“, sagte ich. „Erst hast du mich wie ein kleines, dummes Mädchen behandelt und mir dann die kalte Schulter gezeigt. Glaubst du, nur weil ich ein Alpha bin, würde mich das nicht treffen? Was hast du nur für eine Vorstellung vom Leben?“
Er legte die Ohren an und senkte seinen Kopf ein wenig. „Nicht nur Ihr macht Fehler, auch ich neige hin und wieder dazu.“
Wie schön, dass er wenigstens das einsehen konnte. „Aber du bist nicht bereit, dich für deine Fehler zu entschuldigen.“
„Nein, nicht wenn Ihr eine Lehre daraus ziehen könnt.“
Ich schnaubte. Das war so … Sydney. „Und was jetzt? Vergeben und vergessen?“
„Das ist es, was ich mir wünsche.“
Gott, jetzt wusste ich wieder, warum Katzen mir lieber waren. Dieser Blick … wie bitte sollte man dem widerstehen? Er ließ ihn aussehen, wie ein armes, getretenes Hündchen und gab mir gleichzeitig das Gefühl, ein riesiges Miststück zu sein, weil ich es nämlich war, der ihn getreten hatte. „Okay, meinetwegen“, gab ich mich geschlagen und hoffte damit keinen Fehler zu machen. „Wir verbuchen das Ganze unter Erfahrung und vergessen es einfach.“
„Danke“, sagte Sydney leise, beugte sich vor und berührte mich mit der Nase an der Wange. „Auch für das Geschenk.“
Mein Blick senkte sich auf die Kette im Gras. „Ich hatte leider nichts anderes.“
„Ich finde es perfekt. Es ist nicht nur von Euch, es zeigt mir auch, dass Ihr an mich gedacht habt.“
Warum zur Hölle wurden meine Wangen jetzt warm? Ich griff eilig nach der Kette und bettete, dass er es nicht bemerkte. Dann streifte ich sie ihm über den Kopf.
Er sah an sich herunter auf den kleinen silbernen Anhänger, der in seinem Fell fast gänzlich verschwand. „Ihr braucht deswegen nicht verlegen sein.“
„Weißt du Sydney, manche Dinge sollten einfach unausgesprochen bleiben. Das erspart so manche Peinlichkeit.“
Als er von seinem Geschenk zu mir aufsah und mich mit den Augen anlachte, streifte eine Frage durch meinen Kopf. „Sag mal, siehst du eigentlich schwarzweiß, oder in Farbe?“
Das ließ ihn schnauben „Ich bin kein Hund.“
„Das heißt in Farbe?“
„Ja, aber nicht so wie in meiner menschlichen Gestalt. Es ist … anders. Ich sehe mehr von meiner Umgebung, aber es ist eine andere Perspektive und auch die Farben sind nicht mehr so wie Ihr es gewohnt seid. Verwaschen und intensiv. Es ist schwierig zu erklären. Ihr müsst es selber erleben, um es zu verstehen.“
„Da wäre nur das kleine Problem mit der Verwandlung.“ Ich saß jetzt zwar schon seit fast einer Woche jede Nacht mit ihm unter dem Mond, aber bis auf meinen Geruchssinn, hatte sich nichts geändert.
„Vielleicht ist es langsam an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen.“
„Und der wäre?“
„Die Verwandlung kontrolliert herbeizurufen.“
Wie einfach er das klingen ließ. „Ich kann mich nicht mal unkontrolliert verwandeln, wie soll ich es dann kontrolliert?“
„Wir versuchen etwas ganz einfaches. Schließt die Augen, spürt den Mond und versucht den Wolf in Euch zu finden.“
„Ich kann den Mond nicht spüren“, erinnerte ich ihn.
„Stellt ihn Euch vor. Seine Form, sein Licht, das Mysterium, das ihn umgibt.“
Mysterium. Alles klar.
Ich atmete noch einmal tief durch und schloss die Augen, nichts sicher, ob ich wirklich so weit war, mich in einen übergroßen Hund zu verwandeln. Bekam ich dann vielleicht gelüste darauf, anderen am Hintern zu schnüffeln? Oder würde es mir Spaß machen die Leute in feiner Gesellschaft vollzusabbern? Bei dem Gedanken kicherte ich.
„Konzentriert Euch.“
Okay. Ich entspannte meine Mundwinkel und konzentrierte mich. Ich dachte an den Mond und an meinen Wolf. Ich konzentrierte mich und … nichts geschah. Hätte mich auch gewundert, wenn es anders wäre. Und trotzdem konzentriere ich mich weiter.
Nach ein paar Minuten wurde das allerdings langweilig. Vorsichtig hob ich ein Augenlid und linste zu Sydney. Schade nur, dass er mich in diesem Moment auch anschaute.
„Wenn Ihr das nicht erst nehmt, hat es keinen Sinn.“
„Tut mir leid.“ Nein, ich klang nicht sehr reuig.
„Ich weiß, dass es Schwierig ist, aber bitte versucht es.“
„Können wir uns dabei nicht wenigstens unterhalten?“
„Nein.“
Das war mal eine klare Aussage. Seufzend schloss ich wieder die Augen. Leider wollten meine Gedanken aber nicht so mitspielen und schon nach kurzer Zeit begann ich mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Da hockte irgendwo eine Grille und dieser Geruch. Als Sydney sich dann auch noch bewegte, konnte ich geradezu sehen, wie er sich ins Gras legte. „Darf ich dich was fragen?“
Er seufzte. „Natürlich. Ihr dürft mich fragen, was immer Ihr wollt.“
Ja, fraglich war nur, ob ich eine Antwort bekommen würde. „Also, ich habe vorhin mit Kai gesprochen und der hat da was über dich gesagt.“ Als keine Reaktion kam, öffnete ich die Augen.
Sydney hatte seinen Kopf auf seinen Pfoten gebettet und beobachtete mich aufmerksam.
„Wenn du nichts dazu sagen willst, ist das okay, aber … naja, er hat gesagt, du warst mal ein Streuner und das dein Vater dich fortgejagt hat.“
„Das stimmt“, sagte er leise und senkte den Blick.
Ich wartete, aber er sagte nichts weiter dazu. Wahrscheinlich war das etwas, an das er nicht erinnert werden wollte. „Tut mir leid, ich hätte nicht fragen sollen.“
„Es ist in Ordnung, nur … ich habe schon lange nicht mehr darüber gesprochen.“
Oh. „War es denn so schlimm?“
„Ja und nein. Ihr müsst verstehen, ich bin anders aufgewachsen. Meine Eltern haben nicht nur sehr zurückgezogen gelebt, die meiste Zeit ihres Lebens verbrachten sie als Wölfe. Ich könnte wohl an einer Hand abzählen, wie oft ich sie als Menschen gesehen habe.“
„Verwandelst du dich deswegen nie?“
Dieses Mal dauerte es einen Moment, bis er weiter sprach. „Nein, nicht deswegen.“
Sein Ton machte mir unmissverständlich klar, dass ich in diese Richtung nicht weiter nachbohren sollte. „Warst du damals auch ein Wolf?“
„Als kleines Kind, ja. Doch als ich älter wurde, erkannte ich, dass meine zweite Gestalt auch ihre Vorteile barg. Meinem Vater gefiel es nicht, in welche Richtung ich mich dadurch entwickelte. Er stellte mich vor die Wahl, entweder ich war ein Wolf, oder ein Mensch.“
„Und du hast dich für den Menschen entschieden.“
Zu meiner Überraschung sagte er „Nein“ und hob den Kopf. „Ich entschied mich für den Wolf, aber hin und wieder, wenn ich glaubte mein Vater würde es nicht bemerken, verwandelte ich mich. Es war nichts als eine stille Rebellion. Leider erwischte er mich einmal dabei und jagte mich davon.“
„Und dann warst du alleine.“
„Nicht ganz. Ich versuchte ein paar Mal zurück zu kehren, aber mein Vater sah in mir nur noch einen Eindringling. Als ich ihn das letzte Mal begegnete, hat er versucht mich zu töten.“
Mein Mund ging auf, aber kein Wort kam heraus. Das war … extrem.
„Nach diesem Zusammenstoß blieb ich weg und da ich außer meinen Eltern nie einen Lykaner kennengelernt hatte, verbrachte ich die nächsten Wochen allein und verfiel zunehmend in eine Art Wahn. Damals verstand ich nicht was mit mir los war, denn meine Eltern hatten niemals darüber gesprochen.“
Der einsame Wolf. Und ich hatte ihm auch noch damit gedroht. „Wie alt warst du da?“
„Ich war sechzehn. Unerfahren. Einfältig. Naiv. Es war wohl einfach Zufall, dass ich eines nachts das Heulen eines Wolfes hörte und Schicksal, dass ich diesem Ruf folgte. So begegnete ich ich den ersten Lykaner außerhalb meiner Familie.“
Einfältig, unerfahren, naiv. Genauso fühlte ich mich nach dieser Geschichte. Und ich hatte all das in einem kindlichen Anfall wieder heraufgezerrt. „Es tut mir leid.“
Er legte den Kopf zurück auf seine Pfoten. „Denkt in Zukunft einfach nach, bevor ihr sprecht.“
Wie seltsam, dass er genau wusste, was ich dachte. „Ich werde mir Mühe geben.“
„Das freut mich, aber jetzt solltet Ihr Euch vielleicht ein wenig Mühe mit Eurer eigentlichen Aufgabe geben.“
Super, direkt zurück zum Unterricht. „Okay, wenn es sein muss.“ Große Lust hatte jedenfalls keine. Nicht nach dieser Geschichte. In Ordnung, eigentlich nie.
„Gut. Fangen wir am besten mit dem Wolf an. Ihr habt ihn schon einmal gespürt, nicht wahr?“
„Mehr als einmal.“ Das letzte Mal gestern, als Alex mir so nahe gewesen war. „Ich spüre ihn immer, wenn ein Vampir mir zu nahe kommt.“
„Dann beschwört dieses Gefühl herauf, erinnert Euch daran, wie es war, Eure wilde Seite zu spüren, versucht sie zu finden.“
Ich wollte nicht wirklich daran denken, weil Raphael dann zwangsläufig in meinen Gedanken auftauchen würde und ihn wollte ich nicht in meinem Kopf haben. Deswegen konzentrierte ich mich auf Alex und erinnerte mich daran, was es für ein Gefühl war, ihn so nah bei mir zu wissen. Ich stellte mir vor, dass er genau in diesem Moment vor mir stand und ich seinem Atem spüren konnte, doch das Bild änderte sich. Alex wurde zu Raphael und es war sein Hand, die mir über die Wange strich und sein Atem, der meine Lippen berührte.
Verdammt.
„Entspannt Euch.“
Der hatte gut Reden. Ich versuchte es noch ein paar Mal mit Alex, doch er wurde jedes Mal zu Raphael. Raphael, der mich in der Uni ansprach, Raphael, der klitschnass vor meinem Fenster hing, Raphael, der voller Verzweiflung diese drei kleinen Worte sprach.
Tief in mir regte sich etwas.
Etwas Fremdes und Vertrautes. Der Gedanke an die Vampire verschwand, als ich mich darauf fokussierte. Das Etwas wollte mir entgleiten, aber ich konzentrierte mich mit aller Kraft darauf, zwang es bei mir zu bleiben und hielt es fest.
Es war ein Schatten, etwas Formloses, Wildes und doch hatte es eine Gestalt. Es war vergänglich wie Nebel und beständig wie Stein. Tief in mir schlief es, in meiner Seele, meinem Körper, in jeder Faser, die mich ausmachte. Und dann wurde es mir klar. Das war nicht mein Wolf. „Ich bin es“, flüsterte ich. „Ich bin ein Wolf.“
„Ihr habt es erkannt.“
Bei Sydneys Stimme jaulte der Schatten tief in mir und der gleiche Klang kam aus meiner eigenen Kehle. Überrascht setzte ich mich auf und starrte Sydney an.
„Seht nicht zu mir, seht hinauf zum Mond.“
Nur sehr langsam folgte ich der Anweisung und als ich den Mond vor Augen hatte, da hörte ich es zum ersten Mal. Ein Klang wie sanftes Licht. Er durchtränkte meinen Leib. Das Wilde, Formlose breitete sich in mir aus. Es war ein Gefühl von Kraft, Natur und Sehnsucht. Die Melodie in mir. Ein Ton und tausend Klänge. „Das ist wunderschön.“
„ Ihr könnt es hören? Das Lied des Mondes?“
„Ja.“ Ich konnte meinen Blick gar nicht vom Mond abwenden. Dieses Gefühl … es war, als wäre etwas zu mir zurückgekehrt, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass es mir fehlte. Einen Augenblick lang war ich frei, nicht gefangen von Regeln und Gesetzen, ich war einfach … Ich.
Es dauerte ein Weilchen, aber irgendwann schaffte ich es den Blick abzuwenden und Sydney anzulächeln. „Und das kannst du die ganze Zeit hören?“
Auch er wandte seinen Blick vom Mond ab. „Tagsüber nur in meiner Erinnerung. Mit zunehmendem Mond wird es lauter. Es ist nicht der Schein des Mondes, der uns bei unserer Verwandlung unterstützt, es ist das Lied, das wir hören können. Heute ist es noch schwach, aber mit jedem verstreichenden Tag wird es lauter werden.“ Sein Kopf ging wieder gen Himmel. „Wenn Ihr gelernt habt, Euch zu erinnern, könnt ihr die Verwandlung jederzeit herbeiführen.“
Jederzeit. Wenn es schon so ein tolles Gefühl war einfach nur hier zu sitzen, dann musste die Verwandlung die reinste Ekstase sein. „Vielleicht ist es doch nicht so schlimm ein Monster zu sein.“
Langsam zog der Wolf sich wieder zurück und was blieb war nur eine Erinnerung. Es machte mich ein bisschen traurig, doch ich spürte auch die Erschöpfung, die sich durch die Konzentration langsam in meinen Geist geschlichen hatte.
„Ihr seid genauso wenig ein Monster, wie ich eines bin.“
Ein schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. „Also am verfluchten Weiher hast du schon ganz schön monströs ausgesehen. Deine Zähne sind einfach riesig.“
Das ließ ihn lachen. „Und doch genügt ein einziges Wort von Euch und die Wölfe werden folgen.“
So viel Macht. Das hörte sich schon ziemlich verführerisch an. Leider sah die Realität ein wenig anders aus. „Ich bin froh, dass du heute noch einmal hergekommen bist.“
„Ich hatte keine Wahl, irgendwer musste mir doch die Kette umlegen.“
„Oh, nur deswegen bist du hergekommen?“ Dafür schubste ich ihn, nur leider war es gar nicht so einfach einen so Wolf umzuschmeißen – schon gar nicht wenn er lag.
Als er über meinen kläglichen Versuch lachte, griff ich nach ihm, nur leider war er schneller. Er sprang einfach aus meiner Reichweite und schaute mich dann an, als wollte er fragen, was ich nun zu tun gedachte.
„Na warte, dich krieg ich.“ Und damit machte ich mich an die Verfolgung. Da er aber leider doppelt so viele Beine wie ich hatte, war es ihm ein leichtes mir immer wieder um Haaresbreite auszuweichen. Er sprang wie ein Reh über die Wiese und als ich ihn damit aufzog, rannte er so dich an mir vorbei, dass er mich fast umriss. Das war meine Gelegenheit.
Ich tat so als würde ich umfallen und mir dabei das Bein verdrehen und kaum dass er in Reichweite war, stürzte ich mich auf ihn. Ärgerlicherweise war er glitschig wie ein Fisch und entwand sich mir einfach. Doch zum Pech für ihn, stolperte er über meine Tasche und fiel auf die Nase.
Ich begann zu lachen.
Mit Sydney herumzualbern machte Spaß und als er sich dann irgendwann von mir fangen ließ, genoss ich meinen Triumph, auch wenn ich wusste, dass ich das nur schaffte, weil er es erlaubte.
Als ich dann irgendwann nach Atem ringend im Gras lag und er sich an mich kuschelte, wurde mir klar, dass es das erste Mal war, dass ich an diesem Ort wirklich gelacht hatte. „Danke“, sagte ich und vergrub mein Gesicht in seinem Fell. „Für alles.“
„Für Euch immer, Prinzessin.“
Ich kuschelte mich ein wenig fester an ihn und schloss die Augen. Die letzte Nacht, dieser ganze Tag, die Anstrengung unter dem Mond … ich wollte mich nur einen Moment ausruhen. Sein gleichmäßiger Herzschlag klopfte an mein Ohr. Der Mond schien still auf uns nieder.
Nur noch einen Moment …
Als ich die Augen wieder aufschlug, stand bereits die Sonne am Himmel und ich musste feststellen, dass ich noch immer an Sydney gekuschelt mitten im Labyrinth lag. Er hatte mich die ganze Nacht gewärmt.
Doch auch wenn ich gerne noch geblieben wäre, der Tag musste beginnen. König Isaac hatte mir unmissverständlich klar gemacht, dass ich mich an den vorgeschriebenen Tagesablauf zu halten hatte. Dass ich hin und wieder das Essen versäumte, hatte er zwar nicht zur Sprache gebracht, aber ich konnte mir denken, dass es ihm missfiel. Also ging ich zum Frühstück, in den Unterricht und am Abend zu Sydney ins Labyrinth. Die Tage verstrichen unaufhaltsam in einem nie endenden Trott. Förmlichkeiten, Unterricht und Diener, die vor einem im Staub krochen.
Auf einmal war das einzige Thema bei Tisch nur noch mein Ball am Freitag. Dekoration, das Menü, hochrangige Betawölfe, die diesem Anlass beiwohnen würden, die schiere Anzahl der Gäste. Ich fand es ein wenig einschüchternd, welche Ausmaße dieses Fest anzunehmen drohte.
Ich machte Fortschritte beim Tanzen und schaffte es mit einiger Übung die kolossale Anzahl der Bestecke bei Tisch den Speisen und Gängen zuzuordnen.
Doch die ganze Zeit war da eine gewisse Unruhe, die ich weder erklären, noch verstehen konnte. Es war wie ein Jucken, dass man nicht kratzen konnte und mich mehr als einmal ziemlich gereizt zurück ließ.
Das Einzige worauf ich mich in diesen Tagen ein wenig freute, waren die Nächte mit Sydney, in denen ich mir das Erlebte von der Seele reden konnte und im Schein des Mondes eine Ruhe fand, die mir den Rest des Tages verwehrt blieb. Auch schien es mir jede Nacht einfacher meinen Wolf zu finden. Zwar war ich von einer Verwandlung noch immer weit entfernt, aber das Lied des Mondes wurde zu einem beständigen Begleiter.
So saß ich dann am kommenden Freitag nach dem Frühstück im kleinen Salon und dachte an den Mond, während die van Schwärn einen Karton auf dem Tisch vor mir öffnete, den sie heute mitgebracht hatte.
„Ihr werdet in Begleitung von König Isaac den Thronsaal betreten“, erklärte sie und legte den Pappdeckel zur Seite.
Ich verzog das Gesicht. „Kann ich nicht lieber Kai haben?“
Und da tat sie es wieder, die schürzte die Lippen. „Prinzessin Cayenne, dies ist ein Ritual, wie es schon zu den Zeiten von Leukos abgehalten wurde. Es ist Tradition und eine Ehre den König zu begleiten.“
Warum bitte wurde denn nun der König geehrt? Ich hatte die ganze Zeit geglaubt, dabei ging es um mich. „Ich könnte auch allein gehen. Wirklich, ich hab das schon als kleines Mädchen gelernt.“
Ihr Mund öffnete sich, klappte aber genauso schnell wieder zu. Es machte den Eindruck, als müsste sie mal wieder einen bissigen Kommentar herunterschlucken. Ja, selbst heute, wo Kaidan und Sadrija nicht anwesend waren, weil ihre Pflichten sie anderweitig fesselten, erinnerte die Frau sich wohl noch an das was ihr blühte, wenn sie gemein zu mir war. „Ihr solltest Euch geehrt fühlen“, sagte sie dann schlussendlich und griff in die Kiste hinein.
Was sie dort herausholte und direkt vor mich auf den Tisch legte, war ein großer Stein auf einem Seifenkissen. Kein Edelstein, nein, ein einfacher, grauer Stein. Er war ungefähr faustgroß, rund, glatt geschliffen und … naja, ein Stein eben.
„Hübsch. Gibt es den auch in anderen Farben?“
Auch dazu verkniff sie sich einen Kommentar. Stattdessen setzte sie sich mir gegenüber an den Tisch. „Heute Abend auf Eurem Ball werdet Ihr vor Leukos Seele stehen und damit Ihr wisst, was Ihr tun müsst, brauchen wir diesen Stein. Er dient zu Lernzwecken. Ihr wollt Euch doch sicher nicht blamieren.“
„Ja, das würde ihnen gefallen, nicht wahr?“ Ich achtete nicht auf den empörten Ausdruck in ihrem Gesicht. Meine Finger glitten über den Stein. Er war wirklich glatt, beinah schon poliert.
Das ignorierte sie einfach. „Heute Abend wird König Isaac Euch in den Thronsaal geleiten und Euch zu Leukos Seele bringen. Dann werdet Ihr ein paar Worte sagen und Eure Fingerspitzen auflegen. Nicht die Hände, nur die Fingerspitzen. Und zwar alle.“
„Und wenn ich einen Finger hochhalte? Oder auch zwei?“ Ich machte es ihr vor.
Also, wenn das so weiter ging, würde sie heute wohl noch explodieren. „Prinzessin Cayenne, dies ist eine ernste und überaus wichtige Angelegenheit. Eure Scherze sind unangebracht.“
Ich beugte mich ein wenig vor und fragte: „Kennen sie das Prinzip: Spaß beim Lernen?“
Uh, da war sie wieder, diese Ader an ihrer Schläfe. „Hier“, sagte sie, anstatt auf meine Frage zu antworten und schob mir eine Karte zu. „Das ist es, was Ihr vor der Auflegung der Hände rezitieren müsst.“
Ich nahm die Karte und las mir die wenigen Zeilen durch. „Wirklich?“, fragte ich skeptisch. „Ich bin die Seele des Rudels?“
„Ihr werdet es sein, wenn Ihr in der Lage seid Euch diese Worte zu merken und von Leukos nicht als Täuscher enttarnt werdet.“
Das klang ja fast wie eine Herausforderung. „Da alle behaupten, ich sei ein geborener Alpha, kann ich wohl kein Täuscher sein.“
„Wollen wir es hoffen“, murmelte sie. „Es wäre zu Eurem Besten.“
Zu meinem Besten? Ich runzelte die Stirn. Was sollte das nun wieder bedeuten?
„Und nun beginnt damit den Euren Text zu lernen. Wir haben heute noch einiges zu tun, schließlich müssen wir es schaffen, aus Euch eine wahre Prinzessin zu machen.“
Oh, dieses Miststück. Diese Spitze hätte sie sich echt verkneifen können.
°°°°°
Der Blick aus dem Fenster ließ mich leicht erblassen. Das war keine Gästeschar, das war ein Heuschreckenschwarm. „Weißt du was? Ich hab es mir anders überlegt.“ Ich drehte mich herum und ging auf direktem Wege zu meinem Bett. „Ich geh schlafen, du kannst das übernehmen.“
„Nein.“ Bevor ich mich zwischen den Decken verstecken konnte, packte Lucy mich am Handgelenk und zog mich vom Bett weg. Eine Decke über dem Kopf würde nicht nur die aufwändige Hochsteckfrisur und das anspruchsvolle Make-Up ruinieren, sondern auch das schulterfreie Abendkleid mit dem Herzausschnitt. Weinrot war zwar nie wirklich meine Farbe gewesen, aber alle die mich bisher gesehen hatten, betonten immer wieder, wie fabelhaft ich aussah. Den Nächsten der das sagte, würde ich zwingen diesen Fetzen selber anzuziehen.
„Lucy“, quengelte ich, als sie mich zur Tür zog.
Sie achtete gar nicht darauf. „Wir müssen los, König Isaac wartet bereits auf dich.“ Sie zog die Tür auf und rannte fast in Diego rein.
„König Isaac wird langsam ungeduldig“, teilte er mir ohne Umschweife mit.
„Gleich geh ich mich erhängen“, murmelte ich.
„Das wird bis nach deinem Ball warten müssen.“ Lucy schob mich in den kleinen Zwischenraum und zog dann sehr nachdrücklich die Tür zu. „Deinen Text kannst du?“
„Ja , pass auf.“ Ich räusperte mich übertrieben. „Hat der alte Hexenmeister, sich doch einmal wegbegeben und nun sollen seine Geister, auch nach meinem Willen leben. Seine Wort' und Werke, merkt ich und den Brauch und mit Geisterstärke, tu' ich Wunder auch.“ Ich grinste.
„Walle Walle“, sagte Lucy augenverdrehend und öffnete die Tür für mich.
Das war der Moment, in dem die Nervosität wie ein Komet bei mir einschlug. Ich rührte mich keinen Millimeter.
„Nun geh“, zischte Lucy.
Unruhig schaute ich von ihr zu Diego. „Ihr bleibt bei mir, oder?“
„Wir werden deine Schatten sein“, versprach Diego und begann mich nach draußen zu schieben.
Okay, meine Schatten. Ich würde sie vielleicht nicht sehen, aber sie würden da sein, dass hatten sie mir bereits erklärt. „Dann mal los.“ Zum Glück klang ich mutiger, als ich mich fühlte.
König Isaac wartete mit seinem Gefolge an der Ecke zum Hauptkorridor auf uns. Ein paar von ihnen kannte ich vom Sehen, aber die meisten waren mir unbekannt. Diener, Wächter, Umbra. Sie alle richteten ihren Blick auf mich, als ich auf sie zuhielt.
„Meine Tochter“, begrüßte König Isaac mich und reichte mir den Arm. „Du siehst bezaubernd aus.“
Klar dass er das sagte, er hatte das Outfit schließlich bezahlt. „Danke“, sagte ich und harkte mich bei ihm unter. Nicht weil ich dankbar war, sondern weil er Anstand das so verlangte. Ja, ich hatte hier wirklich etwas gelernt.
Sobald König Isaac sich auf die Galerie zubewegte, kam auch Bewegung in seine Anhängsel. „Allerdings ziemt es sich nicht, seine Gäste warten zu lassen.“
„Ich hab sie nicht eingeladen.“ Nein, das konnte ich mir nicht verkneifen.
„Sie sind dem Ruf der Alphas gefolgt und du bist ein Alpha.“
„Sie sind nicht zufrieden, wenn Sie nicht das letzte Wort haben, oder?“
„Ich bin der erste Alpha, ich habe immer das letzte Wort.“
Wie schaffte er es diese schlichte Aussage wie ein Drohung klingen zu lassen? Dieser Gedanke verschwand einfach, als wir auf die Galerie traten und uns der schwebenden Treppe zuwandten.
Oh. Mein. Gott.
Das ganze Foyer war voll mit Leuten in teurer Abendkleidung, die sich leise murmelnd miteinander unterhielten. Doch in dem Moment als König Isaac den ersten Schritt auf der Treppe machte und ich gezwungenermaßen mitlaufen musste, wenn ich keinen Abgang machen wollte, verstummte auch das letzte Gespräch. Aller Augen richteten sich auf uns und plötzlich wusste ich, wie sich ein Reh im Scheinwerferlicht fühlen müssten. Ich hätte mich wohl doch besser unter meinem Bett verkrochen.
Da waren Männer und Frauen in allen Altersklassen. Elegant und schlich, pompös und extravagant, ein jeder ganz individuell. Sie standen so dich, dass sie sich wohl schon gegenseitig auf die Füße traten. Nur der Bereich vor den Treppen und dem Thronsaal war noch frei.
„Kinn hoch“, murmelte König Isaac so leise, dass nur ich es hören konnte.
Wenn mich nicht gerade einhunderttausend Augen angestarrt hätten, hätte ich ihn mit einem bösen Blick gestraft. Aber so wie die Dinge nun mal lagen, ließ ich mich von ihm einfach die Treppe hinunter führen und dann auf direktem Wege zum Thronsaal.
Heute war das Portal zwischen den Treppen weit geöffnet und gestattete einen ungehinderten Ausblick auf den prächtigen Thronsaal. Links und rechts reichten goldverzierte Säulenreihen bis hoch unter die Decke. Kristallene Kronleuchter erhellten den ganzen Saal. Eine kunstvolle Bordüre unter der Decke zeigte die Darstellung von Wölfen in nur jeder erdenklichen Form.
Wenn ich nach links und rechts sah, konnte ich hinter den Säulen die angrenzenden Säle sehen. Auch sie waren voller Gäste, wobei der im rechten Saal eine Vielzahl an Tischen mit Gedecken stand.
Gerade aus, direkt vor uns auf der anderen Seite des Saals, erhöht auf einem mit Teppich bezogenen Podest, standen zwei prunkvolle Throne mit wirklich hohen Rückenlehnen. Auf dem einen saß Königin Geneva. Meine Eltern und Sadrija standen daneben, Kai befand sich neben dem leeren Thron.
Ach du … hier waren noch viel mehr Leute. Mein Gott, hatten die die halbe Bevölkerung eingeladen? Der ganze Saal war überlaufen mit Adligen in teuren Anzügen, Roben und Kleidern.
Zwei Diener in langen Fracks verbeugten sich, als König Isaac mich durch das Portal in den Saal führte und dort dann eine einen Moment verweilte.
„Ich präsentiere!“, rief plötzlich ein Mann im Anzug zu meiner Rechten und erschreckte mich damit halb zu Tode. „König Isaac Amarok, Sohn von Eugen Amarok und Helene Amarok, amtierender und respektierter König des Rudels der Könige, Titel durch Blut und Prinzessin Cayenne Amarok, Enkelin von König Isaac Amarok und Königin Geneva Amarok, zweite in der Thronfolge des Rudels der Könige, Titel durch Blut.“
Leises Murmeln setzte ein. Ich sah wie die Leute die Köpfe zusammen steckten und miteinander flüsterten.
Der Herold trat zurück und König Isaac setzte sich wieder in Bewegung und schritt mit mir über den azurblauen Teppich direkt auf die Throne zu.
Damit hatte es begonnen. All diese fremden Leute starten mich erwartungsvoll und neugierig an und ich konnte mich plötzlich nur noch fragen, was ich hier eigentlich tat. Ich war keine Prinzessin, das war nicht meine Welt und ich fühlte mich hier absolut nicht wohl in meiner Haut.
Und doch schaffte ich es den Gang anmutig und stolz entlangzustreichen, ohne zu stolpern und mich der Länge nach aufs Gesicht zu legen. Mein Schritt war leicht, das prächtige Kleid wehte um meine Beine und dann bemerkte ich den Sockel mit dem grauen Seidenkissen auf dem hohen Podest. Das war bestimmt die Seele von Leukos.
Isaac führte mich direkt auf das Podest und drehte uns so, das wir direkt hinter dem halbhohen Sockel zum Stehen kam. Dann schaute ich auf ein Meer von Gästen.
Wie ein Priester, der seine Schäfchen unter sie hatte, hob König Isaac die Arme, um so wortlos um Ruhe zu bitten. Die Anwesenden verstummten so plötzlich, dass es schon unheimlich war.
„Es ist nun viele Jahre her, dass böse Klauen nach der Macht der Alphas griffen und einen Schatz raubten, der so kostbar wer, dass er durch nichts ersetzte werden konnte. Sie brachten Kummer über das Rudel, doch wir, die Alphas, haben die Suchen niemals aufgegeben und können nun zuversichtlich in die Zukunft blicken, denn Prinzessin Cayenne wurde gefunden und ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, um ihnen Platz im Rudel einzunehmen.“
Er drehte sich halb zu mir herum und bedachte mich mit einem Blick, den ich nicht entziffern konnte. Gier? Machtrausch? Triumph? „Meine Tochter, heute stehst du vor mir, um das zu beanspruchen, was dein Geburtsrecht ist. Du wirst vor Leukos treten, um dem Rudel zu dienen und die Führung zu stärken. Du wirst gezeichnet werden, auf das niemand deinen Status anzweifeln kann, du wirst berufen, ein Alpha zu sein.“
Ah-ja. Da hatte wohl jemand zu viele, schlechte Filme geguckt. „Wenn es das ist, was Leukos wünscht“, erklärte ich, so wie die Schwärn es mir eingetrichtert hatte. „Ich werde seinem Willen folgen.“
Auf seinen Lippen erschien ein berechnetes Lächeln, das mir so gar nicht gefallen wollte. „Dann tritt vor, meine Tochter, tritt zu Leukos Seele und entrichte ihm deinen Tribut.“
Da es das war, was jeder in diesem Saal von mir erwartete und ich nicht wusste, wie ich mich unbemerkt davon machen konnte, trat ich vor den Sockel.
Leukos Seele war ein wirklich großer Topas. Er war nicht rund, wie der Stein den ich zum Üben benutzt hatte, sondern eher flach. Und in seinem Inneren schien sich etwas träge zu bewegen. Okay, ja, das war unheimlich. Und schräg. Aber vor allem unheimlich.
„Leukos dient jenen, die die Magie des Mondes und das Lied der Nacht in sich tragen und wir dienen Leukos. Öffne dich, meine Tochter, öffne dich dem Urvater.“
Ich legte meine Hände rechts und links neben den Topas. Jetzt lag er völlig still vor mir, nichts anderes als ein Stein. Hatte ich mir das eben nur eingebildet? „Ich bin die Seele des Rudels“, sagte ich laut und deutlich, sodass meine Stimme auch in die hintersten Winkel getragen wurde und genau in dem Moment bewegte sich wieder etwas. Vor Schreck hätte ich fast die Hände weggerissen.
Unsicher schaute ich zu König Isaac, doch der machte mit seinem Blick nur deutlich, dass ich weitermachen sollte.
Gott, das wurde langsam echt gruselig. „Mein Tribut ist mein Körper, mein Blut und mein Geist. Ich gelobe treu zu sein, aufrichtig und ehrenhaft, denn ich bin ein Alpha und mein Herz schlägt allein für das Rudel. Ich bin die Unschuld und ich bin dein.“ Ich hob die Hände bis nur noch ein Hauch meine Finger von ihm trennte …
„Ich an Eurer Stelle würde das nicht tun.“
Ich erstarrte mitten in der Bewegung.
Für einen verrückten Moment glaubte ich doch wirklich, die schneidende Frauenstimme käme aus dem Stein, doch als es dann um mich herum auf einmal unruhig wurde und auch die Alphas ihren Fokus veränderten, bemerkte ich eine Frau am Fuße des Podests.
Sie war mir völlig unbekannt und doch bemerkte ich sofort die starke Familienähnlichkeit. Sie sah fast aus wie meine Mutter. Nicht nur vom Alter her, auch von der Figur und den Gesichtszügen. Diese Frau war jedoch schwarzhaarig und ungefähr einen Kopf größer.
„Gräfin Xaverine“, lächelte Königen Geneva kalt. „Es freut uns, dass du der Einladung zum Ball von Prinzessin Cayenne gefolgt bist, nur ist dies nicht der passende Zeitpunkt für eine Unterredung.“
Xaverine, oder wie die hieß, beachtete die Königin gar nicht. Ihr arrogantes Lächeln galt allein mir. „Ihr solltet nur fortfahren, wenn Ihr wünscht dem Wahnsinn zu verfallen.“
„Was?“ Ich sah auf den Stein und wich noch in der gleichen Sekunde davor zurück. Nicht nur wegen ihren Worten, sondern auch wegen dem was ich glaubte gesehen zu haben. Und dann erinnerte ich mich auch noch an das letzte Gespräch mit meiner Mutter.
Der Ausdruck in Xaverines Gesicht bekam etwas Berechnendes. „Leukos Seele erkennt die Seinen und entlarvt die Täuscher. Den einen schenkt er Frieden, den anderen den Wahnsinn und wer sich seinem Urteil ergibt, kann niemals zurück.“
Genau das gleiche hatte doch auch Diego zu mir gesagt. Hieß das, ich musste diesen Spruch wörtlich nehmen?Ich schaute mich nach meiner Familie um, doch jeder einzelne von ihnen fixierte die Gräfin, wie eine Made, die man schnellstens zerquetschen sollte.
„Ein Täuscher findet keinen Frieden, er bekommt nur den Wahnsinn.“
Königin Geneva begann zu knurren.
„Das reicht jetzt“, sagte Isaac sehr leise. „Wenn du unsere Gastfreundschaft weiter in Anspruch nehmen möchtest, solltest du lernen wann es an der Zeit ist zu sprechen und auch wann man besser schweigt.“
Sie schwieg nicht, sie ignorierte die Majestäten einfach. „Prinzessin Cayenne“, sagte sie laut genug, dass ein jeder im Saal sie hören konnte. „Ihr seid unbestreitbar eine Nachfahrin des Königshauses, doch wer so frage ich Euch, ist Eure wahre Mutter?“
Es kostete mich mein ganzes schauspielerisches Talent in diese Moment keine Mine zu verziehen. Warum stellte sie mir diese Frage? Kannte sie die Wahrheit? Ich wagte es nicht zu Isaac zu schauen. „Prinzessin Alica.“
„So sagt man, ja.“ Ihre Lippen verzogen sich zu einer Karikatur eines Lächelns. „Ich jedoch wage zu behaupten, es ist die verstoßene Tochter, Celine.“
Damit löste sie unter den Gästen ein empörtes und ungläubiges Tuscheln aus.
„Sagt mir, Prinzessin, ist es wahr, dass Ihr das Blut eines Menschen in Euch tragt? Seid Ihr ein Misto?“
Eigentlich sollte es mir egal sein, ob die Wahrheit ans Licht kam. Leider steckte ich mittlerweile ein wenig zu tief drinnen, um einfach zurück zu können. Und dann war da auch noch meine Mutter. Ich wollte nicht wissen, was geschehen würde, sollte die Wahrheit ans Licht kommen. Deswegen konnte ich nur eines tun. „Menschenblut?“ Ich schnaube, als sei ich Gelaber das Lächerlichste, was ich seit langem gehört hatte. „Ich weiß nicht, wer ihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, aber meine Mutter ist ganz sicher keine Gesetzesbrecherin.“ Oh ja, für diese Lüge würde ich eines schönen Tages in der Hölle schmoren.
„Seid Ihr Euch da sicher?“
Plötzlich war die Luft um mich herum mit der Macht eines Alphas erfühlt. Aber nicht wie bei Kai, dieser hier war wirklich mächtig. Wahrscheinlich, weil sie von einem mächtig angepissten König kam. „Xaverine, du überschätzt mal wieder deine Stellung.“
Die Adligen, die dem Podest am nächsten standen, wichen, soweit es ihnen möglich war, zurück. Auch sie spürten diese furchteinflößende Macht. Aber im Gegensatz zu mir hatten sie Angst davor.
„Ich überschätze gar nichts.“ Die Gräfin wirbelte zum König herum. „Ich offenbare dem Rudel nur den Betrug der Thronräuber und hier ist der Beweis.“ Aus den Falten ihres wirklich hübschen Kleides zog sie ein Stück Papier und hielt es dann so, dass jeder Alpha ihn sehen konnte.
Verdammte Scheiße, das war der Stammbaum, auf dem ich herumgekritzelt hatte. Wie kam sie daran? Das letzte Mal hatte ich ihn im Hotel gesehen, als Lucy ihn in ihrer Hosentasche verschwinden ließ.
In diesem Moment eine neutrale Miene zu bewahren, war wirklich eine Meisterleistung.
„Nun, habt Ihr nichts mehr dazu zu sagen?“, fragte sie lauernd.
„Ich habe etwas dazu zu sagen“, erklang Sadrijas samtweiche Stimme. Langsam schritt sie das Podest hinunter, direkt auf die Gräfin zu. „Dies war eine ganz zauberhaft einstudierte Nummer, doch nun geht mir die Geduld aus. Du störst nicht nur die Feierlichkeiten, in deiner Gier nach dem Thron beleidigst du auch noch meine Schwester.“ Auch sie begann diese Macht zu verströmen.
Die Gräfin versuchte sich davon nicht beeindrucken zu lassen, doch als Sadrija vor sie trat, machte sie unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Damit ist jetzt Schluss.“ Eiskalt und ohne jede Vorwarnung, holte Sadrija aus und schlug Xaverine mit einer solchen Wucht ins Gesicht, dass diese mit einem Ausruf des Schmerzes zu Boden ging.
Selbst ich zuckte bei dem lauten klatschen zusammen und bemerkte dann schockiert die blutige Platzwunde an der Schläfe der Gräfin.
„Störst du die Zeremonie ein weiteres Mal, wirst du diesen Hof nicht mehr lebend verlassen“, sagte Sadrija eiskalt und plötzlich war mir klar, woher Sadrija ihren Spitznamen hatte.
Ich bekam eine Gänsehaut. Nicht wegen der Macht, die meine Cousine umspielte. Es war ihre Härte, die mich entsetzte. Ich glaubte keinen Moment, dass Sadrija Skrupel hätte ihre Worte wahr zu machen.
Xaverine tastete nach ihrer Schläfe und schaute dann auf das Blut an ihren Fingerspitzen. Ihre Wut ging in Wellen von ihr aus. „Eines Tages“, schwor sie, „werdet ihr alle für eure Vergehen bezahlen.“
„Treib es nicht zu weit“, sagte Sadrija leise.
Die Gräfin funkelte sie an und erhob sich dann mit all der Würde, die ihr geblieben war. Sie warf mir einen letzten Blick zu, wirbelte dann herum und schritt denn Mittelgang entlang, bis sie in der Menge des Foyers verschwand.
Während die Leute ihr hinterher schauten, hatte ich nur Augen für diesen Topas. Wenn ich das jetzt richtig verstanden hatte, konnte allein eine Berührung mich in den Wahnsinn treiben. Aber das war doch nur ein Gerücht, oder? Steine konnten sowas nicht. Andrerseits hätte ich vor kurzem auch nicht geglaubt, dass Menschen sich in Werwölfe verwandeln könnten.
Wieder musste ich an Mamas Reaktion denken, als sie von dem Leukos Seele gehört hatte.
Das gefiel mir immer weniger und als König Isaac sich mir dann wieder zuwandte und mit der Hand einladend auf den Topas zeigte, musste ich mich zusammenreißen, um nicht davor zurückzuweichen.
Ich spürte die Blicke der Anwesenden wie Nadelstiche auf der Haut. Wenn ich nicht auffliegen wollte, musste ich diesen Stein berühren.
„Meine Tochter“, sagte König Isaac sehr nachdrücklich. „Wir warten.“
Ich warf einen unsicheren Blick von ihm zu Kaidan. Sie würden mich das doch nicht machen lassen, wenn ich dadurch vor den Augen des Rudels dem Wahnsinn verfallen würde.
Oder?
Unsicher trat ich wieder an den Sockel heran und legte meine Hände links und rechts auf das Seidenkissen. „Ich bin ein Alpha“, sagte ich leise zu mir selber. „Kein Täuscher.“ Und damit legte ich trotz meiner Zweifel meine Fingerspitzen an den Topas.
Augenblicklich durchströmte mich … Macht. Sie explodierte in mir und fraß sich in jede Faser meines Körper. Ein Stöhnen floss über meine Lippen, aber nicht vor Schmerz oder Grauen. Dieses Gefühl war herrlich. Als mein Kopf in den Nacken fiel, schlossen sich meine Augen.
Mit einem mal waren meine Sinne um ein vielfaches geschärft. Da waren tausend verschiedene Gerüche in der Luft. Ich konnte sie beinahe schmecken. Ich hörte die Kleidung der Gäste rascheln und dann war da noch diese Melodie. Noch nie hatte ich sie so intensiv gespürt.
Hunderte von Stimmen flüsterten in meinem Geist. Kind des Mondes, murmelten sie. Immer wieder.
Tief in mir vergraben regte sich mein Wolf. Er hob den Kopf, gähnte, als sei er aus einem langen und tiefen Schlummer erwacht und blinzelte müde. Ich konnte spüren, wie seine Präsenz in mir wuchs und sich ausbreitete. Auf einmal fühlte sich alles ein wenig anders an.
Mir wurde schwindlig und in meinem Kopf begann sich alles zu drehen.
Ich riss die Augen auf und starrte direkt in die von König Isaac. Tief in meiner Kehle vibrierte ein Knurren, dass ihn dazu veranlasste eine Augenbraue zu heben.
„Seht“, sagte er leise mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen. „Der Alpha wohnt in ihre Augen.“
Ich drehte den Kopf zur Menge. Eine beinahe gespenstige Stille hatte sich über die Säle ausgebreitet. Die Leute starrten vor Ehrfurcht und Hochachtung zu mir hinauf. Eine Frau hatte sogar die Hand vor den Mund geschlagen und wurde ein wenig kleiner als ich sie direkt anstarrte.
Eine Bewegung neben mir erregte meine Aufmerksamkeit. Es war Kaidan, der an mich heran trat und sich lächelnd leicht verbeugte. Er wirkte ganz anders als bisher, viel … intensiver.
„Komm“, sagte er und reichte mir seine Hand.
Fast hätte ich wieder geknurrt. Ich war hier der Alpha, er hatte mir keine Befehle zu geben.
„Bitte“, fügte er etwas leiser hinzu.
Das besänftigte mich. Ich nahm die Hände vom Topas und augenblicklich schien die Welt um mich herum sich wieder ein wenig zu normalisieren. Ich blinzelte. Einmal. Zweimal.
Was zur Hölle war das gerade gewesen?!
„Nimm meine Hand“, murmelte er, ohne die Lippen zu bewegen.
Einen Moment war ich viel zu verwirrt, um zu widersprechen. Ich griff zu und ließ mich einfach von ihm mitnehmen.
Unter den respektvollen Blicken der Gäste, führte er mich vor den Sockel. „Prinzessin Cayenne!“, verkündete er mit lauter Stimme. „Alpha des Rudels der Könige!“
Beifall brach los. Für einen Moment wurde es so laut, dass ich mir fast die Ohren zugehalten hätte. Aber langsam begann mein Hirn wieder richtig zu arbeiten. Nicht dass das meiner Verwirrung ein Ende setzte. Ich konnte mir noch immer nicht erklären, was da gerade geschehen war und da ich von allen Seiten angegafft wurde, konnte ich auch nicht fragen.
Tu einfach so, als wäre alles in Ordnung. Was anderes blieb mir ja auch gar nicht übrig.
Von der Seite her trat Prinzessin Alica an mich heran und reichte mir lächelnd einen kunstvoll verzierten Handspiegel.
Nur zögernd nahm ich ihn zur Hand und schaute dann hinein.
Ach du … meine Augen! Das waren nicht meine Augen, das waren die Augen eines Wolfes! Vor Schreck hätte ich fast den Spiegel fallengelassen.
„Bleib ganz ruhig“, murmelte Kai, der meine gesteigertes Herzklopfen wohl bemerkte. „Das geht vorbei und jetzt kommt.“
Kommen? Ach ja, jetzt musste ich ja tanzen. Gott, wie sollte ich das in meinem Zustand nur hinbekommen?
Nervös und irgendwie losgelöst, gab ich Alica den Spiegel zurück und ließ mich dann unter dem Applaus der Gäste von Kaidan das Podest hinunter führen. Unten ging es nach rechts zwischen den Säulen hindurch in den Tanzsaal. Er war dreimal so groß wie der Thronsaal, aber ansonsten fast gleich aufgebaut. Nur gab es hier noch sehr große Fenster und eine öffne Glastür, die hinaus in den Garten führte und den sommerlichen Abendwind hinein ließ. Und ein kleines Orchester, dass bei meinem Eintritt zu spielen begann.
Das Prinzchen brachte mich direkt in die Mitte der Tanzfläche, so dass alle umstehenden es auch sehen konnten, sollte ich ihm auf den Fuß latschen.
„Ganz ruhig“, flüsterte er, als er sich vor mich in Position brachte. „Wir haben das Stundenlang geübt, du kannst das.“
„Wenigstens einer von uns ist zuversichtlich.“ Auch ich machte mich bereit, doch irgendwie konnte ich mich nicht richtig konzentrieren. All die Gerüche und Geräusche um mich herum waren so viel intensiver als sonst. Das war irritierend.
„Cayenne“, sagte er leise, als mein Blick abzuschweifen drohte. „Konzerntrier dich auf mich. Diese Sinnesüberreizung geht vorbei.“
„Gut zu wissen“, murrte ich und dann übernahm Kai die Führung uns setzte uns beide in Bewegung. „Was das bei dir auch so?“
Lächelnd nickte er und drehte mich herum. „Sadrija hat bei ihrer Einführung sogar Großvater gebissen. Ihm fehlt noch immer ein Stück im im linken Oberarm.“
Ich verzog so angewidert das Gesicht, dass Kaidan leise lachte. Aber mal ehrlich, das war doch auch widerlich. „Warum passiert das?“
„Das sind die Instinkte. Ein Alpha behauptet seine Stellung.“
Tolle Erklärung.
„Und übriges“, flüsterte er weiter, während wir übers Paket schwebten. „Wie du im Thronsaal reagiert hast, war einfach vorbildlich.“
„Nein, das war es nicht.“ Mein Ton ließ keinen Widerspruch zu. Ich hatte nicht nur gelogen, ich hatte auch noch meine Herkunft verleugnet und das nur, weil ich dazu gezwungen gewesen war. Wenn das irgendwann rauskam, wollte ich nicht in meiner Haut stecken.
Zu meiner eigenen Überraschung, schaffte ich den Walzer ohne mich bis auf die Knochen zu blamieren. Bis auf einen kleinen Patzer, den Kaidan einfach kaschierte, blieb der Tanz fehlerfrei. Ich glitt anmutig über die ganze Tanzfläche und schaltete alles um mich herum aus. Die Gäste, meine Familie, diesen Ort.
Auf einmal drehte Kaidan mich herum, trat einen Schritt zurück und ließ mich einfach los.
Äh … okay, das hatten wir aber nicht geübt. Irritiert schaute ich ihm nach, doch dann hörte ich Knurren und Kläffen und als mich danach umsah, strömte ein großer Haufen Wölfe durch die offene Glastür in den Saal.
Sie umkreisten Kai und mich, heulten und sprangen und blieben dann ganz plötzlich stehen. Die Musik verstummte, die Gäste schwiegen, die Wölfe starrten mich erwartungsvoll an.
Ähm …
Ich blickte von einem zum anderen und entdeckte zwischen ihnen auch Sydney. Unwillkürlich begann ich zu lächeln.
Er gab ein leises Fiepen von sich, genau wie ein paar der anderen.
Unsicher schaute ich zu Kaidan. Der grinste nur, legte dann den Kopf in den Nacken und begann wie ein Wolf zu heulen.
Okay, das war … schräg. Und doch hatte ich auf einmal das Bedürfnis, auf genau die gleiche Art zu Antworten. Ach, was soll's, andere Länder, andere Sitten und es war ja auch nicht so, als hätte ich das nicht schon mal getan. Also antwortete ich seinem Ruf.
Vor Freude fingen die Wölfe um uns herum an zu hüpfen und zu tanzen. Sie drehten sich, sprangen, wiegten den Kopf und umkreisten uns. Mit Verblüffung bewunderte ich die Eleganz, die sie dabei zustande brachten. So etwas hatte ich noch nie gesehen und nie geglaubt, dass es so etwas geben könnte.
Die Wölfe schritten auf mich zu, dann rückwärts von mir weg und drehten sich um die eigene Achse. Dann liefen sie links um mich herum, sprangen dabei in die Luft, und heulten kurz auf. Ich war davon so fasziniert, dass ich kaum bemerkte, wie ich mich in ihren Kreis einreihte und begann mit ihnen zu tanzen.
Intuitiv ahnte ich ihre Bewegungen und tat es ihnen gleichen. Die Wölfe freuten sich darüber so sehr, dass sie gleich etwas wilder wurden.
Nach einer Drehung bemerkte ich, dass auch Kai einem Platz in dem Kreis gefunden hatte und sogar Prinz Manuel und Königin Geneva reihten sich lachend ein.
Die Musik setzte wieder ein. Wild und ungezügelt.
Ich gab mich dem Rhythmus hin, wiegte mich und wirbelte herum. Immer wieder streifte ich unabsichtlich und absichtlich ihre Felle. Ich fühlte mich, als sei ich in Trance. Als Sydney plötzlich neben mir stand, tanzte ich einmal um ihn herum und vergrub einen Augenblick meine Hände in seinem Pelz.
Erst als die Musik schlagartig endete, die Wölfe plötzlich herumwirbelten und genauso schnell in den Garten verschwanden, wie sie aufgetaucht waren, schien ich wieder zu erwachen.
Als ich ihnen nachsah, hörte ich Sydneys Stimme in meinem Kopf. „Die Anmut einer Elfe und die Schönheit eines Engels. Tag und Nach sind in Euch vereint. Ihr seid heute Nacht das außergewöhnlichste Wesen, das durch diesen Saal tanzt.“
Plötzlich wurde mir ganz anders. Eine tiefe, innere Ruhe machte sich in mir breit und ich fühlte mich einen Moment einfach nur glücklich.
„Seid unser Stern“, flüsterte Sydney und verschwand dann auch hinaus in die Nacht. „Führt uns in der Dunkelheit.“
Als Kai neben mich trat und mir seinen Arm reichte, schaute ich den Wölfen noch immer hinterher. „Komm, gehen wir, es gibt ein paar Leute, die dich kennenlernen wollen.“
Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen und wie schon schon nach kurzer Zeit herausstellte, hatte ich auch allen Grund dazu. Das waren nicht nur ein paar Leute, das war praktisch jeder Anwesenden, die, wie ich schnell feststellte, alles Betas waren.
Ich musste Hände schütteln – viele. Die Namen der Leute folgten in einer so schnellen Abfolge, dass ich sie schon wieder vergaß, kaum dass ich sie gehört hatte und irgendwann war ich so genervt, dass ich am liebsten schreiend davon gelaufen wäre.
Leider schienen die Leute es als große Ehre zu empfinden, mir ganz persönlich „Hallo“ sagen zu können, doch als dann auch noch ein Fotograf auftauchte und Kai in dem ganzen Chaos verloren ging, verkündete ich höflich, dass ich mal eine Pause brauchte und verdrückte mich unauffällig an einen Tisch im anderen Saal.
Dort konnte ich alles aus sicherer Entfernung betrachten und immer wenn jemand tapfer genug war sich mir zu näheren, nicke ich ihm höflich zu, gab aber zu verstehen, dass ich kein Interesse daran hatte, mir den Tisch mit ihnen zu teilen.
Ich sehnte Lucy und Diego herbei, doch außer ein paar Wächtern, die unauffällig an den Wänden standen und mehrerer Kellner, die von einem Tisch zum nächsten flitzten, konnte ich niemanden vom Personal entdecken.
Neben mir wurde ein Stuhl unterm Tisch hervorgezogen. Ich bemerkte es erst, als der Mann in dem teuren Anzug bereits dabei war sich zu setzen. Groß war er, attraktiv und mindestens doppelt so alt wie ich. Das rote Haar trug er modern und die grünen Augen funkelten mich vergnügt an. Leider wirkte dieser Blick ein wenig arrogant.
Höfflich bleiben, mahnte ich mich mal wieder, denn dieser Teil in mir, der rebellieren wollte, brüllte immer lauter. „Ich wüsste nicht, dass ich Sie an meinen Tisch gebeten hätte.“
Er lächelte mich mit einer Reihe perlweißer Zähne an. „Ich bin bisher noch nicht dazu gekommen, Eure Bekanntschaft zu machen. Da sah ich Euch hier ganz alleine sitzen und dachte bei mir, es ist an der Zeit dies nachzuholen.“
Na toll, noch mehr Händeschütteln. Bald bekomme ich einen Krampf im Arm. „Gut gedacht.“ Bloß echt schlechtes Timing, fügte ich in Gedanken hinzu und sah mich nach Kai um, in der Hoffnung ihm einen stummen Hilfeschrei senden zu können.
Der Mann neigte höflich seinen Kopf und reichte mir dann die Hand. „Markis Jegor Komarow.“
„Freut mich ihre Bekanntschaft zu machen, Markis Komarow.“ Hilfe!
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“
Schleimer. „Und, amüsieren Sie sich auf meinem Ball?“
„Ja, sogar ganz vorzüglich, danke der Nachfrage. Das Essen ist exquisit und die Unterhaltung bemerkenswert. Besonders gut hat mir der Tanz der Wölfe gefallen.“ Mit einem Lächeln lehnte er sich mir leicht entgegen. „Und wenn ich das bemerken dürfte, Eure Darbietung war eindrucksvoll. Eine Göttin hätte kaum anmutiger sein können.“
Einer Göttin? Wollte der mich anmachen, oder was? Wie eklig war das denn? Ich meinte, als Sydney so etwas Ähnliches gesagt hatte… gedacht, wie auch immer, klang das ehrlich, aber bei diesem Kerl, wirkte es einfach nur aufdringlich. „Ähm, danke“, brachte ich nach kurzem Zögern heraus und suchte erneut mir den Augen nach Kai, aber da waren so viele Leute, dass er in diesem Meer einfach unterging.
„Gern geschehen und wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, ich habe einen Sohn in Eurem Alter, der sich sicher geehrt fühlen würde, wenn Ihr ihm einen Tanz gewähren würdet.“
Aha! Nun war mir klar, was er wollte. Er wollte mich nicht angraben, sondern mir seinen Sohn schmackhaft machen. Das konnte er vergessen. An einer jüngeren Ausgabe von Markis Schleim hatte ich kein Interesse.
„Ihr müsstet ihn nur rufen lassen“, fügte er mit einem seltsam hinterhältigen Ausdruck in den Augen hinzu.
Von wegen, als wenn ich das tun würde. Ich biss mir fast die Zunge ab, um die Worte die darauf lagen, am rauskommen zu hindern. Immer höflich bleiben, mahnte ich mich mal wieder. „Bei Gelegenheit komme ich sicher darauf zurück, aber im Moment fühle ich mich noch vom letzten Tanz ein wenig erschöpft.“ Das war natürlich gelogen, aber was hätte ich sonst sagen sollen?
„Das kann ich natürlich verstehen“, räumte Markis Komarow großzügig ein. „Vielleicht würde mein Sohn sich aber auch freuen, wenn Ihr ihn einfach an Euren Tisch bitten würdet.“
Das nannte ich mal hartnäckig und wenn ich ehrlich war, wusste ich nicht so recht, wie ich ihn abwimmeln sollte, ohne dass er es als Beleidigung auffassen würde. Ich machte mich schon darauf gefasst, gleich mit der jüngeren Version dieses Schleimers klarzukommen, als ich endlich Kai im Gespräch mit Marschall Soundso entdeckte.
Er schien von dem Mann gelangweilt und ließ seinen Blick ebenfalls durch die Menge schweifen. Dann entdeckte er mich mit meinem Tischnachbarn und ein Anflug von Ärger huschte über sein Gesicht. Noch bevor ich ihn mit meinen Blicken um Hilfe bitten konnte, kam er bereits mit langen Schritten auf mich zu.
„Was sagt Ihr dazu Prinzessin Cayenne?“, forderte der Markis meine Aufmerksamkeit zurück.
Ich lächelte so überheblich, wie er es die ganze Zeit getan hatte. „Ich fürchte, ich muss ihre Bitte ablehnen.“
Ärger glomm in seinen Augen auf, aber so schnell wie er kam, verschwand er auch wieder. „Das ist wirklich schade. Der Junge ist nett und würde sich bestimmt freuen, Eure Bekanntschaft machen zu dürfen.“
Ja, das konnte ich mir vorstellen. Genau wie alle anderen auf diesem Ball, die sich ein Bein ausrissen, um wenigstens fünf Sekunden meine Hand schütteln zu dürfen. Die übertreiben es hier maßlos mit ihrer Heldenverehrung. „Vielleicht ein anderen Mal.“
„Warum nicht jetzt?“
Eines musste man ihm lassen, er gab definitiv nicht so schnell auf. Er war wie eine Zecke, die sich festsog und erst wieder von einem abließ, wenn sie bekommen hatte, was sie wollte. Zum Glück blieb mir eine Antwort erspart, denn endlich tauchte Kai neben mir auf. Er beachtete mich gar nicht, sondern wandte sich direkt an meinen unerwünschten Tischnachbarn.
„Markis Komarow, könnte ich Sie wohl einen Augenblick sprechen?“ Ein merkwürdig drohender Unterton, schwang in seiner Stimme mit.
Der Markis schien nicht gewillt zu sein, der Aufforderung nachzukommen. Kais Auftauchen schien ihn regelrecht zu verärgern. Und doch kam ein höfliches „Natürlich“ über seine Lippen, bevor er sich von seinem Stuhl erhob. „Es war mir eine Ehre Euch kennenlernen zu dürfen“, sagte er noch zu mir und verbeugte sich leicht. Dann folgte er dem Prinzchen in Richtung Thronsaal. Schon nach kurzer Zeit verlor ich beide aus den Augen.
Aber ich blieb nicht lange allein. Es dauerte zwar ein paar Minuten, in denen ich nichts anders zu tun hatte, als weiter meine Umgebung zu beachten, doch dann tauchte Kaidan wieder auf und nahm mir gegenüber am Tisch Platz.
„Danke“, sagte ich, noch bevor er sich richtig hingesetzt hatte. „Das war Rettung in letzter Sekunde.“
Kai schmunzelte. „Du brauchst dich nicht bedanken, das war doch selbstverständlich.“
„Nun, wenn das so selbstverständlich war, dann sollte ich mich wohl lieber bei dir beschweren, dass du einfach verschwunden bist und mich allein gelassen hast.“
„Nein, dann bedanke dich lieber bei mir.“
„Dachte ich mir.“ An den Säulen zum Thronsaal sah ich Xaverine mit diesem einen Rekruten aus dem Wald sprechen. Wie hieß der noch gleich? Irgendwas mit O. Na da hatten sich ja zwei gefunden. Er war mir genauso unsympathisch gewesen, wie sie.
„Du bist so still.“ Forschend sah Kai mir ins Gesicht.
„Was? Hast du nicht geglaubt, dass meine vorlaute Klappe eine Schließfunktion besitzt?“
Er lächelte über meine ihm so fremde Aussprache. „Nein, natürlich nicht. Ich frage mich nur, woran du denkst. Das alles muss doch ziemlich überwältigend für sich sein.“
Überwältigend, nervtötend, ermüdend, wie auch immer. „Ich hab gerade über Xaverine nachgedacht.“ Als ich wieder zur Säule schaute, war sie verschwunden. Ja, der Typ war ja auch ein wenig jung für sie.
Kai verzog das Gesicht. „Vergiss sie. Sie ist nur eifersüchtig.“
„Auf mich?“ Warum sollte sie auf mich eifersüchtig sein? Bis zum heutigen Tag hatte ich nicht Mal gewusst, dass sie existierte.
„Auch“, erwiderte er. „Auf dich, auf mich, auf alle Alphas.“
„Tja, so viel Macht bringt Neider hervor.“
Er öffnete sei Jackett und lehnte sich dann ganz entspannt zurück. „Das Ganze ist schon ein wenig komplizierter.“
Uh, kompliziert war nie gut. „Warum?“
Kai seufzte, als wäre er es leid, sich mit Xaverine und ihren Eskapaden auseinander zu setzen. „Xaverine ist unsere Großcousine, die Tochter von Prinz Christopher.“
Verwirrt verzog ich die Augenbrauen. Von einem Prinz Christopher hatte ich noch nichts gehört. „Wer ist das?“
„Würde er noch leben, wäre er heute der König. Er war Großvaters älterer Bruder.“
„War? Das heißt er ist tot?“
„Ja.“ Kai nickte. „Als älterer Bruder war er der rechtmäßige Thronfolger seiner Generation. Aber er starb bei einem Jagdausflug und somit verschob sich die Folge und die Titel der Nachkommen.“
Moment, war das etwa der Thronfolger, der am verwunschenen Weiher tot aufgefunden wurde? Okay, dieser Ort wurde immer grusliger. „Was meinst du mit Folge und Titel?“
„Pass auf. Das Anrecht auf den Thron hat immer der Älteste der jüngsten Generation, sobald dieser die Volljährigkeit erreicht hat. Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr war Mutter die amtierende Thronfolgerin. Wenn du jetzt ein Kind bekommen würdest, würde er oder sie in achtzehn Jahren zum Thronfolger ernannt werden und mich damit ablösen.“
Ich nickte, soweit hatte ich das verstanden.
„Der Thron kann nur von jenen bestiegen werden, der das Blut eines Alphas in sich trägt. Du musst wissen, das Blut eines Alphas birgt große Kraft in sich.“
Ah, jetzt verstand ich endlich das Ding mit der Blutfolge. „Das heißt ohne Blut, kein Thron“, folgerte ich.
„Genau. Und da Großonkel Christopher gestorben ist, bevor sein ältestes Kind die Volljährigkeit erreicht hatte, ging die Pflicht der Regenten auf den Nächstältesten in seiner Generation über.“
„Also König Isaac“, vermutete ich. Er saß ja schließlich auf dem Thron.
Kai nickte. „Und das ist der Grund, warum Xaverine die Zeremonie unterbrochen hat. Sie glaubt, dass sie die rechtmäßige Erbin des Throns ist.“
„Weil eigentlich ihr Vater hätte König sein sollen.“
„Genau. Sie ist zwar noch immer von Adel, doch alle Nachkommen dieses Zweiges wurde die Königswürde aberkannt – die steht nämlich nur den direkten Nachfahren des amtierenden Alphas zu.“
„Das heißt“, fasste ich zusammen. „Würde unser König Christopher heißen, wärst du kein Prinz und ich keine Prinzessin?“
„So ist es.“
Na hatte ich mal wieder ein Glück. Nur weil dieser Christoper tot war, musste ich mir jetzt mit dem ganzen Mist herumplagen. Dabei würde ich die Königswürde liebend gern an Xaverine abtreten.
Macht, Ansehen und Reichtum waren zwar schon verlockend, aber die Verantwortung die mit diesem Posten einherging war enorm. Oh nein, das war absolut nichts für mich. „Das heißt dann, dass du der nächste König wirst und ich aus dem Schneider bin“, führte ich meine Überlegung fort.
„Nein.“
„Was?“ Sollte das etwas heißen … „Ich muss auf den Thron?“
Der entsetzte Ausdruck in meinem Gesicht ließ Kardan schmunzeln. „Nein, das meinte ich damit nicht. Was ich sagen wollte, es ist höchst unwahrscheinlich, dass ich oder einer aus unserer Generation jemals den Thron besteigt.“
Nun verstand ich gar nichts mehr. „Aber du bist doch der amtierende Thronfolger.“
„Ja, das ist richtig“, räumte er ein. „Wenn Großvater heute Nacht sterben würde, säße ich als nächstes auf dem Thron, aber da er noch jung ist, wird es noch bestimmt zwei bis drei Generationen dauern, bis das Rudel einen neuen Regenten hat.“
„Drei Generationen?“ Das wären dann also unsere Urenkel. „Wie alt ist er denn?“
„Erst neunundachtzig.“
„Erst?“ Ich konnte das nicht glauben.
Kais Lächeln wurde breit. „Du musst daran denken, dass wie keine Menschen sind. Ein Lykaner wird im durchschnitt doppelt so alt.“
Stimmt. Das vergaß ich irgendwie immer.
„Du siehst also, wir werden unser Leben mit den Titeln Prinz und Prinzessin verbringen.“
Was in meinen Ohren auch nicht gerade viel besser klang. „Kann ich meinen Platz nicht einfach abtreten? Xaverine ist doch sowieso ganz scharf darauf.“
„So einfach ist das nicht. Zwar trägt sie das Blut unserer Ahnen in sich, aber dadurch das die Folge sich geändert hatte, würde Leukos Seele ihr die Königswürde verwehren.“
„Leukos würde sie als Täuscher ansehen“, sagte ich in Erinnerung an den Zwischenfall.
Er nickte.
„Er würde sie – wie hat sie das ausgedrückt? – in den Wahnsinn treiben.“ Und dass er das konnte, davon ging ich mittlerweile aus. Ich hatte vorhin selber gespürt, wie ich … anders wurde.
Sein Blick verdunkelte sich. „Wer nicht würdig ist, wird zu einer wahnsinnigen Bestie, die nur durch ihren Tod aufgehalten werden kann.“
Gänsehaut machte sich auf meinen Armen breit. Eine Frage bildete sich in meinem Kopf. „Hätte der Topas mich in den Wahnsinn treiben können?“
„Das wäre durchaus möglich gewesen.“
Er sagte das einfach so. Es verschlug mir die Sprache.
„Aber wir alle waren uns sicher, dass der Stein dir das Amt nicht verweigern würde. Du bist ein geborener Alpha.“
Meine Augen verengten sich zu schlitzen. „Wie sicher? Sicher wie Hundert Prozent, oder sicher wie, es wird schon alles klappen?“
Er ließ sich nicht einschüchtern. „Es ist doch alles gut verlaufen. Das ist das einzige was zählt.“
„Wie bitte?!“ Ich glaubte nicht was ich da hörte. „Es bestand das Risiko, dass ich dem Wahnsinn verfalle und alles was dir dazu einfällt ist, dass doch alles gut verlaufen ist? Was wäre passiert, wenn die Seele mich abgelehnt hätte? Hättest du meinem Leben einfach ein Ende gesetzt?“
„Ja“, sagte er mit fester Stimme. „Gewiss hätte es mich mit Trauer erfühlt, aber ich wäre sofort bereit gewesen, dich zu töten, um das Rudel zu schützen.“
Und da wurde mir bewusst, warum meine Mutter bei unserem Telefonat so reagiert hatte. Was ich aber nicht verstand war, warum sie es mir nicht erzählt hatte. Kannten diese verdammten Geheimnisse, Lügen und Halbwahrheiten den gar kein Ende? Warum nur spielten die Leute immerzu mit meinem Leben?
„Du musst verstehen, mit der Macht kommt auch sie Verantwortung. Ich hätte nicht zulassen können, dass du das Rudel bedrohst.“
„Aber ihr habt mir aufgezwungen!“, fauchte ich ihn an und spürte diese unterschwellige Wut wieder in mir brodeln. „Ich wollte diese Macht nie!“
„Das ist egal“, sagte er völlig ruhig. „Es zählt nicht was du willst, es zählt auch nicht was ich will. Das einzige was von Bedeutung ist, ist das, was für das Rudel am Besten ist.“
„Natürlich, alles für das Rudel“, spottete ich und erhob mich von meinem Stuhl, bevor ich noch auf die Idee kam, ihn den Hals umzudrehen. „Wenn du mich entschuldigen würdest, ich brauche mal frische Luft.“ Ich wartete gar nicht erst auf eine Erwiderung. Sollte dieser Mistkerl doch einfach zur Hölle fahren.
°°°
Ich zitterte. Mein Körper bebte geradezu. Nicht weil mir kalt war, oder ich Angst hatte, ich war einfach fürchterlich wütend. Ich könnte tot sein!
Sie zwangen mich aufs Schloss, sie zwangen mich zu lügen, sie zwangen mich zu jemanden zu werden, der ich nicht sein wollte. Und dann verdammt noch mal, riskierten sie mein Leben, ohne mir dir geringste Warnung zukommen zu lassen.
Ja verdammt, ich war Stinksauer!
Ich saß im Gras, irgendwo versteckt im Labyrinth und nicht mal das Lied des Mondes schaffe es mich zu besänftigen. Und das, obwohl es nur noch eine knappe Woche bis zum nächsten Vollmond war. Wahrscheinlich wäre ihnen mein Tod auch noch gelegen gekommen. Dann wäre das ungewollte Familienmitglied endlich aus dem Weg und sie könnten in aller Ruhe zur Tagesordnung zurückkehren.
Gott, langsam begann ich sie wirklich zu hassen.
Warum hatte Mama mich nicht gewarnt? Hätte sie nur einen Ton gesagt, wäre ich schreiend in die andere Richtung gelaufen. Was sollte das? War ich ihr plötzlich nichts mehr wert? Oder hatte sie mich mittlerweile einfach abgeschrieben?
Langsam bekam ich das Gefühl, dass es hier niemanden mehr gab, auf den ich mich verlassen konnte. So allein hatte ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt.
„Darf ich zu Euch kommen?“
Mein Blick huschte zur Seite. Sydney stand ganz ruhig da und beobachtete mich. „Ich weiß nicht, ob ich gerade so eine gute Gesellschaft bin.“ Selbst Lucy und Diego hielten sich gerade von mir fern, nachdem ich sie angefaucht hatte. Sie hatten gesagt, dass sie nichts davon gewusst hatten, aber ich war mir nicht sicher, ob ich ihnen das glauben konnte. Nachdem was alles geschehen war … das Vertrauen zwischen uns hatte einfach gelitten.
Sydney kam langsam näher. Er hielt den Kopf geduckt, als würde er meine Wut spüren. „Warum seid ihr so erzürnt?“
Ich lachte freudlos. „Weil das immer noch besser ist, als sich in einen Wasserfall zu verwandeln.“ Schließlich sagten doch immer alle, ich dürfte keine Schwäche zeigen.
Mein Mentor bewies mehr Mumm, als ich ihm zugetraut hätte. Er kam nicht nur noch näher, er legte sich auch direkt vor mich und begegnete mir mit seinem ruhigen Blick. „Wollt Ihr mir davon erzählen?“
Wollte ich? Meine Augen verengten sich leicht. „Hast du gewusst, dass ich von Leukos Seele wahnsinnig werden kann?“
„Ja.“ Direkt und ohne Umschweife. Meine Wut kochte wieder hoch, doch dann neigte er den Kopf leicht zur Seite und runzelte die Stirn – ja, wie es aussah, konnten Wölfe das auch. „Hat man Euch davon nicht in Kenntnis gesetzt?“
„Nein.“ Das war mehr ein Knurren, als alles andere.
Einen Moment schaute er mich nur an, als müsste er diese Antwort selber verdauen, dann legte er die Ohren an. „Sie haben Euch im Unklaren gelassen?“, fragte Sydney empört. „Das hätten sie nicht tun dürfen.“
Schön das es hier wenigstens eine Person gab, die das genauso sah wie ich. „Egal, vergiss es, ich will nicht darüber sprechen.“ Sonst würde ich wegen dieser ganzen Scheiße vielleicht doch noch anfangen zu heulen.
„Wollt Ihr dann vielleicht über etwas anderes sprechen?“
Ich zuckte mir den Schultern. „Keine Ahnung.“
Wieder schaute er mich prüfend an. „Wir haben heute zwar keinen Unterricht, aber vielleicht sollten wir uns trotzdem ein wenig in den Mondschein legen. Sein Licht wirkt beruhigend auf Körper und Geist.“Als ich nicht reagierte, stupste er mir gegen den Arm. „Kommt, legt Euch zu mir und vergesst, was Euch so aufwühlt.“
„Der war gut“, murmelte ich, kam seiner Aufforderung aber nach und kuschelte mich an ihn. Als wenn ich das so einfach vergessen konnte. „Sie hätten mein Leben einfach weggeworfen.“ Als wäre es völlig wertlos.
Er drehte den Kopf herum. „Ich weiß, das ist nicht Tröstlich, aber ich habe nie daran gezweifelt, dass Leukos euch akzeptieren wird.“
Nein, tröstlich war das wirklich nicht. Und doch berührte es mich.
Ich zog die Beine an und kuschelte meinen Kopf an seinen warmen, weichen Körper und vergrub die Hand in seinem Fell. Allein die Tatsache, dass ich ihn nie anders als ein Wolf gesehen hatte und mir kein menschliches Bild von ihm machen konnte, erlaubte es mir, so unbefangen mit ihm umzugehen. Er mochte mein Mentor sein, aber gerade jetzt war er für mich nur ein Tier und obgleich mir Elvis lieber gewesen wäre, konnte man sich mit Sydney eindeutig besser unterhalten.
Oh Gott, wie ich diesen sturen Kater vermisste.
Das Plötzliche Heimweh, nahm mir fast die Luft zum atmen.
„Was habt Ihr?“
Ich bemerkte, dass meine Hand sein Fell wie einen Rettungsanker festhielt und zwang mich dazu meine Finger zu lösen. „Nichts“, sagte ich tonlos und fuhr mit den Fingern vorsichtig durch sein Fell. „Erzähl mir was.“
„Was möchtet Ihr den hören?“
„Keine Ahnung, irgendwas.“ Hauptsache ich entkam meinen eigenen Gedanken.
Sydney legte seinen Kopf auf meine Beine. „Wenn Ihr tanz, dann seid Ihr anders.“
„Wie meinst du das?“
Unter seinem tiefem Atemzug, hob sich sein Brustkorb. „Ich sehe Euch seit dem Tag Eurer Ankunft. Ihr seid missmutig und unzufrieden. Selbst unter Eurem Lächeln verbirgt sich Wut. Doch heute Abend, beim Tanz der Wölfe, da wart Ihr eine Rose in einer Wüste. Ihr habt gestrahlt wie die Sonne und wart lebendig wie das Wasser. Heute Abend habe ich zum ersten Mal die echte Cayenne gesehen.“
Ach, die existierte noch?
„Und ich muss zugeben, dass ich dieses lebensfrohe Wesen, dem wütenden Sturm vorziehe, der in Euch tobt.“
„Ich habe allen Grund wütend zu sein.“
„Ich werde mich hüten und das Gegenteil behaupten, doch eine Rose besteht nicht allein aus Dornen. Sie beschützen nur den zarten Kelch.“
Seine Worte waren samtweich und berührten etwas in mir. „Bist du jetzt auch noch ein Poet?“
„Nein, dies gehört einfach zu meiner Arbeit als Historiker.“ In seine Stimme schwang ein Schmunzeln mit.
„Was hat das denn mit Historik zu tun?“
„Ich bin kein Historiker im eigentlichen Sinne. Meine Aufgabe bei Hofe besteht darin, die königliche Geschichte festzuhalten. Ich fasse das Leben der Majestäten für die Nachwelt in Worte.“
Ah, also war er ein kleiner Schreiberling.
„Ist das nicht ziemlich viel Arbeit? Ich meine, die Familie besteht aus fünf, oder sechs …“
„Zehn“, warf er ein. „Mit Euch sogar elf.“
„Meinetwegen auch elft Leuten. Wie kommst du da noch hinterher? Du kannst dich doch nicht teilen.“
Sydneys Brust bebte unter meiner Hand. „Im Hof gibt es mehr als nur einen Historiker. Ich bringe nur Prinzessin Sadrijas Geschichte zu Papier.“
Oh je, armer Sydney. „Besonders viel musst du bei der Eisprinzessin ja wohl nicht schreiben. Kein Wunder also, dass du deine Zeit mit mir vertrödeln kannst.“ Keine Ahnung warum ich plötzlich so biestig wurde. Es ärgerte mich irgendwie, dass er nicht über mich schrieb. Wer Worte wie er mit Magie tränken konnte, sollte lieber über ein interessanteres Forschungsobjekt haben. „Mit mir kann sie jedenfalls nicht mithalten.“ Ich sah ihn an und merkte sofort die Veränderung. Seine Ohren waren leicht angelegt und Augen sprühten Funken. „Was ist denn los?“
„Woher kennt Ihr diesen Namen?“
„Welchen Namen?“
„Mit dem Ihr gerade Prinzessin Sadrija bedacht habt.“
Eisprinzessin. Warum machte er darum so ein Aufhebens? „Ich hab ihn irgendwo aufgeschnappt.“ Wo behielt ich lieber für mich.
„Zufällig bei Umbra Diego oder Umbra Luciela?“
Na toll, jetzt war er auch noch Hellseher, oder was? Den tadelnden Unterton in seiner Stimme beachtete ich gar nicht. „Und wenn es so ist?“
Sydney kniff seine Augen zusammen. „Passt gut auf, wen gegenüber Ihr diesen Namen erwähnt, wenn Ihr nicht wollt, dass Eure Freunde in Schwierigkeiten geraten.“
Ich musste den Impuls unterdrücken, ihn anzuknurren. Mein Gott, was war heute nur mit mir los? „Was soll das werden, eine Drohung?“
„Eine Warnung.“ Er hielt meinen Blick fest. „Was glaubt Ihr, was passiert, wenn die Prinzessin von ihrem Spitznamen erfährt?“
„Sie wird angepisst sein.“
Sydneys Kopf schwang hin und her. „Nein. Sie wird nach dem Urheber suchen und ihm wegen diesem beleidigenden Namen bestrafen.“
„Wegen einem blöden Namen?“ Das wäre doch ein wenig übertrieben. Andererseits hatte ich vorhin in der ersten Reihe gestanden, als sie auf meine Großtante losgegangen war.
„Ihr müsst endlich verstehen, dass unter und Lykanern vieles anders ist als in der Welt der Menschen. Es mag in Euren Augen grausam erscheinen und vielleicht ist es das auch, aber dies ist nun einmal unsere Mentalität. Unter Wölfen galt schon immer das Gesetz des Stärkeren. Wenn die Prinzessin ihre Herrschaft behalten möchte, muss sie dafür sorgen, dass niemanden sie in Frage stellt.“
„Fressen und gefressen werden.“
„So könnte man es auch sehen.“ Sydney seufzte. „Ich kann nicht verhindern, dass Umbra Diego und Umbra Luciela mit Euch über Dinge sprechen, die besser unter den Bediensteten bleiben, daher …“
„Diego und Lucy sind keine Bediensteten, sie sind meine Freunde.“ Das war ein Punkt, von dem ich niemals abrücken würde.
„Und genau dort liegt das Problem“, erwiderte er ruhig. „Ich bitte Euch nur, behaltet solche Dinge für Euch. Kein Wort zu Prinz Kaidan, oder einem anderen aus der Familie.“
„Weil sonst Köpfe rollen werden.“ Ich seufzte. „Langsam habe ich das Gefühl, du bist hier der einzige normale Mensch.“ Naja, so mehr oder weniger.
„Normale Lykaner“, korrigierte Sydney mich mit einem Lächeln in der Stimme. „Nicht Mensch.“
„Was bitte soll an Lykanern normal sein? Allein die Tatsache das sie existierten ist abnormal.“
„Nicht wenn man unserer Evolutionsgeschichte glaubt.“
„Was, Werwölfe haben ihre eigene Evolutionsgeschichte?“
Er schmunzelte über meinen verdutzen Ton. „Aber natürlich, hat die nicht jedes Volk?“
Keine Ahnung, gut möglich. „Und wie sieht die Geschichte der Werwölfe aus? Hat sich ein Mensch mit einem Wolf gepaart und Kinder bekommen?“
Seine Augen funkelten vergnügt. „Nein. Die Legende der Werwölfe besagt, dass der Mond einsam war und deswegen bitterlich weinte. Seine Tränen fielen zur Erde und gebaren die ersten Lykaner.“
„Was? Werwölfe kommen aus Tränen?“ Fast hätte ich losgeprustet. Allein diese Vorstellung war lächerlich.
„Aus Meteoriten“, korrigierte er mich. „Es ist bewiesen, das Meteoriten aus dem All Einzeller mit sich führen und deswegen glauben noch heute viele, dass dort unsere eigentliche Herkunft liegt.“
Aha, da war also ein Stück vom Mond abgebrochen und zur Erde gefallen. „Das heißt also wir sind Aliens?“ Ich schnaubte. Das klang einfach nur albern.
„Vielleicht“, sagte Sydney kryptisch. „Vielleicht auch nicht. Sicher ist nur, wir sind hier.“
Leider.
Ich fuhr mit meinen Fingern durch sein Fell, über die Seite, den Brustkorb entlang. Dabei berührte ich eine lange Narbe, die quer über seine Brust verlief. Die Haut dort war uneben und unstet. Ich konnte spüren, wie Sydney sich unter der Berührung anspannte. „Darum verwandelst du dich nie, oder?“, fragte ich leise und ließ meine Hand direkt über seinem Herzen zur Ruhe kommen. „Du schämst dich für deine Narben.“ Genau wie ich.
Er antwortete nicht und wich meinem Blick aus.
„Scheint als hätten wir da eine Gemeinsamkeit.“
Als er auf einmal den Kopf hob und mich verwundert anschaute, wurde mir erst klar, was ich da eigentlich gerade gesagt hatte. Verdammt, ich und meine große Klappe. Aber jetzt war es zu spät, die Worte standen im Raum und auch wenn er nicht fragte, so musste ich kein Psychologe sein, um zu wissen, was in seinem Kopf vor sich ging.
Ich setzte mich auf und schaute ihn einen langen Moment einfach nur an. Und dann, ohne zu wissen, warum ich das eigentlich machte, begann ich meinen Rock hochzuziehen.
Mit Unglauben beobachtete er, wie immer mehr von meinem Bein sichtbar wurde. „Was tut Ihr da?“
„Wenn ich ehrlich bin, weiß ich das selber nicht so genau.“ Auf Kniehöhe hielt ich einen Moment inne. Nicht um die Spannung zu steigern, sondern um mich selbst davon zu überzeugen, dass ich hier das Richtige tat. Ich war dabei meinem Mentor etwas zu zeigen, von dem außer meiner Eltern, und meinen Freunden niemand etwas wusste, ich war dabei mich zu entblößen und das nicht nur körperlich.
Ich brauchte einen Moment, bis ich meinen Oberschenkel mit der weißen Binde enthüllte. Dann griff ich danach und schob die Stulpe so weit hinunter, bis die alte Narbe offen vor ihm lag.
Sydney starrte darauf und ließ sich nicht anmerken, was er dachte.
„Du siehst, so makellos wie alle glauben, ist diese Prinzessin gar nicht.“ Mit den Fingerspitzen strich ich über die unebene Haut der alten Narben, die mich für den Rest meines Lebens begleiten würden. Ein Stück im Fleisch fehlte und überall waren kleine Löcher, die nie mehr verschwinden würden. Eine Berg und Tallandschaft.
„Wer war das?“, fragte er mit kaum verhüllter Wut.
„Wenn man es ganz genau betrachtet, ich selber.“ Meine Gedanken glitten zurück an diesen Sommertag vor zehn Jahren. „Ich war neun. Mama war nach fast zwei Monaten endlich mal wieder Daheim und wir entschloss uns, dass mit einem kleinen Grillfest im Garten zu feiern. Mein damaliges Kindermädchen Joel stand am Grill, Mama war gerade in der Küche und machte Salat und ich lief mit Lucy durch den Garten und spielte Fangen.“ Ich erinnerte mich noch genau an diesen Nachmittag. Lucy und ich in Badeanzügen, der Rasensprenger. Und auch mein knurrender Magen.
„Das Telefon klingelte und Mama rief Joel in die Küche. Ich hatte Hunger und wollte nicht warten, also entschloss ich mich die Sache selber in die Hand zu nehmen.“ Und das würde ich nun für den Rest meines Lebens bereuen. „Leider gestaltete sich das schwieriger, als geglaubt. Der Grill war zu hoch. Lucy warnte mich noch, doch ich wollte nicht hören und während ich versuchte an das Fleisch zu kommen, kippte der Grill und die heißen Kohlen fielen auf mein Bein.“
Ich erinnerte mich noch wie ich gestürzt war. Da war dieser unglaubliche Schmerz gewesen. Manchmal hatte ich noch diesen Geruch in der Nase und konnte geradezu vor mir sehen, wie sich ein Teil meiner Haut einfach abgelöst hatte, als Joel mir in seiner Aufregung eine Schüssel mit Wasser übers Bein gekippt hatte. „Ich hab deswegen eine ganze Weile im Krankenhaus gelegen. Die Ärzte taten ihr Bestes, aber gegen die Narbe konnten sie nichts tun.“
Als Sydney sich vorbeugte und mit der Zunge über die alten Narben fuhr, überlief mich eine Gänsehaut.
Hastig riss ich die Stulpe hoch und warf mein Rock übers Bein. Was bitte war das gerade gewesen? Sowas machte man nicht und … warum hatte sich das so … so … naja, eben so angefühlt?
Sydney setzte sich auf und schmiegte seinen Kopf an meine Wange. „Kein Makel kann einer Rose ihren Glanz nehmen, er macht sie nur einmalig.“
Das zauberte mir ein kleines Lächeln auf die Lippen. . „Hör auf so was zu sagen, sonst werde ich noch rot.“
„Warum?“ Er zog den Kopf zurück und musterte mich.
Ich sah ihn an. Er meinte die Frage wirklich ernst. Von dem weiblichen Geschlecht hatte er scheinbar keine Ahnung. „Ich muss dir mal sagen, dass du deine Nase nicht so oft in Bücher stecken solltest. Das Leben kann man daraus nicht lernen.“
Er lachte leise. „So lernt der Mentor etwas von seiner Schülerin.“
Als ich den Mund zu einer Erwiderung öffnete, bemerkte ich eine Bewegung. Es war nur Diego, der aus den Schatten trat und sich leicht vor mir verbeugte.
Äh … okay, darüber würde ich definitiv noch mal mit ihm sprechen müssen, das ging gar nicht. „Was gibt’s?“
„Eure Abwesenheit auf dem Ball wurde bemerkt. Es ist an der Zeit zu den Feierlichkeiten zurückzukehren.“
Ich verzog das Gesicht. Wenn er so mit mir sprach, hatte ich einfach nur das dringende Bedürfnis ihn zu schütteln, bis er wieder normal war. „Warum? Die amüsieren sich da doch sicher auch ohne mich ganz prächtig.“ Ich zupfte ein paar Grashalme aus Sydneys Fell. „Wie sich gezeigt hat, könnten sie ja auch ohne mich leben.“ Nein, ich hatte nicht vergessen, warum ich den Saal verlassen hatte.
„Prinzessin.“ Sydney legte mir eine Pfote auf die Hand. „Wenn die Majestäten Eure Anwesenheit wünschen, dann solltet ihr gehen. Ihr könnt Euch nicht ewig verstecken.“
„Wie kommst du darauf, dass ich mich verstecke?“, fragte ich ein wenig spitz. „Ich habe einfach keine Lust mehr, mich wie ein dummes Blondchen herumschubsen zu lassen.“
Beide schauten mich nur schweigend an.
Ich starrte trotzig zurück. Leider senkten beide daraufhin ihre Köpfe, wie es unterwürfige Tiere taten und zeigten mir damit, wen sie in mir sahen. Nicht Cayenne, für sie war ich in erster Linie eine Prinzessin der Alphas. Meine Lippen wurden ganz schmal. „Fantastisch.“
Als ich aufstand und mir den Dreck vom Kleid klopfte, beachtete ich keinen der beiden. Auch als ich losmarschierte und dabei auf den Boden starrte, ignorierte ich sie. Nicht weil ich sauer auf sie war, sondern … ich war mir nicht ganz sicher, warum ich das tat. Wahrscheinlich war ich einfach mit meinem Los unzufrieden.
Kurz bevor ich den Zugang zu Labyrinth erreichte, blieb ich ganz plötzlich stehen und starrte den Gang zwischen den Hecken entlang. Da vorne war der Ausgang, aber … wie zur Hölle war ich hier gelandet? Das war ein verfluchtes Labyrinth, niemand hatte mich geführt und ich hatte nicht mal auf den Weg geachtet. Und trotzdem war ich jetzt hier.
Ich warf einen Blick über die Schulter und bemerkte erst jetzt, dass Sydney zurückgeblieben sein musste. Stattdessen war Lucy wieder aus der Versenkung aufgetaucht und schaute mich fragend an.
Diego neigte den Kopf leicht zur Seite. „Alles in Ordnung?“
Also, wenn ich ehrlich war: „Ich bin mir nicht sicher.“ Was genau ich damit meinte, behielt ich für mich. Irgendwie machte es mir Angst, dass ich ganz ohne Hilfe auf Anhieb den richtigen Weg gefunden hatte. Noch vor einer Woche hatte ich fürchterliche Schwierigkeiten gehabt zu entscheiden, ob ich nach links oder rechts musste und jetzt musste ich nicht mal mehr darauf achten, wohin ich ging. Das fand ich … beängstigend.
Als ich mich wieder in Bewegung setzte, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Hatte ich mich wirklich schon so sehr verändert? Oder hatte das vielleicht etwas mit dieser ganzen Reizüberflutung zu tun, die mich dank des Topas noch immer heimsuchte? Diese Frage stellte ich mir immer noch, als ich die offene Glastür zum Saal im Ostflügel erreichte.
Musik, Stimmen und Lachen drangen an mein Ohr, während ich noch draußen stand. Ich sah meine Spiegelung in den Fenstern. Meine Augen waren noch immer die eines Wolfs. Kaidan hatte gesagt, das würde in ein paar Tagen wieder verschwinden. Blieb zu hoffen, dass er recht hatte, sonst würde in in Zukunft mit einer Sonnenbrille herumlaufen müssen.
Ein paar der Leute drinnen hatten mich hier an der Tür bereits bemerkt und warfen mir neugierige Blicke zu. Das hieß dann wohl, dass ich mich wieder ins Getümmel werfen musste.
„Zieht ihr jetzt wieder eine Houdini-Nummer ab?“ Als ich weder von Lucy, noch von Diego eine Antwort bekam, sah ich mich nach den beiden um, aber sie waren nicht mehr da. Super, sie hätten ja wenigstens Tschüss sagen können, damit ich keine Selbstgespräche führte. „Das macht ihr doch nur, um mich zu ärgern“, murmelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart.
Kaum zurück im Ballsaal, fielen die Adligen über mich her, wie die Motten übers Licht. Wieder schüttelte ich Hände, hörte mir an was sie zu sagen hatten und ließ mich sogar zweimal zum Tanzen auffordern. Als ich Kaidan auf mich zukommen sah, erdolchte ich ihn mit Blicken und machte mich in die andere Richtung davon. Ich hatte kein Interesse an seiner Gesellschaft, nicht nachdem er mir erklärt hatte, wie entbehrlich ich doch eigentlich war.
Keine Ahnung wie lange ich wieder auf dem Fest war, als ich mich mit der Begründung aufs Klos zu müssen von meinen ganzen Fans losmachte und mir einen stillen Platz draußen im Foyer suchte. Ich brauchte einfach mal eine kurze Pause und hier war es nicht so voll. Ich setzte mich auf die unterste Stufe der Treppe, streckte die Beine aus und seufzte. Leider stellte ich sehr schnell fest, dass manche Anwesende den Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstanden.
Ich saß vielleicht zwei Minuten auf meinem Hintern, als ein dunkelblauer Rock in mein Sichtfeld geriet. Als ich den Blick hob, musste ich leider feststellen, dass er zu Xaverine gehörte. Super, genau das war ich jetzt noch brauchte. „Wenn es sie nicht stört, wäre ich gerne ein wenig allein.“
Da sie, anstatt auf der Stelle das Weite zu suchen, eine perfekt manikürte Hand auf den Kopf der Wolfsstatur legte, war ihr das wohl ziemlich egal. Ihr Lächeln war eine Spur zu perfekt, um echt zu sein und in ihren Augen lag unverhüllter Neid. „Und? Genießt Ihr Euren Aufstieg?“
„Wahrscheinlich nicht so sehr, wie Sie ihn genießen würden.“ Warum lange um den heißen Brei herumreden?
Sie richtete ihre Augen auf mich, in der Hand ein Glas, das Gesicht leicht zur Seite gedreht, damit ich die Platzwunde an ihrer Schläfe bewundern konnte. Die sah echt übel aus. Das würde sicher eine Narbe geben. An ihrem selbstsicheren Auftreten hatte sich dadurch allerdings nichts geändert. „Ein Misto wird es niemals schaffen ein Alpha zu sein.“
Super, jetzt fing sie damit wieder an. „Gräfin Xaverine, ich weiß nicht wer Ihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, aber ich stamme ganz sicher nicht von einem Menschen ab.“ Nein, diese Worte schmeckten mir überhaupt nicht. „Wenn sie glauben, dass die Alphas einen Misto in ihren Reihen dulden würden, haben sie heute morgen wohl zu heiß geduscht.“
Ihr Lächeln bekam etwas Berechnendes. „Um an der Macht zu bleiben, würde diese Familie alles tun.“
Oh wie recht sie damit hatte. „Sie meinen, so wie sie mit ihrem lächerlichen Auftritt?“
„Mir steht dieser Platz zu, mir und meiner Familie. Ihr seid nichts als Halunken, die durch Mord an meinem Vater zur Königswürde gekommen sind.“
Moment, Mord? „Sie glauben, dass … wollen sie sagen, dass Isaac seinen Bruder umgebracht hat?“
Ein Schatten flackerte über ihr Gesicht. „Sowas würde ich niemals behaupten. Das wäre Hochverrat.“
Vielleicht würde sie das nicht behaupten, aber das war es, was sie dachte. Und jetzt nachdem ich es gehört hatte, kam ich nicht umhin mich zu fragen, wie viel Wahrheit in dieser Vermutung steckte. Konnte mein Großvater wirklich seinen eigenen Bruder umgebracht haben, um selber auf den Thron zu kommen? Vor meinem möglichen Tod war er jedenfalls nicht zurückgeschreckt.
Ein paar Damen in prächtigen Kleidern liefen an uns vorbei. Sie verbeugten sich in meine Richtung und verschwanden dann in den Thronsaal.
Xaverine schaute ihnen mit unbewegter Mine hinterher. Das hatte ihr nicht gefallen. Sie wollte, dass man sich vor ihr verbeugte und nicht vor einem Kind, dass aus dem Nichts aufgetaucht war.
„Neid, deine Farbe ist grün“, murmelte ich und bekam damit sofort ihre Aufmerksamkeit zurück.
„Neid ist etwas für das Fußvolk. Ich besitze Reichtümer und Ländereien von denen die meisten nur träumen können.“
So eine schlechte Lügnerin war mir schon lange nicht mehr untergekommen. „Aber das reicht Ihnen nicht. Sie wollen mehr – viel mehr – sie wollen alles.“ Und mit nicht weniger würde sie sich zufrieden geben.
In ihre Augen trat ein Funkeln. „Ich will nur das, was mir zusteht und ich werde es bekommen. Ihr könnt lügen, so viel Ihr wollt, die Wahrheit wird ans Licht kommen und die Alphas werden untergehen. Auch Ihr.“
Ein Knurren löste sich aus meiner Kehle. In meinem Inneren regte sich ein Gefühl und die Wut begann wieder zu brodeln. „Drohen sie mir besser nicht. Ich habe heute keine besonders gute Laune und bin kurz davor meine Manieren einfach zu vergessen.“
„Große Worte für jemanden, der sich hinter seinen Leibwächtern versteckt.“
Ich verstand erst, was sie meinte, als ich Diego und Lucy neben mir entdeckte. Nein, ich hatte keine Ahnung, woher die auf einmal kamen. „Ich muss mich hinter niemanden verstecken. Weiber wie sie verspeise ich bereits zum Frühstück.“
Sie hob anmutig eine Augenbraue. „Ach, dann könnt Ihr Euch verwandeln? Meinen Informationen zufolge, ist Euch das bisher noch nicht gelungen.“
Plötzlich war ich auf den Beinen und meine Hand lag an ihrer Kehle. Ich bekam nicht einmal mit, wie ich mich bewegte. Da war nur dieser Impuls, der mich dazu zwang, sie sofort auf ihren Platz zu verweisen. Ich war ein Alpha und jetzt war sie zu weit gegangen.
Ihr Glas fiel klirrend zu Boden. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Damit hatte sie scheinbar nicht gerechnet. Als mein Griff fester wurde, griff sie nach meinem Handgelenk und begann daran zu zerren. Aus ihrer Kehle kam ein tiefes Knurren.
Davon ließ ich mich nicht beeindrucken. Ich starrte ihr einfach in die Augen und drückte langsam zu. Immer fester. Ich schnürte ihr die Luft ab und … es war mir egal. Sie hatte mich herausgefordert, bereits zum zweiten Mal. Das würde ich mir nicht länger bieten lassen.
Sie begann zu röcheln und zerrte nun mit beiden Händen an meinem Arm.
Ein paar Leute waren stehen geblieben, doch niemand schritt ein, um mich aufzuhalten. Sie blieben in respektvollem Abstand und beobachteten einfach was hier geschah.
Ich selber hatte das Gefühl neben mir zu stehen und mich zu beobachten, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Das war nicht ich und gleichzeitig war ich es doch. Aber ich war nicht allein. Da war … noch mehr von mir, etwas anderes, etwas Wildes tief in mir drinnen, dass knurrend die Zähne bleckte.
Langsam zwang ich sie hinunter auf die Knie und drückte dabei noch fester zu. Woher ich plötzlich diese Kraft hatte, wusste ich nicht. Es kümmerte mich genauso wenig wie ihre erbärmlichen Befreiungsversuche. Das Einzige was mich interessierte war, dass es niemals wieder jemanden geben dürfte, der meine Position in Frage stellte. Hiermit würde ich ein Exempel statuieren.
Im Glauben meiner eigenen Gedanken drückte ich fester zu und sah, wie sie verzweifeln versuchte nach Luft schnappen. Eine Träne rann ihr aus dem Augenwinkel, ihre Nägel kratzten über meine Haut. In ihrem Gesicht begann Fell zu sprießen, die Zähne wurden länger und ihre Augen zeigten den Wolf. In ihrer Panik begann sie sich zu verwandeln.
Voller Neugierde betrachtete ich sie. Dieser Anblick war … faszinierend. Diese Angst, die Macht sie auf ihren Platz zu verweisen, wenn sie dumm genug war sich mit mir anzulegen. „Fordern Sie mich nie wieder heraus“, knurrte ich und riss mich damit selber aus diesem surrealen Zustand. Mit einem Mal verstand ich, was ich da tat und war darüber so entsetzt, dass ich nicht nur meine Hand wegriss, sondern in meiner Eile von ihr wegzukommen auch noch fast über die unterste Treppenstufe stolperte. Es war Diego, der verhinderte, dass ich auf meinem Hintern landete.
Xaverine sackte einfach zu Boden und versuchte keuchend und hustend zu Atem zu kommen. Ihre Gesichtsfarbe wirkte nicht mehr gesund.
Oh mein Gott, das war ich gewesen! Ich hatte sie gewürgt, das war meine Schuld. Ich sah sie an, sah auf meine eigenen Hände und hatte plötzlich das Gefühl, das Blut daran klebte. „Was passiert mit mir?“
Xaverine starrte mich feindlich an. In ihren Augen brodelte ein mit bis dahin unbekannter Hass. Ihr Atem ging immer noch schwer, aber der Wolf begann sich wieder in ihr zurückzuziehen.
Langsam wurde ich mir auch wieder meiner Umgebung bewusst. Jeder im Foyer beobachtete mich. Manche flüsterten miteinander, doch die meisten starrten nur stumm. Niemand kam meiner Großcousine zu Hilfe. Niemand wagte sich zu bewegen.
Ich machte einen Schritt zurück, wollte hier weg, da spürte ich wieder Diegos Hand in meinem Rücken.
„Du musst jetzt bleiben“, flüsterte er so leise, dass selbst ich es kaum verstand. „Zeig keine Schwäche.“
Schwäche? Verdammt, ich hatte gerade fast jemanden erwürgt!
Bevor ich ihm das klar machen konnte, oder mich alternativ einfach verdrücken konnte, trat Prinzessin Alica in ihrem hellblauen Abendkleid vor.
Wie lange stand sie schon da? Hatte sie gesehen, was ich getan hatte?
„Geht“, sagte sie leise und sofort machten die Anwesenden, dass sie in den Thronsaal kamen. Nur Xaverine blieb zu meinen Füßen liegen, als wartete sie auf etwas, nur hatte ich keine Ahnung was.
Diego und Lucy traten zurück, als Alica direkt auf mich zu kam. „Tochter“, sagte sie und trug dabei ein kleines Lächeln auf den Lippen. „Begleite mich zurück in den Saal. Der Beweis deiner Macht wurde zur Genüge erbracht.“
„Macht“, hauchte ich. Darum ging es hier. Alles in der Welt der Wölfe drehte sich um Macht und wie ich feststellen musste, besaß ich sie – dabei wollte ich sie doch gar nicht. Nicht auf diese Weise. Ich schloss die Augen und rieb mit der Hand darüber. „Verschwinde“, sagte ich zu Xaverine und konnte hören, wie sie meiner Aufforderung sofort nachkam. Das war einfach alles zu viel für mich. Vom ersten Moment an hatte ich schon die Schnauze voll gehabt und mit jedem Tag wurde es schlimmer.
„Du solltest stolz auf dich sein“, erklärte Alica. „Du hast nichts falsch gemacht.“
„Ich habe sie gewürgt.“
„Du hattest sicher deine Gründe.“
Der Einzig Grund bestand darin, dass sie behauptet hatte, dass ich mich nicht verwandeln konnte und damit hatte sie auch noch recht. Ich konnte es nicht und nachdem was gerade geschehen war, wusste ich nicht mehr, ob ich es überhaupt noch wollte.
Ich spürte den Wolf so nah wie niemals zuvor und konnte mich nicht mehr kontrollieren. Wenn diese Verwandlung eine Bestie aus mir machte, dann wollte ich sie nicht. „Ich geh auf mein Zimmer“, sagte ich schwach, doch bevor ich mich umdrehen konnte, hatte Alica mich am Arm gepackt. Wütend funkelte ich sie an, für so was hatte ich jetzt echt keinen Nerv mehr. „Lassen sie mich los.“
„Du kannst nicht gehen, der Ball wurde noch nicht beendet.“
„Ich erkläre ihn für beendet.“ Ich riss mich los und wollte gehen, doch da vertrat sie mir den Weg. „Treiben sie es nicht zu weit, ich habe für heute mehr als genug.“
Alica hob den Kopf ein wenig. „Ich bin ein Alpha, Cayenne, ich lasse mich von dir nicht einschüchtern.“
„Es ist mir egal wer oder was sie sind. Ich habe getan, was Sie wollten, aber für heute ist Schluss. Wenn sie also nicht wollen, dass ich ihre verdammte Scharade auffliegen lassen, würde ich empfehlen, es für heute einfach gut sein zu lassen.“
Als mit einem Mal ihre Macht um sie herum aufzuwallen begann, hätte mich das eigentlich beängstigen müssen, aber stattdessen trat ich direkt vor sie und zeigte ihr, dass ich das genauso gut wie sie konnte.
Einen kurzen Moment wirkte sie überrascht und schaute mich mit großen Augen an. Dann, ganz langsam, begann sie zu lächeln. „Du kannst es“, sagte sie leise. „Du bist wie wir.“
„Ich werde niemals wie sie oder ihre Familie sein“, zischte ich und trat zurück. Ich warf ihr noch einen drohenden Blick zu, der sie davor warnen sollte, mich zurückzuhalten. Dann wandte ich mich ab und stürzte die Treppe hinauf. Wenn ich noch einen Moment länger da unten blieb, wusste ich nicht was ich tun würde. Im Moment traute ich mir selber nicht. Was da passiert war … das war nicht ich. Ich war nie gewalttätig oder aggressiv gewesen. Nicht bis die Randel-Brüder in mein Leben getreten waren und ich in dieses Leben gezwungen wurde. Niemals so wie heute Abend, wo es mir einen kurzen Moment völlig egal war, was mit meinem Gegenüber geschah, solange ich nur meine Überlegenheit beweisen konnte.
Das wollte ich nie wieder erleben.
Als ich auf meinen Korridor einbog, packte Lucy mich am Arm und hielt mich fest. „Cayenne …“
„Nein! Lass mich!“ Ich riss mich los und wich kopfschüttelnd ein paar Schritte vor ihr zurück. „Bleibt weg von mir.“ Bevor ich dich auch noch verletzte. In diesem Moment vertraute ich mir selber nicht. „Bleibt weg“, wiederholte ich und weil ich Angst vor meinen eigen Taten hatte. Dann eilte dann in meinem Zimmer und schloss mich ein.
°°°°°
„… und dann hat dieser widerliche Baron mir doch tatsächlich an den hinter gegrabscht!“, empörte sich Lucy. Sie betrat direkt hinter mir die Freitreppe hinunter ins Foyer und versuchte mich auf dem Weg zum Frühstück mit ihren Anekdoten ein wenig auf andere Gedanken zu bringen.
Der gestrige Abend war vorbei, aber deswegen noch lange nicht vergessen. Der Blick in dem Spiegel nach dem Aufstehen hatte mir gezeigt, dass der Wolf noch immer in meinen Augen saß. Auch wenn ich versuchte mir das nicht anmerken zu lassen, so machte mir das Angst.
„Ich hab mich einfach umgedreht, ihm eine geklatscht und bevor er noch die Möglichkeit hatte, etwas zu sagen, bin ich verschwunden.“
Ich sah sie entsetzt an. „Du hast einen Adligen geschlagen?“
„Yes!“, sagte sie voller Stolz. „Und das nicht zum ersten Mal.“
Ich blieb so abrupt stehen, dass sie fast in mich hineingelaufen wäre und mich damit die Treppe hinunter gestoßen hätte.
„Hey! Hast du Todessehnsucht, oder was?“
Im Moment? Vielleicht. Es gab auf jeden Fall schlimmerer Dinge, die ich mir vorstellen konnte, als dieser Farce durch meinen plötzlichen Tod zu entkommen. Aber darum ging es überhaupt nicht. „Du kannst doch keinen Adligen schlagen!“
„Warum nicht? Er hatte es nicht anders verdient. Wenn er mich betatscht, ist er selber schuld.“ Eingeschnappt ging sie an mir vorbei und grummelte noch etwas, das sich anhörte wie „mein Hintern ist doch kein Freiwild“ und blieb erst stehen, als sie die letzte Stufe hinter sich gelassen hatte.
Ich sah ihr einfach nur entsetzt hinterher. Weder wusste ich was ich sagen, noch was ich tun sollte.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, versuchte Diego mich zu beruhigen. Aus irgendeinem Grund hielten die beiden es für nötig, mich heute gemeinsam hinunter zu bringen. „Sie hat nichts zu befürchten.“
„Aber … wenn sie sie deswegen Bestrafen, dann …“
„Es wird nichts passieren“, versicherte er mir. „Einem Beta darf Lucy eine Knallen, bei einem Prinzen sollte sie das lieber lassen. Vergiss nicht, als Umbra stehen wir außerhalb der Rangordnung und sind nur den Alphas Rechenschaft schuldig.“
Das mochte schon stimmen, aber Isaac war nicht unbedingt der nette Onkel von nebenan und wenn es stimmte was Xaverine hatte durchblicken lassen, dann hatte er seinen eigenen Bruder ermordet, um selber den Thron besteigen zu können. Ich wollte gar nicht wissen, was er mit einem Umbra tat, der aus der Reihe tanzte.
„Entspann dich einfach“, empfahl Diego mir und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Es ist alles in Ordnung.“
„Nein“, sagte ich leise. „Nichts ist in Ordnung.“ Und damit meinte ich nicht nur diesen Moment, aber das musste ich ihm nicht näher erklären. „Egal, lass uns gehen bevor die Herrschaften noch einen Hirnschlag bekommen, weil ich nicht pünktlich erscheine.“
Diego drückte meine Schulter ganz leicht. Eine stumme Erinnerung daran, dass er für mich da war, wenn ich ihn brauchte. Erst dann trat er zurück und ließ mich vorgehen.
Lucy sammelten wir unten an der Treppe wieder ein, doch sie ging nicht mit uns in den Speisesaal. Sie verschwand vorher durch die unscheinbare Seitentür, die, wie ich mittlerweile wusste, zu den Personalräumen führte.
Als ich im Speisesaal ankam, herrschte bereits reger Betrieb. Die Familie saß schon vollständig am Tisch, beachtete mich aber gar nicht. Okay, das war neu. Dass ich als Letzte kam, passierte mir häufiger, aber bisher hatte ich zumindest von allein Seiten ein guten Morgen bekommen.
Heute aber waren sie alle auf einen schwarzhaarigen Mann konzentriert, der links neben König Isaac saß und lächelnd eine Geschichte erzählte, die sogar das ewig griesgrämige Gesicht von Prinz Manuel erheiterte. Irgendwie kam er mir bekannt vor.
Während ich mich auf meinen Platz setzte, musterte ich ihn ausgiebig. Er hatte hohe Wangenknochen und so dichte Wimpern, dass eine Frau dafür einen Mord begangen hätte. Außerdem musste ich zugeben, dass er ausgesprochen attraktiv war. Sozusagen das hübscheste Gesicht hier am Tisch. Jede Strähne seines Haars saß perfekt, ja selbst die kleinen Lachfältchen um die Augen schienen gewollte zu sein. Und in diesem maßgeschneiderten Anzug war ein einfach nur ein Hingucker.
Als ich meine Stuhl zurecht rückte, schien meiner Familie endlich aufzugehen, dass ich auch schon anwesend war. Ein paar wünschten mir einen guten Morgen, König Isaac nickte mir zufrieden zu und Alica lächelte sogar. Der Fremde dagegen musterte mich interessiert.
„Dann bist du wohl Cayenne“, lächelte er. „Ich habe schon viel über dich gehört.“
„So?“ Ohne ihn weiter zu beachten, nahm ich mir ein Brötchen und legte es mir auf den Teller. „Von Ihnen habe ich noch gar nichts gehört und wenn ich ehrlich bin, will ich das auch gar nicht.“ Verdammt, erst nachdenken, dann sprechen. Aus den Augenwinkeln warf ich einen kurzen Blick auf mein Großväterchen. Er schien sich an meinen Worten nicht zu stören.
„Jetzt verstehe ich was du meinst, Vater“, schmunzelte der Kerl. „Kein Gespür für ihre Selbsterhaltung.“
„Sie wird es noch lernen“, warf Prinzessin Alica ein und erstaunte mich damit, dass sie für mich Partei ergriff. „Ihr müsst ihr Zeit geben.“
Prinz Manuel schien mit seiner Gattin nicht übereinzustimmen. „Wir haben ihr reichlich Zeit eingeräumt. Sie hatte mehr Freiheiten als jedes andere unserer Kinder, viel mehr, als uns selber zugestanden wurde. Es wird Zeit, dass sie sich ihren Pflichten stellt. Sadrija ist jünger als sie und hat schon viel mehr Verantwortungsbewusstsein.“
Welche Laus war dem denn über die Leber gelaufen?
„Sadrija ist damit auch aufgewachsen“, nahm mich Prinz Kai in Schutz. „Sie bringt ganz andere Voraussetzungen mit.“
„Deine Schwester hatte die gleichen Voraussetzungen wie Cayenne, nur ist Sadrija mit Regeln aufgewachsen, ihr haben wir nicht alles durchgehen lassen. Cayenne ist einfach verzogen.“
Hallo? Bemerkte keiner, dass ich am Tisch saß? War ich unsichtbar geworden, oder was? „Soll ich gehen, damit ihr ungestört über mich lästern könnt?“
„Vorlaut und starrsinnig“ schmunzelte der Fremdling. „Genau wie Celine in diesem Alter.“
Abruptes Schweigen am Tisch.
In dem Gesicht des schwarzhaarigen Mannes zeigte sich ein genervter Ausdruck. Warum nur kam er mir so bekannt vor? „Nun kommt schon, es muss euch doch auch aufgefallen sein. Sie ist genau wie ihre Mutter, nur das Celine bei weitem nicht so hübsch war.“
Ich kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Was wissen Sie schon über meine Mutter.“ Er sollte nicht von Sachen sprechen, von denen er nichts verstand.
„Oh, eine ganze Menge. In Kindertagen waren wir Freunde.“
„Alessandro, es reicht!“, donnerte König Isaac. „Wir sprechen nicht über Celine.“
„Du vielleicht nicht“, sagte er leichthin und zwinkerte mir zu. „Ich schon.“
Mutig. Dumm, aber mutig. Ich zog die Schüssel mit den sauren Gurken heran und knabberte an einer, während ich in aller Ruhe mein Brötchen belegte.
Mit einem Mal war am Tisch König Isaacs Macht zu spüren und sie war genau auf Alessandro gerichtet.
„Vater!“, donnerte eine Frauenstimme, durch den ganzen Saal.
Ich drehte mich nach ihr um und musste erstmal blinzeln. Die Frau, die da mit wehendem Kleid säuerlich auf den König zumarschierte, war ein perfekter Doppelgänger von Alica. „Du sollst das unterlassen!“
Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das war Blair, Alicas Zwillingsschwester. Bisher hatte ich sie noch nicht kennen gelernt, weil sie mit Kind und Kegel im Ausland gewesen war. Dann musste dieser Alessandro ihr Mann sein. Darum war er mir so bekannt vorgekommen, ich hatte ihn auf dem Stammbaum gesehen.
Apropro Stammbaum, ich musste da ja noch etwas dringendes mit Lucy besprechen. Notiz an mich selber: Beste Freundin ausquetschen. Ähm … im übertragenen Sinne.
Während Tante Blair an mir vorbeirauschte, verschwand diese Aura der Macht um uns. Sie positionierte sich zwischen den beiden Männern und schaute verärgert von einem zum anderen. „Wie oft habe ich euch beiden schon gesagt, dass ihr damit aufhören sollt?“ Sie richtete ihren Blick auf ihren Vater. „Kaum sind wir zurück, fangt ihr schon wieder mit diesen Machtspielchen an!“ Sie fixierte ihren Mann. „Und du brauchst gar nicht so unschuldig zu tun. Ich weiß dass du dich wieder nicht zurückhalten konntest Ihr seid erwachsene Männer, also benehmt euch auch so!“
Mit diebischer Freude darüber, wie sie die beiden Männer in Grund und Boden schimpfte, verspeiste ich den Rest meiner Gurke und griff dann nach meinem Brötchen.
Kaidan schmunzelte in sein Frühstück, während Alica und Sadrija so taten, als ginge sie das ganze nichts an. Die Königin dagegen schien einfach nur genervt. Scheinbar war das nicht die erste Auseinandersetzung dieser Art.
„Wir haben uns nur unterhalten“, versicherte Alessandro seiner Frau.
„Das Thema war unangebracht“, erwiderte Isaac sofort.
Alessandro schnaubte. „Nur weil du es unangebracht findest, heißt das nicht …“
Als Prinzessin Blair sauer die Faust auf den Tisch krachen ließ, hatte sie plötzlich statt Fingernägeln Krallen. Ich wusste nicht ob ich davon fasziniert oder angeekelt sein sollte. Irgendwie spielte sich in mir eine Mischung aus beidem ab.
„Das ist mein Platz.“
Als sich diese piepsige Kinderstimme in meinem Kopf meldete, schaute ich überrascht zur Seite. Bisher war Sydney der Einzige gewesen, der in meinen Gedanken gesprochen hatte. Damit war ich vertraut. Eine andere Stimme auf diese Art zu hören war ungewohnt.
Neben meinem Stuhl stand ein kleiner, schneeweißen Welpe, in einem grauen Kinderpyjama. Die kleine Rute schaute über dem Hosenbund heraus. Mein Gott, war der süß. Das musste Blairs Sohn sein. „Ich sehe hier nirgendwo ein Namensschild.“
„Ich sitze immer neben Großmutter.“ Der Kleine legte die Ohren an und zeigte mir die Zähne. Das fand ich echt niedlich. Wie er versuchte böse und furchteinflößend zu sein, war Herz aller liebst. „Und jetzt geh da runter, oder ich beiße dich.“
Etwas in mir machte Klick. Meine Lippen zitterten und im nächsten Moment lachte ich lauthals los. Die Vorstellung, dass dieses kleine Hündchen gefährlich sein konnte, war einfach lächerlich. In meinen Augen war das ein süßer, kleiner Welpe, der zum kuscheln geeignet war, aber nicht um ernsthaft zuzubeißen. Und dann auch noch dieser Aufzug. Im Gegensatz zu den richtigen Wölfen, die ich regelmäßig im Schloss sah, im Gegensatz zu Sydney, der mir wirklich schon Angst gemacht hatte, war die Kleine nicht Furchterregender, als ein süßes Kätzchen, das mit seinem Wollknäuel spielte.
Ich war so damit beschäftigt mir den Bauch zu halten, dass ich kaum bemerkte, wie die Streithähne am Tisch in Schweigen verfielen. Klar, in ihren Augen verlor ich wahrscheinlich gerade den Verstand.
„Hör auf zu lachen!“, giftete dieses süße, kleine Stimmchen in meinem Kopf. „Das ist gemein!“
Mit dem Finger wischte ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln. „Tut mir leid“, japste ich. „Aber, oh Gott, du bist echt sowas niedlich.“ Ich nahm mein Brötchen vom Teller, schnappte mir die Schüssel mit den sauren Gurken und rutschte einen Stuhl weiter.
Der kleine, weiße Wolf legte beleidigt die Ohren an und sprang dann auf den gerade freigewordenen Stuhl.
„Samuel, kein Pelz bei Tisch“, mahnte Prinzessin Blair.
Kein Pelz bei Tisch? Oh Gott, das wurde ja immer besser!
Es war förmlich zu spüren, wie die Kleine die Augen verdrehte. „Ja, Mutter.“ Dann verwandelte er sich vor meinen Augen in einen kleinen, weißhaarigen Jungen. Ganz langsam richtete sich ihre Wirbelsäule auf, die Schnauze wurde kürzer und die Rute verschwand unter dem Hosenbund. Die Ohren wurden kleiner und rund, die Augen schoben sich aneinander. Aus den Pfoten auf dem Tisch wurden Hände und unten aus der Hose schauten nun Füße heraus.
Ich schaute ihm völlig fasziniert zu. Zwar waren mir schon einige Wölfe begegnet, aber das war das erste mal, dass ich die Verwandlung mit ansehen konnte. Dem kleinen Prinzen fiel das so leicht, als hätte er sich nur andere Schuhe angezogen.
„Es ist unhöflich andere so anzustarren“, sagte er zu mir, ohne mich anzusehen und griff sich ein Brötchen aus dem Korb vor sich. Etwas daran schien ihn zu stören. Nach einer kurzen Überprüfung legte er es zurück und nahm sich ein anderes. Dieses Spielchen trieb er noch zweimal, bevor das Essen seinen Ansprüchen genügte.
„Es ist auch unhöflich Brötchen anzufassen, da andere sie vielleicht noch essen wollen“, erwiderte ich.
Der kleine Prinz schob die Unterlippe vor und biss trotzig in sein Brötchen.
Leider war damit der Amüsante Teil des Frühstücks vorbei. Danach drehte sich das Gespräch um irgendwelche Handelsverträge, wegen denen Blair mit ihrer Familie den letzten Monat im Ausland verbracht hatte.
Der kleine Samuel warf mir während des Essens immer wieder Blicke zu. Erst waren sie ein wenig feindlich – wahrscheinlich weil ich gelacht hatte – aber mit der Zeit schien er nur noch neugierig zu sein.
Als das Essen dann für beendet erklärt wurde, war ich die erste, die aufsprang und praktisch aus dem Saal floh. Nicht weil ich so unbedingt zu Unterricht wollte, ich hatte nur kein Interesse daran, mit diesen Leuten weiterhin in einem Raum zu sitzen. Das sie mich ohne ein Wort der Warnung hatten Leukos Seele berühren lassen, das würde ich nicht so schnell vergessen.
Sobald ich den Saal hinter mir gelassen hatte, entdeckte ich auch schon Lucy, die nach dem Frühstück immer dort wartete, damit auch Diego etwas essen gehen konnte. Wie immer tauschten die beiden die Plätze und ich machte mich mit Lucy im Schlepptau auf den Weg nach oben in den kleinen Salon. Doch bevor wir dort ankamen, hatte ich noch etwas dringendes mit ihr zu besprechen. Darum spähte ich auf dem Weg nach oben ein leeres Zimmer aus und zog sie mit hinein – das musste nun wirklich keiner hören.
„Hey!“, schimpfte sie, als ich sie in ein leeres Gästezimmer schubste und dann die Tür hinter uns schloss. „Was soll das?“
Sicherheitshalber schloss ich auch noch die Tür ab und zog sie tiefer in den Raum hinein. „Der Stammbaum“, sagte ich dann auch ohne Umschweife. „Wie kommt Xaverine daran?“
Ihr Blick wurde düster. „Wenn ich das nur wüsste.“
„Du hast ihm im Hotel eingesteckt.“ Ich rückte ein wenig näher. „Direkt bevor wir abgefahren sind.“
„Danke für die Erinnerung, aber ich kann nur wiederholen, was ich eben gesagt habe, ich weiß es nicht.“ Sie begann unruhig im Raum auf und ab zu laufen. „Ich hab ihn eingesteckt, um ihn zu verbrennen. Selbst wenn es nur Kritzeleien sind, dürfen solche Dokumente nicht existieren. Im Hotel hatte ich keine Zeit mehr, darum wollte ich es hier nach unserer Ankunft tun, aber als ich ihn hervorholen wollte, war er weg. Ich muss ihn verloren haben.“
„Was?!“ Das war doch wohl ein schlechter Scherz. „Hast du eine Vorstellung davon, was Isaac mit dir macht, wenn er herausfindet, dass du diesen Zettel an den Hof gebracht hast?“
„Wahrscheinlich besser als du“, erwiderte sie und trat mit dem Fuß gegen den Bettpfosten. „Darum hab ich ja auch wie eine Verrückte danach gesucht, aber irgendjemand muss ihn vor mir gefunden haben.“
Das war – um es mal in aller Deutlichkeit zu sagen – scheiße. „König Isaac darf das niemals erfahren.“
„Ich werde bestimmt nicht zu ihm gehen und es ihm erzählen.“
Das brauchte sie nicht extra betonen. „Am besten tun wir so, als wüssten wir von nichts. Außer uns beiden und Diego weiß niemand, woher dieser Zettel stammt.“
„Victoria weiß es, sie hat ihn dir schließlich gegeben.“
Verdammt, daran hatte ich nicht gedacht. Meine Mutter müsste es demnach auch wissen, aber ich bezweifelte, dass die ihrem Vater das unter die Nase reiben würde. „Glaubst du Victoria hält dicht?“
Sie drückte ihre Lippen einen Moment zusammen. „Ich weiß nicht. Victoria konnte ich noch nie richtig einschätzen. Aber sie war nicht im Thronsaal. Sie weiß nicht, was für einen Stammbaum Gräfin Xaverine bei sich hatte.“
Na wenigstens eine gute Nachricht. „Okay, das ist gut.“ Aber alles andere war scheiße. Wenn Isaac nun doch herausbekam, woher der Zettel stammte. Er würde das sicher nicht einfach so stehen lassen, das wäre für seine Stellung viel zu gefährlich. „In Ordnung, wir machen das folgendermaßen: Sollte deswegen noch irgendwas passieren, dann war ich es, die den Zettel bei ihrer Ankunft hier verloren hat.“
„Bist du bescheuert? Warum willst du das auf dich nehmen?“
„Du meinst abgesehen davon, dass du meine Freundin bist und ich dich vielleicht beschützen will? Ich war es, die den Stammbaum gemalt hat und ich glaube, Isaac hat mehr Skrupel davor mir zu schaden, als dir. Du bist ziemlich einfach auszutauschen, eine neue Prinzessin dagegen bekommt er nicht so schnell.“ Besonders keine, die bereits von Leukos akzeptiert wurde.
Das passte ihr nicht. Sie war der Umbra, sie musste eigentlich auf mich aufpassen. Das war ihre Lebensaufgabe.
„Wenn du nicht freiwillig zustimmst, dann werde ich es dir befehlen“, drohte ich ihr. Ja, sie hatte das Teil verloren, aber ich würde nicht zulassen, dass man ihr deswegen schadete.
Sie schnaubte. „Meinst du es interessiert mich, wenn du die Prinzessin raushängen lässt?“
„Ja.“ Ganz schlicht. Und das sie mir nicht widersprach, bestätigte meine Vermutung noch. „Bitte Lucy, sei nicht so stur. Es ist doch nur für den Notfall.“ Ich trat an sie heran. „Wahrscheinlich mache ich uns auch nur unnötig Stress und da wird gar nichts weiter passieren, aber ich muss mich darauf verlassen können, dass du die Klappe hältst, falls es doch anders kommt.“
Sie antwortete nicht.
So ein stures Frauenzimmer. „In Ordnung. Ich befehle dir Stillschweigen darüber zu bewahren und wenn dich jemand fragt, wirst du lügen, hast du das verstanden?“
Sie funkelte mich an.
Okay, dann musste ich eben meine Macht mit dazu nehmen. Es bereitete mir keine Befriedigung zu sehen, wie sie darunter ein wenig kleiner wurde. „Hast du verstanden, Umbra Luciela?“
„Ja.“ Es war mehr ein Knurren, als alles andere. „Wie Ihr wünscht, Prinzessin Cayenne.“
„Gut, dann lass uns gehen, die Schwärn wartet sicher schon.“
°°°
Eine Woche Später floh ich nach einer Stunde mit Frau van Schwärn aus dem Speiseaal, als ein ohrenbetäubendes Krachen durch das Foyer hallte. Gleich darauf folgte Sadrijas aufgebrachte Stimme. Was war da los? Ich hatte Sadrija noch nie anders als kühl erlebt.
Neugierig folgte ich den Geräuschen und entdeckte am Fuß der linken Treppe eine Oboe, auf der wohl niemand mehr spielen würde. Offensichtlich war sie gerade über das Geländer der Galerie geflogen. Das schloss ich zumindest aus Sadrija und Samuel, die oben standen.
„… zu weit gegangen!“, schimpfte meine Cousine, mit dem kleinen Prinzen, der nur mäßig interessiert zuhörte. „Dieses Mal kommst du nicht so einfach davon!“
„Du hättest eben aufhören sollen“, erwiderte der Kleine. Aus irgendeinem Grund, hatte er heute Wolfsohren. „Du spielst schon den ganzen Morgen, das grenzte schon an Belästigung“
„Ich muss üben!“
Aus dem Thronsaal tauchte Prinzessin Blair mit einer sehr dünnen Frau im Schlepptau auf. Woher ich wusste, dass es Blair war und nicht Alica? Ich konnte es riechen. Zwar waren meine Wolfsaugen wie versprochen wieder verschwunden, aber der verbesserte Geruchssinn wollte einfach nicht weichen.
„Dann übe woanders“, schimpfte Samuel, streckte ihr die Zunge raus und rannte dann die Treppe hinunter. Leider bemerkte er seine Mutter und die Bohnenstange erst, als er schon fast unten war. Einen Moment schien er zu überlegen, ob er wieder nach oben laufen sollte, aber da rief Blair ihn bereits.
Sadrija gab ein Knurren von sich, wirbelte herum und marschierte wütend in den Westflügel davon.
„Der Kleine gefällt mir“, flüsterte ich Lucy zu.
„Wenn Prinz Samuel Zuhause ist, dann ist immer etwas los.“
Zuhause. Ein Wort, dass ich niemals für den Hof verwendet hätte. Ein Zuhause war für mich ein Ort an dem man sich geborgen und geschützt fühlte und kein Gefängnis, in dem man gegen seinen Willen festgehalten wurde.
Nun war ich schon seit fast drei Wochen hier und noch immer wusste ich nicht, wann ich endlich wieder nach Hause konnte. Mir wurden nur solche Dinge mitgeteilt, die mich nicht interessieren. So wusste ich, dass Prinzessin Blair in drei Tagen Geburtstag hatte und in zwei Wochen irgendein hochrangiger Adliger zu Besuch kommen würde. Ach ja, und auch, dass heute Abend die sogenannte Vollmondjagd stattfand, an der ich zum Glück nicht teilnehmen musste. Nicht nur weil ich mich bis jetzt noch immer nicht verwandeln konnte, da war auch noch die Sache mit dem … naja, Vollmond.
Wenn ich nur daran dachte, was mich heute Abend erwartete, wollte ich mich schon in irgendeinem Loch verkriechen und dort vor Morgen nicht mehr heraus kommen. Leider lag auch diese Entscheidung nicht in meiner Gewalt, wie man mir bereits beim Frühstück mitgeteilt hatte.
Prinzessin Blair richtete ein paar leise Worte an ihren Sohn, woraufhin dieser stur den Kopf schüttelte und dann bockig die Arme vor der Brust verschränkte. Blair nahm ihn daraufhin an die Hand und verschwand mit ihm und der dünnen Frau wieder im Thronsaal.
Mein Blick glitt auf die zerstörte Oboe. Für die schien sich keiner mehr verantwortlich zu fühlen. „Spielt Prinzessin Sadrija wirklich so schlecht?“
Lucy zuckte die Schultern. „Prinz Samuels Geschmack hat sie jedenfalls nicht getroffen.“
Darüber musste ich lächeln. „Ich werde mal zu Sydney gehen“, sagte ich und wandte mich Richtung Bibliothek. „Du kannst dir solange frei nehmen.“
„Das ist gegen die Vorschriften, Prinzessin.“
Oh Mann. Seit ich ihr das Versprechen wegen des Stammbaums abgenommen hatte, war Lucy ein kleinen wenig zickig mit mir. „Ich gehe nur zu Sydney“, wiederholte ich und zog die Tür zur Bibliothek auf.
„Ich warte einfach wieder draußen.“
Ich korrigiere, megazickig. Seit dem Ball war ich bereits ein paar Mal zu meinem Mentor gegangen, einfach weil … naja, wen außer Lucy und Diego hatte ich hier denn sonst noch? Zu Alex wollte ich nicht mehr gehen. Nicht nur weil alle hier immer so ein Aufstand machten, weil er ein Vampir war, sondern weil er versucht hatte mich zu küssen. Und andere Leute kannte ich hier nicht.
Und obwohl es albern war, bestanden sowohl Lucy als auch Diego darauf, mich immer zu ihm zu begleiten. Wobei Lucy es sich angewöhnt hatte, vor dem Büro stehen zu bleiben und dort Wache zu schieben. Ich konnte sagen was ich wollte, die beiden verschwanden einfach nicht.
Darum versuchte ich jetzt auch gar nicht weiter zu diskutieren, das würde sowieso nichts bringen. Ich durchquerte einfach die Bibliothek, bis ich an Sydneys Büro war. Unerfreulicher Weise war es mal wieder Sydneys Assistentin Nicoletta, die mich nach dem Anklopfen herein bat. Ich wusste nicht warum, aber ich konnte dieses Weib nicht ausstehen. Hing wahrscheinlich damit zusammen, dass sie mich an Sydney verpfiffen hatte.
Wie Lucy bereits verkündet hatte, bezog sie ihren Posten draußen vor der Tür. Da konnte ich nur noch den Kopf schütteln, aber mit ihr zu diskutieren, brachte rein gar nichts, also ließ ich sie einfach und betrat das Büro.
Mein Lächeln verrutschte ein wenig.
Die Tanzfee saß im Schneidersitz auf dem Boden. Auf ihren Beinen lag ein Buch, in das sie gerade schrieb. Sydney lag mit dem Kopf in ihrem Schoß und ließ sich nebenbei von ihr kraulen. Wie ich feststellen musste, war das eine Konstellation, in der ich die beiden öfter antraf.
Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, bis Nicoletta bemerkte, wer da das Büro betreten hatte. „Prinzessin Cayenne.“ Sie sprang regelrecht auf die Beine, um sich zu verbeugen. Leider warf sie dabei das Fläschchen mit Tinte um, das neben ihr auf dem Boden gestanden hatte.
Sydney sprang rasch zur Seite, um nichts abzubekommen, aber das Malheur war bereits angerichtet.
Nicoletta schaute verlegen auf die dunkle Pfütze.
Manchmal hatte ich das Gefühl, sie fürchtete sich vor mir. Okay, ich hatte sie vielleicht ein oder zwei Mal angeknurrt, als sie Sydney nach meiner Meinung zu dicht auf die Pelle gerückt war, aber ansonsten war ich eigentlich immer recht nett zu ihr gewesen. „Das solltest du wegmachen, bevor es ins Holz sickert“, riet ich ihr – ganz nett.
Ohne noch ein Wort zu verlieren, beeilte sie sich damit, die ausgelaufene Farbe mit Taschentüchern vom Boden aufzuwischen.
Sydney brummte leise und kam dann Schwanz wedelnd auf mich zu. In solchen Momenten erinnerte er mich mehr denn je an einen Hund. „Prinzessin Cayenne, es freut mich Euch zu sehen.“ Er begrüßte mich, indem er seinen Kopf unter meine Hand schob.
Ich strich ihm durch das Fell. Das war der Grund, warum ich so gerne hier war. Auch wenn er mit diesem förmlichen Gerede nicht aufhören konnte, so war er doch einer der Wenigen, die in meiner Gegenwart normal blieben.
„Ich hatte gerade nichts zu tun, da dachte ich, ich sehe mal nach dir.“
„Das ist sehr freundlich von Euch, aber gerade leicht unpassend.“
Ich verzog das Gesicht. „Du hast keine Zeit?“
„Jetzt gerade nicht, aber wenn Ihr etwas warten würdet, stehe ich zu Eurer Verfügung.“
„Klar.“ Auf jeden Fall besser, als alleine in mein Zimmer zu sitzen. Ich steuerte auf das kleine Sofa zu.
„Wenn ich Euch bitten dürfte nebenan zu warten.“
„Warum?“
Ein leises Lachen zog durch meinen Kopf. „Ihr macht meine Assistentin nervös.“
Naja, vielleicht ein bisschen. Bei meiner Anwesenheit schien es immer so, als wollte Nicoletta sich in einem Mäuseloch verkriechen. „Okay, wo soll ich warten?“
Er deutete mit einem Kopfnicken auf die einzige andere Tür im Raum. Es war die Tür, die zu seinen privaten Räumen führte. Bisher war ich noch nie darin gewesen. „Wartet da drin auf mich, ich bin hier gleich fertig.“ Er sah zu Nicoletta, die sich damit abmühte, auch den letzten Tropfen Tinte aus dem Boden zu bekommen. „Vorausgesetzt natürlich, dass Ihr sie kein weiteres Mal ängstigt.“
Grinsend ging ich auf die andere Tür zu. „Ich weiß gar nicht, was du meinst.“
Seine Belustigung hallte wie ein Echo in meinem Kopf.
Wie ich gleich darauf feststellte, bestanden Sydneys Räume aus einem einzigen Raum und der war absolut nicht das, was ich mir vorgestellte hatte. In meinem Kopf hatte ich ein Bild von einem Raum voller Bücher und Leselampen. Da war ein überfüllter Schreibtisch mit vielen Papieren und alten Dokumenten, ein Chaos, in dem er allein den Überblick behielt. Die Realität sah ganz anders aus.
Das war eine Mönchszelle. Keine Bücher, keine Bilder, Auszeichnungen, oder ähnliches. Nichts Persönliches. Dieses Zimmer bestand aus einem Holzfußboden, auf dem ein schmales Bett stand. Das einzige andere Möbelstück im Raum war eine niedrige Kommode. Oh, da in der Ecke stand auch noch ein Stuhl. Aber ansonsten … leer. Da hingen nicht mal Gardinen vor den Fenstern.
Dieser Raum wirkte … unbewohnt. Es schien als ob der Bewohner kein Leben hatte. Keine Vergangenheit, keine Wünsche, oder Hobbys. Dieser Raum war so kahl und unpersönlich, dass er schon kalt wirkte.
Direkt neben dem Bett gab es noch eine weitere Tür, die scheinbar nach draußen in den Garten führte. Daneben ein kleines Fenster, das ein wenig Tageslicht hinein ließ.
Eine Tür der Kommode war nicht ganz geschlossen.
Neugierig wie ich war, riskierte ich einen Blick. Bis auf wenige Kleidungsstücke herrschte in dem Ding gähnende Leere. Ein paar Hosen, T-Shirts und Pullis waren alles. Nicht mal Socken. Mit so wenigen Klamotten würde ich keine Woche hinkommen, aber Sydney brauchte ja auch nichts zum Anziehen, schließlich trug er die meiste Zeit Pelz. Vielleicht konnte er sich auch gar nicht mehr in einen Menschen verwandeln. War das möglich, wenn man zulange ein Wolf blieb? Das würde ich mal fragen müssen.
Ich schloss den Schrank und ging zur Hintertür. Sydneys Haustür war eine von einem Dutzend, die über eine begraste Gasse in den Garten führten. Jeder Schreiber hatte sein Zimmer direkt an seinem Büro.
Ich setzte mich auf die Schwelle, genoss die kühle Brise die mir um die Nase wehte und wartete. Erst nur ein paar Minuten, dann folgten weitere. Zwanzig Minuten, habe Stunde. Was verstand der Kerl unter gleich?
Langsam begann mein Hintern zu schmerzen und das Warten war so langweilig, dass ich laut Gähnte. Dabei machte ich mir nicht einmal die Mühe, die Hand vor den Mund zu heben. Dieses Verhalten hätte Frau van Schwärn sicher bemängelt.
Als ich bereits das dritte Mal gähnte, tauchte der Herr dann doch endlich auf. Es kratzte an der Tür, sie sprang auf und dann hörte ich schwere Pfoten auf dem Holzfußboden.
„Dein Zeitverständnis scheint anders zu funktionieren als meins.“ Ich drehte mich nicht um. Die warmen Sonnenstrahlen in meinem Gesicht waren gerade zu herrlich.
„Ich kann mich nur entschuldigen. Es hat doch länger gedauert, als ich angenommen habe.“ Er ließ sich direkt neben mir auf dem Boden nieder und legte seinen Kopf in meinen Schoss. Das war mir inzwischen bereits so vertraut, als hätten wie nie etwas anderes gemacht. „Ich hatte gehofft, dass Ihr mich heute aufsuchen würdet.“
Mir wurde ganz warm ums Herz. Wenn er wollte, dass ich ihn besuchen kam, hieß das doch, er mochte meine Gesellschaft. Ich vergrub die Hand in seinem Fell und ließ es zwischen die Finger hindurch gleiten.
Sydney schloss genüsslich die Augen. „Ich habe gestern vergessen mit Euch über den heutigen Unterricht zu sprechen.“
Unterricht? Deswegen wollte er dass ich komme? Das enttäuschte mich jetzt doch. Aber was hatte ich denn erwartet? Er war doch nur mein Mentor. „Schieß los.“
„Ihr wisst was heute für ein Abend ist?“
„Klar, Vollmond. Der Schrecken eines jeden Mistos.“
Den letzten Kommentar überging er. „Ich habe in Erfahrung gebracht, was mit Euch am letzten Vollmond geschehen ist und da sich etwas Derartiges nicht wiederholen soll, wurden ein paar Vorkehrungen getroffen. Aber zuerst möchte ich wissen, wie es für Euch war.“
„Scheiße.“
Sydney öffnete die Augen und richtete seinen tadelnden Blick auf mich. Meine Wortwahl gefiel ihm wohl nicht.
„Nein, das ist mein Ernst. Ich habe mich total scheiße gefühlt. Zuerst war mir nur ein wenig schwindlig und übel, aber dann kamen die Schmerzen. So etwas hatte noch nie gespürt. Danach … naja, dann wird alles ein wenig verschwommen.“ In Erinnerung an diese grausige Nacht, senkte ich die Augen und eine kleine Melancholie ergriff Besitz von mir. An diesem Abend war so viel geschehen und so viel hatte sich geändert. „Nur dank Raphael habe ich das überstanden. Mit seinem Joch hat er mich immer wieder in den Nebel geschickt. Das hat die Schmerzen ferngehalten.“ Meine Stimme bekam einen wehmütigen Klang. „Ich weiß nicht, was ohne ihn passiert wäre.“
Langsam hob Sydney den Kopf und musterte mich eingehend auf diese Art, die mir jedes Mal einen Schaduer über den Rücken jagte. „Raphael?“ In seinem Kopf begann es zu rattern, das war richtig zu sehen. „Er ist der Vampir, der Euch markiert hat“, knurrte er.
Sofort erkannte ich meinen Fehler. Ich hatte ihm eine Information gegeben, die er nicht hätte erhalten sollen. Verdammt. Und nicht nur das, ich hatte ihm sogar seinen richtigen Namen gesagt. Doppelt verdammt! Am liebsten hätte ich mir selber in den Hintern getreten. „Er ist weg“, sagte ich schnell, um ihn von seinen dummen Gedanken abzubringen. „Du wirst ihn nicht finden.“
Eine ganze Weile schwieg er mich an. Ich hielt seinem Blick stand, um ihm notfalls sogar zu verbieten, in Hinsicht Raphael etwas zu unternehmen. Wie konnte ich nur so dumm sein? Das hatte ich jetzt davon, weil ich nicht mehr sein Alias benutze.
„Nach dem Abendessen werdet Ihr ein Entspannungsbad nehmen“, sagte er dann seelenruhig und legte seinen Kopf zurück in meinen Schoß.
Ich kniff die Augen leicht zusammen. Auch wenn er nicht weiter darauf einging, war ich nicht so dumm zu glauben, dass sich die Sache damit erledigt hatte. Sollte ich dazu noch etwas sagen, oder es auch einfach dabei belassen?
Mist, warum hatte ich mich nur verplappern müssen?
„Lasst Euch von Eurer Kammerzofe dabei helfen. Eine Massage kann rechte Wunder wirken.“
Aber wenn ich jetzt weiter darauf herumtritt, könnte … Moment, was hatte er gesagt? „Ich soll Collette mit zum Baden nehmen?“
„Lasst Euch von ihr Öle und Düfte bringen, damit Ihr Euch entspannen könnt. Nehmt sie mit, damit sie Eurem Körper etwas Gutes tun kann.“
„Nein.“ Allein der Gedanke daran die Frau in mein Bad zulassen, während ich Nackt war, bereitete mir Unbehagen. Ich war nicht prüde oder so, aber das würde bedeuten, dass sie das sehen würde, was ich vor der ganzen Welt verbarg. „Nie im Leben.“
Verwundert sah Sydney zu mir auf. „Warum nicht?“
Kaum merklich zuckte meine Hand auf meinem Bein. Die Bewegung über meiner alten Narbe war winzig, aber er hatte sie bemerkt.
„Ihr braucht Euch dafür nicht zu schämen.“
Ich schenkte ihm einen herablassenden Blick. „Und das kommt ausgerechnet von dir?“
Sydney schnaubte. „Bei mir ist das etwas anderes.“
„Natürlich ist es das. Es ist ja nicht dein Körper, der zur Schau gestellt wird, sondern meiner.“
Verstimmt grummelte er. „Dann lasst es eben. Sie soll Euch trotzdem Entspannungsöle bringen. Um halb Zehn werde ich Euch abholen und zum Mondturm bringen. Haltet euch bereit und zieht Euch etwas Bequemes an, dies wird eine lange Nacht werden.“
„Wir gehen heute in den Mondturm?“
Er nickte. „Ich hoffe die Nähe zum Mond wird Euch helfen. Für den Notfall wird auch ein Arzt bereits stehen, um eingreifen zu können, damit sowas wie beim letzten Mal nicht noch einmal passiert.“
Ein Arzt. „So wie du das sagst, bekomme ich schon jetzt ein schlechtes Gefühl.“
Sydney kuschelte seinen Kopf zurück in meinen Schoß. „Versucht Euch nicht von den negativen Aspekten beeinflussen zu lassen, umso schwerer wird es sonst werden. Denkt an die guten Dinge, die dieser Abend mit sich bringt.“
„Gute Dinge?“ Meine Finger fuhren durch seinen Nackenpelz und kraulten ihn dann hinter den Ohren. „Was bitte soll an diesem Abend gut sein?“
„Ich werde Euch heute nicht dazu anhalten den Mond zu betrachten, Ihr dürft die ganze Nacht mit mir sprechen. Und solltest ihr einschlafen, dann werde ich Euch nicht daran hindern.“
Das ließ mich lächeln. „Okay, das ist wahrscheinlich schon gut.“ Damit fiel der eigentliche Unterricht heute also aus. Doch leider konnte ich nicht aufhören daran zu denken, was beim letzten Mal geschehen war. Nicht nur wegen dem Schmerz. Der meiste Teil dieser Nacht war noch immer ein großen, schwarzes Loch für mich und ich befürchtete, dass das heute Nacht wieder passieren würde. „Ich habe Angst“, gestand ich ihm leise. „Ich habe ganz furchtbare Angst.“
Sydney schaute zu mir auf und nach einem Moment der Stille erhob er sich und vergrub seinen Kopf an meiner Halsbeuge. „Ich weiß nicht ob das für Euch ein Trost ist, aber ich werde die ganze Nacht bei Euch bleiben.“
Ich schlang die Arme um ihn und drückte ihn ganz fest an mich. „Versprichst du es?“
„Ja, ich werde über Euch wachen.“
„Danke.“ Vielleicht konnte er nicht viel ausrichten, aber allein das Wissen, dass er bei mir sein würde, erleichterte mich ein wenig. Er würde auf mich aufpassen und ich musste diese Tortur nicht allein durchstehen.
Ich verbrachte den ganzen Nachmittag bei Sydney und wäre wohl auch noch länger geblieben, wenn meine Familie nicht darauf bestanden hätte, dass ich beim Essen am Tisch saß. Unterhaltsam waren diese gemeinsamen Essen seit meinem Ball nicht mehr. Ich konnte ihnen nicht verzeihen, dass sie mein Leben aufs Spiel gesetzt hatten, nur um ein wenig mehr Macht zu bekommen. Besonders Kaidan nahm ich das übel und ließ es ihn auch spüren, wann immer er es wagte das Wort an mich zu richten.
Als ich wenig später auf mein Zimmer ging, bat ich Collette mir so ein Entspannungsbad einzulassen und während ich mich hineinlegte, suchte sie mir etwas zum Anziehen für die Nacht heraus.
Düfte von Lavendel und Vanille umhüllten mich und aus versteckten Boxen in den Wänden drangen Urwaldgeräusche an mein Ohr. Das Einzige was mir zur völligen Entspannung fehlte, war Elvis, der leise in mein Ohr schnurrte. Was der kleine Kerl wohl gerade trieb? Ich vermisste ihn.
Nach einer knappen Stunde war ich entspannt, durchgeweicht und von einer seligen Ruhe erfasst. Doch während ich mir die Haare trocknete in mich in einen Frotteebademantel hüllte, stieg langsam Nervosität in mir auf.
Während ich das Bad verließ, redete ich mir ein, dass Sydney schon alles im Griff haben würde. Er war zwar kein Vampir, aber er hatte diese Talent Ruhe zu vermitteln. Solange er da war, würde schon nichts passieren. Er wusste schon …
Abrupt blieb ich stehen. Da saß ein kleiner, weißhaariger Junge auf meiner Couch und begutachtete den Inhalt des grünen Ordners auf seinem Schoß.
Hey, Moment mal, das war mein grüner Ordner. Der in dem das Bild von Tyrone, ich meine Tristan, lag und die Fotos von mir und Raphael. Verdammt, wie war er daran gekommen? Ich hatte ihn ganz unten in meinem Koffer verstaut.
„Das Bild ist wirklich toll“, erklärte er mir. „Hast du das gemalt?“
Unfähig zu sprechen, schüttelte ich einfach nur den Kopf. Wie war er hier rein gekommen? Ich hatte die Tür doch abgeschlossen, da war ich mir sicher. Ich schloss immer ab, bevor ich mir die Klamotten vom Leib riss.
Er nahm den Fotostreifen zur Hand und verzog das Gesicht. „Bäh, küssen ist eklig.“
Ein Ruck ging durch mich hindurch. Ich überwand die Distanz zwischen uns und nahm ihm die Mappe samt Inhalt aus der Hand. Dann barg ich es wie ein Schatz an meiner Brust und funkelte ihn an. „Für einen Sechsjährigen bist du ganz schön unverschämt.“
Prinz Samuel plusterte sich auf. „Ich bin schon neun!“
„Und wenn du neunundfünfzig wärst, das sind meine Sachen und die gehen dich nichts an.“ Ich verstaute alles wieder ordentlich im Ordner und schob das ganze im Bett unter mein Kopfkissen. Keine Ahnung, warum es mich so ärgerte, dass er das Geschenk von Tristan angefasst hatte, aber ich könnte ihn dafür den Hals umdrehen.
„Wer hat das Bild gemalt?“
„Ein Freund.“ Ich stemmte die Hände in die Hüften und schaute ihn an. Was sollte ich mit einem kleinen Kind anfangen? Eigentlich sollte ich mich fertig machen. In weniger als zehn Minuten würde Sydney mich abholen.
„Der Mann auf dem Foto?“ Neugierig griff er nach meinem Handy und scrollte sich munter durch das Menü.
„Nein.“ Was trieb der Kleine hier nur? „Bist du immer so neugierig?“
„Ja.“ Als er offenbar nichts Interessantes fand, legte er das Handy zurück auf den Tisch, rutschte vom Sofa und wanderte munter in meinen Kleiderschrank.
Überfordert und unfähig schaute ich ihm einen Moment einfach nur nach, bevor mein Hirn wieder zu arbeiten begann und ich ihm nachlief.
Als ich reinkam war er gerade damit beschäftigt meine Garderobe zu inspizieren. Nicht den Teil, den ich von den Regenten geschenkt bekommen hatte, sondern die wenigen Sachen, die ich noch von zuhause besaß. Er zog eine tief ausgeschnittene Bluse hervor und hielt sie sich vor die Brust. „So was erlauben sie dir zu tragen?“
Langsam bekam ich das Gefühl, im falschen Film zu sein. „Sag mal, was willst du eigentlich? Hast du niemand sonst, dem du auf den Sack gehen kannst?“
„Nein.“ Er tauschte die Bluse gegen ein bauchfreies Shirt mit Glitzersteinchen ein.
Mein Blick glitt auf das Regal mit den Uhren. Noch fünf Minuten, dann würde Sydney hier auftauchen. Er war immer pünktlich. „Hör zu, ich hab jetzt keine Zeit. Geh schön spielen und lass …“
Samuel lachte. „Ich spiel doch schon. Verstecken um genau zu sein.“
„Ach ja?“ Verwirrt verzog ich das Gesicht.
„Ja, ich verstecke mich vor Leah.“ Er grinste schelmisch. „Nur leider weiß sie nicht, dass wir spielen.“
Ah, jetzt ging mir ein Licht auf. Er hatte sich von seiner Nanny losgemacht und verstecke sich nun in meinem Zimmer. Das Spielchen kannte ich nur zu gut. Ich selber hatte es in der Vergangenheit nur allzu gerne mit Joel abgezogen. Aber da er allein hier war, musste er sich zusätzlich auch noch von seinem Umbra losgemacht haben. Schlaues Kerlchen. „Okay, meinetwegen, aber raus aus meinem Kleiderschrank, ich muss mich anziehen.“
Seine unschuldigen Augen leuchteten auf. „Ich darf bleiben?“
„Nur wenn du aus meinem Kleiderschrank verschwindest.“
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Wie ein Wirbelwind stürmte er raus und war im nächsten Moment aus meinem Sichtfeld verschwunden. Es war schon seltsam ein kleines Kind mit weißen Haaren zu sehen, es wirkte … falsch.
Egal, dafür hatte ich jetzt keine Zeit. Ich verschloss die Tür hinter ihm und sah mir die Sachen an, die Collette für mich rausgesucht hatte. Ein luftiger Kaftan aus leichten Leinen. Für meinen Geschmack war er ein wenig zu bunt, aber er war lang genug, um auch meine Füße zu verstecken, also würde ich nichts sagen.
Ich ließ den Bademantel auf den Boden fallen, schlüpfte in Unterwäsche und Beinbinde und zog ihn dann über. Gerade als ich in die offenen Sandalen schlüpfte, hörte ich Samuels Stimme. Aber er sprach nicht mit mir. Ein Blick auf die Uhren reichte, um mir klar zu machen, dass Sydney wohl eingetroffen war. Ich strich mir noch mein ausnahmsweise offenes Haar hinter die Ohren und trat dann in den Nebenraum.
Sydney stand mit geschlossenen Augen mitten in Raum und grummelte genüsslich, weil das kleine Prinzchen ihm kräftig den Rücken kraulte. Das war echt süß und entgegen meiner ersten Begegnung mit diesem riesigen Wolf, hatte mein Cousin nicht den Hauch von Angst.
Als wenn er meine Anwesenheit gespürt hätte, schlug Sydney die Augen auf. „Seid Ihr fertig?“
„Von mir aus kann es losgehen.“
Er leckte Prinz Samuel über die Wange und trottete mir voran durch die noch offene Tür.
„Lass deine Finger von meinen Sachen“, mahnte ich den Kleinen noch, bevor ich Sydney folgte. Es störte mich nicht, dass er in meinem Zimmer blieb. Ich konnte es nur auf den Tod nicht leiden, wenn irgendjemand einfach an mein Eigentum ging.
Sobald Diego sich uns dann auch noch angeschlossen hatte, machten wir uns auf den Weg hinüber ins Labyrinth.
Ich spürte es, sobald ich die schützenden Mauern der Burg verließ. Die Welt schwankte zur Seite und hätte Diego nicht neben mir gestanden, wäre ich vermutlich einfach aus den Latschen gekippt. „Wow“, sagte ich und klammerte mich an seine Schultern. „Damit habe ich nicht gerechnet.“
Sydney beobachtete mich aufmerksam.
„Ich kann dich tragen“, bot Diego an.
„Nein, nein, mir ist nur ein wenig schwindlig.“ Und mein Magen tat irgendwas Seltsames. Zum Glück hatte ich bei Abendessen nur lustlos auf meinem Teller herumgestochert.
