Die fünf Perlen
Im dritten Mond eines längst vergangenen Jahres erwies mir endlich der große und weise Gelehrte, Baschir Abdel Khader, die Ehre mich in die Wissenschaften und Studien unseres Landes einzuführen. Nach einigen auferlegten Prüfungen, die ich, Dank sei Allah dem Allmächtigen, zur Zufriedenheit Abdel Khaders absolvierte, erschien es ihm nun an der Zeit, mich an den Lehren teilhaben zu lassen. Ich war ein aufmerksamer und gelehriger Schüler.
Pflichtbewusst und stets meinem Herrn untergeben. Ich besuchte ihn jede Woche, und manchmal beneidete ich ihn um des Glücks, in dem er mit seinen Kindern und der ihn zärtlich liebenden Gemahlin lebte. Der Anblick Ambers glich einem Juwel, so wie ihr Name es schon verkündete, und manch liebliche Verse kamen mir in den Sinn.
„O Herrin, von reinem Ursprung und edler Geburt, beim Erklingen deiner Stimme erheben sich tanzend die Steine, und errichten in schöner Ordnung ein wohlgebautes Haus.“ (Aus 1001 Nacht) Eines Tages erlaubte ich mir die unhöfliche Frage, wie sich es sich zugetragen hatte, Amber zu begegnen und diese wunderschöne Frau für sich zu gewinnen.
Ich erwartete eine Schelte, doch mein Lehrer lächelte höflich und sein Blick erhellte sich für einen Moment, dann zögerte Abdel Khader und sagte: „ Mein lieber Raschid, dieses ist eine wundersame Geschichte, und wer, wenn nicht ich, der es erlebte, würde das glauben.“
„ Ehrwürdiger Herr“, entgegnete ich gespannt, „wie soll ich darauf eine Antwort finden, ohne deine Worte vernommen zu haben.“
Sein freundliches Lächeln verebbte, Baschir wurde ernst und seine weisen Worte klangen noch lange in meinem Ohr: „Die Wahrheit kann warten, sie ist es gewohnt.“ Dann wandte er sich mit einer kurzen Verbeugung und einem Salam von mir ab.
Es gab keinen Grund mehr, mich weiterhin mit diesen Gedanken zu befassen, somit beugte ich mich wieder über die Bücher, die vor mir auf dem Tisch lagen, und studierte eindringlich die Worte, die dort geschrieben standen. Der Diwan in dem ich mich befand glich einer Bibliothek, wie man sie sonst nur in den Palästen des Landes vorfand. Baschir Abdel Khader liebte jedes Buch, jedes Stückchen Papier, welches Notizen, Formeln oder Skizzen enthielt. Auch den Künsten war er zugetan. Viele wertvolle Gemälde, Skulpturen und Verzierungen fanden in dem großen Raum ein wohlverdientes Plätzchen.
Amber, die Schönste aller Frauen, war sehr musikalisch und ihre liebliche Stimme verzauberte nicht nur ihren Mann, auch ich lauschte ihrem Gesang, der mich immer wieder fesselte.
Danach legte sich tiefes Schweigen über den großen prunkvollen Saal, so dass man eine Maus hätte laufen hören.
Ich legte mich zurück in die dicken Kissen, die um den großen Tisch ausgebreitet auf einen Ruhenden warteten, entspannte mich und starrte an die Decke, die kunstvoll mit prächtigen Farben und Muster verziert war.
Einen Augenblick lang entschwand ich in eine andere Welt, doch der Aufenthalt dort dauerte nur eine kurze Weile, denn die Rückkehr Baschirs weckte mich aus meinen Tagträumen.
Nach einem kaum merklichen Zögern erhob ich mich und bat um Nachsicht, die Stunden mit Träumerei vertan zu haben, und nicht wie befohlen, mit den Büchern dieser Welt.
