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Kapitel 1


Endlich fingen die Winterferien an. Seit einem Monat freute ich mich auf die Ferien, vor allem, da unsere ganze Verwandtschaft wieder beisammen war. Natürlich, waren die Geschenke immer noch das Beste.
Draußen war es längst schon eiskalt. Und der Schnee fiel vom Himmel auf die Erde hinab. Sie hüllte die Welt in eine weiße Landschaft ein. Die Stadt wurde sehr weihnachtlich geschmückt. An jeder Straßenlaterne wurde ein Weihnachtsbaum befestigt. Alle Menschen waren im Weihnachtsfieber und freuten sich auf die nächsten Feiertage. Auch wenn Weihnachten etwas Schönes war, fehlte einem die Wärme. Und im Sommer dachte man, warum es nicht ein wenig kälter sein könnte.
Seufzend lag ich in meinem Bett. Heute war ich schon ziemlich früh aufgewacht, was eigentlich nichts Normales bei mir war. Sonst schlief ich immer so bis mittags und jetzt zeigte die Uhr gerade erst 8.
Ich schnappte mir ein Buch, das auf dem Nachtisch lag und fing es an zu lesen. Gegen die Langweile musste ich etwas tun. Und ich war zu faul, jetzt schon aufzustehen.
Mindestens eine Stunde las ich in meinem Bett, bis es mir doch zu blöd wurde und ich aufstand. Aus meinem Kleiderschrank holte ich mir einen schönen, dicken und warmen Pulli, sowie eine verwaschene Jeans mit dicken Socken. Mein Kleiderschrank war riesig, denn ich liebte Klamotten über alles. Man könnte meinen, ich wäre Shoppingsüchtig, aber da war meine Cousine noch schlimmer dran, als ich.
Meine Cousine schleppte ihren Bruder immer auf ihre Shoppingtrips mit, um einen Packesel zu haben.
Fröhlich schlich ich aus meinem Zimmer, um die anderen nicht zu wecken und tapste ins Bad.
Eine warme Dusche könnte ich jetzt sehr gut gebrauchen. Ich stellte das Wasser an und schälte mich aus meinen Schlafsachen, die aus einer Jogginghose und einem Shirt, worüber ich meistens noch einen Pulli zog, bestand.
Schnell schlüpfte ich in die Kabine und das warme Wasser prasselte auf meine Haut. Meine Eltern waren beide Anwälte und somit hatten wir nie finanzielle Probleme. Unser Haus glich fast einer Villa und wir benötigten diesen Platz auch.
Josh und Alex waren Zwillinge – Horrorzwillinge und dazu auch noch meine Brüder, die ungefähr drei Jahre älter waren. Vor ihrem dritten Lebensjahr hätte man nie gedacht, dass sie zu solchen Dingen fähig waren. Sie hassten es, wenn man sie ‚süß‘ nannte. Man durfte sie nicht verniedlichen, das schadete ihrem Ego. Ab ihrem dritten Lebensjahr haben sie jedes Leben zur Hölle gemacht.
Zuerst fing es noch harmlos an, indem sie mit ganz kleinen Dingen anfingen. Da ich noch ein kleiner Winzling war, nahmen sie meine Kleidungsstücke und zogen es unserer Katze an.
Danach kamen sie auf die Idee mich mit Katzenfutter zu füttern. Zum Glück hatte es meine Mom noch frühzeitig gemerkt. Je älter sie wurden, desto schlimmer wurden sie. Sie bewarfen das Haus ihres Hasslehrers – eigentlich hassten sie alle ihre Lehrer – mit Eiern, oder verzierten es mit Klopapier. Einmal malten sie mit roter Farbe an dessen Haus: „Schwule raus!“, da ihr sogenannter Mathelehrer schwul war. Sie hatten eine Abneigung gegen Lehrer und gegen Regeln.
Die beiden brachten unsere Eltern an den Rand der Verzweiflung. Aber wie es sich herausgestellt hatte, haben sie auch eine gute Seite, nämlich ihr ‚Beschützer-Ding‘.
Jeder, der sich an mir vergriff, oder mir weh tat, bekam es mit meinen Brüdern zu tun. Ihr Körperbau glich dem eines Bodyguards und einem Türsteher. Dazu setzten sie immer ihren Killerblick auf. Selbst ich hatte manchmal Angst vor ihnen. Josh und Alex waren Eineiigezwillinge und konnten mit ihrem Äußeren den Lehrern ganz schön auf die Nerven gehen. Denn manchmal wechselten sie ihre Identität, sodass Alex Josh war und Josh Alex war. Alex und Josh ließen sich zu Polizisten ausbilden. Ausgerechnet die Beiden. Nie hätte man das von ihnen erwartet, dass sie Gesetzeshüter werden würden.
Aber ich hatte nicht nur diese beiden Brüder, sondern noch eine kleine und große Schwester.
Sienna war drei Jahre jünger. Ihr kleiner und zierlicher Körperbau ließ sie nicht wie eine Fünfzehnjährige aussehen. Und sie hatte ultralange, schwarze Haare und dazu noch wunderschöne braune Augen. Sie musste nur ihren Hundeblick aufsetzen und sie bekam immer ihren Willen.
Briana war zwei Jahre älter. Mit ihren zwanzig Jahren studierte sie Medizin.
Ihre sportliche Figur und ihre blonden, schulterlangen Haare halfen ihr, die Jungs um ihren Finger zu wickeln.
Aber das Merkwürdige war, dass nur wir Mädchen ein Mal auf unserer Haut besaßen. Bei mir war es ein kleines chinesisches Zeichen am unteren Handgelenk. Auf Siennas rechter Schulter befand sich ein kleiner Drache. Und bei Briana befand sich auf dem Knöchel eine Blume.
Wir wussten alle nicht, was dies bedeutete. Unsere Eltern taten ahnungslos, sowie unsere Brüder. Doch sie schienen etwas zu wissen. Diese Zeichen befanden sich schon von Geburt an auf unserer Haut. Es war zu merkwürdig. Kein Tätowierer würde ein Baby tätowieren und verunstalten.
Gedankenverloren starrte ich auf das chinesische Zeichen. Ich wusste nicht, welche Bedeutung es hatte. Im Internet recherchierte ich stundenlang, aber nie habe ich solch ein Zeichen gefunden. Es war ein wenig frustrierend. Ich war so verflucht neugierig, was es zu bedeuten hatte.
Vielleicht würde ich es irgendwann noch herausfinden.
Schnell vertrieb ich diese Gedanken, die eh zu nichts führten.
Schöne zwei Wochen waren wir frei. Ich hasste es in der Schule zu sitzen. Es war wie ein Gefängnis. Wenn man schwänzte und dies herauskam, wurde man von der Polizei höchst persönlich abgeholt. Was für ein Luxus. Das Schulgebäude war groß, trist und farblos. Die Wände waren weiß und an ihnen standen blaue Schließfächer. Meistens bestanden die Wände noch aus Mauersteinen, damit diese nicht von Schülern bekritzelt wurden. Aber das nützte nichts, denn zurzeit waren Graffitis hoch angesagt. Die Toiletten sahen auch nicht besser aus. Zwar wusste ich nicht, wie es bei den Jungs aussah – und dies wollte ich auch erst gar nicht erfahren – jedenfalls standen bei uns lauter Sachen wie: „Julian ist so heiß“ an den Türen. Julian war der Macho, der ganzen Schule. Er und seine Kumpels waren eingebildet, arrogant und dachten, sie würden jedes Mädchen rumbekommen. Sie nervten einfach nur. Selbst meine jüngere Schwester Sienna stand schon auf diese Idioten und es gab weit aus bessere, die sie verdient hatte. Aber selbst ich musste zugeben, dass sie wirklich ‚zum anbeißen‘ gut aussahen.
Nach einer Viertelstunde stellte ich das Wasser ab, wickelte mir ein Handtuch um meinen nassen Körper und stieg aus der Duschkabine. Unser Badezimmer war riesig. Eine große Badewanne, zwei Waschbecken, ein Klo und diese Dusche befanden sich hier drin. An der gegenüberliegenden Wand waren die Waschbecken befestigt und darüber hing ein riesen großer Spiegel. Davor standen – geordnet – ein paar Dinge drauf, unter anderem die Zahnbürsten oder Parfüm.
Der Spiegel war durch das warme Duschen beschlagen. Schnell griff ich nach einem Handtuch und putzte ihn sauber. Danach erblickte ich meine großen, blauen Augen. Wenn die Farbe nicht blau, sondern braun wäre, würde man meinen, es wären verschreckte Rehaugen.
Viele kleine Sommersprossen befanden sich in meinem zurzeit blassen Gesicht. Im Sommer war ich immer nur leicht braun, mehr aber auch nicht.
Ich rubbelte mir meine blonden, langen Haare ein wenig trocken, bevor ich anfing sie zu föhnen. Danach schlüpfte ich in frische Kleidungsstücke und band meine Haare zu einem Zopf zusammen.
Lächelnd verließ ich das Badezimmer und lief die Treppe hinunter, um in die große Küche zu gelangen. Dort erwarteten mich auch schon die Frühaufsteher – meine Brüder. Die beiden saßen zusammen am Esstisch, tranken ihren morgendlichen Kaffee und lasen dabei die Zeitung.
Verwirrt blickten sie mich an.
„Du, ausgerechnet du, bist schon wach?!“, verhöhnte mich Alex mit einem fetten Grinsen im Gesicht.
„Na und?“, zischte ich zurück.
„Schon gut, Morgenmuffel“, neckte er mich weiter und wandte sich seinem Kaffee wieder zu, ohne mich aus den Augen zu lassen. Oh, wie ich es hasste, wenn sie mich Morgenmuffel nannten. Zugegeben war ich wirklich einer und einer, der ziemlich schlecht gelaunt war, nur heute war es irgendwie anders.
„Ich habe da mal eine Frage“, fing ich das Gespräch an und ignorierte seinen spitzen Kommentar.
„Schieß los“, hörte ich Josh in seine Kaffeetasse nuscheln.
„Ihr habt doch gleich Dienst oder?“, hakte ich weiter nach.
„Nein, Mia“, hörte ich auch schon die ernste Antwort von Alex.
„Du weißt doch noch gar nicht, was ich fragen wollte!“, empörte ich mich.
„Ich kann die Frage deutlich in deinem Gesicht ablesen“, antwortete er gelassen.
„Ach ja?“, zischte ich. „Und was wollte ich fragen?“ Wütend stemmte ich meine Hände an die Hüfte.
„Du wolltest fragen, ob wir dich mal auf eine Mission mitnehmen könnten“, antwortete Josh. Es verwirrte mich. Josh hatte mir nicht mal ins Gesicht gesehen und er saß mit dem Rücken zu mir.
Während mir sein Bruder Alex süffisant zu lächelte. Auch wenn ich eine der wenigen Personen war, die sie unterscheiden konnte, verwirrten sie mich manchmal echt. Sie benahmen sich merkwürdig, sowie jetzt. Irgendwas war da doch im Busch. Meine Brüder, Mom und Dad verheimlichten meinen Schwestern und mir etwas. Aber was es war, konnte ich nicht definieren.
„Warum nicht?“, fragte ich leicht säuerlich nach und schmollte vor mich hin.
„Oh, man. Josh, bloß nicht hingucken“, warnte Alex seinen Zwillingsbruder.
Josh seufzte schwer und leerte seine Kaffeetasse. „Zieht sie schon wieder ihren Schmollmund mit dem Hundeblick?“
„Ja“, antwortete Alex knapp und hielt sich theatralisch seine Augen zu.
„Hey!“, rief ich entrüstet. „Ihr übertreibt!“

Eine halbe Stunde hatte ich benötigt, sie zu überreden und es war ziemlich schwer gewesen.
Verdammt, Josh und Alex waren schwere Brocken, die schwer zu knacken waren.
Aber ich hatte es geschafft. Ein triumphierendes Lächeln umspielte meine vollen Lippen.
Ich saß auf der Rückbank des schwarzen Mercedes Benz.
„Mia, wir nehmen dich kurz mit auf die Polizeistation und dann setzen wir dich irgendwo ab“, antwortete Josh genervt und bog um die Ecke.
„Irgendwo?“, fragte ich säuerlich. „Ach, komm schon, Bruderherz.“
„Oh, nein! Nicht mit dieser Leier“, hörte ich Alex in seiner Ecke brummen. Er übertrieb maßlos. „Kannst du nicht mal ein braves Mädchen sein, zu Hause bleiben und kochen. Dafür ist doch das weibliche Geschlecht da“, kommentierte Alex weiter, während sich Josh auf die Fahrbahn konzentrierte.
„Alex!“, empörte ich mich. „Ich frage mich, wieso ausgerechnet ihr beiden überhaupt diesen Beruf erlernen wolltet! Ihr gehört doch noch in den Kindergarten!“
„Oh, Shit!“, rief Josh plötzlich.
„Was?!“, rief ich panisch aus.
Alex wusste Bescheid, holte das Blaulicht heraus und befestigte es oben auf dem Dach des Wagens.
Sofort beschleunigte Josh von 0 auf 100. Endlich konnte ich live eine Verfolgungsjagd miterleben.
„Ausgerechnet jetzt“, fluchte Josh vor sich hin.
Wie ich bemerkte, verfolgten wir einen schwarzen Sportwagen, der flink durch die Reihen der Autos fuhr. Ich fühlte mich wie bei ‚Alarm für Cobra 11‘.
Doch plötzlich verließen sie die Autobahn.
„Okay, Mia! Halte dich gut fest!“, warnte Josh und fuhr um die Kurve.
Wir verließen die Autobahn und landeten im Stadtteil.
Josh fuhr über mehrere rote Ampeln, streifte beinahe einen LKW, der in ein anderes Auto reinfuhr und somit explodierte. Panisch starrte ich aus dem Fenster und sah der Explosion zu.
Wow! Das war echt unglaublich.
Alex telefonierte wild in sein Handy. Aus dem Gespräch verstand ich nur, dass sie Verstärkung bräuchten.
Plötzlich riss Josh das Lenkrad rum, fuhr zu schnell um die Ecke, sodass wir nur noch auf zwei Reifen fuhren. Panisch krallte ich mich an den Sitzen fest. Er war ein absoluter Horrorfahrer.
Entgegenkommende Autos wichen uns aus und fuhren gegen Straßenlaternen oder Gebäuden.
So etwas Aufregendes hatte ich noch nie in meinem Leben miterlebt.
Plötzlich fuhren wir in eine Sackgasse. Misstrauisch kniff ich die Augen zu. Hier war etwas faul. Etwas weiter vorne hielt der Wagen der Leute, die wir verfolgt hatten an.
Josh und Alex bewaffneten sich, bevor sie diesen Wagen verließen.
„Mia! Du bleibst hier! Haben wir uns verstanden?!“, drohte Alex.
Ich brachte nur ein stummes Nicken zustande und blickte gebannt nach vorne.
„Passt auf euch auf!“, flüsterte ich, sodass sie es eigentlich nicht gehört hätten, aber die beiden nickten und schlossen die Türen.
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus.
Unruhig rutschte ich auf dem Sitz hin und her. Es war am helllichten Tag, da konnte doch eigentlich nichts passieren?! Ach, was machte ich mir eigentlich vor?!
Wieso hatte ich bloß meine Brüder überredet mitfahren zu können?
Jetzt wünschte ich mich in mein Bett, ja mein schönes, kuscheliges Bett.
Es schien, als würden sie miteinander diskutieren.
Als plötzlich ein Schuss fiel, hielt ich es nicht mehr länger im Auto aus. Deshalb beschloss ich – Panikattacke! – auszusteigen. Ich brauchte Gewissheit.
Zögernd öffnete ich die Autotür und stieg aus. Das Blaulicht gab keinen Ton mehr von sich, doch es leuchtete immer noch.
Ich erkannte die Silhouetten von Josh und Alex. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass sich Josh seinen blutenden Arm hielt! Erschrocken japste ich nach Luft. Sie mussten es gehört haben, denn an ihrer Haltung erkannte ich, dass sie sich noch mehr anspannten. Alex drehte sich kurz zu mir um, fixierte mich böse und formte mit seinem Mund die Worte: „Steig wieder ein!“
Wie erstarrt, blickte ich zu ihnen.
Ein weiterer Schuss ertönte und Josh sackte in sich zusammen. Ohne nachzudenken, rannte ich auf ihn zu und fing ihn auf.
„Josh!“, rief ich entsetzt. Er war so schwer und riss mich mit zu Boden.
„Mia“, zischte Alex, der mittlerweile auch eine Pistole gezogen hatte. „Nimm ihn mit und verschwindet von hier!“
Hinter uns lachte jemand auf. Erschrocken drehte ich meinen Kopf in die Richtung. Dort standen drei Menschen, sowie hinter uns. Sechs gegen drei, beziehungsweise zwei. Josh war nicht mehr zurechnungsfähig.
„Hier verschwindet niemand mehr“, ertönte wieder dieselbe Stimme rau und tief. Sie jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Ich hatte panische Angst, aber irgendwie löste diese Stimme etwas Ungewöhnliches in mir aus. Die panische Angst legte sich und ein wohliges Kribbeln ersetzte es in meinem Bauch.
„Josh“, flüsterte ich besorgt und strich ihm eine Strähne aus seinem Gesicht. „Bleib wach!“
„Alex, wir haben uns schon solange nicht mehr gesehen und dann mit einer so hübschen Begleitung“, neckte der Fremde meinen Bruder.
„Lass sie aus dem Spiel“, zischte er. „Was willst du, Sebastien?“
Von diesem Sebastien und mir trafen sich die Blicke. Beinahe verlor ich mich in seinen tiefen, braunen Augen. Verwirrt schüttelte ich meinen Kopf und blickte wieder auf Josh hinab.
Dieser Sebastien, was machte er nur mit mir? In dem Augenblick, als sich unsere Blicke trafen, wäre mein Körper beinahe explodiert. Es fühlte sich an, als wäre er meine zweite Hälfte. Von seinem Äußeren hatte ich nicht viel gesehen, aber er musste wunderschön aussehen, so wie ich im Augenwinkel erkannt hatte. Er hatte mindestens denselben Körperbau wie meine beiden Brüder und seine Haare waren braun und kurz gestylt.
„Die alte Rechnung noch begleichen“, antwortete er geheimnisvoll.
Ich schluckte. Würden wir hier überhaupt lebend rauskommen? Und welche alte Rechnung? Ich wusste zwar schon immer, dass Josh und Alex ein etwas – um es nett auszudrücken – kompliziertes Leben führten. Sie waren jedes Mal, in wirklich jeder Situation auf Ärger aus.
„Alex! Was für einen Mist habt ihr schon wieder gebaut?“, schrie ich ihn verzweifelt an.
„Ach, halt die Klappe, Mia“, zischte er grob und fixierte weiterhin die fremden Leute. „Du hast doch keine Ahnung!“
„Wie soll ich bitteschön ’ne Ahnung haben, wenn ich von nix weiß“, giftete ich wütend zurück.
„Halt einfach die Klappe!“, fuhr er mich grob an, sodass ich erschrocken zusammen zuckte.
Ich versuchte den Kloß in meinem Hals hinunter zu schlucken und senkte meinen Blick.
Dealten sie etwa? Verdammt! Die aufsteigenden Tränen versuchte ich zu unterdrücken.
„Hast du’s dabei?“, fragte dieser Sebastien ein wenig gelangweilt, doch seine Augen strahlten etwas ganz anderes aus.
Oh, mein Gott! Sie dealten wirklich! Damit hätte ich nie im Leben gedacht! Wenn Mom und Dad das erfahren, dann konnten sie um Gnade winseln. Solche Idioten. Immer mussten sie sich in Schwierigkeiten bringen!
„Nein“, zischte Alex die Antwort.
Sebastien schmunzelte und fixierte mich für eine Weile. Ich spürte seinen verlangenden Blick auf mir Ruhen.
„Da ihr mal wieder nicht unser Abkommen eingehalten habt, muss ich euch einen Denkzettel verpassen“, sagte er mit einer ruhigen Stimme. Wie sagte man, es war die Ruhe vor dem Sturm.
Was geschah hier bloß? Das Ganze hier war so absurd.
„Ich will das Mädchen“, hörte ich seine tiefe Stimme. Mein Atem stockte. Erschrocken starrte ich in seine fixierenden Augen. Danach glitt mein Blick zu Alex, der etwas verkrampft wirkte.
„Nein“, antwortete Alex mit einer gelassenen Ausstrahlung.
„Entweder das Mädchen, oder dein Bruder stirbt“, entgegnete er, als würden sie ein ganz normales Gespräch führen, nur mit einem anderen Inhalt.
„Alex“, flüsterte ich. „Nicht, ich gehe mit.“ Diese Worte kamen mir schwer über die Lippen, aber es musste sein. Ich wollte nicht, dass Josh wegen deren Blödheit noch starb. Diese zwei Kugeln mussten mehr angerichtet haben, als sie aussahen. Sicherlich waren das keine normalen Kugeln.
„Mia, du weißt nicht, was du da sagst“, zischte Alex.
„Es ist ihre Entscheidung“, antwortete Sebastien fröhlich.
Einer von seinen Leuten packte mich an meinem Arm und zog mich grob auf meine Beine.
„Ich hole dich daraus, Mia! Ich verspreche es dir“, rief Alex. Es war das Letzte, was ich gehört hatte.


Kapitel 2


Freiwillig begab ich mich in die Höhle des Löwen.
Der Kerl, der mich hochgezogen hatte, zerrte grob an meinem Arm. Sein Griff war stark und fest. Ich konnte mich kaum wehren. Ich war hilflos wie ein Hase im Maul eines Wolfes.
Bevor ich in einen anderen Wagen gedrückt wurde, konnte ich Alex einen letzten Blick zu werfen. Er diskutierte wild mit Sebastien.
Ich wurde förmlich in den Wagen auf die Rückbank geschubst. Sie dachten wohl, dass ich nicht abhauen würde. Leise rüttelte ich an dem Türgriff auf der anderen Seite. Shit, verschlossen. Mit nicht all zu schnellen Bewegungen kletterte ich nach vorne und entsicherte die Verriegelung. Als ich die Tür öffnete, hörte sich dieses Geräusch in meinen Ohren zu laut nach meinem Geschmack an.
Flink schlich ich aus dem Wagen, doch plötzlich stand jemand vor mir. Erschrocken schrie ich auf.
Vor mir stand Sebastien. Aber wie? Er stand doch gerade noch eben bei Alex.
Fast den Tränen nahe sah ich zu ihm auf.
Mein Körper zitterte vor Angst. Seine Ausstrahlung war beängstigend stark und wütend.
Verschreckt blickte ich in seine Augen, die mich zum zweiten Mal in ihren Bann verschlugen.
Ich konnte gerade noch den Drang unterdrücken ihm seine Wange zu streicheln. Was war mit mir los? So kannte ich mich gar nicht! Niemals war das Bedürfnis so groß, wie bei ihm.
Ein amüsiertes Lächeln schlich sich in sein Gesicht. Trotzdem machte er mir eine riesengroße Angst.
Es fühlte sich wie Stunden an, solange standen wir voreinander. Er machte einen Schritt auf mich zu und war mir auf einmal so nahe. Es verschlug mir beinahe den Atem.
Was hatte er vor? In seiner Nähe konnte ich kaum klar denken! Was war hier nur los?
„Lass deine dreckigen Pfoten von ihr!“, hörte ich die gedämpfte Stimme von Alex rufen. Er war so nah, aber doch so fern.
Mein Herz pochte wie wild in meinem Brustkorb.
Sebastien war so groß. Ich hingegen war so klein und zierlich. Am liebsten wollte ich nur noch von seinen starken, muskulösen Armen umarmt werden. Was dachte ich da bloß? Ich kannte ihn nicht! Wieso übte er so eine ungeheure Macht auf mich aus? Es war beängstigend.
Sein Atem streifte meine empfindliche Haut hinter meinem Ohr.
„Du wirst mir nicht mehr entkommen“, flüsterte seine raue und tiefe Stimme zu mir. „Du gehörst mir!“
Seine verfluchte, verführerische Stimme löste ein viel stärkeres Verlangen in mir aus.
Sanft, aber bestimmend packte er mein Handgelenk und gab mir einen kleinen Stoß auf die Rückbank des Wagens. Sofort danach gesellte er sich zu mir und schloss die Tür.
Seine Präsenz war so stark.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Hoffentlich ging es Josh gut!
„Er wird schon wieder“, hörte ich seine Stimme.
„Was?“, fragte ich zögernd und strich mir nervös eine Strähne hinter mein Ohr.
„Dein angeschossener Bruder“, antwortete er spöttisch. „In ein paar Stunden ist er wieder topfit!“
‚Hä‘, schoss es mir durch den Kopf. Nach ein paar Stunden konnte man nicht topfit sein, wenn man von zwei Kugeln aus einer Pistole getroffen wurde. An meiner Seite hörte ich ein kleines, amüsiertes Lachen. Wollte er mich verarschen? Der Typ hatte sie nicht mehr alle!
Wütend kaute ich auf meiner Unterlippe und sah nach draußen. Doch leider konnte ich rein gar nichts erkennen – getönte Scheiben!
Worauf hatte ich mich bloß eingelassen? Ich wollte doch nur meine Familie schützen!
Habe ich das Richtige getan? Hätte ich nicht lieber im Wagen bleiben sollen? Oder viel besser nicht meine Brüder zu überreden mich mit zunehmen?
Wie blöd konnte man eigentlich sein?! Sie hatten mir immer triftige Gründe genannt, warum sie mich nicht mitnehmen konnten, aber ich – ich war so stur und musste sie ja unbedingt überreden!
Es war meine eigene Schuld! Aber wenn ich nicht mit gekommen wäre, dann hätte ich nie erfahren, was meine Brüder hinter Mom und Dads Rücken trieben. In was für kriminelle Machenschaften waren sie verwickelt?
Gehörte dieser Sebastien zu der russischen Mafia? – Denn so sah er aus, wie der Rest seiner Leute.
Josh und Alex, wenn ich diese zwei Schwachmaten das nächste Mal wiedersehen würde, dann würden sie einiges zu hören bekommen. Schade, dass ich nicht mitbekomme, wie sie Mom und Dad versuchen zu erklären, dass ihre Tochter von der Mafia entführt wurde! Das hörte sich so absurd an! Selbst ich konnte meinen eigenen Gedankengängen nicht mehr folgen, oder eher sie waren ungläubig und chaotisch. Sie lösten nur Kopfschmerzen aus.
„Wir sind da“, antwortete eine fremde Stimme vorne auf dem Fahrersitz und stieg aus. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass wir überhaupt weggefahren waren.
„Steig aus“, befahl mir Sebastien.
Ich kam seiner Aufforderung nach und stieg schnell aus. Seine grobe Behandlung mir gegenüber ging mir tierisch auf die Nerven. So behandelte man keine Frau! Und ich war ganz sicherlich nicht sein Eigentum, um auf seine Worte wie ‚Du gehörst mir‘ nochmal anzuspielen. Ich gehörte ganz sicherlich niemandem. Amerika war ein freier Staat. Jeder hatte seine Rechte! Jeder konnte seine eigene Meinung sagen! Und er konnte mich nicht zu seinem Eigentum erklären. Lächerlich!
Ich spürte eine Hand auf meinem Rücken, die mich in eine bestimmte Richtung dirigierte.
Oh, Alex und Josh! Wenn ich das hier heil überstand, dann würde ich euch umbringen!
Wieder dieses amüsierte Lachen! Man, ich hatte bisher nichts von meinen Gedanken laut ausgesprochen! Was war hier denn so witzig?!
Um meine Wut ein wenig abzubauen, blickte ich mich in der Gegend um. Vor mir erstreckte sich eine wunderschöne, große Villa. Sie wurde sehr modern erbaut mit vielen großen Fenstern, die ganz viel Sonne in die Räume ließen. Es war ein absolutes Traumhaus. Um die Villa herum befand sich ein gepflegter Garten mit allerlei verschiedenen Blumen und Pflanzen. Das absolute Paradies.
Es verschlug mir den Atem. Und der Schnee glitzerte von den wenigen Sonnenstrahlen.
Wir kamen an eine riesige Tür an, die sofort von einem der Typen, die vor uns liefen, geöffnet wurde.
Die Inneneinrichtung des Hauses verschlug mir noch mehr meinen Atem. Traumhaft schön! Alles war in sehr hellen Farben gestrichen worden mit weißen, oder braunen Möbeln eingerichtet.
Nur für eine Sekunde konnte ich mir den unteren Teil des Hauses ansehen, da wurde ich schon nach oben in ein Zimmer dirigiert. Dort schloss mich dieser Sebastien ein.
Verwirrt lief ich auf die verschlossene Tür zu, rüttelte ein paar Mal am Griff, hämmerte gegen das Holz und rief lautstark: „Lasst mich hieraus!“
Nach wenigen Sekunden gab ich es auf, rutschte angelehnt an dem feinen Holz auf den Boden hinunter. Ich schlang meine Arme um die Beine und weinte hemmungslos drauf los. Wollten diese Leute mich jetzt verrecken lassen?
„Ich will hieraus“, flüsterte ich schluchzend und rieb mir meine Augen. Ein Glück, dass ich mich heute nicht geschminkt hatte. Jetzt konnte ich so viel weinen, wie ich wollte. Oder wenn ich ihnen ständig auf die Nerven ging, vielleicht würden sie mich freiwillig freilassen? Der kleine Hoffnungsschimmer verblasste allerdings nach wenigen Sekunden, da ich mir eingestehen konnte, dass ich einfach nicht so war. Ich war bisher nie jemandem auf die Nerven gegangen. In der Schule habe ich mich von den Konflikten zwischen den Schülern rausgehalten. Ich war ein eher ‚stilles Mäuschen‘, dass die Ruhe abgöttisch liebte. Selbst dieser Moment war wunderschön ruhig. Ich hatte selten meine Ruhe, da meine Brüder die totalen Chaoten waren und mich bis zur Weißglut trieben.
Je später es wurde, desto schläfriger wurde ich. Ich weinte mich in den Schlaf.

Mitten in der Nacht wachte ich plötzlich durch ein Geräusch auf. Verwirrt blickte ich mich um. Ich befand mich immer noch in diesem sehr Stilvollen eingerichtetem Schlafzimmer. Sehr viele Bücher standen gegenüber dem großen Bett. Erschrocken weiteten sich meine Augen. Wie war ich ins Bett gekommen?
Ein kleiner Blick zur Seite reichte und meine Haut wurde von einer Gänsehaut überzogen. Die ganze Zeit über musste mein Kopf auf seiner nackten Brust gelegt haben. Sebastien hatte mich ins Bett getragen. Schnell sah ich an mir herab und erstarrte. Er hatte mir meine Kleidung ausgezogen und etwas von sich gegeben. Ich trug ein ziemlich weites Hemd von ihm, das mir bis über die Knie ging.
Die Strahlen des Mondes fielen auf uns herab. Es ließ ihn ziemlich süß aussehen. Jetzt konnte ich ihn etwas näher betrachten. Mein Kopf lag immer noch auf seiner nackten Brust und irgendwie hatte ich nicht vorgehabt, diesen von dieser Stelle wegzubewegen.
Da er nichts trug, bestaunte ich seine Muskeln. Vom Körperbau glich er wirklich denen meiner Brüder. Sie waren alle fast zwei-Meter Männer.
Langsam hob ich meinen Kopf und blickte ihm ins Gesicht. Seine braunen Haare waren zerzaust und hingen ihm Strähnen weise ins Gesicht. Sein Gesicht hatte markante Züge, eine schmale Nase und einen Mund mit sehr sinnlichen Lippen. Was dachte ich denn da schon wieder?
Innerlich schüttelte ich meinen Kopf. Jetzt könnte ich doch einen Fluchtversuch starten, oder? Aber wollte ich das auch wirklich? Ich fühlte mich so verdammt gut neben ihm! Mein Herz sagte mir, es war auch das Richtige! Mein Verstand brachte mich wieder zur Vernunft. Ich musste hier weg!
Ganz langsam, ohne eine schnelle Bewegung zu machen, entfernte ich mich von ihm. Doch plötzlich fiel mir auf, dass sein schwerer Arm noch auf mir lag, den hatte ich ja ganz vergessen. Sanft hob ich ihn mit Fingerspitzengefühl hoch und legte ihn auf ein gutgepolstertes Kissen ab.
Mein Atem stockte, als er sich plötzlich umdrehte. Leise stieg ich aus dem Bett. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Film, indem die Frau nach dem One-Night-Stand am frühen Morgen den Mann verließ.
Mit wildklopfendem Herzen suchte ich den riesigen Raum ab. Aber nirgendwo sah ich meine Klamotten. Ohne sie konnte ich hier nicht weg. Draußen musste es eisig kalt sein und nur mit einem dünnen Hemd bekleidet durch die Schneemassen zulaufen, darauf wollte ich es nicht anlegen.
Ich warf Sebastien noch schnell einen kurzen Blick zu, um mich zu vergewissern, dass er noch schlief.
Barfuß tapste ich zu seinem Schrank. Wenn er mir schon Kleidung borgte, dann aber richtig!
Leise versuchte ich die Schranktür zu öffnen und lauter feiner Anzüge trafen in mein Blickfeld.
Womit verdiente er sein Geld? Oh, Gott! Er gehörte wirklich zur Mafia!
Ganz oben, wo ich natürlich mal wieder nicht dran kam, lagen die ganzen Pullis und Jogginghosen.
Shit! Zu lange durfte ich mich hier jetzt auch nicht mehr aufhalten, wenn ich eine Flucht begehen wollte. Aber draußen würde ich erfrieren.
Suchend nach einem Stuhl blickte ich mich mal wieder in dem Raum um. Sebastien schien immer noch zu schlafen. Leise Atemzüge drangen an mein Ohr. Schlief er wirklich, oder wusste er schon längst, was ich vorhatte? Sogar sein schlafender Körper machte mir ja schon Angst – wie erbärmlich. Selbst im Schlaf besaß er eine gewaltige Ausstrahlung. Was haben Josh und Alex nur getan, dass er sie auf dem Kicker hatte?
Kein Stuhl weit und breit. Wahrscheinlich besaß diese Villa extra noch für ihn ein Arbeitszimmer mit einem schönen Rollstuhl, den ich jetzt ganz gut gebrauchen könnte. Leider befand sich hier nur ein Sessel. Wenn ich diesen hierher zerren würde, dann könnte ich Sebastien gleich wecken!
Es war sinnlos. Ich würde nie wieder nach Hause kommen, abgesehen meine Brüder würden sich etwas einfallen lassen, um mich hieraus zu holen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und versuchte so ohne Hilfsmittel an die Kleidung zugelangen. Plötzlich schlangen sich von hinten zwei Arme um meine Taille und hoben mich hoch. Erschrocken schrie ich kurz auf und blickte in die zwei Augen von Sebastien. Er war wach! Shit! Shit! Shit! Das konnte doch nicht wahr sein! Warum schlief er nicht mehr? War ich etwa so laut gewesen? Also, für meine Verhältnisse war es ziemlich leise gewesen!
Und da er ja jetzt wach war, konnte ich meinen Fluchtversuch abhaken – Tschüss Freiheit!
„Es gibt kein entkommen“, flüsterte er mit seiner rauen, tiefen Stimme, die wieder dieses Verlangen in mir auslöste. Schrecklich! Was machte er nur mit mir? Und seine Hände, die an meiner Hüfte lagen, an diesen Stellen kribbelte es wie verrückt. Als würde er mir tausende von ganz kleinen Elektroshocks durch mich durch fließen.
Sebastien drehte mich zu sich um und blickte auf mich herab, während ich meinen Kopf in den Nacken legen musste, um ihm überhaupt ins Gesicht sehen zu können.
Wie in Zeitlupe senkte er seinen Kopf zu mir hinunter und vergrub sein Gesicht in meiner Halsbeuge.
Sein warmer Atem streifte meine Haut und es kribbelte wie verrückt.
Er inhalierte meinen Duft in sich hinein, wie ein Drogenabhängiger.
„Du riechst so köstlich“, knurrte er an meinem Hals. Unfähig mich zu bewegen, oder geschweige denn zu sprechen, lag ich schlaff in seinen Armen.
„Was willst du von mir?“, flüsterte ich mit einer sehr zittrigen Stimme.
„Dich“, knurrte er geheimnisvoll und trug mich zurück zu dem Bett. Was hatte er nur vor? Meine Wange prallte gegen seine und ich spürte seine erhitzte Haut auf meiner. Aufregung, Empörung und sogar Ungeduld bahnten sich durch meine Adern.
Unsere Blicke trafen sich. In seinen Augen sah ich die pure Gier nach mehr. Sein Verlangen übertrug er auf mich. Ganz langsam senkte er seinen Kopf zu mir herab. Mein Atem stockte und wartete darauf, was als nächstes passieren würde. Zu laut schlug mein Herz gegen meinen Brustkorb. Er wusste, wie sehr ich auf ihn reagierte und er nutzte es schamlos aus. Ohne zu überlegen, hob ich meine Hand und führte diese zu seinem Gesicht. Vorsichtig fuhr ich die Konturen seines Gesichtes nach. Ein Kribbeln durchzog meine Fingerspitzen und erneut fuhren sie über seine erhitzte Haut des Fremden. Seine Hand umschloss die eben noch forschenden Fingerspitzen und liebkoste diese, während er mich noch näher an sich zog.
Vorsichtig legte er mich auf der Matratze ab. Was machte er denn schon wieder mit mir? Mein Verstand schaltete sich vollkommen ab.
Verdammt, ich war nicht sein Eigentum und so würde ich mich auch nicht behandeln lassen!
Plötzlich legten sich seine Lippen auf meine. Erschrocken keuchte ich auf und gewährte ihm so den Einlass in meinen Mund. Er setzte meinen Verstand vollkommen außer Gefecht. Genießerisch schloss ich meine Augen und fuhr mit den Händen durch sein vom Schlaf zerzaustes Haar.
Ich spürte sein eingebildetes Lächeln, das seine Lippen umspielte. Er dachte wohl, dass er wirklich jeden und alles bekam, wenn er es so wollte. Was dachte er sich dabei? Dieser eingebildete, arrogante Idiot! Wieso konnte ich mich nicht rühren, ihm eine Ohrfeige verpassen? Sebastien nahm mich total in seinen Beschlag nicht nur physisch, sondern auch psychisch.
Ganz deutlich spürte ich seine Erektion an meinem Oberschenkel. Er würde mich hier und jetzt nehmen, das wusste ich eindeutig. Sein Kuss war besitzergreifend und machtgierig, aber auch dieses Verlangen nach mehr strotzte in diesem. Und dieses Zungenspiel dominierte er. Am Anfang war er noch sanft, unterdrückte seine Gier, aber jetzt wurde es zu einer rauen Sanftheit. Mit flinken Händen knöpfte er sein Hemd auf, das ich an meinem zierlichen Körper trug. Nach wenigen Sekunden streifte er es mir über meine Schultern. Seine Hände wanderten meinen Rücken hinunter, streiften meinen Po und drückten mein Becken leicht nach vorne, als ein leichtes Zittern meine Erregung verriet.
Ich spürte, dass ich nicht seine Erste war. Er zeigte zu viele Erfahrungen und es versetzte mir irgendwie einen Stich in meinem Herzen, dass ich nicht seine Erste war. Okay, ich gab zu, dass ich auch nicht mehr Jungfrau war, aber ich übertrieb es nicht! Oh, mein Gott! Heute würde ich mit einem fremden Kerl schlafen. Mein Verstand setzte sich ein, doch mein Herz hörte nicht auf die vernünftige Stimme in meinem Innern. Was tat ich hier? Was taten wir hier? Jetzt durfte ich nicht panisch werden. Ein Keuchen entfuhr mir unbewusst, als seine Zunge meine Halsbeuge entlang fuhr und abwechselnd heiße Küsse auf meine zarte Haut hauchte.
Er war so gut, indem was er mir antat. Meine Hände lagen in seinem Nacken und zogen ihn näher zu mir. Ich wollte ihn ganz dicht bei mir spüren. Und meine Beine umschlangen seine Hüfte. Seine Zähne streiften meine sensible Haut an meinem Hals. Erschrocken bäumte ich mich auf, als spitze Zähne an meiner Haut schabten. Was sollte das? Panik stieg in mir hoch. Er war ein Irrer! Wollte er mich etwa verängstigen? Plötzlich streiften seine kühlen Finger meinen Slip runter und warfen ihn achtlos auf die Erde. Danach folgte auch sofort seine Boxershort. Seine Hände wanderten gierig auf meinem Körper entlang. Ohne auf meine Zustimmung zu warten, drang er in mich ein. Es war ein unglaubliches Gefühl ihn in mir zu spüren. Ich zog seinen Kopf zu mir hinunter und drückte meine Lippen auf seine. Gierig erwiderte er meinen Kuss, wanderte von meinen Lippen zu meinem Hals hinunter und saugte an der dünnen Haut. Doch plötzlich fühlte ich etwas Spitzes auf meiner Haut, wie von vorhin. Erschrocken keuchte ich auf, als mich ein ungeheurer Schmerz einholte, dass sich aber sofort in unbändige Lust verwandelte. Irgendwie wurde mir ganz mulmig zu Mute. Die Sicht verschwamm vor meinem Auge. Ich konnte nur noch verschwommene Konturen erkennen. Benommen sank mein Kopf zurück in die weichen Kissen. Erschöpft hielten sich meine Hände an ihm fest.