„Bist du sicher?“
Ich nickte, harkte mich Sicherheitshalber aber bei ihm unter. So würde ich verhindern, dass ich einfach auf die Nase klatschte. Was es allerdings nicht verhindern konnte, war meine aufkeimende Furcht. Genauso hatte es beim letzten Mal begonnen. Leichter Schwindel, verknotete Eingeweide, ein brennen in der Kehle. Ich wagte es nicht zum Mond hinauf zu sehen.
Normalerweise verbrachten Sydney und ich unsere Nächte im südlichen Teil des Labyrinths, heute führte er uns direkt ins Zentrum, auf einen verhältnismäßig großen Platz, dessen Mittelpunkt der Mondturm war. Oh-ha, der war wirklich hoch. „Habe ich schon Mal erwähnt, dass ich an Höhenangst leide?“
„Euch wird nichts geschehen“, versprach Sydney und marschierte direkt auf den Turm zu.
Ein paar Wächter standen in der Nähe der Tür und sahen uns entgegen. Unten ihnen war auch der Typ mit dem Tattoo – ich musste wirklich mal nachfragen, wie der hieß – und zu meiner Überraschung: „Victoria!“ Keine Ahnung warum, aber ihr Anblick ließ mich grinsen.
Auch ihre Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. „Prinzessin Cayenne“, sagte sie und beugte den Kopf leicht nach vorne. „Es freut mir Euch zu sehen.“
„Da habe ich aber schon ganz anderes von dir …“ Als mein Kopf sich plötzlich zu drehen begann, lehnte ich mich ein wenig stärker an Diego und musste ein paar Mal schlucken.
Er legte sofort einen Arm um meine Taille. „Wir sollten hinein gehen“, erklärte er und schob mich an Victoria vorbei zum Eingang. Mir blieb nicht mal mehr die Zeit zum Abschied die Hand zu heben, da wurde vor mir auch schon die Tür geöffnet und ich tauchte in den Turm ein. Sofort ließ das ungute Gefühl in der Kehle nach und die Welt war wieder gerade.
Hm. So turmmäßig sah das hier drinnen gar nicht aus. Vertäfelte Wände, ein High-Tech- Fahrstuhl. In der Ecke stand eine ansehnliche Topfpflanze.
„Kommt.“ Sydney trat an den Fahrstuhl, richtete sich an ihm auf und drückte mit der Pfote den Rufknopf. Dabei stellte er sich ziemlich geschickt an. Wenn man sein Leben als Wolf verbringen wollte, musste man vermutlich erfinderisch sein.
Als die Aufzugtüren sich öffneten, zögerte ich plötzlich. Da wo ich gerade stand, ging es mir doch eigentlich ganz gut. Warum also sollte ich nach oben fahren, wo nur wieder der Mond lauerte?
Als Sydney mein Zögern bemerkte, schaute er mich fragend an.
„Ich will da nicht hoch“, sagte ich auch ganz direkt.
Verstehen machte sich in seinem Gesicht breit. „Es tut mir leid, Prinzessin Cayenne, aber heute Nacht werdet Ihr leider nicht drumherum kommen. Der König wünscht, dass wie die Nacht dort oben verweilen, damit der Mond Euren Wolf beeinflussen kann.“
Ich drückte die Lippen zusammen. „Warum kommt eigentlich nie jemand auf die Idee zu fragen was ich will?“
Da dies eine rhetorische Frage war, bekam ich auch keine Antwort. Stattdessen schauten sie mich nur an abwartend an, bis ich meinen inneren Schweinehund überwand und zögernd in den Aufzug trat.
Dieses Mal war es Diego, der den Knopf betätigte und dann schossen wir so schnell in die Höhe, dass ich ein ganz komisches Gefühl auf den Ohren bekam. Das hatte ich schon einmal erlebt, damals, als ich ihm Rahmen eines Klassenausflugs den Fernsehturm besichtigt hatte. Auch da hatte ich das Gefühl nicht gemocht.
Mit jedem Meter den wir zurück legten, wurde ich ein kleinen wenig nervöser und als der Fahrstuhl dann endlich zum Halten kam, war ich nur noch ein Nervenbündel. Als ich dann auch noch sah wie Sydney mich besorgt musterte, hätte ich mich fast geweigert den Fahrstuhl zu verlassen.
„Positive Gedanken, Prinzessin“, sagte er leise.
„Du bist echt lustig“, murmelte ich und trat dann hinter ihm in die Kuppel des Mondturms.
Die Kugel war zweigeteilt. Der Fahrstuhl befand sich in der linken Hälfte, zusammen mit einem dutzend Wächtern und Dr. Ambrosius. Okay, den hatte ich hier nicht erwartet. Es gab nur zwei kleine Fenster, ein paar bequeme Stühle und eine Tür. Und die war es, die Sydney direkt ansteuerte.
Sofort trat einer der Wächter vor und öffnete ihm. Ich brauchte ein wenig, um ihm zu folgen und als Diego mich an der Tür dann auch noch losließ, blieb ich erstmal ganz stehen.
„Ich warte hier“, erklärte er mir.
Ich schaute durch die offene Tür. Dort sah es ganz anders aus, als auf dieser Seite. Die ganze Front bestand aus Glas. Ein Teil der Fenster waren sogar geöffnet. In gebogenen Schienen waren Rollos angebracht. Im Moment waren sie so weit ich das sehen konnte, alle hochgezogen.
Mir wurde ein wenig mulmig und das lag nicht allein an dem Vollmond.
„Geh schon.“ Diego schob mich nach vorne. „Ich bin hier, falls etwas ist.“
„Ich hätte es aber lieber, wenn du dort bist“, sagte ich und zeigte durch die Tür, wo Sydney bereits geduldig auf mich wartete.
Er schenkte mir eines seiner seltenen Lächeln und schob mich auf die andere Seite. Dann schloss er die Tür zwischen uns.
Das gefiel mir nicht. Aber noch weniger gefiel mir, was ich hier sah. Da waren nicht nur ein paar der Fenster geöffnet, da waren alle offen. Und nicht nur vor mir war Glas, auch über mir. Da war praktisch nichts zwischen mir und dem gähnenden Abgrund in die Tiefe.
Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück. „Gibt es hier ein Sicherheitsnetz?“
Das leise Lachen in meinem Kopf, amüsierte mich kein bisschen. „Ihr müsst nicht ans Fenster treten. Legt euch einfach auf das Lager, es ist weit genug entfernt.“
Mit Lager meinte er eine in den Boden eingelassene Matratze. Sie war kreisrund und überfüllt mit Zierkissen und mehreren Naturfelldecken. Darüber spendeten ein paar Wandleuchten ein wenig Licht. Gemütlich.
Und trotzdem bewegte ich mich nicht. „Bei meinem Glück stolpere ich und falle kopfüber aus dem Fenster.“ Oder noch schlimmer, ein Sturm konnte aufziehen, die Scheiben zerberste lassen und mich hinaus wehen. Okay, ich hatte eindeutig eine blühende Phantasie.
„Es wird Euch nichts passieren.“ Er kam zu mir und stupste gegen meinen Arm. „Kommt, begleitet mich.“
Ich wollte mein sicheres Plätzchen an der Wand eigentlich nicht verlassen und doch griff ich in seinen Nacken und ließ mich von ihm zu dem Lager führen. Ihn dann aber wieder loszulassen und mich auf die Decken zu setzen, fiel mich nicht ganz so leicht. So war ich auf gleicher Höhe mit den offenen Fenstern. Und naja, ich spürte schon wieder diesen leichten Schwindel, den ich mittlerweile als bösen Vorboten betrachtete. „Und was passiert jetzt?“
„Macht es Euch bequem.“ Er selber setzte sich neben das Lager auf den Boden. „Und dann können wir tun, wonach immer Euch der Sinn steht.“
„Ich war schon lange nicht mehr shoppen.“ Ich trat mir die Schuhe von den Füßen, streckte mich dann auf dem Lager aus und drehte mich auf die Seite, damit ich ihn ansehen konnte.
Sydney lachte leise und legte den Kopf auf die Decken, damit ich ihn am Ohr kraulen konnte. Das hatte er wirklich gerne. „Leider müsst Ihr Euch auf Dinge beschränken, die in diesem Rahmen möglich sind.“
„Da es hier nicht mal einen Fernseher gibt, heißt das wohl Däumchen drehen.“ Und das fand ich nicht sehr beruhigen. Im Moment wollte ich nichts lieber, als mich abzulenken.
„Sprecht mit mir“, sagte er leise und kroch ein Stück näher, damit ich besser an ihn heran kam. „Das wird Euch ablenken.“
Okay, das war unheimlich und ja, es weckte auch mein Misstrauen. „Sag mal, kannst du meine Gedanken lesen?“ Er konnte schließlich auch in meinen Kopf sprechen und es war bei Weitem nicht das erste Mal, das er wusste, was in meinem Kopf vor sich ging, ohne dass ich ein Wort gesagt hatte.
Er schnaubte belustigt. „Um Eure Gedanken lesen zu können, brauchte ich nur in Eurer Gesicht zu sehen.“
Meine Augen wurden ein wenig größer. „Das heißt du kannst sie lesen?“
„Nein, nicht so wie Ihr glaubt“, beruhigte er mich. Nicht zum ersten Mal fiel mir auf, wie groß er war. Nicht nur sein Schädel. Wenn er stand, reichte seine Schulter bis an meinen Bauch, andere Wölfe gingen mir gerade mal bis zur Hüfte. „Ich könnte Eure Gedanken nur dann lesen, wenn ihr in Wolfsgestalt wärt. Und dann auch nur die, die Ihr mir zugänglich macht.“
„Vielleicht wird das mit dem Wolf heute vielleicht noch was“, murmelte ich und zog eine kleine Narbe hinter seinem Ohr nach.
„Vielleicht“, stimmte er mich zu, doch in seinem Blick sah ich Sorge und das half nicht gerade dabei ruhig zu bleiben.
In meinen Ohren begann mein Puls zu dröhnen. Ich schloss die Augen, in der Hoffnung es damit besser zu machen, doch leider wurde mir dadurch nur übel.
„Alles in Ordnung?“
„Ja. Mein Kopf fängt gerade nur gerade an zu stänkern.“ Ich öffnete die Augen wieder, bevor ich noch auf de Idee kam aufs Bett zu kotzen. „Aber das ist noch gar nichts. Das letzte Mal war es viel schlimmer.“
„Wenn es zu schlimm wird, sagt es mir, dann werde ich den Arzt hereinholen.“
Ich schnaubte. „Wenn es so schlimm wird, dass ich einen Arzt brauche, wirst du es schon merken. Glaub mir.“
Die Sorge in seinem Blick wuchs. „Ich wünschte ich könnte mehr für Euch tun.“
„Oh ja, das wünschte ich auch“, murmelte ich zog ein weiteres Mal diese kleine Narbe nach. Wäre er jetzt ein Mann, wäre sie dann auch noch an dieser Stelle. Und würde er es dann auch mögen, wenn ich ihm hinterm Ohr kraulte? Ich gab ein kleines Kichern von mir, als ich mir das vorstellte.
„Ihr scheint Euch zu amüsieren.“
„Ich habe mich nur gerade gefragt, ob du als Mensch auch so gerne gekrault wirst.“
Dazu schwieg er.
„Zeigst du mir mal, wie du als Mensch aussiehst?“
Er legte die Ohren an und wich meinem Blick aus. „Wenn es sich vermeiden lässt, nein.“
Damit hätte ich eigentlich rechnen müssen, auch wenn es mich ein wenig enttäuschte. Ich wusste schließlich, dass er sich wegen seiner Verletzungen unter seinem Fell verbarg. „Erzählst du mit einmal die Geschichte deiner Narben?“
„Es ist lange her und nicht mehr von Belang.“
Das er damit nicht nur mich, sondern auch sich belog, war wohl seine Art, mit der Vergangenheit fertig zu werden. „Du hast mir gesagt, ich brauche mich nicht dafür zu schämen. Das gleiche gilt für dich, weißt du?“
Einen langen Moment schaute er mich so intensiv an, dass es fast schon ein eindringen in meine Intimsphäre war. „Vielleicht erzähle ich Euch die Geschichte einmal, aber nicht heute.“ Er neigte den Kopf leicht zur Seite und wirkte damit mehr denn je, wie ein großer, struppiger Hund. „Heute gibt es Wichtigeres für Euch.“
„Die Geschichte zu hören wäre mir lieber.“
„Nicht heute“, wiederholte er und sah durchs Fenster hinauf zum Mond. „Könnt ihr ihn spüren?“
„Ich weiß nicht.“ Ich folgte seinem Blick und bereute es sofort. Keine Ahnung wie das möglich wurde, aber sobald ich der hellen Kugel ansichtig wurde, überrollte mich eine Welle der Übelkeit.
Stöhnend drehte ich das Gesicht in die Decken und schluckte ein paar Mal angestrengt.
Sydney hob alarmiert den Kopf. „Was habt Ihr?“
„Übel.“
Die Welt vor meinen Augen begann sich zu drehen und ich hatte das Gefühl, als hätte mir jemand kräftig in den Magen geschlagen. Alles was ich zum Abendessen zu mir genommen hatte, versuchte sich jetzt auf dem gleichen Weg aus meinem Körper zu winden. Das war kein schönes Gefühl.
Sydney kroch zu mir ins Bett und kuschelte sich so dich an mich, dass ich mein Gesicht an seiner Seite vergraben konnte. „Ihr müsst aufhören Euch dagegen zu wehren. Lasst es zu, dass ihr zum Wolf werdet.“
Na ob das so eine tolle Idee war?
„Entspannt Euch. Ich lasse Euch nicht alleine.“
Draußen schallte das durchdringende Jaulen eines einzelnen Wolfes durch die Nacht. Der Ruf jagte mir einen Gänsehaut über den Rücken. „Da heult ein Wolf“, murmelte ich und drehte mich auf den Rücken. Auf einmal wurde mir unglaublich heiß.
Sydney hob sofort den Kopf und musterte mich eindringlich. „Das war König Isaac. Er hat die Vollmondjagd eröffnet.“
Ich zog meine Ärmel hoch, bis meine Arme frei waren. Leider brachte es nicht viel. Irgendwie wurde mir noch heißer. „Was Jagd man auf so einer Vollmondjagd?“ Ich strich auch noch mein Haar weg, aber auch das brachte im Grunde gar nichts.
Sydney richtete sich halb auf. „Was ist mit Euch?“
„Nichts weiter. Mir ist nur warm.“ Und schwindlig. Und übel. Und dann war da noch dieses verdammte Dröhnen in meinem Kopf, das stetig stärker zu werden schien. „Die müssen hier dringend eine Klimaanlage einbauen.“
„Ich werde das zu Protokoll geben.“ Er legte den Kopf an meine Hand. Vielleicht um mit zu zeigen, dass er noch da war. Vielleicht wollte er aber auch einfach nur weiter gekrault werden.
Ich versuchte wieder mich zu entspannen, aber diese Hitze wurde immer schlimmer. Ich fühlte mich fiebrig und verschwitzt und begann meine Beine freizustrampeln, um wenigstens ein wenig Luft ranzulassen. Sydney hatte die Binde bereits gesehen, also war es egal. Leider brachte das noch immer nicht den gewünschten Effekt.
„Sprecht mit mir“, bat er mich und setzte sich neben mir auf. Wahrscheinlich konnte er mich so besser im Auge behalten.
„Was willst du denn hören?“
„Was immer Ihr zu sagen habt.“
Ich schnaubte und schob die ganzen Decken und Kissen weit von mir. „Im Moment hab ich nicht wirklich etwas zu sagen.“
„Erzählt mir von Eurem Leben als Mensch.“ Als er verstand, was ich da versuchte, erhob er sich und begann systematisch alle Decken und Kissen aus dem Bett zu werfen, bis ich auf dem blanken Laken lag. „Ihr habt eine Katze, wurde mir gesagt.“
„Elvis.“ Auf meinen Lippen erschien ein kleines Lächeln. „Er sieht genauso aus wie der kleine Anhänger, denn ich dir geschenkt habe. Und er ist mindestens genauso stur und …“ Eine neue Welle der Übelkeit überrollte mich. Ich drehte mich auf die Seite und schluckte ein paar Mal angestrengt.
„Schhh“, machte er und strich mit der Nase über meine Wange. „Ruhig atmen, das geht gleich vorbei.“
Fast hätte ich gelacht, denn das war wirklich der Witz des Jahres. „Nein, das ist erst der Anfang.“ Oh Gott, wo kam nur diese verdammte Hitze her? Das war doch beim Letzten Mal nicht so gewesen, oder?
Das Dröhnen in meinem Ohren wurde lauter. Ich hörte mein eigenes Blut in den Ohren wummern. Lass dich darauf ein, befahl ich mir selber, kämpf nicht dagegen an, es ist ein Teil von dir. Leider war sowas immer viel leichter gesagt, als getan.
„Habt Ihr den Anhänger deswegen ausgewählt?“
Ich blinzelte ihn an und wusste nicht, was er meinte.
„Das Geschenk an mich. Habt Ihr ihn ausgewählt, weil er wie Euer Kater aussieht?“
Der stärker werdende Schwindel brachte mich dazu, mich wieder auf den Rücken zu drehen. Gott, diese Hitze wurde immer schlimmer. „Du willst doch nicht wirklich über meinen Kater sprechen.“
„Natürlich möchte ich das.“
„Nein, möchtest du nicht. Du versuchst nur mich abzulenken.“
Da wir beide wussten, dass dies die Wahrheit war, sparte er sich seinen Kommentar dazu.
„Was ist Eure Lieblingsfarbe?“
„Sydney …“
„Bitte Prinzessin, tut mir den Gefallen.“
Die Muskeln unter meine Haut begannen zu zucken. „Türkis.“ Ich streckte das Bein. Meine Haut spannte. Auf meinem Rücken bildete sich ein Schweißfilm. „Wie das Wasser einer … Lagune.“ Oh Gott, diese Hitze.
„Ward Ihr schon einmal am Strand?“
Ich stöhnte. Meine Glieder begannen zu schmerzen. Es fühlte sich an als hätte mein ganzer Körper Muskelkater. Und es wurde schlimmer.
„Cayenne, antwortet mir.“
„Es tut weh.“ Ich zog die Beine an den Bauch, aber leider brachte das nichts. Schmerz zuckte durch meine Glieder. Der Druck in meinem Kopf wurde immer größer. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte dagegen anzuatmen. Es brachte rein gar nichts. „Sydney, es tut weh.“
„Schhhh.“ Er kroch an mich heran, bis ich mein Hand in seinem Fell vergraben konnte. „Ihr haltet Euch sehr gut.“
Ich wimmerte.
„Versucht Euch auf meine Stimme zu konzentrieren. Ich bin bei Euch, Euch kann nichts geschehen.“
„Das sagst du doch nur, weil du glaubst …“ Plötzlich passierte es. Es zuckte ein so heftiger Schmerz durch meinen Körper, dass ich aufschrie.
„Schhh, ganz ruhig.“
Meine Atmung wurde schneller. Ich biss die Zähne zusammen und drehte mein Gesicht wieder ins Laken. Meine Hände krallten sich in den Stoff. Meine Haut schien auf einmal in Flammen zu stehen. Mein linkes Bein begann unkontrolliert zu zucken.
„So ist gut, einfach atmen.“
Eine Träne löste sich aus meinem Augenwinkel. „Ich kann … nicht.“ Aus meiner Kehle löste sich ein Knurren. Mein Kopf drehte sich. Ich begann rückwärts zu kriechen, weg vom Fenster, weg vom Mond. Es tat so weh.
Langsam wurde mir die Brust eng. Das Atmen fiel mir zunehmend schwerer. Irgendwo in der Ferne hörte ich einen Wolf heulen und das war der Moment, in dem der Schmerz wie ein Pfeil durch mich hindurch raste und mir einen weiteren Schrei entlockte.
Weg, ich musste hier weg, doch als ich versuchte auf die Beine zu kommen, zwang der Schwindel mich sofort wieder in die Knie. Meine Beine verfingen sich in meinem Kaftan.
„Nein, Nicht!“
„Weg“, murmelte ich und versuchte erneut mich aufzurichten.
„Cayenne, bleibt liegen!“
Ein Schwindelanfall überkam mich. Bevor ich mich versah, knickten meine Beine weg und ich knallte mit dem Kopf gegen die Wand. Dann wurde alles schwarz.
°°°°°
Ich trieb durch die Dunkelheit. Leicht. Schwerelos. Da war nichts außer mir und der Finsternis. Ich konnte meinen Körper spüren, meine Augen jedoch versagten mir den Dienst, aber ich hatte keine Angst. Ich fühlte mich gut, ruhig, sicher. Hier gab es nichts vor dem ich mich fürchten musste.
Meine Finger berührten eine glatte Oberfläche. Vorsichtig tastete ich mich daran entlang. Schritt für Schritt. Unter meinen Füßen knarrten Dielen. Ich stieß auf eine Unebenheit an der Wand. Ein Schalter. Ich betätigte ihn und um mich herum wurde es hell.
Blinzelnd schaute ich mich um. Ein fensterloser Raum ohne Tür. Genau in der Mitte stand ein zerwühltes Bett. Irgendwo tickte eine Uhr, aber ich konnte sie nicht finden, die Wände waren leer. Ich kannte das Zimmer, ich war schon einmal hier gewesen, nur wusste ich nicht mehr wann.
„Nicht alles war eine Lüge.“
Erschrocken schaute ich mich nach der Stimme um, aber da war niemand. Ich war allein. Doch plötzlich tauchten überall aus den Wänden Spiegel auf. Kleine und große. Schlichte und aufwendige. Auf ihren Oberflächen huschten Bilder umher. Raphael, wie er tanzend am Herd stand und so schief sang, dass mir die Ohren davon schmerzten. Raphael, wie er klitschnass vor meinem Fenster hing und um Einlass bat. Raphael, wie er einen letzten, traurigen Blick auf mich warf, bevor er die Wagentür schloss und mit Future davon fuhr.
Ich drehte mich herum und versuchte ihn zu finden, aber da war nur der leere Raum mit den hundert Spiegeln, die mir hundert verschiedene Momente mit ihm zeigten. Wie er lachte, oder mich aufzog. Wie er mich mit diesen kristallblauen Augen anlächelte.
„Nicht alles war eine Lüge.“
Überrascht wirbelte ich herum. Das hatte anders geklungen, so als würde er direkt neben mir stehen, aber da war niemand. Nur das lehre Bett. Und ein nasses Handtuch. Das war sein Zimmer, wurde mir klar. In diesem Bett hatte ich beim letzten Vollmond gelegen, während er sein Joch benutzte, damit es mir besser ging. Er hatte mich manipuliert, doch nicht um mir zu schaden. Er hatte mir geholfen.
Als ich plötzlich ein Kribbeln in meinem Nacken spürte, drehte ich mich herum. Und da stand er, so nahe, dass ich seinem Atem im Gesicht spüren konnte. Er sah genauso aus wie in meiner Erinnerung. Die Helle Haut, das schwarze Haar, der kleine Pferdeschwanz im Nacken.
Das helle Blau in seinen Augen wurde dunkler. Er machte einen Schritt auf mich zu und zwang mich so zu Rückzug. Immer weiter und weiter, bis ich nicht weiter zurück konnte. „Nicht alles war eine Lüge“, flüsterte er und nahm mein Gesicht zwischen die Hände.
Plötzlich gingen die Lichter aus und doch sah ich ihn noch immer ganz klar vor mir. Ich spürte seine Nähe und hörte das Schlagen seines Herzens. Seine Berührung war so vertraut, dass die Sehnsucht nach ihm in mir erwachte.
„Deine Gefühle sind nicht einseitig“, sagte er leise und dann küsste er mich so gierig, dass es schon an Verzweiflung grenzte.
Einen kurzen Moment war ich versucht ihn von mir zu stoßen, doch dann krallte ich die Hände in sein Hemd, zog ihn noch näher an mich und erwiderte sein Kuss genauso gierig. Ich biss ihm in die Lippe, als er einen Arm um meine Taille schlag, damit ich ihm nicht davonlaufen konnte. Als seine Hand mich im Nacken packte, knurrte ich, weswegen er sich nur noch weiter gegen mich drängte.
Diese Kuss war weder sanft noch zärtlich. Er war eine Naturgewalt, die mich einfach mitriss. Ich war machtlos gegen die Gefühle, die durch mich hindurch tobten. Seine Nähe machte mich zu einer Gefangenen des Moments. Ich wollte dass es niemals endete. Und doch zog er sich langsam von mir zurück und hielt sogar meine Hände fest, als ich wieder nach ihm greifen wollte.
Seine Augen waren mittlerweile dunkel wie der tiefste Ozean. „Ich liebe dich.“
Mein Herz machte einen Sprung, nur um gleich darauf in die Tiefen der Hölle zu fallen. „Ich kann dir nicht vertrauen“, sagte ich leise. Nicht nach den ganzen Lügen. Nicht nachdem ich wegen ihm in diese Welt gestoßen wurde. „Es tut mir leid.“
Wieder veränderte sich die Farbe in seinen Augen. Der Rand wurde dunkler, die Pupille färbte sich gelblich. Quer über sein Gesicht erschien eine feine Narbe.
Er ließ mich los und trat zurück und als ich nach ihm greifen wollte, spross Fell aus seinem Gesicht.
Raphael begann zu verblassen, das Zimmer um uns herum versank in Nebel und löste sich auf. Alles verschwand, nur diese Augen blieben konstant, wurden realer und gewannen an Kontur und Farbe. Plötzlich raste ein brennender Schmerz durch meinen Körper. Mein Herz klopfte wie wild und meine Schläfe pochte im Takt. Ich stöhnte, wurde klarer im Kopf und begriff, dass ich auf dem Rücken lag. Direkt über mir schwebte der Kopf eines Wolfes.
Vor Schreck stieß ich einen Schrei aus und warf mich zur Seite … direkt in Diegos Arme.
„Ganz ruhig“, sagte er sanft und strich mir vorsichtig eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht. „Alles ist okay.“
Mit klopfendem Herzen schaute ich mich um. Mein Atem fiel hektisch über meine Lippen. Jeder Knochen in meinem Leib schmerzte. Ich befand mich im Mondturm, die Fenster waren sperrangelweit geöffnet, der Mond schien mir direkt ins Gesicht.
Sydney stand neben uns. Er winselte leise.
Eine weitere heiße Welle durchlief mich und bereiteten mir solche Qualen, dass ich am liebsten ohnmächtig geworden wäre. Keuchend wand ich mich in Diegos Armen. „Fenster zu“, keuchte ich. Ich wollte, dass das Mondlicht verschwand. Wenn es weg war, würde es nicht mehr so wehtun.
Keiner Bewegte sich. Diego hielt mich weiter in den Armen, Sydney stand besorgt vor mir, doch keiner rührte auch nur einen Muskel.
Mein Magen zog sich schmerzlich zusammen. Ich krümmte mich. Mein ganzer Körper kribbelte, nur leider nicht auf die gute Art. Es fühlte sich an, wie tausend kleine Nadelstiche, die nicht in die Haut drangen, sondern mich damit quälten, einfach auf der Oberfläche rumzupieken.
„Fenster zu!“, schrie ich, krümmte und verkrampfte mich, um die aufwallenden Schmerz auszuhalten.
„Nein“, hallte eine fremde Stimme in meinem Kopf. Nein, sie war nicht fremd, doch auf diese Art hatte ich sie noch nie gehört. „Die Fenster bleiben offen. Es ist an der Zeit, deiner Bestimmung zu folgen.“
Das war König Isaac. Verdammt, was machte der hier? Sollte der nicht bei irgendeiner Jagd sein?
Mit tränenden Augen sah ich auf. Lange würde ich das nicht mehr aushalten und die Angst, dass es so werden könnte wie beim letzten Mal, schnürte mir fast die Kehle zu.
Der König saß am Rand, umringt von mehreren Wächtern und Doktor Ambrosius. Er hatte braunes Fell und war ein wenig kleiner als Sydney, aber doppelt so angst einflößend. „Wir haben lange genug gewartet. Verwandle dich.“
Was? Tickte der Kerl noch ganz richtig? Ich war gerade dabei zu krepieren und er verlangte, dass ich mich verwandelte? „Ich kann … nicht“, keuchte ich und versuchte den brennenden Scherz in meinen Gliedern zu ignorieren. Meine Finger verkrallten so stark in Diegos Arm, dass ich mich fragte, warum er nicht laut aufschrie.
Drohend stand König Isaac auf. „Verwandle dich! Ich will sehen was in dir steckt!“
Bei dem plötzlichen Schmerz in meinen Beinen, stieß ich einen weiteren Schrei aus und begann zu weinen. „Ich weiß nicht … wie.“
„Raus“, knurrte König Isaac.
Die Wächter und auch Dr. Ambrosius überschlugen sich fast, um dem Befehl nachzukommen. Diego und Sydney jedoch blieben bei mir.
Sobald die Tür hinter ihnen geschlossen war, trat König Isaac vor mich. Seine Nähe flößte mir eine solche Angst ein, dass ich meine Finger noch tiefer in Diegos Arm verkrallte. Der zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Es wird Zeit, dass du mir zeigst, wer du wirklich bist“, knurrte er. „Du lernst seit nun schon drei Wochen, ich will Ergebnisse sehen. Der Vollmond sollte dich dabei unterstützen“
Hilfe suchend sah ich zu Sydney. Was sollte ich jetzt machen? Ich konnte mich nicht verwandeln. Meine Sinne waren in den letzten Wochen zwar schärfer geworden, aber das war auch alles was ich vorzuweisen hatte.
„Majestät“, mischte sich Sydney ein. „Sie ist noch nicht so weit. Was Ihr verlangt, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich.“
„Nicht möglich gibt es nicht. Du bist nicht nur ein Wolf, du bist ein Alpha, also zeig es mir!“, forderte er mich erneut auf.
„Sie ist als Mensch aufgewachsen“, versuchte Sydney es erneut. „Wir hatten schon Fortschritte, aber sie zur Verwandlung zu zwingen, wird zu keinem Ergebnis führen. Ganz im Gegenteil, Ihr könntet damit all unsere Erfolge zunichtemachen, denn Zwang hat immer Verweigerung zufolge und wenn sie sich dem Wolf verweigert, wird sie sich nie wandeln.“
König Isaac starrte Sydney an, als wolle er ihn gleich fressen. „Gräfin Xaverine hat Zweifel gesät, das ist gefährlich. Sie muss sich wandeln, wenn sie nicht als das Halbblut enttarnt werden will. Es gibt keinen anderen Weg. Entweder sie tut es freiwillig, oder ich werde Mittel und Wege finden, um sie dazu zubringen.“
Halbblut. Die Aussage kam nicht gerade als Kompliment rüber, und zum ersten Mal verstand ich, wie sehr er auf mich herabsah und das nur weil ich war, was ich war. Ein Misto, das Kind seiner verstoßenen Tochter, ein Dorn in seinem Auge, den er annehmen musste, weil er sonst alles verlieren konnte.
„Du bist von meinem Blut“, sprach er nun wieder zu mir. „Starkes Blut, daher kannst du dich verwandeln. Ich weiß es. Das ist nur wieder eines deiner Spielchen, also wandle dich endlich!“ Er fletschte die Zähne, kam mit angelegten Ohren näher und der Raum war erfüllt von seiner Macht.
Jetzt bekam ich richtig Angst. Was sollte ich tun? Ich konnte es doch nicht. Tränen der Verzweiflung, des Schmerzes und der Angst liefen mir über die Wangen. Ich versuchte zurückzuweichen, aber Diego blieb wo er war und ließ mich nicht gehen. War der Wahnsinnig geworden?
Plötzlich sprang Sydney mit gefletschten Zähnen schützend vor mich und seine Statur war um einiges beeindruckender, als die des Königs.
„Du wagst es?!“ Mit einem Mal schien Isaac zu wachsen.
„Sie kann es nicht“, sagte Sydney eindringlich. „Und deswegen kann ich nicht zulassen, dass Ihr das tut.“
Der König baute sich vor ihm auf und seine Macht um uns herum wurde so enorm, dass man die Luft hätte schneiden können.
Sydney tat das Einzige, was er in diesem Moment hätte tun können, er unterwarf sich und bot dem König seine Kehle dar. Er war zu weit gegangen und das war die einzige Möglichkeit, aus der Sache unbeschadet raus zukommen.
König Isaac hatte für ihn nur einen herablassenden Blick übrig. „Geh mir aus den Augen.“
Mit eingekniffener Rute schlich Sydney zur Wand und wagte es nicht mal in meine Richtung zu schauen. Doch was er für mich getan hatte, vergaß ich nicht. Er hatte sich dem Alpha entgegengestellt, um mich zu schützen.
Ein Aufmarsch der Übelkeit stieg in mir hoch und mir wurde schwarz vor Augen. Die Welt um mich drehte sich, und das Mondlicht brannte auf meiner Haut. Als ich die Augen wieder öffnen konnte, ohne mich zu übergeben, hockte König Isaac direkt vor mir. Nicht als Wolf, als Mann. Als nackter Mann.
Ich vermied es tunlichst, ihm woandershin als ins Gesicht zu sehen. Kannte dieser Kerl den kein Schamgefühl?
„Jetzt schaffst du es sogar schon, dass mein eigenes Rudel sich gegen mich wendet.“
Ich schluckte.
„Es ist an der Zeit, dass dir jemand etwas Unterwürfigkeit beibringt.“ Er griff nach meinem Kinn aus und hielt es fest.
Natürlich versuchte ich sofort mich zu entziehen, doch er hielt mich nur umso fester. Eine neue Woge der Übelkeit stieg in mir auf. Dieses Mal hatte die nichts mit dem Mond zu tun, sondern mit Angst. Angst vor dem Mann, dem ich in diesem Moment so hilflos ausgeliefert war. „Was haben Sie vor?“, hauchte ich und unterdrückte das Gefühl der aufsteigenden Panik.
„Ihr dürft ihr nicht schaden“, sagte Diego sehr leise. „Sie ist eine Prinzessin.“
König Isaacs Augen richteten sich auf meinen Freund und egal was Diego in diesem Blick wahrnahm, es veranlasste ihn dazu zu knurren. Aber es war keine Drohgebärde. Ich hatte viel mehr das Gefühl, als täte er es aus Angst.
„Nicht“, sagte ich. „Still.“
Und Diego verstummte. Doch ich konnte die Anspannung in seinem Körper spüren. Hätte er gegen Isaac eine Chance? Nur wenn ihm seine Instinkte nicht in den Weg kamen.
Die Augen des Königs verweilten noch einen langen Moment auf meinem Freund, bevor sie sich wieder auf mich richteten.
„Meine Geduld neigt sich dem Ende zu. Lerne schnell dich zu verwandeln, oder trag die Konsequenzen.“
„Sie wollen mich bestrafen?“ Haufenweise blutrünstige Bilder von Zähnen und Klauen rasten durch meine Gedanken. Das konnte er doch nicht wirklich vorhaben.
„Prinzessinnen werden nicht bestraft“, sagte er leise und gab mein Gesicht frei. „Sie werden erzogen.“
Meine Augen weiteten sich ein wenig. Genau diese Worte hatte meine Mutter einmal zu mir gesagt. Hieß das, sie hatte sowas auch durchmachen müssen?
König Isaac trat zurück und demonstrierte mir, wie einfach es für ihn war, sich zu verwandeln. Hätte ich in diesem Moment nicht solche Schmerzen, wäre ich vielleicht beeindruckt gewesen. Aber so war ich viel zu sehr damit beschäftigt mich durch die nächste Welle durchzuarbeiten.
„Ich will Ergebnisse sehen“, knurrte er ein letztes Mal und verschwand dann zur Tür hinaus.
Ein Wimmern kroch mir über die Lippen, als neuerlicher Schmerz in mir aufwallte. „Ich kann … nicht“, flüsterte ich und spürte wie mir Tränen aus den Augen rannen. Das kam nicht nur vom Schmerz, da war auch diese Angst. Bis zu diesem Moment hatte ich mich noch nie so sehr vor jemand anderem gefürchtet.
Diego löste vorsichtig meine Hände aus seinem Arm und legte mich zurück auf die Matratze.
„Ich … kann nicht.“
„Pssst“, machte er und strich mir vorsichtig das Haar aus dem Gesicht. „Denk jetzt nicht daran.“
Als meine Muskeln sich zusammenkrampften, biss ich die Zähne zusammen. Oh Gott, ich hatte das Gefühl, dass es noch schlimmer wurde. Mein Kiefer schmerzte. Mein Herz trommelte ums Überleben und meine Lunge fühlte sich an, als wollte sie bersten.
„Entspannte Euch.“ Eine warme Nase berührte meine Wange. „Habt keine Angst, der Wolf wird da sein, wenn ihr ihn braucht.“
„Du bist so dumm“, sagte ich zu ihm und grub meine Finger in das zerwühlte Laken. „Dich mit Isaac anzulegen, das war … dumm.“ Ich rollte mich auf die Seite und begann wie ein Hund zu hecheln.
„Ruhig“, sagte Sydney und legte sich wieder so hin, dass ich meine Hand in seinem Fell vergraben konnte.
Diego strich mich sanft über den Kopf. Immer und immer wieder, solange bis die Krämpfe ein wenig nachließen. „Es läuft besser als beim letzten Vollmond.“
Dem konnte ich nicht zustimmen. Aber da er in dieser Nacht im Gegensatz zu mir bei vollem Bewusstsein gewesen war, konnte er das vermutlich besser beurteilen. „Wie lange … noch?“
Zögern. „Ein bisschen noch.“
„Oh Gott.“ Als ich an Sydney zog, kroch er so nahe, dass ich mein Gesicht in seinem Fell verstecken konnte.
„Bleibt ruhig“, murmelte er und strich mir mit der Nase übers Gesicht. „Setzt euch nicht unter Druck. Ich werde aufpassen, dass Euch nichts geschieht.“
Ich wusste er meinte es ernst, genau wie Diego wollte er mich beschützen, aber das war ein Kampf, bei dem er mir nicht helfen konnte. Die Folgen für ihn wären nicht abzusehen. Ich durfte das nicht zulassen. Keinem würde etwas geschehen nur weil ich so unzulänglich war. Nicht ihm und auch niemand anderem, dafür würde ich sorgen.
In meinem Kopf begann es zu summen. Wieder zuckte ein Blitz durch mich hindurch und ließ alle meine Nervenzellen gleichzeitig feuern. Ich biss die Zähne zusammen, um mich zu schreien. Doch leider war diese Tortur damit noch lange nicht beendet.
Das Gefühl für Zeit und Raum verging im Dunst des Schmerzes. Irgendwann wusste ich nicht mehr wie lange ich bereits hier lag und wie lange ich hier noch liegen musste. Da war nur Sydney, der beständig beruhigende Worte murmelte und mir half diesen Orkan durchzustehen.
Diego verlor kaum ein Wort, doch auch er blieb die ganze Nacht an meiner Seite und wachte über mich.
Als Stunden später der Morgen graute war ich völlig erschöpft. Die kühle Morgenluft und der Schweißfilm auf meiner Haut sorgten für eine Gänsehaut. Der Schmerz klang ab, die Hitze verschwand und ich begann zu frösteln, bis Diego sich mehrere der Decken schnappte und mich praktisch darunter begrub. Ich war eingeschlafen, bevor die Sonne am Himmel stand.
Über Stunden hinweg glitt ich traumlos durch eine heilsame Welt und erwachte dann auch nur kurz, um mich von Diego in mein Zimmer bringen zu lassen und dort eine Kleinigkeit zu essen, bevor ich wieder einschlief, um mich von den Strapazen zu erholen.
Erst in der Nacht wachte ich auf und begann mich ruhelos von einer Seite auf die andere zu schmeißen. Es war gerade mal vier Uhr in der Früh. Ein Muskelkater der übelsten Sorte plagte mich und ich fühlte mich noch immer völlig erschlagen. Doch aus irgendeinem Grund konnte ich nicht mehr einschlafen. Es wurde so schlimm, dass ich völlig genervt das Bett verließ und mich mit steifen Muskeln ins Bad schleppte.
Leider war die Dusche nicht so belebend wie ich gehofft hatte. Meine Haut war so empfindlich, dass die Brause richtig unangenehm war und die Duft vom Duschgel stach mir in der Nase. Ich hatte keine Ahnung was mit mir los war, aber ich wurde zunehmend gereizter und das lag sicher nicht nur am Schlafmangel.
Der restliche Morgen verlief ähnlich. Als Collette hereinkam und ich ihr Parfum roch, hätte ich ihr fast gesagt, das weniger manchmal mehr war. Als dann auch noch mein Handy klingelte und wieder nichts als atmen zu hören war, hätte ich es fast an die Wand geschleudert und als Diego später die Tür zuzog, musste ich mich zusammenreißen, damit ich ihn wegen der Lautstärke nicht anfuhr. Beim Frühstück knurrte ich Prinz Manuel an und selbst meine sauren Gurken schmeckten heute wie Pappe.
Als ich dann wenig später mit Frau van Schwärn in kleinen Salon war und mir das Buch, das ich auf dem Kopf balancieren sollte zum X-ten Mal vom Kopf segelte, musste ich schwer an mich halten, um keinen professionellen Wutanfall zu bekommen.
„Bitte etwas mehr Konzentration, Prinzessin Cayenne. Wenn Ihr so weiter macht, hängen wir dem Zeitplan bald nach.“
Ich atmete tief ein, um ruhig zu bleiben. Von diesem dämlichen Zeitplan redete sie nun schon seit dem ersten Tag und langsam aber sicher hatte ich die Schnauze gestrichen voll davon. Ich hob das Buch von Boden auf und legte es zurück auf meinen Kopf. Dabei begegnete ich Lucys Blick, der mir nachdrücklich empfahl, meine aufsteigende Wut zu bändigen.
Da Sadrija heute mal wieder andere Dinge beschäftigten, war ich abgesehen von ihr allein mit der Schwärn, die es sich heute scheinbar in den Kopf gesetzt hatte, mich zur Weißglut zu treiben. Aber das würde sie nicht schaffen. Ich würde ruhig bleiben und mich nicht reizen lassen.
Also auf ein Neues. Gerade halten. Bauch rein, Brust raus, Gesicht gerade aus und dann nahm die Hände vom Buch. Nach einem Schritt, stand Frau van Schwärn neben mir und korrigierte meine Haltung. Das Buch rutschte von meinem Kopf und krachte geradewegs auf meinen kleinen Zehn. „Au! Verdammt!“ Ich humpelte an die Wand, um mich abzustützen und rieb mir über den gequetschten Zeh. Man, das tat echt weh.
Die van Schwärn verzog den Mund. „Prinzessin Cayenne, ich muss doch sehr bitten, achtet ein wenig auf Eure Aussprache.!
Mein Zornfunkelnder Blick traf sie, doch sie bemerkte es nicht, da sie mir den Rücken kehrte.
„In feiner Gesellschaft darf Euch ein solch kleines Missgeschick nicht dazu bringen, in Bauernsprache zu verfallen. Was mach denn das für einen Eindruck? Ihr seid eine Prinzessin und solche Worte gehören nun wirklich nicht in Euren Wortschatz.“
Was das für einen Eindruck macht ist mir scheiß egal!, wollte ich schreien, aber ich biss die Zähne zusammen. Wegen dieser Frau einen Wutanfall zu bekommen, war die Sache nicht wert. Ich wäre es, die den Ärger am Hals hätte. Darum schluckte ich meinen Zorn wieder runter, auch wenn ich halb daran erstickte. „Sie haben Recht, es tut mir leid“, sagte ich statt der anderen Sachen, die mir auf der Zunge lagen.
„Das ist auch das Mindeste.“
Ich schwor, noch ein so ein Ding und sie hätte gleich meinen Absatz im Hintern zu stecken.
„Und jetzt nehmt das Buch, damit wir fortfahren können.“ Sie nahm in einem der antiken Sessel Platz und beobachtete ganz genau, wie ich das Buch zurück auf meine Kopf verfrachtete und einen Fuß vor den Anderen setzte.
„Nein“, unterbrach sie mich. „Ihr seid eine Prinzessin. Anmut und Eleganz sind das, was Euch auszeichnen soll und nicht der Gang eines klotzigen Elefanten.“
Okay, das reichte jetzt. Ich nahm das Buch vom Kopf und warf es ihr zu. Sie fing es gerade noch rechtzeitig auf, bevor es ihr in den Magen donnern konnte. „Wenn es Ihnen nicht passt, wie ich es mache, dann machen Sie es doch selber“, knurrte ich. „Wenn Sie es so toll finden, dann spielen sie doch die Prinzessin, mir reicht es nämlich!“ Mit wehenden Haaren wirbelte ich herum und stampfte auf die Tür zu. Ich musste hier dringend raus, bevor ich ihr noch die Augen auskratzte.
„König Isaac wird nicht erfreut sein das zu hören.“
Mein Fuß stand schon auf der Türschwelle, als ich wieder zu ihr herumfuhr und überlegte, ob es jemand stören würde wenn ich sie aus dem Fenster schubste – ganz ausversehen versteht sich.
Mittlerweile hatte ich mich an ihre überheblichen Marotten gewöhnt, aber heute sollte sie besser aufpassen, ich stand kurz vor einem Vulkanausbruch.
Nein. Ich würde mich nicht reizen lassen. Ich war ruhig, ausgeglichen, eine Oase im Wind. Ich ging zu ihr, riss ihr das Buch aus der Hand und legte es mir wieder auf den Kopf.
Lucy bedachte mich mit einem warnenden Blick.
Okay, ruhig Blut. Ich konnte das hinkriegen und zwar ohne völlig auszuflippen.
Noch einmal tief durchatmen, dann lief ich wieder los. Einmal hin und zurück. Elegant und anmutig. Unnahbar. Ich war eine Prinzessin, und ich bewegte mich auch so. Als ich vor Frau van Schwärn zum Stehen kam, nahm ich das schwere Buch vom Kopf und wartete auf ihr Urteil, bereit, alles Wortlos hinzunehmen.
Sie musterte mich auf ihre überlegende Art, die mich so ankotzte und schüttelte den Kopf, nur ganz leicht, aber die Bewegung war da. „Das Ihr den Titel einer hochwohlgeborenen Prinzessin tragt, ist nichts als Verschwendung. Eure Mutter hätte gut daran getan sich nicht fortzupflanzen, aber was soll man von jemand wie ihr auch erwarten? Sie ist doch nur …“ Mit dem Hinterkopf voran, knallte sie an die Wand.
Ich wusste nicht wie, aber ich hatte mich bewegt. Meine Hand lag an ihrer Kehle und drückte immer fester zu. Der ganze Raum war erfüllt von meiner Macht. Sie loderte wie wütendes Feuer um uns herum. Das war einfach zu viel gewesen. Die Unzufriedenheit der letzten Wochen und der Zorn, der sich in mir gestaut hatte, wurde durch ihre Worte entzündet.
Noch nie in meinem Leben war ich so wütend gewesen wie in diesem Moment. Noch nie hatte ich jemanden in Stücke reißen wollen. Aber sie hatte es zu weit getrieben. „Niemand beleidigt meine Mutter“, knurrte ich.
Ich drückte nicht zu, obwohl mir das ein Leichtes gewesen wäre, aber ich ließ sie meine Macht spüren und die war so furchterregend, das selbst Lucy auf Abstand blieb.
Die van Schwärn begann am ganzen Leib zu zittern. Nun verstand sie endlich, wen sie vor sich hatte. Ich war nicht das dumme Blondchen, für das sie mich hielt, ich war eine Prinzessin, mit all der Macht und Kraft, die dazu gehörte. „Bitte vergebt.“
„Nein.“ Nicht dieses Mal, nicht nachdem was sie gesagt hatte.
Ich wusste nicht was sie in mir sah, aber plötzlich wurde sie noch eine Spur blasser und griff panisch nach meinem Handgelenk. Als sie jedoch daran zu zerren begann, packte ich ihren Arm, riss sie daran herum und schleuderte sie mit dem Gesicht voran gegen die Wand. Und dann drückte ich ihren verdrehten Arm mit einem Ruck nach oben.
Das Brechen des Knochens knallte wie ein Pistolenschuss durch den Raum. Die Alte schrie auf. Ich krallte meine Finger in ihre Haut und drückte immer weiter. Meine Hand färbte sich rot. Ihre Haut war gerissen, der Arm stand in einem völlig verdrehten Winkel von ihr ab, aber das reichte mir nicht. Ich wollte, dass sie litt und endlich begriff. Sollte sie beleidigen wen sie wollte, aber nicht meine Mutter.
Aus meinem Mund kamen Geräusche, die nicht mehr menschlich waren. Sie klangen nach einem wilden Tier. Einem wütenden Tier, das genug davon hatte, wie alle mit ihm umsprangen. Ich drehte den Arm weiter und sie schrie wieder.
„Cayenne, hör auf!“, schritt Lucy ein. Auch sie war blass und konnte wohl kaum glauben, was ich hier tat, aber in diesem Monet war mir das gleich. „Sie hat genug.“
Ich ließ die Schwärn wie eine Puppe zu Boden fallen. „Nie wieder“, sagte ich zu dem wimmernden Haufen vor meinen Füßen. „Sie tun das nie wieder, haben Sie verstanden?“
Sie antwortete nicht. Ihre Furcht hatte sie geradezu gelähmt.
Ich packte ihre Haare, riss ihren Kopf in den Nacken und starrte in das verheulte Gesicht. Es kümmerte mich nicht, dass sie verängstigt wimmerte. „Ich hätte gerne eine Antwort.“
Das aristokratische Make-Up war verschmierte. Tränen liefen ihr über die Wangen. „Nie wieder“, heulte sie kaum verständlich.
„Deutlicher!“
Lucy sah sich gezwungen einzuschreiten. Sie packte mein Handgelenk und drückte auf irgendeinen Punkt, der bei mir einen rasenden Schmerz auslöste. Ich riss meine Hand weg und knurrte nun sie an.
Die Schwären sank zu Boden.
Auch wenn Luca den Kopf leicht senkte, hielt sie meinem Blick stand. „Es ist genug“, sagte sie eindringlich.
Das fand ich nicht. Ich war noch immer wütend, auf die Schwärn, auf die Alphas, auf diese ganze beschissene Situation.
„Sie hat es verdient“, knurrte ich meine beste Freundin an und musste mich zusammenreißen, nun nicht auf sie loszugehen.
„Es reicht, sie hat genug. Schau sie dir doch an.“ Sie deute auf den Abfall zu meinen Füssen und sie hatte recht, aber die Wut zerfraß mich innerlich.
Ich wollte aufhören und wollte es doch nicht. Es war wie bei Xaverine. Das war nicht ich, die meinen Körper steuerte, nicht ich, die diese Tat begann und doch war ich es, denn es gehörte zu mir.
„Hör einfach auf“, bat Lucy mich und schien bereit ein weiteres Mal einzuschreiten, sollte ich mich nochmal auf dieses Miststück stürzen. „Bitte.“
Meine Finger zuckten und ich musste mich geradezu dazu zwingen einen Schritt zurück zu treten. Nicht nur vor der Schwärn, auch vor Lucy. Ich kniff die Augen zu, versuchte kontrolliert zu atmen, um meine Wut wieder in den Griff zu bekommen. Doch es funktionierte nicht, nicht solange ich die Witterung dieser Frau in der Nase hatte.
„Folge mir nicht“, sagte ich mit unterdrücktem Ärger in der Stimme und trat noch ein Stück vor den beiden weg. „Bleib weg von mir.“
„Cayenne …“
„Bleib weg!“, fauchte ich sie an und rannte aus dem Raum, bevor ich noch etwas Unverzeihliches tat.
°°°
Meine Finger zitterten. Ich versuchte das Blut abzurubbeln, doch es klebte unter meinen Fingernägeln und wollte einfach nicht verschwinden.
Was hatte ich nur getan? Wie hatte es nur so weit kommen können?
Selbst jetzt noch, völlig verängstigt und einer Panik nahe, konnte diese Wut spüren. Sie lauerte direkt unter der Oberfläche, knurrte und kratzte, als wollte sie erneut hinaus.
„Oh Gott.“ Ich grub die Hände in meine Haar und zog die Knie an den Körper. Ich war so was von geliefert. Nein, noch schlimmer, ich war nicht länger zurechnungsfähig und bekam langsam Angst vor mir selber.
Immer wenn ich meinem Wolf nahe kam, begann ich völlig auszuflippen. Vielleicht hatte Xaverine doch recht gehabt und ein Misto konnte keine Alpha sein. Meine Natur war zu stark für mich, ich konnte sie nicht kontrollieren.
Sydney, rutschte ein Stück näher und stupste mir gegen den Arm. „Habt keine Angst, es wird alles wieder gut, Ihr werdet schon sehen.“
„Gar nichts wird gut“, sagte ich schwach. „Ich hab ihr den Arm gebrochen, einfach so. “ Und dann war ich in meiner Panik zu Sydney gelaufen. Nun saß ich in der Ecke seines Büros und ertrank in Schuldgefühlen. „Wenn Lucy nicht da gewesen wäre … ich weiß nicht, was ich getan hätte. Warum machte ich sowas? Ich war noch nie gewalttätig gewesen. Aber seit dem ich hier bin … ich …“
„Ihr verändert Euch. Es ist eine schwierige Zeit, die Ihr durchlebt. Glaubt mir, es wird besser werden.“
Ich ließ die Hände sinken und begann wieder das Blut abzurubbeln. „Und wann? Nachdem ich jemand verstümmelt habe? Nachdem ich jemanden umgebracht habe?“ Warum verschwand dieses verdammte Blut nicht?
Behutsam legte Sydney mir eine Pfote auf die Hände und drückte sie hinunter. „Beruhigt Euch.“
Beruhigen? Er hatte gut Reden, schließlich war ich hier das Ungeheuer, nicht er.
Mehr denn je, wollte ich das alles hinter mir lassen und einfach nach Hause fahren. Vergessen was geschehen war, vergessen, dass diese Welt existierte, aber ich wusste, dass man mich nicht gehen lassen würden. „Ich kann nicht mehr Sydney.“ Mir stiegen Tränen in die Augen. Ich war völlig fertig mit den Nerven. Dass ich meine eigenen Handlungen nicht mehr kontrollieren konnte, war das Schlimmste an der Sache. Wenn ich nun die Beherrschung in der Gegenwart von Diego oder Lucy verlor, wie sollte ich hinterher noch mit mir leben können?
Eine raue Zunge strich mir sanft über die Wange. „Weint nicht.“
Ich gab ein verbittertes Schnauben von mir. „Warum nicht? Die ganze Sache ist doch zum heulen.“
Dann tat Sydney etwas, das er noch nie getan hatte, er kuschelte sich an mich. Drückte seinen warmen, tröstlichen Körper gegen meinen, als wollte er mich in den Arm nehmen. Ich schlang die Arme um ihn, vergrub mein Gesicht in seinem Fell und ließ den ganzen Kummer der letzten Zeit heraus.
Ich hasste es zu heulen, aber in diesem Moment konnte ich gar nicht anders. Dabei hatte ich gar nicht das Recht dazu. Frau van Schwärn war die Geschädigte nicht ich, und das ließ die Tränen gleich noch schneller fließen.
Sydney sagte nichts, er war einfach nur da und bot mir den Trost, den ich so dringend brauchte, auf eine Art, die mir kein anderer geben könnte. Allein seine Nähe vermittelte mir sonst eine Ruhe, wie es sonst niemand schaffte, doch heute konnte nicht mal er mir helfen.
„Warum ich?“, fragte ich schwach und versuchte Herr meiner Tränen zu werden. „Warum muss mir das alles passieren?“
„Weil Ihr für diese Rolle geboren wurdet“, sagte er schlicht.
Das behauptete man wenigstens, ich war da ganz anderer Meinung. „Wie kommt es, dass du mit diesem Scheiß so gut klar kommst?“ Ich löste mich ein Stück von ihm und rieb mir die Tränen aus dem Gesicht. Zumindest bis ich bemerkte, welche Hand ich dazu benutzte. Oh Gott.
„Es ist das was ich gewollt habe. Ich bin freiwillig hier.“
Ich aber nicht, dachte ich.
„Außerdem bin ich ein reinblütiger Lykaner, für mich war es nie ein Problem gewesen, mein Wesen zu kontrollieren und zu …“
Als sich plötzlich die Bürotür öffnete, verstummte Sydney nicht nur, mit einem Mal wirkte er auch ein wenig ungehalten und funkelte den breitschulterigen Mann mit dem weißen Haar an. Die Haarfarbe war irritierend, da er nicht alt war. Um die dreißig würde ich ihn schätzen, aber wahrscheinlich er eher doppelt so alt.
Seine braunen Augen, richteten sich geradewegs auf mich. Hätte ich nicht gewusst, dass er einer von Blairs Umbras war, so hätten mich spätestens seine Haltung und der emotionslose Gesichtsausdruck darauf hingewiesen.
„Umbra Drogan.“ Sydney neigte den Kopf leicht zur Seite, während seine Stimme in all unseren Köpfen zu hören war. Er sprach offen zu uns. „Es ist unhöflich einzutreten, ohne hereingebeten worden zu sein, in diesem Fall sogar sehr unpassend.“
Der große Mann bedachte Sydney nur mit einem kurzen Blick, dann beugte er leicht den Kopf, um mir die Ehre zu erweisen. „Prinzessin Cayenne, Ihr müsst mich begleiten.“
„Begleiten? Warum?“
„Eure Großeltern wünschen Euch zu sprechen.“
Da war es, das Damoklesschwert. Ich vergrub die Finger tiefer in Sydneys Fell und konnte nichts anderes tun, als den Kerl anzustarren. Ich sollte zu meinen Großeltern, er wollte mich zu Isaac bringen. Ich konnte da nicht hin, nicht zu diesem Mann, nicht nachdem was ich getan hatte.
„Prinzessin Cayenne, ich muss Euch bitten, mit mir mitzukommen“, sagte der Umbra noch einmal sehr deutlich. „Die Majestäten wünschen Euch im Thronsaal zu sehen. Jetzt.“
„Ich will nicht“, sagte ich so leise, dass es nur Sydney hören konnte. Nein, ich wollte ganz und gar nicht. Lieber würde ich aus dem nächsten Fenster springen und eilig das Weite suchen. Von der Idee begeistert, sah ich mich nach einem Fenster um, aber das Büro hatte keins. Warum hatte diese verfluchte Rattenfalle kein Fenster, durch das ich fliehen konnte?
Sydney stupste mir mit seiner feuchten Nase in die Wange. „Geht mit ihm und habt keine Furcht. Es wird alles gut werden.“
Gut? „Wie kannst du das wissen?“
„Weil ich Vertrauen habe.“
Das war alles? Vertrauen?
„Nun geht schon. Es ist nicht von Vorteil, die Majestäten in einem solchen Moment warten zulassen.“
Wahrscheinlich nicht. Und doch fürchtete ich mich vor diesem Schritt.
„Geht“, sagte Sydney noch einmal und stupste mich an. „Sonst werden sie Euch sicher holen lassen.“
Das klang jetzt aber gar nicht mehr nach Vertrauen. Doch leider hatte er recht. Wenn ich mich weigerte zu ihnen zu gehen, würden sie mich sicher holen lassen. So, oder so, ich würde auf jeden Fall vor Isaac stehen. Ich konnte nur über den Rahmen entscheiden.
Die einzige Chance die ich hatte war meinen inneren Schweinehund zu überwinden und für das geradezustehen, war ich getan hatte. Nur so konnte ich vielleicht Schlimmeres verhindern. Und doch kam ich nur zögernd auf die Beine. „Kommst du mit?“, fragte ich Sydney.
Bedauernd legte er die Ohren an. „Ich denke nicht, dass es mir gestattet wird, Euch in den Thronsaal zu begleiten.“
Natürlich nicht. War dumm gewesen überhaupt zu fragen. Ich presste die Lippen aufeinander.
„Aber ich denke, es spricht nichts dagegen, dass ich Euch auf dem Weg begleite.“ Er erhob sich und stupste mit der Nase gegen meine Hand. „Kommt, wir sollten nicht länger zögern.“
Damit meinte er wohl eher, ich sollte nicht länger zögern und leider hatte er recht. Und obwohl ich mich lieber weiterhin hier verkrochen hätte, gab Sydneys Anwesenheit mir die Kraft mich endlich in Bewegung zu setzten.
Keiner sprach ein Wort, während wir das Büro verließen und uns durch die Bibliothek bewegten. Ich kam mir vor, wie auf dem Weg zum Erschießungskommando und plötzlich hatte ich das Bild von einem großen Mann mit Maske und Axt vor Augen, der bei den Majestäten auf mich wartete. Das trug nicht gerade zur Beruhigung meiner Nerven bei.
Als wir das Ende erreichten, war Umbra Drogan so höflich mir die Tür zu öffnen, aber es brauchte noch einen kleinen Schubs von Sydney, damit ich mich hindurch bewegte.
Das Foyer war so gut wie leer. Drei Frauen wienerten tratschend den Boden. Am Portal standen zwei Wächter. Einer von ihnen gähnte gelangweilt und sah aus, als würde er gleich einschlafen.
Ich hätte gerne mit ihm getauscht.
Umbra Drogan übernahm das kurze Stück zum Thronsaal die Führung. Die Türen waren geöffnet und so konnte ich meine Großeltern bereits vor dem Betreten des Saal auf ihren eindrucksvollen Thronen sehen.
Bei ihnen stand Kaiden und Blair.
Meine Tante saß schweigend auf dem Podest. Das Prinzchen unterdes, redete mit leiser Stimme auf seinen Großvater ein. Isaac machte dabei nicht den Eindruck, als würde er seinem Enkel zuhören. Sobald ich an die Schwelle trat, galt seine Aufmerksamkeit allein mir.
Von plötzlicher Angst gepackt, blieb ich auf der Türschwelle stehen. Ich wollte nicht in diesen Raum, jetzt nicht und nie wieder. Nicht wenn Isaac darin auf mich wartete.
Umbra Drogan lief zwei Schritte weiter, bevor er mein Anhalten bemerkte. „Prinzessin Cayenne?“
Meine Beine wollten sich nicht vom Fleck bewegen, weder vor noch zurück. Ich stand einfach da und fürchtete mich davor auch nur einen Schritt zu machen
„Geht hinein.“ Sydney schaute zu mir auf. „Es gibt keinen anderen Weg.“
Ich könnte mich umdrehen und wegrennen, doch ich bezweifelte, dass ich weit kommen würde. „Wartest du hier?“
„Natürlich. Und nun bringt es hinter Euch, dann ist es vorbei.“
Was ist dann vorbei, wollte ich fragen, aber während ich meinen Mund öffnete, drang König Isaacs Worte an mein Ohr. „Cayenne, meine Tochter, komm zu uns.“ Sein Ton war nicht sehr freundlich. Es klang eher nach einem Befehl, als nach einer Bitte.
„Geht hinein, Ihr seid nicht alleine.“
Doch, das war ich und das war es auch, was mir solche Angst machte.
Mein Blick glitt zu Kaidan, der im Moment nicht sehr zufrieden wirkte und erst da bemerkte ich die beiden Personen, die neben dem Podest standen Lucy und Diego.
Verdammt, warum waren die beiden hier?
„Cayenne“, sprach Isaac mich erneut an. Er schien langsam ungeduldig zu werden.
Okay, Sydney hatte recht. Ich musste das jetzt einfach hinter mich bringen. Was konnte schon schlimmes passieren? Die Antwort auf diese Frage verbot ich mir. Stattdessen setzte ich mich endlich in Bewegung – immer hinter Drogan hinterher.
Mit jedem Schritt schlug mein Herz schneller. Aber ich schaute nicht nach vorne. Mein Blick suchte die von Lucy und Diego.
Mein bester Freund wirkte besorgt, was nicht gerade zu meinem Wohlbefinden beitrug. Lucy dagegen … sie schaute mich nicht mal an. Der Ausdruck in ihrem Gesicht war eine emotionslose Maske. Seit wann konnte Lucy ihre Gefühle besser verbergen als Diego? Lucy war ein Berg, gefüllt voller Emotionen, die jederzeit wie ein Vulkan explodieren konnten.
Ein schlimmer Gedanke nahm in meinem Kopf Form an. Sie war dabei gewesen, als ich mich in ein Monster verwandelt hatte, sie hatte gesehen, zu was ich imstande war. Lucy hatte Angst vor mir.
Das war wie ein Schlag in die Magengrube.
Als ich am Fuße des Podest zum Stehen kam, biss ich die Zähne zusammen und wandte den Blick ab. Das tat mehr weh, als alles was mein Großvater mir antun konnte.
„Cayenne, sieh mich an“, verlangte König Isaac.
Widerwillig folgte ich seinem Befehl.
„Ich habe über deinen heutigen Unterricht Unerfreuliches erfahren.“
Ich blieb still. Worte würden mich hier nicht weiterbringen.
„Wir Alphas besitzen eine Macht, die anderen Lykaner überlegen ist“, sprach er weiter. „Wir nutzen sie um unsere Stellung zu verteidigen und die Unsrigen zu beschützen, aber wir missbrauchen sie niemals, um das eigene Rudel auf so bestialische Weise anzugreifen.“
Liebend gerne wäre ich seinem stechenden Blick ausgewichen, doch ein Instinkt sagte mir, dass das ein großer Fehler wäre. Er war ein Alphatier und dem kehrte man besser nicht den Rücken.
„Unsere Stellung birgt auch Verantwortung.“ König Isaac erhob sich von seinem Thron und begann langsam die Stufen des Podestes hinunter zu steigen. „Was du heute getan hast, war ein Missbrauch dessen, was dir von Leukos gegeben ist. Der Unterricht und die Lehren die dir hier erteilt werden, sind nicht nur sinnloses Zeug, sie dienen einem Zweck.“ Er hielt direkt vor mir. In seinen Augen lag ein wütendes Funkeln. Dieser Mann besaß nicht nur Macht, sondern war auch Angst einflößend. „Dem Zweck dich auf deine Aufgabe als Prinzessin vorzubereiten und ich kann es nicht hinnehmen, dass du deine Mentoren aus einer Laune heraus verletzt.“
Aus einer Laune heraus? Die Wut meldete sich zurück. Ich musste den Impuls ihn anzukrurren unterdrücken. Gott, wann war ich eigentlich zu einem Tier mutiert?
„Des Weiteren ist die Begleitung deiner Umbra zu deinem Schutz gedacht und sie fortzuschicken, weil sie dir lästig sind, kann ich nicht dulden.“
War das der Grund, warum sie hier waren? Weil sie nicht bei mir waren? Nicht zu den beiden rüberzuschauen, war extrem schwer. Hoffentlich hatte das keine Konsequenzen für sie. Sie konnten doch nichts dafür.
„Ich bin zu der Entschluss gekommen, dass es an der Zeit ist dir persönlich eine Lehre zu erteilen, damit du dir in Zukunft über die ganze Tragweite all deiner Entscheidungen bewusst wirst“, sagte König Isaac und lächelte. Das war furchteinflößender, als wenn er mich anschrien hätte.
„Lehre?“, fragte ich vorsichtig, nicht sicher, ob ich es wirklich wissen wollte.
„Ich möchte, dass du eine Entscheidung für mich triffst.“
Ich sollte eine Entscheidung treffen? Das hörte sich gar nichts so schlimm an und das war wohl der Grund, warum ich sofort misstrauisch wurde. Die Sache hatte sicher einen Harken. „Um was geht es denn?“
„Um ein ausstehendes Urteil.“ Isaac verschränkte die Arme auf dem Rücken und begann vor mir auf und ab zu laufen. „Es gibt einen sehr wichtigen Posten in meinem Beraterstab. Vor kurzem ist ein Mitglied des Rudels an mich herangetreten und hat sich für diesen Platz beworben. Er ist tüchtig, zuverlässig und hat erstklassige Qualifikationen. Er ist Vater von drei Kindern, die alle im Alter zwischen zwei und sieben Jahren sind. Seine Frau verstarb bei der Geburt des jüngsten Kindes und vor kurzem hat er seine Arbeit verloren. Er kann kaum noch die Rechnungen bezahlen und ist kurz davor auch noch das Haus zu verlieren.“
In mir regte sich Mitleid. Das war echt hart. Frau weg, Job weg und nun drohte er auch noch mit den Kindern auf der Straße zu landen. „Können Sie ihm nicht helfen?“
„Du kannst helfen“, erwiderte er. „Wenn du dich dafür entscheidest zu helfen.“
Ich machte sofort den Mund auf, um zuzustimmen, zögerte dann aber. So einfach konnte das nicht sein. „Wie kann ich helfen?“
„Indem du mir sagst, ich solle ihm den Posten geben.“ Er blieb vor mir stehen. „Nur ein Wort von dir und ich gebe ihm Arbeit. Dann kann er seine Rechnungen bezahlen, das Haus behalten und seinen Kindern ein gutes Leben ermöglichen.“
In meinen Ohren klang das super, doch irgendwie hatte ich ein schlechtes Gefühl bei der Sache. „Wo ist der Harken?“
„Ah“, machte er und wirkte zufrieden. „Das ist eine ausgezeichnete Frage. Der Harken an der Sache ist, dass dieser Posten bereits vergeben ist.“
Wusste ich es doch, dass das nicht alles gewesen sein konnte. „Das heißt also, um ihm zu helfen, müsste ich jemand anderes arbeitslos machen.“
„Das ist korrekt.“
Oh, dieser Mistkerl.
„Der Lykaner, der derzeit diesen Posten sein eigen nennt, zeichnet sich durch Egoismus und Unzuverlässigkeit aus. Er hat dem Rudel in der Vergangenheit geschadet und der eigenen Familie schwere Bürden auferlegt. Auch er ist für diesen Posten ohne Zweifel ausgesprochen qualifiziert, doch seine Arbeitsmoral lässt sehr zu wünschen übrig. Er hat bereits so manchen Auftrag unerledigt gelassen, weil er ihn für unter seiner Würde erachtet.“
Bitte? Was war das denn für einer? „Aber wenn ich ihm den Posten entziehe, dann hätte er keinen Job mehr.“
„Nein, hätte er nicht. Doch ich weiß, dass er durch die Zeit seiner Anstellung ein kleines Vermögen angehäuft hat, das durchaus ausreicht, um ihm ein gutes Leben zu ermöglichen, bis er eine neue Anstellung gefunden hat.“
Er würde also nicht auf dem Trockenen sitzen. Aber das konnte nicht alles sein. Irgendwas verschwieg er mir, da war ich mir sicher. Die richtige Handhabung dieser Angelegenheit war so offensichtlich, dass es nur eine Falle sein konnte. „Wenn dieser Kerl so unzuverlässig ist, warum hat er diesen Job dann noch? Ich dachte, wer dem Rudel schadet, wird mit einem Arschtritt hinausbefördert.“ Das ergab keinen Sinn.
„Er ist äußerst qualifiziert. Aber darum geht es nicht. Ich habe dir alle relevanten Fakten zu dieser Situation gegeben und nun möchte ich dein Urteil hören.“
„Was? Ich soll mich jetzt entscheiden?“
Er schaute mich nur abwartend an.
„Nein, ich …“ Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass ein Mann seine Arbeit verlor, damit sie jemand anderes bekam – egal was für ein Widerling er war. Aber genauso wenig konnte ich einen Vater mit drei kleinen Kindern im Stich lassen, wenn nur ein Wort reichte, um seine Situation von Grund auf zu verbessern.
Was sollte ich nur tun?
Ich warf einen hilfesuchenden Blick zu meinen Freunden, bei denen sich mittlerweile auch Umbra Drogan eingefunden hatte. Doch sie schauten stur geradeaus und ließen sich nicht anmerken, was in ihren Köpfen vor sich ging. Da war nur dieser kleine, verkniffene Zug um Diegos Mundwinkel, der mir so gar nicht gefallen wollte. Wussten sie etwas, was ich nicht wusste? Wie bitte sollte ich über das Leben anderer Leute entscheiden?
Isaac neigte den Kopf ein wenig nach vorne. „Was wirst du tun, Cayenne?“
Die Flucht ergreifen, wäre eine Möglichkeit. Verdammt, was hatte das denn damit zu tun, was ich mit der Schwärn gemacht hatte? Das war doch völlig unsinnig.
„Wenn du dich nicht entscheidest, werde ich alles so belassen, wie es im Moment ist.“
Das würde bedeuten, der Vater würde sein Haus verlieren und dann vielleicht auch noch seine Kinder. „Aber was wenn …“
„Ja?“
Der andere Mann hatte doch Geld. Wenn er sich ein wenig bemühte, würde er sicher schnell einen neuen Job bekommen, oder? Aber was wenn nicht? Wenn er alles dadurch verlor? Dann war es meine Schuld. „Können Sie ihm nicht einfach die Arbeit geben und den anderen trotzdem behalten?“
„Diese Möglichkeit besteht natürlich“, räumte er ein. „Aber wo würde das enden? Es kommen viel Leute zu mir und bitten um Hilfe. Doch wie soll ich ihnen allen Arbeit geben?“
„Sie müssen es doch nicht bei allen machen, nur bei ihm.“ Ich warf einen Blick zu Kaidan und flehte praktisch darum, dass er mir half. Doch er drückte nur die Lippen zusammen.
„Und wenn das nächste Mal jemand mit einem schweren Schicksal vor mir steht? Ich muss Grenzen setzten und sie auch selber einhalten.“
Natürlich, das war nur logisch.
„Ich möchte jetzt eine Antwort. Ansonsten lebe damit, dass du dich entschieden hast, indem du nicht entscheiden konntest.“
Was bedeutete, der Mann würde bald mit seinen Kindern auf der Straße sitzen. Verdammt. „Geben Sie ihm den Job, dem Vater. Feuern Sie den anderen Kerl.“ Dafür würde ich ewig in der Hölle schmoren.
Er nickte leicht. „Dann soll es so sein. Kai?“
„Ja, Großvater?“
„Bitte kümmere dich umgehend darum. Ich möchte dass diese Angelegenheit noch heute erledigt wird.“
Kaidans Lippen wurden zu einem dünnen Strich. „Ja, Großvater.“
Plötzlich sprang Königin Geneva auf, rauschte das Podest seitlich herunter und verschwand durch eine hinter einem Vorhang verborgene Seitentür. Auch Blair erhob sich und eilte ihrer Mutter mit einem wütenden Blick auf Isaac hinterher. Mit ihnen zusammen verließen auch zwei Umbras den Saal, von denen einer Drogan war.
Was war denn jetzt los?
Isaacs Lippen wurden ein wenig schmaler, aber er folgte den Frauen nicht, sein Interesse lag noch immer allein auf mir. „Möchtest du wissen, wer die Frau ist, die du gerade gefeuert hast?“
Wenn ich ehrlich war, nein. Wenn ich wüsste, wessen Leben ich gerade zerstört hatte … Moment, was hatte er eben gesagt? „Frau? Sie haben doch die ganze Zeit von einem Mann gesprochen.“
„Nein, hab ich nicht. Ich habe von einem Vater und einem Lykaner gesprochen.“
Zuerst wollte ich das bestreiten, doch dann wurde mir klar, dass er recht hatte. Ich war nur davon ausgegangen, dass es sich um einen Mann handelte. Plötzlich bekam ich ein sehr ungutes Gefühl. Diese Kleinigkeit hatte er mir bestimmt nicht Grundlos verheimlicht. „Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass es um eine Frau geht?“
„Weil es nicht relevant war. Es macht keinen Unterschied, die Fakten sind noch immer die Gleichen.“
Im Grunde hatte er damit Recht, doch ich glaubte nicht, dass das seine Intention dahinter war. „Wer ist die Frau?“, fragte ich leise und konnte schon wieder die Wut spüren, die nur auf eine Gelegenheit zum Ausbrechen lauerte.
„Beraterin Celine, dir wohl besser bekannt als Celine Amarok.“
Mama. Mir entglitt jeglicher Gesichtsmuskel. Das war nicht wahr. Das konnte nicht sein. Ich konnte doch nicht wirklich gerade meine eigene Mutter gefeuert haben. „Das können sie nicht machen. Sie ist Ihre Tochter.“
„Ich habe gar nichts gemacht, das warst du. Und da Celines Anstellung das Einzige war, dass sie noch im Rudel gehalten hat, hat deine Entscheidung sie nicht nur den Job gekostet, sondern auch ihren Platz im Rudel. Celine ist nun ein einsamer Wolf – endgültig.“
Nein. Oh Gott, bitte, nein.
„Das ist deine Lehre“, sagte er leise. „Jede unserer Entscheidungen hat Folgen, auch für uns selber. Wenn wir anderen ein Leid zufügen, kann es mit ungeahnten Konsequenzen auf uns zurückfallen.“
„Sie gottverdammter Mistkerl!“ Ich holte aus und schlug zu. Leider musste ich feststellen, das Isaac über sehr schnelle Reflexe verfügte. Er fing meine Hand ab, bevor sie ihm den Kiefer zertrümmern konnte und dann wallte seine Macht um uns herum auf. Aber ich fürchtete mich nicht länger davor, ich war viel zu verzweifelt, um mich vor irgendwas zu fürchten. Ich wollte ihm einfach nur wehtun, aber er war nicht nur ein reinrassiger Lykaner, er war auch noch ein König. Seiner Kraft hatte ich nichts entgegenzusetzen.
„Du solltest lernen, dich zu beherrschen, Cayenne.“
„Warum sollte ich? Das ist es doch was Sie aus mir gemacht haben, ein unbezähmbares Ungeheuer! Jetzt müssen Sie lernen damit klarzukommen, oder gefällt Ihnen das Ergebnis nicht?!“
Ein Schatten fiel über sein Gesicht. „Treib es nicht zu weit.“
„Was? Vertragen Sie die Wahrheit etwa nicht? Dann kommt hier noch eine: Ich kann immer besser verstehen, warum meine Mutter sich gegen ihre Familie und für ihre Liebe entschieden hat. Ich will auch nicht mit so einem manipulativen Tyrann unter einem Dach leben!“
Auf einmal stieß Isaac mich mit solcher Wucht von sich, dass ich nicht nur ins Taumeln geriet, sondern auch noch beinahe auf dem Hintern gelandet wäre. Die zwei Sekunden die ich brauchte um mein Gleichgewicht wiederzufinden, nutzte er um mit der Hand auszuholen. Doch er traf mich nicht, denn auf einmal war Kaidan da und hielt seinen Großvater am Arm fest.
„Genug, sie hat ihre Lehre erhalten. Vergiss nicht, sie ist noch immer eine Prinzessin.“
Was bedeutete, er durfte mich nicht verletzen. Wie er zu mir gesagt hatte, Prinzessinnen wurden nicht bestraft, sie wurden erzogen.
Einen Moment schien es, als würde Isaac einfach darauf scheißen wollen, doch dann bekam er sich wieder unter Kontrolle.
„Du hast recht, mein Sohn, sie hat ihre Lektion erhalten“, sagte er leise. In seinen Augen saß der Wolf und fixierte mich, als sei ich seine Beute. „Ich hoffe du hast deine Lehre daraus gezogen.“
„Das war keine Lehre, das war hinterhältig und feige. Aber keine Sorge, ich werde sie etwas lehren, nämlich dass ich das nicht mit mir machen lasse.“
Mit einem warnenden Blick, versuchte Kai mich zum Schweigen zu bringen.
König Isaac fletschte die Zähne und die sahen bei Weitem nicht mehr menschlich aus. „Umbra Diego, bring die Prinzessin auf ihr Zimmer. Sie wird dort bis zum Abendessen verweilen.“
Diego und auch Lucy setzten sich sofort in Bewegung.
„Was? Sie glauben wegen ein wenig Stubenarrest würde ich klein beigeben? Dann … verdammt, Diego, nimm deine Finger weg!“ Ich versuchte meinen Arm aus seinem Griff zu befreien, doch er schob mich mit versteinerter Mine unerbittlich auf den Ausgang zu und ließ auch nicht los, als wir das Foyer erreichten. „Lässt du jetzt endlich los?!“, fauchte ich ihn an.
Er ließ los, blieb aber so stehen, dass ich keine Chance hatte zurück in den Thronsaal zu gelangen, um meinen Großvater die Nase gerade zu rücken. „ Bitte Cayenne, geh in dein Zimmer.“
„Und ihn einfach damit durchkommen lassen?!“ War das sein Ernst? „Hast du überhaupt mitbekommen, was da drinnen passiert ist?!“
„Ja und ich habe auch gesehen, dass König Isaac einen Moment vergessen hat wer du bist. Hätte Prinz Kaidan nicht eingegriffen, würden wir jetzt vermutlich einen Arzt für dich holen.“
„Na und?! Wenn er nur so …“
„Prinzessin Cayenne?“
Die Stimme in meinem Kopf brachte mich dazu herumzuwirbeln. Sydney saß dort. Er hatte Wort gehalten und auf mich gewartet, doch er zögerte damit näher zu kommen. „Oh Gott.“ Völlig unbewusst griff ich mir an die Schläfen und begann unruhig auf und ab zu laufen. „Was habe ich getan?“
„Du konntest es nicht wissen“, versuchte Diego mich zu beruhigen. „Keiner von uns hat es gewusst. Wir …“
„Soll ich das etwas als Entschuldigung nehmen?!“ Ich drehte mich herum, nur um Sydney ruhigen Blick zu begegnen und auf einmal brach alles was gerade geschehen war wie eine Lawine über mir zusammen und drohte mich zu erdrücken. „Du hattest Unrecht, es ist nicht vorbei.“
Er legte die Ohren an, kam aber einen Schritt auf mich zu. „Was ist denn geschehen?“
„Ich habe meine Mutter zu einem einsamen Wolf gemacht.“ Erst als ich es ausgesprochen hatte, wurde mir das Ausmaß dieser Katastrophe bewusst. Meine Mutter war nun eine Ausgestoßene und ich wusste nicht einmal, was genau das für sie bedeutete. Und sie hatte von all dem keine Ahnung. „Oh Gott, ich muss sie anrufen.“
Noch bevor einer der Anwesenden etwas sagen konnte, war ich bereits herumgewirbelt und eilte die Treppe hinauf. Auf dem Weg zu meinem Zimmer rannte ich auch fast noch Samuel über den Haufen, der auf dem Korridor herumhopste. Ich merkte es kaum. Ich war wie in Trance und kam erst wieder zu mir, als ich in meinem Zimmer stand und mir verzweifelt mein Handy ans Ohr hielt.
Es klingelte und klingelte, aber niemand ging ran. Ich legte auf und rief erneut an. Und dann noch mal. Mit jedem neuen Klingeln wurde ich verzweifelter. Hatte man sie schon geholt? War sie bereits verstoßen? Nein, das war nicht möglich. Selbst wenn Kaidan sofort alles in die Wege geleitet hatte und ich keine Ahnung hatte, wie genau das ablief, waren noch keine zehn Minuten vergangen. Meine Mutter war einfach mal wieder zu beschäftigt, um an ihr scheiß Handy zu gehen.
„Verdammt!“, fluchte ich und feuerte das Handy auf die Couch. Dann begann ich unruhig auf und ab zu laufen, während ich mir die Haare raufte. „Was mache ich denn jetzt?“ Ich hatte meine Mutter ins Unglück gestürzt und konnte sie nicht erreichen. Ich musste zu ihr, aber davon abgesehen, dass ich man mich hier nicht raus ließ, hatte ich auch absolut keine Ahnung, wo ich sie finden konnte. Ja ich wusste nicht mal, auf welchem Kontinent sie sich im Augenblick herumtrieb. „Was soll ich tun?“
Meine Augen begannen zu brennen, meine Brust wurde mir eng und plötzlich hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Und dann brach ein Schluchzen aus mir hervor.
Oh Gott, was hatte ich nur getan? Ich hatte das Leben meiner Mutter ruiniert, dass hatte ich getan! Ich hatte es nicht gewusst, es war keine Absicht gewesen, aber diese schwache Entschuldigung würde ihr auch nicht helfen. Ich hatte sie zum Untergang verdammt.
Ein weiteres Schluchzen packte mich. Ich stand einfach nur da, schluchzte vor Verzweiflung und wusste nicht was ich tun sollte.
Eine Berührung an der Schulter ließ mich den Kopf heben. Durch meinen Tränenschleier erkannte ich Lucy. Meine Kraft verließ mich. Ich sackte in mich zusammen und dann lag ich plötzlich in ihren Armen und klammerte mich an sie, während sie mir beruhigend über den Rücken strich.
„Es ist nicht deine Schuld“, sagte sie leise. „Isaac hat das geplant. So wie er es dargestellt hat, hätte sich jeder so wie du entschieden.“
Als wenn es das besser machen würde.
Jetzt verstand ich auch Genevas Reaktion. Ich hatte ihre Tochter zu einem einsamen Wolf gemacht, ich hatte dafür gesorgt, dass sie von nun an eine Abtrünnige war und damit die letzten Bande zwischen ihr und meiner Mutter zerrissen.
Ich war so dumm, so unglaublich dumm.
Als Diego sich auch noch zu uns kniete und mir vorsichtig über den Kopf strich, brach ich endgültig zusammen.
An diesem Tag verließ ich mein Zimmer nicht mehr. Weder um zum Abendessen zu gehen, noch um mit Sydney unter dem Mond zu liegen. Immer wieder versuchte ich meine Mutter zu erreichen, doch sie ging nie ran. Nicht am Nachmittag, nicht am Abend und auch nicht in der Nacht.
Ich hatte keine Ahnung wie spät es war, als ich vor Erschöpfung einschlief. Als meine Anrufe am Morgen noch immer unbeantwortet blieben, gab ich auf. Ich wusste nicht was geschehen war, doch mit einem Mal hatte ich die Gewissheit, dass ich sie unter dieser Nummer nicht mehr erreichen konnte. Das bedeutete, ich musste warten, bis sie sich bei mir meldete.
Ich ging nicht hinunter zum Frühstück und als Collette gegen Mittag auftauchte und mich daran erinnerte, dass es an der Zeit war mich für die Geburtstagsfeier von Prinzessin Blair fertig zu machen, hätte ich sie fast wieder vor die Tür gesetzt.
Es war Diego der mich daran hinderte und mir sehr deutlich machte, dass ich zu dieser Party gehen musste. Ich durfte mich nicht verweigern, denn noch so eine Lehre würde ich sicher nicht verkraften.
Also ging ich duschen, schlüpfte dann widerwillig in ein schwarzweißes Sommerkleid und machte mich in Begleitung von meinen Freunden auf dem Weg nach unten.
Im Foyer zögerte ich einen Moment. Mein Blick galt der Bibliothek. Wie viel lieber wäre ich nun zu Sydney gegangen und hätte mich bei ihm verkrochen, besonders nachdem ich ihn gestern einfach so stehen gelassen hatte. Doch ich wurde erwartet und war bereits eine Stunde zu spät dran. Nicht das mir das in Zukunft schlaflose Nächte bereiten würde.
Lucy und Diego führten mich über die Bedienstetengänge durchs Schloss und kurz bevor wir den Garten erreichten, hörte ich links von uns eine tiefe Stimme aus einem halb geschlossenen Raum.
Nur mäßig interessiert hob ich den Blick, doch das was ich dann durch den Türspalt sah, ließ mich mitten im Schritt inne halten.
Mit dem Hintern an einen Tisch gelehnt, öffnete Prinzessin Blair gerade eine blaue Samtschatulle. Der Inhalt ließ sie strahlen wie die Sonne.
„Alles Gute“, wünschte ihr der weißhaarige Mann vor ihr, beugte sich dann vor und küsste sie. Und das war nicht nur so ein freundlicher Kuss auf die Wange, das war der Kuss zweier Liebender, ein absolut intimer Moment, der nur ihnen beiden gehörte. Das Problem dabei war nur, das der Mann nicht Prinz Alessandro war, sondern Umbra Drogan.
Ich wusste nicht ob ich ein Geräusch gemacht hatte, aber plötzlich fuhr Drogan herum und entdeckte mich auf dem Gang. Er ließ sich nicht anmerken, was in seinem Kopf vor sich ging, doch als Blair seinem Blick folgte und mich bemerkte, konnte sie einen Moment nichts anderes tun, als mich schockiert anzustarren.
„Cayenne, ich …“
Bevor sie die Gelegenheit für eine Erklärung hatte, die ich gar nicht hören wollte, ging ich einfach weiter.
Lucy und Diego waren schon ein paar Schritte vorgegangen und als ich mich ihnen wieder anschloss, hörte ich die Tür hinter mir quietschen.
„Cayenne“, rief Tante Blair nach mir, doch ich tat einfach so, als würde ich sie nicht hören. Ich wollte gar nichts davon wissen. Die Zustände in dieser Familie wurden von Tag zu Tag schlimmer. Mir tat nur der kleine Samuel leid.
Blair folgte mir nicht.
Sobald ich den Garten betrat, wurde ich von einem herrlichen Sommertag begrüßt. Der Himmel war strahlend blau, die Sonne wunderbar warm und ein angenehmes Lüftchen wehte mir um die Nase. Der perfekte Tag für eine Geburtstagsfeier im Garten. Schade nur, dass ich absolut nicht in Feierlaune war. Ich konnte einfach nicht aufhören an meine Mutter zu denken.
Immer wieder fragte ich mich, was passiert war und wo sie sich gerade befand. Ich hatte sogar mein Handy mitgenommen, damit ich es in Reichweite hatte, falls sie anrief. Leider hatte es bisher noch keine Ton von sich gegeben.
Die Festwiese lag im vorderen Bereich des Gartens, seitlich vom Labyrinth. Sie war groß genug, um ein ganzes Fußballstadion unterzubringen und bot neben einem Tanzbereich auch eine luxuriöse Terrasse, auf der bestimmt hundert Tische mit passenden Stühlen und Sonnenschirmen standen. Und sie waren alle voll.
Bei ihrer Gästeliste machten die Herrschaften wohl keinerlei Abstriche.
Am Rand hatte man ein aufwendiges Buffet aufgebaut. Zwischen den Tischen rannten fleißige Kellner herum. Ein Tisch in der Nähe der Majestäten bog sich unter einem Berg von Geschenken.
Ein paar der Gäste kamen mir von meinem Ball bekannt vor, die meisten Namen jedoch befanden sich bereits in der Versenkung. Welche Namen mir jedoch in Erinnerung hafteten, waren die von Gräfin Xaverine, die nur einen kalten Blick für mich übrig hatte und Markis Schleim, alias Markis Jegor Komarow, der sich mit einem jungen Kerl unterhielt. Als er mich bemerkte, nickte er mir freundlich zu.
Ich schlug sofort die entgegengesetzte Richtung ein, um gar nicht erst in Gefahr zu geraten, mich mit ihm unterhalten zu müssen. Vorbei an dem Streichquartett, in die Schatten mehrerer Bäume. Hier war ich nicht so leicht zu entdecken und doch konnte niemand behaupten, dass ich nicht anwesend war.
Ich lehnte mich an einen Baum und sah dem feierlichen Treiben desinteressiert zu. Wobei ich eigentlich eher meinen Gedanken nachging. Vermutlich bemerkte ich die stumme Verständigung meiner Freunde deswegen erst, als Lucy versuchte Diego mit einem Blick zu erdolchen und er diesen Blick einfach nur stur erwiderte.
„Was ist los?“, fragte ich und schaute von einem zum anderen.
„Nichts“, sagte Diego sehr leise, woraufhin Lucy aussah, als wollte sie gleich explodieren.
„Das nennst du nichts?!“, zischte sie ihn an und schaute sich dann hastig um, als befürchtete sie, jemand könnte und hören. „Hast du eine Ahnung was passiert, wenn die das herauskriegen?“
Diego verschwand wieder hinter seiner Umbramaske. „Wie sollten sie es herausbekommen?“
„Frag nicht so dumm, du weißt genauso gut wie ich, dass diese Mauern Augen und Ohren haben!“ Sie sprach zwar sehr leise, doch das tat der Wut in ihrer Stimme keinen Abbruch.
Als die beiden sich daraufhin nur schweigend anstarrten, ergriff ich das Wort. „Möchte mir einer von euch verraten, um was es hier geht?“
„Na los.“ Lucy gestikulierte in meine Richtung. „Sag es ihr schon, oder hast du Angst, dass sie dir in den Arsch tritt?“
Er funkelte sie an. „Du musst hier weg“, sagte er dann so leise, dass ich ihn fast nicht verstanden hätte. „Du kannst nicht länger hier bleiben.“
Ich blinzelte. „Ich verstehe nicht.“
Mit einem kurzen Blick auf die Umgebung, beugte er sich zu meinem Ohr vor. „An der Westmauer gibt es eine alter Zufahrtsstraße, die schon seit Jahren nicht mehr benutzt wird. Das Tor ist unbewacht, weil es mittlerweile so zugewuchert ist, dass man es kaum noch erkennt. Ich muss nur noch den Zugangscode für die alte Sicherheitsanlage besorgen, dann kann ich dich hier wegbringen.“
Mit einem Mal schlug mein Herz mir bis zum Hals. Ich konnte hier weg! Er konnte … nein, das ging nicht. „Ich kann hier nicht weg. Wenn ich einfach verschwinde, macht er was-weiß-ich mit Mama.“
„Deine Mutter ist nicht mehr länger Teil dieses Rudels.“
Auch wenn es wahr war, tat es weh, diese Worte so unverblümt vor den Latz geknallt zu bekommen. „Und deswegen ist sie nun sicher vor ihm? Kannst du mir das wirklich versprechen?“
Dazu schwieg er.
Die kurze Hoffnung verschwand wieder in den Tiefen der Finsternis. „Das habe ich mir gedacht.“
Sein Kiefer spannte sich an. „Es ist unwahrscheinlich, dass ihr noch eine Gefahr droht.“
„Unwahrscheinlich heiß aber nicht ausgeschlossen“, hielt ich sofort dagegen. „Und was wenn sie dich dabei erwischen? Hast du auch nur die geringste Vorstellung davon, was sie dann mit dir anstellen?“
„Wahrscheinlich mehr als du.“
„Und warum willst du dann dein Leben aufs Spiel setzten?“
Nach dieser Frage fiel die Umbramaske und ließ die Kummer durchschimmer, der ihn plagte. „Weil sie dich zerstören!“, sagte er mir direkt ins Gesicht. „Ich will nicht mehr mitansehen müssen, wie sie dich quälen, nicht wenn ich es so einfach beenden kann.“
„Dann sieh nicht hin.“ Ich beugte mich ihm entgegen, damit er auch kein Wort verpasste. „Und sollte mir sowas noch mal zu Ohren kommen, dann sind wir geschiedene Leute, hast du das verstanden? Ich werde nicht zulassen, dass du dein Leben für mich aufs Spiel setzt.“
„Aber ich soll es zulassen, dass du mich schützt?“
„Mir wird nichts passieren, ich bin eine Prinzessin. Du dagegen bist leicht zu ersetzen, also gib ihnen keinen Grund dazu, verstanden?“
Er drückte die Lippen aufeinander.
Okay, wenn er es nicht anders wollte, blieb mir nur noch eine Wahl. „Ich verbiete dir als deine Prinzessin etwas in diese Richtung zu unternehmen. Du wirst mich so beschützen, wie es die Majestäten von dir erwarten, was bedeutet, keine Fluchtversuche. Das ist ein Befehl. Hast du das jetzt verstanden, oder muss ich noch deutlicher werden?“
All die Gefühle die ihm eben noch im Gesicht gestanden hatten, verschwanden wieder hinter seiner Maske. „Ich habe verstanden, Prinzessin Cayenne.“
Oh wie ich es hasste, wenn er das machte, aber wie konnte ich ihn sonst vor seiner eigenen Dummheit bewahren? Ich würde Isaac keinen weiteren Grund liefern, jemanden zu schaden, der mir am Herzen lag. „Gut. Und wehe …“
„Pssst!“
Bei dem Geräusch drehten wir uns alle drei geschlossen herum und entdeckten zu unserer Überraschung Samuel hinter einem der Bäume hervorlinsen. Verdammt, wie kam denn der Kleine dahin? Und noch wichtiger, hatte er gehört, worüber wir gesprochen hatten?
Mit einem wachsamen Blick aufs Fest, winkte er mich ein wenig näher.
Ich tauschte einen kurzen Blick mit meinen Freunden und beugte mich ihm dann entgegen. Eine herbe Note schlug mir entgegen. Hatte er sich mit Parfum eingenebelt?
„Siehst du Leah irgendwo?“
Sein Kindermädchen? Ich sah allerhand Leute. Der Großteil von ihnen war mir unbekannt. Aber seine Aufpasserin, die sah ich nicht. „Im Moment nicht.“
„Puh.“ Er wischte sich mit der Hand über die Stirn, als hätte er eine schwierige Aufgabe hinter sich gebracht und kam dann aus seiner Deckung. Die Geste war irgendwie süß. „Ich hatte noch nie ein so beharrliches Kindermädchen. Ihre Effizienz ist exemplarisch. Ich vermute, sie ist ein Android.“
Ähm … ich ersparte mir einfach mal die Peinlichkeit zu behaupten, ich wüsste was er gerade gesagt hatte. War es normal, dass Kinder so sprachen? Eigentlich doch nicht, oder? Wenn ich genauer darüber nachdachte, kannte ich niemanden, der so sprach.
„Mutter behauptet zwar immer, sie hätte nur einen ausgesprochen guten Geruchssinn, doch ich kann mich eines Zweifels nicht erwehren.“ Er kam vor mir zum Stehen und schaute zu mir auf. „Du siehst hübsch aus.“
„Äh … danke.“
„Bitte. Mutter sagt, Mädchen mögen Komplimente. Zwar entzieht sich mir der Sinn dessen, das Offensichtliche noch einmal zu betonen, doch da sie selber ein Mädchen ist, bezweifle ich ihre Kenntnisse nicht.“
Okay, jetzt war ich mir sicher, irgendwas stimmte mit dem Kleinen nicht. Bisher jedenfalls war mir nicht aufgefallen, dass er sich anders als andere Kinder benahm. Na gut, wenn man es genau nahm, hatte ich auch noch nicht wirklich viel mit ihm zu tun gehabt.
„Du bist verwirrt.“
„Irritiert trifft es wohl besser“, murmelte ich. „Du scheinst nicht …“
„Wie andere Kinder zu sein?“ Er nickte, als würde er meine Problematik verstehen. „Das ist korrekt. Ich bin überdurchschnittlich Intelligent. Das irritiert die Leute oft. Mutter sagt immer …“
Ich sollte nicht mehr erfahren, was seine Mutter immer sagte, denn plötzlich schallte ein gezischtes „Samuel!“ zu und hinüber.
Wir drehten uns herum und sahen Kaidan mit langen Schritten auf uns zueilen.
„Mist.“ Der Kleine nahm die Beine in die Hand und flitzte los.
„Samuel, bleibst du stehen!“ Das Prinzchen wurde ein wenig schneller und eilte an uns vorbei, um seinen kleinen Cousin noch zu erwischen. In seinem Windschatten folgten ihm drei Leute. Zum einen seine beiden Umbra und dann noch: „Joel?“
Das war mein altes Kindermädchen. Er hatte uns damals verlassen, kurz bevor man Victoria als meinen Wachhund abstellte. Ihn hier zu sehen erstaunte mich wohl mehr, als die hochgestochene Aussprache von dem kleinen Prinzen.
„Prinzessin Rotznase!“ Er machte eine übertriebene Verbeugung vor mir und grinste mich an.
Ich musste lächeln. So hatte er mich immer als kleines Mädchen genannt. Wenn er nicht gerade dafür verflucht hatte, dass ich ihn an der Nase herumführte. „Was machst du denn hier?“
„Versuchen meinen Schützling zu finden.“
Als Samuel plötzlich zwischen und hindurch rannte, machte er einen Schritt zurück.
„Samuel!“, zischte Kai wieder und folgte ihm. „Hörst du jetzt wohl mit den Albernheiten auf!“
„Oh, da ist er ja.“ Joel schaute dabei zu, wie Samuel ein paar Bäume umrundete und dann wieder in unsere Richtung rannte. Er schien nicht wirklich vor Kaidan davon zu laufen, es machte ihm einfach nur Spaß, sich von seinem Cousin jagen zu lassen.
„Schon mal an einen Jobwechsel gedacht?“, fragte ich ihn. „Irgendwie scheint man dir immer die Problemkinder aufs Auge zu drücken.“
„Nein, eigentlich nicht. Ich mag meinen Job.“ Er wich ein Stück zur Seite, um Samuel Platz machen. „Mit gehorsamen Kindern wird es auf Dauer ein wenig eintönig.“
Der Kleine umrundete Joel, als wollte er seinen Cousin in die Irre führen. Zu seinem Pech ahnte Kaiden wohl was er vorhatte. Statt links ging er rechts und schnitt dem Kleinen so den Weg ab. Überrascht verharrte Samuel einen Moment, machte dann auf dem Absatz kehrt und rannte auf mich zu. Er versuchte eine Kurve um mich zu machen und hielt sich dafür einen Moment an meinem Kleid fest.
Durch den Schwung wurde ich mitgerissen und da passierte es. Mein Knöchel knickte zur Seite und bevor irgendwer reagieren konnte, saß ich schon auf meinen Hintern. „Au.“ Na das nannte ich doch mal einen gekonnten Abgang.
Samuel und Kaiden blieben überrascht stehen und sahen sich die Bescherung an.
„Alles in Ordnung?“, fragte mein Brüderchen und reichte mir eine helfende Hand.
„Ja, geht schon.“ Einen Moment war ich versucht seine Hand zu ignorieren. Ich hatte nicht vergessen, was er auf meinem Ball zu mir gesagt hatte. Aber dann erinnerte ich mich daran, wie er mich gestern vor Isaac geschürzt hatte und kam zu dem Ergebnis, dass es doch völlig egal war.
Doch als ich nach seiner Hand griff, bemerkte etwas, das mir vorher noch nie aufgefallen war. Am rechten Ringfinger trug er einen goldenen Ring. Stirnrunzelnd sah ich zu ihm auf. „Ist das das was ich denke?“
„Wenn du denkst das es ein Ehering ist, dann ja.“
„Du bist verheiratet?“ Ich klang schockierter, als ich wollte. Woher sollte ich das auch wissen? Auf dem Stammbaum hatte nichts davon gestanden.
Kai schmunzelte. „Seit fünf Jahren.“
Seit fünf Jahren schon! „Aber warum? Du bist doch noch so jung. Und wo ist sie überhaupt?“ Ich sah mich um, als versteckte seine Braut sich im nächsten Gebüsch. „Ich habe sie noch nie gesehen.“ Zumindest nicht das ich wüsste.
Kaidan zog mich mit einem Ruck zurück auf die Beine. „Meine Frau Pandora, befindet sich zurzeit in der Türkei. Sie macht dort Urlaub. Ich konnte leider nicht mit, da meine Arbeit das gerade nicht zulässt. Und wenn du noch einen Schritt weiter machst, dann binde ich dich an den nächsten Baum.“ Der letzte Teil seiner Worte galt nicht mir, sondern Samuel, der Kais Unaufmerksamkeit ausnutzen wollte, um sich davonzustehlen.
Zu seinem Pech war sein Cosuin nicht so unaufmerksam wie er gehofft hatte. Beeidigt ließ er sich ins Gras plumpsen, verschränkte trotzig die Arme vor der mageren Brust und vermied es demonstrativ in unsere Richtung zu schauen.
„Aber du bist doch noch so jung“, wiederholte ich mich. Ich wusste dass er erst sechsundzwanzig Jahre war.
Er lächelte. „Das mag sein, aber mit einundzwanzig …“ Mitten im Satz schoss er den Mund.
Ich ließ seine Hand los und begann damit mir den Dreck von dem Kleid zu klopfen. „Was ist mit einundzwanzig?“
„Da habe ich geheiratet.“
Das glaubte ich ihm. Was ich ihm aber nicht abkaufte war, dass es das war, was er ursprünglich hatte sagen wollen. „Und weiter?“
„Nichts weiter.“
Mein Sympathielevel stürzte ein paar Punkte in die Tiefe. Keine Ahnung warum, aber er log mich an. „Die Wahrheit scheint in dieser Familie ein sehr seltenes Phänomen zu sein, oder warum …“
„Cayenne?“
Mit einem tiefen Atemzug schaute ich zur Seite und sah Blair auf mich zukommen. Hinter ihr folgten ihre beiden Umbra. Unter ihnen war Drogan, den anderen kannte ich nicht.
Hatte ich mich nicht eigentlich in diese Ecke verzogen, um meine Ruhe zu haben?
Blair trat zu mir und nickte Kaidan zu. Sie öffnete den Mund, bemerkte dann aber ihren Sohn und runzelte die Stirn. „Wo ist Leah?“
Der kleine Junge zuckte nur mit den Schultern. „Vermutlich lädt sie gerade ihre Energiezellen auf.“
Meine Tante seufzte. „Umbra Joel, würden sie ihn bitte zu Leah bringen?“
„Natürlich.“ Er verbeugte sich leicht und hielt Samuel dann die Hand hin. „Komm kleiner Gnom, wollen wir doch mal sehen, ob du sie vor mir findest.“
„Deine Versuche mich zu manipulieren sind im besten Falle unzureichend.“ Trotzdem erhob er sich auf die Beine, trottete zu Joel und nahm seine Hand. „Davon abgesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns zuerst findet erheblich höher. Deine Nase kann mit ihrem Ortungssystem nicht mithalten.“
Hm, wie es schien, hielt der Kleine seine Nanny wirklich für einen Androiden.
„Ich werde euch begleiten“, verkündete Kaidan, der wohl geschnallt hatte, dass seine Tante sich mit mir unterhalten wollte.
Da ich mir bereits vorstellen konnte, worüber Blair mit mir sprechen wollte, war mir das gar nichts so recht. Und doch gab ich keinen Ton von mir, als sich die beiden Prinzen mit ihren Anhängseln davon machten.
„Gönnt uns ein wenig Privatsphäre“, bat Blair und im nächsten Moment hatten sich alle anwesenden Umbras praktisch in Luft aufgelöst.
Okay, das war unheimlich.
Sobald wir allein waren, war lag Blairs Aufmerksamkeit bei mir.
„Ich möchte es nicht hören“, sagte ich, bevor sie auch nur den Mund öffnen konnte. „Es hat nichts mit mir zu tun und interessiert mich auch nicht.“
„Ich möchte es dir aber erklären“, sagte sie leise. „Das zwischen Drogan und mir ist keine einfache Affäre. Ich verliebte mich in ihn, lange bevor ich Alessandro überhaupt kennenlernte, doch durch meine Position war es mir nicht gestattet ihn zu ehelichen. Es ist Tradition, dass die Alphas einen anderen Alpha oder einen Beta heiraten, um die Linie zu erhalten.“
Von den Traditionen der Werwölfe, hielt ich immer weniger. „Dann kann mir Drogan nur leidtun.“ Wer wollte schließlich ein kleines, dreckiges Geheimnis sein?
Blair schlug bedrückt die Augen nieder. „Drogan versteht es.“
„Wenn sie es sagen.“
Keine Ahnung warum, aber auf einmal schien sie das Bedürfnis zu haben, sich zu rechtfertigen. „Ich war nie so mutig wie Celine. Ich konnte nicht einfach alles hinscheißen und davonlaufen. Besonders nicht, nachdem was mit ihrem Menschen geschehen ist. Wenn ich Drogan so verlieren würde … das würde ich nicht verkraften.“
Ihre Augen flehten darum, dass ich sie nicht verurteilte, doch es war etwas ganz anderes, was mich aufhorchen ließ. „Ihrem Menschen? Mein Vater?“
„Ja. Als ich von der Jagd erfuhr, dachte ich, ich würde meine Schwester verlieren, aber sie ist so viel stärker als wir.“
„Jagd?“ Misstrauisch verengte ich die Augen. „Mein Vater ist bei einem Autounfall gestorben.“
Blair schloss den Mund und musterte mich. „Celine hat es dir gar nicht erzählt.“ Die Worte waren eher für sie selber, als für mich.
„Was hat Mama mir nicht erzählt?“
Sie zögerte. Dann sagte sie: „Tut mir leid, ich hätte nicht davon anfangen sollen.“ Als sie einen Schritt zurück machte, hielt ich sie am Arm fest. So schnell würde ich sie nicht entkommen lassen, nicht nachdem, was sie gerade angedeutet hatte.
„Was meinen Sie mit Jagd? Ich will es wissen.“
Einen Moment schien sie zu überlegen, ob sie mich einfach abschütteln und stehenlassen sollte. Doch dann öffnete sie den Mund. „Dein Vater ist bei einem Autounfall gestorben, das ist richtig, doch Celine hat dir wohl verschwiegen, wie dieser Unfall zustande kam.“
Oh Gott, was kam jetzt noch? „Wie kam dieser Unfall zustande?“
„Die Wächter waren auf der Suche nach deiner Mutter und entdeckten ihren Menschen. Als sie einander erkannten, versuchte dein Vater zu fliehen. Die Wächter verfolgten ihn und trieben ihn auf die Straße, wo er von einem Auto erfasst wurde.“ Sie senkte den Kopf ein wenig. „Dein Vater starb, weil die Wölfe die Jagd auf ihn eröffnet haben.“
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Schock. Nach diesen Worten stand ich für einen Moment eindeutig unter Schock. Anders war meine völlige Bewegungslosigkeit und das plötzliche Fehlen von Empfindungen gar nicht zu erklären. Doch dann begann die Wut wieder zu brodeln und zu schäumen. Meine Atmung wurde schwerer und ich musste mich zwingen, meine Hand von Blairs Arm zu nehmen, damit sich die Szene mit der Schwärn nicht wiederholte. Ich stand kurz vor dem Ausflippen. „Die Lykaner haben meinen Vater getötet?“, fragte ich erstaunlich leise.
„Es war ein Unfall“, korrigierte sie mich. Auf einmal war sie äußerst wachsam. „Aber ja, er wurde von den Wächtern verursacht.“
Meine Macht brach so plötzlich und mit einer solch geballten Kraft aus mir hervor, dass nicht nur Blair einen Schritt vor mir zurückwich. Alle Lykaner im Umkreis von dreißig Meter verstummten mit einem Mal und drehten sich geschlossen zu mir herum. Unter ihnen war Prinz Alessandro, der sich gerade noch mit der süßen Blondine vor sich unterhalten hatte.
„Ihr macht mich zu einer Gefangenen“, sagte ich leise. „Ihr macht meine Mutter zu einer Aussätzigen. Und jetzt muss ich auch noch erfahren, dass ihr meinen Vater umgebracht habt?!“ Nein, jetzt war ich nicht mehr leise, was wohl auch der Grund war, warum Blair ich panisch nach allen Seiten umsah und mit mit den Händen deutete ruhig zu sein.
„Bitte Cayenne, sei leise.“
„Warum sollte ich?! Warum sollte ich überhaupt noch irgendwas für diese Familie tun?! Seit dem Moment, in dem ich hier angekommen bin, bin ich euch allen doch nur ein Dorn im Auge! Warum konntet ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen!?“
„Machtvergrößerung.“
Nein, das kam nicht von Blair, das kam von ihrem Mann, eilig zu uns trat.
„Mit dir in der Familie sind wir stärker. Und jetzt wäre es vielleicht angebracht, wenn du deine Stimme ein wenig senken würdest.“
Meine Hand zuckte und ich musste mich zwingen, sie bei mir zu behalten. „Ihr ruiniert mein Leben, nur wegen ein wenig Macht?“
„Es geht dabei um mehr als ein wenig Macht.“ Seine Augen tasteten die Luft um mich herum ab. „Erstaunlich.“
„Geh, Alessandro, ich mache das schon.“
„Du solltest das lieber mir überlassen und zusehen, dass du auf deine Geburtstagsfeier kommst“, erwiderte er ruhig und richtete seinen Blick wieder auf mich. „Dein Vater sucht dich schon überall und wir wollen doch nicht, dass er in Zukunft ein wenig genauer hinschaut und darauf achtet, was du so alles in deiner Freizeit treibst, oder?“
Was zur Hölle … wusste er etwa, das seine Frau eine Affäre hatte? Wie kaputt war diese Familie eigentlich?
Blair knurrte leise. „Drohe mir besser nicht.“
„Ich würde dir niemals drohen, meine Liebe, ich denke nur, es ist an der Zeit sich ein wenig mit meiner Nichte zu unterhalten. Wir wollen doch, dass unsere kleinen Geheimnisse unter uns bleiben, oder?“
Diese Todesblicke mussten in der Familie liegen, Mama hatte die auch drauf.
Der Gedanke an sie versetzte mir einen Stich.
„Pass besser auf, was du noch tust“, sagte Blair noch leise, dann kehrte sie uns den Rücken und kehrte auf ihre Feier zurück.
Alessandro jedoch blieb und bedachte mich mit einem Lächeln. „Lass uns ein Stück gehen, diese Feier langweilt mich.“
Ich bewegte mich nicht vom Fleck. Es gab absolut keinen Grund für mich, auch nur einen Schritt mit diesem Kerl zu machen.
„Möchtest du lieber hier bleiben, wo Isaac jeden Moment auftauchen könnte? Er wird wahrscheinlich sehr erfreut sein, wenn er mitbekommt, was du hier tust.“
„Ich tue gar nichts, ich stehe hier einfach nur.“
„Nein, du stehst hier und demonstrierst vor dem Rudel deine Überlegenheit. Und wenn du nicht möchtest, dass Isaac darauf reagiert, dann solltest du vielleicht damit aufhören. Er ist bei sowas verständlicherweise sehr ungehalten.“
Da ich gerade wirklich nichts weiter tat als hier zu stehen und ihn anzufunkeln, konnte er nur noch meine Macht meinen, wegen der die Lykaner noch immer Blicke in meine Richtung warfen. Ich ließ sie versiegen. Trotz allem wollte ich keine Konfrontation mit meinem geliebten Großvater riskieren.
„Ah, so ist es schon viel besser.“ Er hielt mir den Arm hin. „Und nun lass uns doch ein kleines Stückchen gehen.“
Ich ging. Aber nicht mit ihm. Ich drehte mich einfach um und marschierte los. Ich würde keinen Moment länger auf dieser Party bleiben, sonst würde noch ein Unglück geschehen. Wegen diesen Leuten hatte ich meinen Vater nie kennenlernen dürfen. Wegen ihnen hatte meine Mutter die meiste Zeit meines Lebens durch Abwesenheit geglänzt. Wegen dieser verdammten Familie …
Eine Hand am Arm hielt mich zurück.
„Lassen Sie mich los!“, fauchte ich Alessandro an.
Lucy und Diego traten heran, doch sie griffen nicht ein. Natürlich nicht, immerhin war dieser Mistkerl ein Prinz.
„Ich denke, es ist wichtig, dass du mir einen Moment zuhörst.“
„Nichts von dem was Sie mir sagen könnten, hat für mich irgendeine Bedeutung.“
Meine Worte ließen ihn lächeln. „Oh kleine Cayenne, du verstehst die Welt in der du lebst noch immer nicht. Aber bitte, wenn das dein Wunsch ist.“ Er gab mich frei und trat ein Stück zurück. „Wenn du nicht mit mir sprechen willst, dann wird Isaac das sicher gerne übernehmen.“
Wieder zuckte meine Hand. Wie gerne hätte ich ihm in diesem Moment das dumme Grinsen aus dem Gesicht geschlagen.
„Möchtest du mir nun doch einen Moment deiner Aufmerksamkeit schenken?“, fragte er lauernd.
Nein, eigentlich nicht. „Scheinbar gibt es etwas, dass Sie unbedingt loswerden wollen, also spucken Sie es schon aus, damit ich meine Ruhe habe.“
„Es ist faszinierend, wie ähnlich du Celine bist“, sagte er leise. „Komm, lass uns ein Stück spazieren gehen.“ Wieder hielt er mir seinen Arm hin.
Ich trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Genauso stur, wie deine Mutter.“ Nachdenklich neigte er deinen Kopf zur Seite, aber sein Blick galt nicht mir, sondern Lucy. „Es ist wirklich erstaunlich.“
Entweder hatte ich etwas nicht mitbekommen, oder die Ereignisse hatten in meinem Hirn einen Kurzschluss verursacht, denn ich hatte keine Ahnung, von was er sprach. „Was ist erstaunlich?“
Plötzlich umwallte mich Macht, aber die kam nicht von mir, sondern von … Alessandro? Ähm, der war doch angeheiratet. Sollte das nicht nur die Blutlinie der Alphafamilie können, oder hatte ich da etwas missverstanden?
„Dein Odeur.“
„Mein was?“ Was sollte das den sein?
„So heißt der Geruch den du ausdünstest, um anderen deine Stärke zu demonstrieren.“ Er schenkte mir ein hinreißendes Lächeln. „So wie du es gerade getan hast.“
Er sprach wohl von dem, was ich immer als Macht bezeichnete. „Und was ist daran so erstaunlich? Sie können es doch auch.“
„Bei mir ist das etwas anderes. Es stimmt schon, eigentlich besitzen nur die Nachkommen der Alphas Odeur, doch es gibt auch wenige so wie mich, die damit geboren werden. Eine Art Rückversicherung der Natur, damit das Rudel niemals ohne Anführer dasteht.“ Er ließ sein Odeur verschwinden.
Das war dann wohl der Grund, warum er so eine große Klappe hatte. Er hielt sich für etwas Besseres.
„Bei dir ist das allerdings etwas anderes. Du bist ein Misto. Da du vom Blut eines Alphas abstammst, ist es ganz natürlich, dass du eine gewisse Odeur besitzt, aber die Macht deines Dufts ist derart voluminös, dass es an Isaacs heranreicht. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass du ihn eines Tages übertreffen könntest. Das ist erstaunlich, da du doch nur ein halber Lykaner bist.“
Das schien eine Tatsache zu sein, über die keiner in der Familie hinwegsehen konnte.
Alessandro schlenderte an mir vorbei zu Lucy. Dabei tastete er sie mit den Augen derart intensiv ab, dass es schon an Belästigung grenzte. „Es ist bemerkenswert, wie du dich entwickelt hast.“
Ob er damit mich oder Lucy meinte, ließ er nicht erkennen. Sein Interesse galt im Moment allerdings eindeutig meiner Freundin und auch wenn Lucy ganz ruhig blieb, schien ihr diese Situation nicht zu behagen.
„Wie dem auch sei.“ Prinz Alessandro warf mir einen kurzen Seitenblick zu. „Wenn du dein Odeur in Isaacs Gegenwart einsetzt, könnte er das als Herausforderung ansehen.“
Ich runzelte die Stirn. „Was meinen sie mit Herausforderung?“
„Ich meine damit, dass er auf den Gedanken kommen könnte, dass du ihm seinen Platz als Alpha streitig machen willst.“ Er hob einen Finger an Lucys Wange und strich sanft darüber. Sie versteifte sich unter dieser Berührung, unternahm aber nichts dagegen.
Was sollte das denn?
„Und das möchtest du doch nicht, oder?“ Seine Finger begannen eine Wanderung über ihren Hals, berührten ihr Schlüsselbein und hielten geradewegs auf ihr Dekolletee zu. „Darum würde ich dir wärmstens empfehlen, in Zukunft nachzudenken, bevor du Handelst.“
Lucys Hände ballten sich zu Fäuste, doch sie blieb einfach ruhig stehen.
Auch Diego rührte keinen Finger, obwohl ich den Sturm in seinen Augen sehen konnte.
Als Prinz Alessandros den Ansatz von Lucys Brüsten berührte, platze mir der Kragen. „Ich hätte da auch eine Empfehlung an Sie: Pfoten weg oder es setzt was!“
Etwas daran schien ihn zu belustigen. „Keine Sorge, Lucy stört das nicht. Wir sind alte Bekannte. Nicht war Lucy?“
Sie blieb stumm, doch sie spannte ihre Muskel an, als wollte sie sich selber daran hindern, ihm eine zu scheuern.
„Ob sie nun alte Bekannte sind oder nicht, sie nehmen jetzt ihre Pfoten von ihr!“ Ich trat vor und schlug ihm seine Hand weg und drängte mich zwischen die beiden. „Sie ist meine Dienerin, sie gehört mir und Sie haben meine Sachen nicht ohne meine Erlaubnis anzufassen!“
Der Widerling war so überrascht, dass ihm sein dämliches Lächeln aus dem Gesicht fiel. Ich konnte praktisch hören, wie es auf den Boden klatschte. „Sie gehört nicht dir“, berichtigte Alessandro mich ganz ruhig. „Sie wurde dir nur zugeteilt.“
Okay, um das ein für alle Mal zu beenden, gab es nur eine Möglichkeit. „Lucy, geh auf mein Zimmer und warte dort auf mich.“ Dort war sie wenigstens vor seinen flinken Fingern sicher. Diego dagegen musste ich nicht wegschicken, der würde sicher nicht in Bedrängnis geraten.
Lucy wich einen angespannten Schritt zurück, bevor sie uns den Rücken kehrte und dann eilig davon ging.
Alessandro schaute ihr mürrisch hinterher. „Jetzt hast du mir den Spaß verdorben.“
„Den Spaß?“ Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. „Was sind Sie nur für ein Perversling? Haben Sie es wirklich so nötig Frauen zu zwingen, oder macht sie das einfach nur an, sich an Untergeben zu vergreifen? Sie sind verheiratet. Vielleicht sollten sie besser versuchen ihre Ehe in Ordnung zu bringen, anstatt sich an junge Mädchen ranzumachen.“
Seine Augen bekamen einen gefährlichen Glanz und einen Moment befürchtete ich schon zu weit gegangen zu sein, doch er lächelte nur. Zumindest bis er herumwirbelte und seine Faust direkt in Diegos Gesicht schlug.
Die Wucht schleuderte Diegos Kopf herum. Er torkelte ein paar Schritte zurück, blieb aber auf den Beinen. Nicht mal ein Stöhnen kam ihm über seine Lippen.
„Oh mein Gott, Diego.“ Fassungslos schaute ich dabei zu, wie mein Freund nichts anderes tat, als sich das Blut aus dem Mundwinkel zu wischen. Seine Unterlippe war bei dem Schlag aufgeplatzt. Die Wut kehrte mit einer solchen Macht zurück, dass ich mich fast auf Alessandro gestürzt hätte.
„Sind sie geisteskrank?“, schrie ich ihn an. „Warum haben sie das getan?“
Gleichgültig schüttelte Prinz Alessandro seine Hand aus. Ich hoffte inständig, dass er sich etwas gebrochen hatte. „Ich denke, dass du schlau genug bist, um von ganz alleine auf den Grund zu kommen.“
Wenn Blicke töten könnten, hätte dieses Arschloch nicht mal die nächste Sekunde erlebt, aber er hatte recht, ich wusste genau, warum er das getan hatte. Ich hatte ihn beleidigt, doch als Prinzessin war ich für ihn unantastbar. Indem er Diego schlug, bestrafte er mich mehr, als hätte er die Hand gegen mich erhoben. „Lassen sie es nicht an ihm aus, wenn sie ein Problem mit mir haben.“
„Aber wir beide haben doch gar kein Problem. Oder?“ Das letzte Wort war eindeutig eine Herausforderung.
Unwillkürlich machte ich einen Schritt auf ihn zu, bevor ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Ich spürte wie dieses Wesen in mir mich nach vorne drängte und diesem Mistkerl zeigen wollte, dass es besser war, sich nicht mit mir anzulegen. Aber gleichzeitig hatte ich den Geruch von Diegos Blut in der Nase und wusste, er würde es abbekommen, wenn ich etwas Unüberlegtes tat.
Ich durfte Alessandro nicht anrühren. „Das Gespräch ist beendet.“
„Natürlich.“ Er machte eine spöttische Verbeugung, die auch nur dazu gedacht war mich zu provozieren.
Mit all der Selbstbeherrschung, die ich aufbringen konnte, wandte ich mich von ihm ab und ging zu Diego. Ich kochte vor Wut, zwang mich aber trotzdem Diegos Hand zu nehmen und beherrschten Schrittes zu gehen. Nicht zurück zum Fest, dort würde ich es keinen Moment aushalten, ohne jemanden an die Kehle zu springen und das würde die Feier vermutlich ziemlich ruinieren.
Gott, ich wollte hier weg.
„Es ist nicht deine Schuld“, sagte Diego, kurz bevor wir durch einen Seitenzugang den Westflügel betraten. Es war ein schmaler Gang, der direkt zwischen der Bibliothek und dem Tanzsaal lag.
„Ach nein? Dann hast du wohl darum gebettelt, eine aufs Maul zu bekommen.“
Er hielt an und zwang so auch mich zum Stehen. Dann drehte er mich zu sich herum und sah mich sehr eindringlich an. „Du hast nichts falsch gemacht, hast du das verstanden?“
Vielleicht hatte er recht, aber das änderte gar nichts daran, dass Alessandro ihn wegen mir geschlagen hatte. Ich war unantastbar, auch für einen Prinzen. „Es wird nicht mehr passieren“, versprach ich ihm. Das würde ich nicht zulassen.
„Sag nur ein Wort, Cayenne und ich bringe dich hier weg.“
Oh Gott alles in mir schrie danach lautstark „Ja!“ zu rufen, aber ich konnte nicht. Wenn man uns erwischte, waren die Folgen nicht abzusehen. „Wir sollten zu Lucy gehen, sie wartet sicher schon auf uns.“
Das war es nicht, was er sich erhofft hatte zu hören. Er begann mit dem Kiefer zu mahlen und durchbohrte mich praktisch mit seinem Blick, doch ich würde nicht sagen, was er wollte. Ich drehte mich nur herum und setzte unseren Weg fort.
Ich konnte seinen Unmut spüren, aber ich ignorierte ihn. Nicht weil er mir egal war, sonder weil ich das was er wollte, nicht tun konnte. Ja verdammt, ich hatte Angst vor dem was dann geschehen konnte. Ich wollte weder ihn noch Lucy verlieren, also musste ich folgsam sein, egal wie sehr es mir widerstrebte.
Als wir wenig später in meinem Zimmer ankamen, fanden wir Lucy auf der Couch, wo sie wütende Löcher in den Boden starrte. Bei unserem Eintreten jedoch schaute sie auf und das erste was sie entdeckte, war die Platzwunde an Diegos Lippe.
„Was ist passiert?“, fragte sie auch sofort.
Er warf einen Blick auf mich und schüttelte dann den Kopf. „Halb so schlimm.“
„Das war es nicht, was ich gefragt habe.“
„Alessandro hat ihm die Lippe blutig geschlagen, weil ich ihn als perversen Lüstling bezeichnet habe.“ Ich ging an ihnen vorbei zum Fenster und starrte hinaus. Der Sonnenschein war wie ein Hohn für mich. „Mich durfte er ja nicht anfassen.“
Hinter mir hörte ich die Polster. Gleich darauf stand Lucy neben mir. „Das ist meine Schuld.“
Ich schnaubte. „Warum? Weil du dich nicht von ihm betatschen lassen wolltest?“
„Nein, weil ich mich schon von ihm betatschen lassen habe.“
Überrascht drehte ich mich zu ihr.
Sie seufzte leise. „Ich war achtzehn, einfältig und fühlte mich geschmeichelt, das Interesse eines so gutaussehenden Mistkerls geweckt zu haben.“
„Du hast mit ihm geschlafen?!“ Nein, dass sollte nicht ganz so entsetzt herüberkommen. Aber mal ehrlich, der Kerl war nicht nur … äh, alt, er war auch verheiratet und hatte ein Kind.
Sie zuckte die Schulter, als wollte sie fragen, was ich nun hören wollte. „Mittlerweile weiß ich selber, dass das keine besonders intelligente Entscheidung war.“ Nun richtete sie selber den Blick nach draußen. „Seit dem glaubt er bei mir ein Freifahrtschein zu haben.“
Ich konnte es nicht glauben. Ja, es gab viele Aspekte in ihrem Leben, die mir bis vor kurzen unbekannt gewesen waren, aber trotzdem kannte ich sie doch. Niemals hätte ich sie als einen solchen Menschen eingeschätzt.
Ich machte den Mund auf. Zwei Mal. „Ich weiß ehrlich nicht, was ich dazu sagen soll.“
„Wahrscheinlich ist es am Besten, wenn du gar nichts dazu sagst.“ Sie holte einmal tief Luft. „Ich habe dir das auch nur erzählt, damit du die Schuld nicht bei dir suchst.“
Was es nach meiner Auffassung nach nicht besser machte.
Als ich mich nach Diego umsah, musste ich feststellen, dass er nicht schockiert wirkte. Das bedeutete dann wohl, dass er es bereits gewusst hatte. „Und du? Möchtest du mir auch noch irgendwas beichten?“ Heute schien schließlich alle versessen darauf, Dinge aus der Vergangenheit zu zerren und sie mir ins Gesicht zu klatschen.
„Du weißt was ich möchte, ich habe es dir gesagt.“
Mich von hier wegbringen.
Langsam wurde mir das alles zu viel. Ich spürte wie die Wut langsam abflaute, aber die Trostlosigkeit die sie zurück ließ, war auch nicht besser. „Lasst mich allein“, sagte ich und rieb mir über die Stirn. „Ich brauche … keine Ahnung. Geht einfach.“
„Cayenne“, begann Lucy. „Ich …“
„Bitte.“ Ich konnte heute wirklich nicht noch mehr vertragen.
Lucy wechselte einen Blick mit Diego. „In Ordnung. Aber wenn du uns brauchst, wir sind vorne.“
Ich nickte zum Zeichen, dass ich verstanden hatte, drehte mich dann aber wieder zum Fenster um und lauschte auf ihre Schritte. Als die Tür hinter den beiden zufiel, begann ich mich zu fragen, wie lange ich das noch aushalten konnte.
Wie hatte meine Mutter das nur geschafft? Wie machte Sadrija das? Kamen sie damit besser klar, weil sie damit aufgewachsen waren, oder war ich einfach zu schwach? Warum nur musste mir das alles passieren?
Wenigstens auf die letzte Frage wusste ich eine Antwort: Wegen Raphael. Er war in mein Leben getreten und hatte alles zerstört, was mir lieb und teuer war. Nur wegen ihm war dieses Monster aus mir geworden. Nur wegen ihm hatte ich meine Mutter zu einem einsamen Wolf gemacht. Nur wegen ihm hatte Diego jetzt eine Platzwunde an der Lippe.
Mit einem Schlag war die ganze Wut wieder da und plötzlich hatte ich das unbändige Bedürfnis ihn anzuschreien und für diese ganze Scheiße zur Rechenschaft zu ziehen. Da er aber nicht hier war, konnte ich das nur auf eine Art machen. Also schnappte ich mir meine Tasche, holte mein Portemonnaie heraus und zog aus dem hintersten Fach den kleinen, weißen Zettel mit der Telefonnummer, den Raphael mir vor einem Monat gegeben hatte.
Mir war völlig egal, ob meine Wut und die Anschuldigungen rational waren, als ich auch noch mein Handy herausholte und damit begann die Nummer ins Display einzugeben. Ich wollte ein Ventil, doch als mein Finger dann über der grünen Taste schwebte, zögerte ich auf einmal.
Was nur tat ich hier eigentlich? Raphael war niemals grausam gewesen. Ja, er war schuld an dieser Situation, aber das hier hatte er sicher nicht gewollt. Und wenn ich ihn jetzt anrief und seine Stimmer hörte …
Mein Finger glitt von der grünen Taste und drückte stattdessen die Rote und die Wut versank in einem Meer von nie endenden Kummer.
Der Rest des Tages zog in trostloser Einöde an mir vorbei. Ich ging nicht zum Essen, ich wandte mich nicht an Diego oder Lucy und hätte mich beinahe in meinem Bett verkrochen, als es an der Zeit zu Sydney in den Garten zu gehen.
Die Wolken am Himmel hingen tief, und in der Ferne zuckte ein Blitz. Ein Sommergewitter im August. Es würde Regnen, aber vielleicht kühlte es sich dadurch endlich wieder ein bissen ab. Die heißen Tage hatten den Pflanzen schon genug zugesetzt, und mir auch.
Heute Nacht war der Mond anders. Meine ganze Haut kribbelte wie eingeschlafene Füße. Sydney sagte, es könnte daran liegen, dass der Mond noch immer fast voll war, aber wir beide wussten es besser. Es war nur ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr ich mich in der Zwischenzeit schon verändert hatte. Über meinen Vater und meine Mutter verlor ich kein Wort, ich wollte nicht darüber sprechen.
Es war schon wieder lange nach Mitternacht, als ich endlich ins Bett kam und unter meinem Kissen nach dem grünen Ordern tastete. Ich hatte ihn nicht mehr weggeräumt, nachdem ich ihn dort vor Samuel in Sicherheit gebracht hatte und irgendwie beruhigte mich das Wissen, dass er dort war, doch leider konnte er mich weder vor der Einsamkeit, noch vor den Alpträumen bewahren, die mich im Schlaf heimsuchten.
Ich hatte nur wenige Stunden geschlafen, als die Schatten und Monster in meinen Kopf mich wieder erwachen ließen und ich mir völlig übermüdet die Augen rieb. Die Dämmerung war bereits angebrochen. Vermutlich bemerkte ich nur deswegen das kleine Bündel, dass sich am Fußende meines Bettes zusammengerollt hatte.
Irritiert blinzelte ich. Da lag ein kleiner weißhaariger Prinz in meinem Bett und schien selig in seinem Schlaf. Die Haare standen ihm verstrubbelt zu allen Richtungen ab und sein Mund war leicht geöffnet.
Wie zum Henker kam Samuel hier rein?
Nicht dass es mich störte, aber ich wusste genau, dass ich meine Zimmertür verschlossen hatte, bevor ich unter die Decke gekrochen war. Seit er dass eine Mal plötzlich auf meiner Couch gesessen hatte, achtete ich peinlichst genau darauf. Doch nun war er wieder hier.
Kurz war ich in Versuchung ihn zu wecken und eine Erklärung zu verlangen, aber er sah so friedlich aus, dass ich es nicht übers Herz brachte. Ich würde schon noch früh genug die Gelegenheit bekommen ihn zur Rede zu stellen, jetzt würde ich ihn erstmal …
BOOM!
Der Boden wackelte, das Bett wackelte, ja die ganze verdammte Einrichtung wackelte! Ich hörte einen Schrei, es rauschte und zischte …
BOOM!
Ich fuhr hoch. Eilige Schritte auf dem Korridor, laute Stimmen, jemand rief laute Befehle.
„Operation gestartet.“ Vom Schlaf noch völlig zerknautscht, sprang Samuel aus meinem Bett, doch entgegen meiner Erwartung, rannte er nicht zur Tür, sondern verkroch sich unter meinem Bett. „Du hast mich nicht gesehen.“
Ähm … okay.
Ein weiterer Knall ließ meine Einrichtung zucken. Dieses Mal fiel eine Vase zu Boden, doch der weiche Teppich dämpfte ihren Fall.
Ich hörte wütende Schreie und verwünschendes Fluchen. Keine Ahnung was da los war, aber ich hatte das starke Gefühl, dass Samuel etwas damit zu tun hatte.
Kurz war ich versucht einfach liegen zu bleiben, aber dann hörte ich auch die Türen von Lucy und Diego – nein, nicht nur mein Geruchssein hatte sich verbessert.
Nun schlug ich doch die Decke zur Seite, stieg aus meinem Bett und schnappte mir auf dem Weg zu meiner Tür meinen weißen Morgenmantel aus Kaschmir mit dem asiatischem Kirschblütenmuster. Noch während ich hineinschlüpfte, griff ich nach der Klinke und stellte mir erstaunen fest, dass sie verschlossen war. Okay, das war seltsam, da sie sich von innen eigentlich nur mit meinem Handabdruck verschließen ließ. Ich würde dringend mal ein Wörtchen mit Samuel sprechen müssen.
Der Scanner brauchte eine Ewigkeit, aber dann kam ich endlich aus meinem Zimmer heraus und sah die Bescherung bereits, bevor ich mich zwischen Lucy und Diego an die Tür drängte.
Auf dem Korridor herrschte das reinste Chaos. Sadrijas Zimmertür stand sperrangelweit offen. Ein Schwall an Wasser drängte über ihre Schwelle und ruinierte den sicher sauteuren Läufer auf dem Korridor.
Besagte Prinzessin stand nass und bebend vor unterdrücktem Zorn ganz in der Nähe. An ihrer Seite war Alica und Kai kam gerade im Morgenrock, und durchweichten Hausschuhen angelaufen. Überall liefen Wächter und Diener umher und auch mehrere Umbra waren da. Ein wildes Durcheinander.
„Überschwemmung“, hörte ich irgendwen sagen, der gerade aus dem betroffenen Zimmer geeilt kam. Ein anderer verkündete, dass auch der Erdgeschoss betroffen war und man dringend die Hauptwasserleitung abdrehen müsste. Als dann jemand sagte die Wasserleitung sein explodiert, musste ich mich fragen, ob das hier wirklich auf Samuels Konto ging. Er war immerhin erst neun und wie bitte sollte ein Neunjähriger sowas bewerkstelligen? Ich war neunzehn und wusste nicht wie man sowas machte.
„Sowas sieht man nicht alle Tage“, murmelte ich und beugte mich an Diego vorbei, um einen besseren Blick auf das Treiben zu erhaschen. Ein Mann in nichts als Shorts, kam mit einer Rohrzange aus Sadrijas Zimmer gelaufen und fauchte, dass irgendjemand endlich das verdammte Wasser abstellen sollte.
Eine Dienerin eilte mit einem Stapel voller Handtücher an mir vorbei, ein anderer brachte der Eisprinzessin einen Bademantel, doch sie bedachte ihn mit einem so wütenden Blick, dass er eilig wieder das Weite suchte.
Dann kamen Blair und Alessandro angelaufen. Entgegen der anderen sahen die beiden nicht aus, als wären sie gerade aus dem Bett gefallen. Beide trugen noch ihre Kleidung vom Fest und tauchten mir ihren Umbras im Schlepptau auf
Sobald sie in Sichtweite waren, fuhr Prinzessin Sadrija zu ihnen herum. „Das war Samuel!“, fauchte sie.
Meine Tante würdigte sie nicht mal eines Blick. Sie marschierte den Korridor bis ganz nach hinten durch, wo zu meiner Überraschung Jeol in Pyjamahosen stand. Sie wechselte ein paar Worte mit ihm, drehte sich dann herum und befahl: „Holt mir Leah her.“
Sofort machte sich ein fleißiger Diener auf den Weg.
„Dieses Mal ist er zu weit gegangen!“, knurrte Sadrija und wollte sich auch nicht von ihrer Mutter besänftigen lassen.
Ein paar Wächter und ein Typ der wie ein Klempner aussah, huschten an ihr vorbei in ihr Zimmer.
Ich konnte mich eines Schmunzelns nicht erwehren, doch es erstarb, als König Isaac im Morgenrock auf uns zurauschte.
„Wo ist Samuel?“, fragte er, noch bevor er uns erreicht hatte.
Jegliches Geräusch erstarb, nur das Rauschen von Wasser drang noch an mein Ohr.
„Vater“, begann Blair. „Ich werde …“
Er schnitt ihr mit einer Geste das Wort ab. „Ich will wissen wo er ist“, knurrte er. In seinen Augen funkelte der gleiche Zorn, der auch schon mir entgegengeschlagen war, kurz bevor er nach mir ausgeholt hatte.
Mit einem Mal bekam ich Angst um den Kleinen. Er war zwar ein Kind, aber keine Prinzessin. Ich bezweifelte, dass er den Kleinen auf so grausame Art wie mich manipulieren würde, aber wenn ich nur daran dachte, was Alessandro heute mit Diego getan hatte, wollte ich gar nicht wissen, was dem Kleinen blühte.
Das konnte ich nicht zulassen. Ich wusste, dass ich es bereuen würde, doch ich würde ihm kein kleines Kind ausliefern.
Mit dem Mut der Verzweiflung machte ich einen Schritt nach vorne. „Ich war es“, sagte ich laut genug, dass es bis ans Ende des Korridors zu hören. „Ich habe ihre Wasserleitungen sabotiert.“
Meine ganze Familie wandte sich zu mir. Von überrascht über fassungslos bis verwirrt war alles dabei. Doch keiner Übertraf den Ausdruck auf König Isaacs Gesicht. Purer Zorn. „Du warst das?“, fragte er sehr leise.
„Nein“, griff Kai ein. „Das war sie nicht, dazu hat sie gar keinen Grund.“
Also langsam ging mir sein ewiger Heldenmut auf den Sack. „Wie kommst du darauf, dass ich keinen Grund hatte?“
Lucy zerrte an meinem Arm, als wollte sie mich daran hindern, etwas sehr Dummes zu tun.
Ich hatte nur einen entschuldigenden Blick für sie übrig, bevor ich mich direkt an Isaac wandte. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie es nicht schaffen würden mich zu kontrollieren. Das hier ist meine Lehre.“
Das was folgte, nannte man wohl Grabesstille. Ich konnte all die Blicke auf mir spüren, doch ich wagte es nicht mich von Isaac abzuwenden.
Als das Odeur meines Großvaters plötzlich durch den Korridor wallte, wäre ich fast zurückgewichen, doch ich zwang mich stehen zu bleiben und alles anzunehmen, was da auch kommen mag. Sein Mund war nur noch ein dünner Strich und in seinen Augen schimmerte der Wolf. „Dieses Mal bist du zu weit gegangen.“
Ich sagte nichts.
„Es ist wohl an der Zeit, andere Maßnahmen zu ergreifen.“
Ich versuchte das ungute Gefühl zu ignorieren.
„Hiermit werden dir andere Umbra zugeteilt. Ab sofort ist es dir verboten mit Umbra Luciela und Umbra Diego in irgendeiner Form in Kontakt zu treten.“
Irgendwie hatte ich bereits befürchtet, dass er etwas in der Art tun würde, doch es zu hören traf mich trotzdem härter, als ich es erwartet hatte. Ich biss die Zähne zusammen. Lucy und Diego konnten auf sich aufpassen, Samuel war jedoch nur ein kleines Kind.
„Umbra Diego wird seinen Posten mit Umbra Joel tauschen.“ Er warf seinen kalten Blick auf Lucy. „Umbra Luciela …“
„Wenn du gestattest, Vater“, mischte sich Alessandro ein. „Ich würde mich ihrer annehmen und ihr dafür Umbra Logen geben. Er scheint mir für den Posten …“
„Nein!“, sagte ich, bevor er zu Ende sprechen konnte und schaute mich hilfesuchend um. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Nicht er.“
Das war wohl das Falscheste, was ich in diesem Moment hätte sagen können, doch leider wurde mir das erst bewusst, als Isaac verstehend den Kopf senkte. „So sei es“, sagte er und ich wusste, dass er das nur tat, weil ich das nicht wollte. „Umbra Luciela wird ihren Posten um Umbra Logen tauschen.“
Oh bitte, nein.
Verzweifelt schaute ich zu Lucy und bat sie allein durch Blicke um Verzeihung. Doch ihr Gesicht war bar jeden Gefühls. Sie machte einfach einen Schritt zurück, drehte sich herum und ging dann in ihr Zimmer.
„Lucy“, rief ich ihr noch hinterher, doch da knallte sie auch schon die Tür hinter sich zu.
Diego verzog seine Lippen wenigstens noch zu einer Abstraktion eines Lächelns, bevor er leise in seinem Zimmer verschwand, um seine wenigen Sachen zusammenzupacken. Es sollte mir wohl Mut machen, aber stattdessen begannen meine Augen zu brennen.
Sie würden gehen, alle beide und andere Leute würden nun ihre Quartiere beziehen. Und wegen Isaacs Befehl würden sie auch nicht mehr mit mir sprechen. Das konnte ich nicht mit ansehen. Vielleicht war es feige, aber wenn ich sehen würde, wie sie mich verließen, würde ich einfach zusammenbrechen.
Ich sah noch wie Blair zu ihrem Vater ging und heftig auf ihn einredete. Dabei warf sie mir immer wieder Blicke zu. Sie wusste, dass ihr Sohn der Verursacher war, doch auch sie würde an dieser Situation nichts mehr ändern können. Isaac hatte mich treffen wollen und hatte es auch geschafft, darum würde er nicht mehr von seiner Entscheidung abrücken.
Niedergeschlagen kehrte ich dem Treiben den Rücken und ging zurück in mein Zimmer. Das Schließen meiner Tür hatte etwas Endgültiges und auf einmal fehlte mir die Kraft, mich weiter auf den Beinen zu halten. Ich sackte einfach an der Wand in mich zusammen und schluckte angestrengt. Ich war so leer, dass ich nicht einmal weinen konnte.
„Warum hast du das getan?“
Ich schaute auf.
Samuel lang nicht länger unter meinem Bett, er stand davor. „Warum hast du die Schuld auf dich genommen? Das ergibt keinen Sinn.“
In seinen Augen vielleicht nicht, aber ich wusste, dass ich nicht mehr hätte mit mir leben können, wenn ich diesem Tyrannen ein kleines Kind ausgeliefert hätte, wo ich es doch so einfach verhindern konnte.
„Ist nicht wichtig“, sagte ich schwach. „Es hat sich erledigt.“
„Ich werde Großvater sagen dass ich es war, dann bekommst du deine Freunde zurück.“
Woher er wusste, dass Diego und Lucy mehr waren als meinen Umbra, konnte ich nicht sagen, aber ich würde es nicht zulassen, dass er bestraft wird. Außerdem glaubte ich nicht, dass Isaac seine Entscheidung rückgängig machen würde – nicht mal dann, wenn er die Wahrheit kennen würde. „Nein, das wirst du nicht. Ich verbiete es dir.“
„Warum? Findest du es gerecht an meiner Stelle bestraft zu werden?“
„Ich finde diese Bestrafungen überhaupt nicht gerecht, egal weswegen.“
„Aber deine Freunde.“ Er verstand es wirklich nicht.
Langsam erhob ich mich von meinem Platz und ging dann vor ihm auf die Knie. „Sie sind noch immer meine Freunde“, sagte ich leise und wischte ihm eine Träne aus dem Augenwinkel. „Nicht mal der Befehl des Königs kann daran etwas ändern.“
„Es tut mir leid“, sagte er und dann begann er zu weinen. „Das habe ich nicht gewollt.“
Wortlos nahm ich ihn in die Arme und strich ihm beruhigend über den Rücken. Nur einen Moment später begann ich selber zu weinen.
°°°
Wenn der König geglaubt hatte, mich mit der Säuberungsaktion in Sadrijas Badezimmer zu bestrafen, hatte er sich ins eigene Fleisch geschnitten. So war ich wenigstens abgelenkt und musste nicht die ganze Zeit daran denken, was geschehen war. Dass ich deswegen nicht zum Unterricht der Schwärn konnte, war ein weiterer Pluspunkt auf meiner Skala. Leider reichte das nicht wirklich, um meinen Gemütszustand in heitere Gefilde zu heben.
Mit Samuel hatte ich eine Abmachung getroffen. Ich würde nicht mehr die Schuld für seine Taten auf meine Schultern lasten, wenn er solche Aktionen in Zukunft unterließ. Das ich an seiner Stelle bestraft worden war, hatte wohl sein ganzes Weltbild ins Schwanken gebracht.
Es war schon Nachmittag, als der Klempner für heute seine Sachen packen musste, weil er zum Weiterarbeiten Ersatzteile brauchte, die er frühestens Morgen bekommen konnte. So war ich die Letzte, die auf allen Vieren durch Sadrijas Badezimmer kroch und das Wasser aus den Ecken wischte.
Keine Ahnung wie Samuel das hinbekommen hatte, aber er hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Lag wohl daran, dass er – nach eigenen Worten – überdurchschnittlich intelligent war.
Gerade als ich mich bückte, um unter dem Waschbecken zu wischen, kam Joel aus dem Nebenzimmer herein. Er hatte in der Zwischenzeit Lucys Zimmer bezogen. Das von Diego wurde nun von einem gewissen Logen Morris bewohnt. Der Kerl war ein breitschultriger Riese, der trotz seines grauen Haares nicht älter als Mitte dreißig wirkte – also war er wahrscheinlich um die siebzig.
Ich fand ihn irgendwie komisch, in seiner Gegenwart fühlte ich mich unwohl, was nicht nur daran lag, dass ich ich nicht kannte.
Als Joel ein wenig näher kam und mich nachdenklich musterte, warf ich ihm einen kurzen Blick zu.
„Du brauchst dir hier nicht die Beine in den Bauch zu stehen.“ Ich wrang den Lappen über dem Eimer aus und bückte mich dann erneut. „Ich werde mich sicher nicht einfach in Luft auflösen.“
Meine Aussage nahm er ein wenig zu wörtlich. Er setzte sich aufs Klo. „Warum hast du die Schuld auf dich genommen? Und versuch nicht mich zum Narren zu halten, ich weiß, dass du es nicht warst.“
Überrascht schaute ich auf. „Wie kommst du darauf, dass ich das nicht war?“
„Oh Bitte.“ Er hob sehr gekonnt eine Augenbraue. „Ich kenne sowohl dich als auch Samuel, seit ihr kleine Babys wart und ohne dich jetzt beleidigen zu wollen: Sowas würdest du nicht mal hinbekommen, wenn dein Leben davon abhinge.“
Mist. Ich widmete mich wieder meiner eigentlichen Aufgabe. „Was geht dich das an? Ist doch meine Sache.“
„Du hast dich damit in ziemlich große Schwierigkeiten gebracht.“
„Ich hab sowieso schon jede Menge Schwierigkeiten und damit, dass ich die Schuld auf mich genommen habe, habe ich nur das bestätigt, was sowieso schon alle von mir denken: dass ich eine unerzogene Göre ohne Manieren und Gewissen bin, die nur Schande über die Familie bringt.“ Mit dem Eimer in der Hand stemmte ich mich auf und kippte das Wasser in den Abfluss der Dusche – die einzige Sanitäreinrichtung in diesem Raum, die nicht beschädigt wurde, wahrscheinlich weil Samuel dort nicht an die Rohre rangekommen war. „Außerdem ist es nicht Samuels Schuld. Klar, er hat es mächtig verbockt, aber er kann nichts dafür.“
Über seinen verständnislosen Blick seufzte ich. „Hast du mir nicht gerade noch erklärt, dass du uns beide so gut kennst? Samuel fühlt sich vernachlässigt und das ist seine Art uns das mitzuteilen. Klar, er ist ein Prinz und die halbe Welt würde sich ein Bein ausreißen, um ihm zu Diensten zu sein, aber er will nicht die Aufmerksamkeit der Welt, er will die seiner Eltern.“ Ich hockte mich wieder neben das Waschbecken, um auch den Rest der Ecke trocken zu wischen. „Weißt du wo ich ihn heute Morgen entdeckt habe?“
Zögern. „Wo?“
„In meinem Bett. Er ist mitten in der Nacht zu einer ihm eigentlich Fremden ins Bett geklettert und das nur weil ich ihm einmal erlaubt habe in meinem Zimmer zu bleiben, als er mit Leah verstecken spielte. Das finde ich ziemlich traurig, aber seine Eltern sind einfach zu beschäftigt, um ihm das zu geben, was er sich wünscht.“
„Sie sind viel beschäftigte Leute.“
„Ja klar.“ Ich schnaubte und schaute auf. „Alessandro ist ein Widerling, der seine Hände nicht bei sich behalten kann und seine Mutter …“ Ich stoppte mich. Nicht nur weil es ihn nichts anging, was Blair so in ihrer Freizeit trieb, wir waren auch nicht länger allein.
Drogan stand in der Badezimmertür und machte eine kleine Verbeugung in meine Richtung. „Prinzessin Cayenne, Eure Tante bat mich Euch diese Nachricht zu überbringen.“ Er hob seine Hand, darin lag ein Briefkuvert.
„Von Blair?“
Seine Antwort bestand in einem Nicken.
Verwundert erhob ich mich und wischte mir die Hände an meinem Kleid ab. Als ich dann vor ihn trat und den Umschlag an mich nehmen wollte, hielt er ihn fest.
„Es wäre wohl das Beste, wenn Ihr ihn erst öffnet, wenn Ihr allein seid“, sagte er noch leise und sehr nachdrücklich. Dann erst ließ er ihn los.
Stutzig warf ich einen Blick darauf und auch wenn es mir wirklich interessierte, was darin stand, so verstaute ich ihn doch erstmal in meiner Rocktasche. „Danke.“
„Stets zu Diensten.“ Drogan machte eine halbe Verbeugung und verschwand dann genauso plötzlich, wie er aufgetaucht war.
Ich machte mich wieder stirnrunzelnd an die Arbeit und auch wenn der Brief mir ein Loch in den Stoff zu brennen schien, ließ ich ihn genau dort wo er war. Zwar kannte und mochte ich Joel, aber er war weder Diego noch Lucy und ich wusste nicht, in wieweit ich ihm vertrauen konnte.
Als am Nachmittag ein Diener bei mir auftauchte und mir im Namen des Königs verkündete, dass meine Strafe beendet war und ich zum Abendessen erscheinen sollte, taten mir bereits die Knie weh. Von meinem Rücken fing ich besser gar nicht erst an.
Da ich aber lieber noch ein paar Tage geputzt hätte, als mich zu meiner Familie an den Tisch zu setzten, verschwand ich einfach nur in meinem Zimmer und verschloss die Tür hinter mir. Mit einem prüfenden Blick versicherte ich mich, dass Samuel sich nicht wieder hereingeschlichen hatte und erst als ich mir sicher war wirklich allein zu sein, zog ich den Brief heraus. Ich machte mir nicht die Mühe mir erst einen Brieföffner zu suchen sonders riss ich ihn einfach auf.
Was ich herauszog war ein einfacher Bogen Briefpapier, der in einer doch recht unordentlichen Schrift beschrieben war.
Cayenne,
ich kann dir das nicht persönlich sagen, denn Vater lässt dich zu streng bewachen und er wäre nicht erfreut, wenn er mitbekäme, was hinter seinem Rücken geschieht. Gestern Abend hat Celine mich angerufen. Sie wollte lieber mit dir persönlich sprechen, aber sie hat befürchtet, dass es auf dich zurückfällt, wenn sie sich direkt bei dir meldet.
Ich soll dir sagen, dass es ihr gut geht und sie in Sicherheit ist. Und auch, dass sie dir nicht böse ist. Sie hat mit so etwas bereits gerechnet, seit er dich zu sich auf Schloss holen ließ und hatte dementsprechende Vorbereitungen getroffen.
Wo sie sich zur Zeit befindet, hat sie mir nicht verraten, aber ich soll dir sagen, dass du keine Dummheiten anstellen und dich erstmal ruhig verhalten sollst. Es wird die Zeit kommen, in der mein Vater nachlässig wird und wenn es so weit ist, wird sie da sein.
Verbrenn den Brief, wenn du ihn gelesen hast.
Sobald ich die letzte Zeile gelesen hatte, starrte ich einfach nur aufs Papier. Mama ging es gut. Sie war mir nicht böse und sie war in Sicherheit.
Und sie würde mich holen kommen.
Vor Freude hätte ich fast aufgelacht. Wenn Mama in Sicherheit war, bedeutete das doch, dass Isaac nicht länger an sie herankam, oder? Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen bewegte ich mich durch den Raum und sank auf meine Couch, wo ich den Brief ein zweites und drittes Mal las.
Leider schwand das Lächeln zusehends und ich begann mich zu fragen, wie viel Wahrheit in den Zeilen steckte. War das nur eine List, mit der sie mich ruhig halten wollten, oder war der Brief echt? Ich traute es meiner Familie zu, dass sie versuchte mich auf diese Art zu manipulieren. Andererseits hatte Mama mir bei unserem letzten Treffen gesagt, ich solle mich an Blair wenden, wenn ich Probleme hätte. Das bedeutete doch, dass ich ihr vertrauen konnte, oder? Sonst hätte Mama das doch nicht gesagt.
Am liebsten wäre ich zu Lucy oder Diego gelaufen und hätte mir bei ihnen Rat geholt. Stattdessen sprang ich auf und begann mein Zimmer systematisch nach Streichhölzern oder einem Feuerzeug abzusuchen. Als ich nichts dergleichen fand, rief ich Collette an und bat sie mir ein Feuerzeug und Kerzen zu bringen – die Kerzen waren nur Tarnung, damit niemand auf die Idee kam zu fragen, wozu ich plötzlich Feuer brauchte.
Sobald ich alles hatte und wieder allein war, legte ich den Brief auf einen Dekoteller und schaute zu, wie er in Flammen aufging. Dann schmiss ich alles zusammen in den Müll. Selbst wenn jemand darauf achtete, was ich weggeschmissen hatte, könnte er sich höchstens fragen, was dort verbrannt worden war.
Um den Geruch zu vertreiben, riss ich alle Fenster auf und sprang anschließend unter die Dusche. Dabei fragte ich mich die ganze Zeit, wann meine Mutter auftauchen würde und auch was danach geschah, denn nach Hause konnten wir mit Sicherheit nicht mehr.
