2.Kapitel: Spiegelgespräche
Müde rollte ich an diesem Samstagmorgen aus dem Bett, da ich nicht mehr schlafen konnte. Ich schlurfte in die Küche, wo meine Mutter - soweit ich das mitbekam – mit ihrer Kollegin, beziehungsweise ihrer Freundin über die neu entworfene Kollektion redete, während sie in ihrem Kaffe rührte und mir einen Kuss “zuwarf“. Sie signalisierte mir, dass der Kaffe in der Kaffeekanne war und die Brötchen im Brötchenkorb liegen würden.
Ich schnitt mir ein Brötchen auf, beschmierte es mit Marmelade und schenkte mir Kaffee ein. Ich versuchte es zumindest, schüttete ihn mir aber leider über die Hand. „Aua“, klagte ich, während ich meine Hand in einen mit kühlem Putzwasser gefüllten Putzeimer hielt. Endlich legte meine Mutter auf und sagte mir: „Ich muss noch mal ins Atelier, ich komme erst heute Abend wieder.“ „Schon gut“, sagte ich, mir war es sogar ganz lieb, wenn ich unbeobachtet mit meinen Visionen sprechen konnte. Wenig später hörte ich ein leises „Tschüss“ und eine zufallende Tür. Ich lief ins Bad, denn dort hatte ich die ersten Visionen. Ich rief laut: „Hey, du kalte Figur, du, wundersame Stimme, komm wieder!“ Ich hörte nichts. Oh, was war das? Ich war knallrot im Gesicht. Merkwürdig. Ich schaltete das Licht an, und spürte wieder die
kalte Hand an meiner Schulter. Da bist du ja wieder“, freute ich mich. „Du bist in großer Gefahr!“ Ich fiel der Stimme ins Wort, „Ja, das weiß ich langsam, und du hast mich gewarnt, und ich sollte zu Hause bleiben weil das ja sicherer ist. Aber wer bis du und was willst du?“ Keine Antwort. Plötzlich hörte ich einen Schlüssel im Schloss umdrehen. War ich bescheuert, diese Erscheinung spielte mir mal wieder einen Streich. Ich redete weiter: „Du sollst mir jetzt Antworten! Wer oder was bist du?! Was machst du bei mir? In welcher Gefahr schwebe ich denn?“ Wieder keine Antwort. Nur eine kalte Hand. „Auf eine gute Frage gehört eine gute Antwort!“, rief ich ungeduldig und zugleich genervt. „Es ist besser, wenn du es nicht weiß“, hallte es in meinem Kopf. „Ich will es aber wissen! Du bist so doof, mich erst auf die Folter spannen und jetzt nichts sagen!“ „Ich würde mich jetzt ganz schnell umdrehen, und in den Hausflur stützen, weil Patrik dich grade beobachtet hat und grade am gehen ist! Mir stockte der Atem. Ich hatte die Verabredung mit meinem Schwarm Patrik total vergessen. Sofort stützte ich in den Hausflur, die Treppen hinunter. Da! Da war Patrik! „Patrik, warte, ich kann das alles erklären!“ Patrik drehte sich mit einer genervten Miene zu mir. „Deine Spiegelgespräche kannst du nicht erklären! „Doch, ich weiß, das klingt jetzt doof, aber ich habe manchmal so Erscheinungen, also, eine Stimme, die mit mir spricht.“ „Na klar, ich bin der Kaiser von China! Dann lass doch mal die “Stimme“ sprechen.“ „Ja, dass mach ich, aber ich weiß nicht, ob sie kommt, weil sie nur manchmal erscheint, sie ist ja auch eine Erscheinung!“ „Du wirst jetzt keine Erscheinung haben, denn ich gehe, du gehörst ja in die Irrenanstalt!“ Dann rannte er weg. Mir peitschte der Regen ins Gesicht. Du scheiß Vision! Lass mich jetzt in Ruhe! Du versaust mir mein ganzes Leben!“ Nichts kam. Weinend lief ich zur Tür. „Misst! Ich hatte vor lauter Aufregung vergessen, einen Hausschlüssel einzupacken. Ich sank an der Tür herunter. Und jetzt? Ich fing an, mich in mein Traumland zu versetzten. Nach einer halben Ewigkeit wurde es dunkel. Ich hörte einen Automotor neben mir, schreckte hoch und knallte gegen einen Briefkasten. Unsere Nachbarin Mrs Tailor, eine ältere Dame aus dem 3. Stock stieg aus und ging zu mir. „Was machst du denn hier? Du bist ja total durchgefroren, komm, ich lass dich rein, dann nimmst du ein warmes Bad und ziehst dir frische Klamotten an und dann kommst du zu mir und isst dann mit mir zu Abend, ja?