Man sah, wie sie immer mehr durch die Galerie schlichen, auf der Suche nach einem geeigneten Geschenk: Männer, wenige Tage vor dem Valentinstag. Ich mochte diese Zeit nicht. Aber als Verkäuferin in der Parfümabteilung eines der größten Einkaufshäuser in der Princes Street von Edinburgh, war es unumgänglich, damit konfrontiert zu werden. Selbst das Weihnachtsgeschäft fand ich nur halb so anstrengend wie die Zeit vor Valentinstag.
„Ich hasse Valentinstag“, knurrte ich leise vor mir hin, doch meine Worte verhallten nicht ungehört.
„Sweety, du musst endlich mal dein Trauma überwinden. Das kann doch nicht ewig so weitergehen mit dir“, mischte sich meine junge Kollegin Ciara ein.
Sie war zwar erst 24, doch von ihrer Art her wirkte sie schon wesentlich reifer. Ihr schwarzes Haar war kurz geschnitten und ihr Klamottenstil modern. Bevorzugt trug sie kurze Kordröcke und lange Stiefel, die ihr fast über das Knie gingen. Man musste sie mögen. Und ich war froh, dass sie diesen Tag mit mir zusammen in der Abteilung arbeitete. Anders hätte ich das alles nicht überlebt.
„Da gibts nichts zu überwinden“, konterte ich ihr ein wenig harsch, obwohl ich wusste, dass sie es nur gut meinte.
Ich hatte keine Lust, dieses Thema zu vertiefen. Und ich wusste, dass es mir Ciara nicht übel nehmen würde. Glücklicherweise kam in diesem Moment Kundschaft an die Theke und ich wurde ein wenige abgelenkt von den Gedanken, die mal wieder so plötzlich in mir aufstiegen und mich zu überrumpeln versuchten. So wie immer um diese Zeit.
Mittlerweile war ich 37 und ein wenig desillusioniert. Ich hatte mir vieles vorgestellt, wie mein Leben in dieser Phase wohl verlaufen würde, aber nicht so, wie es jetzt war. Fast zehn Jahre hatte ich mit Luca verbracht. Die Besten, wenn man es so sagen wollte. Wir hatten eine schöne Zeit gehabt und ich wollte nichts davon missen. Aber dann kam dieser verhängnisvolle Valentinstag vor drei Jahren, der auf einmal alles auf den Kopf stellte.
Eigentlich fühlte ich mich bis zu diesem Tag sehr zufrieden mit meinem Leben. Und auch mit Luca lief alles super. Gut, die Schmetterlinge, die mir zu Beginn unserer Beziehung im Bauch umhergeschwirrt waren, hatten sich etwas gelegt. Aber wir verstanden uns und planten eine gemeinsame Zukunft. Luca hatte vor wenigen Wochen eine Beförderung erhalten und wir waren erst kürzlich in eine neue Wohnung gezogen, in der auch Platz für ein Kinderzimmer war. Alles schien perfekt. Und als er mich kurzfristig für den Valentinstag zum Italiener einlud, dachte ich, ich wüsste, was das zu bedeuten hätte. Luca hielt nicht viel vom Valentinstag. Und eigentlich waren wir uns darin einig gewesen, diesen kommerzverseuchten Tag nicht zu unterstützen. Liebesbekundungen und Geschenke konnte man sich das ganze Jahr machen. Und auch wenn unsere diesbezügliche Euphorie über die Jahre nachgelassen hatte, gab es immer mal wieder Überraschungsmomente zwischen uns. Die letzten Wochen waren für uns beide ziemlich anstrengend gewesen. Er kämpfte noch mit den neuen Aufgaben, die sein Job mit sich gebracht hatten und auch hinter mir lagen turbulente Zeiten, nachdem mein Vater recht plötzlich ins Krankenhaus musste. Doch mittlerweile hatte sich die Anspannung gelegt. Alles schien wieder seinen gewohnten Gang zu gehen. Für den besonderen Tag stiftete mich meine beste Freundin Annie an, mich herauszuputzen. Etwas widerwillig gab ich ihrem Drängen nach. Sie half mir dabei, die Haare zu stylen und Make-up aufzutragen. Auch bei der Kleiderwahl leistete sie Hilfestellung.
„Du siehst umwerfend aus“, meinte sie schließlich zufrieden.
„Ist das nicht ein bisschen overdressed?“, warf ich kritisch ein und beobachtete mich im Spiegel.
Ich mochte meinen natürlichen Look eigentlich ganz gerne. Und nun trug ich dieses noble Kleid, das meine Hüften betonte und dezente Einblicke in mein Dekolleté gab. Doch Annie ließ keine Kritik zu und schüttelte energisch den Kopf.
„Du bist super, so wie du bist“, sprach sie mir Mut zu und ich rang mir ein Lächeln ab.
Hoffnungsvoll kam ich schließlich beim Italiener an, der in einem historischen Altstadtgebäude untergebracht war. Das Lokal war modern und doch gemütlich eingerichtet. Der Kellner führte mich an den Platz. Ein kleiner Tisch direkt am Fenster nur für zwei. Es stand eine Rose in einer Vase darauf. Luca war noch nicht da. Was durchaus mal passieren konnte, da er nicht immer pünktlich aus der Firma kam. Ich hatte bereits ein Glas Rotwein bestellt, als er über 20 Minuten später das Lokal betrat. Nervös schaute er sich um, bis er mich erblickte. Er trug seinen Anzug von der Arbeit. Sein Haar war leicht zerzaust.
