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Der Archipelagus


Kehren die Kraniche wieder zu dir, und suchen zu deinen
Ufern wieder die Schiffe den Lauf? umathmen erwünschte
Lüfte dir die beruhigte Fluth, und sonnet der Delphin,
Aus der Tiefe gelokt, am neuen Lichte den Rüken?
Blüht Ionien? ists die Zeit? denn immer im Frühling,
Wenn den Lebenden sich das Herz erneut und die erste
Liebe den Menschen erwacht und goldner Zeiten Erinnrung,
Komm' ich zu dir und grüß' in deiner Stille dich, Alter!

Immer, Gewaltiger! lebst du noch und ruhest im Schatten
Deiner Berge, wie sonst; mit Jünglingsarmen umfängst du
Noch dein liebliches Land, und deiner Töchter, o Vater!
Deiner Inseln ist noch, der blühenden, keine verloren.
Kreta steht und Salamis grünt, umdämmert von Lorbeern,
Rings von Stralen umblüht, erhebt zur Stunde des Aufgangs
Delos ihr begeistertes Haupt, und Tenos und Chios
Haben der purpurnen Früchte genug, von trunkenen Hügeln
Quillt der Cypriertrank, und von Kalauria fallen
Silberne Bäche, wie einst, in die alten Wasser des Vaters.
Alle leben sie noch, die Heroënmütter, die Inseln,
Blühend von Jahr zu Jahr, und wenn zu Zeiten, vom Abgrund
Losgelassen, die Flamme der Nacht, das untre Gewitter,
Eine der holden ergriff, und die Sterbende dir in den Schoos sank,
Göttlicher! du, du dauertest aus, denn über den dunkeln
Tiefen ist manches schon dir auf und untergegangen.


Auch die Himmlischen, sie, die Kräfte der Höhe, die stillen,
Die den heiteren Tag und süßen Schlummer und Ahnung
Fernher bringen über das Haupt der fühlenden Menschen
Aus der Fülle der Macht, auch sie, die alten Gespielen,
Wohnen, wie einst, mit dir, und oft am dämmernden Abend,
Wenn von Asiens Bergen herein das heilige Mondlicht
Kömmt und die Sterne sich in deiner Wooge begegnen,
Leuchtest du von himmlischem Glanz, und so, wie sie wandeln,
Wechseln die Wasser dir, es tönt die Weise der Brüder
Droben, ihr Nachtgesang, im liebenden Busen dir wieder.
Wenn die allverklärende dann, die Sonne des Tages,
Sie, des Orients Kind, die Wunderthätige, da ist,
Dann die Lebenden all' im goldenen Traume beginnen,
Den die Dichtende stets des Morgens ihnen bereitet,
Dir, dem trauernden Gott, dir sendet sie froheren Zauber,
Und ihr eigen freundliches Licht ist selber so schön nicht
Denn das Liebeszeichen, der Kranz, den immer, wie vormals,
Deiner gedenk, doch sie um die graue Loke dir windet.
Und umfängt der Aether dich nicht, und kehren die Wolken,
Deine Boten, von ihm mit dem Göttergeschenke, dem Strale
Aus der Höhe dir nicht? dann sendest du über das Land sie,
Daß am heißen Gestad die gewittertrunkenen Wälder
Rauschen und woogen mit dir, daß bald, dem wandernden Sohn gleich,
Wenn der Vater ihn ruft, mit den tausend Bächen Mäander
Seinen Irren enteilt und aus der Ebne Kayster
Dir entgegenfrohlokt, und der Erstgeborne, der Alte,
Der zu lange sich barg, dein majestätischer Nil izt
Hochherschreitend aus fernem Gebirg, wie im Klange der Waffen,
Siegreich kömmt, und die offenen Arme der sehnende reichet.

Dennoch einsam dünkest du dir; in schweigender Nacht hört
Deine Weheklage der Fels, und öfters entflieht dir
Zürnend von Sterblichen weg die geflügelte Wooge zum Himmel.
Denn es leben mit dir die edlen Lieblinge nimmer,
Die dich geehrt, die einst mit den schönen Tempeln und Städten
Deine Gestade bekränzt, und immer suchen und missen,
Immer bedürfen ja, wie Heroën den Kranz, die geweihten
Elemente zum Ruhme das Herz der fühlenden Menschen.

Sage, wo ist Athen? ist über den Urnen der Meister
Deine Stadt, die geliebteste dir, an den heiligen Ufern,
Trauernder Gott! dir ganz in Asche zusammengesunken,
Oder ist noch ein Zeichen von ihr, daß etwa der Schiffer,
Wenn er vorüberkommt, sie nenn' und ihrer gedenke?
Stiegen dort die Säulen empor und leuchteten dort nicht
Sonst vom Dache der Burg herab die Göttergestalten?
Rauschte dort die Stimme des Volks, die stürmischbewegte,
Aus der Agora nicht her, und eilten aus freudigen Pforten
Dort die Gassen dir nicht zu geseegnetem Hafen herunter?
Siehe! da löste sein Schiff der fernhinsinnende Kaufmann,
Froh, denn es wehet' auch ihm die beflügelnde Luft und die Götter
Liebten so, wie den Dichter, auch ihn, dieweil er die guten
Gaaben der Erd' ausglich und Fernes Nahem vereinte.
Fern nach Cypros ziehet er hin und ferne nach Tyros,
Strebt nach Kolchis hinauf und hinab zum alten Aegyptos,
Daß er Purpur und Wein und Korn und Vließe gewinne
Für die eigene Stadt, und öfters über des kühnen
Herkules Säulen hinaus, zu neuen seeligen Inseln
Tragen die Hoffnung ihn und des Schiffes Flügel, indessen
Anders bewegt, am Gestade der Stadt ein einsamer Jüngling
Weilt und die Wooge belauscht, und Großes ahndet der Ernste,
Wenn er zu Füßen so des erderschütternden Meisters
Lauschet und sizt, und nicht umsonst erzog ihn der Meergott.

