Die volle Mondin
singt in mir
I A O
Das ist die Erhabene
die erste Göttin
Mondin
der J H W H
ihren Namen nahm
Liebe Leserin, lieber Leser,
begeben wir uns auf eine fantastische Reise, folgen wir unserer Sehnsucht nach Abenteuern! Beginnen wir im trauten Heim, gehen wir hinaus auf die Straße, schauen wir als Voyeure in andere Zimmer, um schließlich die Stadt zu verlassen, hinauszulaufen oder in unseren Träumen weiterzuschweben, über die Grenzen hinaus ins Wiesenland hin zu unserer großen Liebe!
So bildet diese neue und zweite Sammlung von Kürzestgeschichten die Fortsetzung zum Ruf der Mondin. Sie kehrt zurück zu dir, die nie verschwunden war: die Mondin. Und all die Dinge geschehen in der Nacht unter ihrem Licht, die dort oben steht, und alles »sieht«.
Die unter uns Menschen aber irren sich, die glauben, sie täte etwas. Sie tut nichts! Sie schaut den Dingen zu, augenlos und ohne Emotion, seit etwas oder irgendwer sie aus der Erde schlug. Mein Gott, was sie schon alles sah in den letzten Hunderttausenden von Jahren an Menschentaten!
Und du weißt, es gibt kein Ende und keinen Anfang. Jedes Ende ist wiederum Anfang, und jeder Anfang ... So ist das eben im Kreis, im Kreislauf des Lebens und der Dinge.
Sitzt er also noch immer dort, der junge Mann, mit starren toten Augen im Licht der Vollen Mondin und träumt so vor sich hin? Und die Nacht über diesem Teil der Erde endet nie? Und sie scheint noch immer?
Ungeheuer vielfältig sind diese Welten, hier und dort, und dann ...
»Wo? Wo? Wo?«, fragst du.
Im letzten Teil der Mondintrilogie natürlich!
Und wieder ist hier, wie damals und morgen, ein Rahmen und ein gemeinsamer Nenner zumindest: Das ist der Spiegel meiner Seele. Also ging ich einst mit einem Sänger und dessen Freund in später Nacht über eine sumpfige Wiese? Ja, so war es! All dies geschah, all dies geschieht. Dies alles ist! Dort standen wir drei in ihrem Licht. Wir sahen empor in die strahlende Volle Mondin. Und einer von uns sprach magische Worte und sang ihren ältesten Namen in die Nacht: I A HU, das ist I A O, die Erhabene.
Es war unter dem Licht
Es war unter dem Licht
der Vollen Mondin
in ihrem Licht
da wir uns trafen
Luna
In meinem Herzen
schlägt die Mondin
ihren endlosen Weg
um die Erde
SIE
die das Licht
des Sonns spiegelt
dessen Strahlen
die Erde befruchten
aus deren Schoß
wir Menschen wachsen
Da sitzt also ein junger Mann auf einer Bank im Park unter Platanen. Und der Ruf der Mondin ist nichts weiter als ein Traum, Schaum, Hirngespinst eines kleinen Möchtegerndichters, der dort mal mittags saß. Aber doch nicht in der Nacht, aber doch nicht sterbend, aber doch nicht mit starrem Blick!
Also ist dir alles klar: Das Ganze ist nur so ein kleiner Trick, sehr vordergründig, nicht mehr als ein Pseudorahmen für fantastische Stories, die aber auch gar nichts miteinander zu tun haben, außer das eine: seinem Gehirn entsprungen zu sein, seinem Geist, seiner Seele. Und was heißt hier »entsprungen«, vermutlich schrieb er so manches irgendwo ab, ließ sich inspirieren von Gesehenem und Gelesenen, wie das immer so schön heißt, erlebte selbst nur wenig.
»So ist es!«, spricht der Dichter, »ertappt!« Und nicht nur der im Park, nein auch der junge Mann im Zimmer unter dem Dach bin ich. Und dort unten saß ich nie bei Nacht, denn ich lebe ja noch. Und doch - könnte ich nicht dort in eisiger Kälte mit starren Augen, im Nachtfrost erstarrt sitzen?
Und manchein Penner trinkt Bier aus Dosen und keinen roten Wein.
Und du, liebe Leserin, lieber Leser wunderst dich, denn du kennst das Buch, du kennst den Ruf der Mondin. War es nicht Sommer, als alles geschah? Wie kann ich nun von eisiger Kälte reden. Siehst du, Dichter lügen (Friedrich Nietzsche). Und wer bin ich? Lüge auch ich? Ist nun dort Wärme und Sommer oder Winter und Eiseskälte? Oder ein kleiner logischer Fehler, wie so oft? Ja, wer weiß, wer weiß?!
Oder geschah doch alles gestern, war so oder so ähnlich, ist Vergangenheit?