Dieser Gedanke versetzte meiner Stimmung einen kleinen Dämpfer. Selbst wenn ich diesen Mauern entkam, würde hinterher nichts mehr sein wie es einmal war. Nicht dass ich das nicht bereits gewusst hatte.
Als ich wieder aus dem Bad kam, war es in meinem Zimmer ziemlich dunkel. Dicke Wolken hingen am Himmel und kündeten von einem drohenden Unwetter. Da würde heute sich noch etwas runterkommen. Aber wenn es regnete, wie konnte ich dann heute Abend mit Sydney unterm Mond liegen?
Da ich im Augenblick eh nichts besseres zu tun hatte, beschloss ich ihn das direkt mal zu fragen.
Ich suchte mir ein türkisfarbenes Kleid aus meinem Schrank, schlüpfte hinein und machte mich auf dem Weg. Kaum hatte ich einen Fuß zur Tür hinausgesetzt, da stand auch schon Umbra Logen mit steinerner Mine hinter mir. War er auch ein Eingeweihter? Ich würde mich hüten zu fragen. Irgendwie mochte ich den Kerl nicht. Keine Ahnung warum, aber irgendwas an ihm störte mich. Darum ignorierte ich ihn auf dem Weg zu Sydney.
Die Tür zu seinem Büro war nur angelehnt und so hörte ich das Knurren und Bellen bereits, bevor ich dort angelangt war. Nanu, was war denn da los?
Ohne anzuklopfen schob ich die Tür auf und entdeckte Sydney, der Nicoletta gerade verspielt am Nackenpelz zog, während sie versuchte ihm ins Bein zu beißen. Ich hatte Nicoletta zwar noch nie in ihrer Wolfsgestalt gesehen, aber ihr Geruch war unverkennbar.
Der Anblick wie sie dort halb auf ihm drauf lag, ihn anstupste und über den Kopf leckte, ließen auf einmal seltsame Gefühle in mir aufsteigen. Sie durfte das nicht, ich wollte das nicht. Es war mir egal ob sie beide nur spielten, das Ganze war nach meinem Geschmack viel zu vertraut.
Die Beiden waren so in ihr Spiel vertieft, dass sie mich erst bemerkten, als ich auf einmal unbeabsichtigt mein Odeur ausdünstete.
Zeitgleich fuhren die Köpfte der beiden zu mir herum.
Einen Moment schauten wir uns nur an. „Stör ich etwa?“, fragte ich mehr als zuckersüß und meine Stimme war ein Spiegel meiner aufsteigenden Wut. Heute hatte ich echt schon zu viel mitmachen müssen, dieser Anblick gab mir einfach den Rest. „Ich könnte auch später wiederkommen, wenn ihr mit eurem kleinen Liebesspiel fertig seid.“
Sydney wirkte ein wenig verwirrt, Nicoletta hingegen schüchterte meine bloße Anwesenheit bereits ein. Langsam und mit eingezogener Rute, trat sie den Rückzug an.
„Nein, Ihr braucht nicht gehen“, sagte Sydney sofort. „Natürlich stört Ihr nicht.“
„Natürlich nicht“, höhnte ich. „Wie bin ich nur auf diese absurde Idee gekommen?“
Keiner sagte etwas. Sydney wich meinem Blick aus und Nicoletta wirkte mal wieder, als wollte sie ins nächste Mausloch kriechen.
„Ich wollte nur wissen, was mit dem Unterricht ist, da es sehr nach Regen aussieht.“
„Der Himmel ist verhangen. Es würde uns heute nichts bringen unter dem Mond zu liegen.“
„Gut, dann lasse ich euch beide besser mal wieder allein.“ Ich drehte mich um und schlug die Tür so laut hinter mir zu, dass ich in der Bibliothek einiges empörtes Getuschel hörte. Ich achtete nicht weiter darauf.
Plötzlich war ich einfach nur verärgert und ich konnte nicht einmal sagen warum. Wölfe machten das ständig. Nicht nur Sydney. Mehr als einmal hatte ich schon andere dabei beobachtet. Im Garten, im Schloss, sogar Kai hatte ich einmal dabei gesehen, wie er mit seinem Vater eine kleine Rangelei gehabt hatte. Bei niemanden hatte es mich gestört, doch bei Sydney war das etwas anderes. In da mit Nicoletta zu sehen … es fühlte sich beinahe wie Verrat an.
Ich tadelte mich selber, weil das einfach nur albern war und stampfte zurück auf mein Zimmer. Die Tür knallte ich dem lästigen Umbra vor der Nase zu und warf mich dann auf mein Bett.
Gott, benahm ich mich albern, aber sobald ich mir der Stille meines Zimmers bewusst wurde, spürte ich, wie meine Augen brannten und eine Träne ihren Weg ins Freie fand. Dieser Tag wurde immer schlimmer. Erst meine Freunde und jetzt verlor ich auch noch Sydney an so eine kleine Assistentinschlampe.
Als auf einmal mein Handy klingelte, war ich versucht es einfach zu ignorieren. Mama würde sicher nicht plötzlich ihre Meinung ändern und doch anrufen und mit jemand anderen wollte ich im Augenblick nicht sprechen.
Leider blieb das Telefon beharrlich und so griff ich dann doch danach. Nummer unterdrückt. Nicht schon wieder. Resigniert nahm ich den Anruf entgegen. „Was willst du?“, fragte ich leise und bekam natürlich keine Antwort. Alles andere hätte mich auch gewundert. Da war nur wieder dieses unheimliche Atmen. „Warum rufst du mich immer an?“
Nichts als Schweigen.
„Wer bist du?“, fragte ich noch leiser und begann zum ersten Mal wirklich zu überlegen, wer da am anderen Ende sein könnte. Viele kamen da eigentlich nicht infrage und die, die mir einfielen, würden mich sicher nicht schweigend aushorchen.
Vielleicht war das ja auch einfach ein weiteres Symptom der Krankheit Prinzessin. „Ich hasse es hier.“ Ich gab ein verbittertes lachen von mir und musste mich zusammenreißen, nicht in Tränen auszubrechen. „Oh Gott, du hast keine Ahnung wie sehr ich es hier hasse. Ich will einfach nur nach Hause.“ Dieser Gedanke ließ meine Augen noch schlimmer brennen. „Wobei, wenn man es genau nimmt, dann habe ich gar kein Zuhause mehr.“
Das Atmen am anderen Ende wurde ein wenig hektischer. Etwas knackte. Es hörte sich an wie Plastik, das unter großem Druck brach.
„Ich will nicht mehr.“ Nun begann ich doch zu weinen. Ich schlug die Hand vor dem Mund, versuchte es zu unterdrücken, doch ich konnte es nicht länger aufhalten. Ich war nicht laut, oder hysterisch, ich lag einfach da und gab einen leisen Schluchzer von mir.
Ein lauter Knall drang durch das Handy an mein Ohr. Splitterndes Glas, ein schmerzhaftes Stöhnen und dann ein leiser Fluch.
Abrupt verstummte ich. Diese Stimme … da klingelte etwas bei mir. „Hallo?“, fragte ich und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Im nächsten Moment war die Leitung tot.
Draußen grollte der Himmel. Während ich noch auf mein Handy starrte, wurde es zunehmend dunkler in meinem Zimmer. Ein paar Tropfen klatschten gegen meine Fenster. Erst nur vereinzelt, doch es wurden rasch mehr. Wieder grolle der Himmel.
Jetzt passte das Wetter wenigstens zu meinem Gemütszustand und obwohl ich Regen und Gewitter normalerweise als beruhigend empfand, konnte ich ihm heute nichts abgewinnen. Beim letzten Regenschauer, hatte Raphael die Nacht bei mir verbracht. Er hatte mich im Arm gehalten, während ich seinem Herzschlag gelauscht hatte.
Oh Gott, warum nur ging er nicht endlich aus meinem Kopf heraus.
Als es leise an meiner Tür kratzte, hätte ich es fast überhört. Nicht nur wegen dem Regen, meine Gedanken waren einfach zu laut. Ich kannte nur einen, der an Türen kratzen musste, weil er nicht klopfen konnte. Sydney.
Seufzend erhob ich mich und öffnete die Tür. „Was willst du?“
„Ich wollte …“ Er unterbrach sich und musterte meine geröteten Augen. „Habt Ihr geweint?“
Darauf ging ich nicht ein. „Was willst du?“, fragte ich einfach noch einmal.
Er legte die Ohren an. „Ich wollte mich bei Euch entschuldigen. Ich weiß nicht wie, aber ich habe Euch erzürnt und das tut mir leid.“
Ich schaute ihn an und schüttelte dann den Kopf. „Ich weiß nicht warum ich so reagiert habe und … ach keine Ahnung. Ich will jetzt nicht sprechen.“ Noch bevor er die Gelegenheit bekam etwas zu erwidern, machte ich die Tür zu und verschloss sie mit dem Handscanner. Im Moment wollte ich niemanden sehen. Ich wollte nicht denken, nicht fühlen und nichts wissen. Ich wollte einfach nur Ruhe und Vergessen.
Obwohl es noch nicht sehr spät war, war es in meinem Zimmer schon stockfinster. Das Gewitter wurde immer stärker.
Um mich von dem ganzen Durcheinander in meinem Kopf abzulenken, setzte ich mich vor den Fernseher, ohne wirklich etwas zu sehen. Irgendwann wurde es um mich herum so dunkel, dass ich beschloss mich einfach wieder ins Bett zu legen.
Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Zu viel ging mir im Kopf umher. Mein Körper war erschöpft, doch der Geist von den Eindrücken des Tages so gequält, dass er mich nicht ruhen lassen wollte. Erst kurz nach Mitternacht wurden die Augenglieder schwer und ich fiel in einen leichten Dämmerschlaf.
Es knackte an meiner Tür. Ich schlug die Augen wieder auf. Die Klinke wurde runtergedrückt und dann sah ich zu, wie jemand leise in mein Zimmer schlüpfte. Eine kleine Gestalt, in einem hellblauen Schlafanzug und weißen Haaren. „Samuel?“
Er erstarrte.
Ich richtete mich auf. „Verdammt, wie kommst du hier rein?“ Die Tür war abgeschlossen gewesen, dieses Mal wusste ich es ganz genau.
Verlegen schaute er auf seine nackten Füße und drückte einen kleinen Plüschsaurier an seine Brust. „Das war nicht weiter schwer. Ich musste nur den Mastercode in das Bedienfeld eingeben. Mit ihm lassen sich fast alle Türen im Schloss öffnen.“
Der Mastercode? Wie zum Teufel kam der Kleine an sowas ran?
„Ich wollte nicht alleine schlafen“, fügte er dann noch ein wenig leiser hinzu.
„Und da dachtest du, du brichst einfach mal bei mir ein.“ Keine Frage, eine Feststellung und eine gerechtfertigte noch dazu.
„Es donnert so laut und ich …“ Er biss sich auf die Lippe.
In dem Moment sah er einfach nur klein und verletzlich aus und egal wie hoch sein Intelligenzquotient auch war, er war noch immer ein kleines Kind. Ein Kind dass Angst vor dem Gewitter hatte. Ich konnte ihm nicht böse sein. „Schließ die Tür ab, bevor du uns Bett kommst.“ Das er das konnte, hatte er ja bereits bewiesen.
Überrascht sah er auf. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. „Wirklich?“
„Ja, wirklich.“ Ich ließ mich zurück in die Kissen sinken und sah zu wie Samuel die Tür verschloss. Anstatt seine Hand auf den Scanner zu legen, schob er das Gehäuse hoch und legte so ein Zahlenfeld frei. Mit flinken fingern gab er eine Nummer ein. Die Tür klickte und war verschlossen.
Erstaunlich.
Sobald das Gehäuse wieder da war wo es hingehörte, eilte er durch Zimmer und hüpfe zu mir ins Bett. Er hatte keine Scheu davor, direkt zu mir unter die Decke zu schlüpfen und sich mit seinem roten Saurier an mich zu kuscheln.
Ich legte einen Arm um ihn und musste lächeln, als er zufrieden seufzte. „Aber eins will ich klarstellen. Du brichst nicht mehr in mein Zimmer ein. Wenn du bei mir schlafen willst, ist das okay, aber in Zukunft klopfst du an die Tür, verstanden?“ Genau so wie ich es sagte, meinte ich es auch. Es störte mich nicht, wenn er bei mir war, doch dieses heimliche Eindringen mochte ich nicht.
„In Ordnung.“
Ein paar Minuten blieben wir still.
„Sag mal, warum hast du eigentlich den Mastercode?“ Das war bestimmt nichts, was hier für ein kleines Kind frei zugänglich war.
„Damit ich durch die Türen komme“, erklärte er, als wäre das eine völlig überflüssige Frage gewesen. In seinen Augen war es das wohl auch. „Die interessanten Räume werden hier immer abgeschlossen.“
„Interessante Räume?“
„Der Kontrollraum der Wächter, die Schatzkammer, Großvaters Büro.“
Ja, klar, das waren auch Orte, an denen kleine Jungen sich herumtreiben sollten. „Und mit diesem Code kommst du überall rein?“
„Bisher habe ich noch keine Tür gefunden, die ich damit nicht öffnen kann. Aber ich suche weiter, irgendwo gibt es sicher eine Tür, die davon nicht erfasst ist.“
Das klang ja fast so, als sei es eine Schatzsuche. „Na dann wünsche ich dir viel Glück.“
„Danke, das kann ich gebrauchen, auch wenn Glück etwas ist, dass man nicht wissenschaftlich belegen kann.“
Er klang so ernst, dass ich einfach lächeln musste. Aber als er den Mund wieder öffnen wollte, legte ich ihm einen Finger auf die Lippen. „Genug gequatscht, jetzt wird geschlafen.“
„Natürlich. Ich merke mir einfach, was ich dir sagen will und teile es dir dann morgen früh mit.“
Gott war das niedlich. „In Ordnung und jetzt mach die Augen zu.“ Um ihm zu zeigen, dass es mir ernst war, schloss auch ich die Augen, atmete noch einmal tief durch und schlief zu meiner Verblüffung wirklich ein.
Als ich Stunden später wieder erwachte, lag ich alleine in meinem Bett. Von Samuel war keine Spur zu finden. Wahrscheinlich war er, sobald der Sturm nachgelassen hatte, in sein eigenes Zimmer zurückgekehrt.
Es regnete noch immer. Feine Fäden zogen sich draußen durch den Morgen und tränkten die Erde. Ob Lucy und Diego schon wach waren? Was sie wohl gerade machten? Nein, ich durfte jetzt nicht an sie denken, sonst würde die Melancholie mich den ganzen Tag niederdrücken.
Gerade als ich mich aufrichtete, um unter die Dusche zu springen, ging meine Zimmertür auf und Samuel schlüpfte herein. Hinter sich verschloss er die Tür wieder und marschierte dann schnurstracks zum Couchtisch. Er bemerkte nicht mal, dass ich bereits wach war.
Neugierig was er da jetzt schon wieder trieb, richtete ich mich auf und wurde beinahe vom Schlag getroffen. Mein ganzer Tisch war überseht mit Spielzeug. Es sah aus, als würden er seine Spielzeugroboter in eine Schlacht gegen kleine Plastikmonster führen. „Ziehst du jetzt hier ein, oder was?“
Er hatte nur einen kurzen Blick für mich übrig. „Nein, mir war nur langweilig und du möchtest nicht, dass ich deine Sachen anfasse. Als logische Schlussfolgerung habe ich meine eigenen hergeholt.“ Zwei der Roboter wurden mit kleinen Waffen bestückt. „Ich hoffe es stört dich nicht.“
„Nein, nein.“ Ich strich mir meine Haare hinters Ohr und gähnte erstmal ausgiebig. „Mach bloß kein Chaos.“
„Natürlich nicht.“
Okay, so niedlich das auch war, ein wenig beängstigend war er ja schon.
Ich schlug die Decke zurück und stellte meine Beine auf den Boden, als mir etwas auffiel.
„Was ist eigentlich mit Leah? Vermisst sie dich gar nicht?“
Samuel zuckte mit den Achseln, während er seine Soldaten in Stellung brachte. „Ich schätze, sie befindet sich gerade auf der Suche nach mir, aber die Wahrscheinlichkeit dass sie mich findet, ist sehr gering. Ich habe ihr gestern Wasser über den Kopf gekippt und damit ihre Sensoren beschädigt. Sie muss sie nun erstmal austauschen.“
Okay, vielleicht war er ein kleinen wenig verrückt. Aber wie hieß es so schön? Genie und Wahn lagen nah beieinander. „Wie kommst du darauf, dass sie ein Android ist?“
„Meine Maßnahmen zur Abschreckung funktionieren nicht. Im Normalfall kann ich mich meiner Kindermädchen innerhalb weniger Wochen entledigen. Leah ist nun aber schon fast ein Jahr bei mir, folglich kann sie also nur ein Android sein.“
Klang logisch, zumindest für einen Neunjährigen. „Ich geh duschen.“
„In Ordnung, aber du solltest dich beeilen, das Frühstück wird bald serviert und Großvater war gestern bei den Mahlzeiten sehr ungehalten darüber, dass du nicht teilgenommen hast.“
Das würde mir sicher keine schlaflosen Nächte bereiten.
Wie angekündigt verschwand ich im Bad und befand mich eine halbe Stunde später zusammen mit Samuel und unseren Umbras, auf dem Weg in den Speisesaal.
Kurz bevor wie unser Ziel erreichte, fand der Android, ähm, ich meine natürlich Leah, uns. Als sie jedoch den Mund öffnete – vermutlich um ihn eine Standpauke zu halten – rief Samuel „Alieninvasion!“ und flitzte davon.
Leah gab nur ein genervtes Seufzen von sich und folgte ihm. Irgendwie konnte sie einem schon leidtun.
Kaum dass ich den Saal betrat, entdeckte ich Lucy. Völlig ausdruckslos stand sie an den Wand und schaute nicht einmal zu mir herüber. Das versetzte mir einen solchen Stich, dass ich fast wieder gegangen wäre. Diego sah ich erst, als dass Essen schon beendet war und er seine Schicht bei Samuel begann. Wenigstens er erwiderte meinen Blick für einen Moment.
Da man hier keine Rücksicht aufs Wochenende nahm, musste ich nach dem Essen wieder zum Unterricht der Schwärn. Sie packte mir ein so dicken Wälzer vor die Nase, dass der Tisch unter dem Gewicht zu stöhnen begann und verlange dann von mir ihn zu lesen – was mich beinahe zum Stöhnen gebracht hätte. Es ging um die Geschichte der Alphas im Rudel der Könige. Bereits auf Seite zwei drohte ich einzuschlafen.
Als ich ihr endlich entkam, war es fast schon wieder Mittagszeit und obwohl ich keinen Hunger hatte, machte ich mich zum zweiten mal an diesem Tag auf den Weg zum Speisesaal, denn so würde ich Lucy und Diego sehen.
Ich hatte schon den Fuß der Treppe erreicht und wandte mich nach links, als plötzlich ein schmerzverzerrtes Jaulen von der hohen Decke hallte.
Erschrocken schaute durch das offene Portal des Thronsaals und entdeckte König Isaac vor dem Podest knien. Seine Hand hatte er im Nacken eines riesigen Wolfs verkrallt und drückte ihn mit solch brachialer Gewalt zu Boden, dass er leise winselte.
Sydney.
Oh mein Gott, was trieb dieses Arschloch da mit meinem Mentor?! Ohne zu wissen, was ich da eigentlich tat, änderte ich meinen ursprünglichen Kurs. Ich würde das unterbinden. Sydney gehörte mir und niemand außer mir durfte ihn anfassen!
Ich kam nicht mal bis zur Schwelle. Auf einmal packte Joel mich am Arm und zog mich mit so viel Schwung in die andere Richtung, dass ich kurz aus dem Tritt geriet. Ich knurrte. „Verdammt, was soll das?!“
Joel beachtete mich nicht. Er schaute nur kurz von links nach rechts und zerrte mich dann entschlossen zur Bibliothek. Das ich mich gegen ihn wehrte, schien ihn überhaupt nicht zu interessieren. Erst als er mich durch die Tür geschoben hatte, ließ er mich wieder los, blieb aber so stehen, dass ich nicht mehr heraus kam.
„Sag mal spinnst du?“ Ich versuchte an ihm vorbei zu kommen, doch er trat mir wieder in den Weg. Aus meiner Kehle kam ein weiteres Knurren. „Lass mich durch, wenn du nicht willst, dass ich dir eine knalle.“ Nein, das war keine leere Drohung.
Davon ließ Joel sich leider nicht beeindrucken.
„Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst. Ich bin hier um dich zu beschützen, wenn nötig auch vor deinen eigenen dummen Ideen.“
„Mich beschützen?“ Meine Hand zuckte und ich musste mich wirklich zusammenreißen, damit ich ihm nicht ein paar scheuerte. „Danke, mir geht es gut und jetzt lass mich durch, ich muss Sydney helfen.“ Er bewegte sich keinen Millimeter. „Hast du was an den Ohren? Du sollst mir aus dem Weg gehen!“
„Und was willst du dann tun? Was kannst du schon gegen den König ausrichten?“
Damit nahm er mir kurzzeitig den Wind aus den Segeln. „Was weiß ich, mir wird schon etwas einfallen, also lass mich endlich durch!“
„Jetzt hör mir mal zu, Rotznase.“ Auf einmal war er gar nicht mehr das nette Kindermädchen, dass mir meine kleinen Kratzer und Wehwehchen mit einem Pflaster versorgt hatte, bevor er mich wieder zum Spielen in den Garten schickte. Er wirkte sogar ein wenig bedrohlich. „Wir sind keine Menschen, wir sind Tiere und zwar keine von der kuscheligen Sorte. Deine Hilfsbereitschaft in allen Ehren, aber was glaubt du wird passieren, wenn du da jetzt in den Thronsaal stürmst?“
Darauf hatte ich keine Antwort parat und das ärgerte mich.
„Vielleicht wird der König von Historiker Sydney ablassen, vielleicht aber auch nicht. So oder so, du wirst es sein, die seine Wut abbekommt und das kann und werde ich nicht zulassen.“
„Aber ich muss ihm doch helfen!“
Joels Blick wurde ein wenig weicher. „Du hast so ein gutes Herz, aber auch du wirst es nicht schaffen, die Welt vor sich selber zu retten. Und wenn du es doch versuchst, wirst du nicht nur scheitern, sondern bei dem Versuch zugrunde gehen.“
So wie er das ausdrückte, könnte man glatt glauben, ich sei eine Heilige und das war ich ganz sicher nicht. Klar, ich hatte bei Ungerechtigkeiten noch nie tatenlos zusehen können, aber deswegen war ich noch lange keine zweite Mutter Theresa. „Aber ich muss ihm helfen. Der König ist grausam, er wird ihn verletzen.“
„Sei froh, dass er König geworden ist und nicht sein Bruder. Wäre es anders, würdest du deinen Historiker nicht wiedersehen.“
Langsam wurde ich wirklich sauer. „Ich werde jetzt bestimmt nicht mit was-wäre-wenn anfangen, aber wenn du mich nicht endlich durchlässt, dann …“
Bevor ich meine Drohung aussprechen konnte, schwang die Tür zur Bibliothek auf und Sydney humpelte herein. Das Fell an seiner Schulter war rot und verklebt.
„Sydney!“ Ich ließ Joel stehen und stürzte zu meinem Mentor. Dabei schlug ich so hart mit den Knien auf, dass es schmerzte. Es war mir egal. „Oh Gott, was hat er mit dir gemacht?“
Sydney bedache mich mit einem Blick, der sowohl Scham, als auch von Mitleid ausdrückte.
Besorgt suchte ich nach der Ursache des Blutes. Es stammte von einer alten Narbe, die aufgeplatzt war. Vor Wut ballte ich die Hände zu Fäusten. „Das wird er bereuen.“ Ich stand auf, wollte dem König … wollte ihn … ich wusste nicht was ich ihn wollte, auf jeden Fall durfte er nicht ungeschoren davonkommen. Noch bevor ich einen Schritt getan hatte, biss Sydney nach meinem Kleid und hielt mich fest.
„Geht nicht, es geht mir gut.“
„Willst du mich verarschen? Du blutest und du humpelst. Und bevor du jetzt mit irgendwelchem Schwachsinn kommst, ich hab gesehen, was er mit dir gemacht hat!“
„Bitte geht nicht“, bat er mich und sah dabei so elendig aus, dass die Wut langsam wie aus einem Laufballon entwich. Joel hatte recht, ich hatte keine Ahnung was ich gegen den König ausrichten sollte und indem ich zu ihm ging, würde ich die ganze Sache wahrscheinlich nur noch schlimmer machen.
„Irgendwann“, sagte ich leise. „Irgendwann wird er für all das bezahlen. Dafür werde ich sorgen.“
Sydney und Joel schauten mich nur schweigend an.
Seufzend entließ ich die Luft aus meinen Lungen und versuchte so mich selber zu beruhigen. Wenn ich hier jetzt ausflippte, würde mir das gar nichts bringen. „Komm, ich sehe mir mal deine Wunde an.“
Keiner der Männer widersprach mir, als ich mich zum hinteren Teil der Bibliothek aufmachte. Joel musst draußen warten. Okay, vielleicht war ich doch ein wenig sauer, weil er mich aufgehalten hatte, aber mal ehrlich. Irgendjemand musste Isaac doch mal einen kräftigen Denkzettel verpassen. Warum also nicht ich?
Ohne nachzufragen ging ich direkt nach hinten in Sydneys Zimmer. In seiner Kommode fand ich Verbandszeug und eine Wundsalbe. Unter dem Wasserhahn befeuchtete ich einen Waschlappen.
Dann kniete ich mich neben ihn auf den Boden und wusch so vorsichtig wie ich konnte die Verletzung aus. „Sag mir, was da gerade los war.“ Ja es klang wie ein Befehl und irgendwie war es auch einer.
„Das ist nicht wichtig.“ Sydney bettete seinen Kopf auf seinen Pfoten und schloss die Augen, als ich vorsichtig das Fell zur Seite strich, um mir die Sache ein wenig genauer anzuschauen. „Ihr solltet diesem Zwischenfall keine weitere Beachtung schenken.“
„Ich finde es schon wichtig.“ Noch einmal tupfte ich vorsichtig um die Wunde herum, dann griff ich nach der Salbe. „Ich meine, der König war noch nie der nette Kerl von Nebenan gewesen, aber heute ist er richtig ausgetickt und ich wüsste gerne warum.“
„Lasst es einfach gut sein.“
„Gut, wenn du es mir nicht sagst, dann gehe ich eben selber zum König und frage ihn persönlich.“ Vielleicht war das Erpressung. Nach Sydneys Blick zu urteilen, war das sogar ganz entschieden Erpressung, aber das war mir egal. Ich wollte wissen, was den König so sauer gemacht hatte, dass er deswegen meinen Mentor angriff. Für den Moment lieferten wir uns einem Starrwettkampf. Beide entschlossen ihren Kopf durchzusetzen, doch wie gewohnt, konnte mit mir niemand mithalten.
Als Sydney seufzte, wusste ich dass ich gewonnen hatte. „Es ging um Euch.“
Nicht wirklich überraschend, aber damit gerechnet hatte ich trotzdem nicht. Ich drückte etwas Salbe aus der Tube auf meinen Finger und strich es ihm vorsichtig ins Fell. „Was hatte er denn jetzt schon wieder auszusetzen?“
Er zuckte leicht zusammen.
„´tschuldigung.“
„Er ist nicht sehr erfreut darüber, dass Ihr Euch noch immer nicht verwandeln könnt.“
Fast hätte ich geknurrt. „Das rechtfertigt keinen solchen Angriff.“
„Heute ist Lughnasadh und König Isaac bestand darauf, dass Ihr daran teilnehmt, doch das könnt Ihr natürlich nicht.“
„Lughnasadh?“ Was sollte das denn sein? „Klingt wie eine schwere Krankheit.“
Das ließ ihn leise lachen. „Ursprünglich ist Lughnasadh eigentlich ein keltisches Fest, doch es hat sich bereits vor langer Zeit in unserer Kultur verankert. Bei den Iren markiert es den Herbstbeginn, doch für uns ist es eine Jagd, mit der wir die reiche Beute des Sommers feiern.“
„Eine Jagd?“ Angewidert verzog ich das Gesicht und begann zu überlegen, wie ich einen Verband an Sydney anbringen sollte, ohne ihn in eine Mumie zu verwandeln. Ein Pflaster würde da sicher nicht halten. „Ihr feiert das Töten von Tieren?“
„Früher war das einmal so, heute ist es nur noch symbolisch. Es ist Tradition, dass sich an diesem Tag die Wölfe bei ihrem Alpha versammeln und mit ihm zusammen durch die Wildnis streifen. Natürlich nimmt auch die Familie daran teil, aber aus Gründen, die ich nicht näher erläutern brauche, seid Ihr zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht dazu in der Lage.“
„Und deswegen fühlt er sich mal wieder auf den Schlips getreten.“ Am Besten ich ließ die Wunde einfach offen.
„Er möchte Euch dem Rudel vorführen. Durch Xaverines Auftritt auf Eurem Ball, gibt es begründete Zweifel, was Eure Herkunft betrifft. Durch Euer Beisein erhofft er sich diese Zweifel zu zerschlagen.“
Dieser verdammte Stammbaum. Hätte ich nur gewusst, was ich damit anrichten konnte, hätte ich ihn nicht verändert, sondern in den Schredder gesteckt und anschließend mit Weihwasser besprenkelt, um ihm den Teufel auszutreiben. „Das ist aber noch lange kein Grund dich anzugreifen. Du kannst schließlich keine Wunder vollbringen.“
„Es ist kein Wunder von Nöten, damit Ihr Euch verwandelt, sondern Zeit.“
„Aber die will er mir nicht länger geben.“ Vorsichtig strich ich an der Wunde entlang. „Und das nur wegen so einem blöden Fest.“
„Es ist weit mehr als ein einfaches Fest. Jedem Wolf, von jedem Stand ist es erlaubt daran teilzunehmen. Was genau das bedeutet, werdet Ihr heute Abend erfahren.“
Und das tat ich auch, Stunden später.
Beim Mittagessen zog König Isaac die ganze Zeit über meine Unfähigkeit her und befahl mir nach dem Essen sofort auf mein Zimmer zu verschwinden. Da ich mich nicht verwandeln konnte, war eine Teilnahme an der Jagd für mich ausgeschlossen, aber da meine Abwesenheit nicht zu erklären wäre, hatte er beschlossen, dass ich wegen Krankheit das Bett hütete. So verschwand ich nach dem Essen hinauf, alleine.
Schon beim Eintreten bemerkte ich die kleine Veränderung. Samuel hatte zwei Fächer in meinem Regal für seine Spielsachen beansprucht. Sie waren nach Größe sortiert.
Um die Zeit totzuschlagen und da ich nichts Besseres mit mir anzufangen wusste, setzte ich mich vor den Fernseher und zeppte von einem Programm in das nächste. Es lief nur Müll – wie immer. Ich schaltete die Röhre wieder ab und schmiss die Fernbedienung auf den Tisch. Stattdessen griff ich nach einer Zeitschrift und blätterte lustlos darin herum. Aber auch in dieser Beschäftigung fand ich nicht wirklich Befriedigung.
Ich wollte hier raus. Ich hatte noch nie lange in einem Raum bleiben können, besonders nicht, wenn mich jemand dazu zwang und ich dann auch noch alleine war.
Ruhelos sah ich mich in meinem Zimmer nach anderen Dingen um, mit denen ich mich beschäftigen konnte. Ich konnte ein Buch nehmen und laufen üben, oder noch einen Blick den den Wälzer von der Schwärn werfen, aber dazu fehlte mir die Motivation.
Mein Blick fiel auf die Badezimmertür. Vielleicht sollte ich ein entspannendes Bad nehmen.
Ich war noch mir den Pro und Kontras meiner Idee beschäftigt, als das mehrtönige Wolfsgeheul an mein Ohr drang. Der Klang war so durchdringen und auffordernd, dass ich mich schwer zusammenreißen musste, um nicht mit einzustimmen. Aber der König hatte sich deutlich ausgedrückt. Ich sollte mich ruhig verhalten. Doch von verstecken hatte er nichts gesagt. So folgte ich dem einladenden Klang auf meinen Balkon. Er war groß. Terrakottafliesen auf dem Boden. Beige Ledermöbel. Zwei Liegen und ein Tisch mit vier Stühlen darum. Es war gemütlich und hell, wie mein Zimmer.
Bedächtig folgte ich dem Klang des Geheuls und warf einen Blick über die Brüstung hinunter in den Garten. Von meinem Zimmer aus konnte ich den linken Teil sehen. Ein Stück des Labyrinths, die Festwiese und die endlosen, uralten Wälder dahinter.
Hinten, am Rand des Waldes versammelten sich Wölfe in allen Größen und Formen. Sie folgten dem Ruf. Nur zu gerne hätte ich das auch getan. Nicht aus freien Stücken, es war eher wie ein Zwang, dem ich folgen musste, doch ich durfte nicht.
Seufzend beobachtete ich, wie immer mehr Wölfe das Schloss verließen, um sich dem Rudel anzuschießen. Hundert, zweihundert. Es war das erste Mal, dass ich eine solche Ansammlung an Wölfen zu sehen bekam und dieser Anblick war schier überwältigend.
Am Rand brach eine kleine Kellerei aus, ein Kräftemessen. Manche der Wölfe legten sich einfach ins Gras und warteten, andere liefen ungeduldig auf und ab. Die Aufregung und Erwartung konnte ich sogar hier oben spüren.
Drinnen kratzte wer an der Tür, aber da ich mich nicht von diesem Anblick losreißen wollte, rief ich einfach nur „Herein“ und blieb wo ich war. Einer der Wölfe stand weit oberhalb und sah auf die anderen hinunter. Er legte den Kopf in den Nacken und Jaulte aus voller Kehle. Selbst aus dieser Entfernung konnte ich ihn als König Isaac ausmachen. Nicht nur dass ich ihn schon in seiner Wolfsgestalt gesehen hatte, seine Präsenz war so gegenwärtig, dass ich ihn spüren konnte.
Es war falsch. So viel Macht sollte nicht einer einzelnen Person zustehen. Was dabei raus kam sah man ja am König.
„Ein überwältigender Anblick, nicht wahr?“ Sydney humpelte zu mir auf den Balkon. Auf den Hinterbeinen stellte er sich an der Brüstung hoch und folgte meinem Blick. In dieser Position war er genauso groß wie ich. Vielleicht sogar ein kleinen bisschen größer.
„Was passiert dort?“
„Das Rudel kommt zusammen und dann begeben sie sich auf die Jagt um sich ihr Abendessen zu besorgen.“
„Fast Food mal anders.“ Ich legte meine Hände aufs Geländer und sah hinauf in den Himmel. Die Wolkendecke war aufgerissen. Zwischen ihren schimmerte der Himmel durch. Wenn das so weiter ging, würde der Mond heute wieder auf uns niederscheinen. „Irgendwie ist der Gedanke komisch, dass ihr mit Zähnen und Krallen jagt. Das ist doch dann alles … dreckig“
„Früher wurde in diesen Wäldern auch mit Gewehren gejagt, heute ist es verboten.“
„Warum?“
„Weil es einen tödlichen Unfall gab. Ein Mitglied der Königsfamilie starb durch eine verirrte Kugel.“
„Du sprichst von Isaacs großem Bruder.“
Er schien nicht überrascht, dass ich davon wusste. „Das ist richtig. Dieser Verlust hast das Rudel zum Umdenken bewegt.“
Nicht in den wirklich wichtigen Dingen. Ich musste nur daran denken, nach welchen Kriterien Diego und Lucy ausgewählt worden waren und … nein, ich würde jetzt nicht an die beiden denken. „Warum bist du nicht dort unten?“, fragte ich, um mich von meinen Gedanken abzulenken.
„Ich bin verletzt, ich würde nur im Weg stehen.“
Ich warf ihm einen Seitenblick zu. Wenn es mich schon so drängte mit nach unten zu gehen, wie musste er sich dann fühlen?
„Seht nach unten, erkennt Ihr vielleicht jemand?“
Klar, den König, aber ansonsten sahen sie für mich viel zu gleich aus. Und doch … es war schwer auf diese Entfernung, aber als ich mich konzentriert umsah, entdeckte ich ein paar Wölfe, die mir sehr bekannt vorkamen. Eine große, graue Wölfin ein Stück neben dem König. „Das ist Königin Geneva und das da“, ich deute auf einen schwarzen Wolf, „ist Prinz Alessandro.“
Er nickte zufrieden. „Erkennt Ihr sonst noch jemand?“
Ich suchte weiter. „Prinzessin Blair und … Lucy.“ Etwa in der Mitte war eine größere Lücke, in der sich eine braune Wölfin nach vorne bewegte. Sie wurde begleitet von einem grauen und einem hellbraunen Wolf. Direkt hinter ihr war ein roter Wolf, der mit seiner Farbe aus der Menge deutlich hervorstach.
„Ja, das ist Umbra Luciela. Und dort hinter Königin Geneva, der braune Wolf ist Euer Freund Umbra Diego.“
Bei dem Anblick der beiden wurde mein Herz schwer. Seufzend wandte ich mich ab und ließ ich mich auf eine der Liege sinken. „Das hab ich echt verbockt, was?“
Sydney kam von der Brüstung und stupste mir mitfühlend gegen das Bein. „Ihr seid für Eure Überzeugung eingetreten, daran ist nichts Fehlerhaftes.“
Er wusste dass ich nichts mit den Wasserleitungen zu tun hatte. Sollte mich eigentlich nicht wundern, Sydney war einfach viel zu aufmerksam. „Nur das ich damit meine Freunde verkauft habe.“ Ich zog die Knie unters Kinn.
„Ich würde Euch gerne sagen, dass alles wieder gut werden wird, aber das kann ich nicht, weil es einer Lüge gleichkäme.“
„Du nimmst kein Blatt vor den Mund, wie?“
Er setzte sich vor mich. „Was Recht ist, wird Recht bleiben und eines Tages werden wir alle für unsere Taten entlohnt werden. Auch der König.“
„Ich hoffe, dass er in der Hölle schmoren wird.“
Von unten drang ein durchdringendes Heulen durch den Garten und gleich darauf stimmten hunderte von Wölfen mit ein.
„Es geht los.“ Sydney stellte sich wieder an der Brüstung hoch. „Kommt und seht es Euch an.“
Ich tat es. Dieser Anblick war atemberaubend. Hunderte von Wölfen hatten sich im Garten versammelt. Fast jeder aus dem Schloss war zum Ritual gekommen. Adel und Bedienstete. Der Stand spielte heute keine Rolle, nur das Dabeisein zählte. Sie waren eine geschlossene Einheit.
Nach und nach fanden sich die Wölfe zu Gruppen zusammen, immer mit einem Alpha als Führer. Dann verschwanden sie im Wald. Sogar Prinzessin Sadrija führte eine Gruppe an. Nur die Kinder blieben zurück. Ich entdeckte Samuel, wie er versuchte den anderen zu folgen, aber Leah ließ das nicht zu, was dem Kleinen nicht so besonders zu gefallen schien. Er stürzte sich auf sein Kindermädchen und begann an ihrem Bein zu nagen. Ich konnte bis hier oben sehen, wie sie genervt die Augen verdrehte, ihn dann mit den Zähnen im Nacken packte und davon trug.
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„Hört Ihr es?“
„Ja, ganz deutlich.“
„Sagt mir, was fühlt Ihr.“
„Meine ganze Haut kribbelt. Es ist warm, angenehm, irgendwie erfüllend.“ Obwohl ich meine Augen geschlossen hielt, konnte ich Sydneys Blick auf mir deutlich spüren.
„Entspannt Euch. Es wird von ganz alleine kommen.“
Das erzählte er mir schon seit Wochen, aber bisher war noch nichts gekommen. Ich seufzte und schlug die Lider auf. „Das bringt doch nichts, ich werde es niemals schaffen.“
„Ihr müsst Geduld haben. Wenn die Zeit gekommen ist, wird es passieren. Ihr werdet schon sehen.“
Das bezweifelte ich. Geduld war noch nie eine meiner Stärken gewesen und langsam aber sicher ging sie mir aus.
Der Mond stand hoch am nächtlichen Himmel. Es war kurz vor der Geisterstunde und ich saß noch immer mit Sydney auf meinem Balkon. Heute hielten wir hier den Unterricht ab. Das hatte sich irgendwie so ergeben – davon mal abgesehen, dass ich mein Zimmer sowieso nicht verlassen durfte – aber wie immer spürte ich nicht die geringste Veränderung an mir.
Ein Teil der Wölfe war bereits aus dem Wald zurückgekehrt und ich beneidete sie um das was sie getan hatten, etwas das mir früher nie in den Sinn gekommen war. Tiere zu töten hatte ich immer für unmenschlich gehalten, aber das Rennen und die Jagt, einfach das Laufen durch den Wald, durch die Natur, als ein Teil von ihr, hatte etwas so verlockendes an sich, dass ich mitmachen wollte. Ich wollte dabei sein, dazu gehören. Ziemlich widersprüchlich, besonders wenn man bedachte, dass ich gar nicht hier sein wollte. Aber der Anblick der bevorstehenden Jagt hatte eine Sehnsucht in mir geweckt, von der ich gar nicht gewusst hatte, dass sie in mir ruhte.
Sydney beobachtete mich von seiner Liege aus. Es war, als wüsste er genau, was in meinem Kopf vor sich ging. „Schließt die Augen wieder und versucht es noch einmal.“
„Okay.“ Ich atmete einmal aus, entspannte mich und schloss die Augen. Das Prickeln der Haut, das mich schon begleitete seit der Mond aufgegangen war, verstärkte sich unter meiner Konzentration.
„Versucht nicht es zu erzwingen. Es kommt von ganz alleine. Lauscht einfach nur der Melodie des Mondes.“
Leichter gesagt, als getan, aber ich tat was er wollte. Ich ignorierte das Kribbeln unter meiner Haut und besann mich stattdessen auf das Licht, dass das Lied des Mondes mit sich brachte. Mein Handrücken juckte und ich kratzte mich. In gleichmäßigen Zügen atmete ich ein und aus, versuchte die Ruhe in meinem Inneren zu finden und die Wand zu durchbrechen, hinter der die zweite Hälfte meines Ichs lauerte.
„So macht Ihr es richtig.“
Das jucken verstärkte sich. Diese dämlichen Mücken. Wie ich die Viecher hasste. Ich versuchte es zu ignorieren, um meiner Konzentration nicht zu stören, doch es war so lästig, dass ich wieder kratzen musste und … vor Schreck riss ich die Augen auf. Ich fühlte Fell! Da, eine kleine Stelle auf meinem Handrücken. Vor Entsetzen sprang ich schreiend auf und riss meine Liege dabei noch beinahe um. Sydney erschrak fürchterlich und fiel fast von seiner Liege.
Als wäre es das Schrecklichste, was ich je gesehen hatte, hielt ich meinen Arm von mir weg, ich wollte das nicht in meiner Nähe wissen. „Mach es weg, mach es weg!“ Endlich war das geschehen, was ich die ganze Zeit wollte, doch jetzt wo ich es hatte, machte es mir eine scheiß Angst.
Mal ehrlich, Haare auf dem Handrücken? Wie eklig war das denn? Da konnte ich doch nur anfangen zu schreien. Was wäre wenn die nicht mehr weggingen? Wachsbehandlung? Laserhaarentfernung? Zu meinem Glück verschwanden sie kaum das meine Konzentration nachließ.
Fassungslos stand ich da und starrte auf meine Hand, dann fing ich panisch an, den Rest meines Körpers zu untersuchen, aber zum Glück fand ich nur da Haare, wo sie hingehörten. Mein Herz raste und Adrenalin jagte durch mein Blut. Unfähig zu sprechen, sah ich zu Sydney, der fast so etwas wie ein Lächeln um die Lefzen zeigte.
„Ihr habt es geschafft“, sagte er stolz. „Der erste Schritt zur Verwandlung ist …“
Meine Zimmertür brach auf und meine Umbras stürmte hinein um jede Bedrohung in den Boden zu stampfen. Kaum eine Sekunde später folgten ihm ein halbes Dutzend Wächter. Und Kai. Auf der Suche nach einer Gefahr, die mein Leben bedrohte, suchten sie den Raum ab, auch den Balkon, aber das Einzige was sie fanden, waren Sydney auf seiner Liege und meine Wenigkeit.
Verwirrt wandte Umbra Logen sich an mich. „Warum habt Ihr geschrien?“
Ganz schön spät reagiert, was Jungs? „Weil ich …“ Okay, das konnte ich ihm nun wirklich nicht sagen. Selbst wenn es kein Geheimnis wäre, dass ich ein Misto war, wäre es doch zu peinlich zu sagen, dass ich so ausgeflippt war, nur weil mir ein Stückchen Fell gewachsen war. Hilfe suchend sah ich zu Sydney.
Der konnte sich ein leises Glucksen nicht verkneifen. „Arachniden“, sagte er. „Die Prinzessin hat sich vor einer Spinne erschrocken.“
Okay, es mag vielleicht stimmen, dass ich nicht gerade ein Spinnenfreund war, aber so übertrieben hätte ich dann doch nicht reagiert.
Umbra Logen warf mir einen Blick zu, der mir nur zu deutlich sagte, dass er Sydney kein Wort glaubte, doch da er keinen Gegenbeweis hatte, beließ er es dabei. „Dann entschuldigt die Störung.“ Er deutete eine Verbeugung an, gab den Wächtern den Befehl zum gehen und alle verschwanden wieder. Nur Kaidan blieb zurück. Unter seinem Morgenrock trug er schon seinen Schafanzug, rot kariert. Ich würde dringend ein Wörtchen über Mode mit ihm sprechen müssen, das ging ja so was von gar nicht.
Er wartete bis die Tür sich geschlossen hatte, dann wandte er sich direkt an mich. „Eine Spinne?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Naja, sie war schon ziemlich haarig.“ Das Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. „Und tauchte ein wenig überraschend auf.“
Sydneys leises Lachen war wie ein Streicheln meiner Gedanken.
„Eine Spinne“, wiederholte er ein wenig ungläubig.
Na so schlecht war die Ausrede ja nun auch nicht. „Nein, keine Spinne“, gab ich dann zu und setzte mich zurück auf meine Liege. „Nur ein guter Mentor.“ Und dann erzählte ich ihm von meinem kleinen Erfolg.
Kai fand die Neuigkeiten so toll, dass er es sofort dem König erzählen wollte, doch ich bestand darauf, es selber zu machen. Ich hatte vor das mit ganz vielen Lobreden auf Sydney zu tun, damit so etwas wie am Mittag nicht noch mal passieren konnte. Wenn ich den König von Sydneys Qualitäten überzeugen konnte, würde er meinen Mentor in Zukunft vielleicht in Frieden lassen.
Kai versprach nichts zu verraten und verabschiedete sich dann.
Ich konnte mit dem Grinsen einfach nicht aufhören und dann musste Sydney auch noch daran glauben. Ich nahm ihn ganz fest in die Arme und erst als er leicht zusammenzuckte, erinnerte ich mich an seine Verletzungen. „Oh, tut mir leid.“ Ich lockerte meinen Griff etwas. „Aber ich bin dir so dankbar.“
„Das braucht Ihr nicht.“
Ich ließ ihn los und quetschte mich zu ihm auf die Liege. Es war zwar ein wenig eng, aber das war mir egal. So konnte ich ihn wenigstens kraulen. „Du hast mich nicht aufgegeben.“
„Natürlich nicht. Wir üben doch erst ein paar Wochen und nur weil es dem König nicht schnell genug geht, heißt das noch lange nicht, dass Ihr keine guten Fortschritte gemacht habt. Ich bin stolz auf Euch.“
Mein Herz machte einen ganz komischen Hüpfer. Was scherte es mich was der König dachte, Sydney war stolz auf mich! „Na dann gibt es ja wieder etwas Schönes für meinen Schreiber zu schreiben.“
„Eure Schreiberin weiß nicht dass Ihr ein Misto seid. Es ist ein Geheimnis wie Ihr wisst, eines der bestgehüteten Geheimnisse dieser Mauern.“
„Schreiberin?“
„Isolde Meruhn. Sie schreibt Eure Geschichte und glaubt mir, damit hat sie alle Hände voll zu tun.“
Das konnte ich mir denken. Im Gegensatz zu den anderen Monarchen hier am Hof, war ich nicht sterbenslangweilig. „Ich würde gerne mal lesen, was sie so über mich schreibt.“
Sydney neigte den Kopf leicht zur Seite. „Wenn das Euer Wunsch ist, kann ich Euch die Bücher bringen.“
„Wirklich?“
„Wenn Ihr das wünscht.“
Das war ja cool. Den Gedanken, zu lesen wie andere mich sahen, fand ich interessant. „Klar, gerne. Danke.“
„Nichts zu danken.“ Er bettete den Kopf auf meinem Schoss und genoss meine Streicheleinheit.
Auf einmal war da diese Frage in meinem Kopf und noch bevor ich näher darüber nachdenken konnte, sprach ich sie auch schon aus.
„Warst du auch schon mal verliebt?“ Verdammt, woher kam das denn bitte?
Er schien über diese Frage nicht weniger überrascht als ich. Dann sagte er sehr leise: „Einmal, aber das ist schon lange her.“ Der traurige Ton in seiner Stimme ließ mich mit der nächsten Frage zögern.
„Was ist passiert?“
Sydney senkte den Blick, als könnte er es nicht ertragen mir in die Augen zu schauen. „Durch meine Schuld ist sie gestorben.“
Darauf war ich nicht gefasst gewesen. Meine Finger verharrten mitten mitten in der Bewegung und einen Moment wusste ich nicht was ich denken sollte. Sydney war verantwortlich für den Tod eines anderen Wesens? Das passte absolut nicht in mein Weltbild.
Um über meine Reaktion hinwegzutäuschen, zwang ich mich dazu, mich wieder zu entspannen und ihn weiter zu kraulen.
„Was ist mit ihr passiert?“ Ich fragte vorsichtig, wollte nicht aufdringlich sein. Vielleicht war sie ja auch an einer Krankheit gestorben.
„Sie wollte mir helfen, weil ich zu schwach war.“ Die Verbitterung in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Durch meine Schwäche musste sie sterben.“
Mein Gefühl sagte mir, dass wir der Geschichte seiner Narben damit wieder sehr nahe gekommen waren, aber wie immer endete er, bevor er zu viel von sich preisgab. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Wenn dabei die Frau die er geliebt hatte gestorben war, war es für ihn bestimmt einfacher die ganze Geschichte zu verdrängen.
Schweigend saßen wir eine ganze Weile da, hingen unseren Gedanken nach, unserer Vergangenheit, die so sehr mit der Gegenwart verwoben war, dass sie uns einfach nicht in Ruhe ließ. Die Wunden meiner Seele waren im Gegensatz zu Sydneys noch frisch, doch seine hatten nie aufgehört zu bluten.
Ich wünschte ihn trösten zu können, ihn von seinem Schmerz zu befreien, aber wie sollte ich das tun, wenn ich nicht einmal wusste, was geschehen war? Auch glaubte ich nicht, dass er mir jemals erzählen würde, wonach ich so oft fragte und in diesem Moment schwor ich mir, ihn damit nicht länger zu behelligen. Denn jedes Mal wenn mich die Neugierde über seine Vergangenheit erneut packte, brachte ich die alten Wunden wieder zum bluten. Das wollte ich ihm nicht mehr antun.
„Weißt du, du bist der einzige, der mir hier noch geblieben ist.“ Und sollte König Isaac irgendwann herausfinden, wie viel Sydney mir mittlerweile bedeutete, würde ich sicher auch ihn verlieren.
Er beobachtete mich wieder einmal mit diesem Blick, der mich zu durchleuchten schien, was bei mir ein warmes Kribbeln auslöste. Etwas in seinen Augen hatte sich seit unserem ersten Treffen verändert. Damals, vor nicht allzu langer Zeit hatte nur Neugierde in seinem Blick gestanden, heute war es … Zuneigung? Ich konnte es nicht genau benennen.
„Stört es Euch denn?“
„Nein“, konnte ich ehrlich sagen. Es machte mich zwar fertig, dass Lucy und Diego für mich im Moment unerreichbar waren, aber dass er bei mir war, störte mich nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil, Sydne war im Moment der einzige Halt den ich noch hatte. „Ich mag dich und bin gerne bei dir.“ Und das war die nackte Wahrheit.
Plötzlich fühlte ich mich sehr verletzlich. Ich hatte ihm die Möglichkeit zugespielt, mich tief zu treffen, wenn ihm danach war. Aber das würde er nicht tun, schließlich war das hier Sydney. Er hob seinen Kopf und stupste mit seiner feuchten Nase gegen meine.
In dem Moment kam er mir mehr denn je vor wie ein großer Hund, doch irgendwo in meinem Hinterkopf wusste ich, dass er außerdem ein Mann war. Zwar einer in der Gestalt eines Wolfes, doch ein Mann, der sich unter dem ganzen Fell nur versteckte.
Das war der Augenblick, in dem sich etwas in mir veränderte. Unsere Blicke trafen sich – kitschig, aber wahr – und ich konnte spüren, dass es ihm ganz ähnlich ging. Etwas in der Beziehung zu Sydney war von einer Minute zur anderen ganz anders als vorher und ein weiteres Mal lag mir die Bitte auf der Zunge, dass er mir sein menschliches Ich zeigte.
Es kam nicht mehr dazu, denn im nächsten Moment knallte etwas gegen meine Zimmertür und wir beide schreckten zusammen. Der Augenblick war vorbei.
Vom Korridor hörte ich Samuels Stimme, lauter als ich es einem solch kleinen Person zugetraut hätte. Im nächsten Augenblick flog meine Tür auf und der kleine Prinz stürmte durch mein Zimmer zu mir auf den Balkon, wo er abrupt vor mir stehen blieb.
Stirnrunzelnd sah er zwischen mir und Sydney hin und her. „Meines Wissens nach, dürfen Prinzessinnen keine Männer mit auf ihr Zimmer nehmen.“
„Das geht schon in Ordnung“, verteidigte ich mich vor der Kleinen, ohne überhaupt zu wissen warum. Seit wann musste ich mich vor einem kleinen Jungen rechtfertigen? Und warum hatte ich überhaupt das Bedürfnis dazu? „Sydney ist mein Mentor.“
„Trotzdem, er ist keine Frau und …“
„Prinz Samuel!“
Samuel warf einen Blick über die Schulter. „Oh nein.“ Wieselflink umrundete er mich und suchte hinter meiner Liege Deckung
Leah kam auf den Balkon gestürmt und deutete hastig eine Verbeugung an. „Entschuldigt die Störung Prinzessin Cayenne.“ Sie nahm Samuel ins Visier. „Kommt Ihr bitte da raus? Ihr solltet schon längst im Bett liegen.“
„Ich schlafe bei Cayenne.“
„Ich denke nicht, dass die Prinzessin Zeit für Euch hat, also bitte kommt da …“
„Ist schon okay“, mischte ich mich ein, ohne das Kraulen zu unterbrechen. „Samuel darf bei mir schlafen, das habe ich ihm erlaubt.“
Das schien Leah zu überraschen. Klar, wahrscheinlich nahm sich sonst nie jemand Zeit für ihn, nicht mal für so etwas banales, wie bei der Familie im Bett schlafen. „Aber Prinzessin Cayenne, Prinz Samuel ist …“
„Geh jetzt“, befahl der Kleine. „Du hast doch gehört was sie gesagt hat, ich darf hier schlafen. Du willst ihr doch nicht ernsthaft widersprechen.“
Ein ängstlicher Blick huschte auf mich. Wahrscheinlich hatte sie wie viele von den anderen Bediensteten von dem Vorfall mit der van Schwärn gehört. Mann, ein Kaffeekränzchen mit alten Omis, die den guten alten Zeiten hinterher hingen, waren nichts im Vergleich zu den Klatschmäulern hier am Schloss. „Nein, natürlich nicht. Es würde mir nie in den Sinn kommen zu widersprechen.“ Sie deutete eine weitere Verbeugung an. „Entschuldigt meine Unverfrorenheit.“
Samuel steckte ihr die Zunge raus.
„Wenn du sie nicht wieder rein machst, beiße ich sie dir ab“, drohte ich ihm. „Leah macht nur ihren Job und du solltest ein bisschen Respekt vor ihr haben.“ Hallo? Was tat ich denn da? War das wirklich ich, die versuchte dem Kleinen etwas beizubringen? Ausgerechnet ich? Da musste ein Kurzschluss in meinem Hirn vorliegen. Aber Samuel nahm zumindest die Zunge wieder rein.
Leah schien unwohl dabei zu sein, den Kleine bei mir zu lassen. „Soll ich ihn noch ins Bett bringen?“
„Nein, das mach ich schon. Sie haben Feierabend.“
„Wie Ihr wünscht.“ Sie deutete noch eine Verbeugung an – wie ich dieses unterwürfige Verhalten hasste. „Dann wünsche ich Euch noch eine gute Nacht.“ Sie drehte sich um, stolperte über das Bein der verrutschen Liege und schlug der Länge nach auf den Boden.
Samuel kicherte leise, während Leah rot anlief. Ich war schon halb aufgestanden, um ihr aufzuhelfen, da hielt ihn mitten in der Bewegung inne. Ungläubig starrte ich auf das, was ich sah. Ihr Kleid war beim Sturz etwas hoch gerutscht und präsentierte mir ihre Wade.
Da war ein Tattoo, nichts Großes oder besonders beeindruckendes und doch brachte es mich einen Moment völlig aus dem Konzept, denn ich sah es nicht zum ersten Mal.
Es war ein Omega mit einem waagerechten Strich darunter. Das Sternzeichen der Waage, oder auch das Zeichen der Themis – der Gruppe der Raphael angehörte.
Das war nur Zufall, oder? Sie konnte nicht wegen mir hier sein. Samuel hatte doch erzählt, dass sie ihn bereits seit einem Jahr betreute. Sie hatte sicher nichts mit Raphael und seinen Leuten zu tun.
Leah arbeitete sich eilig zurück auf die Beine und zog ihr Kleid zurecht. „Entschuldigt, normalerweise bin ich nicht so tollpatschig.“ Sie sah mich nicht mehr an, ging einfach nur raus und bemerkte meine Fassungslosigkeit gar nicht.
War das wirklich nur ein Zufall, dass sie für ihr Tattoo dieses Motiv gewählt hatte, oder steckte mehr dahinter?
„Prinzessin Cayenne, geht es Euch nicht gut?“
Sydneys Stimme holte mich aus meiner Starre. „Nein“, sagte ich langsam und setzte mich wieder. „Ich meine ja, alles bestens.“
„Wirklich?“ Prüfend musterte er mich. „Ihr seid plötzlich sehr blass.“
„Lass nur, mir geht es gut.“ Ablegesehen davon, das Raphael diese Gelegenheit mal wieder ausnutzte, um sich in meine Gedanken zu schleichen.
Sobald ich mich ein bisschen beruhigt hatte, brachte ich Samuel ins Bett und kehrte dann zu Sydney auf den Balkon zurück. Nach meinem erfolgreichen Haarwachstum, war der Unterricht beenden, trotzdem saßen wir noch bis weit in den Morgenstunden draußen und redeten. Nach einer Weile konnte ich sogar Leah vergessen.
Erst als die Sonne schon den Himmel küsste und mir nur noch wenige Stunden bis zum Frühstück blieben, verabschiedete Sydney sich und ich schlüpfte zu Samuel ins Bett. Der Kleine schlief schon seit Stunden tief und fest und ließ sich auch nicht stören, als ich meinen Teil der Decke einforderte.
Beim Frühstück am nächsten Morgen, berichtete ich König Isaac, von meinem Erfolg in der vergangenen Nacht. Er war nur mäßig erfreut, hatte so aber auch kein Grund weiter auf mir rumzuhacken. Da er nicht so begeistert war, wie ich es mir erhofft hatte, brachte ich Sydney mit keinem Wort zur Sprache. Ich wollte seine Aufmerksamkeit nicht unnötig auf meinen Mentor lenken.
Diego stand bereits Pflichtbewusst an der Wand. Mehr als einmal warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu. Nur zu gerne wäre ich einfach zu ihm rüber gegangen und hätte ihn in den Arm genommen. Ich konnte spüren, dass es ihm genauso ging, aber in der Gegenwart des Königs wäre das mehr als dämlich gewesen. So wandte ich mich von ihm ab und stocherte lustlos in meinem Rührei herum, um dann einen weiteren Tag voller Eintönigkeit und sprühender Langeweile hinter mich zu bringe.
Wegen der durchgemachten Nacht, verschwand ich zwischenzeitlich in meinem Zimmer, um meine Augen ein wenig auszuruhen. Als ich sie wieder öffnete, waren nur zwei Stunden vergangen und ich fühlte mich noch immer völlig erschlagen.
Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich bis zum Abendessen noch etwas Zeit hatte, also beschloss ich Sydney einen Besuch abzustatten.
Sobald ich sein Büro betrat, sah ich Nicoletta, die mal wieder an meinem Mentor rumfummelte. Ich unterdrückte die aufsteigende Wut, ignorierte sie komplett und lehnte mich neben Sydney an den Schreibtisch. Das Fell an seiner Wunde war noch immer ein wenig verklebt, aber ansonsten schien die Wunde gut zu heilen.
„Nicoletta, würdest du einen Augenblick ohne mich weiter machen?“ Sydney sprang von seinem Stuhl, das Spiel seiner Muskeln forderte dabei meine ganze Aufmerksamkeit. „Prinzessin Cayenne, ich möchte Euch etwas zeigen.“
Ich warf Nicoletta einen fragenden Blick zu, aber selbst wenn sie gewusst hätte was Sydney vorhatte, hätte sie nicht sprechen können. In meiner Gegenwart bekam sie den Mund einfach nicht auf. „Okay.“ Ich stieß mich vom Schreibtisch ab und folgte meinem leicht humpelnden Mentor auf sein Zimmer. Hier hatte sich nichts verändert, es sah noch immer wie eine Mönchszelle aus.
Sydney trottete zu dem Stuhl und schob das Buch darauf mit der Schnauze in meine Richtung. „Ich war bei Schreiberin Isolde und habe das Buch geholt, um das Ihr mich gebeten habt.“
„Echt?“ Begeistert nahm ich es in die Hand. „Danke.“ Es war groß und schwer. Ein dickes, in braunes Leder gebundenes Buch. Neugierig schlug ich die erste Seite auf. Prinzessin Cayenne Amarok, Enkelin von König Isaac Amarok und Königin Geneva Amarok, Prinzessin des Rudels der Könige, Titel durch Blut, stand in filigraner Handschrift auf der ersten Seite geschrieben. Gespannt blätterte ich weiter.
In einer kalten Januarnacht um 03:27 Uhr brachte Prinzessin Alica, Titel durch Blut und Gemahlin von Prinz Manuel, ein 3740 Gramm schweres Mädchen auf die Welt. Nach der komplikationsreichen Schwangerschaft war es für alle ein Wunder, dass dieses Mädchen völlig gesund zu ihre Familie stieß. Die Ärzte hielten es für eine Gabe von Leukos und Prinzessin Alica war sich sicher, dass unser Urater seine Schützende Hand über sie gehalten hat. So bekam sie den Namen der Einzigen Tochter die Leukos je gehabt hatte …
Säuerlich blickte ich zu Sydney auf. „Keine Ahnung von wem hier die Rede ist, aber ich bin das sicher nicht.“
Sydney, der inzwischen neben dem Stuhl Platz genommen hatte, neigte den Kopf leicht zur Seite und machte damit erneut den Eindruck eines großen Hundes auf mich. „Die Geschichte wird so niedergeschrieben, wie sie dem Volk erzählt wird. Wie Ihr wisst, ist es ein Geheimnis, dass Ihr ein Misto seid, nur die wenigsten wissen von Eurer wahren Herkunft, da macht Eure Schreiberin keinen Unterschied.“
Toll, wenn ich eines schönen Tages also Mal den Löffel abgab, würden alle eine Lüge glauben. „Seit wann weißt du eigentlich, wer ich bin?“
„Erst einen Tag vor Eurer Ankunft erfuhr ich, dass die verstoßene Tochter ein Kind hat und ich ihr Mentor sein durfte.“
Ich musste lächeln. „Wie du das sagst, hört sich das an, als wäre das eine große Ehre.“
„Das ist es.“ Er sprang von seinen Stuhl. „Wenn Ihr mich jetzt entschuldigt, ich muss noch weiter arbeiten, aber wenn Ihr möchte, könnt Ihr gerne noch bleiben.“
„Klar, gerne.“ So war ich wenigstens noch für ein Weilchen vor der lieben Familie versteckt.
Sydney ging zurück in sein Büro und ich machte es mir mit dem Buch in seinem Bett bequem.
… Prinzessin Cayenne war schon in ihren jungen Tagen ein aufgewecktes Mädchen. Mit ihren fast goldenen Haaren und den sturmgrauen Augen, war sie das Bildnis eines Engels, der dazu geboren war, dem Volk Glaube und Hoffnung zu bringen. Doch das Glück währte nicht lange. Nur eine kurze Woche nach ihrer Geburt verschwand Prinzessin Cayenne für Jahre aus der Obhut ihrer Familie. Sklavenhändlern war es gelungen das Baby von königlichem Geblüt in die Hände zu bekommen …
Interessant, dachte ich, nur irgendwie seltsam, dass ich nie etwas davon mitbekommen hatte.
… Über die Jahre ihrer Abwesenheit ist nur wenig bekannt. Berichten zufolge wurde sie an eine Kinderlose Familie verkauft und wuchs dort behütet auf. Vor der Welt, für die sie geboren wurde, verborgen gehalten, erblühte sie zu einer jungen Dame inmitten von Menschen, die sich nicht bewusst waren, welche Ehre sie umgab. Erst die zufällige Begegnung brachte die Wahrheit ans Licht und die Prinzessin zurück in den Schoß ihrer Familie.
Die Wahrheit war ein Schock für sie …
Na das konnte man laut sagen.
… und die Einführung in ihre Bestimmung schwer …
Danach beschrieb die Schreiberin Isolde detailliert, was seit meiner Ankunft so alles geschehen war. Davon mal abgesehen, dass der Text ziemlich trocken formuliert war, schaffte sie es doch erstaunlich gut, Gefühle und Empfindungen von mir Wahrheitsgetreu rüberzubringen. Woher sie das alles wusste, obwohl wir uns noch nie begegnet waren, geschweige denn ein Wort miteinander gewechselt hatten, war mir schleierhaft und auch wenn der Text immer wieder Lücken auswies, besonders im Falle Sydney, blieb sie mit ihren Schilderungen doch ziemlich genau bei der Sache.
Ich lass noch mehrere Seiten, bevor ich langsam müde wurde. Der Tag war lang und anstrengend gewesen und zwei Stunden Schlaf hatten bei Weitem nicht ausgereicht. Mir fielen die Augen zu.
Ich träumte von meinem Leben. Nicht wie es war, sondern wie es geschrieben stand. Prinzessin Alica, meine überglückliche Mutter, Prinz Manuel der stolze Vater und Kai mein Bruder, der mit seiner kleinen Schwester nichts anfangen konnte.
In Meinem Traum waren meine Eltern die Werwölfe, die sich ein Kind gekauft hatten, weil sie keine eigenen bekommen konnten und meine Freunde Menschen, die nicht wussten wer ich wirklich war. Dann kam der Tag an dem meine Identität gelüftet wurde. Es war ein Alptraum. Schweißgebadet schreckte ich auf und sah mich orientierungslos um. Die Nacht hatte sich schon über uns gesengt. Es war dunkel und der kahle Raum verwirrte mich.
„Schhh, ganz ruhig.“
Sydney.
Ich drehte den Kopf und sah ihn. Er lag eingerollt am Fußende des Bettes, seines Bettes. Ich war beim Lesen in seinem Zimmer eingeschlafen.
Er hob seinen Kopf. „Alles in Ordnung mit Euch?“
„Ja klar“, sagte ich. Meine Stimme war vom schlafen noch etwas matt. Ich strich mit eine feuchte Strähne aus der Stirn und versuchte mein Hirn in Betrieb zu nehmen. „Ich hatte nur einen Alptraum.“ Nicht dass das in der letzten Zeit etwas Besonderes gewesen wäre, trotzdem wäre es schön hin und wieder mal etwas Schönes zu träumen.
Sydney kroch über die Decke zu mir und kuschelte sich an mich ran. „Ihr braucht keine Angst zu haben.“
Klar, Träume waren nur Träume. Nur schade, dass meine Alpträume dem wahren Leben entsprangen. Ich schlang meinen Arm um ihn, vergrub mein Gesicht an seinem Fell. „Darf ich bei dir bleiben? Nur heute?“
„Ihr dürft zu mir kommen, wann immer Ihr mich braucht.“ Seine raue Zunge strich über meinen Arm. „Ich werde immer für Euch da sein.“
„Ich nehme dich beim Wort.“ Danach konnte ich nicht mehr schlafen. Vielleicht weil ich die letzten Stunden meinem Körper schon genug Ruhe gegönnt hatte, aber auch weil ich Angst hatte die Augen wieder zu schließen und zurück in eine Geschichte zu tauchen, die andere sich für mich ausgedacht hatten, nur weil ich nicht die war, die sie gerne hätten. Sydney blieb eine ganze Weile mit mir wach. Ich wusste dass er mich mit meinen Gedanken nicht alleine lassen wollte, doch irgendwann hörte ich ihn gleichmäßig atmen.
Im Schlaf hatte er etwas Friedliches an sich, das auch mir Ruhe gab und kurz nachdem die Sonne aufgegangen war, schaffte ich es sogar noch für ein paar Stunden wegzuknicken. Traumlos.
Das erste was ich merkte, als meine Augen aufflatterten, war das weiche Fell unter meiner Hand. Das zweite das leise Schnarchen.
Ich schmunzelte. Nie hätte ich gedacht, dass Wölfe schnarchen würden. Um ihn nicht zu stören, rutschte ich vorsichtig an die Bettkante, doch als ich meine Hand von seinem Körper nahm, wachte er sofort auf. Verschlafen blinzelte er mich an und gähnte dann herzhaft.
„Pfui.“ Ich wedelte mit der Hand vor der Nase. „Nichts für ungut, aber eine Munddusche würde nicht schaden.“
„Dieses Kompliment kann ich nur zurückgeben.“ Er streckte alle Viere von sich und schob mich dabei fast aus dem Bett.
„Hey!“, protestierte ich. „Ich falle ja gleich raus.“
Sydney biss in den Stoff meines Kleides und zog mich wieder zurück. „Besser so?“ Das Lächeln in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Ja viel besser“, sagte ich, weil ich mich nicht geschlagen geben wollte. Dabei bemerkte ich seinen Blick, so eindringlich, als wollte er bin tief in mich hineinblicken. Das hatte er schon bei unserer ersten Begegnung getan. „Und, was machen wir jetzt?“
„Aufstehen. Ich muss an die Arbeit und Ihr müsst Euren Pflichten nachgehen.“
Frühstück mit der Familie, Unterricht, alles keine wirklich erfreulichen Pflichten. „Arbeit ist Doof.“
„Und trotzdem von Nöten.“
Vielleicht. Trotzdem wäre ein wenig Abwechslung gar nicht schlecht, einfach um mal den Kopf abzuschalten und sich ein wenig zu erholen. Da kam mir eine Idee. „Kannst du dich heute von der Arbeit losmachen? Nicoletta wird das bestimmte auch alleine hinbekommen, oder?“
„Ja das kann sie, warum fragt Ihr?“
„Wie wäre es, wenn ich dich nach dem Unterricht abhole und wir einen kleinen Ausflug machen. Du könntest mir die Wälder zeigen.“
„Einen Ausflug?“
Ich drehte mich auf die Seite. „Ja, in den Wald. So eine Art Entschädigung dafür, dass wir nicht an der Jagt teilnehmen konnten. Was sagst du dazu?“
Was er dachte war nicht zu entziffern. Er schwieg eine ganze Weile, bevor er schließlich nickte. „Gut, nach dem Unterricht.“
Toll. Jetzt musste ich nur noch Isaac von meiner Idee überzeugen. Aber da hatte ich bereits eine Idee.
°°°
„Was glaubt der Alte, was mir hier draußen passieren kann?“ Denn Ausflug durchzukriegen war zu meinem eigenen Erstaunen verhältnismäßig einfach gewesen. Anfangs hatte ich geplant, mich an Isaac zu wenden und hatte mir schon einige Argumente zurecht gelegt. Doch als wir dann alle am Mittagstisch saßen, hatte ich überlegt, dass es vielleicht schlauer wäre, mit Geneva darüber zu sprechen.
Ich hatte ihr gesagt, dass ich, nachdem ich den ersten Schritt zur Verwandlung gemeistert hatte, doch sicher eine Belohnung verdiente und so ein Ausflug in den Wald sicher auch gut für die Entwicklung meines Wolfes war.
Ihr war sicher klar gewesen, dass ich einfach mal hier raus wollte, erklärt gleichzeitig aber auch, dass es vermutlich gar nicht schlecht wäre, wenn ich mal die Ländereien des Hofes kennenlernte.
Isaac hatte nicht widersprochen, was aber wohl eher daher kam, das Geneva ihn, seit Mamas Ausschluss aus dem Rudel, sehr kühl behandelte. Dass er ihre Tochter zu einem einsamen Wolf gemacht hatte, konnte sie ihm nicht so leicht verzeihen und ließ es ihn auch jeden Tag spüren.
Vielleicht war er deswegen in der letzten Zeit so gereizt. Allerdings hatte ihn das nicht daran gehindert, mir noch ein Dutzend Wächter mitzugeben, die neben meinen beiden Umbras, dafür sorgen sollten, dass ich sicher und heil ins Schloss zurückkehrte.
„Er ist einfach nur um Eure Sicherheit besorgt.“
„Aber natürlich“, spottete ich. Wir wussten es beide besser. Die Wölfe, deren Fell ich um mich herum immer wieder im Unterholz um mich herum aufblitzen sah, waren nichts zu meiner Sicherheit abgestellt worden. Sie sollten dafür sorgen, dass ich nach meinem Ausflug auch wirklich wieder im Schloss ankam und mich nicht einfach aus dem Staub machte.
Sydney trottete ein paar Meter vor mir dahin, blieb aber immer mal wieder stehen und warf über die Schulter einen Blick zu, um sicher zu gehen, dass ich ihm nicht einfach verloren ging.
„Wenn Ihr eine Pause braucht, dann sagt Bescheid.“
Ich tauchte unter einem Ast hinweg. „Wir sind gerade mal zwei Stunden unterwegs.“
„Ich mein ja nur.“
„Ja klar. Die Prinzessin ist so zart besaitet, dass wir sie nicht überfordern wollen.“
Das ließ ihn glucksen. „Ich würde Euch als vieles bezeichnen, aber sicher nicht als zart besaitet.“
Ich war mir nicht sicher, ob ich das als Kompliment, oder als Beleidigung auffassen sollte, also ignorierte ich es einfach.
Sydney wollte dem Pfad folgen, als ein Rauschen an meine Ohren drang. Neugierig und ohne auf ihn zu achten, wandte ich mich nach links und folgte dem Geräusch. Ich musste einen kleinen Abhang hinauf und über mehrere Bäume herüber klettern und wäre fast weggerutscht, als sich die lose Erde unter meinen Füßen löste.
Das Rauschen wurde immer lauter. Hinter mir hörte ich Sydney nach mir rufen. Links und rechts erklommen die anderen Wölfe das Gefälle.
Der Boden wurde ebener. Zwischen den Bäumen konnte ich eine Steinformation erkennen. Große Geröllbrocken lagen mir im Weg. Ich musste sie umrunden. Steinchen knirschten unter meinen Schuhen. Das Grün um mich herum wurde immer spärlicher. Ein paar vertrocknete Sträucher und ödes Gras in den Ritzen. Sobald ich das Geröll hinter mir gelassen hatte, änderte sich dieser Anblick. Plötzlich stand ich in einer grünen Oase. Das rauschende Geräusch, das ich gehört hatte, kam von einem kleinen Wasserfall, der in eine Senke floss. Grüne Bäume und weiße Lilien wuchsen am Ufer des kristallklaren Wassers. Seitlich auf einem kleinen Vorsprung hatte ein Falke sein Nest gebaut. Unter der Wasseroberfläche konnte ich Fische sehen und am Rand quakte einsam ein Frosch.
Wow, mehr gab es dazu nicht zu sagen. Schade dass ich keine Kamera mitgenommen hatte.
Ich ließ meinen Rucksack von der Schulter gleiten und steckte meine Hand in das Wasser. Es war nicht zu kalt und plötzlich bekam ich Lust schwimmen zugehen.
Aber da waren so viele neugierige Augen um mich herum. „Privatsphäre“, sagte ich und gleich darauf raschelte und knackte es in den Büschen um mich herum. Dann war es wieder still. Hatten sich jetzt alle verkrümelt?
„Prinzessin Cayenne.“
Ich drehte mich zu Sydney um, der gerade um den Felsvorsprung kam. Hatte wohl ein wenig gedauert, bis er gemerkt hatte, dass ich ihm nicht mehr folgte. „Wann lässt du endlich diese blöde Betitlung weg?“ Mit den Füßen zog ich mir die Schuhe samt Socken aus.
Er bedachte mich mit einem Vorwurfsvollen Blick. „Ihr könnt nicht einfach so verschwinden, Euch könnte etwas passieren.“
„Mir könnte jederzeit etwas passieren. Wenn ich danach leben würde, müsste ich ein Leben in Paranoia führen und darauf habe ich keine Lust. Ich nehme lieber alles so wie es kommt.“ Mit der Hand zog ich den Reißverschluss an meinem Kleid auf. „Solltest du auch mal versuchen. So wird das Leben viel interessanter.“ Ich ließ das Kleid an meinen Schultern hinab rutschen. Das Kleid fiel zu einem Haufen um meine Beine. Zum Glück hatte ich heute passende Unterwäsche angezogen. Ein Bikini war es zwar noch lange nicht, aber besser als Nackt. Und da ich auch meine Stulpe trug, war alles Wichtige bedeckt.
Sydney starrte mich mit aufgerissenen Augen an. „Was macht Ihr da?“
„Ich gehe schwimmen.“ Ich trat ans Ufer und tauchte einen Zeh ein. Es war schon etwas kalt und ging selbst hier am Ufer ziemlich steil in die Tiefe. „Kommst du mit?“ Bevor ich noch den Mut verlor, hielt ich die Luft an und sprang einfach hinein. Das Eintauchen war ein Schock für meinen Körper. Ich schwamm zurück an die Oberfläche, wischte mir das Wasser aus dem Gesicht und lächelte Sydney an. „Was ist nun?“
Bewegungslos stand er da. Keine Ahnung was mit ihm los war, aber irgendwie konnte er einfach nur starren. Wenn er im nächsten Moment umgefallen wäre, wüsste ich, dass er aufgehört hatte zu atmen. Um ihn aus seiner Trance zu lösen, spritzte ich einen Schwall kaltes Wasser nach ihm. Das half. Er schnaubte, schüttelte sich und ging einen Schritt zurück.
„Wir haben keine Handtücher dabei.“
War das wirklich sein Problem? „Wir können in der Sonne trocknen.“
„Das Wasser hier ist sehr kalt.“
„Ich bin doch schon drin.“
„Ihr solltet wirklich rauskommen. Was ist wenn Ihr Euch erkältet?“
Zur Antwort traf ihn ein weiterer Schwall. „Nun komm schon rein, du Spielverderber. Es ist wirklich angenehm.“ Mit dem Finger deutete ich ihm zu mir zu kommen. Als hielt ich eine unsichtbare Schnur in der Hand, schritt er langsam auf mich zu. Am Ufer aber machte er halt. Er wollte, das konnte ich sehen, doch irgendwas hielt ihn davon ab.
Um ihm die Entscheidung zu erleichtern, packte ich ihn an den Vorderpfoten und zog. Er rutschte weg, konnte sich nicht mehr halten und klatschte zusammen mit mir ins Wasser. Einen kurzen Moment wurden wir von der Flüssigkeit verschluckt, aber ein paar kräftigte Tritte mit den Beinen und ich kam prustend zurück an die Oberfläche. Dann beobachtete ich grinsend, wie der begossene Pudel neben mir eilig zurück an Land kletterte.
„Was? Bist du etwa Wasserscheu?“
Nein, das war er nicht und das präsentierte er mir im nächsten Moment. Mit einem Satz sprang er über mich hinweg und tauchte hinter mir ins Wasser. Kleine Tropfen trafen mich im Gesicht und bevor ich wieder richtig sehen konnte, spürte ich das nasse Fell an meinen Beinen. Vor Schreck schrie ich auf und einen Moment später befand ich mich auf Sydneys Rücken. „Haltet Euch gut fest.“ Und dann schwamm er direkt auf den Wasserfall zu.
Tosende Sturzbäche prasselten auf mich nieder. Ich schrie, doch meine Stimme ging in dem Lärm unter. Die Massen drückten uns nach unten. Mit aller Kraft hielt ich mich in Sydneys Fell fest, als er untertauchte um hinter den Wasserfall zu gelangen. Mit geschlossenen Augen ließ ich mich mitnehmen. Dann tauchten wir auf der anderen Seite in einer feuchten Höhle auf. Bevor ich die Gelegenheit bekam, mich dort näher umzusehen, machte er kehrt. Das Ganze noch mal bitte.
Auf der anderen Seite, zurück unter der Sonne, prustete ich mir das Wasser aus dem Gesicht und wischte die Haare zurück.
Mit Sydney im Wasser zu toben machte Spaß. Wir jagten uns, spritzten uns gegenseitig voll. Ich vergaß sogar, dass ich hier mit meinem Mentor im Wasser herumtollte. Jegliches Zeitgefühl war mir abhanden gekommen. Als ich irgendwann zurück an Land kletterte, war ich erschöpft, durchgeweicht und hatte drei prächtige, blaue Flecken. Aber ich war glücklich.
Sydney kam hinter mir heraus und schüttelte sein Fell aus. Die vielen kleinen Tropfen trafen mich und ich hielt schützend die Arme vors Gesicht. „Iiih, Sydney!“
Glucksend trat er an mir vorbei. „Ihr seid doch bereits nass.“
„Wir haben heute morgen wohl einen Clown zum Frühstück gehabt.“ Ich griff nach meinem Zopf, aus dem sich zahllose Strähnen gelöst hatten und wrang ihn so gut es eben ging aus.
Sydney suchte sich währenddessen einen sonnigen Platz auf einem flachen Findling und ließ sich zufrieden seufzend darauf nieder. „Es ist schön, Euch mal wieder lächeln zu sehen.“
Wahrscheinlich war das gar nicht seine Absicht, aber sofort musste ich wieder an all das denken, was in der letzten Zeit dafür gesorgt hatte, dass ich nicht lächeln konnte.
Er hob den Kopf und sah mich bedauernd an. „Es tut mir leid, ich wollte Euch nicht daran erinnern.“
„Bist du sicher, dass du keine Gedanken lesen kannst?“ Ich warf meinen Zopf auf den Rücken und kletterte zu Sydney auf den Findling, um mich in der Sonne trocknen zu lassen.
„Nach wie vor besitze ich nur ein feines Gespür und die Gabe des Beobachtens.“
„Nur“, höhnte ich und streckte mich neben ihm auf dem Stein aus. Die Sonne hatte ihn angenehm erwärmt. „Damit siehst du mehr, als die meisten anderen.“
„Das liegt an der Art, wie ich aufgewachsen bin. In der Wildnis zu leben ist anders, als ein sicheres Heim, in dem man seine Tür verschließen kann. Man muss auf viele Dinge achten. Das Wetter, Fressfeinde, der Wind.“
„Der Wind?“
„Wenn wir zuhören, kann der Wund uns viel erzählen. Er trägt Gerüche und Witterungen über weite Strecken und kann uns so sowohl vor Gefahren warnen, als auch auf freudige Ereignisse hinweisen.“
„Was teil der Wind uns denn für freudige Ereignisse mit?“
„Beute, Frühling.“ Schmunzelnd wandte er mir den Kopf zu. „Frauen.“
Ich schnaubte. Mann blieb eben Mann, auch wenn er keiner war. „Du hast früher also so richtig gejagt? Du weißt schon, mit Zähnen und Töten?“
„Selbstverständlich.“
„War das nicht … eklig?“
„Ich bin damit aufgewachsen, es war für mich normal. Nach meiner ersten Verwandlung fand ich es irritierend mich plötzlich auf zwei Beinen bewegen zu müssen und einen Daumen zu haben, mit dem ich Dinge greifen konnte. Die ersten Male habe ich mich krabbelnd fortbewegt, weil ich mit meiner neuen Körpermitte noch nicht zurecht kam. Es dauerte ein wenig, bis ich verstand, wie man auf zwei Beinen läuft.“
Ich versuchte mir vorzustellen, wie Sydney versuchte Laufen zu lernen. Das Bild das sich bei mir einstellte, war ein Wolf, der auf zwei Beinen durch die Gegend torkelte. Sich Sydney als Mann vorzustellen, war mir einfach nicht möglich. „War es schwer für dich? Also zu lernen ein Mensch zu sein?“
„Am Anfang. Aber wenn man erst die grundlegenden Dinge verstanden hat, brauch man für den Rest nur noch ein wenig Ausdauer. So wird es auch bei Euch sein. Ihr seid gerade dabei die Grundlagen zu lernen. Wenn Ihr das erst gemeistert habt, wird der Rest von ganz alleine kommen.“
Und so kam es dazu, dass wir dort, mitten im Wald, während die strahlen der Sonne uns trockneten, ein wenig Unterricht machten. Ich lag neben ihm und versuchte mir die Melodie des Mondes in Erinnerung zu rufen, um eine Wandlung an meinem Körper willentlich vorzunehmen. Ich sollte versuchen aus meinem Fingernagel eine Kralle zu machen, doch selbst wenn ich es schaffte, mich in allen Einzelheiten an das Lied zu erinnern, kam einfach kein Ergebnis dabei raus.
Wir saßen über eine Stunde da. Erst als wir schon fast getrocknet waren, kribbelte meine Fingerspitze Plötzlich und der Nagel daran verdunkelte sich leicht. Ich hielt an dem Gefühl fest, aber leider war das alles was ich zustande brachte.
So schön das alles hier auch war, es kam die Zeit, an der wir zurück mussten. König Isaac hatte unmissverständlich zur Aussprache gebracht, dass er mich zum Abendessen zurück erwartete. So zog ich mich an und machte mich mit meinen ganzen Anhängseln auf den Rückweg.
Als wir ankamen, war ich kurz am überlegen, ob ich auf mein Zimmer gehen sollte, um mich frisch zu machen, entschied mich dann aber dafür, direkt in den Speisesaal zu gehen, da es schon sehr spät war und ich keine Lust hatte mich zu hetzen.
Auf dem Weg dahin kam ich am Speisesaal der Bediensteten vorbei und warf einen prüfenden Blick in der Hoffnung hinein, Diego oder Lucy zu sehen. Seit nun schon zwei Tagen hatte ich kein Wort mehr mit ihnen gewechselt und langsam bekam ich Entzugserscheinungen. Ich vermisste sie und sehnte mich nach meinen Freunden, doch das Glück war mir nicht holt. Der Raum war zwar voll, die Bänke und Tische überfüllt, aber ich sah weder eine Amazone mit flammendem Haar, noch einen einsamen Teddybären. Sie waren nicht hier.
Sydney stupste mir mitfühlend gegen die Hand und fiepte leise. „Tut Euch das nicht an.“
Ich schaute zu ihm herunter. Wie kam es nur, dass er immer genau wusste, was in meinem Kopf vor sich ging?
Als zwei Wächter aus dem Speisesaal kamen, trat ich einen Schritt zur Seite, um ihnen nicht im Weg zu stehen. Dabei schnappte ich einen Teil ihres Gesprächs auf, der mich hellhörig werden ließ.
„…Hinweise erhalten“, sagte der kleinere mit den schwarzen Haaren. „Die Fänger haben dort wohl noch mehr von den Mädchen aus Arkan an die Skhän verkauft.“
Sein Kollege schüttelte bedauernd den Kopf. „Das ist jetzt ein Jahr her. Es wäre ein Wunder, wenn wir die Mädchen noch finden würden.“
Arkan? Mädchen? Ein Jahr? Die sprachen doch nicht etwa von dem Raubzug der Fänger, dem auch Raphaels Schwester zum Opfer gefallen war.
Eine kurzen Moment zögerte ich, dann eilte ich ihren auch schon hinterher. „Hey sie, Wächter, warten Sie mal.“
Geschlossen drehten die beiden sich zu mir herum und wirkten einen Moment erstaunt. Sie hatten scheinbar nicht bemerkt, an wem sie da vorbeigekommen waren.
„Prinzessin Cayenne.“ Wie es das Protokoll verlangte, machten sie eine leichte Verbeugung. „Stimmt etwas nicht?“
Das überging ich einfach. „Was sind das für Hinweise?“
Beide wirkten verwirrt.
„Die Skhän“, machte ich etwas deutlicher. „Sie haben gerade über die Skhän und Arkan gesprochen. Was wissen Sie darüber?“
Die beiden tauschten einen seltsam nervösen Blick aus. Dann sprach der Größere. „Es ist alles in bester Ordnung. Ihr solltet Euch darüber nicht Euren Kopf zerbrechen.“
„Worüber ich mir meinen Kopf zerbreche, oder nicht, ist immer noch meine Sache. Also, raus mit der Sprache.“
Ein weiterer Blick. Der Kleine seufzte. „Es wurden ein paar Mädchen gefunden, die bei dem damaligen Überfall entführt wurden. Sie konnten zu ihren Familien zurückgebracht werden.“
Er schwieg.
Ich sah von einem zum anderen. „Ist das alles?“
Wie die beiden mir meinem Blick auswichen wahrscheinlich nicht, aber es scheute sie noch mehr zu sagen.
„Ich will es wissen“, sagte ich nachdrücklich und ließ mit voller Absicht ein wenig mein Odeur spielen. Manchmal war es doch ganz hilfreich.
Der Kurze gab schließlich ein zweites Mal nach. „Wir haben Hinweise von den gefundenen Mädchen erhalten, die darauf schließen lassen, dass ein Paar der Bewohner von Arkan nach Amsterdam verkauft wurden. Aber Ihr braucht Euch nicht zu sorgen, die zuständigen Wächter wurden bereits damit betraut und kümmern sich darum.“
Das hieß, dass Vivien auch dort sein könnte.
Mit einem Mal rasten mir all die Worte durch den Kopf die Raphael bei unserem letzten Treffen zu mir gesagt hatte. Ich wurde ganz aufgeregt. „Dann müssen wir nach Amsterdam fahren … ich muss …“ Ja was musste ich denn? Was konnte ich schon ausrichten? Ich konnte Raphael anrufen, obwohl mir nicht besonders der Sinn danach stand, aber es war ein Hinweis, ein Wichtiger. „Ich werde mit dem König reden.“
Die Worte waren an mich selber gerichtet und als ich die skeptischen Mienen der Wächter sah, wusste ich, dass es besser gewesen wäre, wenn ich sie für mich behalten hätte. Ich setze eine undurchdringliche Maske der Selbstsicherheit auf. „Ich werde nach Amsterdam fahren und …“
Bevor ich meinen die Chance hatte meinen Satz zu beenden, wurde ich von hinten am Arm gepackt und herumgewirbelt. Ärger stieg in mir auf, aber ich kam nicht mehr dazu ihm Luft zu machen. Wer mich da festhielt war Lucy. Trotz des wütenden Funken in ihren Augen, machte mein Herz vor Freude einen Hüpfer. Ich wollte sie in den Arm nehmen, doch der Ausdruck in ihrem Gesicht hinderte mich daran.
„Bist du völlig bescheuert?“, blaffte sie mich an. „Es ist ja nicht so als hättest du schon genug Probleme, jetzt willst du auch noch jagt auf Skhän machen? In deinem Hirn sind wohl ein paar Sicherungen durchgebrannt!“
Die anfängliche Freude über die zufällige Begegnung löste sich einfach in Luft auf. Ich tat das was ich immer tat, wenn ich mich angegriffen fühlte: Ich schaltete auf stur und befreite mich mit einem Ruck aus ihrem Griff. „Irgendjemand muss es ja tun.“
„Und du glaubst dass du die Richtige dafür bist?“ Sie schnaubte abfällig. „Du besitzt weder die Ausdauer noch den Ehrgeiz für so eine Mission. Ja du schaffst es ja nicht mal für deine Prüfungen zu lernen, ohne dass dir jemand einen Tritt in den Hintern verpasst und da glaubst du wirklich, dass du eine perfekt durchorganisierte Untergrundgesellschaft knacken kannst und als Held aus der Sache herauskommst? Hast du zu heiß gebadet?“ Mit dem Finger tippte sie mir gegen die Brust. „Sieh erst mal zu, das du so mit deinem Leben klar kommst und überlege in Zukunft besser zwei Mal, bevor du wieder auf die Idee kommst, dem König eine Lehre zu erteilen!“
Ihre Worte waren hart, aber ich bemerkte sehr schnell, um was es ihr wirklich ging. Nicht darum was ich tun wollte, sondern darum, was geschehen war. Meine Augen wurden eiskalt. „Du glaubst also wirklich, dass ich die Rohre manipuliert habe, dass ich so dumm war zu riskieren euch zu verlieren?“
Ihr sicheres Auftreten geriet leicht ins schwanken. Wie das aber so ihre Art war, machte sie keinen Rückzieher, sondern preschte noch weiter nach Vorne. „Sieh zu dass du hier verschwindest. Das ist der Speisesaal für die Bediensteten, du hast hier nichts zu suchen.“
Das tat echt weh. Ihre Wut traf mich mitten ins Herz. „Und ich dachte du bist meine Freundin.“ Ich drehte mich um und ging. Plötzlich war mit die Sklavensache völlig egal. Die Szene eben hatte es bewiesen, die Leute in diesem Schloss konnten mir wirklich alles nehmen. Sie hatten es geschafft, eine meiner längsten Freundschaften zu zerstören.
Sydney eilte wieder an meine Seite. „Prinzessin Cayenne, Ihr dürft Euch das nicht so zu Herzen …“
„Lass gut sein“, unterbrach ich ihn schwach. Ich hatte für dieses Thema einfach keine Kraft mehr, meine Reserven waren ausgelaugt. „Bitte, lass mich einfach in Ruhe.“
Er blieb zurück, während ich weiter in den Speisesaal ging, in dem meine Familie schon voll versammelt auf mich wartete. Ich hatte mich verspätet – mal wieder.
König Isaac beobachte mich missbilligend, als ich mich auf meinen Platz setzte. „Ich hoffe, dein Ausflug hat dir Freude bereitet.“
„Klar“, sagte ich. „Er war bestens.“ Nur was danach kam, war scheiße gewesen.
Kai sah zu mir auf. Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war, wagte es aber nicht mich vor seinem Großvater darauf anzusprechen.
„Vielleicht schaffst du es ja dann morgen einmal pünktlich zum Essen zu kommen, obwohl es ja schon ein Fortschritt ist, das du überhaupt aufgetaucht bist.“ Er musterte mich von oben bis unten. „Und wäre es zu viel verlangt, dass du sauber zu Tisch kommst?“
„Nein, wäre es nicht“, gab ich tonlos zurück.
Das ich ihm nicht widersprach, schien ihn mehr zu verstimmen, als wenn ich ein Messer nach ihm geworfen hätte. Er konnte es einfach nicht lassen weiter auf mir herumzuhacken. „Nun denn, ich bin froh, dass du das einsiehst. Vielleicht besteht für dich ja doch noch Hoffnung. Die Trennung von deinen Umbra scheint mir jedenfalls eine gute Entscheidung gewesen zu sein. Ich hätte dies schon viel früher machen sollen.“
Dazu sagte ich nichts. Ich biss mir auf die Zunge, um die Erwiderung in meinem Mund zu behalten und sie ihm nicht um die Ohren zu hauen.
„Übrigens habe ich mit Frau van Schwärn gesprochen. Sie ist nicht erfreut über deine Haltung bei ihrem Unterricht. Sie sagt das du …“
„Ich denke wir sollten uns bei Tisch anderen Themen widmen“, unterbrach Kaidan seinen Großvater.
König Isaac hatte nur einen kurzen Blick für ihn übrig. „Nein, das ist genau der Richtige Zeitpunkt.“ Er schnitt sich sein Brot in zwei Hälften und nahm eines davon in die Hand. „Um genau zu sein, hätte ich das schon längst tun sollen. Es scheint mir nicht zu viel verlangt, dass du dir ein wenig Mühe gibst. Frau van Schwärn ist eine ausgezeichnete Traditionalistin, von ihr kannst du viel lernen.“
„Ja“, erwiderte ich schnippisch, weil ich es einfach nicht länger aushielt, das einfach über mich ergehen zu lassen. „Arroganz, Selbstüberschätzung und Manipulation. Obwohl, wenn man es genau nimmt, dann sollte ich mich mit dem letzten Punkt wohl besser an sie halten. Dass sie ein Meister der Manipulation sind, haben sie ja hinreichend bewiesen.“
Alle am Tisch hatten aufgehört zu essen und warteten auf Isaacs Reaktion, doch der saß nur da und schaute mich an.
„Was ist das für ein Gefühl seine eigene Familie zu zerstören?“, fragte ich in die Stille hinein. Ich konnte mich einfach nicht bremsen. Viel zu lange schon hatte ich geschwiegen und in diesem Moment hielt ich es einfach nicht länger aus. „Raubt ihnen das Wissen ein tyrannischer Mistkerl zu sein Nachts den Schlaf? Oder ist es ihnen egal, wie die Leute in ihrem Umfeld sich fühlen, solange alle vor ihnen im Staub kriechen und ihre Füße küssen?“
Während Kaiden versuchte mich mit Kopfschütteln daran zu hindern weiter zu sprechen, schaute der Rest der Familie wachsam zu Isaac. Nur Samuel schien von der plötzlich angespannten Stimmung ein wenig verwirrt zu sein.
Ich erwiderte den Blick des Königs standhaft. Er konnte mir nichts mehr tun, er hatte mir schließlich schon alles genommen. „Wer glauben sie, wer würde um sie weinen, wenn sie heute Nacht sterben?“, setzte ich noch einen drauf.
Langsam und bedächtig legte Isaac sein Brot zurück auf den Teller. Er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, doch meine Worte hatten ihn wütend gemacht. Wahrscheinlich hatte es noch nie jemand gewagt so mit ihm zu sprechen. „Ich hatte gehofft, dass du deine rebellische Phase überstanden hättest, aber da es nicht so ist, bleibt mir nun keine andere Wahl mehr. Es ist an der Zeit, dich zu erziehen.“
Ich schnaubte. „Wie wollen sie das machen? Sie haben mir bereits alles genommen, es gibt nichts mehr, womit sie mich unter Druck setzen können. Meine Mutter ist weg, meine Freunde sind weg und meinen Kater bekommen sie in hundert Jahren nicht.“ Und von Sydney wusste er zum Glück nichts.
„Ich habe nicht vor dir etwas zu nehmen, ganz im Gegenteil, ich werde dir etwas geben.“
„Etwas geben?“ Okay, das kam unerwartet und ließ mich misstrauisch werden.
„Ja, etwas geben.“ Er verschränkte seine Hände miteinander, als müsste er sich selber daran hindern mir den Hals umzudrehen. „Du wirst einen Ehemann bekommen.“
Das schlug ein wie eine Bombe. Einen Moment war ich zu nichts anderem fähig, als ihn anzustarren. „Was?“
„Du hast mich schon verstanden. Ich werde deinen zukünftigen Ehemann in den Hof einzuladen. Normalerweise ist es üblich, dass du ihn erst kurz vor deinem einundzwanzigsten Lebensjahr kennen lernst, aber da sich dein Verhalten in den letzten Wochen nicht gebessert hat, bin ich zu dem Entschluss gelangt, die Eheschließung vorzuverlegen. Ich hoffe, dass diese Verbindung deinem Verhalten Einhalt gebieten wird.“
Das verschlug mir die Sprache. Was er da sagte, das ergab keinen Sinn. Mein zukünftiger Ehemann? Ich hatte noch nicht mal einen Freund. „Wovon zum Teufel sprechen Sie da?“, brachte ich schließlich heraus.
König Isaac blieb ganz entspannt. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass in seinen Augen etwas wie Triumph lag. „Es ist seit je her Tradition, dass die Kinder der Alphas nach ihrer Geburt einem geeignetem Partner versprochen werden und diesen zu besagter Zeit ehelichen.“
Ich fuhr auf. Mein Stuhl kippte um und schalte in dem stillen Raum besonders laut. Doch das bekam ich kaum mit. In meinem Kopf herrschte nur ein Gedanke. Etwas das so abwegig war, dass ich es kaum zu fassen bekam. „Ich bin versprochen?“, fragte ich ungläubig. „Ihr habt mir einen beschissenen Ehemann ausgesucht?“
Für einen Moment schwiegen alle. Dann fragte Samuel: „Großmutter, was heißt Versprochen?“
„Ich war deinem Großvater versprochen und dein Vater deiner Mutter. Es bedeutet das zwei Werwölfe, die füreinander bestimmt sind, heiraten werden.“
Er verzog äußerst angewidert das Gesicht. Ich konnte es ihm nachfühlen. „Wurde ich etwa auch versprochen?“
„Ja, mein Sohn. Genau wie Sadrija es ist und auch Kai es war.“
Kai. Meine Gedanken drehten sich plötzlich zu Prinzessin Blairs Geburtstag zurück, zu dem Moment an dem ich das Gefühl hatte, dass er mir etwas verschwieg. „Aber mit einundzwanzig ist es Pflicht zu heiraten“, beendete ich den Satz, den er vor Tagen offen gelassen hatte. Mit einem Schlag war der ganze Zorn wieder zurück.
„Du hast gelogen“, sagte ich zu Kaidan und begann am ganzen Körper vor Wut zu zittern. „Ich habe dich gefregt und du hast mir direkt ins Gesicht gelogen.“
Er machte eine hilflose Geste. „Cayenne …“
„Spar dir deine Worte du elender Scheißkerl!“ Wieder hatte ich vertraut und wieder war ich verraten worden. Und auf einmal wurde mir bewusst, was das bedeutete. Sie wollten mich nicht mehr gehen lassen. Sie hatten wahrscheinlich von Anfang an geplant, mich für immer hier zu behalten und ich war nur zu naiv und dumm gewesen, um es zu verstehen. „Und nur damit das hier auch jedem klar ist: ich werde mich ganz sicher in keine Zwangsehe drängen lassen. Das könnt ihr vergessen!“
„Du wirst heiraten“, sagte Isaac völlig unbeeindruckt von meiner Wut. „Dafür werde ich sorgen.“
Ich hasste ihn, ich hasste sie alle. „Eher friert die Hölle zu“, verkündete ich und trat einen Schritt zurück. Ich wollte nur noch hier weg, doch als ich herumwirbelte, sah ich mich Diego gegenüber und erkannte mit Schrecken, dass auch er es gewusst hatte. Die Schuld stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ungläubig bewegte mein Kopf sich hin und her, formte ein Nein, als wenn ich damit meine Erkenntnis vergessen machen könnte. Aber sie blieb. „Du auch?“
Er wich meinem Blick aus.
Das war zu viel. Mit einem Mal war die ganze Wut weg und ließ nichts als eine tiefe Dunkelheit zurück. „Wie konntest du nur? Du bist mein Freund, du dreckiges Arschloch!“, schrie ich ihn an. „Mein verdammter Freund! Wie viele Geheimnisse hast du noch vor mir?!“ Ich wartete nicht auf eine Antwort.
Mit brennenden Augen rannte ich aus dem Saal. Hinter mit hörte ich noch Samuel nach mir rufen, aber ich blieb nicht stehen. Nie hätte ich gedacht, dass mein Leben noch schlimmer werden konnte. Doch da hatte ich mich getäuscht. Mit allem hatte ich mich getäuscht. Es gab niemanden dem ich vertrauen konnte. Wieder Mal hatte sich alles als Lüge entpuppt und wieder waren meine besten Freunde dabei Geheimnisträger gewesen.
Halb blind rannte ich durch das Schloss, bis ich eine Tür nach draußen in den Garten fand. Ich riss sie mit solcher Wucht auf, dass sie gegen die Wand knallte. Er war mir egal. Ich musste raus hier, weg von diesen Leuten, doch sie würden mich nicht gehen lassen.
Ich rannte über die angelegten Steinpfade, vorbei an Beeten und Ziersträuchern, hinein ins Labyrinth. Niemand folgte mir, nicht einmal meine Umbra.
Kreuz und Quer rannte ich zwischen den hohen Hecken hin und her, ohne zu wissen, wohin ich wollte, denn es gab keinen Ort, an dem ich mich verbergen konnte. Und die ganze Zeit konnte ich nur denken: Das können sie nicht machen! Ich war ein freier Mensch, sie konnten mich nicht zwingen einen wildfremden Mann zu heiraten.
Aber was wenn sie es doch konnten? Was wenn sie es einfach taten? Ich war hier praktisch eine Gefangene. Selbst wenn ich mich dagegen wehrte, Isaac hatte tausende von Lykanern unter seinem Befehl, wie sollte ich mich gegen sie alle zur Wehr setzten?
Als ich um die nächste Hecke hetzte, wäre ich fast in einen Baum gelaufen. Ich schaffte es gerade noch mich mit den Händen abzufangen, um nicht frontal dagegen zu knallen. Meine Finger krallten sich in die Rinde ich drückte die Stirn gegen die unebene Fläche und versuchte einen Ausweg aus dieser Situation zu finden.
Ich könnte das Geheimnis lüften, dann wäre das alles vorbei und die Wölfe würden mich nicht mehr zwingen wollen zu heiraten. Allerdings war die Alternative genauso düster. Das Rudel würde die Jagd auf die Alphas eröffnen. Sie würden uns alle töten wollen – auch mich.
„Prinzessin Cayenne?“
Bei Sydneys Stimme, drückte ich die Augen fest zusammen. Die Kraft mich darüber zu wundern, woher er plötzlich kam, sparte ich mir einfach. „Du hast es auch gewusst, oder?“, fragte ich sehr leise und hatte plötzlich das Gefühl, dass die ganze Welt sich gegen mich verschworen hatte.
„Es tut mir leid, aber ich weiß nicht wovon Ihr sprecht.“
„Von meinem Zukünftigen!“, schrie ich und fuhr zu ihm herum. Er stand nur wenige Meter von mir entfernt und wich einen unsicheren Schritt zurück, als ich ihn anschrie. „Ich spreche von der verdammten Tatsache, dass ich versprochen bin und einen wildfremden Kerl heiraten soll!“
Er legte die Ohren an und schien kaum in der Lage mir in die Augen zu schauen. „Es war verboten Euch davon zu erzählen. Man war der Meinung, dass es Dinge gibt, die Vorrang hätten.“
„Vorrang?“ Ich konnte nicht glauben was er da sagte. Das war doch ein Alptraum. Ich musste nur aufwachen, dann wäre alles vorbei, dann wäre ich zuhause in meinem Bett, mit Elvis an meiner Seite und würde mich über meine Phantasie wundern, aber es wäre nicht real.
Doch ich wachte nicht auf, ich blieb genau da wo ich war und konnte nichts dagegen unternehmen, dass mir meine Leben zunehmend entglitt. „Ich hab dir vertraut“, hauchte ich. „Du bist mein Freund, du hättest es mir sagen müssen.“ So wie Diego und Lucy?, fragte eine kleine, gehässige Stimme in meinem Kopf.
Sydneys Unsicherheit wuchs. „Ich bin Euer Mentor, nicht Euer Freund.“
Das gab mir den Rest.
Mit einem Mal loderte die Wut in mir so hoch, dass ich einfach einen Schrei ausstieß, mir dann einen Ast vom Boden schnappte und ihn mit brachialer Gewalt gegen den Baum schlug. Die Rinde bröckelte. Ein weiterer Schlag, der Ast knackte. Ich fühlte mich verraten und verkauft. Ich musste etwas tun, konnte aber nicht.
Ich konnte nichts tun!
Den dritten Schlag überlebte der Ast nicht. Er brach, rutschte weg und ich knallte mit der Faust gegen den Baum, doch ich fühlte keinen Schmerz. Da war nur dieses Rauschen in meinen Ohren und der Zorn, der in meinen Adern brodelte.
Ich schlug mit der Faust dagegen – immer und immer wieder. Meine Knöchel platzten auf, ich sah das Blut, doch ich fühlte es nicht. Der Sturm meiner Gefühle war zu mächtig, als dass ich etwas anderes hätte spüren können.
Jeder den ich kannte, hatte mich betrogen, jeder dem ich vertraut hatte, hatte mich verletzt. Das waren Wunden, die viel tiefer gingen, als oberflächliche Verletzungen es jemals konnten. Es war, als würde jemand an meiner Seele zerren und sie immer weiter verstümmeln.
Dreck und Splitter bohrten sich in die offenen Wunden. Ich schlug noch mal zu und plötzlich wickelten sich von hinten zwei starke Arme um mich und zogen mich zurück.
„Nein!“ Ich begann mich heftig zu wehren, aber meine Arme wurden an meinen Körper gedrückt, weswegen ich versuchte nach Hinten auszutreten. Wir gerieten ins Taumeln. „Lass mich!“
Ich wurde nach unten gezogen, bis ich auf meinem Hintern saß. Die Arme hielten mich noch immer im Klammergriff. Ich versuchte mich noch heftiger zu wehren, während mir jemand leise Worte ins Ohr flüsterte, um mich zu beruhigen.
Am Anfang hörte ich nicht hin. Ich bockte und trat um mich. Meine Hacken gruben sich ins Gras, doch ich entkam nicht. Erst als ich das verstand, begann ich zu realisieren, was hier gerade geschah. Jemand hielt mich fest umklammert. Ich saß halb auf einem Schoß und wurde an eine feste Brust gedrückt. Warmer Atem streifte mein Ohr und eine vertraute Stimme murmelte mir leise zu.
„Schhh, bitte, beruhigt Euch.“
Diese Stimme … das war Sydney. Aber sie war nicht in meinem Kopf, sie drang an mein Ohr.
Schwer atmend schaute ich auf die Arme. Die Haut war ein wenig dunkler als meine und sie war übersät mit alten Narben.
Plötzlich trommelte mein Herz aus ganz anderen Gründen gegen meine Brust. Sydney hatte Arme, was bedeutete, er hatte sich verwandelt. Ich riss den Kopf herum, beugte ihn so weit es mir möglich war und sah zum ersten Mal das Gesicht meines Mentors. Viel erkannte ich leider nicht, da er sich sofort abwandte, als schämte er sich für sein Äußeres.
„Nicht“, sagte ich und versuchte meinen Arm frei zu bekommen. Sein Griff wurde nur noch fester.
Mir war klar, dass er befürchtete, sein Anblick würde mich abschrecken, aber ich wollte ihn sehen. Ich wollte endlich das Gesicht zu der Stimme kennenlernen, die mir so oft beigestanden hatte. „Lass mich los.“
„Prinzessin …“
„Bitte.“ Ich spürte wie er sich anspannte und davor zurück schreckte, aber dann, ganz langsam merkte ich, wie seine Arme sich lockerten und nach ein paar Moment ganz von mir abglitten. Anschauen tat er mich jedoch noch immer nicht.
Was nur mochte ihm so Schlimmes passiert sein, dass er es nicht mal wagte mir in die Augen zu sehen?
Vorsichtig rutschte ich von seinem Schoß, dabei bliebt der Rock meines Kleides halb auf ihm liegen. War vielleicht gar nicht schlecht, er war immerhin nackt.
Als ich meine Hand hob und damit sein Gesicht drehte, zog er die Schultern leicht hoch, doch er hielt mich nicht auf. Und dann sah ich endlich den Mann, der sich in dem Wolf versteckt hatte.
Sein Gesicht wirkte weich und viel jünger als ich es mir vorgestellt hatte. Er sah nicht aus wie Mitte dreißig, eher wie Anfang zwanzig. Sein sandfarbenes Haar reichte ihm bis ans Kinn und hätte vielleicht mal eine Schere vertragen. Quer über sein linkes Auge, über Nase und Mund, bis ans Kinn zogen sich drei feine Narben.
„Sieh mich an“, bat ich ihn, denn ich wollte seine Augen sehen.
Nur sehr langsam hob er den Blick und dann sah ich den Wolf. Sydney hatte keine menschlichen Augen, nicht mal in diesem Körper, er war mehr Wolf als jeder andere von uns.
Bedächtig strich ich ihm mit meinen Fingern den Hals hinab, über seine Brust, zu seinem Bauch. Ich fuhr die langen Narben nach. Er hatte so viele davon und zum ersten Mal wurde mir so richtig bewusst, woher sie kamen. Das waren Kratz- und Bissspuren. Manche waren nur oberflächlich und so klein, dass ich sie kaum erkannte. Andere von ihnen mussten einmal sehr tief gegangen sein.
Ich schaute wieder nach oben. Er versuchte es zu verbergen, aber in seinen Augen erkannte ich seine Unsicherheit. „Du brauchst dich vor mir nicht zu verstecken“, sagte ich leise und hob die Hand wieder an sein Gesicht. Auf seiner Wange spürte ich kleine Bartstoppeln. „Ich habe mich auch vor dir nicht versteckt.“
Sein Blick prüfte mich und egal was er sah, es ließ ihn erleichtert aufatmen.
Es war meine Berührung, sie nahm ihm die Angst. Ich ließ damit seine Sorge verschwinden, dass ich mich vor seinem Anblick fürchten konnte. Wie sollte ich das auch? In meinen Augen waren seine Narben kein Makel, sondern etwas das zu ihm gehörte.
Er schloss die Augen und schmiegte seine Wange in meine Hand. Er hatte gelogen, wurde mir klar, er war nicht nur mein Mentor, er war viel mehr. Mehr noch als ein Freund …
Von einer Sehnsucht gepackt, beugte ich mich vor und hauchte ihm einen zarten Kuss auf die Lippen. Die Berührung dauerte kaum eine Sekunde, bevor er überrascht zurückschreckte und mich völlig entgeistert anstarrte.
Meine Lippen kribbelten angenehm. Unsere kurze Berührung hatte ein prickelndes Gefühl durch meinen Körper gejagt und ich wusste, dass auch er es gespürt hatte.
Auf einmal war er nicht mehr so ruhig. Seine Atmung wurde schneller und in seinen Augen stand Unsicherheit und auch ein Hauch von Wut über das war ich getan hatte.
Ich hielt seinem Blick stand. „Deine Narben machen dich zu keinem Monster, sondern zu etwas Besonderem und ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich an diesem Besonderem teilhaben will.“
Die feinen Züge in seinem Gesicht verhärteten sich und seine Lippen wurden zu einer dünnen Linie. Einen Moment schaute er mich einfach nur an. Plötzlich schossen seine Arme nach vorne und packten mich mit einem schmerzhaften Griff an den Schultern.
Ich bereitete mich darauf vor, weggestoßen zu werden, doch er hielt mich einfach nur fest und grub seine Finger in meine Schulter. Es tat weh, aber ich ließ es mir nicht anmerken. Etwas in seinen Augen bewegte mich dazu einfach stillzuhalten und abzuwarten. Er focht einen Kampf aus, einen Kampf mit sich selber. Pflicht und Vernunft rangen mit Sehnsucht und Verlangen. Was gewann, erfuhr ich, als er mich an sich riss und seine Lippen so wild auf meine drückte, dass ich das Gefühl bekam, er wollte mich mich mit Haut und Haaren verschlingen.
Etwas in mir rastete ein und dann küsste ich ihn genauso gierig zurück. Als ich mich so nahe an ihn drängte, dass nicht mal mehr ein Blatt zwischen uns gepasst hätte, stieg eine wohlige Hitze in mir auf. Als Sydney dann auch noch die Arme um mich schlang und mich auf seinen Schoß zog, begann ich alles um mich herum zu vergessen.
Oh Gott, er roch so gut. Und seine Lippen, dieser Geschmack … plötzlich konnte ich nicht genug davon bekommen. Nicht nur von ihm, auch von diesen erregenden Gefühl. Es fühlte sich so intim an und das hatte nichts damit zu tun, dass er nackt war.
Als er den Kuss vertiefte, schlang ich die Arme um seinen Nacken und presste mich mit dem ganzen Körper gegen ihn. Ich spürte seinen Herzschlag, spürte ihn mit jeder Faser. Seine Nähe jagte mir einen heißen Schauder über meinen Rücken. Jede Berührung ließ meine Haut vor Erwartung kribbeln.
Seine Hand grub sich in meine Taille, die andere strich an meiner Seite hinauf und berührte mich wie zufällig an der Brust. Langsam glitt er mit den Lippen nach unten. Er zog eine Spur aus küssen meinen Hals hinunter. „Ich sollte aufhören“, hauchte er an meiner Haut.
Ich schloss die Augen, um diesen Moment noch besser zu genießen. „Wage es ja nicht.“ Gott, war meine Stimme atemlos.
„Du bist meine Prinzessin“, flüsterte er und strich mit den Lippen über meinen Hals.
Ich schnappte mir sein Gesicht und sorgte dafür, dass er diesen Gedanken ganz schnell wieder vergaß. Es sollte nicht enden, besonders nicht aus so einem lächerlichen Grund.
Als er meine Brust erneut berührte, seufzte ich an seinen Mund und mir wurde deutlich bewusst, dass wir mal einen Gang zurückschalten sollten. Nicht nur dass wir uns mehr oder weniger in der Öffentlichkeit befanden, Sydney war keiner von den kleinen Jungs, denen ich bisher näher gekommen war. Er war ein Mann mit Erfahrungen, was er mich auch sehr deutlich spüren ließ. Aber es fühlte sich so gut an. Selbst jetzt, als er etwas ruhiger wurde, konnte ich von seinen Berührungen kaum genug bekommen. Umso enttäuschter war ich, als er den Kuss schwer atmend beendete und seine Stirn gegen meine lehnte
„Das hätten wir nicht tun dürfen“, murmelte er so leise, dass er wohl mit sich selber sprach.
Da war ich ganz anderer Meinung. „Hätten wir es nicht getan, wüsste ich nicht wie gut du küssen kannst.“
Das zauberte ihm ein Lächeln auf die Lippen. „Du weißt was ich meine.“
„Haben wir den Prinzessinnenquatsch jetzt endlich hinter uns gelassen?“ Langsam streichelte ich ihm den Nacken und bemerkte mit Befriedigung, dass er davon eine Gänsehaut bekam.
„Dich jetzt noch mit der förmlichen Anrede anzusprechen, scheint mir unpassend.“
Gut, geschwollen quatschen konnte er also immer noch. „Ja, Luder klingt doch viel besser.“ Eine Erwiderung ließ ich nicht zu. Ich presste meine Lippen wieder auf seine und verschloss damit seinen Mund.
Sydney ließ es nicht nur zu, er erwiderte die Berührung mit einer Hingabe, die mich für eine kleine Ewigkeit in eine andere Dimension katapultierte. Ich war einfach nur bei ihm und gab mich den Gefühlen hin.
„Cayenne“, flüsterte er, als sein mein Name ein Gebet. „Halt mich auf.“
Als seine Hand auf einem einen Weg unter meinen Rock fand und langsam aber sicher mein Bein hinauf strich, tat ich worum er mich gebeten hatte. Das ging mir dann doch ein wenig zu weit.
Er wehrte sich nicht. Es war nur eine leichte Berührung, aber er hielt sofort still. Leider unterbrach er auch wieder den Kuss und wandte schwer atmend das Gesicht ab, als versuchte er wieder zu Besinnung zu kommen.
Ich strich ihm zärtlich über die Brust, hinunter zu seinem Bauch und wieder zurück.
Seine Muskeln zuckten unter meinen Fingern.
Erst als er ein paar mal tief Luft geholt hatte, schaute er mich wieder an. Schweigend strich er mir eine lose Strähne hinters Ohr und auf einmal befanden wir uns wieder in der Realität. Ich sah es an seinem Blick und spürte es an der Art, wie er mich berührte. Ich war eine Prinzessin und er ein Omega.
„Was machen wir jetzt?“
Mit seiner Antwort ließ er sich Zeit. „Du bist einem Adligen versprochen, davor gibt es kein Entrinnen.“
Das wollte ich nicht hören. Nicht nur, weil ich auf keinen Fall einen Fremden heiraten würde, nur weil man das von mir erwartete. Ich wollte das hier nicht aufgeben. Was da gerade zwischen uns geschehen war, hatte sich so richtig angefühlt, dass ich es wegen so einem Schwachsinn nicht beenden wollte. „Gibt es denn keine Chance da rauszukommen?“
Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Das Wort des Königs ist Gesetz und ich werde mich ihm beugen.“
Aber ich nicht. Ich hatte dieses ganze Spiel mitgespielt, mich herumschubsen und erpressen lassen, aber das hier ging einfach zu weit. „Ich kann das nicht“, sagte ich sehr leise und erhob mich von seinem Schoß.
„Es ist die Pflicht einer jeden Prinzessin.“
„Aber ich bin nicht wie Sadrija.“ Ein Gedanke nahm in meinem Kopf Gestalt an. Ich behielt ihn für mich. „Ich bin für das hier nicht gemacht.“
Auch Sydney erhob sich und trat zu mir. Für einen Moment konnte ich ihn in seiner ganzen Pracht bewundern. Er war etwas größer als ich, muskulös und äußerst … nackt. Keiner von uns beiden störte sich daran – obwohl ich zugeben musste, doch ziemlich genau hingeschaut zu haben.
Behutsam legte ich ihm eine Hand auf die Brust und fühlte den gleichmäßigen Herzschlag. Im Gegensatz zu ihm fühlte ich mich so blass und damit meinte ich nicht nur die Hautfarbe. „Egal was passiert“, sagte ich und schaute in die Augen, die das einzige waren, was sich bei der Verwandlung nicht verändert hatte. „Du darfst diesen Moment niemals vergessen.“ Auch ich würde ihn niemals vergessen.
„Dir gehört mein Herz.“
Oh Gott, warum musste er sowas sagen, wo ich es ihm doch gleich brechen würde? „Es tut mir leid“, flüsterte ich und hauchte ihm in der anbrechenden Abenddämmerung noch einen letzten Kuss auf die Lippen. Dann wandte ich mich von ihm ab und machte mich eiligen Schritts davon, bevor er meine Tränen bemerkte.
Ich spürte wie er mir hinterher sah, bis ich hinter der Hecke verschwand und … vor Schreck beinahe ins Gebüsch sprang. Direkt vor mir saß Joel auf einer Bank und kaute gelangweilt auf einem Grashalm herum. Einen Moment konnte ich nichts anderes tun, als ihn völlig entgeistert anzuschauen. Ich hatte geglaubt, meine Umbras seien mir nicht gefolgt. Panisch schaute ich mich nach Logen um.
„Ich bin allein“, sagte Joel ganz ruhig.
Das machte es nicht unbedingt besser.
Als ich nichts anderes tat als ihn anzustarren, nahm er den Grashalm aus dem Mund. „Weißt du Rotznase, Umbras sehen und hören sehr viel. Das lässt sich gar nicht verhindern, aber wir lernen auch die Privatsphäre unserer Schützlinge zu respektieren. Darum kann ich dir versprechen: Was hier und heute geschehen ist, ist niemals passiert.“
Sollte das heißen, er hatte mitbekommen was zwischen mir und Sydney passiert war und würde es nicht verraten? „Was ist wenn Isaac dich ausquetscht?“, fragte ich misstrauisch.
Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. „Das ist ja das schöne, er darf es nicht. Das ist Gesetz.“
Ein Gesetz zu meinen Gunsten? Das war ja als würden Weihnachten und Ostern auf den selben Tag fallen.
„Das Los eines Alphas ist niemals einfach.“
Nein, das war es nicht und aus diesem Grund gab es für mich ab dieser Stelle kein Zurück mehr. Heute war mir klar geworden, dass Isaac mich niemals wieder gehen lassen würde und darum konnte ich jetzt nur noch eines tun: Ich musste Samuel finden, denn nur mit seiner Hilfe konnte ich es schaffen dieser Hölle zu entkommen.
°°°°°
Beschlossene Sache, ich würde hier verschwinden. Dieser Ausbruch würde der Größte meiner ganzen Laufbahn werden, aber da es der erste war, bei dem ich nicht vorhatte wieder zurückzukommen, musste ich mich gut vorbereiten. Ich brauchte einen Plan – einen guten Plan. Ich brauchte Samuels Hilfe, ich brauchte Geld und ich brauchte … ich stolperte über den Saum meines Kleides, als ich die Treppe hinaufging. Im letzten Moment griff ich nach dem Treppengeländer um nicht rückwärts herunterzuregeln und mir das Genick zu brechen. Verdammt, ich brauchte eine Hose! Eine Flucht im Kleid? Ausgeschlossen. Da könnte ich mich ja gleich ein rüschenbesetztes Fummel werfen und am Traualtar auf meinen Zukünftigen warten.
Als erstes suchte ich mein Zimmer auf und verschwand direkt in meinem Bad. Draußen war es mittlerweile so dunkel, dass ich das Licht einschalten musste. Ich war mit Sydney länger im Labyrinth gewesen, als ich bemerkt hatte.
Der Gedanke an ihn ließ mein Herz schwer werden. Hätte ich geglaubt, er würde mich begleiten, hätte ich ihn gefragt, aber ich wusste er würde diese Mauern niemals verlassen, darum war es besser gewesen zu schweigen. Das zumindest redete ich mir ein, als ich ans Waschbecken trat und mir vorsichtig das getrocknete Blut von den Händen wusch.
Mit meinem Ausbruch hatte ich meinen Knöcheln ganz schön zugesetzt. Ich hatte sie schlimmer zugerichtet, als es mir bewusst gewesen war. Kein Wunder, dass Sydney der Meinung gewesen war, eingreifen zu müssen.
Ich versorgte sie vorsichtig, schmadderte dann noch ein wenig Salbe rauf und ging dann zum Schrank in der Ecke, wo ich Lucys Hose versteckt hatte. Eigentlich hatte ich ja vorgehabt ihr die Jeans zurück zu geben, aber nun würde sie mir gute Dienste erweisen.
Während ich sie aus dem Schrank zog und sie gegen mein Kleid austauschte, dachte ich über zwei Dinge nach. Zum einen, wie ich meinen verdammten Umbras entkam und zum anderen, wo sich ein kleiner, hochintegrierter Junger von neun Jahren um diese Zeit herumtrieb. Leider war Samuel ein wenig unzurechnungsfähig, weswegen ich etwas ratlos war. Okay, damit konnte ich mich auch später noch befassen, denn, um den Plan in meinem Kopf erfolgreich auszuführen, musste ich noch andere Dinge tun.
Ich verließ das Bad und verschwand in meinem Kleiderschrank, um mir ein Oberteil zu holen. Keine von den Blusen, die mir die Herren des Hauses zur Verfügung gestellte hatten, ein paar eigene Klamotten besaß ich ja noch. Meine Wahl fiel auf ein einfaches graues Achselshirt.
Als ich es anzog, wurde ich von einer Melancholie befallen. Dieses Shirt hatte ich vor nicht mal einem halben Jahr zusammen mit Lucy und Diego gekauft – damals, als meine Welt noch in Ordnung war.
Auch die beiden würde ich zurücklassen.
Wenigstens waren sie sicher. Niemand konnte sie dieses Mal für meine Taten bestrafen. Alle würden denken, dass ich mich von den Beiden abgewandt hätte, dass es mir egal sein würde was mit ihnen geschah. Der ganze Speisesaal der Bediensteten hatte mitbekommen, wie ich mich mit Lucy gestritten hatte und als ich Diego angeschrien hatte, war sogar der König selber zugegen gewesen.
Und meine Mutter … ja, die war es, die ich finden musste, sobald ich diesem Gemäuer entkommen war. Zwar wusste ich noch nicht wie ich das anstellen sollte, aber ich würde schon einen Weg finden.
Ich ging zurück in mein Zimmer, um meine Kuriertasche aus der Kommode zu holen. Die war zwar nicht groß, aber ich konnte ja schlecht einen Koffer mit mir herumschleppen.
„Cayenne, bist du das?“
Überrascht drehte ich mich herum. Aus meinem Bett blinzelte mir Samuel verschlafen entgegen. Er rieb sich die Augen und richtete sich auf. Okay, damit hatte sich die Suche nach ihm wohl erledigt. „Ja, ich bin es.“ Ich vertagte die Tasche auf später und setzte mich zu ihm aufs Bett. „Ich habe mich schon gefragt, wo du bist.“
Aufmerksam studierte er mein Gesicht. „Warum?“
Er war wirklich viel zu schlau für sein Alter. Ich hatte noch nicht mal ein Wort über meinen Plan verlauten lassen und er wusste schon dass etwas im Argen lag. „Ich brauche deine Hilfe.“
Ein gewisses Interesse glomm in seinen Augen auf.
„Bevor ich dir allerdings sage wobei, musst du mir versprechen, dass alles was wir hier besprechen unter uns bleibt.“
„Ein Geheimnis?“ Und war plötzlich ganz Kind. „Nur unter uns?“
„Aber du musst mir versprechen, dass du niemanden etwas erzählst, okay?“
Er nickte so ernst, dass es schon wieder niedlich war. „In Ordnung, ich verspreche es.“
„Ich verlass mich auf dein Wort.“ Und hoffte gleichzeitig, dass ich damit nicht zu viel von einem Neunjährigen verlangte. „Also gut, pass auf. Du hast mir doch gesagt, dass du mir dem Mastercode jede Tür in diesem Schloss öffnen kannst.“
„Ich habe bisher jedenfalls noch keine Tür gefunden, bei der er nicht funktionierte“, bemerkte er.
Das hörte sich schon mal gut an. „Mir wurde gesagt, an der Westmauer gibt es eine alte Lieferantenzufahrt, die schon seit Jahren nicht mehr genutzt wird. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das Tor dort mit einem Sicherheitssystem verschlossen. Kannst du auch das mit dem Code öffnen?“
„Wenn es mit dem Hauptsystem verbunden ist, sollte das kein Problem darstellen.“ Seine Stirn legte sich in Falten, als dächte er angestrengt über ein Problem nach. „Warum willst du das wissen?“
Nun war es an der Zeit für Erklärungen. Ich seufzte. „Weil ich hier weg muss.“
„Wohin musst du denn?“
„Zu meiner …“ Fast hätte ich Mutter gesagt, aber ich konnte mich gerade noch so bremsen. Samuel wusste sicher nichts von meiner richtigen Mutter, er glaubte die Geschichte von dem Kind, das kurz nach seiner Geburt entführt wurde und das jetzt alles richtig zu stellen, würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Darum versuchte ich es anders. „Pass auf: Du erinnerst dich doch bestimmt, was beim Abendessen passiert ist.“
„Du bist aufgesprungen und weggelaufen.“
Ja, das auch. „Nein, ich meine davor. Isaac will, dass ich einen Mann heirate, den ich nicht kenne. Ich soll mein Leben mit ihm verbringen, weil es ihnen nicht gefällt, wie ich mich benehme und das kann ich einfach nicht.“
Er nickte und sagte: „Verstehe.“
Ich glaubte nicht, dass er es wirklich verstand, aber ich widersprach ihm nicht.
„Das heißt, du möchtest gehen und nicht wiederkommen.“ Als ich nickte, verdüsterte sich sein Gesicht. „Ich möchte aber nicht, dass du gehst. Ich mag dich.“
Oh nein. „Es tut mir leid Samuel, ich werde gehen, mit oder ohne deine Hilfe, wobei ich natürlich hoffe, dass du mir helfen wirst, da es ohne dich sehr schwierig werden wird.“ Er war zu jung um meine Lage wirklich zu verstehen, aber ich hoffte trotzdem, dass ich auf ihn zählen könnte.
Traurig schlug er die Augen nieder. „Dann sehe ich dich nie wieder?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich, obwohl ich wusste, dass es sehr unwahrscheinlich war. „Vielleicht eines Tages.“
Er glaubte mir nicht, ich sah es ihm an.
Da kam mir eine Idee. Ich stand auf und holte mein Handy von meinem Tisch. Meine Mutter würde ich erst später anrufen, damit sie nicht auf die Idee kam, mir meinen Plan auszureden. „Hier, schau mal. Ich möchte dass du das bei dir trägst, dann werde ich dich hin und wieder anrufen.“
Einen Moment schaute er das Handy nur an, dann nahm er es an sich. „Du gibst mir dein Handy?“
„Ja.“ Mitnehmen konnte ich es sowieso nicht und so würde ich wenigstens eine Verbindung zu ihm haben. „Aber sag es keinem, damit sie es dir nicht wegnehmen, okay?“
Es war ihm anzusehen, dass es ihm lieber gewesen wäre, wenn ich einfach geblieben wäre, aber das war das einzige was ich ihm bieten konnte. „Wenn sie merken dass du weg bist, werden sie dich suchen und zurück bringen.“
„Ich habe mir einen guten Plan einfallen lassen.“
„Sie werden deiner Fährte folgen, du wirst nicht weit kommen.“
Mist! Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. „Dann muss ich dafür sorgen, dass ich anders rieche.“
„Oh du meinst, so wie ich das mit Leah immer mache.“
Fragend schaute ich ihn an.
„Ich habe dir doch von ihren hochsensiblen Sensoren erzählt. Wenn ich Papas Parfum benutzte, bringt das ihren Detektor durcheinander. Ich denke, bei den Wächtern würde das auch funktionieren.“
Ich war mir nicht sicher ob das genial, oder einfach nur verrückt war. „Aber wo bekomme ich jetzt Parfum her?“
„Ich kann dir Papas geben, das steht noch auf meinem Zimmer. Soll ich es holen?“
Die Idee war wahrscheinlich genauso gut wie jede andere. „Ja, das wäre super, aber pass auf, dass dich niemand sieht.“
„Ich bin kein Anfänger“, erklärte er ernst, kletterte dann aus meinem Bett und verschwand aus meinem Zimmer.
Also eines musste ich dem Kleinen lassen, er war echt flink. Und ich sollte mich besser auch vorbereiten.
Ich stand auf, holte meine Tasche aus der Kommode und packte alles hinein, was ich für nötig hielt. Socken, Unterwäsche, Oberteile. Wenn meine beschissenen Großeltern bloß nicht meine Hosen geklaut hätten. Ich packte noch Zahnbürste und Haarbürste dazu. Auch den Ordner mit den Bild von Tristan und dem Fotostreifen wollte ich nicht zurück lassen. Der kleine Plastikring lag noch in meiner Tasche.
Als ich dann zu meiner Geldbörse griff, entfuhr mit ein Seufzer. Ich hatte nur noch knapp sechzig Euro. Weit würde ich damit nicht kommen. Kurz entschlossen griff ich großzügig bei meinem Schmuck zu und warf ihn zu den anderen Sachen in meinen Rucksack. Vielleicht konnte ich das Zeug irgendwie zu Geld machen.
Das Armband von meiner Mutter landete an meinem Handgelenk. Gerade als ich noch zwei Oberteile in den Tasche stopfte, kam Samuel durch die Tür geschlüpft. In seinen Händen hielt er eine Flasche mit einem teuren Parfum „Du bist ein Genie!“, lächelte ich und nahm das Fläschchen an mich.
„Das ist korrekt.“
So trocken wie er das sagte … fast hätte ich gelacht. „Danke“, sagte ich und nahm ihn kurz in den Arm. Dann begann ich mit dem letzten Schliff. Meine Haare band ich zu einem Dutt auf den Kopf. Dann holte ich mir aus meinem Kleiderschrank noch eine modische Ballonmütze, die ich so aufsetzte, dass der Dutt darunter verschwand. So würde niemand sehen können, wie lang meine Haare waren. Das Parfum würde ich erst später benutzen. Ich wollte nicht, dass man es hier im Zimmer riechen konnte.
Dann setzte ich mich an den Tisch und verfasste zwei Briefe. Der eine war kurz und sehr aussagekräftig:
Liebe Familie,
verheiratet das mal ihr Idioten!
Auf Nimmerwiedersehen,
Eure Cayenne
Das würde Isaac sicher rasend machen und übereilt handeln lassen. Genau das war ich brauchte. Für den zweiten ließ ich mir ein wenig mehr Zeit. Er war nicht nur persönlicher, er war auch nur für die Augen einer einzigen Person gedacht. Und er landete in einem verschlossenen Umschlag.
Ich gab Samuel beide in die Hand.
„Tu mir den Gefallen und gib den hier Sydney, aber erst morgen Abend.“Ich zeigte auf den verschlossenen Umschlag. „Und pass auf, dass dich dabei niemand sieht.“ Ich konnte nicht gehen, ohne mich von ihm zu verabschieden. Es war wichtig für mich, dass er verstand, warum ich das tun musste.
„Und was ist hiermit?“ Er hielt den anderen hoch.
„Der ist für deine Mutter. Pass auf: Sobald ich weg bin, gehst du zurück auf mein Zimmer und wartest zehn Minuten. Dann gehst du zu deiner Mutter – zu niemand anderen – und zeigst ihr den Zettel. Du sagst ihr, dass du bei mir schlafen wolltest und ihn dabei entdeckt hast, hast du verstanden?“
Er nickte, wie ein kleiner Mann auf einer wichtigen Mission.
„Sie werde nach mir suchen und das offene Tor entdecken. Sie werden denken, dass ich dort abgehauen bin.“ Hoffentlich würden sie das denken, darauf baute mein Plan auf. „Und nur zu deiner Mutter, verstanden?“
„Und wenn ich sie nicht finde?“
Das wäre natürlich ein Problem. „Dann geh zu Kai, aber zu niemand anderen, okay?“ Ich wollte nicht, dass ihn die Wut traf, die für mich bestimmt war, wenn sie von meinem Verschwinden erfuhren.
„In Ordnung.“ Beide Briefe verschwanden in der Tasche seiner Schlafhose.
„Danke.“ Ich strich ihr über den Kopf und warf einen Blick auf meine Uhr. Halb elf. Im Schloss war es um diese Zeit schon sehr ruhig, aber ich sollte mich besser nicht vor Mitternacht auf den Weg machen. Also setzte ich mich mit Samuel noch ein wenig vor den Fernseher und schaltete auf den Wusch des Kleinen hin einen Nachrichtensender ein. Während ich mich neben den Kleinen ins Polster lehnte, gab es noch eine Frage, die ich bisher nicht geklärt hatte. „Sag mal, wie schaffst du es deinen Umbra so oft zu entwischen?“ Die lebten schließlich genau wie meine direkt vor seiner Tür.
Er zuckte mit den Schultern, als sei das nur eine Kleinigkeit. „Ich schalte den Melder aus.“
„Den was?“
„Den Melder.“ Er schaute zu mir auf, als fragte er sich, wie ich bisher überhaupt durchs Leben gekommen war. „Du weist schon, das Signal, dass sie bekommen, sobald du deine Zimmertür öffnest.“
„Was für ein Signal?“
Dafür bekam ich einen Du-weißt-aber-auch-gar-nichts-Blick. „An deiner Tür gibt es Sensoren. Wenn du sie öffnest, wird das Signal unterbrochen und in den Zimmer der Umbras gibt es ein Warnzeichen, der sie darauf aufmerksam macht, dass du dabei bist deinen Privatsphärebereich zu verlassen, beziehungsweise, dass du gerade dabei bist Besuch zu empfangen.“
Wow, das war ja schlimmer, als ich bisher geglaubt hatte. „Und du weißt wie man das ausschaltet?“
„Natürlich.“ Er rutschte von meiner Couch, marschierte zu meinen Scanner und schob mal wieder das Gehäuse zur Seite. Ein Kabel wurde rausgezogen, ein anderes vertauscht und dann alles wieder fein säuberlich verschlossen. „Ausgeschaltet.“
„Du bist wirklich ein Genie“, murmelte ich und fragte mich, woher zum Teufel so ein kleiner Bengel sowas wusste. Neben Samuel konnte man sich wirklich sehr schnell dumm vorkommen.
„Das stimmt, auch wenn Mama immer sagt, dass ich anderen diese Tatsache nicht immer unter die Nase reiben soll. Sie sagt, dass wäre unhöflich“ Er kam wieder zur Couch und kuschelte sich an mich. „Darum ist es gut, dass du es von alleine bemerkt hast.“
Ich legte ihm einen Arm um die Schultern und schaute mit ihm zusammen einen Bericht über das größte Krankenhaus Europas. Wirklich viel bekam ich davon nicht mit. Immer wieder huschte mein Blick nervös zur Uhr. Die Zeit schien überhaupt nicht vergehen zu wollen. Zwischendurch hatte ich sogar das Gefühl, der Zeiger würde sich rückwärts bewegen. Hinzu kam noch meine Nervosität. Wenn ich das hier versaute, wollte ich nicht wissen, was mich erwartete.
Als die Zeiger sich dann endlich Mitternacht nährten, war Samuel bereits halb eingeschlafen. Hätte ich ihn nicht so dringend gebraucht, hätte ich ihn ins Bett gebracht. So aber musste ich ihn wieder wach machen und verschwand dann noch mal schnell in meinem Kleiderschrank, wo ich mir meine Schuhe anzog. Dann schwang ich mir meine Tasche über den Kopf und musste nur noch unbemerkt aus dem Schloss verschwinden. Eine Kleinigkeit.
„Samuel, du weißt doch sicher, wie man zur Garage kommt, oder?“
„Natürlich. Manchmal verstecke ich mich in den Autos vor Leah. Die sind praktischerweise nie abgeschlossen.“
Das war nicht nur super, das war geradezu perfekt. Und ich hatte mich bereits gefragt, wie ich in die Autos kommen sollte. „Dann lass uns gehen.“
Zum letzten Mal, wie ich hoffte, öffnete ich meine Zimmertür, doch noch bevor ich einen Fuß auf der Schwelle hatte, erstarrte ich einfach. Vor mir stand Joel. Er schien gerade von draußen zu kommen und in sein Zimmer gehen zu wollen.
Verdammt!
Es war wohl die Art wie ich erstarrte und ihn anschaute, die ihn misstrauisch werden ließ. Er musterte meinen Aufzug und kniff dann die Augen leicht zusammen. „Ein wenig spät für einen Ausflug, oder?“
Was sollte ich dazu sagen? Die Wahrheit war keine Option und eine Lüge fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Mein ganzer Plan schien mit seinem Auftauchen den Bach runter zu gehen. Er würde mich verpfeifen.
„Rotznase?“ Als er auf mich zukam, ging ich automatisch rückwärts in mein Zimmer. Er folgte mir und trat über die Schwelle.
„Geh weg“, zischte ich.
Er neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte mich aufmerksam. „Du willst hier verschwinden“, sagte er dann leise.
Dazu würde ich nun wirklich nichts sagen.
„Tut mir leid, aber das darf ich nicht zulassen.“
Nein, das konnte doch nicht wahr sein. Ich würde mich nicht aufhalten lassen, nie wieder wollte ich dass jemand über mein Leben bestimmt und da er das Hindernis war, das zwischen mir und meiner Freiheit stand, musste er aus dem Weg geräumt werden. In einer Kurzschlussreaktion griff ich nach einer Tischlampe und schmiss sie nach ihm. Er musste kaum die Hand heben, um sie in eine andere Bahn zu lenken. „Raus hier“, knurrte ich. „Verschwinde einfach.“
„Das kann ich nicht.“ Er kam noch einen Schritt näher.
Plötzlich schlug Samuel von innen gegen die Tür, wahrscheinlich, um sie meinem Umbra an den Kopf zu knallen. Von seinem Punkt aus konnte Joel den Kleinen nicht sehen, aber er bemerkte sehr wohl die Tür und wehte sie mit Leichtigkeit ab.
Bevor ich mich daran erinnern konnte, dass er einen halben Kopf größer war, mindestens zwanzig Kilo mehr wog und noch dazu ein ausgebildeter Umbra war, stürzte ich mich einfach auf ihn. Er würde es nicht schaffen mich aufzuhalten. Heute Nacht würde ich diesen Hof verlassen – koste es was es wolle.
Noch von der Tür abgelenkt, registrierte er meine Attacke zu spät. Er riss noch die Arme nach vorne, aber durch meinen Schwung krachten wir beide gegen die Tür und gingen zu Boden. Ich rollte mich von ihm ab, machte mich bereit für einen weiteren Angriff, aber Joel lag mit geschlossenen Augen regungslos am Boden.
Samuel kam um die Tür gelaufen und sah auf den Umbra hinunter. Er war ein wenig käsig um die Nase. „Was ist mit ihm?“
Das war eine gute Frage. Zuerst verstand ich nicht, was geschehen war, aber dann sah ich sowohl am Türknauf, als auch an seinem Kopf Blut. Bei unserem Sturz musste er dagegen geknallt sein und hatte so das Bewusstsein verloren. „Scheiße!“ Ich fiel neben ihm auf die Knie. Vielleicht verstand ich nicht viel von Medizin und dem ganzen Zeug, aber es war allgemein bekannt, dass Kopfverletzungen gefährlich waren. Und diese hier blutete auch noch stark. Was sollte ich machen? „Samuel, bring mir ein Handtuch aus dem Bad.“
Während die Kleine losflitzte, zog ich Joel in mein Zimmer und schloss die Tür – musste ja nicht sein, dass Umbra Logen auch noch auf uns aufmerksam wurde. Dabei entschuldigte ich mich unentwegt bei ihm. Das hatte ich nicht gewollt. Warum nur hatte der Blödmann ausgerechnet jetzt da stehen müssen?
Samuel kam mit dem Handtuch und einem feuchten Lappen zurück und reichte mir beides. Dann hockte er sich neben mich und sah zu, wie ich vorsichtig das Blut wegwischte. Auf den ersten Blick sah es schlimmer aus, als es war. Nur eine kleine Platzwunde an der Schläfe. Man, er musste wirklich unglücklich gefallen sein, wenn er von so etwas gleich ausgeknockt wurde.
Als er unter meinem Handtuch anfing zu stöhnen, holte ich mir schnell das Lacken aus dem Bett, riss es in Streifen und band ihm damit Hände und Füße zusammen. Ich fand es einfach unglaublich, wozu meine Großeltern mich trieben. Ich fesselte hier einen Mann und schleifte ihn dann in meinem Kleiderschrank. Aber man ließ mir ja auch keine andere Möglichkeit!
Als Joel anfing zu blinzeln, entschuldigte ich mich noch einmal bei ihm, band ihm auch den Mund zu und ließ ihn allein in meinem Kleiderschrank zurück. Später würde ihn jemand finden. Ich hatte jetzt keine Zeit mich weiter mit ihm zu befassen. Durch diese Störung hatte ich schon genug Zeit verloren und jetzt musste ich dringend hier raus.
Dieses Mal spähte ich erst vorsichtig aus dem Zimmer, bevor ich die Tür richtig aufzog. Von Logen keine Spur. Gut. Ich nahm Samuel an die Hand, schlüpfte in den kleinen Korridor und wiederholte die Prozedur bei der anderen Tür. Auch hier war alles still. „Okay, die Luft ist rein. Komm.“ Ich wollte zur Galerie gehen, aber Samuel zog mich in die andere Richtung.
„Ich kenne einen besseren Weg“, erklärte er und steuerte eine unscheinbare Tür weiter hinten an. Dahinter lagen die Bedienstetengänge. Sie waren eng und schlecht beleuchtet, aber um diese Zeit leer. Mit Lucy und Diego zusammen hatte ich sie schon öfters benutzt, aber leider waren sie auch ein riesiges Labyrinth, in dem man sich leicht verirren konnte – besonders, wenn man nur eine ungefähre Vorstellung von seinem Ziel hatte. Samuel allerdings kannte sich hier bestens aus, er wusste ganz genau wohin es ging.
Nach gut zehn Minuten erreichten wir eine Tür, die nach draußen führte. Ich hatte in der Zwischenzeit völlig die Orientierung verloren. Die alte Lieferantenzufahrt entdeckte ich dagegen sehr schnell.
So zugewuchert war sie gar nicht. Etwas Efeu war daran empor geklettert, aber nichts, was man nicht mit ein wenig Handarbeit entfernen konnte.
Nach einer kurzen Sondierung der Umgebung, schlichen wir in den Schatten zum Tor und während Samuel sich an dem alten Kasten an der Mauer zu schaffen machte, begann ich bereits den Efeu runterzureißen. Schon nach den ersten Griffen bemerkte ich, dass es anstrengender war, als ich mir das vorgestellt hatte und so war ich auch noch nicht fertig, als das Schloss klickte.
Ja!
Samuel verschloss den Kasten wieder und half mir dann, bis wir alles weit genug heruntergerissen hatten, dass ich das Tor ein Stück aufdrücken konnte. „Warte hier“, sagte ich zu ihm und schlüpfte nach draußen in die Freiheit.
Die Auffahrt zwischen den hohen Bäumen war verwildert und rissig. Hier war schon lange niemand mehr gewesen.
Einen kurzen Moment musste ich mich zusammenreißen, damit ich nicht einfach losrannte, aber leider würde ich ihnen so niemals entkommen. Das Tor sollte eine falsche Fährte werden, weswegen ich die Auffahrt nur ein Stück hinunterlief, dann wieder Kehrt machte und auf dem gleichen weg zurück ging.
Samuel stand noch genau dort wo ich ihn zurückgelassen hatte. Sobald ich erneut durch das Tor geschlüpft war, nahm ich ihn wieder an die Hand und eilte mit ihm zurück in Schloss. „Okay, und jetzt zur Garage.“
Er nickte und übernahm wieder die Führung.
Auf halben Wege holte ich das Parfum heraus und sprühte mich damit ein. Hoffentlich war es stark genug, um meinen Eigengeruch zu überdecken.
Der Schlosszugang zur Garage befand sich zu meiner Überraschung ganz in der Nähe. Fünf Minuten später drückte ich bereits ein schwere Tür auf und befand mich gleich darauf in einer riesigen Betonhalle, in der in Reih und Glied an die fünfzig schwarzen Autos standen. Und weit und breit keine Wächter.
Eine freudige Erregung erfasste mich. Zum ersten Mal glaubte ich wirklich daran, dass mein Plan funktionieren könnte.
„Okay“, sagte ich und hockte mich vor den Kleinen. „Du warst echt super, ohne dich hätte ich das vermutlich nicht geschafft.“
„Vermutlich“, stimmte er mir voller Ernst zu.
Also Selbstvertrauen hatte er ja, das musste ich ihm lassen. „Von hier aus werde ich jetzt aber alleine weitermachen. Du gehst jetzt in mein Zimmer. Da wartest du dann zehn Minuten und dann …“
„Gehe ich zu Mama. Ich habe es nicht vergessen.“
„Das ist gut.“ Ich drückte ihn noch einmal ganz fest an mich und war ein wenig überrascht, wie fest er sich dabei an mich klammerte, bevor wir wieder losließen. „Geh jetzt und vergiss nicht, ich werde dich anrufen.“ Ich versuchte zu Lächeln, doch irgendwie wollte mir das nicht so recht gelingen. Ich kannte den Kleinen erst zwei Wochen, doch irgendwie hatte er es geschafft sich in mein Herz zu schleichen.
Bevor ich noch etwas Dummes tat, wie hier bleiben, oder sogar auf die Idee kam, ihn einfach mit mir zu nehmen, trat ich in die Garage und ließ sie Tür zwischen uns zufallen. Es stimmte nicht, dass ich niemanden zurück ließ, mindestens eine Seele ließ ich mit meinem Verschwinden im Stich. Vielleicht sogar zwei.
Ruckartig wandte ich mich ab und eilte zwischen den geparkten Autos bis zur vordersten Reihe. Sie waren der Ausfahrt am nächsten.
Ich suchte mir einen Wagen heraus und stellte zu meiner Zufriedenheit fest, dass Samuel Recht hatte, es war unverschlossen.
Bevor ich allerdings einsteigen konnte, musste ich noch eine Kleinigkeit tun. Ich stank so sehr nach Parfum, dass es sicher auffallen würde, daher wendete ich einen ganz einfachen Trick an. Ich holte das Parfum erneut heraus und begann damit alle Autos in der Nähe einzusprühen. Von innen und außen und auch ein wenig in die Luft. In einem der Autos entdeckte ich eine Lesebrille, die dort jemand vergessen haben musste. Nach kurzem Zögern ließ ich die in meiner Tasche verschwinden. Dann warf ich das Fläschchen auf den Boden, sodass es mit einem Klirren zerbrach und noch ein bisschen mehr von seinem Geruch verbreiten konnte.
Erst als das erledigt war, stieg ich in den Wagen ein. Doch ich klemmte mich nicht hinter das Lenkrad, sondern klappte den Kofferraum auf. Er war groß genug, ich würde locker hereinpassen.
Sobald der Kleine seiner Mutter den Zettel gebracht hatte, würden sie anfangen nach mir zu suchen und hoffentlich denken, dass ich über das Westtor abgehauen und auf den Weg nach Silenda war – schließlich war dass die einzige Ortschaft in der Nähe und die war ja auch mein Ziel. Aber wenn ich laufen würde, hätten sie mich vermutlich schon eingefangen, bevor ich überhaupt einen Fuß in die Stadt gesetzt hatte.
Wenn ich mich allerdings im Kofferraum eines Wagens verbarg, mit dem die Wächter in die Stadt fuhren, um mich zu suchen, dann bekam ich nicht nur eine Freifahrt, sondern war meinem Ziel gleich auch noch ein wenig näher.
„Na dann mal rein da.“ Ich kletterte in den Kofferraum, legte mich auf die Seite und zog die Klappe wieder zu. Besonders bequem war das nicht, aber da würde ich jetzt durch müssen.
Jetzt konnte ich jetzt nur noch hoffen und warten.
°°°
Als die Wagentür knallte, begann mein Herz gegen meinen Brustkorb zu hämmern. Das war die Wagentür von diesem Auto gewesen, da war ich mir sicher, ich hatte die Vibration gespürt. Stimmengemurmel, ein zweier Knall.
„Boah, hier riecht es ja genauso schlimm“, schimpfte ein Mann.
„Dann lass das Fenster runter“, erwiderte ein anderer.
Der Fensterheber wurde bedient und dann wurde ein Motor gestartet. Leider gehörte er nicht zu diesem Wagen.
Ich versuchte mich zu drehen, um besser hören zu können. Meine angewinkelten Beine protestierten bei dieser Bewegung. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich schon in diesem blöden Kofferraum lag, aber mittlerweile schmerzte mein ganzer Körper. Der harte Untergrund und meine unbequeme Lage machten meine Situation nicht gerade besser.
Irgendwo wurde ein weiterer Motor angelassen, dann noch einer und dann erwachte meiner zum Leben. Endlich passierte etwas. Langsam hatte ich schon an meinem Plan gezweifelt, aber jetzt nicht mehr. Ich würde hier raus kommen, weg von der ganzen …
Der Wagen ging in die Kurve und ich knallte mit dem Kopf voll gegen die Seite. Verdammt, warum hatte niemand daran gedacht hier hinten auch Sicherheitsgurte anzubringen? Das war ja lebensgefährlich! In der nächsten Kurve war ich vorgewarnt und stützte mich ab, dann fuhren wir etwas schneller. Ich spürte wie der Untergrund sich änderte, aus Beton wurde Kies. Wir mussten die Garage verlassen haben und im Vorhof gelandet sein. Um uns herum herrschte Stimmengewirr und ich glaubte kurz sogar die Stimme von Umbra Drogan zu hören, war mir aber nicht sicher. Wir stoppten noch einmal kurz, fuhren dann langsam an und dann wurde das Gaspedal durchgetreten.
Durch die Fliehkraft wurde ich an die Außenseite gedrückt und ich schwor mir, dass ich nie wieder freiwillig in einen Kofferraum steigen würde. Bis nach Silenda war es zum Glück nicht weit und von dort aus sollte es ein Kinderspiel sein meine Mutter anzurufen und zu verschwinden.
Bei der Geschwindigkeit schafften wir es innerhalb von wenigen Minuten nach unten in den Ort. Ich merkte das daran, dass der, wer auch immer diesen Wagen fuhr, vom Gas runtergehen musste. Ich bemerkte jede Abbiegung und bekam schon langsam die Krise, weil der Wagen nicht anhielt. Was war, wenn der Typ da vorne die ganze Zeit rumkurven würde, was wäre wenn …
Er wurde noch langsamer. Ein kleiner Schlenker und der Wagen stand.
Ich hielt die Luft an und horchte. Zwei Autotüren wurden geöffnet und wieder zugeschlagen. Schritte. Erst hinter mir, dann auf gleicher Höhe und dann wurden sie immer leiser. Ich wartete. Noch wagte ich es nicht den Wagen zu verlassen. Was wäre, wenn sie zurück kämen und mich beim raus klettern erwischten? Dann wäre alles um sonst gewesen.