Denn des Genius Feind, der vielgebietende Perse,
Jahrlang zählt' er sie schon, der Waffen Menge, der Knechte,
Spottend des griechischen Lands und seiner wenigen Inseln,
Und sie deuchten dem Herrscher ein Spiel, und noch, wie ein Traum, war
Ihm das innige Volk, vom Göttergeiste gerüstet.
Leicht aus spricht er das Wort und schnell, wie der flammende Bergquell,
Wenn er furchtbar umher vom gährenden Aetna gegossen,
Städte begräbt in der purpurnen Fluth und blühende Gärten,
Bis der brennende Strom im heiligen Meere sich kühlet,
So mit dem Könige nun, versengend, städteverwüstend,
Stürzt von Ekbatana daher sein prächtig Getümmel;
Weh! und Athene, die herrliche, fällt; wohl schauen und ringen
Vom Gebirg, wo das Wild ihr Geschrei hört, fliehende Greise
Nach den Wohnungen dort zurük und den rauchenden Tempeln;
Aber es wekt der Söhne Gebet die heilige Asche
Nun nicht mehr, im Thal ist der Tod, und die Wolke des Brandes
Schwindet am Himmel dahin, und weiter im Lande zu erndten,
Zieht, vom Frevel erhizt, mit der Beute der Perse vorüber.

Aber an Salamis Ufern, o Tag an Salamis Ufern!
Harrend des Endes stehn die Athenerinnen, die Jungfraun,
Stehn die Mütter, wiegend im Arm das gerettete Söhnlein,
Aber den Horchenden schallt von Tiefen die Stimme des Meergotts
Heilweissagend herauf, es schauen die Götter des Himmels
Wägend und richtend herab, denn dort an den bebenden Ufern
Wankt seit Tagesbeginn, wie langsamwandelnd Gewitter,
Dort auf schäumenden Wassern die Schlacht, und es glühet der Mittag,
Unbemerket im Zorn, schon über dem Haupte den Kämpfern.
Aber die Männer des Volks, die Heroënenkel, sie walten
Helleren Auges jezt, die Götterlieblinge denken
Des beschiedenen Glüks, es zähmen die Kinder Athenes
Ihren Genius, ihn, den todverachtenden, jezt nicht.
Denn wie aus rauchendem Blut das Wild der Wüste noch einmal
Sich zulezt verwandelt erhebt, der edleren Kraft gleich,
Und den Jäger erschrökt; kehrt jezt im Glanze der Waffen,
Bei der Herrscher Gebot, furchtbargesammelt den Wilden,
Mitten im Untergang die ermattete Seele noch einmal.
Und entbrandter beginnts; wie Paare ringender Männer
Fassen die Schiffe sich an, in die Wooge taumelt das Steuer,
Unter den Streitern bricht der Boden, und Schiffer und Schiff sinkt.

Aber in schwindelnden Traum vom Liede des Tages gesungen,
Rollt der König den Blik; irrlächelnd über den Ausgang
Droht er, und fleht, und frohlokt, und sendet, wie Blize, die Boten.
Doch er sendet umsonst, es kehret keiner ihm wieder.
Blutige Boten, Erschlagne des Heers, und berstende Schiffe,
Wirft die Rächerin ihm zahllos, die donnernde Wooge,
Vor den Thron, wo er sizt am bebenden Ufer, der Arme,
Schauend die Flucht, und fort in die fliehende Menge gerissen,
Eilt er, ihn treibt der Gott, es treibt sein irrend Geschwader
Über die Fluthen der Gott, der spottend sein eitel Geschmeid ihm
Endlich zerschlug und den Schwachen erreicht' in der drohenden Rüstung.

