Sieg der Sucht, der Alkoholtod
Wem ich von meinem Leben erzähle, der braucht einige Tage Zeit und sollte belegbar unerschütterlich sein.
Ich würde von Misshandlungen in der Kindheit erzählen. Wie meine Mutter ihre unerschöpfliche Anzahl von Liebhabern im Wohnzimmer empfing, wozu sie dieses stets in eine blickdichte Dunkelkammer verwandelte, indem sie alle Rollladen spaltfrei nach unten ließ.
Mein Bruder und ich wurden in die Küche gesperrt und mir wurde die Aufsichtspflicht über das Brüderchen erteilt, was dann immerhin Sinn machte, denn mein Bruder war zwei Jahre alt. Schließlich bin ich die Ältere und war immerhin schon sechs Jahre alt.
War eine Schulnote schlechter als befriedigend und ich hatte mich aus lauter Angst nicht getraut diese zuhause vorzuzeigen, dann flog ich spätestens bei der Befragung der Nachbarskinder, also meiner Klassenkameraden auf. Solche Lügen konnten in keinem Fall ungesühnt bleiben. Die Frau, die sich meine Mutter nennt, zog mich an meinen langen Haaren in den Keller und stieß mich mit dem Kopf gegen die Wand. Mit einem dünnen Bambusstock, der dicke und schrecklich schmerzende und brennende Striemen auf meinem ganzen Körper hinterließ, wurden mir meine sündhaften Lügen ausgetrieben. Bei einer befriedigenden Note gab es lediglich ein paar Backpfeifen oder Ohrfeigen – je nach Stimmungslage. War eine gute oder sehr gute Benotung von mir erzielt worden, kam ein knappes „Na es geht doch, wenn Du willst“. Stimmt manchmal ging es.
Nach zwei gescheiterten Ehen lernte ich im Oktober 2006 Peter kennen. Meine Kinder mittlerweile 11 und 17 Jahre alt, hatten darauf bestanden, dass ich meine Schneckenhaustaktik aufgebe und mal wieder etwas unternehme. Ich entschied mich für eine Tanzveranstaltung der Kategorie 40+, was zumindest mit meinen 41 Lenzen vom Alter her perfekt passte. Es wurde ein sehr schöner Abend und ich konnte die Angriffe sämtlicher, männlich interessierten Kandidaten erfolgreich abwehren, was mich im Übrigen mit großer Zufriedenheit erfüllte. Dabei hätte ich es dann auch belassen sollen.
Wegen der tollen Tanzmusik besuchte ich jedoch voller Elan die nächste Tanzveranstaltung 14 Tage später. Schon auf dem Parkplatz zappelte ich von einem Bein auf das Andere, im Takt der Musik, die schon aus der Ferne dumpf in meinen Ohren klang. Eilig im Discofoxschritt hüpfend erreichte ich in glänzender Laune die Veranstaltung. Mit Entsetzen blickten meine Augen in den schummrig beleuchteten Raum, der sich in gähnender Leere präsentierte. Ich zählte sechs Damen aus der Kategorie 60+ und eine Blondine, die zumindest altersmäßig in die Veranstaltung passte. Suchend blickten meine Augen in die Runde. Solange ich auch schaute, mehr als drei vom Alter her passende Herren konnte ich nicht erblicken. Sofern sich die Herren nicht zu einer kollektiven Pinkelpause verabredet hatten, begrub ich wohlweislich schon einmal die Hoffnung, darunter einen leidenschaftlichen Tänzer zu finden. Ins Besondere, da ein möglicher Tanzpartner seine Tentakel bereits bei der Blondine in Position gebracht hatte.
Nach kurzer Überlegung entschied ich, mich an einen der zahlreichen leeren Tische zu setzen. Immerhin war ich 45 Minuten gefahren, um diese Veranstaltung zu besuchen. Da würde ich doch wenigstens eine Cola light trinken, bevor ich frustriert nach Hause fahre. Schließlich kostete das Getränk hier nur einen Euro. Schade, dass Benzin nicht so preiswert ist, wie die Getränke hier, knurrte ich gedankenverloren vor mich hin, während sich von halb links her, der Tischnachbar der Blondine in mein Sichtfeld schob.Mit aufgeblasener Brust und unsicherer Stimme stellte sich der Tentakelmann als Peter vor und bat darum Platz nehmen zu dürfen. Warum nicht ich bin, die Gaby, antwortete ich skeptisch unterkühlt. Siegessicher begann Peter von sich zu erzählen, während ich in Gedanken meine „Flucht“ vorbereitete. Nachdem ich mir beinahe 2 Stunden angehört hatte, dass Peter der bestsituierteste, intelligenteste 44 jährige Single im Raume Aachen sei, blies ich zur Attacke. Lieber feige flüchten, als hier noch eine Minute länger verbleiben zu müssen. Aufstehend und dabei meine gepflegte rechte Hand hinhaltend faselte ich etwas von müde sein und nach Hause müssen. Mein Gegenüber quittierte meine Verabschiedung mit einem überraschten Blick und nach unten hängenden Mundwinkeln, was mein Vorhaben eher noch beschleunigte, statt es hinauszuzögern. Laufend dabei jedes Taktgefühl ignorierend erreichte ich hechelnd mein Auto, wobei ich mich mit einem Hechtsprung auf den Fahrersitz rettete. Sicherheitshalber betätigte ich noch die Türverriegelung, wobei ich den dunklen Parkplatz mit meinen Augen absuchte. Nichts, kein Verfolger weit und breit in Sicht – welch ein Glück.