Kapitel 3


Müde schlug ich meine Augen auf, um sie aber auch sofort wieder zu schließen. Das grelle Sonnenlicht, das durch die Wolken verdeckt wurde, streiften meine verschlafenen Augen. Blinzelnd hielt ich meinen Arm vor mein Gesicht. Mit steifen Gliedern stieg ich aus meinem Bett. Seufzend suchte ich mir warme Kleidungsstücke aus meinem Schrank und schlüpfte in diese hinein.
Irgendwie mochte ich den Winter, aber diese Kälte ging mir langsam tierisch auf die Nerven.
Mürrisch verließ ich mein Zimmer und tapste mit dicken Wollsocken die kalten Treppenstufen hinunter. Unten in der Küche fand ich meine Geschwister am Esstisch sitzen.
Josh und Alex warfen mir einen vielseitigen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Aber auch Briana und Sienna blickten mich besorgt an. Kopfschüttelnd lief ich zum Kühlschrank und holte mir die Milch raus. Danach suchte ich in den Schränken nach einer sauberen Schüssel, griff nach den Cornflakes, füllte sie in den Porzellangegenstand ein und fügte die kalte Milch noch hinzu. Mit meinem Frühstück setzte ich mich an den letzten freien Platz und löffelte meine Schüssel aus.
Die Müdigkeit verflog langsam und ich wurde etwas gesprächiger.
„Okay“, seufzte ich. „Was ist hier los?“
Sie benahmen sich alle so merkwürdig. Was war mit ihnen los, oder sogar mit mir? Ich fühlte mich einerseits gut, aber auch wiederum nicht so gut. Mir fehlte etwas. Mein Herz zog sich bei diesem Gedanken schmerzhaft zusammen. Etwas Wichtiges fehlte mir, aber nur was? Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern! Je stärker ich nach einer Antwort in meinen Erinnerungen suchte, desto stärker wurden auf einmal die Kopfschmerzen. Gestresst massierte ich meine pochenden Schläfen.
Ich musste ein Blackout gehabt haben, oder ich war bewusstlos gewesen, die meine Erinnerungen vergessen ließen. Angestrengt dachte ich nach, was gestern passiert war? Doch nichts! Ich konnte mich an nichts erinnern!
„Du hattest einen kleinen Unfall“, hörte ich Josh‘ Stimme. „Du warst bewusstlos! Es ist verständlich, wenn du dich an nichts mehr erinnern kannst!“ Seine Stimme klang so anders, wie sonst. Ihm musste auch etwas passiert sein! Aber an seinem Tonfall erkannte ich, dass er mich anlog. Aber wieso wollten sie mir nicht die Wahrheit erzählen? Verdammt, ich wollte endlich wissen, was hier los war.
„Du lügst“, antwortete ich sachlich. Josh zuckte zusammen. Hatte er etwa Schmerzen? „Sagt mir die Wahrheit!“
„Mia, wir wollen dich nur beschützen!“, mischte sich Alex ein.
Entrüstet schnaubte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wovor denn?“
„Hör bitte einmal dieses Mal auf uns!“, zischte Josh.
„Wisst ihr was? Ihr könnt mich mal!“, rief ich wütend, stand auf und verließ die Küche.
Im Flur schnappte ich mir meine Jacke und die Schuhe und verließ das Haus.
„Mia!“, hörte ich die beiden Zwillinge rufen, doch ich war schon längst aus dem Haus.
Schnell lief ich die Einfahrt entlang.
Plötzlich wurde ich an meinem Handgelenk gepackt und um hergerissen.
„Josh!“, zischte ich ein wenig überrascht. „Lass mich los! Du tust mir weh!“
„Geh nicht! Wir wollen dich nicht verlieren!“, antwortete er besorgt.
„Was sollte mir denn schon passieren?“, entgegnete ich wütend.
„Er wird dich nicht in Ruhe lassen!“
„Wer ist er?“
Josh wich meinem Blick aus.
„Josh!“, rief ich genervt und riss mich von ihm los.
„Hör wenigstens dieses eine Mal auf uns!“, flehte er.
Kopfschüttelnd rannte ich weg. Weit weg! Ich hatte die Nase gestrichen voll. Wenn man mir nie die Wahrheit sagen konnte – bitte! Aber ich würde mich nicht verarschen lassen!
Mir war schon länger aufgefallen, dass meine Familie mir etwas verschwieg und da ich diesen Blackout gehabt hatte, waren sie noch still schweigender, als sonst.

„Anna!“, rief ich laut durch die Straße.
„Mia! Wie geht es dir?“, fragte sie überrascht mich zu sehen.
„Ganz okay und dir?“
„Super! Oh, Mia! Ich bin endlich mit Pat zusammen!“, erzählte sie mir fröhlich.
„Toll“, brachte ich nur mit einem gezwungen Lächeln zustande. Und wieder zog sich mein Herz schmerzlich zusammen. Irgendetwas fehlte mir!
„Und ich habe mir auch für heute Abend frei genommen, damit ich etwas mit ihm unternehmen kann“, gestand sie mir verlegen.
„Klar, kein Ding. Cleo und ich schaffen das auch allein!“
Anna war meine beste Freundin. Wir halfen beide gemeinsam in einer kleinen Bar hier aus, um ein wenig mehr Geld dazu zuverdienen. Cleo war meine zweite beste Freundin. Es freute mich eigentlich sehr, dass Anna endlich mit Pat zusammen war. Beide wussten, dass sie aufeinander standen, hatten aber Angst gehabt ihre Freundschaft zu zerstören. Völliger Schwachsinn. Aber endlich haben sie zueinander gefunden. Wurde ehrlich gesagt mal Zeit!
Der Wind wirbelte ihre blonden, schulterlangen Haare ins Gesicht, die sie sich immer wieder schüchtern hinter ihre Ohren strich.
Anna war ein kleines Stück größer als, was mich ein wenig frustrierte. Ich hasste es so klein zu sein, vor allem, wenn ich neben meinen Brüdern stand. An sie überhaupt zu denken, ließ mich traurig seufzen. Wieso konnten sie mir nicht die Wahrheit sagen? Warum konnte ich mich nicht mehr erinnern, was passiert war? Hatte man mich einer Gehirnwäsche unterzogen?
„Mia, ist alles in Ordnung?“, fragte mich meine beste Freundin besorgt.
„Ja, ich denke schon. Habe nur ein bisschen nachgedacht“, antwortete ich mit gerunzelter Stirn.
Plötzlich war mir ganz mulmig zu Mute. Verwirrt blickte ich mich auf der Straße um. Jemand beobachtete uns. Ich wusste nicht, wie ich darauf kam, aber ein stechender Blick lag auf mir. Verzweifelt suchte ich die Gegend ab, doch rein gar nichts war zu sehen. Merkwürdig. In letzter Zeit passieren immer wieder merkwürdige Dinge. Kopfschüttelnd versuchte ich die Angst hinunter zu schlucken.
„Morgen muss ich mit meinem Vater und seiner neuen Freundin Weihnachten verbringen“, erzählte mir Anna beim gehen und lenkte mich von dem unbekannten Beobachter ab.
„Was ist denn mit Olivia? Ist sie schon wieder Geschichte?“, fragte ich neugierig nach. Der Vater von Anna war vierzig Jahre alt und reißt weiterhin junge Weiber auf, die ungefähr in unserem Alter waren. Seit dem Tod ihrer Mutter brachte ihr Vater ständig neue Frauen, junge Frauen mit zu ihnen nach Hause.
„Ja, und ich fing an, sie wirklich zu mögen. Sie war die einzige von hunderten, die ich ganz ehrlich mochte. Seine Neue heißt Trisha und geht mir tierisch auf die Nerven. Sie könnte aus dem Haus der Playboy Mansion stammen, so wie sie aussieht.“
„Oh, mein Beileid.“
„Deswegen bin ich jetzt auch von Zuhause geflüchtet. Diese Frau stellt alles auf den Kopf“, regte sich Anna weiter auf.
Meine beste Freundin erzählte mir weiter, wie schrecklich es mit dieser Frau war.
Sie bekam gar nicht mit, dass ich ihr nur mit einem halben Ohr zuhörte. Dieser unbekannte Beobachter jagte mir eine ungeheure Angst ein. Vielleicht war es dieser „er“, vor denen mich meine Brüder beschützen wollten.

Über dem gesamten Club hingen Schwaden von Trockeneisnebel. Junge Leute in Leder und Seide leuchteten in rotierenden Trockennebelsäulen auf und verschwanden wieder im Dämmerlicht. Ihre Körper versprühten pure Lebendigkeit.
Ich stand an der Bar und beobachtete die lebhafte Menge auf der Tanzfläche, dabei spülte ich die benutzten Gläser. Während ich auch noch gleichzeitig die Leute, die am Tresen saßen, bediente, kellnerte meine zweite beste Freundin an den verschiedenen Tischen.
Heute war mal wieder sehr viel los. Und da auch noch Anna fehlte, machte es die ganze Arbeit nicht leichter. Durch die Hitze in diesem Club müsste meine Wimperntusche bestimmt schon verwischt sein und mein Haar klebte in meinem verschwitzten Nacken. Nichtsdestotrotz lieferte der DJ heute Abend einmalige Musik – wie immer.
„Noch einen zweiten Wodka“, lallte ein betrunkener Typ, der mindestens jeden Abend hierher kam und sich betrank. Innerlich schüttelte ich meinen Kopf. Der Typ trank sein Leben weg, wenn er so weiter machte. Sein langes, strähniges Haar klebte an seiner unreinen Haut.
Seufzend griff ich nach einem sauberen Glas und mixte ihm sein Getränk, ehe ich es ihm vor die Nase stellte. Mit einem Zug war sein Drink schon leer und er forderte mich auf, ihm einen weiteren zu machen.
„Sorry, dein Alkoholpegel ist schon zu hoch“, antwortete ich ihm stattdessen und wandte mich anderen Gästen zu.
„Hey, Schlampe. Mix mir jetzt einen Drink, oder du kannst dich von deinem Job verabschieden“, drohte er. Diesen Typ konnte man kaum ernst nehmen durch seine lallende Aussprache.
Schulterzuckend nahm ich eine weitere Bestellung eines ziemlich gutaussehenden Typen auf.
„Hallo?! Flittchen“, beleidigte er mich. Noch ein Wort und er konnte „Adieu“ sagen!
„Einen Gin Tonic“, bestellte der ziemlich gutaussehende Typ und lächelte mich charmant an, dies ließ mein Herz wilder gegen meinen Brustkorb pochen. Und irgendwie kam er mir ziemlich bekannt vor. Nur, ich konnte nicht einordnen, woher ich ihn kannte. Sein zerzaustes, braunes Haar war perfekt gestylt. Er besaß denselben Körperbau, wie meine beiden Brüder. Sein Gesicht zeigte sehr markante Konturen mit einer schmalen Nase und sinnlichen Lippen. Seine braunen Augen fixierten mich amüsiert. Der Typ trug ein enganliegendes Shirt, das seine Muskeln sehr betonte.
Wow, der Typ war einfach nur wow! Bestimmt hatte ich ihn schon zu lange angestarrt.
Schnell mixte ich seinen Drink und stellte ihn diesen vor ihm auf den Tresen. Er hatte mich von diesem betrunkenen Kerl abgelenkt.
„Ey, Schlampe, jetzt mix mir meinen Drink“, hörte ich ihn wieder lallen.
Seufzend wandte ich mich dem betrunkenen Kerl wieder zu.
„Wie gesagt, du bekommst keinen Drink mehr von mir. Ich will nicht Schuld sein, wenn du dich ins Koma säufst“, warf ich ihm vor.
Verächtlich schnaubte dieser und stand von seinem Platz auf.
„Hey, Mia“, rief Cloe. „Mix mir mal zwei Longdrinks!“
„Geht klar“, antwortete ich laut und machte mich an die Arbeit. Währenddessen lag der Blick, des gutaussehenden Typ auf mir und fixierte mich eindringlich. Als ich einmal kurz hoch sah, lächelte er mich verschmitzt an und mein Herz fing wie wild in meiner Brust an zu klopfen. Ich kannte ihn jetzt erst seit ein paar Minuten und er löste unbekannte Gefühle in mir aus. Was machte er nur mit mir? Verwirrt schüttelte ich meinen Kopf und stellte die zwei Longdrinks auf ein Tablett. Anscheinend musste ich jetzt kellnern, da Cloe nicht in Sichtweite war. Ich schnappte mir das Tablett und balancierte es durch die tanzende Menge. Es war schwer voran zukommen, da immer wieder einem welche in den Weg traten. Nach wenigen Sekunden fand ich den gesuchten Tisch und stellte die Drinks ab, nahm das Tablett wieder an mich und machte mich auf den Weg zur Bar.
Plötzlich klapste mir jemand auf meinen Hintern.
„Hey! Lass deine dreckigen Pfoten von mir“, rief ich dem besagten Kerl zu. Als ich mich umdrehte, erschrak ich. Es war der besoffene Typ, der mich schelmisch angrinste. Dabei entblößte er eine nicht perfekte Zahnreihe. Ohne, dass ich mit der Wimper zucken konnte, fiel mir das Tablett aus der Hand und ich wurde gegen die kahle Wand gedrückt.
Mein Kopf schlug gegen die Mauer und ein explodierender Schmerz machte sich breit.
„Wenn ich schon keinen Drink kriege, dann nehme ich mir was anderes“, lallte er mir in mein Ohr. Ein eiskalter Schauer jagte er mir über meinen Rücken. Sein Alkoholgeruch blies er mir in mein Gesicht. Angewidert rümpfte ich die Nase. Seine dreckigen Hände erkundeten meinen noch angekleideten Körper. Aber meine Arbeitskleidung war relativ knapp, sodass ich seine Hände auf meinen nackten Beinen spüren konnte. Mein Körper trug einen schwarzen Minirock mit einem schwarzen Top, auf dem rechts oben mein Name stand. Er schlang meine Beine um seinen Körper und nagelte mich an der Wand fest. Leicht benommen ließ ich alles geschehen. Der Schmerz in meinem Kopf ließ nicht nach und meine Sicht verschwand ab und zu. Ich fühlte mich schwer, als ob ich literweisen Alkohol zu mir genommen hätte.
Seine Hände wanderten unter mein enganliegendes Top hoch zu meinen Brüsten.
„Nein“, flüsterte ich benommen. „Hör auf!“
Dreckig lachte er und küsste mein verschwitztes Dekolleté. Ich wusste, dass mir niemand zur Hilfe kommen würde. Denn schließlich waren viele Paare so miteinander beschäftigt, wie wir. Es sah nicht wirklich nach einer Vergewaltigung aus, die dieser Kerl vorhatte. Es graute mich, daran zu denken.
Seine Hände griffen an meinen Po und drückten diesen. Ich spürte seine Erektion an meinem Oberschenkel. Auf meiner Haut hinterließ er eine nasse Spur. Seine Zunge leckten meine spröden Lippen ab. Angewidert drehte ich meinen Kopf zur Seite und entblößte ihm meinen Hals. Dort küsste er meine Halsschlagader. Immer wieder schlossen sich meine Lider. Ich wollte schlafen, mich der Dunkelheit hingeben.
„Dein Blut riecht zu köstlich“, nuschelte er an meinem Hals und sabberte meine Haut voll.
Eine plötzliche Erinnerung stach mir ins Auge. Diesen Satz hatte ich schon mal gehört. Aber wo und vor allem von wem?
Mit schwachem Druck versuchte ich ihn von mir zustoßen ohne Erfolg.
Schlapp war ich zwischen ihm und der Wand eingekeilt. Ein plötzlicher Ruck ging durch seinen Körper und ich fiel zu Boden.
Hart schlug mein Körper auf dem Boden auf. Das Gefühl einzuschlafen wurde mit jeder Sekunde stärker.
Ich bekam gar nichts mehr mit, denn ich gab mich der Dunkelheit völlig hin.

Schwache Bässe der Musik drangen an mein Ohr. Verwirrt blinzelte ich ein paar Mal und versuchte mich aufzurichten, doch zwei starke Hände drückten mich wieder auf das knarrende, alte Bett.
Müde blickte ich in zwei wunderschöne, braune Augen. An irgendwen erinnerten sie mich.
Vor mir stand der gutaussehende Kerl vom Tresen, der einen Gin Tonic bestellt hatte.
Aber wo war ich?
„Wir befinden uns im Hinterzimmer des Clubs“, beantwortete er mein großes Fragezeichen, das sich in meinem Gesicht abzeichnete. Seine melodische, wunderschöne Stimme löste ein merkwürdiges Kribbeln in mir aus.
„Was ist passiert?“, fragte ich weiter und hielt mir meinen schmerzenden Kopf. Ich fühlte mich, als hätte ich ziemlich viel Alkohol zu mir genommen.
„Du wurdest von diesem betrunkenen Kerl, dem du keinen weiteren Drink geben wolltest, fast vergewaltigt“, antwortete er wütend und ballte seine Hände zu Fäusten.
Ich startete einen weiteren Versuch aufzustehen, doch wieder drückte er mich ins Bett.
„Wer bist du?“, fragte ich neugierig nach und musterte ihn von oben nach unten. An irgendwen erinnerte er mich, aber an wen, vermochte ich nicht zu sagen. Die Erinnerung dazu fehlte mir.
„Ich bin Sebastien“, nannte er mir seinen Namen. „Und du bist die bezaubernde Mia.“
„Ja“, lachte ich verlegen und strich mir eine Haarsträhne hinter mein Ohr.
In diesem Moment verspürte ich Schmetterlinge im Bauch.
Auf einmal wurde die Tür aufgerissen und meine Brüder kamen in das Zimmer gestürzt.
Als sie ihn erblickten, versteiften sie sich augenblicklich. Sebastien hielt meine Hand in seiner fest umschlungen.
Alex riss Sebastien von mir fort und stellte sich beschützend vor mich.
„Sebastien ist okay. Er hat mich gerettet“, versuchte ich verzweifelt meine Brüder umzustimmen ihn nicht zu attackieren.
„Bleib weg von ihr“, zischte Josh, der sich mittlerweile auch zu seinem Bruder gesellt hatte und vor mir stand.
„Josh!“, zischte ich und sofort stieg mir die Schamesröte ins Gesicht. Peinlich!
Allerdings schien es Sebastien ziemlich zu amüsieren, da seine Mundwinkel leicht nach oben zuckten.
Ich hasste meine Brüder! Immer mussten sie mich blamieren! Wieso konnten die nicht normal sein?! Immer mussten sie meine Beschützer spielen!
Seufzend dachte ich schon an deren Beerdigung. Wenn wir nachher zu Hause ankommen, dann würden sie ihr blaues Wunder erleben. Immer mussten sie mich vor anderen Leuten bloß stellen! Zwar war es irgendwie süß, dass sie mich vor allen Jungs beschützen wollten, aber es ging echt zu weit.
„Was willst du von unserer Kleinen, Dupont?!“, zischte Josh verächtlich. Dupont? War das etwa Sebastiens Nachname? Aber woher kannten sie ihn? Sahen sie in ihm eine Bedrohung?
Leider konnte ich nicht verstehen, wie Sebastiens Antwort lautete, aber ich konnte noch hören, wie Alex „Zieh leine und lass dich nie wieder in ihrer Nähe blicken“ sagte.
„Das werden wir ja noch sehen“, lachte er bedrohlich und jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Und im nächsten Moment war er verschwunden, sofort entspannten sich meine Brüder. Aber in dem Augenblick, als Sebastien verschwunden war, fühlte ich mich allein gelassen.
„Okay. Was ist hier los?“, fragte ich misstrauisch, verschränkte meine Arme vor der Brust und setzte meinen Killerblick auf, der mir kläglich misslang.
„Kleine“, seufzte Josh. „Halte dich von ihm fern - bitte!“
„Warum? Er scheint ganz nett zu sein!“, verteidigte ich ihn.
„Wir werden dies jetzt nicht ausdiskutieren. Du wirst dich daran halten und bleibst ihm fern!“, knurrte Alex.


Kapitel 4


Heute war endlich Heiligabend. Am Morgen reisten auch schon einige meiner Verwandten ein und nisteten sich in den Gästezimmern ein. Seit dem hatte ich keine Ruhe mehr gefunden.
Und meine herzallerliebste-shoppingsüchtige Cousine Liz durfte auf meinem Sofa, das in meinem Zimmer stand, schlafen. Ich mochte meine Cousine sehr, aber sie war eine Quasselstrippe. Aber wie hieß es so schön: ‚Gegensätze ziehen sich an‘. Ihr Bruder war überglücklich seine Schwester los zu sein und hing ab jetzt mit meinen Brüdern rum, da sie sich im selben Alter befanden.
Nur, ich war auf Josh und Alex nicht gut zu sprechen. Gestern Abend haben sie – meiner Meinung nach – Mist gebaut. Sie haben mich vor einem gutaussehenden, charmanten, fürsorglichen – ich könnte noch mehr positive Charaktereigenschaften aufzählen, aber diese Adjektive genügten – Mann blamiert. Er war total lieb und nett zu mir gewesen. Schließlich hatte er mich davor bewahrt nicht vergewaltigt zu werden, aber das sahen meine Brüder von Idioten nicht ein.
Gestern, beziehungsweise heute Nacht habe ich sie zur Rede gestellt. Dieses Gespräch ging unschön zu Ende. Aber wie so oft, hörten sie mir nicht zu. Es war einfach ungerecht. Wieso urteilten sie ihn so falsch? Verdammt, wenn ich es verstehen sollte, dann müssten sie es mir erklären.
Dickköpfe!
„Mia, hast du mir zugehört?“, hörte ich die penible Stimme meiner Cousine.
„Ja, du hast über deine neusten Schuhe berichtet“, leierte ich meine gewohnte Ausrede hinunter. Meine Ohren schalteten sich immer ab, wenn sie über ihre neusten Schuhe sprach.
Liz war shoppingsüchtig – vor allem liebte sie Schuhe jeglicher Art.
Und jedes Mal, wenn sie mich fragte, ob ich zu gehört hätte, leierte ich diese Ausrede hinunter. Ihr fiel es nicht mal auf, das machte die Sache natürlich umso witziger, denn ich konnte weiter meinen Tagträumen nachgehen.
Wie konnte ein Mann so wunderschön aussehen? Er war bestimmt auch um einige etliche Jahre älter als ich. Ich schätzte ihn um die 25 Jahre. Dieser Gedanke verursachte eine leichte Gänsehaut auf meinem Körper. Mein Alter betrug gerade mal 18 Jahre – sieben Jahre Unterscheidung!
Oh, Gott! ‚Er könnte ja glatt mein Vater sein‘, dachte ich und kicherte. Mein Gedanke war ein wenig übertrieben.
„Liz, Mia“, rief Rick, mein Cousin und stürzte in mein Zimmer. „Kommt ihr?“
Einverstanden nickte ich und stieg mit steifen Gliedern aus meinem Bett, dicht gefolgt von Liz machten wir uns auf den Weg ins Esszimmer. Draußen war es schon längst dunkel, kalt und es schneite.
An dem riesigen Esstisch, den meine Eltern gestern vergrößert hatten, fanden alle meine Verwandten einen Platz.
„Mia“, hörte ich die hohe Stimme meiner Tante Luise.
„Tantchen“, begrüßte ich sie und wurde von meiner Tante stark umarmt. Nach ihrem Körperbau zu urteilen könnte man sie für einen Mann halten. Mein Tantchen war äußerst stark für ihre fünfzig Jahre. „Ich habe dich ja schon lange nicht mehr gesehen. Du bist groß und sehr hübsch geworden!“
Verlegen starrte ich zu Boden.
„Da müssen deine Brüder ganz schön aufpassen, dass du nicht mit irgendeinem daher gelaufenem Kerl durchbrennst“, lachte sie und blickte meine Brüder warnend an, für den Fall, das es passiert wäre.
‚Halte dich von Sebastien fern‘, äffte ich Josh in Gedanken nach. Pah! Es war mein Leben und ich konnte entscheiden, was ich tun und lassen konnte. Schließlich war ich im Gegensatz zu Sienna schon Volljährig und konnte ganz gut auf mich selber aufpassen. Anscheinend mussten sie irgendwie meine Gedanken in meinem Gesicht abgelesen haben, denn ihre Mimik verdüsterte sich gewaltig. Und ich zuckte vor ihrer angsteinflößenden Aura zusammen.
Niemand hatte dieses Geschehen gesehen. Stocksteif und angespannt lief ich zu dem freien Platz, der sich direkt neben Ricky, meinem Lieblingscousin befand. Ja, Rick und ich – wir waren schon zwei. Unsere gemeinsamen Erinnerungen waren wundervoll. Wir haben so viel zusammen erlebt, dass es unmöglich war, sich alles zu merken. Er war, sowie Josh und Alex, ein starker Halt für mich. Die Drei halfen mir in jeder Situation. Aber ich verstand mich immer noch mit Ricky am besten. Vielleicht lag es auch daran, dass wir beide eher ruhigere Menschen waren im Gegensatz zu Liz, oder den anderen aufgeweckten Familienmitgliedern.
Ausgerechnet Josh und Alex saßen direkt gegenüber von mir. Genervt stöhnte ich leise auf und betete innerlich, dass sie mich in Ruhe lassen sollten. Doch mein beten wurde nicht erhört.
„Jo, Mom? Weißt du schon das Neuste?“, fing Alex an mich zu provozieren und grinste mich hämisch an. „Mia hat ’nen Macker.“
Überrascht zog meine Mom die Augenbraue in die Höhe, sowie mein Vater, oder eher gesagt, sowie die ganze Verwandtschaft. Natürlich wurde ich mal wieder rot, tomatenrot! – Peinlich!
„Alex“, zischte ich leise und versuchte auf seinen Fuß zu treten. Leider erwischte ich ihn nicht, sondern Liz, die mich empört anblickte, die schräg neben Alex saß. Ups!
„So?“ In dem Unterton meiner Mom lag etwas, was ich nicht zu definieren wagte, oder konnte.
Rick sah mich auch ein wenig neugierig an, wie der Rest meiner Familie. Oh, Alex! Ich würde dir dies zurückzahlen! Wie lautete nochmal der Spruch: ‚Rache ist süß‘! Oh, ja. Meine Rache würde sehr süß, zuckersüß werden.
Abwartend blickte ich zwischen Alex‘ und Moms Gesicht hin und her.
Meine Mom war bekanntlich eine sehr hochangesehene Anwältin, wie mein Vater und sah auch noch super aus. Man könnte meinen, sie wäre gar keine 43 Jahre, aber das war sie, obwohl sie gar nicht so aussah. Ihre feinen, langen braunen Haare hatte sie zu einem etwas lockeren Pferdeschwanz gebunden. Sie trug selten einen Pferdeschwanz zur Arbeit. Zu ihr passte eher der strenge, altbekannte Dutt. Ihre Wangenknochen stachen in ihrem schönen, klassischen Gesicht hervor, die sie noch mit Rouge vergrößerte.
Ihre vollen und geschwungenen roten Lippen zog sie erstaunt zusammen, während ihre braunen Augen neugierig aufblitzten.
Das Gleiche erkannte ich bei Dad. Seine blauen Augen musterten mich fröhlich und neugierig. Seine kurzen blonden Haare hatte er ein wenig mit Gel gestylt. Er war echt ein klasse Dad für seine 45 Jahre. Ich hatte noch nie erlebt, wie Mom und Dad sich auf der Arbeit verhielten, Zuhause waren sie jedenfalls ganz anders.
Als ich noch ganz klein war, hatte Dad sehr viel mit uns unternommen. Mom war eher mit ihrer Arbeit beschäftigt. Mit ihr hatte ich auch nicht so ein gutes Verhältnis wie zu Dad. Sylvia, meine Mom gab mir auch nie das mütterliche Feeling.
„Alex?“, forderte meine Mom ihn ungeduldig auf ihn weitersprechen zulassen.
„Sebastien Dupont“, sprach er laut genug über den Tisch, sodass es jeder mitbekam. Alle hielten erschrocken die Luft an, nur ich verstand nur Bahnhof.
Meine Hand, die Ricky krampfartig mit seiner umschloss, tat mir höllisch weh.
„Was habt ihr gegen ihn?“, fragte ich verständnislos in die Runde.
„Mia, du wirst dich sofort von ihm fern halten“, drohte meine Vater.
„Aber?“
„Kein aber. Er ist nicht gut genug für dich. Ein sehr schlechter Umgang“, zischte er wütend weiter.
Mit offenem Mund starrte ich alle verwirrt an. Was lief hier eigentlich für ein krankes Spiel?
Als mein Blick zu Josh und Alex ging, hätte ich ihnen am liebsten eine geschauert.
Ich wollte nur noch hoch in mein Zimmer und mich in meinem Bett ausweinen.
Kläglich unterdrückte ich eine Träne und hielt meinen Blick ständig gesenkt.
„Süße, ist alles in Ordnung mit dir?“, flüsterte Rick mir zu, ohne dass es alle mit bekamen, da sie sehr in ihren erwachsenen Gesprächen vertieft waren.
„Ja“, krächzte ich mit rauer Stimme.
„Süße, es wäre echt besser, wenn du dich von Dupont fernhältst!
„Wieso?“
„Dir wird es noch zur gegebener Zeit verständlich werden!“, beendete er das Gespräch und widmete sich seinem Essen.
Frustriert stocherte ich auf meinem Teller rum. Der Appetit war mir vergangen, seitdem Alex unseren Eltern von meinem angeblichen ‚Macker‘ erzählt hatte.
Alle schien das vorherige Gespräch bestens verdrängt zu haben, aber ich bemerkte an der angespannten Haltung meiner Eltern, dass sie es nicht verdrängten. Oh. Oh. Das Gespräch würde noch ein Nachspiel haben, aber vorerst feierten wir Weihnachten.
Ab und zu steckte ich mir mit der Gabel lustlos Essen in meinem Mund. Beim hinunterschlucken, musste ich beinahe würgen, da das trockene Fleisch schwer runterging.
Ich verstand immer noch nicht, wieso meine Familie so einen großen Aufstand fabrizierte.
‚Sebastien Dupont, wer bist du? ‘, dachte ich angestrengt nach. Irgendetwas Schlimmes musste er ja wohl gemacht haben, sonst würde er nicht auf der Abschussliste meiner ganzen Familie stehen.
Sehr merkwürdig.

Nach dem Essen wurde ich dazu verdonnert, dass dreckige Geschirr in die Spülmaschine einzuräumen.
„Mia, was sollen wir bloß mit dir machen?“, fragte mein Vater erschöpft und ließ sich auf einen Stuhl fallen.
„Dad, was meinst du?“, entgegnete ich verwirrt.
„Ausgerechnet du verfällst Sebastiens Charme“, seufzte er und rieb sich über sein markantes Gesicht.
„Was habt ihr denn gegen ihn? Und ich will jetzt die Wahrheit wissen, Dad!“, forderte ich und stemmte meine Hände an die Hüfte.
„Glaubst du an das Mystische?“, fragte Dad mich allen Ernstes.
„Ähm, Dad? Das ist jetzt nicht dein Ernst.“
„Unter den Menschen leben Kreaturen, von denen sie nichts ahnen. Dazu gehören auch Vampire und vieles mehr.“
„Du willst mir jetzt nicht weiß machen, dass er ein Blutsauger ist?“, fragte ich geschockt nach.
„Doch und ich auch. Unsere ganze Familie besteht aus Vampiren, nur die männlichen. Die Weiblichen unter uns sind die Gefährtinnen, die sich später an einen Vampir für die Ewigkeit binden!“
Ungläubig starrte ich ihn mit offenem Mund an. In meinem Gehirn ratterte es. Diese Information musste man mal erst verdauen.
„Du weißt doch, du trägst am Handgelenk ein chinesisches Zeichen?!“, fuhr er fort, wartete aber nicht auf eine Antwort von mir ab. „Es zeichnet dich zu einer Gefährtin aus, sowie deine Schwestern.“
„Nein!“, flüsterte ich und lehnte mich haltsuchend an den Schrank. Das konnte nicht wahr sein. Solche Dinge existieren in der Fantasie, in den Büchern, wo sie hingehörten und nicht in die Realität.
Kopfschüttelnd lehnte ich an dem Küchenschrank. Nein, nein, nein! Dad wollte mich nur auf den Arm nehmen. Alles was er sagte, stimmte nicht! Es konnte nicht stimmen! Vampire! Pah! So etwas gab es nicht.
Wieder entfuhr meinem Dad einem Seufzer. „Deine Gedanken sind verwirrend!“
„Was?!“, fragte ich geschockt.
„Die meisten Vampire können Gedanken lesen, sowie ich jetzt bei dir und du reimst dir einen völligen Schwachsinn zusammen. Eigentlich hätte ich dich darin noch nicht einweihen sollen, erst wenn du etwas älter bist.“
Oh, mein Gott! Ich schluckte. Auf keinen Fall glaubte ich an diesen Hokuspokus – völliger Schwachsinn. Dad wollte mich wirklich nur auf den Arm nehmen und in ein paar Minuten würde er sagen: „Reingelegt, Mia!“
Wo befanden sich die verstecken Kameras? Sollte ich mich etwa jetzt zum Affen machen, indem man mir solch eine Lüge auftischte?
„Mia, es gibt keine versteckten Kameras und alles, was ich dir erzählt habe, stimmt!“, sagte mein Dad genervt.
Geschockt starrte ich ihn an. Das hatte ich gerade noch gedacht. Er konnte also wirklich meine Gedanken lesen. Durfte man hier nirgendswo mehr seine Privatsphäre haben!
Aber Vampire gab es nicht! Ungläubig musterte ich ihn. Vampire zeigten Verhaltensmuster.
Vorhin am Tisch haben alle menschliches Essen gegessen. Ich habe überhaupt keinen Tropfen Blut gesehen! Außerdem war die Hälfte aus meiner Familie schön braun gebrannt und die andere Hälfte wiederrum blass. Aber trotzdem Vampire hatten eine blasse, vor allem kalte Haut. Sie bewegten sie graziös und elegant, waren schnell und hätten ein ziemlich gutes Gehör.
„Ja, das mit der Hautfarbe stimmt nicht so ganz“, seufzte mein Dad.
„Hör auf meine Gedanken zu lesen“, schrie ich ihn wütend an. Er musste wirklich ein Vampir sein. Aber die Körpertemperatur, da stimmt etwas nicht. Ich habe Dad immer äußerst warm empfunden.
Zögernd ging ich auf ihn zu. Meine zittrige Hand von mir gestreckt. Nur noch wenige Zentimeter trennten mich von ihm - einem Vampir. Ich habe achtzehn Jahre lang mit Vampiren unter einem Dach gelebt! Wie konnte man dies nicht bemerken? Dad meinte vorhin, dass nur die männlichen aus meiner Familie Vampire waren. Dann mussten die Frauen ja noch menschlich sein, oder halbwegs zur Hälfte ein Vampir sein.
„Wenigstens jetzt zeigst du logische Gedankengänge“, seufzte mein Vater hocherfreut. Wie konnte ich dies alles so gelassen hinnehmen? Vielleicht wusste mein Unterbewusstsein immer Bescheid und jetzt traf es mich nicht so heftig. Zum Teil glaubte ich daran, aber anders wiederum nicht. Meine zitternde Hand berührte seine Wange und sie war warm – warm! Hach! Ich wusste es doch, es gab keine Vampire. Dads Körper war warm und nicht kalt! Da hatten wir doch den Beweis.
Gerade wollte ich den Mund aufmachen, um zu protestieren, da erwiderte er schon wieder seufzend: „Mia, meine Körpertemperatur ist gerade warm, weil ich vorhin noch Blut zu mir genommen habe!“
Erschrocken wich ich von ihm zurück. Noch nie hatte ich gegenüber meinem Dad Angst empfunden. Seine blauen Augen blickten mir intensiv in meine. Sie versuchten mir zu übermitteln, dass dies alles der Wahrheit entsprach. Kopfschüttelnd hielt ich meine Hand vor den Mund.
„Wenn du ein Vampir bist, dann zeig mir deine Eckzähne“, flüsterte ich mit zittriger Stimme.
Sofort öffnete er seinen Mund und da, da, da waren lange, spitze Eckzähne. Unnormal wie es bei einem Menschen war. Dad war ein Vampir. Ich befand mich unter Vampiren. Musste ich Angst haben, dass sie mein Blut tranken, da ich nur zur Hälfte ein Mensch war? Töteten sie Menschen, um an dessen Blut dran zukommen?
„Nein, wir trinken dein Blut nicht. Entweder wir ernähren uns von Blutkonserven oder von dem Blut unserer Gefährtin. Nur dein Gefährte darf dein Blut trinken“, beantwortete er ehrlich meine gedachten Fragen.
Fasziniert, ängstlich, verwirrt und ungläubig betrachtete ich seine ausgefahrenen Eckzähne. Das konnte alles einfach nicht wahr sein! Ich musste träumen. Ja, genau, es war ein Traum, von dem ich gleich wieder aufwachen würde. Schnell kniff ich mir in den Arm und musste ein „Aua“ unterdrücken und öffnete die Augen. Shit, es war kein Traum. Ich befand mich immer noch mit meinem Dad in der Küche und er zeigte mir seine unnormalen Eckzähne. Ein zweites Mal kniff ich mir in den Arm, um aber wieder enttäuscht zu werden. Wieso konnte es kein Traum sein? Warum musste es mein Leben beeinflussen? Nachdem, was ich jetzt erfahren habe, würde sich mein Leben von Grund auf ändern.
Ich lebte mit Vampiren unter einem Dach.
„Dad? Bitte, sag mir, das ich träume?“, flehte ich ängstlich.
„Es tut mir Leid, Kleines. Es ist die Wahrheit!“, antwortete er mir entschuldigend und nahm mich in den Arm, jedoch versuchte er diese menschliche Vertrautheit wieder aufzubauen.
Aber ich wich gekonnt von ihm weg. Ich musste es jetzt irgendwie verdauen.
„Und was hat das jetzt mit Sebastien zu tun?“, fragte ich noch immer ungläubig.
„Er gehört zu den „bösen Vampiren“. Mia, wir trinken von Blutkonserven, oder von freiwilligen Spendern, aber er und seine Leute nicht. Sie töten, um an das schöne, warme Blut eines unschuldigen, unberührten Menschen dran zukommen. Am liebsten bevorzugen sie Mädchen, wie dich. Deshalb bitte ich dich, Halte dich von ihm fern! Da du ja auch noch eine Gefährtin bist, bist du umso wertvoller, als ein ganz normales, unschuldiges Mädchen. Du solltest froh sein, wenn er noch nicht wirklich ein Auge auf dich geworfen hat. Wenn ja, hast du keine Chance mehr ihm zu entkommen.“
Ich schluckte einen riesen, großen Kloß hinunter.
„Deine andere Tante war ihm auch verfallen“, flüsterte er.
„Luise?“
„Nein, nicht Luise, sondern Diana. Sie ist die Schwester deiner Mom Sylvia.“
„Was ist mit ihr geschehen? Ich dachte, sie sei bei einem Autounfall gestorben. War Sebastien an ihrem Tod beteiligt? War sie auch eine Gefährtin, so wie meine Schwestern und ich?“, fragte ich geschockt nach.
Traurig nickte er mit seinem Kopf. „Ja, sie war auch eine Gefährtin. Sebastien hatte Diana bei seinem Blutrausch getötet. Diana war die Gefährtin meines besten Freundes und Sebastien konnte dies nicht akzeptieren!“
Er war ein Killer! Ich hätte niemals gedacht, dass er zu so etwas fähig war. Wieso hatte er mich dann vor diesem Menschen gerettet, wenn er eh hinter meinem Blut her war? Er hätte mich vergewaltigen lassen können und danach mich ausbluten lassen können. Aber so grausam konnte ich ihn mir nicht vorstellen. Er war zuvorkommend, nett, höflich und charmant.
Es waren zu viele Informationen in diesen zehn Minuten. Warum hatte Dad mir, oder uns dies nie erzählt?
„Lass dich nicht von seinem Charme einwickeln“, warnte mich Dad, als er mal wieder in meinem Kopf geschnüffelt hatte.
„Wieso hast du uns nie etwas davon erzählt, dass Diana keinen Autounfall gehabt hatte?“, hakte ich weiter ungläubig nach. All diese Informationen waren so ungläubig. Es musste ein Traum sein, auch wenn ich mir eben die Bestätigung dazu geholte habe, dass es kein Traum war, war es so suspekt – einfach schier unmöglich.
„Mia, ich wollte euch vor den Vampiren ein wenig fernhalten“, wiederholte er.
„Wussten es meine Geschwister?“, hakte ich unter Tränen weiter nach.
Er nickte. Empört schnaubte ich. Wieso erzählte er es ihnen und mir nicht? Dad sollte bloß nicht mit der Erklärung kommen, dass ich dafür noch zu jung wäre.
„Allerdings wissen es nur deine Brüder. Es tut mir Leid, Mia. Ich wollte es dir wirklich bei einer besseren Gelegenheit erzählen“, entschuldigte er sich ehrlich und nahm mich in den Arm, da ich nicht mehr zurückweichen konnte.
Ich wurde an seinen großen, warmen Körper gepresst und es fühlte sich gut an von ihm umarmt zu werden. Meine Fingernägel krallte ich in seinen weihnachtlichen Pulli und heulte mich bei ihm aus. All die Tränen, auch die, die ich vorhin hatte versucht am Tisch zu unterdrücken, kullerten hemmungslos meine Wange hinab.
Beruhigend strich er mir über meinen Rücken.
Ich konnte es echt nicht fassen, was ich heute alles erfahren habe!