„Hallo“, begrüßte er mich flüchtig.
Er schien alles andere als entspannt. War irgendwas bei der Arbeit gewesen? Ich fragte nicht und ließ ihn erstmal ankommen. Der Kellner hielt ihm sofort die Menü-Karte vor die Nase. Meine Wahl hatte ich bereits getroffen. Ein ungutes Gefühl überkam mich plötzlich, von dem ich nicht wusste, woher es kam. Irgendwas stimmte hier nicht. Ich schaute zu Luca. Er war doch wie immer? Schnell versuchte ich, diese Gedanken beiseitezuschieben. Wir bestellten und alles schien wieder in bester Ordnung. Während des Essens unterhielten wir uns über unseren Tag. Vielleicht spielte mir nur die Aufregung einen Streich. Er wählte Pasta mit Meeresfrüchten und ich ein Vitello Tonnato. Das Essen war hervorragend. Und mit jedem Bissen wurde ich ein bisschen ruhiger.
Ich hatte gerade ausgegessen und nippte am Weinglas, als Luca sich räusperte. War nun der große Moment gekommen? Man sah ihm die Nervosität an, die sich auf mich übertrug.
„Mel, es gibt da etwas, über das ich mit dir reden möchte. Wir sind ja nun schon eine ganze Zeit zusammen“, begann er mit ruhiger Stimme.
Unmerklich bildete sich ein Kloß in meinem Hals. Mein Herz begann wild zu pochen.
„Über den nächsten Schritt habe ich viel nachgedacht“, machte er weiter und rieb dabei seine Hände aneinander.
Ich war nicht in der Lage etwas zu erwidern und horchte nur, was er zu sagen hatte.
„Ich denke, es ist besser, wenn wir unsere Beziehung beenden“, presste er schließlich mit leiser Stimme hervor.
Im ersten Moment wusste ich nicht, ob ich mich gerade verhört hatte.
„Was?“, fand ich meine Sprache wieder und in meinem Kopf herrschte plötzlich völliges Chaos. „Wieso?“
„Es passt einfach nicht mehr“, war seine lapidare Antwort.
„Und das sagst du mir am Valentinstag?“
„Heute ist Valentinstag? Aber wir haben doch noch nie Valentinstag gefeiert“, meinte er achselzuckend und völlig überrascht.
„Hast du eine Andere?“, blaffte ich ihn bitter an.
„Nein“, kam die Antwort ein wenig zu schnell.
Ich schüttelte den Kopf, stand instinktiv auf und rannte schließlich aus dem Lokal. Ich atmete die kühle Luft, die mir draußen entgegenschlug, tief in meine Lungen, um mich irgendwie wieder zu beruhigen. Ziellos irrte ich durch die Straßen. Von einer Sekunde auf die andere war meine kleine heile Welt in sich zusammengebrochen. Und ich hatte keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte.
Völlig überstürzt war ich aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen, da ich Lucas Anwesenheit nicht mehr ertragen konnte. Weil die Wohnungssuche sich schwierig gestaltete, zog ich spontan in eine Studenten-WG. Dort wohnte ich noch heute, weil ich es bisher nicht geschafft hatte, etwas Neues zu suchen. Außerdem war die Miete günstig und ich wusste die Gesellschaft meiner zwei jungen Mitbewohner sehr zu schätzen. Trotzdem musste man klar festhalten, dass mein Lebensstil nicht gerade dem einer normalen Frau in der zweiten Hälfte ihrer Dreißiger entsprach.
Ich lehnte an der Theke der Parfümerie des Kaufhauses und war ganz in Gedanken versunken, als plötzlich Matt neben mir auftauchte.
„Hi“, meinte er mit einem spitzbübischen Lächeln zu mir und hob dabei kurz die Hand.
Matt war ein Kollege von mir. Er arbeitete normalerweise in der Feinkostabteilung und war nicht viel jünger als ich. Gelegentlich wurde er vom Abteilungsleiter in der Parfümerie eingesetzt, wenn dort mehr los war, weil er sich mit Herrendüften gut auskannte. Woher er diese Qualifikation hatte, war mir bisher nicht bekannt. Aber ich musste sagen, dass er wirklich gut darin war. Es war immer nett, mit ihm zusammenzuarbeiten. Schade, dass er nicht ständig in der Parfümerie war. Ich mochte ihn sehr. Er hatte eine angenehme unaufdringliche Art und gerne mal einen trockenen Witz auf Lager, ohne dass er dabei zu klamaukig klang. Seine Augen waren zutraulich. Und er hatte eine Vorliebe für Hosen im Tartanmuster, die ihm ziemlich gut standen und dabei keineswegs kitschig wirkten.
„Bist du heute bei uns?“, fragte ich ihn.
„Ja. Die nächsten Tage. Ist ja gerade wieder Ausnahmezustand bei euch“, zwinkerte er mir zu.