Die Minuten verstrichen. Immer mal wieder hörte ich Stimmen und Schritte, aber niemand der sich um den Wagen kümmerte. Nach einigen Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, wagte ich es den Deckel des Kofferraums einen Spaltbreit zu öffnen und nach draußen zu spähen. Es dämmerte gerade. Ein paar Frühaufsteher waren bereits unterwegs und vorne an der Ecke entdeckte ich einen Kiosk, der schon dabei war, für den Tag zu öffnen.
Wenn ich mich nicht fürchterlich irrte, mussten wir es etwa fünf in der Früh haben. Das hieße, dass ich fast vier Stunden in diesem verdammten Wagen gekauert hatte – von der schnellen Sorte waren diese Wächter wohl nicht. Kein Wunder also, das ich einen Krampf im Bein bekam, als ich den Deckel weiter nach oben schob.
Die Straße war frei und diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. So schnell ich nur konnte, kletterte ich hinaus und brachte mich in der nächsten Türnische in Sicherheit. Den Kofferraum ließ ich einfach offen. Ich wollte nicht riskieren, dass jemand auf mich aufmerksam wurde, wenn ich das Ding zuknallte.
Ich zog die Brille aus meiner Tasche und setzte sie mir auf die Nase. Wow, wem auch immer die gehörte, er musste halb blind sein. Da ich so nicht richtig sehen konnte, schob ich sie auf meiner Nase so weit herunter, dass ich über die Gläser hinwegsehen konnte. Das war zwar etwas umständlich, aber ich wollte nichts riskieren.
Bevor ich mich in Bewegung setzte, rückte ich noch meine Mütze zurecht und schaute vorsichtig um die Ecke. Niemand zu sehen. Gut. Die Luft war rein. Nur leider kannte ich mich hier nicht aus und hatte keine Ahnung, wohin in gehen sollte. Erst mal raus aus der Stadt, Mama würde ich dann etwas später anrufen. Am besten mit dem Bus, oder der Bahn, dann konnte ich immer noch entscheiden, wohin ich mich wandte.
Bevor ich aus der Nische trat, holte ich noch einmal Luft und ging dann ganz entspannt – hoffte ich zumindest – zu dem Kiosk. Der Mann der dort arbeitete, blickte nicht mal auf, als ich ihn nach dem nächsten Busbahnhof fragte. Während er weiter Zeitungen einsortierte, meckerte er nur, dass er nicht die Auskunft sei. Der war echt keine Hilfe. Hinter seinem Rücken zeigte ich ihm den Stinkefinger und ging die Straße entlang, bog ein paar Mal ab und versuchte mich zu orientieren.
Irgendwann fand ich mich dann an einer Hauptstraße wieder. Hier war schon wesentlich mehr betrieb. Ich sah eine Bushaltestelle und überlegte, ob ich mich dort hinstellen sollte, entschied mich dann aber für ein Taxi, das auf mich zukam. Ich winkte es heran, stieg ein und bat den Fahrer, mich zum nächsten Busbahnhof zu bringen.
Während der Fahrt schloss ich für einen kurzen Moment die Augen. Seit ich in Sydneys Bett aufgewacht war, hatte ich nicht mehr richtig geschlafen und das waren auch nur ein paar Stunden gewesen. Dabei war es so wichtig, dass ich im Moment einen klaren Kopf behielt.
Viel schneller als ich angenommen hatte, hielt der Fahrer an. Ich bezahlte ihn, wünschte ihm noch einen schönen Tag und stieg aus. Dann stand ich vor einem großen, grauen Gebäude mit Drehtüren. Daneben ein eingezäunter Parkplatz mit Bussen.
„Na dann mal los.“ Ich trat durch die Drehtür in den Betonbau und blieb wie angewurzelt stehen. Mich traf der Schlag. Die ganze Halle war voll mit Wächtern. Scheiße, daran hatte ich nicht gedacht. Natürlich überwachten sie die Bahnhöfe, sie waren die einzige Chance für mich diese Stadt zu verlassen!
Als einer der Wächter sich nach mir umdrehte, lief ich weiter in die Halle hinein, direkt nach hinten zu den Damentoiletten, wo ich panisch die Tür hinter mir zuknallte. Warum hatte ich nicht daran gedacht? Natürlich waren die Wächter in der Stadt, ich selber hatte dafür gesorgt. „Scheiße, scheiße, scheiße!“ Ich war so dumm, wie sollte ich jetzt von hier wegkommen?
„Jetzt nur keine Panik“, versuchte ich mich selber zu beruhigen. Ich rieb mir über die geschundenen Knöchel, und überlegte. Wenn ich nicht voll danebenlag, wurden jetzt alle Bahnhöfe überwacht. Das bedeutete, dass ich auf diese Weise nicht aus der Stadt kam. Noch mal ein Taxi zu nehmen würde auch ausfallen. Wahrscheinlich gab es in der Zwischenzeit auch Straßensperren, die mich daran hindern sollten noch mehr Entfernung zwischen mich und dem Hof zu bringen. Was also blieb, war die gute, alte Beinarbeit, aber wenn ich mich zu Fuß durch die Stadt bewegte, würden sie mich vermutlich auch wieder schnappen. Meine Trumpfkarte hatte sich gegen mich gewendet. Was jetzt? Am besten erst mal aus dem Busbahnhof verschwinden. Wenn möglich, unentdeckt.
Mit flatterndem Herzen verließ ich die Toiletten und war heilfroh, dass mich in der Halle niemand aufhielt. Man schenkte mir nicht mal besondere Aufmerksamkeit. Wenigstens hatte ich das richtige Outfit gewählt.
Zurück auf der Straße sorgte ich mit eiligen Schritten dafür, dass der Busbahnhof weit hinter mir zurück blieb. Ein paar Wächter kamen mir entgegen und ich war versucht umzudrehen und in eine andere Richtig zu gehen, aber das wäre zu auffällig gewesen, also senkte ich einfach nur den Blick und lief ich weiter, bis ich an ihnen vorbei war. Keiner von ihnen würdigte mich auch nur eines Blickes. Gott, wenn das so weiter ginge, würde mein Herz gleich aufhören zu schlagen. Die ganze Aufregung machte es wahrscheinlich nicht mehr lange mit.
Ich widerstand dem Drang mich irgendwo zu verstecken und lief immer weiter. Mit zunehmender Stunde, wurden die Straßen voller. Um kurz vor sieben hatte ich die Innenstadt erreicht. Hier hatten sogar schon ein paar Bäcker geöffnet, in denen sich die Leute vor der Arbeit noch schnell einen Kaffee holten, um wach zu werden. All das bemerkte ich nur nebenbei, denn meine Gedanken drehten sich weiterhin um die Frage, was ich jetzt tun sollte.
Aus eigener Kraft aus Silenda zu kommen, war nicht möglich. Ich brauchte jemand von Außerhalb, der mich rausholen konnte. Also sollte ich vielleicht doch erstmal versuchen meine Mutter zu erreichen. Meine nächste Anlaufstelle war also eine Telefonzelle.
Ich musste ein wenig suchen, bis ich eine fand. Sie war mit Graffito beschmiert und die Telefonbücher fehlten, aber die Anlage selber war noch in Ordnung.
Mit einem Blick auf meine Umgebung zog ich mein Portemonnaie heraus, nahm mir ein wenig Kleingeld und rief dann meine Mutter an. Der nächste Schock kam sofort.
„Kein Anschluss unter dieser Nummer. Tut, tut, tut. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Tut, tut, tut, Kein Anschluss unter …“
Ich knallte den Hörer zurück und kniff die Augen zusammen. Oh Gott, das konnte sie mir doch nicht antun. Wie sollte ich sie denn jetzt erreichen? Wie sollte ich von hier entkommen?
Ich versuchte mich zusammenzureißen und nicht in Panik zu verfallen. Ich musste einen klaren Kopf behalten. Wenn ich jetzt ausflippte, dann …
Meine Gedanken stoppten, als ich die Ecke eines kleinen, weißen Zettels aus meinem Portemonnaie ragen sah.
Raphael.
Ob er mir aus dieser Misere helfen würde? Wenn man es genau nahm, schuldete er mir ja noch was, schließlich war es seine Schuld. Nur wegen ihm steckte ich doch jetzt so tief in der Tinte und einen anderen Ausweg sah ich einfach nicht.
Ob er nach unserem letzten Treffen überhaupt noch mit mir sprechen würde? Ich wollte eigentlich nicht mit ihm sprechen. Genaugenommen, wollte ich ihn nie wiedersehen, aber ich war verzweifelt und sah keine andere Möglichkeit. Ich brauchte Hilfe von außen.
Ohne weiter darüber nachzudenken, klemmte ich mir den Hörer zwischen Kopf und Schulter, fütterte die Maschine ein weiteres Mal mit Kleingeld und zog den Zettel hervor. Doch gerade als ich die erste Zahl ins Nummernfeld eingeben wollte, bemerkte ich eine zweite Nummer auf dem Zettel. Tyrone, nein Tristan.
Ihn konnte ich anrufen, mit ihm hatte ich keinen Streit gehabt, obwohl es auch von ihm mies gewesen war, mich in diese Lage zu bringen. Aber damit war er mir doch was schuldig, oder? Ich entschied mich für die untere Nummer.
Es klingelte. Einmal, zweimal. Nervös wickelte ich das Kabel um meinen Finger und hielt die ganze Zeit Ausschau nach Wächtern, die mich entdecken könnten.
Am anderen Ende wurde beim vierten Klingeln abgenommen. „Randal.“
Er klang verschlafen. Plötzlich war ich so glücklich seine Stimme zu hören, dass ich vor Freude hätte heulen können. „Tyrone?“
Stille. „Cayenne?“ Er klang ungläubig und überrascht. Kein Wunder, wer hätte damit gerechnet, dass ich mich jemals wieder bei ihm melden würde? Bis vor ein paar Minuten hätte nicht mal ich daran gedacht.
„Tyrone, ich … ich meine Tristan, ich brauche Hilfe. Ich bin abgehauen und jetzt suchen sie mich. Ich weiß nicht wie ich hier wegkommen soll und … und … die Wächter, sie sind überall. Ich weiß nicht was ich machen soll. Ich konnte da nicht mehr bleiben, ich …“
„Moment, was soll das heißen, du bist abgehauen? Von wo bist du abgehauen?“
„Aus dem Hof. Ich bin jetzt in Silenda. Bitte, du musst mich hier abholen.“ Wenn er es nicht tat, wüsste ich nicht weiter. Dann fiel mir was ein. „Ich weiß vielleicht wo Vivien ist.“ Es war unfair, dass ich ihn damit locke, aber was blieb mir für eine Wahl?
Am anderen Ende hörte ich gar nichts mehr. Es blieb solange ruhig, dass ich schon befürchtetem, er hätte einfach aufgelegt. „Tyrone?“
„Wo ist Vivien?“ Seine Stimme hatte plötzlichen einen bedrohlichen Ton bekommen.
War ich damit doch zu weit gegangen? „Ich weiß es nicht genau. Ich hab ein paar Wächter belauscht und die sprachen über Amsterdam. Sie haben gesagt …“
„Schon gut.“ Er atmete tief durch. „Das kannst du mir erzählen, wenn wir dich abgeholt haben.“
Ich hielt den Atem an. „Du kommst also?“
„Natürlich holen wir dich. Du musst … Moment.“ Die Leitung knirschte und ich hörte ihn mit jemand anderen reden. Oh nein. Ich verstand nicht was gesagt wurde, aber die zweite Stimme erkannte ich sofort. Ich hätte sie unter hunderten erkannt. Raphael war bei ihm. Er hörte sich aufgeregt an, Tristan knurrte ihm etwas zu und das nächste was Raphael sagte, verstand ich sehr deutlich. „Gib mir das scheiß Handy!“
Er wusste also mit wem sein Bruder sprach.
Während ich wartete, huschte mein Blick ununterbrochen über die Leute, die auf der Straße herumliefen. Einmal entdeckte ich eine Gruppe von Wächtern, die einen Laden nach dem anderen durchsuchten. Zum Glück waren sie noch so weit weg, dass mir noch ein bisschen Zeit blieb.
Es knackte wieder in der Leitung und Tristan war zurück. „Also, wir können in zwei Stunden in Silenda sein. Wo genau bist du?“
„Ich weiß nicht.“ Ich sah mich um, versuchte ein Straßenschild zu entdecken, aber das nächste war so weit weg, das ich es aus der Entfernung nicht lesen konnte. Und dann erstarrte ich. Mit Schrecken erkannte ich die letzte Person auf Erden, die ich jetzt sehen wollte. Das erste was ich von ihr sah, war das feuerrote Haar. Sie trug ihre Umbrakluft. Neben ihr lief ein großer brauner Wolf. Ich musste nicht raten, um zu wissen, wer das war. Diego. Lucy und Diego. Sie hatten mich gefunden. „Verdammt!“ Ich hängte in dem Moment ein, als Diego seinen Kopf hob. Lucy entdeckte mich zur selben Zeit und ihr Gesichtsausdruck wurde richtig grimmig.
Ohne groß darüber nachzudenken, wirbelte ich herum und rannte los. Ich wusste nur eins: wenn sie mich jetzt bekamen, würden sie mich zurück ins Schloss bringen – Freundschaft hin oder her. Es war ihre Pflicht.
Das konnte ich nicht erlauben. Ein zweites Mal würde ich ihnen wahrscheinlich nicht entkommen können, also rannte ich was die Lunge hergab. Es war zum Haareraufen. Überall in dieser Stadt liefen Wächter herum und ich musste genau auf diese beiden treffen.
So schnell meine Füße mich trugen, zischte ich über die Straße, stieß Passanten aus dem Weg, lief bei Rot über die Ampel und bog zwischen zwei Häuser ein. Hinter mit hörte ich Lucy meinen Namen rufen, aber ich hielt nicht an. Vielleicht waren sie noch meine Freunde, aber sie würden mich mit Sicherheit zurückbringen und das konnte ich nicht riskieren.
Ich lief die Gasse bis nach hinten durch, bog ab und … Sackgasse. „Scheiße!“ Nach einem Ausweg suchend sah ich mich hastig um, aber die Wände boten keine Möglichkeit daran hochzuklettern. Ich saß in der Falle. Dann entdeckte ich den Gully. Kurz entschlossen stemmte ich den Deckel hoch – was mir nur dank meiner erweckten Werwolfskräfte gelang – und ließ mich einfach hineinfallen. Der Geruch war wie ein Schlag ins Gesicht. Das war richtig eklig.
Am Rand des brackigen Wassers rannte ich entlang. Meine Füße trommelten auf dem feuchten Untergrund und in dem Moment war ich echt froh über meine Hose.
Weit hinter mit hörte ich ein Plätschern, gefolgt von einem Fluch, der nur von Lucy stammen konnte. Sie waren mir gefolgt.
Ich brauchte dringend ein Versteck, aber hier gab es nichts als lange Tunnel. Die aufsteigende Panik setzte sich wie ein Knoten in meinem Hals fest. Meine Lunge brannte, ich schwitzte am ganzen Körper, doch ich gab nicht auf. Das durfte ich einfach nicht. Zu allem Überfluss rutschte ich auch noch aus und landete hart auf den Knien.
Hastig arbeitete ich mich zurück auf die Beine. Dabei entdeckte ich das Loch in der Wand. Nein, kein Loch, ein Rohr, gerade so groß, dass ein Mensch hineinkriechen konnte. Es war dunkel und stank extrem, aber was hatte ich für eine Wahl? Keine! Ich kletterte hinein und krabbelte mehrere Meter, bis mich die Finsternis darin verschlang.
Hastige Schritte. Ich hielt die Luft an, drückte meine Tasche wie einen schützenden Schild an mich und wartete …
Sie kamen immer näher. Ein roter Schwall Haare, Lucy rannte an mir vorbei. Diego folgte ihr. Doch plötzlich blieb er stehen. Er hielt die Nase in die Luft und bemerkte dann das Rohr. Wie in Zeitlupe drehte er den Kopf zu mir.
Nein! Fast hätte ich es laut gesagt. Er hatte mich gefunden. Sein Blick traf mich durch die Dunkelheit. Eine Ewigkeit wie mir schien, starrten wir uns an. Dann drehte er einfach ab und ging weg.
Was? Aber er hatte mich doch gesehen, da war ich mir ganz sicher. Wartete er draußen auf mich? Ich horchte. Seine Schritte verklangen in der Ferne. Hatte er mich doch nicht gesehen? War es in dem Rohr zu dunkel? Ich konnte es nicht sagen, aber es war mir auch egal. Ich war noch mal davon gekommen. Ganz knapp.
Da ich keine weitere Zeit verlieren wollte, kletterte ich hinaus und ging den Weg den ich gekommen war zurück – nur weg von ihnen. Ich versuchte den Gullydeckel zu finden, durch den ich hinab gestiegen war, aber ich war so oft abgebogen, dass ich einen anderen nehmen musste, um dieses stinkende Untergrundlabyrinth zu verlassen.
In einer stillen Straße kam ich heraus. Mit meinem Auftauchen erschreckte ich ein Eichhörnchen, das sich schnell in den nächsten Baum rette. Der Schweiß lief mir in Strömen und mein Herz trommelte gegen mein Brustkorb. Ich hoffte inständig, dass ich sie abgehängt hatte, doch so richtig konnte ich daran nicht glauben. Lucy hatte so verbissen ausgesehen, als würde sie mich bis ans Ende der Welt jagen wollen. Wie hatte es nur so weit kommen können?
Darüber konnte ich mir jetzt keine Gedanken machen. Sie konnten mich jederzeit wieder entdecken, darum musste ich schnell eine neue Telefonzelle finden.Trotz der Unterbrechung hatte ich meinen Plan noch nicht aufgegeben. Ich musste nur noch mal bei Tristan anrufen und ihm sagen wo ich war, dann würden sie mich holen kommen.
Ein wenig wachsamer als zuvor, drückte ich mich durch Gassen und an Häusern vorbei. Wer hätte das gedacht, Werwölfe lebten in Hochhäusern. Irgendwann kam ich auf eine belebte Straße. Da ich keine Ahnung hatte, wo ich hin musste, fragte ich eine Frau mit gebleichten Haaren, die zu viel Zeit im Sonnenstudio verbracht hatte, nach der nächsten Telefonzelle. Sie rümpfte die Nase und musterte meine dreckigen Klamotten von oben bis unten. Wenn sie mir jetzt auch noch eine Dusche empfahl, müsste ich sie erwürgen. Aber sie sagte nichts zu meinem derzeitigen Zustand und deutete ohne ein Wort einfach die Straße herunter. Ein Dankeschön verkniff ich mir und versuchte so unauffällig wie möglich die Straße entlang zu kommen. Das war gar nicht so einfach, nicht bei der Duftwolke, die mich umgab.
Gerade überlegte ich, wie ich den Gullygeruch loswerden konnte, als ich vor mir einen etwas makaberen Brunnen entdeckte. Ein Wolf aus Bronze stand darauf und heulte zum Himmel hinauf. Vor ihm lag ein weiterer. Die Augen geschlossen, die Zunge auf dem Boden. Es war unbestreitbar dass er tot war.
Der Brunnen war der Mittelpunkt eines großen Platzes. Ringsum waren Geschäfte, die mit ihren Auslagen die Kunden in die Läden locken wollte. Ein Händler mit Markenklamotten, eine Cafe, eine Eisdiele. Da hinten war auch eine Bar. Dieser Platz war belebt. Keiner achtete auf mich, als ich die Telefonzelle entdeckte und schnurstracks darauf zuhielt.
Zum zweiten Mal an diesem Tag zog ich den Zettel mit den Nummern und mein restliches Kleingeld aus der Tasche und rief bei Tristan an. Es Klingelte. Sechs Mal, sieben Mal, die Mailbox sprang an. „Nein.“ Das konnte doch nicht wahr sein. Okay, keine Panik. Es gab hunderte von Gründen, warum er nicht ans Telefon ging. Ich versuchte es noch einmal, kam aber wieder zu demselben Ergebnis. „Scheiße!“, fluchte ich so laut, dass sich einen Mutter, mit ihrem Rotzlümmel an der Hand, empört zu mir umdrehte. „´tschuldigung“, murmelte ich, als ich dabei war, die Nummer ein drittes Mal zu wählen. Verdammt, er würde mich doch jetzt nicht im Stich lassen, oder? Ich drückte die Daumen, flehte zum Himmel, dass Tyrone/Tristan an sein scheiß Handy ginge und stieß erleichtert die Luft aus, von der ich gar nicht gemerkt hatte, dass ich sie angehalten hatte, als das monotone Klingeln durch Tristans Stimme ersetzt wurde.
„Cayenne?“
Gott danke. Danke, danke, danke. „Ja, ich bin´s.“ Vor Freude stiegen mir die Tränen auf, so erleichtert war ich und meine Stimme hörte sich leicht brüchig an. Keine Ahnung wie lange ich diesen Stress noch mitmachen konnte, bevor ich einfach zusammenklappte.
„Verdammt was ist da los? Warum hast du einfach aufgelegt?“
Im Hintergrund hörte ich Motoren knattern. Ein Geräusch das mir nur allzu vertraut war. Es stammte von den Motorrädern der beiden. „Ich wurde entdeckt.“ Von wem verschwieg ich erst mal, das konnte ich später noch ausführlich berichten „Ich musste verschwinden, aber ich glaub ich hab sie erst mal abgehängt.“
„Okay.“ Tristan klang erschöpft. „Sag mir einfach wo du bist.“
„Keine Ahnung.“ Ich war wirklich eine Marke. Wenn ich schon nicht wusste wo ich war, wie sollten sie mich dann finden können? Es war ja nicht so, dass Silenda ein kleines Dorf war. „Ich stehe auf einem kreisrunden Platz mit einem großen Brunnen. Hier sind überall Geschäfte und …“
„Wie sieht der Brunnen aus?“
„Zwei Wölfe aus Bronze. Eine heult den Mond an, und einer liegt tot vor ihm.“
„Siehst du eine Bar mit Namen Moonlithe?“
Ich ließ meinen Blick schweifen und fand sie tatsächlich. „Ja.“
„Dann weiß ich wo du bist. Bleib da, wir sind in einer knappen Stunde bei dir.“
„Eine Stunde?“ Das verwirrte mich. „Aber du hattest doch gesagt zwei Stunden.“
„Wir sind nach deinem Anruf gleich losgefahren. Bleib einfach am Siegesbrunnen, wir sind bald da.“
„Okay, mach ich. Und danke.“
„Du brauchst dich nicht zu bedanken.“ Er sagte das so, dass ich ihm glaubte und entgegen meines Wissens, erinnerte ich mich daran, dass ich ihn und Raphael einmal als Freunde bezeichnet hatte. Aber das war gewesen, bevor ich die Wahrheit erfahren hatte. Ich war nicht so dumm ihm, oder seinem Bruder wieder blind zu vertrauen. Den Fehler hatte ich einmal gemacht, der würde mir kein zweites Mal passieren. „Bis gleich.“ Es knackte und die Leitung war tot. Jetzt konnte ich nichts anderes tun als zu warten.
Einen kurzen Moment erwog ich, mich ins Cafe zu setzen und die Zeit dort totzuschlagen, verwarf die Idee aber sogleich. Wenn ich schnell fliehen musste, würde es mich wertvolle Zeit kosten vom Stuhl aufzuspringen. Auch den Gedanken mich an den Brunnen zu setzten, gab ich direkt wieder auf. Dort war ich viel zu auffällig. Also entschied ich mich dafür, in Secondhandshop zu gehen. So war ich von der Straße weg und trotzdem an dem Platz wo ich warten sollte.
Über eine halbe Stunde hielt ich mich in dem Laden auf und kaufte mir zwei Hosen. Zwar fraß das einen Teil meines Geldes, aber ich brauchte sie. Die die ich trug stank und war dreckig und selbst wenn nicht, würde ich sie früher oder später wechseln müssen. Danach besorgte ich mir an einem Kiosk einen Schokoriegel und eine Zeitschrift und hockte mich damit in den Schatten eines Buchladens. Ein paar Zierbüsche wuchsen dort und boten mir eine schnelle Deckung, die ich zwei Mal in Anspruch nahm, als Wächter auf den Plan traten.
Die restliche Zeit tat ich so, als würde ich konzentriert in der Zeitschrift lesen, sah mich aber in Wirklichkeit unentwegt nach Wächtern um. Dabei dachte ich an die bevorstehende Begegnung. Was würde ich tun, wenn ich die Stadt und die Klauen meiner Familie verlassen hatte? Wie würde es sein, die beiden wiederzusehen und Raphael vor die Augen zu treten? Und warum machte mich das bevorstehende Treffen so nervös?
Und dann auch noch meine Mutter. Wie und wo sollte ich sie suchen? Ich hatte nicht den kleinsten Anhaltspunkt, noch eine Idee. Sie war sicher nicht mehr zu Hause und über ihre Nummer konnte ich sie ja nicht erreichen.
Die Zeit war fast um und ich wurde immer unruhiger. Hoffentlich waren die beiden pünktlich und hoffentlich würden sie auch wirklich auftauchen. Ein Gedanke streifte durch meinen Kopf. Was wenn die beiden nicht kamen? Was sollte ich dann tun? Nein! Entschlossen verbannte ich die kleine Stimme aus meinem Kopf. So etwas würde nicht passieren. Tristan hatte versprochen, dass sie kommen würden und er würde sein Versprechen halten, oder?
Wie zur Antwort hörte ich Motorengeräusche, die immer lauter wurden. Trotz der ganzen Zeit, in der ich sie nicht mehr vernommen hatte, waren sie so vertraut, dass ich sie sofort erkannte. Das waren ihre Motorräder, ich war mir ganz sicher.
Ich klappte die Zeitschrift zusammen und schaute genau in dem Moment auf, als sie um die Ecke kamen. Ein paar Leute protestierten, dass es sich um eine Fußgängerzone handelte, aber die beiden fuhren unbeirrt weiter.
Durch ihre Helme konnte ich ihre Blicke nicht sehen, aber sie drehten ihre Köpfe auf der Suche nach mir hin und her. Und auch erkannte ich sofort, wer von den beiden wer war. Tristan trug eine einfache Bluejeans und ein schwarzes T-Shirt dazu, das leicht um die Schultern spannte. Auch Raphael trug Jeans. Seine aber waren schwarz und mit einem ärmellosen Shirt kombiniert.
Ich hob die Hand in die Luft und wollte schon nach ihnen rufen, doch jedes Wort erstarrte auf meiner Zunge, denn genau in diesem Augenblick tauchten Lucy und Diego auf der anderen Seite des Brunnens auf. Mit einem Satz brachte ich mich hinter den Büschen in Sicherheit.
Die Panik, die sich gerade erst gelegt hatte, meldete sich mit einem Schlag zurück. Gott besaß wirklich einen schwarzen Humor. Noch dazu fuhren die Randal-Brüder geradewegs auf mich zu, doch sie konnten mich nicht sehen, da ich mich hinter den Büschen verbergen musste. Und dann hielten sie auch noch genau vor mir an. Ich konnte mich nicht bemerkbar machen, denn auch Lucy hatte sie entdeckt, und stürmte wie eine wild gewordene Furie direkt auf sie zu.
„Wo ist sie?!“, schrie sie den Beiden entgegen.
Raphael, der nur einen halben Meter von mir entfernt stand, schob sein Visier hoch. „Na wen haben wir denn da?“
„Lass die blöden Sprüche und sag mir auf der Stelle wo sie ist, wenn ihr nicht wollt, dass ich euch festnehmen lasse!“ Bedrohlich baute sie sich vor ihm auf. Für Tristan hatte sie keinen Blick übrig, sie war völlig auf den Vampir konzentriert.
„Wenn meinst du?“, fragte er scheinheilig.
„Spiel nicht den Unschuldigen. Sie verschwindet und ihr taucht hier auf. Ihr wisst wo sie ist und will das du es mir sagst, sonst wird es gleich sehr ungemütlich werden!“
Raphael neigte den Kopf leicht zur Seite. „Ich weiß ehrlich nicht wovon du redest.“
„Hör auf dich dumm zu stellen. Ich rede von Cayenne und das weißt du ganz genau.“
Er lachte auf und das hörte sich so echt an, dass ich ihm seine Geschichte abgekauft hätte, wenn ich es nicht besser wüsste. „Du fragst mich wo sie ist? Woher zum Teufel soll ich das wissen? Ich hab sie seit Wochen nicht gesehen.“
Endlich waren seine Lügen mal zu etwas nütze, aber leider halfen sie mir nicht aus dieser Situation heraus. Ich überlegte dass ich einfach auf das Motorrad springen sollte, wenn sie wieder losfuhren und konnte nur hoffen, dass nicht daneben landete. Das wäre meine einzige Chance. Ich machte mich bereit, spannte die Muskeln an, jede Sekunde darauf bedacht, mich mit einem waghalsigen Sprung hinter ihn zu schwingen.
„Es kann kein Zufall sein, dass ihr ausgerechnet heute hier auftaucht“, knurrte sie.
Auch Diego knurrte mit angelegten Ohren, es gefiel ihm gar nicht, dass ausgerechnet Raphael hier aufgetaucht war.
„Ob du es nun glaubst oder nicht, wir sind in der Stadt um einen Freund zu besuchen. Ich habe keine Ahnung wo Cayenne ist.“ Seine Stimme nahm eine traurige Note an. „Sie hat unmissverständlich klar gemacht, dass sie mich nicht mehr in ihrem Leben haben will.“
Lucy musterte ihn herablassend. „Ich glaube dir nicht.“
„Glaub was du willst, aber wie müssen jetzt weiter.“ Er schob das Visier herunter und ließ den Motor aufheulen. Ich machte mich zum Sprung bereit und genau in dem Moment senkte Raphael die Hand an die Seite und gab mir mit einer kaum sichtlichen Bewegung zu verstehen, noch zu warten.
Er wusste dass ich in den Büschen saß? Woher?
„Und wenn du nicht willst, dass ich dich überfahre, solltest du zur Seite gehen.“
Diego knurrt und machte damit noch mehr Passanten, auf die kleine Gruppe aufmerksam.
„Verschwindet hier und bleibt weg, wenn ihr nicht hinter Gitter landen wollt.“ Sie trat zur Seite. „Und wenn ich erfahre das du mich angelogen hast, Gnade dir Gott.“
„Ich glaub nicht an Gott.“ Seine Hand zuckte kurz und gab mir damit das Zeichen zum aufspringen. „Und vor dir habe ich keine Angst. Lass uns Abhauen“, sagte er zu seinem Bruder/Freund und ließ ein weiteres Mal den Motor aufheulen.
Ich stürzte aus dem Gebüsch und schwang mich hinter ihm. Meine Hände krallten sich in sein Hemd, als er das Gas durchtrat. Ich konnte Lucy noch aufkeuchen hören, da brausten wir schon los. Tristan war direkt hinter uns.
Lucy und Diego nahmen sofort die Verfolgung auf. Durch das dichte Gedränge kamen wir nicht schnell weg und fast hätte Lucy mich runter gerissen. Doch im letzten Moment zischte Raphael davon. Ihr griff ging einfach ins Leere. Sie schrie mir noch etwas hinterher, aber der Lärm war so laut, dass ich es trotz meines verbesserten Gehörs auf diese Entfernung nicht verstehen konnte.
Mit überhöhter Geschwindigkeit sausten wir durch die Straßen. Ich wollte mich nicht zu eng an Raphael klammern, wollte Abstand wahren, aber die rasante Fahrt ließ das nicht zu.
Plötzlich fluchte Raphael. Ich brauchte den Kopf nur ein Stück zu drehen, um die Ursache herauszufinden. Überall tauchen Wölfe und Wächter auf und hielten direkt auf uns zu. Lucy musste sie auf uns gehetzt haben. Sicher stand sie mit ihnen irgendwie in Verbindung und hatte sofort Bescheid gegeben, dass ich jetzt auf einem Motorrad unterwegs war.
Raphael und Tristan wichen unseren Verfolgern aus. Einer der Wölfe sprang knurrend mitten auf die Straße. Im letzten Moment gelang es Raphael ihn zu umfahren. Bis zur Stadtgrenze verfolgten sie uns. Dann bot sich uns noch viel schlimmerer Anblick: eine Straßensperre.
In einem waghalsigen Manöver bog er ab. Die Maschine stellte sich dabei so schief, dass ich runtergefallen wäre, wenn ich mich nicht an meinen Fahrer geklammert hätte. Mit viel zu hohem Tempo bog er in die Nächste Straße ein. Dann merkte ich, dass jemand fehlt. „Tristan ist nicht mehr da!“, schrie ich.
„Er nimmt einen anderen Weg!“, rief er über den Lärm zurück. „Wir treffen ihn später!“ Er fuhr immer weiter. Zuerst wusste ich nicht wo wir waren, doch dann erblickte ich die ersten Bäume des Waldes, der den Hof umschloss. Er fuhr auf direktem Wege zum Schloss. „Nein, nicht da lang!“ Meine Stimme hörte sich so panisch an, dass er mir einen kuren, besorgten Blick zuwarf.
„Keine Angst, ich bring dich hier raus.“
Egal was er getan hatte, ich musste ihm glauben, er war die einzige Chance die ich hatte.
„Ich bring dich hier raus“, sagte er noch mal, als wollte er sich selber von den Worten überzeugen. Er fuhr auf die Straße, die direkt zum Schloss führte, aber auf halbem Wege bog er in den Wald ein. Wir wurden noch immer von Wölfen verfolgt, die überall auftauchten und ich sah schon wie sie uns kriegten, oder wir mit einem Baum kollidierten, aber er wich jedem aus, ohne das Tempo zu senken. Jeder Mensch hätte schon längst einen Unfall gebaut, aber Raphael war kein Mensch.
Wir holperten über Wurzel und durch Bodenkuhlen. Mehr als einmal hüpfte ich unfreiwillig auf dem Sitz und wurde von Ästen gestreift. Unsere Verfolger fielen immer weiter zurück. Sie waren schnell, kein Zweifel, aber mit dem Motorrad konnten sie nicht mithalten. Raphael machte einen Schlenker nach rechts und raste weiter. Nur wenige Minuten später wurden die Bäume spärlicher. Dann brachen wir aus dem Wald heraus und verschwanden über eine Straße außerhalb der Stadt.
Weit in der Ferne hörte ich das einsame Heulen eines Wolfes.
Sydney.
°°°°
Ich konnte ihn riechen. Trotz des Fahrtwindes atmete ich mit jedem Luftholen seinen Geruch ein. Nicht dass er müffelte, aber … es rief so viele Erinnerungen wach, die ich einfach nur vergessen wollte. Nicht mal der Versuch durch den Mund zu atmen half, dafür war ich ihm einfach zu nahe. Fast hätte ich geknurrt. Verdammte Werwolfsinne.
Ich wusste nicht wie viel Zeit genau vergangen war, als Raphael seine Maschine von der Landstraße auf einen kleinen Feldweg lenkte und sein Tempo dort so lange drosselte, bis wir unter einer Gruppe von mehreren Eichen zum stehen kamen. So weit wie die Sonne bisher geklettert war, mussten es schon zwei oder drei Stunden gewesen sein.
Als er dann auch noch den Motor abstellte, brach ich zum ersten Mal das Schweigen zwischen uns. „Was wollen wir hier?“
Er nahm sich den Helm vom Kopf, schüttelte das lange, schwarze Haar aus und lächelte mir über die Schulter zu. Seine Reißzähne verbarg er dabei nicht mehr so wie früher. „Wir warten auf Tyrone.“
Ich schaute in diese blassblauen Augen und verfluchte mich für die fast schmerzliche Sehnsucht, die allein ein Blick in sie auslöste. War ich denn noch zu retten? Hatte ich denn gar nichts gelernt? „Du meinst wohl Tristan“, korrigierte ich ihn extra kalt und rutschte vom Sitz. Auch wenn er mich da rausgeholt hatte, brauchte er nicht glauben, dass zwischen uns wieder irgendwas in Ordnung war. Er konnte froh sein, dass ich ihm keinen gepfefferten Tritt in den Hintern gab.
Die lange Fahrt hatte meine Glieder ein wenig steif werden lassen und so streckte ich mich erstmal, bevor ich die Brille abnahm und in meiner Tasche verstaute. Die Mütze hatte ich irgendwo unterwegs verloren. Egal, sie war unwichtig.
Auch Raphael stieg ab. Den Helm drehte er dabei in seiner Hand hin und her. Wenn ich ihn nicht so gut kennen würde, hätte ich gesagt er sei nervös. Obwohl, kennen tat ich in ja nicht wirklich, das war ja das ganze Problem an der Sache. „Und“, fragte er dann, um die ungemütliche Stille zu durchbrechen. „Alles in Ordnung bei dir?“
Das hatte er jetzt nicht gefragt. Ich funkelte ihn an. „Ich bin gerade vor einem Rudel Lykaner geflohen, vor meiner Familie und meinen angeblich besten Freunden. Ich weiß weder wo ich bin, noch wohin ich gehen soll. Meine Mutter ist verschwunden, mein Zuhause ist weg und ich habe nur noch dreißig Euro im Portemonnaie. Und da fragst du mich allen Ernstes, ob bei mir alles in Ordnung ist?“
Er hielt meinem Blick nur einen kurzen Moment stand, bevor er seinen senkte. „Okay, das war dumm“, räumte er ein.
„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“ Ich ließ meine Tasche zu Boden fallen, setzte mich daneben und sah stur geradeaus. Es war viel einfacher den Feldweg anzufunkeln.
Ich hörte wie er sich hinter mir bewegte, als sei er sich nicht sicher, ob es angebracht war näher zu kommen. Ja, genau, bleib weg von mir, das ist besser für deine Gesundheit.
„Ist jetzt nicht böse gemeint, aber du riechst wie ein Gully“, versuchte er zu witzeln. „Und ich dachte immer, eine Prinzessin würde nach Blumen oder so etwas riechen.“
„Du hast keine Ahnung, was es bedeutet eine Prinzessin der Lykaner zu sein, also halt dich mit deinem scheiß Gelaber zurück.“ Meine Stimme war wie Eiskristalle, scharfkantig und bitterkalt.
Raphael seufzte gequält. „Cayenne, ich hab nie gewollt, dass es so kommt. Hätte ich gewusst wie es enden würde, dann …“
„Halt einfach deinen Mund, bevor ich auf die Idee komme einen Hass gegen Vampire zu entwickeln.“ Irgendwas in mir wollte ihn provozieren und verletzten, so wie er mich verletzt hatte. Darum wandte ich mich ihm zu und sagte: „Das würde Alexander bestimmt nicht gefallen.“
Er fragte nicht nach, aber ich sah wie es in seinem Kopf anfing zu arbeiten. Mit dem Namen konnte er natürlich nichts anfangen. Der Ausdruck in seinem Gesicht war auf einmal distanziert. „Du lässt dich jetzt von Vampiren beißen.“ Keine Frage, eine Feststellung und eine falsche noch dazu.
Aus meiner Kehle drang ein tiefes Knurren, das Raphael erstaunt die Augenbraue heben ließ.
Mit einem Mal war da wieder diese Wut, die immer direkt unter der Oberfläche lauerte. „Mich kann kein anderer Vampir beißen, weil du mich markiert hast, du elender Drecksack!“
In seinem Gesicht zeigte sich nicht die Spur einer Reaktion. „Wer behauptet das?“
Ich konnte es kaum glauben, er gab es nicht mal zu! „Alex sagt das und jetzt tu nicht so als wüsstest du nichts davon, ich weiß dass du es warst!“
„Vielleicht war es ja dein Alexander.“
Okay, das ging zu weit. Mit vielem kam ich klar, aber ich ließ mich nicht als Flittchen beschimpfen. Wütend fuhr ich auf und musste mich zusammenreißen, um nicht auf ihn loszugehen. „Jemand wie Alex würde mir das nicht antun, er wäre nicht so beschränkt eine Prinzessin schädigen. Davon mal abgesehen, dass er damit sein eigenes Leben riskieren würde. Nein, so beschränkt ist nur einer!“
Raphael murmelte etwas, aber so leise, dass der Wind es einfach fort trug.
Ich kniff die Augen zusammen. „Was war das?“
Er zögerte einen Augenblick, strafte dann aber entschlossen die Schultern. „Ich hab gesagt, ich habe dich nie geschädigt.“
„Allein das du bei mir aufgetaucht bist, hat einen Schaden angerichtet, der sich nie mehr beheben lässt!“ Nun kam ich doch in Fahrt. Es war mir egal, dass er mich praktisch gerettet hatte, ich war so wütend auf ihn und wollte, dass er diese Wut spürte. „Du hast ja keine Ahnung, wie es da ist. Isaac hat mich manipuliert und mir alles genommen. Meine Freiheit, mein Leben, ja nicht mal eine verdammte Hose hat er mir gelassen! Und als er mich trotzdem nicht unter Kontrolle bekam, wollte er mich mit einem wildfremden Mann verheiraten!“ Meine Augen brannten vor Zorn. „Kennst du den schlimmsten Schmerz, den man einem Menschen antun kann?“
Raphael senkte die Augen. Ihm war klar, dass ich nicht vom physischen Schmerz sprach. Nicht konnte einen so verletzen, wie psychische Pein, weil das eine Wunde war, die sehr schwerer heilte.
„Es war ein Spiel für ihn. Wie schnell schaffen wir es Cayenne zu brechen?“ Meine Hände zitterten vor Wut. Ich wusste, dass es das Beste wäre jetzt einfach den Mund zu halten, aber ich konnte nicht aufhören, ich wollte mit ihm streiten, ihn so verletzten, wie er es verdient hatte. „Und an all dem bist du schuld.“
Nun wurde auch er wütend. „Wenn ich dir so zuwider bin, warum hast du mich dann angerufen und um Hilfe gebettelt? Ich hätte dich auch einfach sitzen lassen können, aber ich habe es nicht getan. Ich bin wegen dir hier hergekommen und habe dich da rausgeholt, also hör auf mich als Buhmann darzustellen. Zeig mal ein bisschen Dankbarkeit!“
„Dankbarkeit?“ Ich glaubte mich verhört zu haben. Hatte er wirklich gerade Dankbarkeit verlangt? „Also erstens wirst du von mir ganz sicher keine Dankbarkeit erhalten, nicht nachdem was du mir eingebrockt hast. Zweitens, ich habe nicht gebettelt und drittens, ich habe nicht dich sondern deinen Bruder angerufen. Ich hatte sogar gehofft, dass er ohne dich hier auftaucht!“
Der Ausdruck in Raphaels schönem Gesicht wurde so undurchdringlich, dass ich hätte glauben können Diego vor mir zu haben. „Ach, auf Tyrone bist du also nicht sauer?“
„Tristan!“, fauchte ich. Keine Ahnung warum es mich so aufregte, dass er das verdammte Pseudonym benutzte. „Und natürlich bin ich auf ihn sauer! Er ist genauso ein Lügner wie du, nur hat er mich nicht markiert und dazu gebracht …“ Ich stoppte mich, bevor dieser verdammte Gedanke Gestalt annehmen konnte. Niemals würde ich ihn wissen lassen, dass seine Lügen mich nur deswegen so sehr verletzt hatten, weil sich mein Herz nach ihm sehnte und weil er trotz seiner Fehler derjenige war, der immer wieder in meinen Gedanken auftauchte.
„Zu was gebracht?“ Raphael spürte wohl, dass der nächste Teil wichtig war, aber ich würde es ihm nie sagen.
„Er hat mich nicht dazu gebracht mir den Mund mit Seifenlauge auszuspülen“, knallte ich ihm eiskalt vor den Latz.
In der Ferne hörten wir ein Motorengeräusch, doch wir waren beide viel zu sehr damit beschäftigt uns böse anzustarren, als das wir die Zeit gehabt hätten, darauf zu reagieren.
„Du hast mich geküsst, vergiss das nicht.“
„Wie könnte ich? Das war der größte Fehler meines Lebens gewesen.“ Das saß, es war ihm ansehen. Ich konnte es nicht lassen und musste noch ein wenig tiefer in der Wunde bohren. „In diesem Moment ist mein Leben zu einem Alptraum geworden, aus dem ich nie wieder erwachen werde. Und das ist alles deine Schuld. Vergiss du das nicht.“
Raphaels Lippen waren so fest aufeinander gedrückt, dass sie nichts weiter als ein dünner, weißer Strich waren. Er starrte mich an, mindestens genauso wütend und verletzt wie ich mich fühlte.
Als das Motorengeräusch lauter wurde, setzte er sich plötzlich einen Helm auf den Kopf, schwang sein Bein über seine Maschine und startete den Motor. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie er den Motor hochjagte, Gas gab und dann einfach davon fuhr.
Fassungslos blieb ich in einer Staubwolke zurück. Er ließ mich einfach hier stehen! Klar, die Dinge die ich ihm an den Kopf geworfen hatte waren grausam, aber es war die Wahrheit gewesen und er hatte gar kein Recht deswegen beleidigt zu sein. Was hatte er denn erwartet, dass ich ihm freudestrahlend um den Hals fallen würde? „Ja, verpiss dich nur du elender Scheißkerl!“, schrie ich ihm hinterher. Mir war wohl bewusst, dass er mich längst nicht mehr hören konnte, aber darum ging es hier überhaupt nicht. Meine Wut musste raus, sonst würde ich sicherlich daran ersticken. Ich griff mir eine Hand voll Kies und warf sie in seine Richtung hinterher. „Und wag es ja nie wieder zu kommen. Ich hasse dich!“
Das Knattern hinter mir war nun so laut geworden, dass ich mich doch danach umsah. Ein weiteres Motorrad hielt direkt auf mich zu. Schon von Weitem erkannte ich, dass es Tristan war. Ich war mir nicht ganz sicher, ob mich das erleichtern, oder noch wütender machen sollte.
Er hielt seine Maschine neben mir, schob das Visier nach oben und ließ seinen Blick gleiten. „Wo ist Ryder?“
Raphael! Fast hätte ich geknurrt. „Der hat sich aus dem Staub gemacht.“ Im wahrsten Sinne des Wortes. „Ihm hat nicht gefallen, was ich zu sagen hatte.“
Tristan schaltete seine Maschine ganz ab und zog den Helm vom Kopf und schaute mich an, als wüsste er ganz genau, was hier gerade gelaufen war. Im Gegensatz zu Raphael war er blond und hatte breitere Schultern. Auch seine Hautfarbe war dunkler.
Ich hielt seinem Blick stand und würde mich sicher keine Schuldgefühle einreden lassen, egal wie scharf meine Worte gewesen waren.
„Und, was hast du jetzt vor?“, wollte er dann aber nur wissen.
Das war eine ausgezeichnete Frage. „Keinen Schimmer. Eigentlich wollte ich meine Mutter suchen, aber ihr Handy ist tot und ich weiß nicht wo sie ist.“ Ich verschränkte die Arme und senkte den Blick. „Sie wurde aus dem Rudel geworfen und ist untergetaucht.“ Und wo wir schon mal bei der Wahrheit waren. „Ich habe sie zu einem einsamen Wolf gemacht.“
Tristan fragte nicht nach, stattdessen musterte er mich nur eingehend. „Hast du einen Anhaltspunkt, an dem du mit der Suche nach ihr anfangen kannst?“
„Nein.“
„Vielleicht Freunde von ihr, oder ein Ort an dem sie sich sicher fühlt?“
Auch das musste ich mit einem Kopfschütteln verneinen. „Sie hat mir vor ein paar Tagen eine Nachricht zukommen lassen. Angeblich ist sie in Sicherheit, aber mehr weiß ich nicht.“ Ich begann unruhig auf und ab zu laufen, blieb dann aber wieder stehen und rieb mir mit den Händen übers Gesicht. „Gott, ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll.“
„Willst du erstmal mit uns kommen?“
Diese Frage ließ mich überrascht den Kopf heben. „Mit euch kommen? Wohin?“
„Nach Amsterdam.“
„Und was ist mit meiner Mutter?“
„Das weiß ich nicht. Wir können Augen und Ohren offen halten. Die Themis haben einige Kontakte, vielleicht ergibt sich ja etwas.“
Vielleicht aber auch nicht. Aber wollte ich wirklich allein herumirren? Ich wusste ja nicht mal, wo ich die Nacht verbringen sollte und wenn ich wollte, oder sich etwas anderes ergab, konnte ich ja auch jederzeit aussteigen.
„Und noch eine helfende Hand kann nicht schaden.“
„Ich glaube nicht dass dein Bruder damit einverstanden wäre.“
Sein Blick wurde ein wenig weicher. „Und ich glaube, dass du dich da täuschst.“
Aber auch nur, weil er nicht wusste, was hier gerade passiert war. Konnte ich auch mit Raphaels Gegenwart klarkommen? Da war ich mir nicht wirklich sicher. „Du willst wegen Vivien nach Amsterdam.“ Keine Frage.
„Du hast gesagt, dass die Möglichkeit besteht, dass sie dort sein könnte.“
„Ich weiß aber nicht wie groß sie ist“, gab ich zu. „Ich weiß nur, dass man dort ein paar Frauen an die Skhän verkauft hat. Mehr hab ich nicht rausgefunden.“
„Das ist schon mehr, als wir in den letzten Wochen erfahren haben. Es ist eine Chance und die werde ich nicht vertun.“ Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn du uns begleitest. Es ist bestimmt ganz angenehm, mal jemand anderes zum Reden zu haben.“
„Ich kann manchmal echt nervtötend sein“, warnte ich ihn.
Er lächelte. „Das weiß ich doch. Also los, gib dir einen Ruck und steig auf.“
Ich zögerte, aber mir wurde sehr schnell klar, dass das wohl vorerst meine beste Option war. „Okay, ja, ich komme mit“, erklärte ich dann und holte meine Tasche.
Währenddessen holte er sein Handy raus und tippte schnell eine Kurzmitteilung. „Damit Ryder weiß, wo wir sind“, erklärte er, als ich mich hinter ihm auf den Sattel schwang.
Ich machte mir gar nicht die Mühe, ihm zu erklären, dass sein Bruder/ Freund Raphael hieß. „Wo werden wir denn sein?“
„Bei Maggie, einer wirklich talentierten Künstlerin.“ Er steckte das Handy weg, klappte das Visier runter und startete den Motor, ohne weiter darauf einzugehen. Dann befanden wir uns auch schon wieder auf der Straße. Dieses Mal jedoch machten wir nach einer guten Stunde eine kleine Pause an einem Schnellrestaurant, weil Tristan das Knurren meines Magens sogar über den Motorradlärm hinweg hören konnte.
Was sollte ich sagen? Ich hatte seit gestern Mittag nichts mehr zu mir genommen. Erst als ich satt war und mit zunehmender Besorgnis feststellte, wie schnell meine begrenzten, finanziellen Mittel doch schrumpften, machten wir uns wieder auf den Weg zu unserem eigentlichen Ziel – wo immer das auch lag. Vielleicht sollte ich mir irgendwo einen Pfandleiher suchen und meinen Schmuck versetzen. Das war vermutlich die beste Idee, denn ich konnte ja nicht erwarten, dass die Randal-Brüder mich mitversorgten. Außerdem wollte ich nicht von ihnen abhängig sein.
Mehr als drei Stunden später, nachdem wir Felder, Waldlandschaften und Dörfer hinter uns gelassen hatten, fuhren wir in eine Stadt. Ein Schild verkündete, dass Kassel uns Willkommen hieß.
Wir fuhren noch eine halbe Stunde durch die Stadt, bis Tristan am Bordstein einer schäbigen Straße, vor einem alten, grauen Wohnhaus mit vier Etagen, hielt. Acht Wohnparteien hatten darin Platz. Die Fassade war heruntergekommen, Risse zogen sich durch das ganze Mauerwerk und die Witterung hatte ihr Übriges getan.
Der einzige Farbtupfer in diesem tristen Grau, war ein Balkon in der zweiten Etage, der vor Blumenpracht nur so strahlte. Es sah hübsch aus, da hatte sich jemand viel Mühe gegeben, doch ich kannte weder das Haus, noch den Grund, warum wir hier waren. Es wirkte jedenfalls nicht wie das Atelier einer talentierten Künstlerin.
Gerade als ich vom Sitz rutschte und meinen Kopf vom Ersatzhelm befreite, bemerkte ich ein weiteres Motorrad ein paar Parkplätze weiter. Und ja, ich bemerkte auch den jungen Mann, der etwas unter dem Sitz verstaute und dann direkt auf uns zukam. Raphael.
Sofort stellte ich auf Abwehrmechanismus.
Tristan nickte ihm zu, legte mir dann eine Hand auf den Rücken und führte mich zum Eingang des Hochhauses. Sein Bruder schloss sich uns wortlos an. Er hatte nur einen kurzen Blick für mich übrig und tat dann so, als wäre ich gar nicht anwesend.
Ich sollte also recht behalten, Raphael war nicht erfreut darüber, dass ich bei ihnen war. Sein Pech, er hatte mir die ganze Scheiße schließlich eingebrockt.
Tristan betätigte eine Klingel in der obersten Etage. Es dauerte ein wenig, bis eine verzerrte Stimme in der Gegensprechanlage zu hören war.
„Ja?“
„Wir sind Freunde von Murphy“, erklärte Tristan.
Der Türsummer ertönte und wir konnten das Haus betreten. Kein Fahrstuhl. Das bedeutete einen Marsch in die vierte Etage. Dort oben waren zwei Wohnungstüren. Die eine war nichtssagend und hatte nicht mal eine Fußmatte davor zu liegen. Vor der anderen stapelten sich Berge von Kinderschuhen und Spielzeug. Raphael klopfte an das Kinderparadies.
Wieder mussten wir einen Moment warten, dann wurde die Tür von einer etwas zerzaust aussehenden Blondine geöffnet, die ein quengelndes Baby auf den Arm hielt. Das war dann wohl Maggie.
Ein kleiner Junge von vielleicht vier Jahren stand neben ihr und hielt sich an ihrer Hose fest. In den tiefen der Wohnung konnte ich noch weitere Kinder hören und eine weibliche Stimme, die befahl endlich mit dem Schwachsinn aufzuhören.
Ich runzelte die Stirn. Die Frau war ein Mensch, genau wie ihre Kinder.
Misstrauisch schaute sie von einem zum anderen und blieb dann an Raphael kennen. „Dich kenne ich doch.“
„Ich war vor einen knappen Jahr schon mal hier gewesen, um deine speziellen Fähigkeiten in Anspruch zu nehmen.“
„Randal, ich erinnere mich.“ Sie musterte Tristan und mich und schaute dann wieder ihn an. „Was willst du?“
„Das gleiche wie beim letzten Mal.“
„Na dann kommt mal rein.“ Sie trat ein Stück zurück und ließ und vorbei. Dabei wiegte sie den jammernden Säugling auf ihrem Arm hin und her. „Ich muss nur kurz die Kleine ins Bett bringen. Kimberly?“, rief sie laut.
Ein etwa vierzehnjähriges Mädchen, das der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war, kam in den Flur gelaufen. „Ja?“
„Bring die Drei bitte nach hinten.“ Ohne eine weiteres Wort, kehrte sie uns den Rücken und verschwand in den Eingeweiden der Wohnung.
„Hier lang“, sagte die Kleine und übernahm die Führung.
Ich schaute mich um. Für eine einfache Stadtwohnung war es hier recht groß. Die Wände waren voll mit Kinderzeichnungen und Familienfotos. Wir kamen am Wohnzimmer vorbei, wo noch drei weitere Kinder saßen und gebannt auf einen Fernseher starrten.
Wir mussten uns an zwei vollbeladenen Wäscheständern vorbei schieben und aufpassen, dass wir nicht ausversehen auf irgendwelches Spielzeug latschten. Kimberly schob einen vollgeladenen Wäschekorb mit dem Fuß zur Seite.
Es wirkte hier nicht dreckig, nur unglaublich chaotisch und voll. Kein Wunder bei sechs Kindern.
Am Ende des Flurs öffnete das Mädchen uns eine Tür und ließ uns den Vortritt. Raphael ging als erstes hinein. Ich folgte hinter Tristan und landete in einem … hm, ich würde schätzen, dass es ein Arbeitszimmer war, nur was genau hier gearbeitet wurde, entging mir irgendwie.
Eine lange Arbeitsplatte an der Wand diente hier als Schreibtisch. Der Drehstuhl davor war alt und hatte seine besten Tage schon lange hinter sich. Zwei Metallregale nahmen den Rest des Zimmers ein. Auf ihnen standen komische Geräte und Dosen mit Farbe. Da waren auch Pinsel, Stempel und Stempelkissen. Scheren, Skalpelle, eine Laminiermaschiene. Kamera, flache Schalen und Flaschen mit Flüssigkeiten.
Was so alles auf dem Schreibtisch lag, konnte ich nicht sehen, da Kimberly eilig ein Laken darüber warf und sich denn auf den Stuhl davor setzte. „Dich hab ich schon mal gesehen“, sagte sie zu Raphael.
Er hatte sich neben der Tür an die Wand gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. „Gut möglich.“
Ihr Blick glitt desinteressiert über Tristan und blieb dann mir hängen. Wahrscheinlich wunderte sie sich, warum ich wie eine Kloake stank. Ja, ich war von meinem Geruch im Moment auch nicht besonders angetan, aber bisher hatte leider noch nicht die Möglichkeit gehabt, duschen zu gehen. „Deine Hände sehen echt übel aus. Barschlägerei?“
Tristan und Raphael schauten beide gleichzeitig auf meine Hände.
Super. „Nein, ein Unentschieden gegen einen Baum.“
„Du solltest es vielleicht mal besser mit einem Boxsack probieren. Das tut sicher weniger …“ Sie unterbrach sich, als ihre Mutter nun mit dem kleinen Jungen auf dem Arm hereinkam.
„Okay, ich hab gerade nicht viel Zeit, also kommen wir gleich zum Punkt.“ Sie setzte den Kleinen auf Kimberlys Schoß und schnappte sich die Kamera aus dem Regal. „Für wen sollen die Papiere sein?“ Sie hatte Ringe unter den Augen, sah müde aus. Kein Wunder bei der Horde an Kindern.
„Das Mädchen“, sagte Tristan und nickte in meine Richtung.
Das Mädchen? Hatte ich jetzt etwa keinen Namen mehr?
Maggie trat ohne viel Federlassen an mich heran, zog mich vor die kahle Wand und hob die Kamera. „Ich hoffe ihr habt Geld. Nimm den Kopf ein wenig höher und schau mich direkt an.“ Der letzte Teil ging wohl an mich.
Ich war ein wenig verwirrt, doch bevor ich etwas sagen konnte, erklärte Tristan: „Nicht dabei.“
Die Kamera sank herab. „Dann ist es wohl besser, wenn ihr wieder geht.“
„Wir sind Freunde von Murphy“, erklärte Raphael. „Wir bezahlen bei Abholung.“
Ihre Lippen verzogen sich spöttisch. „Ihr bezahlt jetzt, oder ich mache keinen Finger krumm, denn keiner von euch dreien ist Murphy.“
Bevor noch jemand etwas sagen konnte, hatte ich keine Lust mehr im Dunkeln zu tappen. „Worum geht es hier eigentlich?“
Aller Blicke im Raum richteten sich auf mich und so wie sie mich alle anschauten, kam ich mir auf einmal unheimlich dumm vor.
„Besonders helle ist eure Freundin ja nicht, oder?“, fragte Maggie belustigt.
Mein Gesicht verfinsterte sich, doch bevor ich irgendwas sagen konnte, legte Tristan mir eine Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf.
„Du brauchst Papiere“, erklärte er.
„Papiere?“ Er meinte doch nicht das, was ich glaubte, oder?
„Papiere“, sagte Maggie langsam, als glaubte sie ich sei schwer von Begriff. „Personalausweis, Pass, Geburtsurkunde. Ich weiß ja nicht was du angestellt hast, aber scheinbar sind deine Jungs der Meinung, dass du eine neue Identität brauchst.“
Er meinte also doch das was ich glaubte. Wir waren hier, um mir eine gefälschte Identität zu besorgen. Der Gedanke war sowohl genial, als auch beängstigend. Unter einem falschen Namen würden Isaac und seiner Schergen es schwer haben mich zu finden. Aber der Gedanke war so fremdartig, dass ich nicht recht wusste, was ich davon halten sollte.
„Also, was ist nun?“, fragte Maggie in die Stille hinein.
„Wir haben kein Geld dabei“, sagte Tristan.
„Ich schon.“ Ich legte meine Hand auf meine Tasche und konnte nicht glauben, wozu meine Familie mich gerade trieb. „Naja, sowas Ähnliches zumindest.“
Maggie zog eine Augenbraue nach oben. „Mit sowas-Ähnliches kann ich nichts anfangen. Nur Bares ist Wahres.“
Ich ließ mich nicht beirren, griff in meine Tasche und zog das erstbeste heraus, dass ich zwischen die Finger bekam. Es war ein Collier mit echten Diamanten. „Das ist kein Geld, aber sehr viel wert. Ein paar Tausend würde ich sagen.“
Alle vier starrten die Kette in meiner Hand mit großen Augen an – nur der kleine Junge fand es interessanter in der Nase zu bohren. Dann riss Maggie ihren Blick davon los und blickte misstrauisch zu mir rüber. „Ist das geklaut?“
„Nein“, sagte ich ganz ruhig und wiegte das Schmuckstück in meiner Hand. „Es war ein Geschenk, aber ich will es nicht. Sie können es haben, wenn die Sachen bis morgen fertig sind.“
Sie blieb stur. „Mit einer Kette kann ich meine Familie nicht ernähren.“
„Sie können sie verkaufen“, wandte ich ein. „Und wenn die Papiere bis morgen fertig sind, gibt es noch einen Bonus.“ Ich zog ein Platinarmband aus der Tasche. Auch in ihm funkelten ein paar Glitzersteinchen drauf.
„Das ist zu viel“, sagte Tristan entschieden. „Die Kette ist schon mehr wert als die Dokumente.“
„Weder will, noch brauche den Schmuck. Sie dagegen können Ihren Kindern damit ein paar nette Dinge kaufen.“ Ich sah der Frau direkt in die Augen. „Also, was ist, steht der Deal, oder nicht?“
In ihrem Kopf begann es zu arbeiten. Der Schmuck war wahrscheinlich mehr wert, als sie in einem Jahr verdiente.
„Die Sachen gehören Ihnen, wenn morgen alles fertig ist“, köderte ich sie noch etwas.
„Mach das Mama.“ Kimberly schaute die Sachen in meiner Hand an, als hätte sie nie etwas Schöneres gesehen. „So eine Gelegenheit bekommen wir nie wieder.“
Mit einem Seufzen gab Maggy schließlich nach. „Okay. Morgen Abend könnt ihr die Sachen abholen.“ Mit flinken Fingern nahm sie mir das Collier aus der Hand und ließ es in ihrer Hosentasche verschwinden. „Aber wenn ich herauskriege, dass der Schmuck gestohlen ist, Gnade euch Gott, ich lass mich nämlich nicht bescheißen.“
„Er ist nicht gestohlen“, versicherte ich ihr. „Es war ein Geschenk.“ Eher eine Bestechung, aber ich wollte nicht zu genau in Detail gehen. Keiner brauchte zu wissen, was in den letzten Wochen passiert war. Ich selber würde es am liebsten vergessen.
„Okay, dann schau mich an und nimm das Kinn hoch.“ Sie nahm die Kamera wieder hoch. Gleich darauf wurde ich von einem hellen Blitzlicht getroffen. Ein Blick auf das kleine Display und dann machte sie noch ein Foto. „Welcher Name soll in den Papieren stehen?“, fragte sie, während sie mich ein drittes Mal ablichtete.
„Clementine“, sagte Raphael, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte. „Sie ist zweiundzwanzig Jahre.“
„Aber sicher“, stimmte Maggie ihm zu und warf einen erneuten Blick auf den kleinen Bildschirm der Kamera. Dieses Mal schien sie zufrieden, denn sie blendete mich kein weiteres Mal. „Und welcher Nachname? Geburtsort? Staatsangehörigkeit?“
„Deutsch, der Rest ist dir überlassen.“
„Gut, dann macht dass ihr hier raus kommt, bevor ich wieder zur Besinnung komme.“ Sie stellte die Kamera zurück ins Regal und nahm ihren Sohn dann wieder auf den Arm. „Kimberly, bringst du die drei zur Tür?“
Das Töchterchen sah nicht so aus, als hätte sie besonders Lust dazu. Ihr Blick klebte die ganze Zeit an der Hosentasche ihrer Mutter, aber sie erhob sich und übernahm wie schon auf dem Hinweg wieder die Führung. Keine fünf Minuten später standen wir wieder unten an der Haustür, doch bevor ich sie öffnen konnte, hielt Tristan mich am Arm fest.
„Woher ist der Schmuck?“ Er wirkte ein wenig besorgt.
Glaubte er etwa auch, dass ich ihn geklaut hatte? „Aus meinem Schrank. Ich hatte kein Geld und dachte, man könnte ihn verkaufen.“
Irgendwas daran gefiel ihm nicht. „Mach sowas nie wieder, ohne es vorher mit mir oder Ryder abzusprechen. Maggie ist auf die Jobs der Themis angewiesen, sie hätte es auch für weitaus weniger gemacht.“
„Sie kann das Geld gebrauchen“, sagte ich und zog meinen Arm aus seiner Hand. „Außerdem habe ich mehr als genug von dem Zeug bei mir.“
Tristan zog die Augenbrauen zusammen. „Was soll das heißen?“
„Das was ich sage.“ Ich schaute von ihm zu Raphael, zog meine Tasche nach vorne und öffnete den vorderen Reißverschluss. Dann ließ ihn hinein schauen.
Sprachlos starre er auf den Haufen aus Gold, Silber und Platin mit teilweise echt großen Klunkern.
„Das … verdammt.“ Er sah mich mit großen Augen an. „Wo hast du das alles her?“
„Ich bin eine Prinzessin“, erklärte ich schlicht und schloss meine Tasche wieder. „Glaubst du sie hätten mich in billige Leinen gehüllt?“
Das Schnauben von Raphael konnte ich nicht einordnen. Doch was ich konnte war, ihm sehr böse hinterherzuschauen, als er sich an mir vorbei drängte und aus dem Haus spazierte. Was hatte er eigentlich für einen Grund sauer auf mich zu sein? Er war hier schließlich das Miststück, nicht ich.
„Tu das trotzdem nie wieder“, sagte Tristan und hielt mir die Tür auf.
„Ich wollte ja nur helfen“, murrte ich und trat nach Draußen in den sommerlichen Nachmittag. Ein paar vereinzelte Wolken zogen über den Himmel. Passanten streiften durch die Straßen, auf einem Balkon grillte ein Mann. Alles wirkte so normal und doch war nichts mehr so wie es sein sollte. „Und was passiert jetzt?“
Raphael stand auf dem Gehsteig und hielt sich sein Handy ans Ohr.
„Wir suchen uns eine Unterkunft. Morgen Abend holen wir deine Papiere und dann geht’s nach Amsterdam.“
Einen Moment stieg grüner Neid in mir auf. Die beiden taten so viel für ihre Schwester. Ich hatte niemanden, der nach mir suchen würde, nicht aus diesen Gründen. Meine Familie strebte nur nach Macht. „Glaubst du, wir werden sie da finden?“
„Ich hoffe es“, sagte er leise. „Ich hoffe es wirklich.“
Bevor ich darauf noch etwas erwidern konnte, beendete Raphael sein Telefonat und trat wieder zu uns. „Wir können ein paar Tage bei Bianca unterkommen.“
Tristan nickte. „Dann lasst uns gehen.“
°°°
„Warte, lass mich das machen.“ Tristan legte seinen Helm auf sein Motorrad und trat dann vor mich, um mir mit meinem zu helfen.
„Genau wir früher“, scherzte ich und wartete geduldig, dass er mir das Teil vom Kopf zog. In den Helm rein kam ich immer, nur mit dem wieder rauskommen, hatte ich so meine Schwierigkeiten.
„Es gibt eben Dinge, die ändern sich nie“, sinnierte er und bekam mich endlich frei.
„Ja, aber leider die Falschen.“ Denn andere Dinge änderten sich so schnell, dass man sich völlig orientierungslos vorkam, obwohl es viel besser für alle Beteiligten wäre, wenn sie einfach blieben wie sie waren.
„Cayenne …“
„Egal“, unterbrach ich Tristan und schaute mich in dem kleinen Gehöft um, in dem wir gehalten hatten. Er lag knapp außerhalb der Stadt und sah auf den ersten Blick ganz hübsch aus. Gepflegte Anlage, viel Grün drei Gebäude. Die Scheune schien leer, das Haupthaus dagegen war liebevoll gestaltet worden. Steinbeete, Blumenkästen an den Fenstern, Zierpflanzen. Auf einem kleinen Freisitz standen Tische und Bänke zusammen mit einem gemauerten Grill.
Raphael hatte die Satteltaschen von seinem Motorrad genommen und machte sich mit ihnen bereits auf dem Weg zum Haupthaus.
Da ich ganz dringend diesen Geruch loswerden wollte und jeder Hausherr mich vermutlich persönlich unter seine Dusche geschubst hätte, wollte ich ihm folgen, doch Tristan hielt mich zurück.
„Warte“, sagte er und schaute kurz zur sich öffnenden Haustür, in der eine eher unscheinbare Schwarzhaarige erschien. „Bevor wir reingehen, gibt es noch ein paar Regeln zu beachten.“
„Regeln?“ Meine Augenbrauen gingen erstaunt nach oben. „Glaubst du ich weiß nicht, wie man sich als Gast verhält?“
„Darum geht es nicht.“ Als die Frau zum Gruß die Hand in unsere Richtung hob, tat Tristan es ihr gleich. „Bianca gehört zu auch zu den Themis, aber genau wie Ryder und Tyrone ist das nur ihr Alias. Wir wissen nicht wer sie ist und sie weiß nicht, wer wir wirklich sind.“
„Und ich soll es ihr nicht verraten.“
„Nicht nur das, sie darf auch nicht wissen, wer du bist. Niemand außer Ryder und mir darf wissen, wer du wirklich bist. Du musst dich ab jetzt immer mit Clementine vorstellen.“
„Warum?“
„Sicherheitsmaßnahme. Je weniger Leute wissen, wer wir wirklich sind, desto weniger laufen wir Gefahr, erwischt zu werden.“
Da war aber jemand ein kleinen wenig übervorsichtig. „Wer sollte uns schon verpfeifen?“
„Du meinst abgesehen von Wächtern, Umbra, Lykaner im allgemein, Sklavenhändler …“
„Ja, ja.“ Ich winkte ab. „Schon kapiert, die ganze Welt ist gegen uns.“
Tristan sah mich ernst an. „Das ist kein Spiel Cayenne. Da wir dich mitgenommen haben, sind wir nicht mehr nur auf der Suche nach Vivien, sondern Gleichzeitig auch auf der Flucht. Die Alphas sind sicher nicht erfreut, dass du bei uns bist.“
Auf der Flucht. Von der Seite hatte ich da Ganze noch gar nicht betrachtet, aber wenn man es genau nahm, dann hatte er wohl gar nicht so unrecht. Damit dass ich aus dem Hof geflohen war, hatte ich es nicht hinter mir. Die falsche Identität half mir zwar mich zu verbergen, aber das war auch nur nötig, weil die Alphas nach mir suchen würden.
Als meine Mutter als junge Frau abgehauen war, um mit meinem Vater ein neues Leben zu beginnen, hatten sie sie nach fast einem Jahr wieder eingefangen und zurück gebracht. „Ist es das was mich jetzt erwartet? Ein Leben auf der Flucht?“
Tristan berührte mich mitfühlend an der Wange. „Es ist halb so schlimm, wie du dir das vorstellst. Darum habe ich dich ja sofort zu Maggie gebracht. Niemand wird wissen, wer sich hinter dem Namen Clementine wirklich verbirgt.“
„Genau wie bei euch.“ Ich versuchte es mit einer Karikatur eines Lächelns. „Ihr benutzt eure Pseudonyme, damit niemand weiß wer ihr seid.“
„So schützen wir unsere Familien.“
„Weil ihr – wie hatte Raphael das noch damals noch gleich ausgedrückt? Ach ja – aufgrund eures Berufs mit nicht besonders netten Leuten in Kontakt kommt.“
„Wir sind die Feinde der Skhän und die schrecken auch vor Mord nicht zurück. Wenn sie wüssten wer wir sind, wäre niemand den wir kennen noch sicher.“
Ich hob eine Hand an die Stirn. „Wo bin ich hier nur hineingeraten?“
„Dir wird nichts passieren“, versprach er und ließ die Hand wieder sinken.
„Zumindest nicht solange mich niemand erkennt.“ Die Botschaft hatte sich eingeprägt. Und wo wir schon mal bei Erkennen waren: „Lucy hat Roger erkannt.“
Er runzelte ganz leicht die Stirn. „Erkannt?“
„In dem Lagerraum am Flughafen. Sie hat es für sich behalten, weil sie nicht riskieren wollte, dass dir etwas passiert.“
Er hielt meinem wissenden Blick nur einen kurzen Moment stand, bevor er sich zu seinem Motorrad wandte und begann seine Satteltasche loszuschnallen. „Wie geht es ihr?“
„Sie hasst mich.“ Das war die bittere Wahrheit. So verbissen wie sie in Silenda auf mich Jagd gemacht hatte, konnte es gar nicht anders sein. „Aber ich glaube dich vermisst sie.“
Seufzend schmiss er sich die Satteltasche über die Schulter, sagte aber nichts weiter dazu. „Komm, lass uns reingehen.“
Ich verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und begleitete ihn über die Holzveranda durch die offene Tür ins Haus. Dort folgten wir den Stimmen von Raphael und dieser Bianca durch einen kleinen Flur in ein rustikales Wohnzimmer, wo die beiden es sich auf einer Couch bequem gemacht hatten. Sobald wir durch den Türbogen waren, schauten sie auf.
„Hi“, begrüßte unsere Gastgeberin mich mit einem Lächeln. Sie war eine Vampirin. Um dass zu wissen, brauchte ich ihre Reißzähne nicht zu sehen, ein Blick in ihre Augen reichte schon aus. „Ich bin Bianca.“
„Clementine.“ Dieser Name fühlte sich auf meiner Zunge so fremd an, dass ich wohl ein Weilchen brauchen würde, um mich daran zu gewöhnen. „Aber nenn mich ruhig Clem.“
„Freut mich. Setzt euch doch.“
Tristan stellte seine Tasche neben der von seinen Bruder und kam der Aufforderung nach. Ich dagegen blieb stehen.
„Also, ich würde gerne duschen gehen, wenn es keine Umstände macht.“
„Klar, kein Problem.“ Bianca erhob sich von ihrem Platz und leider musste ich dabei feststellen, dass sie nach meinem Geschmack viel zu nah bei Raphael gesessen hatte. Gab es nicht sowas wie einen Muss-Abstand? Gott, warum interessierte mich das überhaupt? „Komm mit, ich zeigt dir alles.“
Alles entpuppte sich als ein kleines Büro mit einer Schlafcouch, Schreibtisch und Telefon und ein Bad mit Dusche in der ersten Etage. Nachdem sie mir noch Handtücher und Duschzeug gegeben hatte, ließ sie mich alleine und verschwand wieder nach unten zu den Brüdern.
Die nächste halbe Stunde genoss ich einfach nur das heiße Wasser und versuchte nicht an all das zu denken, was heute passiert war. Leider blieb es bei dem Versucht. Es war einfach zu viel, mein Kopf war voll und irgendwann überwältigte mich dass ganze so sehr, dass ich mich weinend in der Duschwanne wiederfand. Ich hatte meine Freunde verloren, ich hatte meine Mutter verloren und ich hatte Sydney verloren. Ich wusste nicht wie es jetzt weitergehen sollte. Klar, wir würden Vivien suchen, aber das konnte doch nicht alles sein.
Wenn ich nur wüsste, wo meine Mutter war. Im Schloss hatte ich wenigstens noch eine Chance gehabt sie wiederzufinden, aber so? Noch dazu mit einem falschen Namen? Das war doch aussichtslos. Im Moment hatte ich also keine andere Möglichkeit, als mich den Brüdern anzuschließen.
Natürlich könnte ich auch versuchen mich alleine durchzuschlagen, aber wenn ich ehrlich war, fürchtete ich mich vor diesem Schritt. Ich hatte noch nie allein zurechtkommen müssen. Allein den Gedanken daran fand ich beängstigend – besonders in dieser Situation.
Als ich aus der Dusche kam, küsste die Sonne bereits den Horizont. Ich trocknete mich ab, wickelte mir ein Handtuch um die Haare und sah mich dem nächsten Problem gegenüber. Ich hatte keine Schlafsachen. Diese Erkenntnis hätte mich fast wieder zum heulen gebracht. Mir war nicht mal ein verdammter Pyjama geblieben.
Da ich nicht wollte, dass irgendjemand nach mir gucken kam, schlüpfte ich dann einfach in eine Jeans und ein Shirt. Wenigstens stank ich nicht mehr nach Gully.
Als ich das Bad dann endlich verließ,wurde es bereits dunkel. Im Haus war so still, dass ich einen Moment glaubte, man hätte mich allen gelassen, doch als ich zurück ins Wohnzimmer ging, sah ich Tristan auf der Couch. Er brütete über einem Berg von Papieren.
Ich schaute mich nach Raphael um, konnte ihn aber nicht entdecken. „Wo ist dein Bruder?“
„Der ist zusammen mit Bianca losgegangen, um Abendessen zu besorgen.“ Er schaute zu mir auf. „Alles in Ordnung bei dir?“
„Warum fragen die Leute sowas immer, wenn die Antwort doch offensichtlich ist?“, murmelte ich und setzte mich neben ihm auf die Couch. Dabei warf ich ein Blick auf den Zettel in seiner Hand. Es war eine Liste mit Namen, wenn ich das richtig sah. „Was ist das?“
„Arbeit der Themis, Leute die noch vermisst werden.“
So viele.
„Sagst du mir, was mit deinen Händen passiert ist?“
Ich musste nicht hinschauen, um zu wissen, was er meinte. Ich wusste wie meine Knöchel mittlerweile aussahen. Grün und blau. „Das hab ich doch schon bei Maggie erzählt.“
„Ja, du hast gegen einen Baum geschlagen. So wie deine Hände aussehen, sogar ziemlich heftig.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich brauchte ein Ventil, wenn ich nicht platzen wollte und Raphael war gerade nicht in der Nähe.“
„Ryder“, korrigierte er mich sofort.
Meine Lippen wurden zu einem dünnen Strich. „Ryder, natürlich.“ Jetzt hatte ich mir gerade angewöhnt, seinen richtigen Namen zu benutzen und jetzt musste ich aufpassen, dass er mir nicht versehentlich über die Lippen rutschte.
„War es im Hof wirklich so schlimm?“, fragte er mich leise.
Was bitte war das denn für eine Frage? „Glaubst du sonst wäre ich weggelaufen?“
Er lehnte sich auf der Couch zurück. „Du bist sehr impulsiv, Clem.“ Der Name schien ihm einige Schwierigkeiten zu bereiten. Verständlich, mir ging es nicht anders. „Ich kann dich schlecht einschätzen.“
Da ich zu müde war, um deswegen sauer zu werden, senkte ich einfach den Blick. „Die Zeit dort … ich habe mich verändert. Meine Mentorin hat mich beleidigt und ich habe ihr dafür den Arm gebrochen. Da ist ständig so eine Wut und wieder habe ich herausgefunden, dass meine Freunde bedeutende Geheimnisse vor mir haben. Außerdem hasst Lucy mich, weil sie glaubt … ach egal.“ Ich schüttelte den Kopf, weil ich einfach nicht mehr daran denken wollte.
Tristan atmete einmal lange aus. „Ich weiß, dass eine Entschuldigung nicht helfen wird, aber es tut mir leid. Es war nie unsere Absicht gewesen, dich in eine solche Lage zu bringen. Wenn ich …“
„Lass gut sein.“ Ich war zu müde für eine solche Diskussion. Mein letzter Schlaf lag zwei Tage zurück und seitdem war so viel passiert, dass ich einfach nur noch erschöpft war. Ich wollte mir nicht länger den Kopf über diese ganzen Dinge zerbrechen. Damit dass ich gegangen war, hatte ich sie alle hinter mir gelassen und so sollte es auch bleiben. „Ich geh schlafen“, sagte ich und erhob mich von der Couch.
„Und was ist mit Essen?“
„Mir ist der Appetit vergangen.“ Damit verschwand ich nach oben in das kleine Büro, das mir heute Nacht zur Verfügung stand. Ich zog noch meine Hose aus, wickelte das Handtuch aus meinen Haaren und kuschelte mich dann auf ein nicht wirklich bequemes Sofa.
Trotz allem was da noch in meinem Kopf los war, kam der Schlaf über mich, kaum dass die Augen geschlossen hatte. Aber es war kein ruhiger Schlaf. Die drohende Grimasse des Königs erschien, die Wut in den Augen fraß sich wie Feuer in meine Seele. Ich spürte Schmerzen wo keine waren, hörte das klagende Heulen eines zurückgelassenen Wolfes. Diego und Lucy erschienen mir. Traurig über meinen Verrat, darüber dass ich sie zurückgelassen hatte und sie dem Zorn des Königs ausgesetzt waren.
Ich träumte von einem kleinen Jungen mit weißen Haaren, der in der Stille der Nacht weinte, von Wölfen, die versuchten mich mit Gewalt zurück in den Hof zu zerren und davon, dass es kein Entrinnen gab. Der König hatte mich gefunden. Er war wütend, packte meine Handgelenke, um weiß Gott was mit mir zu tun …
Mit einem Schrei schreckte ich hoch.
Das erste was ich merkte war, dass ich mich nicht bewegen konnte, weil mich jemand an den Handgelenken ins Bett drückte, das Zweite die beruhigende Stimme von Raphael. Er hielt mich fest. Panisch sah ich mich um, aber da war kein König der mich bestrafen wollte und auch kein kleiner Junge. Ich war in Biancas Büro, hier konnte mir nichts passieren, hier war ich sicher. Immer wieder sagte ich mir das. Ich war in Sicherheit.
Draußen war es noch dunkel. Ich konnte also nicht lang geschlafen haben. Ein dünner Schweißfilm überzog meine Haut, mein Herz klopfte wild gegen meinen Brustkorb und mein Atmen ging stoßweise. Auf meinen Wangen spürte ich Tränen. „Verdammt!“ Ich riss mich von Raphael los und wischte mir die Augen trocken. „Was hast du hier zu suchen? Raus hier!“
„Du hast im Schlaf geschrien“, sagte er entschuldigend. „Als ich dich wecken wollte, hast du versucht mich zu schlagen.“
„Hab ich wenigstens getroffen?“ Ich rieb mir übers Gesicht und versuchte mein Herz dazu zu bewegen, sich zu beruhigen. Ich bin in Sicherheit, sagte ich mir, sie wissen nicht dass ich hier bin. Hier kann mir nichts passieren. Ich bin hier in Sicherheit.
„Nein, meine Reflexe sind zu schnell.“ Auf Raphaels Gesicht zeigte sich ein schüchternes Lächeln.
„Schade.“ Ohne weiter auf ihn zu achten, stand ich auf und ging hinüber ins Bad, um meine Kehle zu befeuchten und mir die Bilder aus meinem Alptraum aus meinem Hirn zu waschen. Leider funktionierte es nur zum Teil. Noch immer sah ich die vorwurfsvollen Blicke meiner Freunde, spürte die Wut des Königs und die Einsamkeit eines zurückgelassenen Wolfes mit sandfarbenen Fell. Es war schlimmer, als den ganzen letzten Monat im Hof. Diese Eindrücke hatten sich richtig in mein Hirn gefressen.
Als ich den Blick zum Spiegel hob, bemerkte ich Raphael hinter mir. Er war mir gefolgt und stand nun mit offenen Haaren und Boxershorts im Türrahmen. Sein Blick klebte auf der Binde an meinem Bein. Das ließ meine Laune gleich in den Keller sinken. „Die Freakshow ist vorbei“, sagte ich kalt. „Du kannst jetzt wieder schlafen gehen.“
„Ich habe nicht geschlafen, ich lag auf dem Sofa und habe einen Film geschaut.“
„Dann geh halt zurück zu deinem Film.“ Ich trocknete mir das Gesicht und drängelte mich dann an ihm vorbei, um wieder in mein Zimmer zu kommen. Leider konnte man meine Tür nicht abschließen, weswegen er mir ungehindert folgen konnte. „Geh weg, ich will schlafen.“
So besorgt wie er mich musterte, hatte er vorerst wohl nicht vor zu verschwinden. „Du hast im Schlaf geschrien.“
„Das kommt vor, wenn man einen Alptraum hat und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst.“
Er ging nicht. „Willst du darüber reden?“
„Wenn ich reden wollte, dann sicher nicht mit dir. Du bist doch der Grund für meine ständigen Alpträume.“
Kummer blitzte in seinen Augen auf und sofort taten mir meine Worte leid. Er hatte wirklich schon genug in seinem Leben durchgemacht. Ein Miststück wie ich war da nicht gerade hilfreich.
„Warte“, sagte ich, als er sich abwandte. „Ich hab es nicht so gemeint. Ich … ich bin einfach nur kein Morgenmensch.“ Ich seufzte schwer. „Tut mir leid, es war nett von dir mich zu wecken, aber trotzdem solltest du jetzt lieber gehen.“
Er zögerte. „Okay, aber wenn du reden willst, kannst du zu mir kommen.“
„Danke.“ Ich hatte nicht vor zu ihm zu gehen, trotzdem fand ich die Geste nett.
„Okay.“ Er ging hinaus.
Ich blieb allein in meinem Zimmer und sah durch das Fenster hinauf zum Mond, der so tröstlich war, wie sonst nur Sydneys Gegenwart.
Sydney …
Verdammt, ich vermisste ihn. Der Gedanke an ihn tat schon richtig weh. Wenn ich nur an unseren Kuss dachte, wurde mein Herz richtig schwer.
Seit ich mit ihm unter diesem Baum gestanden hatte, war so viel passiert, dass eine ganze Ewigkeit dazwischen zu liegen schien, dabei war es gerade mal einen Tag her. Es hatte sich so richtig angefühlt, ihn so nah bei mir zu haben und doch … obwohl ich mich im Augenblick nach meinem Mentor sehnte, fragte ich mich gleichzeitig auch, was Raphael dazu sagen würde, wenn er es wüsste. Ich hatte nichts Falsches getan, oder?
Seufzend legte ich mich zurück ins Bett, doch schlafen konnte ich nicht mehr. Ich lauschte draußen den Grillen und hörte von unten den Film. Ich bekam sogar mit, wie Raphael wenig später hier oben in einem der Zimmer verschwand – also, ich ging davon aus, dass er es war.
Gegen sechs hatte ich keine Lust mehr mich im Bett hin und her zu wälzen und stand auf. Morgenwäsche, anziehen und dann wusste ich nicht was ich machen sollte. Die anderen schliefen noch und wenn ihr ehrlich war, hatte ich gerade kein Interesse auf Gesellschaft.
Auf meinem Streifzug durchs Wohnzimmer eindeckte ich einen eingeschalteten Computer in der Ecke. Erst überlegte ich, ob ich mich ransetzen und eine Runde Solitär spielen sollte, doch als ich den Stuhl hervor zog, kam mir ein ganz anderer Gedanke. Wenn ich sowieso nichts zu tun hatte, dann konnte ich doch das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Also öffnete ich den Internetbrowser und suchte mir ein paar Adressen von Juwelieren in der Stadt heraus, die Schmuck auch ankauften. Eine weitere Recherche verriet mir, wie ich von Vöhl nach Kassel kam.
Ich ging zurück auf mein Zimmer, leerte meine Tasche von meinen Klamotten und legte einen Zettel hin, damit die Brüder wussten wo ich war. Dann machte ich mich auf den Weg zu einem Bus, der nur einmal die Stunde fuhr. Um die Haltestelle zu finden, musste ich einen Passanten fragen und dann noch mal eine halbe Stunde warten.
Als ich endlich in der Stadt ankam, war es bereits neun, doch der Juwelier zu dem ich wollte, machte erst um zehn auf. Also kratzte ich mein letztes Geld zusammen, ging in ein kleines Frühcafe und füllte dort meinen Magen.
Leider lief es anschließend bei dem Schmuckwarenhändler nicht so wie ich mir das vorgestellt hatte. Oh, er hatte Interesse an den Teilen, die ich ihm vorlegte, doch er erklärte mir, dass er solche Stücke nur mit dem dazugehörigen Zertifikat ankaufen konnte.
Bei den nächsten beiden Juwelieren lief es ähnlich, wobei der eine durchblicken ließ, dass er glaubte sie Sachen seien gestohlen und er sicher keine Hehlerware in seine Regale legen würden.
Die leite Adresse auf meiner Liste, war etwas vielversprechender. Nein, auch er kaufte nichts, doch er wies mich auf einen Pfandleiher hin, der hier ganz in der Nähe war und ein Teil der Stücke sicher kaufen würde. Also machte ich mich auf dem Weg zu dem Pfandleiher.
Ich hatte nicht mehr viel Hoffnung, dass Zeug doch noch loszuwerden, doch zu meiner Überraschung nahm er die vier Stücke, die ich ihm vorlegte. Zusammen waren sie sicher ein paar Tausend wert, doch er gab mir gerade mal Tausendvierhundert.
Ich war zufrieden, er war zufrieden und so gingen wir auseinander.
Da ich nun endlich wieder ein wenig Geld in der Tasche hatte, suchte ich mir das nächste Einkaufscenter und ging shoppen. Ich wusste, dass ich mit dem Geld sparsam sein musste, aber ich brauchte nun mal ein paar Klamotten und wenn ich schon dabei war, auch eine kleine Reisetasche und Duschzeug. Das von Bianca roch mir zu künstlich.
Mit hundertfünfzig weniger in der Tasche, machte ich mich auf den Rückweg und klopfte mir innerlich für meine Zurückhaltung auf die Schulter. Vor zwei Monaten noch hatte ich Kreditkarten ohne Limit besessen und dementsprechend niemals auf die Preise geachtet. Ich konnte also stolz auf mich sein.
Der wenige Schlaf in der Nacht machte sich auf dem Rückweg bemerkbar. Immer wieder nickte ich ein und hätte dadurch beinahe meine Haltestelle verpasst.
Als ich Biancas Gehöft erreichte, war bereits der Nachmittag angebrochen. Ich war müde, hungrig, aber ausnahmsweise mal einfach zufrieden. Keine Regeln, kein Druck, nur ich und ein freier Nachmittag. Bisher hatte ich nie verstanden, was für ein schönes Gefühl das sein konnte. Leider hielt es nur bis zu dem Moment, als ich an Biancas Haustür klopfte.
Ich hatte noch nicht mal die Hand heruntergenommen, da wurde sie auch schon von innen aufgerissen und ich sah mich einem wutschnaubenden Raphael gegenüber.
„Kannst du mir mal verraten, wo du gewesen bist?!“
Was war ihm denn für eine Laus über die Leber gelaufen? „In Kassel. Ich habe euch einen Zettel hingelegt, aber davon abgesehen, bin ich dir keine Rechenschaft schuldig.“ Ich drängte mich an ihm vorbei ins Haus und ignorierte es, als er die Tür etwas zu heftig ins Schloss warf.
„Ist dir eigentlich bewusst, dass in der Zwischenzeit sicher das ganze Rudel nach dir sucht? Du bist nicht gerade ein unbekanntes Gesicht, du kannst nicht mehr einfach so auf der Straße herumspazieren.“
Ich drehte mich zu ihm herum und funkelte ihn scharf an. „Ich habe ein paar Sachen gebraucht. Falls es dir nicht aufgefallen ist, ich konnte nicht wirklich viel mitnehmen.“
„Sachen?“ Sein Blick fiel auf die vier Tüten in meiner Hand. „Du warst shoppen? Bist du eigentlich noch zu retten?!“, fuhr er mich an. „Ich will nicht, dass du allein draußen rumläufst!“
„Du willst nicht?“ Das hatte er doch jetzt nicht allen Ernstes gesagt, oder? „Erstens ist es mir egal was du willst und zweitens war ich auch unterwegs gewesen um Geld zu besorgen. Wie mir scheint haben nämlich weder du noch dein Bruder allzu viel davon.“
„Wir kommen klar, wir brauchen dein Geld nicht.“
„Schön, dann behalte ich es eben.“ Wenn er es so wollte, war das sein Problem, ich würde mich ihm sicher nicht aufdrängen. Ich drehte mich um und wollte in mein Zimmer marschieren, aber kaum dass ich nur einen Fuß bewegt hatte, stand er plötzlich vor mir. Mann, wie ich diese Vampirgeschwindigkeit hasste. Es war nicht normal, dass sich jemand so schnell bewegen konnte. Wir starrten uns an. „Geh mir aus dem Weg.“
„Ich denke gar nicht daran.“ Raphael blieb wo er war, unbeugsam wie ein Berg.
Ich machte einen Schritt nach rechts, er verstellte mir sofort den Weg. Ich machte einen Schritt nach links und wieder war er vor mir. Ich versuchte nach links anzutäuschen und ihn dann zu umrunden, aber wieder war er zu schnell für mich. „Kannst du das Mal lassen?“, fuhr ich ihn an.
„Nein kann ich nicht, denn das musst jetzt geklärt werden. Falls du es nämlich nicht bemerkt haben solltest, wir haben dich nur ganz knapp da rausbekommen und ich glaube nicht, dass uns das ein zweites Mal gelingen würde.“ Er beugte sich leicht nach vorne. „Es wäre also wirklich nett von dir, wenn du es uns nicht noch schwerer machen würdest, auf dich aufzupassen.“
Das haute dem Fass den Boden aus. Am liebsten hätte ich ihm eine geklatscht, damit der wieder zu sich kam. „Ich brauche keine Aufpasser, ich komme wunderbar alleine zurecht!“, fauchte ich ihn an. Das kurze Gefühl der Zufriedenheit verpuffte einfach.
„Dann können wir ja wieder gehen!“
„Mach doch!“, schrie ich ihn an. „Hau einfach ab und lass mich in der Scheiße sitzen die du mir eingebrockt hast!“
„Verdammt noch mal, ich habe dir gesagt dass es mir leid tut, was soll ich denn noch tun? Sag es mir, damit wir diesen ganzen Mist endlich hinter uns haben!“
„Da kannst du gar nichts machen! Es gibt keine Möglichkeit das alles wieder …“
„Könnt ihr mir mal erklären, warum ihr Euch hier die Köpfe einschlagt?“, fuhr Tristan dazwischen. Er stand auf halber Höhe der Treppe. Im Türrahmen zum Wohnzimmer stand Bianca.
Ich hatte mich so in Rage geredet, dass ich weder ihn, noch sie bemerkt hatte.
Als keiner von uns etwas sagte, seufzte Tristan. „Okay Leute. Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber wenn wir das zusammen durchziehen wollen, dann müsst ihr einen Waffenstillstand schließen, denn so wie ihr euch verhaltet, ist das Ganze schon zum Scheitern verurteilt, bevor wir überhaupt losgefahren sind. Also, bekommt ihr das hin?“
Still funkelten Raphael und ich uns an. Ich wollte keinen Waffenstillstand, ich wollte ihn weiter anbrüllen, ihn nieder machen, ihm all das um die Ohren werfen, was ich seinetwegen zu erdulden hatte, doch ich wusste, wenn ich nicht zurückgelassen werden wollte, hatte ich keine andere Wahl.
„Bekommt ihr das hin?“, fragte Tristan nun schon ungeduldiger.
Ich nickte steif.
„Ja“, sagte Raphael.
Wir alle wussten, dass der kleinste Auslöser reichen würde, damit wir wieder aufeinander losgingen, aber Tristan sagte nichts weiter dazu. Er kam die Treppe herunter und zog dabei seine Motorradschlüssel aus der Tasche. „Maggy hat gerade angerufen. Ich geh die Papiere holen. Schafft ihr es euch nicht gegenseitig zu zerfleischen, bis ich wieder zurück bin?“
Im Einklang warfen Raphael und ich ihm einen vielsagenden Blick zu.
Tristan lachte auf. „Okay. Clem, ich brauche das Armband.“
Wieder dieser Name. „Ja, Moment, ich habe es hier.“ Ich stellte meine Tüten auf den Boden und kramte in meiner Tasche herum, bis ich das gesuchte Stück gefunden hatte. Dabei fiel mir sehr wohl auf, wie Bianca den Hals streckte, also drehte ich ihr den Rücken zu, als ich Tristan das Schmuckstück reichte.
„Ich bin in ungefähr zwei Stunden zurück“, erklärte Tristan und ließ das Armband in der Tasche seiner Lederjacke verschwinden. „Seid nett zueinander. Beide.“
Bei seinem strengen Blick, hätte ich ihn fast angeknurrt. Da das aber sicher nicht gut ankäme, schnappte ich mir einfach meine Tüten und flüchtete nach oben in das kleine Büro. Die Tür knallte ich hinter mir extra laut zu.
So ein Idiot, was machte der mich so blöd an? War ja nicht so, dass ich aus Langeweile ins Kino gegangen wäre. Ich brauchte die Sachen wirklich. Und außerdem lebten in Städten doch nur Abtrünnige und Streuner, die Gefahr von einem Werwolf entdeckt zu werden, war also so gut wie nicht vorhanden.
„Der sollte sich dringend mal das Hirn durchblasen lassen“, murrte ich und setzte mich mit meinen Tüten und Taschen auf mein Bettsofa, um meine Sachen umzusortieren. Die neuen und sauberen Klamotten landeten zusammen mit meinem Waschzeug in der kleinen, grauen Reisetasche, die dreckigen in einer Tüte – fragte sich nur, wie ich die wieder sauber bekam. Das restliche Zeug ließ ich in meiner Kuriertasche.
Als mir das Bettelarmband in die Hand fiel, wurde mir schwer ums Herz. Klar, ich hatte meine Mutter nie oft gesehen, aber ich hatte wenigstens immer die Möglichkeit gehabt sie zu erreichen. Als kleines Mädchen hatte ich jeden Abend mit ihr telefoniert und ihr von meinem Tag erzählt. Ich wusste noch, wie sie mir immer gespannt gelauscht und manchmal sogar eine gute-Nacht-Geschichte am vorgelesen hatte.
Erst als ich älter wurde und ich mich viel zu erwachsen für solch alberne Kindereien gefühlt hatte, wurden die anrufe auf den Sonntag reduziert. Wie dumm ich doch gewesen war. Jetzt gerade würde ich so gut wie alles dafür geben, mit meiner Mutter sprechen zu können. Aber leider konnte ich im Augenblick nur hoffen, dass sie es ihr gut ging und sie wirklich in Sicherheit war.
Um den düsteren Gedanken Einhalt zu gebieten, nahm ich das Armband ab und lies es in einer Seitentasche verschwinden. Dann machte mich über die letzte Tüte her. Eine Sache die ich gekauft hatte, war nicht wirklich nötig gewesen, aber sie war mir wichtig: Eine neue Ledermappe. Schon auf dem kurzen Weg hier her war das Bild von Tristan in dem grünen Papporder halb zerdrückt worden und da es sicher noch ein Weilchen in meiner Tasche bleiben musste, wollte ich dass es geschützt war.
Also nahm ich es aus dem Ordner und legte es in die Mappe. Auch den Fotostreifen vom Flohmarkt und das Bild von meinem Vater landete darin. Es war kaum zu glauben, dass das alles erst vor ein Paar Wochen entstanden war. Ich hatte das Gefühl, es lagen ganze Äonen zwischen heute und damals. Es war auf jeden Fall ein anderes Leben gewesen. Ein glücklicheres.
Ein Klopfen an der Tür bewegte mich dazu die Mappe eilig zuzuschlagen. „Was?“, knurrte ich und ließ sie in meiner Tasche verschwinden – gerade rechtzeitig, bevor die Tür sich öffnete. Als ich Raphael sah, wurde meine Laune gleich wieder ein wenig schlechter. „Wenn du nur wieder gekommen bist, um mich blöd von der Seite anzumachen, kannst du direkt wieder verschwinden.“
Er ging nicht, aber er kam auch nicht näher, so als wüsste er nicht genau, wie er sich verhalten sollte. „Ich habe mir Sorgen gemacht“, erklärte er dann leise. „Ich weiß ich hätte dich nicht so anfahren dürfen, aber allein da draußen kann dir so viel passieren.“
„Ach und das rechtfertigt dein Verhalten?“
„Nein“, gab er zu und seufzte leise. „Ich habe übertrieben und es tut mir leid.“
Ich könnte mich nun quer stellen und ihn hochkantig aus dem Zimmer werfen. Ich öffnete sogar schon den Mund, um ihm zu erklären, wohin er sich seine Entschuldigung stecken konnte. Aber davon abgesehen, dass wir eine Weile miteinander klarkommen mussten, sah ich die Reue in diesen wunderschönen Augen.
Zum erste Mal seit unserem Wiedersehen, sah ich richtig hin. Er wirkte müde und schien ein wenig abgenommen zu haben. Schatten lagen unter seinen Augen und der Zug um seinen Mund wirkte verkniffen. So kannte ich ihn gar nicht. Darum schüttelte ich einfach den Kopf und stopfte die restlichen Sachen in meine Tasche. „Egal, vergessen wir es einfach.“ Ewig darauf herumhacken, brachte eh nichts.
Zögernd machte er einen Schritt in den Raum, blieb dann aber wieder stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, als wüsste er nicht wohin damit. „Also … hast du gerade etwas zu tun?“
„Du meinst, außer darauf zu warten, was als nächstes passiert?“ Ich steckte die Tüten zusammen und stopfte sie zu meinen anderen Sachen in die Tasche.
Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Hast du dann vielleicht Lust mir zu helfen?“
„Helfen?“
„Ich wollte gleich das Abendessen machen, selbstgemachte Lasagne und könnte ein wenig Unterstützung gebrauchen.“
Kochen? Das war so alltäglich und normal, dass ich einen Moment gar nicht wusste, was ich dazu sagen sollte. „Ich weiß gerade mal, wie man eine Tiefkühlpizza in den Ofen schiebt.“
Dafür bekam ich das erste richtige Lächeln seit unserem Wiedersehen. „Dann sollten wir deine Fähigkeiten wohl ein wenig ausbauen, meinst du nicht auch?“
Ich schaute von ihm zu meinen Taschen. Hier hatte ich nichts mehr zu tun und würde wahrscheinlich nur wieder anfangen nachzudenken. „Okay, lass uns Lasagne machen.“
Einen kurzen Moment wirkte er positiv überrascht. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich mitmachen würde. Ganz ehrlich, ich hätte selber nicht damit gerechnet.
„Okay“, sagte er langsam und löste die Arme wieder. „Dann komm.“
Mit Raphael in die Küche gehen, um zu kochen erschien mir einfach nur surreal. Doch ich ging mit ihm hinunter und schon zehn Minuten später stand ich über einer Schüssel und knetete den Teig für die Lasagneplatten, während Bianca an dem kleinen Tisch in der Küche saß und immer wieder versuchte Raphael in ein Gespräch zu verwickeln. Der allerdings war viel zu sehr damit beschäftigt, eine – wie er sagte – Béchamelsoße zusammenzurühren, um ihr seine volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Dass ihm das alles so leicht von der Hand ging, sollte mich eigentlich nicht wundern, schließlich hatte er laut eigener Aussage mal eine Ausbildung zum Koch begonnen. Allerdings konnte ich ihn nicht danach fragen. Wie Tristan gesagt hatte, wir waren hier inkognito und nur wir durften wissen, wer wir waren.
Immer wieder merkte ich, wie Raphael zu mir schaute und vorsichtig lächelte, wenn ich seinen Blick erwiderte. Aber es war irgendwie belastend. Früher hatten wir ungezwungen miteinander umgehen können und jetzt schien es so, dass keiner sich traute den Mund aufzumachen, aus Angst er könnte etwas Falsches sagen. Daher schwiegen wir die meiste Zeit. Und als die fertige Lasagne dann im Ofen war, war es Biancas Stimme, die das Schweigen zwischen uns füllte. Ich entschloss mich dazu schnell duschen zu gehen.
Als ich wieder runter kam, war der Tisch bereits gedeckt und Bianca kostete gerade ein kleines Stück der fertigen Lasagne. Von einer Gabel. Die Raphael in der Hand hielt. Und dabei lag auch noch ihre Hand auf seiner Schulter.
Ich musste ein Knurren unterdrücken. Gott, mir war wirklich nicht mehr zu helfen.
„Das schmeckt fantastisch“, lobte unsere Gastgeberin ihn.
„Aber deswegen musst du ihn nicht gleich befummeln“, murrte ich und setzte mich an den Tisch.
Bianca nahm sofort ihre Hand weg und ging ein wenig auf Abstand.
Raphael wirkte ein kleinen wenig erstaunt.
Ich ignorierte beide. Mir doch egal, was sie miteinander trieben, nur mussten sie es ja nicht direkt vor meiner Nase tun.
Gerade als Raphael das Essen auf den Tisch stellte, klingelte es an der Tür und Bianca nutzte die Gunst der Stunde, um sich eilig aus dem Staub zu machen. „Ich hoffe es schmeckt dir“, sagte er und machte mir eine ordentliche Portion auf den Teller.
„Wenn nicht, ist es wahrscheinlich meine eigene Schuld.“ Riechen tat sie jedenfalls schon mal himmlisch.
Trotz der Gefahr, dass ich eine falsche Zutat in das Rezept gegeben hatte, trennte ich mir ein Stück von der Lasagne ab und steckte sie mir todesmutig in den Mund. „Hm“, machte ich und schaufelte gleich noch ein etwas größeres Stück hinterher.
„So wie du gerade guckst, kannst du wohl doch kochen.“ Er befüllte noch die anderen drei Teller und setzte sich dann direkt neben mich an den Tisch.
„Nein, aber ich kann Anweisungen befolgen. Manchmal“, schränkte ich ein und schaffte es ihm tatsächlich ein kleines Lächeln zu schenken.
Er wollte etwas darauf erwidern, schloss den Mund aber wieder, als Bianca mit Tristan im Schlepptau zurück in die Küche kam.
Ich hob zur Begrüßung die Hand. Sprechen konnte ich nicht, da ich mittlerweile meine halbe Portion im Mund hatte. Das war aber auch lecker. Die ganze Zeit im Schloss hatte ich beinahe tägliche extravagante Gerichte vorgesetzt bekommen, von denen ich die meisten Namen nicht mal hatte aussprechen können. Aber keine von ihnen reichte an diesen Genuss heran.
Bianca setzte sich an den am weitesten von Raphael entfernten Platz und vermied es einen von uns anzuschauen.
Gut so, bleib bloß weg von ihm.
Bevor Tristan sich setzte, zog er einen braunen Umschlag aus seiner Tasche und legte ihn mir neben den Teller. Dann nahm der den Platz gegenüber ein und begann seine Portion zu verdrücken.
Ich schluckte meinen Bissen herunter, legte ein Besteck zur Seite und griff nach dem Umschlag. „Sind das die Papiere?“
Da er den Mund bereits voll hatte, nickte er nur.
Neugierig zog ich mehrere Sachen heraus. Eine Geburtsurkunde, einen Reisepass und einen Personalausweis. Auf zwei der Dokumente prangte mein Bild, doch die Daten die dazu standen, kannte ich nicht. Laut ihnen hieß ich Clementine Joy, war seit einem Monat zweiundzwanzig und in Saarbrücken geboren.
Das war ich jetzt also, eine Fremde.
Völlig unerwartet spürte ich ein Brennen in den Augen. Das war albern, schließlich waren das hier keine neuen Informationen, aber es schwarz auf weiß zu sehen, machte es irgendwie viel realer. Durch diese Papiere wurde mir etwas vor Augen geführt, das ich bisher übersehen hatte. Mit meiner Flucht, mit meiner Entscheidung alles hinter mir zu lassen, was ich kannte, hatte ich mich auch dazu entschieden Cayenne hinter mir zu lassen. Ich existierte nicht länger.
Ohne ein Wort zu sagen, verließ ich den Tisch und ging mit den Dokumenten in der Hand in mein Zimmer. Ich brauchte einen Moment für mich allein, doch als ich dann auf meinem Bett saß und den braunen Umschlag anstarrte, fühlte ich mich auf eine Art verlassen, für die es keine Worte gab.
Ich merkte erst dass ich weinte, als eine Träne auf den Umschlag tropfte. Mit diesen Sachen in meiner Hand war es beschlossen, es gab für mich kein Zurück mehr. Diese Erkenntnis schockierte mich so sehr, dass ich nicht mal auffuhr, als Raphael einfach in mein Zimmer kam und sich nach kurzem zögern neben mich ins Bett setzte. Er sagte kein Wort, als er mich in die Arme nahm und ich ließ es einfach zu.
„Jetzt ist alles anders“, flüsterte ich und spürte eine weitere Träne, die mir über die Wange rollte. Alles was geschehen war, wirkte auf einmal bedeutungslos, denn laut diesen Papieren, war es nicht mir passiert.
„Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein“, erwiderte er genauso leise.
Vielleicht hatte er recht, aber leider konnte ich im Moment auch nichts gutes an der Sache sehen. „Warum Clementine? Warum wolltest du, dass ich mich so nenne?“
„Ich mag den Namen. Ich habe ihn irgendwann mal in einem Buch gelesen und er hat mir gefallen.“
„Also bin ich jetzt eine Romanfigur?“ Fast hätte ich gelacht. Stattdessen hob ich aber meine Hand ans Gesicht, um mir die nervigen Tränen wegzuwischen.
Raphael musste seine Arme gezwungenermaßen sinken lassen. „Du bist noch immer du, daran kann nichts und niemand etwas ändern.“
„Doch“ widersprach ich und zog meine Reisetasche heran. „Diese Papiere können es.“ Etwas zu ruppig stopfte ich sie zu meinen Klamotten. Leider verschwanden sie nicht, nur weil ich den Reißverschluss zuzog. Wer verschwand, war Cayenne. Ruhe in Frieden, Kleines.
Raphael ließ die Schultern sinken. „Vielleicht solltest du über die ganze Sache noch einmal nachdenken“, sagte er leise. „Mir scheint, dass du mit deiner Entscheidung nicht glücklich bist.“
„Da gibt es nichts zum nachdenken.“ Meine Entscheidung war in dem Moment gefallen, als ich mich dazu entschied, ein unschuldiges Kind dazu zu missbrauchen, mir aus dem Schloss zu helfen.
„Bist du dir wirklich sicher?“, fragte er sanft.
Seufzend ließ ich von meiner Tasche ab. „Es gibt für mich kein Zurück. Lieber lebe ich in der Gosse, als je wieder ein Fuß über die Schwelle des Schlosses zu setzten.“
Meine bitteren Worte schienen ihn zu bedrücken. „Wenn ich nur könnte …“, begann er.
„Ich weiß, aber Entschuldigungen helfen hier nicht. Es ist alles weg, mein ganzes Leben und niemand kann es mir zurück geben.“ Ich presste die Lippen aufeinander und versuchte den Kummer im Zaun zu halten. „Und das ist deine Schuld“, fügte ich noch leise hinzu. Es war kein Vorwurf, mit dem ich ihn verletzten wollte, es war einfach nur eine Tatsache, aber sein Schweigen sagte mir, dass ich genau das getan hatte.
Wir saßen still da, keiner wusste was er sagen sollte. Jedes Wort schien auf einmal falsch zu sein und für nur noch mehr Kummer zu sorgen. Als die Stille zu erdrückend wurde, stand Raphael auf.
„Geh nicht“, bat ich. „Bleib bei mir.“ Meine Worte überraschten nicht nur ihn, aber ich wollte jetzt nicht alleine sein und ich wollte nicht dass er ging. „Lass mich nicht wieder allein.“
Für einen Moment sah es so aus, als würde er seinen Ohren nicht trauen. Dann griff er sich die beiden Taschen und stellte sie auf den Boden. „Leg dich hin“, bat er mich und erst als ich seiner Aufforderung zögernd nachgekommen war, streckte er sich neben mir aus und warf die Decke über uns beide.
Wir berührten uns nicht, doch er war nahe genug, dass ich seinen Atem im Gesicht spüren konnte.
„Danke“, flüsterte ich und legte meine Hand auf seine. Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte, aber hier und jetzt blieb er bei mir und nahm mir damit ein wenig meiner Einsamkeit.
Er verflocht seine Finger mit meinen. Sein Daumen strich dabei ganz vorsichtig über meine wunden Knöchel, so als wollte er sie allein mit dieser Berührung heilen. „Ich werde dich nie wieder alleine lassen.“
Ich wollte ihm glauben, so sehr, aber in den letzten Wochen hatte ich eins mehr als deutlich gelernt: vertraue niemanden außer dir selbst und schon gar nicht jemanden, der mir schon so viel Schmerz zugefügt hatte. Darum schloss ich einfach die Augen und schief trotz der noch frühen Stunde einfach ein. Was folgte war eine der wenigen traumlosen Nächte, in der sich sowohl mein Körper, als auch mein Geist einfach mal erholen konnten.
Als ich stunden später blinzelnd erwachte, ging bereits die Sonne auf. Tastend suchte ich nach Raphael, nur um festzustellen, dass die andere Betthälfte leer war. Er lag nicht mehr neben mir. Ich richtete mich ein wenig auf und suchte den Raum mit den Augen nach ihm ab, doch die Tür war zu und ich war alleine.
Meine Lippen wurden schmal. So viel war sein Versprechen also wert. Nur eine Nacht und er war wieder weg.
Wahrscheinlich war er nur aufgewacht und war gegangen, um mich nicht zu stören, oder er hatte einfach mal pinkeln müssen, aber ich fühlte mich dennoch betrogen.
Warum beschwerte ich mich eigentlich? Mit meinem Abgang hatte ich auch Leute im Stich gelassen. Meine Freunde, Sydney. Nur hatte ich niemand von ihnen versprochen, zu bleiben. Ich hatte immer deutlich gemacht, dass ich gehen würde, sobald ich konnte, als letztes dem kleinen Samuel.
Wie es dem Kleinen wohl ging? Wahrscheinlich nicht allzu gut. Genau wie ich war er ein Gefangener in einem goldenen Käfig, nur mit dem Unterschied, dass ich ihm entkommen war.
Mein Blick fiel auf das altmodische Telefon auf dem Schreibtisch und mir kam mein Versprechen in den Sinn.
Ich wusste, dass es keine gute Idee war. Am Besten wäre es, wenn ich diesen Teil meines Lebens einfach vergaß und trotzdem schwang ich die Beine aus dem Bett, nahm mir das Telefon setzte mich damit vor den Schreibtisch auf den Boden. Dann wählte ich meine eigene Handynummer.
Es war noch ziemlich früh, aber wenn ich Samuel richtig einschätze, wartete er bereits auf diesen Anruf. Es klingelte genau zwei Mal, bevor am anderen Ende abgenommen wurde.
„Hallo?“
Ein Gefühl von Erleichterung durchströmte mich, als ich seine Stimme hörte. Ich lächelte und lehnte meinen Kopf an den Schreibtisch. „Hi Kleiner, ich bin es, Cayenne.“
„Ich habe deinen Anruf bereits gestern erwartet.“
Das klang wie ein Vorwurf und zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. „Tut mir leid, ich bin vorher noch nicht dazu gekommen. Wie geht es dir?“
„Ich kann nicht klangen, aber seit du verschwunden bist, ist die Lage vor Ort ein wenig angespannt. Großvater ist sehr wütend.“
Das konnte ich mir sogar bildlich vorstellen. „Aber mit dir ist alles in Ordnung?“
„Ja. Sie wissen nicht, dass ich an deiner Flucht beteiligt war. Ich habe den Brief zu Mutter gebracht, so wie du es gesagt hast. Sie hielt es zuerst für einen Scherz meinerseits, aber dann haben sie Umbra Joel in deinem Schrank gefunden.“
Ach ja, den hatte ich ja schon vergessen. „Wie geht es Joel? Ich hoffe er ist nicht ernstlich verletzt.“
„Er hat ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma erlitten, aber du kannst beruhigt sein, ansonsten geht es ihm gut.“
Das beruhigte mich wirklich ein wenig. „Hat er etwas gesagt? Hat er dich in meinem Zimmer gesehen?“ Das war eine wirklich gute Frage. Samuel hatte hinter der Tür gestanden und wenn er ihn gesehen hatte, dann wäre der Kleine jetzt sicher in Schwierigkeiten. Warum hatte ich nicht früher daran gedacht? Ach ja, weil ich mit meiner Flucht beschäftigt war.
„Ich glaube nicht.“
Gott sei Dank.
„Großvater ist auch auf ihn und Umbra Logen sauer.“ Es raschelte auf ihrer Seite des Telefons. „Mir wurde zugetragen, dass du auf einem Motorrad aus Silenda geflohen bist.“
„Ein paar Freunde haben mich abgeholt.“
„Und wo bist du jetzt?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“ Nicht dass ich ihm nicht vertraute, aber je weniger er wusste, umso weniger würde ich ihn belasten. Immerhin war er noch ein kleines Kind. „Aber keine Sorge, mir geht es gut.“
„Ich mache mir keine Sorgen“, erklärte er ernst. „Ich bin nur neugierig und damit stehe ich nicht alleine da, die ganze Familie fragt sich das. Mutter und Tante Alica sind deswegen sogar in Streit geraten. Großvater ging dazwischen, woraufhin Mutter ihm eine Backpfeife gab und dann mit ihm schimpfte.“
Blair hatte Isaac eine geknallt?! Das hätte ich zu gerne gesehen.
„Den anderen Brief habe ich übrigens auch überbracht“, sagte er in meine Gedanken hinein. „Du weißt schon, den an Historiker Sydney.“
Meine Familie war mit einem Schlag vergessen und plötzlich war da nur noch dieser Kuss unter dem Baum in meinen Gedanken. „Wie geht es ihm? Hat er meinen Brief gelesen?“
„Ja. Ich bin in der Nacht zu ihm gegangen. Du hast ja gesagt, dass keiner davon etwas wissen soll. Ich hab ihm dem Brief gegeben, aber seit du weg bist, ist er traurig.“
Ich schloss die Augen und beschwor sein Bild herauf. „Aber ansonsten geht es ihm gut?“
„Körperlich scheint es ihm nichts zu fehlen, aber ich glaub er vermisst dich.“
Ich vermisste ihn auch. So sehr, dass es schon fast wehtat. Nie hätte ich damit gerechnet, dass er in so kurzer Zeit einen so bedeutsamen Platz bei mir einnehmen konnte. „Sag Sydney, dass es mir gut geht und er sich keine Sorgen machen soll. Sag ihm … sag ihm, dass er mir fehlt, aber verrate nicht, woher du das weißt. Wenn er fragt, sag ihn einfach, dass ich dir verboten hätte darüber zu sprechen.“
„Ich bin ein Alpha“, erklärte er, als sei mir diese Tatsache entgangen. „Mir sagt niemand, was ich zu tun habe.“
Lass das bloß nicht deine Mutter hören. „Und sag ihm, dass er nicht traurig sein soll. Er soll …“
Das Knarren einer Diele bracht mich dazu zur Seite zu schauen. Die Tür zum Büro war nicht mehr geschlossen. Zwischen Rahmen und Tür war ein kleiner Spalt offen und direkt dahinter stand Raphael.
Mist.
°°°°°
„Samuel, ich muss Schluss machen“, sagte ich und schaute dabei zu, wie Raphael die Tür weiter aufschob. Es bestand kein Grund mehr sich verborgen zu halten, ich hatte ihn schließlich bemerkt.
„Das kommt ein wenig plötzlich. Du hast doch gerade erst angerufen.“
Ja, aber leider waren wir nicht länger unter uns und so wie Raphael mich fixierte, würde er mir gleich den Arsch aufreißen. Das brauchte der Kleine nicht mitbekommen. „Ich melde mich wieder, versprochen.“
„In Ordnung.“
„Bis dann.“ Ohne Raphael aus den Augen zu lassen, legte ich den Hörer auf. Wie er mich ansah, gefiel mir nicht. Es erinnerte mich an eine Katze, die eine Maus vor der Nase hatte und nur darauf wartete, sich auf sie zu stürzen. Trotzig erwiderte ich seinen Blick.
Er öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder, nur ihm ihn gleich wieder zu öffnen. „Wer ist Sydney?“
O-kay, die Frage überraschte mich. Ich hatte eher damit gerechnet, dass er mir Vorhaltungen machte, weil ich im Schloss angerufen hatte. Er musste einfach kapiert haben, dass ich eben mit meinem Cousin telefoniert hatte und trotzdem fragte er nach Sydney? Ich stand auf und stellte das Telefon zurück auf den Tisch. „Es ist unhöflich zu lauschen.“
Sein Blick verdüsterte sich. „Ich habe nicht gelauscht. Ich war im Bad und als ich raus kam, habe ich dich hier reden gehört.“
„Und dann hast du gelauscht.“
Meinen Kommentar wurde geschlissen ignoriert. „Du hast meine Frage nicht beantwortet.“
„Und das werde ich auch nicht, weil es dich absolut nichts angeht.“ Warum ich ihm nicht einfach sagte, wer Sydney war, war ganz klar: ich wollte nicht, dass Raphael von ihm wusste. Schon allein dass er nun den Namen kannte, ging mir gegen den Strich.
„Es geht mich etwas an, wenn du damit unsere Mission in Gefahr bringst.“
„Sydney ist keine Gefahr.“ Zumindest nicht für die Mission. In Sachen Raphael sah das ganz anders aus. Ich wollte immer noch nicht wissen, was geschehen würde, sollten die beiden aufeinander treffen.
„Das kann ich wohl besser entscheiden als du, also sag es mir, wer der Kerl ist.“
Und da ging mir ein Licht auf. „Deine Eifersucht ist hier völlig fehl am Platz.“
Raphael ballte die Hände zu Fäusten. „Ich bin nicht eifersüchtig.“
„Ja, genauso wenig wie ich eifersüchtig war, als ich dich mit Elena gesehen habe.“
„Das war etwas völlig anderes, Elena ist nur ein unwichtiges Mädchen.“
„Mag sein“, räumte ich ein. „Aber dieses Gespräch ist trotzdem beendet.“ Ich wandte mich von ihm ab und wollte mir ein paar saubere Klamotten aus meiner Tasche nehmen, doch plötzlich war er bei mir, packte mich am Arm und riss mich zu sich herum. Meine wölfische Seite erwachte aus ihrem Schlummer. Ein Knurren vibrierte tief in meiner Kehle.
Überrascht lockerte er seinen Griff und ich konnte mich losreißen.
„Sei vorsichtig“, warnte ich ihn, „ich bin nicht mehr die, die ich war.“
Sein kühler Blick war etwas völlig ungewohntes. „Das sehe ich. Das Mädchen, dass ich kannte, hätte mit mir geredet und sich nicht wie ein Tier verhalten.“
Das reichte, damit ging er entschieden zu weit und fachte meine Wut an. „Das Mädchen, dass du kanntest ist tot“, knurrte ich. „Du hast dafür gesorgt und das hier aus mir gemacht. Also tu gefälligst nicht so überheblich. Du trägst hier die Schuld, nicht ich.“
„Dafür dass du mir die ganze Zeit solche Vorwürfe machst, hängst du aber noch ganz schön an den Leuten im Schloss“, schoss er zurück. „Langsam frag ich mich, ob das Ganze nicht einfach nur eine schlechte Show deinerseits ist.“
Eine Show? Fast hätte ich ihm eine geklebt. „Pass auf was du sagst, Vampir.“
„Ach“, höhnte er, „sind wir jetzt schon so unpersönlich, uns mit Rassen anzusprechen, Lykaner?“
Langsam wurde ich richtig zornig. Jedes Mal wenn er den Mund öffnete, wollte ich einfach nur reinhauen. „Ich bin ein Misto, du verdammtes Arschloch! Und wegen dir …“
„Meint ihr nicht, es ist noch ein wenig früh zum Streiten?“
Unisono wandten Raphael und ich uns zur Tür, wo Tristan sich in Boxershorts und einem zerknitterten T-Shirt, müde die Augen rieb. „Was ist hier eigentlich schon wieder los? Ich dachte zwischen euch herrscht Waffenstillstand.“
„Tat es auch.“ Meine Stimme war tiefer als gewohnt und immer noch mit einem leicht knurrenden Ton versehen. „Aber ich kann es nicht leiden belauscht zu werden.“
„Sie hat im Schloss angerufen“, sagte er schlich und so ruhig, das ich ihm dafür am liebsten den Hals umgedreht hätte.
„Ach, jetzt geht es plötzlich darum?“, fuhr ich auf. „Eben hast du noch versucht herauszufinden, wer Sydney ist, da war es dir ganz egal, wo ich angerufen habe.“
„War es nicht.“
„Und warum hast du dann nach Sydney gefragt und nicht nach Samuel?“
„Sydney?“, unterbrach Tristan, bevor Raphael etwas erwidern konnte. „Sydney Sander? Der oberste Historiker im Hof?“
Na super, Tristan kannte ihn offensichtlich. In dem Moment war Schweigen Gold, also hielt ich einfach meine Klappe. Es ging keinem von beiden an, wer Sydney war und was es mit ihm auf sich hatte.
„Ein Historiker?“ Raphael wirkte nach meinem Geschmack plötzlich ein bisschen zu erheitert. „Du schickst einem Historiker Briefchen?“
„Und? Er war wenigstens für mich da, als du es nicht warst!“, giftete ich ihn an.
„Das konnte ich ja wohl schlecht, du hast mich davongejagt und außerdem warst du im Schloss! Wie bitte hätte ich da an dich rankommen sollen?“
„Wenn du es gewollt hättest, wäre dir sicher etwas eingefallen, du hast es ja schließlich auch geschafft ein Mädchen zu finden, dass sie verborgen gehalten haben, um dann ihr ganzes Leben zu ruinieren! Du hattest kein Interesse an mir, darum hast du nichts getan! Ich hab dir nicht gegeben, was du wolltest und von da an war ich dir völlig egal! Es war dir egal was du angerichtet hast und auch, dass du … “
„Ich hab dich angerufen!“, fauchte er mir ins Gesicht.
Mein Mund klappte zu, als ich an die unzähligen Anrufe dachte, bei denen ich nie mehr als ein leises Atmen gehört hatte. Oh nein, das konnte doch nicht wahr sein. „Du warst der stille Anrufer?“
Seine Lippen waren eine grimmige Linie. „Ich wollte einfach … keine Ahnung.“ Er wich meinem Blick aus.
Ich konnte es nicht fassen. Die ganze Zeit fühlte ich mich von ihm im Stich gelassen und er horchte mich heimlich aus! „Du bist einfach nur krank.“
Er funkelte mich an. Seine Kiefer mahlten so heftig aufeinander, dass er demnächst sicher einen Zahnarzt aufsuchen müsste. Dann kehrte er mir einfach den Rücken und verließ das Büro. Wenige Sekunden später hörte ich am Ende des Flures eine Tür knallen.
Tristan dagegen kam herein und schloss die Bürotür leise von innen, während ich dastand und vor Wut bebte.
„Willst du mir jetzt auch Vorhaltungen machen?!“, fauchte ich ihn an.
„Nein.“ Er blieb die Ruhe selbst, als er sich auf die Kante meines Bettes setzte. „Aber möchte das dieses Gespräch zwischen und bleibt.“
Bianca, natürlich. Die war durch das Geschrei sicher auch schon auf den Beinen.
„Es ist gefährlich in deiner Situation im Schloss anzurufen.“
„Keine Sorge, ich war nicht so dumm eine Nummer von dort zu wählen. Ich habe mein eigenes Handy angerufen.“ Erschöpft sank ich neben ihm aufs Bett. „Ich musste einfach anrufen.“
„Warum?“ Aus seiner Stimme klang kein Tadel, nur ehrliche Neugierde.
„Weil ich es versprochen hab.“ Ich stützte das Gesicht in meine Hand. „Weißt du, ich bin da nicht alleine raus gekommen, ohne Samuel hätte ich das nicht geschafft. Er hat mir sozusagen Tür und Tor geöffnet und ich habe ihm gesagt, dass ich mich bei ihm melden würde. Ich halte meine Versprechen.“
„Du hast ihm dein Handy gegeben?“
Ich nickte. „Es mitzunehmen erschien mir zu gefährlich. Wenn sie es bei ihm finden, ist es nicht so schlimm und er braucht mich. Du glaubst gar nicht wie einsam der Kleine ist.“ Ich seufzte. „Und ich hab ihn einfach im Stich gelassen.“
Langsam hob Tristan den Arm und legte ihn mir tröstend um die Schultern. „Du hattest keine Wahl.“
Mag sein, und trotzdem änderte es nichts daran, dass ich ihn zurückgelassen hatte, obwohl ich wusste, dass er mich brauchte. Niemand sonst im Schloss hatte ihm die Aufmerksamkeit gegeben, nach der sein unschuldiges Herz lechzte.
„Darf ich dich mal etwas fragen?“
Ich zuckte die Achseln.
„Was hat es mit Sydney Sander auf sich?“
„Gar nichts“, log ich. „Er ist … war mein Mentor.“ Mehr sagte ich dazu nicht. Es war sowieso schon zu viel, dass sein Name überhaupt bekannt war, der Rest ging ihn nun wirklich nichts an. Besonders nicht der verwirrende Teil meiner Gefühle und unser letztes Zusammensein. Aber eines interessierte mich noch. „Woher kennst du ihn?“
„Ich kenne ihn nicht, aber mein Schwager hat ihn ein paar Mal erwähn. Du weißt schon, er hat dort gearbeitet.“
Stimmt, er war ja Umbra.
„Okay.“ Tristan drückt mich. „Mach dich fertig, wir müssen los.“
Irritiert hob ich den Kopf. „Los?“
„Du hast im Schloss angerufen und wir können nicht wissen, ob dein Handy bei deinem Cousin nicht schon entdeckt …“
„Er würde mich nicht verraten“, unterbrach ich ihn sofort.
„Das vielleicht nicht“, räumte er ein, „aber du kannst dir nicht sicher sein, dass der König ihn nicht vielleicht überwacht, oder ihn sogar dazu gezwungen hat, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Ich will nicht riskieren noch hier zu sein, falls wirklich Wächter auftauchen.“
Verdammt, da hatte er recht. Samuel würde dicht halten, das wusste ich, aber ich konnte mich nicht sicher sein, das König Isaac mein Handy nicht schon bei ihm entdeckt hatte. Und wenn dem so wäre, bräuchte er nur warten bis ich mich meldete – was ich getan hatte – um mich dann frisch fröhlich einzukassieren. „Gib mir zehn Minuten, dann können wir los.“
„Okay, und hey, es wird schon alles wieder gut werden.“ Er drückte mich noch einmal. „Das Nomadendasein ist gar nicht so schlimm. Manchmal macht es sogar Spaß.“
„Das werde ich dir wohl einfach glauben müssen.“ Denn vorstellen konnte ich es mir nicht. Das konnte aber auch daran liegen, dass mir die Zukunft im Moment sowieso nicht besonders rosig vorkam.
Tristan ließ mich alleine, damit ich mich umziehen konnte. Meine Sachen von gestern tauschte ich gegen eine Jeans und ein schwarzes Tanktop ein und flocht meine Haare zu einem Zopf, der mir auf den Po reichte. Dann sammelte ich meine wenigen Habseligkeiten ein, steckte ein Teil des Geldes in meine Hosentasche und ließ mein Blick ein letztes Mal durch mein Zimmer schweifen um sicher zu gehen, dass ich auch nichts vergessen hatte.
Als ich nach unten ging, fand ich Tristan im mit seinen Motorradhelm und der gepackten Tasche bereits im Flur. Um Raphael zu finden, musste ich meinen Blick ein wenig schweifen lassen. Er stand im Wohnzimmer und sprach mit Bianca. Und wieder tatschte sie seinen Arm an.
Trotz allem machte mich das sauer. Keine Ahnung was da bei mir schief lief, aber ich hatte plötzlich das dringende Bedürfnis ihr die Hände auf dem Rücken zu binden, damit sie sie endlich bei sich behielt.
„Er warnt sie nur. Wegen der Wächter.“
Ich drehte mich wieder zu Tristan und bemerkte dabei seinen seltsamen Blick. Irgendwie neugierig, aber auch zurückhaltend. So hatten die Wölfe im Schloss mich auch immer mal wieder angesehen. Erst da bemerkte ich, das mein Odeur um mich herum wallte. Toll, ich hatte mal wieder nicht bemerkt, wie ich es benutzte. „Wird sie Probleme bekommen, wenn die hier auftauchen?“
„Nein. Sie wird für ein paar Tagen zu Freunden fahren. Raphael hat das Türschloss von außen so manipuliert, dass es aussieht, als seien wir hier eingebrochen. Sollte wirklich jemand hier auftauchen, wird man vermuten, dass wir ihre Abwesenheit genutzt haben, um uns hier eine Zeitlang einzuquartieren.“ Er schaute kurz zu Boden. „Du solltest dein Odeur nicht benutzen.“
Ich lächelte schief. „Warum? Du weißt doch, alle Omegas lieben ihre Alphas.“ Bevor er darauf etwas erwidern konnte, legte ich ihm eine Hand an die Wange und streichelte ihn mit meiner Aura. Ich wusste nicht genau warum ich das machte, aber plötzlich hatte ich das Bedürfnis. Vielleicht einfach nur, um die Bande zwischen und zu verstärken.
Tristan schloss einfach die Augen und entspannte sich sichtlich. Wie Lucy einmal zu mir gesagt hatte: Sich in der Nähe eines Alphas aufzuhalten, war für das Rudel beruhigend und er war ein Teil meines Rudels. Vielleicht war das auch ein Grund gewesen, warum er so bereitwillig nach Silenda gekommen war. Das wäre das erste Mal, dass mein Alpha-Status zu etwas gut gewesen wäre.
„Wenn ihr dann fertig seid, könnten wir dann gehen?“ Raphaels Worte waren so schneidend, dass ich gar nicht anders konnte, als ihm einen bösen Blick zuzuwerfen.
Tristan dagegen machte hastig einen Schritt zurück und wandte sich ab. „Ja, können wir“, erklärte er und war der erste, der zur Haustür hinaus verschwand.
Raphael bedachte ihn noch mir einem vernichtenden Blick, bevor er ihm folgte.
Einen Moment war ich am überlegen, ob ich mich noch von Bianca verabschieden sollte. Trotz allem hatte sie und hier aufgenommen, aber so wie ich gerade drauf war, war das wahrscheinlich keine gute Idee. Seufzend löste ich mein Odeur auf und ging den beiden dann nach.
Tristan saß bereits startklar auf seiner Maschine, während Raphael noch seine Tasche festzog und sich erst dann in den Sattel schwang.
Ich nahm den Helm, den er mir entgegenhielt, setzte ihn mir auf den Kopf und schob meine Taschen auf den Rücken, damit sie nicht im Weg waren.
Als ich mich dann hinter Tristan auf die Maschine schwang, war dieser verwirrt und Raphael stinksauer. Das konnte ich daran erkennen, dass er mit seiner Maschine losbrauste, ohne auf uns zu warten. Es war mir egal. Wir würden Stunden unterwegs sein und ich hatte keine Lust sie bei jemanden zu verbringen, mit dem ich mich die ganze Zeit nur stritt.
°°°
„Gibst du mir bitte die Mayo?“
Tristan, der neben mir saß, griff in die Papiertüte und suchte zwischen Bürgern und Fritten das kleine Tütchen mit der Soße für meine Fritten raus.
Es war Stunden her, dass wir Vöhl verlassen hatten, der Mittag war schon lange angebrochen. Noch ein bis zwei Stunden und wir würden die Grenze nach Holland überqueren.
Da wir aber aus offensichtlichen Gründen das Frühstück hatten ausfallen lassen müssen und unsere Mägen deswegen gerade irgendwo zwischen unseren Kniekehlen hauste, hatten wir einen kurzen Stopp bei so einem Burgerschuppen eingelegt. Doch da keiner von uns Lust auf den ganzen Publikumsverkehr hatte, hatten wir unser Essen eingepackt und uns einen ruhigen Rastplatz an der Autobahn gesucht.
Ich quetschte das Tütchen auf meiner Serviette aus, stuckte eine Fritte hinein und sah mich um. Großer Parkplatz, Picknicktische, fest im Boden verankerten Bänke, ein kleines Toilettenhaus und jede Menge Müll neben den Eimern. Man sollte doch meinen, wenn die Leute sich schon die Mühe macht zu den Mülleimern hinzugehen, dass man seine Reste dann auch in den Behälter werfen konnte.
Außer uns befanden sich noch ein anderes Auto auf dem Rastplatz. Der Picknicktisch neben unserem war belegt. Zwei Männer in Anzug und Krawatte hatten sich dort nieder gelassen und brüteten über einem Notebook.
Eine weitere Fritte fand den Weg in den Mund, als der Mann mit dem Nussbraunen Haar von seinem Bildschirm aufsah und meinem Blick begegnete. Er lächelte mich freundlich an und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu.
Mit einem Knurren bedankte mein Magen sich für die erste Speise des Tages.
Irgendwie schon seltsam, dachte ich, dass Anzugträger auf einem Rastplatz arbeiteten. Die hatten doch sicherlich ein nettes Büro mit Klimaanlage, wo einem nicht so viele Käfer um den Kopf schwirrten.
Tristan griff erneut in die Tüte und wedelte dann mit einem Burger vor meiner Nase herum.
Von dem leckeren Duft lief mir der Speichel im Mund zusammen. Burger und Fritten waren wirklich das leckerste Essen, was die Menschheit je erfunden hatte. Naja, von Schokolade und Banana Split mal abgesehen. „Danke.“ Ich nahm ihn und wickelte das Papier ab.
Raphael griff von der anderen Seite des Tisches rüber und stibitzte sich eine Pommes von seinem Bruder. Es gab wohl einfach Dinge, die änderten sich nie, ganz egal wie sehr die Welt aus den Fugen geriet.
„Wach ich noch ragen wochte …“
„Was?“ Das kam von Tristan. Raphael hatte mich mit keinem Wort mehr gewürdigt, seit wir aus dem Bauernhaus verschwunden waren. Ob er nun sauer war, weil ich bei Tristan mitgefahren war, oder weil ich ihm nicht von Sydney erzählt hatte, konnte ich nicht sagen, aber er strafte mich jedenfalls mit eisigem Schweigen. Wenn er es so wollte, bitte, sollte er doch in seiner eigenen Suppe schmoren.
Ich schluckte meinen Bissen herunter, und versuchte es noch einmal.
„Was ich noch fragen wollte, was genau passiert jetzt eigentlich? Also, wenn wir in Amsterdam sind.“
Tristan zuckte die Achseln. „Recherchieren und hoffen einen Anhaltspunkt zu finden. Parallel dazu werden wir versuchen in die Szene reinzukommen und Rücksprache mit den Themis vor Ort halten.“
„Themis vor Ort? Heißt das, es gibt euch überall?“ Ich biss ein großes Stück vom Cheeseburger ab. Ketchup lief mir aus dem Mundwinkel. Hastig streckte ich die Zunge danach aus, bevor er auf mein Top tropfen konnte.
„Überall dort wo Fänger und Händler Geschäfte machen“, erklärte Tristan und nahm sich selber noch einen Burger.
Klang logisch. „Was sind das denn für Leute bei den Themis. Ihr und auch Bianca wirkt ja recht normal, aber wenn ich da an Future denke.“ Die war schon eine Nummer für sich gewesen.
„Future ist kein Maßstab“, erklärte Tristan. „Der überwiegende Teil bei den Themis sind im Grunde normale Leute, die schlechte Erfahrung mit den Skhän gemacht haben, oder der Sache aus anderen Gründen ein Ende setzten wollen.“
„Andere Gründe?“ Mein Blick schweifte über den Rastplatz und begegnete wieder dem Mann mit dem Anzug. Er zwinkerte mir zu. Na toll, ein lüsterner Knacker, igitt. Ich streckte ihm die Zunge raus und vertilgte den Rest meines Burgers.
„Ein paar von uns sind selber einmal Sklaven gewesen. Andere sind … hm, Kriminelle ist wohl ein zu harter Ausdruck. Auf ihren Rachefeldzügen nach den Skhän haben sie sich nicht immer ans Gesetzt gehalten und werden deswegen von den Wächtern gesucht.“
„Kommt mir irgendwie bekannt vor“, murmelte ich.
„Ja“, sagte Tristan ohne zu zögern. „Auch wir werden gesucht. Besonders seit wir einen schlechten Einfluss auf eine gewisse Prinzessin ausüben. Das wird nicht gerne gesehen.“
„Schlechter Einfluss also.“ Das war eine interessante Auslegung für die Dinge. „Bist du damit nicht gewissermaßen ein Abtrünniger?“ Ich steckte eine weitere Fritte in den Mund und sah nach, ob der Kerl mich immer noch beobachtete. Als er meinen Blick bemerkte, wandte er sich schnell seinem Notebook zu. Ich runzelte die Stirn. Was sollte das denn?
Tristan schüttelte den Kopf. „Ich trage den Geruch des Rudels.“ Als er die drei Fragezeichen in meinem Gesicht bemerkte, fragte er: „Hat man die das nicht erklärt?“
„Nein“, musste ich zugeben. „Es gibt viele Dinge, die man mir vorenthalten hat, da sie mich wohl zu sehr abgelenkt hätten.“
„Naja“, sagte er. „Ich wurde weder von einem Alpha ausgeschlossen, noch habe ich das Rudel durch eigene Intention verlassen.“
„Und was hat das mit dem Geruch zu tun?“ Ich riskierte einen weiteren Blick an den Nachbartisch. Der Kerl beobachtete mich immer noch aus den Augenwinkeln. Sollte ich ihm vielleicht einen Mittelfinger zeigen, damit er verstand, dass er sich seine Blicke und sein Gezwinker sonst wo hin stecken konnte? Alte Kerle die auf junge Mädchen abfuhren, waren doch wirklich das Letzte. Außerdem sah er doch, dass ich hier mit zwei Jungs saß, die wesentlich besser aussahen und eher meinem Alter entsprachen. Da konnte er sich doch denken, dass er bei mir an der falschen Adresse war.
„Er verändert sich. Es gibt dazu mehrere Theorien, von denen keine Wissenschaftlich belegt werden kann. Sicher ist nur, wer abtrünnig wird, oder wie die Streuner niemals zum Rudel gehört hatte, verändert seinen Eigengeruch. Die bekannteste Theorie dazu ist, dass es mit der Lebensart und den veränderten Umständen zusammenhängt – äußere Einflüsse eben.“ Er griff nach einer Fritte, doch bevor er sie berührte, hatte Raphael sie schon geklaut in in seinem Mund verschwinden lassen.
Tristan schaute ihn böse an und nahm eine andere.
„Und das glaubst du?“
Bevor Raphael sie ihm auch noch streitig machen konnte, nahm er sich die letzten beiden Pommes von seiner Serviette und ließ sie in seinem Mund verschwinden. „Ich glaube, dass es mit dem zusammenhängt, was wir sind.“
„Hä?“ Das verstand ich ich nicht.
„Wir sind Lykaner, Clementine. Durch den Mond verwandeln wir uns in Tiere und auch wieder zurück. Wir sind ein Mythos und absolut nicht nachvollziehbar.“
„Wir sind ein Mythos.“ Na das war doch mal eine erstklassige Erklärung.
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie es Raphael in den Fingern juckte, sich jetzt an meinen Pommes zu verlustieren, doch er entschied sich dafür, dass er noch viel zu beleidigt war, um das zu tun und biss stattdessen in seine Burger. So ein Kleinkind!
„Vampire können noch durch die Evolution erklärt werden …“
Der Kerl am Nebentisch zog sein Handy heraus und warf mir bei seinem Gespräch ständig heimliche Blicke zu.
„… wir dagegen sind uns manchmal selber ein Rätsel …“
Mr. Anzugträger steckte das Handy weg, warf mir einen nervösen Blick zu und flüsterte dann seinem Tischnachbarn etwas zu.
„… und können nur wenig mit Sicherheit …“
„Was gibt es denn da ständig zu glotzen?“, unterbrach Raphael in ihn unsanft und folgte meinem Blick an den Nebentisch.
Es konnte sprechen! „Der Kerl da beobachtet mich die ganze Zeit so komisch.“
Tristan folgte mit einem Blick meinem ausgestreckten Zeigefinger.
„Verdammt“, fluchte Raphael.
Tristan erhob sich. „Wir gehen.“
Verwirrt sah ich von einem zum anderen. „Was ist denn los.“ Ich kletterte über die Bank und nahm meine Taschen auf den Rücken.
„Lykaner“, knurrte Tristan und führte mich am Ellenbogen von den Tischen fort.
Der Anzugträger sprang auf und eilte uns hinterher. „Entschuldigen Sie“, rief er.
Ich warf einen Blick über die Schulter und wäre dabei fast gestolpert. Tristan zog mich einfach weiter.
„Entschuldigen Sie bitte, hallo?“
Raphael holte bereits seine Motorradschlüssel auf der Tasche, doch in dem Moment als wir die Maschinen erreichtem, war der Anzugträger auch da und noch bevor irgendjemand eine Chance hatte aufzusteigen schnappte er mich am Arm und zog mich mit einem Ruck in seine Richtig.
„Hey!“ Als ich versuchte meinen Arm zu befreien, drückte er so fest zu, dass es schon wehtat. „Au! Das tut weh! Lassen sie mich los!“
„Ich fürchte, dass das nicht geht“, sagte der Mann bedauernd und nahm die Länge meines Haars in Augenschein. „Noch nicht jedenfalls.“
Au scheiße, der wusste wer ich war! Jetzt wurde ich leicht panisch, ich wollte nicht zurück. „Pfoten weg!“
Von der Seite kam eine Faust angeflogen und landete direkt im Gesicht des Typen. Es gab ein widerlich knirschendes Geräusch und endlich kam ich frei. Tristan schob mich sofort zu seiner Maschine, während Raphael noch einmal zuschlug und den fluchenden Mann damit ins taumeln brachte.
Leider war der Mistkerl nicht alleine – also der im Anzug, nicht Raphael. Der zweite Kerl kam angeschossen und holte aus. Es war allein Raphaels schnellen Reflexen zu verdanken, dass er nicht erwischt wurde. Dafür traf der Schlag aber Tristan an der Schulter, wodurch der nach vorne geschubst wurde und mich einen kurzen Moment zwischen sich und der Maschine einklemmte.
Knurrend fuhr Tristan herum und stieß den Idioten weg, als nun der versuchte nach mir zu greifen.
In dem Moment bemerkte ich die beiden schwarzen Geländewagen, die mit einem Affenzahn auf den Rastplatz einfuhren und dabei auch fast noch einen Mülleimer mit sich rissen.
Der eine Wagen hielt direkt vor uns, der andere seitlich und dann purzelten links und rechts die Wächter aus den Wagen.
Nein, nein, nein.
Hätte Tristans Maschine mir nicht im Weg gestanden, wäre ich hastig zurückgewichen, so jedoch konnte ich mich nur halb hinter seinen Schultern verbergen. Und dann musste ich mit Entsetzen sehen, wie die Wächter ihre Waffen zogen und sie auf die Brüder richteten.
Ein derber Fluch kam über Raphaels Lippen, bevor er hastig ein paar Schritte zurück machte und sich schützend vor mich schob.
Mister Anzug lag stöhnend am Boden und ließ sich von seinem Freund auf die Beine helfen, während sich eine mir vertraute Person nach vorne drängte. „Zivilisten aus dem Weg“, rief sie und nahm dann Tristan und Raphael ins Visier. In dem Moment wirkte sie so bedrohlich und Gefühlskalt wie ich sie noch nie gesehen hatte. Victoria.
Verdammt, wie kam die denn hier her?!
„Gebt die Prinzessin raus und wir bleiben friedlich. Wir wollen nur Prinzessin Cayenne.“
Während ihr Blick sich auf mich fokussierte, gingen die beiden Zivilisten eilig aus dem Weg und verbarrikadierten sich in ihrem Wagen, von wo sie alles sicher verfolgen konnte.
Raphaels Muskeln spannten sich an. „Ich glaube aber nicht, dass sie mit ihnen gehen will.“
Ich hörte das Klicken, als die Waffen entsichert wurden.
„Ich werde euch kein zweites Mal bitten“, drohte Victoria.
Vor meine Augen erschien plötzlich ein Blutbad. Knallende Waffen und Tristan und Raphael die zu Boden gingen, weil sie mich beschützen wollten. Das konnte ich nicht zulassen. „Stopp!“, rief ich und drängte mich zwischen den beiden Kerlen nach vorne. Auf mich würden sie doch nicht schießen, oder? Aber sie würden auf mich hören, immerhin war ich ihr Alpha. „Waffen runter“, knurrte ich sie an und gab mich stärker, als ich mich fühlte. Mein Herz hämmerte wie wild und ich wäre am liebsten in die andere Richtung davongelaufen.
Keiner der Anwesenden bewegte auch nur einen Muskel.
„Waffen runter, hab ich gesagt! Das war ein Befehlt!“ Mein Odeur brach sich los und schlug den acht Wächtern mit solcher Macht um die Ohren, dass sie alle gleichzeitig zusammenzuckten. Selbst Tristan schien einen Moment in Deckung gehen zu wollen „Und auch ich wiederhole mich nicht“, fügte ich hinzu.
Einen angespannten Moment passierte gar nichts. Dann senkten sie alle zögernd die Waffen.. Einen direkten Befehl von einem Alpha konnten sie nicht ignorieren.
„Prinzessin Cayenne.“ Die Wächter wirkten alle etwas verunsichert, Victoria dagegen ließ sich keine Gefühlsregung anmerken. Sie machte sogar noch einen Schritt auf mich zu, was Tristan warnend knurren ließ – er war äußerst angespannt. „Wir sind gekommen, um Euch nach Hause zu bringen und ich würde es vorziehen, wenn ihr uns aus freien Stücken begleitet. Wenn nicht sind wir befugt, Euch mit den nötigen Mitteln zurück ins Schloss zu holen.“
„Wie nett“, spottete ich und konnte nicht verstehen, wie die Frau mit der ich jahrelang unter einem Dach gelebt hatte, mit einem Mal so fremd sein konnte. „Es gab mal eine Zeit, da hast du zur Familie gehört“, sagte ich leise.
In ihren Augen gab es eine kurze Gefühlsregung. „Ich unterstehe dem Befehl unseres Königs.“
„Und befolgst damit die Anweisungen eines Tyrannen. Wenn Mama dich jetzt nur sehen könnte. Sie wäre sowas von enttäuscht von dir. Ich bin enttäuscht von dir.“
Die Gefühlsregung verschwand hinter einer Wand aus Eis. Das hatte sie getroffen. „Bitte begleitet mich freiwillig.“ Sie machte noch einen Schritt auf mich zu, der mich automatisch einen Schritt zurückweichen ließ. Verdammt, wie kamen wir aus der Nummer raus? „Oder ich werde zu anderen Mitteln greifen müssen.“
„Ich werde niemals in diesen Folterknast zurückkehren.“
„Dann lasst Ihr mir keine andere Wahl.“ Sie schnippte mit den Fingern und augenblicklich setzten sich die Wächter in Bewegung. Sie selber streckte so plötzlich ihre Hand nach mir aus, dass ich erschrocken ein Schritt zurück tat und gegen Tristan prallte. Der zog mich in einer schnellen Bewegung hinter sich und schlug gleichzeitig Victorias Arm weg.
Dann ging alles ganz schnell. Tristan versuchte gleich noch einmal nachzusetzen, doch Victoria versetzte ihm einen gezielten Tritt gegen sein Bein und schickte ihn damit zu Boden. Ein Mann eilte ihr zu Hilfe und noch bevor Tristan es zurück auf die Beine schaffte, sah er sich plötzlich zwei Gegnern gegenüber.
Unterdessen musste Raphael sich gegen drei Wächter zur Wehr setzten. Irgendwie unfair. Ein Werwolf war einem Vampir kräftemäßig schon von Natur aus überlegen. Zum Glück glich er das durch seine Schnelligkeit aus. Es schien ihm sogar richtig Spaß zu machen, den Wächtern immer wieder durch die Lappen zu gehen und sie mit Sprüche wie „zu langsam“ und „vielleicht das nächste Mal“ oder „jetzt hattest du mich fast“ zu verhöhnen.
Ich wollte Tristan helfen, doch leider waren da noch drei Wächter übrig, die mir einfach den Weg abschnitten und damit begannen mich einzukreisen. Sie nährten sich nur langsam und drängten mich damit immer weiter zurück. Meine einzige Waffe gegen sie war mein Odeur, dass ich gezielt auf sie schleuderte und sie mir damit vom Leib halten konnte. „Wagt es nicht mich anzurühren“, knurrte ich und ließ keinen von ihnen aus den Augen. „Oder ihr werdet es bereuen.“
Leider hatten sie ihre Befehle und sich fürchteten sich mehr vor dem was der König mit ihnen tun würde, als vor meinen leeren Drohungen.
„Wir müssen Euch zurückbringen“, erklärte mir einer von ihnen, als würde es das entschuldigen.
„Fasst mich an, und ich werde einem nach dem anderen die Knochen brechen.“ Sie wussten, dass ich die Kraft dazu hatte, aber von meinen Hemmungen wussten sie hoffentlich nichts.
„Es geht nicht anders, Prinzessin Cayenne.“
Plötzlich schlangen sich von hinten zwei Arme um mich und hoben mich hoch, als würde ich nichts wiegen.
„Nein!“, schrie ich und begann zu strampeln und nach hinten auszutreten. Verdammt, wo kam der denn auf einmal her?! „Lass los!“ Ich krallte dem Kerl meine Fingernägel in den Arm und hörte ihn vor Schmerz zischen, doch dann kamen die anderen Drei an.
Links und rechts packte jeweils ein Wächter mich bei den Armen. Der Kerl hinter mir ließ einfach los, sodass ich auf den Boden knallte. Sie zerrten mich wieder hoch und begannen mich zu dem seitlichen Wagen zu ziehen.
„Nein! Pfoten weg!“ Ich versuchte mich mir den Füßen gegen den Boden zu stemmen, doch ich hätte mir schon die Arme abhacken müssen, um von denen loszukommen. Sie waren einfach zu stark. „Ryder!“
Einer der Wächter eilte an mir vorbei und riss die Tür zur Rückbank des Wagens auf.
Das war der Moment, in dem ich Panik bekam. „Nein!“, schrie ich und stemmte mich mit einem Bein gegen die Karosserie. Sie würden es mir brechen müssen, wenn sie mich auf diese Art da hineinbekommen wollten. „Nehmt eure Flossen von mir!“, brüllte ich sie an und versuchte mich abzustoßen. „Lass mich los! Ich will da nicht mehr hin!“
Plötzlich wurde einer der Wächter einfach wurde von mir fortgerissen und dann noch einer. Ein anderer versuchte seinen Platz einzunehmen, doch ich stieß mich mit aller Kraft vom Wagen ab und katapultierte damit mich und einen der Wächter zu Boden.
Der Aufprall war hart. Ich stieß mir den Kopf am Asphalt, aber ich spürte den Schmerz nicht. Da war einfach zu viel Adrenalin in meinem Blut. Aber was ich spürte, war der Kerl, der noch immer nicht von mir ablassen wollte. Er versuchte zurück auf die Beine zu kommen und mich gleichzeitig mit hochzuziehen, doch ich schlug nach ihm und wehrte mich aus Leibeskräften.
Eine Wächterin eilte auf uns zu und wollte ihrem Kollegen helfen, doch bevor sie uns erreichen konnte, rammte Raphael sie von der Seite und schmetterte sie mit solch brachialer Gewalt gegen den Wagen, dass sie vor Schmerz einen Schrei ausstieß. Dann war er bei mir und warf sich auf den Kerl, der mich einfach nicht loslassen wollte.
Sobald ich frei war, rollte ich mich zur Seite und sprang zurück auf die Beine, nur um dann völlig zu erstarren. Oh mein Gott.
Raphael hockte über dem Kerl und schlug zu. Immer und immer wieder. Das Gesicht des Mannes war schon ganz blutig. Er bewegte sich nicht mal mehr. Die Wächterin lag zusammengesunken am Wangen und auch sie rührte sich nicht.
Als ein anderer Wächter von der Seite auf die beiden zustürzte, sprang Raphael fauchend auf und stürzte sich mit ausgefahrenen Reißzähnen auf ihn. In der nächsten Sekunde hatte er seine Fänge in den Hals des Mannes versenkt und riss an seinem Hals, als wollte er ihm die Kehle zerfetzen. Er war … wie im Rausch.