Kapitel 5


Nachdem ich mich an der Schulter meines Vaters ausgeheult hatte, musste ich mich im Badezimmer noch einmal frisch machen, da die dezente Schminke in meinem Gesicht leicht verschmiert war.
Als ich mich zurück in den Essbereich begab, sah ich alles mit anderen Augen. Alle meine Liebsten waren Vampire, selbst Rick und meine Brüder. Ich wurde von allen getäuscht.
Vor allem konnte ich die Behauptung, dass Sebastien meine Tante Diana getötet haben solle nicht glauben. Mir gegenüber benahm er sich wie ein Gentleman.
Immer noch meinen Gedanken nachhängend setzte ich mich zu meiner Familie.
Josh und Alex schienen zu wissen, dass ich alles wusste bis aufs kleinste Detail.
Wie konnte ich mit diesen ganzen Informationen leben können? – So wie bisher? – Einfach so tun, als wäre dies nie geschehen? Aber bald würde es mich einholen. Ich war eine Gefährtin und ich würde bald meinen Gefährten finden, wenn ich dies nicht sogar schon getan hatte. Irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass Sebastien mein Gefährte war. Allerdings wusste ich nicht recht, wie ich darauf kam. Vielleicht lag es an den Gefühlen, die ich für ihn empfand. Okay, ich hatte ihn bisher nur einmal in meinem Leben getroffen. Wenn ich ihn das zweite Mal treffen würde, könnte ich eventuell mit Gewissheit sagen, ob ich etwas für ihn empfand. Außerdem dachte ich zu oft über ihn nach, wie mir schon aufgefallen war. Gestern in der Bar war mir es merkwürdig vorkommen, warum mein Herz bei seinem charmanten Lächeln anfing wild in meiner Brust zu pochen!
Das war schon recht seltsam. Bei den vielen anderen Typen in dem Club war dies nicht geschehen. Also, musste es bedeuten, dass er mein Gefährte war? Wenn dies stimmte, dann hätte ich ein Problem – sogar ein gewaltiges, großes Problem! Meine Familie würde dies sicherlich nicht dulden. Außerdem fühlte ich mich total verloren, wenn ich mich nicht in seiner Nähe befand.
„Mia? Ist auch wirklich alles in Ordnung mit dir?“, fragte Rick mich heute zum zweiten Mal besorgt.
Ein gezwungenes Lächeln und schon konnte ich ihn ein bisschen beruhigen.
Es ging langsam auf den späten Abend zu. Wir saßen im riesigen Wohnzimmer vor dem geschmückten Tannenbaum. Wie jedes Jahr sah dieser Baum einfach nur überwältigend aus.
Ganz oben auf dessen Krone saß ein goldener Stern. Die meisten Kugeln trugen die Goldtöne.
Rote Schleifen und Lichterketten vollendeten den Weihnachtsbaum. Und vor dem Stamm lagen ganze vielen Geschenke verteilt.
Aufmunternd drückte mir Josh die Hand und lächelte mich liebevoll an.
Ich hörte meinem Vater überhaupt nicht zu, was er erzählte, doch dann griffen sich alle die Geschenke. Bei dem ganzen durcheinander hatte ich keine Lust aufzustehen und mich durch die Meute zu kämpfen. Deshalb blieb ich stumpf auf meinem Platz sitzen und hing meinen Gedanken nach.
„Hier, ich habe sie dir alle mitgebracht!“ Josh brachte mir meine ganzen Geschenke und legte sie mir auf meinen Schoß ab. Er glitt wieder neben mir auf seinen Platz.
„Danke“, nuschelte ich.
„Das ist von mir“, erklärte er mir das kleine rot eingepackte Päckchen.
Neugierig machte ich es auf. All die traurigen Gedanken waren wie weggeblasen. Ich war so aufgeregt und wollte endlich wissen, was er mir schenkte. Als endlich das ganze Geschenkpapier ab war, kam eine kleine schwarze, samtige Schachtel zum Vorschein. Als ich sie öffnete, staunte ich.
„Josh! Das wäre echt nicht nötig gewesen!“, lachte ich und fiel ihm um den Hals. In meinen Händen lag ein silbernes Medaillon.
„Öffne es“, forderte er von mir.
Neugierig biss ich mir auf die Lippe und versuchte das große Medaillon zu öffnen. Ein leiser Klick ertönte und schon konnte ich zwei Fotos betrachten. Zwei Bilder, auf denen Josh, Alex und ich nur abgebildet waren. Wir grinsten glücklich in die Kamera und mal wieder keilten die beiden mich ein. Diese Bilder waren schon alt, da ich mich kaum daran erinnern konnte, sie je gemacht zu haben.
Als ich es wieder schloss, betrachte ich die Verzierungen.
„Es ist wirklich wunderschön“, hauchte ich und küsste ihn auf die Wange.
„Soll ich es dir umbinden?“, fragte er mich höflich.
Einverstanden nickte ich und überreichte ihm das Schmuckstück.
Wenige Sekunden später baumelte das Medaillon um meinen Hals.
Ich öffnete die vielen weiteren Geschenke von meinen ganzen Verwandten. Darunter befand sich jede Menge Schmuck. Alex hatte sich auch die Mühe gemacht und mir ein Fußkettchen geschenkt mit unseren Initialen. Aber ich bekam auch einiges an Kleidungsstücken geschenkt.
Jedenfalls war es ein toller Abend, der mich ablenkte.
„Josh?“, rief ich nach ihm.
Erwartungsvoll blickte er mich an.
„Kannst du auch Gedanken lesen?“
Süffisant blickte er mich an. „Oh, ja! Deine Gedanken sind absolut spitze im Gegensatz zu anderen Gedanken“, lachte er und legte seinen Arm um meine Schulter. Seufzend bettete ich meinen Kopf auf seine muskulöse Brust, die durch einen Pulli bedeckt war.
„Alex auch?“
„Klar“, antwortete er immer noch lachend und streichelte mir meine Wange.
Entrüstete schnaubte ich. Dann wussten sie ja alles von mir! Und ich dachte manchmal echt viel – Unlogisches!
Peinlich!
Plötzlich klingelte es an der Tür.
„Ich gehe schon“, rief ich fröhlich, befreite mich aus der Umklammerung von Josh und machte mich auf den Weg zum Eingang.
Als ich die riesige Tür öffnete und mir stockte der Atem beim Anblick dieser Person. Das er es wagte hier aufzutauchen.
„Sebastien“, flüsterte ich.
Charmant – wie eh und je – lächelte er mich an. Mein Verstand verbat mir den Umgang mit ihm. Ich sollte ihm die Tür vor der Nase zuknallen, aber aus irgendeinem Grund konnte ich dies nicht in die Tat umsetzen, sondern stand stocksteif vor ihm und meine Gefühle drohten mich zu überwältigen.
Am liebsten würde ich mich in seine Arme werfen und er sollte mich nie wieder loslassen.
„Woher weißt du, wo ich wohne?“, fragte ich verwirrt nach.
„Ich weiß, wo die meisten Menschen in der Stadt wohnen“, entgegnete er und lächelte immer noch sein zauberhaftes Lächeln. Ich schluckte. Seine Augen nahmen mich in seinen Bann und gaben mich nicht mehr frei. Sein ganzes Erscheinen verschlug mir die Sprache. Ich versuchte mich von seinem Anblick zu befreien, aber ich schaffte es nicht. Er musste mich bestimmt verrückt halten, so wie ich ihn anstarrte.
Plötzlich machte er einen weiteren Schritt auf mich zu und blickte mir dabei intensiv – zu intensiv – in die Augen. Sein zauberhaftes Lächeln erreichte seine Augen und ließen sie freudig glitzern. Und er ließ mal wieder mein Herz ein paar Stufen höher schlagen. Was machte er nur mit mir?
Vielleicht war ich seine Gefährtin? Das könnte gut möglich sein.
Zwar konnte ich mich damit noch nicht wirklich anfreunden, dass es Vampire und andere Wesen auf der Welt existieren, aber vielleicht war ich eventuell seine Gefährtin.
Zärtlich strich Sebastien über meine Wange. Ich spürte seinen warmen Atem auf meiner unterkühlten Haut. Mein Körper konnte sich keinen Zentimeter bewegen, so gebannt war er von ihm.
Raubtierartig überwandte er die letzten Millimeter und zog mich zu sich. Liebevoll strich er mir meine Haare aus dem Gesicht. Derweil konnte ich ihn nur anstarren. Gierig umrandete er mit seiner Fingerspitzen meine Lippen. Ganz langsam beugte er sich zu mir runter und drückte seine Lippen auf meinen Mund. Automatisch schloss ich die Augen und meine Hand fuhr durch seine Haare.
Spielerisch neckte er mich, indem er in meine Unterlippe hineinbiss und mein Blut in sich aufnahm. Erschrocken zuckte ich vor einem kleinen Schmerz zusammen und wollte zurückweichen, doch er legte seinen Arm um meine Taille und presste mich noch enger an ihn. Wenige Sekunden später löste er sich von mir und blickte mir in die Augen.
„Du bist noch schöner, als ich dich in Erinnerung gehabt habe“, schmeichelte er mir und schenkte mir einen innigen, sanften und besitzergreifenden Kuss. Auf einmal kehrten verwirrende Erinnerungsfetzen zurück. Verwirrt fasste ich an meine Schläfe und massierte diese.
Er löste die Erinnerung aus, die ich vergessen hatte. Verwirrt kräuselte ich die Stirn. Das was ich sah, war schier unmöglich. Ich habe mit ihm geschlafen! Aber das konnte nicht sein! Nein, so etwas würde ich niemals tun. Er musste mich unter Drogen gesetzt haben. Nie würde ich mit einem wildfremden Kerl ins Bett steigen. Sebastien hatte auch von meinem Blut getrunken. Oh, Gott. Was hatte ich getan?
Wütend riss ich mich aus seiner Umarmung. Er hatte mich benutzt. Wenn er wieder in seinem Blutrausch gewesen wäre, könnte ich jetzt tot sein!
„Deine Erinnerungen sind also zurückgekehrt“, seufzte er und streckte seinen Arm nach mir aus.
„Hast du sie mir etwa genommen, Vampir?“, zischte ich herablassend und kniff meine Augen misstrauisch zusammen.
„Nein, dass waren deine Brüder“, antwortete er gelassen und lächelte mich frech an.
„Was? Du lügst“, entgegnete ich, aber irgendwie fühlte ich, dass er die Wahrheit sagte.
Schließlich wurde ich achtzehn Jahre lang belogen, warum auch nicht jetzt?
„Du denkst wirklich zu viel“, seufzte er und überbrückte blitzschnell den Abstand zwischen uns und schlang seinen Arm um meine Taille.
„Lass mich los“, wimmerte ich leise und starrte mal wieder in sein Gesicht. Wieso musste er – ausgerechnet er – so unglaublich unwiderstehlich sein?
„Wieso sollten sie meine Erinnerungen löschen?“, hakte ich weiter nach. Aber meine Stimme hörte sich nicht gefasst an, sodass er mich nicht ernst nahm. Ich war der Hase im Maul eines Löwen.
„Damit du mich nicht kennenlernst“, flüsterte er mir in mein Ohr. Oh, man. Ich bräuchte nur einmal ‚Hilfe‘ schreien und sofort stände meine ganze Familie hinter mir.
„Du hast mit mir ohne meine Einwilligung geschlafen!“, hielt ich ihm empört vor. Ich war immer noch fassungslos von meiner Tat.
„Dir hat’s sogar gefallen, sehr sogar. Außerdem haben wir einen Blutaustausch durchgeführt. Du bist jetzt für die Ewigkeit an mich gebunden“, erzählte er mit einem heimtückischen Grinsen um seine Lippen.
Geschockt blickte ich ihn an. Ich wollte mich gegen ihn stemmen, mich ihm widersetzen, doch alles was ich zustande brachte war – nichts! Gegen ihn konnte ich rein gar nichts unternehmen! Dafür war ich zu schwach und ich war ihm schon unwiderruflich verfallen. Wie konnte mir so etwas nur passieren? Leider waren meine ganzen Erinnerungen noch nicht zurückgekehrt. Und an einen Blutaustausch fehlte die Erinnerung - ohne jede Spur. Ich wusste nur, dass er mein Blut zu sich genommen hatte und danach umhüllte alles die Dunkelheit.
Verzweifelt drückte ich gegen seinen Brustkorb.
„Lass mich los, du Monster!“, schrie ich ihn mit unterdrückten Tränen an.
„Was ist hier los?“, hörte ich die Stimme von Josh. Erleichtert atmete ich auf. „Mia! Sebastien, lass sie in Ruhe!“
Plötzlich wurde Sebastien von mir weggezerrt. Es verlief alles so schnell in einer Vampirgeschwindigkeit, der ich nicht mit meinen Augen folgen konnte.
„Hey, Süße. Es wird alles wieder gut“, versuchte mich Ricky zu beruhigen, nahm mich auf seinen Arm und setzte mich in der Küche auf einen Stuhl ab. „Warte hier. Josh und ich sind gleich zurück.“
Verstört brachte ich nur ein hageres Nicken zustande. Ohne meine Einwilligung hatte Sebastien mein Blut zu sich genommen, einen Blutaustausch durchgeführt und mit mir geschlafen.
War ich etwa betrunken gewesen? Die Erinnerungsfetzen zeigten mir nicht, wie das passieren konnte, sondern einfach nur, dass er mit mir geschlafen hatte, das Blut zu sich genommen hatte und dann glitt ich in die Bewusstlosigkeit, mehr wusste ich nicht.
Draußen ertönte ein Poltern. Erschrocken stand ich auf und wagte einen Blick aus dem Fenster. Um eine bessere Sicht zu haben, kniff ich meine Augen zu und konzentrierte mich auf die Dunkelheit. Nichts, ich konnte rein gar nichts erkennen. Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter.
„Ah!“, schrie ich erschrocken und blickte in Josh braune Augen.
Besorgt nahm er mich in seine Arme und wiegte mich beruhigend.
„Er hatte einen Blutaustausch durchgeführt“, flüsterte ich unter heftigen Schluchzern. Ich weinte mich hemmungslos bei ihm aus.
„Shit“, entfuhr es ihm wütend und er spannte seinen ganzen Körper an. „Ich bringe ihn um!“
„Nein“, rief ich aufgebracht und mein Herz spielte mal wieder total verrückt, immer wenn es um Sebastien ging.
„Das sagst du jetzt nur, weil dieses Band zwischen euch besteht!“, begründete er meinen Ausbruch und zog mich wieder zu sich. „Wir werden schon irgendwie eine Lösung finden und bis dahin hältst du dich von ihm fern!“


Kapitel 6


Der Abend war gelaufen. Nach seinem erfolgreichen Auftauchen hatte Sebastien die weihnachtliche Stimmung gekippt. Alle waren erschrocken darüber, dass ausgerechnet zwischen mir und dem ‚Verräter‘ – so nannten meine restlichen Verwandten ihn – ein gemeinsames Band bestand.
Mein Verstand läutete mir so gut es ging ein, dass ich mich von ihm fernhalten sollte. Ich wollte nichts mit ihm zu tun haben. Er trank Blut bis zum geht nicht mehr. Er tötete die Menschen, während der Blutaufnahme. Würde er auch mich töten?
Ich war seine Gefährtin und Dad hatte mir erklärt, wenn ein Vampir mit seiner Gefährtin den Blutaustausch vornahm, dann konnte der Vampir nur noch von seiner ‚Frau‘ Blut aufnehmen. Wenn er das Blut anderer Frauen zu sich nähme, würde es seinen Hunger nicht stillen, sondern nur noch mehr entfachen. Deshalb hatte er sich auch vorhin ein paar kurze Schlucke meines kostbaren Blutes gegönnt. Aber er nahm nicht viel davon. Dieses Mal hatte er aufgepasst, damit ich nicht bewusstlos zusammenbrechen würde. Er war sanft zu mir.
Diese Argumente redete mir mein Herz ein, das sich schreiend nach ihm sehnte. Wenn er nicht da war, war ich hoffnungslos verloren und wenn er bei mir war, war ich die aufgehende Sonne, so glücklich war ich.
Aber was er getan hatte, musste ich ihm verübeln. Er hatte alles ohne meine Einwilligung getan.
Seufzend lag ich auf meinem Bett, als plötzlich etwas an meiner Fensterscheibe klopfte.
Verwirrt blickte ich nachdenklich dorthin. Was sollte das? Mit steifen Gliedern stand ich auf, schob die Gardine zur Seite und blickte aus dem Fenster. Nichts war zu sehen. Genervt stöhnte ich auf und machte wieder Anstalten in mein Bett zu gehen, als wieder etwas gegen das Fenster klopfte. Misstrauisch wandte ich mich der Scheibe zu, öffnete es und suchte die Gegend ab. Ich fröstelte und als ich Sebastiens Silhouette im Schatten der Bäume erkannte, stieg ein Glücksgefühl in mir hoch. Was sollte das? Ich war immer noch sauer auf ihn! Meine Gefühle spielten einfach verrückt, wenn es um ihn ging. Wieso musste es immer um ihn gehen? – Egoistische Frage.
Von draußen hörte ich ein leises, unterdrücktes Lachen von ihm.
„Darf ich hochkommen?“, hörte ich seine melodische, raue Stimme.
Mein Verstand sagte ‚nein‘ und mein Herz ‚ja‘. Auf was sollte man denn da schon hören?
Ohne überhaupt nachzudenken, bewegte sich mein Kopf wie von selbst. Eine Sekunde später befand sich Sebastien in mein Zimmer und schloss das Fenster. Wie hatte er das nur gemacht? Innerlich verdrehte ich über meine eigene Dummheit die Augen. Diese Vampirfähigkeiten gingen mir langsam schon auf den Zeiger.
„Was willst du?“, flüsterte ich ganz benommen von seiner mächtigen Ausstrahlung. Und beim genaueren hinschauen, erblickte ich ein großes Veilchen in seinem Gesicht. Besorgt lief ich zu ihm hin und berührte sein Gesicht. Er zuckte nicht mal zusammen.
„Tut’s weh?“, fragte ich besorgt.
„Nein“, lachte er. „Es ist eh gleich verheilt.“
Staunend betrachtete ich, wie sein blaues Veilchen allmählich verblasste.
Seufzend senkte ich meine Hand und sie blieb auf seiner muskulösen Brust liegen.
„Was willst du?“, wiederholte ich und senkte meinen Blick. Unter keinen Umständen durfte ich in seine braunen Augen sehen, denn dann verabschiedete sich schon mein Verstand. Bei seiner Anwesenheit brauchte ich dringend einen kühlen und klaren Kopf.
„Du bist meine Gefährtin, du gehörst mir“, hörte ich seine melodische, raue und tiefe Stimme, die wieder ein unbändiges Verlangen in mir auslöste.
„Warum ich?“, flüsterte ich zaghaft an seiner Brust.
„Kannst du dich an unser erstes Treffen erinnern?“
Kopfschüttelnd wagte ich einen kurzen Blick in sein Gesicht. Ich fühlte mich so unbeschreiblich gut in seiner Nähe. Er schlang seine Arme um meine Taille und zog mich noch fester an seine Brust.
„Du hieltest Josh in deinem Armen, da er angeschossen wurde mit einer speziellen Waffe gegen Vampire“, fing er an zu erzählen und legte sein Kinn auf mein Haar. Sebastien verhielt sich gerade ganz anders, als sonst.
Er war zwar besitzergreifend, aber nicht machomäßig, sondern liebevoll und zärtlich, strahlte allerdings immer noch diese ungeheure Macht aus. Zurzeit war er ein vollkommen anderer Mensch – pardon Vampir!
„Du sahst mich mit deinen verschreckten Rehaugen an und brachtest mich um den Verstand“, flüsterte er. Nie hätte ich gedacht, dass er seine Gefühle mir gegenüber preisgab. Es verblüffte mich sehr. Ich habe ihn als launischen, machohaften, besitzergreifenden, geheimnisvollen Typen kennengelernt, der nie seine Gefühle preisgab. Und mit seiner zärtlichen Art verpuffte die Wut darüber, dass er mich einfach so zu seiner Gefährtin gemacht hatte. Ich konnte auf ihn einfach nicht lange wütend sein.
„Deine Stimme löste unbekannte Gefühle in mir aus“, entgegnete ich und blickte in seinen Augen, die geheimnisvoll aufblitzten.
„In dem Moment wollte ich dich so sehr“, gestand er mir weiter.
Ich schluckte und blickte ihm in die Augen. Gier und sein Verlangen nach mir blitzte in ihnen auf.
„Aber wieso hast du mich nicht gefragt, ob ich es überhaupt will?“, hakte ich weiter nach und legte meine Hände in seinen Nacken.
„Das willst du nicht wissen“, antwortete er knapp und grob. Jetzt war er wieder der Alte, der seine emotionslose Maske aufsetzte. Für einige Momente hätte ich geglaubt, dass meine bloße Anwesenheit ihn eventuell verändern könnte, seinen harten Kern zum Schmelzen bringen könnte, aber nein, er verschanzte sich lieber hinter seiner unsichtbaren Mauer.
„Sag es mir“, flehte ich weiter.
„Du würdest mich vielleicht hassen, wenn ich dir den Grund verrate“, deutete er an und strich mir liebevoll ein paar Strähnen meines langen Haares hinter mein Ohr.
„Eigentlich sollte ich dich schon längst hassen, aber ich tue es nicht!“, entgegnete ich und verzog meine Lippen zu einem perfekten Schmollmund.
„Nein, Mia“, herrschte er mich grob an und drückte mich von sich. Enttäuscht blieb ich wie angewurzelt auf der Stelle stehen und rang nach Luft. Kläglich versuchte ich die Tränen zurück zuhalten, doch eine stahl sich davon und lief meine Wange hinab und tropfte auf den Boden. Schnell wischte ich mit meinen Händen über mein Gesicht. Ich durfte bloß nicht die Fassung verlieren.
Aber trotzdem war die Enttäuschung groß, dass er sich mir nicht anvertraute, während ich mich ihm völlig hingab. Spielte er etwa nur mit mir?
‚Lass dich nicht von seinem Charme einwickeln‘,

hörte ich Dads vertraute Stimme in meinem Gedächtnis. Es war zu spät, ich habe mich von seinem unwiderstehlichen Charme einwickeln lassen.
Ich durfte nicht auf ihn hineinfallen. Er war Schuld an dem Tod meiner Tante Diana. Vielleicht wurde ich ja auch bald sein Frühstück, wie sie. Überhaupt daran zu denken, ließ mich würgen.
Endlich habe ich die Augen geöffnet, die Wahrheit erkannt, die mir die anderen versucht haben eindringlich zu verstehen zu geben. Leider wollte ich nie auf sie hören und verdrängte es. Mein Herz wollte es nicht hören, dass er der Mörder meiner Tante war.
„Du hast sie umgebracht oder?“, flüsterte ich und starrte aus dem Fenster. Ich stand mit dem Rücken zu ihm.
„Wen?“, entgegnete er mit einer Gegenfrage verwirrt. Ich wollte so sehr die Wahrheit aus seinem Mund hören, ob er es wirklich getan hatte. Erst dann konnte ich es glauben.
„Meine Tante Diana“, antwortete ich und ich spürte, wie die Spannung in meinem Zimmer negativ anstieg.
„Du willst, dass ich die Wahrheit sage? Ja, ich habe sie umgebracht. Sie war die Gefährtin des besten Freundes deines Vaters und ich wurde sozusagen auch auf sie geprägt. Ich konnte nicht akzeptieren, dass Diana nur für ihn etwas empfand und so verfiel ich in den Blutrausch.“ Seine Worte trafen mich wie der Blitz. Ich hätte an den Worten meines Vaters nicht zweifeln sollen. Das hatte ich nun davon. Wütend und enttäuscht ballte ich meine Hände zu Fäusten. Mein Herz hatte so sehr gehofft, dass sich mein Dad irrte und jetzt hatte ich auch noch eine mündliche Bestätigung bekommen. Was wollte ich mehr?
Ich war enttäuscht von mir. Ich verfiel dem Mörder meiner Tante. Wie könnte ich ihm je wieder unter die Augen schauen?
„Wenn du mir dies ja so ehrlich beantworten konntest, dann sag mir, warum hast du mich ohne meine Einwilligung zu deiner Gefährtin gemacht?“ Meine Stimme zitterte vor Wut und unterdrückte meinen Schmerz. Mein Herz vertraute ihm vollkommen, worüber ich mich schämte. Den Mörder meiner Tante zu lieben, wie sollte ich das nur ertragen?! Tante Diana war meine Lieblingstante und die Person, die ich liebte, ermordete sie.
Nicht nur meine Stimme zitterte. Ich hatte meinen ganzen Körper nicht mehr unter meiner Kontrolle.
„Dein Dad“, seufzte er. „Damit ich die Hände von Diana lassen sollte, habe ich ihm vorgeschlagen, dass ich dich haben will. Zuerst waren deine Eltern damit nicht einverstanden, aber dann sagten sie zu, da sie merkten, dass ich nichts anderes wollte. Schon als du ganz klein warst, spürte ich dieses unsichtbare Band zwischen uns. Deine Tante merkte dies, wir stritten uns und ich rate dir, mache mich niemals wütend. Das könnte unschön enden!“
„Du lügst!“, brachte ich gerade so noch hervor bis ich zusammenbrach.
Starke, muskulöse Arme beschützten mich vor dem harten Aufprall auf dem Boden. Sebastien drückte mich an seine steinharte Brust.
„Du lügst!“, wiederholte ich immer wieder und schlug ihm schwach gegen seine Brust. Auf einmal nahm er mich auf seine Arme und trug mich auf mein Bett. Vorsichtig legte er mich auf der Matratze ab und legte sich zu mir.
„Deine Familie war nicht einverstanden, dass Diana für zwei Vampire etwas empfand. Schon damals gehörte ich nicht zu den Guten. Die meisten Frauen stehen doch auf die ‚Bad Guys‘“, versuchte er zu witzeln, was ihm nicht gelang. „Ich wartete solange, bis du endlich deine Volljährigkeit erlangt hattest und deine Eltern dachten töricht, dass ich dich nicht finden könne, wenn sie ständig in der Welt umherreisten.“
Ich schluckte und klammerte mich an seinem Hemd fest.
„Es hört sich alles so ungläubig und verwirrend an“, flüsterte ich mit brüchiger Stimme. „Ich weiß nicht, wem ich mehr glauben soll.“
„Hör auf dein Herz“, hauchte er mir in mein Ohr und legte seine große Hand auf die Stelle, wo sich mein Herz befand. Es schlug mal wieder zu laut in meinem Brustkorb. Ein liebevolles Lächeln schlich sich in sein Gesicht.
Sofort lief ich puterrot an. Mein Körper reagierte einfach viel zu sehr auf ihn und er wusste es auch noch.
„Kannst du eigentlich auch Gedanken lesen?“, fragte ich gespannt nach.
„Ja“, lachte er amüsiert. Ich schluckte. Konnten eigentlich alle Vampire Gedanken lesen? Das war total unfair. Ich hatte gar keine Privatsphäre mehr!
„Du brauchst dich für deine Gedanken nicht schämen“, schmeichelte er mir. „Aber manchmal sind sie ganz schön…extravagant“, versuchte er sich aus der Misere zu befreien, als ich ihn böse von der Seite ansah. Er konnte sein Lachen nicht mehr verkneifen und so boxte ich spielerisch gegen seinen Arm.
„Du bist gar nicht der böse Typ, für den du dich ausgibst. Du hast auch noch einen weichen Kern, der irgendwo in dir verborgen steckt“, schlussfolgerte ich und blickte zu ihm auf. Auf meine Feststellung reagierte er gar nicht, sondern küsste meine Stirn und verweilte einige Sekunde dort. Es war schön seine Lippen auf meiner Haut zu spüren.
„Ich kann verstehen, wenn du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst, nachdem was du heute alles erfahren hast!“, sagte er mit einer ausdruckslosen Stimme und Mimik. Wie ich es hasste, wenn er seine emotionslose Maske aufsetzte, sodass er keine einzige Gefühlsregung durchließ. Manchmal verrieten ihn seine Augen, aber auch nicht immer.
Aber das, was er sagte, bereitete mir einen Stich in meinem Herzen. Auch wenn er meine Tante auf dem Gewissen hatte, ohne meine Einwilligung den Blutaustausch durchgeführt hatte, so konnte ich immerhin nicht auf ihn verzichten. Dieses unsichtbare Band war viel mehr als nur eine Gefährtensache. Langsam aber sicher verliebte ich mich in diesen emotionslosen Kerl.
Und es enttäuschte mich, dass er so von mir dachte.
Wie konnte er nur denken, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte?
Gerade wollte ich ihm meine Liebe zu ihm gestehen, da wurde plötzlich die Zimmertür aufgerissen und Liz starrte uns fassungslos an.
„Liz!“, rief ich überrascht.
„Oh, Gott. Mia! Geh von ihm weg, er könnte dich töten!“, rief sie mir panisch zu.
„Liz! Er wird mich nicht umbringen“, beharrte ich und setzte mich auf. Sebastien tat es mir gleich und seine Hand verweilte auf meiner Hüfte, um ihr zu verdeutlichen, dass ich zu ihm gehörte.
Missbilligend blickte ich auf seine Hand. Irgendwie musste ich ihm doch verständlich machen, dass ich nicht sein Eigentum war. Vampire waren ja so besitzergreifend. Ich wusste, dass er meine Gedanken lesen konnte.
„Schatz, du gehörst mir“,

hörte ich plötzlich Sebastiens Stimme in meinem Kopf. Bei dem Wort „Schatz“ machte mein Herz ein paar Saltos. Irgendwann würde ich wegen dem Kerl noch einen Herzinfarkt erleiden.
Erschrocken blickte ich ihn an und er grinste amüsiert.
„Das ist eine der Fähigkeit, wenn man mit seiner Gefährtin verbunden ist!“,

erklärte er mir in meinem Kopf.
„Habe ich denn gar keine Privatsphäre mehr?“, empörte ich mich und konzentrierte mich wieder auf Liz, was sie wohl als nächstes vor hatte.
Ich hörte nur noch ein Schnauben seinerseits.
„Liz, beruhige dich!“, versuchte ich es nochmal.
„Josh! Alex!“, kreischte sie einige Oktaven höher.
Panisch stand ich von meinem Bett auf und zog Sebastien mit mir mit.
„Du musst durch das Fenster verschwinden. Schnell!“, forderte ich ihn auf.
„Komm mit mir mit!“, entgegnete er und umfasste meine Hände.
„Es tut mir Leid“, flüsterte ich und schob ihn zum Fenster, doch er stemmte sich gegen mich. „Ich kann nicht mitkommen!“
„Ich nehme dich bald mit zu mir“, knurrte er und blickte kurz auf. Verwirrt drehte ich mich um und erblickte meine beiden Brüder. Wütend stürmten sie auf uns zu.
„Jetzt geh!“,

flehte ich in Gedanken.
Widerwillig drehte er sich um und verschwand durch das Fenster. Josh und Alex folgten ihm in Vampirgeschwindigkeit.
„Mia, bist du Wahnsinnig geworden?!“, hörte ich die kreischende Stimme von Liz.
„Du hast doch keine Ahnung!“, entgegnete ich und packte die Sachen meiner Cousine zusammen.
„Was machst du da?“, fragte sie mich missbilligend.
„Ich will heute Nacht meine Ruhe vor dir haben“, antwortete ich genervt und trug ihre Sachen auf den Flur.
„Das kannst du nicht machen! Wo soll ich denn schlafen?“, quiekte sie.
„Liz. Es gibt noch das Sofa oder geh zu meinen Brüdern!“, sagte ich genervt.
„Dein Verhalten ist inakzeptabel. Es wird noch ein Nachspiel geben, weil du dich auf Dupont eingelassen hast“, zischte sie und rauschte an mir vorbei. Was war das denn gewesen?
Verwirrt schüttelte ich meinen Kopf und schloss die Tür hinter mir ab.
„Sebastien!“,

rief ich besorgt nach ihm.
„Mir geht’s gut“,

er und eine Welle der Erleichterung stieg in mir hoch. „Ist bei dir alles in Ordnung?“