„Valentinstag. Der doofste Tag des Jahres“, grummelte ich vor mich hin.
„So schlimm ist es doch auch wieder nicht. Ich meine, mal abgesehen von den Typen die ziellos auf der Suche nach einem Parfüm für ihre Frauen sind“, grinste er zu mir. „Ich mag den Valentinstag.“
„Ich hasse ihn.“
„Soll ich dir das Gegenteil beweisen?“, meinte er lächelnd zu mir.
„Vergiss es“, antwortete ich ihm und verdrehte dabei meine Augen. „Ich bin ein hoffnungsloser Valentinstagsfall.“
„Ich mag hoffnungslose Fälle“, sagte er noch, bevor herannahende Kundschaft unsere Unterhaltung unterbrach.
„Oh. Nein“, entfuhr es mir leise, als ich sah, wer da im Anmarsch war.
„Ist das nicht Mr. Flirty?“, flüsterte Matt amüsiert zu mir.
„Ja.“
„Du schaffst das“, klopfte er mir auf die Schulter und ging dann zu einer Dame, die suchend vor dem Regal stand.
Mr. Flirty. Er war einer unserer Stammkunden und wollte ausschließlich von mir bedient werden. Keine Ahnung, warum. Aber das Motto des Hauses lautete, dass der Kunde König war, weswegen ich diesen Wunsch gerne erfüllte. Zumal er immer sehr zuvorkommend und freundlich war. Er hieß eigentlich Keith MacRea, was ich von seiner Kreditkarte her wusste. Aus Neugier hatten wir ihn bereits gegoogelt. Er war Anfang 40 und leitete eine Softwarefirma. Und er kaufte fast jede Woche ein Parfüm. Damenparfüm, das ich ihm in Geschenkpapier verpackte. Da er sich jedes Mal ausführlich von mir beraten ließ, vermuteten wir, dass es sich immer um verschiedene Frauen handelte, denen er den Duft schenkte, weswegen er von uns heimlich den Spitznamen Mr. Flirty verpasst bekam. Er war äußerst galant und trug bevorzugt Designermaßanzüge. Sein nussbraunes Haar war immer tadellos frisiert und sein Bart akkurat getrimmt. Seine Schläfen verfärbten sich bereits ein wenig grau, was jedoch optisch kein Nachteil für ihn war.
„Schön, Sie zu sehen“, begrüßte er mich mit einem breiten Lächeln, das mich beinahe ein bisschen dahinschmelzen ließ.
„Was kann ich denn heute für Sie tun?“, wollte ich von ihm wissen.
„Sie wissen ja, um was es geht“, meinte er gut gelaunt zu mir.
„Lassen Sie mich raten. Valentinstag?“
„Woher wissen Sie nur immer solche Sachen?“
Er hatte heute einen besonderen Charme auf mich, was ich mir im ersten Moment gar nicht so genau erklären konnte.
„In welche Richtung solls denn heute gehen?“
„Es soll etwas ganz besonderes sein.“
„Wir haben viele besondere Düfte.“
Als ich das sagte, erwischte ich mich dabei, wie ich ihm instinktiv zuzwinkerte. Was war nur auf einmal mit mir los? Sonst war ich seinem Charme, den er zweifelsfrei hatte, noch nie unterlegen. Er war ein Kunde. Reiß dich zusammen, Mel.
„Ich weiß. Aber mir schwebt da etwas bestimmtes vor“, sprach er etwas leiser in meine Richtung schaute mir dabei intensiv in die Augen. „Ich möchte einen Duft, der Ihnen gefällt.“
Kurz huschte ein breites Lächeln über sein Gesicht, in dem ich hätte versinken können. Und was er sagte, verursachte in meinem Bauch ein leichtes Kribbeln und ich spürte, wie ich leicht errötete, obwohl mich sonst eigentlich nichts so schnell aus der Fassung brachte. Oh, nein. Was passierte da gerade? Dates hatte ich die letzten Jahre zwar immer mal wieder gehabt, jedoch nur, um mir zu beweisen, dass ich nichts verpasste. Es konnte also nicht daran liegen, dass ich in Sachen Liebe etwas ausgehungert war.
„Mir?“, fragte ich ungläubig nach.
„Ja. Schlimm?“, fragte er mit gespielter Schüchternheit.
„Ähm. Nein. Natürlich nicht.“
Leicht nervös ging ich zu einem der Regale, in denen optisch ansprechend die Parfümflaschen ausgestellt waren. Ich liebte natürliche Düfte. Mein großer Traum war es, irgendwann einmal zu den Lavendel-Feldern in die Provence zu fahren. Der Duft nach Lavendel erinnerte mich an laue Sommernächte. Auf dem Balkon meiner WG hatte ich mir mittlerweile ein üppiges Exemplar herangezogen, das mich zumindest ein kleines bisschen von Frankreich träumen ließ.
„Wie wäre es mit diesem hier?“
Ich hielt ihm eine Flasche meines absoluten Lieblingsparfüms hin, das ich ebenfalls zu Hause hatte und nur für ziemlich besondere Anlässe benutzte. Also wenn Prinzessin Kate zu mir zum Tee nach Hause käme oder so. Es duftete dezent nach Rose und Jasmin mit einem Hauch Lavendel.