Plötzlich hörte ich Tristan hinter mit brüllen. Ich wirbelte herum und sah, wie ein breitschultriger Kerl ihm im Schwitzkasten hatte und ihm langsam die Luftzufuhr abschnürte. Victoria hockte ein Stück weiter auf dem Boden und schien ein wenig orientierungslos.
„Verdammt!“ Ohne zu zögern rannte ich los und sprang dem Wächter in den Rücken. Dadurch brachte ich ihn aus dem Gleichgewicht und wir stürzten alle drei zu Boden.
Mehr brauchte Tristan nicht, um sich endlich aus dem Griff zu befreien. Er rollte herum, sprang auf die Beine und noch während ich mich wegrollte, holte er mit dem Fuß aus und trat dem Kerl so heftig gegen den Kopf, dass der Bewusstlos in sich zusammensackte.
Schwer atmend versicherte Tristan sich, dass der Kerl wirklich bewusstlos war, dann kam er zu mir und riss mich zurück auf die Beine.
Ein Schrei ließ uns beide herumwirbeln.
Der Kerl den Raphael gebissen hatte, lag mit blutender Kehle am Boden. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig.
Raphael schlug auf einen weiteren Mann ein. Der wehrte sich nicht mal mehr. Er hatte die Arme nur um den Kopf geschlungen, um dich vor den Schlägen des Vampirs zu schützen. Doch Raphael schlug wie von Sinnen immer und immer wieder zu.
„Er wird ihn umbringen“, flüsterte ich. „Hör auf!“, schrie ich ihn an.
Mitten in der Bewegung hielt er an. Schwer atmend, blutend und zerzaust schaute er zu mir auf und schien nicht zu verstehen, was hier gerade passiert war. Er ließ den Blick über das Schlachtfeld um uns herum gleiten. Die meisten waren bewusstlos. Einer hielt sich schmerzverzerrt das Bein. Victoria versuchte wacklig zurück auf die Beine zu kommen.
Als der Mann unter Raphael wimmerte, sprang er wie von der Tarantel gestochen auf die Beine und wich hastig ein paar Schritte zurück. Es schien, als wüsste er selber nicht, was er da gerade getan hätte, noch wie er es geschafft hatte, sechs ausgebildete Wächter niederzuschlagen.
„Komm.“ Tristan legte mir eine Hand auf den Rücken und wollte mich zu den Motorrädern schieben. „Lass uns verschwinden, bevor noch mehr von denen hier auftauchen.“
Ich wich ihm aus und eilte stattdessen zu Raphael, der gerade den Saum seines Shirts hochriss und versuchte sich damit das Blut aus dem Gesicht zu wischen. Es war schon ein sehr makaberer Anblick.
Als ich ihm am Arm berührte, zuckte er zusammen. Er schien selber nicht zu verstehen, was hier gerade passiert war. „Lass uns gehen“, sagte ich leise und nahm ihn wie einen kleinen Jungen an die Hand. Er ließ sich von mir widerstandslos mitnehmen.
Tristan saß schon auf seiner Maschine. Er reichte sowohl mir, als auch seinem Bruder einen Helm.
Ich setzte mir meinen eilig auf den Kopf, schob meine Taschen wieder auf meinen Rücken, die ich wie durch ein Wunder bei mir behalten hatte und schwang mich hinter Raphael in den Sattel, kaum dass dieser saß.
„Cayenne!“
Bei dem Ruf schauten wir alle alarmiert über unsere Schultern.
Victoria hatte es zurück auf die Beine geschafft. In ihrer Hand lag eine Waffe, aber die zeigte zum Boden, als hätte sie nicht die Kraft sie zu heben. Wahrscheinlicher war aber, dass sie ihren Blick nicht fokussieren konnte und Angst hatte ausversehen mich zu treffen.
„Tut das nicht“, sagte sie bittend. „Komm wieder nach Hause.“
„Ich habe kein Zuhause mehr“, sagte ich kalt und stellte meine Beine nach oben.
Raphael ließ den Motor aufheulen und gab Gas. Ich klammerte mich so fest an ihn, dass ich sein Zittern spürte. Egal was da gerade passiert war, es haftete noch an ihm.
Mit einem Blick über die Schulter versicherte ich mich, dass Tristan direkt hinter uns war, dann spürte ich wie die Maschine an Fahrt gewann und schon im nächsten Moment rasten wir mit viel zu hoher Geschwindigkeit über die Autobahn.
Wie zum Teufel hatten die Wächter uns hier nur gefunden? Daran war bestimmt dieser Anzugtyp schuld. Er musste mich erkannt und an die Wächter verpfiffen haben. Dieser Gedanke war bitter.
Es stimmte also, das Rudel war auf der Suche nach mir. Und wie dieser Vorfall zeigte, wussten sie auch, wie ich aussah. Mein Bekanntheitsgrad war in den letzten Wochen wohl hör gestiegen, als ich angenommen hatte. Ich musste dafür sorgen, dass sowas nie wieder geschah und auf die Schnelle gab es da nur eine Möglichkeit.
Die nächsten Stunden hielt wie nicht mehr an. Raphael schien so viel Abstand wie möglich zwischen uns und den Rastplatz bringen zu wollen.
Erst als wir die Grenze zu Holland hinter uns gelassen hatten und in eine kleine Stadt mit Namen Aalten fuhren, hielten wir an einer Tankstelle. Zum einen, um die Tanks der Motorräder wieder aufzufüllen und zum anderen um Getränke und Abendessen zu besorgen.
Raphael wartete draußen. Er hatte zwar ein dunkles T-Shirt an und seinen Helm auf dem Kopf, aber wir wollten nicht riskieren, dass vielleicht doch jemand bemerkte, was genau die Flecken auf seinen Klamotten waren. Ich konnte immer noch nicht fassen, was er getan hatte und auch wenn er mir damit den Arsch gerettet hatte, wusste ich nicht was ich davon halten sollte. Ich konnte nicht mal sagen, ob er die Wächter einfach nur schwer verletzt hatte, oder es unter ihnen jetzt einen Toten gab.
Als Tristan noch damit beschäftigt war, unser Abendessen zusammenzusuchen, schnappte ich mir eine Coloration die sich Chocolat nannte und eine Bastelschere und ging sie an der Kasse bezahlen. Ich ließ sie in meinem Rucksack verschwinden, bevor der bald einzige Blondschopf in unserer Gruppe wieder zu mir stieß.
Sobald wir alles hatten, suchten wir uns eine kleine Herberge für die Nacht.
Heute würden wir es nicht mehr nach Amsterdam schaffen und es dämmerte schon. Höchste Zeit sich ein bisschen auszuruhen.
Wir fanden ein kleines Motel, das zwar ziemlich heruntergekommen wirkte, aber scheinbar kein Problem mit Ungeziefer hatte – das hoffte ich zumindest. Der schmuddelige Mann an der Rezeption mit den Essensresten zwischen den Zähnen, verlangte für die Nacht Vorkasse und gab uns dann die Zimmerschlüssel.
Das Nebengebäude mit den Zimmern besaß zwei Etagen. Die Türen waren alle nach außen. Die Räume in der ersten Etage waren durch eine Treppe zu erreichen, die auf eine Galerie führten. Unser Zimmer war dort oben, genau in der Mitte.
Als ich es betrat, wurden meine schlimmsten Befürchtungen erfüllt. Ein großes Doppelbett mit Nachttischen und einem kleinen Schrank in der Ecke, auf dem ein abgeranzter Fernseher stand, war alles, was die Einrichtung zu bieten hatte. Es gab noch eine Tür, die in ein Bad führte.
„Willkommen im Plaza“, witzelte Raphael und drängte sich an mir vorbei ins Zimmer. Er warf wie Tristan seine Sachen in die Ecke und verschwand dann als erster im Bad. Gleich darauf begann schon das Wasser zu rauschen.
Ich konnte ihn verstehen.
„Hier.“ Tristan drückte mir die Tüte mit den Einkäufen von der Tankstelle in die Hand. „Setzt dich hin und iss erstmal was.“ Er selber schlüpfte zu seinem Bruder in das kleine Bad.
Die Tür blieb einen Spalt offen, aber über das Rauschen des Wassers konnte ich nur ein leises Murmeln verstehen. Naja, bis Raphael fauchte: „Lass mich!“ und dann irgendwas knallte.
Ich stellte meine Taschen neben das Bett, genau wie die Tüte. Hunger hatte ich keinen. Stattdessen suchte ich mir eine Jogginhose und ein Longshirt heraus und hoffte inständig, dass die hier saubere Handtücher hatten. Die Coloration und die Bastelschere wickelte ich in meine Klamotten. Dann setzte ich mich aufs Bett und wartete.
Erst als das Wasser abgestellt wurde, kam Tristan wieder heraus. Er versuchte es zu verbergen, aber ich sah seine Besorgnis. Es war wohl auch für ihn nicht alltäglich, dass sein Bruder so ausflippte.
„Du hast ja gar nichts gegessen“, bemerkte er, als er die unberührte Tüte sah.
Ich zuckte mit den Schultern. „Kein Hunger.“
Seine Lippen wurden dünn. Dann warf er einen kurzen Blick zum geschlossenen Bad. „Hör zu, wegen dem Rastplatz: Sei …“
Die Badtür öffnete sich und Raphael trat mit einem Handtuch um die Hüfte heraus. „Ich hab gesagt du sollst es gut sein lassen“, knurrte Raphael und ging zu seiner Tasche, ohne jemanden von uns in der Augen zu schauen.
Tristan schien etwas dazu sagen zu wollen. Dann fiel sein Blick auf mich und er schloss den Mund wieder.
Ich verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. „Wenn es euch nicht stört, werde ich das Bad jetzt mal ein Weilchen besetzten.“ Ich schnappte mir meine Sachen und verschwand in dem wirklich winzigen Raum.
In der Ecke lag ein demolierter Edelstahlmülleimer. Das erklärte den Knall, den ich gehört hatte.
Ich legte meine Klamotten auf den Klodeckel, öffnete meine Zopf und und fand mich dann mit der Schere in der Hand vor dem Spiegel wieder.
Wenn ich das tat, dann würde ich endgültig Clementine werden, eine Fremde in meinem Körper. Aber was hatte ich schon für eine Wahl? So etwas wie auf dem Rastplatz wollte ich kein zweites Mal riskieren. Ich hob die Schere …
Ritsch ritsch ritsch.
Nach und nach fiel meine blonde Pracht zu Boden. Ich schnitt sie kurz, nur etwas länger als mein Kinn. Grade zu schneiden war gar nicht so einfach und ich verrenkte mir dabei halb die Arme, aber zum Schluss gelang es mir. Die Haare waren ab.
Ohne mir die Gelegenheit zu geben, näher darüber nachzudenken, schnappte ich mir die Coloration, lass mir die Gebrauchsanweisung durch und wurde endgültig zu Clementine Joy.
Fast eine Stunde später stand ich fertig geduscht mit sauberen Klamotten vor dem Spiegel und starrte mich selber an.
Es war ein ungewohntes Gefühl. Mein Kopf fühlte sich viel leichter an und im Nacken hatte ich eine Gänsehaut. Aber wenn ich mich selber kaum wiedererkannte, dann würden andere das hoffentlich auch nicht tun. Und selbst wenn, jetzt ließ es sich nicht mehr rückgängig machen.
Seufzend beseitigte ich meine Hinterlassenschaften in dem zerbeulten Mülleimer und sammelte meine dreckigen Sachen zusammen. Als ich soweit fertig war, waren meine Haare schon fast trocken. Etwas völlig neues für mich. Normalerweise dauerte das immer Stunden. Selbst mit Föhnen ging es nicht so schnell.
Da ich hier fertig war, verließ ich das Bad. Die Brüder saßen auf dem Bett und hatten den Fernseher eingeschaltet. Tristan war gerade dabei ein belegtes Brot von der Tankstelle zu essen, doch als er mich sah, erstarrte er mitten in der Bewegung.
Ich verstaute meine dreckigen Klamotten in meiner Tasche und setzte mich dann neben Raphael aufs Bett. Seine vor Schreck geweiteten Augen beachtete ich dabei genauso wenig, wie die von Tristan.
Raphael richtete sich neben mir auf und starrte mich mit offenem Mund an. Und starrte und zur Abwechslung starrte er noch ein bisschen. Es schien als sei er zu nichts anderem mehr fähig. „Was hast du getan?“
„Das was nötig ist“, sagte ich leichthin und zog mit die Tüte mit den Fressalien heran, um mir selber etwas zu nehmen. Nicht dass ich hunger hatte, aber ich brauchte eine Beschäftigung.
Meine ruhige Stimme brachte ihn völlig in Rage. „Verdammt Cayenne, warum hast du das gemacht?“
„Weil ich es für das Beste hielt“, knurrte ich, sein Ton gefiel mir nicht. „So etwas wie heute will ich nicht noch einmal erleben. Jetzt wird mich niemand mehr erkennen.“
„So etwas wie heute passiert uns ständig“, zischte er mich an. „Deswegen musstest du dich doch nicht …“ Er fuchtelte mit den Händen herum und suchte nach dem richtigen Wort. „… verstümmeln!“
Der wollte wohl schon wieder Streit. Bitte, den konnte er haben. „Ach, du versinkst also ständig in einem Blutrausch und schlägst Leute zusammen, selbst wenn sie schon am Boden liegen, ja?“ Böse funkelte ich ihn an. „Du hast da draußen völlig die Kontrolle über dich verloren und das will ich kein zweites Mal sehen.“
„Ich habe deinen Arsch gerettet!“, fuhr er mich an. „Wäre ich nicht gewesen, würde dein hübscher Hintern bereits wieder auf dem Weg ins Schloss sein!“
„Besser das, als das Monster, in das du dich verwandelt hast!“, fauchte ich zurück. „Du hast dich dort überhaupt nicht mehr unter Kontrolle gehabt!“
„Leute, beruhigt euch“, versuchte Tristan zu schlichten. Wir ignorierten ihn beide.
„Ich habe dich beschützt!“
„Ich brauche keinen Schutz, das habe ich dir schon mal gesagt!“
„Schön! Bestens! Dann kannst du das nächste Mal alleine zusehen, wie du da wieder raus kommst!“
„Leute …“
Nun würde ich richtig wütend. Auch ich fuhr auf. „In den letzten Wochen warst du auch nicht da gewesen und ich habe überlebt. Ich habe es aus diesem beschissenen Schloss geschafft und die ganze Scheiße alleine durchgestanden. Ganz. Ohne. Deine. Hilfe.“ Bei jedem Wort stieß ich ihm den Finger in die Brust.
„Ach, jetzt sind wir wieder da angekommen?“, höhnte er. „Los komm schon, fang richtig an. Sag mir wie schlimm es dort gewesen ist und das es alles meine Schuld ist.“
„Clem, Ryder.“
„Ja!“, schrie ich ihn an. „Es war deine schuld! Nur wegen dir und deinem beschissenen Plan sitze ich jetzt in der Scheiße …“
Tristan gab nicht auf, aber er wurde schon ungeduldiger. „Hallo?“
„… in diesem verseuchten, nach Qualm stinkenden Zimmer auf einem Bett, in dem wer weiß was für Keime ihr Unwesen treiben …“
„Clementine, ich rede mit dir.“
„… nur deswegen stand ich gerade in diesem Bad und habe mir die Haare abgeschnitten!“ Ich war so in Rage, dass ich mich einfach nicht beruhigen konnte. „Du bist der einzige Grund, warum ich jetzt nicht zu Hause sitzen und meine Ferien genießen kann, warum ich jetzt auf der Flucht bin und mich vor einem ganzen Rudel Werwölfe verstecken muss! Das alles ist deine Schuld und dafür hasse ich dich!“
Raphael hatte meinen Ausbruch ganz ruhig hingenommen, sich jedes Wort an den Kopf knallen lassen, ohne nur den Versucht zu starten mich zu unterbrechen. Doch dann öffnete er den Mund: „Zum Glück ist ja nur dein Leben beschissen.“ Die Wut in seinen Augen war echt. „Vielleicht hast du ja auch verdient was die passiert …“
Klatsch! Noch bevor ich überhaupt realisierte, was ich da tat, landete meine Hand in seinem Gesicht
„Jetzt reicht´s mir aber.“ Nun war Tristan der, der sauer wurde. „Wenn ihr beide euch nicht vertragen könnt und jeden Anlass dafür benutzt um euch an die Gurgel zu springen, dann ist es wohl besser, wenn sie uns wieder verlässt.“
Mein Kopf wirbelte zu ihm herum. „Was?“ Mehr brachte ich einfach nicht raus. Tristan wollte dass ich ging?
„Sie geht nirgendwo hin“, knurrte Raphael zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.
„Doch, das wird sie. Ich werde es nämlich nicht die Chance vertun Vivien zu finden, nur weil sie nicht damit fertig wird, was geschehen ist. Das Leben ist nun mal scheiße und nur weil sie bis zu unserem Auftauchen in einem Märchenschloss gehalten wurde und jetzt mit der Realität konfrontiert ist, sehe ich nicht ein meine Schwester im Stich zu lassen. Entweder sie kommt damit klar, oder sie geht, eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“
„Sie bleibt!“
Tristan knurrte Raphael an. In seinen Augen funkelte die Wildheit eines Wolfes und er sah aus, als wollte er seinen Bruder mit dem Kopf voran gegen die Wand knallen. „Ich werde Vivien nicht für sie opfern und ich dachte, dass auch dir das Leben unserer Schwester etwas bedeutet.“
Damit hatte Tristan eine Grenze überschritten. Raphael brüllte Tristan an und Tristan brüllte Raphael an. Beide schienen kurz davor sich an die Gurgel zu gehen. Ich hatte die beiden noch nie streiten gesehen.
Das ist meine Schuld, wurde mir klar. So schwer es auch war mir das einzugestehen, Tristan hatte recht. Er musste seine Schwester finden und ich störte dabei nur. Ich hatte keine Ahnung wohin ich gehen sollte, was ich tun sollte, aber eins wusste ich genau: hier konnte ich nicht bleiben. Aber wohin sollte ich mich wenden? Es war egal, hier jedenfalls konnte ich nicht bleiben.
Die beiden Stritten noch immer, als ich niedergeschlagen vom Bett glitt und in meine Schuhe schlüpfte. Ich würde mir für die Nacht ein anderes Zimmer in einem anderen Motel suchen und morgen würde ich dann weiter sehen. Etwas Schmuck hatte ich ja noch zum verkaufen. Die nächsten paar Wochen würde ich überleben können.
Fürs erste könnte ich in der Stadt bleiben und mir vielleicht einen Job suchen, dann eine eigene Wohnung. So machte man das doch, oder? Immer nach vorne blicken, die Hoffnung nie aufgeben. Ich würde mir ein neues Leben aufbauen, eines unter Menschen und niemand würde wissen, wer oder was ich war. Das schaffe ich, sagte ich mir, ich bin stark, ich kann das schaffen.
Ohne ein Wort nahm ich meine Taschen vom Boden. Ich hatte nicht vor, mich zu verabschieden. Hoffentlich waren die beiden wo sehr miteinander beschäftigt, dass sie meinen Abgang nicht bemerkten, doch das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Als ich die Tür öffnete, flog Raphaels Kopf zu mir herum. „Wo willst du hin?“
„Weg.“ Schnell zog ich die Tür hinter mir zu und eilte die heruntergekommene Galerie entlang zur Treppe.
Natürlich folgte Raphael mit sofort.
„Du gehst nicht!“, schrie er mir hinterher.
Ich ignorierte ihn und lief die Treppe herunter.
„Clementine!“
Eilig lief ich auf den Parkplatz des Motels. Meine Füße trugen mich immer weiter. Ich spürte die Tränen in meine Augen brennen, die Wut und die Verzweiflung in meinem Inneren. Warum konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen?
„Verdammt noch mal, bleib stehen!“ Er packte meinen Arm und wirbelte mich zu sich herum. „Ich habe gesagt du bleibst!“
Gegen seinen Griff wehrte ich mich nicht, dafür hatte ich einfach keine Kraft mehr. „Warum? Tristan hat Recht …“
„Vergiss Tristan.“
Ich überging das. „… ich kann dir nicht verzeihen und wir werden uns immer wieder streiten. Willst du wirklich deine Schwester im Stich lassen, weil du für mich den Aufpasser spielen musst?“
„Ich werde Vivien nicht im Stich lassen“, knurrte er. „Und dich werde ich nicht gehen lassen. Du willst mich hassen? Bitte, ich gebe dir die Erlaubnis. Beschimpfe mich, schlag mich, mach was du nicht lassen kannst. Ich komm damit schon klar, aber ich werde dich kein zweites Mal verlieren. Ich habe es dir versprochen, ich werde dich nie wieder alleine lassen.“
„Scheiß auf dein Versprechen! Du hast mich immer nur angelogen, da kommt es auf dieses eine Mal nun wirklich nicht mehr an!“ Ich riss an meinem Arm, wollte nur noch hier weg, aber er ließ mich einfach nicht los. Ganz im Gegenteil, er packte auch noch meinen zweiten Arm. „Verdammt, nimm deine dreckigen Pfoten von mir!“
„Nein.“
Ich schlug ihn gegen die Brust, wehrte mich, aber er gab mich nicht frei. Ich versuchte die Tricks anzuwenden, die er selber mir beigebracht hatte. Daraufhin riss er mich an sich, griff mit einer Hand nach meinem Kopf und küsste mich einfach.
Zuerst war ich so baff, dass ich einfach erstarrte. Zur Hölle noch mal, was sollte dass denn jetzt? Doch als mein Gehirn wieder zu arbeiten begann, stieß ich ihn von mir und war überrascht, dass er mich wirklich losließ. „Was fällt dir ein?“ Ich wischte mir mit dem Handrücken über den Mund und versuchte das plötzliche Sehnen nach mehr zu ignorieren. „Mach das noch einmal und du kannst deine Zähne vom Asphalt aufsammeln!“
Er sagte nichts, tat nichts, stand einfach nur da und wartete.
Am liebsten hätte ich ihn dafür geschlagen. Für seine arrogante Haltung, dafür das er mich einfach geküsst hatte, dafür, dass er dort stand, dafür, dass ich mich vorbeugen wollte, um ihn zu küssen. „Ach scheiß drauf.“ Ich ließ meine Taschen achtlos auf den Boden fallen, schlang meine Arme um seinen Nacken drückte meine Lippen auf seine.
Schon der erste Berührung war wie elektrisierend und viel besser, als in meiner Erinnerung. Es war süß und sanft und einfach vollkommen.
Meine Hände gruben sich in sein Haar. Ich roch ihn intensiver als jemals zuvor, schmeckte ihn, genoss seine Hände auf meinem Rücken, die Nähe, die nicht mal meine wölfische Seite zu stören schien. Gott, ich hatte gar nicht gemerkt, wie sehr ich ihn vermisst hatte.
Mir einem Mal schien alles andere an Bedeutung zu verlieren. Unsere Streits, die Anschuldigungen, die Wut, die in mir gebrodelt hatte. Jetzt war er bei mir und wollte, dass ich blieb.
Ich zog ihn näher an mich, drückte mich gegen ihn. Bei ihm fühlte ich mich geborgen, bei ihm durfte ich sein, wer ich war. Nicht Prinzessin Cayenne, oder Clementine, bei ihm konnte ich einfach Cayenne sein und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich ihn nicht verlassen konnte.
Zu viel hatte ich in zu kurzer Zeit verloren, zu viel hinter mir gelassen, ihn würde ich nicht aufgeben. Ich konnte meine Wut überwinden, da war ich mir sicher. Das schaffe ich, sagte ich mir, ich bin stark, ich kann das schaffen. Mein neuer Slogan.
Meine Zunge drang in seinen Mund und dieses Mal zuckte ich nicht davor zurück, als ich seine Zähne berührte. Sie waren ein Teil von ihm und ich liebte jedes Teil.
Seine Hand glitten über meinen Rücken, hinauf in meinen Nacken. Er hielt mich fest umschlungen und konnte genauso wenig von mit lassen, wie ich von ihm. Nicht mal als wir eine Pause einlegen mussten, um wieder zu Atem zu kommen, ließen wir voneinander ab. Er lehnte einfach nur seine Stirn gegen meine, sodass unser Atem sich vermischte. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln.
In diesem Moment hätte ich wohl alles für ihn getan. „Ich hasse dich“, schmollte ich gespielt.
Sein Lächeln wurde noch breiter. „Nein, tust du nicht.“
Nein, tat ich wirklich nicht. Viel eher war ich glücklich und verwirrt und ja, auch ein kleinen wenig verunsichert.
„Bleib“, bat er mich.
„Aber nur wenn du versprichst, nach dem Pinkeln den Klodeckel herunterzuklappen.“
Lachend küsste er mich ein weiteres Mal und riss mich damit aus dem Strudel der Realität.
Keiner von uns beachtete Tristan, der oben auf der Galerie stand und uns beobachtete. „Erst schlagen sie sich fast du Köpfe ein und dann fallen sie wie räudige Hunde übereinander her“, murmelte er kopfschüttelnd und verschwand dann wieder im Zimmer.
°°°°°
Lustlos blätterte ich eine Seite weiter, nur um sehen zu müssen, wie der Superheld in dem Comic von seinem Gegner von einer Klippe gestoßen wurde. Ah-ja, jetzt wusste ich wieder, warum ich lieber Mangas las. Leider war die Auswahl hier praktisch nicht vorhanden und wenn ich nicht stumpfsinnig die Wand anstarren wollte, musste ich mit Tristans Comicheftchen vorlieb nehmen.
Es war Nachmittag. Die Hälfte des Tages hatten wir damit verbracht von Aalten in die City von Amsterdam zu fahren und uns ein kleines Hotel zu suchen, in dem wir nicht innerhalb von einer Woche pleite wären. Unsere jetzige Unterkunft würde vermutlich niemals fünf Sterne erhalten, aber sie war sauber und gepflegt. Keine vergilbten Tapeten, kein abgeplatzter Lack auf dem Holzfußboden und kein versüfftes Bett, von dem ich immer noch das Gefühl hatte, dass es mich überall juckte. Dieses Zimmer war viel besser. Weiße, saubere Wände, ein ordentliches Bett – natürlich frisch bezogen. Es gab noch einen Tisch mit einem Stuhl, einen großen Kleiderschrank und eine Kommode, auf der der Fernseher stand.
Auch das Bad war um Äonen besser, als das in dem anderen Motel. Saubere Toilette, saubere Dusche, sauberes Waschbecken. Und der Herr an der Rezeption wusste wie man eine Zahnbürste benutzte. Wenn das kein Pluspunkt war.
Während ich auf dem Bett saß und das Comic an meinen Beinen lehnte, lauschte ich auf die Geräusche aus dem Badezimmer.
Raphael stand unter der Dusche und Tristan war unterwegs. Informationen sammeln, wie er gesagt hatte. Heute Abend wollten wir mit der Suche nach Vivien beginnen, doch bis dahin hatte ich nichts anderes zu tun, als in der abgegriffenen Comicheftchen zu blättern.
Andererseits war es mal ganz nett. Keine Verpflichtungen, niemand der einen herumkommandierte und keine fünfzigtausend Augen, die jede deiner Bewegungen beobachteten. Es war alles so … normal – irgendwie. Nach all der Zeit war das ein echt seltsames Gefühl, einfach mal ruhig und entspannt dazusitzen, ohne Angst haben zu müssen, was als nächstes geschah.
Als Raphael aus dem Bad kam, sah ich zu ihm rüber. Mit nichts als einer Boxershorts am Leib, rubbelte er sich das nachtschwarze Haar trocken und lächelte mich frech an.
Mein Gott, wie konnte ein Kerl nur so zum anbeißen aussehen? „Kannst du dir mal was anziehen?“
„Warum, prüde?“ Er warf das Handtuch über den Stuhl und bückte sich zu seiner Tasche.
„Das nicht“, räumte ich ein. „Aber wenn ein so hübscher Kerl halbnackt vor mir herumrennt, könnte ich auf schmutzige Gedanken kommen.“ Ich ließ meine Stimme gleichgültig klingen – das war gar nicht so einfach.
Lächelnd sah er von seiner Tasche auf. „Na diese Gedanken würden mich aber mal brennend interessieren.“
„Das kann ich mir vorstellen.“ Nein, trotz gespieltem Desinteresse, konnte ich mir mein Schmunzeln nicht verkneifen.
Raphael kam aus der Hocke hoch, trat zum Bett und griff nach meinem Knöcheln. Noch bevor ich verstand, was das sollte, zog er mich mir einem Ruck zu sich, sodass ich der Länge nach auf dem Rücken landete.
„Huch“, machte ich und warf vor Schreck das Comic zur Seite.
Als er dann auch noch frech grinsend auf mich krabbelte, bis sein Gesicht über meinem schwebte, begann mein Herz ein wenig schneller zu schlagen.
„Ähm“, machte ich und hoffte, dass er nicht bemerkte, wie nervös mich das auf einmal machte. Nicht nur, weil sich außer uns beiden niemand im Zimmer befand, sondern … naja, eigentlich doch genau aus diesem Grund. Mit einem Kerl war ich schon öfter allein in einem Raum gewesen, aber noch nie mit meinem Freund.
Irgendwie klang das noch seltsam in meinen Ohren. Raphael war jetzt mein Freund. Gott, ich war wirklich noch so eine richtige Jungfrau.
„Und?“, fragte Raphael. Sein offenes Haar kitzelte mich im Gesicht. „Was gehen dir gerade so für Gedanken durch den Kopf?“
Ähm … ja, das würde ich wohl doch besser für mich behalten. Keine Ahnung warum, aber ich wollte nicht, dass er mich für so unerfahren hielt. „So einige“, antwortete ich deswegen ausweichend.
„Erzählst du sie mir?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Dann werde ich dich wohl dazu bringen müssen.“ Was genau er damit meinte, verstand ich, sobald seine Lippen auf meine trafen und er systematisch damit begann, mir die Sinne zu rauben. Er war sanft, verspielt, doch es wurde sehr schnell mehr.
Es war nicht nur die Berührung seiner Lippern. Als er sich dich neben mir ausstreckte, konnte ich das etwas zu schnelle Klopfen seines Herzens spüren. Alles was ich roch war er, seine Nähe, seine Wärme, sein Geschmack. Es fühlte sich gut an, so als hätte er schon immer zu mir gehört.
Er war nicht zudringlich. Unter seinen Berührungen konnte ich die Welt vergessen. Ich genoss es, wie seine Hand über meinen Körper wanderte, über mein Bein strich, meine Hüfte, meinen Bauch.
Meine Hände gruben sich in sein Haar und zogen ihn noch näher, als er mir der Hand zögernd unter mein Shirt glitt. Es ließ mich lächeln, wie vorsichtig er sich dabei vortastete. „Ich bin nicht aus Zucker“, sagte ich leise, um ihn ein wenig anzuspornen. Ja, ich wollte das auch. Nicht nur aus Neugierde, sondern einfach weil es Raphael war und ich dieses Gefühl der Schmetterlinge in meinem Bauch nicht verlieren wollte. Aber Raphael ließ sich nicht drängen.
Er streichelte mich, als hätten wir alle Zeit der Welt und küsste mich mit einer Geduld, die mich ganz zappelig machte. Die Minuten verstrichen, die Zeit verlor an Bedeutung, es war nur wichtig, dass er hier war.
Ich spürte diese Hitze in mir und das Sehnen in meiner Körpermitte, das langsam aber sicher stärker wurde.
Als er seine Hand endlich höher schob und seine Finger an meinem BH entlangwandern ließ, hätte ich vor Erleichterung fast gestöhnt.
Ich zog ihn auf mich und drängte mich gegen ihn, um ihn weiter zu ermutigen, während seine Lippen noch immer versuchten mir das letzte bisschen Verstand zu rauben.
Viel zu langsam begann er damit den Spitzenstoff zur Seite zu schieben und meine Brust zu liebkosen.
Ich schauderte und spürte wie mein Herzschlag sich beschleunigte. Oh Gott, hatte sich schon jemals etwas so gut angefühlt?
Sein Kuss wurde drängender. Als er auf einmal damit begann mir mein Shirt auszuziehen, hielt ich ihn nicht auf, ganz im Gegenteil, ich half ihm sogar. Dann verschwand auch mein BH und auf einmal schlug mir mein Herz bis zum Hals. So hatte mich noch kein Kerl gesehen.
Die kurze Unsicherheit verschwand, sobald er sich wieder gegen mich drängte und nach meinen Lippen suchte. Der Kuss war atemberaubend und ich hätte eine ganze Ewigkeit darin versinken können, doch dann begannen seine Lippen eine Wanderung über meinen Körper. Er liebkoste mein Gesicht, meinen Hals, meine Brust.
Ich konnte nur noch die Augen schließen und fühlen. Keine Ahnung wohin das führen sollte. Soweit war ich mit einem Jungen noch nie gegangen. Es fühlte sich gut an, ich genoss es, war gleichzeitig aber auch nervös, wie an meinem ersten Schultag. Was wenn ich etwas falsch machte? Wenn ich etwas tat, das er nicht mochte, oder noch schlimmer, ihm nicht gefiel was er sah?
„Entspann dich“, sagte er sanft und suchte wieder meinen Mund. „Lass dich einfach fallen, ich fang dich auf.“
Gut zu wissen, aber leider vertrieb auch das die Unsicherheit nicht.
Immer wieder strich er mit der Hand von meinem Bauch zu meiner Brust, glitt dann mit den Fingern über meinen Arm, um dann wieder von vorn zu beginnen.
Und langsam begann ich wieder mich zu entspannen und genoss es einfach nur, Haut an Haut mit ihm hier zu liegen. Meine Selbstsicherheit wuchs wieder und auch ich begann ihn zu berühren. An der Schulter, am Arm, am Rücken. Es gab so viel zu erkunden.
Als er seine Lippen wieder auf Wanderung schickte und begann meine Brust zu liebkosen, gab ich ein Geräusch von mir, bei dem ich unter normalen Umständen wahrscheinlich hochrot angelaufen wäre, doch in diesem Moment bettete ich einfach nur darum, dass er es noch einmal tat.
Langsam glitte seine Hand an mit herab. Er strich über meinen Bauch, hinab zu meiner Hüfte. Seine Finger streifen den Saum meiner Hose und hinterließen eine prickelnde Spur auf meiner Haut. Sein Atem fiel schnell und heiß gegen meine Haut.
Oh mein Gott, das fühlte sich so gut an. Ich versank in den Gefühlen, die seine Berührungen in mir auslösten, genoss das Prickeln auf meinem Körper, das sich bis tief zwischen meine Beine zog. Ihn bei mir zu haben war einfach … ich erstarrte.
Als sein Daumen unter meine Hose glitt, schaltete sich mein Denken schlagartig wieder ein.
Er bemerkte es sofort und zog seinen Finger wieder heraus. „Hey.“ Seine Stimme war sanft, so wie ich sie noch nie gehört hatte. Seine Hand legte sich an meine Wange und sein Blick nahm meinen Gefangen „Keine Angst, ich mache nichts, was du nicht willst.“
Ich wollte ihm so sehr glauben, doch mit einem Mal hatte ich fürchterliche Angst.
Zärtlich strich er mir über die Wange und hauchte mir einen federleichten Kuss auf die Lippen. „Soll ich aufhören?“
Woher zum Teufel sollte ich das wissen? Ich war noch nie in einer solchen Situation gewesen und mir hatte bisher niemand gesagt, wie ich an dieser Stelle richtig reagierte. Okay, vielleicht war ich doch eine größere Jungfrau, als ich mir selber eingestehen wollte.
Lange geschah gar nichts, Raphael lag nur neben mir, schaute mich geduldig an und wartete auf meine Entscheidung. Da waren nur seine Finger, die weiter meine Wange streichelte und mir ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit gaben.
Verdammt noch mal, was sollte ich tun? Ich wollte ihm vertrauen, so sehr. Leider war ich beim letzten Mal damit voll auf die Schnauze gefallen. Aber so konnte das doch nicht ewig weiter gehen, ich musste wieder lernen zu vertrauen. Ich wollte ihn, er gehörte zu mir. Wenn ich es nicht schaffte ihn zu vertrauen, wie sollte mir das jemals wieder bei einem anderen gelingen?
In dem Moment gab es nur einen richtigen Weg. Ich nahm seine Hand von meiner Wange und führte sie zurück an meinen Hosenbund. Mein ganzer Körper kribbelte vor Aufregung und mein Herz schlug mir auf einem bis zum Hals.
Lächelnd hauchte Raphael mir einen Kuss auf die Lippen. „Keine Angst, Bambi, entspann dich einfach und genieße.“
„Bambi?“
„Du schaust gerade wie ein kleines Reh im Scheinwerferlicht.“
Bevor ich die Chance bekam darauf etwas zu erwidern, verschloss er meinen Mund mit seinem und sorgte damit dafür, dass meine Gedanken sich einfach verflüchtigten.
Seine Hand glitt in meine Hose. Er küsste mich mit einer nie gekannten Intensität und ich ergab mich ihm einfach.
Die erste Berührung war ungewohnt und irgendwie peinlich, doch Raphael ließ nicht zu, dass ich mich dafür schämte. Als seine Finger dann tiefer glitten und er diesen einen Punkt berührte, fielen meine Augen einfach zu. Er nahm mich fester in den Arm, drückte sein Stirn gegen meine und flüsterte mir leise Worte zu.
Mein Atem wurde hektischer. Da war dieses Gefühl. Es staute sich und wuchs an, bis ich mich darin zu verlieren drohte. Ich konnte nichts mehr anderes tun, als mich an ihn zu klammern, bis die Welle einfach über mich hinein brach und mich davon schwemmte.
Nur seiner Umarmung war es zu verdanken, dass ich mich nicht einfach auflöste.
„Schhh“, machte er, als ich schweißnass und klopfendem Herzen die Augen aufschlug. „Wunderschön“, flüsterte er. Seine Augen leuchteten geradezu.
Auf einmal wurde ich wieder ein wenig unsicher, aber er senkte einfach den Kopf und küsste mich so zärtlich, dass es mir fast dir Tränen in die Augen trieb.
Wunderschön, hatte er gesagt. Er fand mich wunderschön. Ich würde ihm niemals die Narbe an meinem Bein zeigen können, denn die war vieles, aber sicher nicht schön.
Als ich mich ein wenig bewegte, bemerkte ich etwas, das ich in meinem Egoismus völlig übersehen hatte. Mein Blick huschte zu seiner Körpermitte, doch bevor ich etwas dazu sagen konnte, drückte er mein Kinn wieder hoch.
„Ignoriere das“, flüsterte er und strich mit dem Daumen über meine Wange.
„Aber du …“
„Es ist okay.“ Ein kleines Lächeln zupfte an seinem Mundwinkel. „Wirklich.“
Wenn er das sagte, würde ich es ihm wohl einfach glauben müssen.
Das Echo dieses wunderbaren Moments, hallte in meinem Körper nach. Ich lag einfach da und war … glücklich.
„Alles okay bei dir?“
„Ja.“ Ich räusperte mich, weil meine Stimme so rau klang. „Ja, alles in Ordnung.“ Mehr als das. Ich hatte ihm vertraut und war dafür belohnt worden. Vielleicht war die Welt doch nicht so schlecht, wie sie sich mir in den letzten Wochen präsentiert hatte. „Es war … schön.“
„Das freut mich zu hören.“ Er beugte sich vor. Seine Lippen glitten über meine Schlüsselbein und den Hals und trieben mir einen wohligen Schauder über den Rücken.
„Ist es … immer so?“ Plötzlich stand mein Gesicht in Flammen. Mein Gott, ich war doch sonst nicht so.
„Nein.“ Ein Kuss auf meine Schulter. „Es wird immer besser.“ Ein Kuss auf mein Kinn. „Mit jedem Mal.“ Ein Kuss auf meinen Mundwinkel. „Und mit mir sowieso.“ Er küsste … nichts mehr.
Als die Zimmertür aufging, hörte er abrupt auf, fluchte und riss mir die Decke bis an den Hals. Nach wie vor war ich Obenrum frei. „Kannst du nicht anklopfen?!“
Über den rüden Ton seines Bruders verwundert, wandte Tristan den Blick zum Bett. Verärgerung machte sich in seinem Gesicht breit. „Das ist auch mein Zimmer.“ Er ging durch den Raum zu dem Tisch und legte den Stapel Papiere darauf ab, den er mitgebracht hatte. „Wenn ihr nicht gestört werden wollt, dann hängt ein Schild an die Tür. Ich bin kein Hellseher, woher soll ich wissen, was ihr während meiner Abwesenheit treibt?“
„Wir haben nicht …“, wollte ich sofort sagten, verstummte dann aber, weil es doch zu peinlich war. Die Röte in meinem Gesicht verstärkte sich noch, als Tristan mich anlächelte. Ich wollte im Boden versinken. „Oh Gott.“ Ich zog mir die Decke über den Kopf und hoffte, dass dieser peinliche Moment schnellstens vorbeiging.
„Verzieh dich!“, zischte Raphael.
Tristan schnaubte. „Ist ja gut. Ich wollte mir sowieso noch einen Kaffee holen. Soll ich euch einen mitbringen?“
„Raus hier!“
Ich konnte Tristan grummeln hören, etwas das danach klang, dass es ihm besser gefallen hatte, als wir noch miteinander stritten. Dann fiel die Tür ins Schloss.
„Er ist weg.“ Raphael zog leicht an der Decke. „Du kannst jetzt wieder auftauchen.“
„Kann ich nicht, ich kann ihm nie wieder unter die Augen treten“, jammerte ich. „Oh Gott, was habe ich mir nur dabei gedacht?“
„Du hast gar nicht gedacht.“ Ich konnte das Lächeln in seiner Stimme hören. „Das ist ja das Beste daran. Das Denken schaltet sich aus. Naja, zumindest wenn man es richtig macht.“
Na das war doch mal eine tolle Erklärung. Ich hatte meinen Verstand wirklich völlig ausgeschaltet. Selbst jetzt funktionierte er noch nicht richtig. Wahrscheinlich musste ich erst Reset drücken und alle Programme neu hochfahren. „Was denkt er jetzt nur von mir?“
„Er wird denken, dass du sehr glücklich bist.“
Ich schlug die Decke herunter und sah in sein breites Grinsen. „Du bist nicht sehr hilfreich, weißt du das?“
„Und du bist hinreißend.“
Oh verdammt, wo war ich da nur rein geraten. Wenn er so was sagte, konnte ich ihm gar nicht böse sein. „Mach mir bloß keinen Heiratsantrag.“ Ich schob die Decke weg und machte mich auf die Suche nach meinem BH.
„Den habe ich dir schon längst gemacht, erinnerst du dich?“
Ja, das tat ich. Den blöden Plastikring trug ich immer noch mit mir herum. „Du bist doof“, sagte ich und zog mein Shirt an, da mein BH irgendwie verschollen war und ich keine Lust hatte, immer noch oben ohne zu sein, wenn Tristan zurückkam.
Ich hatte noch nicht mal den Kopf richtig durchgesteckt, als Raphael mich von hinten packte und wieder neben sich ins Bett zog. Er legte sich halb auf mich und küsste mich. Ich ließ es zu und genoss es, wie schon lange nichts mehr. „Ich bin nicht doof“, sagte er, nachdem er sich von mir gelöst hatte. „Ich bin verliebt.“
„Ich weiß“, grinste ich. „Man kann es dir an der Nasenspitze ansehen.“
Und wieder küsste er mich. Dieses Mal länger. Er hörte erst auf, als Tristan zurück kam, stur geradeaus sah und sich vor seine Papiere an den Tisch setzte. Den Becher mit dem Kaffee stellte er neben sich ab.
Igitt. Das Zeug war voll ekelig. Ich hatte noch nie verstanden, was die Leute an diesem Gesöff so mochten. Einmal in meinem Leben hatte ich eine Tasse probiert, aus reiner Neugierde. Das Zeug schmeckte so bitter, dass es den Kopffeinschub, den man davon bekam, gar nicht wert war. Da waren mir Energiedrinks doch lieber.
„Ich geh dann mal ins Bad.“ Ich wollte aufstehen, aber Raphael hatte ganz andere Sachen im Kopf und hielt mich fest. Wir lieferten uns eine kleine Rangelei, solange, bis Tristan seinem Bruder sagte, dass er mich gehen lassen sollte, weil sein Arsch bei ihm gebraucht wurde.
Ich streckte ihm noch die Zunge heraus und verschwand dann unter der Dusche. Erst als ich fertig war, fiel mir auf, dass ich gar keine sauberen Klamotten mitgenommen hatte und so musste ich in nichts als ein Handtuch gewickelt, zu den beiden Jungs ins Zimmer gehen.
Tristan sah gar nicht erst auf, er brütete über seinen Papieren und sagte etwas zu Raphael, der davon nicht allzu viel mitbekam, weil er viel zu sehr damit beschäftige war, mich anzüglich anzulächeln.
Ich verdrehte nur die Augen, krallte mir meine Tasche und verschwand wieder im Bad.
In meiner letzten sauberen Jeans und einer schwarzer Bluse kam ich wieder heraus. Dabei musste ich feststellen, dass der Großteil meiner Kleidung dreckig war und ich sie schleunigst irgendwo waschen musste, wenn ich die nächste Woche nicht nackt rumrennen wollte.
„Wenn du dann soweit bist, können wir gehen“, sagte Tristan zu mir, als ich meine Tasche zurück an ihren Platz stellte.
Verwirrt warf ich ihm einen Blick zu. „Gehen? Wohin?“
„Ich gehe einen alten Freund besuchen, du gehst zum Friseur.“
Ich verzog die Schnute. „Was bitte stört dich den an meiner Frisur?“
„Sagen wir einfach mal, sie sieht aus wie selbstgeschnitten.“ Der Hauch eines Lächelns glitt über seine Züge. „Und da wo wir hingehen, muss sie ordentlich aussehen.“
Gegen dieses Argument kam ich nicht an. Also zog ich mir meine Schuhe an, verabschiedete mich mit einem ausgiebigen Kuss von Raphael und fand mich eine halbe Stunde später bei einem Friseur in der Innenstadt wieder. Dieser rümpfte die Nase über das was ich meinen Haaren angetan hatte und versorgte mich mit einem modernen, leicht fransigen Kurzhaarschnitt. Sowas wollte ich schon immer mal haben. Ich war selig.
Als ich den Laden verließ, war von Tristan noch nichts zu sehen. Er hatte mich abgesetzt und wollte in einer halben Stunde abholen, doch die war seit circa zwanzig Minuten vorbei.
Gelangweilt lehnte ich mich an die Hauswand und wartete, hielt dabei nach ihm Ausschau und wartete noch länger. Wie ich Warten hasste. Um mir die Zeit zu vertreiben, beobachtete ich die vorbeikommenden Leute und Geschäfte auf der anderen Straßenseite. Ein Kleidungsgeschäft, ein Feinkostladen, ein Schreibwaren, ein Piercing und Tattoostudio …
Oh nein, das konnte ich nicht machen. Andererseits … wer sollte mich davon abhalten? Ich war frei, niemand hatte mir etwas zu sagen. Nun war ich mein eigener Herr und es wäre doch nur Recht, wenn ich auch das letzte was mich noch als Prinzessin auswies, vernichtete.
Ohne mir die Gelegenheit zu geben, näher über die ganze Angelegenheit nachzudenken, lief ich über die Straße und betraten den Laden. Ich trat an den Schaukasten, der allerlei Piercings barg. Für Zunge, Augenbraue, Bauch, sogar Intimpiercings. Okay, das ging dann sogar mir zu weit.
Hinter einem Vorhang kam ein großer, schwerer Mann hervor, die Arme voller Tattoos, ein Piercing über dem Auge und drei Ohrringe im rechten Ohr. Er lächelte mich an, als er sich hinter den Tresen stellte. „Kann ich dir helfen?“
„Ja, ich möchte mir die Ohren stechen lassen.“
Der Mann zeigte mir eine Reihe von Ohrstecker aus Titan, die dafür in Frage kamen. Ich suchte mir silberne Stecker mit roten Glassteinen darin aus und setzte mich dann wie angewiesen auf einen Stuhl in der Ecke. Der Piercer kam mir mit einem Ding, das mich irgendwie an eine Pistole erinnerte, hinterher. Er legte den ersten Ohrstecker ein, hielt es mir ans Ohr und … Schuss!
Ich zuckte zusammen. Das zeckte ganz schön.
Der Typ kam um mich herum und das ganze bitte noch mal von Vorne … Schuss. Ich konnte nicht anders, ich knurrte ihn an, ich meinte so richtig. Nur einen Moment, aber er hatte es bemerkt und sah sich verwirrt im Laden um. Offensichtlich konnte er sich nicht vorstellen, dass dieses Geräusch von mir gekommen war und vermutete einen Hund, der unerlaubterweise seinen Laden betreten hatte. Als er keinen fand, wandte er sich wieder an mich, erklärte, wie ich die frischen Wunden zu pflegen hatte und kassiert ab.
Mit schmerzenden Ohrläppchen und einem Lächeln auf den Lippen, verließ ich den Laden.
Kaum dass ich einen Fuß nach draußen gesetzt hatte, eindeckte ich auf der anderen Straßenseite Tristan, der gerade aus dem Friseur kam und sich suchen nach mir umschaute.
Ich hob die Hand und winkte ihm zu, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Es dauerte vielleicht zwei Sekunden, bis er mich vor dem Tattoostudio entdeckte und die Augen entsetzt aufriss.
Noch bevor ich die Gelegenheit hatte, zu ihm zu gehen, eilte er auch schon auf die Straße. Ein Auto hupte, doch ich allein war es, die seine Aufmerksamkeit hatte. Er war so schnell auf der Straße, dass es mich ehrlich wunderte, dass er heil auf der anderen Seite ankam.
Durch meine neue Frisur waren meine Ohrstecker gar nicht zu übersehen. Tristan starrte sie an, als hätte er nie etwas Entsetzlicheres gesehen.
„Was hast du getan?“ Sein leiser Ton hatte extreme Ähnlichkeit mit dem, den Raphael gestern bei mir angeschlagen hatte, als ich mit kurzen Haaren aus dem Bad kam, total ungläubig und voller Missbilligung.
„Schick, nicht?“ Mir war klar, dass ihn etwas daran störte, aber ich hatte schon seit Jahren Ohrlöcher haben wollen und jetzt freute ich mich darüber, dass ich endlich welche hatte.
„Nein, die sind nicht schick, die sind … es ist …“ Er stockte, suchte nach den richtigen Worten. „Verdammt, das hättest du nicht tun dürfen, du bist eine Prinzessin!“
Ach darum ging es ihm. Unschuldig blickte ich zu ihm auf. „Nein Tristan, ich bin viel mehr als das.“
„Und trotzdem hättest du das nicht tun dürfen“, regte er sich auf. „Erst die Haare, jetzt die Ohrlöcher, was kommt als nächstes?“
„Oh, ich hab über ein Tattoo nachgedacht“, verarschte ich ihn. „Auf dem Oberarm. Was meinst du was mir besser stehen würde, eine Rose, oder doch besser ein Wolf?“
Tristans verengte die Augen und funkelte mich an. „Das ist kein blöder Witz, du hättest das nicht tun dürfen.“
„Oh man, warum regst du dich darüber eigentlich so auf? Es sind doch nur ein paar harmlose Ohrstecker.“
„Weil du auch meine Prinzessin bist!“
Das verschlug mir für einen Moment die Sprache. So hatte ich das nie gesehen. Klar war ich auch seine Prinzessin, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ihm das etwas bedeutete. Er hat mich aus dem Schloss geholt und vor dem ganzen Scheiß dort gerettet, wie sollte ich da ahnen, dass er von mir das gleiche erwartete, wie auch alle anderen. Eine Prinzessin muss unberührt sein, in Körper, Blut und Geist. „Aber ich bin keine Prinzessin mehr“, führte ich meine Gedanken fort. „Das war der Grund warum ich abgehauen bin, um das alles hinter mir zu lassen. Ab jetzt entscheide ich nur noch für mich und wenn ich der Meinung bin, dass ich mir durch die Haut stechen lassen will, dann tu ich das auch.“
Ein mitleidiger Zug trat in Tristans Gesicht. „Du kannst vielleicht vor deiner Aufgabe weglaufen, aber nicht vor dir selber. Ob du nun als solche lebst oder nicht, du bist immer noch eine Prinzessin.“
Seine Worte machten mich sauer, besonders da er sie so ruhig und erwachsen rüberbrachte. Plötzlich schien er viel älter und weiser als ich es jemals sein könnte. Aber ich wollte mich nicht wie ein Kind behandeln lassen. „Ich treffe meine eigenen Entscheidungen und das war eine davon. Verklag mich doch.“ Für eine Erwiderung gab ich ihm keine Chance. Ich ging über die Straße zu seiner Maschine, setzte mich grummelnd drauf und wartete. Irgendwann genehmste sich der Herr mir zu folgen und wir fuhren schweigend in das Motel zurück.
Ich brauchte keinen großen Bruder, oder Aufpasser. Was ich brauchte waren Freunde, Vertraute, aber wie es schien, wollte Tristan nicht in diese Rolle schlüpfen.
Bevor er mir in unser Zimmer folgen konnte, schlug ich ihm die Tür vor der Nase zu. Raphael sah aus dem Bett zu uns auf, als Tristan nicht mal eine Sekunde später die Tür brummend wieder öffnete.
Verwirrt schaute er von einem zum anderen. „Was ist denn mit euch beiden los?“
„Dein Bruder ist ein Idiot, das ist los!“ Herausfordernd streckte ich das Kinn vor. Er sollte mir nur widersprechen, dann würde er auch gleich noch eine auf den Deckel bekommen.
Raphael grinste breit. „Das weiß ich schon lange, nur normalerweise bin ich der Einzige dem das auffällt.“
„Dann hast du wohl Konkurrenz bekommen.“
°°°
„Ist das ein Puff?“ Entgeistert starrte ich auf das überaus geschmacklose Schild an der Hauswand. Aphrodite, verkündete es. „Ich dachte wir gehen in einen Club.“
„Das ist ein Club.“ So wie Raphael grinste, fand er mein Entsetzen wohl überaus amüsant. „Ein Club in dem man sich weibliche Gesellschaft kaufen kann.“
Die Poster an den Wänden zeigten nur spärlich bekleidete Frauen in eindeutigen Posen. Die Fenster waren geschwärzt um jeden Blick hinein zu verhindern.
Das Ohrringtheater hatte sich schnell gelegt. Raphael hatte unseren keinen Zwist nur witzig gefunden und Tristan gesagt, dass er mich in Ruhe lassen sollte. Danach hatte ich noch ein bisschen geschlafen, bis es an der Zeit war, in den ersten Club zu fahren und nun fand ich mich vor einem Bordell wieder. „Ich kann da nicht reingehen.“ Wie um mich selber zu bestätigen schüttelte ich den Kopf.
„Warum nicht?“, wollte Raphael wissen.
„Weil das …“ Peng und ich war wieder rot. „Weil das nur für Männer ist die Sex haben wollen.“
Ein kehliges Lachen kam von Tristan.
Ich funkelte ihn böse an. Ich fand das nämlich gar nicht witzig.
„Keine Sorge.“ Raphael legte mir seinen Arm um die Schulter und drückte mich beruhigend an sich. „Auch Frauen dürfen das betreten. Und wer weiß, vielleicht gibt es auch die eine oder andere, die dir gerne einen Dienst erweisen würde.“
Nun stand mein Gesicht wirklich in Flammen. Ich hatte diese Stufe noch nicht mal mit ihm erreicht, da war das letzte was mir in den Sinn kam, jemanden dafür zu bezahlen, damit er mit mir ins Bett stieg.
„Lasst uns endlich anfangen.“ Tristan trat als erstes vor, klopfte an die Tür und ein kleines Fenster darin wurde geöffnet. Es wurden ein paar Worte gewechselt, Tristan zeigte seinen Ausweis vor und dann öffnete man uns die Tür.
Der Mann dahinter, ein Schrank von einem Kerl, musterte mich aufmerksam, als ich an Raphaels Seite in den Laden trat. Ich drückte mich sofort näher an meinen Freund, damit er auch ja nicht auf dumme Ideen kam.
Wir wurden von einem kleinen Vorraum in Empfang genommen, von dem aus eine breite Holztreppe hinunter in den Keller führte.
Ich hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache.
Schon auf der Treppe kam uns leise Musik entgegen.
Eine leicht bekleidete Frau lehnte unten an der Wand und rauchte eine Zigarette. Als sie uns kommen sah, musterte sie die Brüder interessierte und zwinkerte Tristan zu.
Entweder er bemerkte es nicht, oder es interessierte ihn nicht. Jedenfalls lief er einfach an ihr vorbei und trat dann durch einen Türbogen in den eigentlichen Club.
Auf den ersten Blick wirkte es wie eine sehr exklusive Bar. Es gab einen langen Tresen, hinter dem zwei halbnackte Frauen standen. Überall hatte man Sitzgruppierungen aufgebaut. Sessel, Sofas, Tischte mit Stühlen. Was allerdings aus dem Rahmen fiel, war die lange Bühne mit den Tanzstangen, an denen sich mehrere Frauen sehr kunstvoll räkelten. Auch das indirekte Rotlicht, würde man in einer normalen Bar wohl vergeblich suchen.
Das Bordell war recht gut besucht. Neben einem Dutzend Kellnerinnen in wirklich knappen Kostümen, saßen auch zahlreiche männliche Besucher an den Tischen.
Zu meiner Überraschung waren das aber keine pöbelnden Kerle, die alles angebrachten, was in ihre Reichweite kam, es waren ganz normale Leute. Manche einfach in Jeans und T-Shirt, andere in Anzügen. Ein paar von ihnen beachteten die Frauen gar nicht, andere wieder klebten mit ihren Blicken an der weiblichen Auswahl. Einem Kerl an der Bühne schien die Hose ein wenig eng geworden zu sein.
Ich wandte hastig den Blick ab und sah zu, dass ich meinen Jungs hinterher kam.
Tristan führte uns zu einer der Sitznischen in der Nähe der Bühne und nahm dort Platz.
Ich rutschte neben ihn und zog Raphael mit mir mit. Das war zwar noch immer nicht optimal, aber es war mir lieber, zwischen den beiden zu sitzen, als irgendwo am Rand. Nein, ich fühlte mich hier ganz und gar nicht wohl.
Wie die Brüder diesen Ort fanden, ließ sich schwer einschätzen.
Sie schauten sich in der Gegend um und inspizierten die Damen im Laden so genau, dass ich ihnen liebend gern die Ellenbogen in die Rippen gestoßen hätte. Gleichzeitig wirkten sie aber nicht sehr interessiert. Jedenfalls nicht so wie die anderen Männer, die sich hier aufhielten.
„Und“, fragte ich dann und beobachtete eine Kellnerin, die sich grinsend von einem Kunden an den Arsch grapschen ließ. Als er ihr dann auch noch einen Schein ins praktisch nicht vorhandene Höschen schob, gab sie ihn auch noch einen Kuss auf die Wange. „Wie geht es jetzt weiter?“
„Verhaltensforschung“, antwortete Tristan mir.
Ich verstand nur Bahnhof.
Raphael lehnte sich zu mir und gab mir einen sanften Kuss auf die Schläfe. „Was er damit meint“, sagte er leise, „dass wir die Leute die hier arbeiten ein bisschen beobachten müssen. Du lernst schnell die Sklaven von den Freiwilligen zu unterscheiden.“
Und da ging mir ein Licht auf. Oh. Mein. Gott. Natürlich, warum war mir das nicht selber klar geworden? Eine Sklavin würde nicht in einem Tanzclub als Kellnerin arbeiten, sie musste ihre Dienste anders zur Verfügung stellen und wenn sie das nicht freiwillig tat, konnte man es ihr ansehen.
Eine von den Angestellten kam in ihrem Kostümchen zu uns gewackelt, obwohl man das nicht mehr als Kostüm bezeichnen konnte. Das war ein weißer, glitzernder BH mit passendem Gürtel. Andererseits war ihr Körper so perfekt, dass sie ihn nun wirklich nicht verstecken musste – im Gegenteil zu mir.
Unverhohlen zeigte sie, was sie anzubieten hatte, als sie sich mit einem Block in der Hand zu uns gesellte. „Hi, ich bin Romina.“ Wie sie den Namen aussprach war ein einziges Schnurren. „Darf ich den Herren etwas bringen?“ Sie lächelte Raphael vieldeutig an und entblößte dabei zwei spitze Reißzähne. Was mir durch das schummrige Licht entgangen war, wurde sofort deutlich: die Frau war ein Vampir.
„Klar, bring uns drei Caipirinha.“ Auch Raphael verbarg bei seinem Lächeln nicht, wer er wirklich war.
„Kann ich sonst noch etwas für euch Jungs tun?“
Was war das denn? Hallo? Die grub meinen Freund an und das obwohl ich direkt neben ihm saß. Ich warf ihr einen wütenden Blick zu, den sie gar nicht bemerkte, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt war, Raphael anzugraben.
„Vielleicht später, Romina. Erst mal wollen wir die Aussicht genießen.“
„Okay, aber wenn ihr es euch anders überlegt, ruft einfach nach mir.“ Sie warf ihm eine Kusshand zu.
Das war zu viel für mich. Ich hatte mich nie für besonders eifersüchtig gehalten, aber als sie sich mit einem Arschwackeln abwandte, brach mein Odeur aus allen Poren und ich knurrte warnend in ihre Richtung.
Mit einem übertriebenen Wimpernschlag lächelte sie mir zu, bevor sie an den nächsten Tisch ging und dort ihre Show abzog.
Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte ihr die Augen ausgekratzt, aber Raphael legte mir beruhigend eine Hand aufs Bein und hielt ich mit sanftem Druck zurück. „Ganz ruhig, Bambi.“
„Bambi?“ Das hatte er doch jetzt nicht wirklich gesagt.
Er lächelte nur. „Sie ist nicht wirklich an uns interessiert, sie macht nur ihren Job.“
Und wenn es ihre Lebensaufgabe wäre, es gab genug andere Kerle in diesem Laden, sollte sie doch bei einem von denen mit den Titten herumwackeln.
„Außerdem wäre es ratsam, wenn du mit dem Odeur aufhören könntest“, fügte Tristan nachdrücklich hinzu. „Es gibt nicht viele Wölfe außerhalb der Alpha die das können und es erregt Aufmerksamkeit, die wir nicht wollen.“
Ich ließ mein Odeur verschwinden, behielt die Tussi aber fest im Blick, als sie zurückkam, um uns unsere Getränke zu bringen. Auch dieses Mal konnte sie es nicht lassen und musste ihre Vorzüge zur Schau stellen. Ich war nur noch kurz davor aufzuspringen um sie zu erwürgen, aber ich rief mir Raphaels Worte zurück ins Gedächtnis. Das ist ihr Job, das ist ihr Job. Immer wieder sagte ich mir das. Es half nicht wirklich.
Raphael beugte sich zu mir und küsste die empfindliche Stelle hinter meinem Ohr. Ich erschauerte. „Für mich gibt es nur dich“, flüsterte er und ich … glaubte ihm. Keine Ahnung warum, aber ich tat es. Die Art wie der das sagte und mich dabei berührte, brachte mich dazu. Ich hatte nicht vergessen, was geschehen war, das würde ich wohl nie können, doch vielleicht konnte ich es hinter mir lassen. „Aber deine Eifersucht ist echt süß.“
Dafür gab es einen Knuff, der ihn lächeln ließ. Blödmann.
Die nächsten eineinhalb Stunden brachten wir damit zu unsere Drinks zu schlürfen und die Angestellten dieses Etablissement auf Haut und Niere zu prüfen. Und wir entdeckten … nichts. So weit wir das beurteilen konnten, machten die Frauen hier das alles freiwillig, auch wenn ich nicht verstand, wie sie das tun konnten. Ich meine, das war doch sowas Persönliches. Wenn ich nur daran dachte, dass mich jemand fremdes einfach so anfasste, wurde mir schon schlecht.
Als wie übereinstimmend entschieden, dass es in diesem Club keine illegalen Aktivitäten gab, verließen wir ihn und machten uns auf den Weg in den nächsten, der nur drei Straßen weiter war. Dieses Mal mit dem entzückenden Namen Zur Nymphe. In seinem Inneren sah er ganz ähnlich aus, nur das hier alles in schwarz und weiß gehalten wurde. Es wirkte ein wenig kitschig.
Dieses Mal jedoch, setzten wir uns an die Bar und behielten von dort aus alles im Auge. Die Gäste, die Frauen, den Kerl hinter der Bar, der sich ständig an der Nase kratzte.
Ich beobachtete gerade die Séparées mit den milchigen Glastüren, als sich ein junger Sonnyboy an mir vorbei beugte, um sich ein Bier zu holen. In seinen Augen schien mein Hintern auch zum hiesigen Angebot zu gehören, anders konnte ich es mir nicht erklären, dass es ihn betatschte.
„Machst du das noch mal“, drohte Raphael, bevor ich überhaupt die Möglichkeit hatte den Mund zu öffnen, „wirst du den Laden als Eunuch verlassen.“
Keine Ahnung wie Raphael das bemerkt hatte, aber seine Drohung kam mir ganz recht, so musste ich mich nicht um den Idioten kümmern.
„Hey, immer schön locker bleiben.“ Beschwichtigend hob der Kerl die Hände hoch. „Wir wollen doch alle nur ein bisschen Spaß.“
„Geh dir deinen Spaß kaufen.“
„Schon okay.“ Der Mann nahm sein Bier und verschwand zurück zu seinen Kumpels, mit denen er schon die ganze Zeit einen riesigen Lärm veranstaltete.
Raphael sah ihm mit Argusaugen hinterher.
Ich seufzte schwer. Diese Scheiße gefiel mir immer weniger und bis jetzt hatten wir noch immer keinen Hinweis auf Sklaven, deren Händler, oder sogar Vivien. Der ganze Abend war eine einzige Pleite und ich fragte mich immer öfter, was ich hier zu suchen hatte.
Aber was hatte ich denn erwartet? Die beiden suchten schon seit einem Jahr nach ihrer Schwester. Nur weil ich jetzt dabei war, würde sie sicher nicht einfach aus dem Boden sprießen.
Wenn ich ehrlich zu mir selber war, hatte ich einfach nicht näher darüber nachgedacht. Aber hier und jetzt wurde mir klar, dass das wohl nicht der letzte Club dieser Art sein würde, den wir aufsuchen mussten.
Damit meine Jungs sich nicht von mir demoralisieren ließen, rutschte ich von meinem Hocker und suchte die Toilette auf. Dort stellte ich den Hahn an und spritze mir etwas Wasser ins Gesicht. Dann sah ich in den Spiegel und dachte nach. Es musste doch einen besseren und schnelleren Weg geben, eine Spur zu finden. Rumsitzen und beobachten schien mir nicht effektiv genug. Wir waren nun schon Stunden unterwegs und alles was wir vorweisen konnten, war eine Eifersuchtsattacke meinerseits. Das war nicht gerade ermutigend.
Mehrere Minuten stand ich nachdenklich vor dem Spiegel, aber mir wollte einfach nichts einfallen. Ich kannte mich mit der Materie zu wenig aus, um etwas Produktives beizutragen. Seufzend gab ich mich geschlagen, und verließ das Bad.
Kaum war ich aus der Tür, als ich Sonnyboy in die Arme lief. Na Klasse.
„Hey, wen haben wir denn da?“ Er versperrte mir den Weg und so war ich gezwungen vor ihm stehen zu bleiben. Eine kurze Bestandsaufnahme zeigte mir, dass er ein Mensch war, vielleicht Ende zwanzig und er stank nach billigem Fusel. Er dünstete es geradezu aus jeder Pore seines Körpers aus. Es war widerlich. „Wie wäre es, wenn du den Kerl da draußen vergisst und dich mal mit einem echten Mann vergnügst?“
„Ach, und du glaubst, du bist ein echter Mann?“
„Ich werd dich sicher nicht enttäuschen.“ Sein Grinsen war so anzüglich, dass ich mit der Hand die er nach mir ausstreckte schon rechnete, und sie auf halbem Wege abfangen konnte. Erst grinste er noch blöde, aber dann drückte ich zu und konnte sehen, wie er nach und nach begann mit dem Schmerz zu kämpfen.
Kurz bevor ich ihm mit meiner Werwolfskraft das Handgelenk brechen konnte, ließ ich ihn los und stieß ihn von mir.
Er fluchte und beschimpfte mich, während er seinen Arm an seine Brust drückte.
„Ein echter Mann also“, spottete ich. „Tja, Pech für dich, dass ich keine Lady bin. Versuchst du das noch mal, ist der Arm ab und jetzt geh mir aus dem Weg.“
Immer noch fluchend kam er meiner höflichen Bitte nach.
Ich überließ ihm seinem Leid und ging zurück an die Bar, nur leider fehlte jemand: mein Freund. „Wo ist Ryder?“, fragte ich Tristan und suchte den Laden mit den Augen ab. Er zeigte auf eines der Séparées. Mir entglitt alles. „Das soll wohl ein Witz sein!“
„Kein Witz.“ Er sah von der Tür zu mir auf. „Er macht dort nicht das was du denkst.“
„Er ist dort also nicht mit einer Frau drin?“
Sein Mundwinkel zuckte ganz leicht. „Schon, aber nicht so wie du denkst. Das Mädchen, mit dem er dort reingegangen ist, hat sich sonderbar verhalten und er wollte mit ihr reden. Ungestört.“
Ach so nannte man das jetzt also. „Eine Spur?“
„Vielleicht.“
Hin und her gerissen zwischen der Hoffnung auf eine Spur getroffen zu sein und dem Wissen, dass mein Freund dort mit so einer Schlampe drin war, warte ich darauf, dass die Tür aufging. Aber das tat sie nicht. Ich wartete und wartete. Hatte ich schon Mal erwähnt, wie sehr ich warten hasste? „Wie lange dauert das den noch?“
„Es braucht seine Zeit. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen, man muss sich langsam heran tasten. Du musst verstehen, dass diese Mädchen Angst haben. Ihre Besitzer machen sie gefügig, indem sie ihre Furcht schüren. So bringen sie die Mädchen dazu, genau das zu tun, was sie von ihnen wollen.“
Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie man eine Frau gefügig machte. Allein das Wissen, dass es Leute gab, die sowas taten, verursachte bei mir einen Brechreiz, also übte ich mich in Geduld. Nicht gerade eine meiner Stärken, aber ich schaffte es ruhig zu bleiben, bis Raphael wieder raus kam. Schon an dem Ausdruck in seinem Gesicht sah ich, dass er eine Niete gezogen hatte. „Sie ist neu.“ War seine Erklärung, für die Nervosität der Frau.
Wir suchten an diesem Abend noch einen dritten Club auf und hatten dort genauso viel Glück, wie in den anderen. Das war der erste Abend in einer langen Reihe von Fehltritten. Eine Woche verging und noch eine. Wie besuchten jeden Abend andere Clubs und Löcher und auch wenn wir hin und wieder einen Vampir, oder einen Werwolf fanden, so blieben die Sklavenhändler unentdeckt.
Nach und nach sank mein Mut und ich zweifelte mit jedem weiteren Tag daran, dass es uns gelingen würde, auch nur den kleinsten Hinweis zu finden.
Mit dem Verstreichen der Tage kam die Routine. Tagsüber schliefen wir, nachts suchten wir die Clubs auf. Manche hatten wenigstens einen gewissen Stiel, aber viele waren einfach nur Rattenlöcher.
Um an Geld zu kommen, suchte ich mir sogar einen Aushilfsjob. Das Zimmer war zwar billig, aber natürlich summierte sich auch das und meinen Schmuck zu verkaufen erwies sich als schwerer, als ich vermutet hatte. Besonders die teuren Teile wollten die Händler nicht haben, nicht ohne die passenden Papiere.
Ich fing an von sechs Uhr morgens bis dreizehn Uhr in einem Frühkaffee zu arbeiten, das nur ein paar Straßen entfernt war. Raphael und Tristan konzentrierten sich vor allen Dingen auf die Suche.
Der Alltag stellte sich schneller ein, als ich gedacht hatte. Unsere Wäsche wuschen wir in einem Waschsalon. Einkaufen, kochen, es wurde alles so … normal. Selbst die regelmäßigen Anrufe bei Samuel, der mir auch mitteilte, dass mein Verlobter aufs Schloss gekommen war und ziemlich wütend wurde, als jegliche Suche nach mir erfolglos blieb. Besser gesagt, sein Vater war derjenige welche, der an die Decke ging. War wohl nichts mit Hochzeit des Söhnchens.
Mein Leben nahm neue Gestalt an. Zwar vergaß ich nicht, wer ich war und wer nach mir suchte, aber ich lernte damit umzugehen und hörte mit der Zeit auf, mich an jeder Ecke umzudrehen, um nach Wächtern, oder anderen Werwölfen Ausschau zu halten. Zum Glück waren die Lykaner des Rudels in den Städten eher weniger vertreten.
Von dem wenigen Geld das wir hatten, leistete ich mir hin und wieder eine Zeitschrift, oder eine Hose. Einmal brachte Raphael mir Ohrringe mit.
Das einzige was wirklich noch einen Schatten auf mein Leben warf, war meine Mutter. Auch mit den Kontakten von Raphael und Tristan über die Themis konnten wir sie nicht aufspüren. Sie blieb verschollen und ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich das ändern konnte.
Mehr und mehr lernte ich die Vergangenheit ruhen zu lassen. Auch wenn ich nicht vergessen konnte, was die Brüder getan hatten, sie waren nun meine neue Familie und ich war glücklich damit. Aber mit der Zeit sah ich in unserer Suche keinen Sinn mehr. Ich schlug vor, dass wir es in einer anderen Stadt versuchten, aber davon wollte Tristan nichts wissen. Zu lange hatte er keinen Anhaltspunkt mehr gehabt und er klammerte sich mir aller Mach an diesem Strohhalm. Er setzte sich sogar mit Freunden in Arkan in Verbindung, um an Informationen von den befreiten Frauen zu kommen, doch das einzige was sie ihm sagen konnten war, dass Vivien an einen anderen Skhän verkauft worden war.
Er wurde immer trübsinniger und egal was ich tat, ich konnte ihn nicht aufmuntern. Ich versuchte mein Bestes, blickte immer weiter nach vorne, doch mit jeder verstreichenden Nacht ohne eine Spur kam ich zurück zu der Überzeugung, dass wir uns an dem falschen Ort befanden. Hier würden wir Vivien nicht finden.
An einem Dienstag, fast drei Wochen nach unserer Ankunft in Amsterdam, stieg ich aus unserer Dusche und griff nach dem Handtuch, dass ich mir bereit gelegt hatte. Ich war hundemüde und befürchtete, gleich hier auf dem Boden einfach einzupennen. Eine weitere erfolglose Nacht und eine sechs-Stunden-Schicht lagen hinter mir. Ich wollte einfach nur noch ins Bett. Darum trocknete ich mich nur schnell ab und schlüpfte dann in meine Unterwäsche.
Tristan saß draußen und suchte weitere Lokalitäten, in denen wir uns umsehen konnten, Raphael war einkaufen. Wir hatten uns sogar eine kleine Herdplatte besorgt, damit wir nicht jeden Tag teuer essen mussten, obwohl ich feststellte, dass ich in der letzten Zeit immer noch nicht besser aß.
Ich stellte mich vor den Spiegel. Hatte ich abgenommen? Kein gutes Zeichen. Ich war schlank, ich hatte keinen Grund für eine Diät, aber es war eindeutig. Ein paar Kilo, die ich vor Wochen noch besessen hatte, waren weg. Auch heute hatte ich noch nichts gegessen und ich hatte auch gar kein Hunger.
Wenn man von Vivien absah, gab es noch einen weiteren Gedanken, der mich seit ein paar Tagen beschäftigte. Das Lied des Mondes wurde wieder lauter, heute Abend war Vollmond und auch wenn es beim letzten Mal nicht so schlimm war, wie beim ersten, war ich doch nervös. „Oh Mann.“ Wenn etwas kam, dann aber alles auf einmal.
„Was hast du da am Bein?“
Entsetzt wirbelte ich herum und riss dabei mein Handtuch vor mich. Raphael hatte sein Kopf zur Tür reingesteckt. „Raus hier!“, schrie ich ihn an. Dass es mich in Unterwäsche sah, war mir völlig egal. Wir hatten zwar noch keinen Sex gehabt, aber mittlerweile war es für mich auch in Ordnung, wenn er mich nackt sah. Doch ich hatte meine Beinbinde noch noch angelegt und die missgestaltete Narbe an meinem Oberschenkel, die durfte er nicht sehen!
Er ging nicht. Stattdessen schlüpfte er ins Bad und schloss die Tür hinter sich.
Hilflos wich ich vor ihm zurück. „Hast du nicht verstanden? Du sollst rausgehen, ich bin gerade hier drin!“
Verwirrt musterte er mich. Das mich seine Anwesenheit so aggressiv machte, irritierte ihn. Aber auch nur, weil er die Narbe nicht richtig gesehen hatte. Würde er sie sehen, er würde mich hässlich finden. Das wollte ich nicht.
Als er einen Schritt auf mich zumachte, umklammerte ich mein Handtuch fester und wich noch weiter zurück. Mein Blick ging zu meiner Stulpe. Sie lag auf dem Klodeckel und wartete nur darauf benutzt zu werden.
„Clem, was ist los?“
„Was los ist?! Du kommst einfach ins Bad, das ist los! Wir sind hier doch nicht in einem Striplokal!“
„Ich wollte dir doch nur sagen, dass ich zurück bin.“
„Damit hättest du warten können, bis ich rauskomme!“, schrie ich ihn an. „Oder wenigstens anklopfen können, bevor du einfach reinkommst!“
Mein Verhalten verwirrte ihn immer mehr. „Ich versteh nicht, warum du dich so aufregst. Ich habe dich doch schon nackt gesehen.“ Er lächelte mich unsicher an. „Und du mich auch.“
Ich biss mir auf die Lippen.
„Hey, Bambi.“ Er trat direkt vor mich und nahm mein Kinn in die Hand, so wie er es schon so oft getan hatte, nur hatte ich mich dabei noch nie so unbehaglich gefühlt. „Sag mir was los ist.“
Wie konnte ich das? Ich wusste was passieren würde, wenn ich es ihm erzählte. Er war so perfekt, es gab keinen Makel an ihm. An mir schon.
„Du weißt doch, dass du mir alles erzählen kannst.“
Meine Hand krampfte sich über der Stelle am Handtuch, unter der meine Narbe lag.
Raphael bemerkte diese Bewegung und folgte ihr mit seinem Blick. „Was ist das an deinem Bein?“
„Bitte, geh raus“, flehte ich ihn an. Ich wollte nicht, dass er es sah.
Er forschte in meinen Augen und dann, ganz sanft, entwand er mir das Handtuch und ließ es achtlos zu Boden fallen.
Ich stand nur da und hoffte, dass dieser Moment einfach vorbei ging.
Sein Blick brannte sich auf meine Haut. Ich konnte geradezu spüren, wie er begann mich hässlich zu finden und wäre am liebsten einfach weggerannt. Aber davon abgesehen, dass er mir im Weg stand, war ich noch immer halbnackt.
„Was ist mit dir passiert?“ Seine Frage war sanft.
„Bitte Ryder, geh endlich.“
Er ging nicht. Er fiel vor mir auf die Knie. Seine Hände wanderten zärtlich über mein missratenes Bein, zogen die Wülste und Kuhlen nach, die vielen Narben, die eine große ergaben. „Das ist eine Brandnarbe.“ Und dann küsste er die empfindliche Haut, die ich so sehr hasste.
Es fühlte sich falsch an und doch konnte ich mich den Gefühlen nicht erwehren, die er dabei auslöste. Verwirrung, Abscheu, Glück, Verzweiflung. Nur einer hatte mich bisher dort berühren dürfen und auch nur weil er mich verstehen konnte, weil er ein ähnliches Leid mit sich herum trug. Sydney.
Raphael küsste einen Pfad vom Knie nach oben, schlang dann die Arme um meine Taille und vergrub sein Gesicht an meinem Bauch. „Du brauchst dich vor mir nicht zu verstecken.“
Oh Gott, warum konnte er nicht einfach damit aufhören. Seine Worte hätten es besser machen müssen, aber das taten sie nicht. Er sagte das doch nur, weil er mich nicht verletzen wollte. Warum hatte er nur ins Bad kommen müssen? „Bitte“, flehte ich ein weiteres Mal. „Lass mich allein.“
Er konnte mich nicht verstehen, doch nach kurzem Zögern erhob er sich wieder und verließ mit einem letzten Blick auf mich das Bad.
Meine Beine trugen mich noch genau bis zu dem Moment, in dem die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, dann sackte ich einfach in mich zusammen. Ich würde ihm nie wieder in die Augen sehen können. Darin würde ich immer lesen, wie sehr er meinen Körper verabscheute. Warum hatte ich bloß nicht daran gedacht die Tür abzuschließen? Dann wäre das nicht passiert. Ich konnte ihm nicht mehr unter die Augen treten, ich … ich … ich musste hier raus!
Ich war müde und wollte nichts anderes, als für ein paar Stunden ins Bett zu fallen, aber Raphael war dort draußen und mit ihm jetzt in diesem kleinen Raum zu sitzen würde für mich die Hölle werden. Also stieg ich wieder in meine Straßenklamotten, anstatt in meine Schlafsachen und verließ das Bad. Sofort erstarb das Gespräch der Brüder und beide sahen zu mir. Tristan vom Bett und Raphael vom Tisch, doch das Schlimme daran war nicht, dass sie mich ansahen, sondern wie sie es taten und mir wurde sofort klar was geschehen war. „Du hast es ihm gesagt?“, fragte ich Raphael ungläubig.
„Bambi.“ Er stand auf und wollte zu mir gehen, aber ich hob abwehrend die Hand.
„Nein, ich … ich muss hier raus, ich muss hier weg.“ Ich schnappte mir noch meine Tasche und verließ eilig das Zimmer. Jetzt wusste auch noch Tristan von meiner Entstellung. Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?
Mit den Tränen kämpfend lief ich die Straße entlang. Ich hatte keine Ahnung wohin ich ging und es war mir auch egal, hautsache ich kam von diesem Motelzimmer weg. Was sollte ich jetzt tun? Ich hatte nie vorgehabt ihm meine Narbe zu zeigen, er sollte es nie erfahren. Der einzige der davon wissen durfte war Sydney.
Oh Gott, wie sehr ich ihn in diesem Moment vermisste. Ich sehnte mich so sehr nach ihm, nach seinem weichen Fell und seiner Körperwärme. Selbst das geschwollene Gequatsche fehlte mir. Ich vermisste ihn schon die ganze Zeit, aber noch nie so stark, wie in diesem Moment.
Ich musste dringend seine Stimme hören, egal ob ich durfte oder nicht. Es interessierte mich nicht, was die Brüder davon halten würden, oder ob das gegen ihre Sicherheitsbestimmungen verstieß. Ich hatte mich von diesem Leben entsagt, von jeglichen Regeln, ich tat nur noch was ich wollte und in dem Moment brauchte ich das so sehr, dass ich gar nicht anders konnte, als die nächste Telefonzelle anzusteuern und mein ganzes Kleingeld in den Apparat zu stecken.
Es klingelte, viermal, fünfmal, sechsmal. Gerade schickte ich Gott ein Stoßgebet, als am Ende der Leitung endlich ihre Stimme ertönte.
„Das ist kein guter Zeitpunkt“, begrüßte Samuel mich. „Der Android ist mir dich auf den Fersen. Ihre Sensoren scheinen wieder zu funktionieren.“
„Samuel, du musst etwas für mich tun“, sagte ich ohne auf ihn einzugehen. „Geh runter zu Sydney, ich muss mit ihm sprechen.“
Stille. „Du möchtest, dass ich Historiker Sydney aufsuche?“
„Ja bitte, ich muss wirklich mit ihm sprechen.“ Ich brauchte seine Stimme für mein Seelenheil. „Bitte. Ich weiß dass es ein Risiko ist, aber Sydney wird uns nicht verraten.“
Er gab einen Fluch von sich, den ich ihm gar nicht zugetraut hätte. „Okay, ich bring das Handy zu ihm.“
„Ich ruf in zehn Minuten noch mal an, schaffst du das?“
„Ja, das werde ich schaffen.“ Und die Leitung war tot.
Nervös stand ich in der Telefonzelle und zählte die Sekunden. Wer hätte gedacht, dass ich so aufgeregt sein würde, wenn ich Sydney anrufen würde. Ich hatte ihn seit dem Abend unter dem Baum nicht mehr gesehen, oder gesprochen und das war Wochen her. Was sollte ich nur sagen?
Eigentlich war das ganz egal, Hauptsache ich konnte seine Stimme hören, die Ruhe in meine aufgewühlten Gefühle brachte. Ich würde ihm nicht erzählen können, was geschehen war, er würde ausflippen, wenn er wüsste mit wem ich unterwegs war … aber wenn er es schon längst wusste? Was wenn Lucy und Diego verraten hatten, wer die beiden Motorradfahrer waren? Sydney hasste Raphael ohne ihn zu kennen und das war mein Verdienst.
Ich zählte die Sekunden, doch irgendwann hielt ich das Warten nicht mehr aus und rief erneut auf dem Handy ab.
Tuuut, tuuut, Stille.
„Sydney?“ Ich bekam keine Antwort. Die Leitung blieb stumm und in mir stieg ein Hauch von Verzweiflung auf. „Bitte Sydney, sag doch was.“ Oh bitte, ich musste seine Stimme einfach hören, etwas Vertrautes, an das ich mich klammern konnte, etwas, das mir aus diesem Chaos raus helfen konnte, jemand, der mir sagen konnte, was ich jetzt tun sollte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, schwebte seine Stimme leise zu mir. „Was soll ich den sagen?“
Oh danke. Danke, danke, danke. Er hatte sich für mich verwandelt, ich konnte mit ihm reden. Einen Moment hatte ich befürchtet, dass er mich hassen würde, weil ich einfach gegangen war, doch er sprach mit mir, das war doch ein gutes Zeichen, oder? „Du könntest mir sagen, wie es dir geht“, schlug ich vor und hoffte dass er auf meinen lockeren Tonfall mit einstieg, doch was er dann sagte, versetzte mir einen schmerzhaften Stich.
„Ich vermisse meine Schülerin.“
„Ich vermisse dich auch.“ Mehr als ich bis jetzt geahnt hatte. Ich vermisste ihn viel zu sehr und das ließ meine Verwirrung gleich noch etwas steigen. Dabei hatte ich doch mit ihm sprechen wollen, damit ich wieder klar denken konnte.
„Dann komm nach Hause“, flüsterte er. „Komm zurück.“
Verdammt, wie konnte er mich um so etwas bitten? „Du weißt dass ich das nicht kann. Dieser Ort ist nicht mein Zuhause.“
„Zuhause ist, wo das Herz wohnt.“
Mir wurde die Kehle eng. „Tu das nicht, bitte“, flehte ich leise. „Ich kann nicht zurück … ich werde nicht zurückkommen, niemals. Ich bin hier glücklich.“
Schweigen. Eine lange drückende Stille, die mich verzweifeln ließ.
„Sydney?“ Bitte sag doch etwas, flehte ich, strafe mich nicht mit Schweigen. Nicht heute wo ich seine Stimme doch so sehr brauchte.
„Wo bist du glücklich?“ Seine Stimme war sanft, doch die Absicht hinter dieser Frage verstand ich sehr gut.
Ich würde es ihm nicht sagen, ich konnte es ihm nicht sagen. Wenn ich zurück in diese Hölle musste, würde ich das nicht überleben, da war ich mir sicher. „Du weißt, dass ich dir das nicht sagen werde. Ich hab nicht deswegen angerufen.“
„Warum dann?“
„Ich wollte deine Stimme hören. Ich hab …“ Mir brach die Stimme. Ich legte den Kopf zurück und versuchte das plötzliche brennen zu unterdrücken. „Mir fehlen unsere Abende, mir fehlen unsere Gespräche.“ Und du fehlst mir auch. Mehr als es gut für mich war.
„Du fehlst mir, Cayenne.“
Verdammt, warum musste er sowas sagen? Wie sollte ich damit umgehen? Was bedeutete das?
„Verzeih, das war unpassend“, sagte er niedergeschlagen und am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen, aber er war so weit weg, unerreichbar für mich.
„Nein, nein. Es ist gut. Das ist … ich …“ stotterte ich. „Oh Sydney, ich hab dich nicht im Stich lassen wollen, aber du wärst niemals mitgekommen und ich … ach ich weiß auch nicht, verdammt! Ich hätte nicht anrufen sollen.“ Das war wirklich dumm von mir gewesen. Jeder Anruf den ich ins Schloss tat, könnte mich verraten, aber ich hatte seine Stimme so sehr gebracht.
„Und das war es jetzt? Du willst einfach wieder auflegen?“
„Nein, das nicht, aber …“
„Cayenne, komm nach Hause.“ Die verzweifelte Bitte in seinem Ton, versetzte mir erneut einen Stich, aber ich konnte nicht zurück, dafür war ich zu weit gekommen. Nie wieder wollte ich an diesen Ort, auch nur einen Fuß über die Schwelle setzten, um zurück in mein Verderben gezerrt zu werden.
„Ich bin Zuhause, Sydney“, erwiderte ich. „Ich habe eine Verpflichtung, ich habe einen Job und Freunde die auf mich zählen, ich kann nicht so einfach weg. Ich versuche mir gerade etwas aufzubauen, weit weg von den Alphas.“
„Und jeder Pflicht“, knurrte er.
Das war nicht fair. So wie er das auslegte, könnte man denken, dass ich einfach keinen Bock auf den ganzen Mist hatte. Klar hatte ich mich gerne Mal vor meinen Pflichten gedrückt, aber das was sie im Schloss mit mir machten, wozu sie mich zwingen wollten, ging weit über das normale hinaus. „Hör auf mir Vorwürfe zu machen. Du selber weißt doch am besten wie es mir dort gegangen ist. Du hast alles mitbekommen, wie kannst du da behaupten, dass ich nur vor der Pflicht weglaufe?“
„Du bist weggelaufen, weil du nicht heiraten wolltest. Du bist vor der Pflicht einer jeden Prinzessin davongelaufen und du …“
„Einer beschissenen Pflicht!“, fuhr ich auf.
Er blieb ruhig. „Es ist eine Tradition.“
„Ich scheiß auf diese Tradition. Ich scheiß auf dieses ganze … Rudel!“ Oh nein, verflixt und zugenäht, ich wollte doch gar nicht streiten, aber was er da sagte, machte mich so wütend. Ganz ruhig, tief durchatmen und ruhig bleiben. „Hör zu, ich werde nicht zurückkommen.“ Ich schwieg einen Moment, bevor ich hinzufügte: „Ich hoffe du verstehst das.“
„Ob ich es verstehe, oder nicht, ist egal. Der Weg den du eingeschlagen hast ist falsch.“
Ich kniff die Augen zusammen. So hatte ich mir unser Gespräch nicht vorgestellte. Ich hatte gewollte, dass er mir die Ruhe gab, damit ich wieder klar denken konnte, damit ich wüsste, was ich tun sollte, aber damit hatte ich nicht gerechnet. Als ich die Augen wieder aufmachte, sah ich Tristan, der die Straße entlang lief und langsam auf mich zukam. Nicht weit von der Telefonzelle blieb er stehen und erwiderte meinen Blick geduldig.
Ich seufzte, so hatte ich das nun wirklich nicht geplant. „Ich muss jetzt auflegen, die Wände haben gerade Ohren bekommen, aber ich kann vielleicht …“ Die Leitung war tot, bevor ich meinen Satz beendet hatte. Sydney hatte einfach aufgelegt. Verdammt, jetzt war er sauer.
Dieser miese Hund! Er musste doch verstehen, warum ich so gehandelt hatte, warum ich nicht zurück konnte. Für ihn mag der Hof ja ein sicheres Paradies sein, aber für mich war diese Sicherheit nichts weiter als ein Gefängnis.
Wütend knallte ich den Hörer auf die Gabel und funkelte Tristan an, als ich die Telefonzelle verließ. „Warum bist du mir gefolgt?“, fuhr ich ihn an. Ich wusste dass er der Letzte war, der meine Wut verdient hatte, aber er war gerade da. „Kann man hier nicht mal fünf Minuten seine Ruhe haben? Ich hoffe das wird nicht alltäglich, sonst bin ich nämlich schneller weg, als ihr Good bye sagen könnt!“
Tristan blieb ganz ruhig und mir tat meine rüde Art sofort leid. Raphael hatte meine Wut verdient und Sydney, aber nicht er.
„Ach verdammt!“ Ich kramte in meiner Tasche nach einem Taschentuch, aber es war keines da. Das war doch mal wieder typisch. Mein Leben eben, nicht mal so eine Kleinigkeit konnte klappen.
Ganz der Gentleman der er war, reichte Tristan mir eins.
„Danke.“ Ich wischte über die Augen und war noch beschämter als vorher. „Tut mir leid“, sagte ich leise. „Ich hätte dich nicht so anfahren dürfen.“
„Schon okay, mir ging es am Anfang auch nicht anders, ich musste mich auch erst daran gewöhnen.“
Fragend sah ich ihn an, ich hatte keine Ahnung wovon er sprach.
„Deine Narbe.“ Er legte die Stirn in Falten. „Darum bist du doch gegangen, oder? Weil Raphael mir davon erzählt hat.“
„Ja schon, aber was hat das mit dir zu tun?“
„Hast du es etwa vergessen?“ Er klopfte sich leicht gegen die rechte Schulter und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Verbrennungen die er erlitten hatte.
„Meine Narbe ist nicht neu, ich habe sie seit zehn Jahren, es ist nur …“ Mir fiel nicht das richtige Wort ein.
„Du schämst dich dafür“, sagte er, als wäre es das normalste der Welt. „Und das ist okay. Jeder geht mit solchen Sachen anders um. Aber du darf Raphael nicht böse sein, er erzählte mir immer alles.“ Er schenkte mir ein kleines Lächeln. „Du musst verstehen, dass wir viel unterwegs sind und die meiste Zeit niemanden außer uns zum reden haben.“ Er nickte mit dem Kopf Richtung Motel, wartete dann und legte einen Arm um meine Schultern, als ich mich dazu entschloss, mit ihm zu gehen. „Aber du brauchst dir keine Sorgen machen, ich werde es niemanden verraten.“
„Du hättest es nicht erfahren sollen, genauso wenig wie er.“ Ich schüttelte den Kopf. „Niemand hätte davon erfahren sollen.“
„Und wie sollte das funktionieren?“
„Was meinst du?“
Sein Mundwinkel zuckte. „Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, Clem, ich weiß was ihr beide in meiner Abwesenheit miteinander treibt.“
Das meine Wangen sich leicht röteten, konnte ich nicht verhindern. „Wir haben keinen Sex, wenn du darauf anspielst.“
Das schien ihn ein wenig zu überraschen. „Aber früher oder später werdet ihr ihn haben. Und … naja, das lässt sich schwer bewerkstelligen, wenn man Klamotten anhat.“
Ihm zu sagen, dass wir uns schon nackt gesehen hatten und ich immer eine Binde um mein Bein trug, sparte ich mir einfach. „Jetzt ist es ja sowieso egal“, sagte ich bitter. „Er weiß es ja jetzt und hat gesehen, wie hässlich ich bin.“
Abrupt blieb Tristan stehen und ich gezwungenermaßen mit ihm. „Das ist es? Das glaubst du?“
Ich wandte mich ab. Dieses Gespräch musste schnellst möglich aufhören.
„Cayenne, jetzt hör mir mal genau zu. Du bist nicht hässlich und keine Narbe der Welt könnte daran etwas ändern.“
„Du hast leicht reden“, warf ich ihm vor. „Dich könnte nichts entstellen, aber sie mich doch an. Was hab ich denn noch, wenn mein Aussehen wegfällt?“
„Dein Herz.“ Sein Gesicht nahm weiche Züge an. „Und das ist alles was zählt.“
Ja klar, mein Herz. Was für eine abgedroschene Plattitüde.
„Und glaub mir, Raphael sieht das genauso.“
„Glaubst du wirklich?“ Gott, musste meine Unsicherheit so deutlich durchklingen?
„Auf jeden Fall. Komm, ich beweise es dir.“
Langsam führte er mich die Straße entlang. Das Motel war nicht weit weg und ich kam mir vor, als sei ich auf dem Weg zu meinem Henker. Ich wusste nicht, wie ich Raphael unter die Augen treten sollte. Würde ich auch nur einen Funken Abscheu bei ihm entdecken, würde mich das zugrunde richten. In den letzten Wochen waren wir uns so nahe gekommen, ich hatte mich ihm so sehr geöffnet und die Angst verstoßen zu werden, nagte an meiner Seele.
Seufzend schloss ich die Augen und genoss das Lied des Mondes, das durch meinen Körper summte. Zwar waren es noch Stunden bis zur Nacht, doch wir hatten Vollmond und ich konnte es jetzt schon in jeder meiner Faser spüren, wie es nach mir rief und mich lockte. Es gab mir etwas Sicherheit. Wenigstens eine Sache in meinem Leben hatte Bestand.
Als ich die Augen wieder öffnete, sah Tristan mich verwundert an. „Waaas?“
„Kannst du es hören?“
Schulter zuckend ging ich neben ihm her. „Ich hab es gelernt.“
Der fragende Ausdruck blieb. „Wie war dein letzter Vollmond?“
„Anstrengend.“ Näher wollte ich nicht ins Detail gehen und jedes weitere Wort blieb mir auch erspart, denn wir hatten den Parkplatz erreicht.
Schon von Weitem entdeckte ich Raphael, der draußen vor unserem Zimmer an der Wand lehnte. Als würde er meine Gegenwart spüren, hob er sofort den Kopf. Ich verkniff mir jegliche Gefühlsregung, als ich auf ihn zusteuerte. Kurz bevor ich ihn erreichte, drückte Tristan mir ermutigend die Schulter und schubste mich dann förmlich zu meinem Freund.
Raphael wollte den Mund aufmachen und etwas sagen, vermutlich eine Entschuldigung, aber ich legte ihm den Finger auf den Mund. „Kein Wort.“ Auf die Frage in meinem Kopf, konnte mir niemand eine Antwort mit Worten geben. Diese Antwort konnte ich nur in seinen Augen finden, nur in ihren lag verborgen, was ich wissen musste.
Lange sagen wir uns einfach an, aber ich sah nicht von meine Befürchtungen, keine Abscheu oder Verachtung, nichts als die Zuneigung, die Liebe, die er mir die ganze Zeit schon entgegen brachte. Und ein kleinen wenig Verwirrung. Tristan sollte recht behalten, nur das Herz zählte, alles andere war zweitrangig.
Ich nahm Raphaels Hand und zog ihn hinter mir ins Zimmer.
°°°°°
Hitze, Schmerzen, ein Herz, das versuchte vor dem Wahn der Nacht zu fliehen. Das Fenster war weit geöffnet, der Mond schien mir direkt ins Gesicht.
Schwer atmend drehte ich mich auf die Seite und fixierte Tristan mit fiebrigen Augen. Es saß neben mir im Bett und wagte es nicht sich zu bewegen, denn jedes Mal, wenn er auch nur mit dem Muskel zuckte, überkam mich das brennende Bedürfnis ihn knurrend aufzuspringen und ihn auf seinen Platz zu verweisen. Nicht dass ich bisher mehr zustande gebracht hatte, als deswegen aus dem Bett zu fallen – zwei Mal.
Raphael saß hinter mir, mein Kopf ruhte in seinem Schoß und seine Finger strich immer wieder beruhigend durch mein kurzes Haar. Er machte sich Sorgen und es gefiel ihm überhaupt nicht, dass ich mich nicht von seinem Joch belegen ließ. Aber das hatte ich bei Sydney gelernt. Auch wenn die Qualen mich beinahe an den Rand des Wahnsinns trieben, so musste ich diese Tortur durchstehen, wenn sich jemals eine Besserung einstellen sollte. Und dieses Mal war es auch nicht ganz so heftig, wie in den letzten beiden Monaten.
In den ersten zwei Stunden ja. Oh, ich hatte mehr als einmal ins Kissen gebissen, um meinen Schmerzensschrei zu ersticken. Wir befanden uns immerhin in einem Hotel und auch hier würde früher oder später jemand die Polizei rufen, wenn da ständig jemand schrie.
Jetzt im Moment war mir nur heiß. Meine Muskeln schmerzten, mir war schlecht und in meinem Kopf drehte sich alles, aber ich sehnte mich nicht mehr nach einer Ohnmacht, die mich von dieser Qual befreite.
„Willst du was trinken?“, fragte Raphael leise. Er überprüfte den feuchten Lappen auf meiner schweißnasse Stirn.
Ich lag hier nur in Unterwäsche und doch hatte ich das Gefühl in einem Brennofen zu sitzen. Oh, ich sehnte das Ende dieser Nacht so sehr herbei.
„Bambi?“
„Kein Trinken.“ Meine Stimme klang, als hätte man sie mit einem Reibeisen bearbeitet.
Als die Haut an meinem Arm zu kribbeln begann, drehte ich das Gesicht in Raphaels Schoß und krallte meine Hände ins Laken. Das Kribbeln wurde zu einem heftigen Brennen. Mein Atem wurde hektischer.
„Schhh“, machte Raphael und strich mir beruhigend über den Rücken. Wahrscheinlich beobachtete er dabei, wie das Fell durch meine Haut stieß, nur um sich gleich darauf wieder zurückzuziehen. Das war in den letzten Stunden schon ein paar Mal passiert. „Bald hast du es hinter dir.“
Leider bedeutet bald in diesem Fall noch mehrere Stunden, in denen mein Körper sich so verausgabte, dass ich am Ende der Nacht kaum noch einen Muskel bewegen konnte und einfach einschlief, sobald der Mond von der Sonne verdrängt wurde.
Zum Glück hatte ich mir in weiser Voraussicht für drei Tage freigenommen, denn die Erschöpfung hielt mich bis zum Nachmittag in seinen Klauen. Auch dann erwachte ich nur kurz, um eine Kleinigkeit zu essen und unter Raphaels Aufsicht eine schnelle Dusche zu nehmen. Gleich danach lag ich wieder im Bett und schlief bis zum nächsten Tag durch.
Als ich dieses Mal erwachte, ging es mir schon ein wenig besser. Ich hatte zwar einen mordsmäßigen Muskelkater, aber ich hatte einen weiteren Vollmond hinter mich gebracht und würde jetzt wieder einen knappen Monat ruhe haben. Darum entschlossen wir uns am Abend auch in einem weiteren Club unser Glück zu versuchen.
Schon auf dem Weg dorthin bemerkte ich, wie knurrig und launenhaft ich war. Als wir dann in der Lokalität an der Bar saßen und eine der Damen Raphael gegenüber ein wenig zu aufdringlich wurde, bewahrten nur seine schnellen Reflexe das Miststück davor, dass ich ihr den Kopf abriss.
Da es sicher ein wenig auffällig wäre, ihr hinterherzurennen und einen gepfefferten Tritt in den Hintern zu geben, begann ich mürrisch damit meine Serviette zu zerpflücken.
„Wir sind wohl ein kleinen wenig gereizt.“ Raphaels Stimme klang amüsiert, aber ein Blick reichte, um mich vom Gegenteil zu überzeugen.
„Nachwirkungen“, murmelte ich und erinnerte mich nur zu genau daran, wie ich der Schwärn nach dem letzten Vollmond den Arm gebrochen hatte. Das kleine Biest hatte echt Glück gehabt.
Als die Tür zu dem Separee aufging, in dem Tristan die letzte halbe Stunde mit einer Blondine verbracht hatte und wie so oft in den letzten Wochen den Kopf schüttelte, warf ich meine Serviette wüten auf den Tresen. „Ach scheiße, das bringt doch nichts!“ Ich sprang vom Barhocker und nahm meine Tasche auf den Rücken.
Sofort war Raphaels Aufmerksamkeit bei mir. „Wo geht’s hin?“
„Raus. Ich brauch dringend friste Luft.“ Was nicht mal gelogen war. Diese Parfümwolken, die hier die Luft verpesteten, waren einfach nur widerlich. Davon dröhnte mir der Schädel und meine Nase war mir echt dankbar, als ich den Laden verließ, in die frische Nachtluft trat und erst einmal tief einatmete.
Es war nicht das erste Mal, dass ich einen Club verlassen hatte und würde wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal sein. Ich musste unbedingt einen Weg finden, Tristan davon zu überzeugen, in einer anderen Stadt weiter zu suchen. Hier würden wir nichts finden, da war ich mir sicher.
Ich lehnte mich an die Wand und sah hinauf in den wolkenlosen Sternenhimmel. Das Lied des Mondes beruhigte meine Sinne und sorgte dafür, dass ich mich ein wenig entspannte. Keine Ahnung, wie lange ich dieses Spielchen noch mitmachen konnte. Nicht nur dass es übelst teuer war, es zerrte auch zunehmend an meinen Nerven.
„Ist bei dir alles in Ordnung?“
Ich hob den Blick. Direkt vor mir stand ein Mann. Schwarze Haare, braune Augen, teurer Anzug. Geschniegelt vom Scheitel bis zur Sohle. Recht attraktiv. Nettes Lächeln. Und seine Augen … er war unverkennbar ein Vampir.
„Klar“, sagte ich. „Ich brauchte nur mal frische Luft.“
Zustimmend neigte er den Kopf. „Ja, dieser Job kann ganz schön anstrengend sein.“
Job?
Nach meinem Geschmack musterte er mich ein wenig zu genau. „Dich habe ich hier noch nie gesehen. Bist du neu?“
Neu?
„Eine Augenweide. Du hast sicher viel zu tun.“
Und da machte es bei mir Klick. „Oh, Sie denken ich bin eine … nein, nein.“ Abwehrend riss ich die Hände nach oben. „Ich arbeite hier nicht. Ich bin nur Gast.“
Seine Augen glitten an meinem Körper hinab, an der weißen Bluse und der schwarzen Stoffhose, verharrten nach meinem Geschmack an manchen Stellen eine Spur zu lange. „Du musst dich dafür nicht schämen. Jeder tut das, was er tun muss.“ Er streckte eine Hand nach mir aus, wohl um mir über die Wange zu streichen, doch daraus wurde nichts. Schon in dem Moment als ich die Bewegung bemerkte, schlug ich seine Hand weg und funkelte ihn warnend an.
„Ich bin nicht was Sie denken. Also lassen Sie das gefälligst.“
Sein Lächeln verrutschte ein wenig. „Es ist nicht besonders höflich nach anderen Leuten zu schlagen.“
„Sie einfach anzutatschen aber auch nicht.“ Ich stieß mich von der Wand ab und wollte an ihm vorbei zurück in den Club schlüpfen. Leider schien er den Wink mit dem Zaunpfahl aber nicht verstanden zu haben. Er vertrat mir den Weg und vereitelte damit meine Fluch. Als er dann auch noch nach mir griff, wich ich hastig vor ihm zurück. Leider war ich zu langsam und er erwischte mich am Arm.
Ich reagierte einfach, ohne lange darüber nachzudenken. Meine Arme flogen nach vorne und stießen ihn von mir. Sein Ring kratze dabei über meinen Arm und riss die Haut auf. Er stolperte ein Stück zurück.
„Fassen sie mich nicht an.“ Meine Stimme wurde zu einem gefährlichen Knurren. „Ich schwöre bei Gott, lassen Sie mich in Ruhe, oder Sie werden es bereuen.“
Meine Warnung schien ihn irgendwie zu amüsieren. Ganz langsam und ohne mich aus de Augen zu lassen, hob er seine Hand und hielt mir die offene Handfläche hin.
Nein, er forderte mich damit nicht auf sie zu ergreifen, er zeigte mir das Blut, das an seinem Ring haftete.
Ich schaute auf meinen Arm, wo ein leichter Schmerz pochte. Die Haut war aufgerissen und blutete schwach.
Als ich wieder nach vorne schaute, war er gerade dabei genussvoll das Blut von seiner Hand zu lecken.
„Ein Misto“, sagte er leise und plötzlich begann die blasse Farbe seiner Augen sich zu verdunkeln. Leider verstand ich erst was das sollte, als er sagte: „Nicht bewegen“ und ich mich plötzlich nicht mehr bewegen konnte. „Still. Bleib einfach nur stehen und sag kein Wort.“
Seine Worte schienen bis tief in meinen Geist einzudringen und ich kam gegen diesen sanften Befehl nicht mehr an. Mein Körper verweigerte mir den Dienst, meine Stimme schien sich auf und davon gemacht zu haben und mein Herz schlug mit einem mal nur noch vor Angst.
„So ist gut.“ Seine Augen wurden ein wenig heller, nur um gleich wieder dunkel zu werden. „Keine Sorge, Schätzchen, bei mir bist du in guten Händen.“
Ich wollte schreien, wollte um mich schlagen und dem Kerl einen gezielten Tritt dorthin geben, wo das Problem lag, doch ich steckte so tief in seinem Bann, dass ich nichts tun konnte, als still dazustehen. Ich war eine Gefangene in meinem eigenen Körper.
Als er wieder näher trat, war der Fluchtinstinkt in mir mit einem Mal so groß, dass ich glaubte zu spüren, wie sich meine Muskeln bewegten. Aber das war Einbildung. Als Misto war ich genau wie die Menschen dem Blick eines Vampirs völlig ausgeliefert.
„So wunderschön“, sagte er leise. Dieses Mal konnte ich mich nicht dagegen wehren, als er mit seinem Fingern ganz zart über meine Wange strich. Es war beinahe eine Liebkosung, wie von einem Geliebten. „Du wirst sicher einen guten Preis bringen.“
Was?!
Als seine Finger an meinem Hals entlang streiften und dann auf meinem Schlüsselbein liegen blieben, überlief mich eine eiskalte Gänsehaut. Ich flehte darum, dass jemand vorbei kam und ihn aufhielt, aber selbst wenn uns jemand sehen würde, bekäme ich keine Hilfe, schließlich wehrte ich mich nicht.
Eine einzelne Träne löste sich aus meinem Augenwinkel.
„Warum die Träne? Keine Sorge, ich tue dir nicht weh.“ Als seine Hände den Ansatz meiner Brust berührte, wurde mir schlecht. „Das überlassen ich anderen, von mir hast du nichts zu befürchten.“ Sein Lächeln war so sanft, dass es in einem grotesken Widerspruch zu seinen plötzlich anwachsenden Reißzähnen stand. „Und jetzt nicht bewegen.“
Hatte ich vorher schon geglaubt, mein Herz würde schnell schlagen, so war das gar nichts im Vergleich zu dem, was passierte, als er sich nur vorbeugte und mich einen zarten Kuss auf die Lippen hauchte. Er ließ sie an meinem Gesicht entlangwandern, hinunter bis zu meiner Halsbeuge. Dann spürte ich, wie er mit seinen Zähnen über die zarte Haut strich und mit der Zunge darüber leckte.
Meine Haut begann zu kribbeln und langsam taub zu werden. Eine weitere Träne rollte mir über die Wange.
Raphael!
Ich spürte, wie seine Hände langsam an meinem Körper entlangfuhren und konnte nichts dagegen tun.
„Eigentlich bist du für für die Skhän schon fast zu schade“, murmelte er leise und küsste meine Halsbeuge. Für einen Fremden mussten wir wie ein schmusendes Pärchen aussehen. „Aber irgendwie muss ja auch ich meinen Lebensunterhalt bestreiten.“
Moment, war dieser Kerl etwa ein Fänger? Mit einem Mal wurde aus meiner Furcht eine ausgewachsene Panik. Ich spürte wie meine Atmung heftiger wurde und wie das Adrenalin durch meine Adern rauschte. Er wollte mich fangen, er wollte mich zu den Händlern bringen, er wollte mich zu einer Sklavin machen und ich war nicht in der Lage mich dagegen zu wehren.
„Schhh“, machte er, als würde er meine anwachsende Unruhe spüren. „Ganz ruhig, ich sorge dafür, dass es auch dir gefällt.“
Es war keine bewusste Handlung, nur eine instinktive Reaktion. Plötzlich brach mein Odeur in einer mächtigen Welle aus mir hervor und überflutete die ganze Gegend. Aber der Kerl war ein Vampir, er merkte es nicht mal. Doch sollten Werwölfe in der Nähe sein … Tristan! Wenn Tristan …
Als sich plötzlich seine Zähne in meinen Hals bohrten, setzte mein Denken für einen Moment einfach aus. Ein nie gekanntes Gefühl rauschte in mich hinein und elektrisierte jede Faser meines Körpers. An meinem Hals entstand ein Sog und dann geschah etwas Unfassbares. Seine Hand streifte die Unterseite meiner Brust und … es fühlte sich gut an.
Nein!
Ich war davon so geschockt, dass ich einen Moment sogar vergaß zu atmen.
Als er sich dann auf einmal von mir löste und ich mit glasigem Blick sah, wie er verwundert das Gesicht hob, verschwand dieses Gefühl nicht. Es rieselte durch mich hindurch und erwärmte meinen Körper.
Der Mann schaute mich überrascht an. Ein Tropfen meines Blutes hing ihm im Mundwinkel. „Du wurdest … markiert.“
Als ihm die Bedeutung seiner eigenen Worte klar wurde, weiteten sich seine Augen ein kleinen wenig.
Plötzlich kam von der Seite ein Rammbock angeschossen und schleuderte den Mistkerl mit sich zusammen zu Boden.
Raphael.
Das Gesicht vor Wut zu einer Grimasse verzerrt, die Fänge bis zum Anschlag ausgefahren, hockte er über dem Anzugträger und schlug mit seiner Faust so brutal zu, als wollte er seinen Kopf in den Boden rammen. Einmal, noch einmal. Er ließ seinem Gegner keine Chance zurückzuschlagen. Dem Widerling blieb nur die Möglichkeit, die Arme vor das Gesicht zu reißen, um das Schlimmste zu überstehen. Aber selbst das gelang ihm kaum. Raphael war so in Rage, dass er ihn gleich umbringen würde.
Ich konnte nicht einschreiten. Der Bann war weg, doch mein Körper fühlte sich noch immer seltsam an. Ich schaffte es nicht mal aufrecht stehen zu bleiben und sackte an der Hauswand einfach zusammen.
„Clem!“ Tristan stürzte an meine Seite. Er griff nach mir, strich mir besorgt durchs das Gesicht, über den Kopf, die Arme. Jede Berührung sandte wieder dieses Kribbeln in mich hinein. „Stell dein Odeur ab, schnell, bevor noch jemand auf dich aufmerksam wird.“
Odeur?
„Clementine, bitte.“
Es war wohl das Drängen in seiner Stimme, dass mich darauf aufmerksam machte, dass meine Alphaaura noch immer um mich herum pulsierte und ich hatte Schwierigkeiten sie zu beenden. Mein Körper wollte mir einfach nicht richtig gehorchen.
Doch nach ein paar Sekunden sagte Tristan: „Ja gut, genau so“ und strich mir dabei unentwegt über die Arme, als wollte er mich aufwärmen.
„Der Mann“, sagte ich schwach und erkannte meine Stimme kaum wieder. Die Tonart stimmte einfach nicht. Was war nur los mit mir?
Tristan schaute mit einem solch wütenden Blick zu dem Widerling, dass ich schon erwartete Laserstrahlen aus seinen Augen schießen zu sehen. „Ganz ruhig“, sagte er leise und dann bemerkte er wohl den Biss an meinem Hals. Jetzt sah er wirklich furchterregend aus. „Wir sind da, alles ist gut.“
Das glaubte ich ihm sofort und meine Dankbarkeit kannte in diesem Moment auch keine Grenzen, aber das war es gar nicht, was ich versuchte ihm mitzuteilen. „Er ist ein Fänger.“
Tristan gab keine Regung von sich.
„Ryder wird ihn umbringen“, sagte ich mit schwerer Zunge und diffusem Blick.
Er schaute mich an, dann seinen Bruder. Im nächsten Moment gab er einen derben Fluch von sich, ließ mich einfach sitzen und hechtete zu seinem Bruder.
Der Anzugträger versuchte gerade sich schützend auf die Seite zu rollen, aber Raphael schlug immer und immer wieder zu. Ich konnte hören, wie seine Faust auf Fleisch klatschte, sah das Blut spritzen und der Mann Laute des Schmerzes von sich gab.
Gerade holte Raphael wieder aus, als Tristan ihn von hinten in den Schwitzkasten nahm und ihn von dem Kerl runter riss.
Raphael gab ein angsteinflößendes Fauchen von sich und versucht nach hinten zu greifen, um wieder frei zu kommen, doch Tristan griff nur noch fester zu.
„Hör auf!“, knurrte er und zerrte ihn von dem Vampir fort. „Verdammt!“ Er schaffte es kaum Raphael festzuhalten, also wirbelte er ihn herum und stieß ihn dann in meine Richtung. „Geh zu Clem!“
Mein Name ließ ihn einen Moment zögern. Er schaute kurz zu mir, dann wieder zu dem Vampir.
„Geh!“, forderte Tristan ihn noch einmal auf. „Ich kümmere mich um das Stück Scheiße.“
Für einen Moment war Raphael hin und her gerissen, doch dann sprang er auf die Beine und eilte zu mir. Seine Knöcheln waren aufgeplatzt, das Gesicht grimmig, doch seine Berührungen waren waren ganz sanft. „Bambi“, flüsterte er. Sein Blick richtete sich auf meinen Hals und wurde eiskalt.
Langsam und ohne wirklich zu wissen was ich da tat, hob ich die Hand an meine Halsbeuge. Die Haut war makellos, doch meine Finger berührten etwas glitschiges. Blut, wie ich mit einem Blick darauf feststellte.
Plötzlich begann ich zu zittern.
„Schhh“, machte Raphael und zog mich an seine Brust. Sein Geruch hüllte mich ein, seine Gegenwart gab mir Geborgenheit, doch auch seine Berührungen fühlten sich so seltsam an. „Atme einfach“, sagte er leise. „Nur atmen.“
Ich vergrub das Gesicht an seiner Brust und klammerte mich an sein Hemd. „Ich fühl mich so komisch.“
Sein Griff wurde ein wenig fester. „Das kommt vom Biss, das geht bald vorbei. Atme einfach weiter. Ich bin hier, ich passe auf dich auf. Dir kann nichts mehr passieren.“
Der Biss. Ich wurde von einem Vampir gebissen und es hatte sich gut angefühlt. Plötzlich wurde aus dem Zittern ein richtiges Beben und ich fror bis auf die Knochen. Diego wäre wegen so einem Biss fast gestorben.
Raphael zog mich noch fester an sich. So wie er da hockte, musste es für ihn furchtbar unbequem sein, aber er sagte kein Wort.
Und dann kamen die Tränen. Ich wusste nicht mal genau warum, immerhin fühlte ich mich doch gut, aber mein Körper schüttelte es und der einzige Grund, warum ich in diesem Moment nicht einfach zerbrach war Raphael. Er hielt mich nicht nur fest, er hielt mich auch zusammen.
Währenddessen schlug Tristan den halb bewusstlosen Anzugträger mit einer solchen Wucht KO, dass es wohl niemand gewundert hätte, wenn das Schwein ins Koma gefallen wäre. Dann zückte er sein Handy. Ich wusste nicht mit wem er sprach, noch was er sagte, denn auf einmal wurde mir wirklich bewusst, was hier gerade geschehen war und was hätte geschehen können.
Ein Fänger der Skhän, ein Blick der mich gefangen hielt. Er hatte mich berührt und es war okay gewesen … am Ende war es okay gewesen. Für meinen Körper, aber nicht für meinen Geist. Der hatte sich in den hintersten Winkel meines Kopfes verzogen und sich hinter einer dicken Stahltür verbarrikadiert. „Das ist falsch“, flüsterte ich.
Raphael veränderte seine Position und zog mich auf seinen Schoß. „Schhh“, machte er nur. „Bleib ruhig.“
„Ich wollte das nicht fühlen.“
Seine Arme schlangen sich ein wenig fester um mich.
Ich versteckte mich in dieser Umarmung und versuchte dieses Gefühl loszuwerden, doch es hatte sich an mir festgekrallt. Jetzt wo er bei mir war, empfand ich es sogar als sehr angenehm. Aber das war eine Täuschung. Lucy hatte es mir doch erklärt.
Als sich ein Wagen nährte, spannte ich mich an. Immerhin saßen wir hier mit einem zusammengeschlagenen Mann. Es war sowieso ein Wunder und wahrscheinlich nur der späten Uhrzeit zu verdanken, dass bisher noch niemand vorbeigekommen war.
„Keine Angst“, beruhigte Raphael mich sofort. „Das ist nur Murphy, Tyrone hat ihn angerufen.“
Der Name kam mir bekannt vor.
Ich drehte den Kopf ein wenig und sah einen blauen Kleinwagen direkt neben uns am Straßenrand halten. Tristan ging schon auf ihn zu, bevor der Motor abgeschaltet war.
Die Scheinwerfer erloschen und gleich darauf stieg ein großer Mann mit breiten Schultern aus. In dem schwachen Licht der Straßenlaterne konnte ich nicht viel erkennen und das nicht nur, weil Tristan so stand, dass er mich praktisch vor dem Kerl abschirmte.
Die beiden sprachen kurz miteinander, dann gingen sie zusammen zu dem bewusstlosen Widerling. Dieser Murphy zerrte dem Kerl die Arme auf den Rücken und verschnürte sie mit … hm, waren das Kabelbinder? Aus die Entfernung konnte ich das nicht richtig erkennen.
„Komm, steh auf, es ist Zeit zu gehen“, sagte Raphael und half mir mit sanftem Nachdruck auf die Beine.
Sobald ich in Bewegung kam, erwachte dieses komische Gefühl wieder. „Das ist so falsch“, murmelte ich, konnte aber nichts dagegen tun, dass ich gefallen an dem Kribbeln empfand. Ich drehte das Gesicht wieder in seine Brust und atmete seinen Geruch tief in meine Lungen.
„Langsam“, mahnte Raphael und strich mir beruhigend über den Rücken. „Sag mir einfach, wenn du so weit bist.“
„Ich will nach Hause“, flüsterte ich. Ich wollte weg von der Straße, wenn von diesem Ort und dem Mistkerl, dem ich diesen Zustand zu verdanken hatte. Gott, der Biss hatte wie lange gedauert? Zwei Sekunden? Das müsste doch endlich vorbei gehen.
„Wir gehen jetzt nach Hause“, versprach er.
Schritte kamen auf uns zu und stoppten direkt neben uns.
„Alles klar?“, fragte Tristan.
Als ich mein Gesicht drehte, legte Raphael mir eine Hand an den Kopf. „Das wird schon wieder“, erklärte er und schaute zu dem Wagen, wo dieser Murphy gerade den Anzugträger auf den Rücksitz warf. „Kannst du ein Taxi rufen? Ich fahr mit ihr zurück ins Hotel.“
Tristan nickte. „Ich geh mit Murphy. Schauen wir mal, was wir aus dem Mistkerl herausbekommen.“ Als er meinen Blick bemerkte, hob er die Hand, um mir über die Wange zu streichen. Normalerweise störte mich das nicht, als im Augenblick war bei mir nichts normal.
„Nicht anfassen!“ Ich drängte mich näher an Raphael. „Bitte, nicht anfassen.“ Ich wollte nicht noch mehr von diesen seltsamen Empfindungen.
Seine Lippen wurden ein wenig schmaler. „Der Kerl wird sowas nie wieder tun“, versprach er mir. „Und er wird dafür bezahlen, dass er dir zu nahe gekommen ist.“
Die Wut in seiner Stimme … sowas bei Tristan zu erleben, war für mich völlig ungewohnt. „Mir geht es gut“, sagte ich leise. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, ihn zu beruhigen. „Ich bin okay.“
Keiner der Brüder glaubte mir. Kein Wunder, ich glaubte mir ja nicht mal selber.
Als dieser Murphy nach Tristan rief, bestellte der noch schnell ein Taxi für Raphael und mich, bevor er davon fuhr.
Eigentlich hatten wir für so eine extravagante Fahrt kein Geld übrig und doch ich war dankbar, nicht auf das Motorrad steigen zu müssen.
Während der ganzen Fahrt klammerte ich mich an Raphael und lauschte seinen beruhigenden Worten, dem Versprechen, dass er niemals zulassen würde, dass mir etwas passierte und dass er immer auf mich aufpassen würde.
Das seltsame Gefühl wurde besser und als wir eine halbe Stunde später bei dem Motel vorfuhren, war es schon fast verschwunden, doch meine Gedanken hörten nicht auf sich um dieses Thema zu drehen. Immer wieder sah ich diesen Mistkerl vor mir und spürte die Angst. Wären Raphael und Tristan nicht aufgetaucht … ich wollte mir gar nicht vorstellen, was dann geschehen wäre.
Raphael bezahlte den Fahrer und brachte mich nach oben auf unser Zimmer. Er warf ein paar herumliegende Klamotten zur Seite, setzte mich aufs Bett und verschwand dann einen Augenblick im Badezimmer. Wasser rauschte. Gleich darauf kam er mit einem feuchten Lappen heraus und setzte sich zu mir. Der Lappen landete für den Moment auf dem Nachttisch, dann begann er mir die Bluse aufzuknöpfen.
Ich ließ es einfach zu. „Ich konnte mich nicht wehren“, flüsterte ich. Keine Ahnung warum, aber ich hatte das Bedürfnis mich zu rechtfertigen. „Er hat mir befohlen ruhig zu sein und still zu halten.“
Seine Lippen wurden schmal. „Er wird bekommen, was er verdient.“
Da war ich mir sicher. Die Frage war nur, konnte ich damit leben? Konnte ich vergessen, was heute geschehen war? „Dieses Gefühl war nicht richtig.“
Raphael löste den letzten Knopf meiner Bluse und streifte sie mir von den Schultern. Am Kragen waren ein paar Tropfen Blut. Mein Blut. Dieses Arschloch hatte mich gebissen und nur die Markierung hatte mich vor schlimmeren bewahrt.
Es war das erste Mal, dass ich dafür dankbar war. Und doch … „Du wirst mich nicht beißen, oder?“ Ich hob den Blick, als er den Lappen an sich nahm. „Sowas machst du nicht, nicht bei mir.“
Einen Moment schien er nicht zu wissen, was er dazu sagen sollte. „Nicht wenn du es nicht möchtest.“ Er drehte meinen Kopf ein wenig und begann dann damit mir das Blut vom Hals zu wischen.
„Und du würdest deine Repression auch nicht bei mir benutzen.“ Es war albern das zu fragen, aber in dem Moment musste ich einfach sicher gehen. Immerhin war auch er ein Vampir.
„Nein“, sagte er leise. „Nicht auf diese Weise.“ Er ließ den Lappen sinken und drehte mein Gesicht, bis ich in diese wunderschönen Augen sah. „Du brauchst keine Angst haben, dass ich jemals versuchen würde dich so zu manipulieren. Ich liebe dich, Bambi.“
Nach einem Augenblick des Schweigens, hob ich die Hand und legte sie ihm an die Wange. Ich spürte den leisten Bartschatten und forschte in seinen Augen. Es war nicht das erste Mal, dass er das sagte, doch es war das erste Mal, dass ich es wirklich glauben konnte. „Du liebst mich“, flüsterte ich und beugte mich vor, bis meine Lippen auf seine trafen.
Das Gefühl, das schon bei der ersten Berührung in mir erwachte, das war echt, das war richtig. Das war es was ich wollte. Nicht diese Falschheit, die mir von dem Kerl aufgezwungen wurde.
Er erwiderte den Kuss sanft, aber das war mir heute nicht genug. Ich rutschte näher und ließ den Kuss drängender werden. Ich biss ihm leicht in die Unterlippe und strich ihm über die Brust, bis er endlich den Arm um mich schlang und mich näher an sich heranzog.
Meine Augen schlossen sich. So konnte ich ihn noch besser spüren. Ja, genau so sollte sich das anfühlen.
Meine Hand wanderte an ihm hinab zum Saum seines Shirts. Ich schob sie darunter und strich ihm über die Seite. Er war dort so empfindlich, dass er immer eine Gänsehaut bekam, wenn ich das machte. Aber das war mir heute nicht genug. Darum löste ich den Kuss, griff nach seinem Saum und zog ihm das Shirt über den Kopf. Ich wollte ihn Haut an Haut spüren.
Raphael wehrte sich nicht, doch aus irgendeinem Grund hielt er sich noch immer zurück. Gut, wenn er die Führung nicht übernehmen wollte, dann würde ich das eben tun.
Langsam brachte ich meine Zunge ins Spiel. Meine Hand strich über die Berge und Täler seines Körpers. Ich spürte den immer schneller werdenden Herzschlag unter seiner Haut und ließ meine Hand in tiefere Regionen wandern. Auch wenn wir zwei schon einige Zeit allein zusammen verbracht hatte, so war das noch immer Neuland für mich und einen Moment war ich mir nicht ganz sicher, wie ich es anfangen sollte. Für den Anfang war der direkte Weg vermutlich der beste. Also strich ich sein Bein hinauf und stellte zufrieden fest, dass sein Atem etwas schneller wurde. Auch sein Kuss war nicht länger zurückhaltend. Ich musste also irgendwas richtig machen.
Zufrieden tastete ich mich weiter vor, strich seinen Innenschenkel hinauf, bis ich endlich die Beule in seinem Schritt erreichte.
Er gab ein seltsames Geräusch von sich, dass mich nur noch mehr anspornte, doch als ich dann nach dem Knopf seiner Jeans griff, packte er plötzlich mein Handgelenk.
„Okay, Stopp“, rief er und unterbrach schwer atmend unseren Kuss. „Ich glaub, wir sollten besser aufhören.“
„Warum?“ Ich erwiderte seinen Blick. „Ist es, weil dieser Kerl mich angefasst hat?“
Das Handy in seiner Hosentasche schrillte los. Er warf einen kurzen Blick darauf, ließ es aber stecken. „Nein“, sagte er sanft „Ich glaube nur, dass du das gerade aus den falschen Gründen tun willst.“
Aus den falschen Gründen? „Du glaubst ich mach das wegen diesem Widerling?“
Er schaute mich nur an.
Einen Moment konnte ich ihn nur sprachlos anschauen. „Ist es für dich wirklich so unvorstellbar, dass ich das hier will, weil es sich gut und richtig anfühlt?“
„Ich weiß, was der Biss eines Vampirs bewirkt.“
„Das glaub ich jetzt nicht.“ Ich stand auf und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu laufen. „Der Kerl hat vielleicht einen Schluck von meinem Blut genommen, bevor er die Markierung bemerkt und gepeilt hat, dass er gerade einen riesigen Fehler begeht. Dann warst du auch schon da.“ Ich blieb direkt vor ihm stehen. „Hat es sich falsch angefühlt? Ja! Gott, wenn ich gekonnt hätte, hätte ich ihm die Eier abgerissen, aber das hier“, Ich gestikulierte von ihm zu mir, „das ist nicht falsch, das fühlt sich richtig an, das ist es was ich möchte. Nicht wegen irgendeinem Kerl, oder einem Biss, sondern weil du es bist!“
Raphael öffnete den Mund, doch bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, begann sein Handy erneut zu klingeln. Unentschlossen schaute er von mir zu seiner Hosentasche.
„Geh einfach ran“, sagte ich erschöpft und kehrte ihm den Rücken. Wenn er nicht wollte, konnte ich ihn schließlich nicht zwingen. Trotzdem tat diese Zurückweisung weh. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Der Versuch war einfach nur dumm gewesen.
Während ich zum Stuhl rüber ging und den Wäschehaufen dort nach einem Shirt von mir durchforstete, nahm Raphael den Anruf entgegen. Ich verstand zwar nicht viel, aber ich vermutete, dass es Tristan war.
Seufzend knöpfte ich meine Hose auf und ließ sie an meinen Beinen herabgleiten. Ich machte mir nicht mal die Mühe, sie aufzuheben und ordentlich wegzupacken. Hier sah es in der Zwischenzeit sowieso aus, als sein ein Wirbelsturm durch den Raum gefegt. Ich griff nach hinten, um meinen BH zu lösen. Auch der landete achtlos auf dem Boden.
Als ich dann nach dem Shirt griff und es überziehen wollte, stand Raphael auf einmal neben mir und drückte meinen Arm wieder runter.
„Okay“, sagte er ins Handy, als ich ihn verwirrt anschaute. „Ja, hab ich verstanden. Gut und kannst du mir einen Gefallen tun?“ Vorsichtig entwand er mir das Shirt und warf es zurück auf den Wäschehaufen. Dann legte er mir den Hand ans Gesicht und strich mir vorsichtig über die Wange. „Kannst du die Nacht bei Murphy bleiben? Wir brauchen ein wenig Zeit für uns.“
Meine Augen wurden ein Stück größer. Bedeutete es das, was ich glaubte?
Während er Tristan lauschte, forschte er in meinem Gesicht. Er schien nach etwas zu suchen. „Okay, danke. Ja, wir sehen und dann später. Bye.“ Er schaltete sein Handy aus und warf es zu dem ganzen anderen Kram auf den überfüllten Tisch.
Als er sich dann wieder zu drehte, schlug mir mein Herz auf einmal bis zum Hals. Er sagte kein Wort, als er sich vorbeugte und mich so zärtlich küsste, dass ich es bin in die Zehenspitzen fühlen konnte. Ja selbst meine Kopfhaut begann davon zu kribbeln.
Eine Hand legte sich auf meinen Rücken und zog mich an sich, sodass unsere Körper sich berührten.
Ich versank in der aufkeimenden Hitze zwischen uns und schlang meine Arme um seinen Nacken, um ihm noch näher zu sein.
Dieses Mal war er es, der den Kurs vorgab und ich ließ mich nur zu gerne führen. Ich reagierte auf seine Berührungen und vertiefte den Kuss erst, als er drängender wurde.
Ich löste seinen Zopf, den ich mochte es mir den Fingern in sein Haar zu gleiten.
Auf einmal bückte er sich ein wenig und hob mich dann plötzlich hoch. Vor Schreck klammerte ich mich an seine Schultern. Dann küsste ich seine Wange, sein Kinn, seinen Mund, während er mich zum Bett trug und mich in die Laken legte.
„Ich werde immer für dich da sein“, flüsterte er, als er sich langsam küssend einen Weg über meinen Körper bahnte. Sein warmer Atem strich über meinen Bauch, über meine Brust, hinauf zu meinem Hals. Er hauchte mir einen Kuss auf die Stelle, wo der Mistkerl mich gebissen hatte. „Ich liebe dich so sehr.“
Oh Gott, er machte sich keine Vorstellung davon, wie viel mir das in diesem Moment bedeutete, wie viel er mir bedeutete. Ich zog seinen Mund zurück auf meinen und versuchte es ihm zu zeigen, weil Worte einfach nicht ausreichten.
Lange Zeit lagen wir einfach nur da, küssten und berührten uns. Er liebkoste meine Haut, fuhr jede Einzelheit meines Körpers nach.
Dieses Sehnen nach ihm wurde immer stärker. Ich konnte kaum noch denken, alles was ich noch wahrnahm war er. Sein Geruch, seine Wärme, seine Augen. Ich wollte, dass das hier niemals endete.
Langsam strich seine Hand an meinem Körper hinab. Seine Finger verirrten sich unter das Bündchen meines Slips und streichelten mich, bis mein Atem ein schneller wurde.
Als er sich aufrichtete, um das störende Kleidungsstück zu entfernen, kam ich ihm nicht nur entgegen, sondern richtete mich gleich mit auf, denn seine Hose musste auch noch runter.
Meine Hände zitterten ein wenig, als ich mich an seinem Knopf zu schaffen machte. Dieses Mal hielt er mich nicht auf. Mit seinen Küssen ermutigte er mich sogar noch. Ich stellte mich ein wenig dumm an und begann nervös herumzufummeln, als der Knopf nicht sofort durchs Loch wollte. Raphael ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen.
Er blieb geduldig, als ich ihm die Hose von den Hüften zog und selbst, als kurz darauf völlig nackt nebeneinander lagen, schien er keinen Grund zur Eile zu sehen.
Ich dagegen wurde nun doch ein wenig nervös.
„Entspann dich einfach“, sagte er zwischen zwei Küssen.
Unsicher biss ich mir auf die Lippe. Wusste er, dass ich noch nie Sex hatte? Wirklich direkt ausgesprochen hatte ich es noch nie. Sollte ich ihn darauf hinweisen? „Ich bin noch … ich …“
„Ich weiß“, sagte er leise und schob sich an mir hinauf, bis sein Gesicht über meinem schwebte. „Du brauchst keine Angst haben.“ Seine Nase strich federleicht über meine. „Und wenn du es dir doch anders überlegst, dann sag es einfach. Ich bin deswegen nicht böse.“
Gut zu wissen, aber ich hatte nicht vor, das hier vorzeitig zu beenden. Ich wollte das, ich wollte ihn. Darum griff ich auch wieder nach seinem Gesicht und begann ihn so zu küssen, dass wohl nicht nur mir Hören und Sehen verging.
Er drängte sich fester an mich und griff nach meinem Bein. Seine Hand spreizte sich auf meinem Schenkel, während ich in meinen Gefühlen versank und spürte wie die Lust zwischen uns immer weiter anstieg. Doch als er dann sein Knie zwischen meine Beine schob und sich selber gleich hinterher, ließ der Rausch ein wenig nach.
Es war ungewohnt die Beine so weit zu spreizen und auch die zarten Berührungen und sanften Küsse halfen nicht dabei meine Nervosität zu besänftigen. Ich versuchte mich zu entspannen, als er versuchte eins mit mir zu werden, doch stattdessen spannte ich mich immer mehr an. Würde es wehtun? Ich hatte Geschichten gehört und war plötzlich einfach nur noch verunsichert.
„Schhh“, machte er und schob meinen Kopf nach oben. „Sieh mich an.“ Seine Lippen streiften meine. „Du darfst nicht darüber nachdenken.“
Ja klar, und wie bitte sollte das gehen? Ich versuchte mich auf seine Hände zu konzentrieren, auf den Blick, mit dem er mich schon so oft gefangen genommen hatte, doch als er sich ein Stück weiter vorwagte, schmerzte es.
Ich weiß nicht ob ich ein Geräusch von mir gegeben hatte, auf jeden Fall hörte er sofort auf und versuchte mich mit Küssen abzulenken. Funktionierte leider nicht. Ich schaffte es einfach nicht mehr mich zu entspannen und je mehr ich es versuchte, desto schlimmer wurde es.
Nach ein paar Minuten zog Raphael sich wieder zurück.
„Nein, ich …“
„Ganz ruhig.“ Er setzte sich auf und zog mich mit nach oben. Dann setzte er mich rittlings auf seine Knie. „Jetzt kannst du entscheiden, wann du so weit bist“, flüsterte er und strich mir dabei langsam über den Rücken. „Lass dir Zeit.“
Ich spürte ihn und wusste, ich musste mich einfach nur auf ihn senken.
Wieder versuchte er mich mit der Geduld eines Heiligen in andere Welten zu entführen. Seine Küsse waren ein wenig drängender, seine Berührungen fester. Er presste mich an sich, während er zärtlich an meinem Schlüsselbein knabberte.
Langsam ließ die Anspannung in meinen Beinen nach. Sein Atem wurde ein wenig schneller, als ich mich an seine Schultern klammerte.
Am Anfang fühlte er sich wie ein Eindringling an und ich musste mir selber ein paar mal gut zureden, besonders, als es anfing ein wenig zu schmerzen. Aber Raphael ließ nicht zu, dass ich mich darauf konzentrierte. Und dann wurden wir beide belohnt.
Es war schrecklich und schön zugleich. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass es sich so anfühlen würde. Ja, es war ein wenig unangenehm, aber das verblasste einfach in den Empfindungen, die wir teilten. Mit einem anderen Menschen so verbunden zu sein, war als würde man sich selber verschenken. Nicht nur den Körper, auch die Seele und das Herz.
Als die Gefühle zwischen uns immer stärker wurden, konnte ich mich nur noch an ihn klammern, um mich nicht zu verlieren. Die Lust staute sich, mein Herz schlug immer schneller. Ich vergrub das Gesicht an seiner Halsbeuge und dann plötzlich wurde ich zusammen mit ihm einfach fortgetragen.
Während ich noch versuchte zu realisieren, was hier zwischen uns passiert war, fiel sein Atem hektisch gegen meine Brust. Er hatte die Augen geschlossen und seine Stirn an mich gelehnt. Dabei hielt er mich umklammert und strich mit den Fingern immer wieder über meinen Nacken.
„Ich liebe dich, Bambi“, flüsterte er.
„Und ich …“ Plötzlich merkte ich, wie da etwas an meinem Bein rauslief. Vor Schreck sprang ich auf und hätte ihn fast mitgerissen. „Nein, nein, nein, nein, nein.“
„Hey.“ Er versuchte nach mir zu greifen, doch ich sprang aus dem Bett und rannte panisch ins Badezimmer. Ich hatte den Duschkopf bereits in der Hand und wollte ihn gerade aufdrehen, als Raphael hinter mir auftauchte und mich am Arm schnappte, als hätte er Angst, ich würde sonst wieder gleich wegrennen.
„Was ist los?“, fragte er besorgt. „Warum läufst du weg?“
„Wir haben kein Kondom benutzt!“ Ich wollte mich losmachen, um mich abzuduschen, denn ein Kind war das letzte, was ich im Moment gebrauchen konnte, aber er hielt mich fest.
Auf seinem Gesicht zeigte sich Erleichterung. „Vampire und Werwölfe können keine Kinder kriegen.“
Ich starrte ihn an. „Wirklich?“
„Wirklich.“ Er drehte mich zu sich herum. „Du musst dir deswegen also keine Sorgen machen, es ist alles in Ordnung.“
„Und da bist du dir da absolut sicher?“
Dafür bekam ich ein kleines Lächeln. „Ich habe noch nie von einem Vampir gehört, der es geschafft hat einen Werwolf zu schwängern. In dieser Hinsicht sind wir nicht kompatibel, Bambi.“
„Es kann also nichts passieren?“, versicherte ich mich ein weiteres Mal.
Dieses Mal zog er mich einfach an sich und küsste mich sehr ausgiebig. Diese Antwort war so überzeugend, dass ich kein weiteres Mal nachfragte.
°°°
Leises Summen drang an mein Ohr. Papier knisterte. Ich kuschelte mich tiefer in mein Kissen und versuchte die Geräusche zu ignorieren. Raphael und ich waren erst weit nach Sonnenaufgang eingeschlafen und ich war noch nicht bereit den Tag zu beginnen.
Der Gedanke an ihn zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Wir hatten es getan. Wir hatten es wirklich getan und ich glaubte nicht, dass ich mich in meinem Leben schon einmal so gut gefühlt hatte. Das war einfach nur … wow.
Zufrieden seufzend tastete ich nach ihm und bekam ein Bein zu fassen.
Das Summen brach abrupt ab. „Ähm“, machte eine mir völlig unbekannte Stimme.
Erschrocken riss ich die Augen auf und musste feststellen, dass der Kerl neben mir im Bett ich Raphael war. Leider war es aber auch nicht Tristan, es war ein mir völlig Fremder mit Brille und einem Haufen Papieren auf dem Schoß. An seinem Hemd waren die obersten Knöpfe offen und die Krawatte hing locker um seinen Hals.
Zuerst wusste ich weder was ich tun, noch was ich denken sollte, bis mir die Schwere dieser Situation klar wurde. Ich lag, mit nichts als einem T-Shirt neben einem fremden Kerl in einem Bett. Mein plötzlicher Schrei kam für ihn wohl etwas überraschend. Ich sprang aus dem Bett und riss mir dabei das Lacken bis an den Hals.
Der Mann fiel vor Schreck in einem Papierregen auf den Boden. Die Stille wurde durch sein Fluchen gefüllt.
Raphael kam aus dem Bad gestürzt, schaute sich nach einer Gefahr für mein Leben um, entdeckte aber nur mich mit dem Laken und den Kerl, der sich zurück auf die Füße mühte. „Was ist los, warum hast du geschrien?“
Ich konnte nur auf den Mann im Anzug zeigen, der seine Brille gerade rückte. Meine Beine wurden mir weich, als mir bei seinem Anblick der Zusammenstoß mit dem letzten Anzugträger in den Sinn kam.
„Wegen Mister Penibel?“ Raphael runzelte die Stirn. „Wieso, was hat er gemacht? Dich gezwungen sein Gekritzel zu entziffern?“
Mister Penibel? Nun war ich verwirrt.
„Deine Witze waren auch schon mal besser“, grummelte der Mann und rückte seine Brille zurecht. Dann machte er sich daran, seine Papiere wieder zusammenzusuchen.
Meine Augen wurden ein wenig schmaler. „Wer zum Teufel sind Sie und was hatten sie in meinem Bett zu suchen?“
Er hielt inne und schaute zu mir rüber. „Ich bin Roger Naue.“ Verwundert wandte er sich zu Raphael. „Ich dachte Ihr wüsstet von mir.“
Roger Naue? Umbra Roger? Der Kerl, der sich am Flughafen auf Lucy gestürzt hatte, damit Raphael mich entführen konnte? Da ich ihn nur von hinten gesehen hatte, konnte ich es nicht mit Sicherheit sagen. Aber etwas anderes wurde mir klar.
„Sie sind Viviens Mann.“
Etwas Schmerzliches zeigte sich in seinen Zügen. „Verlobter“, korrigierte er mich. „Bis zur Hochzeit haben wie es nicht mehr geschafft.“
Ja, stimmt. Das war ja auch der Grund warum ich jetzt hier stand und ein Laken um meine Hüfte wickelte. „Das erklärt aber noch lange nicht, was Sie in meinem Bett zu suchen hatten.“
„Ich brauchte Platz zum Arbeiten.“
„Und da kam Ihnen nicht die Idee, sich an den Tisch zu setzten?“
Wir schauten alle drei gleichzeitig in die Ecke, wo das besagte Möbelstück unter Papieren, Geschirr, der Kochplatte und unverderblichen Lebensmitteln begraben war. Auf dem Stuhl daneben stapelten sich unsere Klamotten. Von unseren Taschen fing ich besser erst gar nicht an. „Okay, dieser Punkt geht an sie“, gab ich zu. Notiz an mich selber: Aufräumen. Oder noch besser: Die Jungs zum Aufräumen verdonnern.
„Ihr werdet ja dann wohl ohne mich klarkommen.“ Raphael wollte wieder ins Bad, doch ich hielt ihn mit einem „Moment“ auf. Erst jetzt fiel mir auf, dass er nichts als eine Hose trug, an der der Knopf offen stand. Als ich geschrien hatte, wollte er wohl gerade unter die Dusche springen. Jetzt jedoch blieb er stehen und schaute interessiert dabei zu wie ich in die Ecke lief und mir vom Stuhl ein paar Klamotten zusammensuchte.
Als ich alles hatte, was ich brauchte, ging ich zu ihm, gab ihm grinsend einen Kuss auf die Lippen und sagte: „Danke fürs warten.“ Dann schlüpfte ich eilig an ihm vorbei ins Bad.
„Hey!“, rief er noch, als die Tür fast zu war. „Da wollte ich gerade rein.“
„Das Vorrecht der Frauen!“, rief ich lachend zurück und verschloss eilig die Tür hinter mir. Normalerweise drängelte ich mich ja nicht vor, aber auch wenn Roger Raphaels Schwager war, so war er für mich noch immer ein Fremder und ich wollte bestimmt nicht im Laken gewickelt neben ihm sitzen. Und ich brauchte ja auch nicht lange.
Nach meiner Morgentoilette und einer schnellen Dusche, schlüpfte ich auch schon in meine Klamotten und kam wieder aus dem Bad.
Die beiden Männer saßen mittlerweile auf der Bettkante und sahen sich ein paar Kontoauszüge an.
Ich kletterte neben Raphael und schaute zu. Sofort griff er nach meiner Hand.
„Das könnte ein Problem werden“, sagte er dabei und gab Roger den Auszug zurück. „Hat Papa denn nichts mehr?“
„Ich will ihn nicht fragen, er muss immerhin noch Amber versorgen.“
Beide richteten ihren Blick wieder auf den schmalen Zettel.
„Was ist denn los?“
Raphael hob meine Hand an die Lippen und hauchte einen Kuss drauf. „Mach dir keine Gedanken, ist halb so wild.“
Meine Mundwinkel sanken ein wenig herab. „Manchmal glaube ich du hältst mich für blöd.“
„Uns geht das Geld aus“, sagte Roger dann ganz direkt und rieb sich über die Stirn. „Ich hatte einiges angespart, aber die Suche nach Vivien … es wird nicht mehr lange reichen.“
Das war tatsächlich ein Problem. „Ich habe noch fast die Hälfte von meinem Schmuck. Das ist sicher in paar Tausend wert“, bot ich an. „Wir müssen nur jemanden finden, der das Zeug kauft.“
Roger nickte, schien dabei aber nicht sehr glücklich. „Ich muss mal schauen, vielleicht ergibt sich ja noch was. Ansonsten komme ich gerne auf Euer Angebot zurück.“
Meine Mundwinkel sanken noch weiter. „Dein Angebot“, betonte ich überdeutlich. „Kein Ihr, kein Euch, kein oh bitte lass mich in deinen Arsch kriechen. Einfach nur …“
Als ein Schlüssel ins Schloss unserer Zimmertür gesteckt wurde, unterbrach ich mich. Tristan kam nach Hause und er brachte noch jemanden mit. Wenn ich die Statur richtig abmaß, dann musste das dieser Murphy sein.
Der Typ hatte echt breite Schultern. Seine Nase war krumm, so als sei sie schon einige Male gebrochen gewesen und das Haar auf seinem Kopf kaum mehr als ein Schatten. Kantiges Gesicht, schmale Hüften. Ich würde ihn auf Anfang dreißig tippen, also war er wahrscheinlich doppelt so alt.
Mit einem „Hey“ begrüßte er die Runde.
Roger nickte ihm zu, Raphael hob die Hand.
Sein Blick richtete sich auf mich. „Du bist dann also Ryders Perle. Kein Wunder, dass er dich vor mir versteckt hat.“ Er zwinkerte mir zu, aber es hatte nichts anzügliches. Es war eher verspielt.
„Clementine“, stellte ich mich vor.
„Murphy.“ Er kam zu mir und schüttelte mir die Hand.
Raphael stand auf und ging in die Ecke um den Stuhl frei zu räumen. Zu fünft würde es im Bett ein wenig eng werden.
Tristan warf seine Jacke übers Fußende des Bettes und begann dann mich zu mustern. „Alles okay mit dir?“
Die Anspielung verstand ich wohl, auch wenn ich lieber nicht daran erinnert werden wollte. Es sollte mich nicht verwundern, dass er sich danach erkundigte. „Es war ja kaum was gewesen“, sagte ich lapidar, einfach weil ich der Sache nicht noch mehr Bedeutung beimessen wollte, als sie sowieso schon hatte. „Er hat ja praktisch sofort aufgehört, als er Ryders Markierung bemerkt hat.“
Erst als Tristan und Roger plötzlich alle Gesichtszüge entglitten und Raphael erschrocken aufsah, wurde mir bewusst, was ich da gerade gesagt hatte.
Bevor ich noch etwas tun konnte, wirbelte Tristan auch schon herum und nagelte seinen Bruder an die Wand. Raphaels Kopf prallte mit einem dumpfen Knall dagegen.
„Nein!“, schrie ich und sprang aus dem Bett. „Lass das!“
Tristans Gesicht war vor Wut verzerrt. Er presste Raphael mit dem Arm an der Kehle gegen die Wand und sah aus, als wollte er ihm den Kopf abreißen. „Du verdammter Mistkerl! Du hast mir versprochen, dass du das nicht tun würdest, versprochen! Es gibt genug andere, an denen du deinen Durst stillen kannst, aber nicht sie!“
Keuchend versuchte Raphael sich von seinem Bruder zu befreien, aber gegen die Kraft eines Werwolfs kam er nicht an. Besonders nicht, wenn dieser auch noch wütend war.
Als Roger sich dann auch noch vom Bett erhob, ließ ich mein Odeur mit einer Kraft um uns herum explodieren, dass sowohl er als auch Murphy erschrocken zusammenzuckten.
„Wage es nicht auch nur eine Muskel zu bewegen“, knurrte ich ihn an und eilte zu den Brüdern.
Murphy schaute einfach nur verwirrt zwischen uns hin und her.
Raphael zerrte an den Händen seines Bruders. Der schien gar nicht zu bemerken, dass er gerade dabei war, seinen Bruder zu erwürgen.
„Hör auf!“, fauchte ich und versuchte mich zwischen die beiden zu drängen. Als das nicht klappte, drängte ich mein ganzes Odeur gegen ihn. „Tyrone las ihn sofort los”, forderte ich mit fester Stimme und fügte ein „das ist ein Befehl!“ hinzu, als er nicht gleich reagierte.
Er wandte mir einen kurzen Augenblick seine Augen zu, dann knurrte er seinen Bruder aus dem Tiefen seiner Kehle an und stieß sich nicht allzu sanft von ihm ab.
Raphael ging ein wenig in die Knie, schnappte hektisch nach Luft und rieb sich hustend die Kehle. „Tyrone, warte.“ Seine Stimme war rau.
Tristan wartete nicht. Er wandte sich einfach ab und verließ stinksauer das Zimmer.
„Scheiße!“ Mit wackligen Knien sprang Raphael auf und eilte seinem Bruder hinterher. Ich hörte noch, wie er ein weiteres Mal nach seinem Bruder rief, dann waren die beiden verschwunden.
Ich lief ihnen noch bis zur Zimmertür hinterher und hätte mir am liebsten selber in den Hintern getreten. Warum nur hatte ich nicht darauf geachtet, was meinen Mund verließ? Ich wusste doch wie die Leute auf diese Information reagierten. Wie hatte ich glauben können, dass es bei Tristan anders sei? Vielleicht standen die beiden sich näher als Brüder, aber er war immer noch ein Werwolf und ich seine Prinzessin. Er hatte mir schon bei den Ohrlöchern sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass sich daran nichts ändern würde, nur weil ich mich vor diesem Teil meines Lebens versteckte.
Ich sah die Brüder über den Parkplatz zur Straße laufen. Tristan verschwand um eine Hausecke. Gleich darauf verschwand auch Raphael aus meinem Sichtfeld. „Scheiße!“, sagte ich und wiederholte damit Raphaels Worte. „Dumm“, fluchte ich, macht die Tür zu und drehte mich herum. „Einfach nur dumm.“
Zwei Paar Augen starrten mich an.
Roger mahlte mit dem Kiefer, Murphy schaute völlig entsetzt.
„Du … du bist Prinzessin Cayenne!“
Oh Mist. Ich ließ meine Odeur so schnell verschwinden, als sei es niemals vorhanden gewesen. „Mein Name ist Clementine.“
„Nein, du …“ Er verstummte einen Augenblick und dann lachte er auf. „Zwei Schwachköpfe auf Motorrädern entführten die Prinzessin bei einem Ausflug nach Silenda.“ So jedenfalls lautete die offizielle Erklärung der Alphas. „Tyrone und Ryder sind die Schwachköpfe?“
Ich verengte die Augen ein wenig. „Nenn sie nicht so.“
Murphy schüttelte den Kopf, als könnte er es einfach nicht glauben. Dann wandte er sich an Roger. „Was für eine Scheiße treibst du hier eigentlich? Die Themis entführen niemanden.“
„Sehe ich aus, als hätte mich jemand entführt?“, fragte ich ein wenig gereizt.
Er hatte nur einen kurzen Blick für mich übrig, bevor er wieder zu Roger schaute.
„Ich wusste es nicht“, erklärte der. „Ich habe erst zwei Wochen nach ihrem Verschwinden erfahren, dass sie hier ist. Und es hat auch nichts mit dem Themis zu tun.“
„Ich habe die beiden angerufen und sie gebeten mich da rauszuholen“, erklärte ich und ließ mich seufzend auf den Stuhl sinken. Ich musste ihn aufklären und hoffen, dass er mich nicht verriet. „Ich bin vor den Alphas geflohen, weil ich da nicht länger bleiben konnte.“
Murphy machte den Mund auf, schloss ihn dann wieder und runzelte die Stirn. Sein Blick ging von mir zu Roger und dann wieder zurück. „Der Abschaum von letzter Nacht hat gesagt, er hätte eine Misto gebissen. Bei den Alphas gibt es keine Mistos.“
Super. Vielleicht sollte ich ihm einfach meine Biographie aushändigen. Ich schaute zu Roger, nicht sicher, was ich jetzt tun sollte, doch der zuckte nur mit den Achseln und ließ sich dann wieder auf der Bettkante nieder. Tolle Hilfe. „Es gab niemals ein Baby, dass aus dem Königshaus entführt wurde. Meine Mutter ist nicht Alica, sondern Celine und mein Vater …“
„Oh nein“, sagte Murphy und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, nein, das will ich gar nicht wissen.“ Er hob die Hand, zeigte auf mich, ließ sie wieder sinken, hob sie wieder, zeigte auf Roger, dann wieder auf mich und ließ sie dann wieder sinken. „Oh Mann.“ Diese Situation schien den Armen ein wenig zu überfordern. „Oh Mann.“ Er verschränkte die Arme, ließ sie wieder fallen und marschierte dann mit einem weiteren „Oh Mann“ zur Tür hinaus.