„Ja, verfolgen dich noch meine Brüder?“
„Nein“,

lachte er. „Ich bin älter als sie, da besteht keine Chance das sie mir ernsthaft schaden könnten!“
„Macho!“,

beschimpfte ich ihn und legte mich auf mein Bett.
Etwas kitzelte mich und ließ mich aufwachen. Müde rieb ich mir die Augen und blickte in zwei braune Augen.
„Sebastien?“, fragte ich verblüfft. „Wie?“
„Pst!“ Er legte seinen muskulösen Zeigefinger auf meine Lippen, um mir zu verdeutlichen, dass ich leise sein sollte.
„Du weißt doch, wir Vampire haben ein ziemlich gutes Gehör!“,

seine tiefe Stimme hallte in meinem Kopf wieder.
„Ich muss mich noch daran gewöhnen, die Wörter zu denken, anstatt sie auszusprechen“,

erzählte ich ihm. „Aber wie bist du unbemerkt ins Haus gekommen?“


Leise lachte er amüsiert. „Kleines, ich bin ein Vampir. Alles ist Möglich!“
„Eingebildeter Schnösel“,

warf ich ihm an den Kopf. „Wie alt bist du eigentlich?“


„Ich bin 25 Jahre alt, lebe aber schon seit 250 Jahren“,

antwortete er wahrheitsgemäß und mir klappte der Mund vor Staunen auf.
„So alt? Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich bin ja mit einem alten Knacker zusammen“,

machte ich mich über ihn lustig.
Angriffslustig grinste er mich an.
Ohne dass ich mit der Wimper zucken konnte, stürzte er sich leise auf mich drauf, sodass ich zwischen ihm und meinem Bett gefangen war. Meine Hände hielt er über meinem Kopf zusammen.
Ich sah, wie seine Eckzähne länger und länger wurden. Faszinierend. Staunend blickte ich seine spitzen Zähne an. Amüsiert legte ich meinen Kopf leicht schief und grinste ihn an.
Theatralisch langsam beugte er sich zu mir hinunter und schabte an meiner dünnen Haut am Hals.
„Ich spüre deinen Durst, trink“,

forderte ich ihn stumm auf.
„Ich kann immer noch nicht verstehen, dass du dich für mich entschieden hast, obwohl ich böse bin“,

sagte er fassungslos und blickte mir wieder in die Augen.
„Weil ich dich liebe“,

begründete ich und sah ihn erwartungsvoll an. Ich achtete auf jede seine Reaktion, da ich ihm gestanden habe, dass ich ihn liebte.
Überrascht lag er wie angewurzelt auf meinem Körper. Von Sekunde zu Sekunde wurde ich unruhiger. Er erwiderte nichts auf mein Liebesgeständnis. Ich könnte mich Ohrfeigen!
Nervös biss ich mir auf meine Lippe. Seine Augen folgten jeder meiner kleinsten Bewegungen.
Enttäuscht stieß ich ihn von mir runter und setzte mich auf.
Er packte mich an meinem Arm und drehte mich zu sich um. Ich versuchte mich aus seinem eisernen Griff zu befreien, doch vergebens. Meine Augen füllten sich mit Tränen.
Seine Hand hob mein Kinn hoch und zwang mich in seine Augen zu schauen.
Langsam beugte er sich zu mir runter, da er um etliche Zentimeter größer war, als ich und küsste mich.
Seine Hand wanderte von meiner Hüfte zu dem Saum meines Pullis und gelang unter den Stoff.
Er streichelte meinen bebenden Bauch und zog mich noch näher zu sich. Meine Hände hielten sich an seinem Nacken fest und ich schlang meine Beine um seine Hüfte.
Ich konnte einfach nicht genug von ihm kriegen.
Sebastien versuchte all seine Empfindungen für mich in diesen einen Kuss zulegen.
Er ließ sich langsam nach hinten fallen auf meine Matratze. Neben seinen Kopf stützte ich mich mit meinen Armen ab. Und meine langen Haare fingen an zu nerven.
„Ich liebe dich auch“,

seine tiefe Stimme in meinem Kopf wieder. Ich hätte niemals gedacht, dass ein Mann wie er, diese Worte jemals in den Mund nehmen würde.
Verschmitzt grinste ich ihn an und küsste ihn leicht auf den Mund.
„Dafür hast ja lange gebraucht, mir dies zu sagen und ich dachte schon, das wäre wieder einer deiner Spiele“,

empörte ich mich ein wenig.
„Du wirst diese Worte auch nicht oft zuhören bekommen, da ich nicht gerne Gefühle zeige“,

entgegnete er. „Unsere Gefühle sind unsere Schwachstellen!“


Genervt verdrehte ich die Augen. „Das denkst du!“
„Nein.“
„Ist auch egal, die Hauptsache ist, du hast es mir offenbart“,

lächelte ich ihn liebevoll an und strich ihm zärtlich über seine Wange.
„Oh, Fuck“, fluchte er plötzlich laut und stieß mich unsanft zur Seite.
Verwirrt blickte ich ihn an.
Und sofort wurde auch schon die Tür aufgerissen. Besaß ich überhaupt noch Privatsphäre?
Wenn ich meine Zimmertür abgeschlossen hätte, dann hätten mein Vater und meine Brüder sie bestimmt aus den Angeln gerissen. Kopfschüttelnd und wütend funkelte ich sie an. Konnten sie sich nicht mal aus meinem Leben raushalten? Ich wusste selber, was gut für mich war oder nicht.
Sebastien war nicht immer so ein schlechter Kerl, wie er sich ausgab. Er besaß auch noch eine gute Seite.
„Dupont!“, zischten die Drei gleichzeitig.
Gelassen stand Sebastien von meinem Bett auf, knöpfte die obersten Knöpfe seines Hemdes zu und blickte meinen Vater und meine Brüder spöttisch an.
„Ihr habt keine Chance mich von ihr fernzuhalten“, hörte ich seine arrogante Stimme. Ich mochte es nicht, wenn er so wurde, wie er sich gerade verhielt. Kein Wunder, wenn ihn niemand mochte.
War ich etwa die einzige, der er zeigte, wie er wirklich war?
„Dann müssen wir dafür sorgen, dass ihr euch voneinander fernhaltet“, drohte mein Vater und machte einen Schritt auf ihn zu.
„Was könnt ihr gegen mich schon ausrichten? Sie ist meine Gefährtin, sie wird nicht zulassen, dass ihr mich tötet. Wenn ihr dies tut, dann würde Mia euch verachten. Da bleibt euch keine Wahl.“ Diese Seite an ihm hasste ich abgrundtief. Er war nicht derjenige, der er noch vor ein paar Minuten war. Das war nicht Sebastien. Er konnte gut, nein perfekt seine Spielchen mit anderen spielen.
Anstatt ihn deswegen zu verachten, liebte ich ihn auch noch. Sebastien war das perfekte Arschloch.
„Danke“,

hörte ich, seine amüsierte Stimme in meinem Kopf.
In diesem Augenblick verspürte ich den Drang ihm die Zunge rauszustrecken.
„Hm, das würde ich zu gerne sehen.“
„Idiot!“,

dachte ich und wandte dem Geschehen wieder meine Aufmerksamkeit zu.
„Okay, Dad. Beruhigt euch“, sagte ich genervt und stand von meinem Bett auf. „Ich kann das erklären.“
Erwartungsvoll und spöttisch zogen meine Brüder beide ihre Augenbraue in die Höhe.
„Sebastien hat Diana getötet, aber er hat sich geändert“, versuchte ich sie zu überzeugen.
Verächtlich schnaubten alle drei.
„Er ist und bleibt ein Mörder. Nach ihr tötete er viele Menschen, um an dessen kostbares Blut dran zukommen“, zischte Dad verächtlich. „Besonders das Blut von den Gefährtinnen.“
Josh und Alex machten einen weiteren Schritt auf uns zu.
Sebastien fing an zu knurren, als Josh mir zu nahe kam.
Besitzergreifend legte er mir seinen Arm um meine Taille und zog mich zu sich.
„Lass sie los“, knurrte Josh und spießte Sebastien mit seinen Blicken auf.
„Ihr benehmt euch alle total kindisch. Man kann über das Problem reden!“, schlug ich vor und löste mich von Sebastien. „Das ist so lächerlich, wie ihr euch aufführt. Sebastien hat sich geändert!“
„Das Schicksal wollte, dass ihr beide Gefährten werdet und er nutzte dich aus, um uns eins auszuwischen. Er spielt nur mit dir, Mia. All seine Gefühle, die er dir preisgibt, sind wahrscheinlich nur vorgegaukelt!“, schnaubte Dad verächtlich.
„Das glaube ich nicht“, beharrte ich weiterhin und glaubte an die Gefühle, die er mir teilweise offenbarte. „Das ist nicht wahr!“
Wieso sagte Sebastien nichts dazu? Verzweifelt blickte ich ihn an und wieder konnte man keine Emotionen in seinem Gesicht ablesen. Kalt blickte er mich an. Warum erwiderte er nichts auf die Worte meines Dads?
Hatte er Recht und Sebastien belog mich? Verwirrt schloss ich meine Augen für ein paar Sekunden.
Tief atmete ich durch und sammelte meine ungeordneten Gedanken. Es sind Minuten vergangen und er antwortete immer noch nicht. Keine Antwort war auch eine Antwort. Er hatte mich also nur benutzt.
Die drei Wörter: ‚Ich liebe dich‘ waren anscheinend auch nicht ernst gemeint.
Mit Tränen gefüllten Augen blickte ich ihn an. Meine Sicht verschwamm vor meinem Auge.
Dringend musste ich hieraus. Die verschiedensten Gefühle wallten in meinem Körper auf.
Luftschnappend stürmte ich aus meinem Zimmer, dabei stieß ich meinen Vater und meine Brüder aus dem Weg. Ich war so eine Närrin. Wie konnte ich glauben, dass Sebastien wirklich etwas für mich empfand?! Er war die Verbindung nur eingegangen, um meine Familie zur Weißglut zu treiben. Was war das denn für ein absurder Grund?
Dieser Idiot musste etwas für mich empfinden. Er musste einfach, sonst wären meine Gefühle ja auch nicht so intensiv. Aber egal, ich würde ihn aus meinem Leben verbannen. Dann konnte er zusehen, woher er sein Blut bekam! – Von mir jedenfalls nicht mehr! Basta!
Irgendwie verspürte ich den Drang abzuhauen. Mich einfach gehen zulassen und alles vergessen.
Dringend brauchte ich Urlaub. Vielleicht kam Anna oder Cloe mit? Kurzfristiger Urlaub war sehr bescheiden, besonders im Winter. Außerdem reichte mein Geld nicht, also konnte ich es abschreiben.
Verzweifelt rannte ich die Treppe hinunter, zog eilig meine Schuhe an und schnappte mir meine Winterjacke.
Schnell verschwand ich aus dem Haus und rannte bis mir die Puste ausging. Mein Herz war verräterisch. Es schlug wie wild in meinem Brustkorb und sehnte sich nach ihm. Ihm, der nur mit mir gespielt hatte. Ihm waren alle Gefühle egal! Hauptsache er bekam das, was er wollte. Und ich dummes Huhn habe ihn auch noch vor meiner Familie verteidigt. Sie wussten es besser und versuchten mir verständlich zu machen, dass er nicht gut war und nur mit den Gefühlen anderer spielte. Auf wen sollte man hören, wenn das Herz sich nach Liebe sehnte? Meine Schuhe knirschten über dem Schnee. Es war das einzige Geräusch weit und breit in dieser Gegend. Ich war allein, verlassen und verloren mit meinen Gedanken. Nach Hause konnte ich momentan nicht. Wie sollte ich je meiner Familie wieder unter die Augen treten? Vorhin am Esstisch war es furchtbar gewesen, als Alec petzte. Mein Atem ging hektisch und es bildete sich weißer Nebel vor meinem Gesicht. Frierend rieb ich mir beim Rennen über meine Arme.
„Mia“,

hörte ich seine schrecklich, schöne Stimme in meinem Kopf.
Wütend antwortete ich ihm nicht und rannte weiter. Seine Stimme löste die Sehnsucht nach ihm aus, mich einfach in seine Arme zu werfen.
„Du bist so stur!“,

nörgelte er in meinem Kopf weiterrum.
„Und du ein verlogenes Arschloch“,

konterte ich.
„Es tut mir Leid, okay?“
„Ich will die Wahrheit hören!“
„Okay! Ja, ich habe dich benutzt, um deiner Familie eins auszuwischen.“
„Dann waren all die Gefühle für mich, also nur vorgetäuscht?!“,

hakte ich traurig nach und blieb stehen. Neugierig blickte ich mich um, wohin mich meine Beine getragen haben.
Central Park, schön. Mit wackeligen Beinen steuerte ich auf eine verlassene Bank zu und ließ mich darauf wie ein nasser Sack fallen.
„Ja und nein, es tut mir Leid.“


Seine ehrliche Antwort versetzte mir einen gehörigen Stich in meinem Herzen.
Wütend ballte ich meine Hand zu einer Faust und schloss die Augen. Warme Tränen liefen unter meinen geschlossenen Lidern durch und wanderten meine kalten Wangen hinab.
Eine Zeit lang sprachen wir nicht miteinander. Aber dieses Schweigen tat mir gut. Weitere, neue Fragen drängten sich in mein Gehirn. Wieso, wenn er meiner Familie eins auswischen wollte, wieso hatte er einen Blutaustausch durchgeführt?
„Das könnte ich mich auch fragen“,

hallte es in meinem Kopf.
„Dich hat aber niemand gefragt!“,

giftete ich zurück. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er sich jetzt verzweifelt seine Haare raufte. Er bereute es diese Bindung eingegangen zu sein. Ein weiterer Stich.
„Ich bereue es nicht!“,

rechtfertigte er sich.
„Kannst du nicht einmal die Klappe halten? Ich will meine Ruhe!“,

zischte ich gedanklich und öffnete die Augen. Meine Sicht verschwamm vor meinem geistigen Auge.
Sebastien antwortete nicht mehr. Ich spürte, wie er sich aus meinem Kopf zurückzog.
Zitternd rieb ich mir weiterhin meine Arme, um wenigstens etwas Wärme verspüren zu können.
Meine Zähne klapperten laut gegeneinander und ich zog meine Beine ganz dicht an meinen Körper.


Kapitel 7


Die eisige Kälte fuhr bis unter meine Kleidung und ich zitterte hemmungslos am ganzen Körper. Es schien, als wären meine Glieder eingefroren, denn ich konnte mich kaum bewegen. Meine kleinen Hände hatte ich zu Fäusten geballt und lagen auf meinem Mund, um sie zu wärmen.
Mittlerweile saß ich nicht mehr auf der Bank, sondern lag zusammengerollt auf dem kalten Holz.
Die Kälte hatte mich bewegungsunfähig gemacht. Meine Augenlider wurden immer schwerer, doch wenn ich nicht für immer einschlafen wollte, musste ich wach bleiben.
Jeden Moment würde ich in den Schlaf hinab gleiten und womöglich sterben. Es war das Beste.
Dann würde ich keine Schande mehr für meine Familie sein, da ich mich auf den ‚Verräter‘ eingelassen hatte. Die unstillbare Sehnsucht nach ihm, der mich nur benutzt hatte, wäre auch endgültig verblasst. Und das witzige war ja auch noch, wenn ich die Welt verlassen würde, dass Sebastien von mir kein Blut mehr kriegen würde – Oh, dann würde er ja auch sterben und wieder bei mir sein. Nicht gut, nicht gut! Kein guter Plan! Aber still vor mich hin leiden, das wollte ich nicht bevorzugen.
„Mia“, flüsterte jemand meinen Namen dicht an meinem Ohr. Sein warmer Atem wärmte mein Ohr auf.
Ich wollte die Augen aufmachen, gucken wer da war, doch meine Lider waren so schwer.
„Mia, du musst wach bleiben. Hörst du! Wach bleiben!“, hörte ich wieder eine vertraute Stimme und wurde von der Bank hochgehoben.
Meine eiskalten Finger krallten sich mit letzter Kraft an dessen Hemd fest. Es war ein Mann, der mich aus der eisigen Kälte trug. Sein Rasierwasser und Aftershave drang in meine Nase.
Erschöpft und müde zugleich legte ich meinen Kopf an seine Schulter.
„Mia, es wird alles gut“, hallte seine Stimme in meinem Kopf wieder. Der Mann, der mich trug, war niemand anderes als Sebastien. Wie hatte er mich gefunden? Was sollte das?
Bevor ich überhaupt den Mund aufmachen konnte, glitt ich in einen traumlosen Schlaf.

„Sie ist total unterkühlt und hat Fieber – Schüttelfrost“, hörte ich eine vorwurfsvolle männliche Stimme. Mir war so eiskalt. Weitere Decken wurden um meinen zierlichen – kalten – Körper geschlungen. Etwas Warmes wurde an meinen Füßen gelegt, sowie auf meinem Bauch, darüber lagen die vielen Decken.
„Wie hat ihre Frau dies bloß hinbekommen, dass sie unterkühlt ist?“, fragte die vorwurfsvolle Stimme. Frau? Wessen Frau denn? Wurde etwa ich gemeint? Hä?
Meine Lider flatterten und ich versuchte sie zu öffnen, um zu schauen, wer da sprach. Doch ich war zu schwach.
Neben mir bewegte sich etwas und ich wurde an diesen Gegenstand gepresst.
„Doc, ich glaube, Sie sollten das Haus jetzt verlassen. Wenn ich sie noch einmal benötige, rufe ich sie an“, sagte Sebastiens Stimme schneidend. Was machte Sebastien denn neben mir? Oh, Gott, oh, Gott! Er lag direkt neben mir! Aber wie konnte das sein? Ich erinnerte mich an den Central Park und nicht an Sebastiens Brust.
Verwirrt versuchte ich meine Augen zu öffnen, bisher ohne Erfolg.
Ein lauter Knall der Haustür war zu hören und danach herrschte eine absolute Stille.
Warme Hände berührten meine kalte Haut und mein verräterischer Körper zuckte sofort zusammen.
„Du bist wach“, stellte er fest und strich mir zärtlich über meine Wange.
Langsam versuchte ich meine Lider zu heben und schaffte es. Ein paar Mal blinzelte ich gegen das Licht an, bis ich wieder klar sehen konnte.
„Was?“ Meine Stimme hörte sich furchtbar an, wie das Krächzen eines Raben.
„Du bist mir beinahe weggestorben“, tadelte er mich und blickte mich liebevoll an.
Verächtlich schnaubte ich. „Das wäre dir doch eh egal gewesen.“
„Nein, du…“
„Ich?“, hakte ich verärgert nach.
„Du bedeutest mir etwas“, gestand er verlegen und zog mich an seine nackte Brust.
Ich bemerkte, dass ich seine Kleidung trug und wir waren in dem Zimmer, an das ich mich verschwommen erinnerte.
„Was soll der ganze Mist?“, fuhr ich ihn wütend an. „Jedes Mal lullst du mich mit deinen angeblichen Gefühlen für mich ein, um dann mich in der nächsten Sekunde abblitzen zu lassen. Ich will und kann das nicht mehr. Lass mich in Ruhe!“
„Nein, ich werde dich nicht in Ruhe lassen“, knurrte er und zog mich noch fester an seine Brust, da ich ein wenig von ihm weggerutscht war.
„Tu was du nicht lassen kannst“, entgegnete ich schnippisch. „Der Doc meinte etwas von ‚ihrer Frau‘!“
Ohne jegliche Emotionen blickte er mir ins Gesicht, während ich automatisch nach der Decke griff und sie höher zog.
„Wir haben den Blutaustausch durchgeführt, du bist jetzt meine Frau!“, konterte er gelangweilt, aber auch drohend.
„Ich dachte, ich wäre nur das Mittel zum Zweck“, zischte ich wütend und funkelte ihn böse an.
Zitternd verkroch ich mich in die warmen Decken.
Wieso sagte er denn nichts?
Je länger er schwieg, desto wütender wurde ich.
„Verschwinde!“, flüsterte ich heiser. „Gesteh dir endlich deine Gefühle ein!“
Ohne ein weiteres Wort stand er auf und verließ das Zimmer.
Mein Körper fing langsam an sich aufzutauen. Mir war nicht mehr so kalt, wie eben.
Seufzend rollte ich mich in die Decken ein, lag auf der Seite und hatte einen bezaubernden Blick auf die Stadt.
Draußen wirbelten die Schneeflocken in der Luft umher. Der Wind war äußerst stark geworden.
Mal wieder dachte ich nur an eine einzige Person. Sebastien. Wenn ich nur sein Mittel zum Zweck war, wieso offenbarte er mir manchmal seine Gefühle für mich? Er war das typische Abbild eines Mannes, die nie ihre Gefühle preisgeben wollen.
Seufzend schloss ich die Augen. Meine Familie machte sich bestimmt schon Sorgen um mich.
Leise öffnete sich die Tür und Schritte waren zu vernehmen.
„Sebastien, geh. Ich will meine Ruhe“, forderte ich ihn genervt auf und zog die Decke bis zu meinem Mund hoch. Meine Stimme zitterte, als ich sie verwendete.
Wieder ertönten Schritte, die zu nah am Bett verweilten. Erschrocken drehte ich mich um und erblickte einen Vampir, der sich nach meinem Blut sehnte.
„Sebastien!“, kreischte ich laut.
Dieser dreckige Vampir lachte hämisch auf. „Er wird nicht kommen.“
„Sebastien!“ Ich bemerkte nicht, dass ich auch gedanklich nach ihm rief. Ängstlich kroch ich zum hintersten Winkel des Bettes.
Der Vampir war sehr blass und seine Augen waren schwarz. Das konnte nur eines bedeuten, er hatte schon lange kein Blut mehr zu sich genommen.
Ich schluckte. Wenn Sebastien nicht seinen knackigen Hintern hierher bewegte, dann würde dies mein Ende sein. Innerlich verfluchte ich mich. Nie wollte ich von irgendjemand abhängig sein. Meine zittrigen Hände verkrampften sich in die Decke.
Ich war noch nicht stark genug, irgendetwas gegen diesen Vampir auszurichten. Aber ich hätte auch so keine Chance.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und in der Vampirgeschwindigkeit raste etwas auf diesen Blutsauger zu, der mein Blut zu sich nehmen wollte. An der Silhouette konnte ich erkennen, dass es Sebastien war.
Erschrocken schrie ich auf, als er diesem Kerl den Kopf abriss und aus dem Raum rauszog.
Ich war in einem sehr schlechten Horrorfilm gelandet.
Wenige Sekunden später tauchte Sebastien vor mir auf und erschreckte mich.
„Du verführst meine Wachen“, tadelte er mich.
„Ich mache was?!“, kreischte ich ihn an. Er hatte ja nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich sollte seine Wachen verführen? Ungläubig schüttelte ich meinen Kopf und spießte ihn mit meinen wütenden Blicken auf. Wenn es mir nicht so schlecht gehen würde, wäre ich hier schon längst verschwunden.
„Dein Blut ist etwas besonderes“, schmeichelte er mir. „Damit lockst du diejenigen an, die eigentlich nicht oft Blut zu sich nehmen müssen. Wegen dir musste ich meinen besten Kämpfer umbringen.“
Meine Kinnlade klappte nach unten. Er gab mir die Schuld dafür?
„Du bist so ein Idiot. Der Kerl hätte mich beinahe leer ausgesaugt!“, hielt ich ihm vor und versuchte ihm ein schlechtes Gewissen zu zubereiten.
„Du bringst einen förmlich um den Verstand“, hauchte er und lag blitzschnell auf mir drauf.
Wie erstarrt blickte ich ihn an. Seine Vampirsinne gingen mit ihm durch.
„Das sagst du nur, um an mein Blut dranzukommen“, verächtlich schnaubte ich.
„Nicht nur“, deutete er an, was ich nicht verstand. Nicht nur? Wollte er etwa mehr als mein Blut?
Ich hatte nicht einmal mehr Zeit ihn fragend anzusehen, denn seine Lippen lagen auf meinen, um mich zum Schweigen zubringen. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte ich zu verstehen, was da gerade passierte, doch dann spürte ich einen leichten Druck gegen meinen Oberschenkel, da die vielen Decken über meinem Körper lagen. Sein Körper nagelte mich auf dem Bett fest, während er mit meiner Zunge verrückte Dinge anstellte.
Hungrig küsste er mich und ging dabei nicht mal sanft zu Werke.
Ich reagierte mal wieder zu sehr auf ihn. Mein Verstand hätte ihn am liebsten von mir gestoßen, da ich mich noch auskurieren musste.
Er war total verständnislos. Mir ging es sowie physisch auch psychisch miserabel und er nutzte es aus, mich zu verführen. Wen konnte ich denn schon verführen? Ich spürte seinen Finger in meinem Haar, auf meinem ganzen Körper. Er überzog auf diesem eine leichte, prickelnde Gänsehaut. Sebastien zog die Decken von mir und fuhr mit seiner Hand unter meine Kleidungsstücke. Als er nackte Haut verspürte, stöhnte er leise auf und drückte seine Lippen wieder auf meine.
Ich war nicht mehr ich selbst, die sich noch näher an ihn drängte.
Das heiße Spiel seiner Lippen brachte mich um den Verstand.
Er löste sich von meinem Mund, aber um auch schon gleich auf Wanderschaft zu gehen. Seine Zähne knabberten an meiner empfindlichen Haut am Hals. Sebastiens Hände fanden wieder ihren Weg zu meinem Hintern und unter meine Kleidung, unter der ich jeden Augenblick das Gefühl empfand, explodieren zu müssen. Überall waren seine Hände.
Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken und genoss die Zärtlichkeit seines Mundes an meinem Schlüsselbein. Seine Hände umfassten den Saum des Pullis und wollten ihn über meinen Kopf zerren, aber ich griff nach seiner Hand und blickte ihn eindringlich an.
„Sebastien, es geht nicht“, krächzte ich und rang nach Atem. „Ich bin noch krank und ich möchte nicht nur eine deiner Barbiepuppen sein.“
Wie erstarrt hielt er inne und blickte mich eindringlich an. Für einen Moment konnte ich in seinen Augen Wut aufflackern sehen, doch er hatte seine Gefühle ziemlich gut unter der Kontrolle.
„Du bist nicht einer meiner Barbiepuppen“, zischte er und stemmte sich hoch. Rechts und links von meinem Kopf stützte er sich mit seinen Armen ab.
„Einen Moment tust du so, als wäre ich dir wichtig. In einem anderen Moment tust du so, als wäre dir überhaupt nicht wichtig“, entgegnete ich flüsternd und wich seinem Blick aus. „Was soll ich dir deiner Meinung nach glauben?“ Wenn ich an den Augenblick zurückdachte, als meine Familie in mein Zimmer hineingestürzt kam, versetzte es mir einen Stich gegen mein Herz. Da gab er zu, dass er mich nur benutzte.
„Mia“, seufzte er und rieb sich über sein Gesicht.
„Ich werde jetzt verschwinden“, zerbrach ich die Stille.
„Du bist krank, du wirst dieses Bett nicht verlassen“, knurrte er und blitzte mich mit dunklen Augen an.
„Du willst doch nur nicht, dass ich gehe, da du mein Blut brauchst. Wann hast du das letzte Mal getrunken?“
„Gestern.“
„Gestern?“, fragte ich überrascht nach. „Ich dachte, Vampire können eine Zeit lang ohne Blut auskommen. Aber an deiner Augenfarbe kann ich erkennen, das es bei dir nicht so ist.“
Fragend blickte ich ihn an, doch er knurrte nur. Wie in Trance hob ich meine Hand und strich ihm liebevoll über seine Wange. Dabei hielt ich unseren Augenkontakt immer bei. Aber plötzlich veränderte sich seine Augenfarbe. Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen.
„Sebastien? Sag mal, wieso hast du jetzt dunkel-blaue Augen?“, fragte ich verwirrt nach.
Auf die Antwort knurrte er mal wieder wie ein Hund.
Genervt verdrehte ich die Augen. „Die Wahrheit wird bestimmt nicht all zu schrecklich sein!“
„Es ist peinlich“, antwortete er knapp.
„Peinlich? Dir ist nichts peinlich“, entgegnete ich verwirrt.
„Können wir vielleicht das Thema wechseln?“
„Nö.“
Jetzt war er derjenige, der genervt die Augen verdrehte.
„So schlimm wird es wohl nicht sein?“, hakte ich weiter nach.
„Deine Berührung“, antwortete er durch seine zusammengepressten Zähnen.
„Meine Berührung?“, wiederholte ich verwirrt. „Wie meinst du das?“
„Muss ich das jetzt weiter erläutern?“, fragte er genervt nach.
„Natürlich. Hallo-oho? Du hast mich ohne zu fragen zu deiner Gefährtin gemacht. Da möchte ich gerne etwas über meinen Gefährten erfahren, da ich denke, dass du schon das Meiste über mich weißt.“
„Ich weiß schon alles.“
„Siehst du! Und ich weiß nichts über dich, außer das du der Verräter und so bist. Aber dafür können wir ja schon mal mit deiner Augenfarbe beginnen, da es für dich peinlich zu sein scheint.“
Süffisant lächelte ich ihn an. Was konnte denn bitteschön an seinem Augenfarbenwechsel peinlich sein? Merkwürdig war allerdings, dass er normalerweise braune Augen besaß und nicht dunkel-blaue.
Das weckte meine Neugierde umso mehr!
„Also, was hat das mit meiner Berührung auf sich?“, brachte ich das Thema wieder auf den Punkt.
„Kannst du dir das nicht denken?“
Ich dachte für eine Sekunde darüber nach und entschied mich für ein ‚Nein‘. Kopfschüttelnd lächelte ich ihn erwartungsvoll an.
„Du bist so ein Biest“, seufzte er. „Oh, man. Wie soll ich das erklären?!“
„Mit Worten“, lächelte ich ihn zuckersüß an und musste ein Husten unterdrücken, damit die Situation besser wirkte.
„Es ist schwierig zu erklären“, sagte er gepresst.
Seufzend senkte ich meine Hand und strich über seine muskulöse Brust. Seine Augenfarbe wurde einen ticken heller.
„Deine Augenfarbe offenbart deine Gefühle. Und wenn ich weiter runter gehe…“ Weiter konnte ich nicht sprechen, da packte er meine Hand und legte sie über meinen Kopf.
Grinsend blickte ich ihn an. „Okay, wenn ich ein Mann wäre, ich glaube für mich wäre es auch peinlich“, gestand ich und lächelte ihn an. „Aber trotzdem bekommst du keinen einzigen Tropfen Blut von mir!“
Seufzend rollte er sich von mir runter und stand auf. „Wann gedenkst du meine Entschuldigung anzunehmen?“
„Keine Ahnung, aber ich werde jetzt erst einmal nach Hause gehen!“, entgegnete ich ehrlich, stand mit zittrigen Beinen auf und richtete meine unordentliche Kleidung zu Recht. „Wenn du mich nicht aus deinem Haus lässt, wirst du auf jeden Fall nie wieder mein Blut zu Gesicht bekommen, oder mich!“
„Du drohst mir?“, knurrte seine tiefe Stimme. Sein Körper war angespannt und er ballte seine Hände zu Fäusten.
„Sieht wohl so aus“, antwortete ich ruhig und machte einen wackligen Schritt vor den anderen.
Doch plötzlich sackte ich erschöpft zusammen. Wenn Sebastien mich nicht aufgefangen hätte, wäre ich auf den Boden aufgeprallt. Seine starken Hände umfassten meine Taille und halfen mir aufzustehen. Müde half er mir auf sein Bett.
„Willst du immer noch gehen?“, fragte er gereizt nach.
„Ja, ich brauche Abstand“, flüsterte ich leise und machte wieder einen Versuch aufzustehen. Dieses Mal drehte sich meine Welt nicht und ich konnte einige Schritte gehen, bevor mich ein Schwindelanfall einholte und ich mich schnell am Türrahmen abstützte.
„Am besten ich bringe dich nach Hause. So wirst du es nie schaffen“, schlug er besorgt vor und hob mich auf seine Arme. Meine Arme schlang ich um seinen Nacken und bettete meinen schweren Kopf auf seine Brust.
Gemeinsam verließen wir sein Zimmer, begegneten einigen Vampiren und wenige Sekunden später befand ich mich einem dunklen Raum.
Sebastien schaltete das Licht ein und ein schwarzer Sportwagen kam zum Vorschein.
Flink öffnete er die Beifahrertür und setzte mich auf dem Beifahrersitz ab. Aber bevor er die Tür zuschlug, besorgte er noch eine Decke und bemutterte mich.
Auf der Fahrt schwiegen wir. Gedankenverloren starrte ich aus dem Fenster. Schnee, überall lag dieses weiße Zeug auf den Straßen und Häusern verteilt.
Zum Glück hielt sich Sebastien aus meinen Gedanken raus. Ich wusste nicht, was ich glauben sollte. Mal bemuttert er mich, dann ein anderes Mal lässt er mich links liegen. Dieses hin und her fraß mich auf. Seelisch zerstörte es mich.
Seufzend ließ ich meinen Kopf gegen die Fensterscheibe sinken und zog die kuschelige Decke noch ein Stück höher. Ab und zu bemerkte ich, dass er mich von der Seite musterte. Nur er sagte nichts. Eigentlich tat mir die Stille gut, aber einerseits wollte ich seine Stimme hören.
Schweigend manövrierte Sebastien den Wagen auf die Straßen.
„Sebastien?“, flüsterte ich gedankenverloren seinen Namen und bemerkte nicht, dass ich ihn gerade angesprochen habe.
„Was ist los?“, fragte er sofort besorgt. „Ist dir kalt?“
„Was?“, entgegnete ich verwirrt.
„Mia, alles in Ordnung?“
„Äh, klar“, stotterte ich und blickte ihm verzweifelt ins Gesicht.
„Du hast meinen Namen gerufen“, lächelte er amüsiert.
„Äh, habe ich das?“, entgegnete ich sichtlich noch verwirrter wie vorher.
„Ja“, bestätigte er amüsiert und legte ziemlich selbstbewusst seine Hand auf meinen Oberschenkel. Natürlich, es war nicht anders zu erwarten, reagierte mein Körper auf diese Berührung. An dieser Stelle wurde es mir ziemlich warm und kleine Elektroschocks fuhren durch meinen Körper.
Unruhig rutschte ich auf dem Beifahrersitz hin und her. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sein Gesicht ein schelmisches Grinsen zierte.
„Nimm deine Hand von meinem Bein!“, zischte ich wütend und funkelte ihn böse an.
Ohne Erfolg versuchte ich immer wieder seine Hand da wegzuschieben, aber diese schien, als wäre sie auf meinem Oberschenkel angewachsen.
„Beruhige dich“, entgegnete er sanft und lenkte das Auto nur mit einer Hand.
„Ähm, willst du uns umbringen?“, brachte ich verunsichert heraus.
„Nein“, lachte er.
„Dann beweg deine dreckige Hand zum Lenkrad“, fauchte ich ihn an.
„Ich bin ein Vampir, schon vergessen? Es kann nichts passieren“, versicherte er mir, doch meine Besorgnis verschwand nicht.
„Bitte!“, flehte ich ihn an. Ich wollte noch nicht sterben und besonders nicht durch ihn!
„Du wirst schon nicht sterben, dafür werde ich sorgen“, entgegnete er amüsiert und las mal wieder meine Gedanken.
„Halt dich aus meinem Kopf raus“, zischte ich.
„Und wenn nicht?“, neckte er mich und blickte mich spöttisch an.
„Ähm, dann…“ Die Drohung fing ja schon gut an. „Hetze ich dir meine Brüder auf den Hals.“
Kopfschüttelnd widmete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße.
„Idiot!“, murmelte ich still vor mich hin und hörte ein leises, amüsiertes Lachen seinerseits.
Wie sollte ich das bloß für den Rest meines Lebens mit ihm aushalten?!