„Hübscher Flacon. Gefällt mir. Wenn es jetzt noch so herrlich duftet, wie es aussieht“, meinte er zu mir.
Ich sprühte ihm eine kleine Kostprobe auf einen Teststreifen, den ich ihm reichte. Dabei streifte er kurz meine Hand. Genüsslich roch er und schloss dafür sogar für einen Moment die Augen, was ziemlich süß aussah.
„Mhhhhhhhm“, meinte er dann nur und schaute mich mit unverschämt verführerischem Blick an.
Dass er Charme hatte, war mich nicht unbekannt. Aber ich hatte das Gefühl, dass er heute besonders flirtig unterwegs war.
„Gefällt Ihnen der Duft?“, fragte ich grinsend bei ihm nach.
„Sie sind wirklich eine Frau mit Geschmack.“
„Danke“, antwortete ich etwas verlegen und wir gingen zusammen zur Kasse.
„Sie ist etwas ganz Besonderes“, gestand er mir, als ich gerade den Strichcode über den Scanner zog. „Vielleicht könnten Sie es noch hübsch einpacken.“
„Gerne.“
Gerade als ich es ihm übergeben wollte, fiel plötzlich ein gefalteter Zettel zu Boden. Schnell hob ich ihn auf.
„Ihnen ist da etwas aus der Tasche gefallen.“
„Das ist nicht von mir. Schönen Valentinstag“, grinste er mich verschmitzt an, nahm die Tüte mit dem verpackten Parfüm an sich und war auch schon wieder verschwunden.
„Mr. Flirty war heute aber ganz schön offensiv“, kam Matt auf mich zu, während ich noch den Zettel in Händen hielt. „Was hast du denn da?“
Er war mir plötzlich ganz nah und nahm mir ungeniert den Zettel aus der Hand, um ihn aufzufalten.
„He“, protestierte ich.
Doch er räusperte sich bereits.
„Liebe Mel“, begann er vorzulesen. „Lass uns am Valentinstag um 18 Uhr vor dem Aufzug in der Galerie treffen. Ich würde mich sehr darüber freuen, mit dir einen schönen Abend zu verbringen.“
„Das steht da doch nicht“, widersprach ich ihm ungläubig, weil ich dachte, dass er mich veräppelte, und versuchte, ihm den Zettel aus der Hand zu nehmen.
Frech wedelte er damit vor meiner Nase.
„Du hast ein Valentinsdate, Mel.“
„Wer sagt, dass ich dort hingehe. Mit Mr. Flirty doch nicht.“
„Du meinst, es ist Mr. Flirty?“, wollte er neugierig von mir wissen.
„Wer denn sonst? Die Zeichen waren ziemlich offensichtlich.“
Sein Grinsen reichte bis über beide Ohren.
„Oh Mel. Du hast ein Valentinsdate. Wie süß“, zog mich Matt damit auf.
„Ich habe gar nichts.“
„Aber du kannst doch Mr. Flirty nicht enttäuschen. Er ist Stammkunde hier.“
Dass sich in diesem Moment auch noch Ciara einmischte, hatte mir gerade noch gefehlt.
„Du hast ein Valentinsdate mit Mr. Flirty?“
„Nein, verdammt.“
„Wenn die Schicht zu Ende ist, gehen wir erst Mal was schickes shoppen für Mel“, meinte Ciara zu Matt und juchzte freudig.
Nur ich zog ein Gesicht wie sieben Tage Regen. Ein Date am Valentinstag. Never ever.
Keine Ahnung, warum ich mich tatsächlich dazu animieren ließ, mit Matt und Ciara shoppen zu gehen. Wir blieben in der Galerie, die weit mehr als nur Parfüm zu bieten hatte. Das Kaufhaus erstreckte sich über mehrere Etagen und befand sich in einem historischen Altstadtgebäude in der Princes Street, der Haupteinkaufsstraße Edinburghs. Obwohl es immer wieder modernisiert wurde, versprühte es noch den Charme vergangener Tage. Hohe Räume, große Sprossenfenster und aufwändige Stuckdecken, machten es zu einem ganz besonderen Ort. Hier gab es alles, was das Herz begehrte. Wir standen in der Abteilung mit den Abendkleidern.
„Mal abgesehen davon, dass ich zu dem Treffen nicht hingehen werde. Ich würde niemals so ein Kleid zu dem Date mit Mr. Flirty tragen“, raunzte ich meine beiden Kollegen an und musst dabei wieder an den letzten Valentinstag mit Luca denken, der so dramatisch geendet hatte.
„Was würde dir denn gefallen?“, wollte Ciara interessiert von mir wissen, dabei hielt sie mir ein hübsches Paillettenkleid vor den Körper, das mir unter anderen Umständen und für einen anderen Anlass vielleicht sogar tatsächlich zugesagt hätte.