Aber liebend zurük zum einsamharrenden Strome
Kommt der Athener Volk und von den Bergen der Heimath
Woogen, freudig gemischt, die glänzenden Schaaren herunter
Ins verlassene Thal, ach! gleich der gealterten Mutter,
Wenn nach Jahren das Kind, das verlorengeachtete, wieder
Lebend ihr an die Brüste kehrt, ein erwachsener Jüngling,
Aber im Gram ist ihr die Seele gewelkt und die Freude
Kommt der hoffnungsmüden zu spät und mühsam vernimmt sie,
Was der liebende Sohn in seinem Danke geredet;
So erscheint den Kommenden dort der Boden der Heimath.
Denn es fragen umsonst nach ihren Hainen die Frommen,
Und die Sieger empfängt die freundliche Pforte nicht wieder,
Wie den Wanderer sonst sie empfieng, wenn er froh von den Inseln
Wiederkehrt' und die seelige Burg der Mutter Athene
Über sehnendem Haupt ihm fernherglänzend heraufgieng.
Aber wohl sind ihnen bekannt die verödeten Gassen
Und die trauernden Gärten umher und auf der Agora,
Wo des Portikus Säulen gestürzt und die göttlichen Bilder
Liegen, da reicht in der Seele bewegt, und der Treue sich freuend,
Jezt das liebende Volk zum Bunde die Hände sich wieder.
Bald auch suchet und sieht den Ort des eigenen Haußes
Unter dem Schutt der Mann; ihm weint am Halse, der trauten
Schlummerstäte gedenk, sein Weib, es fragen die Kindlein
Nach dem Tische, wo sonst in lieblicher Reihe sie saßen,
Von den Vätern gesehn, den lächelnden Göttern des Haußes.
Aber Gezelte bauet das Volk, es schließen die alten
Nachbarn wieder sich an, und nach des Herzens Gewohnheit
Ordnen die luftigen Wohnungen sich umher an den Hügeln.
So indessen wohnen sie nun, wie die Freien, die Alten,
Die, der Stärke gewiß und dem kommenden Tage vertrauend,
Wandernden Vögeln gleich, mit Gesange von Berge zu Berg' einst
Zogen, die Fürsten des Forsts und des weitumirrenden Stromes.
Doch umfängt noch, wie sonst, die Muttererde, die treue,
Wieder ihr edel Volk, und unter heiligem Himmel
Ruhen sie sanft, wenn milde, wie sonst, die Lüfte der Jugend
Um die Schlafenden wehn, und aus Platanen Ilissus
Ihnen herüberrauscht, und neue Tage verkündend,
Lokend zu neuen Thaten, bei Nacht die Wooge des Meergotts
Fernher tönt und fröhliche Träume den Lieblingen sendet.
Schon auch sprossen und blühn die Blumen mälig, die goldnen,
Auf zertretenem Feld, von frommen Händen gewartet,
Grünet der Ölbaum auf, und auf Kolonos Gefilden
Nähren friedlich, wie sonst, die Athenischen Rosse sich wieder.

Aber der Muttererd' und dem Gott der Wooge zu Ehren
Blühet die Stadt izt auf, ein herrlich Gebild, dem Gestirn gleich
Sichergegründet, des Genius Werk, denn Fesseln der Liebe
Schafft er gerne sich so, so hält in großen Gestalten,
Die er selbst sich erbaut, der immerrege sich bleibend.
Sieh! und dem Schaffenden dienet der Wald, ihm reicht mit den andern
Bergen nahe zur Hand der Pentele Marmor und Erze,
Aber lebend, wie er, und froh und herrlich entquillt es
Seinen Händen, und leicht, wie der Sonne, gedeiht das Geschäfft ihm.
Brunnen steigen empor und über die Hügel in reinen
Bahnen gelenkt, ereilt der Quell das glänzende Beken;
Und umher an ihnen erglänzt, gleich festlichen Helden
Am gemeinsamen Kelch, die Reihe der Wohnungen, hoch ragt
Der Prytanen Gemach, es stehn Gymnasien offen,
Göttertempel entstehn, ein heiligkühner Gedanke
Steigt, Unsterblichen nah, das Olympion auf in den Aether
Aus dem seeligen Hain; noch manche der himmlischen Hallen!
Mutter Athene, dir auch, dir wuchs dein herrlicher Hügel
Stolzer aus der Trauer empor und blühte noch lange,
Gott der Woogen und dir, und deine Lieblinge sangen
Frohversammelt noch oft am Vorgebirge den Dank dir