Kapitel 8


Krank. Was sollte ich dazu noch sagen? Klar, in der Schule krank zu sein, war das Beste, was einem passieren konnte, aber in den Ferien?! Es war die absolute Hölle. Tag und Nacht wurde ich von meiner Familie bemuttert. Ab und zu ließ sich sogar meine Mutter blicken, mit der ich eigentlich kein so gutes Verhältnis hegte wie mit Daddy.
Seufzend kuschelte ich mich tiefer in die Kissen. Und in den Ferien krank zu sein, war stink langweilig. Ich durfte nichts unternehmen, immer nur in meinem Bett vor mich hin versauern.
Meine Verwandten waren heute alle abgereist, da war unser Haus wieder leer und ich ganz allein.
Denn meine Geschwister, sowie meine Eltern waren außer Haus. Meine Eltern mussten wie gewöhnlich ihren Alltag wieder aufnehmen und arbeiten. Josh und Alex jagten weiterhin Kriminelle, die auch ab und zu Vampire oder andere Wesen waren. Brianna und Sienna machten sich mit ihren Freunden einen schönen Tag. Ja, und ich? Es war auch der erste Tag, den ich ganz alleine verbringen konnte ohne ständig umsorgt zu werden. Meiner Gesundheit ging es nicht all zu gut. Eigentlich war es sogar schlimmer geworden. Das Fieber hatte nachgelassen, aber das Husten wurde unerträglich. Es tat schon unheimlich weh im Brustkorb, wenn ich hustete. Mein Hals kratzte und ich konnte nur flüssiges Essen zu mir nehmen.
Gestern Abend hatte ich meinen Dad belauscht, wie er mit Josh sprach. Belauschen konnte man das jetzt nicht nennen. Sie standen vor meiner Zimmertür und haben nicht zu leise miteinander gesprochen. Ich müsste Sebastiens Blut zu mir nehmen, um wieder zu Kräften gelangen zu können. Bei dem Gedanke sein Blut trinken zu müssen, musste ich würgen. Das Brechreizgefühl war seitdem sehr aktiv. Neben meinem Bett stand schon eine Schüssel, falls ich es nicht rechtzeitig ins Bad schaffte, um mich zu übergeben. Es war so erniedrigend.
Und zu alldem sehnte ich mich schrecklich nach Sebastien. Das würde ich zwar niemals zugeben, aber ich sehnte mich nach ihm mit jeder Faser meines Körpers.
Seufzend schloss ich meine Augen und versuchte noch ein wenig zu schlafen.
Sebastien musste endlich aus meinem Kopf verschwinden. Seit er mich hier abgeladen hatte, ließ er sich nicht mehr blicken oder etwas von sich hören lassen. Durch die Telepathie konnte ich mich mit ihm verständigen, aber er machte nichts. Es ließ mich traurig stimmen, dass er sich nicht meldete.
Schließlich war er mein Gefährte, er sollte sich wenigstens Sorgen um mich machen.
Ich war echt total blöd. Ich war ja diejenige gewesen, die zu ihm gesagt hatte, er sollte sich nicht mehr blicken lassen. Und jetzt plagten mich Schuldgefühle, ich vermisste ihn und ich war traurig, dass er nicht hier bei mir war. Wahrscheinlich vergnügte er sich mit irgendeiner Vampir-Tussi.
Ich war selber Schuld und badete jetzt in meinem Selbstmitleid.
„Sebastien?“, rief ich zaghaft nach ihm, doch er antwortete nicht. Es vergingen Minuten und er antwortete immer noch nicht. Meine Hoffnung zerbrach.
Wieso heulte ich diesem Idioten nach? Schließlich war doch sowieso alles ein Fake! Seine Gefühle für mich waren für ihn bedeutungslos. Ich war einfach seine kleine Barbiepuppe in seinem miesen Spiel.
Jetzt hatte ich den Salat. Wäre ich doch bloß damals Zuhause geblieben. Meine Erinnerungen sind wieder zurückgekehrt. Josh hatte diesen Nebel in meinem Kopf verschwinden lassen und allmählich schlossen sich die schwarzen Lücken mit wichtigen Erinnerungen.
„Sebastien?“, versuchte ich es noch einmal und es war auch das letzte Mal. Er hatte einen guten Grund wütend auf mich zu sein.
Ich konnte mich noch gut an jenem Tag erinnern. Auf der Autofahrt hatte er sich unmöglich benommen. Da habe ich zum zweiten Mal einen Einblick bekommen, wie er wirklich war.
Aber ich liebte seine warmherzige Seite und daran hielt ich mich fest, um den Halt nicht zu verlieren.
Wenn ich nur an seine Hand dachte, ließ mich jetzt noch vor Wut kochen. Er war so dreist gewesen und bewegte seine Hand immer höher zu einer sehr intimen Stelle. Ohne zu zögern habe ich ihm eine Ohrfeige geklatscht. An den schönen roten Handabdruck zudenken, ließ in mir ein Glücksgefühl aufsteigen. Und dann fingen wir uns richtig an zu streiten. Zum Schluss haben wir uns geeinigt, erst einmal aus dem Weg zugehen. Das war noch harmlos formuliert, es war ganz anders.
Wir haben uns mit diesen Worten: „Ich will dich nie, nie wiedersehen“ angeschrien. Einige Beleidigungen fielen auch noch.
Er hatte mich praktisch aus dem Auto geworfen, war aber noch sanft genug gewesen, da mein gesundheitlicher Zustand nicht gerade in der besten Verfassung war.
Wieso rief ich gedanklich nach ihm? Er sollte sich bei mir entschuldigen! Und außerdem früher oder später tauchte er hier sowieso auf, da ich seine Blutbank spielen durfte.
Plötzlich klingelte es an der Tür. In meinen Ohren hörte es sich wie ein schrilles Piepen an.
Mit Kopfschmerzen und steifen Glieder lief ich wackelig die Treppe hinunter und machte die Tür auf.
Verwirrt blickte ich schwebende Rosen an. Mein Blick glitt weiter runter und ich erkannte fremde Menschenbeine.
„Hallo?“, krächzte ich. Wie ich wohl aussehen musste? Seit ich krank war, fasste ich keinen einzigen Spiegel mehr an. Ich wollte nicht meinen schrecklichen Anblick ertragen.
Im Jogginganzug stand ich jetzt vor einer mir unbekannten Person, deren Gesicht ich nicht sehen konnte, da ein Haufen voller wunderschönen, roten Rosen vor seinem Gesicht gehalten wurde.
„Mia Heathrow?“, fragte eine unbekannte Männerstimme nach mir.
„Ja, das bin ich.“
„Die Rosen sind für Sie“, sagte er und drückte sie mir in die Hand. Als ich endlich sein Gesicht betrachten konnte, hätte ich am liebsten die Rosen wieder davor gehalten. Pickelgesicht. Von dem Anblick verspürte ich, wie ich Pickel bekam.
„Danke“, antworte ich über höflich und unterschrieb einen Zettel. Danach knallte ich die Haustür mit einem falschen Lächeln zu.
Im Wohnzimmer suchte ich nach irgendeiner Karte, um zu wissen, von wem die Rosen geschickt wurden.
Nach dem ganzen Durcheinander fand ich auch eine Karte.
„Mia, verzeih mir! Bitte! Ich liebe Dich! Sebastien“, las ich vor, was darin geschrieben worden war.
Die Rosen. Die Entschuldigung. Sein Liebesgeständnis. All das rührte mich zu Tränen. Aber konnte ich wirklich darauf hoffen, dass es dieses Mal kein Trick von ihm war. Schließlich musste er sich irgendwann bei mir entschuldigen, damit er an mein Blut rankam. Es war schon mindestens eine Woche vergangen, seitdem er von mir kein Blut mehr bekommen hatte.
Wütend warf ich die Rosen auf den Boden. Schon wieder benutzte er mich. Er nahm mich nicht ernst und spielte mit meinen Gefühlen. Konnte er überhaupt irgendetwas empfinden?
Ein Klingeln ließ mich zusammenzucken. Neugierig machte ich mich wieder auf den Weg zur Tür und öffnete diese mit gemischten Gefühlen. Mein Atem stockte, als ich ihn vor mir stehen sah.
„Sebastien“, flüsterte ich überrascht und starrte ihn mit offenem Mund an.
Muskulöse, schlanke Finger berührten mein Kinn und schlossen meinen Mund.
„Hast du die Rosen gekriegt?“, erkundigte er sich charmant. Charmant wie eh und je!
Zögernd nickte ich abwartend. Was hatte er vor?
„Darf ich reinkommen?“, fragte er vorsichtig nach.
Wieder konnte ich nur nicken. Mit großen Schritten betrat er die Eingangshalle und stand mit dem Rücken zu mir. Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen und schloss die Tür.
Er stand wie angewurzelt vor mir. Seine Rückenmuskulatur war zum zerreißen angespannt. Verwirrt blickte ich ihn an und folgte seinem Blick. Die Rosen. Im Eingangsbereich des Wohnzimmers lagen die Rosen, die er mir geschickt hatte auf dem Boden. Einzelne Blütenblätter lagen dort zerstreut.
Tief durchgeatmet schloss ich die Augen, um sie aber auch gleich darauf wieder zu öffnen.
„Sebastien, ich habe einen guten Grund wütend zu sein“, erklärte ich ihm und hob die Rosen auf.
Schnell legte ich sie auf den Tisch beiseite und sammelte die einzelnen Blütenblätter auf.
„Du nimmst meine Entschuldigung nicht an?“, fragte er niedergeschlagen. Es lag nur ein Hauch Traurigkeit in seiner Stimmlage und sofort war er wieder der kalte, emotionslose Typ.
„Sebastien, ich, mit Blumen kannst du nicht wieder alles gut machen“, versuchte ich stotternd meine Gründe zu erklären.
„Wie dann?“, hakte er sofort nach.
Wie ein Roboter griff ich nach den Blütenblättern. Plötzlich geriet seine Hand in mein Blickfeld und ich erschrak. Mit großen Rehaugen blickte ich ihn verschreckt an.
„Verletz mich nicht!“, flüsterte ich atemlos und mein Blick glitt zu seinen sinnlichen Lippen. Sie auf meiner Haut zu spüren – Stopp! Nein! Ich durfte mich nicht aus der Fassung bringen lassen!
Seufzend rückte ich ein Stück von ihm ab. Seine Nähe brachte mich noch um den Verstand.
„Gesteh dir endlich deine Gefühle für mich ein“, sagte ich, nahm die Blütenblätter aus seiner Hand und legte sie zu dem Strauß Rosen. „Du hast mich ziemlich verletzt damit, als du zustimmtest, dass deine Gefühle für mich nur gespielt waren.“
„Es tut mir Leid. Ich war ein Idiot…“
„Mistkerl“, unterbrach ich ihn und er blickte mich wütend an.
Genervt verdrehte ich die Augen und winkte ab, zum Zeichen, dass er weitersprechen sollte.
„Du weißt, ich bin ein Mann. Und ich kann nicht so gut mit Gefühlen umgehen, besonders nicht mit meinen.“
„Ausrede“, unterbrach ich ihn schon wieder.
„Kannst du mich nicht einmal ausreden lassen?!“, entgegnete er genervt. Gereizt nickte ich und senkte meinen Blick.
„Bevor du auf die Welt kamst, habe ich etwas für deine Tante empfunden…“
„Das weiß ich doch schon längst“, jammerte ich wie ein Kleinkind. „Okay, ich bin schon ruhig!“, sagte ich, als ich seinem strafenden Blick begegnete.
„Plötzlich warst du da und ich habe mich zu dir hingezogen gefühlt. Aber da waren die Gefühle noch nicht intensiv genug. Irgendwie, bis heute habe ich es selbst nicht verstanden, wurde deine Tante eifersüchtig auf dich, obwohl sie bereits an ihren Gefährten gebunden war. Wir haben uns sehr heftig gestritten und ich verfiel in den Blutrausch. Letztendes tötete ich sie. Dieser Rausch, ich war all die Jahre davon noch ein wenig benommen. Nachdem deine Familie herausfand, dass ich der Mörder von Diana war, wurde ich aus der Gesellschaft ausgeschlossen und ging zu den ‚Bösen‘ über. Deine Familie wusste etwas von diesem unsichtbarem, schwachem Band von uns beiden. Sie haben es nicht gerne gesehen und versuchten dich vor mir zu beschützen. All die Jahre versuchte ich dich zu bekommen. Später trafen wir uns dann auch und ich machte dich zu meiner Gefährtin ohne zu überlegen. Aber damals habe ich nach Rache gesühnt. Es war ein tolles Gefühl dich einfach zu besitzen. Zu wissen, es bringt deine Familie zur Weißglut, dass du mit mir bis in die Ewigkeit verbunden bist. Ich habe dich in mein Schicksal als ‚Verräter‘ hineingezogen.“
Schweigend, aber aufmerksam hörte ich ihm zu. Auch wenn er es nochmals wiederholte, was ich schon wusste, es brachte mir irgendwie eine Erleuchtung. Damals in meinem Zimmer, da konnte ich mir das nicht durch den Kopf gehen lassen. Beide Seiten versuchte mich auf die eine oder andere Seite zu ziehen. Aber jetzt hatte ich einen klaren Überblick darüber und konnte es verstehen.
„Und irgendwie habe ich dich auch lieb gewonnen“, gestand er mir. „Du bist das liebevollste, wundervollste, bezauberndste und schönste Mädchen, das ich je getroffen habe.“
Langsam ging er auf mich zu und nahm mich in seine Arme.
„Und du solltest vielleicht etwas von meinem Blut trinken, das wird dich stärken“, schlug er flüsternd vor und vergrub sein Gesicht in meinen Haaren. Seine Hände umschlangen meine Taille und hielten mich in seinen Armen fest.
„Ich verstehe, wie du dich gefühlt hast und jetzt meinst du es auch mit mir ehrlich?“, hakte ich vorsichtig nach.
„Ich liebe Dich“, entgegnete er und legte sanft seine Lippen auf meine. Beinahe hätte ich den Halt verloren, wenn ich nicht in seinen Armen liegen würde. Meine Beine waren wie Wackelpudding. Ein unbeschreibliches Gefühl durchlief meinen Körper. Er war sanft, fast zaghaft zu mir. Das war die ehrliche und liebevolle Seite, die ich an ihm sehr schätzte und mochte. Er sollte sie wirklich öfters zeigen, vor allem in meiner Gegenwart.
Langsam lösten wir uns voneinander und ich schwankte ein wenig.
„Es wird allmählich Zeit, dass du wieder gesund wirst!“, sagte Sebastien an mein Ohr und hob mich hoch. Ich schlang meine Hände um seinen Nacken und bettete meinen Kopf an seine Schulter.
Vorsichtig trug er mich die Treppen hoch in mein Zimmer.
Die ganze Zeit über betrachtete ich ihn von der Seite. Seine braunen Haare standen Sebastien an allen Seiten ab und es sah zu gut aus. Sein unwiderstehlicher Geruch drang in meine Nase ein.
Eine Mischung aus Aftershave, Rosenduft und Honig schwebte in der Luft.
Ganz sachte – als wäre ich zerbrechlich – setzte er mich auf meinem Bett ab.
„Du musst aber auch mal wieder trinken“, informierte ich ihn leicht lächelnd und er legte sich zu mir.
„Zuerst trinkst du“, forderte er und biss sich selbst in den Arm.
„Sebastien!“, kreischte ich, doch er lachte nur amüsiert. Fordernd drückte er mir sein Handgelenk an den Mund. Angewidert rümpfte ich die Nase. Ich schloss die Augen und versuchte an etwas anderes zu denken, anstatt an sein Blut, dass ich jetzt trinken musste.
Zaghaft legte ich, meine Lippen auf die blutende Wunde.
„Nun mach schon“, drängelte er. „Die Wunde schließt sich schon.“
Langsam fing ich an sein Blut in mir aufzunehmen. Zuerst war es total abartig. Aber sofort veränderte sich sein Geschmack. Es war merkwürdig und es schmeckte gut.
Nach einer geglaubten Ewigkeit riss er mich von seinem Handgelenk fort und schloss die Wunde.
Sein Blut zu trinken, hatte wie ein Wunder geholfen. Ich fühlte mich nicht mehr so schwach, wie vorher.
„Jetzt bekommst du endlich wieder Farbe im Gesicht“, schmeichelte er mir und lächelte mich an. Dabei entblößte er seine zu langen Fänge.
Nach diesem Anblick bot ich ihm meinen Hals an. „Trink“, forderte ich ihn stumm auf.
Dies ließ er sich nicht zweimal sagen. Zuerst küsste er meine empfindliche Haut, bis er mit seinen Zähnen in mein Fleisch eindrang. Es tat überhaupt nicht weh. Nur ich fühlte mich ein wenig merkwürdig dabei.
Als er von mir abließ, versiegelte er die kleine Wunde mit seiner Zunge.
Auf einmal wurde mir übel. Schnell stolperte ich aus meinem Bett und rannte ins Bad. Rechtzeitig konnte ich den Klodeckel hochmachen und mich übergeben.
Mich wunderte es, dass mir beim Blut trinken nicht schon übel geworden war.
Sebastien musste mir gefolgt sein, denn ich spürte wie ein kalter Luftzug meine verschwitzte Haut am Nacken streifte. Er hielt meine langen Haare hoch, damit diese nicht von meinem Erbrochenen verschmutzt wurden. Ich saß elendig, zusammengesackt vor der Kloschüssel.
„Hast du dich schon einmal übergeben?“, hakte er mit einem undefinierbaren Unterton nach.
„Gestern“, antwortete ich ehrlich. „Und jetzt. Dein Blut hat nicht geholfen. Ich fühle mich schon wieder schwach.“
Gedankenverloren musterte er mich und hob mich schließlich vom Boden hoch.
Ich konnte kaum stehen und war froh darüber, dass er mich hielt.
„Was hast du vor?“, fragte ich misstrauisch, als er nicht den Weg zu meinem Zimmer einschlug.
„Duschen“, antwortete er knapp.
„Ich kann immer noch alleine Duschen“, sagte ich erschöpft und wollte ihn aus der Duschkabine raus schubsen, doch er packte meine Hand und zog mich zu sich. Ich prallte gegen seinen muskulösen Körper und er stellte einfach das Wasser an.
„Ah!“, quiekte ich, da es eiskalt war.
Amüsiert stellte er das Wasser auf warm und zog mir meine Jogginganzugsjacke aus. Auf der anderen Seite der Duschkabine landete es mit einem ‚Platsch‘ auf dem Boden.
Wir standen angezogen unter der Dusche. Vorwurfsvoll beobachtete ich ihn, wie er mir aus der Hose half.
„Ich kann das auch alleine!“, zischte ich lachend.
„Du verstehst auch keinen Spaß, oder?“, fragte er mich verführerisch und drückte mich gegen die Wand.
Langsam fing ich an sein Hemd aufzuknöpfen. „Ich verstehe keinen Spaß?“, wiederholte ich spöttisch.

Nach einer dreißigminütigen Dusche waren wir beide wieder sauber. Aber mein Brechreizgefühl war immer noch vorhanden. Momentan lagen wir aneinander gekuschelt auf meinem Bett.
Die gemeinsame Zeit verbrachten wir mit Reden. Wir sprachen uns jetzt so richtig aus.
Plötzlich knallte unten die Haustür. Erschrocken richtete ich mich auf und horchte.
„Dieser Mistkerl! Mia?!“, riefen Josh und Alex wütend.
Mein Herz schlug wie wild in meinem Brustkorb. Panisch blickte ich zu Sebastien. Mit meinen Lippen formte ich ein: „Was jetzt?“
Er zuckte ahnungslos mit den Schultern und zog mich auf sich drauf. Kichernd beugte ich mich zu ihm hinunter und küsste ihn zaghaft.
Meine Brüder hämmerten laut gegen meine Zimmertür, da ich abgeschlossen hatte.
„Sie werden die Tür aus den Angeln reißen“, flüsterte ich besorgt.
„Egal“, antwortete er knapp und küsste mich. Mit seinen Küssen wollte er mich zum Mund halten auffordern.
Es ging alles so schnell. Meine Zimmertür flog durch den ganzen Raum, ich wurde unsanft gepackt und von Sebastien runter gerissen.
„Josh, Alex!“, rief ich aufgebracht und versuchte mich gegen Josh zu wehren. In der Zeit verprügelten sich Alex und Sebastien gegeneinander. „Hey! Hört auf damit! Er ist wirklich in Ordnung!“
Doch sie hörten nicht auf mich. Josh packte mich an den Schultern und drängte mich gegen die Wand.
„Was soll das werden?“, fragte ich ihn aufgebracht.
„Ich werde dir die Erinnerungen an ihm nehmen“, antwortete er ruhig. Wie konnte er nur so gelassen sein?
Wut flammte in mir hoch. Wie konnte er es wagen, mir nochmal meine Erinnerungen zu nehmen?
Wütend funkelte ich ihn an. Aber das war ein fataler Fehler von mir! Nur durch einen intensiven Blickkontakt konnte er seine Fähigkeit einsetzen. Alles was um uns herum passierte, wurde ausgeblendet. Ich bekam nicht mehr mit, wie Alex Sebastien aus dem Fenster stieß.
Das Letzte, was ich sah, waren Josh Augen. Danach drehte sich alles und ich verlor mein Bewusstsein.


Kapitel 9


„Mia?“, rief meine Gastmutter auf Spanisch zum Essen. Vor kurzem besuchte ich einen Spanischkurs und jetzt machte ich eine Reise dorthin, die über die Ferien hinaus ging. Mit ein paar anderen Freunden aus meiner Klasse reisten wir hierher.
Seit einer Woche wohnte ich schon bei meiner Gastfamilie in Madrid, der Hauptstadt Spaniens.
Spanisch zusprechen, fiel mir noch ein bisschen schwer, aber dafür machte ich ja auch die Sprachreise, damit ich es weiter lernen konnte. Außerdem lenkte es mich von dieser einen Sache ab, von der ich selber nicht ahnte, was es war. Es war wie eine Art Déjà-vu. Ich wusste einfach nicht, was es war. Ein großes, schwarzes Loch schmückte sich in meinem Gedächtnis. Irgendetwas Wichtiges musste ich vergessen haben. Um mich ein wenig abzulenken, hatte meine Familie vorgeschlagen, dass ich auf diese Reise mitfahren sollte. Sofort war ich Feuer und Flamme dafür. Spanien! Endlich weg aus Amerika. In Europa zu leben, war bestimmt viel cooler, da alle Länder miteinander verbunden sind und man mit dem Auto rüber ins andere Land fahren konnte, um dort Urlaub zu machen oder sonst was. Von meiner Krankheit, die ich urplötzlich hatte, wurde mit jedem Tag besser. Eine Schwangerschaft konnte ich ausschließen, da ich schon lange nicht mehr mit einem Typen geschlafen hatte. Aber trotzdem besaß ich immer noch dieses leichte Brechreizgefühl. Und in letzter Zeit hatte ich echt einen Heißhungergefühl, sowie Unterleibschmerzen. Es war schon merkwürdig. Aber was soll’s.
„Und wie findest du es in Madrid?“, fragte mein Gastvater Francesco.
„Super“, antwortete ich ehrlich.
„Das Wochenende über fahren Francesco und ich weg. Allerdings bleibt Fernando bei dir“, erzählte mir Teresa, meine Gastmutter.
„Cool. Viel Spaß“, wünschte ich ihnen aufrichtig und aß meinen Teller voller Paella auf. Und mein Heißhunger war mal wieder so groß, dass ich unbedingt einen Nachschlag nehmen musste. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, warum ich noch Hunger hatte, sonst aß ich eigentlich auch nicht so viel.
Teresa und Francesco blickten mich erstaunt an.
„Da hat aber jemand Hunger“, lachte Francesco und schlug mir kumpelhaft auf meine Schulter. Sofort verschluckte ich mich und hustete. Krampfhaft lächelte ich und trank etwas Wasser.
Fernando, Francescos und Teresas einziger Sohn war heute Abend zum Glück nicht anwesend. In seiner Nähe fühlte ich mich irgendwie unwohl. Vielleicht lag es auch an seine aggressive Ausstrahlung. In seiner Nähe durfte man nichts Falsches sagen, man wurde sofort von ihm verprügelt. Ich hatte ein wenig Respekt vor ihm. Aber so sah er auch aus. Ein Schlägertyp.
Und wenn man vom Teufel dachte...
Die Tür knallt und ein Poltern war zu hören. Ich schluckte und verdrängte meine Angst vor ihm. Aber irgendwie fühlte ich mich auch zu ihm hingezogen. Schlecht sah er schließlich nicht aus.
Seine Haare waren mittellang schwarz, aber nicht lang genug, um wie ein Mädchen auszusehen. Und er trug nur schwarze Klamotten. Er besaß ein Lippenpiercing und an seiner linken Augenbraue befand sich auch eines. Sein Gesicht war sehr markant, eine schlanke Nase und eiskalte, blaue Augen, die des Öfteren wütend funkelten. Aber irgendwie erinnerte mich der Kerl an jemanden, aber ich wusste nicht an wen. Das Beste war jedoch, er sprach mit mir Englisch anstatt Spanisch. Als ich ihn das aller erste Mal gesehen habe, da stockte mir der Atem und ich bekam keinen Ton raus. Seit dem redete er nur Englisch mit mir, aber wenn seine Eltern dabei waren, wechselte er sofort in seine Muttersprache um. Mein Gestottertes ging ihm ziemlich auf die Nerven. Eigentlich ging ihm alles und jeden auf die Nerven. Nur das Problem war, er erinnerte mich an jemanden, aber die Erinnerung schien nicht vorhanden zu sein. So sehr ich angestrengt nachdachte, ich konnte mich nicht erinnern. Ich fühlte mich hilflos, wenn ich nicht wusste, was los war.
Nach dem Essen half ich Teresa noch beim Abräumen, bevor ich mich auf den Weg ins Bad machte.

„Hey, Josh!“, begrüßte ich einen meiner Lieblingsbrüder. Frisch geduscht saß ich im Schneidersitz auf meinem Bett im Gästezimmer. Es war klein und sehr modern eingerichtet. Ein Himmelbett stand direkt in der Mitte. Jeweils an beiden Seiten befand sich ein Nachtschränkchen. Gegenüber dem Bett stand der mittelgroße Kleiderschrank und links hatte man eine tolle Aussicht auf die Stadt.
„Na, Süße. Wie gefällt es dir in Spanien?“, hörte ich seine tiefe Stimme durch den Lautsprecher. Mein Handy lag auf meinem Kopfkissen, während ich im Internet surfte.
„Es ist richtig schön hier!“, antwortete ich ehrlich. „Aber ich vermisse euch alle!“
Sehnsüchtig seufzte ich laut auf und ließ mich auf meinen Rücken fallen. Gedankenverloren starrte ich die weiße Decke an.
„Wir vermissen dich auch! Es ist so ruhig hier“, lachte er.
„Josh?“, rief ich seinen Namen und stützte mich auf meinem Ellenbogen ab. „Es quält mich, nicht zu wissen, welche Erinnerungen ich verloren habe!“
„Zerbrech dir darüber nicht deinen kleinen, hübschen Kopf. Du hast eigentlich nicht viel verpasst, außer das, was du nach dem Autounfall nicht mitbekamst“, versuchte er mich zu beruhigen.
„Hm. Du, ich lege jetzt auf. Ich bin schon total müde“, gähne ich herzhaft und verabschiedete mich von ihm.
Nachdem ich aufgelegt habe, erfüllte mich wieder diese erdrückende Leere. Was sollte ich bloß dagegen tun?

Heute haben wir einen freien Tag vom Direktor der Schule bekommen, da unsere Gastfamilien uns mehr von der Stadt und dem Land zeigen, sowie erzählen konnten.
Da Francesco und Teresa arbeiten mussten, musste ich mit Fernando den Tag verbringen.
Die ganze Zeit über hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Wir sprachen kein einziges Wort miteinander. Ab und zu mal trafen wir ein paar seiner Freunde, die die Schule schwänzten, aber sonst passierte nicht viel. Sie sprachen zu schnell, vor allem fließend Spanisch, sodass ich nur Bahnhof verstand. Gelangweilt blickte ich mich in der Gegend um. Meine Hände hatte ich in meinen Jackentaschen versteckt, damit er mein Zittern nicht sehen sollte. Er schien bei dieser eisigen Kälte nicht zu frieren, was mich stark wunderte. Ein paar Mal spürte ich die Blicke seiner männlichen Freunde auf meinem Körper. Es war so abartig und erniedrigend.
Um meine Nervosität zu überspielen, wippte ich mit den Füßen und sah mich weiterhin in der Gegend um. Langsam, aber sicher schlich sich die Kälte unter meine Kleidung. Es war unvermeidbar mein Zähneklappern zu stoppen. Fernando verdrehte nur die Augen und schleppte mich in ein schönes, warmes Café.
Wir setzten uns ans Fenster und sofort begann ich meine Hände zu wärmen. Ich wusste echt nicht, was ich verbrochen hatte. Diesen Kerl konnte man so schnell reizen ohne jeglichen Grund.
Plötzlich stand er auf, legte seine dünne Jacke über meine Schultern und meine etwas dickere Jacke legte er darüber. Dankbar schlüpfte ich mit meinen Armen in die Ärmel der Jacken.
Als irgendwann der Kellner kam, bestellte ich mir einen Latte und Fernando – nichts. Hätte ich mir auch gleich denken können.
„Kannst du eigentlich auch reden?“, fragte ich genervt mit einem spöttischen Unterton.
Sofort schenkte er mir seine ganze Aufmerksamkeit. Unter seinen undurchdringlichen Blick fühlte ich mich nackt! Spöttisch zog er eine Augenbraue in die Höhe. Erwartungsvoll wartete ich auf seine Antwort, doch diese kam nicht. Stattdessen fischte er aus seiner Hosentasche eine Zigarettenpackung und zündete sich eine Kippe an. Genüsslich zog er an dieser. Wie ich Raucher hasste! Wütend funkelte ich ihn an.
„Kannst du die bitte ausmachen?“, fragte ich noch höflich, aber wütend.
„Warum sollte ich?“, entgegnete er arrogant und zog wieder an seiner Zigarette. Bei dem Gestank wurde mir ganz mulmig zu Mute. Ich hielt mir die Hand vor dem Mund und versuchte der Übelkeit zu trotzen.
„Erstens: Es schadet dir, sowie mir. Zweitens: Mir wird total schlecht dabei“, konterte ich meine Argumente mit einer sehr zittrigen Stimme. Meine Hand lag immer noch auf meinem Mund.
Einige Moment blickte er mich noch neugierig an, jedoch drückte er sie sofort in dem Aschenbecher aus, der auf diesem Tisch stand.
„Danke“, flüsterte ich und senkte meinen Blick.
Wenige Minuten später kam auch schon der Kellner und brachte mir meinen Latte Macchiato. Fernando konnte auch mal seine Gentleman-Seite zeigen, indem er für mich bezahlte.
Ich hatte echt einen Glückstreffer mit ihm gelandet. Es war stink langweilig mit ihm. Die ganze Zeit über starrte er wütend an mir vorbei oder aus dem Fenster und dabei waren seine Hände zu Fäusten geballt. Irgendetwas war merkwürdig an ihm, aber auch vertraut.
Meine Freunde hatten es bestimmt viel besser mit ihrer Gastfamilie, als ich. Teresa und Francesco mochte ich ja wohl, aber ihr Sohn war mir unheimlich.
Als ich meinen Macchiato ausgetrunken hatte, standen wir auf und verließen das schöne, warme Café.
Anstatt, dass wir nach Hause gingen, zeigte er mir etwas von der Stadt. Es stellte sich doch nicht so langweilig mit ihm heraus. Im Nachhinein fand ich es sogar witzig mit ihm, da er endlich mit mir sprach. Es war kaum auszuhalten, immer nur den Mund zu halten. Außerdem musste ich auch aufpassen, was ich sagte, dass ihn nicht verärgerte. Schließlich war er ja auch ein Schlägertyp. Vor ein paar Tagen kam er sogar mit einem blauen Auge und ein paar Kratzern nach Hause. Wieso mussten sich Jungs eigentlich immer prügeln?

Der Tag mit Fernando verlief eigentlich ganz gut. Ich verstand mich mit ihm ein wenig besser, wie vor ein paar Tagen noch. Außerdem durfte ich ihn sogar in ein Tätowierstudio begleiten. Dort ließ er sich oberhalb seines Armes einen Totenkopf tätowieren. Die ganze Zeit über lehnte ich mich an einen Schrank und sah der Arbeit des Tätowierers zu. Diesen Mann anzusehen war grauenhaft. Mit seinen ganzen Tattoos und Piercings sah er schrecklich aus. Es gab keinen Körperteil von ihm, der nicht tätowiert war. Sogar seine Glatze gehörte dazu.
Und jedes Mal zuckte ich zusammen, wenn Fernando vor Schmerz mit den Zähnen knirschte, aber er sagte nichts dazu. Nervös kaute ich auf meiner Unterlippe rum und sah zu, wie der Tätowierer mit der Nadel auf Fernandos Haut zu ging. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und holte tief Luft.
„Es wäre besser, wenn deine kleine Freundin den Raum verlässt, sonst fällt sie mir noch in Ohnmacht“, witzelte der tätowierte Kerl auf Spanisch. Fernando grinste mich nur frech an und ich verdrehte die Augen.
Wenige Stunden später war das Tattoo fertig und er bekam ein Pflaster draufgeklebt.
Erleichtert verließen wir den Laden.
„Komm, so schlimm war es nicht“, lachte Fernando amüsiert und wir schlenderten gemeinsam in der eisigen Kälte durch die Gegend.
„Doch“, gab ich zu und versteckte meine kalten Hände in der Jackentasche.
„Das Tattoo wird richtig geil aussehen“, sagte er stolz.
Es wurde schon langsam dunkel, deswegen machten wir uns auf den Weg zu ihm nach Hause.
Dabei schwiegen wir uns wieder an und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Eigentlich war er kein schlechter Typ. Wenn er nicht so rumlaufen würde, wäre er bestimmt einer der heißesten Typen, aber das war er auch schon mit seinem Aussehen. Meine Freunde haben mir seufzend erzählt, wie gut er doch aussähe und was für ein Glück ich hätte, dass ausgerechnet ich bei ihm zu Hause wohnen durfte. Seitdem standen sie bei Jungs auf das ‚Bad Guy‘-Getue.
„Mia“, hörte ich plötzlich meinen Namen rufen.
„Hast du etwas gesagt?“, fragte ich Fernando verwirrt. Dieser schüttelte nur mit dem Kopf. Was er wohl jetzt von mir dachte? – Freak!
„Mia, hör mir zu!“, hallte eine männliche Stimme in meinem Kopf.
Jetzt führte ich gedanklich schon Selbstgespräche. Kein Wunder, wenn Fernando mich jetzt für einen Freak halten musste. Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen und schüttelte nur verwirrt mit meinem Kopf.
„Mia, du führst keine Selbstgespräche!“, versuchte mir mein Verstand mit einer schönen, männlichen Stimme einzureden.
Ich war echt ein Freak mit Schizophrenie und Halluzinationen.
„Ist auch wirklich alles in Ordnung mit dir?“, fragte Fernando nach einer Weile misstrauisch, aber besorgt nach.
„Äh, klar“, antwortete ich zu schnell. Er schenkte mir noch einen prüfenden Blick, ehe er die Haustür aufschloss.
Na, klasse! Er dachte wirklich, ich wäre ein Freak. Super, Mia!
Seufzend ließ ich mich auf das Sofa fallen, während Fernando in der Küche hantierte.
„Mia, bitte. Hör mir zu!“, flehte wieder diese Stimme in meinem Kopf, die mir ein wenig bekannt vorkam. Verzweifelt drückte ich mir die Hände an die Schläfe und zog meine Beine ganz dicht an meinen Körper. Diese Stimme sollte endlich aufhören. Ich würde meinen Verstand verlieren!
„Ich bin’s Sebastien“, stellte sich mein angeblicher Selbstgespräch-Partner in meinen Gedanken vor. Jetzt gab ich der Stimme sogar einen Namen, wie verrückt war das denn?!
„Wie oft noch? Du hast keine Schizophrenie und du bist nicht verrückt. Ich existiere wirklich. Josh hat dir mal wieder deine Erinnerungen genommen, stimmt’s?“ Jetzt klang die Stimme ziemlich genervt. Und was hatte Josh denn bitte damit zutun?
„Na, klasse! Dann müssen wir wieder von vorne anfangen. Wo bist du? Ich habe all die Wochen versucht Kontakt mit dir aufzunehmen!“, klagte er vorwurfsvoll.
Dieses ganze Gespräch existierte nur in meiner Fantasie. Das konnte doch wohl nicht sein, dass ich mich selber fragte, wo ich mich zurzeit aufhielt. Schwachsinn. Absoluter Quatsch. Mein Verstand spielte mir nur einen Streich, den ich jetzt zu gerne beenden würde. Ach, ich hätte nicht mit in das Studio gehen sollen, dann hätte ich nicht lauter dieser seltsamen Tagträume.
„Verschwinde aus meinem Kopf!“, zischte ich flüsternd und rieb mir über die Schläfen, damit die Kopfschmerzen weggingen.
„Mia, mit wem redest du da?“, fragte mich Fernando, der ungläubig neben mir stand.
„Mit niemandem!“, antwortete ich hilflos und verzweifelt. Er hingegen zog nur eine Augenbraue in die Höhe und bedachte mich wieder mit diesem prüfenden Blick.
„Ich brauche jetzt dringend eine Aspirin“, sagte ich.
„Klar, einen Moment“, antwortete Fernando und verschwand leise wieder in der Küche.
Er lief elegant und leise. Ich hatte eben echt nicht mitbekommen, dass er neben mir stand.
Vor mir auf dem Wohnzimmertisch befanden sich einige Leckereien.
Chips, Gummibärchen, Tortillas und Kaubonbons.
Plötzlich wurde mir ein Glas vor die Nase gehalten. Erschrocken zuckte ich zusammen und blickte in die amüsierten Augen von Fernando. Er war schnell.
„Danke“, flüsterte ich verlegen und trank das Glas mit einem Zug leer.
Wegen diesem Sebastien aus meinem Kopf würde ich noch in die Klapse müssen.
„Willst du irgendeine bestimmte DVD sehen?“, fragte er gelangweilt.
„Was habt ihr denn so für DVDs?“, entgegnete ich neugierig.
Er zählte ein paar Filme auf und einer war darunter, den ich noch nicht gesehen habe.
„Der Teufel trägt Prada“, schlug ich vor und bekam einen strafenden Blick von ihm geschenkt.
„Na, gut“, seufzte er und legte die DVD ein. „Auf deine Verantwortung. Der Film ist ätzend langweilig. Meine Mom wollte ihn ja unbedingt haben. Ach, übrigens. Die beiden sind schon seit ein paar Stunden weg und kommen Sonntagabend wieder.“
„Okay“, flüsterte ich und zog eine Decke um meinen zittrigen Körper.
Nur der Bildschirm des Fernsehers beleuchtete das Wohnzimmer. Der Winter war hier nicht anders, wie in Amerika. Kalt! Frierend zog ich mir die Decke bis zum Hals. Fernando konnte meinen Zustand nicht länger ertragen, stellte die Heizung auf den höchsten Grad und zog mich an seine muskulöse Brust.
Plötzlich vernahm ich ein zorniges Knurren in meinem Kopf. Bildete ich mir das schon wieder ein?
Langsam drehte mein Verstand echt durch! Wirklich, den Besuch beim Tätowierer hätte ich mir sparen können, dann hätte ich jetzt nicht solche Probleme. Meine Fantasie ging mit mir durch!
„Mia!“, knurrte wieder diese unbekannte, aber vertraute Stimme und dieses Mal löste diese in mir ein unbändiges Verlangen aus. Sehnsüchtig wollte mein Herz weiter dieser Halluzination Aufmerksamkeit schenken. Vielleicht sollte ich Josh nachher anrufen und ihm diese surreale Situation von mir erzählen! Zwar würde er mich verrückt halten, aber ich musste es jemandem erzählen. Mir etwas von der Seele reden. Häufig sollte man über seine Probleme sprechen, anstatt seinen Frust mit Essen abzubauen.
Die Stimme in meinem Kopf zog sich zurück. Ich spürte ein unsichtbares Band, das immer schwächer wurde.
Der Film lief nicht mal eine halbe Stunde und ich war schon auf Fernandos Brust eingeschlafen. Der Tag war einfach nur anstrengend gewesen.


Kapitel 10


Warme, starke Hände trugen mich in mein Zimmer und legten mich behutsam auf das Bett.
Meine Augenlider flatterten und kurz darauf öffnete ich diese.
„Jetzt bist du wach“, stellte Fernando flüsternd fest und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Müde lächelte ich ihn an und rieb mir über meine Augen.
„Ich habe dir doch gleich gesagt, dass der Film langweilig ist“, tadelte er mich amüsiert.
„Ich war einfach nur fix und fertig von dem anstrengenden Tag“, krächzte ich. Meine Kehle war rau und trocken.
Fernando lächelte leicht und ich konnte seine strahlendweißen Zähne durch das schwache Flurlicht erkennen.
Aber dieses Verlangen von vorhin, das die Stimme ausgelöst hatte, war immer noch vorhanden. Und, ohne dass ich mit der Wimper zucken konnte, lagen meine Lippen schon auf seinen.
Ich fühlte, wie verblüfft er von meiner Aktion war, aber er wehrte sich nicht dagegen, sondern er erwiderte meinen Kuss.
Meine Hände schlang ich um seinen Nacken und zog ihn zu mir, sodass er auf mich drauf fiel, da er zu mir runter gebeugt stand.
Kichernd küsste ich ihn weiterhin gierig. Ich konnte mich überhaupt nicht von seinen weichen und sinnlichen Lippen lösen. Seine Hände gingen auf Wanderschaft. Unsere Zungen spielten miteinander. Die Küsse wurden verlangender und wilder. Fernandos Hand erreichte den Saum meines Pullis und zog ihn mir über meinen Kopf, sodass ich nur noch in Hose und BH vor ihm auf dem Bett lag. Einige Sekunden betrachte er mich, ehe wieder seine Lippen auf meine lagen. Ich war wie benebelt von seinen heißen Küssen. Sein Mund glitt hinunter zu meinem Schlüsselbein, verweilte dort einige Sekunden und saugte an meiner dünnen Haut. Geschickt öffnete er meinen BH, nahm meine Brüste in die Hand und massierte sie sanft. Langsam glitten meine Hände zum Saum seines eher dünneren Pullis und zogen ihm diesen auch über den Kopf. Ich hatte einen ziemlich guten Blick über seinen muskulösen Oberkörper. Es war nicht zu viel, nicht zu wenig, es war genau richtig. Faszinierend wanderten meine Finger über seine Muskeln, die sich leicht anspannten. Einfach nur wow! Er besaß einen unbeschreiblichen Körper. Flink knöpfte er meine Jeans auf, zog den Reißverschluss runter und zog sie mir schnell über meine Beine. So wie mein Pulli und der BH landete auch die Jeans achtlos auf den Boden. Ich half ihm sich selber die Hose auszuziehen, da er sich abgestützt auf mir drauf lag.
Aber das Problem löste sich auch ganz schnell. Mein Slip, sowie seine Boxershort folgten den anderen Kleidungsstücken. Es war mir überhaupt nicht unangenehm vor ihm nackt zu liegen. Irgendwie spürte ich eine Vertrautheit, aber ich wusste auch nicht, woher diese auf einmal kam.
„Mia? Was tust du da?“,

hörte ich wieder diese vertraute Stimme in meinem Kopf.
„Was soll das? Ich will endlich mein Leben genießen!“,

schimpfte ich wütend.
„Aber doch nicht mit ihm! Ich bin dein Gefährte und verdammt, wo bist du?“
„Madrid“,

antwortete ich gedanklich eingeschüchtert. Diese Stimme war so wütend gewesen, das konnte ich mir nicht ausgedacht haben. Und urplötzlich plagte mich das schlechte Gewissen.
„Nein, ich kann nicht“, flüsterte ich mit einer zittrigen Stimme und stieß ihn von mir. Schnell sammelte ich meine Klamotten von dem Boden auf und zog sie mir über. „Es tut mir Leid!“
Meine Wangen glühten und schuldig senkte ich meinen Blick.
„Ich rieche ihn an dir, du scheinst ihn aber nicht zu kennen“, hörte ich Fernandos raue Stimme und das Rascheln seiner Kleidung.
„Ich weiß es nicht“, gab ich verlegen zu. Aber es verwirrte mich, als er sagte: „Ich rieche ihn an dir.“
„Sie haben dir deine Erinnerungen genommen“, stellte er fest und ich wurde immer verwirrter.
„Ich hatte einen Autounfall und deswegen kann ich mich kaum erinnern“, entgegnete ich mit fester Stimme.
„Das haben sie dir nur eingeredet“, lachte er bitter und amüsiert.
„Wer denn bitte schön?“
„Ich gehe mal davon aus, dass es deine Familie ist. Sie wollen nicht, dass du mit deinem Gefährten zusammen bist.“
„Gefährte? Wie bitte, was?“, fragte ich geschockt nach.
„Och, nö. Anscheinend haben sie dein ganzes Wissen über uns genommen“, empörte er sich und stemmte seine Hände an die Hüfte.
„Was? Kannst du mich mal bitte aufklären?“, zischte ich unfreundlich.
„Am besten wäre es, wenn es dir deine Familie beichtet“, entgegnete er und zog sich auch seine Sachen an.
„Dann werden sie wahrscheinlich alles leugnen. Ich will es von dir hören“, entgegnete ich.
Fernando seufzte tief, nahm meine Hand und wir gingen zurück ins Wohnzimmer.
„Setz dich und beruhige dich mit ein paar Chips“, forderte er und gab mir eine Schüssel voller leckeren Chips.
„Es gibt Vampire, Werwölfe und noch andere Wesen“, fing er an und bei seinen Aufzählungen spuckte ich die Chips aus, die ich gerade essen wollte.
„Vampire? Das ist doch jetzt wohl ein schlechter Scherz“, empörte ich mich. „Wo bin ich hier eigentlich gelandet? Im Irrenhaus?“
„Nein, es gibt sie wirklich. Und jeder Vampir besitzt eine Gefährtin für die Ewigkeit. Anscheinend hat dir deine Familie die Erinnerungen genommen, weil sie mit deinem Gefährten nicht einverstanden sind. Das geschieht häufig“, winkte er ab und schnappte sich auch ein paar Chips. „Und zu deinem Glück kenne ich deinen Gefährten. Mich wundert es allerdings, dass er noch gar nicht abgekratzt ist.“
Verständnislos blickte ich ihn an.
„Vampire können nur eine Woche ohne Blut auskommen. Außer vielleicht die ganz hohen Tiere, ich meine die ganz alten Vampire können etwas länger darauf verzichten.“
Während Fernando weiter über Vampire und dieses Zeugs quatschte, stopfte ich mir Unmengen an Chips in den Mund. Ich konnte es echt nicht fassen. Es gab Vampire und andere Wesen.
„Und was bist du?“, unterbrach ich ihn.
„Auch ein Vampir und wenn wir miteinander geschlafen hätten, hätte ich dich zu meiner Gefährtin gemacht. Obwohl ich weiß, dass du schon gebunden bist. Aber du strahlst so eine Anziehungskraft aus. Und wenn dein Gefährte schon aus der Welt wäre, hätten wir es schon längst hinter uns gebracht.“
Ungläubig zog ich eine Augenbraue in die Höhe und stockte dabei, mir einen Chip in den Mund zu stopfen. Aber bei seiner Aussage wollte eine gelöschte Erinnerung an die Oberfläche kommen, doch sie war nicht stark genug.
„Du bist total irre! Aber du sagtest, du wüsstest, wer mein Gefährte sei. Wer ist es?“, hakte ich neugierig nach.
„Mein Bruder Sebastien“, antwortete er mit ernster Miene.
„Ich dachte, du seist ein Einzelkind?“, fragte ich verwirrt nach.
„Ich wurde adoptiert“, brachte er mit zusammengepressten Zähnen hervor.
Ich hasste es meine Erinnerungen zu verlieren. Wie konnte ich mir sicher sein, dass Fernando mich nicht anlog?
„Ich brauche meine Ruhe“, seufzte ich erschöpft und auf einmal wurde mir speiübel.
So schnell ich konnte, rannte ich ins Bad und übergab mich schon wieder. Es war ekelhaft. Immer wieder würgte ich die aufgegessenen Chips hoch. Der beißende Gestank meines Erbrochenen stieg mir in die Nase und ließ mich noch einmal würgen.
Nachdem es endlich – vorübergehend – aufgehört hatte, spülte ich es weg und reinigte die Toilette. In letzter Zeit wurde meine Nase immer empfindlicher, wenn es um Gerüche ging.
Um diesen galleartigen Geschmack aus meinem Mund loszuwerden, putzte ich mir wie verrückt die Zähne und spülte meinen Mund tausendmal mit Wasser aus. Ich spritzte mir noch etwas von dem kühlen Nass ins Gesicht und trocknete meine Hände ab.
Fernando hatte stillschweigend zugesehen, wie ich mich übergeben hatte.
„Du musst dich oft übergeben, oder?“, fragte er nach, obwohl es eher nach einer Feststellung klang. Zögernd nickte ich. Misstrauisch bedachte er mich wieder mit einem prüfenden Blick.
„Kann es sein, dass du schwanger bist?“, hakte er weiter nach.
Geschockt blickte ich ihn an. „Ähm, ich bin nicht schwanger!“, versicherte ich ihm. „Ich kann mich nicht erinnern mit einem Mann geschlafen zu haben!“
„Du triffst den Nagel auf den Kopf. Du kannst dich nicht erinnern“, erinnerte er mich.
„Das kann nicht sein. Das sind noch die letzten Auswirkungen meiner Krankheit. In den Ferien hatte ich eine kleine Magen-Darm-Grippe, aber komm mir jetzt nicht mit einer Schwangerschaft. Ich weiß am besten, mit wem ich geschlafen habe oder nicht!“, zischte ich ihn an und ließ ihn stumpf im Wohnzimmer stehen.
Kopfschüttelnd knallte ich die Tür hinter mir zu. Nein, auf keinen Fall. Unter keinen Umständen könnte ich jemals schwanger sein. Niemals! Wie bitte sollte ich denn schwanger sein, wenn ich wusste, dass ich mit niemandem geschlafen habe?! Oder hatte ich genau diesen Teil vergessen?
Fernando meinte, mir wurden meine Erinnerungen genommen. Könnte es… Nein, absolut nicht.
Am besten wäre es, wenn ich Josh anrufen würde.
Aber bevor ich dies überhaupt tun konnte, mischte sich wieder diese verdammte Stimme in meinem Kopf ein.
„Mia, beruhige dich. Eventuell morgen oder übermorgen bin ich bei dir. Bis dahin, tu nichts Unüberlegtes“,

versuchte mich die männliche Stimme zu überreden.
Ich fand mein Handy auf dem Nachtschränkchen liegen. Verzweifelt schnappte ich nach dem Mobiltelefon und suchte Josh‘ Nummer aus dem Telefonbuch raus.
Wenige Sekunden später wurde die Leitung freigeschaltet.
Nervös wippte ich mit dem Fuß und kaute auf meiner Unterlippe herum.
„Mia? Ich kann jetzt nicht! Wir machen gerade eine Verfolgungsjagd!“, informierte mich mein Bruder. Und bei dem Wort ‚Verfolgungsjagd‘ zuckte ich zusammen und ein leicht verschwommenes Bild erschien vor meinem geistigen Auge.
„Warte, nicht auflegen!“, schrie ich ins Telefon.
„Was ist los? Warte, ich mache dich auf Laut“, teilte er mir besorgt mit. „Okay, erzähl!“
„Könnt ihr mir vielleicht mal erklären, was hier gespielt wird? Mir wurden angeblich meine Erinnerungen genommen! Ist das wahr?“
Nichts. Stille. Verzweifelt suchten sich jetzt bestimmt nach einer passenden Ausrede.
„Ich will keine Ausreden hören, nur die Wahrheit“, zischte ich wütend.
„Ja, es stimmt. Ich habe dir die Erinnerungen genommen“, seufzte er laut. „Es tut mir Leid, aber es musste sein. Wir wollten dich nur vor diesem Mistkerl beschützen!“
„Meint ihr meinen Gefährten? Und ihr seid auch Vampire?“
„Sag mal, Bruder. Wie weit hast du ihre Erinnerungen gelöscht?“, mischte sich jetzt auch Alex ein.
„Bevor wir sie mit auf unsere Arbeit mitgenommen hatten. Danach ist alles weg, auch das Wissen über unsere Existenz“, gestand er kleinlaut.
„Ihr macht das unverzüglich rückgängig!“, drohte ich wütend.
„Das geht nicht!“, stammelte er verlegen.
„Wieso geht das nicht?“
„Na, weil ich sie dir dieses Mal nicht wiedergeben kann.“
„Wie dieses Mal? Du hast mir meine Erinnerungen schon einmal genommen? Wartet! Jetzt wird mir einiges klar. Deshalb sollte ich die Reise mitmachen, weil ich dann für ein paar Wochen von meinem Gefährten getrennt bin. Und er kann ohne Blut nicht auskommen und wird sterben“, stellte ich nüchtern fest. „Das war alles haargenau geplant!“
Fassungslos ließ ich mich auf mein Bett nieder. Dann die Stimme in meinem Kopf. Es war keine Halluzination, sondern mein Gefährte. Aber wieso hatte er sich nicht schon früher gemeldet?
„Schwesterherz, wir können dir alles erklären!“, versuchten mich die beiden zu beruhigen.
„Wie bekomme ich meine Erinnerungen wieder?“, fragte ich mit emotionsloser Stimme.
„Du musst die Wahrheit erkennen“, antworte er rätselhaft.
„Okay. Und bitte ruft mich in der nächsten Zeit nicht mehr an“, bat ich sie und ohne eine Antwort von ihnen abzuwarten, legte ich einfach auf.
Das konnte doch alles nicht wahr sein. Josh nahm mir zum zweiten Mal alle meine schönen Erinnerungen. Mein Bruder. Wie konnte er nur? Er wollte mich nur beschützen. Das wollte meine ganze Familie. Aber die Probleme konnte man nicht aufschieben. Deswegen sollte man darüber reden, um das Problem aus der Welt zu schaffen. In ihrer Sichtweise konnte man das kleine Problem nicht aus der Welt schaffen und haben sich überlegt, ihre Tochter in ein fremdes Land zu schicken, sodass ihr Gefährte sie nicht findet und er vor Blutdurst stirbt.
Tolle Familie. Echt klasse!
Heulend brach ich auf meinem Bett zusammen, bis ich einschlief.