„Ich würde etwas anziehen, in dem ich mich wohlfühle. Meine Jogginghose zum Beispiel“, und meinte es damit ernster, als es sich vielleicht anhörte. „Ich werde mich auf jeden Fall nicht aufbrezeln für so ein Valentinsdate. Das ist kein Mann der Welt wert.“
„Och Mensch, Mel. Kann ich irgendwas tun, damit du dieses Trauma endlich überwindest? Nicht alle Männer sind wie Luca. Du bist eine tolle Frau. Und irgendwo da draußen ist jemand, der dich über alles liebt und es gar nicht erwarten kann mit dir seine Zeit zu verbringen“, startete Matt den Versuch, mich aufzubauen.
Er schaute mich mit seinen Augen an und aus seinem Blick sprach echtes Mitgefühl.
„Und du meinst, dieser jemand ist Mr. Flirty?“, erwiderte ich ihm und verzog dabei skeptisch mein Gesicht.
„Das weiß ich nicht. Aber wenn du dein Herz weiterhin verschließt gegen jeden, der dir zu nahe kommt, wirst du es nie erfahren“, meinte er mit sanfter Stimme zu mir, dabei streichelte er über meine Schulter, was sich für einen kurzen Moment sehr gut anfühlte.
Ein Grummeln kam über meine Lippen. Ich wusste, dass er recht hatte, auch wenn ich das niemals zugeben würde. Damals hatte ich mein Herz verschlossen und mich bisher noch nicht dazu durchringen können, es wieder für jemanden zu öffnen.
„Wie wärs noch mit einem Besuch im Pub, um deine Laune wieder ein bisschen zu heben?“, fragte er mich mit einem verschmitzten Grinsen. „Ich zahl auch. Und es ist kein Date. Nur eine notwenige Hungerbekämpfung in Anwesenheit deiner beiden Lieblingskollegen.“
„Also ich bin raus. Meine Mum kocht heute Abend für mich“, seilte sich Ciara ziemlich schnell von uns ab.
„Na gut. Dann müsstest du mit mir alleine vorlieb nehmen“, schaute er mich erwartungsvoll an und sein Blick war so treuherzig, dass es mir leicht fiel, ihm meine Zustimmung zu geben.
Außerdem hatte ich in diesem Moment sowieso keine Lust, nach Hause zu gehen, da mich dort nur wieder meine Gedanken einholen würden, die mir wie jedes Jahr um den Valentinstag durch den Kopf kreisten. Gedanken an Luca. Das Gefühl endloser Einsamkeit. Und die Erkenntnis, dass Liebe nichts für die Ewigkeit war.
Das Pub, das Matt für uns auswählte, war fernab der Touristenströme und trotzdem mitten im Geschehen. Der Gastraum war relativ klein, dafür umso gemütlicher. Das Interieur war über die Jahrzehnte gewachsen. Hinter der langen antikwirkendenden Holztheke prangte auf Regalen mit roter Rückwand eine Auswahl an sämtlichen Spirituosen, die das Herz begehrte. Alte Kronleuchter hingen von der Decke. Die hohen Wände des Altstadthauses waren tapeziert mit einem Potpourri an Fotos, Gemälden und Postern, von denen jedes Einzelne seine Geschichte zu erzählen hatte. Ein paar Musiker spielten Pub-Musik. Während an der Theke und an den Tischen verteilt bereits etliche Gäste dazu mitsangen oder klatschten. Obwohl ich noch nie hier gewesen war, fühlte ich mich sofort wohl. Wir setzten uns an einen der freien Tische.
„Ich hol uns mal Bier“, versuchte Matt den Geräuschpegel zu übertönen. „Möchtest du auch etwas zu Essen?“
„Eine Baked Potatoe“, antwortete ich ihm und schaute ihm nach, wie er sich zum Tresen bewegte.
Ich mochte Matt. Zwischen ihm und mir war vom ersten Augenblick an sofort diese Verbindung gewesen, die ohne große Worte auskam. Zumindest empfand ich es so. Ob es bei ihm auch so war, konnte ich nicht sagen. Breit grinsend jonglierte er gerade zwei Pints mit einer frischen Schaumkrone zu uns an den Tisch.
„Die Kartoffel braucht noch ein bisschen“, meinte er zu mir.
„Kein Problem.“
Er setzte sich neben mich und prostete mir zu.
„Slàinte.“
„Slàinte.“
Dabei schaute er mir ungewöhnlich tief in die Augen und ich freute mich darüber, dass er bei mir war. Seine Anwesenheit tat mir gut, ohne dass ich es hätte erklären können. So extrem wie in diesem Moment war mir das noch nie aufgefallen. Ich vermutete, dass der bevorstehende Valentinstag meine Gefühle ein wenig durcheinanderbrachte. Und obwohl wir bei der Arbeit ganz gut harmonierten und viel miteinander plauderten, fiel mir in diesem Moment auf, dass ich von ihm gern noch viel mehr wissen wollte.
„Wie verbringst du eigentlich den Valentinstag?“, rutschte es mir heraus, während ich mich noch im selben Moment fragte, warum ich gerade dieses Thema ansprechen musste, das ich doch eigentlich nur vergessen wollte.
Und ging diese Frage nicht viel zu weit?
„Och. Nichts Besonderes. Ein paar Blumen, eine kleine Aufmerksamkeit und schön Essen gehen. Und dann mal sehen, wie sich der Abend entwickelt“, erzählte er mir unbefangen, während ich mich fragte, wer sein Valentinsdate wohl war.
