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„Verehrte Damen und Herren“, beginne ich, und schaue mit hochgezogenen Augenbrauen in die illustre Runde, „mit diesem Gerät können Sie die Seele eines Menschen erkennen und einstufen. Die Technik basiert auf der gewöhnlicher Ultraschallgeräte, die auch für die Früherkennung bei Schwangeren genutzt werden. Ich habe sie lediglich theologisiert und verfeinert.“
„Theologisiert?“
Der dicke Typ mir gegenüber grinst spöttisch, und auch die Gesichter der anderen Anwesenden lassen Unglauben erkennen. Ich bin wieder mal in eine Gruppe von Ignoranten geraten, aber ich lasse mir meine Verärgerung nicht anmerken.
„Genau, theologisiert. Das heißt“, ich mache eine Kunstpause und hole tief Luft, „das heißt, dass Sie die Seele eines Menschen erkennen können, sofern sie vorhanden ist. Gleichzeitig zeigt das Gerät an, ob es sich um eine reine oder eine böse Seele handelt, im christlichen Sinne natürlich. Andere Werte kennt das Gerät nicht.“
Liebevoll tätschele ich den rechteckigen Kasten, der vor mir auf dem Konferenztisch steht. Ein Kabel mit einem mikrophonähnlichen Sensor liegt daneben. Die Blicke meiner Zuhörer folgen den Bewegungen meiner Hand, vereinzelt vernehme ich ein unterdrücktes Kichern.
„Entschuldigen Sie“, eine kecke Blondine hebt ihre Hand, „und wo bitte – äh – ist die Seele eines Menschen?“
Ich schenke ihr einen Blick, der ausdrückt, dass ich sie für komplett unterbelichtet halte.
„Na, natürlich in der Brust“, sage ich verächtlich, und lege demonstrativ eine Hand auf meine rechte Brusthälfte, „links ist das Herz, rechts die Seele. Das weiß doch jedes Kind.“
„Herr Einstein“, der Fettwanst am Ende des riesigen Konferenztisches erhebt sich und lächelt mich an, wie man einen Schwachsinnigen anlächelt, „danke. Ich denke, wir haben in diesem Unternehmen keine Verwendung für ihr – faszinierendes Gerät.“
„Aber Herr Scholz, bedenken Sie doch die Möglichkeiten bei der Mitarbeiterauswahl“, werfe ich ein, aber meine Zuhörer haben sich bereits erhoben und sind dabei, den Raum zu verlassen.
„Herr Einstein“, ein süffisantes Grinsen liegt auf dem Gesicht des Fettwanstes, „wir sind eine Bank. Glauben Sie mir, hier hat niemand Interesse an der Seele eines Mitarbeiters.“

Leicht verärgert verlasse ich das imposante Gebäude aus Glas und Stahl, wobei ich mein Baby liebevoll an meine Brust presse. Vielleicht sollte ich mein Gerät in der nächsten Pfarrei vorstellen, dort sind reine Seelen sicher interessanter, als bei diesen Kapitalisten. Im Bus starren mich ein paar Fahrgäste amüsiert an, während ich mit meinem Gerät eine leise Unterhaltung führe, aber das stört mich nicht. Schon mein Urgroßvater, der berühmte Albert Einstein, wusste seine dummen Mitmenschen zu ignorieren.

Am nächsten Tag melde ich mich bei dem Pfarrer meiner Gemeinde. Nein, ich bin kein Mitglied der Kirche, und dem christlichen Glauben nur aus wissenschaftlicher Neugier zugewandt. Ich will damit sagen, dass ich an eine Seele glaube, weil sie einfach existieren MUSS, ungeachtet Gottes.
Was sonst ist das Ding, das mir sagt, was richtig und falsch ist? Das Herz hat andere Aufgaben, die ich hier nicht näher beschreiben möchte. Das Gehirn – oh Mann, das hat schon genug damit zu tun, sich Termine und anderen unwichtigen Müll zu merken. Also muss es eine Seele geben, die für den Ethikbereich zuständig ist.
„Herr Einstein“, die Haushälterin des Pfaffen wischt sich die Hände an einem Geschirrhandtuch ab und weist einladend ins Innere des Hauses. „Kommen Sie rein, Pfarrer Domscheit wartet auf Sie.“
Ich gehe durch einen Flur, der vollgestellt ist mit Reliquien. Sogar ein riesiges Holzkreuz lehnt an der Wand, wahrscheinlich ein Überbleibsel des letzten Karnevalsumzugs. Dort war der lustige Pfarrer als Jesus aufgekreuzt – oh, ein Wortspiel. Grinsend betrete ich den Wohnraum und lasse mich am Esstisch nieder, wo der Hirte meiner Gemeinde sich gerade ein riesiges Steak einverleibt.
„Ah, Einstein, setz dich“, sagt Domscheit, und schnippelt sich eine Scheibe von dem blutigen Fleisch ab.
„Wohl bekomm’s“, erwidere ich höflich, und stelle meinen Apparat vor mir auf dem Tisch ab.
„Na, wieder was erfunden?“
Der Hirte kaut und sieht mich vergnügt an. Ich nicke und stöpsele das Kabel des Empfängers in die entsprechende Buchse. Sicher hat der Pfarrer nichts dagegen, wenn ich an seiner Seele einen kleinen Vorführeffekt ohne Vorwarnung starte.
„Wird das ein Interview?“
Domscheit grinst, wobei er eine Zahnreihe offenbart, in der sich ein paar Fleischfasern niedergelassen haben. Indigniert wende ich meinen Blick ab und sehe konzentriert auf die Anzeige meines Ultraschallgerätes. Die volle Leistung von 16 MHz ist gleich erreicht. Schnell prüfe ich den Akku und seufze erleichtert. Er wird für etwa fünf Minuten betriebsbereit sein, vielleicht auch länger.
„Es wird ein Zwiegespräch mit ihrer Seele“, kläre ich den Hirten auf, der sich gerade einen riesigen Fleischbrocken in den Mund schiebt.
„Schwiegeschpräch mid meiner – wasch?“
Das Gesicht des Pfarrers läuft rot an, er röchelt. Mein Gerät summt, es ist auf voller Leistung. Ich richte den mikroähnlichen Empfänger, der gleichzeitig Sender ist, auf die Brust des Hirten und sehe – nichts. Verdammt. Hastig drehe ich an den Schaltern, versuche, den Empfang zu verbessern. Domscheit ächzt, er wird jetzt blass. Immer noch nichts.
„Argh“, stöhnt der Pfarrer.

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Texte: Sissi Kaiserlos
Bildmaterialien: fotocommunity
Tag der Veröffentlichung: 23.11.2012

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