Am nächsten Morgen stand ich wie gerädert auf. Meine Augen waren vom vielen Weinen angeschwollen und rot unterlaufen. Augenringe besaß ich auch noch. Ich wollte mich erst gar nicht im Spiegel betrachten, dafür hatte ich nicht das Selbstbewusstsein. Eine kalte Dusche half meinem Verstand ein wenig weiter. Ich konnte einfach an nichts denken. Alles was ich gerade tat, machte ich automatisch, wie ein Roboter. Mein Körper machte alles wie von selbst und ich schaute nur zu.
Auf wackeligen Beinen tapste ich mit dicken Socken die Treppe hinunter, um in die Küche zu gelangen.
Dort saß wie erwartet Fernando. Mitleidig blickte er mich an.
„Schlecht geschlafen?“, fragte er mich besorgt.
„Hm“, gab ich ihm nur zur Antwort und füllte mir eine Porzellanschale mit Cornflakes und Milch. Eigentlich hatte ich überhaupt keinen Hunger und stocherte in meinem Frühstück rum.
„Ich kann dich verstehen, wie du dich fühlst“, versuchte er ein Gespräch mit mir aufzubauen, doch ich hatte keine Lust dazu.
„Ach, jetzt auf einmal bist du der große Redenschwinger“, bemerkte ich spitz und schob mir den Löffel mit meinem Frühstück in den Mund.
„Mia, ich kann deine Lage verstehen. Damals, als ich erfahren habe, dass ich nur adoptiert wurde, da brach für mich auch die Welt zusammen. Und deine Familie hatte dich auch belogen und wollten sogar deinen Gefährten, meinen Bruder ohne deines Wissens sterben lassen!“, sprach er einfach munter drauf weiter. Verstand er es einfach nicht? Ich wollte meine Ruhe! Am liebsten hätte ich ihn angeschrien. Aber das wäre falsch von mir. Schließlich konnte er nichts dafür. Und ich wollte ihn nicht ausnutzen, um an ihm meine ganze Wut raus zulassen. Er sorgte sich ja sogar um mich!
„Tut mir Leid“, flüsterte ich verlegen. „Im Moment geht alles drunter und drüber.“
„Ich kann dich verstehen“, sagte er aufmunternd und nahm meine Hand in seine und drückte sie leicht.
Seufzend senkte ich den Löffel und schob die Schale beiseite.
„Was deiner Meinung nach sollte ich jetzt machen?“, fragte ich hilflos und blickte ihn verzweifelt an.
„Na ja, ich möchte jetzt nicht, dass du mich zum Vorbild nimmst. Aber ich habe jeglichen Kontakt zu meiner leiblichen Familie abgebrochen. Wir haben versucht miteinander ein Gespräch aufzubauen, doch das hatte nicht ganz so geklappt. Und natürlich bin ich auch auf deinen Gefährten, meinen Bruder noch sehr wütend.“
„Warum?“
„Das erzähle ich dir ein andermal“, winkte er ab und widmete sich wieder seinem Frühstück. „Jedoch solltest du es zumindest versuchen mit deiner Familie zu reden. Mach nicht denselben Fehler wie ich.“
„Bereust du es, dass du dich nicht mit ihnen ausgesprochen hattest?“, hakte ich neugierig nach. So konnte ich für einen Moment meine Probleme vergessen.
„Lass mich überlegen“, seufzte er, doch schließlich schüttelte er seinen Kopf. „Nein, nicht wirklich. Hier ist meine Familie.“
„Aber, was ist zwischen Sebastien und dir vorgefallen?“, fragte ich. Ich wollte unbedingt wissen, was mein Gefährte angestellt hatte.
„Nun ja, du weißt ja, dass er nicht schlecht aussieht und ein Casanova ist.“
Ahnungslos schüttelte ich meinen Kopf. Casanova? Na, klasse! Jetzt hatte ich auch noch einen Gefährten, dem alle Mädchen hinterher laufen! Solchen Typen war ich stets immer aus dem Weg gegangen. Ich brauchte dringend meine Erinnerungen zurück! Was hatte ich mir da bloß angelacht?!
„Ach ja, deine Erinnerungen. Teresa und Francesco haben meine leibliche Familie hierher eingeladen und so lernten sich Maria, meine damalige Freundin und Sebastien kennen. Nicht mal drei Stunden kannten sie sich und ich erwischte sie in meinem Bett.“
„Du hattest eine Freundin? Aber was ist denn mit den Gefährtinnenkram?“, fragte ich verwirrt nach.
„Ach, so. Sie war zwar nur ein Zeitvertreib, aber trotzdem fand ich die Situation nicht gerade passend! Vampire brauchen nun mal auch ihren Spaß!“
„Du wusstest also das ich Sebastiens Gefährtin bin und du wolltest mich dafür benutzen, um ihm eine Lektion zu erteilen?“, hakte ich wütend weiter nach. „Von Anfang an wusstest du Bescheid?!“
Wütend stand ich auf und der Stuhl fiel polternd nach hinten. Von allen wurde ich nur hintergangen.
„Hey, Mia“, rief Fernando hinter mir her. „Jetzt warte doch mal!“
Er packte mein Handgelenk und riss mich zu ihm herum.
„Was?“, zischte ich und Tränen stiegen mir in die Augen.
„Ja, okay. Anfangs wollte ich es wirklich durchziehen, aber dann hast du mich ja schon zur Seite geschubst!“, verteidigte er sich.
„Du bist genau wie die anderen ein Mistkerl“, beschimpfte ich ihn und wehrte mich gegen ihn, doch vergebens. Er war stärker.
„Mia“, seufzte er und nahm mich in die Arme.

Das Wochenende verlief schleppend. Ich hatte überhaupt keine Lust zu irgendetwas. Wenn mein Handy klingelte, drückte ich den Anrufer weg, ließ es still vor sich hin klingeln oder stellte es aus. Momentan war mein Mobiltelefon aus und mich konnte keiner erreichen. Gut so.
Die Stimme in meinem Kopf, die meinem Gefährten gehörte, meldete sich ab und zu mal. Er erkundigte sich, wie es mir ging. Aber wie sollte es einem schon ergehen, wenn die eigene Familie, einem die Erinnerungen zwei Mal wegnahm?
Dösend lag ich auf meinem Bett im Gästezimmer. Fernando ist losgefahren, um einige Besorgungen zu erledigen. Das ganze Haus hatte ich gerade für mich ganz alleine. Und heute habe ich mich noch nicht übergeben! Was für ein Wunder!
Tatsächlich musste ich einige Stunden geschlafen haben, denn mein Magen knurrte ziemlich laut.
Aber ich bin nicht von meinem Magen aufgewacht, sondern von einem Klirren, das aus dem Wohnzimmer kam. Misstrauisch stieg ich aus dem Bett und tapste leise die Treppe hinunter.
„Fernando?“, rief ich seinen Namen und spähte um die Ecke. Und dort erblickte ich ihn, allerdings war er nicht allein. „Was ist hier los?“
Zwei Augenpaare wurden auf mich gerichtet. Der eine Blick war liebevoll und sehnsüchtig von dem fremden, gutaussehenden Mann. Und der andere Blick war wütend und dieser kam von Fernando.
„Mia“, rief der fremde Mann nach mir und es war dieselbe Stimme aus meinem Kopf.
Ich war wie erstarrt. Er war der schönste Mann, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Nur, durch seinen Anblick traten wieder verschwommene Bilder vor meinem geistigen Auge auf, die langsam aber sicher Klarheit schafften.
Mit eleganten und graziösen Schritten kam er auf mich zu gelaufen. Er bewegte sich wie ein Leopard, der sich an seine Beute heranschleicht, um diese nicht zu erschrecken.
Mit großen Augen verfolgte ich jeden seiner Schritte. Dabei sahen wir uns die ganze Zeit über intensiv in die Augen. Als er direkt vor mir stand, stieg mir sein männlicher Geruch sofort in die Nase. Jetzt wusste ich, was Fernando mit ‚Casanova‘ meinte. Oh, mein Gott. Ihm konnte man kaum widerstehen. Sanft, aber bestimmend legte er seine großen Hände auf meine Taille und zog mich zu sich. Meine zierlichen, kleinen Hände lagen auf seiner muskulösen Brust.
„Ich habe solange nach dir gesucht“, flüsterte er kaum hörbar zu mir.
„Gesucht und gefunden“, antwortete ich genauso leise.
Hinter uns hörten wir nur ein Schnauben von Fernando. Verwirrt löste ich mich von Sebastiens Anblick und schaute zu meinem Gastbruder rüber.
„Ihr beide solltet echt eure Probleme klären“, schlug ich kopfschüttelnd vor.
Jetzt schnaubten beide verärgert. Da hatten sie doch noch etwas gemeinsam.
„Aber ohne aufeinander loszugehen, okay?“, fügte ich noch hinzu.
„Mia, das ist keine so gute Idee“, sagte er mit zusammengepressten Zähnen.
„Ihr seid Brüder und ich will nicht zwischen euch stehen“, sage ich besorgt und verzweifelt. Den einzigen Unterschied, den sie hatten, war, dass Sebastien eiskalte, blaue Augen und Fernando schokobraune Augen besaßen.
Ich bugsierte Sebastien auf den Sessel und seinen Bruder auf das gegenüberliegende Möbelstück.
„Okay. Es ist falsch von dir gewesen, Bastien, dass du einfach mit seiner Freundin geschlafen hattest“, fing ich das Gespräch an, doch Sebastien zuckte nur mit den Schultern.
„Hast du dazu irgendetwas zu sagen?“
„Er wollte mir dir schlafen, um sich an mir zu rächen“, knurrte er und zog mir besitzergreifend zu sich, um Fernando zu verdeutlichen, dass ich zu Sebastien gehörte.
„Ich weiß, aber es ist nichts passiert. Könnt ihr euch nicht einfach entschuldigen, bitte? Tut es für mich!“, flehte ich die beiden an.
„Na gut“, seufzten beide. Wenigstens gingen sie sich jetzt nicht mehr gegenseitig an die Gurgel.
„Wieso haben Mom und Dad ausgerechnet mich weggegeben?“, fragte Fernando bissig.
„Dad hätte dich umgebracht, da du nicht sein Sohn bist. Deswegen hat Mom dich weggegeben, weil er deinen leiblichen Dad umgebracht hatte. Er konnte sich eine lange Zeit nicht damit abfinden, dass Mom fremdgegangen ist“, erzählte Sebastien sachlich und verschränkte seine Hand mit meiner.
„Was?“, zischte er geschockt und rieb sich erschöpft über sein Gesicht.
„Sie brachte dich zu ihren besten Freunden, da sie wusste, dass sie sich um dich kümmern würden“, fuhr Sebastien fort.
„Also sind Teresa und Francesco auch Vampire?“, stellte ich fest.
Die Brüder nickten und sie fingen langsam an sich zu vergeben.


Kapitel 11


Am Abend lag ich zusammen mit Sebastien auf meinem Bett. Er erzählte mir, dass es schwer gewesen wäre mich zu finden. Meine Familie hatte gute Arbeit geleistet.
„Wie konntest du solange ohne Blut auskommen?“, fragte ich ihn besorgt und strich ihm sanft über seine kalte Wange. Er war sehr kalt und brauchte Blut.
„Übung macht den Meister“, antwortete er rätselhaft.
„Du hast gehungert?“, fragte ich geschockt.
„So kann man es auch nennen“, antwortete er knapp und küsste mich auf die Stirn.
Sebastien erzählte mir, dass meine Familie mich so gut vor ihm versteckt hatte, dass er sogar meinen Geruch nicht identifizieren konnte. Nie wieder würde ich ihnen verzeihen, was sie uns angetan haben.
„Es war sogar schwer in deinen Kopf einzudringen“, fügte er hinzu.
„Ich will jetzt nicht mehr über meine Familie reden. Das Wichtigste ist, du brauchst Blut“, fuhr ich ihn an. „Und danach erzählst du mir, was ich alles an Erinnerungen verloren habe!“
Vorsichtig schob er meine Haare beiseite und legte so meinen ungeschützten Hals frei.
Langsam beugte er sich zu mir hinab und küsste meine dünne, empfindliche Haut. Ein Schauer lief mir eiskalt den Rücken runter.
„Du stinkst“, knurrte er und stützte sich auf seinen Armen ab.
„Was?“, fragte ich geschockt. Noch nie habe ich von einem Typen zuhören bekommen, dass ich stank. „Und wonach?“
„Nach ihm“, knurrte er wieder. Genervt verdrehte ich die Augen. „Sein Geruch haftet schwach an deiner Haut.“
„Jetzt trink, du Idiot!“, forderte ich ihn wütend auf.
„Mit Vergnügen! Dann kann ich wenigstens so seinen Geruch überlagern.“
Seufzend schloss ich die Augen und wartete auf den Schmerz. Sebastien meinte, dass es mir noch nie wirklich weh getan hatte, aber meine Erinnerungen waren noch nicht ganz wieder vorhanden.
Sanft versenkte er seine Fänge in mein Fleisch. Es tat überhaupt nicht weh, es war sogar angenehm.
Ich spürte, wie er große Schlucke von meinem Blut nahm und wie ich schwächer wurde.
Haltsuchend krallte ich mich in seinem Hemd fest. Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ er von mir ab und nahm mich in seine Arme.
„Du bist schwächer, als sonst, obwohl ich nicht viel von deinem Blut genommen habe“, sagte er misstrauisch und strich mir vereinzelte Strähnen aus meinem Gesicht.
Meine schweren Augenlider schlossen sich und ich hörte seiner wunderbaren Stimme zu. Beim Bluttrinken waren viele Erinnerungen auf einem Schlag zurückgekehrt, die mich zusehends verwirrten. Er erzählte mir viel über sich und dabei schlief ich irgendwie ein.

Am nächsten Morgen wurde ich von sanften Küssen aufgeweckt. Verschlafen blinzelte ich ein paar Mal und blickte in zwei eiskalte, blaue Augen.
„Morgen“, nuschelte ich und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, den er verlängerte. Er ließ mich schon gar nicht mehr los, auch nicht, als ich nach Atem rang.
„Es ist schön dich wieder bei mir zu haben“, flüsterte er mir in mein Ohr. Grinsend löste ich mich aus seiner besitzergreifenden Umarmung und lief schwankend ins Badezimmer.
Natürlich musste mir mein eifersüchtiger Vampir folgen. Auf dem Flur trafen wir Fernando, der mich wie immer liebevoll anlächelte. Aus Sebastiens Kehle kam ein tiefes Grollen und er schubste mich schon regelrecht ins Badezimmer, um mich von Fernandos lüsternen Blicken zu schützen, da ich nur in meinem gewohnten Schlafanzug rumlief. Der bestand nur aus einer Jogginghose und einem dünnen Sweatshirt.
„Eifersüchtig?“, fragte ich verschlafen mit einem frechen Grinsen im Gesicht.
„Und wie!“, gestand er und zog mich an sich. Fordernd presste er seine Lippen an meine und drückte mich gegen die freie Badezimmerwand.
Seine großen Hände umfassten meine nackte Taille, da mein Sweatshirt hochgerutscht war.
„Ich will dich jetzt“, knurrte er gierig.
„Jetzt?“, wiederholte ich geschockt. „Och, nö. Keine Lust. Ich will mich jetzt erst einmal frisch machen!“
Verdutzt blickte er mich an, als ich ihn zur Seite schob und anfing mir die Zähne zu putzen. Sebastien lehnte grübelnd an der Tür und seine Augen folgten mir auf Schritt und Tritt. Ich bemerkte es, als ich einen kurzen Blick in den Spiegel warf und seinen stechenden Augen begegnete.
Als ich die Zahnpasta ausgespült hatte, fragte ich, warum er so nachdenklich war. Doch darauf konnte er mir keine Antwort geben, da mir urplötzlich wieder schlecht wurde. Zum Glück musste ich mich nicht übergeben und alles blieb in meinem Magen.
Wieder warf er mir einen grübelnden Blick zu.
Die Dusche wusch mir meine Müdigkeit weg und ich hatte einen klaren Verstand zum Nachdenken.
Ich hatte mir überlegt mir einen Schwangerschaftstest aus einer Apotheke zu holen, um zu beweisen, dass ich nicht, absolut nicht schwanger war. Jedenfalls redete ich mir dies nur ein und vielleicht war ich doch schwanger. Hin- und hergerissen schlang ich mir das Handtuch um den Körper und stieg aus der Dusche. Dort auf der Wanne sitzend, wartete ein nachdenklicher Vampir auf mich.
„Ich unternehme gleich etwas mit Freunden. Währenddessen kannst du dich ja mit Fernando beschäftigen“, erzählte ich ihm nebenbei, als ich mir ein wenig Schminke auf mein blasses Gesicht legte.
„Muss das sein?“, fragte er genervt nach und stand auf.
„Ja, es ist wichtig!“ Ihm fiel meine Lüge nicht auf und ich durfte auch bloß nicht an Schwanger denken. Aber er schien auch zu sehr in seinen eigenen Gedanken versunken zu sein, um irgendetwas zu bemerken.
Von hinten schlang er seine Arme um meinen Bauch und vergrub sein Gesicht in meine Halsbeuge.
Kure Zeit später löste ich mich von ihm und verschwand aus dem Bad. Hoffentlich schlugen sich die beiden Jungs nicht die Köpfe ein.

Mindestens zehn Minuten stand ich schon unentschlossen vor der Apotheke und fror mir meine Körperteile ab. Ich traute mich einfach nicht nach einem Schwangerschaftstest zu fragen. Was dachten die wohl von mir? Ich war gerade mal erst Achtzehnjahre alt und dann schon schwanger! In der heutigen Zeit kam das öfters vor, aber trotzdem ich fand es unnormal und konnte mich mit dem Gedanken schwanger zu sein, nicht abfinden. Mein ganzes Leben hatte ich doch noch vor mir. Und ich wollte es erst langsam angehen lassen! Anscheinend wurde ich von Sebastien schwanger, an dem Tag, als er mich entführt hatte und mich zu seiner Gefährtin gemacht hatte. Und das schlimmste kam noch! Meine Regel war überfällig. Ich hätte sie letzte Woche bekommen müssen. Ein weiteres Zeichen, dass ich mir jetzt diesen verdammten Test aus der Apotheke besorgen musste!
Nervös betrat ich doch noch den Laden. Keine Angestellte war zu sehen, deshalb sah ich mich erst kurz um. Aber ich wollte nicht wahllos irgendeinen Schwangerschaftstest aussuchen, wenn ich davon keine Ahnung hatte.
„Hallo. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, fragte mich eine etwas ältere Dame mit hochgesteckten, etwas gräulichen Haare. Leichte Falten zierten ihr Gesicht.
„Äh, ja“, stotterte ich. „Ich sollte für eine Freundin einen Schwangerschaftstest kaufen.“ Blamiert! Innerlich schlug ich mir gegen die Stirn. Das Gestotterte hatte sie mir nie im Leben abgekauft, dass es nur für eine Freundin war. Sie bedachte mich auch für einen kurzen Augenblick mit diesem prüfenden Blick, den auch Sebastien vorhin draufhatte, ehe sie sich nach hinten begab und einen Test holte, den sie mir empfahl. Mit einem unsicheren Lächeln verabschiedete ich mich von der Apothekerin und machte mich zurück auf den Weg nach Hause. Für alle Fälle hatte ich gleich zwei Stück mitgenommen. Konnte ja sein, dass das Ergebnis falsch war.
Die Packungen habe ich gut in meiner Handtasche versteckt, damit sie niemand sah oder fand. Unter keinen Umständen wollte ich, dass Sebastien davon etwas mitbekam. Schließlich wusste ich ja noch nicht mal, ob ich überhaupt schwanger war. Er sollte sich keine zu großen Hoffnungen machen. Ich wusste ja noch nicht mal, ob er ein Kind wollte oder nicht! Wie sollte ich es ihm denn beibringen, wenn es der Fall wäre? Und dann war doch noch das Problem, führten wir jetzt eine Beziehung oder nicht? Meine Erinnerungen hatte ich schon teilweise wieder und ich liebte ihn abgöttisch, aber wie war es bei ihm? Konnte ich mich darauf verlassen, dass er bei mir blieb, wenn ich schwanger wäre?! Zu viele Fragen. Den ganzen Weg über machte ich mir große Sorgen, wie es wäre!
Seufzend schloss ich die Tür auf und stürmte sofort die Treppe hoch, wurde aber jedoch von Sebastien aufgehalten.
„Schon wieder da?“, fragte er mit einer hochgezogenen Augenbraue.
„Äh, ja. Mir ging es nicht so gut!“, log ich und es stimmte ja indirekt.
„Du lügst! Und du lässt mich auch nicht in deine Gedanken hinein“, entgegnete er und sein Griff wurde immer stärker. So, so. Er konnte in meinen Kopf nicht mehr hinein. Das war ja ein Ding. Dann brauchte ich mir ja keine Sorgen machen, dass er irgendetwas erfährt. Eine Barrikade befand sich also in meinem Kopf. Wie ich das wohl gemacht habe? Grübelnd glitt mein Blick an ihm vorbei.
„Mia, du verheimlichst mir etwas“, holte mich seine Stimme wieder in die Realität.
„Vertrau mir. Es ist alles in Ordnung!“, log ich mal wieder mit einem unechten Lächeln.
„Sie hätten dir nicht deine Erinnerungen nehmen sollen!“, schimpfte er und ließ mich los.
Schnell stieg ich die einzelnen Treppenstufen hoch, bevor Sebastien es merkte. Gerade rechtzeitig konnte ich ihm die Badezimmertür vor die Nase zuknallen, ehe er sich dagegen stemmen konnte.
„Mia! Mach die Tür auf!“ Seine Stimme kam leicht gedämpft durch das Holz.
„Ich muss mal für kleine Mädchen“, entgegnete ich und ich wusste, dass er durch mein Argument sich beruhigte und wieder nach unten ging.
Mit zittrigen Fingern kramte ich die Packungen aus meiner Handtasche. Schnell riss ich sie auf und las mir die Gebrauchsanweisung durch.
„Die Tests bestehen üblicherweise aus einem Kontrollstreifen, der sich immer verfärbt, wenn der Test gebrauchsfähig ist (z. B. noch nicht abgelaufen) und dem eigentlichen Teststreifen, der speziell auf das HCG reagiert. Wenn sich also beide Streifen verfärben, dann bedeutet dies, dass 1. der Test funktionstüchtig ist und 2. eine Schwangerschaft besteht. Das Ergebnis ist ein Ja/Nein-Ergebnis. Die Menge des im Urin befindlichen HCG kann nicht festgestellt werden, jedoch wird der Test-Streifen umso intensiver, je höher die Konzentration des Schwangerschaftshormons ist“, las ich in Gedanken, damit mich niemand hören konnte. Da ja alle Vampire ein gutes Gehör besaßen.
Oh, man! Ich verstand echt nur Bahnhof.

Ich wartete solange, bis die Zeit abgelaufen war. Nervös und gespannt auf das Ergebnis lief ich im Badezimmer auf und ab, wie ein ungeduldiger Tiger. Sebastien und Fernando machten sich sichtlich Sorgen um mich, da ich mich für eine geraume Zeit im Bad eingeschlossen hatte. Sie hämmerten und klopften wie die Wilden gegen die Tür. Im letzten Moment konnte ich Sebastien davon abhalten die Tür einzutreten. Wenn es um meine Gesundheit ging, dann flippte er immer aus. Schließlich konnte ich, wer weiß was hier drin anstellen. Mich ritzen, oder sonst etwas, was mir schaden könnte. Es war auch eine grauenhafte Vorstellung, wie er mich tot im Bad fand. Ein eiskalter Schauer lief mir über meinen Rücken.
Die beiden Tests lagen auf dem Rand der Wanne und ab und zu erkundigte ich mich, ob es sich schon etwas gebildet hatte.
Und dann war es soweit. Zwei Streifen hatten sich jeweils auf beiden Tests gebildet. Schnell griff ich nach der Anleitung und erstarrte. Ich war schwanger. Ich war definitiv schwanger! Scheiße. Was sollte ich denn jetzt machen? Wie sollte ich ihm schonend beibringen, dass ich schwanger war?
Was sagte meine Familie dazu? Meine Familie würde bestimmt nicht gerade davon begeistert sein, ausgerechnet vom Verräter schwanger zu sein. Von ihnen konnte ich mir keine Unterstützung verhoffen, da ich immer noch jeglichen Kontakt mit ihnen vermied.
Geschockt ließ ich mich an der Tür hin abgleiten und barg mein Gesicht in meine Hände. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder weinen sollte. Es war schon ein schönes Gefühl von meiner Liebe meines Leben schwanger zu sein, aber ich war Achtzehn! Das war definitiv zu früh für mich. Ich wollte doch noch so viel machen! Meinen Schulabschluss hinter mich bringen und dann studieren. Das konnte ich ja jetzt alles vergessen. Seufzend band ich mir meine nervigen Haare zu einem Zopf zusammen. Fürs Erste sollte ich es Sebastien verheimlichen, damit er sich um mich keine Sorgen machen musste.


Kapitel 12


Ein paar Stunden später zwang Sebastien mich, die Tür auf zumachen. Aber bevor ich dies tat, steckte ich alles was mit einer Schwangerschaft zutun haben könnte in meine Tasche.
Ich spritzte mir noch Wasser ins Gesicht und öffnete freudestrahlend die Tür, um den Schein zu erwecken, dass es mir gut ginge.
Er hingegen guckte mich etwas verstört an.
„Ist irgendetwas?“, flötete ich fröhlich und lief an ihm vorbei. Es fiel mir schwer ihn anzulügen. Aber mich wunderte es schon, dass er sich um mich Sorgen machte. Gefühle zeigen! Etwas sehr schwieriges, dass die Männer nicht zeigen können! Pah! Emotionen zu zeigen, war ganz einfach!
„Du verhältst dich seltsam“, antwortete er und folgte mir mit zusammengekniffenen Augen.
„Ich bin immer noch ich!“, entgegnete ich mit einem falschen Lächeln und drängte diesen einen Gedanken ganz weit weg in mein Gedächtnis. Lange könnte ich es nicht aufschieben, denn bald würde man es an meinem Bauch erkennen.
Erschöpft schmiss ich meine Handtasche in eine Ecke und ließ mich auf mein Bett fallen.
Gähnend streckte ich meine Hände nach ihm aus. Dieser stummen Aufforderung folgte er zu gerne und legte sich zu mir.
„Wie lange bleibst du noch in Spanien?“, erkundigte er sich und zog mich ganz fest an seinen Oberkörper.
Seufzend bettete ich meinen Kopf an seine muskulöse Brust.
„Juni“, antwortete ich knapp.
„Ich denke, dass Teresa und Francesco nichts dagegen haben werden, wenn ich hier bleibe“, grübelte er und küsste mich auf die Stirn. „Da ja Fernando mein Bruder ist.“
„Wie war eigentlich so deine Familie? Leben sie noch?“, fragte ich neugierig, um ein neues Thema anzuschneiden.
„Ja“, knurrte er knapp.
„Hast du kein gutes Verhältnis zu ihnen?“, hakte ich weiter nach.
„Ja.“
„Och, komm schon, Sebastien. Das ist jetzt echt nicht fair, wenn du mir nur so eintönige Antworten gibst. Du weißt alles über mich und meine Familie. Aber ich weiß nichts über dich, soweit ich weiß hatten wir, glaube ich, schon mal das Thema!“ Da hatte er mir nur die Geschichte seines Verräter-Daseins berichtet.
„Du bist so stur“, meinte er nur noch und fuhr sich durch seine Haare. „Ich bin eben nicht gut auf meine Eltern zu sprechen. Ich habe einiges getan, worüber sie sich immer noch aufregen. Und mein Vater hatte mich kurzerhand aus dem Haus geschmissen.“
Geschockt starrte ich ihn an. „Aber wieso denn?“
„Ich war verlobt, oder ich bin es immer noch. Keine Ahnung“, sagte er ahnungslos und zuckte mit den Schultern. Und das erfahre ich erst jetzt?! Verlobt?
„Na ja, ich hatte keine Lust auf eine Zwangsheirat. Von einem auf den anderen Tag bin ich abgehauen.“
Nachdenklich knabberte ich auf meiner Unterlippe rum. Er wollte sich seiner Verantwortung nicht stellen.
Wenn ich im beichtete, dass ich schwanger war, haute er dann auch ab?
Daran durfte ich vorerst gar nicht dran denken.
Aber wenn er nicht abgehauen wäre, dann hätten wir uns nie im Leben kennen gelernt.
Ich schluckte und atmete tief Luft ein.
„Aber das war schon vor einem Jahrhundert. Sie müsste jetzt eigentlich schon ihren Gefährten kennen gelernt haben. Jedenfalls seit der Sache habe ich meine Eltern nie wieder gesehen. Du musst verstehen, sie leben noch weit aus im Mittelalter, dazu sind sie noch adelig und leben in einem riesengroßen Herrenhaus“, schnaubte er.
„Adelig?“, wiederholte ich japsend und mein Mund klappte vor Staunen weit auf.
„Leider“, bestätigte er knapp mit einem Kopfnicken.
Ich war geschockt. Diese ganzen Informationen über ihn waren anders, als die, die ich erwartet hatte. Und wenn ich ihn schon früher kennen gelernt hätte, dann hätte er mir jetzt einige Gründe aufgezählt, warum wir nicht zusammen sein konnten.
„Deine Ex-Verlobte…war sie hübsch?“, fragte ich unsicher nach.
„Bildhübsch, aber kein Vergleich zu dir“, schmeichelte er mir und küsste mich.
„Casanova“, flüsterte ich augenverdrehend. Ich und gutaussehend? Na ja, dass war ein anderes Thema! Aber ich fand mich nicht wirklich hübsch. Ich sah einfach zu normal aus! Und ich würde mein Leben dafür wetten, dass sie eine Blondine war mit einem perfekten Körper dazu!
„Aber ich mochte sie nicht wirklich. Sie war stur, zickig und hat dermaßen genervt!“, zählte er einige negative Punkte von ihr auf.
„Das trifft doch auch irgendwie auf mich zu, oder nicht?“, fragte ich verlegen nach.
„Zum Teil, aber deine Art liebe ich, sowie alles andere an dir“, schmeichelte er mir wieder. Bei diesen Worten könnte ich dahin schmelzen.
„Willst du dich denn keinen Kontakt mehr zu deiner Familie haben?“, hakte ich weiter neugierig nach. Seine Familien- und Lebensgeschichte war spannend für mich.
„Mit meiner Mutter habe ich Kontakt, aber nicht mit meinem Vater und er weiß auch nichts davon. Er würde sie umbringen, wenn er erfährt, dass Mom und ich ein gutes Mutter-Sohn-Verhältnis haben. In seinen Augen habe ich die Schande über unsere Familie gebracht“, erzählte er weiter.
„Oh“, fiel mir in diesem Moment nur ein.
„Halb so wild“, winkte er ab, doch für einen kurzen Moment konnte ich in seinen Augen erkennen, dass es überhaupt nicht ‚Halb so wild‘ war, wie er es meinte.
Mitfühlend streichelte ich seinen Arm. Da war seine Familie sogar schlimmer als meine. Ich konnte seine Sehnsucht nach seiner Mutter spüren.
„Und wenn du sie besuchst?“, schlug ich vor und lächelte ihn aufmunternd an.
„Das ist nicht dein Ernst?“, fragte er geschockt. „Dad würde es ja noch nicht mal soweit kommen lassen mich überhaupt in Frankreich zu dulden.“
„Er braucht doch nichts davon erfahren“, entgegnete ich hoffnungsvoll.
„Zu Riskant“, antwortete er knapp und gab mir einen verlangenden Kuss auf meinen Mund. Damit verdeutlichte er mir mal wieder, dass das Gespräch somit beendet war.
Sein Dad konnte sich wirklich mit meiner Familie zusammen tun. Beide waren kein Stück besser.
Aber wenn man vom Teufel dachte, klingelte mal wieder mein Handy. Mit Gewissheit konnte ich sagen, dass es einer aus meiner Familie war, der mich anrief, da sich kein einziger meiner Freunde sich aus Amerika gemeldet hatte. Weder Cloe, noch Anna bequemten sich dazu mich anzurufen. Tolle beste Freundin! In der ersten Woche, die ich in Spanien war, habe ich sofort beide angerufen und beide haben mich abgewürgt. Ich ertrinke hier in meinen Problemen und keiner meiner besten Freunde half mir, oder sorgte sich überhaupt um mich. Es war deprimierend.
„Du solltest wirklich mal mit ihnen reden“, sagte Sebastien sanft und strich mir zärtlich über meine Wange, als sich seine Lippen von meinen lösten.
Genervt blickte ich ihn an und schnappte mir mein Handy. Josh. Niemand anderes hatte ich erwartet.
„Du lässt auch nie locker, oder?“, fragte ich meinen Bruder seufzend und kuschelte mich wieder zu Sebastien.
„Ich bin wenigstens halbwegs froh, dass du endlich mal an dein Handy gehst“, gestand er erleichtert.
„Und was willst du?“, fragte ich grob.
„Lass mich es bitte versuchen zu erklären“, bat er mich. „Ohne das du mich unterbrichst.“
„Schieß los.“
„Es tut mir Leid, was ich dir, meiner Lieblingsschwester angetan habe und ich wollte das nicht machen. Dad hatte mir befohlen, das zu tun. Er hat mir keine andere Wahl gelassen! Mom war seiner Meinung. Und wenn du dich für ihn entscheidest, wirst du aus der Familie rausgeschmissen.“
„Was?“, schrie ich aufgebracht. „Aber das könnt ihr nicht machen!“
„Mir gefällt es genauso wenig wie dir. Aber ich bin auf deiner Seite. Ich werde dich nicht im Stich lassen. Ohne deren Wissen helfe ich dir später weiter! Versprochen.“
„Und die anderen wissen nichts davon?“
„Ja. Shit, sorry, aber ich muss auflegen“, sagte er nervös und legte auf. Verwirrt starrte ich einige Minuten noch auf das Display. Sebastien nahm es mir endgültig aus der Hand und drückte auf den roten Hörer.
„Du hast sicherlich alles mitgehört“, stellte ich eher fest, anstatt es sich nach einer Frage anhörte.
Er nickte und ich versank mal wieder in seinen braunen Augen.
„Ich verstehe seinen Sinneswandel nicht“, flüsterte ich später misstrauisch.
„Er ist dein Bruder.“
„Und er mag dich nicht“, vervollständigte ich den Satz.
„Das beruht sich auf Gegenseitigkeit“, entgegnete er arrogant. „Hm. Es wird einen Heiden Spaß machen, dich zu küssen und er kocht vor Wut.“
„Sebastien“, tadelte ich. „Das ist echt unfair!“
„Hm“, gab er nur noch von sich, drückte mich auf mein Bett zurück, legte sich etwas auf mich drauf, sodass ich nicht entwischen konnte und küsste mich fordernd.