O die Kinder des Glüks, die frommen! wandeln sie fern nun
Bei den Vätern daheim, und der Schiksaalstage vergessen,
Drüben am Lethestrom, und bringt kein Sehnen sie wieder?
Sieht mein Auge sie nie? ach! findet über den tausend
Pfaden der grünenden Erd', ihr göttergleichen Gestalten!
Euch das Suchende nie, und vernahm ich darum die Sprache,
Darum die Sage von euch, daß immertrauernd die Seele
Vor der Zeit mir hinab zu euern Schatten entfliehe?
Aber näher zu euch, wo eure Haine noch wachsen,
Wo sein einsames Haupt in Wolken der heilige Berg hüllt,
Zum Parnassos will ich, und wenn im Dunkel der Eiche
Schimmernd, mir Irrenden dort Kastalias Quelle begegnet,
Will ich, mit Thränen gemischt, aus blüthenumdufteter Schaale
Dort, auf keimendes Grün, das Wasser gießen, damit doch,
O ihr Schlafenden all! ein Todtenopfer euch werde.
Dort im schweigenden Thal, an Tempes hangenden Felsen,
Will ich wohnen mit euch, dort oft, ihr herrlichen Nahmen!
Her euch rufen bei Nacht, und wenn ihr zürnend erscheinet,
Weil der Pflug die Gräber entweiht, mit der Stimme des Herzens
Will ich, mit frommem Gesang euch sühnen, heilige Schatten!
Bis zu leben mit euch, sich ganz die Seele gewöhnet.
Fragen wird der Geweihtere dann euch manches, ihr Todten!
Euch, ihr Lebenden auch, ihr hohen Kräfte des Himmels,
Wenn ihr über dem Schutt mit euren Jahren vorbeigeht,
Ihr in der sicheren Bahn! denn oft ergreiffet das Irrsaal
Unter den Sternen mir, wie schaurige Lüfte, den Busen,
Daß ich spähe nach Rath, und lang schon reden sie nimmer
Trost den Bedürftigen zu, die prophetischen Haine Dodonas,
Stumm ist der delphische Gott, und einsam liegen und öde
Längst die Pfade, wo einst, von Hoffnungen leise geleitet,
Fragend der Mann zur Stadt des redlichen Sehers heraufstieg.
Aber droben das Licht, es spricht noch heute zu Menschen,
Schöner Deutungen voll und des großen Donnerers Stimme
Ruft es: denket ihr mein? und die trauernde Wooge des Meergotts
Hallt es wieder: gedenkt ihr nimmer meiner, wie vormals?
Denn es ruhn die Himmlischen gern am fühlenden Herzen;
Immer, wie sonst, geleiten sie noch, die begeisternden Kräfte,
Gerne den strebenden Mann und über Bergen der Heimath
Ruht und waltet und lebt allgegenwärtig der Aether,
Daß ein liebendes Volk in des Vaters Armen gesammelt,
Menschlich freudig, wie sonst, und Ein Geist allen gemein sei.
Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.
Bis, erwacht vom ängstigen Traum, die Seele den Menschen
Aufgeht, jugendlich froh, und der Liebe seegnender Othem
Wieder, wie vormals oft, bei Hellas blühenden Kindern,
Wehet in neuer Zeit und über freierer Stirne
Uns der Geist der Natur, der fernherwandelnde, wieder
Stilleweilend der Gott in goldnen Wolken erscheinet.
Ach! und säumest du noch? und jene, die göttlichgebornen,
Wohnen immer, o Tag! noch als in Tiefen der Erde
Einsam unten, indeß ein immerlebender Frühling
Unbesungen über dem Haupt den Schlafenden dämmert?
Aber länger nicht mehr! schon hör' ich ferne des Festtags
Chorgesang auf grünem Gebirg' und das Echo der Haine,
Wo der Jünglinge Brust sich hebt, wo die Seele des Volks sich
Stillvereint im freieren Lied, zur Ehre des Gottes,
Dem die Höhe gebührt, doch auch die Thale sind heilig;
Denn, wo fröhlich der Strom in wachsender Jugend hinauseilt,
Unter Blumen des Lands, und wo auf sonnigen Ebnen
Edles Korn und der Obstwald reift, da kränzen am Feste
Gerne die Frommen sich auch, und auf dem Hügel der Stadt glänzt,
Menschlicher Wohnung gleich, die himmlische Halle der Freude.
Denn voll göttlichen Sinns ist alles Leben geworden,
Und vollendend, wie sonst, erscheinst du wieder den Kindern
Überall, o Natur! und, wie vom Quellengebirg, rinnt
Seegen von da und dort in die keimende Seele dem Volke.
Dann, dann, o ihr Freuden Athens! ihr Thaten in Sparta!
Köstliche Frühlingszeit im Griechenlande! wenn unser
Herbst kömmt, wenn ihr gereift, ihr Geister alle der Vorwelt!
Wiederkehret und siehe! des Jahrs Vollendung ist nahe!
Dann erhalte das Fest auch euch, vergangene Tage!
Hin nach Hellas schaue das Volk, und weinend und dankend
Sänftige sich in Erinnerungen der stolze Triumphtag!


Aber blühet indeß, bis unsre Früchte beginnen,
Blüht, ihr Gärten Ioniens! nur, und die an Athens Schutt
Grünen, ihr Holden! verbergt dem schauenden Tage die Trauer!
Kränzt mit ewigem Laub, ihr Lorbeerwälder! die Hügel
Eurer Todten umher, bei Marathon dort, wo die Knaben
Siegend starben, ach! dort auf Chäroneas Gefilden,
Wo mit den Waffen ins Blut die lezten Athener enteilten,
Fliehend vor dem Tage der Schmach, dort, dort von den Bergen
Klagt ins Schlachtthal täglich herab, dort singet von Oetas
Gipfeln das Schiksaalslied, ihr wandelnden Wasser, herunter!
Aber du, unsterblich, wenn auch der Griechengesang schon
Dich nicht feiert, wie sonst, aus deinen Woogen, o Meergott!
Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glüke sich üb', und die Göttersprache, das Wechseln
Und das Werden versteh', und wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreifft und die Noth und das Irrsaal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.


Quelle: StA, Band 2, Seite 103 ff.


Hölderlins Archipelagus


Es ist Frühling, als der Dichter sich an den "Vater" wendet, ungläubig fast, dass noch, "wie sonst", alle Berge und Inseln an ihrem Platz sind. Der "Vater", das ist der Archipelagus, das Ägäische Meer mit seinen Inseln und Küsten. Aus des Dichters Rede spricht Staunen, und mit ihm ein Entzücken darüber, dass auf die Natur noch Verlaß ist. Sie schwindet nicht dahin wie von Menschen Gebautes, sie bleibt und besteht in steter Erneuerung. Alt und jung zugleich, bewegt sie, als schaffende Kraft, sich in und über der Zeit und gehört so der Sphäre des Göttlichen an. Das Göttliche wiederum ist mit dem Himmlischen verwandt, allein schon im räumlichen Sinn. Die Gestirne, die sich nachts im Wasser spiegeln, tun dies als Teile des göttlichen Ganzen. Der "Himmel" - ob mit oder ohne Anführungszeichen - ist dem Dichter kein vom Natürlichen abgetrennter Bereich. Natürlich und übernatürlich zugleich ist der lebensspendende "Zauber" (Vers 39), der von der Sonne ausgeht, wie auch der aus den Wolken sich ergießende Regen.