Ich war sofort wieder auf den Beinen und eilte ihm hinterher, doch war war nur auf die Galerie getreten, lief dort hin und her und murmelte wieder: „Oh Mann.“ Diesen Schreck würde er wohl nicht so schnell verkraften.
Zwar glaubte ich nicht, dass er losrennen und mir die Wächter auf den Hals hetzen würde, aber ich behielt ihn trotzdem im Auge, bis er stehen blieb, die Augen schloss und einmal tief durchatmete.
„Okay“, sagte er dann. „Okay.“ Er öffnete die Augen wieder und grinste mich ein wenig verunsichert an. „Deine neue Frisur gefällt mir.“
Mit diesen einen Satz entschärfte er die ganze Situation und ließ mich erleichtert aufatmen. Ich hatte kaum bemerkt, wie angespannt ich gewesen war. „Sie sollte eigentlich dafür sorgen, dass mich niemand erkennt“, murmelte ich.
„Hättest du dein Odeur nicht benutzt, hätte es wohl geklappt.“ Er warft einen Blick zum Parkplatz, schüttelte dann den Kopf und kam zurück ins Zimmer. „Okay, fassen wir zusammen. Du bist Ryders Freundin Clementine. Ende der Geschichte.“
Dafür bekam er ein Lächeln.
„Und du wurdest von einem Vampir markiert.“
War ja klar, dass das noch mal zur Sprache kommen musste. Seufzend lief ich durch den Raum und setzte mich ans Kopfende des Bettes. Dabei war ich mir den Blicken der beiden sehr bewusst. „Es war ein Unfall. Er hat einen Schnitt an meiner Hand geheilt und dabei ist es einfach … passiert.“
So wie die beiden mich anschauten, glaubten sie wohl, ich hielt sie für dumm.
„Eine Markierung kann nur bewusst gesetzt werden“, erklärte Roger.
Verdammt. Hätte ja klappen können. „Okay. In einem Anfall von Überfürsorge hat Ryder mir eine Markierung verpasst, aber wenn man es genau betrachtet, war das gut. Nur deswegen ist gestern nichts Schlimmeres passiert.“
So wie sie mich anschauten, war das kein gutes Argument.
Na schön, dann eben anders. „Wagt es nichts ihm deswegen etwas zu tun. Das ist eine Sache zwischen ihm und mir und geht euch gar nichts an.“
„Knurren kannst du jedenfalls.“ Murphy schnappte sich den Stuhl, drehte ihn herum und und ließ sich rittlings darauf nieder. „Aber in Zukunft solltest du das vielleicht doch besser für dich behalten.“
Dafür bekam er einen bösen Blick. „Danke für den Hinweis.“
„Bitte, gern geschehen.“
Da hielt sich wohl jemand für einen Komiker.
„Und wo wir schon mal bei Hinweis sind“, warf Roger ein. „Hast du …“
Die Zimmertür wurde geöffnet und als Tristan im Türrahmen erschien, wäre ich fast aufgesprungen. Er wirkte nicht sehr glücklich und wich sowohl meinem, als auch den Blicken der anderen aus, als er in den Raum trat und sich mit dem Rücken an die nächste Wand lehnte.
Raphael trat direkt hinter ihm ins Zimmer. Sein Hals war leicht gerötet und er warf einen vorsichtigen Blick zu den beiden Männern. Wahrscheinlich befürchtete er, die würden auch gleich über ihn herfallen. Aber Murphy inspizierte nur seine Fingernägel, als dächte er über eine Maniküre nach und Roger ließ sich nicht anmerken, was in seinem Kopf vor sich ging.
Manchmal hasste ich Umbras. Die waren immer so undurchschaubar.
„Okay“, sagte Roger dann. „Jetzt sind alle da, also lasst uns anfangen. Was habt ihr herausgefunden?“
Da Tristan offensichtlich nicht in der Stimmung war, etwas zu sagen, öffnete Murphy den Mund. „Unsere kleine Heulsuse hieß Anton Strausberg. Kleiner Fisch, seit ein paar Jahren im Geschäft, ist viel herumgereist und kennt überall den einen oder anderen Skhän. Wir haben eine Liste gemacht. Sieben Namen, zwei davon haben wir schon vor Wochen ausgeschaltet.“ Er kratzte sich am Kinn. „Er kam ursprünglich aus Goslar. Future hat seine Konten bereits leer geräumt, aber in seinem Haus ist sicher noch das eine oder andere zu holen. Diese Mistkerle haben doch immer Tresore, in der sie Haufenweise Kohle verstecken. Ich hab überlegt, dass unser Casanova bei Gelegenheit da vielleicht mal vorbeischauen könnte.“
Wen er mit Casanova meinte, erfuhr ich, als Raphael sagte: „Klar, schick mir einfach die Adresse, dann kümmere ich mich darum.“ Er durchquerte den Raum und setzte sich neben mich ins Bett. Seine Schultern wirkten angespannt und immer wieder huschte sein Blick zu Tristan. Da lag wohl noch einiges im Argen.
Ich nahm seine Hand und lehnte mich an ihn. „Was meinst du damit, sie hat seine Konten leergeräumt?“
Murphy zuckte mit den Schultern. „So ehrenhaft unsere Aufgabe auch ist, in dieser Welt funktioniert nichts ohne Geld. Wenn wir einen Fänger erwischen, nehmen wir ihn aus und verwenden das Geld, um die Scheiße in Ordnung zu bringen, die die ganze Bagage angerichtet hat.“
Das geschah diesen Mistkerlen ganz recht.
„Wir haben auch einen Namen hier in Amsterdam bekommen. Bork Viran heißt der Gute. Er besitzt einen Nachtclub in der Innenstadt und ich denke es wäre nur höflich von uns, wenn wir ihn mal besuchen gehen. Du weißt schon, um einander ein wenig kennenzulernen und vielleicht ein Geschäft auszuhandeln.“
Raphael spannte sich an. „Nein.“
Verwundert über den scharfen Ton in seiner Stimme, wandte ich mich ihm zu. Sein Gesicht war ganz ruhig, aber seine Augen durchbohrten Murphy, als wollte er ihn mit einem Tritt aus dem Zimmer befördern.
Roger nahm sich die Brille aus dem Gesicht und rieb sich die müden Augen. „Es ist die einfachste Möglichkeit. Das musst du einsehen.“
„Alexia ist aber noch ich England“, argumentierte Raphael.
„Ich habe dabei auch nicht an Alexia gedacht und das weißt du, sonst hättest du nichts gesagt.“
„Wenn du glaubst, dass ich Clementine das machen lasse, dann hast du dich aber getäuscht.“
Roger blieb ganz ruhig. „Fällt dir eine bessere Möglichkeit ein?“
„Wir gehen einfach rein und holen die Mädchen raus.“
„Das wäre ein Selbstmordkommando.“ Das kam von Murphy. „Und das weißt du auch. Wir wissen weder, wo genau die Mädchen sind, noch haben wir eine Ahnung von den Sicherheitsvorkehrungen, oder dem Aufbau des Gebäudes.“
„Ich werde sie nicht in die Arme der Skhän führen“, knurrte Raphael.
„Vielleicht sollte sie das selber entscheiden“, schlug Murphy vor und dann herrschte Stille. Aller Augen richteten sich auf mich.
„Ähm“, machte ich nicht sehr gescheit. „Wenn ihr mir erklärt, worum es hier eigentlich geht, dann kann ich euch auch eine Antwort geben.“
„Das ist ganz einfach.“ Murphy verschränkte seine Arme auf der Rückenlehne und legte sein Kinn darauf. „Der Plan sieht vor, dass wir erst mal in den Club gehen und mit den Skhän verhandeln, um herauszufinden, wie viele Mädchen sie haben und wo genau sie sich befinden.“
„Ihr wollt mit ihnen verhandeln?“ War das sein ernst? Mit solchen Leuten verhandelte man nicht, man sollte sie lieber alle gleich in ein dunkles Loch werfen und sie dort verrotten lassen.
„Nicht direkt“, warf Roger ein. „Wir geben nur vor mit ihnen zu handeln, oder besser gesagt, wir tun so, als wenn wir mit ihnen tauschen wollen, um die Informationen zu bekommen, die wir brauchen.“
„Und was wollt ihr tauschen?“ Ich sah einem nach dem anderen in die Augen und als ich bei Raphael angekommen war, der meinen Blick finster erwiderte, wusste ich die Antwort. „Ihr wollt mich eintauschen?“
„Wir werden nur so tun als ob“, sagte Roger schnell. „Hübschen und jungen Mädchen können die Skhän nur selten widerstehen. Damit locken wir sie. Du wirst unser Vorwand sein …“
„Wird sie nicht“, knurrte Raphael. Keine schenkte ihm Beachtung.
„… damit sie uns zu den Mädchen bringen. Wir müssen herausfinden wo genau sie untergebracht sind und das ist der schnellste und sicherste Weg.“
„In dem ihr mich eintauscht.“
„Nur so tun“, grinste Murphy. „So schlimm bist du nicht, dass wir uns deiner entledigen müssen.“
„Oh, das ist aber nett von dir“, spottete ich.
„Natürlich“, unterbrach Roger unsere Neckerei, „musst du dich auch wie eine Sklavin verhalten, das heißt unterwürfig.“
Ich schenkte ihm einen vieldeutigen Blick. Ich und unterwürfig? Das waren zwei Worte, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen. Aber ich verstand verstand worauf er hinaus wollte. „Okay, ich mache es.“ Hoffentlich mutete ich mir damit nicht zu viel zu.
„Das tust du nicht“, knurrte Raphael.
Ich beachtete ihn gar nicht, genauso wenig wie die anderen im Raum. „Aber ich werde das doch nicht alleine machen müssen?“
Roger schüttelte den Kopf. „Nein. Ich werde einen Geschäftsmann spielen, der sein altes Spielzeug gegen ein Neues eintauschen will.“
„Bambi.“ Raphaels Stimme war so düster und drohend, dass ich davon eine Gänsehaut bekam.
„Und ich werde dieses Spielzeug sein.“
„Du bist das Spielzeug und wir sind die Bodyguards“, grinste Murphy fröhlich und schloss damit sich und Tristan ein. „Das bedeutet, dass du machen musst, was wir sagen.“
„Für einen Abend“, erinnerte ich ihn.
Langsam wurde Raphael ungeduldig. „Du machst das nicht!“
Ich winkte nur ab.
„Es gibt noch ein paar andere Sachen, an die du dich halten musst“, beteiligte Tristan sich nun zum ersten Mal am Gespräch. „Egal was passiert, du darfst dein Odeur unter keinen Umständen einsetzten, du darfst den Mund nicht öffnen, wenn du nicht dazu aufgefordert wirst und du darfst nicht …“
„Ohne Erlaubnis pinkeln gegen?“
Tristan funkelte mich böse an. „Das ist kein Spaß, Clem.“
„Ja, Entschuldung. Das ich nur … egal. Sag mir lieber, was ich noch beachten muss.“
„Nichts!“, fauchte Raphael mich an. Offensichtlich hatte er es satt, nicht beachtet zu werden. „Du musst nichts beachten, denn wirst da nicht mitmachen!“
„Ach nein?“, fragte ich erstaunt. „Und wer will mich daran hindern? Du?“
„Wenn es sein muss, binde ich dich ans Bett!“, drohte er mir.
„Okay, nur um das mal klar zu stellen, du willst nicht dass ich gehe, stattdessen soll ich hier rumsitzen, Däumchen drehen und darauf warten, dass ihr zurückkommt.“
„Ja.“
„Das heiß also, dass ich für nichts anderes gut bin, als arbeiten zu gehen, um Geld ranzuschaffen.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Gut, dann haben wir das ja geklärt.“ Ich wandte mich wieder Roger zu. „Also, was muss ich noch wissen?“
„Ich meine es ernst, Bambi.“
Mein Mund wurde eine Spur schmaler. „Warst nicht du es gewesen, der damals bei mir auftauchte, weil ich helfen sollte Vivien zu finden? Oder war das nur eine weitere Lüge und ich habe diese ganze Scheiße umsonst durchgemacht?“ Das war ein Schlag unter die Gürtellinie und sobald ich das bemerkte, bereute ich meine Worte auch schon. Aber ich würde nicht zurück rudern.
Raphael biss die Zähne zusammen. „Du solltest niemals auf diese Art helfen.“
Nein, ich sollte helfen, indem ich sicher verwahrt in einem alten Schloss saß. Aber das würde niemals passieren. „Auf welche Art ich helfe, ist noch immer meine Entscheidung.“
Aus heiterem Himmel packte Raphael mich am Arm und riss mich zu sich herum. „Du glaubst wohl, dass das ein Spaziergang ist, aber diese Leute sind gefährlich! Sie haben Waffen und keine Skrupel sie einzusetzen. Ein falsches Wort, oder eine falsche Bewegung reichen schon aus und sie würden dir einfach ein Loch in den Kopf schießen. Ist es das was du willst?!“
Seinem harten Blick hielt ich stand. „Gut, wenn sie so gefährlich sind, dann wirst auch du nicht gehen. Du kannst nicht von mir verlangen hier zu sitzen und darauf zu hoffen, dass ich dich wiedersehen werde.“
Er mahlte mit den Kiefern.
„Du hast die Wahl“, sagte ich sehr eindringlich. „Entweder beide oder keiner.“
Für einen Moment lieferten wir uns ein Blickduell, aber ich würde von meiner Entscheidung nicht abrücken. Wenn er ein braves Frauchen suchte, dass ihm zu Hause das Essen kochte und sein Bett wärmte, hatte er sich die Falsche ausgesucht und das wusste er. Genauso wie er wusste, dass er schon verloren hatte. Ich würde mitmachen, ob nun mit, oder ohne seine Erlaubnis.
Seine Augen blitzen wütend auf. Dann sprang er auf und stürmte aus dem Raum. Die Tür schmiss er mit einem solchen Knall hinter sich zu, dass sie ihm Rahmen wackelte.
Das war ja toll gelaufen.
„Er wird sich damit schon arrangieren“, versuchte Roger mich zu trösten.
„Er wird es müssen“, erwiderte ich schlicht.
„Fall es dich interessiert, er steht draußen auf der Galerie“, erklärte Murphy mit einem Blick durchs Fenster.
Dann sollte ich wohl besser zu ihm gehen. Diese Sache würde schließlich nicht einfach so aus der Welt sein. Doch als ich mich erhob und dabei Tristans Haltung bemerkte, wurde mir klar, dass es hier noch einen Bruder gab, dem ich wohl mal den Kopf waschen sollte. Also ging ich nicht hinaus auf die Galerie, sonder schnappte mir Tristans Hand und zog ihn mit mir ins Bad. Das brauchten die anderen nun wirklich nicht hören.
„Er hat nie von meinem Blut getrunken“, sagte ich, sobald ich dir Tür geschlossen hatte.
Er schnaubte nur und lehnte sich mit verschränkten Armen ans Waschbecken.
„Ich meiner es ernst.“ Ich trat genau vor ihn. „Auf dem Wohltätigkeitsfest der Uni hatte ich mir an so einem blöden Nagel die halbe Hand aufgerissen. Er hat die Markierung gesetzt, als er die Wunde geheilt hat. Was meinst du, warum ich an diesem Tag so ausgeflippt bin? Die Wunde hat sich praktisch in Zeitraffer direkt vor meinen Augen geschlossen. Das war ein wenig … naja, verrückt und einen Moment habe ich wirklich an meinem Verstand gezweifelt.“
Als er immer noch nichts sagte, legte ich ihm eine Hand auf den Arm. „Er hat das gemacht, weil er mich beschützen wollte, nicht um mir zu schaden. Letzte Nacht hat er mich dadurch beschützt“, rief ich ihm in Erinnerung.
Die Wut in seinen Augen schwand ein wenig, als er seine Arme löste und seine Hand auf meine legte. „Das Arschloch wird die nie wieder zu nahem kommen können“, sagte er leise.
Ich wollte gar nicht so genau wissen, was das bedeutete. „Tyrone, ihr beide steht euch so nahe. Lass diese unbedeutende Scheiße nicht zwischen euch kommen, nur weil irgendein toter Wolf vor hunderten von Jahren eine dumme Tradition ins Leben gerufen hat. Er hat mich nicht gebissen und er wird es auch niemals tun, denn ich will das nicht. Okay?“
Einen langen Moment schaute er mich einfach nur an. Dann drückte meine Hand leicht. „Okay. Ja, du hast recht.“
Mein Mundwinkel zuckte ein Stück nach oben. „Das soll hin und wieder vorkommen.“
Er seufzte. „Dann sollte ich wohl mal mit ihm reden.“
„Wahrscheinlich. Aber wenn es dich nicht stört zu warten, würde ich vorher gerne mit ihm sprechen.“
„Ihn wirst du wohl nicht so einfach überzeugen können.“
Wahrscheinlich. Aber ich konnte die Sache auch nicht so stehen lassen. Also verließ ich zusammen mit Tristan das Bad und ging dann allein hinaus auf die Galerie.
Raphael stand am Geländer. Sein Blick war auf den Parkplatz gerichtet, aber er schien ihn nicht wirklich zu sehen.
„Du kannst mich hiervon nicht einfach ausschließen“, sagte ich ganz direkt.
Sofort spannten sich seine Schultern an. Vielleicht hatte er ja gehofft, dass ich es mir in der Zwischenzeit anders überlegt hatte.
„Ich verstehe deine Sorge, aber ich möchte …“
„Nein, du verstehst es eben nicht!“, fuhr er mir über den Mund und wirbelte zu mir herum. „Du kannst es nicht verstehen, denn du weißt nichts über das was wir tun! Glaubst du wirklich unsere Hauptaufgabe liegt darin nachts durch die Clubs zu ziehen und auf einen Hinweis zu hoffen? Das ist nichts als Recherche, die eigentliche Arbeit beginnt erst danach!“
„Und du glaubst, ich sei zu zart besaitet, um das zu verkraften.“
„Gott, selbst ich tu mich noch heute schwer damit das alles zu verkraften und ich weiß schon mein leben lang, was auf den Schattenseiten so abgeht!“
Okay, das hier würde noch schwerer werden, als ich angenommen hatte. „Ich bin keine Barbiepuppe, ich habe kein Dauerlächeln im Gesicht und auch kein Traumhaus. Ich bin hier und ich will helfen. Das ist es worum du mich gebeten hattest.“
Raphael drückte unzufrieden die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Er lief einmal hin und zurück. „Okay“, sagte er dann. „Du willst es nicht anders. Komm mit.“ Ohne mir die Möglichkeit zum Ablehnen zu lassen, griff er meine Hand und zog mich hinter sich zurück ins Zimmer. Mir unserem Auftauchen unterbrach er das Gespräch im Raum.
Er ließ mich mitten im Zimmer stehen, ging dann zu Roger und zog den auf die Beine. „Das ist es was wir tun“, sagte er und riss Rogers Jackett zur Seite. Das was da zum Vorschein kam, war eine Pistole in einem Waffenholster.
Anzunehmen, er meinte damit, dass sie Waffen herstellen, wäre wohl äußerst naiv.
„Das ist es, was mit diesem Anton passiert ist! Wenn wir da reingehen, um die Mädchen zu retten, dann töten wir. Romeo hat getötet, Tyrone und auch Murphy.“ Er ging zu seiner Tasche und holte dort eine flache, grüne Blechbox heraus, die vom häufigen Benutzen schon ganz zerkratz und zerbeult war. „Ich habe getötet“, sagte er mir ganz direkt ins Gesicht und drückte mir die Dose in die Hand. „Nur wenn wir unsere Gegner endgültig ausschalten, können wir überleben und verhindern, dass sie sich einfach neue Sklaven besorgen.“
Okay, das so direkt ins Gesicht geknallt zu bekommen, war nicht ganz einfach zu verdauen. Und auch wenn ich seine Worte verstand, so war es nicht leicht, das mit dem in Einklang zu bringen, was ich kannte. Töten bedeutete, er hatte Leben beendet. Raphael war ein Mörder.
Ganz ehrlich, in diesem Moment wusste ich nicht was ich denken sollte.
„Auch Verbrecher haben Familien“, drang er weiter in mich ein. „Kinder, Frauen, Eltern. Leute die um sie trauern. Mit jedem Leben das du rettest, kann es passieren, dass du das eines anderen zerstörst und damit musst du dann den Rest deines Lebens klarkommen. Verstehst du das?“
Ja, ich verstand und ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.
Die Blicke der Männer waren abwartend auf mich gerichtet. Die Dose brannte mir ein Loch in die Hände und ich war mir nicht sicher, ob ich wissen wollte, was darin war. Es wog auf jeden Fall einiges und hatte geklappert, als er sie mir in die Hand gedrückt hatte. Aber Raphael wollte, dass ich den Inhalt sah und wenn ich sie ihm jetzt einfach zurück gab, dann würde ich damit zweigen, dass ich vor all dem zurückschrak. Das konnte ich nicht.
Also veränderte ich meinen Griff ein wenig und öffnete den Deckel. Es klemmte ein wenig und das was sich mir dann offenbarte, überraschte mich nicht wirklich. Es war eine Waffe. Zwei Schachteln mit Munition lagen mit drin und etwas, dass wohl zur Reinigung gedacht war.
Das war seine Waffe, damit hatte er getötet und würde es wohl wieder tun. Ich sah sie zum ersten Mal, aber ich wusste, dass er sie die ganze Zeit bei sich gehabt hatte.
Langsam schloss ich den Deckel wieder und sah von meinem Freund zu Tristan. Er hatte wahrscheinlich auch so eine Dose, oder etwas Ähnliches.
„Bist du dazu wirklich bereit?“, fragte Raphael. „Glaubst du, dass du eine Waffe in die Hand nehmen und auch benutzen kannst, wenn es sein muss? Kannst du hinterher noch mit dir selber leben?“
„Ryder“, mischte sich nun Roger ein. „Sie wird heute Abend keine Waffe brauchen, sie soll nur die Sklavin spielen, dass ist alles.“
Raphael schnaubte. „Du kennst sie nicht. Wenn sie erst anfängt, wird sie nicht aufhören, ganz egal was das für sie selbst bedeutet. Und wenn sie einem von diesen Arschlöchern gegenüber steht, wird sie nicht schießen können. Das wäre ihr Tod.“
Ich war mir da nicht so sicher wie er. War ich in der Lage einem anderen Menschen das Leben zu nehmen? Schon bei dem Gedanken daran drehte sich mir der Magen um, doch wenn die Situation es erforderte … würde ich mich schon zu verteidigen wissen.
„Es tut mir leid“, sagte ich leise und gab ihm die Blechbox zurück. „Zusammen oder gar nicht. Ich kann dich das nicht allein machen lassen.“ Wenn ihm dabei etwas geschah, würde ich mir das nie verzeihen.
Er gab ein Geräusch, das das Ausmaß seiner Verzweiflung verriet. „Ich kann Vivien nicht im Stich lassen.“
„Das würde ich auch niemals von dir verlangen.“ Ich trat näher und legte ihm die Hand auf die Brust. „Aber du kannst auch nicht von mir verlangen, dass ich einfach zurückbleibe, wenn du dich in Gefahr begibst.“
Seine Kiefer mahlten, sein Kopf arbeitete. Er suchte nach weiteren Argumenten, die mich vom Gegenteil überzeugen würden, aber er kam nicht umhin die Entschlossenheit in meinem Blick zu bemerken. Wenn er ging, dann würde auch ich ich gehen.
Als er resigniert die Schultern hängen ließ, wusste jeder im Raum, dass ich gewonnen hatte, doch leider fühlte es sich nicht wie ein Sieg an.
°°°°°
„Blutmond, wie originell.“ Trotz der sommerlichen Temperaturen, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Von außen sah der Club recht einladend aus. Ehrlich, da hatte ich in den letzten Wochen schon weitaus Schlimmeres gesehen, aber wenn man wusste, was hinter dem Clubnamen steckte, wurde einem doch ein wenig anders.
Es war bereits Nachts, kaum noch eine Stunde bis Mitternacht und die Schlange vor dem Club, reichte bis an die Straßenecke. Die Bässe der Musik waren hier draußen zu spüren und in der Luft lag eine gespannte Erregung. Allerdings ging die nicht von mir und meinen Männern aus.
Ich war mittlerweile einfach nur noch nervös und machte mir fast in die Hose aus Angst davor, ich könnte etwas Falsches tun und uns alle verraten.
Raphael legte einen Arm um meine Schulter und zog mich zu sich heran. „Du kannst immer noch aussteigen, wenn du nicht willst“, sagte er leise und gab mir einen Kuss auf die Schläfe. „Niemand hier würde die einen Vorwurf machen.“
Manchmal war der Kerl aufmerksamer, als gut für ihn war. Oder für mich. Wie auch immer. „Mir geht es gut.“
„Mach dir keine Sorgen.“ Murphy klopfte Raphael auf die Schulter. „Wir werden dir dein Mädchen schon heile wieder rausbringen. Und falls sie uns doch verloren gehen sollte, bringe ich dir eine andere mit.“
Nein, das fanden weder Raphael noch ich lustig.
„Ich schwöre dir, wenn ihr was passiert, reiße ich dir jedes Glied einzeln aus“, drohte Raphael ihm.
„Ihr wird nichts passieren“, versprach Tristan. Genau wir Murphy trug er eine blaue Jeans, ein schwarzes Shirt und eine Lederjacke. Das ganze sollte wohl bedrohlich wirken und zeigen, dass mit den beiden nicht zu spaßen war.
Mich dagegen hatten die Männer mich in eine einfache schwarze Hose und eine blaue Bluse gesteckt. Da ich das Spielzeug eines reichen Geschäftsmannes war, musste ich schließlich einen gewissen Eindruck machen.
Nur Roger war geschniegelt vom Scheitel bis zur Sohle. In seinem dunklen Anzug sah er wie ein reicher Geschäftsmann aus. „Wir sollten anfangen.“
Raphaels Griff wurde ein wenig fester. Er wollte mich nicht gehen lassen, besonders nicht, da wir beschlossen hatten, dass er draußen bleiben müsste. Die Gefahr, dass er irgendetwas Dummes tun könnte, wenn er glaubte, ich sei in Gefahr, war einfach zu groß. Mir gefiel das nicht unbedingt, aber ihm ging es so richtig gegen den Stich. „Noch kannst du zurück.“
Ich drehte mich zu ihm herum und gab ihn einen schnellen Kuss. „Wir sehen uns, wenn ich wieder draußen bin. Stell nichts Dummes an.“
Da war es wieder, das resignierte Seufzen. „Sei vorsichtig“, mahnte er mich noch einmal und trat dann in die Schatten der Gasse, bis ich ihn nicht mehr sah.
Murphy legte seine wirklich große Pranke auf meine Schulter und dirigierte mich direkt vor sich, damit ich artig hinter Roger herdackeln musste. Tristan übernahm die Spitze.
Wir steuerten allerdings nicht das Ende der Warteschlange an, sondern gingen direkt zu den Türstehern am Eingang. Ja, so ein reicher Manager, der ein Geschäft mit dem Boss machen wollte, würde sich sicher nicht irgendwo einreihen.
Während Tristan vortrat und mit dem Muskelberg an der Tür sprach, wurde ich zunehmend unruhiger. Als der Kerl für uns dann auch noch das Absperrseil wegnahm und uns durchwinkte, wollten meine Beine sich plötzlich nicht mehr bewegen. Das war wohl der Grund, warum Murphy mir einen nicht gerade sanften Stoß in den Rücken gab.
„Los, beweg dich.“
Ich funkelte ihn an, entsann mich aber, dass ich ihm im Moment keine klatschen durfte. Ich war jetzt eine Sklavin und so würde man mich behandeln. Aber aufgeschoben war ja nicht aufgehoben.
Schon die Klientel in der Warteschlange war sehr auf Gothic getrimmt gewesen, also überraschte mich weder das Schwarzlicht, noch die düstere Atmosphäre.
Die Musik fand ich ein wenig gewöhnungsbedürftig, doch der Club war zum bersten gefüllt. Es gab einen Longebereich, eine vielbesuchte Bar und eine völlig überfüllte Tanzfläche. Auf kleinen Podesten rekelten sich außergewöhnlich schöne Frauen an Tanzstangen.
Wir wurden von dem Türsteher quer durch den Raum zu einer gläsernen Treppe auf der anderen Seite geführt. Unten wurde sie von zwei Schränken in schwarzen Anzügen bewacht, die jeden davon scheuchten, der ihnen zu nahe kam. Als sie uns kommen sahen, wurden sie ein wenig aufmerksamer, doch nach einem kurzen Gespräch mit dem Türsteher und einer Rücksprache über die Stöpsel in ihren Ohren, wurden wir hindurchgewunken.
Dieses Mal war es Roger, der die Führung übernahm. Tristan ließ sich zurückfallen und schob mich direkt hinter seinem Schwager her.
Als ich die unterste Stufe betrat, wurde mir ein kleinen wenig mulmig. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Das was uns am Ende der Treppe erwartete, war eine sehr luxuriöser Raum mit einer Glasfront zur Tanzfläche. Auch hier spielte Musik, doch sie war nicht annähernd so laut wie unten.
Die edle Sitzgruppierung wurde von indirekten Licht beleuchtet. An den Wänden hingen abstrakte Gemälde.
Mehrere Männer und ein paar hübsche Frauen in knappen Outfits leisteten sich bei ein paar Drinks Gesellschaft. Zwei Männer saßen auf der Couch, drei weitere standen dahinter. Bis auf einen, trugen sie alle schwarze Anzüge. Ich hätte mein letztes Geld darauf verwettet, dass sie Knarren unter ihren Jacken versteckten.
Roger ging direkt auf den beleibten Mann im weißen Anzug zu. Das war dann wohl Bork Viran. Instinktiv wusste ich, dass er ein Werwolf war.
Als ich ihm folgen wollte, packte Tristan mich an der Schulter und riss mich zurück.
„Du bleibst hier“, knurrte er. Dieser Blick dabei … auf einmal war er ein Fremder.
Zum ersten Mal kamen mir Zweifel an dem was ich hier tat. Vielleicht hätte ich doch lieber auf Raphael hören sollen, aber jetzt war es zu spät. Ob ich nun wollte oder nicht, das hier musste ich nun durchziehen.
Der Kerl in dem weißen Anzug begrüßte Roger auf Englisch. Mein vermeintlicher Besitzer erwiderte etwas, woraufhin der Dicke lächelte.
Ein paar Worte wurden gewechselt. Sie sprachen so schnelles Englisch, dass ich nicht richtig mitkam. Doch dann richtete der dicke Kerl mit den Schweinsäuglein seinen Blick auf mich. Was ich darin sah war nichts als eisige Kälte und Berechnung.
Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück. Leider legte mir Murphy unauffällig eine Hand auf den Rücken und vereitelte so meinen Rückzug. Ich war versucht ihm eine runterzuhauen und die Flucht anzutreten, doch im Anbetracht der Situation wäre das nicht besonders schlau, also unterdrückte ich diesen Impuls.
„So so“, sagte der Mann und überraschte mich ein wenig damit, dass er deutsch sprach. Als er sich ein wenig schwerfällig erhob und an Roger vorbei zu mir trat, versteifte ich mich ein wenig. Sein Blick huschte über meinen Körper, als würde er eine potentielle Zuchtstute abschätzen. „Und warum wollen Sie sie loswerden? Sie scheint doch eine Menge zu bieten zu haben.“ Seine Stimme hatten einen leichten Akzent, den ich nicht zuordnen konnte.
„Sie ist zu stur, nicht willig“, antwortete Roger. „Sie macht zu viele Scherereien. So etwas kann ich nicht gebrauchen. Ich brauche ein Mädchen, bei dem ich mich entspannen kann und keines dass ich erst noch erziehen muss.“
Als der Kerl Anstalten machte, mich auch von hinten zu begutachten, versetzte Tristan mir einen kleinen Stoß, damit der Kerl mich umrunden konnte. Ich warf Tristan einen bösen Blick zu. Mir war schon klar, um was es hier ging, aber deswegen brauchte er noch lange nicht so grob sein.
„Und was wollen Sie für sie haben?“, fragte Mr. Mafioso.
„Ein anderes Mädchen“, sagte Roger so gleichgültig, dass man meinen konnte, er meinte es ernst.
„Ein Tausch.“ Der Dicke kam vor mir zum stehen. „Interessant.“ Als er die Hand mit den ekligen Knubbelfingern nach mir ausstreckte, schlug ich sie instinktiv weg. Von so jemanden würde ich mich unter keinen Umständen berühren lassen.
Leider – oder zum Glück – traf ich nur seinen Arm, aber das reichte, um seinen Unmut zu wecken. Im nächsten Moment bekam ich einen heftigen Stoß von hinten, der mich auf die Knie warf.
Was zur Hölle? Verwirrt sah ich mich um und begriff, dass es Murphy gewesen war. Was sollte das denn?
„Sie sehen womit ich mich herumplagen muss“, sagte Roger so, als sei er meiner schon seit langer Zeit überdrüssig. „Sie fügt sich einfach nicht.“
„Ihr Willen ist noch nicht gebrochen.“ Sein nachdenklicher Blick ruhte auf mir.
Ich wagte es nicht mich zu bewegen.
Mister Mafioso sagte etwas in einer mir fremden Sprache, woraufhin sich einer von den Kerlen an der Wand in Bewegung setzte. „Bring den netten Herrn nach unten und zeig ihm unser Angebot“, befahl Bork ihm. „Zeig ihm auch die guten Mädchen.“
Die Guten?
Der Mann nickte. „Folgen sie mir“, ordnete er an, aber nicht nur Roger ging mit ihm, auch Tristan verschwand und damit ein Großteil meiner Sicherheit. Zwar war Murphy noch bei mir, aber ich brachte ihm nicht das Vertrauen entgegen, das Tristan genoss, ich kannte ihn doch kaum.
Murphy packte mich am Arm und zerrte mich wieder auf die Beine. „Benimm dich jetzt endlich“, knurrte er mich in einem Ton an, der einem glauben machte, er hätte von mir in der Zwischenzeit echt die Schnauze voll. Murphy war ein wirklich guter Schauspieler.
Sobald ich stand, trat Herr Viran wieder an mich heran. „Wunderschön und blutjung“, murmelte er. Plötzlich packte er mich am Handgelenk und zerrte mich zu sich heran. Natürlich versuchte ich sofort wieder Abstand zu gewinnen und mein Herz davon zu überzeugen, nicht einfach vor Schreck stehen zu bleiben, aber er ließ mich nicht los. „Es wird mir ein Vergnügen sein, deinen Willen zu brechen und dich Gehorsam zu lehren.“
„Nicht mal dann wenn die Hölle gefriert!“, giftete ich ihn an.
„Oh glaub mir“, erwiderte er im leichten Plauderton, „die Hölle ist gar nichts im Vergleich zu dem, was dich erwartet.“
Ich glaubte ihm. Wenn dieser Kerl mich wirklich zwischen die Finger bekam, hätte ich wohl nicht mehr viel zu lachen. Aber so weit würde es nicht kommen.
„Ich werde eine Menge Spaß mit dir haben.“ Und dann ohne jede Vorwarnung schlug er mir mitten ins Gesicht.
Mein Kopf flog herum und ich blieb nur auf den Beinen, weil er mich noch immer festhielt. Meine Schläfe pochte, ich sah Sterne und schmeckte Blut auf meiner Zunge.
„Und die erste Regel die du dir merken solltest, erhebe niemals deine Hand gegen mich.“
Hilfe suchend sah ich mich nach Murphy um, aber der stand einfach nur da. Nur an seinen angespannten Muskeln und dem verärgerten Funkeln in seinen Augen erkannte ich, dass er sich stark zusammenreißen musste, um sich nicht auf Bork Viran zu stürzen. Das der Kerl seine Hand gegen mich erhoben hatte, gefiel ihm genauso wenig wie mir, aber er schritt nicht ein.
Dann ließ das Arschloch von mir ab und setzte sich zurück auf seinen Platz.
Eine der leichtbekleideten Schönheiten, lehnte sich direkt zu ihm rüber und begann damit ihm im Nacken zu kraulen.
War sie auch eine Sklavin? Sie wirkte jedenfalls nicht, als würde man sie dazu zwingen. Wie konnte sie nur? Wahrscheinlich war es ihr egal, was für ein Widerling der war. Er stank geradezu nach Geld und das war ein Reiz, dem schon so manche Frau verfallen war.
Es kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor, die ich dort stand und darauf wartete, dass Roger und Tristan zurück kamen. Bork Viran interessierte sich vorläufig nicht mehr für mich. Er war ganz in das Gespräch mit dem anderen Typ auf der Couch versunken und so verwandelte sich meine Unruhe nach und nach in Ungeduld. Ich wollte hier raus und zwar besser jetzt als gleich.
Als die Männer dann endlich wieder auftauchte, musste ich mich zusammenreißen, um nicht vor Erleichterung zu seufzen.
Nicht nur ich, auch Bork Viran sah auf, als Roger hinter dem Gorilla zurück in die Longe kam.
Ich suchte Tristans Blick, um zu erfahren, ob sie Vivien gefunden hatten, aber da lag nur wieder diese Resignation in seinen Augen. Sie war also nicht hier. Verdammt.
Bork hob interessiert eine Augenbraue. „Etwas gefunden?“
„Sie haben eine gute Auswahl, aber die Mädchen wirken alle ein wenig desolat.“
Na das war doch mal eine nette Umschreibung.
„Ich fürchte es ist nichts dabei, was mich interessiert.“
Bork seufzte gespielt. „Das tut mir leid zu hören, aber ich möchte das Mädchen trotzdem haben.“ Sein Blick glitt auf mich. „Ich kaufe sie ihnen ab, dann müssen Sie sich nicht länger mit ihr herumplagen.“
Unwillkürlich entfernte ich mich zwei Schritte von dem Kerl. Er sah aus wie ein Schakal der seine Beute gefunden hatte und diese Beute wollte ich nicht sein.
„Ich fürchte ich muss ablehnen. Solange ich kein neues Mädchen habe, brauche ich sie noch, aber vielleicht haben sie noch einen Tipp für mich, an wen ich mich mit meinem Anliegen sonst noch wenden könnte.“
Das Grinsen in Bork Virans Gesicht fiel in sich zusammen und ich sah echte Verärgerung in seinen Augen aufflackern. Aber nur einen Moment, dann hatte er sich wieder voll unter Kontrolle. „Leider ist diese Art von Ware in der Stadt momentan sehr knapp. Die Alphas machen uns unsere Arbeit sehr schwer, aber wenn sie mir ihre Nummer hinterlassen, könnte ich sie benachrichtigen, wenn ich wieder neue Mädchen bekomme.“
„Das wäre sehr nett von ihnen.“ Roger zückte eine Visitenkarte und übergab sie dem Sklavenhändler.
„Falls sie es sich noch einmal anders überlegen …“
„Sind sie der erste, der es erfährt.“ Roger nickte ihm zu. „Ich wünsche ihnen noch viel Erfolg.“
Ich wünschte ihm nur einen Blumentopf, der ihm aus dem zehnten Stock auf den Kopf krachte.
„Begleitet sie hinaus“, befahl Bork. Er war sichtlich verärgert, doch das sollte nicht unsere Sorge sein.
Auf dem Weg musste ich mich echt zusammenreißen, um nicht fluchtartig loszurennen. Man brachte uns bis nach draußen vor die Tür, aber auch dort durfte ich nicht einfach Gas geben, denn die Türsteher beobachteten uns noch, bis wir um die nächste Ecke verschwunden waren.
„Gott, ich will da nie wieder rein“, murmelte ich und bog in die Gasse ab, wo wir Raphael zurückgelassen hatten. Als der jedoch plötzlich aus den Schatten direkt vor mir auftauchte, erschreckte ich mich so sehr, dass ich einen Satz zurück machte und zusammen mit einer Mülltonne zu Boden ging. Fluchend gab ich eine Reihe Wörter von mir, die jedem Kutschbockfahrer neidisch gemacht hätten.
Schmunzelnd hielt Raphael mir die Hand hin und zog mich wieder auf die Beine. Jedoch verging ihm plötzlich jede Belustigung. „Du blutest“, sagte er angespannt und begann mich ausgiebig zu mustern.
„Ähm“, machte ich. „Ich hab mir nur auf die Zunge gebissen.“ Dass das passiert war, als dieser Bork mir eine Backpfeife verpasst hatte, musste er nicht unbedingt wissen. Es würde den ganzen Plan ruinieren, wenn Raphael in den Laden spazierte, um den Kerl zu häuten.
„Und was ist mit der Beule an deinem Kopf?“
„Von der Mülltonne“, sagte ich etwas zu schnell und wusste, dass er mir nicht glaubte. Ich sah es in seinem Blick, aber bevor er noch mehr dazu sagen konnte, ergriff Roger das Wort.
„Also, die haben da unten zwölf Mädchen und zwei Kinder und die sehen nicht sehr gut aus.“ Was er mit nicht gut meinte, ließ er offen. „Uns bleibt also nicht viel Zeit.“
„Was machen wir jetzt also?“ Das kam von Tristan.
„Raphael geht rein und kundschaftet die Gegebenheiten von drinnen ein wenig aus. Tristan und Murphy sehen sich das Gebäude von außen an. Ich werde mich mit Miguel in Verbindung setzen und dann zu euch stoßen.“
Alle nickten.
„Und was mache ich?“, wollte ich wissen.
Roger schenkte mir ein halbes Lächeln. „Du hast deine Aufgabe für heute erledigt.“
„Du schickst mich weg?“
„Du kennst dich mit dem Auskundschaften nicht aus und …“, begann Raphael.
„Dann zeigt es mir doch. Ich bin nicht dumm, ich lerne schnell und ich stehe bestimmt nicht im Weg.“
„Ein anderes Mal, aber nicht heute.“ Er seufzte, als er meine Unnachgiebigkeit bemerkte. „Murphy, würdest du sie bitte zurück ins Motel geleiten, damit ihr nichts passiert?“
Ich klappte den Mund auf und dann gleich wieder zu. Wenn sie mich nicht dabei haben wollten, bitte, aber ich brauchte sicher kein Kindermädchen. „Danke, aber ich finde den Weg alleine nach Hause.“ Auf der Stelle machte ich kehrt und lief los.
Das sie glaubten ich würde nur im Weg stehen, krängte mein Ego. Ich wollte helfen und zeigen, dass ich mehr als nur eine Sklavin sein konnte, aber bitte, wenn sie es so wollten, sollten sie mir mal den Buckel runterrutschen.
Noch vor der nächsten Straßenecke hatte Raphael mich eingeholt und verstellte mir den Weg.
Oh wie ich diese Vampirgeschwindigkeit hasste.
Er sah mich an und etwas in seinem Blick ließ meinen Ärger einfach verrauchen. Wortlos zog er mich in die Arme und vergrub sein Gesicht an meiner Halsbeuge. Erst da merkte ich, wie angespannt ich schon die ganze Zeit gewesen war und wie sehr mich diese eigentlich harmlose Erfahrung mitgenommen hatte. Gott, dieser Kerl kannte mich mittlerweile einfach zu gut.
„Mit dir ist alles okay?“, fragte er leise.
Ich nickte nur, denn okay würde es erst sein, wenn diese Mädchen nicht mehr in den Fängen dieses widerlichen Kerls waren. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was sie bei ihm alles zu erleiden hatten. Ich war vielleicht eine halbe Stunde bei ihm gewesen und wollte jetzt schon nie wieder in seine Nähe kommen.
Raphael löste sich ein wenig und küsste mich solange, bis hinter uns ein vernehmliches Räuspern erklang, das nur Murphy gehören konnte.
Ich seufzte an seinen Lippen. „Mein Anstandswauwau ist eingetroffen.“
Lächelnd gab er mir noch einen letzten Kuss und ließ mich dann los. „Wir sehen uns nachher.“
„Lass mich nicht zu lange warten.“
Murphy verdrehte die Augen. „Zu viel Schmalz auf einmal.“
„Du bist doch nur neidisch“, sagte ich und sah zu, wie Raphael sich immer weiter von mir entfernte. Erst als die Nacht ihn verschluckte, wandte ich mich zu Murphy und gab ihm einen kräftigen Knuff gegen die Schulter.
„Au-a! Wofür war das denn?“ Er rieb sich über die Stelle, denn ich hatte ziemlich hart zugeschlagen.
„Das war für den Stoß denn du mir vorhin gegeben hast, das hat nämlich echt wehgetan.“
Er grinste mich frech an. „Besser ich als er.“
Dem konnte ich nicht widersprechen.
°°°
„Hier.“ Ich reichte Raphael den Helm, damit er ihn unter dem Sitz des Motorrads verstauen konnte. Er jedoch legte ihn nur darauf ab, zog mich dann an sich und schlag die Arme um mich.
„Mir gefällt das nicht“, sagte er leise und zupfte das Halstuch zurecht, dass er mir vor unserem Aufbruch eigenhändig umgebunden hatte. Ich sollte es mir später vors Gesicht ziehen. Er selber trug ein ganz ähnliches. „Kannst du nicht wenigstens beim Wagen warten?“
„Das haben wir doch gestern schon besprochen“, erwiderte ich ruhig. „Entweder beide, oder keiner.“
„Aber das hier ist etwas anderes, als in die Rolle einer Sklavin zu schlüpfen.“
Als ich nur wortlos den Kopf hob und ihn anschaute, seufzte er.
„Warum nur musst du so stur sein?“, murmelte er und ließ mich los, um unsere Helme zu verstauen und stattdessen eine längliche Kiste hervorzuholen. Darin lag sein Einbruchswerkzeug, wie er mir vorhin erklärt hatte.
„Das macht den Großteil meines Charmes aus.“
Er schnaubte, schüttelte den Kopf und legte mir einen Arm um die Schultern. „Lass mich das bloß nicht bereuen.“
Es war weit nach Mitternacht. Der Himmel war klar und wolkenlos. Die Straßen waren wie ausgestorben und Licht gab es nur von ein paar Laternen.
Ein Stück von uns entfernt stand eine Gruppe von acht Leuten in den Schatten einer Häuserwand und genau das war nun unser Ziel. Nach einem Tag voller Pläne schmieden und Anweisungen war es nun an der Zeit, Bork Viran um seine Investition zu erleichtern.
Eine angespannte Nervosität ergriff von mir Besitz. Hoffentlich würde nichts schief gehen. Zwar war Vivien nicht unter den Frauen gewesen, aber zurücklassen konnten wir sie trotzdem nicht.
Als man unsere Ankunft bemerkte, verstummte das leise Gespräch und die acht Leute wandten sich uns zu.
Murphy, Tristan und Roger waren drei von ihnen, aber sie waren nicht die einzigen bekannten Gesichter hier. Da war auch noch eine junge Frau in kurzen Hosen und einen pinken Shirt, dass so grell war, dass mir allein vom Hinsehen die Augen schmerzten. Future.
„Hey!“, begrüßte sie mich und legte mir einen Arm um die Schultern, als seien wir alte Freunde. Das Raphael seinen Arm schon da hatte, störte sie nicht, „Ich wusste doch, dass wir uns wiedersehen.“
„Oh nein“, murmelte ich und erinnerte mich nur zu gut an unsere letzte Begegnung. Sie hatte das Fluchtfahrzeug gefahren, als Raphael mich vom Flughafen entführt hatte. Es war ein Wunder, dass ich diese Fahr überlebt hatte.
„Das klingt ja fast so, als würdest du dich nicht freuen mich zu sehen.“
„Hör auf sie anzutatschen“, murrte Raphael und schob sie weg, während ich sagte: „Solange ich nicht mit dir fahren muss, wenn du am Steuer sitzt, habe ich kein Problem mit dir.“
Sie lachte auf, drückte mich trotz Raphaels Protesten noch mal und ließ dann von mir ab. „So, alle mal herhören, dass ist meine neue Freundin Clementine. Seid nett zu ihr.“
Ähm … ja. Wenigstens stellte sie mich mit Clementine vor und nicht mit Cayenne. Vielleicht war diese Vampirin ein wenig überdreht, aber scheinbar nicht dumm.
Ein Milchbubi mit kurzen, braunen Haar, der noch jünger als ich zu sein schien, musterte mich mit unverhohlenem Interesse.
„Pass auf, dass dir nicht die Augen rausfallen, Sergio“, spottete eine etwas zu klein geratene Frau mit kräftigen Hüften und braunen Haaren. Ihre Augen standen ein wenig zu weit auseinander.
Dieser Sergio wurde erst ein wenig rot und funkelte sie dann verärgert an. Er fand es wohl nicht so toll, dass sie versuchte ihn bloßzustellen. „Keine Sorge, sollte das passieren, muss ich nur dich anschauen und schon ist wieder alles in Ordnung, Luna.“
„Sergio“, mahnte ein Kerl, der von der Statur her ganz ähnlich wie Murphy gebaut war. Er hatte eine Glatze und ein pockennarbiges Gesicht, dass ihn irgendwie bedrohlich wirken ließ. Dem wollte ich nicht bei Nacht begegnen. Moment, wir hatten Nacht. Okay, streicht das.
Sergio warf ihm nur einen kurzen Blick zu und schaute dann dezent an uns allen vorbei.
Future beugte sich zu mir rüber. „Das ist unser Miguel“, sagte sie in einem perfekten Bühnenflüstern. Sie hatte wohl meinen Blick bemerkt. „Keine Sorge, der ist ganz harmlos, der schafft es nicht mal eine Maus zu verscheuchen.“
Leider war ich keine Maus, darum würde ich einfach ein wenig Abstand zu ihm wahren.
„Sollten wir nicht langsam anfangen?“, fragte Luna gereizt.
„Moment.“ Roger wandte sich der Frau zu, die die ganze Zeit im Schatten stand und praktisch mit ihnen verschmolz. Und das lag nicht nur an ihren schwarzen Klamotten. „Romy? Hast du die Waffe?“
„Natürlich.“ Diese Stimme, wow, das war ein einziges Schnurren. Und als sie dann ein Stück aus den Schatten trat, war ich es, der fast die Augen aus dem Kopf fielen. Mein Gott, ich hatte noch niemals eine so umwerfende Schönheit gesehen. Gegen sie verblasste selbst Lucy zu einem Mauerblümchen.
Das Gesicht wirkte exotisch und das lange, schwarze Haar hatte sie sich zu einem Pferdeschwanz an den Kopf gebunden. Als sie vor mir stand, glotzte ich sie noch immer mit Stielaugen an.
„Hier, Romeo hat gesagt du hast noch keine.“ Ohne viel Federlassen drückte sie mir eine Pistole in die Hand. Da ich nicht wollte, dass sie mir auf den Fuß fiel, blieb mir nur die Wahl das glotzen einzustellen und zuzugreifen. „Kannst du damit umgehen?“
„Ähm … Murphy hat mir vorhin gezeigt, wie seine funktioniert.“ Sehr zum Missfallen von Raphael.
Romy nahm mir die Waffe direkt wieder aus der Hand. „Hier, pass auf: Sicherung lösen, zielen, abdrücken, nachladen.“
Es klickte und klackte und ihre Handbewegungen waren so schnell, dass ich kaum mitkam. „Ähm … kannst du mir das noch mal in Zeitlupe zeigen?“
Konnte sie nicht. Sie drückte mir die Waffe einfach wieder in die Hand. „Und sieh zu, dass du keinen von uns erschießt.“
Okay, auf einmal fühlte ich mich doch ein wenig fehl am Platz. Das Gefühl eine Waffe in der Hand zu halten, behagte mir nicht, doch in die Hose stecken wollte ich sie mir auch nicht. Bei meinem Glück würde ich mir selber in den Hintern schießen.
Raphael, der mein Problem wohl bemerkte, nahm sie mir aus der Hand und steckte sie mir in die hintere Hosentasche. „Pass auf, dass du sie immer griffbereit hast“, mahnte er mich.
„Ähm … okay.“ Hoffentlich würde ich sie nicht benutzen müssen. Schon sie bei mir zu tragen, fand ich nicht besonders angenehm. War ich wirklich dazu in der Lage jemanden zu erschießen? Ich wollte es nicht offen zugeben, aber langsam glaubte ich, dass Raphael vielleicht doch recht hatte.
Miguel warf einen schnellen Blick auf seine Uhr. „Es ist so weit, jeder weiß was er zu tun hat?“
Alle nickten einstimmig.
„Clementine, du hältst dich an Ryder. Du tust genau das, was er dir sagt und weichst nicht von seiner Seite. Wenn er dir sagt, dass du verschwinden sollst, dann tust du das und zwar auf der Stelle.“
„Aber …“
„Ohne ein Widerwort, sonst bleibst du hier.“
Die Rebellin in mir erwachte. Wer war der Kerl, dass er glaubte mir Befehle erteilen zu können? Ich hatte mir nicht mal vom König persönlich etwas sagen lassen. Doch als ich den Mund öffnen wollte, schüttelte Raphael sehr nachdrücklich den Kopf.
Na gut, dann eben nicht.
„Sergio, du hältst den Wagen bereit“, befahl der Kerl weiter.
Der kleine Junge verzog unwillig das Gesicht. „Warum muss ich immer den Wagen fahren?“
„Weil ich es sage, darum.“
„Ich kann das genauso gut wie ihr, Papa. Hör auf mich immer noch wie einen kleinen Jungen zu behandeln.“
Papa?
„Dann hör auf dich wie ein kleiner Junge zu benehmen und befolge einmal einen Befehl, ohne zu widersprechen.“
Sergio öffnete den Mund, aber es kam kein Wort heraus. Vermutlich weil er damit nur die Aussage seines Vaters bestätigen würde. Mit einem eingeschnappten Blick kehrte er uns allen den Rücken und lief die Straße hinunter.
„Vielleicht wäre es besser, wenn die Neue auch erstmal oben bleibt. Wie es scheint, kann sie ja noch nicht mal mit einer Waffe umgehen“, warf Luna einfach mal in den Raum und musterte mich herablassend. „Sie könnte Sergio Gesellschaft leisten, dann steht sie uns wenigstens nicht im Weg.“
Hallo, was war denn mit der los? Ich war vielleicht zum ersten Mal dabei, aber jeder fing schließlich irgendwo an.
„Nein, sie kommt mit“, sagte Roger sofort. „Sie hat uns schon gestern sehr geholfen und nur durch sie haben wir überhaupt herausbekommen, wo wir die Skhän in dieser verdammten Stadt finden.“
„Ach ja?“ Luna musterte mich ein weiteres Mal. „Wie hat sie das gemacht?“
Ich wandte mich bei der Erinnerung an diesen Widerling Anton Strausberg. Sowas wollte ich nie wieder erleben.
Raphael drückte mich fester an sich. „Du solltest deine Nase nicht überall reinstecken. Das könnte dich in Schwierigkeiten bringen.“ Seine Stimme war kalt und zornig. Wahrscheinlich dürstete es ihn noch immer danach den Mistkerl in seine Einzelteile zu zerlegen.
Auf Lunas Lippen breitete sich ein spöttisches Lächeln aus. Dann sah sie mir ungewandt in die Augen. „So schlimm, hm?“
„Was das Wort Schlimm bedeutet, kannst du dir wahrscheinlich nicht einmal vorstellen“, gab ich schnippisch zurück.
Etwas blitze in ihren Augen auf, aber es war so schnell verschwunden, dass ich es nicht benennen konnte. „Du hast keine Ahnung, was ich mir alles vorstellen kann, Blondi.“
Okay, die wollte Krieg. „Und du solltest lernen, wann es besser ist den Mund zu halten, du dumme Töle.“
Ihre Lippe hob sich ein bisschen und dann knurrte die blöde Kuh mich doch tatsächlich an! In diesem Moment musste ich mich sowas von zusammenreißen, um ihr nicht mein Odeur um die Ohren zu hauen. Mann, dann würde sie echt blöd aus der Wäsche gucken.
„Mir scheint nicht Clementine sollte zurück bleiben, sondern du“, sagte Raphael. „Sie hat dir nichts getan, also lass sie in Ruhe.“
Lunas Augenbraue hob sich ein wenig. Ihr Blick glitt zwischen uns hin und her. Dann erschien ein spöttisches Lächeln auf ihren Lippen. „Na sowas, unser Casanova hat ein Mädchen gefunden, dass er behalten möchte.“
Da war es schon wieder, Casanova. Warum nannten ihn nur alle so? Wollte ich das wirklich wissen?
Mit einem „Lasst die Kinderkacke und kommt endlich in die Gänge“ rauschte Romy an uns vorbei und marschierte in die selbe Richtung, in die schon Sergio verschwunden war.
„Romy hat recht“, sagte Murphy. „Lasst uns endlich anfangen.“ Er warf Luna noch einen strengen Blick zu. „Und du lerne endlich dich zu beherrschen.“
Ihre Miene verdunkelte sich. Sie funkelte ihn böse an und stolzierte Romy dann hinterher. Murphy und Tristan folgten ihnen. Ich bildete mit dem Rest das Schlusslicht. Jetzt wurde es ernst, jetzt würde ich erfahren, was die Themis wirklich taten. Bitte, wer auch immer mich hört, mach dass alles gut geht.
Schon wenige Minuten später drängten wir uns auf der Rückseite des Blutmonds zusammen.
„Du bleibst genau hinter mir“, forderte Raphael und zog sich sein Halstuch vors Gesicht. Ein paar andere Taten es ihm gleich. Miguel und Roger setzten Skimasken auf.
Auch ich zog mein Halstuch vors Gesicht, als wir uns langsam der alten Kohleluke auf der Rückseite des Gebäudes nährten.
Die Masken sollten unsere Identität nicht nur vor den Skhän schützen, auch die Sklaven durften nicht wissen wer wir waren. Niemand durfte wissen, wer sich hinter den Themis verbarg. Nicht einmal untereinander wussten wir, wer wir wirklich waren. Nur der große Boss der Gruppe, wusste wie viele es von uns gab und wo die sich alle rumtrieben. Wer das allerdings war … tja, um das zu erfahren, musste ich mich erstmal als vertrauenswürdig erweisen.
Ein paar von uns bezogen Stellung, während ich hinter Raphael zu der Luke eilte. Er stellte seine Kiste ab, öffnete sie und … wow. Das waren nicht nur ein paar Dietriche, das war Werkzeug für Profis. Ein kleine Bohrer, Aufsätze, Computerchips, Lesekarten, Kabel, und eine kleine Tastatur. Dass er Schlösser knacken konnte, wusste ich ja bereits, aber bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht klar gewesen, wie gut er für solche Fälle gerüstet war.
Für das Schloss an der alten Kohleluke wählte er ein paar nadelähnliche Dinger und hatte das Vorhängeschloss in weniger als drei Sekunden offen.
„Okay, jetzt bin ich beeindruckt.“
Mein Herz flatterte wie wild, als er das Schloss achtlos zur Seite warf und gemeinsam mit Roger die schweren Metallklappen öffnete. Für einen Moment sahen wir hinunter in die Finsternis. Dann trat Romy vor und ließ sich durch das Loch im Boden fallen. Ihr Aufprall war so leise, dass ich es selbst mit meinem verbesserten Gehör kaum wahrnahm. Ihr direkt auf den Fersen folgten Tristan, Luna und Murphy.
Ein paar Taschenlappen wurden angeschaltet. Ihre Lichtkegel huschten unten über dem Boden.
„Romeo, du bleibst oben und deckst uns den Rücken“, wies Miguel ihn an und ließ sich dann selber durchs Loch fallen.
„Jetzt du“, wies Raphael mich an.
„Okay.“ Ich trat an den Rand. Mein Gott war das Dunkel da unten. Ich konnte nicht Mal den Boden sehen und da sollte ich runter springen?
Raphael bemerkte mein Zögern. „Willst du lieber hier bleiben?“
Ich sah ihn an, sah die anderen an, bemerkte ihre Entschlossenheit den armen Mädchen zu helfen und entschied nein. Nein, ich wollte nicht hier bleiben, ich wollte helfen. Ich atmete noch einmal tief durch und dann ließ ich mich genau wie die anderen einfach in das Loch fallen. Adrenalin raste mir durch die Adern. Ich flog kaum zwei Sekunden durch die Luft, bevor ich auf den harten Boden knallte. Meine Beine knickten weg und ich landete auf dem Allerwertesten. „Au.“ So viel zu elegant.
Ein verächtliches Schnauben ertönte, das nur von Luna stammen konnte. „Wir hätten sie oben lassen sollen.“
Wut machte sich in mir breit. Was hatte diese blöde Zicke nur gegen mich?
„Sie ist wenigstens auf ihrem Hintern gelandet und nicht auf ihrem Gesicht, wie du bei deinem ersten Auftrag“, hörte ich Romy sagen.
Luna knurrte.
„Hört auf“, befahl Tristan und half mir auf die Beine. „Alles okay bei dir?“
Ich nickte nur und trat zur Seite. Keinen Moment zu früh, denn schon landete jemand auf dem Platz, auf dem ich noch vor wenigen Sekunden gesessen hatte.
Ein weiter Aufschlag folgte, dann schlangen sich starke Arme um mich. Ich musste nicht fragen, um zu wissen, dass es Raphael war.
Mehrere Lichtkegel tasteten die Wände und Böden ab.
Mit einem „Hier“ drückte Future mir auch eine Taschenlampe in die Hand.
„Hier ist die Tür“, hörte ich Migule sagen und ließ seinen Lichtstrahl daran entlangwandern. „Verkabelt.“
„Damit haben wir doch gerechnet.“ Raphael löste sich von mir, trat nach vorne an die Tür und untersuchte die ganze Angelegenheit mit den Augen. „Das sollte kein Problem sein. Gebt mir ein paar Minuten.“ Und dann sah ich meinen Freund zum ersten Mal wirklich in Aktion. Erst an den Kabeln, dann an der Tür.
Irgendwann kam ich dann auch mal auf die Idee meine eigene Taschenlampe anzuschalten und bestrahlte das ganze dabei von hinten.
Romy stand direkt neben Raphael und Future schaute ihm neugierig über die Schulter. Nur deswegen bemerkte ich wohl zum ersten Mal die abstrakte Ähnlichkeit zwischen ihnen. Sie alle hatten schwarze Haare. Wenn ich genau darüber nachdachte, war bisher jeder Vampir, dem ich begegnet war, schwarzhaarig gewesen. Naja, mit Ausnahme von Alex. Der war als definitiv blond. Aber es war schon ziemlich auffällig.
Ein Knirschen an der Tür unterbrach meine banalen Gedankengänge. Die Tür knarzte leise in den Angeln und dann war sie einen Spalt offen. Ein Lichtstreifen fiel zu uns hinein.
„Okay.“ Raphael räumte sein Werkzeug eilig zurück in seine Kiste. „Wir sind durch. Bewegung.“
„Fiat iustitia“, murmelte Future, zog ihre Waffe und war dann die erste, die durch die Tür schlüpfte. Romy folgte ihr auf dem Fuße.
„Was?“, fragte ich.
„Fiat iustitia“, wiederholte Tristan und holte seine eigene Waffe heraus. „Das ist sowas wie unser Leitspruch. Es bedeutet: Es werde Gerechtigkeit.“
„Hört auf zu quatschen und bewegt euch“, befahl Miguel und verschwand als nächstes aus dem alten Kohlekeller
Raphael wartete auf mich, bevor er samt seiner Kiste raus ging. Tristan war direkt hinter mir, Murphy und Luna bildeten das Schlusslicht.
Was uns hinter der Tür erwartete, war ein schwach beleuchteter Kellergang. Überall hingen Spinnweben. Es war kalt, feucht und muffig. Die Glühbirne am Ende des Ganges flackerte immer wieder. Konnte es noch unheimlicher werden?
Da Tristan der einzige von uns war, der schon einmal hier unten gewesen war, übernahm er die Führung. Er orientierte sich einen Moment und wies uns dann mit Handzeichen die Richtung.
Zwei Mal mussten wir in den Kellergängen abbiegen, beide Male spähte er erst um die Ecke, bevor er uns weiter winkte.
Die Stimmung war angespannt, niemand sprach ein Wort. Selbst Luna verkniff es sich mich blöd von der Seite anzumachen. Wir bogen noch ein weiteres Mal ab und hielten wenige Minuten später vor einer Tür, die sich in nichts von den andern unterschied. Sie war aus Holz, sie war alt und feucht, und … sie war mit einem elektronischen Schloss verriegelt. Okay, vielleicht unterschied sie sich ja doch von den anderen.
Tristan deutet Raphael mit einer Geste, dass wir hier rein mussten und sofort machte mein Freund sich mit seinem kleinen Zauberkasten daran, das Schloss zu entsichern.
Mit einem Schraubenzieher öffnete er das Gehäuse des Tastenfelds neben der Tür, verband die Kabel darin mit einer Karte, die mit weiteren Kabeln an seine kleine Tastatur verbunden war, und tippte munter drauf los. Ich kam mir plötzlich ziemlich James Blond mäßig vor. James Blond, blondes Haar, kapiert?!
Raphael steckte etwas an seine Tastatur, das wie ein kleiner Bildschirm aussah. Hunderte und aberhunderte von Zahlen rasten in grüner Schrift darüber und dann … warteten wir.
Das war nicht gerade Vorteilhaft für meine Nerven. Besonders nicht, da ich mir immer wieder einbildete, irgendwas zu hören. Außerdem wuchs die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden mit jedem verstreichenden Moment. Leider ließ sich diese Prozedur nicht beschleunigen.
Es dauerte mehrere Minuten, dann sprang das kleine Lämpchen neben dem Tastenfeld an der Wand von rot auf grün und die Tür entsicherte sich mit einem leisen Klicken. Raphael packte seine Sachen schnell zurück in seine kleine Kiste, während Romy bereits die Tür aufriss und auf der Schwelle erstarrte.
Zuerst wunderte mich ihre plötzliche Zurückhalten, wo sie doch die ganze Zeit immer die erste war, die vorgestürmt war, aber als ich einen Blick an ihr vorbei in den Raum dahinter warf, konnte ich sie nur zu gut verstehen. Das Bild das sich mir bot war so grotesk, dass ich im ersten Moment gar nicht begreifen wollte, was da drin vor sich ging.
An der linken Wand saßen fünf Frauen und zwei männliche Teenager. In Lumpen gehüllt, verschmutzt, abgemagert und ein Leid ins Gesicht geschrieben, für das ich keine Worte fand. Keine von ihnen konnte älter als dreißig sein. Sie alle waren mit Ketten an die Wand gefesselt.
Was war nur mit den Leuten los, befanden wir uns wieder im Mittelalter? Aber das war nicht das, was mich so schockierte. Es befand sich noch eine sechste Frau in diesem feuchtnassen Kellerraum, der nach Urin und anderen Exkrementen stank. Das flackernde Licht ließ die Pein in ihren Augen auf schaurige Weise erstrahlen. Sie war völlig nackt, aber das wirklich Schlimme daran war der Mann zwischen ihren Beinen, der sie zu etwas Zwang, das niemand jemals ertragen sollte. Sie sah zu uns und konnte ihren stummen Hilferuf förmlich hören. Plötzlich sah ich mich an ihrer Stelle.
Das alles nahm ich in Bruchteilen von Sekunden auf. „Oh mein Gott“, entfuhr es mir.
Der Mann, der unserer Ankunft bisher nicht bemerkt hatte, sah bei meinen leise gemurmelten Worten auf.
Jemand stieß mich zur Seite und preschte in den Raum.
Der Kerl auf der Frau bekam nicht mehr die Gelegenheit etwas zu sagen, denn plötzlich waren Raphael und Romy bei ihm und rissen ihn mit einer Kraft von der Frau runter, die ihn durch den halben Raum fliegen ließ. Er krachte auf den Rücken und stöhnte vor Schmerz.
Dann war Murphy bei ihm. Er packte den Kerl an der Kehle, riss ihn hoch und ließ seinen Schädel mit solcher Wucht gegen die Wand knallen, dass ein Blutfleck daran zurück blieb. Als er dann ein Messer zog, gab es einen kurzen Moment, in dem ich ihn aufhalten wollte, aber da versenkte Murphy es auch schon mit kalter Effizienz tief in seinem Hals.
Der Anblick des Blutes, das wie ein Sturzbach heraus schoss und die gurgelnden Geräusche, die er von sich gab, entsetzten mich einen Moment so sehr, dass ich mich nicht bewegen konnte.
Als Murphy sein Messer wieder herauszog und den Kerl einfach zu Boden sacken ließ, versuchte der die Blutung mit seinen Händen zu stillen, aber das war zwecklos. Er würde sterben und er wusste es auch.
Raphael hatte mich davor gewarnt, doch etwas gesagt zu bekommen, war etwas völlig anderes, als es selber zu erleben. Und jetzt gab es kein Zurück mehr.
„Clem, meine Kiste!“ Raphaels Worte rissen mich aus meiner Trance.
Einen Moment sah ich ihn einfach nur an, dann riss ich mich zusammen, schaute mich nach der Kiste um und entdeckte sie draußen vor der Tür. Ich schnappte sie mir und eilte dann zu ihm und Romy, die beide bei der vergewaltigten Frau hockten.
Auch sie war mit einer Kette am Arm an der Wand festgemacht worden. Sie hatte keine Chance gehabt, sich selber von diesem Kerl freizumachen und plötzlich war es mir egal, dass er tot war. Das was Murphy mit ihm gemacht hatte, war noch viel zu harmlos gewesen, für das was er der Frau angetan hatte.
Ich zog mir mein schwarzes Shirt aus und bedeckte damit die Scham der Frau. Sie hatte wirklich genug durchgemacht, als das sie noch so offen rumliegen musste, während ein Haufen fremder Kerle um sie herumrannte. Dass ich nun im BH hier stand, interessierte mich reichlich wenig.
Währenddessen machte Raphael sich daran, mit seinem Handwerkzeug die Schelle der Frau zu lösen. Romy hockte neben ihr, strich ihr die Haare aus dem Gesicht und redete beruhigend auf sie ein.
Hinter mit hörte ich reges Treiben und ein kurzer Blick über die Schulter reichte, um mich zu versichern, dass die anderen sich um die Frauen und die beiden Jungs an der Wand kümmerten.
Future öffnete die Schlösser auf die gleiche Art wie Raphael. Die Frauen die schon frei waren, wurden von den anderen Themis eilig aus der Zelle gebracht. Eine zierliche brünette wurde von Tristan getragen, weil sie zu schwach war um selber zu laufen. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was diese Frauen alles hatten über sich ergehen lassen müssen.
Sobald Raphael die Schelle der vergewaltigten Frau gelöst hatte, zog die sich eilig mein Shirt über und ließ sich von Romy nach draußen bringen.
„Da ist noch eine Tür!“, rief Luna.
Raphael sprang sofort auf und rannte zu ihr. Diese Tür musste er allerdings nicht aufbrechen, es reichte die Türklinke zu benutzen, um sie zu öffnen.
Dahinter entdeckten wir vier weitere Frauen, die um einiges gepflegter aussahen, als die in dem Vorraum. Naja, bis auf die Frau ganz hinten in der Ecke.
Als ich ihr Gesicht sah, musste ich mich stark zusammenreißen, um nicht vor ihr zurückzuschrecken. Sie war vor nicht allzu langer Zeit geschlagen worden. Grüne und blaue Blutergüsse warn über ihr ganzen Körper verteilt. Ein Auge war zugeschwollen, ihre Lippe dick und Blutig. An der Schläfe hatte sie eine offene Platzwunde, unter der ich den Knochen schimmern sehen konnte. Das Blut verklebte ihre Haare und ihren Arm hielt sie an die Brust gedrückt.
Dieser Bastard von Bork Viran. Wenn ich ihn jemals zwischen die Finger bekam, Gnade ihm Gott.
Future und Raphael machten sich daran die Schellen der Frauen zu lösen. Die von der zusammengeschlagenen Frau klemmte ein wenig. Als sie dann endlich aufsprang, klemmte Raphael seine Kiste unter den Arm und zog die Frau dann auf die Beine. Wir waren die letzten.
Die ganze Aktion konnte nicht länger als acht oder neun Minuten gedauert haben, aber als ich endlich in den Korridor hinaustrat, kam es mir wie ein halbes Leben vor.
Die Frau neben Raphael wimmerte bei jedem humpelnden Schritt und Tränen liefen ihr über die Wangen. Ob nun wegen der Schmerzen, oder weil sie froh über die Rettung war, wusste ich nicht. Vielleicht beides.
Wir nahmen den Weg den wir gekommen waren, doch vor der letzten Abbiegung ließ mich ein plötzlicher Knall erstarren. Verdammt, das war doch ein Schuss gewesen!
Er war von weiter vorne gekommen. Etwas stimmte nicht. Da waren auf einmal Rufe, eine Frau schrie in Panik. Noch ehe Raphael mir etwas anderes sagen konnte, sprintete ich los. Er rief mir hinterher, doch ich rannte weiter, um die Ecke herum, mitten hinein in einen Haufen aus knurrenden Wölfen, zornigen Vampiren und ängstlichen Frauen. Scheiße, wir waren entdeckt worden!
Tristan und Murphy hatten sich verwandelt und rangen einen Mann in einem schwarzen Anzug nieder. Sie bildeten eine Barriere, die unsere Angreifer vom Kohlekeller fernhielt, während Romy die Frauen nacheinander durch die Tür schob und jeden der ihnen zu nahe kam eiskalt erschoss.
Migule hockte neben ihr und gab ihr Deckung. Future stürzte fauchend an mir vorbei und sprang einen Mann an, der sich auf Tristan stürzen wollte. Ihre Reißzähne waren bis zum Anschlag ausgefahren, als sie den Kerl mit sich zu Boden riss und ihn mit einem schrecklichen Schmatzen in den Hals biss.
„Da kommen noch mehr!“, rief Luna und schob eine Frau zu Romy.
„Kopf runter!“, rief irgendwer in meine Gedanken, kurz bevor neben mir an der Wand ein Stück Putz wegplatzte.
Scheiße!
Ich hob den Blick gerade rechtzeitig, um den Mann zu bemerken, der den Lauf seiner Waffe genau auf Lunas Kopf gerichtet hatte.
Keine Ahnung was in diesem Moment in mich fuhr. Ich stürmte einfach an Murphy vorbei und rammte das Arschloch mit meiner Schulter genau in dem Moment, als er abdrückte.
Der Knall dröhnte in meinen Ohren, der Mann ging mit mir zusammen zu Boden. Beim Aufprall zuckte Schmerz durch mein Knie.
Ich wälzte mich eilig herum, um nach Luna zu schauen. Die Kugel hatte sie verfehlt und war neben ihrem Kopf in der Wand eingeschlagen. Nun war sie wohl doch ganz froh, dass ich mitgekommen war.
„Benutze deine Waffe!“, schrie sie mich an und schlüpfte in den Kohlekeller.
Oder auch nicht.
Als ich hinter mir ein Jaulen hörte, drehte ich mich halb herum. Irgend so ein Mistkerl hatte Murphy im Nacken gepackt und drückte ihn zu Boden. Murphy hatte Schwierigkeiten von ihm freizukommen.
Ohne lange darüber nachzudenken, kämpfte ich mich zurück auf die Beine, um ihm zu helfen, doch kaum dass ich mich in Bewegung setzte, schnappte sich der Kerl, den ich weggestoßen hatte mein Fußknöchel und riss daran. Ich landete durch meinen eigenen Schwung der Länge nach auf dem Boden. Mir blieb gerade noch die Zeit, die Arme nach vorne zu reißen, um nicht direkt auf mein Gesicht zu klatschen.
Als der Kerl dann auch noch versuchte, mich an meinen Fuß zu sich zu zerren, trat ich einfach zu. Ich traf ihn an der Schulter und dann noch mal im Gesicht. Es knackte und Blut schoss ihm aus der Nase, doch er ließ nicht los. Es war als würde er keinen Schmerz spüren.
Ein weiterer Tritt genau gegen seine Schläfe. Er zischte, fluchte und im nächsten Moment hatte er seine Waffe auf mich gerichtet.
Vor Entsetzten wurde ich ganz starr.
Er ließ mich los und richtete sich auf. Mit der Hand wischte er sich Blut von der Lippe, ließ mich aber keinen Moment aus den Augen und die Mündung seiner Waffe zielte genau auf meinen Kopf. „Jetzt bist du wohl nicht mehr so widerspenstig, du kleine Schlampe. Jetzt wirst …“
Vor der Seite kam Tristan angesprungen und verbiss sich in den Arm des Mistkerls. Der Typ schrie auf, die Waffe fiel ihm aus der Hand und er begann mit der Faust auf Tristans Schnauze einzuschlagen.
Oh Gott, oh Gott! „Waffe“, flüsterte ich und griff hektisch in meine Hosentasche. Das Gefühl einer Waffe in der Hand war ungewohnt und im ersten Moment wusste ich nicht, wie genau ich damit zielen sollte, besonders da die beiden sich so viel bewegten. Doch dann drückte ich einfach ab und … nichts passierte.
Einen kurzen Moment glaubte ich, sie sei kaputt, doch dann erinnerte ich mich daran, dass ich sie erstmal entsichern musste. Leider wollte das nicht so funktionieren, wie ich mir das vorstellte. Ich bekam das verdammte Ding einfach nicht funktionstüchtig. „Scheiße!“, fluchte ich in dem Moment, als Tristan aufjaulte und losließ. Dann eben anders.
Ich sprang auf die Beine, nahm Maß und warf die Waffe nach dem Mistkerl. Das Teil war schwer und aus Metall und wenn ich nach dem widerlichen Geräusch ging, tat der Treffer auch saumäßig weh.
Der Mann torkelte zwei Schritte zur Seite. Tristan nutzte seine Chance, sprang ihn an und riss ihn mit seinem Körpergewicht zu Boden. Im nächsten Moment hatte er auch schon seine Zähne in der Kehle seines Gegners und riss sie auf. Eiskalt und ohne jedes Gefühl.
Der Mann griff sich an den Hals, aber da gab es nichts mehr zu retten. Er erstickte einfach an seinem eignen Blut.
Als Tristan etwas ausspuckte, das vor einer Minute noch zu seinem Gegner gehört hatte, drehte sich mir der Magen um und ich musste aufpassen, dass ich mich nicht übergab.
„Alles in Ordnung bei dir?“
Außerstande meine Stimme zu finden, nickte ich nur. Dann stürzte sich ein schwarzer Wolf auf ihn. Sie beide gingen in einem haarigen, knurrenden Knäuel unter. Ich war versucht ihnen zu helfen, bemerkte dann aber, das Murphy immer noch mit seinem Gegner beschäftigt war.
Ich schüttelte die Bilder in meinem Kopf ab, stürzte zu Murphy und stieß den verdammten Skhän mit aller Kraft von ihm weg. Er krachte mit dem Rücken gegen die Wand des engen Ganges und dann … stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass es sich bei dem Typen um eine Frau handelte.
Einen Moment war ich davon so irritiert, dass ich einfach nur blöd dastand und nichts tat, als die Tussi sich von der Wand abstieß und sich auf mich warf. Wir knallten gegen die andere Wand.
Ohne zu wissen, was ich da eigentlich tat, riss ich meinen Ellenbogen hoch und rammte ihn der Tussi mitten ins Gesicht. Es knackte, Blut schoss ihr aus der Nase. Sie heulte auf vor Schmerz und warf sich wütend auf mich. Verdammt hatte die eine Kraft. Sie versuchte mich zu Boden zu ringen, doch ich setzte mit meinem Knie nach und donnerte es ihr zwischen die Beine. Vielleicht brachte es bei ihr nicht so viel wie bei einem Kerl, aber auch Frauen spürten dort Schmerz.
Stöhnend krümmte sie sich zusammen und gab mir damit die Gelegenheit sich wegzustoßen. Während sie zu Boden ging, holte ich noch mal mit dem Bein aus und trat ihr mit aller Kraft gegen die Kopf. Sie sackte einfach zusammen und rührte sich nicht mehr.
Bevor mir klar werden konnte, was ich da gerade getan hatte, stieß mich jemand nach vorne und ich landete schon wieder auf dem Boden.
Hinter mir wurde ein Fluch ausgestoßen, der nur von Raphael kommen konnte. Er war es auch gewesen, der mich weggestoßen hatte. Sein Bein blutete und erst als ich das Messer neben ihm entdeckte, wurde mir klar, was fast geschehen wäre. Das Messer steckte dort, wo ich vor einem Moment noch gestanden hatte. Hätte Raphael mich nicht weggestoßen, würde es jetzt in meinem Rücken stecken. So aber hatte es nicht mich, sondern ihn getroffen.
Ich eilte zu ihm und wollte mir die Wunde ansehen, doch er packte meinen Arm und stieß mich Richtung Kohlekeller. Erst da fiel mir auf, dass alle Frauen und so gut wie alle Themis verschwunden waren. Außer mir und Raphael war nur noch Murphy auf dem Gang und versuchte unsere Gegner fernzuhalten.
„Los, rein da!“, befahlt Raphael und schubste mich zur Tür.
Mir bleib keine Zeit zum nachdenken. Da kamen noch mehr von diesen Gorillas. Wir waren in der Unterzahl. Rückzug war unsere einzige Chance. Eilig schlüpfte ich in den kleinen Raum. Murphy kam direkt hinter mir hereingeschossen, sprang an mir vorbei zur Kohleluke wo Miguel stand.
Der riesige Kerl schnappte sich den riesigen Wolf und stemmte ihn nach oben. Mehrere Hände griffen nach nach dem Wolf und zogen ihn hoch.
„Komm!“, rief Miguel mir zu, sprang oben an die Kante und stemmte sich hinauf.
Ich lief hinterher. Future saß oben an der Luke und streckte mir einen Arm entgegen, doch dann wurde mir bewusst, dass Raphael mir nicht gefolgt war. Unschlüssig sah ich von der Luke zur Tür. Er war noch da draußen, ich konnte ihn sehen.
„Clementine“, rief Future von oben. „Was machst du? Komm endlich!“
Ich zögerte. Ich konnte nicht gehen, nicht ohne Raphael, doch gerade als ich zu ihm zurück wollte, kam er durch die Tür gehastet.
Erleichtert wollte ich ihn um den Hals fallen, doch er schob mich drängend zur Luke. Ein Griff um meine Taille und im nächsten Moment hob er mich hoch.
Future griff sofort mach meinen Armen und half mir nach oben. Dann halfen wir beide Raphael nach oben. Keinen Moment zu früh. Er baumelte noch mit den Beinen in der Luke, da gab es unten plötzlich einen fürchterlichen Knall.
Raphael wurde mit einer Staubwolke nach oben gedrückt, die auch mich und Future umwarf. Verdammt, was war das denn gewesen?
Während wir drei wieder auf die Beine kamen, schlossen Miguele und Roger die Luke und verschlossen sie mit einem Stück Holz, dass sie unter die Griffe schoben.
Raphael schnappte sich meine Hand und dann rannten wir.
Nicht weit entfernt standen zwei weiße Lieferwagen. Miguel und Future sprangen in den vorderen und schlugen die Heckklappen zu. Ich wurde hinter Roger in den Hinteren hineingeschubst.
Mir bleib nicht die Zeit zu protestieren. Ich fiel auf den Boden, hörte das Zuschlagen der Tür und erst einen Moment später wurde mir klar, dass Raphael nicht mit eingestiegen war. „Nein!“ Hastig stemmte ich mich hoch. Ich wollte die Seitentür aufreißen und nach meinen Freund suchen, doch der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen los und ich fiel erneut. Das gab es doch einfach nicht. Fluchend griff ich nach der Tür, doch ehe ich den Knauf erreichte, wurde ich am Arm gepackt und daran gehindert. „Nein!“, schrie ich, und wollte denjenigen abschütteln, der mich da festhielt, doch er ließ nicht los.
„Keine Angst, er kommt gleich nach“, sagte Roger in ruhigem Tonfall.
„Wo ist er hin? Warum ist er nicht mit uns gefahren?“
„Spuren verwischen.“ Er ließ mich los und zog sich das Hemd über den Kopf. Anschließend reichte er es mir. „Hier.“
Zuerst war mir nicht ganz klar, was ich damit sollte, doch dann erinnerte ich mich daran, dass ich obenrum ja nur noch einen BH trug. „Danke“, sagte ich und zog es mir über.
Erst dann wurde ich mir meiner Umgebung bewusst. Von den Leuten die wir aus dem Keller geholt hatten, drängten sich sieben Frauen ängstlich an der Wand des Lieferwagens. Na ja, eigentlich waren es nur sechs, die siebente von ihnen half Romy und Luna dabei, die anderen zu versorgen. Sie bekamen Wasser und ihre Wunden wurden Versorgt. Romy sah dabei aus, als wäre sie ganz in ihrem Element. Sie schiente den Arm der der zusammengeschlagen Frau, ganz so als hätte sie das schon tausend Mal gemacht.
„Sie war mal Krankenschwester“, erklärte Roger, der merkte, wie ich sie beobachtete.
Das verblüffte mich. „So sieht sie gar nicht aus.“
Roger lächelte. „Murphy sieht auch nicht aus, als wäre er Erzieher, aber genau das war er. In einem Kindergarten.“
„Murphy?“ Bei dem Gedanken, wie dieser große Mann mit kleinen Kindern spielte, musste ich schmunzeln, aber ein schmerzliches Wimmern lenkte meine Aufmerksamkeit zurück auf die Frauen. Sie brauchten Hilfe, für ein Schwätzchen war jetzt keine Zeit. Also richtete ich das Halstuch vor meinem Gesicht, und ging Romy und Luna so gut zur Hand, wie ich nur konnte. Wir versorgten die Frauen mit dem Wenigen das uns zur Verfügung stand. Sie würden sich später noch einmal richtig behandeln lassen müssen.
Über eine halbe Stunde fuhren wir durch die nächtlichen Straßen. Sergio fuhr schnell, aber vorsichtig und brachte uns am Ende aus der Stadt hinaus zu einem kleinen Feld irgendwo in der Pampa. Als er den Wagen schließlich anhielt und den Motor ausstellte, dämmerte bereits der Morgen.
Romy öffnete die Seitentür und sprang als erste aus dem Wagen. Sie trat direkt ein Stück zur Seite, damit ich ihr folgen konnte. „Du hast dich gut geschlagen“, sagte sie und beobachtete, wie der zweite Lieferwagen mit Future am Steuer eintraf. „Aber normalerweise benutzen wir unsere Waffen um zu schießen und nicht um sie unseren Gegnern an den Kopf zu werfen.“
Mist. „Das hast du gesehen?“
Darauf ging sie nicht ein. „Waffen sind teuer und nicht einfach zu beschaffen, darum sollten wir die Verluste so niedrig wie möglich halten. Wenn du etwas nach den Skhän werfen willst, benutze in Zukunft Steine.“
Was sollte ich dazu noch groß sagen? „Ich hab die Sicherung nicht auf bekommen.“
So wie sie mich anschaute, war das in ihren Augen keine gute Entschuldigung. „Dann lass dich besser einweisen, oder finde eine Alternative für dich, aber hör auf meine Waffen durch die Gegend zu werfen. Und jetzt entschuldige mich, wir haben noch zu tun.“ Damit ließ sie mich stehen und half die Frauen aus dem Wagen zu laden.
Ich nahm mir eine Minute, um mir meiner Umgebung bewusst zu werden. Wir mussten uns knapp außerhalb der Stadt befinden. Felder so weit das Auge reichte. Bäume und Büsche. In der Ferne konnte ich ein paar Häuser sehen.
Nicht weit von uns entfernt stand ein Reisebus, aus dem gerade ein ältere Dame mit ihrem Gehstock ausstieg. Sie wirkte zerbrechlich und ich wollte schon zu ihr gehen und ihr helfen, da bemerkte sie Miguel.
„Kannst du keine Uhr lesen?“, fauchte sie ihn quer übers Feld an. „Ihr kleinen Scheißer solltet schon vor einer halben Stunde hier auftauchen!“
O-kay, das mit der Dame war wohl eine Fehlbezeichnung meinerseits.
„Krieg dich ein, du alte Schreckschraube“, maulte Luna und half der Frau in meinem Shirt beim Aussteigen. Irgendjemand hatte ihr mittlerweile noch eine Hose gegeben. „Sonst bekommst du noch einen Herzinfarkt und beißt ins Gras.“
„Das hättest du wohl gerne, aber ich werde sogar dich und deinen arroganten Hintern überleben.“
„Nicht wenn du weiter wie eine Dampfwalze qualmst. Die Scheiße wird dich noch umbringen.“
„Das ich draufgehen werde, ist mir schon klar, aber bevor meine Kippen das Schaffen, schafft ihr das.“
Hm. Das war … schräg.
„Hannah ist Lunas Urgroßmutter“, erklärte Murphy und tappte an meine Seite. Das Fell an seiner Schulter war verklebt. Er schien verletzt zu sein. „Die beiden reden immer so miteinander.“
Als er seinen breiten Kopf unter meine Hand schob, erinnerte mich diese Geste einen kurzen Moment an Sydney und ich musste dem Drang widerstehen, ihn hinterm Ohr zu kraulen. Was mein Mentor wohl von all dem hier halten würde? Vermutlich gar nichts.
„Manchmal wundert es mich echt, dass sie sich noch nicht gegenseitig umgebracht haben.“
„Kommt ihr jetzt endlich mal aus der Hüfte?!“, schnauzte die nette Lady. „Die Damen haben genug durchgemacht, es wird Zeit dass wir hier fertig werden!“
Dass nannte man dann wohl einen feuerspeienden Drachen. Obwohl diese Lady hier eher mit Gift spie.
Ein paar schüttelten den Kopf, als seien sie einfach nur genervt von Hannah, die meisten allerdings ignorierten sie einfach und halfen den befreiten Sklaven von den Lieferwägen zum Reisebus hinüber.
Ich sah ihnen dabei zu, nicht sicher, ob ich helfen sollte, oder nur im Weg stehen würde. Sie schienen ein eingespieltes Team zu sein. Jeder wusste, was er zu tun hatte, und ich? Na ja, ich hatte zwar geholfen, aber ich gehörte irgendwie nicht dazu.
Hannah maulte mit Romy herum, als die ihr nicht schnell genug Platz machte und Luna fing an zu kichern, woraufhin sie sich eine mündliche Scharte von ihrer Urgroßmutter einfing.
„Wohin bringt ihr die Frauen?“, fragte ich Murphy.
„Nach Hause zu ihren Familien. Dort können sie versuchen das Erlebte zu verarbeiten.“
Ich kaute auf meiner Lippe herum, als die zusammengeschlagene Frau von Miguel in den Bus getragen wurde. „Es wird nicht leicht für sie werden“, sprach ich meine Gedanken laut aus.
„Das ist es nie.“
Als ich hinter mir ein Motorrad hörte, riss ich den Kopf herum, aber es war nicht wie ich hoffte Raphael sondern Tristan. Zwar beruhigte es mich ihn zu sehen, aber die Sorge um Raphael wuchs. Was machte er denn so lange?
Das Gefühl rückte allerdings ein wenig in den Hintergrund, als Tristan von seiner Maschine abstieg und den Helm vom Kopf nahm. Sein Mund war eine dünne Linie und seine Augen wirkten hart. Doch an der Art wie er die Schultern hielt, erkannte ich, wie es wirklich um ihn stand. Ja, wir hatten den Skhän ein Schnippchen geschlagen – auf eine Art, die mir die nächsten Nächte wahrscheinlich Alpträume bescheren würde. Aber auch wenn wir vierzehn Leute gerettet hatten, so blieb eine noch immer verschollen.
Wortlos ging ich zu ihm hinüber und nahm ihn einfach in die Arme.
Tristan zögerte bevor er die Geste erwiderte und mich fest an sich drückte.
„Wir werden sie finden“, versprach ich leise. „Wir geben nicht auf, bis wir sie zurück haben.“ Ich hatte keine Ahnung wie ich dieses Versprechen einlösen sollte, aber ich wusste, dass ich nicht aufgeben würde. Ich hatte nun mit eigenen Augen gesehen, wozu die Skhän Imstande waren und ich würde alles daran setzten, die Leute aus ihren Fängen zu befreien.
Für den Moment erlaubte Tristan mir ihn zu trösten. Er vertraute mir. Erst als Future zu uns kam, ließ ich ihn los und war nicht überrascht, als Tristan sich unbemerkt eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Ich tat so, als hätte ich es nicht bemerkt und konzentrierte mich auf Future.
„Wir fahren jetzt, will einer mitkommen?“
„Nein“, sagte ich und schüttelte den Kopf. „Wir haben in der Stadt noch einiges zu erledigen.“
Future schien zu verstehen. Ihre Augen huschten zu einer Stelle an meinem Kopf. „Du blutest. Warte, ich mach das.“ Sie steckte sich den Finger in den Mund und wollte damit den keinen Riss an meiner Stirn heilen, doch ich wich vor ihrer Berührung zurück. Nicht weil ich glaubte, dass sie irgendwelche unappetitlichen Bakterien im Speichel hatte, sondern weil ich mir meiner Markierung sehr bewusst war und auch über die Reaktionen, die sie bei den Leuten auslöste.
Sie verdrehte nur die Augen. „Nun hab dich doch nicht so, geht ganz schnell.“ Sie versuchte es ein zweites Mal, aber Tristan hinderte sie daran. Er verstand sehr gut, warum ich mich so verhielt.
„Sie möchte es nicht“, sagte er sanft aber deutlich.
Future öffnete den Mund für eine Erwiderung, aber in dem Moment hörte ich das Motorengeräusch und wusste Instinktiv, wer sich da nährte.
„Ryder.“ Ich ließ die beiden einfach stehen und eilte meinem Freund entgegen. Er hatte den Motor kaum abgestellt, als ich ihm schon um den Hals fiel. Er war hier, es ging ihm gut. Das war alles was zählte. Doch nachdem ich mich versichert hatte, dass er noch in einem Stück war, wurde ich sauer. Das er mich einfach so wortlos in den Wagen geschubst hatte und dann verschwunden war, dafür könnte ich …
„Sag mal, wolltest du dich umbringen?!“, fuhr er mich an und zog sich den Helm vom Kopf. „Ich hatte dir gesagt, dass du hinter mir bleiben sollst und du stürmst einfach los und wirfst dich mitten in die Schießerei!“
„Ich wollte doch nur …“
„Es ist egal was du wolltest, du hast nicht nachgedacht. Du könntest tot sein!“
„Du genauso“, zischte ich ihn an. „Oder bist du neuerdings aus Stahl?“
„Nein, aber ich habe mit solchen Situationen Erfahrung, du nicht. Hätte ich gewusst, dass du dich einfach so in Lebensgefahr bringen würdest, hätte ich dich nicht mitgenommen.“
Ich schnaubte. „Als wenn du mich hättest daran hindern können.“
Wir funkelten uns an und ignorierten die neugierigen Blicke der anderen.
„Bei den anderen machst du nicht solche Zicken“, zischte ich.
„Die anderen sind mich auch nicht so wichtig, Bambi“, brummte er. Dann fuhr er sich seufzend mit der Hand durchs Gesicht. „Tut mir leid, ich hatte dich nicht so anfahren wollen.“
Da es wohl sinnlos wäre weiter auf dem Thema herumzureiten, schüttelte ich einfach nur den Kopf. Ich verstand ihn ja, er hatte sich nur Sorgen gemacht. Wäre es anderes herum gewesen, hätte ich vermutlich genauso reagiert. „Ist schon gut.“
Er legte seinen Helm hinter sich und zog mich zu sich heran. „Bitte, tu so etwas nie wieder. Schalt deinen Kopf ein, bevor du losrennst.“
„Ich werde es versuchen.“
Das ließ ihn schnauben. „Auf mehr kann ich wohl nicht hoffen“, murmelte er und schlang seufzend sie Arme um mich.
Vom Reisebus kam ein Hupen, kurz darauf rollte er langsam vom Feld und verschwand in der Nacht. Die beiden Lieferwagen folgten kurz darauf. Die Randal-Brüder und ich waren die einzigen die zurück blieben, denn wir waren in dieser Stadt noch nicht fertig.
Allerdings gelang es uns erst drei Wochen später, dort einen weiteren Skhän aufzuspüren. Wir verfuhren mit ihm genauso wie mit Bork Viran und danach musste selbst Tristan einsehen, dass wir in dieser Stadt nicht fündig werden würden.
Anfang Oktober verließen wir Amsterdam und zogen weiter nach Antwerpen in Belgien. Laut den Themis war das zur Zeit die Hochburg der Skhän und dort gab es für uns wirklich viel zu tun. Leider fanden wir auch dort keinen Hinweis auf Vivien. Sie war und blieb verschwunden, sodass wir auch dort irgendwann weiterzogen.
Das war es, was die nächsten Monate auf mich wartete: Ein Nomadenleben. Ich sah Städte, in die ich schon immer reisen wollte, Dörfer von denen ich noch nie etwas gehört hatte und eine Grausamkeit, für die ich keine Worte fand. Raphael gab mir Unterricht in Selbstverteidigung, von Romy bekam ich einen Anschiss, nachdem ich zwei weitere Waffen als Wurfinstrumente benutzt hatte und Tristan wurde immer deprimierter. Das wir Vivien nicht fanden, belastete ihn noch mehr als Roger.
Irgendwann Ende März bekam Raphael einen Tipp, der ihn zu einem Hehler führte und wir konnten endlich den Rest meines Schmuckes verkaufen. Da er aber nicht wollte, dass ich mit solchem Abschaum zu tun hatte – seine Worte, nicht meine – ließ er mich bei Tristan zurück.
Als er zwei Tage später wieder auftauchte, bracht er zwei Überraschungen mit. Ein Teil des Geldes hatte er in ein gebrauchtes Wohnmobil investiert, dass zwar ein wenig heruntergekommen war, aber eine gute Alternative zu den teuren Hotelzimmern bot. Die zweite Überraschung war das, was mich im Inneren beleidigt und schwanzzuckend anmaunzte. Elvis! Raphael war extra zu nach Berlin gefahren, um ihn abzuholen.
Es war wohl nicht ganz einfach gewesen, weil Isaac ein paar Wächter im Haus postiert hatte, falls ich dort auftauchen sollte. Von meiner Mutter hatte er keine Spur gefunden, sie blieb weiterhin verschwunden.
Der Frühling zog an uns vorbei, der Sommer kam und ging. Es gab Zeiten, da vergaß ich meinen echten Namen und wer ich einmal gewesen war.
Es war kurz vor Weihnachten, als ich mal wieder mit Samuel telefonierte. Sydney hatte sich wohl sehr verändert. Er hatte sich vor allem zurückgezogen und vergrub sich nur noch in seiner Arbeit. Auch wenn ich noch oft an ihn dachte, hatte ich es nach dem misslungenen Gespräch in der Telefonzelle nicht mehr gewagt ihn anzurufen.
Was an diesem Telefonat jedoch das Besondere war, waren die Neuigkeiten, die Samuel für mich hatte. Sein Vater Alessandro lag mit drei gebrochenen Rippen und einer schweren Schädelfraktur im Krankenhaus. Er erzählte mir, dass Lucy ihn zusammengeschlagen hatte und anschließend vom Hof geflohen war. Er wusste den Grund nicht, doch ich konnte es mir vorstellen. Alessandro war Lucy mal wieder zu nahe getreten und dieses Mal hatte sie sich gewehrt.
Es berührte mich weniger, als es hätte tun sollen, doch nachdem was alles zwischen uns vorgefallen war … wir waren schon vor meiner Flucht keine Freunde mehr gewesen.
Ich erzählte Tristan nicht davon. Diese Entscheidung fiel mir nicht ganz leicht, weil ich eigentlich keine Geheimnisse vor ihm hatte, doch er hatte bereits genug zu kämpfen und ich fürchtete, dass ihn diese zusätzliche Belastung zerstören würde.
Zwei Monate später fanden wir uns mit unserem hergerichteten Wohnmobil in Stettin wieder und taten dort das, was wir immer taten. Und zwar mit Erfolg.
Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass wir die Guten waren, dafür waren die Dinge die wir manchmal taten, einfach zu schrecklich, aber wir sorgten auf jeden Fall dafür, dass wie Welt ein kleines bisschen besser wurde.
Auch ich tötete. Beim ersten Mal war es noch sehr schwer und Schuldgefühle plagten mich lange Zeit, doch je öfter ich es tat, je mehr ich sah, was die Skhän ihren Gefangenen antaten, um so leichter wurde es für mich. Ich war immer ein Herzensguter Mensch gewesen, aber sobald ich einen von ihnen gegenüber stand, schaltete ich meine Gefühle einfach aus.
Das war nun mein Leben. Ich hatte ein zuhause, Freunde, einen sturen und sehr nachtragenden Kater und einen Mann, den ich über alles liebte. Alles war perfekt, wozu sich also sorgen machen?
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Mit einem Satz sprang Elvis aufs Bett, entdeckte dort Tristan und trat sofort schwanzzuckend den Rückzug an. Schmunzelnd schaute ich dabei zu, wie er beleidigt zur Tür des Wohnmobils marschierte und dort solange an der Tür kratzte, bis Raphael sich erbarmte und ihn hinaus ließ.
Jetzt lebte der Kater schon fast ein Jahr mit Tristan unter einem Dach und konnte sich trotzdem nicht mit seiner Anwesenheit abfinden. Stures, kleines Ding.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf den Manga in meiner Hand und zu erfahren, wie es mit der Liebesgeschichte zwischen Aoi und Takuya weiter ging.
Es war Samstag Nachmittag. Tristan saß auf dem Bett und tat so, als würde er sich irgendeine Sitcom anschauen. Doch sein Blick war nicht auf den kleinen Fernseher in der Ecke gerichtet, er starrte einfach ins Leere.
Ich hatte es mir mit dem Kopf auf seinem Bein bequem gemacht und hüllte in sanft in mein Odeur. Vor zwei Tagen hatten wir zwei Frauen aus dem Haus eines ältere Mannes geholt. Es war einer der seltenen Fälle gewesen, in dem die Frauen zwar Sklaven waren und gegen ihren Willen festgehalten, aber nicht misshandelt wurden. Der Mann war einfach nur einsam gewesen und hatte Gesellschaft haben wollen.
Eine der Frauen hatte Vivien so ähnlich gesehen, dass wir alle für einen kurzen Moment geglaubt hatten, wir seien mit unserer Suche endlich am Ziel. Aber es war nicht Tristans große Schwester gewesen. Dieses Mädchen war viel jünger und erst vor wenigen Wochen von den Fängern entführt worden.
Seit dieser Pleite war Tristan besonders niedergeschlagen. Er hatte seitdem kaum ein Wort gesagt und heute morgen hatte ich ihn zwingen müssen etwas zu essen. Seitdem lag ich mit ihm im Bett und versuchte ihn als sein Alpha ein wenig zu trösten. In den vergangenen eineinhalb Jahren hatte es immer geholfen, wenn die Realität ihn wieder einmal zu sehr belastete. Dieses Mal jedoch … irgendwas war anders. Ich konnte nicht mit dem Finger drauf deuten, aber ich spürte es.
Als Raphael anfing in unserer Küchenzeile herumzukramen, begann mein Magen in freudiger Erwartung zu knurren. Was dieser Kerl selbst mit unseren beschränkten Mitteln in der Küche zaubern konnte, war einfach nur der Wahnsinn.
„Wenn wir heute noch was essen wollen, muss ich noch mal einkaufen gehen.“
Das gefiel meinem Magen nicht so gut. Aber wenn er schon mal unterwegs war … „Bringst du mir saure Gurken mit? Und Duschgel, das blaue.“ Ach, wenn wir schon mal dabei waren. „Katzenfutter ist auch fast alle und …“
„Vielleicht solltest du mir einfach eine Liste schreiben“, sagte er und trat an den halb zugezogenen Vorhang, mit dem wir unserem Schlafzimmer vom Rest des Wohnwagens abschneiden konnten. Ein großer Schrank direkt vor dem Bett diente als Raumtrenner vom Ess- und Wohnbereich. In den Hängeschränken über unseren Köpfen, lagerten wir unsere Klamotten.
Es war nicht unbedingt viel Platz, aber nachdem wir die Kutsche wieder auf Vordermann gebracht hatten, lebte es sich hier drinnen ganz gut.
„Oder sie begleitet dich“, warf Tristan in den Raum.
Ich drehte überrascht den Kopf. Im Moment wollte ich ihn eigentlich nicht allein lassen. Tristan war einfach viel sensibler, als er selber zugab und nach der Aktion vor zwei Tagen …
„Ich werde schon nicht tot umfallen, nur weil du mich mal aus den Augen lässt“, erklärte er. Scheinbar standen mit meine Gedanken mal wieder ins Gesicht geschrieben.
„Ähm …“
„Geh, Clem. Ich brauche keine Glucke und werde auch eine halbe Stunde ohne dich auskommen.“
Erstaunt richtete ich mich auf. Warum war er den plötzlich so aggressiv?
Raphael verengte seine Augen leicht. „Du musst sie nicht gleich so angehen, nur weil sie sich Sorgen um dich macht.“
„Sie brauch sich keine Sorgen machen, mir geht es gut.“ Als er unsere zweifelnden Blicke sah, seufzte er. „Geht einfach, bei mir ist alles in Ordnung.“
Nein, das war es nicht, aber vielleicht wollte er einfach nur ein bisschen Zeit für sich alleine. Wenn man zu dritt in einem Wohnmobil lebte, war das manchmal gar nicht so einfach. „Okay, ähm … sollen wir dir irgendwas mitbringen? Deine Cornflakes sind glaub ich alle.“
„Wenn du möchtest, bring sie mit.“
Ich war versucht noch etwas dazu zu sagen, doch er richtete seinen Blick schon wieder auf den Fernseher, also beließ ich es einfach dabei und stieg aus dem Bett. Als ich an Raphael vorbei ging, strich der mir über den Arm. Auch er machte sich Sorgen um seinen Bruder, aber Tristan war leider immer sehr in sich gekehrt. Das machte es manchmal ziemlich schwer. Wir konnten nur warten und reagieren.
Ich ging in den vorderen Teil unseres Hauses. Links hatten wir eine recht bequeme Sitzecke, die man zu einem weiteren Bett umfunktionieren konnte, rechts war die Küchenzeile und direkt daneben die Tür. Das kleine Bad mit der schmalen Dusche befand sich direkt hinter dem Fahrersitz.
Ich schlüpfte in meine Schuhe, band mir einen Schal um und zog mir meinen dicken Wintermantel an. Anfang Februar war es in Polen nämlich ziemlich kalt. „Wir sind so in einer halben Stunde wieder da“, rief ich Tristan noch zu und verließ dann das Wohnmobile.
Da es auch hierzulande nicht erlaubt war seinen Wohnwagen überall abzustellen und dort auch zu benutzen, wohnten wir im Moment ein wenig außerhalb der Stadt. Sollte doch mal jemand auftauchen und uns wegschicken wollen, kümmerte Raphael sich mit seinem Joch darum. Manchmal war das wirklich praktisch.
Als Raphael rauskam, hatte er unsere beiden Helme mit dabei. „Hast du alles?“, fragte er und reichte mir meinen.
Ich nickte und zwängte meinen Kopf in den Hohlraum. Jetzt fuhr ich schon so lange mit ihm auf dem Motorrad, aber die Helme und ich standen noch immer miteinander auf Kriegsfuß. „Wenn wir unterwegs sind, würde ich gerne noch mal wegen neuer Handschuhe schauen gehen.“
„Kalte Finger?“ Er ging nach rechts zu seiner Maschine und wischte mit dem Jackenärmel den Schnee vom Sattel.
„Nicht wenn ich sie dir unters Shirt schieben darf“, schäkerte ich.
Er schob das Visier hoch und zwinkerte mir zu. „Darüber sollten wir uns später noch mal genauer unterhalten.“
„Lustmolch.“ Ich wartete bis er im Sattel saß, dann schwang ich mich hinter ihn und schlang meine Arme um seine Mitte. Mein Hintern wurde augenblicklich kalt.
„Du hast mich durchschaut.“ Das Visier wurde wieder heruntergeklappt und dann heulte der Motor auf.
Die Tour in die Stadt und zurück dauerte fast zwei Stunden, da Raphael im ersten Laden nicht alles fand, was er haben wollte und wir unterwegs noch ein einer Burgerkette hielten, um mein Magenknurren erstmal zu besänftigen. Auf dem Rückweg dann kamen wir in einen Stau. Ein Wagen war auf der vereisten Straße weggerutscht und in eine Leitplanke geknallt. Darum war ich auch ziemlich durchgefroren, als wir endlich in den kleinen Waldweg einbogen, der zu unserem Trailer führte. Mein Mantel war leider nicht so Luftdicht wir Raphaels Motorradjacke.
Kaum das die Maschine ausgestellt war, schlenderte Elvis um die Ecke und maunzte uns an. Er hatte in den letzten Jahren ein paar graue Haare an der Schnauze bekommen und so wie er durch den Schnee stakste, war ihm das hier draußen wohl ein wenig zu feucht.
„Na, Kratzbürste.“
So wie er mich anmaunzte, war ihm gerade nicht nach Begrüßung zumute, er wollte einfach nur rein ins Warme. Also stieg ich vom Motorrad, rupfte mir mit meinen immer wiederkehrenden Schwierigkeiten den Helm vom Kopf und machte dem Herren die Tür auf.
Da ich im Gegensatz zu meinem Kater Manieren hatte, trat ich mir den Schnee von den Füßen, bevor ich hinein ging, während Raphael die Einkäufe vom Motorrad nahm. Direkt vor der Tür blieb er jedoch noch mal stehen und schaute stirnrunzelnd nach nach links. „Tyrones Maschine ist weg.“
„Was?“ Ich steckte den Kopf noch mal raus und stellte mit einem Blick fest, dass er recht hatte. Ich zog den Kopf wieder rein und schaute mich im Wohnmobil um. „Tyrone?“ Da unsere Behausung nicht sehr groß war, reichte es den Kopf zu recken, um festzustellen, dass er nicht hier war. Aber um ganz sicher zu gehen, schaute ich auch noch mal im Bad nach. Leer. „Er ist nicht hier.“
Raphael stellte die Einkäufe auf dem Tisch ab. „Vielleicht fährt er ein bisschen herum.“
Das wäre zwar ziemlich untypisch für ihn, aber seit ein paar Tagen benahm er sich ja sowieso ein wenig merkwürdig. „Wenn er wieder zurück ist, solltest du mal mit ihm reden“, sagte ich und schälte mich aus meinen Klamotten. „Du weißt schon, so unter Männern.“ Ich würde dann einfach einen kleinen Spaziergang machen.
Seufzend zog er sich die Jacke aus und warf sie über die Bank. „Ich hab gestern schon versucht mit ihm zu reden. Er wollte nicht.“
Ja, weil Tristan immer versucht war, alles mit sich selber auszumachen. „So kann das nicht weitergehen.“ Ich setzte mich auf die Bank und begann meine Schuhe auszuziehen. „Ich weiß du willst das nicht hören, aber vielleicht ist es Zeit für eine kleine Pause. Diese Suche macht euch beide fertig.“
Seine Lippen wurden zu einem dünnen Strich. Kurz schien er versucht etwas zu sagen, doch dann kehrte er mir den Rücken und begann damit die Einkäufe auszuräumen.
War ja klar. Ich erhob mich und schlang von hinten die Arme um seine Mitte. Dass er sich dabei ein wenig anspannte, wurde einfach ignoriert. „Ich mache mir sorgen um euch.“
„Ich kann nicht aufhören nach ihr zu suchen“, erwiderte er leise. „Nicht mal für kurze Zeit, nicht wenn sie dort draußen ist und noch immer auf Rettung wartet.“
Natürlich nicht. Und wenn die beiden dabei draufgehen würden, das hier würde erst zu Ende sein, wenn Vivien wieder sicher im Schoß der Familie war. „Okay“, sagte ich und hauchte ihm einen Kuss in den Nacken. „Wir suchen weiter und wir werden sie finden.“ Obwohl ich manchmal nicht mehr daran glaubte. Vivien war jetzt seit zweieinhalb Jahren verschwunden und in dieser Zeit konnte eine Menge passieren. Aber ich versuchte die Hoffnung nicht aufzugeben. Wegen Roger und den Brüdern. Und auch wegen Vivien.
„Ja“, sagte Raphael, als sei es ein Schwur. „Das werden wir und dann wird endlich wieder alles gut.“
Naja, zumindest für ihn und seine Familie. Was meine Wenigkeit anging … das war ein Thema, dass man lieber in der Versenkung ließ.
„Ich gehe kurz duschen“, erklärte ich und löste mich von ihm. Während er weiter die Einkäufe ausräumte, ging ich zum Bett, um mir ein Handtuch aus den Hängeschränken zu nehmen.
Elvis thronte auf den Kissen und blinzelte mich majestätisch an. Doch als ich aufs Bett kletterte und die Matratze damit ein wenig ins schwanken brachte, maunzte er mich an.
„Was los, Süßer?“ Ich nahm mit ein Handtuch und ging dann neben ihn in die Hocke. Als ich dann begann ihn hinterm Ohr zu kraulen, erhob er sich und rieb seinen Kopf schnurrend an meiner Hand. Unter ihm knisterte es und erst als ich ihn zur Seite schob, bemerkte ich den zusammengefalteten Brief, auf dem er drauf gesessen hatte.
Ich nahm ihn und wollte ihn in den Schrank legen, doch dann sah ich die Beiden Worte. Raphael. Cayenne.
Plötzlich machte sich ein sehr ungutes Gefühl in mir breit. Niemand von uns dreien benutzte je den richtigen Namen eines anderen und schon gar nicht schrieben wir ihn irgendwo auf. Das war einfach gegen die Regeln.
Ich ließ mich auf den Hintern sinken und klappte den Brief auf.
Es gibt keine Möglichkeit euch das schonend beizubringen, darum sagte ich es ganz direkt: Ich bin gegangen.
In den letzten Wochen ist mir immer deutlicher bewusst geworden, dass wir uns auf einem Pfad befinden, auf dem wir nicht ans Ziel gelangen werden. Darum bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es für alle das Beste ist, wenn ich mich alleine auf die Suche begebe.
Sucht nicht nach mir.
Ungläubig starrte ich auf die wenigen Zeilen. Das musste ein schlechter Scherz sein, das konnte er doch nicht ernst meinen. Er konnte doch nicht einfach verschwinden! „Ryder!“, schrie ich, sprang auf die Beine und riss Tristans Schrank auf. Er war leer. „Nein, nein, nein.“ Ich sprang aus dem Bett, rannte im Vorbeigehen noch fast meinen Freund über den Haufen und riss dann die Sitzfläche der Bank hoch. Tristans Comics waren verschwunden.
„Hey.“ Raphael fing mich ab, als ich zum Raumtrenner wollte und hielt mich fest. „Was soll die Panik?“
„Er macht keinen Ausflug!“ rief ich und hielt ihm den Brief vor die Nase. „Tyrone hat seine Sachen gepackt und ist weg!“
Seine Augen weiteten sich ein wenig, bevor er zögernd nach dem Brief griff und die kurze Nachricht las. Einmal, zweimal, dreimal. Dann knüllte er den Zettel wütend zusammen, warf ihn quer durch den Trailer und griff nach seiner Jacke. „Ruf Romeo an, frag ihn ob er mit ihm gesprochen hat. Ich fahr los und suche ihn. Er kann noch nicht lange weg sein, vielleicht kann ich ihn noch einholen.“
„Aber wo willst du ihn denn suchen? Du hast doch keinen Schimmer, wohin er gefahren ist.“
„Keine Ahnung, ich weiß nicht, aber ich muss es probieren.“ Er schnappte sich noch sein Helm und war dann zur Tür hinaus.
Fluchend griff ich nach meinem Handy und scrollte durchs Adressbuch, aber es war nicht Roger, bei dem ich anrief, sondern bei dem Idioten Tristan. Ich bekam sofort ein Freizeichen, das Problem dabei war nur, es klingelte hier im Wohnwagen. Tristan hatte sein Handy nicht mitgenommen. „Du verdammter Mistkerl“, schimpfte ich und rief nun doch bei Roger an. Es klingelte vier Mal, bevor abgenommen wurde.
„Ja?“
„Hat Tyrone sich bei dir gemeldet?“
„In den letzten Tagen nicht. Warum?“
„Weil der Blödmann abgehauen ist. Er hat seine Sachen gepackt, einen Abschiedsbrief geschrieben und ist auf und davon.“
Nach einem Moment des Schweigens sagte er: „Das meinst du nicht Ernst.“
„Glaubst du, ich würde mir das ausdenken? Er ist weg. Ryder ist gerade los und hofft, dass er ihn noch finden kann. Aber wir waren fast zwei Stunden unterwegs. Tyrone kann mittlerweile überall sein!“
„Tyrone würde nicht einfach verschwinden und die Suche nach Vivien aufgeben.“
Am liebsten hätte ich durchs Telefon gegriffen und ihn geschüttelt. Klar dachte er sofort an seine Verlobte, aber hier ging es nicht um Vivien, sondern um Tristan und darum, wie er in den letzten Tagen drauf war. „Er will auch nicht aufhören zu suchen, er will alleine weitermachen. Aber darum geht es nicht, Tyrone ist verschwunden und wir wissen nicht wohin. Also vergiss Vivien für den Moment und sag mir, ob du eine Ahnung hast, wo er sein könnte.“
„Nein“, sagte er ein kleinen wenig distanziert. „Hat du versuchte ihn auf seinem Handy zu erreichen?“
„Er hat es hier gelassen.“
„Okay“, sagte er seufzend. „Ich werde mal ein wenig herumtelefonieren, vielleicht weiß ja jemand etwas.“
„Tu das. Und sag Bescheid, wenn du etwas hörst.“ Und auch ich begann herum zu telefonieren. Ich rief jeden an, der ihn kannte, sogar Leute, mit denen er nur selten Kontakt hatte, aber niemand hatte etwas von ihm gehört.
Als das nichts brachte und auch Roger keinen Erfolg hatte, begann ich damit das Wohnmobil auseinander zu nehmen, in der Hoffnung noch irgendein Hinweis zu finden. Es war zwecklos. Außer ein paar Wollmäusen und einem skelettierten Heupferdchen, das Elvis wohl erlegt hatte, fand ich rein gar nichts.
Gott, ich hätte nicht fahren sollen. Ich hatte doch gewusst, dass etwas nicht stimmte. Warum nur hatte ich nicht auf meinen Instinkt gehört?
Als Raphael Stunden später wieder nach Hause kam, musste ich ihn nur anschauen, um mich in dem zu bestätigen, was ich sowieso schon wusste. Tristan war verschwunden und wir hatten nicht den kleinsten Anhaltspunkt.
Ich wollte nicht noch jemand auf meine Liste der Vermissten hinzufügen. Es reichte mir schon, dass ich weder wusste wo ich Vivien, noch meine Mutter fand. Doch wenn jemand aus eigenem Antrieb verschwand, war es manchmal gar nicht so einfach ihm wieder auf die Spur zu kommen.
Natürlich gaben wir nicht so einfach auf. Doch aus ein paar Tagen wurden ein paar Wochen. Der Schnee begann zu schmelzen, die Tage wurden wieder länger und die ersten Frühligablumen wagten es ihr Haupt zu erheben.
Anfang März begannen wir es dann einzusehen. Tristan war verschwunden und wollte nicht gefunden werden. Das war ein herber Schlag, doch noch schlimmer als mich, traf es Raphael. Die beiden waren nicht nur zusammen aufgewachsen, sie waren Freunde, Brüder, Familie. Er fühlte sich von ihm im Stich gelassen. Das war eine Lücke, die sich immer weiter mit Kummer und Wut füllte.
„Was hältst du davon, wenn wir nachher ins Kino gehen?“, fragte ich ihn an einem Freitag Nachmittag und starrte auf die Gewichtsanzeige der Küchenwaage, während ich das Mehl in dir Schüssel kippte. Das würde ihn vielleicht ein wenig von seinen Gedanken ablenken. „Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht.“
Raphael schaute nicht mal vom Monitor seines Laptops auf. „Wenn du möchtest.“
„Mach vor Begeisterung nicht gleich Luftsprünge“, murmelte ich und stellte die Mehltüte zur Seite. Ich war gerade dabei Schokoplätzchen für ihn zu backen. Raphael liebte die Dinger und auch wenn ich ansonsten kaum mehr als Wasser kochen konnte, das hatte ich gelernt.
Nun bekam ich doch ein kleines Lächeln von ihm. Allerdings wirkte es sehr müde. „Tut mir leid Bambi, mir geht nur gerade so viel im Kopf herum.“
„Das weiß ich doch.“ Ich griff nach dem Zucker. „Aber wir sollten trotzdem mal wieder …“
Als es an der Tür klopfte, schauten wir beide zur Tür. Das passierte bei uns so selten, dass es jedes Mal aufs neue eine kleine Überraschung war und meistens keine angenehme.
„Ich mach schon“, sagte Raphael und erhob sich von der Sitzbank. Wahrscheinlich rechnete er mal wieder mit unseren Freunden vom Ordnungsamt. Die sahen es nämlich nicht gerne, wenn Leute ihre Trailer irgendwo parkten und dann auch noch darin wohnten. Doch als er die Tür öffnete, warteten dort keine Ordnungshüter, sondern Romy.
„Ich hab die Sachen die du wolltest“, erklärte Romy und drängte sich ohne Begrüßung an Raphael vorbei. „Und wenn du mit denen durch die Gegend wirfst, werde ich dich vor den nächsten Bus schubsen.“
Nein, diese Worte waren nicht für Raphael, sie galten mir. In ihren Augen hatte ich meine Waffen einmal zu oft durch die Gegend geworfen und zum Zuschlagen benutzt. Darum hatte sie sich für mich eine Alternative überlegt.
Als sie sich ohne weitere Worte an unserem Tisch niederließ und ein paar kleine Schachteln aus ihrer Tasche holte, wischte ich mir die Hände an einem Handtuch ab und stellte mich zu ihr.
„Hier.“ Sie öffnete die erste Schachtel und holte einen Ring heraus. Klein, Silber, unscheinbar. „Er funktioniert durch Druck. Wenn du deine Hand zur Faust ballst, löst du den Mechanismus aus und oben fährt eine kleine Nadel heraus.“ Sie machte es vor. Die Nadel war nur ein paar Millimeter lang und nur zu sehen, wenn man darauf achtete. „Sobald die Nadel Hautkontakt hat, wird das Batrachotoxin injiziert und sollte deinen Gegner innerhalb kürzester Zeit ausschalten.“
„Das heißt, ich sollte die Nadel nicht berühren.“
„Nicht wenn du nicht das Bedürfnis hast, einen qualvollen Tod zu sterben, bei dem nach und nach deine Nerven gelähmt werden und du dann einfach erstickst.“ Sie legte den Ring zurück und öffnete die zweite der vier Schachteln. Darin lag eine Kette mit einem Anhänger, der wie ein silberner Eiszapfen aussah. Er war in etwa so lang wie mein Zeigefinger. „Der Anhänger löst sich von der Kette, wenn du an ihm ziehst.“ Sie machte es mir vor. „Das selbe Prinzip wie beim Ring. Oben ist ein kleiner Knopf. Drücken, Nadel fährt aus, zustechen. Die Dosis darin reicht für drei Gegner, die im Ring nur für einen, also denk nach bevor du das Zeug einsetzt. Wenn es leer ist, ist es leer.“
Ich nickte. Da ich Waffen nicht besonders mochte und nach wie vor ein verkrüppelter Misto war, der es nicht mal am Vollmond schaffte sich zu verwandeln, waren Gifte meine beste Option. Schnell, sauber, tödlich.
Ja, in den letzten Jahren hatte ich mich verändert. Bevor das größte Geheimnis meines Lebens ans Tageslicht gekommen war, hätte ich nicht mal einer Fliege etwas zu leide tun können, aber nach dem, was ich seit meiner Suche nach Vivien so alles gesehen hatte, gab es in meinen Augen einfach Leute, die das Recht auf Leben durch ihre Taten verwirkt hatten.
Romy legte die Kette zurück und schob mir die beiden anderen Schachteln hin. Sie tippte auf die Linke. „Gegengift, falls du dich doch mal blöd anstellst. Bewahr es im Kühlschrank auf und erneuere es regelmäßig.“ Ihr Finger glitt zur anderen Schachtel. „Darin sind noch zwei Anhänger für deine Kette. Wenn du die Sachen leer sind, gib mir Bescheid, dann füll ich sie dir auf.“
„Danke.“ Ich nahm mir den Ring, um ihn mir ein wenig genauer anzuschauen. Dann steckte ich ihn mir an den Finger.
„Bitte. Und versuch dich damit nicht selber umzubringen, das würde mir den Tag vermiesen.“ Sie strich sich das schwarze Haar hinters Ohr und offenbarte damit einen kurzen Moment die kleine Tätowierung dahinter. Ein Omega mit einem waagerechten Strich darunter. Das Zeichen der Waage und der Themis. Auch ich hatte mittlerweile eines an dieser Stelle, so wie jeder andere Themis auch.
„So wie du das sagst, könnte ich glatt denken, du würdest mich vermissen, wenn ich dir nicht mehr auf die Nerven gehen kannst.“
Sie schnaubte, als wäre allein die Vorstellung völlig abwegig. „Wenn du deswegen ins Gras beißt, hätte ich mir die Arbeit einfach sparen können. Das Zeug ist da um dich zu beschützen, nicht um dich umzubringen.“
„Dann sollte ich mich wohl in acht nehmen“, grinste ich und packte den Ring zurück in die Schachtel. „Willst du du was trinken?“
„Nein, ich muss gleich wieder los.“ Wie um ihre Worte zu bestätigen, erhob sie sich auch sofort. „Wenn du noch Fragen hast, dann ruf mich an.“
„Klar, mach ich.“
„Und pack das hier in den Kühlschrank.“ Sie schob mir sehr nachdrücklich die Schachtel mit dem Gegengift zu. „Jetzt.“
Auch wenn Romy sich immer gleichgültig gab, war sie in gewisser Hinsicht die größte Glucke unseres Teams. Also nahm ich die Schachtel und stellte sie vor ihren Augen in den Kühlschrank. „Zufrieden?“
Das wurde einfach ignoriert. „Miguel will, dass ihr euch bei ihm meldet“, sagte sie und bewegte sich bereits zur Tür. „Er hat einen Tipp bekommen.“
Ah, der große Meister persönlich. Jup, wie sich herausgestellt hatte, war Miguel die oberste Instanz der Themis. Das erklärte auch sein Bedürfnis, alles und jeden herumzukommandieren – manchmal war er ein wenig anstrengend. „Ich rufe ihn morgen an.“
„Er will Raphael sprechen, nicht dich. Ich bin dann mal wieder weg.“ Den Worten folgten Taten und schon war ich wieder mit meinem Freund allein. Manchmal war ihre Effizienz schon ein wenig roboterhaft. Wie würde Samuel sagen? Android.
„Das war mal ein kurzer Besuch“, murmelte ich und begann die Schachteln auf dem Tisch zu stapeln. Dabei bemerkte ich, dass Raphael noch immer an der Tür stand. Er hatte die ganze Zeit kein Ton gesagt. „Alles okay?“
Ein Schulterzucken. „Ich weiß nicht wie ich das finden soll“, sagte er und setzte sich nun doch zurück auf seinen Platz.
„Hast du Angst, dass ich mich selber pikse?“
„Nein, und das weißt du.“
Also ging es mal wieder um das alte Thema, dass er mich am liebsten als artiges Frauchen Zuhause in Sicherheit wüsste. Nein, auch nach der ganzen Zeit war er nicht glücklich darüber, dass ich mich den Themis angeschlossen hatte. „Du kennst doch meine Bedienung.“
„Beide oder keiner.“ Er seufzte. „Aber deswegen muss es mir noch lange nicht gefallen.“
Da wir dieses Thema schon oft genug durchgekaut hatten, gab es keinen Grund weiter darauf einzugehen. Also widmete ich mich wieder meinen Plätzchen. „Gibt es einen bestimmten Film, den du sehen möchtest, oder sollen wir einfach vor Ort schauen, was für Vorstellungen laufen?“
Für einen Moment schaute er mich einfach nur an, dann erschien auf seinen Lippen ein kleines Lächeln.
„Was?“, fragte ich.
„Du willst ins Kino, weißt aber nicht, was du gucken möchtest.“ Er erhob sich, drehte mich zu sich herum und schlang mir einen Arm um die Taille. „In solchen Momenten weiß ich wieder, warum ich dich behalten will.“
„Ich glaube nicht, dass ich schon einmal eine so tolle Liebeserklärung bekommen habe“, lächelte ich und klaute mir einen Kuss.
Sein Lächeln bekam etwas berechnendes. „Also ich erinnere mich da an einige Gelegenheiten, die deiner Aussage widersprechen.“
„So?“ Ich zog eine Augenbraue hoch – naja, ich versuchte es, aber wie immer klappte es nicht ganz so wie ich es mir vorstellte. „Dann klär mich mal auf, ich bin ganz …“ Als plötzlich ein schmerzhafter Stich in mein Hirn fuhr, fasste ich mir zischend an den Kopf und kniff die Augen zusammen. Au-a, verdammt, was war das denn gewesen?
Raphael neigte den Kopf leicht zur Seite. „Alles okay?“
„Ja, nur, keine Ahnung, das hat sich gerade angefühlt, als würde mir jemand ein Messer ins Hirn stechen.“ Und jetzt puckerte es wie verrückt.
„Hört sich an wie eine Migräne.“ Seine Augenbrauen zogen sich besorgt zusammen. „Vielleicht solltest du dich ein wenig hinlegen.“
„Ich hatte noch nie Migräne.“ Ich drückte den Handballen gegen meine Schläfe und wartete darauf, dass der Schmerz nachließ, aber irgendwie begann der sich festzusetzen.
„Los“, sagte er und schob mich Richtung Bett. „Leg dich hin, ich bring die ein paar Kopfschmerztabletten.“
„Aber ich wollte dir gerade Kekse backen.“
Da war es wieder, das Lächeln. „Ich mach die Kekse fertig, du legst dich hin.“
„Ich wollte sie aber eigentlich für dich machen“, beschwerte ich mich, bewegte mich aber schon zum Bett. Verdammt, was war das denn bloß für ein Schmerz? Sowas hatte ich nicht mehr gespürt, seit mein Wolf zum ersten Mal erwacht war. Und schon gar nicht, wenn nicht mal Vollmond war. Okay, so schlimm war es nun auch nicht. Trotzdem zog ich mir die Hose aus, schlüpfte unter die Decke und schloss die Augen.
°°°
„Alles okay mit dir?“ Meine Arbeitskohlegin Denise beugte sich ein wenig vor und musterte mich besorgt. „Du bist ein bisschen blass.“
„Hab nur wieder Kopfschmerzen“, murmelte ich und versuchte die dunkeln Punkte vor meinen Augen wegzublinzeln, ohne dabei den Kaffee des Kunden zu verschütten.
Es war April. Vor ungefähr zwei Wochen waren wir wegen eines Auftrags in den Norden des Landes gefahren und hausten seitdem, in der Kleinstadt Itzehoe. Da unsere Arbeit bei den Themis kein Geld brachte und wir nicht nur von Luft und Liebe leben konnten, hatte ich vor ein paar Tagen eine Stelle in einem Frühstückscafé angenommen. Kaffee ausschenken, belegte Brötchen machen und Tische abwischen gehörten seit dem zu meinen Hauptaufgaben.
Ich machte das nicht zum ersten Mal und normalerweise störte mich die Arbeit auch nicht, doch diese ständig bohrenden Kopfschmerzen und das wiederkehrende Summen auf meinen Ohren machten es für mich mittlerweile zu einer Tortur. Noch dazu kam das Zittern in meinen Händen, das immer dann auftauchte, wenn es am ungünstigsten war.
„Vielleicht solltest du damit mal zum Arzt gehen“, überlegte Denis und kassierte den Kunden ab, den ich gerade bedient hatte.
„War ich schon.“ Und das hatte absolut nichts gebracht. Laut dem Arzt war ich kerngesund und da jeder Arzt in der Verborgenen Welt allein an meinem Blut meine Herkunft erkennen könnte, gab es auch dort niemanden, an den ich mich wenden konnte.
„Du siehst aber wirklich nicht gut aus.“
Danke, das wusste ich selber. „Kommst du kurz alleine klar? Ich will mir nur Ibuprofen aus meiner Tasche holen.“ Das vernichtete die Schmerzen zwar nicht, machte sie aber wenigstens erträglich.
„Klar, kein Problem.“
„Danke.“ Ich verließ meinen Posten hinter dem Tresen und verschwand in dem seitlichen Korridor, wo neben den Toiletten für die Gäste auch das Büro des Chefs und der Aufenthaltsraum der Angestellten lag. Der Pausenraum war bis auf einen Tisch mit ungleichen Stühlen und zwei Schränken verwaist. Hier gab es nicht mal eine Pflanze oder einen Kalender an der Wand. Dafür aber zwei große Wanduhren, damit wir auch niemals zu spät zum Dienst kommen konnten.
Meine alte Kuriertasche stand unten im Schrank. Als ich die angebrochene Schachtel mit den Schmerztabuelten rausholte, runzelte ich die Stirn. Da waren nur noch zwei Stück drin. Verdammt, wo waren meine ganzen Tabletten hin? Ich hatte die Schachtel doch erst gestern Nachmittag gekauft. Hatte Raphael sich welche genommen? Aber das hätte er mir doch gesagt. Mit zwei Tabletten würde ich diesen Tag niemals überstehen.
„Scheiße“, fluchte ich und würgte die beiden Tabletten trocken herunter. Da sie aber der Meinung waren mir auf halber Strecke in der Kehle stecken bleiben zu müssen und ich auch durch angestrengtes Schlucken dieses Gefühl nicht loswurde, wollte ich mir ein paar Schlucke aus dem Wasserhahn holen. Doch nachdem ich mich einmal um mich selber gedreht hatte, fiel mir auf, dass es in diesem Raum gar kein Waschbecken gab. Natürlich nicht, Wasser gab es hier nur in den Toiletten und in der Küche.
Gott, was war nur mit mir los, dass ich sowas vergaß? Diese verdammten Kopfschmerzen mussten mir mehr zusetzen, als ich bisher angenommen hatte.
Über mich selber den Kopf schüttelnd stellte ich meine Tasche zurück in den Schrank und verließ wieder den Pausenraum. Als ich jedoch versuchte das Zimmer von außen abzuschließen, verschwamm mein Blick ein wenig. Statt dem Loch traf ich die Tür und haute mir den Schlüssel damit selber aus der Hand.
Fluchend bückte ich mich danach, schaffte es dann endlich die Tür zu verschließen und rannte dann beim Umdrehen in einen Mann hinein, der gerade von der Toilette kam.
Noch bevor ich den Kopf hob, war da plötzlich so ein eigenartiger Geruch in meiner Nase und ich musste auf einmal das Verlangen unterdrücken zu knurren. Ich wich schnell einen Schritt zurück. Der Typ war ein wenig größer als ich, hatte blondes Haar, graue Augen und einen finsteren Blick. Die Lippen mit dem Piercing teilten sich und dann knurrte der Blödmann doch tatsächlich mich an.
Er war ein Lykaner.
Auf einmal hatte ich das unbändige Bedürfnis die Hand zu heben und ihn trotz seiner deutlichen Warnung zu berühren. Bevor ich das allerdings tun konnte, oder dazu kam mich zu fragen, was da in meinem Kopf gerade schon wieder schief lief, kehrte er mir den Rücken und marschierte nach Vorne in den Laden.
Ich wich solange zurück, bis ich die Wand in meinem Rücken spürte. Mein Herzschlag beschleunigte sich und meine Atmung wurde schneller. Ich wollte ihm hinterher. Oh mein Gott, was war denn jetzt verkehrt? Ich hatte noch nie ein solches Bedürfnis gehabt, jemanden zu folgen und das einfach nur, weil ich seine Hand halten wollte. Der Mann war mir völlig fremd und noch dazu roch er verkehrt, doch ich schaffte es nicht dieses Verlangen zu unterdrücken.
„Hey, wo willst du denn hin?“
Ich drehte mich herum und sah Denis hinter der Theke. Wann war ich wieder nach vorne gekommen? Und warum zum Teufel stand ich mit der Klinke in der Hand an der Tür? „Ich …“
Meine Füße trugen mich vorwärts. Links und rechts waren Häuser. Ich kannte diese Straße nicht. Abrupt hielt ich an und schaute mich verwirrt um. Wo war Denis? Wo war der Laden? Wo zum Teufel befand ich mich?
Mein Atem ging schnell, so als sei ich gerannt. Meine Finger zitterten und der Schmerz in meinem Kopf dröhnte. Als ich mich drehte, stieg mir eine fremde und doch vertraute Witterung in die Nase. Alle meine Instinkte schrien mir zu ihr zu folgen.
Meine Beine setzten sich von ganz alleine wieder in Bewegung. Ich lief zwei Schritte, bevor ich mich selber daran hinderte weiterzulaufen. Das war doch …
Ein Auto hupte. Vor Schreck machte ich einen Satz zur Seite und kollidierte fast mit einem Baum.
Eine Frau in der Nähe lief Kopfschüttelnd an mir vorbei.
Mein Blick flitzte von rechts nach links. Hinter mir war ein Park, vor mir eine Reihe mit Hochhäusern. Unten hatten sich verschiedene Geschäfte eingemietet. Ein Kiosk, ein Bäcker und eine Bar mit Namen Nathans Hölle. Wieder war da diese Witterung in der Luft und wieder hatte ich das Bedürfnis ihr zu folgen.
Ich griff nach dem dünnen Bäumchen, um mich selber daran zu hindern wieder loszumarschieren. Verdammt, was war hier los und wie kam ich hier her?
Als ich versuchte mich zu orientieren, spürte ich, wie eine leichte Panik von mir Besitz ergriff. Der Schmerz in meinem Kopf machte es mir schwer klar zu denken. Auf den Ohren hatte ich ein nervtötendes Summen, was es nicht unbedingt einfacher machte.
Ich kniff die Augen zusammen und versuchte tief einzuatmen.
Ein Handy klingelte.
Blinzelnd starrte ich das Schild der Bar an. Nathans Hölle. Ich stand direkt davor. Über der Stadt begann es zu dämmern.
Das Klingeln hörte auf, nur um gleich wieder loszugehen.
Mist, das war mein Handy.
Hastig griff ich in meine Hosentasche und holte es hervor. Dabei bemerkte ich, dass ich noch meine Schürze trug. „Ja?“
„Verdammt, wo steckst du?!“
Raphael.
„Ich wollte dich abholen, aber du warst nicht im Laden. Denise sagt, du bist vor Stunden einfach gegangen und hast nicht mal deine Sachen mitgenommen! Und jetzt versuche ich dich schon seit einer halben Stunde anzurufen und du gehst einfach nicht an dein verdammtes Handy!“
Als jemand in die kleine Kneipe wollte, machte ich einen Schritt zurück. Ich wollte nicht im Weg stehen. „Ich“, begann ich, unterbrach mich aber wieder, als ich durch das dunkle Fenster den Mann hinter der Theke bemerkte. Das war der Blondschopf mit dem Lippenpiercing.
„Clem?“
„Ich bin da, ich … mir geht es gut.“
Ein leises Seufzen drang durch den Hörer. „Und warum verschwindest du dann einfach?“
„Ich weiß nicht. Da war dieser Geruch und …“
Der Blondschopf hob den Blick, entdeckte mich und runzelte die Stirn. Dann verschwand er in einem Hinterzimmer.
„Bambi?“
„Bei mir ist alles okay.“ Davon abgesehen, dass ich nicht wusste wo ich war und mir nicht erklären konnte, wie ich hier her gekommen war. „Ich gehe … ich komme jetzt nach Hause.“
„Soll ich dich abholen?“
„Nein ich … ich bin bald da.“ Wenn ich ihm erzählte, dass ich absolut keine Ahnung hatte wo ich war, würde er vor Sorge nur durchdrehen. Da war es besser, wenn ich meinen Weg selber fand.
„Okay“, sagt er leise, hörte sich aber nicht sehr zufrieden an. „Wann bist du hier?“
Gute Frage. „Halbe Stunde, vielleicht ein bisschen mehr.“
„Okay, dann …“
Mein Handy klingelte.
Verwundert schaute ich auf meine Hand. Sie war leer. Um mich herum war es dunkel. Die Sonne war untergegangen. Ich stand unter einer Straßenlaterne. Die Bar war auf der anderen Straßenseite.
Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und kam nicht mal dazu etwas zu sagen, da wurde auch schon durchs Handy geblökt.
„Verfluchte Scheiße, wo bist du?!“
Wieder Raphael. Hatten wir nicht eben erst telefoniert? Ich konnte mich nicht erinnern. „Ähm …“
„Bambi, was ist da los bei dir? Langsam machst du mir Angst.“
„Mir geht es …“
„Erzähl mir nicht dass es dir gut geht!“, fuhr er mich an. „Erst legst du einfach auf und dann gehst du drei Stunden lang nicht an dein Handy! Wenn du mir nicht sofort sagst wo du bist, dann …“
„Ich habe Kopfschmerzen.“
Einen Moment verstummte er. „Okay. Sag mir wo du bist, ich hole dich ab.“
„Hier ist eine Bar.“ In dem Moment als ich es sagte, ging die Tür der Kneipe auf und der Blondschopf kam mit zwei weiteren Männern heraus. Sie schauten nicht sehr freundlich aus.
„Was für eine Bar?“
Als sich ihre Blicke Zielgerade auf mich richteten und sie dann über die wenig befahrene Straße direkt auf mich zukamen, machte ich unwillkürlich einen Schritt auf sie zu.
„Bambi, was für eine Bar?“
Und noch einen.
„Clementine!“
„Ich muss auflegen.“
„Nein, du …“
Ich beendete das Gespräch in dem Augenblick, als die Drei den Bürgersteig auf der anderen Seite betraten. Wieder dieser fremde Geruch. Ich wollte Knurren und mit meinem Odeur um mich schlagen, machte aber gleichzeitig noch einen Schritt auf sie zu. Mein Herz begann ein wenig schneller zu schlagen, als sie mich wie einen unerwünschten Eindringling fixierten.
„Was wird das hier, kleiner Königswolf?“, fragte der Blondschopf und mir blieb fast das Herz stehen.
Meine Oberlippe zog sich ein wenig hoch. „Ich … ich bin kein Königswolf.“
Der Rechte mit dem braunen Haar schnaubte. „Natürlich gehörst du zum Rudel der Könige. Wir können es riechen.“
„Und wir mögen es gar nicht, wenn ihr bei uns herumspioniert“, fügte der Linke noch hinzu.
Als die Erkenntnis mich traf, wurden meine Augen ein wenig größer. „Ihr seid Abtrünnige.“ Deswegen fand ich auch ihren Geruch so irritierend.
Die Mienen der drei verfinsterten sich.
„Nur weil wir nicht deinem Rudel angehören, sind wir noch lange keine Abtrünnigen“, erklärte der Blondschopf mit dem Lippenpiercing. Er war ein wenig schlaksig, aber sein Gesicht war unheimlich fein gemeißelt.
Meine Ohren begannen zu klingeln. Hinter meinen Schläfen begann der Schmerz wieder schlimmer zu pochen. „Streuner, andere, fremder …“ Ich zischte, als der Schmerz sich in meine Schädeldecke bohrte.
„Also, was machst du so ganz einsam und alleine hier?“, fragte er wieder.
Mein Mund ging auf, aber kein Wort kam heraus. Einsam. Ich war einsam. „Tyrone ist weg.“ Ich schüttelte den Kopf und bereute es sofort. Meine Hände fuhren an den Kopf. „Tyrone ist weg“, wiederholte ich.
Dieses Klingeln malträtierte meine Ohren.
Der Blondschopf musterte stirnrunzelnd meine zitternden Finger.
„Murphy“, flüsterte ich.
„Hör mal zu, Mädel, wir sind …“
„Alles okay mit ihnen?“
Ich schaute auf. Neben mir stand eine ältere Dame, die sich an einer Haltestange festhielt. Der Boden unter mir bebte. Irritiert wanderte mein Blick umher. Ich saß in einem Bus. Mein Herz klopfte, dieses Klingeln war noch immer da. Die Frau war ein Mensch.
Wo waren die drei Lykaner?
„Kleines?“
„Kopfschmerzen“, flüsterte ich und drückte mir den Handballen gegen den Nasenrücken. Gott, wo nur kam dieses verdammte klingeln her? Das war …
Bäume. Nacht. Halbmond. Ich blieb stehen und starrte auf den Trailer, der vor mir in dem kleinen Wäldchen stand. Das Licht war an. Hinter den Fenster bewegte sich ein Schatten. Der Schmerz bohrte sich in meine Hirnrinde. Meine Ohren summten und klingelten.
Ich war zu Hause. „Murphy“, flüsterte ich wieder und rannte los. Die kurze Distanz zum Wohnmobil überbrückte ich in wenigen Sekunden. Die Tür war nicht abgeschlossen und doch brauchte ich zwei Versuche, um sie zu öffnen. „Handy“, sagte ich, als Raphael überrascht zu mir herumwirbelte. Seine Haare waren offen und sahen aus als hätte er sie sich ein paar Mal gerauft. Sein Handy hatte er am Ohr.
„Verdammt Bambi!“
Ich ging zu ihm und nahm ihm sein Handy weg. Meine Hände zitterten, als ich versuchte sein Adressbuch aufzurufen.
„Kannst mir mal verraten wo du gewesen bist?!“
Verwundert hob ich den Blick und blinzelte einmal. „Ich weiß nicht.“
Er sah aus, als würde er gleich ein Aneurysma entwickeln. „Was soll das heißen, du weißt es nicht? Du warst stundenlang verschwunden!“
Einen Moment schaute ich ihn nur an, dann konzentrierte ich mich wieder auf das Adressbuch. „Murphy“, flüsterte ich. „Murphy.“ Da! Da war die Nummer. Ich wählte sie und hielt mir das Handy ans Ohr.
„Würdest du bitte erstmal mit mir sprechen?“
Ich hob den Blick und schaute ihn an. „Du bedeutest mir so viel“, flüsterte ich und wartete darauf, das am anderen Ende abgenommen wurde.
„Bambi …“
In dem Moment hörte ich ein verschlafenes „Hmh“ durchs Handy.
„Komm her“, befahl ich. „Jetzt.“ Dann nahm ich das Handy vom Ohr und drückte es Raphael an die Brust. Jetzt musste ich warten. Nur ein bisschen warten, dann würde alles wieder gut werden.
Raphael schaute mir irritiert dabei zu, wie ich mich an ihm vorbei drängte und zum Bett ging, nur um wieder kehrt zu machen und wieder auf ihn zu zukommen. Aus dem Handy drang Murphys Stimme.
„Tyrone ist weg.“ Ich machte wieder kehrt. „Murphy muss kommen.“
Raphael hob das Handy an sein Ohr. „Ich rufe dich gleich noch mal an“, sagte er und legte es auf den Tisch. Dann fing er mich mitten in meiner Wanderung ab und hielt mich am Arm fest, sodass ich ihn ansehen musste. „Bambi, sieh mich an.“
Als mein Blick an ihm vorbei wanderte, nahm er mein Kinn in die freie Hand und zwang mich ihn anzuschauen.
„Was ist hier los? Warum benimmst du dich so seltsam?“
„Einsamer Wolf“, flüsterte ich. „Tyrone ist weg. Ich bin einsam. Einsam. Einsam.“ Ich versuchte mein Kopf aus seinem Griff zu drehen. „Einsam“, flüsterte ich wieder.
Im Moment der Erkenntnis, öffnete sich sein Mund leicht. Er …
Ich schaute an die Decke. Unter mir war es weich, unser Bett. Raphael saß neben mir und beobachtete mich, während seine Hand sanft über mein Haar strich. Irgendwo hörte ich Elvis schnurren.
Als ich mich aufrichten wollte, drückte Raphael mich zurück ins Bett. „Nein, du bleibst liegen.“
„Aber …“
„Nein.“ Der Ton in seiner Stimme ließ keine Widerworte zu. „Bleib einfach liegen“, sagte er ein wenig sanfter. „Murphy ist auf dem Weg hier her.“
„Murphy.“ Ich drehte den Kopf ein wenig. Laut der Uhr war es zwei Uhr Morgens. „Gott, mein Kopf.“
„Bleib einfach ruhig. Alles wird gut.“
Ich blinzelte. Die Uhr sagte, dass es halb fünf war. Raphael saß nicht mehr neben mir, er war vorne an der Tür und öffnete sie. Der Wind trug die morgendliche Frische und einen vertrauten Geruch herein.
Raphael sagte ein paar Worte und trat zur Seite, um Murphy hereinzulassen.
In dem Moment in dem ich ihn sah, sprang ich in die Hocke. Mein Odeur explodierte um mich herum und meiner Kehle entrang sich ein warnendes Knurren. Meiner.
Der große Kerl mit den breiten Schultern, gab ein Ächzen von sich und sank mit gebeugtem Kopf auf die Knie. „Verdammt“, fluchte er und biss die Zähne zusammen. Die Sehnen an seinem Hals traten deutlich hervor.
Raphael schaute erst überrascht und wollte Murphy dann wieder auf die Beine helfen.
„Nein“, sagte dieser und allein dieses kurze Wort schien eine enorme Kraftanstrengung. „Geh nicht dazwischen.“
Ich glitt von vom Bett, ohne ihn auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Jede Faser meines Körpers verlangte nach seiner Nähe, aber ich war hier der Alpha. Ich war sein Alpha. Mein Knurren wurde intensiver.
Murphy kniete einfach nur auf dem Boden und wartete. Ich war mir nicht ganz sicher worauf, also blieb auch ich einfach wo ich war und beobachtete ihn.
Nach ein paar angespannten Minuten ließ die Wucht meines Odeurs ein wenig nach. Mein Knurren verblasste, bis es ganz verstummte und ich ihn einfach nur aufmerksam im Auge behielt. „Murphy“, sagte ich leise.
Sein Blick hob sich ein wenig. Er war wachsam und aufmerksam. „Wie lange hatte sie keinen Kontakt zu einem Lykaner?“
„Seit Tyrone weg ist.“
Überrascht schaute er zu Raphael hoch. Die plötzliche Bewegung ließ mich wieder knurren. „Das sind mehr als zwei Monate.“
Raphaels Lippen wurden dünn. „Wir haben nicht daran gedacht.“
„Fantastisch.“ Als mein Knurren wieder erstarb, rutschte er ein wenig auf mich zu. „Ein Wunder dass sie noch nicht völlig durchgedreht ist.“
Ich behielt die Bewegung genaustens im Auge. „Meiner“, flüsterte ich und ließ mich auf den Hintern sinken. Ich zog die Beine an und drückte die Hände an die Schläfen. „Oh Gott, mein Kopf.“
Langsam und äußerst wachsam bewegte Murphy sich auf mich zu. Er war deutlich angespannt und schien bereit jeden Moment wieder den Rückzug anzutreten, doch ich blieb wo ich war und versuchte Herr meines Schmerzes zu werden.
Als er nur noch einen halben Meter entfernt war, hob er langsam die Hand und streckte sie mir entgegen. Die Berührung an meinem Arm war so leicht, als würde er mit einer Feder über die Haut streichen, doch der Widerhall in meinem Körper warf mich fast um.
Sehr langsam hob ich den Kopf und spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen.
„Schon gut“, sagte Murphy leise und rückte noch ein Stück näher. „Ganz ruhig.“
„Es tut weh.“
Als er einen Arm um mich legte und mich an sich zog, schloss ich einfach die Augen.
„So ist gut.“ Er hob mich auf seinen Schoß und tat nichts weiter, als mich fest in die Arme zu nehmen. Und das tat so gut. „So machst du es richtig.“
Leider vollbrachte die Umarmung keine Wunderheilung, doch ich konnte spüren, wie mein Körper sich ein wenig entspannte und erleichtert aufatmete. Es war, als würde jemand diesen glühenden Dolch aus meinem Schädel ziehen, damit der Schmerz endlich heilen konnte und das ständige Summen in meinem Ohren dämpfen.
Der Druck meiner Alphaaura ließ nach, bis er uns wie ein laues Lüftchen umspielte und auch Murphy anfing sich zu entspannen.
„Miguel wird auch bald hier sein“, erklärte er und erst als Raphael nickte, verstand ich, dass er mit meinem Freund sprach. „Ihr müsst wissen, ob ihr ihm sagt, wer sie ist, oder einfach hofft, dass es es nicht bemerkt. Im ihrem Zustand allerdings …“ Er machte eine kurze Pause. „Er ist zwar nicht immer unbedingt der Hellste, aber das wird ihm vermutlich nicht entgehen.“
Raphaels Lippen waren nur ein dünner strich. „Ich möchte eigentlich nicht, das Miguel eingeweiht wird.“
„Miguel wird nichts verraten.“
„Das sagst du nur, weil er dein großer Bruder ist, aber du kannst es nicht wissen.“
„Ich kenne ihn“, sagte Murphy und strich mir behutsam über den Kopf. „Und jemanden zu schaden ist einfach nicht sein Ding.“
Das gefiel Raphael trotzdem nicht. „Kannst du ihm nicht absagen?“
„Klar kann ich das, aber ich allein werde ihr nicht helfen können.“ Er veränderte seine Sitzposition leicht, sodass er sich mit dem Rücken ans Bett lehnen konnte. „Du musst verstehen, wir Lykaner haben einen Pegel, den wir halten müssen. Solange Tyrone hier war, war das für sie kein Problem. Eine paar Berührungen, oder Umarmungen am Tag reichen schon aus. Aber jetzt ist der Pegel bei ihr gefährlich abgesackt. Ich allein kann nur dafür sorgen, dass er nicht weiter fällt, aber auffüllen?“ Er schüttelte den Kopf. „Dafür brauch sie mehr. Und ich glaube weder du noch sie wären sehr begeistert, wenn ich ihr das Hirn rausvögle.“
Raphael zog seine Oberlippe ein wenig nach oben und zeigte ihm die Fänger. „Das ist eine Idee, die du besser ganz schnell wieder vergisst.“
„Dann brauchen wir Miguel, oder einen anderen Lykaner. Kennst du noch einen?“
„Keinen den ich herholen kann. Romeo ist noch immer oben in Oslo und kann da so schnell nicht weg und ansonsten gibt es niemanden der weiß wer sie ist und den ich holen könnte.“
Sydney. Sydney würde helfen. Er hatte mir immer geholfen und mich niemals im Stich gelassen. Aber Sydney verließ den Hof nicht. „Dann kann er es doch nicht.“
Beide Männer richteten ihre Blicke auf mich.
„Aber er würde“, murmelte ich. „Wenn er sich trauen würde. Aber sie hat ihm gesagt, er sei dort sicher. Deswegen geht er nicht, deswegen musste ich ihn da lassen.“
„Ich glaube sie führt Selbstgespräche“, sagte Murphy, nachdem er mich einen Moment gemustert hatte.
„Diego.“ Ich öffnete die Augen und erwiderte Raphaels besorgten Blick. „Lucy hasst mich. Mama. Ich weiß nicht wo sie ist.“
Murphy drückte mich ein wenig fester. „Willst du noch immer, dass ich Miguel absage?“
Seine Antwort bestand in einem Kopfschütteln. „Ich versteh nur nicht, was auf einmal passiert ist. Heute morgen hatte sie nur Kopfschmerzen, aber jetzt …“ Er verstummte, ohne den Satz zu beenden. „Sie war stundenlang verschwunden. Was ist passiert?“
„Das kann ich dir auch nicht sagen. Entweder war es schon die ganze Zeit schlimmer, als sie dich hat glauben lassen, oder es ist irgendwas geschehen, was einen Schub ausgelöst hat. Dass sie überhaupt so lange durchgehalten hat, ohne völlig den Verstand zu verlieren, habt ihr wahrscheinlich nur ihrer Alphanatur zu verdanken.“
„Gott, wenn ich nur …“
Als es zum zweiten mal an diesem diesem Abend an der Tür klopfte, öffnete ich die Augen. Draußen war es hell. War ich eingeschlafen? Murphy saß noch immer auf dem Boden und hielt mich im Arm. Raphael erhob sich von der Sitzbank. Er sah müde aus. Unter den Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab und auf seinen Lippen fehlte das Lächeln.
„Du musst schlafen“, flüsterte ich.