Eine Kollegin aus der Feinkostenabteilung vielleicht? Die hübsche Junge bei den Fischspezialitäten. Sie war erst seit wenigen Woche da und machte einen netten Eindruck. Ich konnte mir gut vorstellen, dass Matt und sie miteinadern ausgingen. Matt war nicht nur äußerlich attraktiv, sondern auch von seiner Art her einfach sympathisch.
„Du hast also ein Date?“, hakte ich nach, weil ich es nochmal bestätigt haben wollte.
Er nickte glücklich lächelnd und für einen kurzen Augenblick überkam mich eine leichte Eifersucht, von der ich mir gar nicht erklären konnte, woher sie rührte. Ein Valentinstagsdate mit Matt stellte ich mir angenehm vor. Anders als das Drama mit Luca vor drei Jahren.
„Hätte mich auch gewundert“, resümierte ich gedankenversunken.
„Was denn?“
„Wenn du kein Date hättest“, zwinkerte ich ihm zu.
Er grinste nur genießerisch, ging aber nicht weiter darauf ein. Stattdessen wechselte er galant das Thema. Zu gerne hätte ich mehr darüber gewusst, doch ich traute mich nicht, ihn weiter danach zu fragen.
„Wieso kennst du dich eigentlich so gut mit Parfümdüften aus?“, rutschte es mir stattdessen heraus.
„Ich hab eine sensible Nase. Und außerdem wohnt meine Lieblingstante in Grasse“, erklärte er mir.
„Du hast ne Tante in Grasse?“
Grasse war eine Stadt im Hinterland der französischen Riviera und hatte den Ruf als Parfümhauptstadt. Angeblich lag in den Altstadtgassen der Geruch nach den feinsten Duftpflanzen in der Luft, die dort in der Umgebung wuchsen und auf traditionelle Weise, seit Generationen geerntet wurden. Chanell No.5 war dort entstanden. Es war für jeden Duftliebhaber das absolute Paradies.
„Ja“, antwortete er breit grinsend.
Was nun folgte, war ein langes Gespräch über Parfüms und Düfte. Meine Begeisterung war nicht mehr zu bremsen. Und ich spürte, dass er dabei die gleiche Leidenschaft hatte, wie ich. Wir waren so vertieft, dass wir die Zeit komplett vergaßen. Erst der Glockenschlag, der die Sperrstunde einläutete, holte uns wieder zurück ins Hier und Jetzt.
„Wird wohl langsam Zeit zu gehen“, meinte ich zu ihm.
Er lächelte. Gemeinsam schlenderten wir durch die nächtlichen Straßen Edinburghs. Bis wir schließlich vor dem Haus standen, in dem sich mein WG-Zimmer befand.
„War ein schöner Abend. Danke dafür“, meinte ich etwas verlegen zu ihm.
„Fand ich auch“, war seine kurze, jedoch ehrlich gemeinte Antwort.
Er hatte die Hände in den Hosentaschen und wirkte etwas verlegen.
„Gute Nacht, Mel.“
„Gute Nacht, Matt.“
Wir standen uns noch immer gegenüber und ich spürte, dass keiner von uns beiden jetzt gehen wollte. Schließlich nahm er mich kurz in den Arm. Und obwohl es nur wenige Sekunden waren, fühlte ich mich bei ihm so unendlich geborgen. Ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr empfunden hatte und von dem ich geglaubt hatte, es nie wieder spüren zu können.
Da war er schließlich: Valentinstag. Die letzten Tage in der Parfümerie waren ziemlich stressig gewesen. Im Akkord kamen insbesondere Männer in unsere Abteilung, um sich mit leichter Verzweiflung von uns für ein duftendes Valentinsgeschenk beraten zu lassen. Mittlerweile waren meine Finger vom vielen Verpacken bereits ein wenig geschunden. Seit dem netten Abend mit Matt im Pub hatte ich ihn nicht mehr richtig gesehen, was wohl auch an dem Stress bei der Arbeit lag. Für mehr als ein flüchtiges Hallo beim Vorbeigehen, hatte es nicht gereicht. Dafür nervte mich Ciara umso mehr. Es ging nur noch um eines: mein Valentinsdate mit Mr. Flirty.
„Ich hab ihn schon herumschleichen sehen“, kam meine junge Kollegin zu mir.
„Wen denn?“, stellte ich mich auf unwissend.
„Na, Mr. Flirty.“
Ich verdrehte meine Augen.
„Vergiss deine romantischen Fantasien. Da wird heute Abend nichts passieren. Im Gegenteil. Ich werde nachher zum Treffpunkt gehen, um ihm höflich mitzuteilen, dass ich nicht die Richtige bin für ein Valentinsdate“, erklärte ich ihr mit ruhiger Stimme.
Für diesen Tag hatte ich mich auch gar nicht besonders angezogen. Ich trug ein normales Arbeitsoutfit. Mein beiges Wollkleid, eine schwarze Thermostrumpfhose und dazu meine Lieblingsstiefel. Das Haar hatte ich zu einem Messy Bun hochgesteckt. Damit fühlte ich mich ziemlich wohl und es sah nicht schlecht aus, aber es war definitiv kein Outfit für ein romantisches Date.