Nach 45 Minuten Heimreise betrat ich wohlbehalten meine kleine schnuckelige Wohnung. Erleichtert seufzend ließ ich mich auf die knallrote Ledercouch im Wohnzimmer fallen. Mit dem rechten Fuß streifte ich den linken Schuh ab, um mich mit dem linken Fuß, des rechten Schuhs zu entledigen. Vorsichtig massierte ich meine schmerzenden Füße, die überdies brannten wie die Hölle. Humpelnd schleppte ich mich unter die Dusche. Wer zum Henker hat diese High Heels erfunden, die so wunderschön aussehen, einem aber nach einigen Stunden des Tragens das Gefühl geben nie wieder richtig laufen zu können, dachte ich, während ich mich vom wohltemperierten Wasser der Dusche berieseln ließ.
In meinem viel zu großen, flauschig wärmenden Frottierbademantel gehüllt, die Haare unter einem Handtuchturban versteckt ließ ich mich auf mein Bett fallen, um kurz darauf tief und traumlos einzuschlafen.
Der Radiowecker zeigte 10:20 Uhr an, als ich aufwachte. Ein verschlafener Blick auf mein Handy zeigte drei neue Mitteilungen an. Wer in aller Welt hatte mir sonntags morgens um diese Uhrzeit bereits drei Nachrichten gesendet? Meine schlimmsten Befürchtungen erfüllten sich. Um Peter loszuwerden, hatte ich ihm gestern bei der Verabschiedung meine Handynummer auf einen Bierdeckel gekritzelt. Nein ich hatte nicht irgendeine Handynummer notiert, sondern tatsächlich die Meinige – ich Idiotin. Nun ja - bewaffnet mit einer Jumbo Tasse Kaffee machte ich mich ans Lesen der Nachrichten. Ich bin sicher, dass Peter die Bedeutung der Abkürzung SMS nicht kannte, denn dafür waren die Mitteilungen definitiv zu lang. Komplimente ohne Ende reihten sich übergangslos aneinander. Eine Einladung zum Essen bildete den Schluss und war sicherlich als Sahnehäubchen für mich gedacht. Jetzt keine weiteren Fehler mehr Gaby knurrte ich mich gereizt an.
Ja ich war Single, aber glücklich und zufrieden mit meinem Leben. Da gab es keinen Platz für einen Mann. Das Leben hatte mich bereits in aller Härte geschult, was unter anderem auch was die Männerwelt anbetraf. Also wurde es Zeit, mich aus dem Objekt der Begierde Position hinauszukatapultieren.
Ignorieren so dachte ich wird wohl die beste Lösung sein. Sicherlich wird sein Interesse an mir sich dann in Windeseile verflüchtigen. Zufrieden mit meiner Entscheidung drückte ich die Mitteilung löschen Taste. Leider ging meine Rechnung nicht auf. Je mehr ich sämtliche Bemühungen ignorierte, um so mehr rüstete mein Gegner auf. Irgendwie schien meine Planung genau das Gegenteil von dem zu bewirken, was sie eigentlich sollte – ich wurde ihn einfach nicht los.Als dann Wochen später, nach zahllosen SMS und Telefonaten eine erneute Einladung zum Essen erfolgte, nahm ich zähneknirschend an. So Auge in Auge würde ich ihm schon klarmachen können, dass ich weder interessiert bin, noch irgendwann sein würde.
Fest entschlossen sehnte ich den Donnerstag, den Tag der Verabredung herbei. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, dass ein Friseurbesuch unabdingbar war, denn der ein Zentimeter breite, graue Haaransatz sprang mich optisch geradezu an. Die Reparatur meiner Haarpracht dauerte, wie hätte es auch anders sein können, unerwartet lange. Silvia, die Lieblingsfriseurin meines Vertrauens hatte offensichtlich einen schlechten Tag erwischt, denn sie wurde und wurde nicht fertig. Geschlagene 4 Stunden später sprang ich genervt in mein Auto und machte mich auf den Nachhauseweg.
In weiser Voraussicht hatte ich am Tag zuvor bereits das Essen für meine Kinder gekocht. Nach einer kurzen Aufwärmphase konnte die „Fütterung der Raubtiere“ beginnen. Als verantwortungsbewusste Mama saß ich selbstverständlich mit meinen Kindern an einem Tisch. Schnell
Verlag: BookRix GmbH & Co. KG
Tag der Veröffentlichung: 15.10.2013
ISBN: 978-3-7309-5536-9
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