“ Etwas zögerlich antwortete ich mit ja und stolperte die Treppen hoch. Ich holte den Wohnungsschlüssel unter dem Fußabtreter hervor und tat das, was Mrs. Tailor gesagt hatte. Nach einer warmen Dusche und ca. 30 Minuten zog ich mir einen dicken, kuscheligen Pullover und eine Jogginghose an und ging müde zu meiner Nachbarin. Der Schlüssel steckte, und als ich rein kam roch es nach Seife, Rosenkohl und nach Schweinebraten, was für mich als stolze Vegetarierin nicht gerade gut roch. Durch den Mund atmend trat ich in die Küche, die sich kaum von unserer unterschied. „Hallo Lissy! Na, hast du dich schön fertig gemacht? Wie geht es dir?“ Ganz gut, aber ich glaube, ich bekomme eine dicke Erkältung!“, murmelte ich. „Ah, gut, und, also es gibt in drei Minuten essen.“ „Was gibt es denn“, ich atmete immer noch durch den Mund. „Rosenkohl, Schweinebraten und Kartoffeln. Zum Nachtisch Eierlikör. Das magst du doch, oder?“ Ich überlegte kurz und kam zu dem Entschluss, zu lügen, weil sie sich sicherlich viel Mühe gemacht hatte. „Ja, aber ich hab nicht so einen großen Hunger.“ Leider stimmte diese Aussage auch nicht, mein Magen zog sich zusammen und mir war schon schlecht vor Hunger. Sie klatschte mir das dampfende Essen auf den Teller. Ihr Hund Jacky, ein Jack Russel, schlief unter dem Tisch. Meine Chance. Ich schnitt ein großes Stück vom Braten ab und hielt es Jacky vor die Nase. Doch der Brate fiel herunter,
Jacky bellte ihn an und Mrs. Tailor guckte unter den Tisch. Bedröppelt sah sie mich an und schaute danach wieder den Braten an. „Oh, Mrs. Tailor, mir ist das ähm, runtergefallen.“, sagte ich schnell und lächelte. Doch sie erwiderte das Lächeln nicht, sondern ging zu mir, nahm meinen Teller und schmiss den Braten in den Müll: „Ist schon okay, wenn du ihn nicht magst, sag es doch gleich.“ Man konnte in ihrer Stimme die Enttäuschung hören. Dazu sagte ich nichts. Sie versuchte die trübe Stimmung durch einige jämmerliche Fragen, wie zum Beispiel was denn die Schule so machen würde aufzubessern. Doch nach einer sehr kurz und knappen Antwort fiel mir keine Frage ein, die ich ihr stellen könnte. Ich stocherte in meinem Essen rum, bis ich meinte, dass ich fast platzen würde, obwohl sich grade mal eine Kartoffel von meinem Teller bewegt hatte. „Wirklich?“, antwortete Mrs. Tailor ungläubig. Da ich fand, dass diese Frage keine richtige Frage war, antwortete ich nicht. Stattdessen ekelte ich mich vor dem noch bevorstehenden Eierlikör. Sie brachte mir eine sehr kleine Portion von dem Eierlikör mit, es war aber trotzdem eine riesige Hürde, den matschigen Brei, der sogar noch schlimmer als das eigentliche Eierlikör schmeckte, herunterzuwürgen. Langsam bekam ich ein schlechtes Gewissen gegenüber Mrs. Tailor. Schnell bedankte ich mich und wusch gegen den Willen von meiner schlechten Nachbarsköchin das Geschirr ab. Wenig später saß ich oben in meinem Bett. Ich hatte mich bereits umgezogen und für ein frühes zu Bett gehen vorbereitet. Ich guckte auf die Uhr und wunderte mich, denn es war bereits 21.15 Uhr. Mum wollte doch um 18.00 Uhr kommen. Ich machte mir langsam Sorgen. Als ich sie grade anrufen wollte, machte es klack und die Tür sprang auf. „Hallo Schatz, entschuldige, ich habe noch an einer neuen Kollektion gearbeitet.“ „Kein Problem“, rief ich, und lief meiner Mutter in den Arm. Ich fühlte mich wie ein Kleinkind, aber das war egal, da durch die Situation mit Patrick und Mrs. Tailor musste ich einfach irgendjemanden in den Arm nehmen. „Was hast du denn heute schönes gemacht?“ „Ach, gefaulenzt, ich bin so müde, also, ich geh jetzt ins Bett, Nacht!“ „Ja, Schatz, lieb dich, schlaf gut.