„Das kannst du nicht machen“, widersprach sie mir vehement.
„Kann ich.“
Damit hakte ich das Thema ab, denn es stand bereits wieder Kundschaft an der Theke der Parfümerie. Schneller als ich gedacht hätte, verging der Nachmittag und es war bereits kurz vor 18 Uhr. Meine Schicht war gleich zu Ende. Im Kopf hatte ich mir bereits einen Dialog zurechtgelegt, wie ich aus der Sache mit Mr. Flirty unbeschadet rauskommen würde.
„Du musst jetzt los“, drängte mich Ciara ungeduldig. „Du kannst ihn doch nicht warten lassen.“
Nur wenige Minuten später stand ich am vereinbarten Treffpunkt vor dem Aufzug. Nervös zupfte ich mir mein Kleid zurecht und meine Hände waren ein wenig kalt. Aufgeregt hielt ich Ausschau nach ihm.
„Madame Mel“, hörte ich schließlich eine Stimme hinter mir, woraufhin ich nervös herumwirbelte und in die Augen des alten Aufzugführers Charles blickte.
Aufzugführer war heutzutage nicht gerade ein zukunftsträchtiger Beruf. Doch die Galerie leistete sich diesen Luxus noch. Charles verdiente bereits seit jungen Jahren seinen Lebensunterhalt damit, dass er die einkaufenden Leute mit dem Aufzug in die richtige Etage beförderte. Das machte er mit einer unglaublichen Hingabe. Dabei trug er einen Frack und seine mittlerweile ergrauten Haare hatte er jeden Tag mit Pomade frisiert.
„Oh. Hallo, Charles“, meinte ich verlegen lächelnd zu ihm. „Ähm. Ich warte auf jemanden.“
„Ich weiß“, antwortete er mit bescheidener Höflichkeit.
„Du weißt? Woher?“, fragte ich völlig verdutzt.
„Ich würde Sie nun gerne zu ihm bringen“, erklärte er mir knapp.
„Zu ihm?“
Was war das für ein Spiel? Die Aufzugtür war offen und Charles forderte mich mit einer Handgeste und einem freundlichen Lächeln auf, einzusteigen. Ich zögerte kurz.
„Haben Sie keine Angst“, sagte Charles beruhigend zu mir, was meinen Widerwillen besänftigte.
Ehe ich es selbst so recht begriff, stand ich mit Charles im Aufzug und die Türen schlossen sich vor mir. Er steckte seinen Schlüssel in ein Schloss, das mir vorher noch gar nicht aufgefallen war, und dann drückte er auf die 7.
„Vorzugsfahrt“, meinte er lächelnd.
Noch nie war ich im 7. Stock gewesen, der direkt unter dem Dach des herrschaftlichen Kaufhauses lag und nicht ohne weiteres erreichbar war. Umso mehr Geschichten rankten sich darum, die vom ein oder anderen fantastisch ausgeschmückt worden waren. Nach den Schlüssen, die man daraus ziehen konnte, musste sich dort die sogenannte Direktorenwohnung befinden. Eine luxuriöse Penthousewohnung im Stile der 50er Jahre, die allerdings zuletzt in den 70ern bewohnt gewesen war, als das Kaufhaus noch von der damaligen Inhaberfamilie geführt wurde. Von ausschweifenden Partys aus dieser Zeit wurden immer noch Geschichten erzählt. Was davon wahr war und was nicht, war schwer zu sagen. Warum Charles mich dort hinauffuhr, war mir ein echtes Rätsel?
„Der 7. Stock?“, fragte ich unsicher nach.
Charles nickte nur lächelnd. Dann gingen die Türen des Aufzugs auf, die direkt in eine Wohnung führten.
„Haben Sie nur vertrauen, Madame Mel“, meinte er mit gutmütiger Stimme zu mir. „Alles geschieht zu Ihrem Besten.“
Vorsichtig stieg ich aus und schaute mich verwundert um. Es war, als hätte mich eine Zeitkapsel mehrere Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit katapultiert. Die Wohnung versprühte den Charme vergangener Tage und erinnerte an herrschaftliche Zeiten. Die Räume atmeten den Duft längst vergangener Tage. Sie waren in ein fahles angenehmes Licht getaucht. Plötzlich hörte ich, wie sich hinter mir die Aufzugtüren zu schließen begannen. Erschrocken drehte ich mich um.
„Einen schönen Abend, Madame Mel“, sagte Charles noch, bevor sich der Aufzug ratternd wieder nach unten bewegte.
Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich gefangen war. Ich war Mr. Flirty ziemlich arglos in die Fänge gegangen. Suchend schaute ich mich nach ihm um.
„Mr. MacRea“, rief ich von leichter Panik ergriffen in die Räume der Wohnung.
