Danzig
Ein gemeinsamer Ausflug von Geschichts- und Matheleistungskurs. Weil keine Kursfahrt bewilligt wurde, verlängerten wir uns das Wochenende um einen Exkursionstag und brachen Donnerstagnachmittag auf. Am selben Abend war nicht mehr viel los (abgesehen von den üblichen Saufgelagen auf den Zimmern).
Am Freitag führten uns zwei Vertreter des Geschichtskurses durch das Stadtzentrums, für mich als Mathematiker war das mit regelmäßigen Blicken auf die Uhr und ständiger Ausschau nach den tollsten Waren der Straßenstände verbunden, auf welche ich mich auch sofort stürzte, sobald die Lehrer den Satz „Dann treffen wir uns alle um vier wieder hier!“ beendet hatten.
Abends fuhren wir mit dem Bus an den Strand, um den Sonnenuntergang zu sehen. Ich war eine von drei Bekloppten, die sich in die eiskalte Ostsee stürzten. Die Erkältung, die mich die folgende Woche außer Gefecht setzte, hatte ich mir wohl redlich verdient.
Aber am Samstag ging es mir erst mal noch bestens. Auf dem Gelände unserer Herberge war ein lieblos angelegter Garten, eine Tischtennisplatte und ein Volleyballfeld. Auf letzterem schoben ein paar Schüler einen Ball hin und her (Volleyball spielen konnte man das nicht nennen), während die Lehrer in der Nähe saßen und darauf achteten, dass kein Schüler allein das Gelände verließ – hallo, alle hier waren volljährig!
Da stand ich nun und wusste nichts mit mir anzufangen. Die einzige, die ich auf dieser Fahrt als meine Freundin bezeichnen würde, war mit ein paar anderen unterwegs, sodass ich nicht die Möglichkeit hatte, mich mit jemandem, den ich gut kannte und mochte auf den Weg zur Erkundung der Umgebung zu machen.
Gelangweilt schlurfte ich die Mauer entlang und entdeckte einen Durchgang. Nachdem ich mich mit einem kurzen Blick vergewissert hatte, dass die Lehrer gerade nicht schauten, sprang ich in die Freiheit. Ich stand auf einem Sandweg, der mich zur Hauptstraße vor der Herberge führte. Da wir ostwärts bereits mit Straßenbahn und Bus unterwegs gewesen waren, wechselte ich die Straßenseite und lief westwärts.
Über eine Stunde lief ich durch Industriegebiet, bis ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein McDonalds sah. Die Sonne stand tief und ich ging rüber auf einen Happen Essbares, weil die Verpflegung in der Herberge ungenießbar war. Um vor dem Abendessen wieder da zu sein, schlug ich den Heimweg ein, um zu vermeiden, dass dann auffiel, dass ich weg war.
Als ich wieder auf dem Sandweg neben dem Herbergsgelände war, wurde es schon dunkel, und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich zweieinhalb Stunden weg war. Durch meinen Durchgang stahl ich mich wieder auf das Gelände, wo sich seit meinem Verschwinden nichts verändert hatte. Betont unauffällig schlenderte ich über die Wiese.
„Mandi!“ Ich zuckte zusammen und drehte mich zu meinem Mathelehrer. „Wo warst du die ganze Zeit?“
„Öhm“, ich knipste meinen Heiligenschein an. „Da...“ Ich deutete in eine Richtung, in der die 'erlaubte Zone' noch 50 Meter weit ging, bevor sie auf die Mauer prallte.Mein Mathelehrer kniff skeptisch die Augen zusammen, ließ mich aber ziehen.
Ich weiß bis heute nicht, ob er mir das abgekauft hat oder ob er genau wusste, dass ich mich der klaren Regel, keiner treibt sich allein in der fremden Stadt herum, widersetzt habe. Wahrscheinlich ging es ihm hauptsächlich darum, dass alle wohlbehalten zurückkommen – nicht auszudenken, wie ich zusammengefaltet worden wär, wär ich mit ner Schramme angetanzt ^^
Tag der Veröffentlichung: 05.01.2013
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