“ Dann klingelte das Telefon. Ich überlegte was heute passiert war. Die Erscheinungen kamen nicht, und das machte mich nicht grade glücklich, weil ich sie, wie ich schon letzte Nacht festgestellt hatte, in irgendeiner Hinsicht vermisste. In Gedanken versunken schlief ich ein. Diese Nacht war erholsam, da ich nur einmal wegen eines dringenden Bedürfnis aufstehen musste. Der nächste Tag war ein verkaufsoffener Sonntag. Ich wollte bei diesem wunderbaren Wetter, das heute war natürlich nicht allein zu Hause hocken. Ich frühstückte ausgewogen, duschte, und machte halt den Kram, den Mädchen an einem verkaufsoffenen Sonntag nun mal taten. Meine Mutter war mal wieder im Atelier. Miley rief an und fragte mich, ob ich nicht heute mit ihr in die Stadt wollte. Natürlich wollte ich, ich hatte ja nichts zu tun. Eine halbe Stunde später stand sie vor meiner Wohnung, so aufgestylt, wie immer, mit ihren braunen Locken und superviel Lipgloss. „Hey, wie geht’s?“, fragte ich ohne Interesse. „Gut, dir? Naja, egal, ähm, also, Patrik hat mir erzählt, dass er gestern bei dir war und so…“ „Ja, er war da, wieso?“ „Naja, ich meinte, weil also, er hat halt gesagt, dass du mit dir selbst gesprochen hast oder so.“ „Echt? Was erzählt der für einen Scheiß, nur weil ich ihm gesagt hab, dass ich nichts von ihm will.“, sagte ich so überzeugend wie möglich. „Naja, ist ja auch egal“, sie war verwirrt. In der Stadt hörte ich eine leise Stimme. „Hörst du das auch?“, fragte ich. „Nein, was denn?“ „Na diese leise Stimme, sie ähm, sagt, es würde in einer anderen Stadt geschehen.“ „Was wird geschehen?“, fragte Miley und spitzte ihre Ohren. „Das weiß ich nicht! Warte, ich gehe mal auf die Toilette. In einem Kaffe ging ich die Treppen hinunter und vergewisserte mich dort, dass ich allein war. Miley müsste mich nun endgültig für verrückt erklären. Der erste Punkt war, dass ich mich am Freitag von ihr abholen gelassen habe, der zweite, dass Patrik allen und damit auch Miley erzählt hatte, dass ich mit mir selber sprach, und der dritte Punkt war die Stimme, die ich gerade vernommen hatte. Ich schüttelte den Kopf. Dann schaute ich in den kleinen Wandspiegel der stinkenden, überaus kleinen Toilette des Restaurants. Das Licht, das über dem Spiegel aus einer überaus hässlichen grünen Lampe kam, blendete mich. „Wo bist du, du Erscheinung?“, fragte ich, und fühlte mich dabei etwas gestört. „Hier!“ Eine kalte Hand legte sich mir um die Taille. Ich hatte dieses Gefühl, den kalten, schmerzenden Stich schon so „lange“ nicht mehr gespürt. „`tschuldigung, das mit Patrik und so.“ „Schon okay, ist nicht so schlimm.“, log ich, und spürte dieses Mal einen Stich der Enttäuschung, „Das, wovor du mich warnen willst, passiert in einer anderen Stadt?“ „Ja, ich weiß aber nicht wann, und in welcher Stadt.“ Na toll, kommt irgendeine Merkwürdige Gestallt, wahrscheinlich aus der Zukunft, und erzählt mir, dass ich bald in einer anderen Stadt vielleicht umgebracht werde, tolle Neuigkeiten. „Warum bist du gekommen, also warum gerade zu mir? Warn doch jemanden anderen, du machst mir Angst.“ In diesem Moment stürzte Miley herein und sagte: „Du hast echt einen an der Waffel, Patrik hat recht, das ist ja peinlich mit dir rumzuhängen, Ciao!“ Ich trat sauer gegen die Toilette des Restaurants. Aber ich wollte die Vision nicht verlieren, ich fühlte mich bei so seltsam geborgen, also sagte ich nichts.