Vorsichtig bewegte ich mich fort. Ich wollte die Sache hier so schnell wie möglich beenden und wieder hinunter. Schwere Gardinen hingen vor den hohen Fenstern. Teure Designermöbel, die noch aus den 60ern stammen mussten, zierten meinen Weg durch die Wohnung, bis ich zu einem kleinen Wintergarten kam, der nostalgisch anmutete. Pflanzen rankten sich darin, als würde hier tatsächlich noch jemand wohnen. In der Mitte des kleinen Raumes stand ein runder Tisch mit Tischdecke und zwei Stühlen. Er war schön gedeckt. Ein Kerzenleuchter erhellte den Raum sanft mit flackerndem Licht. Ein hübscher Blumenstrauß in einer kunstvollen Vase stand daneben. Im Hintergrund lief romantische Musik, von der ich nicht genau sagen konnte, woher sie kam. Ich schaute aus dem Fenster. Von hier aus hatte man einen traumhaften Blick über die ganze Stadt, die langsam im Dunkel der Nacht versank. Beinahe wäre ich ins Träumen gekommen. Doch plötzlich riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken.
„Ich hoffe, du willst nicht sofort wieder gehen.“
Instinktiv drehte ich mich um. Verwundert starrte ich ihm in die Augen.
„Matt. Was machst du hier?“, wollte ich wissen. „Und wo ist Mr. Flirty? Was soll das alles?“
„Mr. Flirty wird nicht kommen.“
„Was? Wieso?“
„Weil der Zettel neulich nicht von ihm war.“
„Was soll das heißen?“, stammelte ich unsicher.
„Die Einladung... nun... sie war von mir“, rückte er verlegen heraus.
„Du?“, fragte ich und schaute ihn mit großen Augen an.
„Sei mir bitte nicht böse. Du bist jedes Jahr so unglücklich am Valentinstag. Und... ich will dir zeigen, dass es auch wieder anders sein kann.“
Langsam trat er einen Schritt auf mich zu. Er war auf einmal so nah bei mir, dass ich beinahe meinte, sein Herz schlagen zu hören. Vorsichtig nahm er meine Hände in seine.
„Wenn du nicht willst, bringe ich dich sofort wieder nach unten. Aber es wäre mir eine Ehre, wenn du diesen Abend mit mir hier verbringen würdest. Ich hab leckeres Essen für uns von der Feinkostabteilung vorbereiten lassen.“
Er grinste mich verschmitzt an und es war wirklich schwer, diesem Angebot zu widerstehen.
„Na ja. Ein bisschen Hunger hätte ich schon“, piepste ich verlegen hervor, weil ich wirklich wahnsinnig gerne mit ihm den Abend verbringen wollte.
Er rückte mir den Stuhl zurecht und ich hockte mich darauf. Wenig später servierte er mir das Essen. Es begann mit einer leckeren indischen Linsensuppe. Als Hauptgericht gab es schottischen Wildlachs mit Kartoffeln. Und als Dessert Schokoladenmousse. Dazu ein herrlich frischer Weißwein. Wir unterhielten uns angeregt und der Abend war wirklich kurzweilig. Matt wurde mir mit jeder Sekunde, die ich mit ihm verbrachte, sympathischer.
„Wird wohl langsam Zeit zu gehen“, meinte ich schließlich zu ihm.
Es war schon dunkel. Nur die Lichter der Stadt leuchteten unter uns. Ich erhob mich langsam von meinem Stuhl. Er kam auf mich zu.
„War sehr schön mit dir heute Abend“, sagte er lächelnd und schaute mir dabei intensiv in die Augen.
„Fand ich auch“, gab ich ihm zurück und fühlte mich in diesem Augenblick in seiner Nähe sehr glücklich.
Wir standen uns nah gegenüber und die Stimmung war ziemlich prickelnd, obwohl eigentlich gar nichts war.
„Soll ich dich nach unten bringen?“, fragte er mich mit leiser Stimme.
Das Kaufhaus hatte längst geschlossen.
„Ich weiß nicht“, hauchte ich zart zu ihm und unsere Lippen waren bereits gefährlich nah beieinander, sodass ich seinen schweren Atem spüren konnte.
Ganz langsam ließ er seine Hände um meine Hüften gleiten und zog mich noch ein Stück näher zu sich heran. Ich umschlang seinen Unterkörper vorsichtig. Dann begannen wir uns leidenschaftlich zu küssen. Seine Lippen schmeckten noch schokoladig süß vom Dessert. Unsere Zungen berührten sich. Es fühlte sich samtig weich an. Mein ganzer Körper kribbelte. Sanft streichelte er dabei meinen Rücken und ich wollte, dass er nie wieder damit aufhörte.
Die ersten Sonnenstrahlen, die in mein Gesicht schienen, weckten mich. Wir waren noch immer in der Wohnung hoch über den Dächern Edinburghs und lagen eng aneinander gekuschelt auf einem in die Jahre gekommenen Plüschsofa, eingewickelt in eine nach frischem Lavendel duftende Patchworkwolldecke. Mir war angenehm warm. Mein Kopf lag auf seiner Brust. Er schlief noch. Mit meinen Fingern streichelte ich zart über seine warme Haut und beobachtete seinen Atem. Seine Hand lag locker über meiner Hüfte. Seine Nähe tat mir unglaublich gut. Und auch wenn ich noch nicht sagen konnte, was das alles zu bedeuten hatte, fühlte es sich in seiner Nähe verdammt gut an. Und in diesem Moment war ich mit dem Valentinstag ein klein wenig versöhnt.
Tag der Veröffentlichung: 10.02.2025
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Widmung:
Happy Valentine's Day!