Es ist das Wunderbare an der Natur, welches die ersten drei Abschnitte (bis Vers 53 einschl.) in Erinnerung rufen. Staunend und lobsingend, ja frohlockend und doch bei alledem demütig. In einer Demut, die sich nicht negativ in Unterwerfungsgebärden oder Selbstbezichtigung äußert - nichts von Schuld oder Sünde ist hier - sondern im zärtlichen Innewerden des innerlich Geschauten, das in eine sinnlich fühlbare Nähe gerückt wird. Anstatt Distanz zu schaffen, wirkt die Demut verbindend, mit der die preisende Seele das Gepriesene feiert. So wie jedes Einzelne in diesem "Archipelagus" genannten naturhaft-göttlichen Ganzen in freudig begeisterter Demut sein Teil beiträgt zu dem gemeinsamen Wunder.

Dieses Wunder ist "still" und doch tätig. Seine Ruhe ist höchste Aktivität, ganz waches Dasein, das sich Wandel und Wechsel gern unterwirft. Anderem, das zu ihm hinstrebt, dient es zur Orientierung, verleiht es Mut, sich zu offenbaren (vgl. "Seinem Irren enteilt", Vers 49, "Der zu lange sich barg", Vers 51).

Und doch wird der dieses Wunder ermöglichende Gott "trauernd" genannt. Als Gott der "dunklen Tiefen" bedarf er, wie alles Göttliche, der Verehrung. Und dazu sind allein die Menschen befähigt. Die Kultur aber, die dies Göttliche zu sehen, zu fühlen und zu empfinden vermöchte, ist vor zwei Jahrtausenden untergegangen. Das Wunder besteht nur, sofern Menschen da sind, die daran glauben - Menschen, die die in diesem Wunder gestaltgewordene "Liebe" spüren und sie - in begeisterter Demut - als göttlich erkennend verehren. Ohne dies Rühmen bleibt der Gott "einsam", verkommen die "geweihten Elemente" zu banalen Objekten ohne Bezug zum "Herz des fühlenden Menschen". So kann der Zauber nicht wirken.


Mit "Sage, wo ist Athen?" (Vers 62) wandelt sich das Gedicht vorerst vom Loblied zur Klage. Zu einer Klage, die bis zum Schluß immer wieder durchschimmern wird, mögen an der Oberfläche auch hellere Töne glänzen. Der Dichter, das lyrische Ich dieses Textes, klagt um das untergegangene Athen, genauer: um die Kultur der Epoche des perikleischen Zeitalters. Es ist, als riebe dies Ich sich die Augen - als könnte die "Asche", zu der die "Säulen" und "Göttergestalten vom Dache der Burg" geworden sind, auch bloß vorübergehende Täuschung sein. In lebhafter Vergegenwärtigung wird das klassische Athen nun - in Worten - tatsächlich wieder lebendig, so sehr wünscht das Ich sich das "Zusammengesunkene" wieder ins Dasein zurück. Nicht nur die Kunst und die Architektur, sondern erst recht die in ihr wohnenden, sie formenden und beseelenden Menschen. Den "fernhinsinnenden Kaufmann" etwa, in dessen Tätigsein die Naturwelt des Archipelagus Menschengeist und -gestalt annahm, indem er "Fernes Nahem vereinte".

Doch die Vergegenwärtigung bleibt bei diesem freundlichen, fast idyllischen Bilde nicht stehen. Das Bild wird zum - historischen - Film, der zunächst die Zerstörung Athens durch die Perser zeigt. Dann die Wende durch die für die Athener siegreiche Seeschlacht von Salamis. Schließlich den Aufbau des klassischen Athen auf den Trümmern des von den Persern zerstörten.

Entscheidend für diesen Umschwung ist der "Genius" (Vers 180), der Geist, der die Menschen dabei leitet und ihnen diese Erfolge ermöglicht. Dieser Geist ist mit dem Zerfall des "zweiten", des klassischen Athen aus der Menschenwelt verschwunden. Und er ist es, der heute, in der Gegenwart des Dichters, von diesem schmerzlich vermißt wird. Sein Fehlen ist Gegenstand der poetischen Klage, die also nicht in romantischer Weise eine vergangene Epoche verklärt und sich in diese zurücksehnt, um aus der Gegenwart dorthin zu entfliehen. Das heutige Fehlen derjenigen seelischen Kräfte, die das perikleische Athen ermöglicht haben, ist es, was den Gott traurig macht und den Dichter zur Klage veranlaßt. Indem er auf das Traurigsein des Gottes hinweist, erinnert der Dichter daran, dass - und hier mag der Archipelagus für die ganze Welt stehen - es der gegenwärtigen Kultur an etwas Entscheidendem mangelt. Zugleich macht er aber auch deutlich, dass diese Kräfte durchaus noch lebendig sind, wenn auch nicht gegenwärtig im Bewußtsein der gegenwärtigen Menschen. Und, in alle Sinne durchdringender Vergegenwärtigung des Kommenden, beschwört er das Bild der Zukunft herauf, in welcher der Gott nicht mehr traurig sein muß:

"Bis, erwacht vom ängstigen Traum, die Seele den Menschen
Aufgeht, jugendlich froh, und der Liebe seegnender Othem
Wieder, wie vormals oft, bei Hellas blühenden Kindern,
Wehet in neuer Zeit und über freierer Stirne
Uns der Geist der Natur, der fernherwandelnde, wieder
Stilleweilend der Gott in goldnen Wolken erscheinet."
(Vers 247 ff.)