Doch wohnt er nicht jetzt um die Ecke in einer anderen Straße, in einer kleinen Zweizimmerwohnung mit endlos hohen Decken, so scheint es ihm, der vorher in einem Dachzimmer mit klitzekleinem Fenster und einem in der Mitte aufgestellen Bücherregal wohnte. Ja, dieser Altbau, ein Reihenhaus, dessen ersten Stock er nun bewohnt, hat gigantisch hohe Räume, könnte er doch mehr die dritte Dimension ausnutzen - die Decke hochsteigen wie der Vampir, wie die höllischen Mächte, oder kopfunter unter der Decke ruhen wie die Fledermaus. Und wie lang jetzt erst die Wege dort unten sind: vom Ende des einen Zimmers, wo sein neuer PC, Drucker und Scanner und das Kombigerät aus Telefon, Fax und Anrufbeantworter stehen über das zweite Zimmer mit Bett, Fernseher, Video, DVD und Musikanlage bis hin zur Küche. So ist es im Januar 2009.
Mag sein, dass es so war, dass es so ist, denkst du, aber wen interessiert’s? Was soll’s? Spielt’s irgendeine Rolle?
Ja und nein! Wie es immer ist. Alles könnte irgendwie wichtig sein. Oder auch nichts ist wirklich wichtig.
Was ist übrigens für dich das Größte?
Doch fragen wir anders, fragen wir nach seinen Träumen. Träumte er seltsame Träume?
Er träumte, er träumt. Ewig träumt er all diese Dinge.
Irgendwo schaut einer bei Kerzenlicht und Rockmusik in einer kleinen Kneipe auf eine Spinnenarmbanduhr: Die schwarze Spinne läuft im Kreis und zählt die Sekunden. Aber die Minuten und auch die Stunden vergehen nicht. Also ist irgendetwas mit der Zeit? Also steht die Zeit doch still? Trotz vergehender Sekunden? ...
Er schaut auf und in das Licht der Vollen Mondin. Es ist warm und Sommer, und leise singt das Laub. Nachtfalter flattern um Laternen, eine Fledermaus ist hinter ihnen her.
Dies alles geschieht ganz unbemerkt inmitten einer kleinen Stadt?
Ja. Jetzt schließt er die Augen, und die Lider flattern: REM rapid eye movements - Traum.
Träumt er vom großen Ruhm?
Er träumt davon, dass du jetzt diese Zeilen liest, dass du begeistert sein wirst von einigen Geschichten in diesem Buch, das du jetzt in deinen Händen hältst.
Er träumt von Schneebällen, nein, er träumt vom Schneeballeffekt: Dir gefällt dies Buch und so empfiehlst du es weiter oder verschenkst es und ... Immer mehr Menschen lesen, hören, sehen und fühlen, was er einst sah.
Große Träume eines kleinen Mannes.
Das ist ein kleines Zimmer, nein, nicht direkt unter dem Dach, es gibt auch noch einen Dachboden darüber, wo bis vor Kurzem noch allerlei Gerümpel stand - jetzt ist alles in der Küche gestapelt: Da sind zum Beispiel seine Aquarien, in denen einst Fische schwammen und Molche, amerikanische Sumpfschildkröten sich sonnten und schließlich Vogelspinnen lebten.
Kommst du die Treppe hoch - viele, viele Stufen - so findest du auf dem Flur vier Türen, rechts zunächst ein winziges Zimmer, in dem indonesische Studenten wohnen - nein, ganz so schlimm sieht es noch nicht aus mit der Wohnungsnot, einer, immer nur einer, nicht alle auf einmal. Links gibt es eine Tür, die uns hier nicht interessieren soll, sie führt ins Bad für die WG, also Wohngemeinschaft eine Treppe tiefer. Geradeaus ist die vierte Tür zu erblicken. Zuvor jedoch rechts kommt die entscheidende Dritte, die zunächst in die Gemeinschaftsküche mit Dusche führt, und dort innen führt links eine weitere Tür zu seinem Reich. Ein Türschild aus Pressspan ist hier festgenagelt, darauf steht: Rainar Nitzsche Verlag. Und dann ist da auch noch dieses Logo: diese fliegende, erleuchtete Schildkröte in Erinnerung an alte Zeiten, als er noch zusammen mit seinen Rotwangenschildkröten träumte. Dort saßen sie auf einem trockenen Sandstein im Aquaterrarium, unter dem Licht einer Lampe, den Kopf erhoben, die Augen geschlossen, die Hinterbeine mit ausgebreiteten Schwimmhäuten nach oben ausgestreckt. So tankten sie Wärme. Und er saß träumend davor. »Die Schildkröten träumen«, hörte er einst in einem Hörspiel. Nein, sie träumten nicht von seinem Zimmer, in dem sie lebten, in dem er noch immer wohnt, so lange Zeit schon. Ob ich es je verlassen werde, aufrecht gehend und nicht hinausgetragen, es für immer verlassen werde?, fiel ihm kürzlich ein, arbeitslos und auf Jobsuche und nicht gerade bester Laune. Da wohnt er also nun schon seit über acht Jahren in diesem kleinen Zimmer in einem von vielen Häusern, die aneinandergebaut die eine Seite der Straße flankieren. Und nun ist es noch nicht lange her, dass er von seinem kranken Herzen erfuhr. Wenn er doch endlich einmal den Operationstermin erführe. Auch eine neue Wohnung hat er in Aussicht, denn sein Biologenfreund, der um die Ecke herum wohnt, will wieder nach Bayern ziehen, da wird seine frei. Positives! Unserem Helden aber geht es gar nicht sonderlich gut: Nur noch mit Pause schafft er die zwei Treppen bis zum Dachzimmer hinauf.