Der nächste Tag war vielversprechend. Es ging wieder ab in die spanische Schule! Irgendwann kamen Francesco und Teresa mitten in der Nacht wieder. Und ich hätte niemals gedacht, dass diese beiden Menschen Vampire waren. Schließlich sahen sie nicht so aus! Sie waren braungebrannt und ihre Hautfarbe war nicht mal erblichen. Sehr interessant. Fernando und Sebastien hielten sich noch auf Abstand, was ich nur mit einem Kopfschütteln kommentierte. Diese Idioten waren Halbbrüder, da gehörte es sich, dass sie sich wenigstens etwas verstanden. Was hielt ich hier für Predigten? Meine Verwandten und ich könnten uns auch wieder vertragen, abgesehen von Josh, der sich wie ein geprügelter Hund am Telefon anhörte. Er bereute es mir die Erinnerungen genommen zuhaben. Nur der Rest meiner Familie scherte sich nicht mich zu kontaktieren. In ihren Augen war ich bestimmt ‚der Abschaum‘. Sebastien landete nur auf die falsche Bahn, weil ihn sein Vater rausgeschmissen hatte. Ab da, lief es total schief mit ihm, bis ich ins Spiel kam. Und da ich das Gute in sein Leben wieder gebracht hatte, wollte er mich beschützen – vor allem! Ich konnte ihn gerade noch davon abhalten, mein Bodyguard zuspielen. Lächerlich! Was sollten denn die Leute aus der Schule denken?
Sofort am Anfang meiner Zeit unten durch zu sein, bei den Schülern, wollte ich ganz und gar nicht. Mich würde es selber erschrecken, wenn die ganze Zeit ein Typ mit einem breiten Oberkörper hinter mir stände und aufpasste, was ich tat oder nicht. Dann würde ich ja gar keine Freundschaften mehr schließen! Zum Glück konnte ich es ihm ausreden! Er wartete brav zu Hause bis die Schule zu Ende war für diesen Tag. Aber mein Gefühl sagte mir, dass er sich nicht daran halten würde.
In den Unterrichtsstunden unterdrückte ich mein ständig aufsteigendes Brechreizgefühl.
Meine Konzentrationsfähigkeit war heute auch nicht die Beste. Für die Lehrer musste ich abwesend aussehen, deswegen nahmen sie mich umso öfters dran. Bei all den Sorgen, die ich hatte, konnte ich der spanischen Sprache schwer folgen. Desto glücklicher war ich, als endlich die Schulklingel ertönte und der Unterricht vorbei war.
Gerade verließ ich mit Fernando zusammen das Schulgebäude, als ich auf der anderen Straßenseite eine dunkle Gestalt an einem sehr teuren Wagen lehnen sah.
„Oh, nein“, flüsterte ich und schüttelte den Kopf.
„Was ist?“, fragte Fernando verwundert.
„Sebastien“, zischte ich und meine Augen klebten förmlich an seine dunkle Silhouette.
Um noch zu erwähnen, im Unterricht hatte sich Sebastien gedanklich mit mir unterhalten. Das führte dazu, dass ich total abgelenkt wurde.
„Ich habe ihm gesagt, er solle bei dir Zuhause bleiben“, regte ich mich auf. Das Auto gehörte bestimmt nicht ihm!
„Sebastien!“, tadelte ich ihn. „Sag jetzt bloß nicht, der Wagen ist geklaut!“
„Soll ich dich lieber anlügen, Liebling?“, entgegnete er genervt.
Alle Blicke lagen auf uns, als ich zielsicher auf ihn zu ging. Jetzt fragten sie sich bestimmt, wer war das?
Bei ihm angekommen, hob ich nur eine Augenbraue, doch er zog mich sofort an seine Brust und küsste mich fordernd.
„Ich mag halt schnelle Autos“, versuchte er sich zu rechtfertigen und dabei küsste er mich auch noch schamlos, damit ich dagegen nichts einwenden konnte. „Außerdem wollte Francesco mir sein Auto nicht leihen!“
Desinteressiert löste ich mich von ihm und stieg auf der Beifahrerseite ein, während sich Fernando zu Fuß nach Hause begab. Er wollte nicht mit ihm gesehen werden, daher hatten sich unsere Wege schon auf dem Schulhof getrennt. Es war auch irgendwie verständlich. Denn die meisten Blicke lagen auf uns.
„Das Auto wirst du wieder zurückbringen!“, sagte ich in einem etwas strengeren Ton.
„Nicht dein Ernst?“ Fassungslos blickte er mich von der Seite an.
Unter keinen Umständen wollte ich, dass er wegen dieser kleinen Sache hinter Gittern landet und ausgerechnet da ich jetzt schwanger war, sollte er mal ein bisschen aufpassen. Aber bevor ich ihm irgendetwas von der Schwangerschaft erzählte, würde ich einer Frauenärztin einen Besuch abstatten.
„Das Auto ist sogar noch besser, als das, was ich in Amerika habe“, hielt er mir vor, wie ach so toll Autos wären. Autofanatiker.
Auf der Hauptstraße gab er besonders viel Gas.
„Kannst du vielleicht langsamer fahren?“, zischte ich ihn wütend an. Die Landschaft verschwamm vor meinen Augen und ein leichtes Brechreizgefühl machte sich bemerkbar. „Oh, mein Gott. Du musst anhalten!“
„Wieso das?“, fragte er verwirrt und blickte mich kurz von der Seite an.
„Mach einfach!“, forderte ich und hielt mir eine Hand vor dem Mund. Mit quietschenden Reifen hielt er am Straßenrand. Schnell öffnete ich die Tür und rannte ins Gebüsch, dort übergab ich mich.
Als ich aufgehört habe, wischte ich mir angewidert meinen Mund mit einem Taschentuch sauber. Jetzt lag dieser eklige Geschmack auf meiner Zunge.
Sebastien hatte die ganze Zeit über grübelnd an seinem geklauten Wagen gelehnt.
„Das ist nicht mehr normal“, stellte er fest.
„Wie kommst du denn da jetzt drauf?“, fragte ich ihn gespielt unwissend. Ich wollte mir nur ein bisschen Zeit lassen, bevor ich es ihm sagte. Schließlich musste ich mich auch an den Gedanken gewöhnen mit Achtzehn schwanger zu sein. Natürlich hatte ich es mir nicht ausgesucht. Und ich konnte mir auch gut vorstellen, wie er reagieren würde. Männer! Vor seiner Reaktion hatte ich Angst.
„Du bist eine schlechte Lügnerin und ich weiß, dass du irgendetwas vor mir in deinem Kopf verschließt“, schlussfolgerte er weiter. „Diese auffälligen Anzeichen: Übelkeit, Heißunger, Stimmungsschwankungen und viele mehr.“
„Auf was willst du hinaus?“
„Es gibt nur eine Möglichkeit: Du bist schwanger.“
Ich schluckte.
„Außerdem verändert sich dein Geruch ein wenig“, fügte er angewidert hinzu und rümpfte die Nase.
„Danke.“
„Ich habe Recht“, stellte er eher fest, anstatt das es sich nach einer Frage anhörte.
„Sebastien…“
„Du bist von mir schwanger“, sprach er geistesabwesend vor sich hin. Seine Augen glitten nachdenklich zu Boden. „Unmöglich!“
Dieses ‚Unmöglich‘ flüsterte er nur, aber ich hörte es und es verletzte mich zu tiefst. Ich hatte geahnt, dass er so reagieren würde. Tränen stiegen mir in die Augen. Schniefend lief ich an ihm vorbei, wurde jedoch von ihm aufgehalten. Sein eiserner Griff umfasste mein Handgelenk und hielt mich zurück.
Mit einem Tränenschleier blickte ich ihm traurig ins Gesicht, bevor ich meinen Blick abwandte.
„Ich kann verstehen, wenn du willst, dass ich unser Kind…abtreiben lassen soll“, krächzte ich.
Verwirrt sah er mich an und schüttelte den Kopf.
„Wovon sprichst du?“, fragte er mich fassungslos.
Ungläubig blickte ich ihm wieder ins Gesicht.
„Ich gehe davon aus, dass du das Kind nicht willst!“
„Was?! Da irrst du dich, Mia!“, schrie er mich an und schüttelte mich kurz durch.
„Hör bitte auf. Mir wird schlecht dabei“, jammerte ich und hielt mir die Hand vor dem Mund.
„Oh, Sorry“, entschuldigte er sich und ließ mich sofort los.
Kurz nickte ich und wartete einen Moment ab, ob die Übelkeit verschwand oder nicht. Wenige Sekunden später verging mein Brechreizgefühl und auf meiner Zunge lag immer noch der eklige Geschmack von meinem Übergebenen.
Ich konnte es echt nicht fassen, dass Sebastien wirklich so dachte. Er verwirrte mich. Ganz ehrlich, ich hatte mir vorgestellt, dass er anders reagieren würde.
Freudig umarmte er mich und drückte mir einen glücklichen Kuss auf meinen Mund.
„Du freust dich ja“, stellte ich verwirrt fest.
„Sag mal, hast du dir irgendwo den Kopf angeschlagen? Du redest einen totalen Schwachsinn“, lachte er und strich mir ein paar Strähnen aus meinem Gesicht, die durch den Wind aufgewirbelt wurden.
Amüsiert begleitete er mich wieder zu seinem geklauten Auto und half mir einzusteigen. Okay, ich hatte nicht mal einen runden Bauch und ich fühlte mich pudel wohl momentan, das bedeutete aber nicht, dass er mich rund um die 24 Stunden bemuttern musste.
Nachdem ich ihn gelassen hatte, dass er mich anschnallte, stieg auch er letztendlich auf den Fahrersitz ein und startete den Motor. Für seinen neuen Fahrstil könnte ich ihn loben, tat ich aber nicht.
Die ganze Fahrt über freute er sich, dass er Vater wurde. Für ihn war das natürlich toll, schließlich lebte er schon 250 Jahre und hatte nicht mehr damit gerechnet seine Gefährtin zu finden, die auch noch von ihm schwanger wurde. Dazu musste ich noch hinzufügen, dass er aussah, wie ein Fünfundzwanzigjähriger und ich war eine Achtzehnjährige, die erst seit Achtzehnjahren lebte. Im Gegensatz zu ihm besaß ich keine Lebenserfahrung, sondern hatte sie noch vor mir.
Natürlich, war es auch ein unbeschreibliches Gefühl ausgerechnet von seiner Liebe seines Lebens schwanger zu werden, aber für mich war es eindeutig noch zu früh. Die Schule hatte ich ja auch noch nicht mal beendet und jetzt konnte ich sie schmeißen. Außerdem wurde ich aus meiner Familie geschmissen. Ich hatte keine Mutter, die mir helfen und zeigen könnte, was ich zu tun hatte. Das war ein Desaster!
Seufzend lehnte ich mich zurück. Ich wusste nicht, ob ich mich für das Baby oder gegen das Baby entscheiden sollte.


Kapitel 13


Sebastien wusste nichts von meiner Unentschlossenheit. Ich verbarg es vor ihm in meinem Gedanken. Aber er vernachlässigte meine Gedanken zu lesen, da er nur noch mit einem Thema beschäftigt war. Unser Baby.
Meine Unentschlossenheit bestand darin, dass ich einfach noch zu jung für ein Kind war. Schließlich war ich auch gerade erst Achtzehn geworden. Und in manchen Augen eines Erwachsenen war man noch ein Kind. Vielleicht lag es auch daran, dass ich Angst hatte, was die Zukunft brachte.
Vor allem konnte ich mich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen schwanger zu sein. Zwar war es heutzutage schon normal so früh schwanger zu werden, aber ich selber wollte es noch nicht, doch in meinem Bauch wuchs ein Kind. Früher war ich immer geschockt gewesen, wenn ich von anderen gehört habe, dass eine Fünfzehnjährige schwanger sei, oder sogar noch jünger! Und jetzt gehörte ich fast zu ihnen. Aber wenn ich mich für unser Baby entscheiden sollte, dann musste es ein Mädchen werden.
Auf der Fahrt bat ich Sebastien von seinem Glück noch nichts preiszugeben, da ich erst einmal zur Frauenärztin gehen musste. Und ich spielte wirklich mit dem Gedanken, es abtreiben zu lassen. Nur, durfte er davon nichts erfahren. Sebastien würde ausflippen, wenn er es wüsste.
Um einen seelischen Beistand zu bekommen, zog ich Teresa ins Vertrauen. Sie schaffte es irgendwie die Jungs und ihren Mann aus dem Haus zu schaffen, indem sie ihnen auftrug etwas aus dem Supermarkt zu holen. Wie erwartet, weigerte sich Sebastien mich überhaupt für eine halbe Stunde alleine zulassen, doch zum Glück überredete Teresa ihn.
Fünf Minuten waren schon vergangen seit dem die Drei gefahren waren. Eine unschöne Leere erfüllte mich auf einmal. Sebastiens Nähe nicht zu spüren, war unerträglich.
Teresa lächelte mich freundlich an und stellte mir einen heißen Pfefferminztee vor mir auf den Tisch.
„Anscheinend verspürst auch diese Leere, wenn dein Gefährte nicht mehr anwesend ist“, stellte sie fest und blickte mir eindringlich in die Augen. „Man sieht es dir an deiner Nasenspitze an.“
„Bei dir auch?“, fragte ich zögernd.
Meine Gastmutter nickte kräftig. „Aber wir wollten jetzt über etwas anderes sprechen.“
„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll“, seufzte ich und wärmte meine kalten Finger an der heißen Teetasse. Sebastien habe ich aus meinem Kopf verbannt, damit er dieses Gespräch nicht mitbekam und sich nicht einmischte.
„Was sagt dir denn dein Herz?“
„Mein Herz: Ja und mein Verstand: Nein“, antwortete ich mit zittriger Stimme.
„Wieso lehnst du dich so gegen die Schwangerschaft auf?“
„Ich bin selbst noch ein Kind und ich finde es einfach zu früh. Natürlich habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, das Kind einfach abtreiben zu lassen, aber ich weiß nicht, ob ich es über mein Herz bringen kann.“
„Tu das, was du für Richtig hältst.“
„Und was ist das Richtige?“, fragte ich verzweifelt und blickte in ihre Augen, die Traurigkeit wiederspiegelten.
„Dein Herz wird dir den Weg weisen“, sprach sie in rätselhaften Weissagungen.
„Du meinst, ich sollte mich für das Kind entscheiden?“
„Natürlich. Später wirst du es wahrscheinlich bereuen, es abgetrieben zu haben und ich würde dir auf jeden Fall raten das Kind auszutragen, da ich selbst nie schwanger werden konnte. Deshalb haben wir Fernando zu uns geholt.“
„Sebastien ist überglücklich Vater zu werden“, erzählte ich ihr und trank einen Schluck von dem heißen Tee. Prompt verbrannte ich mir auch sofort die Zunge.
„Dann mach ihn nicht unglücklich“, riet sie mir und drückte mir mitfühlend meine Hand.
Ich war immer noch unschlüssig. Das Gespräch hatte mir ja sehr viel geholfen.

Am Abend bemerkte Sebastien meine Trübseligkeit.
„Es ist nichts“, beteuerte ich und legte mich frisch geduscht ins Bett.
„Aber irgendetwas scheint nicht mit dir zu stimmen“, sagte er besorgt und legte sich zu mir.
„Es ist alles in Ordnung“, antwortete ich mit einem gezwungenen Lächeln. Misstrauisch hob er eine Augenbraue in die Höhe und bedachte mich wieder mit seinem prüfenden Blick. Nachdenklich streichelte er mir meine Wange.
„Ist es wegen unserem Baby?“, hakte er weiter nach und blickte mir tief in die Augen. Oh, nein. Auf keinen Fall durfte ich in seine schokobraunen Augen sehen, doch es war zu spät. Ich öffnete meinen Mund und erzählte ihm die Wahrheit über meine Gedanken. Jedes einzelne Wort, das meinen Mund verließ, verzerrte seinen liebevollen Ausdruck zu wütend. Ich schluckte, als ich endete und schlug mir gedanklich gegen die Stirn. Aber es war auch seine Schuld. Schließlich hatte er mich mit einer Hypnose gezwungen ihm die Wahrheit zu sagen. Er stieß mich von sich und stand wütend auf.
Verzweifelt folgte ich jedem seiner Schritte, da er wie ein jagender Tiger im Zimmer auf und ab lief.
„Sebastien…!“, rief ich traurig, doch er schüttelte nur seinen Kopf und ließ mich nicht ausreden. Ich drang einfach nicht zu ihm durch. Meine harten Worte taten mir Leid und ich bekam Schuldgefühle. Am liebsten würde ich alles rückgängig machen!
Schnell wühlte ich die Bettdecke zur Seite und stieg unbeholfen aus dem Bett.
Sebastien war eine tickende Zeitbombe. Jeden Moment könnte er ausrasten, daher musste ich vorsichtig sein, was ich als nächstes tat. Er stand mit dem Rücken zu mir und ich erkannte seine angespannten Muskeln auf seinem Rücken.
„Sebastien“, flüsterte ich seinen Namen und machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Aber er reagierte nicht. „Es tut mir Leid.“
Immer noch kam keine Reaktion von ihm. Er ballte nur seine Hände zu Fäusten. Und plötzlich, ohne dass ich mit der Wimper zucken konnte, so schnell ging das alles, haute er seine Faust in die Wand. Erschrocken kreischte ich auf, wich vor ihm zurück, stolperte über meine eigenen Füße und landete auf meinem Hintern. Ich hatte ihn noch nie so aufgelöst gesehen und er jagte mir eine Heiden Angst ein. Als hätte er meine Gedanken gelesen, drehte er sich um und versuchte mich freundlicher anzusehen, was ihm relativ misslang.
Neben ihm in der Wand befand sich ein faustgroßes Loch. Der Putz bröselte an der Tapete runter und sammelte sich auf dem Boden zu einem kleinen Haufen.
Mit einer leichten Bewegung lief er langsam zu mir und hockte sich vor mir hin. Mit schreckgeweiteten Augen blinzelte ich ihn an und unterdrückte die Tränen. Noch nie hatte ich vor ihm eine so große Angst verspürt.
„Tut mir Leid“, entschuldigte er sich und hauchte mir einen feuchten Kuss auf meine Stirn. „Ich brauche ein paar Tage Abstand.“
Seine Worte ließen mich geschockte zu ihm aufblicken und automatisch schüttelte ich meinen Kopf.
„Lass mich nicht allein“, flüsterte ich stockend mit einigen heftigen Schluchzern.
„In vier Tagen bin ich wieder zurück und habe mich abreagiert! Es ist für dich momentan zu gefährlich überhaupt in meiner Nähe zu sein. Ich will dich oder unserem Baby nicht weh tun“, erklärte er mir, küsste mich noch schnell auf meine Lippen, ehe er sich aus dem Staub machte und mich alleine zurück ließ.
Aufgewühlt stand ich mit zittrigen Beinen auf und wollte ihm folgen. Gehetzt rannte ich die Treppenstufen runter und wurde prompt von Fernando aufgehalten. Ich wollte mich an ihm vorbei schlängeln, aber er ließ es nicht zu, sondern packte mich an meinen Armen und zog mich wieder zurück in mein Zimmer.
Unter heftigen Protesten schlug ich ihm einige Male auf seine Brust, er ließ es geschehen, ohne mich davon abzuhalten und wiegte mich sanft in seinen Armen, als wir auf meinem Bett im Gästezimmer lagen. Ich krallte mich an seinem Hemd fest und versteckte mein verheultes Gesicht in dem Stoff.
Besänftigend strich er mir über mein Haar und flüsterte mir beruhigende Worte in mein Ohr. Sebastien musste ihm gebeten haben, auf mich aufzupassen.
„Wieso ist er gegangen?“, schluchzte ich.
„Du solltest wirklich keinen Vampir reizen. Er wird sich bestimmt jetzt irgendwo abreagieren, wo er dir nicht weh tun kann. Wenn Vampire wütend sind, können sie sich kaum zurückhalten, aber du kannst von Glück reden, dass sich mein Bruder unter Kontrolle gehabt hatte. Eine Minute länger und du wärst verletzt“, erklärte er mir sanft. Ich wusste so vieles noch nicht. Hätte ich gewusst, wie er über meine Gedanken reagieren würde, hätte ich es ihm nie gesagt. Aber wenn ich in seine Augen blickte, dann musste ich ihm immer automatisch die Wahrheit sagen.

Die vier Tage vergingen schleppend. Ohne Sebastien war mein Leben sinnlos. Es tat so verdammt weh, ihn nicht in meiner Nähe zu wissen. Teresa, Francesco und Fernando gaben sich besonders Mühe mich abzulenken. Aber in der Schule schafften sie es nicht, denn dort war ich meinen Gedanken ausgeliefert. Ich hoffte, dass er sich nicht in Schwierigkeiten brachte. Ich hoffte, dass er sich nicht wegen mir verletzte. Diese kleinen funken Hoffnungen gaben mir den Rest und machten mich nur noch trauriger. Wenn ihm irgendetwas geschah, musste ich es doch durch dieses unsichtbare Band, was uns miteinander verband, spüren. Aber leider konnte ich nicht mal herausfinden, wo er sich zurzeit aufhielt, da er seine Gedanken vor mir verschlossen hatte.
In diesen vier Tagen habe ich eine Frauenärztin hier in Spanien besucht. Teresa hatte mich begleitet, da ich nicht ganz alleine dort hingehen wollte. Die Gynäkologin wiederholte den Schwangerschaftstest, um ganz sicher zu gehen, ob ich auch wirklich schwanger sei.
Und schon spürte ich das kalte Gel auf meinem Bauch. Die Doktorin hielt ihren Blick auf dem Monitor des Ultraschalls stand und erzählte mir, dass dort das kleine ballartige Gebilde mein Kind sei.
Einerseits faszinierte es mich, dass das kleine Ding in meinem Bauch heranwuchs und anderseits erschreckte es mich auch. An den Gedanken hatte ich mich immer noch nicht gewöhnt und die Ärztin schien es zu bemerken.
„Freuen Sie sich gar nicht?“, fragte sie mich.
„Na ja“, stotterte ich. „Ein bisschen.“ Ich konzentrierte mich darauf, mir das Gel von meinem Bauch abzuwischen, damit ich ihr nicht in die Augen sehen musste.
„Ich kann sie verstehen. Sie sind jung und so früh ein Kind zu bekommen, ist eine neue Erfahrung“, antwortete diese besänftigend und ging zurück zu ihrem Schreibtisch.
Als wäre das Alles nicht schon schrecklich genug, fing die Ärztin auch noch damit an ein Sortiment von Untersuchungen aufzuzählen, die in den nächsten Monaten auf mich zukommen würden. Urin- und Blutkontrollen, Krebsvorsorge, Ultraschall und Fruchtwasseruntersuchung. Anschließend stellte mir die Arzthelferin einen Mutterpass aus. Neun Monate lang sollten darin fein säuberlich jede Untersuchung und jedes Risiko dokumentiert werden. Damit war die Schwangerschaft aktenkundig.
In diesem Moment, als ich das Alles hörte, dachte ich, ich würde den Halt unter meinen Füßen verlieren. Schwanger zu sein, war eine Last. Ich hatte es mir irgendwie einfacher vorgestellt, außer bei der Geburt. Dann war noch das Problem mit Sebastien. Er meldete sich nicht bei mir. Ich wusste nicht, ob er verletzt war, denn es schien, als würde er sich von mir abkapseln.
Mitfühlend drückte Teresa meine Hand.
Die Frauenärztin zählte mir das Gröbste auf, was ich essen durfte und was schädlich für das Baby wäre.
Nachdem wir die Praxis verlassen hatten, sank ich erschöpft auf den Beifahrersitz. Draußen schneite es wie verrückt.
Teresa fuhr ihren Wagen galant aus der Parklücke und manövrierte das Auto perfekt auf die verschneite Straße.
„Man kann kaum noch etwas sehen“, beschwerte sie sich und stellte den Scheibenwischer an. Sie musste sogar die Augen zusammenkneifen, um draußen etwas zu erkennen. Wütend stellte sie das Radio an, um ein paar wichtige Durchsagen zu hören.
Aus dem Radio hörte ich eine weibliche Stimme, die sehr schnell Spanisch sprach, sodass ich kein einziges Wort verstand.
„Was hat sie gesagt?“, fragte ich neugierig und ließ meinen Blick nach draußen wandern. Die Autos fuhren nur stockend weiter, da der Schnee immer stärker wurde.
„Schneesturm“, antwortete sie gepresst und guckte hektisch hin und her.
Oh.
„Und jetzt?“
„Wir sollten uns beeilen, um nach Hause zukommen“, antwortete sie und drückte leicht auf das Gaspedal. „Aber so schlimm sei es noch gar nicht, meinte die Frau.“
Teresa versuchte mich nur zu beruhigen, damit ich nicht in Panik ausbrach. Ich hasste generell jede Art von Sturm.
Um mich ein wenig zu beruhigen, kramte ich meinen Ipod aus meiner Handtasche, stellte die Musik an und schloss meine Augen.
Sebastien meinte, er würde in vier Tagen wieder kommen und heute war der vierte Tag. Seufzend lehnte ich meinen Kopf gegen die kühle Fensterscheibe.
Meinen Bruder Josh wollte ich heute Abend anrufen, um ihm mitzuteilen, dass er Onkel wurde.
Auf seine Reaktion hatte ich viel mehr Angst, als die von Sebastien. Schließlich hatte Josh noch eine kleine Abneigung gegen ihn.

Nach einer dreiviertelstündigen Fahrt kamen wir doch noch zu Hause an. Teresa hatte ihre ganze ungeduldige Wut an dem Lenkrad ihres Wagens ausgelassen, da der Verkehr durch den Schnee lahm gelegt war. Draußen schneite es wirklich wie verrückt. Man konnte kaum noch die Nachbarshäuser sehen.
„Yes, Baby!“, schrie Fernando durch das ganze Haus und kam die Treppe runter gerannt. Verwirrt zog ich eine Augenbraue in die Höhe. Was war denn in den gefahren? Drehte er jetzt auch vollkommen am Rad?
Fernando musste wohl meinen verwirrten Gesichtsausdruck gesehen haben und kam lachend auf mich zu.
„Ich liebe den Schnee!“, verkündete er, umarmte mich, hob mich dabei hoch und wirbelte mich durch die Luft.
„Fernando, mir wird schlecht“, presste ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
„Oh“, gab er nur von sich, setzte mich aber zu seinem Glück ab. Wenn ich mich übergeben hätte, wäre es ganz sicherlich auf ihn gelandet.
„Also, wieso bist du so hyperaktiv?“, fragte ich lachend und ging in die Küche.
„Na, durch den Schnee fällt jetzt eine ganze Woche die Schule aus“, sagte er so, als würde er mit einer Geistesgestörten sprechen.
„Cool“, antwortete ich gelangweilt und bereitete mir einen heißen Pfefferminztee zu.
„Wie war’s denn beim Frauenarzt?“, fragte er neugierig und lehnte sich lässig gegen den Küchentresen.
„Frauenärztin“, korrigierte ich ihn und füllte das gekochte Wasser in ein Glas. „Gut. Möchtest du das Ultraschallbild sehen?“
„Klar, ich muss doch wissen, wie mein Neffe aussieht.“
„Es wird ein Mädchen, kapiert?“, zischte ich ihn an, tunkte in mein Glas einen Teebeutel und machte mich auf den Weg zu meiner Handtasche, um das Ultraschallbild herauszuholen.
„Es wird ein Junge“, antwortete er, als wäre es selbstverständlich, dass es ein Junge würde.
„Wir werden es ja sehen“, giftete ich zurück und gab ihm das Bild.
Einige Sekunden vergingen und sein Gesichtsausdruck wurde immer ratloser.
„Was ist?“, fragte ich verwirrt.
„Man kann gar nichts erkennen“, gab er zu und hielt mir das Bild unter die Nase.
Theatralisch verdrehte ich die Augen und zeigte auf das ballartige Gebilde.
„Ich bin in der dritten Woche schwanger, deswegen kann man noch nicht viel erkennen“, antwortete ich, als wäre es selbstverständlich. Aber Männer hatten ja eh keine Ahnung!
Seufzend nahm ich die Teetasse und setzte mich zu Francesco und Teresa ins Wohnzimmer.
„Wir sind vom Schnee in unseren Häusern eingeschlossen“, informierte mich Francesco gleichgültig und las dabei weiter seine Tageszeitung.
Geschockt blickte ich die beiden an. Was sollte denn aus Sebastien werden? Dann konnte er ja heute gar nicht wieder hierher kommen!
Verzweifelt trank ich vorsichtig meinen Tee, um mir nicht wieder die Zunge zu verbrennen.
„Wie war es beim Frauenarzt?“, versuchte er ein Gespräch aufzubauen, was ihm eigentlich nicht wirklich gelang, wenn er weiterhin seine Zeitung las und mir noch nicht mal beim Reden in die Augen schaute.
„Gut“, antwortete ich knapp. Auf einen Smalltalk hatte ich echt keine Lust und Teresa schien es zu verstehen, denn sie rammte Francesco ganz leicht ihren Ellenbogen in seine Rippen, sodass er aufschauen musste und genervt die Zeitung beiseite legte.
„Hast du auch ein Ultraschallbild?“, hakte er weiter nach, aber dieses Mal klang es nicht gleichgültig, sondern eher interessiert.
„Ja, aber Fernando hat es gerade.“
Wie auf Kommando kam Fernando ins Wohnzimmer gestürzt, gab das Ultraschallbild an seinen Pflegevater weiter und ließ sich in den zweiten Sessel plumpsen.
„Da kann man doch gar nichts erkennen“, stellte Francesco fest und kräuselte die Stirn.
Teresa lachte und zeigte ihm die Stelle auf dem Bild.
Ein „Aha“ musste jetzt durch sein Kopf gegangen sein, denn so sah er auch gerade aus.
„Es wird ein Junge“, prophezeite mein Gastvater freudig und ich verzog unglücklich meine Miene.
„Wieso meinen alle, es wird ein Junge?“, empörte ich mich. „Es wird ein Mädchen!“
Im Augenwinkel sah ich eine hektische Bewegung und drehte mich zu Fernando, der gerade seinen Kopf heftig schüttelte und ein „Sag nichts, sie killt dich“ mit dem Mund formte.
Als er bemerkte, dass ich ihn falsch anlächelte, hörte er in seiner Bewegung auf und starrte stur an mir vorbei.
„Gut, dass der Kühlschrank rappelvoll ist“, seufzte Teresa und schmiegte sich an ihren Mann. Geschickt wechselte sie das Thema.
Der Kühlschrank bestand zur Hälfte aus Blutkonserven und menschlichem Essen, da Teresa und ich nur Halbvampire waren, brauchten wir zusätzlich auch menschliche Nahrung.
Aber die Blutkonserven gehörten eigentlich alle nur Fernando, da Francesco das Blut von Teresa bekam.
Bei ihnen fühlte ich mich geborgen und sicher. Die beiden waren wie eine neue Familie für mich, die mich so nahm, wie ich war und wen ich liebte. Es zerbrach mir beinahe mein Herz zu wissen, nie wieder Kontakt mit der eigenen Familie aufnehmen zu können. Teresa und Francesco haben eines Abends mir versprochen, dass ich immer zu ihnen kommen durfte, wenn ich Probleme hätte. Meine Gastmutter half mir ja jetzt schon so gut es ging, da ich schwanger war. Aber wenn die sechs Monate um waren, dann musste ich wieder nach Amerika und mich meinem Glück stellen. Es wäre schöner zu wissen, wenn die eigene Mutter hinter einem stände bei so einer Situation. Ich konnte eigentlich davon ausgehen, dass sie es auch so nicht tat, schließlich hatte ich kein so enges Verhältnis zu ihr, wie mit meinem Dad. Zumindest hielt Josh zu mir. Ohne ihn und Sebastien würde ich das Ganze überhaupt nicht überstehen. Sie waren die wichtigsten Personen in meinem Leben.
„Ich bin total müde. Ich werde schlafen gehen. Gute Nacht“, wünschte ich ihnen und auf dem Weg zu meinem Zimmer gähnte ich herzhaft. Bevor ich aber schlafen gehen würde, brauchte ich noch dringend eine Dusche.
In dem Schrank suchte ich mir eine Jogginghose, einen Pulli und frische Unterwäsche.
Als ich alles beisammen hatte, lief ich ins Bad, zog meine dreckigen Sachen aus und stellte mich unter den angenehmen Strahl. Das Wasser prasselte wohltuend auf meine Haut.
Nach einer Viertelstunde stieg ich aus der Dusche, schlang mir ein Handtuch um den Körper, föhnte mir die Haare trocken, zog mir meine frischen Sachen an und ging zurück in mein Zimmer.
Als ich die Tür öffnete, blieb ich überrascht auf der Türschwelle stehen und blickte geradewegs auf den Rücken von Sebastien. Er war wieder da? Für wie lange? Hatte er sich genug abreagiert? Er schien noch muskulöser, als vorher zu sein? Sebastien musste meine zu vielen Gedankengänge gehört haben, denn er drehte sich um und lächelte mich liebevoll an. Hinter mir schloss ich die Tür und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Auch mal wieder da?“, fragte ich ihn schnippisch und wich dem Augenkontakt aus.
Ohne mir zu antworten, machte er einige große Schritte auf mich zu und wollte mich in den Arm nehmen, doch ich verwehrte es ihm, indem ich mich umdrehte und den Raum durchquerte.
„Hey“, rief er wütend und war schneller bei mir, als das ich mit der Wimper zucken konnte und wurde an die Wand gedrückt.
„Es tut mir Leid, okay? Ich konnte nur nicht mit deiner Unentschlossenheit umgehen und war wütend. Habe ich dir nicht schon mal gesagt, dass du keinen Vampir reizen sollst? Es wird dann absolut gefährlich in meiner Nähe. Ich konnte mich gerade noch so kontrollieren!“
Ich antwortete ihm nicht, sondern drehte mein Gesicht von ihm weg und blickte den Schrank stur an. Wenn ich jetzt wieder in seine Augen sah, war es sowieso gleich um mich geschehen.
Warme Finger schlangen sich um mein Kinn und übten einen leichten Druck aus, sodass ich gezwungen war, ihm ins Gesicht zu sehen.
Meinen Blick hielt ich trotzdem noch gesenkt. Es verärgerte ihn nicht und irgendwie waren wir uns gerade körperlich viel zu nah. Sein heißer Atem streifte meine vom Duschen aufgewärmte Haut.
Seufzend legte er seine Stirn an meine und sah mir intensiv in die Augen. Ich konnte es mal wieder nicht verhindern, nicht in seine schokoladenfarbigen, braunen Augen zu sehen. Sie schlugen mich einfach zu oft in seinen Bann. In diesem Moment dachte ich an Nichts. Mein Blick lag jetzt mittlerweile auf seine sinnlichen Lippen. Er schien zu zögern, ob er mich küssen sollte, oder nicht. In dem Moment, als er sich langsam zu mir runter beugte, klingelte mein Handy.
Unentschlossen schlüpfte ich unter seinen Arm hindurch und nahm das Telefonat an.
„Hey, Mia“, begrüßte mich Josh.
„Hey, gut das du anrufst. Ich wollt dir etwas Wichtiges sagen, aber Josh, bitte, flipp nicht aus!“, flehte ich und ließ mich auf mein Bett fallen. „Und sag es unter keinen Umständen weiter, was ich dir jetzt erzähle!“
„Okay“, bestätigte er gelangweilt. „So wichtig wird’s bestimmt nicht sein.“
„Josh“, seufzte ich und holte tief Luft. „Ich bin schwanger.“
Stille. Unheimliche Stille. Niemand sagte etwas. Selbst Sebastien hielt den Atem an.
„Josh?“, fragte ich vorsichtig in die Stille hinein. Er machte mir Angst, wenn er jetzt nicht irgendetwas darauf antwortete. „Bist du noch da?“
„Scheiße, Mia!“, stieß er nur atemlos hervor. „Ausgerechnet von ihm und du bist noch so jung!“
„Hey, ich mache mir schon selber Vorwürfe, deswegen brauchst du mir auch keine machen!“, schimpfte ich beleidigt über seine Reaktion.
„Und wie soll es weiter gehen? Willst du das…Kind etwa behalten?“
„Ich denke schon“, antwortete ich knapp und abweisend.
„Du wirst in der Gesellschaft der Vampire geächtet. Erstens: Du hast dich auf den Verräter eingelassen. Zweitens: Du versuchst ihn zu beschützen. Drittens: Du bekommst ein Kind von ihm! So hast du keine Chancen mehr, dass dir unsere Familie vergibt!“
„Hatten sie es vor?“
„Ja“, flüsterte er. „Aber wenn sie hören, dass du schwanger von ihm bist, dann…“
„…dann gehöre ich ab sofort nicht mehr zu Familie“, beendete ich seinen Satz und schluckte hart. Den Kloß in meinem Hals konnte ich kaum hinunter schlucken. Aus der Familie geworfen zu werden, war unschön, wie ich feststellte.
„Mia? Wie entscheidest du dich?“, forderte mich mein Bruder auf und stellte mich so unter Druck.
„Ich weiß jetzt gar nichts mehr, was ich tun soll“, antwortete ich ehrlich verzweifelt.
„Wie deine Entscheidung auch ausfällt, ich werde hinter dir stehen und dich unterstützen.“
„Danke.“
„Ach, Kleines. Wir kriegen das schon wieder hin“, versuchte er mich aufzubauen. „Süße, ich rufe dich morgen wieder an. Ciao.“
„Ciao“, verabschiedete ich mich von ihm und legte mein Handy zurück auf den Nachtisch.
Erschöpft schloss ich die Augen und hatte vollkommen vergessen, dass Sebastien sich auch noch in diesem Raum befand.
Lustlos setzte ich mich auf und blickte ihn erwartungsvoll an.
„Wir sollte wirklich miteinander reden“, schlug Sebastien vor, als wäre es das erste Mal, dass er etwas Kluges vorschlug. Denn so kannte ich ihn ja noch gar nicht. Was hatte er in den letzten vier Tagen gemacht, dass er so verantwortungsbewusst war?
„Nichts, ich habe immer nur an Dich gedacht“, rechtfertigte er sich. „Wieso bist du eigentlich sauer auf mich?“
„Weil du abgehauen bist“, schrie ich ihn an und unterdrückte die Tränen.
„Das habe ich dir doch schon erklärt!“
Seufzend atmete ich tief durch. „Lass uns das einfach vergessen, okay?“
„Ja, aber willst du immer noch das Kind abtreiben?“
„Nein“, antwortete ich knapp. „ Ich glaube, ich könnte es nicht über mein Herz bringen.“
„Ach, Süße“, seufzte er und nahm mich in den Arm.
„Ich glaube, dass sind die Hormone. Es tut mir Leid.“


Kapitel 14


Ich war froh, dass ich mich wieder mit Sebastien versöhnt habe. Und ich war auch froh, dass er heute Nacht bei mir war, denn einerseits war es ziemlich kalt und wie gesagt, ich hasste jede Art von Sturm.
Ich bettete meinen Kopf auf seine warme, nackte Brust und irgendwann fiel mir auch ein, dass er schon lange kein Blut von mir zu sich genommen hatte.
„Hast du Hunger?“, fragte ich in die Stille hinein und versuchte ihn anzugucken. Von seinem Anblick konnte ich nie genug bekommen!
Auch wenn es dunkel war, konnte ich mir gut vorstellen, dass er mich gerade frech angrinste, da wir gegenseitig unsere Gedanken lesen konnten. Seine zu lesen, ließen mich vor Scham rot anlaufen.
„Hm, immer“, knurrte er und drückte mich plötzlich auf die Matratze.
Kichernd lag ich unter ihm und spürte wenige Sekunden später seine Lippen auf meiner dünnen Haut am Hals. Seine spitzen Zähne schabten über meine Haut und dann schlug er sie in meinen Hals.
Ich verspürte keinen einzigen Schmerz, aber jedes Mal, wenn er von mir trank, durfte er nicht zu viel von meinem Blut nehmen, wegen des Kindes. Deshalb musste ich auch von seinem Blut trinken, damit es mich kräftigt, laut Sebastien.