Ein kurzer Blick zu mir, die Andeutung eines Lächelns, das seine Augen nicht erreichte, dann war er auch schon an der Tür und öffnete sie. Er sagte kein Wort, als er zurück trat, um den obersten Glatzkopf der Themis reinzulassen.
Sobald ich ihn sah, stieg mir ein Knurren in die Kehle und ließ meine Brust vibrieren. Mein Odeur nahm zu und füllte den Trailer.
„Ruhig“, murmelte Murphy und strich mir vorsichtig über den Arm.
Miguel erstarrte. Seine Augen weiteten sich ein kleinen wenig. „Ihr verarscht mich doch.“
„Schhh“, machte Murphy und hielt mich ein wenig fester. Er schien zu fürchten, dass ich mich gleich auf seinen großen Bruder stürzte. „Geh runter“, zischte er Miguel zu.
Auch ich spannte mich an. Der hier roch falsch, das war nicht meiner.
„Miguel.“
Miguel warf seinen Bruder einen kurzen Blick zu, bevor er ihn wieder auf mich richtete. „Sie ist ein Alpha.“
Niemand widersprach ihm.
„Clem ist ein Alpha.“
„Glaub es oder lass es, aber das ist uns bewusst.“ Als ich mich bewegte, legte Murphy mir eine Hand an den Kopf. „Und darum solltest du endlich runter gehen.“
„Aber wie …“ Als ich lauter knurrte, verstummte er sofort, nur um dann selber zu knurren.
Etwas in mir machte Klick. Ich sprang auf und als Murphy versuchte mich festzuhalten, wirbelte ich herum und biss ihm in die Schulter.
„Bambi!“
„Nicht!“, sagte Murphy sofort und nahm die Arme runter. „Es tut nicht weh, es ist nur eine Warnung.“
Und zwar eine sehr deutliche. Er hatte mich nicht festzuhalten, wenn ich das nicht erlaubte. Aber er ergab sich, also löste ich meine Zähne wieder und starrte ihm dann solange in die Augen, bis er freiwillig den Kopf senkte.
„Miguel, geh endlich runter“, zischte er, als ich mich knurrend aufrichtete und den Eindringling fixierte.
„Nicht Meiner“, murmelte ich und machte einen Schritt auf ihn zu. „Abtrünniger.“
Raphael spannte sich an. Keine Ahnung, ob er im Notfall mich oder Miguel aufhalten wollte, aber er war bereit sofort einzuschreiten, falls es sein musste.
„Ich wurde zu einem Abtrünnigen, weil man den Alphas nicht vertrauen kann“, knurrte er. „Weil sie nichts tun, wenn man Hilfe braucht.“
Ich machte einen Schritt auf ihn zu und zwang mich dann wieder anzuhalten. „Isaac kann man nicht vertrauen“, sagte ich und kniff die Augen zu. „Isaac wollte mich brechen und benutzen. Er wollte …“ Als ein scharfer Schmerz in mein Hirn fuhr, griff ich zischend nach meinem Kopf.
„Mist“, hörte ich Murphy nur sagen. Gleich darauf spürte ich die Berührung am Rücken und die kam nicht von Raphael. „Komm schon, setzten wir uns wieder hin.“
„Abtrünniger“, murmelte ich und drückte stärker gegen meine Schläfen.
„Ach, das ist nur Miguel, du weißt schon, der Blödmann der uns immer so gerne herumkommandiert.“
„Ich mag ihn.“ Ich schlug die Augen wieder auf und starrte direkt in die von Miguel. Meine Aura bewegte sich um ihn herum und strichen über seine Sinne. Sein Kiefer war angespannt, seine Schultern steif und in seinen Augen stand Erkennen.
„Cayenne“, sagte er leise.
Niemand widersprach ihn, aber Raphael sah so aus, als würde er sich sofort auf ihn stürzen, solle er auch nur eine falsche Bewegung machen.
„Clementine“, erwiderte ich und …
„Nein, nein, nein“, murmelte Murphy und zog mich nach unten. „Du bleibst schön hier.“
Verwirrt bemerkte ich, dass wir uns im Bett befanden. Mein Kopf ruhte auf seiner Brust. Jemand strich mir immer wieder über den Rücken, aber Raphael saß vor mir an dem Bettkante.
Erschrocken wollte ich herumwirbeln, doch Murphy verstärkte den Griff um mich.
„Komm schon Clem, bleib einfach liegen.“ Seine Hand hielt meinen Kopf. „Die letzten drei Stunden warst du so artig.“
„Ich kann mich nicht erinnern“, murmelte ich und sog den Atem tief ein. Das hinter mir war Miguel, er strich mir immer wieder über den Rücken. Tief aus meiner Kehle kletterte ein Knurren. Ich versuchte hinter mir zu greifen, aber Raphaels Hand schoss blitzschnell hervor und hielt meine fest.
„Nein, Bambi“, sagte er sehr eindringlich. „Er ist hier um dir zu helfen und du wirst das erlauben.“
„Aber …“
„Nein.“ Die Farbe in seinen Augen verdunkelte sich ein wenig. Nicht so, als wollte er mir seinen Willen aufzwingen. Es waren die Gefühle, die durch ihn hindurch tobten. Seine Sorge und die Zuneigung. „Bleib einfach nur liegen. Bitte.“
Ich wollte nicht. Alles in mir schrie danach mich umzudrehen und … ich war mir nicht mal sicher, was ich mit Miguel machen wollte. Ihn unterwerfen? Ihn davon jagen? Ihn einfach nur anschreien, dass er mich nicht anfassen sollte?
Was sollte der Quatsch? Das war Migule. Ich hatte schon oft mit ihm zusammengearbeitet. Ich vertraute ihm und er war hier um mir zu helfen. Er war … meine Augen weiteten sich ein wenig, als ich schnallte, wie mein Odeur uns alle umspielte. „Er weiß es.“
„Schhh“, machte Raphael sofort und beugte sich zu mir herunter. „Er weiß es schon seit gestern. Hast du das vergessen? Er wird dich nicht verraten.“
„Gestern? Aber …“ Aber er war doch eben erst gekommen.
„Ja, gestern. Er kam gestern früh hier an.“ Seine Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen. „Erinnerst du dich nicht?“
„Nein, ich …“ Und dann platzte einfach etwas in mir. Plötzlich stiegen mir die Tränen in die Augen. Auf einmal war alles zu viel und gleichzeitig nicht genug. Ich begann zu weinen und wusste nicht mal warum, oder wie ich das beenden konnte. Da waren einfach diese Tränen, die nicht mehr aufhören wollten.
„Schhh.“ Raphael lehnte seine Stirn an meine. „Keine Sorge, hier bist du sicher. Ich passe auf dich auf.“
Oh Gott. Ich krallte die Hand in Murphys Hemd und kniff die Augen zusammen, während diese drei Männer versuchten meinen Geist wieder in Ordnung zu bringen. „Was stimmt nur nicht mit mir?“
„Mit dir ist alles in Ordnung“, beruhigte Miguel mich. „Das ist wie eine Grippe. Mit ein bisschen Ruhe und Zuwendung bist du bald wieder auf den Beinen. Du musst nur Geduld haben.“
Leider war Geduld noch nie eine meiner Stärken gewesen, aber er sollte recht behalten. Es dauerte fast eine Woche, bis ich keine Erinnerungslücken mehr hatte und eine weitere, bis diese verdammten Kopfschmerzen endlich verschwanden und ich nicht mehr aus was-weiß-ich für Gründen aus heiterem Himmel anfing zu heulen.
Zwei Wochen mit drei Männern in einem kleinen Wohnwagen zu leben, war nicht ganz einfach, besonders nicht, da einer von ihnen mich immer anschaute, als sei ich eine Granate, die jederzeit in die Luft gehen konnte.
Miguel schien sich in meiner Gegenwart absolut nicht wohl zu fühlen und wenn ich ehrlich war, verunsicherte mich das. Hoffentlich tat er mit seinem Wissen über mich nichts Dummes.
Auch Raphael ging es in diesen zwei Wochen nicht besonders gut. Er schief wenig bis gar nicht und war den ganzen Tag nur angespannt. Das lag nicht allein an meinem Zustand. Was ihm viel mehr zusetzte, waren die beiden Männer, die mich pausenlos berührten, im Arm hielten oder mir einfach nur den Kopf tätschelten, während er nichts anderes tun konnte, als daneben zu sitzen und dabei zuzuschauen.
Er sagte nichts, aber das musste er auch gar nicht. Ich kannte ihn gut genug um zu wissen, dass es ihm damit nicht gut ging und er das Ende dieser Tortur einfach nur herbeisehnte.
°°°°°
„Okay, wem von euch gehört die gelbe Boxershorts mit den Bienen, die da am Waschbecken hängt?“ Prüfend schaute ich von einem zum anderen und blieb schließlich an Murphy hängen.
Er hob sofort ergeben die Hände in die Luft. „Schau mich nicht so an, meine Shorts sind schwarz.“
„Das sind meine“, sagte Raphael mit einem Lächeln und rührte in seinem Topf herum. Es roch himmlisch.
Meine Augenbrauen wanderten ein Stück nach oben. „Deine?“ Seit wann besaß mein Freund Unterwäsche mit Bienen? „Wie alt bist du, fünf?“
Er zwinkerte mir zu. „Du musst nur den Sinn dahinter verstehen.“
„Den Sinn hinter Bienchenunterhosen?“
„Bienen und Blümchen“, sagte Miguel trocken. „Bienen stechen. Und Männer …“
„Ja ja, schon kapiert“, wiegelte ich schnell ab, bevor er noch ein wenig genauer wurde. Das Lachen von Murphy und Raphael wurde einfach ignoriert. „Trotzdem habe ich euch allen schon gesagt, dass ihr eure dreckige Wäsche nicht überall rumliegen lassen sollt, sonst werde ich … hey!“
Als Murphy von hinten die Arme um mich schlang und mich zu sich auf die Bank zog, versuchte ich mich am Tisch festzuhalten. Keine Chance, ich landete auf seinem Schoß und stieß mich auch noch das Knie.
„Au, verdammt!“
„Nicht fluchen.“
„Lass mich los, du Blödmann.“ Ich zappelte so lange herum, bis er endlich los ließ und ich mich neben ihn setzten konnte. „Irgendwann“, drohte ich ihm und zupfte meine Klamotten wieder zurecht.
Murphy grinste nur breit. „Weißt du, dass du genauso böse gucken kannst wie Miguel?“
Ich schaute zu seinem Bruder auf die andere Seite des Tisches, von wo aus er mich wachsam im Auge behielt. Seit seiner Ankunft vor zwei Wochen war das eigentlich die einzige Art, auf die er mich anschaute und wenn ich ehrlich war, war ich ganz froh darüber, dass er heute weder verschwand. Dies hier war sozusagen der Abschluss meiner kleinen Therapie. Nur noch ein Abendessen, dann würden die beiden wieder in ihr eigenes Leben verschwinden.
Ich sah dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits war ich froh, endlich wieder mit Raphael allein sein zu können, andererseits fürchtete ich mich ein wenig vor dem, was dann kommen würde. Zwar hatte ich diese ganze Scheiße überstanden, aber da die beiden weg sein würden, musste ich mir eine andere Gesellschaft besorgen, denn sowas wollte ich kein zweites Mal erleben.
Als Murphy mir auf einem den Finger in die Wange drückte, schaute ich ihn nur genervt an. Diese Kindereien würde ich bestimmt nicht vermissen. „Was?“
„Redest du jetzt nicht mehr mit mir?“
Ich schob seine Hand weg. „Ich hab nur über den Plan nachgedacht.“
„Ach, das wird schon.“ Er rempelte spielerisch gegen meine Schulter. „Deinem Charme werden sie nicht widerstehen können.“
„Du darfst ihnen nur nicht sagen, wer du wirklich bist“, fügte Miguel noch hinzu.
„Du meinst, damit sie mich nicht so anschauen wie du?“ Ja, ich klang ein wenig giftig, aber sein Verhalten kränkte mich nun mal. Wir waren immer gut miteinander ausgekommen, aber jetzt schaute er mich an wie etwas, dass man meiden sollte.
Miguels Lippen wurden ein wenig schmaler. „Du bist ein Alpha“, sagte er leise.
„Ja, aber dafür kann ich ja wohl nichts und davon abgesehen bin ich nicht Isaac.“ Er war der Grund für Miguels Verhalten, wie ich in der Zwischenzeit wusste.
Vor ungefähr zwölf Jahren kamen die Fänger der Skhän in sein Haus und entführten sowohl seinen Sohn, als auch seine Gefährtin. Wie auch viele andere ging er daraufhin zu seinen Alphas und bat um Hilfe, doch sie sagten ihm nur, dass der Fall bei den Wächtern lag und er die Hoffnung nicht aufgeben sollte. Vier Mal. Beim fünften Mal drohten sie ihm mit Hausverbot, wenn er nicht aufhörte sie damit zu behelligen. Das war der Tag, an der Miguel dem Rudel den Rücken kehrte und sich zusammen mit Murphy auf die Suche machte. Damit wurde der Grundstein der Themis gelegt.
Miguel fand seinen Sohn ein halbes Jahr später, seine Gefährtin jedoch blieb bis heute spurlos verschwunden. Niemand wusste was mit ihr geschehen war und ob sie überhaupt noch lebte. Ein Schicksal, das den Opfern der Skhän leider viel zu oft widerfuhr.
Seit dieser Geschehnisse hatte Miguel eine verständliche Abneigung gegen Alphas. Und somit nun auch gegen mich.
„Wenn ihr damit fertig seid euch böse anzuschauen, könnt ihr den Tisch decken“, bemerkte Raphael.
Da Miguel und Murphy trotz allem Gäste waren, war ich es, die sich erhob und Teller und Besteck auf dem Tisch verteilte. Kurz darauf folgte das Essen und wir verbrachten noch einen recht netten Abend miteinander, bei dem ich Murphy mehr als einmal davon abhalten musste, mir mein Essen vom Teller zu klauen. Ich war mir sicher, dass er es nicht wirklich wollte, sondern nur machte, um mich zu ärgern. Aber wenigstens half er mir danach mit dem Abwasch, bevor die beiden ihren restlichen Sachen einpackten und sich verabschiedeten.
Als ich die Tür hinter ihnen schloss, war ich sowohl erleichtert, als auch beunruhigt. Es war eben keine einfache Situation.
„Alles klar?“
„Nur wenn du endlich aufhörst, mich das ständig zu fragen.“ Ich drehte mich herum und lehnte mich mit dem Rücken an die Tür. „Wirklich“, sagte ich, als ich seinen Gesichtsausdruck sah. „Mir geht es gut. Du musst dir keine Sorgen machen.“
Ob er es mir nun glaubte oder nicht, er erhob sich von der Bank und trat zu mir. Seine Hände legten sich auf so eine vertraute Weise an meine Wangen, dass ich allein von der Berührung eine Gänsehaut bekam. „Was beschäftigt dich?“
„Ach“, sagte ich nur und zuckte mit den Schultern. „Es ist nur … was machen wir, wenn der Plan nicht funktioniert?“
„Dann ziehen wir weiter und probieren es woanders. Hey.“ Er er lehnte seine Stirn an meine. „Sie werden gar nicht anders können, als deinem Charme zu erliegen.“ Er grinste. „Glaub mir, ich weiß wovon ich spreche.“
Mein Mundwinkel zuckte nach oben. „Versuchst du gerade Süßholz mit mir zu raspeln?“
„Vielleicht ein wenig.“ Seine Lippen strichen hauchzart über meine. „Keine Sorge, es wird schon klappen.“
Da war ich mir leider nicht so sicher wie er und das nicht nur, weil ich keine Erinnerung daran hatte, wie unsere letzte Begegnung endete.
In dieser Nacht bekam ich kaum ein Auge zu und den ganzen Vormittag saß ich wie auf heißen Kohlen. Ich konnte mich nicht mal mit Arbeit ablenken, den meinen Job hatte ich verloren. Um das zu wissen, musste ich nicht extra hin, mein Ex-Chef hatte sich bereits vor zwei Wochen bei mir gemeldet, um mir das mitzuteilen. Nicht das ich viel davon mitbekommen hätte, Raphael hatte es mir erzählt.
Als wir endlich aufbrachen, war es bereits Nachmittag. Die Straßen waren verstopft, weil all die Bürohengste schnell nach Hause wollten. Wenigstens war das Wetter angenehm mild und ich genoss sogar die warme Frühlingssonne. In der letzten Zeit war ich nicht viel rausgekommen.
Wir fuhren eine halbe Stunde, bis die ersten Spuren der Witterung mir, trotz Motorradhelm, in die Nase stiegen und ich mich ein wenig anspannte. Das hier konnte auf drei Arten Enden. Böse, gut und mit einer Enttäuschung. Ich hoffte auf Zweites, befürchtete aber ersteres.
Raphael lenkte seine Maschine in eine Seitenstraße. Zu unserer rechten befand sich ein hübscher Park, zu unserer linken mehrere Geschäfte. Das Motorrad hielt vor der Bar mit Namen Nathans Hölle.
„Ich hab das also wirklich nicht nur geträumt.“
„Das hab ich dir doch gesagt.“ Raphael stellte den Motor ab, wartete bis ich von der Maschine gestiegen war und folgte dann meinem Beispiel.
Ich zog mir den Helm vom Kopf und schaute zum Schuld hinauf. Nathans Hölle. Das war so ziemlich das einzige, was ich von meinem letzten Besuch hier noch in Erinnerung hatte. Der Name hatte es Raphael einfach gemacht den Laden zu finden, aber jetzt wo ich hier war, wurde ich langsam nervös.
„Willst du dass ich reingehe und mit ihnen rede?“
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Das muss ich selber machen.“ Auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie genau ich das anpacken sollte. Hoffentlich hatte ich bei meinem Blackout vor zwei Wochen nichts Dummes getan, sonst konnte das hier unschön werden.
„Möchtest du, dass ich dich reinschiebe?“
„Möchtest du, dass ich dir den Hintern versohle?“
Das ließ ihn schmunzeln. „Später vielleicht“, sagte er und nahm meine freie Hand. „Komm, lass es uns versuchen.“
Okay, dann mal auf in den Kampf. Ich atmete noch einmal tief durch, marschierte dann entschlossenen Schrittes zum Eingang und riss die Tür auf.
Bei dem Geruch der mit entgegen schlug, richteten sich mir die Härchen auf meinen Armen auf und ich musste mich schwer zusammenreißen, um nicht zu knurren. Das roch falsch, fremd und schrie jeden meiner Instinkte an, in die andere Richtig davon zu laufen. Stattdessen wagte ich aber den Schritt in die Bar und mit einem schlag spürte ich die Blicke.
Es war nicht so, dass die Musik verstummte, die Gespräch erstarrten und aller Aufmerksamkeit direkt auf mich fiel. Aber es waren bereits einige Leute in der Bar und gut die Hälfte von ihnen nahmen meine Anwesenheit mit einem unheimlichen Interesse zur Kenntnis. Da war zum Beispiel der Typ am Billardtisch, der die Augen zusammenkniff, als hätte er seine Beute entdeckt, oder die Tussi hinter der Bar, die ihre Hände auf die Theke legte, als wollte sie sich jederzeit darüber schwingen.
Wer meine Anwesenheit überhaupt nicht zu Kenntnis zu nehmen schien, war der Kerl an der Theke, der mit der Blondine auf dem Barhocker knutschte. Nein, Moment, die Blondine war ein Blondi, das waren zwei Kerle die da knutschten.
„Ähm“, machte ich, nicht sicher, an wen ich mich wenden sollte. In dem Laden waren sieben Lykaner. Alles Abtrünnige oder Streuner, oder wie sie sich auch selber nennen mochten.
Da sie alle den selben Geruch trugen, gehörten sie wohl zu einem eigenen Rudel, was bedeutete, hier gab es eine eigene Hierarchie, doch auf den ersten Blick schien hier niemand den Status eines Omega zu überschreiten. Was aber nichts heißen musste. Ich hatte selber schon festgestellt, das nur das eigene Rudel die Alphas innerhalb ihrer Mitte ausmachen konnte, wenn der Alpha sich nicht freiwillig zeigte.
„Ich glaube du hast dich verlaufen“, sagte die Tussi hinter der Bar. Ihr Blick glitt von mir zu Raphael und wieder zurück. „Du drehst sich besser um und gehst wieder.“
„Nein.“
Sie blinzelte einmal. „Bitte?“
„Ich habe nein gesagt. Das bedeutet, dass ich nicht einfach gehen werde. Wenn du das Wort nicht kennst, schlag es im Duden nach.“ Vielleicht war das nicht unbedingt die klügste Vorgehensweise, doch es wäre noch weitaus dümmer, Schwäche zu zeigen und mit eingekniffenen Schwanz das Weite zu suchen. Besonders, da es für mein Kommen einen wichtigen Grund gab.
Der kleine Wortwechsel veranlasste auch das knutschende Pärchen dazu ihre Leidenschaft zu unterbrechen und ihre Aufmerksamkeit auf mich zu richten. Den braunhaarigen Kerl mit der fiesen Narbe über dem Auge war mir unbekannt, den Blondschopf jedoch war ich schon begegnet. Das war der Kerl mit dem Ring in der Lippe.
„Der kleine Königswolf“, murmelte er und neigte den Kopf zur Seite. „Wie ich sehe, geht es dir besser.“
„Ich kann nicht klagen.“ Zumindest im Moment nicht. Was die Zukunft anging … naja, das war fraglich. „Gibt es in diesem Laden einen Chef?“ Ich schaute von einem zum anderen.
Der Kerl am Billardtisch legte seinen Queue zur Seite. „Warum fragst du?“
„Wir würden gerne mit ihm reden.“ Raphael legte mir einen Arm um die Taille. Diese Geste wurde von den Anwesenden registriert. „Oder auch ihr.“ Er lächelte, aber da auch ein paar Menschen anwesend waren, hielt er seine Reißzähne verborgen. Nicht dass das bei den Lykanern einen Unterschied machte, sie konnten nicht nur sehen was er war, sie konnten es auch riechen.
„Was wollt ihr?“, fragte die Frau hinter dem Tresen.
„Das sage ich dir, wenn du der Chef bist, aber da draußen an auf dem Schild Nathan steht, gehe ich nicht davon aus, dass du hier viel zu sagen hast.“
Das brachte mir von der Dame ein Zähnefletschen ein. Wenn keine Menschen anwesend gewesen wäre, hätte sie vermutlich geknurrt.
Ich ließ meinen Blick über die Anwesenden gleiten und blieb am Ende am Blondschopf hängen. „Du bist Nathan.“
„Wie kommst du darauf?“
Ich hob die Achseln. „Ich hoffe es wohl, da du der einzige bist, der nicht aussieht, als wolle er mich mit einem Arschtritt zurück auf die Straße befördern.“
Einen Moment schaute er mich nur an, dann stieß er ein Lachen aus und lächelte. „Wahrscheinlich werde ich das bereuen, aber du machst mich neugierig.“ Er rutschte vom Hocker und kehrte uns den Rücken. „Komm, gehen wir nach hinten.“ Sein Weg führte ihn seitlich in einen kleinen Korridor, aber er ging nicht allein, der Kerl mit der Narbe folgte ihm auf dem Fuße.
Ich warf noch einen unsicheren Blick zu Raphael, bevor wir beide ihnen folgten. Jetzt wurde es ernst.
Der Korridor war kaum mehr als ein kleines Quadrat, das auf jeder Seite eine Tür hatte. Zwei waren mit Lager markiert, eine mit Büro. Darin verschwand Nathan. Der Typ mit der Narbe hielt mir und Raphael die Tür auf und als ich ihn passierte, knurrte der Blödmann mich doch tatsächlich an.
Ich blieb stehen und fixierte ihn mit meinem Alphablick. Dabei musste ich sehr an mich halten, nicht mein Odeur einzusetzen. Aber zurückknurren, das konnte ich.
„Bambi.“ Raphael schüttelte den Kopf. „Nicht.“
Ich verstummte, warf dem Idioten noch einen bösen Blick zu und folgte dann in das relativ kleine Büro. An der Seite gab es ein paar Aktenschränke, in der Mitte einen alten Schreibtisch und an der Wand ein Kalender mit süßen, kleinen Kätzchen.
Ich starrte diesen Kalender an und beschloss spontan, dass ich den Blondschopf mochte.
Der Kerl mit der Narbe schloss die Tür von innen und stellte sich davor, als wollte er uns den einzigen Fluchtweg abschneiden. So wie Raphael daraufhin die Schultern anspannte, war ich nicht die einzige, die das bemerkte.
„So“, sagte Nathan und nahm hinter seinem Schreibtisch auf einem sehr alten Stuhl platz. „Dann lass mal hören, was du von mir willst.“
Ich wechselte noch einen kurzen Blick mit Raphael und trat dann einen Schritt vor. Dabei hielt ich meinen Motorradhelm wie einen schützenden Schild vor mir. „Bindung“, sagte ich schlicht.
Nathan hob eine Augenbraue. „Moment. Du tauchst hier auf, stehst stundenlang vor meiner Bar, bewirfst meinen Kumpel mit Blättern und rennst dann weg. Dann tauchst du wieder hier auf und bittest mich um Bindung?“
Ich hatte mit Blättern geworfen? „Ich kann mich nicht richtig erinnern, was ich beim letzten Mal gemacht habe.“
„Das kann ich mir vorstellen.“ Er lehnte sich zurück und packte seine Beine auf den Schreibtisch. „Es wundert mich, dass du überhaupt wieder klar denken kannst. Ich hätte ja darauf gewettet, dass du bereits deinen Verstand verloren hast.“
„Es hat nicht mehr viel gefehlt“, räumte ich ein. „Und deswegen bin ich hier. Sowas soll nicht nochmal passieren.“
Er musterte mich. Auf seinen Lippen war ein Lächeln, aber er ließ nicht durchblicken, was in seinem Kopf vor sich ging. „Du gehörst zum Rudel der Könige.“
„Nein, tu ich nicht.“
„Ich kann es riechen.“
Ja, weil man als Alpha aus eigenem Antrieb kein Abtrünniger werden konnte. Sonst hätte ich den Club schon vor Jahren verlassen. „Es hat keine Bedeutung, woher ich komme, ich gehöre allein mir.“
Nathan neigte den Kopf zur Seite. „Wie heißt du?“
„Clementine.“
Er verengte seine Augen ein wenig. „Bist du eine Psychopathin, Clementine?“
„Was?“
„Ob du eine Psychopathin bist.“
Verwirrt schaute ich zu Raphael. „Ich habe zwar keine Ahnung, worauf du mit dieser Frage abzielst, aber nein.“
„Du bist mit einem Vampir zusammen. Bestreite es nicht, ich habe Augen im Kopf.“
„Ich hatte nicht vor es zu bestreiten. Ryder ist das Wichtigste in meinem Leben.“
„Dann ist er der Grund, warum der kleine Königswolf nicht mehr zum Rudel der Könige gehört?“
„Nein, er war es, der mich vor meinem Schicksal bewahrt hat.“
„Sehr poetisch.“ Nathan nahm die Beine vom Tisch und beugte sich vor. „Ein Lykaner kann niemals mit einem Vampir zusammen sein. Wenn er es doch ist, dann ist da in seinem Kopf irgendwas falsch verkabelt.“
Ich könnte ihm jetzt erklären, dass ich ein Misto war, aber das gehörte zu den Dingen in meinem Leben, die niemanden etwas angingen. Darum schwieg ich.
„Hast du dazu gar nichts zu sagen?“
„Du bist ein Fremder und ich bin nicht hier, um dich an meiner Lebensgeschichte teilhaben zu lassen.“ Okay, das war jetzt vielleicht ein wenig zu abweisend gewesen. „Okay, hör zu. Ich brauche Bindung. Bis vor kurzen war ich mit einem anderen Lykaner unterwegs, aber … naja, unsere Wege haben sich getrennt und was dann passiert ist …“ Ich schüttelte den Kopf, ohne den Satz zu beenden. „Mir ist klar, dass ich das nicht umsonst bekommen werde und ich bin auch bereit einen Preis dafür zu zahlen.“
„Einen Preis?“ Er beugte sich interessiert vor. „Was für einen Preis?“
„Mach einen Vorschlag.“
„Ich darf mir wünschen, was immer ich will?“
Sah ich so dämlich aus? „Natürlich, aber ich werde nicht jeden Wunsch erfüllen.“
Nachdenklich neigte er den Kopf zur Seite und musterte mich von oben bis unten. „Hast du schon mal hinter der Bar gestanden?“
„Ähm … ich habe schon als Kellnerin gearbeitet.“
„Okay, dann versuchen wir es.“
„Das ist nicht dein Ernst“, sagte der Kerl mit der Narbe über dem Auge. „Sie ist ein Königswolf.“
„Ich will sie ja auch nicht heiraten, aber schau sie dir doch an. Dieser Hintern wird sicher einiges an männlicher Kundschaft in den Laden locken.“
„Was?!“, fragte Raphael und dieses Mal verbarg er seine Fänge nicht.
„Ganz ruhig, kleiner Reißzahn.“ Nathan lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück. „Sie soll sie nur anlocken und nicht mit ihnen ins Bett steigen. Es sind immer mehrere vom Rudel anwesend, die darauf aufpassen, dass alle lieb und freundlich zueinander sind. Keiner von ihnen würde es erlauben, dass man dein Mädel antatscht, wenn sie es nicht will und …“
„Moment“, unterbrach ich ihn. „Bietest du mir gerade einen Job an?“
„Na was hast du denn gedacht? Das du jeden Abend für fünf Minuten vorbei kommst und wir beide in der Zeit Händchenhaltend in der Ecke sitzen werden?“
Also wenn ich ehrlich war, hatte ich schon damit gerechnet, dass es etwas in dieser Richtung sein würde. „Ich habe aber noch nie in einer Bar gearbeitet.“
„Das wirst du schon lernen.“
Das war ja wie sechs Richtige im Lotto. Nicht nur das meine Gesundheit so garantiert wurde, ich konnte auch Geld verdienen. Allerdings gab es da ein kleines Problem. „Ich müsste überwiegend abends und nachts arbeiten, oder?“
„Da sich die wenigstens Leute schon morgens ein Bier gönnen, ja.“
Das war nicht so gut. „Ich kann nicht jede Nacht arbeiten.“ Denn das war die Zeit, in der die Themis aktiv waren.
„Du wirst auch freie Tage haben.“
„Nein, du verstehst nicht. Ich habe bereits einen Job und der ist …“ Verdammt, wie sollte ich das ausdrücken.
„Es gibt Nächte, in denen wir anderweitig beschäftigt sind“, versuchte Raphael zu helfen. „Wir können das nicht planen, das ergibt sich meist spontan und dann kann es auch passieren, dass wir mal mehrere Tage weg sind.“
Nathan ließ seinen Blick von ihm zu mir gleiten. „Hört sich ja sehr geheimnisvoll an.“
Dazu sagte keine von uns etwas.
„Ihr seid wohl das seltsamste Pärchen, das mir je begegnet ist“, murmelte er.
Auch dazu schwiegen wir.
Er seufzte. „Okay, ich würde vorschlagen, wir probieren es einfach mal. Wenn ihr so einen spontanen, nächtlichen Job habt, dann versuch nicht erst auf den letzten Drücker Bescheid zu sagen.“
„Das kann ich nicht versprechen.“
Er gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen einem Schnauben und einem Lachen lag. „Du kommst her, willst etwas von mir und stellst dann auch noch Bedienungen und trotzdem habe ich nicht das Bedürfnis dich mit einem Arschritt vor die Tür zu setzen.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ryder nennt es meinen Charme.“
Nathans Mundwinkel wanderten eine Etage nach oben. „Okay, ich würde sagen, wir versuchen es einfach mal. Wenn es nicht klappt, müssen wir uns eben etwas anderes überlegen.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Die Anspannung des Tages fiel mit einem Schlag von mir ab. Ich gab ein seltsames Kicksen von mir und fiel Ryder vor Freude erstmal um den Hals, nur um ihn sofort wieder loszulassen und mich zu Nathan umzudrehen. „Gott, danke, danke, danke. Du wirst es nicht bereuen.“
Der Typ an der Tür gab ein Geräusch von sich, dass uns wohl vom Gegenteil überzeugen sollte. Keiner beachtete ihn.
„Ich hoffe nur um deiner Willen, dass ich mir gerade keinen Trojaner ins Haus geholt habe“, sagte er und erhob sich von seinem Platz. „Das könnte sonst böse für dich enden.“
„Drohe ihr nicht“, knurrte Raphael. Er schien von dem ganzen Plötzlich nicht mehr so begeistert.
„Das war keine Drohung, was war nur eine Warnung. Wir sind hier nicht mehr im Rudel der Könige, bei uns herrschen andere Regeln.“
„Das will ich hoffen“, murmelte ich, denn die Regeln von denen er sprach, waren der Grund, warum ich meinem alten Leben den Rücken gekehrt hatte.
„Na dann, komm mal mit. Ich stelle dich den anderen vor und zeige dir was du zu tun hast.“
„Ich kann es kaum erwarten.“
°°°
„… okay, dann bis nachher.“ Stirnrunzelnd nahm ich mein Handy vom Ohr und starrte es an, als könnte es mir erklären, was das eben gewesen war. Leider schien es genauso ratlos wie ich.
„Was ist los?“, fragte Nathan und schob einem Stammkunden das gewünschte Bier über das abgenutzte Holz der Theke zu. „Ärger im Paradies?“
Ich schüttelte den Kopf und steckte mein Handy weg. „Nein, alles okay.“ Das glaubte ich zumindest. Normalerweise holte mich Raphael immer von der Arbeit ab, erst recht wenn es draußen schon dunkel war, aber er hatte gerade angerufen und mir erklärt, dass ich mich von Nathan nach Hause bringen lassen sollte, weil ihm etwas dazwischen gekommen war. Was genau wollte er mir nicht sagen und das war das Seltsame daran. Wenn es um die Themis ging, würde er daraus kein Geheimnis machen, also fragte ich mich natürlich, was da los war. „Kannst du mich nach Hause fahren?“
„Du meinst in diesen Schuhkarton?“
Ich funkelte in an. Immer musste er mich damit ärgern. „Das ist kein Schuhkarton, das ist mein Haus.“
„Nein ist es nicht. Ich wohne in einem Haus, du wohnst in einer fahrbaren Sardinenbüchse.“
Ungeduldig wedelte ich mit der Hand. „Fährst du mich nun, oder muss ich mir ein Taxi nehmen?“
„Ich fahr dich.“ Er warf das Handtuch auf die Theke und rief seinem idiotischen Freund zu, dass er mal kurz weg war. Dann verließen wir zusammen den Laden.
Seit drei Jahren befand ich mich nun auf der Flucht vor meinem Erbe. Wir hatten Mitte Oktober und in den letzten Tagen war die Temperatur so rapide gesunken, dass sich bereits kleine Wölkchen vor meinem Mund bildeten. In knapp drei Monaten würde ich zweiundzwanzig werden, aber in all den Jahren hatte ich nicht gelernt, mich warm anzuziehen. So fror ich mir den kurzen Weg zu seinem Wagen fast den Arsch ab. Warum hatte ich nur wieder Jacke vergessen? Das passierte mir ständig.
Nathan öffnete sein Auto und ich saß schon auf dem Sitz, bevor er seine Tür überhaupt geöffnet hatte. Meine erste Handlung im Wagen war die Heizung einzuschalten, aber der Motor war noch kalt und so dauerte es ein paar Minuten, bis ich aufhörte zu zittern.
Schmunzelnd startete Nathan den Motor.
„Was ist so witzig?“, fragte ich und rieb die Hände aneinander.
„Du“, antwortete er. „Ständig vergisst du alles. Manchmal glaube ich, du würdest deinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen wäre.“ Er setzte den Blinker und bog ab. Das Licht der Scheinwerfer tanzte über die nächtlichen Straßen. Es war fast drei Uhr morgens und ich war froh, endlich nach Hause zu können.
„Es ist schön, dass mein Leid dich so amüsiert.“
Er antwortete mir mit einem Lächeln und wechselte dann das Thema. „Sag mal, hast du eigentlich mal über meinen Vorschlag nachgedacht?“
„Welchen meinst du?“ Ich hielt meine Hände direkt vor die Lüftung. So schön warm.
„Den deines Wohnorts betreffend.“
„Ach den.“ Vor ein paar Wochen war Nathan mit dem Vorschlag gekommen, ich könnte doch zu ihm und den anderen Streunern auf ihren Rudelsitz ziehen. Obwohl wir uns bereits eine ganze Weile kannten und ich die ganze Zeit mehr oder weniger bei ihm gearbeitet hatte, wusste ich bis heute nicht wo er wohnte, noch hatte ich seinen Alpha kennengelernt. Ich war schließlich trotz allem immer noch ein Mitglied des Rudels der Könige und die Abtrünnigen und Streuner waren im allgemein nicht besonders gut auf dieses Rudel zu sprechen.
Aber Nathan fand es nicht gut, dass ich mich so abseits von allem hielt. Klar, er kannte ja auch nicht den Grund. Für ihn war ich Clementine, die Wölfin, die einen Vampir liebte. Er wusste nicht mal, dass ich ein Misto war. Er kannte nur die Lüge, die ich in den letzten Jahren um mich herum aufgebaut hatte. Wenn er wüsste, dass ich die verschollene Prinzessin war und außerdem auch noch eine eiskalte Killerin. „Was ist mit Ryder?“, fragte ich, statt ihm eine Antwort zu geben.
„Ich denke nicht, dass das Rudel einen Vampir in seiner Mitte dulden würde.“
„Dann kennst du meine Antwort.“
Nathan seufzte. „Weißt du, ich finde es grässlich, dass du so abseits lebst. Es ist nicht gut für dich. Ryder ist für einen Vampir zwar ganz okay, aber du gehörst zu uns.“
Ganz okay? Das war ja schon fast einem Kompliment. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, mir geht es gut so wie es ist.“ Ich schenkte ihm ein Lächeln. „Und das hab ich dir zu verdanken.“
„Aber ich bin mir sicher, dass es dir noch besser gehen würde, wenn du zu uns kommen würdest.“
„Ich verlasse Ryder nicht.“ Das war mein letztes Wort in dieser Sache und das nicht nur, weil wir diese Diskussion nicht zum ersten Mal führten. Ich würde Raphael niemals freiwillig verlassen.
„Denk einfach noch mal darüber nach.“
„Das brauche ich nicht und das werde ich auch nicht. Das weißt du genauso gut wie ich. Meine Entscheidung steht fest, ich bleibe bei meinem Freund.“ Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. „Wo er ist, da werde auch ich sein.“
Er verzog das Gesicht. Er fand es urkomisch, wenn ich Raphael als meinen Freund bezeichnete.
„Guck nicht so. Den Kerl den du dir ausgesucht hast, ist auch nicht gerade der Überflieger.“
Er schielte kurz zu mir rüber und grinste. „Was hast du gegen Cooper?“
Davon abgesehen, dass ich bis heute nicht wusste, ob das sein Vor- oder Nachname war? „Er ist ein Idiot. Er ist herablassend, grob und hält sich für den Mittelpunkt des Universums.“
„Aber er ist gut im Bett“, konterte Nathan.
„Das kann ich nicht beurteilen.“ Aber es erklärte zumindest, warum Cooper bisher noch nicht entsorgt hatte. Naja, zumindest ein bisschen.
Als Nathan von der Straße auf einen Feldweg abbog, hielt ich mich am Armaturenbrett fest. Der Boden unter uns war holperig und irgendwie schaffte er es, jedes einzelne Schlagloch zu finden. Ich wurde kräftig durchgeschüttelt. Bei seinem Fahrstil wurde aus einer Kanne Milch ganz schnell Butter. „Was ist denn mit Xavier. Ich weiß er mag dich und er ist hundert Mal besser als Cooper.“ Und er war bereits in Nathan verschossen, seit ich die beiden kannte.
„Xavier ist langweilig.“ Konzentriert blickte Nathan nach draußen, um in der Dunkelheit nichts anzufahren. Außer den Scheinwerfern gab es hier keine Beleuchtung und dass er einmal ein Reh gestreift hatte, war ihm eine Lehre gewesen.
„Aber er ist nett“, gab ich zurück.
„Wie bereits gesagt, langweilig“, erwiderte er und bog zwischen ein paar Bäumen ab. Dahinter, halb versteckt vor neugierigen Augen, stand unser Wohnmobil.
Ich wollte gerade erwidern, dass er nicht immer so wählerisch sein sollte, als die Scheinwerfer etwas streiften, was mir die Sprache verschlug.
Vor unserem Trailer parkte nicht nur ein Motorrad, nein, es waren zwei und das zweite kannte ich fast genauso gut wie das von Ryder.
Für einen Moment war ich wie erstarrt, doch dann machte sich eine solche Freude in mir breit, dass ich die Tür schon aufriss, während das Wagen noch ausrollte. Ich sprang raus, sprintete auf den Eingang zu und sah Elvis draußen bei der Tür sitzen. Dass er bei diesem Wetter freiwillig hier draußen blieb, verstärkte meine Vermutung nur noch.
Ich riss die Tür auf und da war er.
Tristan.
Er saß zusammen mit Raphael in der Essnische und hob das Gesicht, als ich praktisch in den Wohnwagen stürzte.
Beide wirkten ein wenig zerrupft. Raphaels Shirt war am Kragen eingerissen und hatte einige Flecke, die verdächtig nach Erde aussahen. Sein Haargummi fehlte. Tristans Hemd dagegen fehlten einige Knöpfe. Seine Haare waren zerwühlt und an der Wange hatte er einen Kratzer. Was hatten die beiden nur angestellte? Scheiß drauf, das war im Moment doch völlig egal. Ich stieß ein Schrei der Freude aus und fiel ihm um den Hals. „Oh mein Gott, oh mein Gott, du bist es wirklich!“ Ich drückte ihn an mich, nur um ihn danach einen kräftigen Box gegen die Schulter zu geben.
„Aua!“, beschwerte er sich.
„Das hast du verdient.“ Böse funkelte ich ihn an. „Einfach so verschwinden. Weißt du eigentlich was für Sorgen wir uns gemacht haben? Es ist ja nicht so, dass du mal hättest anrufen können, oder eine E-Mail schreiben, damit wir wissen dass es dir gut geht. Selbst eine Brieftaube hätte es gebracht, vorausgesetzt natürlich, dass Elvis sie nicht vorher verspeist. Aber nein, du hast es vorgezogen einfach klammheimlich zu verschwinden und nie wieder ein Wort von dir hören zu lassen.“
„Ich hatte meine Gründe.“
Ich musterte ihn von oben bis unten und musste feststellen, dass er sich kein bisschen verändert hatte. Jeans und Hemd, darüber seine Lederjacke. Noch immer trug er sein blondes Haar kurz, aber sein Gesicht wirkte kantiger als früher. Hatte er abgenommen? „Diese Gründe würden mich aber mal brennend interessieren.“
Tristan gab den bösen Blick für meinen Knuff zurück, doch dann weiteten sich seine Augen entsetzt. Sie huschten über meinen Körper, von Kopf bis Fuß und wieder zurück. „Was hast du getan?“ Seine Stimme war so leise, dass ich die Ohren spitzen musste, um ihn zu verstehen, doch hätte ich die Worte gar nicht gebraucht. Mir war auch so klar, was er meinte.
Ich sah an mir herunter. „Das sind meine Arbeitsklamotten“, rechtfertigte ich meine Springerstiefel unter den schwarzen Khakis, oder auch das grobmaschige Netzshirt unter dem ich nichts als einen schwarzen BH trug.
„Deine Haare … dein Bauch …“ Ungläubig schloss er wieder den Mund.
Ich hatte befürchtet, dass er das gemeint hatte. Vor ein paar Monaten hatte ich mir ein Piercing im Bauchnabel zugelegt. Und meine Haare? Na ja, das braun war schon lange raus. Nun waren sie wieder blond, durchzogen mit pinkfarbenen Strähnchen.
Tristan starrte mich an, als wäre ich ein Alien.
Ich verdrehte die Augen. „Jetzt hab dich mal nicht so.“
„Hey“, beschwerte Raphael sich. „Muss ich auch erst Monatelang verschwinden, um hier begrüßt zu werden?“
Lächelnd wandte ich mich meinem Vampir zu. Seine Haare waren länger geworden. Er trug sie im Nacken immer zu einem Flechtezopf. Er hatte einiges an Muskelmasse zugelegt und alles Kindliche verloren. Seine Kinnlinie war härter als früher, der Hals breiter, aber die Augen waren nach wie vor die blasblauen in die ich mich damals verliebt hatte. Und er hatte diese Aura gewonnen, die ich damals bei Alexanders Vater, das erste Mal wahrgenommen hatte – nur dass es mir bei Raphael keine Angst machte. Er war jetzt ein gereifter Vampir. Kein Scherz, so nannten sie sich selber. „Wenn du es wagst auch nur einen Tag aus meinem Leben zu verschwinden, drehe ich dir den Hals um.“
„Ist das ein Versprechen?“
„Darauf kannst du Gift nehmen.“ Ich gab ihm einen Kuss und hörte wie neben mir scharf die Luft eingesogen wurde. Oh, da hatte ich wohl eine Kleinigkeit vergessen, die Tristan nun auch aufgefallen war. Das Piercing und bunte Haare, waren nicht das Einzige, was ich mir in den letzten Jahren zugelegt hatte, ich hatte auch ein Tattoo.
Was ihn nun aussehen ließ wie ein Fisch mit Glotzaugen, war ein kleines Omega mit einem waagerechten Strich knapp über meinem linken Ohr. Ich zuckte nur die Schultern. „Future hat es gemacht als ich sie darum gebeten habe.“
„Aber du darfst nicht …“
„Hör zu“, sagte ich geduldig. „Das Recht mich zu kritisieren hast du an dem Tag verspielt, als du einfach abgehauen bist und uns …“
Die Badezimmertür wurde geöffnet und ich erstarrte mitten im Satz. Was ich da sah, konnte einfach nicht wahr sein.
„Ganz ruhig“, riet Raphael.
Ganz ruhig? Wie konnte er das sagen, wo mein schlimmster Alptraum gerade wahr zu werden schien? Sie hatten mich gefunden!
Ich wich zurück, schüttelte den Kopf und konnte einfach nicht glauben, wer in meinem Haus war. Ihre roten Haare waren länger als bei unserer letzten Begegnung. Ansonsten sah sie genauso aus wie früher. Nur die braune Lederkleidung war Alltagsklamotten gewichen.
„Hallo Cayenne“, begrüßte Lucy mich emotionslos.
Ich wich so weit zurück, dass ich mit dem Rücken gegen die Küchenzeile stieß. Ich konnte es einfach nicht glauben, sie hatten mich gefunden. So lange war ich ihnen entkommen. Ich hatte geglaubt das alles hinter mir gelassen zu haben, doch jetzt stand sie hier vor mir und würde mich zurück bringen.
Ich konnte nicht. Nichts auf der Welt konnte mich dazu bringen in dieses Gefängnis zurückzukehren. Das würde ich nicht zulassen. „Verschwinde aus meinem Haus!“, zischte ich sie an.
Sie schloss lediglich dir Badezimmertür und kam ein paar Schritte näher. Ich drückte mich an der Küchenzeile entlang, schätzte meine Fluchtmöglichkeiten ab. Die Tür war nur einen halben Meter entfernt. Ich war schnell, sie würde mich niemals erwischen. Also rannte ich einfach los.
Leider versuchte Nathan in dem Moment den Trailer zu betreten und so rannte ich voll gegen ihn.
„Ufff“, machte er und hielt sich am Türrahmen fest, damit er nicht nach draußen fiel. An seinem linken Arm baumelte meine Tasche. Er musterte mein Gesicht. „Stimmt etwas nicht?“
Ich konnte nicht antworten. Im sprachlosen Entsetzten starrte ich zu Lucy und dann wieder zu ihm zurück. Er folgte meinem Blick und bemerkte dabei auch Tristan, der ihn argwöhnisch musterte. „Königswölfe.“ Sein Blick glitt von einem um anderen. „Stör ich?“
„Um ehrlich zu sein“, sagte Raphael, „wäre es vermutlich wirklich besser, wenn du wieder gehen würdest.“
Nathan sah von Raphael zu mir. „Clem?“
Vehement schüttelte ich den Kopf. Ich wollte nicht dass er ginge und mich mit ihr alleine ließ. Ich wusste nicht was gleich passieren würde, erwartete aber, dass andere Umbra auftauchen und dass die Wächter den Wagen stürmen würden, um mich zurück hinter die Mauern des Hofes zu zerren.
Nathan sah wieder auf. „Ich denke nicht, dass ich gehen werde.“
„Es wäre aber besser für deine Gesundheit“, ließ Lucy verlauten.
„Und du bist?“, fragte Nathan.
„Nicht besonders geduldig.“
Er schnaubte verächtlich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn Clementine will das ich bleibe, dann tu ich das auch.“ Er zwinkerte mir zu. „Ich lasse meine Freunde nicht im Stich.“
„Freunde“, höhnte Lucy. „Du glaubst sie ist deine Freundin? Du weißt nicht einmal wer da vor dir steht und in was du hier hineingeraten bist. Du nennst sie Clementine, aber das ist …“
Raphael ließ seine Hand auf den Tisch krachen. „Es reicht. Hör auf, oder verschwinde!“
Sie bedachte ihn nur mit einem herablassenden Blick. Doch ich sah nur Nathan und wartete darauf, dass er etwas sagte, dass er Fragen stellte die ich ihm nicht beantworten konnte, aber nichts dergleichen geschah. Er lächelte einfach nur. „Ich bin nicht dumm“, sagte er dann. „Ich weiß, dass es etwas gibt, das sie vor mir verbirgt. Sie wird nicht umsonst versteckt mit einem Vampir in einem Wohnwagen leben. Es ist ihre Sache. Wenn sie es mir erzählen will, dann werde ich zuhören und wenn nicht, ist es auch gut.“ Er sah wieder zu Lucy. „Weißt du, ich kenne dich nicht, aber ich verstehe warum Clem dich hier nicht haben will. Ich kann dich auch nicht besonders leiden.“
Lucy ließ eine genaue Musterung über Nathan gleiten. „Weißt du, vielleicht sollte ich dich warnen: Clementine hält nicht besonders viel von Freundschaften.“ Sie fixierte mich. „Oder? Hast du auch vor, ihn einfach fallen zu lassen?“
„Nur wenn er es jemals wagen sollte mein Vertrauen auszunutzen und mich dann wie ein Tier jagt.“
„Das war meine Aufgabe und dein Vertrauen habe ich nie ausgenutzt“, knurrte sie.
„Ach nein? Dann muss ich aber an einem schweren Fall von geistiger Verwirrung leiden. Oder vielleicht warst das ja auch gar nicht du, die mich Jahrelang belogen hat, sondern deine böse Zwillingsschwester.“
„Du redest dummes Zeug.“
„Und du …“
„Okay, das führt doch zu nichts“, unterbrach Tristan uns. „Hört auf, wir haben dringenderes zu besprechen.“ Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Nathan. „Und dich möchte ich bitten zu gehen.“
„Nein. Ich weiß zwar nicht wer ihr seid, aber ich weiß das Clem euch nicht hier haben will und solange sie nicht sagt das ich gehen soll, bleibe ich.“
Vier paar Augen richteten sich auf mich, doch ich wusste nicht, was ich tun sollte. Irgendwas war hier faul. Warum war Lucy hergekommen? Warum hatte Raphael sie rein gelassen? Er wusste doch was das bei mir auslösen würde. Warum war Lucy mit Tristan hier? Nach ein paar Minuten des Schweigens, seufzte ich geschlagen. Solange Nathan hier war, würde ich keine Antworten bekommen. Außerdem war ja noch Raphael da und er würde nie zulassen, dass sie mich zurück in den Hof brachte. „Okay, wir sehen uns morgen bei der Arbeit.“
„Bist du dir sicher?“
Ich drückte seinen Arm, als ich seinen besorgten Gesichtsausdruck bemerkte. Er spürte dass hier etwas nicht stimmte, aber er musste gehen. „Ja. Wir reden morgen, in Ordnung?“
Es widerstrebte ihm, mich alleine zu lassen, aber letztendlich wandte er sich aus der Tür. „Wenn du mich brauchst, weißt du wo du mich finden kannst.“
„Klar, in Coopers Klauen.“
Er lächelte. Ich gab ihm zum Abschied noch einen Kuss auf die Wange, nahm meine Tasche an mich und schloss dann die Tür hinter ihm. Dann bezog ich dort Position. Mir war wohler, eine Fluchtmöglichkeit im Rücken zu haben. „Also, er ist weg, nun könnt ihr reden. Was wollt ihr hier?“
„Wir brauchen Raphael“, sagte Lucy ohne Umschweife. „Aber ohne deine Einwilligung geht er nicht mit uns.“
Wie sie das aussprach, hätte einen denken lassen können, dass Raphael ein Gegenstand war, den man verleihen konnte. „Ich kenne keinen Raphael.“
Ungeduldig wedelte sie mit der Hand. „Dann eben Ryder.“
Ging doch. „Wozu?“, fragte ich, nicht gewillt meinen Freund mit dieser Hexe mitgehen zu lassen.
„Damit er ein paar Schlösser für uns öffnet.“
Tristan seufzte. „Du solltest ihr vielleicht alles erzählen, damit sie es auch versteht.“
Mit ihrem theatralischen Seufzer wollte Lucy mir wohl zeigen, wie verhasst es ihr war, überhaupt das Wort an mich zu richten.
Ich verstand zwar, dass wir nach allem was geschehen war keine Freunde mehr waren, nur bisher hatte ich angenommen, dass das hauptsächlich von meiner Seite ausging. Doch so wie sie sich verhielt, hätte man meinen können, dass ich ihr ein Leid zugefügt hätte. Es schien als würde sie mich hassen, noch mehr als ich sie. „Ich bin ein Skhän“, begann sie und diese Worte reichten, um bei mir einen Schalter umzulegen.
Weder sah noch hörte ich etwas. Plötzlich war da nur noch dieses Rauschen. Lucy war der Feind.
Ohne näher darüber nachzudenken, schloss ich meine Hand zur Faust, wodurch der Mechanismus in meinem Ring ausgelöst wurde. Die Hauchdünne Nadel fuhr aus. Ein Schritt nach vorne, eine kleine Bewegung mit dem Arm …
Lucy musste meine Veränderung spüren, denn ihr Redeschwall erstarb im gleichen Moment, als ich nach vorne auf sie zusprang. Der Überraschungsmoment war auf meiner Seite. Lucy wusste nicht mehr wer ich war und würde niemals glauben, dass von mir eine Gefahr ausging.
Raphael jedoch kannte mich. Bevor ich Lucy treffen konnte, sprang er auf, fing mich ab und riss mich zurück. Ich wehrte mich nicht. Manchmal hasste ich seine Reflexe.
Auch Tristan war plötzlich auf den Beinen und baute sich schützend vor Lucy auf. Ein Ausdruck der Verwirrung lag auf seinem Gesicht. „Was soll das, warum wolltest du sie schlagen?“
Ich ließ meine Hand locker und die Nadel fuhr zurück ins Gehäuse. „Ich wollte sie nicht schlagen“, sagte ich wahrheitsgemäß, ohne meinen Feind aus den Augen zu lassen. Die beiden Jungs konnten tun was sie wollten, ich würde keinen Skhän entkommen lassen, ganz egal wer es war.
„Und was bitte sollte dass denn?“
„Ich wollte einen weiteren Skhän zur Hölle schicken.“ Meine Stimme war so kalt, dass ich praktisch spüren konnte, wie sich Eiskristalle bildeten. „Und das werde ich auch tun.“
Raphaels Griff an meinem Arm verstärkte sich. „Nein, sie ist keine von ihnen. Hör ihr erst mal zu, dann wirst du verstehen.“
„Keine von ihnen? Sie hat es doch gerade zugegeben.“ Ich zog an meinem Arm, aber Raphael war nicht bereit mich loszulassen. „Sie ist Abschaum.“
Lucy versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, doch der Angriff hatte sie verunsichert. Das war wohl der Moment, in dem ihr klar wurde, dass sie die Frau vor sich nicht mehr kannte. „Was sollte das gerade?“
Ich antwortete nicht und zeigte keine Regung, sondern wartete einfach ab.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf, blieb aber hinter Tristan. Ich war ihr unheimlich. „Ich kann es nicht fassen. Glaubst du wirklich, dass du mich mit einem Schlag so einfach ausknocken kannst?“
„Lass es uns ausprobieren.“ Ein leichtes Lächeln erhielt Einzug in mein Gesicht. Sie hatte ja keine Ahnung, was bei einem Schlag von mir passieren würde.
Ihre Selbstsicherheit geriet leicht ins Wanken. Um dies zu überspielen, ging sie auf Konfrontation über. „Du hast gar nicht das Recht so herablassend zu sein. Du hast ja keine Ahnung was ich wegen dir durchmachen musste!“
„Es ist mir gleich, was du durchmachen musstest. Früher hast du es vielleicht geschafft mir Schuldgefühle einzureden, aber diese Zeiten sind vorbei. Mein Leben war auch nicht gerade ein Zuckerschlecken.“
„Ja“, höhnte sie. „In einem Palast zu leben, in dem man von vorne bis hinten bedient wird, ist wirklich ein Graus. Oh Hilfe.“
Diese Worte prallten einfach von mir ab. Sie wusste genau dass es nicht der Spaziergang war, den sie da beschrieb. Ich wartete darauf, dass sie noch etwas sagen würde, doch sie starte mich einfach nur an, so ergriff ich das Wort. „Nein“, sagte ich.
Das verwirrte die Drei ein wenig.
„Was nein?“, wollte Tristan wissen.
„Nein zu eurer Bitte. Ich werde meinen Freund nicht mit euch gehen lassen. Nicht mit einer Skhän.“ Ich richtete meinen Blick auf Tristan. „Und nicht mit jemanden der uns im Stich gelassen hat. Nicht mit einem Verräter.“ Dieses eine Wort traf ihn, aber es war mit egal. Er hatte uns grundlos verlassen und nun tauchte er mit ihr auf und wollte das ich meinen Freund mit ihnen ziehen ließ. Das konnten er so was von vergessen. „Und jetzt solltet ihr meine Haus verlassen, bevor es unschön wird.“
Tristan begriff, dass es nichts Weiteres zu besprechen gab. Er nahm Lucy bei der Hand, und führte sie Wortlos nach draußen. Dabei achtete er ganz genau darauf, dass Lucy mir nicht zu nahe kam. Mit einem letzten traurigen Blick auf mich verschwand er.
Langsam ließ Raphael mich los. „Ich bin gleich wieder da.“ Er ging zur Tür, aber bevor er hinaustrat drehte er sich noch einmal zu mir um. „Weißt du, manchmal machst du mir wirklich Angst, Bambi.“
°°°°°
Die Tür schlug hinter ihm zu. Ich zögerte keine Sekunde und machte mich sofort daran, unseren Wagen Fahrtüchtig zu bekommen. Ich räumte Sachen weg, verstaute Gläser und andere zerbrechliche Dinge, damit sie die Fahrt überlebten. Wir mussten hier weg, auf der Stelle. Zwar glaubte ich nicht mehr, dass Lucy mich zurück ins Schloss bringen würde, aber ich würde es ihr zutrauen, dass sie dafür sorgte, dass es jemand anders tat, nur um mir eins auszuwischen. Ich würde nicht hier bleiben, um herauszufinden ob ich richtig lag. Wir waren sowieso schon viel zu lange an ein und demselben Ort. Es war an der Zeit weiterzuziehen und dieses Zusammentreffen hatte ich gebraucht, damit es deutlich wurde.
Draußen hörte ich einen Motor starten. Als Raphael wieder hereinkam, schloss ich gerade den Unterschrank unter der Spüle. Mit ihm sauste Elvis zurück in den Wohnwagen, bezog Posten auf unserem Bett, von wo aus er alles gut im Blick hatte.
Raphael beobachtete verwirrt, wie ich alles zusammenräumte. „Was machst du da?“
„Wonach sieht es denn aus?“ Ich nahm den Wasserkocher und stellte ihn auf seinen Reiseplatz in die Bank. „Wir müssen hier verschwinden. Ich werde nicht darauf warten, dass sie mich holen kommen und zurück bringen. Wir sind sowieso schon viel zu lange hier und … hey! Was machst du da?“
Raphael nahm mir zwei Bilderrahmen aus den Händen, die ich zu dem Wasserkocher packen wollte und stellte sie zurück auf ihren Platz auf dem Fensterbrett. Dann nahm er meine Hände in seine.
Er war ruhig, viel zu ruhig für eine solche Situation. „Wenn du weiter möchtest, dann fahren wir, aber ich glaube deine Entscheidung basiert auf falschen Gründen. Ich denke du hast ein paar Sachen missverstanden.“
„Was gibt es da falsch zu verstehen?“ Verstand er denn nicht, dass wir schnellstens weg müssen? „Lucy war hier und ich glaube nicht, dass es ein Höflichkeitsbesuch war, um unsere alte Freundschaft neu aufleben zu lassen.“
„Nein, aber …“
„Siehst du!“ Ich machte mich von ihm frei und ergriff erneut die Bilderrahmen. „Sie wird mich verraten. Ich konnte es in ihren Augen sehen. Sie hasst mich, wir können nicht länger hier bleiben.“ Ich knallte den Deckel von der Bank etwas zu laut zu und klemmte mir dabei auch noch den Finger ein. „Verdammt.“ Wütend sah ich auf die pochende Stelle, als sei es alles ihre Schuld, was passierte war. Ich wollte nicht weg, ich mochte mein Leben in Itzehoe und nur weil Tristan unbedingt dieses Weibsbild anschleppen musste, würde ich alles hinter mir lassen müssen.
Raphael nahm meine Hand und steckte meinen Finger in den Mund. Augenblicklich ließ der Schmerz nach. „Lucy war nicht hier, um dich zu verraten.“
„Und das weißt du weil?“
„Weil sie mir erzählt haben, was los ist und wenn du dich ein Augenblick beruhigen würdest, würde ich es dir auch gerne erzählen.“ Er sah mich erwartungsvoll an. „Wenn du danach immer noch auf deinem Standpunkt beharrst, werden wir gehen, aber erst hörst du mir zu, okay?“
Er wollte reden? Ausgerechnet jetzt? Lucy könnte diese Zeit nutzen und einen kleinen Anruf im Schloss tätigen. In weniger als einer halben Stunde würden Wachen auftauchen und mich zurück in mein Gefängnis bringen.
„Bitte“, fügte er hinzu, als er meine Unentschlossenheit wahrnahm.
Ich wog die Pro und Kontras ab und gab mich letztendlich seufzend geschlagen. Raphael würde nicht so handeln, wenn er glauben würde, dass mir eine Gefahr drohte. Er wollte genauso wenig wie ich, dass ich zurück in den Hof musste. „Na gut.“ Ich rutschte in die Essnische. „Aber ich hoffe diese Geschichte wird gut.“
„Gut ist nicht das Wort das ich dafür verwenden würde.“ Er setzte sich neben mich und verschränkte seine Finger mit meinen. Manchmal fand ich es schon faszinierend, dass wir nach all den Jahren immer noch wie frisch verliebte waren. Egal was war, wir konnten nie genug voneinander bekommen. „Das alles fing an, als du den Hof verlassen hast. Du weißt doch sicher noch, das Prinz Alessandro hinter Lucy her war.“
Ich nickte bestätigend. „Und ich weiß auch, dass sie ihn zusammengeschlagen hat und anschießend verschwunden ist, um den Zorn der Alphas zu entgehen.“ Als er überrascht die Augenbraue hob, sagte ich nur: „Samuel.“
„Du wusstest es?“
„Ich habe nichts gesagt, weil ich Tyrone nicht beunruhigen wollte. Er war sowieso schon schon völlig fertig, weil …“ Ich stockte, als mir plötzlich etwas klar wurde. „Deswegen ist er gegangen, wegen Lucy und nicht wegen dem Mädchen, das Vivien so ähnlich sah.“
Raphael nickte. „Nachdem sie abgehauen ist, hat sie ihn angerufen. Sie wusste nicht an wen sie sich sonst wenden sollte.“ Ein leichtes Lächeln zog in sein Gesicht. „Hat irgendwie viel Ähnlichkeit mit deiner Geschichte.“
Dazu sagte ich nichts.
„Wie dem auch sei. Tyron wusste dass du auf Lucy nicht mehr gut zu sprechen bist, deswegen kam er nicht zurück. Die beiden versuchten auf einem anderen Weg nach Vivien zu suchen. Tyrone kapselte sich von den Themis ab und schaffte es Lucy bei den Skhän einzuschleusen. Er erhoffte sich so Hinweise auf Viviens Verbleib. Es hat lange gedauert, bis Lucy so viel Vertrauen entgegengebracht wurde, dass man sie auch in die internen Aufgaben mit einbezog. Sie ist dort jetzt so was wie eine Chefsekretärin. Sie hat in alles Einsicht und ist vor ein paar Tagen auf eine Art Sammelstelle für Sklaven gestoßen. Dort werden wohl viele Leute untergebracht, bevor sie an die Händler gehen. Laut ihren Informationen sollen dort zurzeit fast hundert Lykaner und Vampire sitzen.“ Für einen Moment verfiel er in Schweigen und ich wusste woran er dachte. An all die Leute, die wir in den letzten Jahren befreit hatten, an all das Leid das wir dabei zu sehen bekommen hatten. „Tyrone hat sich bei Romeo gemeldet und so herausbekommen, wo wir uns zurzeit aufhalten. Dieses Lager soll hochmodern sein und sie brauchen den besten Einbrecher den die Themis zu bieten haben.“
„Und da dachte er, dass er nach all der Zeit einfach mal zu einer Tasse Kaffee vorbei kommt und fragt ob du nicht Lust hättest ihm aus der Patsche zu helfen.“
„Im Grunde ja.“
Ich senkte den Blick auf den Tisch. Dass Raphael der Beste in seinem Gebiet war, wusste ich. Nicht selten waren wir deswegen durch ganz Europa und über die Grenzen hinaus gereist. Wegen unserer Arbeit bei den Themis hatte ich in den letzten Jahren mehr von der Welt gesehen als die ganzen Jahre davor.
Raphael war gut und ich verstand warum sie ihn brauchten, warum die Leute in diesem Lager ihn brauchten. Nur der Gedanke daran, dass Lucy ihre Finger im Spiel hatte, gefiel mir nicht. Ich traute ihr nicht über den weg. Niemals würde ich vergessen, wie sie versucht hatte, mich in Silenda einzufangen, damit ich zurück in mein Gefängnis konnte. Den Ausdruck in ihrem Gesicht, diese Wut, als ich vor ihrer Nase verschwunden war, hatte sich in meine Erinnerung gebrannt. Sie hasste mich und ich traute ihr zu, dass sie Raphael benutzte, um mich zu kriegen.
„Wir müssen ihnen helfen, Bambi. Wir können sie wegen eurem Zwist nicht im Stich lassen.“
„Ich weiß“, gab ich zu. „Wo liegt das Lager?“
„In der Nähe von Magdeburg.“
„Wann treffen wir uns mit ihnen?“
Ein liebevolles Lächeln erhielt Einzug in sein Gesicht. „Ich wusste dass ich mich auf dich verlassen kann.“
Klar konnte er das. Was hatte ich den sonst für eine Wahl? Wenn ich diese Leute im Stich ließe, würden sie mich in meinen Träumen verfolgen und Alpträume hatte ich noch immer mehr als genug. Ich brauchte keine weiteren.
„Morgen Abend wollen sie die Aktion starten. Fünf Stunden Fahrt liegen vor uns.“
„Das heißt wir brechen morgen Mittag auf“, folgerte ich. „Dann kann ich mich noch von Nathan verabschieden.“
Sein Blick wurde ein wenig weicher. „Wir können danach wieder herkommen.“
Ich schüttelte bereits den Kopf, bevor er geendet hatte. „Nein, können wir nicht. Lucy darf nicht wissen wo ich bin.“
Da er mir nicht widersprach, sah er es wohl genauso. „Es tut mir leid.“
„Warum? Bist du der Grund warum wir wegmüssen?“
Darauf brauchte er nicht antworten. Er hob meine Hand an die Lippen und hauchte mir einen Kuss auf die Knöchel. „Spanien soll um diese Jahreszeit sehr schön sein. Wenn der Auftrag erledigt ist, könnten wir dort hinfahren.“
Ich nickte nur. Ich wollte gar nicht weg, aber es war an der Zeit die Zelte abzubrechen.
„Wir könnten in einer Woche da sein und die Landschaft ist sehr schön.“
Als wenn es auf die Landschaft ankommen würde. „Ich geh duschen“, sagte ich und machte mich von ihm frei. Mir war klar, dass er mich nur trösten wollte, aber das war leider etwas, bei dem er mir nicht helfen konnte. Damit würde ich allein klar kommen müssen. Und ich musste mit Roger sprechen, damit er Lucy in Zukunft nicht mehr erzählte, wo ich mich befand.
Eine knappe Stunde später lag ich neben Raphael im Bett. Etwas Zeit zum nachdenken war nötig gewesen, damit ich mich besser fühlte. Zwar war ich von unseren Plänen noch immer nicht begeistert, woran allein Nathan schuld war, aber Gefühle waren an dieser Stelle falsch. Es war Zeit zu gehen und hey, Spanien hörte sich doch gar nicht so schlecht an. Wir würden morgen kurz nach Sachsen-Anhalt düsen und dann weiter in die Sonne. Vielleicht würde ich Zeit finden mich an einen Stand zu legen und im Meer zu baden.
Ich kuschelte mich näher an Raphael und genoss seinen warmen Atem, der über meinen Nacken streifte, als seine Lippen sich dort ihren Pfad suchten. Das Kribbeln, das nur er bei mir auslösen konnte, prickelte durch mich hindurch und erinnerte mich an das erste Mal, als wir uns ineinander verloren hatten. Ich konnte mich daran erinnern, als wäre es gerade erst passiert. An die Gefühle die er bei mir ausgelöst hatte. Das war wohl der Moment gewesen, in dem er mein Vertrauen zurückgewonnen hatte. Ich hatte mich von ihm durch diese Erfahrung führen lassen und es nicht bereut. Damals nicht und bei keinem der Male danach.
Wenn es wirklich mal schwer für uns war, wenn die Zeiten nicht einfach waren, dann war allein seine Nähe das, was mich dazu bewog weiter zu machen. Er war mein Licht in der Dunkelheit, etwas an das ich mich immer klammern konnte.
„Schatz?“
„Hm.“ Sein Mund glitt auf meine Schulter, während seine Finger über meine Taille strichen, die empfindliche Stelle suchten, die bei mir immer eine Gänsehaut auslöste.
Ich drehte mich auf den Rücken, um ihn sehen zu können. „Du hast das ziemlich gut aufgenommen, dass Tyrone hier aufgetaucht ist.“
Er stellte sein Küssen ein und sah mich an. In seinem Gesicht rangen Unmut mit Gleichgültigkeit und Freude. Ein Spiel von Gefühlen das er immer bekam, wenn die Sprache auf seinen Bruder fiel. „Als ich Tyrone in der Tür gesehen habe, hab ich ihm eine verpasst.“
„Du hast ihn geschlagen?“ Plötzlich erinnerte ich mich an den leicht lädierten Eindruck, den die beiden auf mich gemacht hatten. „Ihr habt euch geprügelt“, stellte ich fest. Das hätte ich mir eigentlich denken können.
„Er hat es verdient“, sagte er. „Und wäre Lucy nicht eingeschritten, hätte ich gewonnen.“
Das zauberte mir ein kleines Lächeln ins Gesicht. Raphael war stark, aber gegen einen Lykaner konnte er nur schwer bestehen, besonders gegen einen mit Namen Tristan. „Das hättest du“, stimmte ich ihm in der Inbrunst der Überzeugung zu. Damit war die Plauderstunde beendet. Raphael ließ es nicht zu, dass ich noch etwas Weiteres sagen konnte. Er verschloss meinen Mund einfach mit seinem und beschenkte mich mit Erfüllung, wie nur er es konnte.
Ich liebte ihn, so sehr.
Die Nacht war schon lange hereingebrochen, als wir unseren Schlaf fanden, aber wie so oft, schlief ich nicht gut. Alpträume plagten mich, Alpträume von der Zeit im Hof und dem Grauen, dem ich nachjagte. Über all dem Stand das Gesicht von König Isaac.
Als ich aufstand, war es noch dunkel. Raphael schlief noch tief und fest und um ihn nicht zu stören machte ich mich leise daran, den Wagen fahrtüchtig zu bekommen. Später half er mir dann dabei. Wir ließen uns an diesem Morgen viel Zeit beim Frühstück. Unsere Gespräche drehten sich über den bevorstehenden Abend und diese Aufregung, die vor jedem Auftrag von mir besitzt ergriff, versagt auch an diesem Tag nicht ihre Arbeit.
Ich zog eine schwarze Jeans an, dazu ein passendes Tanktop. Mein Ring durfte natürlich auch nicht fehlen. Dann fehlte nur noch die Kette. Ich verließ das Haus nur noch selten ohne diese Sachen, denn sie hatten mir bereits mehr als einmal den Arsch gerettet.
Raphael bekleidete sich mit einer Bluejeans und einem schwarzen Rollkragenpulli. Nachdem ich mir noch meine Lederjacke angezogen hatte – heute vergaß ich sie mal nicht – stieg ich hinter ihm aufs Motorrad. Es war an der Zeit sich von Nathan zu verabschieden. Etwas so schweres hatte ich schon lange nicht mehr getan. Es war falsch von mir gewesen, jemand so weit in mein Herz zulassen. Von Anfang an hatte ich gewusst, was passieren würde und jetzt musste ich mit dem Ergebnis leben.
Die Umstände drückten mir aufs Gemüt, als ich vor der Bar vom Motorrad stieg. Vorne in der Tür hing noch das geschlossen Schild, aber ich konnte Nathan durch das Schaufenster am Tresen herumwerkeln sehen. Für ihn war das ein ganz normaler Tag in seiner normalen Welt. Und für mich? Es war zumindest nichts Neues.
Raphael schob sein Visier hoch. „Soll ich mit reinkommen?“
Im Laden bemerkte Nathan mich und winkte mir zu.
Ich schüttelte den Kopf. Da war etwas, dass ich allein machen musste. „Es wird nicht lange dauern, bin gleich zurück.“ Ich nahm den Helm vom Kopf und betrat ein letztes Mal Nathans Hölle. Wie oft ich auf diesen Weg den Laden betreten hatte, wusste ich gar nicht mehr. Es würde mir fehlen. Zwar war ich kein Arbeitstier geworden, aber mit den Streunern zusammen hatte es immer Spaß gemacht. Selbst Inventur und das sollte schon etwas heißen.
Als ich ich die Tür hinter mir schloss, blickte er von der Kasse auf. „Ein bisschen früh, oder?“
Ich zuckte nur mit den Achseln, ließ die Finger über das abgenutzte Holz des Tresens gleiten.
„Was ist los?“
Es dauerte einen Moment, bis ich aufsah. Das war wirklich noch schwerer, als ich geglaubt hatte. Mir wurde klar, dass es ein Fehler gewesen war hierher zu kommen. Ich hätte einfach gehen sollen.
Ich versuchte ein Lächeln aufzusetzen. Gute Miene zum bösen Spiel, so sagte man doch immer. Ich wollte die Wahrheit sagen, doch als ich den Mund öffnete, kam eine Lüge heraus. Ich war im Lügen so gut geworden, dass ich sie manchmal selber nicht von der Wahrheit unterscheiden konnte. „Nichts“, log ich. „Ich brauche heute nur frei.“ Leider schaffte ich es nicht, ihm in die Augen zu schauen.
Er runzelte die Stirn. „Und jetzt versuchen wir es noch mal mit der Wahrheit.“
Verdammt. „Wie kommst du darauf, dass ich nicht die Wahrheit sage?“
„Du meinst, davon abgesehen, dass du sonst anrufst, wenn du nicht kommen kannst?“ Er warf das Handtuch neben die Spüle und kam um den Tresen herum. „Du siehst aus, als würdest du gleich deinen besten Freund zu Grabe tragen. Also raus damit.“ Er legte mir eine Hand auf die Schulter. „Was ist los?“
Ich konnte nicht. Wie sollte ich ihm das erklären? Am liebsten hätte ich ihn mir einfach in die Hosentasche gesteckt und mitgenommen, aber das durfte ich nicht. Genauso wenig wie ich ihm erzählen durfte, warum ich ging, oder wohin. Ich durfte ihm gar nichts erzählen und das machte mich echt fertig. Ich würde ihn mit nichts als einer Lüge zurücklassen.
„Hat es etwas mit den beiden Königswölfen in deiner Schuhschachtel zu tun?“
Ja, so könnte man es sehen. „Das ist keine Schuhschachtel, das ist mein Haus.“ Sag es einfach. Nicht die ganze Wahrheit, aber auch nicht nur die Lüge. Ich biss mir auf die Lippe.
„Ist das ein ja?“
„Ich muss gehen Nathan.“ Da, es war raus.
„Das ist doch nichts Neues, das machst du immer Mal wieder.“
Ich schaute ihn nur stumm an.
Er schwieg einen Moment. „Wann wirst du wiederkommen?“ Seine Stimme war traurig, als wüsste er die Antwort bereits, hoffte aber dennoch, dass er sich irrte. Als ich weiter schwieg und darum betete, dass ich nicht in Tränen ausbrach, seufzte er. „Manchmal wünschte ich wirklich, du würdest es mir dein Geheimnis einfach verraten.“
Das konnte ich nicht. Jetzt nicht und niemals. Er hatte ein Leben, ein ganz normales und ich würde es nicht aus selbstsüchtigen Gründen ruinieren. „Ich kann nicht.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust, sah mich im Laden um. Die Stille wurde zusehend bedrückender. „Ich muss gehen“, sagte ich schließlich und drehte mich zur Tür.
„Du wirst nicht wiederkommen, oder?“ Er klang traurig und das machte es mir noch schwerer. Konnte er nicht wütend werden und mich mit einem Arschtritt zur Tür hinausbefördern? Immerhin ließ ich ihn ohne ein Wort der Klärung zurück.
Meine einzige Erwiderung war ein Kopfschütteln.
„Und du wirst mir auch nicht sagen warum.“
„Nein.“ Ich schaute ihn noch ein letztes Mal an. „Grüß Cooper von mir.“ Damit verließ ich Nathans Hölle.
Raphael lehnte mit gekreuzten Beinen an seiner Maschine und hielt mir meinen Helm entgegen. Wortlos setzte ich ihn auf meinen Kopf und sobald er im Sattel saß, schwang ich mich hinter ihn.
Durch mein Visier warf ich noch einen letzten Blick durch das Schaufenster.
Nathan stand noch immer dort, wo ich ihn zurückgelassen hatte und beobachtete uns nachdenklich.
„Bereit?“, fragte Raphael.
Ich nickte. „Ja, lass uns fahren.“ Besser würde es eh nicht werden.
Er drücke einmal mein Bein, dann ließ er den Motor aufheulen und wir machten uns auf den Weg.
°°°
Ich rieb meinen behandschuhten Hände aneinander und rückte die schwarze Wollmütze auf meinem Kopf zurecht. Vor meinem Mund bildeten sich kleine Atemwölkchen. Es war wieder so weit, ein weiteres Mal würde ich die Ungerechtigkeiten des Lebens einen fetten Tritt in den Allerwertesten verpassen. Naja, sobald wir die Besprechung hinter uns gebracht hatten.
Die Nacht war kalt, der Himmel klar und der Mond tauchte die alte Fabrikhalle vor uns in finstere Schatten. Sie war unser Treffpunkt für die heutige Mission. Abgelegen genug, damit niemand zufällig über uns stolpern konnte und doch kaum eine Stunde von unserem eigentlichen Ziel entfernt.
Hinter den halb zerbrochenen Fenstern leuchtete schwach Licht. Dunkle Gestalten huschten von links nach rechts. Hier draußen war alles ruhig, doch drinnen herrschte rege Betriebsamkeit. Das einzige was dieses Bild störte, waren die vielen Fahrzeuge draußen auf dem rissigen Parkplatz.
Raphael ließ die Wagenschlüssel vom Trailer in seiner Hosentasche verschwinden. Sein Motorrad stand sicher verstaut hinten im Anhänger. „Alles okay bei dir?“
Nein, nichts war okay, aber ich hatte mich entschieden. Ich wurde hier gebraucht. „Hör auf mich das ständig zu fragen.“
„Nun, wenn du mal antworten würdest, müsste ich nicht ständig fragen.“ Er schaute zum Fenster des Trailers, wo Elvis saß und uns still beobachtete.
„Ich antworte immer.“
„Nein, du weichst immer aus.“
Dem konnte ich leider nicht widersprechen. Im Moment blieb mir aber auch nichts anderes übrig. Wenn ich mich jetzt mit meinen Gefühlen auseinandersetzten würde, könnte ich nicht mehr an der Mission teilnehmen und die Themis konnten heute jede Hand gebrauchen. Eine so große Befreiungsaktion hatten wir noch nie gestartet und es würde schon so schwierig genug werden. Keine Zeit vorher noch für mein Seelenheil zu sorgen. „Lass uns einfach gehen“, bat ich ihn daher.
Diese Erwiderung schien ihn nicht zufrieden zu stellen und trotzdem nahm er meine Hand und führte er mich mit einem „Okay“ auf die zerbeulte Eingangstür zu. Aber ich sah ihm an, dass das Thema damit noch nicht abgeschlossen war. Wir würden noch darüber reden, nachher, wenn alles vorbei war.
Bisher wussten wir noch nicht allzu viel. Zwar hatten wir während der Fahrt hierher mit Roger telefoniert, um einen groben Überblick zu bekommen, doch was wirklich auf uns zukam, erkannte ich erst, als ich hinter Raphael in die alte Fabrikhalle schlüpfte und das ganze Ausmaß dessen sah, was uns bevorstand.
Das Gemurmel von hundert verschiedenen Stimmen begrüßte uns und zum ersten Mal begriff ich, was Miguel und Murphy mit den Jahren auf die Beine gestellt hatten. Die Themis waren keine Zwerge, die mit Zahnstochern gegen Drachen kämpften, mittlerweile waren wir eine ernstzunehmende Macht und heute Nacht würden wir eine so tiefe Wunde in das Herz der Skhän reißen, dass sie hoffentlich sehr lange brauchen würden, um sich davon zu erholen.
Nach einem kurzen Rundblick stellte ich fest, dass ich keinen der Anwesenden kannte, doch die nur allzu vertraute Stimme von Luna erreichte mich schon, kaum dass ich ein paar Schritte in die Halle hinein getan hatte. So wie es sich anhörte, war Hanna auch mit von der Partie. Ja, die lebte immer noch. Steinalt, aber einfach nicht totzukriegen. Und nach wie vor das dreckigste Maul, das ich je kennenlernen durfte.
Wir schoben uns durch das Gedränge in den hinteren Bereich, wo eine große Tischgruppe aufgebaut worden war: Die mobile Kommandozentrale. Neben Migule entdeckte ich dort auch Roger. Mittlerweile war er zum wichtigsten Berater der Gruppe geworden, was nicht nur an seiner Ausbildung als Umbra lag. Abgesehen von Miguel selber, gab es hier wohl keinen anderen, der so verbissen Jagd auf die Skhän machte.
Neben den beiden standen auch noch andere Themis um den Tisch herum und beugten sich über die Karten und Papiere. Die meisten von ihnen waren mir unbekannt, wen ich jedoch erkannte, waren die beiden Personen links neben Roger: Tristan und Lucy.
Der Anblick der beiden erinnerte mich an das, was ich heute verloren hatte. Eine heiße Wut, wie ich sie schon seit Jahren nicht mehr gespürt hatte, machte sich in mir breit und ich schaffte es nur mit sehr viel Willenskraft mein Knurren runterzuschlucken und mich zwischen Roger und Romy an den Tisch zu stellen. Von der Seite kam Future und drückte mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange. Ich ließ es geduldig über mich ergehen und musste schmunzeln, als Raphael sie wegschubste.
Lucy begann damit den Aufbau und die Besonderheiten des Großlagers der Skhän zu erläutern. Sie zeigte uns Fotos der Anlage und des Sicherheitssystems. Raphael bekam eine Einweisung in die elektronischen Schlösser. Wenn mich nicht schon die schiere Anzahl der Anwesenden darauf aufmerksam gemacht hätte, dann würde es spätestens diese Einweisung tun: Das war die größte Aktion, die die Themis jemals an Angriff genommen hatten.
Wir wurden in fünf Gruppen aufgeteilt. Die Gruppe, in der ich der Teamleiter war, würde vorangehen und unseren Leuten Haus und Hof öffnen. Die zweite Gruppe würde die Türen sichern, damit man uns nicht den Fluchtweg abscheiden konnte. Die dritte Gruppe würde uns auf dem Fuß folgen und die Sklaven nach ihrer Befreiung sofort rausbringen. Die vierte Gruppe war unsere Rückendeckung. Sie würde draußen aufpassen und gegebenenfalls einen Ablenkungsmanöver starten, falls es nötig sein sollte. Die letzte Gruppe blieb bei den Autos zurück. Sie würde dafür sorgen, dass wir jederzeit abfahrbereit waren und die Erstversorgung der Sklaven vornehmen.
Migule zeigte auf den Grundrissen, wo jeder von uns sein musste. Neben Raphael, Romy und dem kleinen Klugscheißer Sergio, würde ich auch das Sagen über Tristan haben. Was ich davon halten sollte, wusste ich nicht so wirklich. Klar ich hatte ihn vermisst, aber … genau das war das Problem, dieses Aber.
Lucy selber würde nicht am Überfall teilnehmen. Ihre Deckung durfte nicht auffliegen. In den Reihen der Skhän war sie einfach zu wertvoll für uns. Also musste sie zurückbleiben. Wenigstens etwas Positives. Hätte ich mich auch noch mit ihr herumschlagen müssen, wäre ich wahrscheinlich noch vor unserem Aufbruch an die Decke gegangen. Es gab eben einfach Situation in denen man nicht mehr zusammenfand und auch wenn sie einmal meine beste Freundin war, so würde hier eine Versöhnung niemals möglich sein. Dafür war einfach zu viel passiert.
Etwa eine halbe Stunde später, als alles soweit besprochen war, zog ich mich ein wenig an den Rand zurück und wählte die einzige Nummer, die noch in Verbindung mit meinem alten Leben stand. Samuel. Er nahm beim sechsten Klingeln ab. „Hmh?“ Er hörte sich verschlafen an.
Ich lächelte. Wir beide hatten es zu einem Ritual gemacht, dass ich ihn vor einem jeden Auftrag anrief. Naja, eigentlich eher ich, weil er ja nicht wusste was ich den ganzen Tag so trieb. „Hallo, du kleines Genie.“
„Hallo, Cayenne.“ Samuel war der einzige, die mich heute noch so nannte. Er war jetzt offiziell zwölf und hatte es mittlerweile aufgegeben, Leah als Android enttarnen zu wollen. Stattdessen hatte er es zu einem Sport erkoren, die Alphas in den Wahnsinn zu treiben. Wenn etwas seinen Unmut erregte, ließ er Dinge wie von Geisterhand, selbst aus verschlossenen Räumen, verschwinden. Wichtige Dinge, die erst Tage später wieder auftauchten. König Isaac hatte deswegen wohl schon mehr als einen Wutanfall bekommen und selbst Kai hatte er damit aus der Ruhe bringen können. „Gibt es eigentlich einen Grund, warum du mich immer mitten in der Nacht anrufst? Nicht dass ich mich nicht freuen würde.“
„Soll ich mich lieber melden, wenn du mit Isaac bei Tisch sitzt? Er wäre bestimmt hoch erfreut von meiner Wenigkeit zu hören.“
„Auch wenn es biologisch gesehen nicht möglich ist, würde ich behaupten, dass in einem solchen Fall sein Blutdruck derart schlagartig ansteigt, dass sein Kopf einfach explodiert.“
„Interessante Theorie. Vielleicht sollten wir die bei Gelegenheit mal ausprobieren.“
Samuel gluckste. „Davon würde ich abraten. Nicht nur wegen der möglichen Sauerei. Die Wahrscheinlichkeit des Gelingen dieses Experiments liegt praktisch bei Null. Die Konsequenzen für dich stehen in keinem Verhältnis zum gewünschten Ergebnis.“
Äh … ja. „Wir haben uns schon mal über Sarkasmus unterhalten, oder?“
Erst schwieg, dann seufzte er. „Mutter sagt, Sarkasmus sei ein Schutzmechanismus.“
„Ach echt? Mir hat man immer gesagt, Sarkasmus sein nur etwas für intelligente Leute.“
„Du hältst dich wohl für sehr witzig.“
„Manchmal.“ Ich schaute mich nach Raphael um, konnte ihn in diesem Gedränge aber nicht ausmachen. „Und, gibt’s bei dir was Neues?“
„In der Tat. Pandora ist im zweiten Monat schwanger.“
Noch ein Kind? Reichte Kaidan nicht der zweijährige Elias? In solchen Momenten fragte ich mich, warum sie mich hatten ins Schloss holen müssen, wenn sie sich sowieso wie die Karnickel vermehrten. „Dann wäre es wohl angebracht zu gratulieren.“
„Dem muss ich widersprechen. Wenn ich das korrekt kalkuliert habe, steigt mit einem weiteren Baby in der Familie das Maß der Dezibel in einen Gefahrenbereich.“
Ich überlegte mehrere Sekunden. Ich verstand die Worte, aber nicht was er damit ausdrücken wollte. Darum fragte ich: „Was?“
Er seufzte, als hätte wäre er es leid, seine Worte für einen Laien verständlich zu machen. „Zwei Babys machen mehr Krach als eines und Elias ist schon ein richtiger Schreihals.“
„Elias ist doch kein Baby mehr, er ist zwei.“
„Und trotzdem werde ich meinen Wohnsitz in den Stall verlegen, sobald Kais zweites Baby da ist. Die Pferde riechen zwar unangenehm, aber die sind wenigstens nicht so laut.“
„Ja, aber Babys tragen wenigstens Windeln. Pferde kacken wo sie gerade gehen und stehen.“
„Ich würde mich ja nicht in eine Box legen.“ Es knisterte in der Leitung, als er sich zurecht setzte. „Und was gibt es bei dir Neues? Wo befindest du dich gerade?“
„Du weißt dass ich dir das nicht sagen werde.“ Auf der Suche nach meinem Freund ließ ich den Blick ein weiteres Mal durch den Raum schweifen.
„Wenn ich dich in einem Moment der Achtlosigkeit erwische, könnte es dir herausrutschen.“
„Und was würdest du machen, wenn du diese Information von mir bekommst?“ Ah, da war er ja. Er stand bei Tristan und Lucy hinten bei der Wand und unterhielt sich mit seine Bruder. So enttäuscht er von Tristan auch war, er hatte ihn vermisst.
„Keine Ahnung“, sagte Samuel.
Von Wegen. Wir wussten beide, dass das nicht stimmt. Er würde versuchen mich zu finden, wenn auch nur um sich zu versichern, dass er es konnte. Aber das war zu gefährlich, sowohl für ihn als auch für mich. Niemand durfte je erfahren, dass wir beide regelmäßigen Kontakt hatten. „Sag mal, wie geht es Sydney? Hat er sich erholt?“ Bei meinem letzten Anruf hatte Samuel mit mitgeteilt, dass Sydney sich mit Umbra Logan angelegt hatte. Wie man sich schon denken konnte, war das für ihn nicht gut ausgegangen. Was ihn zu dieser immens dummen Tat getrieben hatte, wusste keiner außer den beiden.
Das war nicht sein erster Zusammenstoß dieser Art gewesen. In den letzten Jahren war es ein paar Mal vorgekommen und ich befürchtete, dass es etwas mit mir zu tun hatte, weil das kurz nach meinem Anruf bei ihm angefangen hatte. Ich wusste nicht, was meinen sonst so ruhigen und ausgeglichenen Mentor dazu bewog, so auszurasten. Dieses Verhalten machte mir ehrlich sorgen.
„Sydney geht es besser. Glaube ich. Zumindest habe ich ihn heute im Garten gesehen. Du weißt schon, unter dem Baum unter dem er immer liegt.“
Ich wusste nur zu genau, von welchem Baum sie sprach. „Das ist gut“, sagte ich und scharte mit den Beinen auf dem verdreckten Betonboden. „Und deiner Mutter? Wie geht es ihr?“ Hatte sie mit meiner Mutter gesprochen?
Diesen Teil der Frage konnte ich leider nicht laut aussprechen, auch wenn er mir jedes Mal auf der Zunge lag.
„Sie hat sich wieder mit Vater gestritten.“ Er versuchte das neutral zu sagen, doch ich hörte den Kummer in seiner Stimme. Samuel war keine fünf mehr, wenn es zwischen seinen Eltern Stress gab, bekam er es mit. „Ich weiß nicht worum es ging.“
Wahrscheinlich wieder um eine seiner vielen Affären. Alessandro war doch echt ein Mistkerl. „Vielleicht hat er den Hochzeitstag vergessen.“
„Der war im Sommer.“
Mist. „Dann hat er vielleicht irgendwelche wichtigen Papiere verlegt.“
„Mutter vertraut Vater keine wichtigen Dinge an. Sie sagt, er sei zu unzuverlässig.“
„Dann hat er vielleicht einfach neben das Klo gepinkelt.“ Ja, mir gingen die Ideen aus, aber da Samuel daraufhin gluckste, hatte ich ihn wohl ein kleinen wenig aufgemuntert.
Als ich mich ein wenig drehte, sah ich Roger in meine Richtung kommen. Er war in ein Gespräch mit Miguel vertieft. „Du, ich muss jetzt auflegen, ich hab noch was vor.“
Er schwieg einen Moment. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass du immer anrufst, wenn du anschließend noch etwas vorhast?“
„Ich bin halt eine vielbeschäftigte Frau.“ Und es fiel mir leichter mit ihm zu sprechen, wenn ich mich anschließend ablenken konnte. Diese kleinen Ausflüge in die Vergangenheit hinterließen bei mir immer ein beklemmendes Gefühl.
„Trotzdem würde ich es vorziehen, nicht immer nur für fünf Minuten aus dem Bett geklingelt zu werden.“
Als Roger an mir vorbeilaufen wollte, hielt ich ihn am Arm fest. „Ich werde sehen, was sich machen lässt. Schlaf jetzt schön und halt die anderen immer schön auf Trapp.“ Bevor er die Chance hatte noch etwas zu sagen, legte ich einfach auf und nahm Roger ein Stück zur Seite. „Ist es möglich bei der Gruppenzuordnung noch etwas zu ändern?“
Über der Brille zogen sich seine Augenbrauen zusammen. Die Zeit des Kummers hatte ihn älter werden lassen, viel älter als jeden anderen von uns. „Ändern?“
Kurz war ich versucht lange um den heißen Brei herumzureden, doch dann entschied ich mich für den direkten Weg. „Ich möchte, dass du Tyrone einer anderen Gruppe zuteilst.“
Das überraschte ihn. „Warum?“
Ich zuckte nur die Schultern, weil ich keine Lust hatte mich zu erklären.
„Du willst ihn nicht bei dir haben“, erkannte er dann von alleine ganz richtig.
Was sollte ich noch groß dazu sagen? „Ich denke einfach, es wäre für alle Anwesenden leichter.“
„Ich habe ihn extra zu dir getan. Er, Ryder und du, ihr wart immer so ein gutes Team.“
„Du weißt, das wir das schon lange nicht mehr sind und ich … naja, es wäre mir halt einfach lieber, wenn er nicht …“ Ich ließ den Satz offen. Bei diesen Worten kam ich mir selber eklig vor. Ich hatte nicht viele Leute, denen ich vertraute. Andererseits hatte das Vertrauen zu Tristan unter seinem Verschwinden stark gelitten. „Ich glaube einfach, dass es besser wäre.“
„Wenn du es für besser hältst.“ Er war nicht überzeugt, trotzdem kehrte er mir den Rücken und lief durch die Halle zu Tristan rüber.
Ich folgte ihm mit Blicken und so entging mir nicht der Moment, in dem Tristan es erfuhr. Drei Augenpaare sahen zu mir. Tristan traurig, Raphael verstehend und Lucy wütend. Ich hielt ihrem Blick stand. Mir war egal was sie dachte, es war einfach besser so. Klar, ich hatte mich gestern riesig gefreut Tristan wiederzusehen und ich war auch jetzt froh zu wissen wo er war und dass es ihm gut ging, aber er hatte uns im Stich gelassen. Außerdem hatte ich schon genug mit mir herumzuschleppen, ohne ihn …
Zwei Arme schlangen sich von hinten um mich und hoben mich hoch.
Überrascht stieß ich einen Schrei aus, erkannte aber am Geruch sofort, dass es Murphy war. Er wirbelte mich drei Mal im Kreis, bevor er mich wieder auf den Boden stellte und mich frech angrinste.
„Du musst Todessehnsucht haben“, knurrte ich. Das machte er immer wieder, obwohl es wusste, dass ich das nicht mochte. Wahrscheinlich tat er es gerade deswegen.
Sein Grinsen wurde nur noch breiter. „Ich habe gesehen, dass du deinen Ring noch nicht trägst.“
Ja, so makaber sich das anhört, mich zu erschrecken war nicht unbedingt der beste Weg für eine glückliche – und vor allen Dingen gesunde – Zukunft. Um ihn an einem weiteren Überfall zu hindern, zog ich den Ring demonstrativ aus meiner Tasche und steckte ihn über den hautengen Lederhandschuh. „Irgendwann werde ich dir noch mal richtig den Hintern versohlen.“
„Darauf wartet er ja nur.“ Raphael schlang von hinten die Arme um mich.
Ich lehnte mich an ihn und genoss seine Umarmung. „Und wahrscheinlich auch nicht mehr allzu lange.“
„Oh ja, das wäre die Erfüllung all meiner Träume“, bestätigte er mit einem Wolfsgrinsen.
„Ich glaub nicht, dass es allzu traumhaft für dich werden würde“, gab ich liebenswürdig zurück. „Aber mach nur so weiter, dann wirst du es schon herausfinden.“
„Du weißt schon dass du mir damit gerade die Erlaubnis gegeben hast, dich weiter auf die Palme zu bringen?“
Ein kleines Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. „Wie gesagt, mach nur weiter so.“
Er tätschelte mir die Schulter, dann wurde er ernst. „Sag mal, wer ist eigentlich der Rotschopf, der dich die ganze Zeit so ansieht, als wollte er dich vom nächsten Hochhaus schubsen, damit blutiger Fleck auf dem Asphalt endest?“
„Niemand“, sagte ich, während Raphael „Tyrones Freundin“ erwiderte. Ich stieß meinem Freund den Ellenbogen leicht in den Bauch. Das musste nun wirklich niemand erfahren. Lieber sollten sie Lucy mit einem Tritt und einer Aufforderung sich nie wieder bei uns blicken zu lassen, aus der Halle befördern. Ich taute ihr einfach nicht über den Weg.
Neugierig sah Murphy zwischen Lucy und uns beiden hin und her. „Und warum ist Tristans Freundin ein Niemand?“
„Das Miststück ist eine miese Verräterin, die mich für ihr beschissenes Leben verantwortlich macht“, sagte ich schlicht und löste mich von Raphael, da Roger das Zeichen zum Aufbruch gab. „Wir müssen los.“
Nach und nach setzte sich die ganze Meute in Bewegung und ging nach draußen auf den Parkplatz, um dort diverse Fahrzeuge zu besteigen. Darunter auch drei große Busse, mit denen wir die Sklaven in Sicherheit bringen würden. Ich half Raphael dabei das Motorrad vom Hänger zu holen und schwang mich dann hinter ihn in den Sattel. Unseren Trailer würden wir später abholen, wenn die ganze Sache vorbei war.
Die Fahrt dauerte nicht ganz eine Stunde und brachte uns zu einem alten Industriegebiet am Rande der Stadt. Wir fuhren nicht direkt dorthin, sondern sammelten uns ungefähr zehn Minuten davon entfernt auf einem Feld. Eine Reihe hoher Bäume bot uns Sichtschutz. Der Bauer wäre sicher begeistert, wenn er Morgen sehen würde, was wir mit seinem Acker gemacht hatten.
Sobald alle da waren, gab Miguel noch letzte Anweisungen. Future verteilte an die Teamleiter Knöpfe für die Ohren. Durch die konnten wir zwar nicht mit ihr sprechen, aber wir würden sie hören können. Sie war unser unsichtbares Auge, sie würde uns aus der Ferne über das Gelände führen und dafür sorge tragen, dass wir die Sicherheitssysteme umgehen konnten. Die Wagen wurden wieder gestartet. Sie würden näher heranfahren, um uns eine schnelle Flucht zu gewährleisten. Dann zogen wir uns unsere Tücher und Sturmmasken vors Gesicht und machten uns auf dem Weg.
Die Anspannung, die uns vom ersten Schritt an begleitete, war mit Händen zu greifen. Das war vor einem Auftrag immer so, denn keiner konnte wissen, was uns hinter diesen Mauern genau erwartete und wie es ausgehen würde. Wir konnten nur hoffen und beten, dass wir alle wieder heil aus der Sache rauskommen würden. Naja, alle bis auf die Skhän, die konnten zur Hölle fahren.
Während ich neben Raphael übers Feld lief, kontrollierte ich noch einmal meine Ausrüstung. Das war ein Ritual, das ich mir mit der Zeit angewöhnt hatte. Ich stellte sicher, dass meine Schmuckstücke leicht zu erreichen waren und die Mechanismen auch richtig funktionierten. Leider übersah ich dabei eine Kuhle im Boden und latschte voll hinein.
Ich stolperte nach vorne und wäre wohl mit all meiner Eleganz im Dreck gelandet, wenn da nicht plötzlich eine Hand gewesen wäre. Aber es war nicht Raphael, wie ich beim Aufblicken bemerkte, sondern Tristan.
Einen Moment schauten wir uns einfach nur an. Dann murmelte ich ein Danke und machte mich wieder von ihm los.
„Können wir reden?“
Reden? Jetzt? „Das ist wohl nicht unbedingt die passende Situation für ein klärendes Gespräch.“ Ich wandte mich ab und beeilte mich, um zurück an Raphaels Seite zu kommen.
So schnell wollte Tristan nicht aufgeben. Er kam einfach hinterher. „Ich musste es tun“, sagte er leise.
„Nicht jetzt Tristan.“
„Sie brauchte mich“, sagte er weiter. „Ihr nicht.“
Das hatte er jetzt nicht gesagt. Ich wirbelte so plötzlich zu ihm herum, dass er überrascht stehen blieb. „Du hast vollkommen recht, du warst uns immer nur ein Klotz am Bein. Wie haben wir es nur solange mit dir ausgehalten? Und dann erst dieser lächerliche Abschiedsbrief. Wie war das gleich noch mal gewesen? Es ist für alle das Beste, wenn du dich allein auf die Suche machst.“ Ich verengte die Augen. „Als wären wir dir eine Last gewesen, die dich behindert hat.“
Er erwiderte nichts.
„Und vielleicht hört sich das jetzt egoistisch an, aber hast du dir mal überlegt, was dein Verschwinden für uns für Konsequenzen hatte? Was du Ryder damit angetan hast? Oder auch mir?“ Ich trat an Stück an ihn heran. „Ich lebe mit einem Vampir zusammen, Tyrone. Du weißt wer ich bin, ich kann nicht einfach so zu anderen Lykanern gehen und das hat mich fast meinen Verstand gekostet.“
Seine Augen weiteten sich ein wenig. „Du meinst …“
Mein Nicken reichte als Bestätigung. „Klar, es lag nicht in deiner Verantwortung, schließlich bin ich selber daran schuld, wenn ich nicht daran denke. Und es kann dir auch egal sein, dass Miguel und Murphy zwei Wochen bei uns im Trailer gelebt haben, damit mein Hirn wieder richtig funktioniert. Oder dass Miguel deswegen jetzt auch ein Eingeweihter ist.“ Ich funkelte ihn an. „Du meinst wir hätten dich nicht gebraucht? Hast du dir das eingeredet, um dein Gewissen zu beruhigen? Du warst unsere Familie, Tyrone und du hast uns auf eine so miese Art betrogen, dass ich nicht einfach darüber hinwegsehen kann.“
Er schaffte es nicht meinem Blick standzuhalten und das lag ausnahmsweise einmal nicht daran, dass ich sein Alpha war. „Ich konnte Lucy nicht alleine lassen. Sie brauchte mich, aber zu euch konnte ich sie auch nicht bringen.“
„Lucy, natürlich. Eine hübsche Frau und schon rutscht das Hirn des Mannes in seine Hose.“
Dafür funkelte er nun mich an. „Das ist nicht wahr.“
„Ach nein? Wie lange kanntest du sie? Zwei Monate? Und die meiste Zeit davon hat sie dich wie Abschaum behandelt. Danach hast du sie fast zwei Jahre nicht mehr gesehen. Erzähl mir also nicht, dass es die Liebe war, die dich zu ihr zurückgetrieben hat.“
Einen Moment schien ihm eine scharfe Erwiderung auf der Zunge zu liegen, doch dann seufzte er einfach. „Okay, aus deiner Sicht muss es wirklich so aussehen, aber … du verstehst nicht. Du fühlst dich von ihr verraten, aber ihr geht es nicht anders. Zuerst hast du sie an diesen perversen Lüstling ausgeliefert und dann bist du einfach verschwunden, sodass sie alleine damit klarkommen musste. Du hast sie im Stich gelassen, Clem, nicht andersherum.“
Das schlug dem Fass doch echt den Boden aus. „Fang ja nicht an, mich mit ihr zu vergleichen“, knurrte ich. „Außerdem hat sie sich das alles selbst zuzuschreiben. Sie hat lieber eine Lüge geglaubt als mir zu vertrauen. Sie war meine beste Freundin, aber aus einem mir unerfindlichen Grund schien es ihr auf einmal leichter zu fallen mich zu hassen und das war bevor ich verschwunden bin. Diese Frau hat mich mein ganzes Leben lang belogen und ich habe es ihr verziehen, nur um mich dann wieder von ihr belügen zu lassen. Versuch also nicht mir die Schuld für diese Situation zu geben.“
Tristan drückte die Lippen aufeinander. Entweder er wusste nicht mehr was er dazu sagen sollte, oder er wollte diese Diskussion nicht weiter eskalieren lassen. Dabei war er es doch gewesen, der unbedingt hatte reden wollen.
In das Schweigen hinein trat Raphael an meine Seite und nahm meine Hand in seine. „Ich glaube wir sollten das auf später vertagen und uns lieber auf unsere eigentliche Aufgabe konzentrieren.“
„Vertagen?“ Ich schnaubte. „Ich habe nichts mehr dazu zu sagen.“ Damit drehte ich mich weg und zog Raphael mit mir zurück in die Menge. Dass Tristan uns folgte, ignorierte ich. Ich musste mich auf das konzentrieren, was vor mir lag, davon hingen Leben ab, doch jetzt konnte ich nur noch daran denken, was er gesagt hatte. Ich hatte Lucy im Stich gelassen? Ich hatte sie beschützt, während sie mich wieder belogen hatte! Ich war geblieben, damit ihr und Diego nichts geschah! Ich hatte doch nicht zulassen können, dass Isaac Samuel zwischen die Finger bekam. Er war nur ein kleiner Junge und im Gegenteil zu ihr, konnte er sich nicht gegen einen erwachsenen Mann wehren.
Und dann, als ich endlich etwas aus den Scherben meines Lebens gemacht hatte, nahm sie mir auch noch Tristan weg. Wie hatte dieser Trottel sich nur für sie entscheiden können? Sie war schließlich nichts weiter als eine weinerliche, kleine, missratene …
„Wenn du weiter so mit den Zähnen knirschst, wird dein Zahnarzt sich über den nächsten Besuch freuen“, bemerkte Raphael und drückte meine Hand. Den Kasten mit seinem Werkzeug trug er in einer Tasche auf seinem Rücken.
„Das ist das Einzige, was mich gerade davon abhält deinem Bruder für seine dummen Ausreden den Hals umzudrehen“, erklärte ich. „Was ist dir lieber, mich zahnlos, oder dass ich ihm mit einem Stöckelschuh in den Arsch trete?“
„Du besitzt gar keine Stöckelschuhe.“
„Ich könnte mir welche besorgen.“
Tristan schüttelte nur den Kopf. „Du benimmst dich kindisch.“
Also gleich platzte mir wirklich die Hutschnur, doch bevor ich Tristan dafür den Arsch aufreißen konnte, machte Raphael mir mit einem Blick deutlich, dass ich es für den Moment gut sein lassen sollte. Wir hatten die Baumreihe erreicht, nun trennte uns nur noch eine Straße und ein Dreimeter hoher Zaun von unserem Ziel.
Einen letzten, bösen Blick in Tristans Richtung konnte ich mir nicht verkneifen. Dann setzte ich mich an die Spitze meiner Gruppe, steckte mir den Knopf von Future ins Ohr und kauerte zwischen Raphael und Romy hinter den Bäumen, um mir das Ganze erstmal anzusehen. Wir würden von der Rückseite des Geländes aus eindringen. Das Lager lag im vorderen Bereich des Industriegebiets, weswegen hier hinten weniger Sicherheitsvorkehrungen waren. Dieses Gebiet war so abgelegen, dass um diese Zeit kein Mensch mehr unterwegs war. Glück für uns.
Ein paar vereinzelte Laternen und Lampen an den Gebäuden sorgten für ein wenig Licht. Es wirkte heruntergekommen und verlassen. Der Zaun allerdings war intakt und hinten an der einen Hausecke nahm ich eine Bewegung wahr. Wachen. Ich machte meine Leute mit einem Handzeichen darauf aufmerksam.
Raphael nickte und zeigte nach links.
Ja, da würden wir wahrscheinlich am Besten durchkommen. Mit den Augen suchte ich eine schöne dunkle Stelle im Schatten eines Gebäudes, an dem die Laterne scheinbar kaputt war und winkte meine Gruppe dann auf die Gegenüberligaende Seite.
Zwölf Mann huschten über die Straße und drückten sich dann an den Zaun. Mit einem letzten Blick versicherte ich mich, dass niemand zu sehen war und gab Sergio das Zeichen die beiden Bolzenschneider herauszuholen. Da es hier hinten keinen Eingang gab, machten wir uns einen eigenen.
Wir arbeiteten zügig und sobald ein großes Loch im Zaun war, hob ich den Arm steil in die Luft, damit die anderen Gruppen wussten, dass sie nun folgen konnten. Danach schlüpfte ich direkt hinter Raphael auf das abgesperrte Gelände und suchte hinter dem Gebäude Deckung.
Die Schatten waren tief genug, um uns alle zu verbergen, bis wir uns gesammelt hatten. Erst als auch Murphys Team vollständig mit dem auf dem Gelände war, ging es weiter zu den Wachposten, um sie auszuschalten. Wir waren so schnell, dass sie erst merkten wie ihnen geschah, als es bereits zu spät war. Diese hier würden niemanden mehr schaden können.
Von da an wies Future uns über den Knopf in meinem Ohr den Weg und machte uns auf Kameras in der Nähe aufmerksam, die wir meiden mussten. So huschten wir über das Gelände. Es ging nur langsam voran. Bis unser eigentliches Ziel endlich in Sichtweite kam, vergingen fast zwanzig Minuten, aber wir durften nicht zu hektisch vorgehen. Ein Fehler konnte viele Leben kosten. Doch dann lag es direkt vor uns, das Lagerhaus der Skhän.
Ich konnte es mit drei Worten beschreiben: Düster, verkommen, dreckig. Auf den ersten Blick würde niemand glauben, das hinter diesen Mauern mehr als ein paar Ratten hausten. Es war eine bereits vor langer Zeit geschlossene Fabrikhalle. Eingeschlagene Fenster, besprühte Wände und jede Menge Müll im halb verrotteten Gestrüpp.
Doch dieser heruntergekommene Eindruck täuschte. Nicht nur die beiden gelangweilten Wachen am Hintereingang deuteten darauf hin, aus unserer Deckung heraus konnte ich auch zwei Sicherheitskameras sehen.
„Hol den Sender heraus und richte ihn genau auf die Kameras“, wies Future mich über den Knopf in meinem Ohr an.
Also holte ich das kleine Gerät aus meiner Tasche, zog die Antenne heraus und richtete sie genau auf die Kamera über dem Hintereingang. Keine Ahnung wie sie von ihrem Bus aus damit das Bild stören konnte, aber es konnte ja auch nicht jeder von uns so ein Technikfreak sein wie sie.
„Okay, und jetzt die andere.“
Ich richtete den Sender auf die zweite Kamera und wartete. Langsam wurde die Nervosität und Aufregung in der Gruppe deutlich spürbar. Sie wollten endlich etwas tun. Doch erst als Future sagte „Okay, ich habe beiden Kameras eine Bildschleife verpasst“ gab ich das Zeichen zum Vorrücken.
Die beiden Wachen ahnten nicht was ihnen bevorstand.
Murphy und drei weitere aus seinem Team schwärmten nach links und rechts aus. Sie nutzten die Schatten als Deckung, um dann in einem günstigen Moment nach vorne zu stürmen und die beiden Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
Der Linke hatte überhaupt keine Chance. Murphy ragte so plötzlich hinter ihm auf und brach ihm das Genick, dass er tot war, bevor er merken konnte was los war. Der andere hatte noch Zeit erschrocken die Augen aufzureißen und nach der Waffe an seiner Hüfte zu greifen, ehe zwei unserer Leute ihn packten und ausschalteten.
„Okay“, flüsterte ich gab meiner Gruppe das Zeichen zum Vorrücken, während Murphy und seine Leute die Leichen zur Seite zerrten. Ich hatte kein Mitleid mit ihnen, das hatte ich mir schon vor langer Zeit abgewöhnt.
Geduckt liefen wir über das Areal zur Hintertür und stießen damit auf das erste wirkliche Hindernis. Auch wenn die Tür aussah, als würde eine kleine Berührung ausreichen um sie aus den Angeln zu schubsen, zeigte ein etwas genauerer Blick, dass das nur Tarnung war. Da war ein Sicherheitsschloss mit Kartenscanner. Zeit das Raphael seine Magie wirkte.
Er holte seine Kiste heraus und tat das, weswegen er hier war. Es verging eine Minute und noch eine.
Ich schaute nervös hin und her. Je länger wir hier waren, desto größer war die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden. Noch dazu standen wir direkt unter den Kameras. Wenn die Schleife von Future ausfiel, wären wir sofort im Bild. Doch dann sprang das rote Lämpchen am Kartenscanner auf grün. Die Tür gab ein Summen von sich und wurde entriegelt.
Sofort packte Raphael seine Sachen zurück in die Tasche und wich zur Seite. Um mich herum wurden Waffen gezogen und entsichert. Murphy ging an die Tür und zog sie einen Spalt auf. Ein paar angespannte Sekunden tat er nichts anderes, als hereinzuspähen. Dann gab er uns zu verstehen, dass die Luft rein war, wir uns aber unten halten sollten und schlüpfte hinein.
Ich warf Raphael noch einen Blick zu, atmete einmal tief durch und folgte ihm dann. Der Geruch der mir entgegen schlug, hätte mich beinahe zum würgen gebracht. Oh Gott. Es roch nach Fäkalien und Krankheit. Das war leider nichts neues für mich, doch jedes Mal wieder ein Schock. Genau wie das Bild, das sich mir bot.
Dieser Teil der Halle war mit mehreren Käfigreihen gefüllt, die von hier bis ans andere Ende reichten. Zellen, zwei Meter im Quadrat, in denen teilweise zehn Leute eingepfercht waren. Viele von ihnen schienen zu schlafen, oder saßen einfach nur verstört in der Ecke. Ich hörte leises weinen, sah Lumpen und verdreckte Gesichter. Ein Mann im vorderen Käfig bemerkte unser auftauchen und bekam vor Schreck ganz große Augen.
Bevor er einen Ton von sich geben konnte, legte ich ein Finger an die Lippen und konnte nur hoffen, dass er still sein würde. Er nickte zwar, stand aber auf und trat nach vorne ans Gitter, um zu beobachten, wie immer mehr von den Themis in die Halle eindrangen. Das was in seinen Augen erschien war ein Funke von Hoffnung. Seine Kleidung war verdreckt, ein Auge blau, die Lippen verschorft und rissig. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was er hier alles hatte erleiden müssen.
„Geht nach links“, sagte Future mir über den Stöpsel. „Laut Letishas Plänen ist der Raum mit der Sicherheitsanlage im anderen Teil der Halle.“
Letisha war Lucys Deckname. Letisha Lucky. Klang in meinen Ohren nach einem schlechten Superheldendecknamen.
„Ihr müsst die Anlage ausschalten, bevor ihr die Leute rauslassen könnt.“
Das brauchte sie nicht extra zu erwähnen, das wusste ich selber. Bevor wir allerdings weiter konnten, mussten wir noch eine Kamera stören. Das dauerte einen Moment und dieser reichte aus, um weitere der Insassen auf uns aufmerksam zu machen. Eine Frau sprang vor Schreck auf die Beine und trat dabei versehentlich zwei andere Leute. Ein Mann fluchte laut.
„Okay, hab´s“, hörte ich durch den Knopf in meinem Ohr.
Zeitgleich gaben Murphy und ich ein Zeichen und die Hälfte von den Themis schwärmte zu den Zellen aus, um die Gefangenen zu beruhigen und ihnen klar zu machen, dass sie ruhig sein mussten. Mist, das war gar nicht gut. Jetzt mussten wir uns beeilen.
„Los, weiter“, befahl ich und rannte mit Raphael zusammen zu einer unscheinbaren Tür in der linken Ecke. Das Schloss dort knackte er innerhalb von Sekunden. In der Halle wurde es zunehmend unruhiger. Hinter mit drängte sich ein Teil der Themis, auch sie wurden langsam nervös, aber bisher verlief alles nach Plan, also kein Grund zur Beunruhigen.
Das Bild das uns hinter der Tür erwartete, lag in einem völligen Kontrast zu der Unterbringung der Sklaven. Ein sauberer Korridor in dem es leicht nach Zitrone duftete. Keine echte Zitrone, sondern dieses künstliche Zeug, das man in Raumsprays verwendete.
Leuchtstoffröhren unter der Decke sorgten für ausreichend Licht. Der Flur war völlig verwaist. Wir waren alleine. Gut. „Weiter.“
Ein paar Leute blieben zurück, um die Tür zu bewachen. Murphy und seine Leute bezogen in der Halle Stellung, um die Sklaven sofort rausholen zu können, wenn die Anlage abgeschaltet war. Der Rest folgte mir den Korridor entlang. Die Anspannung wuchs.
Wir mussten noch eine Kamera ausschalten, aber zum Glück begegneten uns keine Wachen. Den Flur nach links, dann erreichten wir eine schlichte Holztür mit der Aufschrift: Sicherheitsanlage.
„Sogar ausgeschildert.“ Raphael hockte sich vor die Tür und ließ seine Tasche von der Schulter gleiten. „Wie zuvorkommend von unseren Gastgebern.“
Dass er in einer solchen Situation noch Witze reißen konnte … manchmal konnte ich über ihn wirklich nur noch den Kopf schütteln.
Der Humor verging ihm allerdings recht schnell, denn dieses Schloss war weitaus komplizierter, als die beiden anderen und verlangte seine ganze Konzentration.
Ich stand neben ihm und versuchte mir meine Unruhe nicht anmerken zu lassen. Den anderen ging es nicht anders. Sergio tippte immer wieder nervös mit dem Fuß auf den Boden, eine weißhaarige Lykanerin Namens Alexia ließ ihren Blick wieder und wieder unruhig von einer Seite zur anderen schweifen. Die Vampirin Bianca wirkte so angespannt, dass ich schon befürchtete, sie würde beim kleinsten Geräusch vor Schreck an die Decke springen. Nur Romy war cool wie immer und tat so, als würde sie das alles nicht berühren. Wen ich allerdings nicht sah, war Luna.
Verwundert schaute ich die Leute noch mal durch und zählte auch nach. Einschließlich mir waren wir elf, Luna fehlte. Aber ich hatte genau gesehen, wie sie mit uns zusammen in den Korridor gekommen war. War sie wieder rausgegangen? Warum sollte sie? Ihr Posten war hier.
„Bin gleich wieder da“, sagte ich und ging den Flur bis zur Ecke zurück. An der Tür zur Halle mit den Zellen standen drei von unseren Leuten, Tristan war unter ihnen, mein verlorenes Schäfchen leider nicht. Aber ich konnte ihren Geruch wahrnehmen. Nur führte er weder zu unseren Wachen noch zur Sicherheitsanlage, er ging tiefer in die Anlage hinein.
Ein mulmiges Gefühl machte sich in meinem Magen breit. Luna war zwar eine Nervensäge, aber einfach so auf eigene Faust loszuziehen, war nicht ihre Art, es musste also einen wichtigen Grund dafür geben. Sollte ich Verstärkung rufen? Ich ich wollte die Operation wegen meiner Paranoider nicht gefährden, wir waren so schon alle angespannt genug. Also gab ich unseren drei Aufpassern an der Tür ein Zeichen, dass ich mich mal umsehen würde und folgte dann Lunas Fährte.
Vorsichtig und äußeres wachsam bewegte ich mich den Korridor entlang. Nach etwa zwanzig Metern öffnete sich links von mir ein weiterer Korridor. Ich sah Luna nicht, aber sie war hier abgebogen. Verdammt, was wollte sie hier nur? Langsam bekam ich ein echt beschissenes Gefühl.
Ich warf einen nervösen Blick auf Tristan und die anderen und bog dann ab. Leise, achtsam und darauf bedacht, kein Geräusch von mir zu geben. Drei Meter, vier. Ich hatte ungefähr den halben Flur durchquert, als die ersten Geräusche an meine Ohren drangen. Die Laute von Aufschlägen und Keuchen, dann ein halb ersticktes Gurgeln, das eindeutig weiblich war. Sie kamen von einer offenen Tür ganz hinten.
Oh Kacke. Einen ganz kurzen Moment überlegte ich, ob ich Hilfe holen sollte, doch bevor ich diesen Gedanken beendet hatte, setzte ich mich bereits in Bewegung. Ich achtete nicht mehr darauf mich langsam oder leise zu bewegen, ich stürzte einfach den Korridor hinunter zur offenen Tür.
Der Anblick, der sich mir bot, versetzte mir einen kleinen Schock. Luna lag bäuchlings auf dem Boden und bewegte sich nicht. Auf ihrem Rücken hockte ein halb verwandelter Lykaner. Blut tropfte ihm von der Lippe. Seinen Arm hatte er um Lunas Hals geschlungen. Er versuchte sie zu erwürgen. Nicht weit von den beiden entfernt lag eine Waffe auf dem Boden.
Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, stürzte ich mich auf den Rücken des Kerls und riss ihn mit mir zusammen herunter. Damit hatte er nicht gerechnet. Er gab noch einen Laut der Überraschung von sich, dann krachten wir beide auch schon auf den Boden und warfen dabei den Stuhl beim Schreibtisch mit um.
Ich riss den Arm vors Gesicht, um das blöde Ding nicht in die Fresse zu bekommen. Der Kerl nutzte die Gelegenheit sofort. Noch im Liegen versuchte er sich auf mich zu wälzen und mich auf den Boden zu drücken, um was-weiß-ich zu machen, aber ich reagierte blitzschnell. Instinktiv schloss ich meine Hand zur Faust, drückte dadurch den Knopf an meinem Ring, sodass die giftige Nadel ausfuhr und rammte sie dem Mistkerl in den Hals.
Er fluchte, fing meine Hand ein, um sie auf den Boden zu drücken, merkte aber sehr schnell, dass etwas nicht stimmte. Er bekam nur noch schwer Luft und die Bewegungen wurden langsamer.
Ich lächelte mein bösartiges Lächeln. „Nervengift“, verriet ich ihm und stieß ihn von mir runter. „Wirkt in Sekunden. Erst lähmt es die Muskulatur und dann erstickt man ganz langsam.“
Seine Augen wurden weit. Er schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft und griff sich an den Hals, doch er war verloren. Ich sah den Augenblick, in dem er es begriff und wandte mich einfach ab. Der Kerl hatte nichts anderes verdient. Er war einer von ihnen und damit weniger wert als der Dreck unter meinen Fingernägeln.
Doch für Schadensfreude war keine Zeit. Luna lag völlig bewegungslos auf dem Boden.
Ich stürzte an ihre Seite, drehte sie auf den Rücken und fühlte nach dem Puls. „Bitte sei nicht tot, bitte sei nicht tot“, beschwor ich sie und atmete erleichtert auf, als ich ein leichtes Flattern unter meinen Fingern. Oh Gott, sie war nicht tot, sie war nur bewusstlos. Einen kurzen Moment entspannte ich mich und dankte dem Himmel für dieses Wunder, doch dann kreischten über mir plötzlich die Sirenen los und versetzten mir damit wohl den Schreck meines Lebens.
Geschockt sprang ich auf die Beine, wirbelte herum und sah gerade noch, wie der Kerl den ich vergiftet hatte, tot an der Wand herabsackte. Über ihm war ein kleines Kästchen mit Glashaube. Sie war eingedrückt. Der Mistkerl hatte es doch tatsächlich geschafft, mit seinem letzten Atemzug den Alarm auszulösen.
„Scheiße!“ Ich zögerte nicht lange, schnappte mir einfach Lunas Arm, zog ihn über meine Schulter und stemmte mich zusammen mit ihr zurück auf die Beine. Wir mussten schleunigst hier raus. Gott, war die Frau schwer. Nicht mal als halber Lykaner fiel es mich ganz einfach sie hochzubekommen, doch das Adrenalin verlieh mir neue Kräfte.
Gerade als ich meinen Fuß aufsetzte, hörte ich die ersten Schritte. Schwere Schritte, Rufe und dann fiel ein Schuss. „Mist, Mist, Mist.“ Warum war die verdammte Sicherheitsanlage eigentlich noch nicht abgeschaltet?
„Was ist da los?“, fragte Future mich über den Knopf in meinem Ohr. Sie hörte sich ein wenig hektisch an. „Da kommen Autos. Ihr müsst da raus. Sofort!“
„Danke, als wenn ich das noch nicht wüsste.“ Ich ächzte unter Lunas Gewicht und überlegte, wie ich uns hier beide rausbekam, doch bevor irgendein Gedanke dazu in meinem Kopf Fußfassen konnte, standen da plötzlich drei Männer mit Waffen in der Hand. Weitere hörte ich auf dem Korridor.
Hoffentlich waren die anderen so schlau, die ganze Aktion sofort abzubrechen und sich aus dem Staub zu machen. Wir würden eine neue Möglichkeit finden, um die Sklaven zu befreien. Aber das konnten wir natürlich nur, wenn wir nicht selber zu welchen wurden.
Die Männer richteten ihre Waffen auf mich. Ich ging ein Schritt zurück. Eigentlich hätte ich sie sofort angegriffen, aber dann würde Luna auf den Boden knallen und ich wusste nicht, ob ihr Schädel heute eine weitere Delle verkraften würde. Verfluch noch mal Luna, wach auf! Natürlich tat sie mir diesen keinen Gefallen nicht.
Aus dem Korridor drang weiterer Lärm zu mir, Kampfgeräusche. Warum waren die Themis noch nicht verschwunden? Oder hatten sie die Sklaven befreit und versuchten sie in Sicherheit zu bringen?
„Leg sie hin und dich daneben“, forderte einer der Männer.
Ein knurren stieg aus meiner Kehle. Die Männer wurden wachsamer. Zwar verwendete ich mein Odeur nicht, aber sie spürten instinktiv, dass ich dominanter war. Mein Glück war nur, dass sie keine Ahnung hatten, dass ich ein Misto war, der es niemals an Kraft mit ihnen aufnehmen konnte. Zumindest nicht solange ich mich nicht wenigstens einmal verwandelt hatte und meine wölfische Seite ließ sich dafür extrem viel Zeit. Schon einige Male hatte ich sie dafür verflucht.
Der Sprecher entsicherte seine Waffe. „Wir werden schießen.“
Irgendwas krachte im Flur. Dann gab es eine Detonation. Ich hörte Schreie und Rufe, als eine Staubwolke zu uns ins Zimmer drang. War da gerade etwas Explodiert? Hatte das etwas mit unserem Team draußen zu tun, oder ging das von den Skhän aus? Himmel, was war da nur los? Hoffentlich ging es Raphael gut.
Ich bleckte die Zähne und benutzte die letzte Möglichkeit die mir noch blieb: Ich brachte mein Odeur mit einer solchen Macht ins Spiel, dass sie alle drei darunter zusammen zuckten. Das hatte ich erst einmal getan und keiner meiner Angreifer hatte es überlebt. „Verschwindet.“
Die drei wurden sichtlich unruhig. Einer leckte sich nervös über die Lippen, während bei einem anderen die Hände anfingen zu zittern. Sich dem direkten Befehl eines Alphas zu widersetzen, verlangte eine enorme Willensstärke.
„Sofort!“, bellte ich und trieb damit zwei von ihnen einen Schritt zurück. Der Dritte jedoch richtete den Lauf seiner Waffe direkt auf Lunas Kopf.
„Auf den Boden“, befahl er. Auf seiner Oberlippe bildeten sich kleine Schweißtröpfchen. Es zeugte von einem unglaublich starkem Willen, dass er es schaffte sich mir zu widersetzten. „Oder deine Freundin wird dran glauben.“
Und noch mal: Scheiße! Scheinbar schreckte er davor zurück mich zu erschießen, aber bei Luna sah die ganze Sache anders aus. Wenn ich nicht gehorchte, hätte ich ihr Blut an meinen Händen. Ich schickte noch mal eine extra Laugung Odeur und knurrte drohend, doch als er daraufhin seine Waffe entsicherte, blieb mir nichts mehr anderes übrig, als auf die Knie zu gehen und Luna vorsichtig neben mir abzulegen.
Damit gab ich mich aber noch nicht geschlagen. Keinem würde es je wieder gelingen, mich seinem Willen zu unterwerfen, das hatte ich mir vor langer Zeit geschworen. Kaum hatte Luna den Boden berührt, stürzte ich mich auf den Sprecher, riss dabei einen der drei Anhänger von meiner Kette und stach ihn meinem Gegner direkt in den Arm.
Wir krachten in die beiden anderen. Einer schaffte es mich am Kopf zu packen und mir mein Halstuch vom Gesicht zu reißen. Ich verpasste ihm einen Schlag mit der Faust, aber noch bevor ich die Chance hatte, auch ihn zu seinem Schöpfer zu schicken, wurde ich von hinten an den Haaren gepackt und von ihnen runter gerissen. Im nächsten Moment kollidierte meine Kopf mit der Wand.
Ein ganz neues Universum explodierte vor meinen Augen und entlockte mir einen Laut des Schmerzes. Dann wurde ich zurück gezogen und einfach fallen gelassen. Ich stürzte auf meinen rechten Arm und zischte. Der Stöpsel fiel aus meinem Ohr und kullerte über den Boden.
Verdammte scheiße, wer war das? Ich hatte doch alle unter mir begraben.
Stöhnend stütze ich mich auf die Arme. Meine Sicht war verschwommen, aber vor mir sah ich die Umrisse eines Mannes, der mir der Hand ein Zeichen gab, woraufhin die beiden noch lebenden Wachen meine Arme ergriffen und mich mit dem Rücken auf den Boden drückten. Und wieder knallte ich mit dem Kopf auf. „Warum immer der Schädel?“
Der Krach draußen hatte ein bisschen abgenommen, nur konnte ich nicht sagen, ob es daran lag, dass es leerer wurde, oder einfach daran das mit meinen Ohren etwas nicht stimmte.
„Weil das der Schwachpunkt eines Werwolfs ist, Prinzessin Cayenne.“
Ich erstarrte. Diese Stimme, ich hatte sie schon einmal gehört, aber das war es nicht, was mich plötzlich bis auf die Knochen frieren ließ. Dieser Kerl hatte mich Prinzessin Cayenne genannt, er wusste wer ich war!
Okay, jetzt nur keine Panik. „Was faseln Sie da für einen Müll?“ Ich blinzelte für eine klare Sicht, die sich aber leider nur nach und nach einstellen wollte. „Ich dachte ich bin die mit der angeschlagenen Rübe.“ Langsam konnte ich ihn besser sehen. Sein Haar war … rot? Ja, rot. Rote Haare, die er etwas länger trug und seine Augen waren grün. Seine Haltung hatte etwas Arrogantes. Er schien mir irgendwie … vertraut.
„Immer wieder sehr charmant sich mit Euch zu unterhalten.“
Euch. Er hatte Euch gesagt. Nicht Dir, oder Ihnen, nein, Euch. Verdammter Mist, er wusste wirklich wer ich war! „Kenne ich Sie?“ Meine Stimme klang gleichgültig und ein wenig lallend, aber innerlich bebte ich vor Anspannung.
„Nicht nur im Tanz, nein auch im Kampf zeigt Ihr die Anmut einer Göttin.“
Aus dem Korridor kam der Schrei einer Frau. Jemand schrie, ein Schmerzenslaut, der abrupt abbrach und von einem Brüllen ersetzt wurde.
In meinem Hirn rastete etwas ein. Die Anmut einer Göttin. Oh scheiße, vor mir stand Markis Schleim! Nun wurde ich wirklich nervös und die gleiche Angst, die ich gestern bei Lucys auftauchen verspürt hatte, ergriff nun wieder Besitz von mir. Sie hatten mich! Er würde mich zurück bringen!
„Ah, also erinnert Ihr Euch an mich und das obwohl wir uns nur kurz unterhalten haben. Ich fühle mich geehrt.“
Er konnte sich fühlen wie er wollte, mir war das gleich, aber zurückgehen würde ich nicht, niemals. Ich hatte geschworen nie wieder einen Fuß in diese Hölle zu setzen. In meiner Panik fing ich an mich heftig zu wehren. Meine beiden Aufpasser hatten alle Hände voll damit zu tun mich am Boden zu halten. Doch vor lauter Angst vergaß ich mein Odeur zu senden. Damit hätte ich sie wenigstens verunsichert.
Markis Jegor Komarow achtete nicht weiter darauf. Er schob sein Jackett zur Seite und zog eine kleinkalibrige Waffe heraus.
Wenn das überhaupt möglich war, schlug mein Herz bei diesem Anblick, gleich noch ein wenig schneller. „Was, wollen sie mich jetzt erschießen?“
„Euch erschießen? Ich suche Euch seit Jahren. Da wäre es doch äußerst töricht, wenn ich mich Eurer jetzt so entledigen würde.“
Er hatte mich gesucht? Verdammte scheiße, was war hier eigentlich los?
Mit einer gekonnten Bewegung entsicherte er seine Waffe und verriet mir damit, dass er sowas nicht zum ersten Mal in der Hand hielt. „Aber Eure Freundin ist nur nutzloser Ballast.“
Mit Schrecken musste ich dabei zusehen, wie er die Waffe hob und auf Lunas Kopf zielte. „Nein!“, schrie ich noch und versuchte aufzuspringen, doch da hallte schon der Knall durch den Raum.
Luna zuckte einmal und erschlaffte dann einfach.
Ich drehte eilig den Kopf weg und kniff die Augen zusammen. Das wollte ich nicht sehen. Ich hatte schon genug schreckliche Bilder in meinem Kopf, das brauchte ich nicht auch noch. Klar, ich hatte mich nie besonders gut mit ihr verstanden, aber das hatte sie nicht verdient. Sie war schließlich eine von uns.
Der Bastard lachte leise. „Wer hätte das gedacht. Ihr treibt Euch mit diesen Versagern herum und seid dennoch so zart besaitet.“
Ich funkelte ihn mit all dem Hass an, den ich aufbringen konnte. „Irgendwann“, schwor ich ihm. „Irgendwann werde ich sie dafür töten.“
„Wenn es Euch dadurch besser geht, steht es Euch natürlich frei, dass zu glauben, aber nun müssen wirleider los.“
Los? „Das können sie vergessen! Ich werde nicht zurück gehen.“
„Ihr tut was ich Euch sage.“ Er hockte sich neben mich und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Ein widerlich, kaltes Gefühl überlief mich, aber ich wagte es nicht ihn aus den Augen zu lassen. „Und jetzt sage ich Euch, dass Ihr mich begleiten werdet.“ Seine Faust mit der Waffe sauste so schnell auf mich zu, dass mir keine Zeit blieb zu reagieren. Ich schaffte es nicht mal mehr, nach Raphael zu rufen, da wurde es um mich herum schon schwarz.
°°°
Kopfschmerzen. Hölle noch mal brummte mir der Schädel. Das war wirklich kaum zum Aushalten.
Ich versuchte mich zu bewegen, bemerkte aber sehr schnell, dass ich damit wenig Erfolg hatte. Gott, lag dieser Kater schon wieder auf mir? „Geh weg“, nuschelte ich in den Stoff meines Kissens, doch sich zu bewegen wurde nicht einfacher. Meine Hände, die steckten irgendwo … drin? Was war hier los? Und warum pochte mein Schädel, als sei dort ein Presslufthammer am Werk? Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als die schweren Augenlider zu öffnen. Aber … es ging einfach nicht. Es war, als klebten sie aufeinander.
Etwas unter mir bewegte sich und ich rutschte ein Stück zur Seite. In dem Moment wurde mir klar, dass es nicht mein Schädel war, der da brummte – obwohl der wirklich wehtat – sondern, dass ich in einem Auto lag. Und mit einem Schlag war alles wieder: Der Befreiungsversuch, Lunas Verschwinden, die Sirenen, aber das Schlimmste von allen, Markis Komarow!
Verdammt, da lag niemand auf mir drauf, ich war gefesselt und das war auch Kissen vor meinem Mund, sondern ein Knebel. Scheiße nein, sie hatten mich!
Ich geriet in Panik, konnte aber nichts sehen, da meine Augen verbunden waren. Nein, das durfte doch alles nicht wahr sein. Ich war weggelaufen, ich war frei. Ich war keine Prinzessin mehr, ich war Clementine Joy, sie durften das gar nicht mit mir tun!
Mir stiegen die Tränen in die Augen. Klar, weil heulen in dieser Situation ja auch so hilfreich war. Ich schrie unter meinem Knebel nach Hilfe, aber die Töne drangen nur gedämpft hervor. Ich zappelte, versuchte mich frei zu machen. Mein Atem ging stoßweise, mein Herz raste und ich stand kurz vor einer Hysterie. Nein, nein, nein!
Oh Gott, was war mit Raphael? Hatte er sich in Sicherheit bringen können? Und die anderen? Luna!
Der Wagen unter mir machte eine schwingende Bewegung und wurde langsamer, bis er schließlich stand. Ich hörte eine Tür knallen und dann wie eine andere geöffnet wurde, irgendwo seitlich neben mir.
„Ganz ruhig, Prinzessin Cayenne.“ Diese Stimme, das war Komarow. Dieses Schwein! Er hatte mich eingefangen und wollte mich nun zurück ins Schloss bringen!
Ich wimmerte und versuchte vor der Stimme zurückzuweichen, aber ich konnte mich einfach nicht bewegen. Meine Hände waren auf dem Rücken gefesselt und irgendwo festgebunden, was verhinderte, dass ich wegrutschen konnte. Das gleiche galt für meine Füße. Dieses Arschloch hatte mich wie ein Paket verschnürt.
Ich spürte seine Hand an meinem Arm und mein Atem wurde heftiger. Was hatte er vor? Oh Gott, wir waren doch nicht schon etwas da? Ich musste hier weg, ich musste …
Etwas Spitzes bohrte sich in meine Haut. Von dieser Stelle ging eine Kälte aus, die sich innerhalb von Sekunden über meinen ganzen Körper ausbreitete und meine Glieder schwer werden ließ.
„Schlaft noch ein bisschen.“ Hörte ich ihn wie aus weiter Ferne. „Es dauert nicht mehr lange. Bald haben wir es geschafft, dann wir alles wieder …“ Und dann umfing mich wieder Dunkelheit.
Erst Stunden später kam ich wieder zu mir. Ein pelziges Gefühl auf der Zunge und schmerzende Glieder. Aber dieses Mal verfiel ich nicht wieder in Panik. Ich wusste sofort wo ich war und nichts war wichtiger als hier wegzukommen, bevor die Alphas mich wieder wegsperren konnten. Natürlich hatte ich immer noch eine scheiß Angst, aber ich ließ mich nicht wieder von ihr lähmen, sondern blieb ganz ruhig.
Wenn ich es richtig erkannte, dann lag ich noch immer in dem Wagen, aber er bewegte sich nicht mehr. Auch ansonsten blieb alles still. Hatte er mich allein gelassen? Ich musste dringend diese Augenbinde loswerden, denn so kam ich nicht weiter. Entweder war ich alleine und er würde es nicht merken, oder ich war es nicht, und … naja, schon klar was dann wäre.
So gut es eben ging, rieb ich mit dem Kopf über das Polster unter mir und versuchte mir so die Augenbinde abzustreifen. Das war gar nicht so einfach und mein Brummschädel war auch nicht sehr dankbar dafür.
Wie hatte das alles nur so schiefgehen können? Als ich mich auf die Suche nach Luna gemacht hatte, war Raphael doch schon dabei gewesen die verdammte Tür aufzumachen.
Oh Gott, Raphael. Hoffentlich war er noch rausgekommen. Wenn nicht … das Bild von Luna stieg vor meinem inneren Auge auf, wie sie ein letzte Mal gezuckt und dann einfach erschlafft war. Wenn Raphael …
Nein! Das durfte ich gar nicht erst denken. Ihm ging es gut. Er hatte sich retten können und machte sich jetzt vermutlich furchtbare Sorgen um mich. Irgendwie wirkte dieser Gedanke nicht gerade beruhigend. Wenn Raphael sich Sorgen machte, konnte er auf wirklich dumme Ideen kommen. Hoffentlich blieb er ruhig.
Nach einer kleinen Ewigkeit, wie mir schien, lockerte sich die Augenbinde endlich und nach mehreren weiteren Versuchen gelang es mir, sie abzustreifen. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Durch die Heckscheibe des Autos blinzelte ich direkt in die Sonne. Damit wusste ich, dass die Nacht schon lange vorbei sein musste. Wie lange war ich ausgeschaltet gewesen? Ich lag auf der Rückbank, eingekeilt in eine völlig unbequeme Haltung und nicht in der Lage daran etwas zu ändern.
Bis auf mich war der Wagen leer. Durch meine Position konnte ich nur den Himmel und ein paar Bäume am Horizont erkennen. Keine Gebäude, keine Straßenschilder, weit und breit keine Seele. Das war sowohl gut als auch schlecht. Gut weil das hieß, dass Komarow nicht hier war, schlecht, weil das hieß, dass auch niemand hier war, der mich aus meiner leicht misslichen Situation befreien konnte.
Okay, tief durchatmen und nachdenken. Von dem Offensichtlichen mal ganz abgesehen, was war jetzt zu tun? Meine Fesseln waren irgendwie an den Vordersitzen befestige und zwar so stramm, dass ich höchstens in die Lücke gefallen wäre, wenn ich versucht hätte, mich in diese Richtung zu bewegen. Aber vielleicht gab es dort etwas, mit dem ich die Seile durchscheuern konnte. Seile, also ehrlich, wer benutze den Heutzutage noch Seile? Handschellen, oder Kabelbinder, die waren schwer bis gar nicht zu knacken, aber Seile bekamen doch sogar kleine Kinder auf. Nur ich nicht, wie ich nach einigen Versuchen feststellte. Mist aber auch.
Ich versuchte mein Glück und obwohl es meine Lage nicht sonderlich verbesserte, ließ ich mich in den Fußraum rutschen. Es tat weh, meine Arme und Beine verdrehten sich dadurch noch mehr. Scheiß mal drauf, denn mir war dadurch etwas aufgefallen. Mein Handy steckte noch in der Hosentasche. Markis Schleim war so dumm gewesen, es mir nicht abzunehmen. Ich musste mich nur etwas drehen, dann waren die Seile nicht mehr so gespannt und ich kam ran. Dann konnte ich Hilfe holen. Das war mein Silberstreif am Horizont.
Ich verdrehte meinen Arme sosehr, dass mir davon die Schultern schmerzten, doch das musste ich jetzt aushalten. Anders ging es einfach nicht. Millimeter für Millimeter arbeitete ich mich weiter vor, bis meine Finger den Rand der Hosentasche zufassen bekamen. Ich verkrampfte meine Hand, um sie von dem Gegendruck nicht wegziehen zu lassen. Dann lehnte ich mich soweit herum wie ich konnte, um sie hineinzuschieben. Erst streifte ich die Plastikhülle … dreimal … viermal … ich biss die Zähne zusammen. Der Schmerz würde mich nicht aufhalten. Nicht mal, wenn ich mir damit die Schulter ausrenken sollte. Alles war besser als zurück ins Schloss zu müssen.
Meine Stirn glänzte bereits vor Schweiß, als ich es endlich schaffte meine Hand um das Gehäuse zu schließen, und es aus der Tasche zog. Erleichtert lag ich einen Moment einfach nur da und ließ den Schmerz abebben. Aber ich gab mir dafür nicht viel Zeit. Markis Komarow konnte jeden Moment wiederkommen. Weder wusste ich wie lange er schon weg war, noch was er trieb, aber dass ich nicht noch so eine Chance bekommen würde, da war ich mir sicher. Zum Glück kannte ich mein Handy in und auswendig, sodass ich es bedienen konnte, ohne es zu sehen. Jetzt durfte ich es nur nicht fallen lassen. Meine eine Hand verkrampfte sich um das Plastikgehäuse, während die anderen die Zahlenfolge aus meinem Kopf nachfuhr. Gleichzeitig entfaltete ich meine Sinne, um jedes noch so kleine Geräusch wahrzunehmen. Das Handy kam nicht mal zu einzigen richtigen Klingeln, bevor ich ihn auch schon hörte. „Bambi!“
„Ryder!“, rief ich, obwohl es sich eher so anhörte wie „Reiga.“ Verdammter Knebel.
„Bambi? Was ist los? Ich versteh dich kaum. Wo bist du verdammt?! Wir suchen dich überall!“
Ich konnte seine Sorge in den scharfen Worten wahrnehmen. Es war so schön seine Stimme zu hören, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, das Heulen zu unterlassen, weil es mich hier nicht weiter brachte.
„Clem? Antworte mir gefälligst! Clementine?!“
Er suchte nach mir. Das bedeutete sie hatten ihn nicht erwischt. Wenigstens etwas. Nun musste ich ihm nur noch irgendwie mitteilen, wo er mich finden konnte. „Konaro.“ Verdammt, das kam nicht richtig raus.
„Was? Was ist da bei dir los? Ich verstehe dich nicht.“
Gott, wie sollte ich mich nur verständlich machen. Ohne das Ding in meinem Mund wäre das kein Problem, aber so? „Konaro“, wiederholte ich. „Konaro.“ Verdammt, das hörte sich nicht mal im Entferntesten nach Komarow an.
„Scheiße, ich verstehe dich nicht.“ Nun wurde seine Stimme schon langsam panisch.
„Konaro.“ Ich konnte es nur immer wieder sagen, aber selbst wenn er den Namen verstand, könnte er damit wahrscheinlich nichts anfangen. Vom Adel hatte er noch weniger Ahnung, als ich und meine Kenntnisse tendierten schon gegen Null.
„Clementine, bist du noch da?“
Ich schloss die Augen. Eine Träne stibitze sich nach draußen. „Hife“, nuschelte ich und versuchte es so deutlich zu sprechen, wie es mir unter diesen Umständen nötig war. „Reiga hif mer, hif …“
Meine Autotür wurde aufgerissen und ein Markis Jegor Komarow ragte über mir auf. Misstrauisch sah er erst mich an und dann den Wagen. „Mit wem redet Ihr da?“
Tief aus meiner Kehle drang ein drohendes Knurren empor. Mein ganzer Körper begann vor Hass zu beben, während ich den Wagen so plötzlich mit Odeur fühlte, dass der Mistkerl einen Schritt zurück wich, obwohl ich hier wie ein Paket verschnürt lag und ihm nichts tun konnte. Ich würde mich nicht zurück in den Hof bringen lassen. Niemand würde es jemals schaffen, mich dort abzuliefern.
„Wer ist da?“, fragte Raphaels Stimme in gefährlichem ruhigem Ton.
Oh nein. Nein, nein, nein. Nicht sprechen, du Dummkopf. Verdammt, das hatte der Markis gehört.
„Hallo? Ich schwöre bei Gott, wenn sie ihr etwas tun, bringe ich sie um!“
Markis Schleim verstand natürlich sofort, woher diese Geräusche kamen. Er war ein Werwolf, kein Misto, er hatte ein noch besseres Gehör als ich, dazu brauchte er es nicht einmal zu schärfen. Jegor packte mich am Arm, um an das Handy zu kommen und zerrte mich unsanft zurück auf die Rückbank.
Ich fing an zu schreien.
„Bambi? Scheiße, nimm die Finger von ihr, du Drecksack! Fuck! Ich mach dich fertig, ich werde dich töten, wenn du … scheiße, du bist so gut wie …“
Jegor riss mir das Handy aus den verkrampften Fingern und drückte es in seiner Hand einfach zusammen, bis es bracht und Raphael die Stimme abschnitt. „Das war nicht sehr klug von Euch gewesen, Prinzessin Cayenne. Wir wollen doch nicht, dass uns jemand bei unserem kleinen Ausflug stört.“
Ich funkelte ihn mit so viel Hass an, dass es mich wunderte, dass er nicht auf der Stelle tot umfiel.
„Und wenn Ihr nun so freundlich wärt Euer Odeur einzustellen, dann hätte ich hier auch ein Schluck Wasser für Euch. Seid ihr interessiert?“
Oh ja, das war ich und das nicht nur an einem Schluck, ich wollte die ganze Flasche. Aber es widerstrebte mir meinen einzigen Schutz aufzugeben. Doch meine trockene Kehle dürstete danach.
Ich kniff die Augen zusammen und begann heftiger zu atmen. Warum nur musste mir das passieren?
„Also, was ist nun?“
Scheiße. Ich ließ mein Odeur verschwinden, einfach weil es mir im Moment mehr schadete als half.
„So ist es schon besser“, murmelte er zufrieden. Er bückte sich nach einer Tüte neben seinem Wagen und zog dort eine Flasche mit Wasser heraus. Dieses verdammte Arschloch war seelenruhig einkaufen gewesen, während ich hier auf seiner beschissenen Rückbank lag! Er zog mir nicht besonders sanft den Knebel aus dem Mund, schraubte die Flasche auf und drückte sie mir an die Lippen. Ich hatte die Wahl zwischen trinken oder ersaufen, also trank ich mit gierigen schlucken.
Danach musste ich ein paar tiefe Atemzuge nehmen. „Er wird sie umbringen, das ist Ihnen hoffentlich klar.“ War das meine Stimme?
„Das bezweifle ich doch stark.“ Der Markis verstaute die Tüte bei mir im Fußraum und schlug die Wagentür dann wieder zu. Ich konnte ihn beobachten, wie er um das Auto herum ging und dann auf der Fahrerseite einstieg. „Er weiß weder wer ich bin noch wo er mich finden kann.“
„Er wird es herausfinden.“
„Das denke ich nicht. Aber es steht Euch frei daran zu glauben.“
Wie nett. „Sobald ich wieder im Hof bin, werde ich es ihm sagen und dann wird er Sie wie eine räudige Ratte bis ans Ende der Welt jagen.“ Oh ja, das würde er, denn wie hatte Alexander mir einmal so schön gesagt? Den Zorn eines Vampirs heraufzubeschwören, war wie ein Todesurteil. Und ich hatte bei mehr als einer Gelegenheit miterlebt, wie recht er damit hatte.
Der Markis startete den Wagen und fädelte sich dann seelenruhig in den Verkehr ein, so als wären wir einfach auf einer Spazierfahrt und nicht, als säße da ein Kidnappingopfer gefesselt auf seiner Rückbank. Diese Situation war wirklich surreal. „Wir fahren gar nicht in den Hof.“
Das verschlug mir erst mal die Sprache. Mehrere Sekunden lag ich einfach nur da und versuchte diesen Worten einen Sinn zu geben. Ich meine, ich verstand sie und auch was sie bedeuteten, aber … naja, das ergab keinen Sinn. „Wenn sie mich nicht in den Hof bringen wollen, warum liege ich dann gefesselt auf ihrer Rückbank?“
„Ich habe nie behauptet, dass ich Euch nicht in den Hof bringen werde. Ich habe nur gesagt, dass dies nicht unser vorrangigstes Ziel ist.“
Wenn wir nicht auf dem Weg zu den Alphas waren, dann stellte sich mir doch folgende Frage: „Wo fahren wir dann hin?“
„Auf mein Anwesen. Ich denke wir werden es am Nachmittag erreichen.“
In meinem Magen machte sich ein ganz mulmiges Gefühl breit. Meine Vorsicht wuchs. Hier stimmte etwas nicht. „Ihr Anwesen? Warum bringen sie mich dort hin?“
„Das werdet Ihr noch früh genug erfahren, Prinzessin Cayenne, verlasst Euch darauf.“
Wie er meinen Namen aussprach, so voller Hohn und Herablassung. Ich war mir sicher, dass es mir nicht gefallen würde, was er mit mir vorhatte und diese Ungewissheit machte mich einfach nur nervös. Gott, ich wollte hier weg.
Die nächsten Stunden schwieg ich. Immer mal wieder sprach Markis Schleim mich an, doch ich reagierte einfach nicht. Ich hatte schon früher festgestellte, dass es die Leute meist viel mehr störte angeschwiegen zu werden, als angeschrienen. Außerdem drehten sich die Gedanken in meinem Kopf viel zu sehr, als mich darum zu kümmern, dass er sich einen Kullerkeks darüber freute, mich gefunden zu haben. Was sollte ich jetzt tun? Wie würde es weitergehen? Würde Raphael mich finden? Was erwartete mich im Anwesen von Markis Schleim? Aber nach einigem nachdenken stach eine Frage in meinem Hirn ganz besonders hervor. Warum zum Teufel war Markis Jegor Komarow in einem Großlager für Sklaven gewesen? Er konnte kein Käufer sein, die Männer die mich mit den Waffen bedroht hatten, waren seinem Wort gefolgt. War es möglich, dass ich hier mit einem Sklavenhändler zusammen im Wagen saß? War Markis Komarow ein Skhän?
Plötzlich machte sich ein irrwitziger Gedanke in meinem Kopf breit. Konnte es sein, dass er mit Lucy zusammenarbeitete und die beiden mich in eine Falle gelockt hatten? Warum sollte er sonst mitten in der Nacht in einem Lager für Sklaven sein, selbst wenn er ein Skhän war?
Nein, nein, nein, ich musste aufhören zu denken, sonst würde ich vor lauter Paranoia noch verrückt werden. Doch jetzt war dieser verdammte Gedanke da und ließ sich nicht mehr so einfach vertreiben. Konnte Lucy mich wirklich so sehr hassen?
Mit jedem weiteren Kilometer den wir fuhren, wurde ich verzweifelter. Mit jeder Minute die verstrich wuchs meine Unruhe. Ich hatte mich schon seit Jahren nicht mehr so wehrlos gefühlt.
Am Himmel dämmerte es bereits, als mein Entführer das Tempo langsam drosselte. Es ging ein paar Mal nach rechts und links. Wir fuhren durch ein Tor. Kurz darauf hielt der Wagen an und der Motor wurde abgeschaltet.
Mit einem Mal schlug mein Herz mir bis zur Kehle. Waren wir da, oder legte er hier wieder nur einen Zwischenstopp ein?
„So, da wären wir, Euer Majestät.“ Er stieg aus, lief um den Wagen herum und öffnete die Tür zur Rückbank. „Ich hoffe Ihr habt die Fahrt ebenso genossen wie ich.“
Ich funkelte ihn mit all dem Hass an, den ich aufbringen konnte. „Irgendwann werden sie für all das büßen.“
„Eure haltlosen Drohungen sind verständlich, doch finde ich sie langsam ermüdend.“ Mit der rechten Hand fischte er ein Messer aus seiner Hosentasche.
Der Anblick allein reichte aus, dass ich versuchte von ihm wegzurutschen. Scharfe Gegenstände in meiner Gegenwart waren nichts, das mich glücklich machte. Doch er beugte sich einfach in den Innenraum des Wagens, schnitt mich von den Sitzen los und zog mich mit einem Ruck an den Beinen halb nach draußen. Da meine Hände und Füße noch immer fest verschnürt waren, konnte ich mich nicht wehren und wäre fast noch aus dem Wagen gefallen. Dann griff er nach meiner Schulter und half mir in eine sitzende Position. Jeder einzelner Muskel in meinem Körper protestierte.