Damit ist keine bloße Rückkehr zu einem früheren Zustand gemeint. Eher ist an das Erwachen zu denken nach einer Phase des dumpfesten Schlafs. Es soll nicht das Alte, Vergangene wiederkehren, sondern von “neuer Zeit” ist die Rede, die an die “kindliche” Epoche des klassischen Athen lediglich anknüpft. Nicht die Kindheit soll wiederkehren, sondern “der Gott” soll “erscheinen”. Erscheinen kann aber nur, was wahrgenommen wird, sonst wäre es weiter verborgen. Der “trauernde”, weil nicht wahrgenommene Gott kann nur durch die “Liebe” aus seiner Verborgenheit geholt werden, und lieben kann nur eine “jugendlich frohe” Seele. Von diesem Erwachen, davon, dass “die Seele den Menschen aufgeht”, hängt also alles ab.

Dies “Aufgehen der Seele” ist für die Jugendzeit kennzeichnend, in welcher der nicht mehr kindliche Mensch sich erstmals als eigenständiges Individuum orientiert. Es kann aber in späterem Alter ebenso geschehen, Jugendlichkeit der Seele ist nicht an bestimmte Jahre gebunden. Oft genug “erwacht” gerade der reifere Mensch, der eine innerlich leere Phase durchlebt hat, wie “vom ängstigen Traum”.

Dieses Erwachen hat auch etwas Befreiendes, etwa wenn bisher selbstverständlich hingenommene Abhängigkeiten registriert werden - seelische Mechanismen und Fremdbestimmung durch äußere Lebensverhältnisse, unmerkliche Automatisierung des eigenen Daseins, das Aufgehen in bloßer Funktion. Die “freiere Stirn” hingegen ist wieder zu Wechsel und Wandel bereit und weiß sich im Einklang mit dem “Geist der Natur”, der selbst scheinbar Schlimmes wie Abschied, Schmerz, Altern und Sterben mit umfaßt und bejaht. Das menschliche Herz wird wieder “fühlend”, es spürt wieder den Zauber, den das Dasein bedeutet - das Wunder, welches es möglich macht. Die “jugendfrohe” Seele kann (erneut) lieben, und der Gott muß nicht (mehr) traurig sein.


Auch und gerade das Ich des Gedichts, der Dichter, weiß sich in solcher Weise gefährdet. Er selbst ist der Heilung durch den “Geist der Natur” bedürftig, das ganze Gedicht ist auch als Selbsttherapie zu lesen. Bereits die ungläubig staunenden Fragen am Anfang lassen eine Verunsicherung ahnen. Der “Frühling”, die Zeit des Umbruchs und der seelischen Erschütterung (“Wenn den Lebenden sich das Herz erneut und die erste/ Liebe den Menschen erwacht”,Vers 6f.), ist innerer Ausgangspunkt alles Folgenden. Von “goldner Zeiten Erinnrung” ist die Rede, was darauf schließen läßt, dass die Gegenwart nicht ganz so “golden” sein kann. In dem mehrmals wiederholten “wie einst/wie sonst/wie vormals”, das sich vordergründig nur auf den Archipelagus bezieht, schwingt eine Melancholie mit, die auf den persönlichen Lebenshintergrund des lyrischen Ich hinweist. Wie sehr dieses Ich in seinem Loben und Rühmen der ersten drei Abschnitte auch gegen die eigene Melancholie anschreibt, deuten Wendungen an wie “vom Abgrund losgelassen”, “die Flamme der Nacht”, “das untere Gewitter”, dunkle Tiefen” (Vers 20 ff.). Scheinbar nur auf das vulkanische Entstehen und Versinken mancher ägäischer Inseln bezogen, sind diese Formulierungen auch als Hinweise auf die seelische Gefährdung des lyrischen Ich zu lesen. Nicht umsonst nennt es den Archipelagus einen “Vater”, dessen Beständigkeit (“du dauertest aus”) ihm Trost und Halt bedeuten. Entsprechend ist nicht nur der Gott, zu dem das Ich diesen “Vater” erhebt, “trauernd”, sondern dies trifft ebenso auf das lyrische Ich zu, das sich mit seinem Lobpreis, ja womöglich mit der glücklich gelingenden Verfertigung des Gedichts selbst, von dieser Trauer befreien möchte, wobei es sich - im gelingenden Vollzug des poetischen Schreibens - für Augenblicke selbst als geradezu “göttlich” empfinden mag.


“Dennoch einsam dünkest du dir; in schweigender Nacht hört
Deine Weheklage der Fels, und öfters entflieht dir
Zürnend von Sterblichen weg die geflügelte Wooge zum Himmel.”

(Vers 54 ff.)

In anderem Kontext wären diese drei Verse als dichterisch besonders gelungene Beschreibung des düsteren Seelenzustands eines Menschen zu lesen - und sonst nichts.

Einen Hinweis auf mögliche Gründe für das “Zürnen” des Ich könnten folgende Verse enthalten:

“Immer bedürfen ja, wie Heroen den Kranz, die geweihten
Elemente zum Ruhm das Herz der fühlenden Menschen.”
(Vers 60 f.)


Das lyrische Ich, der Dichter, muß den Ruhm noch entbehren, dessen er bedarf “wie Heroen den Kranz”. Der “trauernde Gott” von Vers 64 hätte dann auch mit der Dichterexistenz zu tun: Auch insofern es dichterisch ist, hat dieses Ich Grund zu trauern, und indem es dichtet, schreibt es dagegen an. “Dichterisch” sein meint hier nicht bloß die sozusagen “berufliche” Seite, sondern die ganze Seelenverfassung, die dieses Ich, auch außerhalb der literarischen Sphäre, durchwirkt und zum Dichten befähigt.