Mein Lehrer, wie immer freundlich und mit einer sonderbaren Gelassenheit, sprach: „ Die Zukunft gehört dem Buch, dem Leben und dem Tod. Eine Pause sei dir gegönnt, doch nun höre, was ich zu erzählen vermag.“
Sichtlich überrascht setzte ich mich wieder, legte meine Hände in den Schoß und wartete auf die Worte, die Baschir Abdel Khader für mich erübrige wollte. Er setze sich auf eines der Kissen mir gegenüber, klatschte in die Hände, worauf ein Diener erschien, dem er die Order gab, uns mit frischem Tee und Gebäck zu versorgen. Als dies geschehen war, öffnete Baschir eine kleine Schachtel, aus der er einen Ring holte, diesen legte er auf den Tisch, betrachtete ihn und sprach: „Meine bezaubernde Frau Amber, die schönste Perle der Schätze meines Lebens, war einst eine Perle an diesem Ring. Fünf Perlen schmückten diesen goldenen Reif, fünf verzauberte jungen Frauen, die in ihrer Schönheit gefangen, und ihrer Freiheit beraubt waren. Amber und ihre vier Schwestern.“
„Iah Allah“, rief ich ungläubig aus, jedoch saß ich gebannt auf meinem Kissen und brannte darauf, der Geschichte, die Baschir zu erzählen vermochte, mein Gehör zu leihen.
„Al Uahhad war mir gnädig, und führte mich eines Tages, als ich die Gegend durchstreifte, zu einem Ort, den ich nie zuvor bemerkte. Dort saß auf einem Stein ein Derwisch, der hungernd und durstend seine Hände nach mir ausstreckte. Ich reichte ihm den kleinen Krug mit Wasser, den ich bei mir hatte, und ein Stück Brot, welches ich für den Notfall einsteckte, und freute mich, dass es ihm genügte, um diese Bedürfnisse zu stillen.
Leidvoll seufzte der Alte: „Allah badik iah sidi!“ (Allah möge euch auf den rechten Pfaden leiten, o Herr.) Mir ist dieses versagt geblieben. Ich war einmal ein mächtiger Padischa, ein Herrscher über eine ruhmreiche Stadt, ein Mittelpunkt der Wissenschaften, der Schriften und Künste und ich habe sie aufs grausamste zerstört, so wie ich das Leben meiner Töchter aufs grausamste zerstört habe. Ich wurde bestraft, als Derwisch ziehe ich nun durch die Lande um dem Zauber, der meine Töchter verwandelte, Einhalt zu gebieten.“
Dann zeigte er mir diesen Ring, der mit fünf Perlen geschmückt war, betrachtete ihn traurig und beweinte sein Unglück. Ich fragte nach dem Grund seiner Trauer, den er mir ohne zu zögernd offenbarte. Er berichtete, dass die Schönheit seiner Töchter ihn fesselte, sie waren wie Perlen, edel, wertvoll und streng zu bewachen, so dass keine abhanden kam. Jeder Brautwerber wurde abgewiesen, keine Gabe, kein Prinz war gut genug um eines der Mädchen ehelichen zu dürfen. Amber, die älteste Tochter konnte unterdessen ihr Leben im Palast nicht länger ertragen, sie bat um Gnade und um Freiheit, auch sollte der Vater ihren Schwestern erlauben, sich endlich in den Stand einer würdigen Ehefrau begeben zu dürfen. Viele reiche und mutige Männer des Landes hätten ihr Leben geben, um dem Padischa umzustimmen. Doch der mächtige Mann blieb eisern, und sperrte seine Tochter in ihrem Gemach, wie einen Vogel in einem Käfig. Die Fenster wurden mit Gitter versehen und die schwere Holztür blieb Tage lang verschlossen. Es fehlte ihr an Nichts, nur die Freiheit, die kostbarer war als ihre Schönheit und alle Reichtümer der Welt.