Ich wollte mich von ihm nicht anfassen lassen, doch die lange Fahrt, die unbequeme Lage und die Tatsache, dass ich ihm praktisch ausgeliefert war, ließen mir keine große Wahl.
„In meinem Haus gibt es Regeln“, erklärte er mir, ging in die Hocke und setzte das Messer an meinen Fußfesseln an. „Auch Ihr werdet sie befolgen.“
Aber sicher doch. Das einzige was ich tun würde, war die erste Gelegenheit zu nutzen, um ihm das zu geben, was er verdient hatte. Und meine erste Chance bot sich sogar gleich hier. Sobald das Seil an meinen Füßen weg wäre, würde ich ihm einen derart heftigen Tritt gegen den Kopf verpassen, dass ich ihm damit hoffentlich den Schädel zertrümmern würde.
Leider wurde aus dem Plan nichts. Nicht nur, das meine Glieder mir nicht richtig gehorchen wollten, er schien auch zu ahnen, nach was mir der Sinn stand. Noch bevor die Fesseln fielen, packte er meine Hose an den Füßen und hielt meine Beine so unten.
„Und die erste Regel des Hauses lautet: Mein Wort ist Gesetz. Ihr werdet tun was ich sage und Ihr werdet Euer Temperament zügeln. Solche impertinenten Ausfälle wie bei König Isaac, werde ich nicht dulden.“
„Was wissen sie schon über den König?“
„Oh, Ihr wärt überrascht, was ich so alles weiß.“ Er richtete sich wieder auf, packte mich dann am Arm und zog mich auf die Beine. So plötzlich mein eigenes Gewicht tragen zu müssen, zwang mich fast in die Knie. Ich blieb nur aufrecht stehen, weil der Mistkerl mich noch immer am Arm festhielt. „Prinzessin Cayenne, Tochter von Prinzessin Celine und einem Menschen.“
Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Augen ein ganz kleinen wenig größer wurden. Er wusste um meine wahre Herkunft. Aber wie …
„Und nun bewegt Euch.“ Ohne darauf zu achten, ob meine Beine auch mitspielten, schob er mich auf das Gebäude zu.
Sein sogenanntes Anwesen war nichts weiter als ein sehr großes Haus mit einem außerordentlich gepflegten Garten. An der Fassade entdeckte ich ein paar Kameras und hinter einem Fenster bewegte sich eine Gardine. Es waren also noch andere Leute in dem Haus. Jetzt fragte sich nur, ob das gut oder schlecht für mich war. Wenn ich doch nur meine Hände frei bekommen würde, aber die Fesseln waren zu fest. So blieb mir gar nichts anderes übrig, als mit ihm zur Haustür zu gehen und hilflos daneben zu stehen, während er sie aufschloss.
„Willkommen in meinem Heim.“ Mit einem triumphalen Lächeln schob er mich über die Schwelle, schlug dann von innen die Tür zu und verschloss sie noch zusätzlich.
Gefangen.
Mein Herzschlag beschleunigte sich, mein Puls begann zu klopfen und auch wenn ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, schien er zu wissen, dass sich langsam aber sicher Furcht in mir breit machte. Natürlich, ich war ihm schon die ganze Zeit ausgeliefert, aber jetzt … oh Gott, mit einem Mal fühlte ich mich so hilflos, dass ich am liebsten wieder in Tränen ausgebrochen wäre.
Nein! Ich würde keine Schwäche zeigen, diese Genugtuung würde er nicht bekommen.
„Ihr werdet feststellen, dass ich zwar ein strenges Regiment führe, Ihr aber nichts zu befürchten habt.“ Er hob einen Finger, als wollte er mir damit etwas verdeutlichen. „Vorratsgesetz natürlich, Ihr seid kooperativ.“
Kurz war ich versucht ihm die Zähne zu zeigen, doch dann entdeckte ich etwas, das mich einfach nur sprachlos machte und meine Kinnlade fast bis zum Boden aufklappen ließ.
Mehrere Türen gingen von dem lichtdurchfluteten Foyer ab. Eine Treppe mit offener Galerie führte in die erste Etage. Alles war in goldenen und braunen tönen gehalten. Sauber und poliert präsentierte der Raum sich mir. Und dann dieses Ding.
Jeder kannte bestimmt diese kleinen Dekokäfige, die man gerne irgendwo mit einem netten Blumenarrangement hinstellte. Auch Jegor besaß einen solchen Käfig. Er stand seiner direkt neben der Treppe, aber das war keine kleine Dekoration, dieses Teil war groß genug, um einen Menschen im Inneren gefangen zu halten. Oder in diesem Falle, einen Panther.
Ich blinzelte einmal, weil meine Augen mir sicher einen Streich spielten, doch das majestätische Tier saß noch immer hinter den verzierten Gitterstäben und starrte uns auf eine Art an, bei der es mir kalt den Rücken runterlief.
„Klopf klopf“, sagte der schwarze Leopard plötzlich.
Oh mein Gott, das war gar kein Tier. „Sie sperren einen Ailuranthropen in einen Käfig?“ War der verrückt geworden?
Er warf nur einen desinteressierten Blick Richtung Treppe. „Sie sitzt dort nur drinnen, weil sie sich weigert, sich zu verwandeln. Tiere gehören nun mal in Käfige. Sobald sie bereits ist wieder ein Mensch zu sein, darf sie zurück auf ihr Zimmer.“
„Klopf Klopf“, sagte sie wieder und stellte sich am Gitter auf. Sie war gar nicht so groß, wie man auf den ersten Blick glauben konnte. Das Fell war ungepflegt und stumpf und wenn sie sich bewegte, konnte ich ihre Rippen unter der Haut deutlich erkennen. Wie geisterhafte Zeichnungen schimmerten die dunklen Rosetten in ihrem schwarzen Fell und ließen sie noch unheimlicher wirken. Und sie roch unangenehm.
„Wie bereits gesagt, wenn Ihr tut was ich will, werden wir keine Probleme miteinander haben. Wenn Ihr Euch mir widersetzt.“ Er warf einen vielsagenden Blick zu der Großkatze.
„Klopf Klopf!“, rief sie nun schon nachdrücklicher und schlug mit einer großen Tatze gegen das Gitter. „Los, Jegor, spiel mit. Klopf klopf.“ Ihre Stimme hatten einen starken Akzent. Ich würde auf afrikanisch tippen, einfach weil dort der Ursprung der Ailuranthropen lag.
Im Grunde waren sie wie die Lykaner, nur dass sie der Melodie der Venus folgten und sich in Leoparden, statt in Wölfe verwandelten. Ganz seltene Exemplare, so wie dieses hier, verwandelten sich sogar in schwarze Leoparden.
„Jegor, klopf klopf!“
Und sie konnten auch in ihrer tierischen Gestalt sprechen.
Mein Entführer sah nicht so aus, als hätte er sonderliche Lust auf ihr Spielchen, doch etwas veranlasste ihn, sich ihr genervt zuzuwenden. „Ich habe dieses Spiel verboten, Tarajika“, erklärte er ihr, als hätte er es mit einem Kleinkind zu tun.
Die Leopardin stieß sich einfach nur vom Gitter ab, hüpfte einmal auf der Stelle und drehte sich dann um sich selbst. Für viel mehr war in dem kleinen Käfig auch kein Platz. Dabei rief sie immer wieder: „Klopf klopf. Klopf klopf.“
„Wer ist da?“, fragte Jegor dann doch genervt.
Die Frage ließ sie auf der Stelle erstarren. Sie duckte sich ein wenig, verengte die Augen und starrte ihn an, als würde sie für einen Angriff Maß nehmen. „Das Schicksal“, sagte sie leise und kroch einen Schritt ans Gitter heran. „Du hast es hereingebeten und besiegelt.“ Einen Moment tat sie nichts anderes, als da zu kauern und ihn zu beobachten. Dann machte sie plötzlich einen Satz nach vorne. Sie knallte mit einem lauten Knall gegen das Gitter.
Ich war hier nicht die einzige, die vor Schreck zusammenzuckte. Interessant, Jegor schien diese Tara-was-auch-immer zu fürchten. Das sollte ich mir merken.
„Besiegelt!“, rief sie euphorisch und begann kichernd durch den Käfig zu hüpfen. Dabei schmiss sie Stofffetzen durch die Gegend, aus denen sie sich offensichtlich ein Nest gebaut hatte. „Du wirst schreien, bluten, leiden, es lässt sich nicht vermeiden. Schreien, bluten, leiden!“
Okay, ich war zwar noch nicht vielen Ailuranthropen begegnet, aber dieses Exemplar hier, schien ganz entschieden etwas an der Waffel zu haben. Vor allen Dingen sprang sie ständig gegen das Gitter. Das musste doch wehtun, aber sie schien es gar nicht zu merken. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was sie hier hatte alles erleiden müssen, um so durchzudrehen.
Jegor schien das Theater nur zu verärgern, aber diese Verärgerung schien aus einer Unsicherheit heraus geboren. „Genug“, schnauzte er die Großkatze an, doch die schien ihn gar nicht zu hören.
Da er sie nicht zur Räson bringen konnte, ließ er seinen Unmut an mir aus, indem mich grob am Arm packte und sich wieder in Bewegung setzte.
Wir ließen ihr Schreien und Kichern hinter uns und traten in eine helle, weitläufige Küche mit einer großen Kochinsel in der Mitte. Eine blonde Lykanerin in einer schwarzweißen Dienstmädchenuniform stand neben dem Herd und schnitt Gemüse klein. Sie konnte nicht älter als zwanzig oder dreißig sein. Bei Lykanern war das immer schwer einzuschätzen.
Als wir eintraten, schaute sie auf und zog sofort den Kopf ein. „Willkommen, Sire.“
Sire? Der Kerl hatte wohl auf einem Superheldencomic geschlafen.
„Carla, meine Liebe.“ Er ließ mich stehen, als sei ich nichts weiter als ein anhängliches Hündchen, ging zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange, unter dem sie sich deutlich anspannte. „Was zauberst du mir den heute Schönes?“
„Orangen Hähnchenfilet mit Sesammöhren und Kräuterkartoffeln.“ Ihre Stimme klang leise, monoton und resigniert. Und sie vermied es, Jegor oberhalb seines Kinns anzuschauen.
„Gut. Ich möchte in einer halben Stunde speisen, aber vorher …“ Er schaute sich nach links und rechts um. „Wo ist meine Göttin?“
„Im Keller.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, senkte ihn aber sofort wieder auf das Gemüse, als fürchtete sie, damit einen Fehler zu machen. So verhielt sich keine liebende Frau. War sie eine Sklavin? Da er selber scheinbar Händler war, lag dieser Schluss nahe. Mistkerl. „Sie holt einen Wein für die Soße.“
Das schien ihn nicht zufrieden zu stellen. Wer auch immer seine Göttin war, sie sollte wohl vor ihm stehen, wenn er nach Hause kam. „Nun gut, dann geh nun Fletcher holen und sag ihm, er soll eine E.F. mitbringen.“
Carla machte hastig einen Knicks. „Jawohl Sire.“
„Und sag ihm auch gleich, dass er unseren Gast einweisen kann.“ Er bedachte mich mit einem äußerst arroganten Lächeln. „Regeln sind schließlich da, um beachtet zu werden.“
Ich wollte nicht wissen, wer Fletcher war, oder eine E.F. Ich wollte einfach die Flucht ergreifen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, aber mit den Händen auf dem Rücken und verschlossenen Türen, machte sich das schwer. Also setzte ich eine hochmütige Maske auf und gab mich mutiger, als ich mich fühlte. „Tut mir ja fast leid für sie, aber ich habe es nicht so mit Regeln.“
Seine Augen verengten sich ein wenig „Etwas das ich zu beheben gedenke.“
Er wollte es also auf die harte Tour? Bitte. Ich fixierte ihn mit meinem Alphablick und ließ dann mein Odeur um mich herum explodieren. Eigentlich durfte ich das nicht, weil das nur zu deutlich zeigte wer ich wirklich war, aber irgendwie musste ich mich doch schützen. „Versuchen sie es nur.“
Diese Carla gab vor Schreck ein Kicksen von sich, stolperte einen Schritt zurück und ließ dabei ausversehen ihr Messer zu Boden fallen. Dann starrte sie mich mit offenem Mund und großen Augen an.
Auch Jegor zuckte zusammen. Tja, gegen seine Instinkte war auch er nicht gefeilt. „Unterlasst das.“
„Zwingen sie mich doch.“ Ich wusste dass es nicht besonders schlau war ihn zu provozieren. Es war nicht mal sehr gescheit ihm Angst einjagen zu wollen, solange ich noch in seiner Gewalt war. Leute die Angst hatten und sich in die Ecke gedrängt fühlten, taten dumme Dinge.
Bevor er jedoch noch irgendetwas unternehmen konnte, machte mich das Knarzen einer Treppenstufe auf eine offene Tür nahe der Fenster aufmerksam. In ihr stand eine weitere Frau in einer Dienstmädchenuniform, die eine Weinflasche in der Hand hielt. Ihr Blick war wachsam und forschend auf mich gerichtet.
Vor Überraschung verpuffte mein Odeur einfach.
Ich war dieser Frau noch nie in meinem Leben begegnet und doch kannte ich das Gesicht. Ich kannte die kurzen, blonden Haaren, die mandelförmigen, braunen Augen und auch die süße Stupsnase. In den letzten Jahren hatte ich ihr Foto so oft gesehen, auch wenn sie auf denen immer glücklich ausgesehen und gelächelt hatte.
Verdammte Scheiße, die Frau an der Kellertür, das war Vivien!
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Das sollte wohl ein Witz sein!
Jahrelang suchte ich nach ihr, richtete praktisch mein ganzes Dasein danach aus und ausgerechnet hier kam ich ans Ziel? Bei einem Adligen, dessen Aufgabe es eigentlich war, die Zivilisten des Rudels zu schützen? Manchmal war das Schicksal doch einfach nur ein Arschloch.
Fassungslos, geschockt und ein kleinen wenig verwirrt, beobachtete ich, wie Jegor sich von seinem Platz neben Carla löste und lächelnd zu Vivien schlenderte. Zur Begrüßung drückte er ihr sogar einen Kuss auf die Wange und schien gar nicht zu bemerken, wie sehr sie sich bei dieser Geste anspannte.
„Da bist du ja“, säuselte er und legte ihr wie selbstverständlich einen Arm um die Taille. „Du weißt, was ich erwarte, wenn ich das Haus betrete.“
„Verzeiht Sire. Ich habe mit Eurer Ankunft erst später gerechnet.“ Sie schien Abstand von ihm nehmen zu wollen, wagte es aber nicht auch nur einen Muskel zu bewegen. „Ich …“
„Sie verdammter Bastard!“, knurrte ich. Mir brannte einfach eine Sicherung durch. „Sie unsagbarer Dreckssack!“ Keine Ahnung warum, aber sie hier zu sehen und mitzubekommen wie er sie wie selbstverständlich anfasste, machte mich so zornig, dass ich mich am liebsten auf ihn gestürzt hatte. Mir einem Mal vergaß ich einfach in welcher Lage ich mich befand, ich hatte nur das Bedürfnis ihm wehzutun. Das hier war Tristans und Raphaels Schwester. Das war die Frau, die wir so verzweifelt gesucht hatten. Und dieser Abschaum hielt sie sich einfach als seine Leibeigene. „Wenn sie nicht sofort Abstand zu ihr nehmen, werde ich ihnen …“
„Was?“, unterbrach er mich und besaß doch wirklich die Frechheit die Lippen spöttisch zu kräuseln. „Ihr seid gefesselt, Euer Schicksal liegt in meiner Hand. Womit könntet Ihr mir drohen?“
Womit ich ihm drohen konnte? „Sie wissen nicht wozu ich fähig bin“, knurrte ich und machte einen Schritt auf ihn zu. „Und auch wenn sie es glauben, sie haben keine Ahnung, wen sie vor sich haben, also nehmen sie ihre dreckigen Pfoten von Vivien, wenn sie sie nicht verlieren wollen.“
Auf diese mutigen Worte folgte ein Moment des Schweigens, in dem Vivien mich überrascht und der Markis mich interessiert anschaute. Dann neigte er den Kopf ganz leicht zur Seite. „Ihr kennt den Namen meiner Göttin“, murmelte er gerade laut genug, dass ich es verstehen konnte.
Sch mit Käse. In solchen Momenten hasste ich meine Impulsivität. „Ich weiß Vieles“, versuchte ich meinen Patzer wieder gut zu machen. Da auf seinen Lippen ein leichtes Lächeln erschien, missglückte der Versuch wohl.
„Ihr wart in dem Lagerhaus.“ Nach einem Moment des Schweigens lachte er auf und ließ mich damit innerlich zusammenzucken. „Natürlich, das erklärt so einiges.“ Sein Blick glitt von mir zu Vivien. „Fortuna scheint mir wohlgesonnen zu sein. Wer hätte geglaubt, dass sich alles so gut entwickelt?“
Da dies nur eine rhetorische Frage war, sparten wir alle uns die Antwort. Trotzdem kam ich nicht drumherum mich zu fragen, was genau hinter diesen Worten steckte. Was meinte er mit entwickelt? Und was sollte das heißen, dass die Schicksalsgöttin ihm wohlgesonnen war? Ich bekam ein sehr ungutes Gefühl.
„Nun gut“, sagte er dann, ohne weiter darauf einzugehen. „Carla, geh und hol Fletcher. Wenn du wieder da bist, möchte ich den Château Mouton Rothschild von 1945 zum Essen haben. Heute wird gefeiert.“
„Wie Ihr wünscht, Sire.“ Sie machte einen weiteren Knicks und lief dann mit gesenktem Kopf eilig aus der Küche. Damit blieben wir drei allein zurück und dieser Blick mit dem Markis Schleim mich bedachte, gefiel mir absolut nicht. Der Triumph darin und diese absolute Überlegenheit. Verdammt, warum nur hatte Luna sich allein auf den Weg machen müssen?
„Vivien, geh schon einmal nach oben, du kannst mir gleich beim Auspacken behilflich sein.“
Sie machte einen Knicks und das so geschickt, dass sie dabei seinem Griff entkam. „Jawohl Sire.“ Ohne ihm eine weitere Gelegenheit zu geben, sie noch einmal anzutatschen, wandte sie sich ab und verließ eilig die Küche. Der Blick, den sie mir dabei zuwarf, entging mir nicht. Sicher fragte sie sich wer ich war und woher ich ihren Namen kannte. Und auch was meine Anwesenheit zu bedeuten hatte.
Sobald Viviens Schritte verklungen waren, verschränkte Markis Komarow die Arme vor der Brust und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Kochinsel. Seine Lippen wurden dabei von einem kleinen Lächeln geziert. „Könnt Ihr Euch vorstellen, was denjenigen erwartet, der Prinzessin Cayenne zurück in die Arme des Königshauses führt?“, fragte er lauernd.
Oh ja. „Den Tod“, erwiderte ich eiskalt. Niemand würde es schaffen mich zurück hinter diese Mauern zu bringen, auch kein aufgeblasener Beta.
Leider schien ihn die Antwort nur zu belustigen. „Macht, Ehre, Reichtümer.“ Er schmunzelte. „Dankbarkeit in all ihrer Gloria.“
„Von all dem werden sie nichts mehr haben, wenn sie erstmal unter der Erde liegen.“
Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Was nur lässt Euch glauben, dieser Situation auf irgendeiner Art zu entkommen zu können? Ihr seid in meiner Gewalt. Niemand weiß wo Ihr euch befindet und sobald Ihr wieder am Hof seid, wird man Euch keinen Moment mehr aus den Augen lassen.“
„Es gibt immer Mittel und Wege.“
Das ließ er sich einen Moment durch den Kopf gehen. „Wahrscheinlich habt ihr Recht“, gestand er mir dann leise zu. „Es gibt immer Mittel und Wege.“ Sein Mundwinkel kletterte ein kleinen wenig nach oben. „Aber das gilt nicht nur für Euch.“
Was zur Hölle sollte das nun wieder bedeuten?
Als er sich von der Kochinsel abstieß, wich ich unwillkürlich einen Schritt vor ihm zurück. Es war der Ausdruck in seinem Gesicht, der mich dazu veranlasste. Gleichzeitig verfluchte ich mich dafür diese Geste der Schwäche, denn er registrierte sie. Vor Leuten wie ihm, durfte man niemals Schwäche zeigen.
„Wenn das kein Grund zur …“ Er unterbrach sich und schaute auf, als aus der Diele Schritte näher kamen. Gleich darauf huschte die blonde Carla mit gesenktem Kopf zurück in die Küche. Direkt hinter ihr trat ein sehr muskulöser Kerl in einem dunklen Anzug in den Raum. Seine Schultern waren so breit, dass er praktisch seitlich gehen musste, um durch den Türrahmen zu passen. Seine Augen waren klein und wirkten fast schwarz und das Haar hatte er sich so kurz rasiert, dass die Farbe darin nicht zu bestimmen war. Mit Sicherheit konnte ich nur sagen, dass sie dunkel waren.
Er beachtete mich nicht, sein Blick galt allein meinem Entführer. „Markis Komarow.“ Mit einem leichten Nicken begrüßte er ihn.
„Fletcher. Darf ich dir unseren Gast vorstellen? Prinzessin Cayenne Amarok.“
Bei diesen Worten schnellte der Kopf von Carla zu mir herum. Zwei ganze Sekunden starrte sie mich mit offenem Mund an, dann wandte sie sich schnell wieder ab und widmete sich eilig dem Abendessen. Doch ich konnte spüren, wie sie immer wieder kleine Blicke in meine Richtung warf.
Dieser Fletcher dagegen nahm mich so ruhig in Augenschein, als zählten entführte Prinzessinnen regelmäßig zu ihren Gästen.
„Bring die doch bitte nach unten und sorge dafür, dass sie uns nicht wieder abhanden kommt. Und leiste mir beim Essen Gesellschaft, es gibt einiges zu Besprechen.“
„Natürlich.“
„Und bitte sprich mit Nikolaj, er soll herkommen, sobald er es einrichten kann.“
Dieses Mal nickte er einfach nur zur Bestätigung.
„Gut.“ Er rieb sich die Hände und bei diesem Anblick konnte ich mich einfach nicht des Gedankens erwehren, dass er dabei aussah, wie ein boshafter Bösewicht, der kurz davor stand die alleinige Macht über die Welt zu erlangen. Fragte sich nur ob da noch irgendwo ein Superheld war, der ihn aufhalten konnte. „Und Euch Prinzessin, wünsche ich noch einen Angenehmen Aufenthalt.“ Sein Grinsen war schon fast ein Zähnefletschen und ich war ehrlich froh, als er aus der Küche verschwand. Aber nur solange, bis sich eine sehr große Pranke auf meinen Rücken legte und mich nach vorne schob.
„Wir müssen hinunter in den Keller.“ Er sagte das beinahe schon höflich, doch seine Mine war bar jeglichen Gefühls. Nicht so wie ich es von den Umbra kannte, ihn schien das einfach kalt zu lassen.
„Keller? Wirklich? Wie originell.“ Ja ich versuchte meine Unsicherheit mit einem patzigen Spruch zu kaschieren.
Ohne darauf einzugehen, schob er mich einfach zu der schmalen Tür, in der eben erst Vivien erschien war.
Sich zu sträuben würde wohl nichts bringen. Vorerst war ich eine Gefangene und würde mich fügen müssen. Eine Zeitlang zumindest. Ich musste auf meine Gelegenheit warten. Und wenn es so weit war, würde ich keine Gefangenen machen. Markis Schleim würde für all das bezahlen.
Wer nun annahm, dass die Treppe nach unten alt, morsch und voller Spinnweben war und in ein dunkles, schwarzes Loch ohne Wiederkehr führte, der täuschte sich. Zu meiner Überraschung war nicht nur die Treppe, sondern auch die Wände drumherum genauso sauber und gepflegt wie der Rest des Hauses. Es gab sogar gedämpftes Licht. Trotzdem verstärkte sich das mulmige Gefühl in meiner Magengegend, je tiefer ich hinab stieg und das lag nicht allein an dem Riesen in meinem Rücken.
Am Fuß der Treppe wartete ein weitläufiger Weinkeller auf uns. Er war rustikal und doch würde man auch hier kaum ein Stäubchen finden. Und er war arschkalt. Ich spürte geradezu, wie sich meine Haut zusammenzog und die kleinen Härchen auf den Armen aufstellten.
Allerdings gingen wir nicht weit hinein. Gleich rechts neben der Treppe war eine schlichte Tür mit drei Schlössern. Sie waren zwar alle offen, aber dennoch wirkte diese Tür nicht sonderlich einladend. Ich wollte da nicht rein, doch Fletcher griff an mir vorbei und öffnete sie für mich. Dann gab er mir mit einer Geste zu verstehen, dass ich hineingehen sollte.
Hinter der Tür schien ein einfaches Zimmer mit Teppichboden und mehreren sauberen Betten zu sein, doch alles in mir sträubte sich auch nur einen Fuß über die Schwelle zu setzten. Selbst mein Herzschlag wurde ein wenig schneller.
„Wenn Ihr nicht freiwillig hineingeht, werde ich nachhelfen“, erklärte Fletcher mit gleichgültiger Stimme.
Unsicher schaute ich von ihm zur Tür und schaffte es nicht länger meine Furcht zu verbergen. Ich konnte geradezu spüren, wie wie mein Herzschlag sich beschleunigte.
Als er mich dann plötzlich am linken Oberarm packte, hätte ich vor Schreck wohl einen Satz zur Seite gemacht, wenn es mir möglich gewesen wäre, doch sein Stahlgriff ließ es nicht zu, dass ich mich auch nur einen Millimeter von ihm entfernte.
Er bugsierte mich direkt vor sich, schob mich dann über die Schwelle und gab mir einen kleinen Stoß, der mich ins Taumeln brachte. Ich stolperte ein paar Schritte vorwärts, schaffte es aber auf den Beinen zu bleiben.
Als ich herumwirbelte, um ihm eine verbale Backpfeife zu verpassen, wurde meine Angst und Wut von Überraschung ersetzt. Direkt hinter der Tür saß ein kleiner Junge mit braunem Haar an der Wand. Er war vielleicht drei, höchstens vier Jahre alt. In seinem Schoß lag ein offenes Märchenbuch und sein Blick … er wirkte scheu.
„Hier werdet Ihr bis auf Weiteres verweilen“, erklärte Fletcher und lenkte meine Aufmerksamkeit damit wieder auf ihn. „Dreht Euch um, damit ich Eure Fesseln lösen kann.“
Aus gar keinen Fall, war mein erster Gedanke, einfach weil ich den Feind nicht gerne im Rücken hatte. Doch schon in der nächsten Sekunde erschloss sich mir damit die Chance auf die ich gehofft hatte. Mein Ring war nutzlos, seine Ladung hatte ich bereits bei dem Kerl im Lager verbraten, aber ich hatte noch zwei Anhänger an meiner Kette und die waren noch bis zum Rand gefüllt.
Nur sehr langsam kehrte ich ihm den Rücken zu, behielt ihn dabei aber so gut es ging im Blick.
„Benehmt Euch“, mahnte er, als wüsste er genau, dass ich bereits etwas im Schilde führte und trat dann an mich heran. Gleich darauf spürte ich wie er sich an dem Knoten an meinen Handgelenken zu schaffen machte. Dabei ging er nicht gerade sanft vor und einen kurzen Moment überkam mich das Bedürfnis nach hinten auszutreten.
Ich besann mich und hielt still. Und dann endlich war die Fessel ab und mein Blut begann wieder zu zirkulieren. Als meine Arme nach vorne fielen, protestierten meine Schultern mit einem stechenden Schmerz. „Danke“, murmelte ich und begann meine Handgelenke zu reiben. Dabei hob ich meine Hände unauffällig höher. Der Anhänger verbarg sich unter meinem Shirt, ich würde schnell sein müssen. Nein, nicht schnell, klug. Ich hatte nur einen versuch.
„Setzt Euch aufs Bett.“
Damit meinte er wohl das Einzelbett rechts von mir. An der Wand war ein Stahlring befestigt, von dem Handschellen baumelten. Mir schwante Böses.
„Oder ich werde nachhelfen.“
Scheiße. Um etwas Zeit zu schinden, drehte ich mich so, dass er nicht sah, wie ich eilig unter mein Shirt griff. Meine Finger schlossen sich um den Anhänger. Ein kleiner Ruck und er löste sich. Dann barg ich ihn in meiner Hand. „Also wenn ich ehrlich bin, dann stehe ich nicht so auf Fesselspielchen.“
Sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos.
Ich zögerte, machte dann einen Schritt auf das Bett zu. Mein Herzschlag beschleunigte sich ein wenig, doch ich achtete darauf, das meine Atmung gleichmäßig blieb. Nur keinen Verdacht erwecken.
Langsam ließ ich mich auf der Bettkante nieder. Dabei ließ ich ihn keinen Moment aus den Augen. Weder als er auf mich zutrat, noch als er sich vorbeugte, um an die Handschellen zu kommen.
Jetzt!
Mein Arm sauste so schnell nach vorne, dass er es nicht sehen konnte, doch er musste etwas geahnt haben. Ich hatte noch nicht mal richtig den Arm gehoben, da traf mich eine Schelle, die mich nicht nur zur Seite schleuderte, sondern mir auch noch das Gefühl gab, mein Kopf würde gleich wegfliegen.
Mit einem Aufschrei knallte ich ins Bett. Da griff der Widerling auch schon nach meinem Arm und schlug meine Hand so heftig auf das Bettgestell, dass ich einen Moment glaubte, er wolle es mir brechen.
Der Schmerz sorgte dafür dass ich die Hand öffnete, der Anhänger fiel zu Boden. Dann wurde ich auch schon nach hinten gezerrt und spürte wie sich die eiserne Fessel um mein Handgelenk schloss. Für so einen Muskelberg war der Kerl außergewöhnlich flink.
„Nein!“, schrie ich und schmeckte das Blut auf meiner Zunge. „Finger weg, lass mich los, du widerlicher Penner!“
Als er dann auch noch über mich kletterte und meine freie Hand unter seinem Knie einklemmte, bekam ich einen Moment Panik. Ich hatte schon zu oft gesehen, wozu Männer fähig waren, wenn Frauen ihnen schutzlos ausgeliefert waren – nicht das alle so wären, doch es gab leider immer noch viel zu viele. Doch ihm stand nicht der Sinn nach Vergnügungen, er wollte einfach nur dafür sorgen, dass ich mich nicht bewegen konnte.
Er zog ein Armband mit einer kleinen Plastikbox daran aus seiner Jackentasche und während ich unter ihm wie ein wildgewordener Stier bockte, befestigte er es an meinem Handgelenk. Gleich darauf gab es einen leisen Signalton von sich.
Sobald das erledigt war, begann er damit meine Kleidung systematisch von oben bis unten abzutasten. Er nahm mir einen Stift weg und klaute dann auch noch meine Schuhe. Und natürlich fand er auch noch den verbliebenen Anhänger an meiner Kette und nahm mir auch den ab.
„Was soll das? Was machen Sie da?! Gehen Sie runter!“
Er ging runter, aber erst als er fertig war. Dann schaute er seelenruhig dabei zu, wie ich eilig an die Wand rutschte. Würde er noch mal versuchen mir zu nahe zu kommen, würde ich ihm einfach ins Gesicht treten.
„Die Frauen werden Euch nachher etwas zu essen bringen.“ Er bückte sich nach anderen Anhänger, nahm ihn kurz in Augenschein und ließ ihn dann in seiner Jackentasche verschwinden. „Ihr dürft den Raum nicht verlassen. Jegor wird sich um Euch kümmern, sobald seine Zeit es ihm erlaubt.“
„Er sollte mir besser nicht zu nahe kommen!“, fauchte ich und verfluchte mich gleichzeitig dafür, wie unsicher meine Stimme klang.
Was das Arschgesicht dachte, war nicht zu erahnen. Sein Blick war nicht kalt oder überheblich, nein einfach nur völlig ausdruckslos. Das war unheimlich und ich war froh, als er sich abwandte und den Raum wortlos verließ. Was mich allerdings nicht froh stimmte, war der Klang von sich schließenden Schlösser.
Eingesperrt, festgekettet, unbewaffnet. Jetzt war ich ihnen wirklich ausgeliefert. „Scheiße!“, fluchte ich und konnte mir der verdammten Träne nicht erwehren. Ich griff nach der Handschelle und versuchte krampfhaft sie die über meine Hand zu zwängen. Das war aussichtslos. Noch dazu schmerzte es noch immer, weil er es auf das Bettgestell geknallt hatte, um mir meinen Anhänger wegzunehmen. Von meinem Gesicht und meinen Schultern wollte ich gar nicht erst anfangen.
Als das nichts brachte, verlegte ich mich darauf, an dem Ring in der Wand zu zerren, doch der schien mit der verdammten Mauer verwachsen zu sein und bewegte sich keinen Millimeter.
Gott, das konnte mir doch nicht wirklich passieren. Das durfte einfach nicht passieren.
Ich ließ meinen Blick eilig durch den Raum schweifen und hoffte auf einen plötzlichen Einfall, der mich hier raus brachte. Grauer Teppichboden, vergilbte Wände. Ein zurückgezogener Vorhang in der Ecke offenbarte eine kleine Nische mit einer Toilette und einem Waschbecken. Im Raum selber standen zwei Etagenbetten und das einzelne, auf dem ich mich befand, doch nur zwei von ihnen schienen belegt zu sein. Ein Tisch mit zwei Stühlen und ein offenes Regal mit Kleidung. Keine Fenster, kein Lüftungsschacht und eine sehr stabile Tür.
Für eine Sklavenunterkunft war das hier schon fast luxuriös und doch war es nichts anderes als eine Gefängniszelle ohne Gitter, in der es nichts gab, was mir helfen konnte.
Mein Blick fiel wieder auf den kleinen Jungen. Mist, den hatte ich ganz vergessen, doch trotz der Show die hier gerade gelaufen war, wirkte er nicht eingeschüchtert oder verschreckt. Wie oft er sowas wohl schon hatte mitansehen müssen?
„Hallo“, sagte ich so sanft ich konnte und rutschte langsam nach vorne an die Bettkante. Ich wollte ihn nicht verschrecken. So wie er aussah, hatte der Kleine nicht viel Kontakt zu Menschen außerhalb dieses Raumes. Er war sehr schmächtig und blass, so als wäre er noch nie von der Sonne berührt worden. Die braunen Augen wirkten in seinem schmalen Gesicht riesig und man müsste ihm mal dringend die Haare scheiden.
Seine Kleidung jedoch war sauber und die Wangen rosig und auch wenn er sehr schmal war, so wirkte er nicht abgemagert oder ungepflegt. Jemand kümmerte sich um ihn. „Ich bin Clementine, aber nenn mich ruhig Clem, das tun alle.“ Ich versuchte es mit einem kleinen Lächeln, doch die einzige Reaktion bestand in einem Blinzeln. „Erzählst du mir wie du heißt?“
Sein Mund blieb geschlossen. Er wirkte nicht ängstlich, einfach nur scheu, so als wüsste er nicht genau, was er von mir halten sollte.
Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was der Kleine hier schon alles hatte erleiden müssen, oder wofür Markis Komarow ihn brauchte. Dafür würde ich diesen Widerling zur Hölle schicken. „Du brauchst keine Angst vor mir haben“, sagte ich sanft und ließ einen Hauch meines Odeurs aufwallen, dass zart über seine Sinne strich.
Dieses Mal bekam ich eine Reaktion. Die Augen des Kleinen wurden eine Spur größer und sein Mund formte ein kleines O. Sowas hatte er wohl noch nie gespürt. Ob er überhaupt wusste was ein Alpha war? Wahrscheinlich nicht. Es waren wohl eher seine Instinkte, die ihn reagieren ließen.
„Gefällt dir das?“
Erst schaute er mich nur an, dann nickte er ganz leicht. Eine Bewegung, die ich nur wahrnahm, weil ich genau darauf achtete.
„Siehst du, du brauchst keine Angst haben, ich tu dir nichts.“
Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, als wollte er mich aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Dann griff er nach seinem aufgeschlagenen Buch, schob es von seinem Schoß und arbeitete sich auf die Beine, nur um mich dann stehend zu betrachten. Dabei bemerkte ich das Armband mit dem kleinen Plastikgehäuse an seinem Handgelenk. Ein rotes Licht blinkte darauf.
Mit einem mal spürte ich das Band das dieser Fletcher an meinem Handgelenk befestigt hatte, als würde es sich immer enger zusammen ziehen. Auch ich trug dieses Armband und wenn ich mich nicht täuschte, dann war das eine elektronische Fessel. Jetzt fragte sich nur, was genau die tat. Gab sie einfach nur ein Signal ab, oder verbarg sich unter dem Gehäuse etwas ganz anderes?
Verdammt, so eine Fessel war das letzte was ich im Moment gebrauchen konnte. Dieser Scheißkerl meinte es wirklich ernst. Nicht dass mir das bisher noch nicht klar gewesen wäre.
Als ich still vor mich hinfluchend wieder nach vorne schaute, stand der kleine Junge mit einem Mal direkt vor mir und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen neugierig an. Sein Buch hatte er vom Boden aufgelesen und drückte es sich an die magere Brust. Es war ein Märchenbuch. Alt, abgegriffen und an manchen stellen beschädigt. Das Buch wirkte älter als ich, aber er hielt es, als sei es sein wertvollster Schatz.
„Kannst du schon lesen?“, fragte ich sanft und achtete dabei darauf seine Sinne weiter mit einem Hauch meines Odeurs zu berühren.
Es dauerte zwar einen kleinen Moment, aber dann schüttelte er den Kopf.
„Dann gefallen dir wohl die Bilder.“
Anstatt darauf irgendwie zu antworten, nahm er das wohl als Aufforderung, mir das Buch in den Schoß zu legen und eine Seite ziemlich weit hinten aufzuschlagen. Ein farbenfroher Holzschnitt vom tapferen Scheiderlein schaute mir entgegen. Die Seite war oben eingerissen und unten hatte jemand die Seitenzahl mit einem bunten Stift übermalt.
„Magst du die Geschichte?“
Er zuckte nur mit den Schultern.
Der Kleine schien wohl nicht viel zu sprechen. Ich wollte nicht wissen warum, weil ich sonst wahrscheinlich vor Wut explodiert wäre. „Soll ich dir ein bisschen vorlesen?“
Auf diese Frage bekam ich ein Nicken und so verbrachte ich die nächsten Zwei Stunden damit dem Kleinen mehrere Märchen der Gebrüder Grimm vorzulesen.
Anfangs blieb er einfach vor mir stehen und blätterte immer weiter, wenn ich am ende einer Seite angelangt war. Nachdem ich ihm die zweite Geschichte vorgelesen hatte, setzte er sich neben mich ins Bett, achtete dabei aber genau darauf, mich nicht zu berühren. Sprechen tat er die ganze Zeit nicht ein einziges Wort.
Wäre ich nicht wo ich war und würden meine Schultern nicht so schmerzen, hätte ich mich dabei vielleicht sogar ein wenig entspannen können. Ich hatte zwar nie besonders viel für Kinder übrig gehabt, einfach weil ich nichts mit ihnen anfangen konnte, aber den Kleinen neben sich zu haben, war irgendwie … beruhigend.
So jedoch waren meine Sinne die ganze Zeit auf Habachtstellung und es verging kaum eine Minute, in der ich nicht zu Tür schielte und darum bangte, ob und was geschehen würde.
Als die Tür sich dann wirklich irgendwann öffnete, wäre ich vor Anspannung fast aus dem Bett gesprungen, doch es war nur diese Carla, die mit einem Tablett den Raum betrat. „Setz dich an den Tisch, Anouk“, sagte sie und bewegte sich selber dort hin. Dabei warf sie mir nur einen kurzen Blick zu, bevor sie sich eilig wieder abwandte.
Der kleine Junge dagegen regte den Hals zur noch offenen Tür, als hoffte er auf jemand anderen.
„Anouk“, wiederholte Cara. „Essen, jetzt.“
Folgsam rutschte der Junge vom Bett, nahm sein Buch aus meinem Schoß und eilte dann zum Tisch hinüber, wo Carla ihm einen Teller und ein Plastikbecher hingestellt hatte.
„Ist er stumm?“, fragte ich ganz direkt.
Als fürchtete sie Schmerzen, spannte sie sich deutlich an, vermied es dabei aber mich anzuschauen. „Nein, er redet nur nicht viel.“ Mit dem anderen Teller kam sie zu mir und wirkte dabei so unterwürfig, dass ich die Stirn runzelte.
„Hab ich was falsch gemacht?“, fragte ich, als ich den Teller entgegen nahm. Es war Suppe und entgegen meiner Erwartungen roch es himmlisch. Mein Magen begann sofort zu knurren.
„Ihr?“ Sie wirkte geradezu erschrocken.
Oh nein, nicht mit mir. „Lass das.“
Nun sah sie mich doch an, schien aber nicht fähig etwas zu sagen.
Auch das noch. „Ich bin keine Prinzessin, also sprich bitte normal mit mir.“
„Aber …“ Sie schloss eilig wieder den Mund.
„Aber was?“ Da sie den Löffel noch immer direkt vor mir in der Luft hielt, schnappte ich ihn mir einfach und begann damit das Essen in mich hinenzuschaufeln. In der Zwischenzeit war ich richtig ausgehungert.
„Ich …“ Unruhig spielte sie mit ihren Fingern herum. „Ich kenne Euer Gesicht. Ihr seid Prinzessin Cayenne, das gestohlene Kind.“
So hatte mich schon lange keiner mehr genannt und wenn ich ehrlich war, gefiel es mir absolut nicht. „Mein Name ist Clementine“, sagte ich zwischen zwei Bissen.
„Ihr seid ein Alpha.“
„Auch im Volk gibt es Alphas.“
Sie schien noch etwas dazu sagen zu wollen, senkte dann aber nur den Blick. „Wenn Ihr aufgegessen … du aufgegessen hast, stell den Teller einfach auf den Boden, ich räume ihn dann später weg.“
„Danke. Auch fürs Essen.“
„Markis Komarow hat es so gewünscht“, erklärte sie und war gleich darauf auch schon wieder aus dem Zimmer verschwunden. Die Schlösser rasteten ein und wir waren wieder eingeschlossen. Dieses Mal jedoch bleiben wir nicht lange allein. Ich hatte den Teller noch nicht mal ganz geleert, als sich erneut jemand an der Tür zu schaffen machte. Dieses Mal war es jedoch nicht Carla, oder einer von den Bastarden unter diesem Dach, es war Vivien.
Sie schlüpfte hinein, schloss die Tür hinter sich und schloss die Augen. Dann atmete sie einmal tief durch, bevor sie ihren Blick zielsicher auf mich richtete. Sie wirkte sehr blass, nervös und unter ihrer ganzen Traurigkeit resigniert. Das Leben hier musste ihr sehr übel mitgespielt haben.
Der Löffel, der sich auf halben Wege zu meinem Mund befand, sank wieder herab in den Teller. Drei Jahre, drei verdammte Jahre hatte ich nach ihr gesucht und war dabei auf Abgründe gestoßen, die ich mir nicht mal in meinen schlimmsten Alpträumen hätte vorstellen können. Und nun stand sie hier vor mir, doch es war nicht so wie ich gehofft hatte. Keine glückliche Familienvereinigung, keine Freudentränen und Hoffnung auf die Zukunft.
„Du fragst dich sicher, woher ich dich kenne.“ Ich stellte den Teller auf den Boden und zog dann ein Bein unter den Hintern.
„Ihr wisst also mehr über mich, als meinen Namen?“ Ihre Stimmer war sehr leise und klang ein wenig unsicher.
„Mach das nicht“, sagte ich, ohne auf die Frage einzugehen. „Versuch nicht mich auf ein Podest zu stellen, ich bin genau wie du.“ Als ich den Arm bewegte, rasselten meine Handschellen. „Wenn man es genau betrachtet, bin ich im Moment vielleicht sogar ein wenig schlechter dran als du. Du kannst dich wenigstens frei bewegen.“
Der Augenblick des Schweigens, der daraufhin entstand, nutzte Anouk um von seinem Stuhl zu rutschen, sich sein Buch zu schnappen und quer durch den Raum zu Vivien zu huschen. Als er dann auch noch einen Arm um ihre Beine schlang und sie ihm liebevoll eine Hand auf den Kopf legte, waren es meine Augen, die sich ein wenig weiteten.
Oh mein Gott! Mit einem Mal war die Szene aus der Küche wieder präsent und ich sah vor mir, wie besitzergreifend Markis Schleim seinen Arm um sie geschlungen hatte. „Du bist … er ist …“
Auf ihrer Stirn erschien ein runzeln. „Ja, das ist Anouk, mein Sohn.“
„Und Markis …“
„Nein“, unterbrach sie mich entschlossen, bevor ich meinen Gedanken formulieren konnte. „Jegor ist nicht sein Vater, ich war bereits schwanger, als ich zu ihm kam.“
Das zu hören war sowohl eine Erleichterung, als auch ein Schock. Wir hatten die ganzen Jahre nur nach Vivien gesucht, sie nun mit einem Kind vor mir zu sehen … das war … auch du scheiße! „Roger ist der Vater.“
Mit einem Schlag richtete sie sich kerzengerade auf. Ihr Mund öffnete sich, aber sie brauchte mehrere Versuche um ihre Stimme wiederzufinden. „Wer seid Ihr?“
Sie für das Ihr zu rügen, würde im Moment wohl nichts bringen. „Ich bin eine Freundin von …“ Hm, ob es so schlau war einfach mit der Tür ins Haus zu fallen? Ich wollte nicht, dass sie einen Schock erlitt. Andererseits würde ich ihr das wohl nicht schonend beibringen können. „Ich kenne Roger. Ich habe die letzten Jahre zusammen mit Ryder und … ich meine Raphael und Tristan nach dir gesucht.“
Die Reaktion kam prompt. „Roger“, hauchte sie. Ihre Hand schnellte vor ihren Mund und plötzlich waren da Tränen auf ihrem Gesicht. „Oh mein Gott.“
Ich nickte. „Ja, sie haben die Suche nach dir nie aufgegeben. Ich habe die drei noch gestern gesehen.“ Ich runzelte die Stirn. „Jedenfalls glaube ich, dass es gestern war.“ Ganz so sicher war ich mir da nicht. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich weggetreten gewesen war.
Ein Schluchzen kroch aus ihrer Kehle, dann sackte sie in sich zusammen, nahm Anouk in in die Arme und begann so bitterlich zu weinen, dass sie am ganzen Körper zitterte.
Ich konnte nicht sagen, ob es Erleichterung war, weil man sie nicht aufgegeben hatte, oder Schmerz, weil der ganze Verlust wieder nach oben kam, aber ich wusste, dass Worte im Moment nichts bringen würden. Also entließ ich wieder einen sanften Hauch meines Odeurs und versuchte sie so ein wenig zu trösten.
Natürlich wäre es besser, wenn ich das weiter geheim hielt, aber das hier war Vivien und auch wenn ich sie im Grunde nicht kannte, sie war Familie.
Sie reagierte nicht mal darauf, klammerte sich nur an ihren Sohn und ließ ihren Tränen freien Lauf. Dass Anouk mir dabei einen wirklich bösen Blick zuwarf, bemerkte sie gar nicht. Er nahm es mir wohl übel, das ich seine Mama zum Weinen gebracht hatte.
„Roger wird sicher überrascht sein, wenn er seinen Sohn kennenlernt.“
Diese Feststellung entlockte ihr einen so herzzerreißenden Laut, dass selbst ich ihren Schmerz und ihre Verzweiflung spüren konnte. „Er wird ihn niemals kennenlernen“, schluchzte sie. „Von hier gibt es kein Entkommen.“ Ihre Stimme klang bitter. Sie hatte die Hoffnung bereits verloren. Nach vier Jahren in Gefangenschaft, war es ihr nicht mehr möglich, noch an die Freihielt zu glauben.
Ich wäre gerne zu ihr gegangen, um sie zu trösten, aber leider war ich an der Wand festgekettet. „Du darfst nicht aufgeben. Ich habe auch nicht aufgegeben und schau was passiert ist, ich dich gefunden.“ Ja gut, so war das zwar nicht geplant, aber eine Hürde war genommen. „Zusammen werden wir es schaffen von hier zu verschwinden.“
„Das ist unmöglich.“ Sie löste eine Hand von Anouk und rieb sich damit durchs Gesicht. „Jegor wird mich niemals gehen lassen.“
„Jegor hat das nicht zu entscheiden und ich habe schon ganz andere Dinge geschafft, die im ersten Moment unmöglich erschien. Ich bin viel zu stur, um mich von sowas wie Unmöglich aufhalten zu lassen.“
Das entlockte ihr zumindest ein kleines Lächeln, auch wenn sie mir nicht glaubte. „Wie geht es ihnen?“
Im Moment? Raphael drehte wahrscheinlich gerade völlig durch, weil er mich nicht finden konnte, Tristan würde deswegen in der nächsten Zeit vermutlich eine heftige Depression entwickeln und Roger würde versuchen seinen Kummer in einer Flasche Scotch ertränken. Das behielt ich allerdings für mich. Es reichte schon, wenn sich einer von uns beiden sich Sorgen um die drei machte. „Roger ist stark. Er weiß, dass du hier draußen bist und er wird nicht aufgeben, bevor er dich wieder in die Arme schließen kann.“ Oder er würde bei dem Versuch zugrunde gehen. Auch das behielt ich für mich.
Nach einen Moment des Schweigens fragte sie: „Es geht ihm nicht gut, oder?“
Hm, sie schien ihn wohl doch besser zu kennen, als ich gehofft hatte. Wie sollte es auch anders sein, die beiden hatten schließlich heiraten wollen und unter Lykanern war der Bund mit einem Gefährten heilig. Wer seinen Partner fand, würde niemals wieder so intensiv für einen anderen empfinden. „Die Suche nach dir hält ihn auf den Beinen.“
Dieses Mal nickte sie. Das glaubte sie mir schon eher. „Und Tristan? Wie geht es ihm?“
Da dieser Idiot sich vor fast einem Jahr einfach klammheimlich aus dem Staub gemacht hatte, war diese Frage nicht ganz so einfach zu beantworten. „Er vermisst dich furchtbar. Das tun sie alle.“
„Ich vermisse sie auch.“ Eine weitere Träne rollte ihr über die Wange. Sie wischte sie sofort weg, doch das half nicht wirklich. „Ich vermisse sie so sehr.“
„Dann darfst du die Hoffnung nicht aufgeben.“ Ich lehnte mich ein wenig in ihre Richtung. „Hör mal, ich weiß, dass es im Moment ziemlich aussichtslos aussieht und nach all den Jahren hier wundert es mich gar nicht, dass du resigniert hast, doch du bist nicht allein. Sie sind da draußen und sie suchen noch immer nach dir. Und jetzt bin auch hier und ich habe ganz bestimmt nicht vor zu bleiben. Ich werde einen Ausweg finden, mit dir zusammen und dann werden wir hier verschwinden.“
Sie gab ein klägliches Schnauben von sich. „Ich wünschte ich könnte Euch glauben, aber wen Jegor einmal hat, den lässt er nicht mehr gehen. Er bekommt immer was er will.“
„Wer behauptet das?“
„Niemand.“ Sie zuckte hilflos mit den Schultern und drückte Anouk ein wenig fester an sich. „Es ist einfach eine Tatsache.“
Sie hatte wirklich aufgegeben. Da war nicht mal mehr das kleinste Fünkchen Hoffnung. Nicht mal die Tatsache, dass ihre Familie noch immer jeden Stein dreimal umdrehte um sie zu finden, konnte ihr Mut machen. Das war ein Phänomen, das mir leider nicht zum ersten Mal begegnete. „Niemand bekommt immer, was er will, das ist einfach nicht möglich.“
„Ihr kennt ihn nicht. Er findet immer einen Weg. Und er ist geduldig. Wenn es sein muss, kann er warten, bis sich ihm eine Gelegenheit eröffnet und …“ Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie ihren Gedanken loswerden. „Egal, verzeiht, aber ich möchte nicht mehr darüber nachdenken.“
Das konnte ich verstehen. „Tust du mir bitte einen Gefallen?“
Unsicher hob sie den Blick. „Wenn es in einer Macht steht.“
„Hör auf so mit mir zu reden. Ich hab keine Ahnung was der Mistkerl geraucht hat, aber ich bin keine Prinzessin. Mein Name ist Clementine.“ Denn das was vor Clementine gewesen war, hatte ich schon lange hinter mir gelassen.
„Aber Jegor sagte …“ Sie verstummte. „Seid Ihr … ich meine, bist du eine Doppelgängerin?“
Hm, wenn man es genau betrachtete, war ich das was danach kam. „Nein, ich bin einfach nur ich. Ein wenig chaotisch, übertrieben rechthaberisch und völlig verrückt nach sauren Gurken. Ehrlich, in den Dingern könnte ich baden.“
Wieder fand eine Träne ihren Weg in die Freiheit, doch dieses Mal wurde sie von einem kleinen Lächeln begleitet. „Und wie kam es … also, warum hilfst du bei der Suche?“
Mein Lächeln schrumpfte ein wenig in sich zusammen. Das war eine Geschichte, die ich weder erzählen wollte, noch konnte – nicht wenn ich bei der Behauptung blieb, keine Prinzessin zu sein. Und außerdem war das ja auch keine besonders schöne Geschichte. „Es war wohl mein Schicksal“, sagte ich daher einfach.
„Schicksal?“
War ja klar, dass sie sich damit nicht zufrieden geben konnte. Sie war seit vier Jahren eine Gefangene und natürlich interessierte sie sich für das, was in dieser Zeit passiert war. „Raphael hat mich um Hilfe gebeten und naja … nun hier bin ich.“ Das er außerdem mein Mann war, behielt ich lieber für mich. Das würde im Augenblick zu viele Fragen aufwerfen. Und davon abgesehen, dass meine wahre Natur noch immer ein Geheimnis war, fürchtete ich mich davor, dass diese Information hier an die falschen Ohren dringen konnte. Genau wie die Tatsache, dass wir alle zu den Themis gehörten und was genau wir da machten.
Nicht das ich glaubte Vivien würde mich verraten, aber … naja, im Grunde war sie für mich eine Fremde und in vier Jahren konnte eine Menge passieren.
„Wie geht es meinem Vater?“, fragte sie nach einem Moment des Schweigens. „Und Amber?“
„Ich weiß nicht.“ Ich verlagerte mein Gewicht ein wenig, rutschte höher und lehnte mich an die Wand. Gott, mein Rücken brachte mich um. Von meinem Gesicht fing ich besser gar nicht erst an. „Ich habe die beiden nie kennengelernt. Auf der Suche nach dir bin ich mit den Jungs viel gereist, deine Schwester war noch zu jung dafür und dein Vater musste sich um sie kümmern.“
„Du bist mit den beiden herumgereist?“
„Jap.“ Ich nickte. „Wir haben sogar einen kleinen Wohnwagen gekauft, damit wir nicht immer in Hotelzimmern schlafen mussten.“
„Das war sicher nicht leicht.“
Nein, nicht immer. Besonders am Anfang hatte ich noch oft Heimweh und musste viel an meine Mutter denken. Aber die Weichen für mein Leben hatten sich nun einmal so gestellt und auch wenn ich heute so manches bereute und wünschte dass so einige Dinge anderes gelaufen wären, war ich doch zufrieden mit dem was ich hatte. Naja, zumindest bist zu dem Moment, als Lucy wieder in meinem Leben aufgetaucht war.
Gott, wie hatte sich in nur zwei Tagen so viel verändern können? Ich hätte gleich wissen müssen, dass unser Wiedersehen kein gutes Omen sein konnte. Warum nur hatte ich nicht auf mein Gefühl vertraut? Anderseits hatte ich so Vivien gefunden. Das war ein zweischneidiges Schwert.
„Du willst nicht darüber reden.“ Sie klang traurig. „Das kann ich verstehen.“
„Nein, das ist es nicht“, widersprach ich ihr sofort. „Es ist nur … das Leben kann manchmal ein richtiges Arschloch sein. Eben noch war alles mehr oder weniger okay und dann, bumm, Chaos, Kummer, Umbruch.“
„Umbruch.“ Ihre Lippen verzogen sich bitter.
„Mach dir keine Sorgen, sie werden uns schon finden. Schließlich müssen sie jetzt zwei Jungfrauen in Nöten retten.“ Mein Blick fiel auf Anouk. „Naja, Jungfrauen im übertragenden Sinne.“
Sie wollte daran glauben, wirklich, doch die vergangenen Jahre hatten sie gelehrt, dass Hoffnung etwas sehr Gefährliches sein konnte, denn wenn sie starb, ließ sie nichts als Scherben zurück. Darum wechselte sie wohl auch das Thema. Sie wollte nicht mehr länger über etwas nachdenken, an das sie nicht mehr glaubte. „Erzählst du mir davon? Von deiner Zeit mit meinen Brüdern?“
„Klar.“ Ich musste nur aufpassen, dass ich nichts über mich und Raphael preisgab. Und darüber was genau wir taten. „Weißt du, dass es lebensgefährlich ist, sich einen Motorradhelm vom Kopf zu ziehen? Bei dem versuch bin ich mehr als einmal fast von der Maschine gekippt. Das ging soweit, dass Tristan mir verboten hat abzusteigen, bevor er mit das Teil vom Kopf gezupft hatte.“
„Sie fahren noch immer mit ihren Motorrädern durch die Gegend?“
„Und ob. Einmal war ich ein wenig sauer gewesen und hab gegen das von Raphael getreten.“
Ihre Augen wurden ein wenig größer. „Was hat er gemacht?“
„Mir gedroht mich zu fesseln und zu knebeln, wenn ich seinem Baby noch einmal Gewalt antue.“
Und mit einem Mal erschien ein kleines Lächeln in ihrem Gesicht, dass sogar ihre Augen erreichte.
°°°
„Fletcher wird sicher gleich kommen, dann kannst du gehen.“
Das war gut. Und auch nicht. Einerseits legte ich kein Wert darauf ins Bett zu pinkeln, andererseits gab es hier nur einen dünnen Vorhang vor dem Klo. Ich wusste nicht was schlimmer war. Eine nasse Hose, oder die Peinlichkeit vor fremden Pinkel zu müssen. Obwohl ich das, wenn man es genau betrachtete, in beiden Fällen würde tun müssen. Als angekettete Gefangene, hatte man eben keine große Wahl.
Die Nacht war lag gewesen. Und einsam. Ich hatte die Augen nur für kurze Zeit schließen können und war dann mit einem Schrei aus einem Alptraum erwacht, der Vivien und Carla praktisch aus dem Bett hatte springen lassen – nur Anouk hatte seelenruhig weiterschlafen können. Die Gebilde meiner Träume waren nicht wie sonst von König Isaac und seiner Machtgier dominiert gewesen, es war ein formloser Schatten, der in der Dunkelheit auf mich lauerte. Das war beängstigender als den Feind den man direkt vor sich hatte.
Danach war nicht mehr an Schlaf zu denken gewesen. Wenigstens hatte ich die anderen mit meinen Tränen kein zweites Mal geweckt. Meine Augen fühlten sich vom Weinen noch immer geschwollen an. Gott, ich wollte hier weg. So dringend.
„Und was passiert dann?“, fragte ich. „Werde ich dann wieder an die Wand gekettet?“ Denn auch wenn die Kette mir genug Bewegungsfreiheit ließ, um mich im Bett bequem hinzulegen, es war kein Zustand, den ich beibehalten wollte. So würde ich hier sicher keinen Weg hinaus finden.
Vivien Blick war mitleidig. „Ich weiß es nicht, Jegor hat mir nicht gesagt, was er mit dir vorhat.“
„Ach, erzählt er dir sonst sowas?“ Einer Sklavin? Die wurden doch normalerweise nur wie Dreck behandelt, mit dem man machen konnte, was man wollte, und ging das Spielzeug kaputt? Auch egal, dann besorgte man sich eben einfach ein neues.
„Manchmal“, räumte sie ein, wandte sich dann aber ab, um Anouk zu helfen. Der Kleine saß noch völlig verschlafen im Bett und rieb sich die müden Augen. Sein Haar stand ihm dabei in alle Himmelsrichtungen ab und an der Wange hatte er ein paar Knitterfalten. Wie es für ihn wohl war hier aufzuwachen? Da er hier geboren wurde, kannte er ja nichts anderes. Machte es das für ihn besser? Das konnte ich mir nicht vorstellen.
Ich würde ihn hier rausbringen. Nein, ich musste ihn hier rausbringen, ihn und Vivien. Nichts und niemand würde mich daran hindern.
Als Vivien den Kleinen auf den Arm nahm und mit ihm in der Waschnische verschwand, wurden die drei Schlösser an der Tür betätigt. Carla, die die letzten zehn Minuten stumpf vor sich hinstarrend auf dem unteren des rechten Doppelbettes gesessen hatte, sprang bei dem Geräusch sofort auf und strich sich eilig die Hausmädchenuniform glatt. Als die Tür sich öffnete zupfte sie sich sogar noch einen Fusel vom Ärmel.
Wie erwartet, war es nicht der Hausherr, der uns da beehrte, sondern Fletcher in seiner ganzen Pracht. Genau wie gestern trug er einen dunklen Anzug und einen neutralen Gesichtsausdruck. Nur die Farbe der Krawatte hatte sich geändert.
„Guten Morgen, meine Damen.“
„Morgen“, riefen alle im Chor. Naja, alle außer mir, von mir bekam er nur einen misstrauischen Blick. Ich hatte nicht vergessen, wie er mich gestern an die Wand gekettet und mir dieses hübsche Blinkearmband verpasst hatte.
Er jedoch beachtete mich gar nicht, seine Aufmerksam richtete sich sofort auf Carla. „Jegor liegt noch im Bett. Er hat gestern Abend gefeiert und möchte nicht vor zehn Uhr geweckt werden. Bereitet das Frühstück also erst später zu und beginnt mit dem Putzen unten, damit ihr ihn nicht stört.“
„Natürlich Sire.“
„Die Liste mit den Aufgaben liegt in der Küche. Wir erwarten Nikolaj heute Abend, bereitet alles für seine Ankunft vor und kümmere dich um Tarajika, ihr Käfig fängt wieder an zu stinken.“
„Ja Sire.“
„Außerdem fahre ich um zwölf in die Stadt. Schreibe mir bis dahin eine Einkaufsliste. Vivien?“
Die Angesprochene steckte ihren Kopf aus der Waschnische. „Ja Sire?“
„Jegor wünscht, dass du ihm heute das Frühstück ans Bett bringst.“
Bei diesen Worten spannte sich Viviens ganze Haltung an. Das ließ mich sofort aufmerksamer werden. Sie wollte nicht in sein Schlafzimmer, sie wollte nicht mal in die Nähe dieses Mannes.
„Und er wünscht auch, dass du dich um Prinzessin Cayenne kümmerst.“ Sein gleichgültiger Blick schweifte zu mir. „Sie wird euch beiden bei der Hausarbeit helfen. Weise sie ein und hab ein Auge auf sie. Ihre Fehler werden dir zur Last gelegt.“
Nun wurde sie auch noch deutlich nervös. Ihr Blick flitzte von mir zu ihm. „Mir?“
„Moment“, sagte ich, bevor Fletcher etwas darauf erwidern konnte. „Was soll das heißen, meine Fehler werden ihr zur Last gelegt und wie kommen sie darauf, dass ich für diesen Mistkerl auch nur einen Finger krumm machen werde?“ Er konnte froh sein, wenn er den morgigen Tag noch erlebte.
Fletcher schaute mich nur einen Moment an und wandte sich dann wieder Vivien zu. „Lehre sie was Gehorsam bedeutet, er will sie gefügig.“
Wieder flitzte ihr nervöser Blick zu mir. „Jawohl Sire.“
Gefügig? Ich war bereits dabei den Mund zu öffnen, um ihm zu erklären, wohin er sich seine Anweisungen stecken konnte, schloss ihn dann aber wieder. Wenn ich mich an der Hausarbeit beteiligen musste, würde ich mich mehr oder weniger frei im Haus bewegen können. Ich hatte dann zwar noch immer dieses lästige Armband, aber es würde reichen, um die Gegebenheiten unauffällig auskundschaften und einen Weg aus dieser Falle zu finden.
„Gebt ihr eine Uniform, ihr habt noch zwanzig Minuten.“
Als er ans Bett trat, rutschte ich instinktiv vor ihm weg, doch als er dann einen Schlüssel aus seiner Hosentasche zog und nach meinem Arm griff um die Schelle aufzuschließen, zwang ich mich still zu halten.
„Zwanzig Minuten“, sagte er noch einmal sehr eindringlich zu mir, während ich mir über meine Handgelenk rieb. „Und keine Minute länger.“
Ja, auch dieses Mal ließ ich meinen Mund geschlossen.
„Carla, begleite mich.“ Mit diesen Worten kehrte er uns den Rücken und marschierte wieder aus dem Kellerraum. Carla huschte ihm eilig hinterher und dann hörte ich auch schon, wie die Tür von außen wieder verriegelt wurde – dieses Mal aber nur mit einem Schloss.
Sobald sie raus waren, rutschte ich vom Bett und streckte meine geschundenen Muskeln ein wenig. Meine Schultern taten noch immer weh und mein Rücken fühlte sich an, als hätte jemand Stacheldraht darum gewickelt. „Werden wir in allen Teilen des Hauses arbeiten?“
Unter dem Blick mit dem Vivien mich nach dieser Frage bedachte, begann ich mich ein wenig zu winden. Er wirkte sowohl ängstlich, als auch streng und ich hatte plötzlich das Bedürfnis mich bei ihr zu entschuldigen, ohne zu wissen wofür. Sowas hatte bisher nur meine Mutter bei mir geschafft.
„Bitte, ich flehe dich an, tu nichts Dummes.“
„Du brauchst keine Angst haben.“ Ich ging zu ihr hinüber und lehnte mich an den Türrahmen. Anouk war gerade dabei sich unter Viviens Aufsicht die Zähne zu putzen. „Ich werde einen Weg finden uns hier rauszuholen.“
„Nein“, widersprach sie mir sofort und schüttelte den Kopf. „Du wirst uns nur in Schwierigkeiten bringen.“
Es musste schlimm sein keine Hoffnung mehr im Herzen zu tragen. „Vivien, ich verstehe …“
„Gar nichts verstehst du“, unterbrach sie mich sofort. „Nicht du wirst es sein, die bestraft wird. Sein Zorn wird auf mich fallen. Weißt du war er tut um mich zum Gehorsam zu zwingen?“ Sie griff nach vorne und zog Anouk das Schlafhemd am Rücken hoch.
Meine Augen weiteten sich ein wenig.
Auf Anouks unterem Rücken waren mehrere Narben. Sie waren nicht frisch, aber wirklich alt konnten sie auch noch nicht sein. Es war ein Wort, dass man ihm in die Haut geschnitten hatte. Bastard.
„Anouk war gerade mal eins, als Jegor ihm das antat.“ Sie zog das Hemd wieder herunter und nahm ihren Sohn samt Zahnbürste auf den Arm. „Er hat mich dabei erwischt, wie ich ihm Eisenhut unters Essen gemischt habe. Ich habe ihn im Garten gesammelt und wollte ihn damit vergiften, damit dieser Wahnsinn endlich ein Ende hat. Stattdessen war ich in diesem Raum gefangen und musste dabei zuhören, wie mein Kind auf der anderen Seite der Tür vor Schmerz schrie.“
Oh mein Gott.
„Darum bitte, Clementine oder Cayenne, oder wie auch immer du dich nennst, tu was er von dir verlangt.“
Was sollte ich dazu sagen? So wie die Dinge lagen, konnte ich sie doch nicht einfach akzeptieren, wir mussten doch etwas tun. Aber ich konnte auch nicht riskieren, dass ihr oder Anouk etwas geschah. Was er dem Kleinen angetan hatte … „Er wird dafür büßen“, versprach ich. „Er wird …“
„Nein.“ Das Wort wurde von einem warnenden Knurren begleitet. „Ich sage es dir nur ein einziges Mal: Tut er Anouk weh, weil du dich ihm widersetzt, werde ich dir wehtun.“
Ich glaubte ihr.
Dieses Kind war ihre ganze Welt, sie würde töten, um es zu beschützen.
„Und jetzt wasch dich. Du musst fertig sein, wenn Fletcher wiederkommt.“ Sie nahm Anouk die Zahnbürste ab, legte sie aufs Waschbecken und verließ das kleine Bad.
Diese wenigen Worte reichten um die zarte Verbundenheit die zwischen uns herrschte zu zerfetzen. Natürlich, sie wollte nichts riskieren und ein Abend voller Geschichten über ihre Familie konnten das Grauen und die Wirklichkeit nicht verdrängen. Sie hatte Angst und die würde nicht verschwinden, bevor sie nicht wieder Frei und in Sicherheit war.
Na gut, dann würde ich eben sehr vorsichtig sein müssen. Ob sie es nun gut hieß oder nicht, ich würde uns alle hier rausbringen. Aber dazu musste ich nun erstmal an die Regeln halten. Also zupfte ich am Vorhang herum, bis er wirklich blickdicht war, ging dann pinkeln und wusch mich. Der Blick in den Spiegel offenbarte mir ein Veilchen am linken Auge. Der Mistkerl hatte richtig fest zugeschlagen. Kein Wunder das meine Wange so empfindlich war, aber das würde er noch büßen.
Als ich ein paar Minuten später wieder aus dem Bad kam, hatte Vivien für mich bereits eine Hausmädchenuniform bereit gelegt. Sie war hoch geschlossen und der Rock ging mir bis zum Knie, dennoch fühlte ich mich darin absolut unwohl. Nicht nur weil ich sowieso eine Phobie gegen Kleider hatte, es hing auch damit zusammen, wofür sie stand. Diener, Leibeigener, Sklave.
Gott, für das alles, würde Markis Schleim sowas von bezahlen. Und das was übrig blieb, würde ich Raphael überlassen. Dieser Mistkerl würde sowas von leiden.
Vivien band gerade die Schürze auf meinem Rücken zu, als ich vor der Tür Schritte hörte. Das Schloss schnappte auf, die Tür öffnete sich und Fletcher trat in den Raum. Er ließ den Blick einmal über mich gleiten und trat dann zur Seite.
„So“, sagte Vivien und eilte noch einmal zu Anouk, der sein Märchenbuch wieder an die Brust drückte. „Ich bringe dir gleich etwas zu Essen, du bist artig, okay?“
Der Kleine nickte.
„So ein großer Junge“, lobte sie ihn, gab ihn einen Kuss auf die Stirn und wandte sich dann mit einem auffordernden Blick mir zu. „Komm mit.“
Okay, so ein bisschen Hausarbeit sollte schließlich nicht weiter schwer sein. Ich setzte mich in Bewegung und folgte Vivien zur Tür. Als ich an Fletcher vorbei ging, warf ich ihm einen wachsamen Blick zu, doch wie schon die ganze Zeit konnte ich in seinem Gesicht nicht die kleinste Regung erkennen. Ihn würde ich auch ausschalten müssen, wenn wir hier raus wollten.
Ich überlegte gerade, wie mir das am Besten gelingen konnte, als ich im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Instinkt und Jahrelanges Training sorgten dafür, dass ich herumwirbelte, doch da war es bereits zu spät. Ich sah nur noch wie Fletchers Hand vorschoss. Seine Hand griff in meine Haare und dann riss er mich auch schon zu sich heran.
Ich stieß ein Zischen aus und griff nach oben, um wieder frei zu kommen, doch er packte nur fester zu. „Scheiße, lassen sie mich los!“ Ich klammerte mich an sein Handgelenk, damit er mir nicht die Haare ausreißen konnte, denn loskommen würde ich nicht.
Vivien wirbelte erschrocken zu uns herum, unternahm aber nichts, als er meinen Kopf weiter in den Nacken zog, bis er mir von Oben direkt ins Gesicht sehen konnte.
„Ich werde das jetzt nur einmal sagen“, erklärte er völlig ruhig. „Auch ich werde ein Auge auf Euch haben und Ihr tätet gut daran, nichts Törichtes zu tun. Solltet Ihr meine Warnung jedoch in den Wind schlagen, habe ich die Befugnis eine Strafe nach eigenem Ermessen zu bestimmen und auszuführen.“ Sein Griff wurde so fest, dass ich vor Schmerz die Augen zusammen kniff und ihm instinktiv mein Odeur um die Ohren schlug. Es war so heftig, dass Vivien sofort zusammen zuckte und Anouk sogar ein leises Kicksen von sich gab. Fletcher jedoch reagierte in keinster Weise darauf.
Das war nicht möglich! Jeder Wolf reagierte darauf, ob er wollte oder nicht.
„Das könnt Ihr Euch bei mir sparen.“ Seine Augen verengten sich ein kleinen wenig. „Niemand kann mich zum Gehorsam zwingen.“ Er stieß mich von sich.
Ich verlor das Gleichgewicht, stolperte und krachte auf den Boden. Dabei konnte ich von Glück reden, nicht auch noch gegen die Tür geknallt zu sein.
Sein gleichgültiger Blick folgte mir. „Und jetzt geht an die Arbeit.“
Noch bevor ich mich in dieser Situation zurechtfinden konnte, war Vivien bei mir und zog mich zurück auf die Beine. Sie warnte mich mit einem Blick davor den Mund zu öffnen und schob mich dann einfach vor sich her auf die Treppe zu.
Das er auf mein Odeur nicht reagiert hatte, verwirrte mich einen Moment so sehr, dass ich es einfach wortlos über mich ergehen ließ. Mein Kopf schmerzte und ich hatte das Gefühl, als hätte er mir die Hälfte meiner Haare ausgerissen. Einen kurzen Moment hätte ich am liebsten losgeheult, aber stattdessen lief ich einfach nur eilig die Treppe hinauf in die Küche und versuchte den Schreck zu verarbeiten.
„Komm mit“, sagte Vivien oben sofort. Keine Ahnung ob sie mich vor Fletcher in Sicherheit bringen wollte, oder sie hier einem straffen Zeitplan folgen mussten, sie brachte mich in einen angrenzenden Raum und damit aus seiner Reichweite.
Waschmaschinen, Wäschetrockner, Bügelbrett. Das war wohl die Waschküche.
Mit einem letzten Blick hinter sich, schloss sie eilig die Tür und drückte mir dann einen Wäschekorb in die Hand. „Leg dich niemals mit Fletcher an“, mahnte sie mich und zog mich dann zum Wäschetrockner. „Er ist ein Abstare.“
Ein was?
Vivien musste die Fragezeichen in meinem Gesicht wohl sehen, denn sie runzelte die Stirn. „Weißt du nicht, was ein Abstare ist?“
„Nein“, musste ich zugeben und stellte den Wäschekorb neben den Maschine. „Ich bin nicht im Rudel aufgewachsen.“
Das Stirnrunzeln vertiefte sich ein wenig, als sie damit begann die saubere Wäsche in den Korb zu räumen. „Wäre er ein Mensch, würden wir ihn wohl als Psychopath bezeichnen, auch wenn das nicht ganz passt. Ein Abstare ist zu Empathie fähig, kann sie aber einfach abschalten.“
Das hieß dann wohl, er war gefährlich. Als wenn ich das noch nicht mitbekommen hätte. Mein Kopf tat noch immer weh und wenn ich ehrlich war, machte der Kerl mir Angst. „Also ist ein Abstare … was?“
„Ein geborener Einzelgänger. Ihm macht es nichts aus allein zu sein, krank wird er deswegen nicht. Er ist kein Beta, kein Omega und auch kein Alpha. Odeur hat keinen Einfluss auf ihn. Ein Alpha kann ihn nicht kontrollieren.“
„Er ist also ein eigenständiges Wesen.“
„Ja und darum ist er so gefährlich.“ Sie griff noch einmal in die Maschine, um auch die letzten Wäschestücke herauszuholen. Dann schob sie mir den Korb zu. „Bügel das. Sobald ich fertig bin, komme ich und helfe dir.“
„Aber er hört auf den Markis“, wandte ich ein.
„Weil das seine freie Entscheidung ist und nun mach dich an die Arbeit. Fletcher wird zwischendurch sicher nach dir schauen und dann solltest du etwas vorzuweisen haben.“
Da hatte sie wahrscheinlich recht. Leider verstärkte sich das mulmige Gefühl in meiner Magengegend dadurch nur und wurde sogar noch schlimmer, als sie mich in dem Raum allein zurück ließ. Einmal mehr war ich den Tränen nahe. Alles war so schiefgelaufen. Und jetzt war ich nicht nur eine billige Arbeitskraft von so einem größenwahnsinnigen Beta, das Damoklesschwert des Königs baumelte über mir.
Wenn ich nur daran dachte zurück in den Hof zu müssen, würde ich am liebsten schreiend davon laufen. Aber das war im Augenblick leider nicht möglich. Und jetzt saß ich hier in diesem Raum fest und sollte bügeln. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie gebügelt. Daher brauchte ich eine ganze Weile, bis ich herausfand, wie das Bügeleisen funktionierte.
Als Vivien eine halbe Stunde später dann wiederkam, hatte ich gerade mal zwei Teile fertig, die sie kopfschüttelnd zurück auf den Wäschehaufen warf und mir dann erstmal zeigte, wie es richtig funktionierte.
Während ich es dann noch mal versuchte, begann sie sich um die Dreckwäsche zu kümmern. Damit waren wir erstmal beschäftigt.
Es war bereits halb zehn, als Fletcher nach mir schaute und gleich darauf wieder mit Vivien verschwand. Als sie nach fast einer Stunde wieder auftauchte, wirkte sie sehr verschlossen und in sich gekehrt. Auf Fragen bekam ich nur einsilbige Antworten. Sie wich mir aus und schien mir nicht einmal mehr in die Augen sehen zu wollen.
Gegen Mittag nahmen wir einen kleinen Snack in der Küche zu uns, an dem auch Carla teilnahm. Anouk nicht, der durfte den Raum im Keller nicht verlassen. Jegor mochte keine kleinen Kinder und so konnte Vivien ihn nur nach oben holen, wenn der Herr nicht im Haus war.
Mit jeder Minute die ich länger hier war, wuchs mein Hass auf diesen Mistkerl.
Nach dem Essen machten Vivien und ich uns daran das Haus zu putzen. Erst das Foyer, wie sie es nannten, dann den großen Wohnraum, dann ging es weiter ins Bad. Das Haus war sehr schön, nur leider ließ sein Besitzer zu wünschen übrig.
Immer wenn ich durch den Flur musste, folgten mir die Augen des Ailuranthropen Tarajika. Manchmal kicherte sie, oder flüsterte leise Worte, als würde sie sich mit jemanden unterhalten. Das war echt unheimlich. Vielleicht hatte sie die Zeit ihrer Gefangenschaft verrückt werden lassen. Ich würde mich auf jeden Fall tunlichst von ihr fernhalten.
Am frühen Nachmittag wechselten wir in die obere Etage. Aus der Küche wehte ein leckerer Duft durch das ganze Haus und ließ meinen Magen knurren. Vivien war gerade ein einem der Gästezimmer und hatte mich dazu verdonnert, den Handlauf des Treppengeländers zu reinigen. Fletcher war irgendwo in den Tiefen des Hauses verschwunden, keine Ahnung was der trieb. Wo Jegor sich aufhielt, wusste ich dagegen ganz genau, in seinen Büro oben an der Galerie. Vivien hatte mir gesagt, dass das sein Büro war und auch, dass ich dort niemals uneingeladen hineingehen durfte.
Wenn ich nur noch meinen Anhänger hätte, ich würde einfach hineinstürmen und ihm das Teil in die Brust rammen. So konnte ich im Augenblick nichts anderes tun, als die Tür anzustarren, während ich den nach meiner Auffassung völlig sauberen Handlauf wischte.
Gott, mir musste endlich etwas einfallen, wie ich hier rauskam. Aber die Fenster waren vergittert und mit einer Alarmanlage gesichert. Die Haustür und die Hintertür in den Garten waren verschlossen – ich hatte das überprüft – und durch den Kamin passte ich nicht. Außerdem trug ich noch immer mein schickes Armband.
Zu entkommen war im Moment also keine Option. Wahrscheinlich wäre es sowieso besser, wenn ich eine Nachricht nach draußen schicken und Verstärkung anfordern würde, aber das einzige Handy das ich bisher gesehen hatte, war das von Fletcher und das trug er in seiner Jackentasche mit sich herum. Ein anderes Telefon oder eine Computer hatte ich bisher auch noch nicht entdeckt. Das stand vermutlich alles im Büro, aber da war ja gerade Jegor drinnen und der würde mich diese Geräte sicher nicht benutzen lassen – nicht mal wenn ich ihn höflich darum bat.
Mutlos sprühte ich mein spezielles Reibungsmittel auf das nächste Stück des Handlaufs und begann dann wieder zu wischen. Der ätzende Geruch stach mir in die Nase. Am liebsten hätte ich das ganze Zeug einfach aus dem nächsten Fenster geworfen und …
Die Tür zum Büro öffnete sich und ein vom Scheitel bis zur Sohle geschniegelter Jegor trat auf den Flur. Sein überheblicher Blick richtete sich sofort auf mich und musterte meine Uniform.
„Schon erstaunlich, wie die Kleidung die Wahrnehmung beeinflussen kann. Als ich Euch das erste Mal sah, wart Ihr eine strahlende Prinzessin. Der hellste Stern in der dunkelsten Nacht, ein Licht, dem jeder Lykaner gefolgt wäre, selbst wenn es seinen Tod bedeutet hätte. Und nun seht Euch an. Niemand würde glauben dass Ihr mehr seid als eine unbedeutende Dienstmagd.“
Wixer. „Der Wert eines Menschen wird nicht an seiner Kleidung oder seinem Reichtum gemessen, sondern an seinen Taten und an seinem Charakter. Und daher sind sie einer der ärmsten Menschen, die mir jemals begegnet sind.“ Ich richtete mich ein wenig gerade auf. „Und in den letzten Jahren sind mir eine Menge armer Menschen über den Weg gelaufen.“
Als er einen Schritt in meine Richtung machte, zwang ich mich an Ort und Stelle stehen zu bleiben. Ich würde nicht vor ihm zurück weichen. Niemals.
„Ihr seid eine Kämpferin“, sagte er beinahe schon sanft und das Lächeln das dabei um seine Lippen spielte, gefiel mir so gar nicht. „Doch scheint Euch niemand beigebracht zu haben, das man seine Kraft nicht in aussichtslose Schlachten steckt.“
„Wer sagt, meine Schlacht sei aussichtslos?“
Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Glaubt ihr wirklich, dieses Schlacht gewinnen zu können? Man sagte mir, Ihr seid intelligent.“
„Wenn sie glauben ich habe die Hoffnung bereits aufgegeben, nur weil ich hier mit einem Putzlappen durch ihr Haus renne, dann sind sie dümmer als sie aussehen.“
Irgendwas daran schien ihn zu belustigen. „ Hoffnung ist in der Hand eines naiven Mädchens ein gefährliches Gut. Sie wird schwinden, Stück für Stück und Euch dabei nach und nach zerstören. Und wenn sich auch der letzte Rest verflüchtigt hat, dann werdet Ihr untergehen.“
„Ich werde niemals untergehen.“
„Doch, das werdet Ihr. Und wenn es so weit ist, werde ich zur Stelle sein.“ Ein gefährliches Glitzern trat in seine Augen. „Dies ist ein Krieg, den Ihr nicht gewinnen könnt, Prinzessin Cayenne. Wenn Ihr Euch nicht beugt, werdet Ihr brechen.“
Seine Worte machten mich wütend. „Selbst wenn es einmal so kommt, werden sie nicht mehr da sein, um es zu erleben.“
„Wie immer steht es Euch frei, dies zu glauben“, sagte er sehr leise und wandte sich dann von mir ab. Als er auf die oberste Stufe der Treppe betrat, war ich kurz versucht ihm einen Stoß zu verpassen. Natürlich nur um ihm beim runtergehen behilflich zu sein. Leider war die Treppe nicht sehr lang und weswegen ihm der Sturz wohl kaum mehr als ein paar blaue Flecken verpassen würde. Und dann war da ja auch noch Fletcher. Der war gefährlicher als der Markis. Bevor ich ihn nicht ausgeschaltet hatte, würde ich Jegor nicht anfassen dürfen. Darum konnte ich im Augenblick nichts anders tun, als ihm verärgert hinterher zu starren.
„Ich glaube das nicht nur, es wird so kommen“, murmelte ich. „Das ist ein Versprechen.“ Und ich hielt meine Versprechen. Immer.
Als ich mich wieder dem Treppengeländer zuwandte, fiel mein Blick auf die Bürotür. Sie war nur angelehnt. In dem kleinen Spalt konnte ich ein Bücherregal erkennen.
Mit einem Mal stand ich unter Strom. Das Büro war offen und niemand befand sich darin.
Ich warf einen hastigen Blick die Treppe hinunter. Jegor war nicht mehr zu sehen. Da war nur Tarajika in ihrem Käfig und die war so beschäftigt damit ihren peitschenden Schwanz mit der Pfote zu fangen, dass sie mich gar nicht beachtete.
Ich schärfte meine Sinne und spitzte die Ohren, um sicher zu gehen, dass ich auch wirklich allein war. Hinten im Gästezimmer konnte ich Vivien hören, in der Küche sprach Jegor mit Carla, aber ansonsten war alles ruhig. Das war meine Gelegenheit, so eine Chance würde ich sicher nicht so schnell wieder bekommen.
Ohne noch einen weiteren Gedanken zu verschwenden, schmiss ich den Lappen aufs Treppengeländer und eilte zum Büro. Ich hatte keine Ahnung, wie lange Jegor unten sein würde, also musste ich mich beeilen.
Das Büro war ziemlich groß und auf eine altmodische Art sehr edel. Und protzig. Es passte zu dem Hausherren.
Ich ließ meinen Blick hastig über das Mobiliar schweifen und entdeckte das Telefon neben einem Stapel Papieren auf den Schreibtisch. Wie bereits vermutet gab es auch einen Computer, aber der war wahrscheinlich Passwortgeschützt und ein Telefonat ging sowieso schneller.
Ich schloss die Tür wieder bis auf einem Spalt, eilte dann zum Schreibtisch und wollte nach dem Telefon greifen, doch es stand nicht auf seiner Station. „Verdammt“, fluchte ich und schaute mich eilig auf der Tischplatte um. Warum hatte man in so einem altmodischen Raum ein schnurloses Telefon? Das passte doch gar nicht.
Aber ich durfte jetzt nicht aufgeben. Also begann ich damit zwischen den Papieren und Orderstapeln danach zu suchen. Es musste hier schließlich irgendwo liegen. Nur musste ich dabei darauf achten, nichts zu verschieben. Markis Schleim sollte schließlich nicht mitbekommen, was ich hier getrieben hatte.
„Komm schon, wo bist du?“ Ich hob einen Aktenorder auf, der auf das letzte Jahr datiert war und da lag es, unschuldig und griffbereit. Schon in der nächsten Sekunde hatte ich es in der Hand und tippte eilig Raphaels Nummer ins Display.
Mit einem nervösen Blick über die Schulter, hielt ich es mir ans Ohr, doch es gab nur statische Geräusche von sich. „Was zum …“ Ich legte auf und versuchte es noch einmal, leider mit dem selben Ergebnis. „Scheiße.“ Ich schaltete es einmal aus und wieder ein und gab dann zum dritten Mal die Nummer ein.
„Ihr müsst die Null vorwählen und aufs Freizeichen warten, bevor ihr damit telefonieren könnt.“
Erschrocken wirbelte ich herum und bemerkte mit Entsetzen Jegor, der seelenruhig in der offenen Tür stand und mich mit seinem Siegeslächeln bedachte.
„Nur zu.“ Er machte eine gönnerhafte Geste. „Wollen wir doch mal sehen wer schneller ist. Schafft Ihr es zu telefonieren, bevor ich es Euch wegnehmen kann?“
Oh nein, ich war zu lange hier drinnen gewesen.
„Wollt Ihr es nicht einmal versuchen?“ Er kam einen Schritt auf mich zu. „Wie schade.“ Ohne Vorwarnung machte er einen Satz auf mich zu, doch ich hatte bereits damit gerechnet. Noch in der gleichen Sekunde ließ ich das Telefon einfach fallen und sprang zur Seite. Ich wollte um den Tisch herumlaufen. Keine Ahnung wohin, aber erstmal einfach weg.
Leider hatte Jegor ganz andere Pläne. Er versuchte gar nicht erst mich über den Schreibtisch hinweg zu packen, er versetzte dem schweren Möbelstück einfach einen heftigen Stoß und rammte ihn mir damit in die Hüfte.
Die Wucht schleuderte mich zu Boden und entlockte mir ein Zischen. Der Schmerz schoss in meinen Körper und noch bevor ich es zurück auf die Beine schaffte, stand er bereits über mir und riss mich am Arm nach oben.
„Nein!“, schrie ich und begann mich gegen seinen Griff zu wehren, doch ich war nur ein Misto und hatte der Kraft eines reinrassigen Werwolfs nichts entgegenzusetzen. „Gehen sie weg von mir, Pfoten weg!“
Als ich ihm gegen das Schienbein trat, gab er deinen derben Fluch von sich und wirbelte mich herum. Im nächsten Moment drückte er mich bereits mit dem Oberkörper auf den Schreibtisch, wo sich der Locher unangenehm in meinen Brustkorb bohrte.
„Eigentlich war ich der Meinung gewesen, mich deutlich ausgedrückt zu haben.“ Er griff mit einer Hand in meinen Nacken und hielt mich so unten. Meine Arme rutschten nutzlos auf der Tischplatte hin und her. Ich tastete umher und hoffte einen Brieföffner zwischen die Finger zu bekommen, doch da waren nur Papiere, die dabei zu Boden fielen.
„Lassen sie mich los!“
Als er sich auf einmal von Hinten mit seinem Körper gegen mich drückte, erstarrte ich einen Moment einfach. Oh Gott, nein.
„Ich habe Euch gesagt, dass fehlerhaftes Verhalten Konsequenzen haben wird.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Und ich denke, es ist nur angebracht Euch für Euer Vergehen zu bestrafen, damit Ihr in Zukunft nicht mehr an meinen Worten zweifeln werdet.“ Als er mit der freien Hand nach meinen Rocksaum fasste und ihn mit einem Ruck noch oben zog, begann ich mich wieder zu wehren. Ich versuchte sogar nach hinten auszutreten, doch ich traf nur Luft.
„Es gibt mehr als nur eine Art eine Frau zu bestrafen.“
Erst war es nur Luft, die über meine nackte Haut strich. Dann spürte ich seine Hand, wie sie fast schon sanft darüber glitt.
Bilder von Frauen kamen mir in den Sinn, geschändet und zerstört. Ich hatte so viele von ihnen gesehen, hatte mich oft gefragt, wie sie eine solche Tat verkrafteten. Nur würde ich es am eigenen Leib erfahren.
„Ihr seid nicht anderes als alle anderen.“ Er schlug mir so fest auf den Hintern, dass ich mir auf die Lippen biss, um nicht laut aufzuschreien. Doch viel schlimmer war, dass er anschließend die schmerzende Stelle mit seinen Fingern liebkoste. „Auch Euch wird eine solche Bestrafung verändern.“
„Gehen sie weg, lassen sie mich in Ruhe!“
Als er seine Hand zwischen meine Beine schob, gefror ich bis ins Mark. Niemand außer Raphael hatte mich jemals dort berührt.
„Vielleicht wird eine solche Erfahrung dazu beitragen, Euer Verhalten in Zukunft zu überdenken, bevor Ihr handelt.“ Er schob seine Finger so plötzlich in mich hinein, dass ich vor Schmerz aufschrie und mit aller Kraft versuchte von ihm wegzukommen, doch er verstärkte einfach seinen Griff und fixierte mich so unter sich.
Mein Magen begann zu rebellieren, ich spürte wie mir die Galle in den Mund schoss. Das war das widerlichste was ich je erlebt hatte. Und dafür hasste ich ihn. Und mich hasste ich auch, weil ich nichts dagegen tun konnte.
Raphael, hilf mir!
Aber er half mir nicht, er war gar nicht da. Ich war auf mich allein gestellt. Oh bitte, lass es schnell vorbei gehen. Flehte ich. Mach dass es nur schnell vorüber ist.
Seine Hand wurde drängender, gröber. „Oh ja“, raunte er. „Ich hatte noch nie das Vergnügen einen Alpha auf diese Art kennenzulernen.“
Oh Gott.
„Vielleicht gefällt es Euch sogar. Und wenn nicht, auch nicht …“
„Jegor!“
Bei dem Ausruf hielt der Markis inne.
In der offenen Bürotür stand Vivien und wirkte einfach nur fassungslos. „Was machst du da? Wir hatten eine Abmachung!“
„Vielleicht hab ich genug von dieser Abmachung.“ Sein Ton klang gelangweilt und auch wenn er seine Hand nicht wegnahm, so schien er mit einem Mal nicht mehr ganz bei der Sache.
„Und stattdessen suchst du dir lieber ein verängstigtes Kind?“ Entschlossenen Schritts trat sie auf ihn zu, packte ihn am Arm und brachte ihn so dazu, ihr in die Augen zusehen. „Vergiss die dumme Göre, nimm mich. Ich kann dir etwas bieten, was du von so einem kleinen Mädchen niemals bekommen wirst. Zeig mir das du ein Mann bist.“
„Bist du etwa eifersüchtig, meine Göttin?“
Anstatt ihm darauf zu antworten, schnappte sie sich sein Gesicht und begann ihn zu küssen. Für einen kurzen Moment überrumpelte sie ihn damit und schien noch immer nicht gewillt von mir abzulassen, doch dann ließ er mich los und schlang seinen Arm stattdessen um ihre Taille.
Es war feige und armselig, aber sobald ich die Möglichkeit hatte, stieß ich mich vom Schreibtisch ab und taumelte rückwärts, bis ich die Wand im Rücken spürte. Ich riss meinen Rock wieder herunter und dann versagten meine Beine mir einfach den Dienst.
Er hatte mich angefasst. Dieser Mistkerl hatte mich berührt und ich hatte nichts dagegen tun können.
Ich begann am ganzen Körper zu zittern und schaffte es einfach nicht meine aufgerissenen Augen von dem Bild vor mir abzuwenden. Jegor hatte den Arm so besitzergreifend um Vivien geschlungen, als wollte er sie niemals wieder hergeben und sie wehrte sich nicht, sie kam ihm sogar noch entgegen.
Das konnte ich nicht verstehen. Ich sollte einschreiten, aber ich war wie gelähmt. Ich wollte nicht mehr in die Nähe dieses Mannes. Allein der Gedanke ihm noch einmal zu nahe zu kommen, ließ mein Herz gleich noch ein kleinen wenig schneller schlagen.
„Du schaffst es doch immer wieder mich mit deinen Argumenten zu überzeugen“, säuselte Jegor und schob Vivien eine Hand unter die Bluse.
Sie legte den Kopf in den Nacken, als würde sie es genießen, doch ich sah den gebrochenen Blick in ihren Augen. Sie machte das um mich vor im zu schützen.
Als er damit begann ihre Bluse aufzuknöpfen, legte sie ihm eine Hand auf den Arm. „Warte“, sagte sie und schaute dann zu mir hinüber. „Schick sie raus, ich will sie nicht dabei haben.“
„Immer so fordernd.“ Er gab ein leises Lachen von sich und rief dann sehr laut. „Fletcher!“
Der Ruf ließ mich vor Schreck zusammenfahren.
Keine Ahnung ob der Kerl draußen auf der Treppe gelauert hatte, es dauerte jedenfalls weniger als eine Minute, bis er im Büro erschien.
„Sire?“
„Bring die Prinzessin nach unten und sorge dafür, dass sie uns nicht abhanden kommt. Sie wird bis auf weiteres erstmal dort bleiben.“
Fletcher deutete eine Verbeugung an und trat dann direkt auf mich zu. Als er jedoch nach mir griff, wich ich mit einem Wimmern vor ihm zurück. Er griff einfach noch mal zu, riss mich dann auf die Beine und zerrte mich hinter sich aus dem Büro hinaus.
Ich wagte es nicht, den Blick noch einmal zurück zu werfen.
Der Weg hinunter in den Keller verschwamm vor meinen Augen. Ich hatte nicht gemerkt, wie mir die Tränen in die Augen gestiegen waren, doch jetzt liefen sie mir über die Wangen.
Ich wagte es nicht mich zu wehren, weder als Fletcher mich grob in das Sklavenzimmer stieß, noch als er mich wieder an die Wand kettete.
So viele Jahren half ich nun schon Sklaven aus der Gefangenschaft, aber bis zu diesem Moment hatte ich nicht begriffen, was dieses Wort wirklich bedeutete. Ich konnte nichts anderes tun, als zu weinen. Und dann weinte ich. Aus Erleichterung, aus Angst und aus Wut. Ich war nochmal davon gekommen. Aber dafür musste Vivien nun leiden. Wie sie gesagt hatte, wenn ich etwas Dummes tat, würde es auf sie zurück fallen. Oh Gott, was hatte ich nur getan?
Als mich etwas am Knie berührte, hätte ich fast wieder einen Schrei ausgestoßen, doch es war nur Anouk, der mir seine Hand aufs Bein gelegt hatte.
„Hast du Aua?“
Oh Gott. Ich war nicht fähig zu antworten. Meine Kraft reichte gerade mal, um den Kopf zu schütteln.
„Mama weint auch manchmal, wenn sie kein Aua hat.“ Als ich nicht reagierte, einfach weil ich nicht konnte, legte er sein Märchenbuch neben mich aufs Bett und kletterte dann auf meinen Schoß.
Diese kleine Geste ließ den Damm endgültig brechen. Ich klammerte mich an den kleinen Jungen, der sicher schon mehr als ich durchgemacht hatte und weinte. So fand Vivien uns stunden später.
Sie warf nur einen Blick auf mich, kam dann zu mir und schloss mich und ihren Sohn in die Arme.
„Ich werde nicht zulassen, dass er das mit dir macht“, versprach sie und strich mir beruhigend übers Haar. Es war wohl das erste Mal seit langer Zeit, dass ich spürte wie jung ich eigentlich noch war. Schon seit Jahren hatte ich mich nicht mehr so nach dem Schutz und der Sicherheit gesehen, die einem nur die eigene Mutter geben konnte.
„Ich konnte mich nicht wehren“, wagte ich so leise, dass ich es selber kaum verstand.
„Schhh“, machte sie und drückte mich noch ein wenig fester an sich. „Er wird dir nicht noch einmal zu nahe treten.“
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber … „Du bist zu ihm gegangen.“
„Ich bin es gewohnt“, erwiderte sie schlicht.
Oh Gott. Irgendwie musste ich es schaffen sie hier rauszubringen, gleich was es mich kosten sollte. Sie durfte nicht länger leiden. Aber im Moment waren wir noch gefangen, ich mehr noch als die anderen.
An diesem Tag bekam ich Jegor nicht mehr zu Gesicht und Fletcher nur noch kurz, als er uns am Abend einschloss.
In dieser Nacht tat ich überhaupt kein Auge zu. Es ging einfach nicht. Jedes Mal wenn ich es versuchte, hatte ich wieder sein Bild vor Augen und schreckte hoch. Stunde um Stunde saß ich einfach nur da und fürchtete mich vor dem was der nächste Tag bringen würde.
Als es dann Zeit zum Aufstehen war, war ich nur noch ein nervliches Wrack. Carla und Vivien huschten von links nach rechts durch den Raum und verschwanden beide schon kurze Zeit später mit Fletcher. Mir gestattete man einen kurzen Besuch auf dem Klo, dann wurde ich auch schon wieder an die Wand gekettet und blieb mit Anouk zurück.
Wenn man darüber nachdachte, wo ich mich im Augenblick befand, hatte ich es damit vermutlich ziemlich gut getroffen und auch wenn mir das Erlebte noch nachhing, so versuchte ich es mir nicht anmerken zu lassen. Besonders gesprächig war Anouk zwar nicht, aber es reichte uns beide, dass ich ihm ein wenig aus seinem Märchenbuch vorlas.
Da es hier unten weder Fenster noch Uhren gab, kam mir mein Zeitgefühl ziemlich schnell abhanden. Vielleicht lag es aber auch an dem isolierten Umfeld, dass ich vor Schreck beinahe aus der Haut fuhr, als die Tür zu dem kleinen Kabuff geöffnet wurde.
Aus Angst davor, es könnte Jegor sein, spannte sich mein ganzer Körper an, doch es war Fletcher – was es auch nicht unbedingt besser machte.
„Der Sire wünscht Euch zu sprechen“, verkündete er.
Diese wenigen Worte reichten aus, um meinen Herzschlag wieder in die Höhe zu treiben und als er mir dann die Fesseln abnahm, wäre ich beinahe aufgesprungen und einfach davon gelaufen – naja, zumindest wenn ich gewusst hätte, wo ich hätte hinlaufen sollen. Doch da das für mich sicher nicht gut ausgehen würde, zwang ich mich ruhig zu bleiben und ihm nach oben in die erste Etage zu folgen. Als wir uns allerdings dem Büro von Jegor nährten, begann meine ganze Haut unangenehm zu kribbeln und ich wäre fast wieder in die andere Richtung abgehauen.
Bleib ruhig, redete ich mir selber zu. Du hast nichts angestellt, er hat keinen Grund dir etwas zu tun. Als wenn dieser Mann dazu einen Grund bräuchte.
Als Fletcher mich in den Raum schob und sich hinter mir an der Tür postierte, als wollte er mir jeden möglichen Fluchtweg abschneiden, bekam ich ein sehr ungutes Gefühl. Doch ein kurzer Blick genügte um mir zu zeigen, dass ich mit ihm nicht allein war. Auch Jegor befand sich im Raum – natürlich.
Gekleidet in einen schwarzen Anzug, stand am Kamin zwischen den drei ledernen Clubsesseln und schwenkte in seiner Hand ein Glas Scotch. Gab es hier was zu feiern? Oder war es hier Sitte, schon um die Mittagszeit mit dem Saufen anzufangen? Auf jeden Fall war das eine ganz schlechte Angewohnheit.
Jegor befand sich aber nicht alleine im Raum. Neben ihm in einem der Sessel saß ein junger Mann, der ungefähr in meinem Alter sein musste und schaute mir interessiert entgegen. Er hatte ein sehr feinzügiges Gesicht, mit einer sehr schlanken Nase. Das braune Haar war leicht gelockt und an seinem Kinn hatte er eine lange Narbe. Er war schlank, nicht sehr kräftig, dafür aber groß, fast so groß wie Raphael. Ich konnte es nicht bestreiten, der Kerl war recht attraktiv.
Bei den ganzen Blicken, die auf einmal auf mich gerichtet waren, kam ich mir vor, als stünde ich vor einem Erschießungskommando.
„Prinzessin Cayenne“, begrüßte der Markis mich mit einem Lächeln ehrlicher Freude, bei dem sich mir die Härchen im Nacken aufstellten. Irgendwas hier stimmte nicht. „Kommt, setzt Euch doch zu uns, ich möchte Euch meinen Sohn vorstellen.“
Sohn? Wirklich? Von der Tatsache abgesehen, dass sie beide Männer waren, wiesen sie keinerlei Ähnlichkeiten auf.
„Keine Sorge, er wird Euch schon nicht beißen.“
Bei allem was ich hier bereits erlebt hatte, konnte ich da wohl von Glück reden. Dennoch kostete es mich einiges an Überwindung, mich in Bewegung zu setzen und seiner Aufforderung folge zu leisten. Allein sein Anblick brachte den gestrigen Tag wieder hoch. Daher war meine Haltung ein wenig steif und jeder Muskel angespannt, als ich mich in das weiche Polster sinken ließ.
Markis Jegor setzte sich dann selber auf den verbliebenen Sessel.
„Nun Prinzessin Cayenne, darf ich euch vorstellen? Dies ist Markis Nikolaj Komarow. Nikolaj, Prinzessin Cayenne.“
Markis Nikolaj nickte mir höflich zu. Ich reagierte nicht. Bevor ich nicht wusste was hier los war, würde ich gar nichts tun. Und das dies ein Höflichkeitsbesuch war, war ausgeschlossen.
„Ist sie nicht eine Augenweide?“, fragte er seinen Sohn genießerisch. „Nicht ganz wie früher, aber dem Blut nach noch immer eine Prinzessin.“
Markis Nikolajs Lippen zuckten schüchtern. „Die Zeit hat ihr nicht geschadet.“
Markis Schleim winkte ab. „Sie ist was sie ist, daran lässt sich leider nichts mehr ändern.“
Der Hass auf diesen Mann glühte wieder in mir hoch. Hier gab es nur eine Person, die dringend etwas an sich ändern musste und das war ganz sicher nicht ich!
Die Arme auf die Knie gestützt, beugte Jegor sich mir entgegen. Ich drückte mich automatisch tiefer ins Polster. „Nikolaj ist gerade einundzwanzig geworden. Er studiert Rechtswissenschaften und Politik. Außerdem ist er ein exquisiter Klavierspieler, spricht drei Sprachen fließend und wird einmal das Erbe meines ganzen Besitzes antreten.“
Das war ja alles schön und gut für ihn, aber was ging mich das an? Meinetwegen konnte er Yogibär im Zirkus trainieren, oder mitten auf einer Autobahn ein Nickerchen machen, am besten gleich neben seinem Vater. Ich würde für die beiden sogar noch den Korb vorberieten.
„Fragt Ihr Euch gar nicht, warum ich Euch das erzähle?“
Natürlich tat ich das, doch ich würde den Mund mit Sicherheit nicht aufmachen, weil mir die Antwort mit garantiert nicht gefallen würde.
Markis Schleim schwenkte seinen Scotch ein wenig, nahm dann einen Schluck und lehnte sich wieder zurück. „Erinnert Ihr Euch noch an Eure Zeit am Hofe?“
Da das eine rhetorische Frage war, blieben meine Lippen weiterhin verschlossen.
„Sicher wisst Ihr, dass jedem Kind der Alphas bei der Geburt ein Geschenk gemacht wird …“
In mir keimte ein sehr ungutes Gefühl.
„… ein Geschenk in der Form eines Versprechens, oder besser gesagt eines Versprochenen.“
Und es wuchs zu einem festen Klumpen in meinem Magen heran.
„Auch Ihr habt dieses Geschenk erhalten. Doch da Ihr das Schloss verlassen habt, bevor es Euch übergeben werden konnte, möchte ich dies nun nachholen. Prinzessin Cayenne, darf ich Euch Euren Verlobten Markis Nikolaj Komarow vorstellen?“
°°°°°
Mir entglitt jeglicher Gesichtsmuskel. Das hatte er doch nicht wirklich gerade gesagt. Ich musste es falsch verstanden haben, eine andere Möglichkeit gab es gar nicht. „Mein … mein …“ Oh Gott, dieser Gedanke war so schrecklich, dass ich nicht einmal in der Lage war ihn auszusprechen. Das musste ein schlechter Scherz sein, ein Wunschtraum dieses Irren. Ein Irrtum, eine Verwechslung, irgendwas, nur nichts das was er gerade gesagt hatte.
„Euer Verlobter, ja. Ihr hättet ihn schon früher kennengelernt, doch zu meinem Bedauern hab Ihr es auf dem Ball Eurer Einführung abgelehnt die Bekanntschaft meines Sohnes zu machen und sich Euch von alleine zu nähern, war Nikolaj vom König untersagt worden. Und als ihr ihn dann offiziell kennenlernen solltet, habt Ihr es vorgezogen in die Welt hinauszuziehen.“ Er warf mir einen verärgerten Blick zu. „Das war nicht sehr höflich von Euch gewesen.“
Ich öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder, weil ich einfach nicht wusste was ich sagen sollte. Das musste ein Irrtum sein, ein riesiges Missverständnis, aber in Markis Schleims Augen sah ich die volle Wahrheit. Dies war mein Verlobter, der Mann, den meine Großeltern für mich ausgesucht hatten. Jener, den ich heiraten sollte. Ich konnte es nicht glauben. Ich war wach und trotzdem in einem Alptraum gefangen.
„Warum ich Euch nun zu mir gerufen habe, ist ganz einfach. Ich möchte, dass Ihr mit meinem Sohn an den Hof zurückkehrt. Er wird behaupten, Euch bei einem Sklavenhändler gefunden zu haben“, er schmunzelte über seinen eigenen Witz, „von dem er Euch befreit hat. Ihr werdet ihm für diesen Dienst an Euch so dankbar sein, dass Ihr freiwillig mit ihm geht, ihn freiwillig zum Mann nehmt und all die Dinge tut, die eine liebende Ehefrau nun mal so tut. Natürlich freiwillig.“
„Das kann doch nicht ihr Ernst sein“, knurrte ich. Er war verrückt geworden.
„Doch, das ist es. Und im Gegenzug werde ich auch etwas für Euch tun. Wir machen ein gewissermaßen Tauschgeschäft. Ihr gebt mir etwas und ich gebe Euch etwas. “
„Nichts was Sie mir bieten, könnte ein solches Versprechen rechtfertigen! Ich soll mich mit ihrem Sohn verheiraten? Eher friert die Hölle zu!“
Meine Ablehnung schien ihn zu belustigen. Er wirkte viel zu selbstzufrieden, das machte mir eine scheiß Angst. Was für einen Trumpf hatte er noch im Ärmel?
„Ihr solltet mein Angebot nicht so schnell ausschlagen. Ihr wisst doch noch gar nicht, was ich Euch anzubieten habe.“
„Es interessiert mich auch nicht. Lieber verrotte ich in diesem Haus, als diesen Kerl auch nur in meine Nähe zu lassen.“ Ich stand auf, konnte einfach nicht mehr still sitzen bleiben. Das war viel zu grotesk. Ich sollte Markis Nikolajs Frau werden? Niemals. Da hatte wohl jemand einen gewaltigen Sprung in der Schüssel. Allein die Idee war absurd. Kein Reichtum der Welt wäre genug für dieses Arrangement.
„Ihr solltet mich anhören, bevor Ihr ablehnt. Ich biete Euch nämlich das Leben von Anouk und Vivien. Sie war doch der Grund warum ihr mit Umbra Roger ausgezogen seid, oder?“
Ich wirbelte herum und starrte ihn fassungslos an.
„Wenn Ihr tut, was ich von Euch verlange, werde ich Anouk und Vivien gehen lassen. Natürlich müsst Ihr vorher noch dafür sorgen, dass keiner von beiden über mich, oder die Dinge in diesem Haus reden wird.“ Er schlug die Beine übereinander und machte es sich bequemer. „Die beiden werden ihre Freiheit bekommen. Das ist es doch, was Ihr Euch für sie wünscht, nicht wahr?“
Ich konnte nicht antworten, das war einfach zu viel auf einmal. Ich konnte Vivien und Anouk befreien, es stand in meiner Macht. Ich musste nur ein Versprechen abgeben. Ein kleines Versprechen und die beiden konnten glücklich werden. Nach Hause zurück kehren, ihr Leben leben. Nur ein kleines Wort von mir würde ihnen das ermöglichen. Ich konnte Raphael seine Schwester wiedergeben.
„Ich habe sogar schon einen Flug für die beiden gebucht. Die Tickets liegen auf meinen Schreibtisch, seht selbst. Wenn Ihr zustimmt, wird Fletcher die beiden in zwei Stunden zum Flughafen bringen.“
Auf dem Schreibtisch lagen wirklich mehrere Tickets, zusammen mit einer Bestätigung der Fluggesellschaft und vier Reisepässen. Ich nahm sie in die Hand. Zwei von ihnen waren ausgestellt auf Vivien und Anouk Maas. Die anderen beiden liefen auf den Namen Veronika und Angelo Horner, aber es waren die Bilder von Vivien und Anouk darin. Das waren ohne jeden Zweifel Fälschungen, da Anouk in diesem Haus geboren worden war, besaß er ja noch nicht mal eine Geburtsurkunde. Des Weiteren gab es drei Tickets von Salzburg nach Warschau und zwei von Warschau nach Berlin.
„Die beiden werden als Veronika und Angelo nach Warschau fliegen“, erklärte Jegor. „Fletcher wird sie bis dorthin begleiten. Dort wir er ihnen dann die Richtigen Pässe geben, mit denen sie in die Heimat fliegen können.“
So würde Jegor auf ganz einfachem Wege seine Spuren verwischen. Bedeutete das, wir befanden uns gerade in Österreich? Oh Gott, Salzburg war nur einen Katzensprung vom Hof der Werwölfe entfernt.
„Aber wenn Ihr zustimmt, müsst Ihr eins bedenken. Verschwindet Ihr wieder, oder arbeitet gegen mich, oder meinen Sohn, so werde ich beide zurückholen, aber nur Vivien behalten.“
Es dauerte eine Sekunde, bis mir die Bedeutung dieser Worte wirklich bewusst wurde. Er würde nur Vivien behalten, Anouk würde er verkaufen, oder … Schlimmeres.
Ich überlegte fieberhaft was ich machen sollte. Ich konnte Anouk und Vivien befreien. Ich konnte meinen Schwur halten, sie zurück zu ihrer Familie zu schicken, zu Roger und Tristan und Raphael. Ich könnte dafür sorgen, dass ihr Leben wieder gut werden würde. Dafür müsste ich nichts weiter tun als Markis Nikolaj zu heiraten und zurück an den Hof des Königs zu gehen. Aber konnte ich das machen? Würde ich das wirklich schaffen?
Nein.
Nein, würde ich nicht. Das war zu viel verlangt. Ich konnte mit dieser Tat viel Gutes tun, aber mein Leben war nicht weniger wert als ihre und ich konnte es nicht einfach so wegschmeißen. „Nein“, sagte ich daher. Dieses eine Wort tat mir in der Seele weh. „Nein, ich werde es nicht tun.“ Ich half gerne, aber das war einfach zu viel verlangt.
Markis Schleim seufzte schwer, als sei er meiner Person schon lange überdrüssig. „Ich hatte befürchtet dass Ihr das sagen würdet.“ Er schnippte mit den Fingern, woraufhin Fletcher nickte und das Büro verließ.
Ich wirbelte herum. „Wo geht er hin? Was haben sie vor?“
„Ich möchte Euch nur die Möglichkeit geben, Eure Entscheidung noch einmal zu überdenken.“ Mit einem zufriedenen Lächeln, das mir Angstschweiß aus allen Poren trieb, setzte er das Glas an den Mund und wartete.
Markis Nikolaj beobachtete mich nur still. Er hatte zu dem Thema offensichtlich keine eigene Meinung. Das machte mich echt wütend.
„Haben sie denn gar nichts dazu zu sagen?“, fuhr ich ihn an. „Es geht hier schließlich auch um ihren Arsch!“
„Ich wurde geboren und erzogen um Euer Mann zu werden, Prinzessin Cayenne“, erklärte er schlicht.
Das war alles? Kein Einspruch? Warum auch, schließlich würde er von einem einfachen Adligen zu einem Prinzen des Königshauses werden. Wer außer mir würde sich schon groß dagegen wehren? Besonders mit so einem machtbesessenen Vater wie dem Markis?
Aber mehr Angst noch dass Markis Nikolaj sich nicht wehrte, war die Ungewissheit, was der Hausherr noch geplant hatte, um mich zu überzeugen. Und als Anouk dann an Viviens Hand von Fletcher ins Büro geschoben wurde, gingen bei mir alle Alarmglocken los.
Anouk war ruhig wie immer. Nur an dem Funke in seinen Augen bemerkte ich, dass er sich freute mich zu sehen. Vivien dagegen war verunsichert und sah sich nach der sich schließenden Tür um, als wolle sie auf schnellstem Wege wieder verschwinden. Sie war angespannt wie ein Drahtseil und ihr Blick zuckte hektisch zwischen mir und den beiden Männern hin und her. Ihr gefiel es genauso wenig hier zu sein wie mir.
Jegor schnipste wieder mit den Fingern, woraufhin Fletcher Vivien bei den Armen packte und von Anouk wegriss. Ihr Sohn entglitt ihrer Hand. „Nein!“ Sie wusste, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. „Was macht ihr?“
„Was soll das?“, fuhr ich den Hausherren an. „Halten Sie die beiden da raus, die haben nichts damit zu tun!“
„Bedauerlicherweise haben sie das doch.“ Er erhob sich aus seinem Sessel und zog in aller Seelenruhe einen dolchartigen Brieföffner von seinem Schreibtisch, den er nachdenklich zwischen den Fingern hin und her gleiten ließ. „Wisst Ihr, ich habe mich dazu entschlossen Anouk so oder so nicht mehr zu behalten.“
In dem Moment als er das sagte, griff Markis Nikolaj nach mir, doch zu seinem Pech war ich nicht Vivien. Er hatte mich kaum gepackt, als ich auch schon den Ellenbogen hochriss und ihn ihm in die Brust donnerte. Er gab ein Geräusch des Schmerzes von sich und ließ mich wieder los.
Ich wirbelte herum, um ihm gleich noch eine zu verpassen, da traf mich ein Keulenhieb von Jegor im Gesicht und schleuderte mich zu Boden.
Der Aufprall war hart und einen Moment verschwamm mir die Sicht. Meine Lippe war aufgeplatzt. Ich schmeckte das Blut.
Bevor ich mich allein hocharbeiten konnte, riss Jegor mich auf die Beine und schubste mich in Nikolajs Arme. Dieser packte dieses Mal mit beiden Händen zu, um mich festzuhalten.
„Pass besser auf“, schnauzte der Hausherr seinen Sohn an. „Und sei nicht immer so zimperlich.“
Nikolaj drückte bei der Schelte nur die Lippen aufeinander und wich sowohl meinem als auch dem Blick seines Vaters aus.
Ich jedoch hatte nur Augen für Jegor, der sich mit dem Brieföffner in der Hand vor Anouk hockte. „Nein!“, schrie ich und begann mich heftiger zu wehren, aber dieses Mal hatte ich seiner Kraft nichts entgegen zu setzen. Es brachte mir nicht mal was, als ich ihm mit voller Wucht auf den Fuß trat, er war einfach zu stark.
„Jegor, nein, bitte!“, schrie Vivien. Auch sie wehrte sich nach Leibeskräften, doch gegen Fletcher hatte sie nicht den Hauch einer Chance. „Anouk, nein Anouk!“
„Vielleicht wollt Ihr es Euch mein Angebot noch einmal durch den Kopf gehen lassen?“ Markis Komarow strich mit der Seite des Brieföffners ganz sanft über Anouks Kehle. Dem kleinen Jungen war in der Zwischenzeit auch klar, dass hier etwas nicht stimmte, doch er rührte sich nicht vom Fleck. Warum auch? Er war noch zu klein um zu verstehen, was hier gerade geschah.
„Jegor, bitte, tu das nicht! Ich mache alles was du willst“, flehte Vivien. „Ich verspreche …“
Fletcher, dem das Geschrei wohl auf die Nerven ging, verschloss Vivien mit der Hand den Mund.
Zwar wurden ihre Schreie dadurch gedämpft, aber sie waren immer noch zu hören.
„Sie sind das widerwärtigste Schwein dem ich je begegnet bin!“, schrie ich. „Lassen sie ihn in Ruhe, sie widerlicher Pisser!“
Der Zug um Jegors Mund verhärtete sich. „Ist das alles was Ihr zu sagen habt?“
Ich wusste was er hören wollte, ich wusste dass ich dieses Kind retten konnte, doch ich wusste nicht, ob ich es schaffte, was er von mir verlangte. Aber ich konnte auch nicht hier stehen und zusehen wie ein kleiner Junge starb, nur weil Markis Schleim seinen Willen durchsetzten wollte.
Heiße Tränen brannten mir in den Augen. Ich hatte keine Wahl. „Ich hasse Sie!“
„Heißt das wir haben eine Abmachung?“
„Ja.“ Ich erstickte beinahe an dem Wort. „Ja ich mach es, alles. Und jetzt lassen Sie die beiden gehen!“
Wie gerne hätte ich diesem Widerling das dämliche Grinsen aus dem Gesicht geschlagen. Dieser miese Hund hatte alles durchdacht. Er wusste, dass ich den kleinen Jungen niemals sterben lassen würde.
Erneut schnippte er mit den Fingern und sofort waren Vivien und ich frei. Und zumindest sie würde frei bleiben.
Vivien stürzte sofort zu Anouk und riss ihn an ihre Brust, während ihr Blick angstvoll zwischen mir und Jegor hin und her schoss. Sie hatte noch immer keine Ahnung, was genau hier vor sich ging.
„Vivien, geh mit Anouk hinunter in den Keller und warte dort.“
Das musste er ihr kein zweites Mal sagen. Sie wartete nicht mal bis Jegor zu Ende gesprochen hatte. Nur ein Gedanke trieb sie vorwärts, ihr Kind in Sicherheit zu bringen. Einen kurzen Augenblick richteten sich ihre vor Angst geweiteten Augen sich auf mich, dann war sie auch schon zur Tür hinaus und ließ mich alleine bei den Männern zurück.
„Na seht Ihr, war doch gar nicht so schwer.“ Jegor spielte provozierend mit seinem Brieföffner herum. „Mit diesem einen Wort habt Ihr so viele Leute zufriedengestellt.“
Nur nicht mich. Dieses Versprechen lieferte mich völlig aus.
„Aber nun zu wesentlich interessanteren Dingen.“ Er legte den Brieföffner zurück auf den Schreibtisch und nahm dann wieder auf seinem Sessel Platz. „Die Einzelheiten unserer Abmachung werden wie folgt lauten: Ihr heiratet meinen Sohn und werdet ihn mit dem ihm gebührenden Verhalten akzeptieren. Ihr werdet dafür Sorge tragen, dass nach außen hin niemand merkt, dass Ihr nicht ganz freiwillig zugestimmte habt. Dieser Abmachung kann ich falls nötig noch weitere Punkte hinzufügen, oder nach Belieben abändern. Im Gegenzug werde ich Vivien auf der Stelle freilassen, nur müsst Ihr dafür sorgen, dass sie weder über Euren Aufenthalt in diesem Haus spricht, noch über ihren eigenen. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?“
Zur Antwort schwoll mein Odeur um uns an. Ich wusste genau, wie ich Vivien dazu bekam dass sie nichts verriet. Ich war vielleicht körperlich nicht so stark wie andere Werwölfe, aber mein Odeur kam dem des Königs gleich. Sie würde schweigen wie ein Grab.
„Außerdem solltet Ihr noch wissen, dass ich Freunde habe. Sehr viele Freunde sogar.“ Auf seinen Lippen zeichnete sich ein widerwärtiges Lächeln ab. „Sollte mir etwas passieren, habe ich bei ihnen … nennen wir es eine Rückversicherung. Vivien und Anouk werden nicht sicher sein, nur weil Ihr mich ausschaltet. Niemand der Euch etwas bedeutet wird dann noch sicher sein. Habt Ihr das verstanden?“
Das letzte bisschen Hoffnung verflüchtigte sich. „Ja.“
„Ich hoffe Ihr denkt immer daran.“
Mir blieb ja wohl keine Wahl. „Und was werde ich Isaac erzählen? Er wird sicher wissen wollen, wie ihr Sohn mich vor den Skhän gerettet hat.“
„Ah, eine ausgezeichnete Frage. Nikolaj, möchtest du die nicht beantworten.“
Nikolaj sah nicht so aus, als wollte er überhaupt etwas damit zu tun haben. Er stand noch immer vor dem Sessel und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „Es war ein Bekannter meines Vaters.“
Jegor schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Genauer.“
Ein kurzer Blick in meine Richtung. „Als Ihr vor drei Jahren geflohen seid, weil Euch die ganze Situation im Schloss überfordert hat, seit ihr einem Fänger ins Netz gegangen. Er erkannte Euch und verkaufte Euch an einen Mann Namens Russell Dinwiddie, Lord Russell Dinwiddie.“ Er verstummte einen Moment, als wollte er die Worte auf mir wirken lassen. „Er ist … war ein Beta und …“
Moment. „War?“
„Natürlich.“ Jegor kräuselte spöttisch die Lippen. „Nachdem Nikolaj Euch bei einem Besuch zufällig bei Lord Dinwiddie entdeckte, tötete er ihn. Sowohl um ihn für sein Vergehen zu bestrafen, als auch, um Euch zu befreien.“
Und da er nun praktischerweise tot war, konnte dieser Lord auch nicht mehr widersprechen.
„Schaut nicht so entsetzt. Vielleicht beruhigt es Euch, wenn ich Euch erzähle, dass auch Russell ein Skhän war. Einer der versucht hat mich zu betrügen.“
Das er das noch extra betonte, konnte nur eine unterschwellige Nachricht an mich sein. Besser ich tat was er erwartete sonst würden mir die Konsequenzen nicht gefallen.
„Aber zu Euch ist er die ganze Zeit gut gewesen. Ihr wart zwar eingesperrt und manchmal, naja, da ist ihm die Hand ausgerutscht, wie man Eurem Gesicht ansieht, aber ansonsten hat er Euch nie angefasst. Ihr wart für ihn sowas wie …“ Er wedelte mit der Hand, als suchte er nach dem richtigen Wort. „Eine Trophäe. Er war ein Skhän und hat den Alphas ein Schippchen geschlagen. Er hat Euch bei sich behalten, um Euch zu verhöhnen.“
So wie sie es gerade tun?
„Nikolaj besuchte Russell um für mich ein paar wichtige Papiere abzuholen. Als Ihr mitbekamt, dass ein Fremder im Haus ist, habt Ihr Euch mit Rufen bemerkbar gemacht.“ Er senkte den Kopf ein wenig. „Das Ganze ist gestern geschehen, richtig?“
Meine Finger waren ganz Taub und in meinen Ohren summte es seltsam. „Ich war bis gestern die Gefangene von Lord Russel Dinwiddie. Markis Nikolaj Komarow kam, hörte meine Rufe und befreite mich. Mein Peiniger ist tot.“ Gott, wie sehr ich wünschte, er sei tot.
„Vergesst es nicht.“
Wie könnte ich. Das würde alles verändern.
„Nun denn, die Zeit drängt. Geht hinunter zu Vivien und sprecht mit ihr. Feltcher wird Euch begleiten. Nikolaj, auf ein Wort.“
Das Summen in meinem Kopf wurde lauter. Ich wandte mich ab und verließ das Büro. Meine Bewegungen fühlten sich schwer und ungelenk an, aber ich konnte nicht zurück. Ich würde nicht mehr mit mir leben können, wenn Anouk etwas geschah.
Die Treppe hinunter ins Foyer schien endlos zu sein und doch nicht lang genug. Was sollte ich Vivien nur sagen? Ihr zu verbieten über die Zeit hier zu sprechen, würde nicht reichen, auch sie brauchte eine Geschichte, die ihre lange Abwesenheit erklärte.
„Klopf, klopf.“
Ich wandte den Blick zu Tarajika, die aufrecht in ihrem Käfig saß und mich neugierig beobachtete.
„Klopf, klopf.“
Ach, warum nicht, ich hatte ja eh nichts mehr zu verlieren. „Wer ist da?“
„Die Geister.“
„Die Geister?“
„Die Geister haben eine Nachricht für dich, Halbblut.“ Sie kicherte.
War das jetzt ein Witz? Viele hielten es für Unfug, doch Diego glaubte daran, das Ailuranthropen mit Geistern sprechen konnten. „Was für eine Nachricht?“
Ihre Pupillen zogen sich zusammen. „Von Schatten getrieben, vom Unheil gejagt, bringst du Opfer, Tag für Tag. Der Kampf für das Lebens, vom Feind umgeben, wirst du leiden, Tag für Tag. Die Stunde wird kommen, der Teufel bezwungen, nun kannst du leben, Tag für Tag.“
Ähm … okay.
Sie richtete sich am Gitter auf und war damit fast so groß wie ich. „In der Stunde der Entscheidung, wird er sich verlieren und damit zur Offenbarung des Verborgenen.“
„Was?“ Das wurde mir langsam ein wenig zu kryptisch.
„Er wird der Auslöser sein.“
Als plötzlich ein kalter Luftzug durchs Foyer zog sah ich mich suchend nach einem offenen Fenster um. Ich konnte keines entdecken. „Er?“
„Ys-oog.“
„Wer ist Ys-oog?“
Sie beugte sich ein wenig vor. „Komm näher, es ist ein Geheimnis.“
Ich stand auf der untersten Stufe und war am überlegen ob ich das wirklich tun sollte, als sie plötzlich mit einem jauchzenden Schrei gegen das Gitter sprang und dann kichernd im Kreis herumrannte.
Ich sprang vor Schreck fast bis an die Decke, aber zu meiner Entschuldigung sei gesagt, ich war hier nicht die einzige, die zusammenzuckte. Selbst Feltcher hatte das nicht kommen sehen. Und der mordlüsternde Blick mit dem er Tarajika daraufhin bedachte, trieb selbst mir einen kalten Schauder über den Rücken.
„Weiter“, ordnete er an und gab mir einen leichten Stoß in den Rücken.
Ich gehorchte. Eine Wahl hatte ich schließlich nicht. Als wir dann jedoch den Keller erreichten, blieb ich stehen und schaute mich nach Fletcher um. „Ich brauche noch einen toten Skhän.“ Als er meinen Blick nur schweigend erwiderte, erklärte ich: „Vivien braucht eine glaubhafte Geschichte, die erklärt, wo sie die letzten vier Jahre gewesen ist und tote Männer können nicht mehr widersprechen.“ Aus diesem Grund war Dinwiddie schließlich tot und einem Skhän würde ich niemals eine Träne nachweinen.
„Allon Kartal.“
„Ist der Mann tot?“
„Er wird es schon bald sein.“
Weniger Arbeit für die Themis.
Ich wandte mich ab und trat in das Sklavenzimmer. Bei meinem Eintritt schaute Vivien sofort auf. Sie saß auf ihrem Bett und drückte Anouk an ihre Brust, als wollte sie ihn vor den Ungeheuern dieser Welt beschützen. Und zu meinem Schrecken erkannte ich, dass der kleine Junge weinte.
Dieser Anblick zerriss mir fast das Herz. Das kleine Szenario im Büro musste ihn schlimmer erschreckt haben, als er es sich hatte anmerken lassen.
Einen Moment schaute ich die beiden nur an. Dann ließ ich mein Odeur mit einer solchen Kraft aus mir hervorbrechen, dass sie mit einem Schlag kalkweiß wurden.
Anouk riss vor Schreck die Augen auf und ließ sein Märchenbuch auf den Boden fallen. Der Umschlag klappte auf. Auf der ersten Seite konnte ich in krakeliger Kinderhandschrift einen Namen erkennen. Nikolaj. Er war verblasst und mit Buntstiften geschrieben.
„Ich bin Prinzessin Cayenne Amarok, Tochter von Prinzessin Alica Amarok und Prinz Manuel Amarok. Enkelin von König Isaac Amarok und Königin Geneva Amarok, zweite in der Thronfolge des Rudels der Könige, Titel durch Blut und Euer Alpha.“
Vivien schluckte und mir einem Mal war da dieser Blick, den ich schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Alle liebten ihre Alphas und waren nicht fähig sich ihnen zu widersetzen. Anouk schaute mich einfach nur mit großen Augen an. Er hatte sogar mit dem Weinen aufgehört.
„Ihr beide werdet mir jetzt genau zuhören und euch merken was ich sage. Vor vier Jahren drangen die Fänger in dein Haus ein, Vivien und entführten dich. Du wurdest an einen Mann Namens Allon Kartal verkauft, der dich diese ganzen Jahre als Sklavin hielt.“ Was genau das bedeutete, musste ich nicht näher erläutern. „Gestern bin ich in dieses Haus eingedrungen, habe ihn getötet und euch beide befreit.“
Vivien runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht.“
„Dann hör zu. Ihr wart niemals in diesem Haus. Ihr wisst überhaupt nicht wer Markis Jegor ist und ihr kennt auch Nikolaj nicht. Ihr wisst nicht wer Fletcher ist, ihr kennt keine Carla und auch keine Tarajika. Und auch ich bin für euch beide nichts als eine unbekannte Fremde. Ihr wart die letzten vier Jahre in Warschau gefangen. Habt ihr das verstanden?“
Ich wartete bis beide nickten, wobei ich nur hoffen konnte, dass Anouk wirklich verstand. Oder wenigstens noch jung genug war um alles schnell zu vergessen. „Dann packt jetzt eure Sachen, falls es etwas gibt, dass ihr von hier mitnehmen wollt. Feltcher wird euch zum Flughafen bringen. Wenn ihr …“
„Was?“ Viviens Augen weiteten sich ungläubig. „Wir dürfen … er lässt uns gehen?“
Mein Blick wurde ein wenig weicher. „Ja, ihr dürft gehen, aber nur wenn ihr euch genau an meine Anweisungen haltet.“
Es war genau wie in dem Moment, als sie erfahren hatte, dass Roger und ihre Brüder noch immer nach ihr suchten. Sie schlug die Hand vor den Mund und begann zu weinen.
Ich selber hätte am liebsten mit ihr geheult, aber aus anderen Gründen. „Wenn ihr in Berlin aus dem Flugzeug steigt, wird dort jemand auf euch warten, der ein solches Tattoo trägt.“ Ich drehte meinen Kopf und zeigte ihr das kleine Tattoo der Themis hinter meinem Ohr. „Geh mit ihm, er wird euch nach Hause bringen.“
Vivien war nicht fähig irgendwas dazu zu sagen.
„Und eins noch. Ich habt mein Gesicht nie gesehen und ihr kennt meinen Namen nicht. Wenn jemand fragen sollte, ich habe eine Skimaske getragen, als ich in das Haus eindrang und Allon Kartal tötete.“
Dieses Mal schaffte Vivien es wenigstens zu nicken.
Mein Odeur schwand. „Dann macht euch nun fertig. Es wird Zeit, dass ihr nach Hause kommt.“
Ich half den beiden dabei das wenige einzupacken, was sie mitnehmen wollten und wachte mit Argusaugen darüber, dass er ihnen die elektronischen Fesseln abnahm. Probleme gab es allerdings, als Anouk Schuhe anziehen sollte. Wie es schien, hatte er noch nie welche getragen und fühlte sich in ihnen überhaupt nicht wohl. Vivien musste sie ihm zwei Mal anziehen und ihm dann gut zureden, damit er sie an den Füßen behielt.
Ich sah die Blicke von Vivien. Ihr musste klar sein, dass ich der Grund für ihre Freiheit war, aber sie wagte nicht zu fragen. Vielleicht fürchtete sie, dass dieser Tram dann einfach wie eine Seifenblase platzen würde. Ich würde es ihr sowieso nicht erklären können. Das war eine Last, die ich ganz alleine würde tragen müssen.
Markis Schleim ließ sich von Fletcher berichten, was ich zu Viven und Anouk gesagt hatte. Als es seine Zustimmung fand, händigte er die Flugtickets samt Pässen aus und schickte sie mit Fletcher fort.
Ich konnte ihnen nur noch hinterherschauen, als sie in einen Wagen stiegen und langsam vom Gelände fuhren. „Ich werde es erfahren, wenn sie nicht Zuhause ankommen.“ Es war eine Warnung an den Markis, der neben mir stand und dem sich entfernenden Fahrzeug hinterher schaute. „Und dann sollten sie sich vor mir verstecken.“
„Sie werden Zuhause ankommen. Ich halte immer was ich verspreche und auch wenn Ihr es nicht glauben könnt, ich verehre Vivien.“
Nein, das konnte ich nun wirklich nicht glauben. Wenn ich jemanden mochte, behandelte ich ihn nicht wie ein Stück Dreck. Das hob ich mir für alle auf, die mich auf dem falschen Fuß erwischten. „Ich habe noch eine Bitte.“
„Ich höre.“
„Ich muss ein Telefonat führen, damit jemand Vivien in Empfang nimmt.“
Nachdenklich schloss Jegor die Haustür. Es gab ein Piepen, als das Sicherheitssystem die Tür verriegelte. „Am besten benutzt Ihr das Telefon in meinem Büro. Diese Nummer kann nicht zurückverfolgt werden.“
Das tat ich dann auch. Bevor ich den Hörer jedoch zur Hand nahm, überlegte ich mir sehr genau, was ich sagen würde. Erst dann wählte ich die Nummer, die jemanden sehr glücklich machen würde – was zwangsläufig hieß, dass es nicht Raphaels war. Raphael war für mich ab jetzt tabu. Bei diesem Gedanken, blutete mir das Herz.
Es klingelte drei Mal, bis am anderen Ende abgenommen wurde, aber niemand meldete sich. Es blieb still in der Leitung. Da ich von einer unbekannten Nummer auf einem Apparat der Themis anrief, war das ganz normal. Lieber die Klappe halten und auf Nummer sicher gehen.
„Romeo?“ Verdammt, das würde nicht einfach werden. „Ich bin es, Clem.“
„Wo bist du?“
Als ich Rogers hörte, wäre ich vor Glück beinahe in Tränen ausgebrochen. Jetzt nicht, sagte ich mir. Ich musste mich zusammenreißen, damit auch Roger ruhig blieb. Er würde gleich sowieso aus den Latschen kippen. „Das ist nicht wichtig, ich …“
„Ich finde schon dass das wichtig ist“, unterbrach er mich. „Wo bist du? Wir machen uns Sorgen. Ryder ist völlig außer sich und …“
„Sei jetzt ruhig und hör mir zu, ich habe nicht viel Zeit.“ Er schwieg. „Als erstes, entledige dich nach unserem Gespräch dieser Nummer, sie wird nicht mehr sicher sein. Vergiss das auf keinen Fall und zweitens: du nimmst dir jetzt einen Zettel und einen Stift und setzt dich dann auf deinen Hintern, verstanden?“
„Clementine was …“
„Tu was ich sage“, knurrte ich so, dass ich die Vibration tief in meiner Brust fühlte. Ich hörte ein paar dumpfe Schritte, dann das knistern von Papier, gefolgt von knarzendem Leder.
„Ich sitze.“
„Gut. Wo genau steckst du?“
„In der Nähe von Rostock.“
Perfekt. Dann konnte er sie selbst abholen. Es würde Vivien sicher beruhigen, wenn Roger sie an ihrem Ziel in Empfang nahm. „Das ist gut“, seufzte ich.
„Clementine, was ist da los bei dir?“
Ich ignorierte diese Frage. „Schreib dir genau auf, was ich dir jetzt sage. Berlin, Flughafen Schönefeld 20:47 Uhr.“ Ich nahm den Zettel mit den genauen Daten vom Schreibtisch und gab sie Roger durch. „Hast du alles?“
„Ja.“ Pause. „Bist du da? Sollen wir dich da abholen?“
„Nein, nicht mich.“ Puh, das war gar nicht so einfach wie ich dachte. Wie sollte ich ihm nur beibringen, dass er seine Verlobte heute Abend wieder in die Arme schließen konnte, ohne dass ich ihn vorher mit einem Herzinfarkt – ausgelöst durch den Schock – umbrachte? Und als Draufgabe bekam er gleich auch noch einen Sohn dazu. Ich beschloss den Teil mir Anouk unerwähnt zu lassen, das würde Vivien ihm erklären müssen.
„Clementine?“
„Ich bin noch hier.“ Gott, ich hätte nicht gedacht, dass eine so freudige Nachricht so schwer zu überbringen wäre. „Okay, du musst mir etwas versprechen. Du darfst dich die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht hinters Steuer setzten, verstanden?“
„Clementine was …“
„Versprich es mir einfach!“ Vivien würde es mir sicher nicht verzeihen, wenn ihr Verlobter sich auf dem Weg zu ihr, mit dem Auto den nächsten Baum knutschte, nur weil er alle Geschwindigkeitsbegrenzungen missachtete, um so schnell wie möglich zu ihr zu gelangen.
„Okay, ich verspreche es.“
Gut. „Ist außer dir noch jemand da?“
„Murphy und Future. Ryder und Tyrone sind aber auf dem Weg hier her.“
Das war gut. Besser er war jetzt nicht allein. „Okay, hör zu, ich muss dir etwas wichtiges Mitteilen. Ich …“ Pause. Das war gar nicht so einfach. „Romeo, ich habe Vivien gefunden.“ Die Worte kamen ganz vorsichtig über meine Lippen, trotzdem wurde es in der Leitung totenstill. Nicht mal Rogers Atmung war noch zu hören. „Luft holen.“
Es dauerte weitere Sekunden, bis er seine Stimme wiederfand. „Was?“ Die ganze Umbramaske war komplett verschwunden. All die Gefühle die ihn in diesem Moment überrannten, waren in diesem kleinen Wort zu hören.
„Ich habe Vivien gefunden. Sie ist mittlerweile auf dem Weg zu dir. Die Daten die ich dir durchgegeben habe … sie wird dort sein.“ Ich gab ihm einen Moment, bevor ich hinzufügte: „Heute Abend ist sie wieder bei dir.“
Ein Schluchzen drang durch die Leitung. Dieser Mann, der immer über allem zu stehen schien, der eiskalt agieren konnte und alles mit einer präzisen Effizient betrachtete, ich hatte ihn zum Weinen gebracht.
„Denk dran was du versprochen hast, du setzt dich nichts hinters Steuer. Lass dich fahren.“ Er weinte nur weiter. „Gib Murphy das Handy und den Zettel.“
Es dauerte eine Weile, bis er meiner Bitte nachkam, doch dann wurde das Weinen zu einem Hintergrundgeräusch und Murphys Stimme drang an mein Ohr. „Verdammt Clementine, wo steckst du und was zum Teufel hast du zu Romeo gesagt, das der hier völlig ausflippt?“
Dieses Ausflippen, wie er es so schön nannte, war Rogers Art seine Erleichterung zu zeigen. Jahre hatte er auf diesen Augenblick gewartet, hatte alles tief in sich verschlossen, wollte stark bleiben, musste stark bleiben. Ich verkniff es mir Murphy das alles genau zu erklären. „Hat er dir den Zettel gegeben?“
„Ja.“
„Setzt euch in den Wagen, jetzt. Fahrt da hin. Lass Romeo auf keinen Fall ans Steuer, sonst baut er noch einen Unfall. Am Flughafen wird eine Frau mit einem Kind warten. Sag Romeo nichts von dem Jungen, das wird sie selber erklären. Lass dir von Romeo ein Foto von der Frau geben, damit du sie erkennst. Wenn du sie gefunden hast, zeig ihr dein Tattoo, dann wird sie dir folgen. Soweit verstanden?“
„Ja.“
Mit Profis zusammenzuarbeiten hatte seine Vorteile. Er wartete meine Anweisungen erst ab, bevor er Fragen stellte. „Gut. Wenn Ryder und Tyron auftauchen, nimm sie mit, aber lass auch sie nicht ans Steuer. Okay?“ Allein der Gedanke an Raphael versetzte meinem Herz ein Stich.
„Ja, okay. Mann, Ryder wird ausflippen, wenn er hört das du dich gemeldet hast.“
Nein, wird er nicht, dass passiert erst, wenn er kapiert, dass es das mit uns gewesen war. Oh Gott. „Er soll mich in Ruhe lassen.“
Einen Moment war es in der Leitung ruhig. Dann fragte Murphy: „Was?“
„Er soll mich in ruhe lassen. Ich will nichts mehr mit ihm oder euch zu tun haben. Meine Aufgabe ist erledigt. Ich habe dieses Nomadendasein genauso satt wie die ganze Scheiße, die ich bei euch jeden Tag durchmachen muss. Ich will endlich wieder leben und das kann ich bei euch nicht. Also lasst mich ab jetzt einfach in ruhe, ich bin draußen.“
Eilig beendete ich das Gespräch, bevor Murphy noch mitbekam, wie mir gerade das Herz brach. Ich durfte Raphael nicht wiedersehen, nicht wenn ich Vivien und Anouk schützen wollte. Diese Frau hatte schon genug in ihrem Leben gelitten. Ich würde dafür sorgen, dass ihr nie wieder etwas geschah.
Markis Jegor nickte zufrieden. Wahrscheinlich hatte er jedes Wort von mir wie ein Schwamm aufgesogen. „Wie ist sehe fangt Ihr bereits damit an, Euch von unliebsamen Gepäck zu trennen.“
Dieses Scheusal. „Auch ich halte mich an Abmachungen.“ Es konnte noch so wehtun, ich würde mich an den Deal halten. Zwei Leben hingen davon ab, mehr noch, wenn ich die der Familie mitrechnete.
„Das ist eine überaus erfreuliche Einstellung. Und jetzt ist es an der Zeit aufzubrechen. Es gibt viele Lykaner, die sehnsüchtig auf Eure Rückkehr warten.“
°°°
„Es sieht gar nichts so schlimm aus.“ Nikolaj ließ die Farbahn einen Moment aus den Augen, um zu mir rüber zu schielen. „Wirklich, man sieht es nur, wenn man sehr genau hinschaut.“
„Wenn das ein Versuch sein soll mich zu trösten, können sie sich das sparen.“ Denn nichts von dem was er zu sagen hatte, würde meine Wut und meine ständig anwachsende Verzweiflung Einhalt gebieten können. Das sein Vater mich vor der Abfahrt gezwungen hatte mir die pinkfarbenen Strähnen aus dem Haar zu schneiden, war der Gipfel von allem gewesen. Von wegen, man konnte es nicht sehen. Selbst einen Blinden würde es auffallen.
Es war gerade mal eine knappe Stunde her, dass wir das Anwesen von Jegor verlassen hatten und schon jetzt konnte ich die ersten Häuser von Silenda erkennen. So nahe. Es war wirklich nur ein Katzensprung.
Wie würde es sein an den Hof zurückzukehren? Was würde König Isaac mit mir machen? Was würde ich tun? Samuel wird sich sicher freuen mich wiederzusehen, aber was war mir Sydney?
Sydney …
Er war der einzige Silbersteif am Horizont, der mir noch blieb. Wenigstens würde ich ihn wiedersehen. Leider sah ich auch dem mit gemischten Gefühlen entgegen. Jahre waren vergangen, so viel war geschehen und dann waren da auch noch diese ganzen Gefühle. Für Sydney. Für Raphael.
„Darf ich fragen, was mit Eurem Auge geschehen ist?“
War der so dumm, oder konnte er sich das wirklich nicht vorstellen? „Das gleiche wie mit meiner Lippe. Ich habe mich widersetzt.“
Ein Hauch von Reue überschattete sein Gesicht. „Es tut mir leid. Mein Vater hätte Euch nicht schlagen dürfen. Ich verspreche Euch, dass er das nicht noch einmal tun wird.“
„Ja, weil ich jetzt wieder eine Prinzessin bin und jeder Lykaner im Rudel ihn in der Luft zerreißen würde, sollte er noch einmal Hand an mich legen.“ Auf welche Art auch immer.
Meine Finger schlossen sich ein wenig fester um den Ordner auf meinen Knien. Ich wollte nicht daran denken, was dieses Arschloch gestern fast mit mir getan hatte, aber nun waren die Bilder wieder da, genau wie dieses ohnmächtige Gefühl und ließ sich nicht mehr so einfach vertreiben.
„Nein, eigentlich meinte ich … egal. Er wird es jedenfalls nicht mehr tun.“
Wenn er Grund und Gelegenheit hätte, würde er es sicher wieder tun, aber das würde er nicht mehr bekommen, einfach weil ich nun an ihn gebunden war. Dies war der einzige Weg Vivien und Anouk vor ihm zu schützen.
Die beiden saßen in der Zwischenzeit sicher schon im Flugzeug nach Warschau. Ein paar Stunden noch, dann wären sie wieder mit ihrer Familie vereint. Ich wünschte ihnen alles Gute und hoffte, dass sie die nächste Zeit meistern würden. Es würde für keinen von ihnen leicht werden. Und so wie die Dinge sich gerade gestalteten, würde auch ich es nicht einfach haben.
Als wir die ersten Häuser von Silenda passierten, begann mein Herz ein kleinen wenig schneller zu schlagen. Vor ungefähr drei Jahren war ich gegangen, um dass alles hinter mir zu lassen und nun war ich doch wieder hier.
Meine Finger verkrampften sich um den verdammten Ordner in meinem Schoß. Es war ein Dossier über Lord Russell Dinwiddie. Jegor hatte ihn mir bei der Abreise zum Lesen mitgegeben. Meine Geschichte musste schließlich absolut wasserdicht sein und so musste ich einiges über meinen Peiniger wissen. Nicht nur wie er aussah oder wo er wohnte, auch Vorlieben und Abneigungen standen darin, genau wie Namen von Bekannten, die er hätte erwähnt haben können, oder wie das Haus aussah, in dem ich angeblich gefangen gehalten wurde.
„Wir sind bald da“, erklärte Nikolaj, als wir uns der Innenstadt nährten. Er hatte eine sehr angenehme Stimme.
„Ich sehe es.“ Die Wölfe auf den Straßen waren schließlich nicht zu übersehen.
Er seufzte. „Prinzessin Cayenne, ich weiß dass mein Vater Euch zu diesem Schritt zwingt, aber … ich bin nicht Euer Feind.“
„Sie machen bei dieser Scharade freiwillig mit.“
„Nicht so freiwillig, wie Ihr vielleicht glaubt.“
Was sollte das jetzt wieder heißen? „Würden sie es nicht freiwillig tun, hätten sie sich wehren können. Aber das haben sie nicht. Sie haben einfach nur zugesehen, als er damit drohte einen kleinen Jungen vor ihren Augen zu töten.“
„Gegen meinen Vater kann sich niemand wehren.“
„Man kann es zumindest versuchen“, belehrte ich ihn. „Aber sie haben nichts versucht. Ihnen war es egal was mit Anouk geschah.“
„Nein.“ Widersprach er sofort. „Das ist nicht wahr.“
Wenn ich das doch nur glauben könnte, vielleicht gäbe es dann einen Weg aus dieser Miesere. Aber so wie die Dinge standen war er entweder ein genauso großer Widerling wie sein Vater, oder aber, er war ihm hörig, was auch nicht gerade zu meine Vorteil war. Wie man es auch drehte und wendete, ich saß wie eine Ratte in der Falle.
Langsam lichteten sich die Häuser um uns herum und schon wenig später nahm Nikolaj die einzige Zufahrtsstraße zum dem Schloss, das oben auf der Anhöhe über der Stadt thronte.
Der dichte Wald um uns herum warf dunkle Schatten auf die Straße. Die Sonne schaffte es kaum durch das dichte Blätterdach.
Mit jedem Meter den wir näher kamen, spannte sich mein Körper weiter an. Ich wollte dort nicht hin, ich war dieser Hölle doch entkommen. Das war nicht fair.
„Braucht Ihr noch einen Moment?“
Überrascht sah ich zur Seite.
„Wenn Euch das zu schnell geht, halte ich an. Und wenn wir hier stundenlang rumstehen, es wäre in Ordnung.“
„Was würde das bringen?“ Ich senkte den Blick und befahl mir nicht in Tränen auszubrechen. Diesen Triumph würde ich ihnen nicht geben. „Ob jetzt, in einer Stunde, oder erst nächste Woche. Ich will dort nicht hin, aber man lässt mir keine Wahl.“
Das Tor zum Vorhof war offen. Ich konnte schon die Leute erkenne, die sich dort bewegten.
„Ihr müsst das nicht allein durchstehen, ich werde immer bei Euch sein.“
Fast hätte ich aufgelacht. „Und das soll mich jetzt beruhigen?“ Was hatte der nur für eine Vorstellung vom Leben?
„Ich hoffe wohl einfach, dass es Euch ein wenig Sicherheit gibt.“
Sicherheit? Von diesem Mann? Ich wandte einfach den Blick ab. Dazu gab es nun wirklich nichts mehr zu sagen.
Nikolaj drosselte das Tempo, als er auf den Vorhof fuhr. Er musste einen Moment sogar anhalten, um eine Gruppe von Frauen durchzulassen. Ich hätte ihn am liebsten genutzt, um mich schnellstmöglich aus dem Staub zu machen, doch ich blieb einfach auf dem Beifahrersitz sitzen und starrte an den Schlossmauern hinauf. Kalt, grau, hart. Das war es, was die Zukunft für mich bereithielt.
Sobald der Wagen sich wieder in Bewegung setzte, musste ich mich zwingen ruhig zu bleiben. Ich verknotete sogar meine Finger miteinander, damit niemand ihr Zittern auffiel. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Als wir uns dem Portal zum Haupthof nährten, mussten wir erneut anhalten. Nicht nur weil das Fallgitter geschlossen war, mehrere der Wächter traten nach Vorne und verstellten uns den Weg. Einer von ihnen kam ans Auto und klopfte an die Fensterscheibe, weil Nikolaj sie nicht schnell genug herunter ließ.
Er war nervös. Da hatte wohl Angst, dass ich ihn verpetzen würde.
„Name und Anliegen?“
Die Stimme des Wächters drang zusammen mit einem kühlen Lüftchen in den Wagen. Für ende Oktober war es schon ganz schön kalt.
„Hallo. Ich bin Markis Nikolaj Komarow und bin hier, um Prinzessin Cayenne nach Hause zu bringen.“
Der Wächter, der seinen Blick vorher nur hatte kurz über mich gleiten lassen, bekam nun fast Stielaugen, als er mich genauer ansah. Ich setzte mein schönstes Lächeln auf und hoffte dass ich Schauspielerin genug war, dass er nicht bemerkte, wie falsch es war. „Prin … Prinzessin Cayenne?“
„Ja, ich bin es wirklich. Und ich wäre wirklich dankbar, wenn man uns das Fallgitter öffnen könnte.“
„Ja … natürlich, natürlich.“ Und schon war er weg und rief die Mauer hinauf, dass das Tor Augenblicklich zu öffnen sei, weil Prinzessin Cayenne nach Hause kam.
Ich seufzte bei der Aussicht eine weitere Lüge leben zu müssen. „Na dann, lasst die Show beginnen.“
°°°°°
„Scheiße!“ Wütend und verzweifelt feuerte Raphael sein Handy auf die Couch und traf dabei fast noch seine kleine Schwester Amber, die es sich dort mit ihrem Notebook bequem gemacht hatte. „Future hat noch immer nichts.“
„Du musst ruhig bleiben“, versuchte Tristan ihn zu beschwichtigen. „Wenn du ausflippst, bringt uns das auch nicht weiter.“
„Ruhig bleiben?“ Am liebsten hätte er sich sein Handy wieder geholt, um es seinem Bruder an den Kopf zu werfen. Wie bitte sollte er in einem solchen Moment ruhig bleiben? Anstatt nach Cayenne zu suchen war er Zuhause in Arkan, weil … Gott, seine Schwerster war wieder da. Er hatte keine Ahnung wie Cayenne das angestellt hatte, noch was im Lagerhaus geschehen war, doch nun war Vivien wieder da. Nur wurde die Freude vom Verlust überschattet. Nein, er konnte hier nicht länger tatenlos rumstehen. „Ich muss noch mal mit Vivien sprechen.“ Er kam einen ganzen Schritt weit, bevor Tristan ihm den weg vertrat. „Geh zur Seite.“
„Nein. Davon abgesehen dass Vivien Ruhe braucht, werden Papa und Roger dir den Kopf abreißen, wenn du sie noch mal bedrängst.“
„Aber ich kann hier doch nicht tatenlos herumsitzen. Clem hat die beiden rausgeholt, also muss Vivien doch etwas wissen.“
„Sie hat uns alles gesagt, was sie weiß. Jetzt musst du ihr Zeit geben.“
Nein, sie hatte nicht alles gesagt. Raphael wusste nicht woher er diese Gewissheit nahm, aber irgendwas an Viviens Story stimmte nicht. Sie hatte sich die ganze Zeit nur an den kleinen Jungen geklammert und war allen Blicken ausgewichen.
Gott, Vivien hatte einen Sohn!
Unruhig strich Raphael sich übers Kinn. Cayenne war seit vier Tagen verschwunden und mittlerweile waren die Fragen die sie hinterlassen hatte zu einem Berg angewachsen. Er brauchte Antworten, sonst würde er noch verrückt werden. „Ich kann hier nicht einfach herumsitzen und Däumchen drehen, wenn sie da draußen ist.“
Tristan setzte zu einer Erwiderung an, doch bevor er auch nur das erste Wort formulieren konnte, rief Amber plötzlich: „Scheiße noch mal, sie ist wieder da!“
Als ihre Brüder sie nur fragend anschauten, drehte sie den Laptop, so dass die beiden den Newsticker im Browser sehen konnte. Unter dem Text war das Foto einer kurzhaarigen Blondine abgebildet.
„Prinzessin Cayenne!“, rief Amber aufgeregt. „Man hat sie gefunden, sie ist wieder am Königshof!“
Raphael entglitt jeder Gesichtsmuskel. „Bambi.“
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Cover: Cover by Kathrin Franke-Mois - Epic Moon Coverdesign
Tag der Veröffentlichung: 22.12.2012
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