Am nächsten Morgen sah man nur noch Schnee, als ich aus dem Fenster sah. Meterhoch. Wir waren also eingeschlossen. Wenn das meine Brüder sehen würden, die würden glatt auf die Idee kommen aus dem zweiten Stock zu springen, da der weiche Schnee einen abfing. Trotzdem würden sie sich nicht verletzten, da sie ja Vampire waren. Die Verletzungen heilten in wenigen Minuten.
Ich saß mit Teresa und Fernando am Frühstückstisch. Eigentlich brauchte Sebastiens Halbbruder gar nicht am Tisch zu sitzen, schließlich brauchte er ja eigentlich nichts zu essen, doch er schmierte sich ein Aufbackbrötchen mit Nutella. Und ich wollte erst gar nicht alles aufzählen, was ich heute Morgen schon gegessen habe. Das Schlimmste war ja noch, ich hatte immer noch Hunger, obwohl ich sonst nie so viel aß. Fernando blickte mir auch schon amüsiert beim Frühstücken zu. Aber irgendwann riss ich mich am Riemen, stellte mein benutztes Geschirr in die Spülmaschine und ging nach oben.
Sebastien lag tatsächlich noch im Bett und tat so als würde er schlafen. Schliefen Vampire eigentlich oder konnten sie es nicht? Wenn man so an die Vampirgeschichten dachte, kamen einem die Zweifel, ob er oder meine Familie in Särgen schliefen. Aber Zuhause habe ich nie einen Sarg gesehen, eigentlich immer nur Betten. Oder es war nur eine Tarnung und sie schlichen sich nachts in den Keller und verbrachten dort ihre Nacht. Nee, da stimmte die Logik nicht. Eigentlich müssten sie tagsüber in den Keller, um dort ihre Zeit zu vertreiben, bis die Sonne unterging und dann nachts durch die Gegend zu streifen. Allerdings liefen sie alle tagsüber durch die Gegend, obwohl die Sonne schien. Krass. Das war mir ja noch nie aufgefallen.
„Woran du schon wieder denkst am frühen Morgen“, nuschelte Sebastien verschlafen und kuschelte sich wieder in die Kissen.
„Dann ignoriere einfach meine Gedanken!“, empörte ich mich und betrachtete ihn einige Minuten. Wie er da so lag – süß!
„Ich bin nicht süß“, zischte er immer noch verschlafen.
Sebastien lag auf dem Bauch, nur mit einer Boxershort bekleidet, ihm schien die Kälte nichts auszumachen, aber leider mir. Ich fror mir hier den Arsch ab, obwohl die Heizung an war und trug schon warme Winterkleidung.
Ich legte meinen Kopf leicht schief und lächelte. Er sah wie ein Hund aus. Alles von sich gestreckt.
Und seine Rückenmuskulatur, fing ich an zu schwärmen.
„Komm her und hör auf zu schwärmen“,

knurrte er in meinen Gedanken. Zu faul, um es direkt auszusprechen. „Los, komm ins Bett, sonst werde ich noch über dich herfallen.“


Herfallen? Ja, ja. Kichernd blieb ich an der Tür gelehnt stehen. Sollte er doch zu mir kommen!
Er knurrte genervt und plötzlich stand er vor mir. Vor einer Sekunde lag er noch total fertig im Bett, jetzt stand er vor mir, packte mich an der Hüfte und warf mich förmlich auf die Matratze.
Ich kam immer noch nicht wirklich mit den Vampirfähigkeiten zurecht.
Leidenschaftlich küsste er mich. Seine Hände lagen besitzergreifend an meiner Hüfte. Um den Halt nicht zu verlieren, legte ich meine Hände an seinen Nacken und schlang meine Beine um seine Hüfte.
„Du bist so ein Biest“

, hörte ich seine Stimme in meinem Kopf hallen.
Doch plötzlich wurde die Tür aufgerissen und ein peinlich berührter Fernando stand in der Tür.
Ein kurzer Seitenblick zu ihm ließ mich schmunzeln. Sebastien knurrte irgendetwas auf Französisch, die Sprache der Liebe und der Schwulen! Anscheinend verstand Fernando, was er sagte, aber trotzdem blieb er da, wo er war.
„Schatz, er will mit dir reden“,

teilte er mir mit.
Verwirrt blickte ich von einem zum anderen.
„Was gibt’s?“, fragte ich neugierig und schob Sebastien von mir runter. Dieser plumpste zur Seite und durchbohrte seinen Halbbruder mit diesem süßen Killerblick.
„Wie oft noch? Nix an mir ist süß!“,

knurrte er wütend in meinen Gedanken, damit es Fernando nicht mitbekam, denn es war ja für Bastien anscheinend peinlich. Süß.
„Kannst du nicht eher an ‚heiß‘ denken?“,

empörte er sich.
Es war genau wie bei meinen Brüdern. Jungs durfte man nicht ‚süß‘ einstufen, oder verniedlichen. Ich brauchte unbedingt für Sebastien einen Kosenamen.
„Liebling, übertreib es nicht“,

drohte er. ‚Liebling‘, wie er das so sagte. Ich begann dahin zu schmelzen. Im Augenwinkel sah ich, wie er die Augen verdrehte und genervt stöhnte.
Aber jetzt erst einmal durfte ich mich nicht von ihm ablenken lassen, schließlich hatte ich die Antwort von Fernando verpasst, der uns schon argwöhnisch anblickte.
„Was hast du gesagt?“,

fragte ich mit einem unechten Lächeln, damit es nicht auffiel, dass ich ihm nicht zugehört hatte.
„Du hast ihm nicht zugehört“,

stellte Sebastien amüsiert fest.
„Blitzmerker! Du lenkst mich doch die ganze Zeit ab!“,

zischte ich in Gedanken.
„Versteh einer deine Logik. Jetzt hör zu, bevor du es wieder verpasst!“


„Dein Bruder ist da. Josh, oder so heißt er“, sagte Fernando gelangweilt und verließ das Zimmer.
Was?! Josh war da! Aber Wie? Hä?
Freudig hüpfte ich aus dem Bett und flog schon förmlich die Treppe hinunter, direkt in Josh‘ Arme.
„Josh!“, kreischte ich glücklich. „Wieso bist du hier? Aber der Schnee…?“
„Kleine, ich bin ein Vampir“, tadelte er mich und setzte mich wieder auf den Boden ab. „Für uns ist nichts unmöglich.“
Tolle Antwort. ‚Nichts ist unmöglich‘ erinnerte mich an den Werbespruch von Toyota.
„Süße, wie kommst du denn jetzt darauf?“,

hörte ich Sebastiens Stimme verwirrt.
„Keine Ahnung!“
„Das Baby stellt nichts Gutes mit dir an“,

beschwerte er sich. „Deine Logik und die Gedanken waren noch nie so… da gibt’s gar kein Wort für.“
„Ach, halt die Klappe!“


Einige Minuten vergingen, indem wir immer noch in dem Flur standen. Aber auf einmal veränderte sich die Atmosphäre. Angespannt knirschte Josh mit den Zähnen und blickte angriffsbereit an mir vorbei. Verwirrt kräuselte ich meine Stirn und drehte mich um. Sebastien! Er stand angezogen auf der ersten Treppenstufe und schenkte Josh auch einen etwas mörderischen Blick.
„Okay! Kriegt euch mal wieder ein“, versuchte ich die beiden zu beruhigen.
Sebastien schlang seine Arme um meine Taille und zog mich besitzergreifend an seine steinharte Brust. Störrische Vampire! Sie lieferten sich noch einige Blickduelle, die ich unterbrach, indem ich mich einfach von Sebastien losriss und in die Küche ging.
Beide folgten mir mit einem gewissen Abstand zueinander.
Sebastien lehnte sich lässig gegen den Kühlschrank, während Josh mich noch einmal umarmte.
„Also, was machst du hier?“, fragte ich freudig.
„Ich muss doch aufpassen, dass es meiner Lieblingsschwester gut geht!“ Als er das sagte, schenkte er Sebastien mal wieder einen weiteren Killerblick. „Ich habe mir über das Wochenende frei genommen, um etwas auf dich aufzupassen. Du brauchst dir auch keine Sorgen zu machen, Teresa war damit einverstanden. Ach, um es nicht zu vergessen, sie ist meine Patentante!“
Na, das konnte ja noch heiter werden. Mich wunderte es bloß, wie er hier überhaupt hergekommen ist, wegen des Schnees. Patentante? Ich wusste auch echt nichts über meine Familie. Schön, dies jetzt auch mal zu erfahren. Kopfschüttelnd setzte ich mich auf einen Stuhl.
„Ich traue dem Kerl nicht“,

teilte mir Sebastien misstrauisch mal wieder per Gedankenübertragung mit.
„Wolkenhäschen“,

kicherte ich warnend in meinen Gedanken und zur Antwort bekam ich nur ein Knurren.
„Aber das Problem ist, wo willst du schlafen? Außer der Couch gibt’s kein weiteres Gästezimmer“, sagte Sebastien triumphierend.
„Ach, ich kann doch auch einfach bei euch schlafen?“, entgegnete mein Bruder genauso triumphierend lächelnd, wie Sebastien, dem allerdings das Lächeln vergangen war und nur noch mit den Zähnen knirschte.
„Süße! Ich schlafe nicht mit deinem Bruder in einem Bett!“, knurrte er und fixierte Josh mit zusammen gekniffenen Augen. „Entweder er oder ich!“

Am Abend konnte ich sie gerade noch so eben abhalten, nicht aufeinander loszugehen. Da hatten Vampire etwas Gemeinsames mit den männlichen Menschen. Sie mussten sich immer prügeln. Eine sehr tolle Gemeinsamkeit. Das war Übrigends gerade pure Ironie.
Sebastien wollte, dass ich mich entscheide. Und das habe ich auch getan. Er schlief auf dem Sofa und Josh bei mir.
Wie hieß es doch noch so schön: ‚Reize keinen Vampir‘!
Fernando konnte seinen Bruder noch aufhalten, bevor er auf Josh ein Attentat begann.
Mein Bruder schien sich köstlich über diese Lage zu amüsieren. Aber ich hatte schon meine Bedenken. Wenn Teresa seine Patentante war, dann hatte meine Familie diese Familie extra ausgesucht für meine Spanisch-Reise, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Vielleicht haben sie Josh hierher geschickt, um einen Vertrauenswürdigen hier einzuschleusen, da Teresa und Francesco meiner Familie keinen Bericht mehr erstatten, um Sebastien oder mich umzubringen!
„Schatz, du hast aber lange gebraucht, um darauf zu kommen“,

hörte ich Sebastiens Stimme vorwurfsvoll in meinem Kopf.
„Oh, mein Gott. Denkst du wirklich, er hat das vor?“
„Klar, schmeiß ihn aus deinem Bett!“,

forderte er.
„Aber er ist mein Bruder!“
„Bruder hin oder her.“
„Lass uns erst einmal abwarten, okay?“


Auf diese Frage vernahm ich nur noch ein Knurren seinerseits.
Sebastien mochte es nicht, es regte ihn tierisch auf, dass ich gerade in diesem Moment in Josh‘ Armen lag und nicht in seinen. Und mein Bruder genoss es Sebastien damit aufzuziehen.
Ich konnte mir gut vorstellen, dass Sebastien nicht auf der Couch schlief, sondern vor meiner Zimmertür wachte, denn er ging wirklich davon aus, dass Josh ein Killer wäre.
Früher haben meine Brüder und ich immer beim DVD-Abend gekuschelt. Dann musste ich immer zwischen Alex und Josh liegen, zwischen den Muskelprotzen.
Ich vermisste meine zu chaotische Familie. Sie nicht mehr jeden Tag um mich herum zu haben, stimmte mich traurig.
Ich konnte mich noch gut an den Tag erinnern, als wir in einem sehr schicken Restaurant saßen und alles drunter und drüber ging. Josh und Alex haben eine Essensschlacht gemacht. Briana und Sienna haben sich um irgendetwas gestritten, wie immer. Die beiden konnten sich auf den Tod nicht ausstehen, weiß der Himmel warum. Sie stritten sich ehrlich gesagt um jede klitzekleine Sache. Es gab aber auch seltene Tage, an denen es zwischen ihnen friedlich gesinnt war.
Ich hielt mich aus den Dingen einfach raus, deswegen bekam ich meistens davon überhaupt nichts mit.
Aber wenn ich gerade an meine Geschwister dachte, vermisste ich sie höllisch, auch wenn ich lieber die Ruhe bevorzugte.
Josh strich mir beruhigend über meinen Arm. Er schien gedanklich abwesend zu sein.
„Hast du vor Sebastien oder mich umzubringen?“, flüsterte ich aufgeregt in die Stille.
Seufzend lehnte er sich zurück und starrte an die weiße Decke.
Einige Minuten vergingen und er antwortete mir immer noch nicht.
Gerade wollte ich meine Frage wiederholen, da öffnete er seinen Mund und schloss ihn wieder.
Sollte ich ihm noch einige Minuten geben, um sich gedanklich zu sammeln?
„Nein“,

kam es auch schon prompt von Sebastien.
„Der Lauscher an der Wand“,

entgegnete ich nur. „Ich weiß, dass du vor der Tür stehst.“
„Mia, ich will dich nur beschützen!“


„Weißt du, Schwesterherz, es ist schwer zu erklären“, fing Josh sachlich an.
„Also: ja“, stellte ich fest, anstatt das es sich nach einer Frage anhörte.
Zögernd nickte er. „Aber lass es mich dir erklären, okay?“
„Okay.“
„Sebastien hätte ich umgebracht, dich könnte ich nicht umbringen. Mom und Dad wollen nicht, dass dieses Kind in die Welt kommt.“
„Warum?“
„Sie wollen einerseits dich noch vor der Katastrophe retten. Ich müsste dich nur kurz die Treppe runter schubsen und schon hättest du dein Kind verloren, wärest aber immer noch am Leben. Dann müsste ich Sebastien killen und alles wäre wieder in Ordnung!“
Erschrocken wich ich vor ihm zurück. Das war jetzt nicht sein Ernst. Ich dachte, ich könnte ihm vertrauen. Und das was er bei unseren Telefongesprächen gesagt hatte, war gelogen?
„Manchmal tut die Wahrheit weh“

, kommentierte Sebastien.
„Nachdem Teresa sich nicht mehr meldete, schickten sie mich hierher“, fuhr er fort, ohne auf mein entsetztes Gesicht zu achten. „Mia, ich liebe dich immer noch wie eine Schwester. Und ich werde das Vorhaben unserer Familie nicht umsetzen!“
„Wie kann ich mir da nur so sicher sein, dass das keine weitere Lüge ist?“
„Du musst mir glauben und vertrauen!“
„Mein Vertrauen, das musst du dir erst wieder erlangen!“, zischte ich, stieg aus meinem Bett, öffnete die Tür und warf mich in Sebastiens Arme, der mich mitfühlend drückte.
Weinend vergrub ich mein Gesicht in sein Hemd und krallte meine Finger in dessen Stoff fest.
Meine eigene Familie hatte mal wieder perfekt bewiesen, wie egoistisch sie waren. Es ging ihnen eigentlich nicht um mich, es ging ihnen um das Ansehen. Lächerlich!
„Keinen Schritt näher“, knurrte Sebastien und wich vor Josh zurück, der mir anscheinend gefolgt sein musste.
„Lasst es mich doch versuchen zu erklären!“, bat er und hob ergebend die Hände.
Wenn ich könnte, würde ich dich jetzt am liebsten von hier fortbringen!“,

hörte ich Sebastien in meinen Gedanken knurren.
„Wieso tust du es nicht?“
„Weil die 6 Monate noch nicht um sind.“
Ach ja. Meine Sprachreise, daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht. Sie brachten mich alle zu sehr aus dem Konzept.
„Josh, verschwinde einfach!“, sagte ich mit zittriger Stimme und drückte mich weiterhin an Sebastiens Körper, der seine Arme beschützend um mich gelegt hatte.
„Mia“, versuchte es mein Bruder noch einmal, doch ich wies ihn kalt ab. Mit gesenktem Kopf lief er an uns vorbei und trampelte die Treppen runter. Ich hörte den aufgeregten Stimmen unten gar nicht zu. In seinen Armen zu liegen war um einiges schöner und so vergaß ich alles, was um uns herum passierte.


Kapitel 15


Das halbe Jahr verging zu schnell in Spanien. Und jetzt war ich im siebten Monat schwanger. In den ersten paar Monate konnte ich es noch ziemlich gut kaschieren mit den verschiedensten Kleidungsstücke. Aber irgendwann auch nicht mehr. Das Problem bestand nur noch darin, wie sollte ich mit dem dicken Bauch in eine Schule gehen?! Mein kleines Problem wurde schnell behoben, indem Teresa und Francesco einen Privatlehrer engagierten. Mir war es ziemlich peinlich in meinem Alter schwanger zu sein. Ich wollte nicht, dass die Leute aus meiner Schule dies erfuhren, deshalb entschied ich mich für die beste Methode. Und damit Sebastien auch zufrieden gestellt wurde, bekam ich extra eine Privatlehrerin.
Aber eigentlich war das total nebensächlich. Meine Familie hatte schon längst den Kontakt zu mir abgebrochen. Josh ließ sich etwas einfallen, um mein Vertrauen wieder zu gewinnen. Trotzdem verachtete auch er weiterhin Sebastien. Das schien ihm eigentlich überhaupt nicht zu stören, die Hauptsache war, dass sich kein Typ an mich ranmachte. Doch wer sollte sich schon an eine schwangere Frau vergehen? Ich konnte gar nicht verstehen, was Sebastien noch an mir attraktiv fand. Oh, und einmal waren mein Bruder und er aneinander geraten. Das gab einige sehr schöne blaue Augen, die leider nach wenigen Minuten verblassten und heilten. Die beiden waren auch wirklich ziemlich stur. Und irgendwie verspürte Sebastien auch die Lust sich mit jedem zu prügeln. Mit Fernando hatte er auch schon eine Prügelei eingesteckt.
Aber es gab auch einige schöne Momente.
Leider war die Zeit schon um und ich musste zurück nach Amerika. Dort waren momentan Ferien! Was für ein Glück. Da ich nicht mehr bei meiner Familie leben durfte, zog ich bei Sebastien ein. Nur, leider war das Haus auch voll von seinen Anhängern. Ich wollte nicht wissen, womit er seine Geschäfte trieb. Er hatte aber ganz schön Dreck am Stecken!
Dafür war das Haus geschützt und kein Unbefugter konnte das Grundstück ohne Erlaubnis betreten. Ein Glück aber auch! Denn meine Familie wollte mich jetzt auf jeden Fall tot sehen!
Meine Verwandten wussten nichts davon, dass ich mit Josh im Kontakt stand. Einen Monat lang habe ich nicht auf Anrufe meines Bruders reagiert. Schließlich hatte ich allen Grund sauer auf ihn zu sein.
Aber irgendwann konnte selbst ich nicht mehr wütend auf ihn sein, denn er war echt süß. Was er alles für mich getan hatte, nur um mein Vertrauen zurück zu gewinnen.
Natürlich, war Sebastien immer noch skeptisch. Er dachte, dass es nur ein Trick wäre, um so uns zu töten. Aber ich glaubte das nicht, oder ich wollte es zumindest nicht glauben.
Eigentlich verlief mein Leben doch recht normal. Ich war des Öfteren bei Untersuchungen, um feststellen zu lassen, ob mit dem Baby alles in Ordnung war.
Sebastien ging mit mir sogar einmal zum Frauenarzt, worzu er überhaupt keine Lust hatte. Aber spätestens als er auf dem Monitor unser Kind bei der Ultraschalluntersuchung gesehen hatte, verschlug es ihm die Sprache.
Vor einigen Tagen habe ich in Sebastiens Arbeitszimmer ein wenig rumgeschnüffelt. Also, ich habe nicht direkt rumgeschnüffelt, sondern etwas gesucht. Eine Telefonnummer. Ich wollte mich mit seiner Mutter in Verbindung setzen und sie kennen lernen. Okay, wenn ich normal im Kopf wäre, würde ich als Mensch die Familie meines Freundes nicht kennen lernen wollen. Dafür war ich einfach zu schüchtern und nicht perfekt.
Und sie schien am Telefon ziemlich begeistert von mir zu sein. Ich berichtete ihr, dass ich seine Gefährtin und schwanger von ihm war. Das stimmte sie irgendwie nur noch fröhlicher. Aber Sebastien meinte doch, dass seine Eltern eher noch altmodisch wären. Und früher war es doch üblich, wenn der Erstgeborene Sohn einen Nachfolger machte. War das nicht so bei den Adeligen?
Adélaïde, seine Mutter, wollte sich unbedingt mit uns treffen, doch da gäbe es noch ein Problem. Seinen Vater.

Je näher der Geburtstermin nach rückte, desto mehr bemutterte mich Sebastien. Ich hatte keine einzige Minute Ruhe vor ihm. Er schien sich sichtlich Sorgen um mich zu machen, aber warum, verschwieg er mir. Wahrscheinlich dachte er, wenn ich schutzlos wäre, würde sich jemand an mir vergehen und mich umbringen. Völliger Schwachsinn. Sebastien vertraute meinem Bruder immer noch nicht, sie hassten sich und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Josh war Zuhause ausgezogen und hatte sich ein Appartement hier in der Nähe gemietet. Mein Bruder schien sich auch sichtlich Sorgen um mich zu machen und da hatten die beiden eine Gemeinsamkeit. Mich. Sie wollten mich um jeden Preis vor der ganzen Welt beschützen. So ein Quatsch. Wenn ich jetzt vielleicht nicht schwanger wäre, könnte ich mich ganz gut selber verteidigen. Ich habe mal mit Anna zusammen einen Selbstverteidigungskurs besucht. Aber manchmal brachten einem diese Tricks nichts, wenn man völlig überrumpelt wurde, oder wenn der Kerl ein Vampir war.

Später wollte ich noch zur Frauenärztin, um mir sagen zu lassen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wurde. Am Anfang wollte ich es nicht wissen, weil ich mich einfach überraschen lassen wollte. Aber jetzt hatte mich die Neugierde gepackt. Um genau zu sein, Sebastien hatte mich mit seiner Nervosität total angesteckt. Deshalb beschloss ich, doch noch nachzufragen, was es wurde.
Sebastien verblüffte mich immer mehr. Eine Zeit lang, glaubte ich, ich würde ihn kennen. Aber dann zeigte er wieder eine ganz neue Seite von sich, dass es doch den Anschein hatte, als würde ich ihn überhaupt nicht kennen. Es freute mich total, dass er sich auf unser gemeinsames Kind freute, was mich doch ein wenig verblüffte. Ich habe ihn als einen arroganten, selbstbewussten, gutaussehenden, egoistischen und eingebildeten Typen kennen gelernt. Das war er jetzt irgendwie immer noch, aber auf eine freundliche Art und Weise. Man konnte es einfach nicht in Worte fassen.
Und ich hoffte so sehr, dass es ein Mädchen wurde. Sebastien wollte unbedingt, dass es ein Junge wurde. Darüber hatten wir auch schon eine kleine Diskussion geführt, aber dann sorgte er sich wieder um mich, da eine Schwangere keinen Stresssituationen ausgesetzt sein durfte.
Über sein Verhalten konnte ich nur die Augen verdrehen. Aber es war doch schon süß von ihm. Natürlich durfte ich ‚süß‘ nicht denken, oder sagen, dann war er wieder total eingeschnappt.
Ich sollte lieber das Wort ‚heiß‘ verwenden. Kopfschüttelnd hörte ich der Frauenärztin zu. Ich war so aufgeregt und zappelte mit den Beinen herum. Hoffentlich wurde es ein Mädchen.
„Herzlichen Glückwunsch, es wird ein Junge“, beglückwünschte uns meine Frauenärztin. Nein, ein Junge! Ich wollte doch ein Mädchen! Meinen ganzen Frust schob ich beiseite und lächelte die Ärztin fröhlich an. Ich konnte deutlich spüren, wie stolz sich Sebastien fühlte. Im Auto konnte ich mir gleich anhören, wie Recht er doch hatte.
Verdammt, mit Mädchen hatte man nicht so viele Probleme, wie mit Jungs. Das Schicksal war mal wieder total ungerecht.

Eines Nachmittages klingelte es an der Tür. Sebastien war nicht da. Josh war auch nicht da. Niemand war da. Wer konnte das bloß nur sein?
Einige Sekunden brauchte ich, um aus dem Bett zu steigen und tapste barfuß die Treppenstufen hinunter. Tief durchgeatmet öffnete ich die Tür und blickte einer etwas älteren Frau ins Gesicht.
„Hallo, ich bin Adélaïde, Sebastiens Mutter und du musst die bezaubernde Mia sein“, stellte sie sich mit einem leichten französischen Akzent vor.
Überrascht klappte mein Mund etwas auf. Einige graue Strähnen schauten zwischen ihrem braunen Haar hervor. Ich schätzte sie um die Fünfzig und sie sah für ihr Alter noch fabelhaft aus.
Die Frauen in ihrem Alter mussten sie beneiden.
„Hallo“, stotterte ich vollkommen überrumpelt. „Komm doch rein!“
Ich öffnete die Tür ein wenig mehr, um sie eintreten zu lassen.
„Ich habe damit nicht gerechnet, dass du schon so früh vorbeikommst, wegen Sebastiens Vater“, sagte ich verblüfft und führte sie in das offene und sehr modern eingerichtete Wohnzimmer.
Elegant bewegte sie sich auf das Sofa zu und setzte sich.
„Ich habe meinem Mann erzählt, dass ich auf einer Geschäftsreise in Amerika bin“, erzählte sie mir und lächelte mich freundlich an. Dabei entblößte sie eine Reihe weißer Zähne.
Sie sah in Wirklichkeit viel besser aus, als auf dem Foto, dass ich in seinem Arbeitszimmer gefunden hatte. Ihr Gesicht zeigte schon einige Falten und deuteten so auf ihr Alter hin und ich hatte auch gedacht, dass sie etwas altmodisch gekleidet wäre, aber das war sie ganz und gar nicht. Sie passte sich der modernen Zeit an.
„Wie ich sehe, ist es bald schon soweit, oder?“, fragte sie mich interessiert.
„Ja, ungefähr in einem Monat“, erzählte ich nervös.
„Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“
„Ein Junge“, seufzte ich schwer und senkte den Blick.
Plötzlich fing seine Mutter an zulachen. Es klang sehr offen und freundlich.
„Das Problem hatte ich auch“, zwinkerte sie mir zu. „Früher wollte ich auch unbedingt ein Mädchen haben, aber dann wurde es doch ein Junge.“
Es war erstaunlich, wie gut ich mich mit Sebastiens Mutter verstand. Sie war nett und freundlich zu mir. Aber wenn ich etwas über seinen Vater wissen wollte, blockte sie immer ab.
„Mutter?“, hörte ich Sebastiens Stimmer direkt hinter mir verblüfft.
Erschrocken zuckte ich zusammen und drehte mich zu ihm um.
Diese verdammten Vampirfähigkeiten würden noch Schuld daran sein, wenn ich einen Herzinfarkt bekäme.
Sebastien schien regelrecht überrascht zu sein, seine Mutter hier neben mir auf dem Sofa zu sehen.
Er gab mir schnell einen kurzen Kuss auf die Lippen und ließ seine Mutter nicht aus den Augen.
„Was machst du hier?“, fragte er, als er sich von mir löste. Mir wäre es egal gewesen, wenn sich seine Mom im selben Raum befand wie wir, ich wollte einfach mehr von seinen Küssen.
„Ich wollte dich mal wieder besuchen“, antwortete sie ehrlich und klopfte neben sich auf die freie Stelle des Sofas. Doch anstatt, dass er sich neben seine Mutter setzte, blieb er hinter mir stehen und seine verkrampften Hände lagen auf meinen Schultern.
Misstrauisch blickte er sie an. „Woher weißt du, wo ich wohne? Weiß er davon?“
„Nein, dein Vater denkt, ich sei auf einer Geschäftsreise in Amerika“, antwortete sie, aber überging die Frage, woher sie wusste, wo er wohnte. Nämlich von mir!
„Um Klartext zu reden, sie weiß es von mir. Ich habe sie angerufen, weil ich sie gerne kennen lernen wollte. Schließlich ist sie deine Mutter“, seufzte ich. „Und sie hat das Recht zu erfahren, dass sie Oma wird.“
Was hatte er denn nur dagegen? Ich dachte, er stände immer noch mit seiner Mom in Kontakt?
Seine verkrampften Hände fingen an, mich zu massieren.
„Und ist er noch immer sauer auf mich?“, fragte Sebastien beiläufig. Mir fiel auf, dass er zu seinem Vater nur ‚er‘ sagte.
„Ja, wenn du dich entscheidest, sie zu heiraten, verzeiht er dir“, seufzte sie.
Oh, das war ein Schlag gegen die Gürtellinie.
„Ist er immer noch nicht darüber hinweg?“, fragte er genervt. „Außerdem müsste sie doch längst einen Gefährten haben, oder nicht?“
„Oh, mein Gott. Ihr lebt ja wirklich noch im Mittelalter. Wir haben aber das 21. Jahrhundert“, informierte ich alle im Raum und handelte mir aber einen bösen Blick von seiner Mutter ein, die mich nach wenigen Sekunden wieder freundlich anlächelte. Unheimlich! „Wieso lebt deine Ex-Verlobte noch?“ Irgendetwas war daran merkwürdig. Halbvampire lebten nicht lange, ohne ihren Gefährten.
„Sie hat damals ein paar Tropfen von seinem Blut getrunken“, erzählte mir Adélaïde. Geschockt blickte ich Sebastien an, der eine versteinerte Miene aufsetzte. Dann waren die beiden ja nur zur Hälfte miteinander verbunden.
„Schatz, beruhige dich“,

hörte ich Sebastien in meinem Kopf. Wie sollte ich mich da beruhigen? Sie konnte dann bestimmt auch immer seine Gedanken lesen und wie peinlich. Wie konnte er mir so einen wichtigen Teil verschweigen?!
„Süße, weil es unwichtig war“,

kommentierte er weiterhin in meinen Gedanken, somit seine Mutter unser Gespräch nicht mit anhören musste!
Ich schluckte.
„Dann kannst du ja jetzt noch ein Geständnis ablegen, was du mir noch für unwichtige Details vorenthalten hast!“,

giftete ich zurück.
„Ich glaube, ich brauche jetzt dringend frische Luft“, sagte ich jetzt laut, fächelte mir die kühle Luft zu, befreite mich aus Sebastiens Klammergriff und rannte förmlich nach draußen auf die Veranda.
Hinter mir schloss ich die Glastür. Ich hatte keine Lust mehr auf seine Erklärungen.
Nachdenklich starrte ich auf das Geländer, auf dem sich meine Finger krampfhaft festhielten.
Hielt er eigentlich Kontakt zu seiner ‚Ex-Verlobten‘? Oder ging er zu ihr, wenn ich dachte, dass er seinen wichtigen Geschäften nachging. Zwar habe ich nie nachgefragt, weil ich nicht irgendwo hineingezogen werden wollte, aber mich interessierte es schon, ob er seine freie Zeit mit Frauen vergnügte! Mir beteuerte er immer wieder, ich wäre ja so attraktiv mit dem Bauch. Ihm wäre es egal, wie ich aussähe. Zähneknirschend schloss ich die Augen und holte tief Luft. Basierte bei ihm eigentlich alles auf einer Lüge?
„Nein“, hörte ich seine Stimme direkt an meinem Ohr. Seine muskulösen Arme schlangen sich von hinten um meine Taille und drückten mich an ihn. Ich habe ihn gar nicht kommen gehört. Vampire!
Genervt verdrehte ich die Augen und wollte mich von ihm los reißen, doch er war zu stark. Er brauchte sich nicht mal anstrengen, mich festzuhalten. Ich hätte auch gegen eine Wand rennen können!
„Es tut mir Leid, dass ich dir so etwas vorenthalten habe“, entschuldigte er sich aufrichtig bei mir und stützte sein Kopf auf meine Schulter ab.
„Ich weiß praktisch gar nichts über dich.“
„Doch, einiges, aber einiges auch wieder nicht“, entgegnete er verlegen und kratzte sich an seinem Kopf.
Seufzend drehte ich mich zu ihm und vergrub mein Gesicht in sein Hemd.
„Ich liebe Dich und das ist das einzige, was du zu wissen brauchst“, flüsterte er und küsste meinen Hals. „Übrigends, meine Mutter mag dich.“
„Schön zu wissen“, entgegnete ich genervt. Das passte gerade so was von nicht in diese Situation. Typisch Sebastien.

Kapitel 16


Ein Monat ist schon vergangen, seit dem Jason-Patrice auf die Welt kam. Sofort verfielen Sebastien und ich in eine Namensdiskussion für den Kleinen. Er war für Patrice, ein sehr schöner französischer Name und ich war für Jason, ein amerikanischer Name. Seine Mutter hatte die glorreiche Idee einen Doppelnamen zu nehmen. Jetzt hieß der Kleine Jason-Patrice Dupont.
Nach der ziemlich schweren Geburt war ich total erschöpft, aber auch glücklich gewesen. Besonders der Anblick, als Sebastien unser Baby in seinen Armen hielt. Total verlegen war er und wusste nicht so recht, wie er ihn halten sollte. Mir kamen schon fast die Tränen –Freudentränen. Diesen Moment würde ich niemals vergessen.
Kurz vor der Geburt haben wir noch entschieden zu heiraten. Eigentlich wäre das unter Vampiren nicht nötig gewesen, aber ich hielt es für richtig. Schließlich habe ich mein ganzes Leben normal gelebt. Ich war wie ein kleines, verträumtes Mädchen. Ständig habe ich mir vorgestellt, wie meine Traumhochzeit verlaufen sollte und irgendwie wollte ich darauf nicht verzichten. Außerdem war es dann offiziell. Sebastien wollte mir auch unbedingt diesen Wunsch erfüllen und machte es vollkommen perfekt. Und ich nahm auch seinen Namen an. Ab jetzt hieß ich: Mia Dupont.
Meine zwei besten Freundinnen schüttelten zwar über meine leichtsinnige Entscheidung ihre Köpfe, aber ich liebte Sebastien und das bis in die Ewigkeit, die wir gemeinsam verbringen würden.
Selbst Josh war auf der Hochzeit anwesend gewesen und hatte sich mit Sebastien recht gut verstanden. Die beiden haben sich zusammen gerissen, um mir eine Freude zu bereiten. Doch in ihren Gesprächen antworteten sie knapp und waren dem Gegenüber immer noch misstrauisch gesinnt.
Zumindest gingen sie sich nicht gegenseitig an die Kehle. Das war schon einmal ein Fortschritt.
Und zu meiner Freude waren Teresa, Francesco und Fernando extra angereist, um die Hochzeit mit zu erleben.
Im Endeffekt war eigentlich alles perfekt gewesen. Die Hochzeitsnacht war auch…na ja, ich sollte jetzt keine genaueren Details darüber geben.
Die Flitterwochen verbrachten wir auf Hawaii. Es war einfach alles total toll. Außer, dass meine Familie immer noch nichts mit mir zu tun haben wollte.
Nachdenklich blickte ich den Kleinen an. Er lag auf meinen Armen und schlief.
„Er hat die Selben Augen, wie du“, flüsterte Sebastien an mein Ohr und schaute über meine Schulter unser Kind an, während er seine Arme um mich geschlungen hatte.
„Aber dafür hat er dein ganzes Äußeres geerbt“, entgegnete ich und lachte. Nur ein Monat alt und er hatte die Köpfe von Anna und Cloe verdreht. Sie stehen total auf ihn. Am liebsten würden die Zwei, ihre ganze Zeit mit ihm verbringen. Er war jetzt schon ein Casanova, wie sein Vater.
„Hey, mein Äußeres ist perfekt“, gab er überhaupt nicht eingebildet von sich.
Genervt verdrehte ich nur die Augen und küsste Sebastien auf die Wange.
„Mia? Was war denn das?“, fragte er mich vorwurfsvoll.
Verwirrt blickte ich ihn an. „Was denn?“
„Das war doch gar kein richtiger Kuss“, sagte er gespielt beleidigt und verschränkte die Arme vor der Brust.
Seufzend legte ich Jason zur Seite, drehte mich zu Sebastien um und beugte mich ganz langsam zu ihm runter. Genervt über meine langsame Aktion, zog er mich auf sich drauf, sodass wir nach hinten fielen und auf den Boden plumpsten. Aber immerhin lag er immer noch unter mir.
Glücklich lächelte er mich an und strich mir die Haare hinter mein Ohr, bevor er, seine weichen, sinnlichen Lippen sehnsüchtig auf meine drückten.

Nervös stand ich vor der Hofeinfahrt meiner Familie. Es war schon sehr lange her, als ich das letzte Mal hier gewesen war. Sebastien wusste nicht, dass ich meine Eltern und meine Geschwister besuchen wollte. Er passte daheim auf Jason-Patrice auf.
Wenige Minuten später habe ich mich überwunden, lief die lange Hofeinfahrt entlang und klingelte zum Schluss.
Aufgeregt wippte ich mit dem Fuß hin und her.
Ich wollte mich endlich wieder mit meiner Familie versöhnen. Hoffentlich gaben sie mir noch eine zweite Chance.
Als die Tür aufgemacht wurde, rutschte mir mein Herz ganz tief in die Hose.
Überrascht blickte mich Alex an, der sofort eine angespannte Haltung einnahm.
„Alex“, flüsterte ich seinen Namen. „Ich habe dich vermisst.“
„Was willst du hier?“, kam es nur schroff von ihm und es war ein Stich im Herzen.
Traurig senkte ich meinen Blick und fummelte am Reißverschluss meiner Jacke rum.
„Ich möchte mich gerne wieder mit euch vertragen.“
Verächtlich lachte mein Bruder auf.
„Josh scheint mich zu verstehen, aber aus irgendeinem Grund ihr nicht“, zischte ich wütend.
„Ja, Josh. Er ist ein Weichei. Er hat dich viel zu gerne, um dich aufzugeben“, entgegnete er wütend und ballte seine Hände zu Fäusten.
„Und ich dachte, du magst mich auch?“, flüsterte ich traurig und verzweifelt. Langsam machte ich einen Schritt auf ihn zu.
„Bis du uns verraten hast“, konterte er und wich einen Schritt vor mir zurück.
„Ich habe euch nicht verraten“, antwortete ich seufzend, überbrückte die letzten Zentimeter zwischen Alex und mir und umarmte ihn.
Zuerst schien es, als würde mein Bruder diese Umarmung nicht erwidern, doch letztendlich legte er seine Arme um mich und drückte mich fest gegen seine Brust.
„Du weiß nicht, wie sehr ich deine zickige Art vermisst habe“, seufzte er an meinem Hals. „Aber es tut mir Leid, Mia. Du gehörst nicht mehr zur Familie.“
Mit diesen Worten drückte er mich von sich und knallte die Tür vor meiner Nase zu.
Die Tränen bahnten sich ihren Weg aus meinen Augen heraus und rollten meine Wangen hinab.
Kopfschüttelnd stand ich noch einige Minuten vor der Haustür, ehe ich mich zum letzten Mal abwand.

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Tag der Veröffentlichung: 15.08.2010

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