Augen
Du schaust auf. Du schließt deine Augen. Wärme. Du träumst von ewiger Nacht. Und draußen versinkt der rote Abendsonn im Meer. So schnell, so rasch.
Schwärme schwarzer Falter verlassen das Zentrum deiner Stirn, das Stern ist unter Sternen. Jetzt aber leuchten die Schmetterlinge auf in allen Farben: Sie glühen blau und grün, rot und gelb. Also ist es wie in tiefster See: leuchtende Fische dort unten, leuchtende Falter hier oben. Oben wie unten, unten wie oben.
Und dann - ja! - nun öffnen sich deine Augen wieder. Mein Gott, sie sind - du könntest es nicht sehen in dieser Dunkelheit, wenn du einen Spiegel hättest, aber du weißt, wie sie sind und niemals zuvor waren - sie sind schwarz! Nein, schwärzer noch als alle Nächte dieser Erde. Sie sind Raum, sie sind Zeit, sie saugen ein das Licht der fernsten Sterne, die da nun überall strahlen über dir. Kein Zimmer mehr, kein Haus, keine Mauern, keine Grenzen. Nur Weite ...
Jetzt erst verlassen - ein Schwirren und Flattern - schwarze Schwingen deine Augen, deinen Kopf, deinen Körper, denn du hast dich verwandelt - Mensch in Nachtkreatur, einer in viele.
Vieltausendfach flattern wir nun empor, em-p o r in die Nacht, dem Licht der Vollen Mondin entgegen, die da ruft, die uns ruft ohn’ Unterlass. Wir kommen!
Irgendwoanders weint ein Mensch, der dieses Bild einst sah, der es in Menschenworten ach so kläglich nur beschrieb, ein erstes und ein zweites Mal. Irgendwoanders tippen Finger über eine Tastatur. Und wieder weint seine Seele, während seine Augen dies hier lesen und seine Finger es ergänzen, während seine Synthesizerklänge in seinen Ohren widerhallen. Irgendwoanders, weit, weit entfernt ...
Dieser Stahl schneidet
Irgendwer
sagt es immer wieder
flüsternd in dir:
»Dieser Stahl schneidet!«
Noch immer träumend
wachst du auf
und reibst dir die Augen:
»Was ... was ... was?«
»Schneidet deinen Hals!«
Du stehst nicht mehr auf
vom blutrotem Laken
nie mehr!
Licht aus
Du wachst auf.
In deinem Zimmer?
Klar doch, wo sonst? Alles ist wie immer.
Nein, irgendetwas ist heute anders, etwas stimmt hier nicht. Oder schläfst du noch immer und träumst nur zu erwachen? Daher also, daher.
Die Lichter gehen aus in den Städten.
Du hast keine Kerze im Haus, und auch keine Taschenlampe.
Die anderen in den Fahrstühlen und Hochhäusern der großen Städte trifft es schlimmer.
Die Lichter sind erloschen.
Sie lachen, die Wesen der Nacht. Schatten huschen an den Wänden. In den Parks und Straßen leuchten Feuer. Menschen wärmen sich an den Flammen. Keine Sirenen und nirgends blinkende Lichter. Alle Autos stehen still. Längst ist das Telefonnetz zusammengebrochen, nirgendwo klingelt’s, piepsts und spielt irgendwelche Melodien.
Wenige Menschen warten auf den Morgen, den Morgensonn. Noch wissen sie nicht, dass sie ihn nie mehr erleben werden.
Viele von ihnen werden dann tot sein.
Auch die anderen, die überleben, werden vergeblich auf seinen strahlenden Aufgang warten.
Denn diese Nacht der Nächte währt ein Äon.
Und du? Was tust du?
Ruhig setzt du dich auf den Boden deines kleinen Zimmers. Still geht dein Atem. Am offenn Fenster atmest du ein die Nacht, sie zu sammeln und zu wandeln.
Und sie strömt zu dir herein.
Und du strömst zu ihr hinaus.
Eins werden und leben. Oder
Verlag: BookRix GmbH & Co. KG
Texte: Rainar Nitzsche, Erste Auflage 1997 im Rainar Nitzsche Verlag
Bildmaterialien: Berthold Mallmann
Tag der Veröffentlichung: 11.04.2017
ISBN: 978-3-7438-0714-3
Alle Rechte vorbehalten
Widmung:
Allen Menschen
die in ihren Träumen leben
allen Menschen mit Fantasie
und allen anderen Träumern
vor uns, nach uns und neben uns