Wer ist dann aber der “Perse”? “Des Genius Feind” (Vers 86) wird er genannt. Der “Genius” ist oben als der Geist bestimmt worden, der die Athener beim Sieg über die Perser und beim Wiederaufbau der Stadt leitete. Ein “Geist”, der “allen gemein sei”, heißt es gegen Schluß (Vers 240) des Gedichts, als es um die vom Dichter erhoffte Zukunft geht. Diejenige Seelentendenz, die das Gemeinsame, das Verbindende mit allem Lebendigen sucht und empfindet, ist hier gemeint. Eine Art positives Nichts, frei von Ichsucht und dem ständigen Zwang zur Identifizierung. Von “Fesseln der Liebe” spricht das Gedicht an anderer Stelle (Vers 181), welche der Genius “gerne sich schafft” - einer All-Sympathie, die - jenseits von Weichlichkeit - auch zärtlich zupackt und liebevoll zwingt.

“und froh und herrlich entquillt es
Seinen Händen und leicht, wie die Sonne, gedeiht das Geschäfft ihm.”

(Vers 186 f.)

Das liest sich nun fast wie der Wunschtraum des Dichters, sein poetisches “Geschäfft” betreffend. Mag es das eine wie das andere sein: Beschreibung der Wirkungsweise des Geistes, der das Wunder Athen schuf (so gibt es sich im Text des Gedichts) ebenso wie die ersehnte Seelenverfassung des von Melancholie bedrohten Individuums, das - als zum Dichterischen hin disponiertes - sich seine Seelenheiterkeit erschreiben möchte (ahnend, dass sie anders nicht zu erlangen wäre).

Wer ist der “Perse”? Was ist er? “Irrlächelnd” (Vers 126) wird er genannt, er “rollt den Blik”, “droht” und “fleht” - nicht gerade Kennzeichen einer gelassenen Haltung. Sein Tun ist “Frevel”, und worauf er aus ist, ist “Beute”. Aggressivität und mangelnde Selbstkontrolle zeichnen die “persische” Seelenverfassung aus, Materialismus (“eitel Geschmeid”) und Orientierungslosigkeit (“sein irrend Geschwader”) kommen hinzu. Der Gegensatz zum “Genius”, zum “Geist der Natur” ist offenkundig. Der “Perse” wäre mithin die destruktive, vom “Göttlich”-Harmonischen abgewandte Seelentendenz, der Kampf der Athener gegen das Heer des Xerxes kann als die Versinnbildlichung dieses inneren Kampfes zweier widerstreitender Seelenkräfte gesehen werden.

“In schwindelnden Traum vom Liede des Tages gesungen” (Vers 125) - die seelische Gefährdung bleibt stets präsent, mag das “Tageslied” noch so hell klingen. Bis ganz zum Schluß des Gedichts bleibt sie spürbar, ja sie hat sogar das letzte Wort. Indem es sich an den “Meergott” wendet - denselben, der zuvor, indem sein Geist auf die kämpfenden Athener überging, siegreich die Perser zurückgejagt hatte - hofft das Ich auf seelische Ausgeglichenheit, sucht es Halt und Orientierung im Geist der “Stille” und “Tiefe” (Vers 296). Einer Tiefe freilich, der das gefährdete Ich “dem Schwimmer gleich” gewachsen sein möchte, “wenn die reißende Zeit mir/ Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Noth und das Irrsaal/ Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert”.

Wie aber kann das Ich dieser Tiefe gewachsen sein, die es einerseits zum Dichterischen befähigt, es andererseits als Individuum zu vernichten droht? Den Schlüssel dazu bietet die Erkenntnis des “Geists der Natur”, die das Verstehen der “Göttersprache” ermöglicht, deren Syntax “das Wechseln und das Werden” ist. Ohne dass es mit dieser “Göttersprache” vertraut wird und selbst in ihr sprechen lernt, so ahnt das Ich, wird es den “persischen” Kräften in seinem Innern auf Dauer nicht standhalten. In schöpferischer Meditation, die im geglückten literarischen Schreiben ganz zu sich selbst kommt und sich dabei zugleich von allem Selbstischen löst, hofft das Ich sich zu stärken - nicht zuletzt durch die damit verbundenen Glücksempfindungen:

“Töne mir in der Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glüke sich üb’” (Verse 290 ff.)

Der “trauernde Gott” vom Anfang des Gedichts ist auch als der Dichter zu lesen, dessen “Göttersprache” nicht verstanden wird, dessen “Zauber” nicht wirkt. Es fehlen gegenwärtig die Menschen, deren Seelen offen und “jugendlich froh” genug wären, um die in seinen Versen gestaltgewordene “Liebe” zu fühlen. Deshalb auch “dünkt” er sich “einsam” und neigt aus Enttäuschung zu Gewaltausbrüchen (“entflieht dir/ Zürnend von Sterblichen weg die geflügelte Wooge zum Himmel”).

Der Archipelagus also, eine geographisch bestimmbare Zone mit einer konkreten Geschichte, ist zugleich “göttliches” Sinnbild der sich ständig erneuernden und dabei doch gleichbleibenden Natur, und zudem Identifikationsobjekt des verunsicherten und nach innerem Halt suchenden Dichters.


“denn oft ergreiffet das Irrsaal
Unter den Sternen mir, wie schaurige Lüfte, den Busen”
(Vers 224 ff.)

Gegen dieses “Irrsaal”, die depressiven Tendenz in seinem Gemüt, sucht der Dichter Trost und Ermutigung bei den Göttern und Toten. Athen sich zum Vorbild nehmend und daraus für einen Augenblick Kraft und Zuversicht schöpfend, ruft er aus:

“Mutter Athene, dir auch, dir wuchs dein herrlicher Hügel
Stolz aus der Trauer empor und blühte noch lange” (Vers 196 f.)

