Ich blinzelte. Der Wecker hatte nicht geklingelt, wahrscheinlich war die Batterie alle. Müde richtete ich meinen leicht unscharfen Blick auf die Uhr, die auf der anderen Seite des Bettes stand. Oh nein! Es war schon acht, ich hatte verschlafen.
Ich schob mich von der Matratze und trat auf die Katze, die es sich auf dem Bettvorleger bequem gemacht hatte. Mit einem gequälten Miauen sprang das Tier in die Höhe und verschwand wie der Blitz aus dem Zimmer.
„Mistvieh“, knurrte ich und lief ins Bad.
Aus dem Spiegel sah mir ein verquollenes Gesicht entgegen, das nur mit Hilfe einer einstündigen Reparatur zu retten wäre. Die Zeit hatte ich nicht. Schnell schaufelte ich mir Wasser ins Gesicht und griff blind nach dem Handtuch. Es war keins da. Fluchend bückte ich mich, um aus dem Schrank, der unter dem Waschbecken war, ein neues herauszuholen. Dabei stieß ich mir die Stirn am Beckenrand und sah einen Moment nur Sterne. Mit einem frischen Handtuch in der Hand tauchte ich wieder auf und sah in den Spiegel. Jetzt zierte eine dicke Beule meine Stirn.
Na, schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte ich mit Galgenhumor und trocknete meine verunstaltete Visage ab. Ich tastete nach der Bürste und fuhr durch mein Haar. Oh nein. Es war einer dieser Bad hair Tage, die jede Frau kannte. Egal was ich auch anstellte, ich sah aus wie ein Mob am Kopf.
Wütend streckte ich mir die Zunge heraus und ging zurück ins Schlafzimmer, wo ich in meine Unterwäsche schlüpfte. Leider riskierte ich dabei einen Blick in den bodentiefen Spiegel und entdeckte die Fettröllchen, die mir an der Taille gewachsen waren. Sekundenlang starrte ich diese Katastrophe an, die meine Figur verunstaltete. Bevor ich dazu übergehen konnte, prüfend an meinem Bauch rumzuzupfen, erinnerte ich mich an meine Eile, griff nach der Bauchwegstrumpfhose und quälte mich hinein.
Die Katze hatte sich entschieden, dass keine Gefahr mehr drohte. Maunzend strich sie mir um die Beine und erinnerte mich mit ihren Krallen, die sie liebevoll in meine Haut hakte, daran, dass sie Hunger hatte. Unwirsch ob der Laufmasche, die sich deutlich an meinem Unterschenkel zeigte, gab ich dem Fellbündel einen Tritt und beförderte es quer durchs Zimmer. Kreischend verschwand das Ungetüm unter dem Bett, nachdem es von der Wand abgeprallt war.
Meine Lieblingsbluse war in der Wäsche, also zog ich die zweite Wahl an und quälte mich in den Bleistiftrock, der plötzlich viel zu eng war. Während ich fahrig an dem Reißverschluss zerrte spürte ich plötzlich diesen Schmerz, den jede Frau kannte. Verdammt. Einer meiner Designerfingernägel war abgerissen.
Den Finger in meinen Mund steckend humpelte ich ins Bad und nahm erst jetzt wahr, dass die Krallen eine blutende Wunde hinterlassen hatten. Notdürftig wischte ich das Blut von meinem Bein, warf einen Blick in den Spiegel und stöhnte entsetzt auf. Die Beule an meiner Stirn war lila angelaufen und sah aus wie ein Hörnchen.
Als ich den Alibert öffnete, der über dem Waschbecken hing, fielen mir sämtliche Pillenpackungen und Zahnbürsten entgegen, die dort gelagert waren. Das Zeug landete klirrend im Waschbecken, während ich nach der Abdeckcreme suchte und sie nicht fand. Resigniert wollte ich den Schrank schließen, aber er klemmte. Wütend hieb ich mit der Faust gegen die verspiegelte Tür, woraufhin sich das ganze Ungetüm von der Wand löste und mir entgegenfiel. Mit einem beherzten Sprung rette ich meine Füße, glitt aber auf den Fliesen aus und rauschte mit Karacho in die Duschkabine.
Nach wenigen Minuten kam ich wieder zu mir und stellte fest, dass ich in dem engen Rock nicht aufstehen konnte. Kurzentschlossen riss ich ihn der Länge nach auf, rappelte mich hoch und versuchte, beim Verlassen des Bades nicht auf die Spiegelscherben zu treten. Im Schlafzimmer angekommen, eine Blutspur hinter mir herziehend, weil sich doch eine Scherbe in meine Fußsohle gebohrt hatte, sah ich auf die Uhr. Oh mein Gott! Ich musste los. Die Katze wagte es in diesem Moment unter dem Bett hervorzuschauen. Wütend stieß ich einen Zischlaut aus, der das Vieh veranlasste, seinen Kopf schnell zurückzuziehen.
Auf dem Weg in die Küche befestigte ich die Armbanduhr an meinem Handgelenk. Dabei stieß ich gegen den Türrahmen und das Ding fiel auf den Boden. Meine Cartier! Es klirrte, und ich brauchte mich nicht erst zu bücken um festzustellen, dass das Glas gesprungen war. Wutentbrannt kickte ich das Schmuckstück mit meinem bestrumpften Fuß weg, wobei ich mir den Zeh an der Tür stieß und daraufhin auf einem Bein hüpfend die Küche erreichte. Der Kaffee war alle, stellte ich nach einem Blick in die Kaffeedose fest.
Texte: Sissi Kaiserlos
Bildmaterialien: ?
Tag der Veröffentlichung: 01.11.2012
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