In ihrer Einsamkeit flehte sie täglich um Erbarmen, bat Allah um Hilfe und beschwor sämtliche Geister, ihr behilflich zu sein. Eines Nachts, es war eine laue Vollmondnacht, trat Amber an das Fenster ihres Zimmers, schaute in den Himmel und wünschte sich, eine Perle zu sein. Eine Perle, die an einem Ring durch die Lande getragen würde. Eine kleine Perle, die das Licht der Welt erblicken durfte, wohin auch immer ihr Besitzer reiste. Ein weiser Zauberer vernahm Ambers Wunsch und hatte Mitleid mit der jungen schönen Frau, und weil seine Magie so groß und gewaltig war, erhörte er ihr flehen. Ambers Schönheit spiegelte sich von nun an in einer Perle wider. Auch ihre Schwestern, die kein anderes Leben führen durften, verwandelte der Zauberer in reine weiße Perlen. Ein geschmiedeter Ring trug sie erhaben auf seiner eigen dafür angefertigten Erhöhung , die Mitte zierte Amber, die größte und wertvollste Perle unter den anderen vier. Am nächsten Morgen betrat er den Palast um sein Kunstwerk dem Padischa zu überreichen. Dieser fiel vor Entsetzen und Wut dem Zauberer an den Hals, schüttelte ihn kräftig und befahl ihm, den Zauber sofort rückgängig zu machen. Dieser jedoch lachte laut und rief: „Du wagst es, mir, einem Magier befehle zu erteilen. Erst wenn dein Herz rein ist, so rein wie diese Perlen, wenn du all die Schönheit nicht als Besitz betrachtest, wenn Reichtum für dich keinen Wert mehr darstellt, erst dann werde ich gnädig sein, und deinem Befehl gehorchen.“
Ohne weitere Worte verschwand der weise Zauberer, ließ jedoch den Ring zurück., der als Pfand für die Freiheit galt. Der Padischa verfiel der Traurigkeit, ein gramgebeugter Mann, der jeden Tag um seine Töchter weinte, daraufhin das regieren vergaß, so dass er Ansehen, Macht und Reichtum verlor. Von dem eigenen Volk verachtet, wurde der Padischa aus dem Palast gejagt und niemand gewährte ihm Unterschlupf. Sein letztes Hab und Gut war der Ring, der ihn an längst vergangene Tage erinnerte. Er zeigte ihn mir, seine schmutzigen Hände waren knochig, die langen Finger dürr, und der Ring bereits viel zu groß, um würdig getragen zu werden.
„Verkaufe ihn mir“, sagte ich, „er hat Wert und ich werde dich reich belohnen dafür.“
„Was soll ich mit deinem Geld anfangen? Ich bin alt und werde bald sterben, der Tod verfolgt mich schon seit langem, er hat Geduld, doch ich fühle mein Ende. Nimm den Ring, halte ihn in Ehren und bedenke, es ist das kostbarste meine Lebens, und die Schönheit meiner Töchter, die du an deinem Finger trägst.“
Er steckte ihn mir an den linken Ringfinger, drückte meine Hand und mit einem lächeln auf den Lippen schien er seinen inneren Frieden gefunden zu haben. Bevor ich auch nur ein Wort des Dankes aussprechen konnte, schloss er seine leergeweinten Augen und verstarb.
Sichtlich berührt von dem Geschehen starrte ich auf den alten Derwisch, der nun so friedlich schlief.
Plötzlich verspürte ich eine Hand, die sich auf meine Schulter legte. Erschrocken drehte ich meinen Kopf zur Seite und erblickte eine Frau, von deren Schönheit ich geblendet wurde.
„Danke“, flüsterte Amber, „wohin wird man ihn und uns bringen?“
Ohne zu überlegen antwortete ich: „ Mein Haus ist auch euer Haus“, dann schaute ich mich um und sah vier weitere Frauen, die sich niederknieten und den alten Derwisch beweinten.
Ich trat zu ihnen, nahm den Toten Padischa auf meine Arme und trug ihn in mein Haus. Amber und ihre Schwestern folgten mir ohne ein Wort. Hier wusch ich den Alten, legte ihm neue Kleider an und beerdigte ihn gen Osten, wie es sich gebührt auf dem Friedhof der Gläubigen.
Ich beherbergte die Töchter des Padischas, bis sie einen ehrwürdigen Mann fanden, um sich mit ihm zu verbünden. Amber blieb, und wurde meine Frau, die ich von Herzen liebe und verehre, wie die Auster ihre Perle.“
Mein Mund stand offen, als Baschir Abdel Khader mit einer Geste der Höflichkeit seine Erzählung beendete. Seine rechte Hand lag auf seinem Herz und seinen Kopf hielt er gesenkt, so dass mir diese Geschichte die Sprache verschlug.
„Uallah, möge euch Allah seinen Segen spenden“, stotterte ich schließlich, dann erhob ich mich, verbeugte mich vor dem weisen Mann und verließ den Diwan mit den Worten: „Uassalan.“ (Bleibe in Frieden)
Texte: Foto von Fotosearch
Tag der Veröffentlichung: 27.12.2009
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Widmung:
Der Freiheit