Es ist, als versuche er dem depressiven Seelenzustand etwas Positives abzugewinnen, sich davon zumindest nicht entmutigen zu lassen: “Auch” Athen mußte erst eine Phase der “Trauer” durchleiden, mußte zerstört am Boden liegen, um - “des Genius Werk” (Vers 181) - den “herrlichen Hügel” der Akropolis errichten zu können. Solches erhofft der Dichter insgeheim auch für sich selbst, wenn er, der sich selbst einen “Irrenden” (Vers 211) nennt, schon das Los hat, mit “immertrauernder Seele” zu leben.

Dabei fühlt er sich den toten Athenern, denen, die das Wunder des perikleischen Zeitalters mit des “Genius” Hilfe bewerkstelligt haben, näher als den jetzt Lebenden. Ihnen will er ein “ Todtenopfer” spenden, “im schweigenden Thal” möcht er am liebsten “wohnen mit euch”, sie will er “manches fragen”.

Mit seinen Zeitgenossen hingegen verbindet ihn nichts:

“Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.”
(Vers 241 ff.)

Von allem, was für den Dichter das Leben und seinen Zauber ausmacht, kennen und wissen die zeitgenössischen Menschen nichts. Die von ihnen gebildete Gesellschaft ist von Individualismus und Materialismus geprägt, Sinnverlust und Naturferne dominieren, das Leben leidet unter entfremdenden Zwängen. Eher als diesen, die wie Tote leben, ohne tot zu sein, fühlt der Dichter sich den “Kindern des Glüks” (Vers 200) zugehörig, welche die Zeit der Polis Athen erleben durften, und er verspürt die dunkle Tendenz in sich, “daß immertrauernd die Seele/ Vor der Zeit mir hinab zu euren Schatten entfliehe.” (Vers 206 ff.)

So weit, sich ganz in die Schattenwelt zu begeben, will er aber nicht gehen, hofft er doch auf das “Erwachen” der Zeitgenossen und darauf, dass ihnen “die Seele aufgeht”. Das idealisierte Bild der Polis Athen dient ihm als Utopie für die eigene Gesellschaft. Und die “göttliche” All-Natur, die das soziale und ästhetische Wunder Athen möglich machte, sieht er als Garanten dafür, dass dies auch wirklich geschehen werde:

“Denn es ruhn die Himmlischen gern am fühlenden Herzen;
Immer, wie sonst, geleiten sie noch die begeisternden Kräfte”
(Vers 235 f.)

Ja, er glaubt bereits deutliche Zeichen zu vernehmen, dass nach der “Nacht” (Vers 241) bald wieder der “Tag” (Vers 254), ja der “Festtag” anbrechen wird:

“schon hör ich ferne des Festtags
Chorgesang auf grünem Gebirg und das Echo der Haine,
Wo der Jünglinge Brust sich hebt, wo die Seele des Volkes sich
Stillvereint im freieren Lied, zur Ehre des Gottes” (Vers 257 ff.)

Hingerissen von seiner eigenen Vision, schaut er bereits als vollendet, was doch erst Aufgabe ist und auf unabsehbare Zeit nicht mehr als ein Ideal sein kann, auf welches das Streben sich hin orientiert:

“Denn voll göttlichen Sinns ist alles Leben geworden” (Vers 267).

Dieser Differenz zwischen Ideal und Wirklichkeit wird der Dichter am Ende selbst inne, wenn er sich an die lebendige Natur (“Blühet, ihr Gärten Ioniens!”) mit der emphatischen Bitte wendet, sie möge “dem schauenden Tage die Trauer verbergen”, solange der kommende, von All-Harmonie bestimmte “Herbst” noch nicht da ist. Diese nämlich, die Trauer, ist Realität, alles andere ist Wunschfantasie, ist - aus seelisch-elementarer “Noth” heraus - rauschhaft beschworene Harmonie.

Als solche liegt sie in diesem Gedicht vor, das der Dichter nun glücklich vollendet hat. Eine Harmonie-Fantasie, die nach dem Vorbild und aus dem Geist der Natur gearbeitet ist. Der Archipelagus steht für die schöpferische Natur, ist zugleich Symbol der unzerstörbaren, sich zyklisch erneuernden und doch stets gleichbleibenden Weltseele. Im Meer, sozusagen dem Herz des Archipelagus, ist diese Seele zur rhythmisch pulsierenden Materie verdichtet. Als solche kann sie auch personifiziert gesehen werden - als “Meergott”.

Aus dem Glauben daran, dass dieser “Meergott” nicht tot, sondern nur traurig ist, erwächst dem Dichter seine Zuversicht - für künftige Generationen, denen ein neuer weltgeschichtlicher “Festtag” bevorsteht. Aber auch für sich selbst, den psychisch Bedrohten, der dieses Fest zwar nicht mehr erleben wird, dem aber das selbstverfaßte geglückte Gedicht als Pfand dafür dient, dass seine Zuversicht nicht grundlos ist.

Den “Woogen” des Meeres gleich, soll es dem Dichter “noch oft in der Seele tönen”, um sein Gemüt zu stärken und ihn gegen “die Noth und das Irrsaal” seines Daseins zu schützen.


Impressum

Texte: Hölderlin-Text nach StA, Band 2, Seite 103 ff.
Tag der Veröffentlichung: 02.06.2008

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