“ Ich lief die Treppen wieder hoch doch stoppte nach einer kurzen Zeit. Es würde sicher nichts bringen, zu Miley zu rennen und sie aufzuklären. Sie würde mir die Wahrheit sowieso nicht glauben. Ich schlenderte also zum Bus, um nach Hause zu fahren. Es war nur noch ein einziger Platz frei, nämlich neben der „Stinkelotta“ , wie wir in der Stadt eine kleine, stinkende Frau mit langen verfilztem Haar, einer Kurzen Jogginghose und Sandalen nannte. Vor allem stank sie aber furchtbar, so als hätte sie sich seit acht Jahren nicht mehr gewaschen, und ihre Kleidung seit mehr als zehn Jahren nicht gewechselt. Da ich aber müde war und nicht mehr stehen konnte, setzte ich mich neben sie, was sie sehr freute. „Das ist aber nett, dass du dich neben mich setzt.“, schmatzte sie und schob ihr Gebiss mit der Zunge im Mund herum. „Willst du einen Keks?“ Sie zog einen in ihrer Gesäßtasche lose rumliegenden Keks heraus und reichte ihn mir. „Nein, danke, ich habe gerade zu Mittag gegessen.“ , sagte ich, nachdem ich den matschigen Keks genau musterte. „Dann nicht!“, ihre Stimme klang enttäuscht. So schlimm, wie alle sagten, fand ich Stinkelotta gar nicht. „Wie kamen Sie dazu, so zu werden, wie Sie jetzt sind, wenn ich fragen darf?“ „Ja, das darfst du, also, ich habe Visionen gehört, irgendjemand hat ständig mit mir gesprochen, und naja, alle haben mich für verrückt erklärt. Ich weiß nicht, dann hat das Krankenhaus mich in die Klapse eingewiesen. Nach vier Jahren Therapie wurde ich entlassen. Damals war ich dann so 50 Jahre alt. Dann hab ich halt nach einer Wohnung gesucht, aber kein Vermieter wollte mit einer „Irren“ in einem Haus leben, so wurde ich nach einer langen Suche und einem Jahr obdachlos, naja, mehr muss ich dir wohl nicht erzählen.“ Mir wurde schwindelig. Alles fing bei ihr so an, wie es bei mir war. In meinem Kopf jagten sich die Gedanken. „Ist dir nicht gut?“, fragte sie besorgt. „Doch, ähm, mir geht es bestens.“ „Du hältst mich wahrscheinlich auch für verrückt, oder?“, fragte ohne Hoffnung in ihrer Stimme. „Nein, ich halte sie nicht für verrückt, denn ich habe auch solche Visionen. Sie fing an, zu lächeln: „Du glaubst mir, ja?“ „Ja“, antwortete ich stumpf und sah an die Anzeigetafel des Busses, in welcher Straße er als nächstes halten würde. Misst! Ich war wegen des Gespräches schon in das übernächste Dorf gefahren. Ich stieg mit einem dumpfen Ciao aus dem Bus und fühlte mich besser. Dann atmete ich die frische, langsam abgekühlte Luft ein, während ich im Busplan nach einem Bus nach Hause suchte. In zwei Stunden würde er kommen, und in eineinhalb Stundenwürde ich zu Fuß zu Hause sein. Also ging ich los und dachte an Miley, Patrik, meine anderen Freunde, ob sie mich jetzt wohl auch nicht mehr mögen würden, an meinen Vater, wann ich ihn besuchen würde und an Stinkelotta, dass sie doch gar nicht so schlimm war, wie alle meinten. Total in Gedanken versunken stolperte ich dreimal und lief gradewegs gegen einen Laternenmast. Das würde sicher eine Beule geben.
Nach zwei Stunden kam ich zuhause an, in unserer Wohnung brannte Licht. Ich klingelte und ging nach oben. Meine Mutter telefonierte mal wieder. „Hallo, Mum!“, sagte ich schnell und verschwand in mein Zimmer. Nach einer halben Ewigkeit kam meine Mutter rein. „Na meine kleine, was hast du schönes gemacht?“ Da ich nicht noch einmal an diesem Tag lügen konnte, sagte ich: Ich war in der Stadt und hab mich da mit Miley gestritten.“ „Worum geht es denn bei eurem Streit?“, fragte Mum. „Lass mich mal in Ruhe nachdenken.“, sagte ich und ohne zu zögern ging meine Mutter aus meinem Zimmer. Dafür liebte ich meine Muter, sie gab mir Freiraum. Ich schlief ohne Abendbrot ein und hatte einen Traum: Ich erzählte meiner Mutter von den Erscheinungen, sie hielt mich, wie alle anderen Menschen für verrückt. Dann wurde ich in die Klapsmühle eingewiesen, wurde obdachlos uns sah mich als Stinkelotta im Bus sitzen. Schweißgebadet wachte ich auf. „Nur ein Traum, nur ein Traum“, versuchte ich mich zu beruhigen.
Tag der Veröffentlichung: 16.05.2009
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