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Sie war eine junge Frau Mitte 20, groß und schlank, und irgendwann war sie sogar hübsch gewesen. Damals, bevor sie dem Pseudo-Vampirismus verfallen war. Mit schwarzen Haaren und ebenso lackierten Fingernägeln zu möglichst finsterer Kleidung hatte sie einst als die sprichwörtliche Fledermaus angefangen, sich gegen ihre Eltern aufzulehnen. Mit den Jahren hatten sich die Tattoos auf ihrem Körper vervielfacht; viele von ihnen zeigten düstere Tötungsszenen, die teils stark an die SAW-Filme erinnerten.
Schlussendlich war sie dem Vampirwahn verfallen, wollte jedoch weniger den netten Vampiren von nebenan aus der Twilight-Saga nacheifern, sondern stieg mit falschen Eckzähnen und vermeintlichem Blutdurst in die Vampirszene ein. Mittlerweile war sie so sehr davon überzeugt, ein Vampir zu sein, dass sie sich nicht nur für stark, unverwundbar und unwiderstehlich hielt, sondern auch mindestens ein Mal täglich (beziehungsweise nächtlich) auf eine Tasse frisch gezapftes Menschenblut in der „Vamp's-Favourite“-Bar vorbeischaute, wo eine Art besser bezahltes Blutspenden betrieben wurde.

Heute Nacht wollte sie töten. Sie saß in einer Normalo-Bar am Tresen und wartete darauf, ein geeignetes Opfer zu erspähen. Sie setzte gerade an, einen Kurzen zu kippen, als sie aus dem Augenwinkel sah, wie sich jemand ihr näherte. Innerhalb der Sekunde, in der sie ihr Glas in ihren Rachen entleerte, ging sie gedanklich noch mal ihre Vorgehensweise durch: Sie würde ihm ausgefallenen Sex in einer abgelegenen Fabrikhalle in Aussicht stellen und ihn dort langsam und genussvoll töten.
Sie stellte ihr leeres Glas vor sich auf die Theke und drehte sich zu dem jungen Mann, der da in ihre Richtung lächelnd näher kam. Er war relativ gutaussehend und sportlich-schlank; genau so hatte sie sich ihr Opfer vorgestellt. Sie schlug die Augenlider nieder und gab sich schüchtern. Als er neben ihr Platz genommen hatte, sah sie ihn direkt an und wollte ihm ein mystisches Lächeln zuwerfen, doch er beugte sich zum Barkeeper hinüber. Sie glaubte, er wolle vielleicht ihnen beiden einen Drink bestellen, doch stattdessen, sie traute ihren Augen kaum, begann er, mit dem Schankmann zu züngeln. Peinlich berührt hob sie die Cocktailkarte vors Gesicht, darum bemüht, dieses Bild aus ihrem Kopf zu bekommen. Wo bin ich hier eigentlich, fragte sie sich, als eine Zeile in der Karte ihr die Antwort gab: „Donnerstag: GayDay“ stand dort, und es war Donnerstag. Sie wollte so schnell wie möglich ihre zwei verbleibenden Kurzen trinken und sich dann einen Ort suchen, an dem sie einen heterosexuellen Mann aufgabeln könnte, doch als sie das zweite Glas an die Lippen setzte, fühlte sie unvermittelt eine Hand an ihrer Taille. Sie verschluckte sich, hustete wild und wirbelte schließlich auf dem Barhocker herum. Da stand eine zierliche Blondine mit dem Lächeln von Barbie und wollte nun ihre Hand auf ihren Oberschenkel legen. Ihre Hand mit den schwarz lackierten Nägeln schnellte vor und hielt die Miniaturausgabe von Barbie von ihrem Vorhaben ab. „Fass mich nicht an!“, knurrte sie und fletschte die Zähne. „Bin denkmalgeschützt!“
Sie hatte die kleine Blondine erfolgreich vergrault und verließ nun schnurstracks die Bar. Was war sie froh, als sie raus war aus diesem Schuppen; nur allmählich verlangsamten sich ihre Schritte. Unweit vor ihr lehnte ein Kerl an einer Hauswand, der durchaus ihrem Beuteschema entsprach, doch sie sorgte sich, er könne ebenfalls vom anderen Ufer sein. Schlecht gelaunt stöckelte sie an ihm vorbei, als er ein Pfeifen von sich gab. Sie blieb stehen. Er hatte ihr hinterhergepfiffen; sollte sie wirklich das Glück haben, in unmittelbarer Nähe zur Homo-Kneipe einen triebgesteuerten Hetero-Mann aufzugabeln? Sie ging die paar Schritte zurück und musterte ihn kurz. Er hatte wuschelige braune Haare und ein spitzbübisches Grinsen im Gesicht. Aufgrund seiner mangelnden Körpergröße wirkte er wie ein Teenager, sollte jedoch im Angesicht der fortgeschrittenen Uhrzeit zumindest volljährig sein. Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ficken?“, fragte sie trocken.
Er bekam riesengroße glänzende Augen und entblößte ein Zahnpastalächeln. „Wow, des is heiß!“, sächselte er.
Um Himmels Willen, ein Sachse. Musste der einzige heterosexuelle Kerl im näheren Umkreis ausgerechnet ein Sachse sein? Sie würde ihm so schnell wie möglich den Mund stopfen, sonst würde sie mehr Spaß am Töten als am vorherigen Quälen haben.

Auf dem Weg zur Fabrikhalle hatte er seine kurze und überaus langweilige Lebensgeschichte vor ihr ausgebreitet, natürlich auf sächsisch. Als sie ihn zu dem von ihr auf sein Folternvorbereiteten Raum führte, konnte sie kaum abwarten, ihm den Knebeln in den Mund zu stopfen. Doch sie musste sich noch kurz gedulden.
Sie schubste ihn rücklinks auf das große Bett. „Zieh dich aus!“, sagte sie barsch. Er befolgte ihren Befehl, weil ihre dominante Art ihn anmachte. Er zog sein Shirt über den Kopf und warf es zu der Hose, die bereits auf dem Boden lag. Bevor er mit der Boxershorts weitermachen konnte, stieg sie mit einem Seil in der Hand zu ihm aufs Bett und beugte sich über ihn. „Wie stehst du zu Fesselspielen?“, raunte sie heiser.
Als Antwort nickte er in Richtung seines Unterleibes, wo seine Shorts eine beachtliche Beule schlug. Er steht also gut dazu, dachte sie und schob sich weiter zum Kopfende des Bettes, um seine Handgelenke an die Gitter zu knüpfen. Er gab ein leises Stöhnen von sich, sie verdrehte die Augen.
Er war zu klein, um auch seine gespreizten Beine direkt an den Bettpfosten festzubinden, doch die Stricke waren lang genug, um über die Hälfte des Bettes gespannt zu werden.
Sie beugte sich über ihn und strich mit der Handfläche von seinem flachen Bauch über seine Brust hoch zum Hals. Auf einen Kuss oder ähnliches wartend verfolgte er jede ihrer Bewegungen. Sie griff sein Kinn und bog seinen Kopf unsanft so, dass er sie ansehen musste. Sie fletschte die Zähne, sodass die Plastikaufsätze sichtbar wurden; im Angesicht dieser gespielten Gefahr schnurrte er lustvoll.
Sie schlug kurz ihre falschen Zähne in seinen Hals, dann rappelte sie sich ungelenk auf und griff in ihre Tasche. „Wie siehts aus mit Doktorspielen? Ich bin gelernte Krankenschwester!“ Das war eine glatte Lüge, doch sie hatte mal gelernt, einem willigen Opfer eine Kanüle in den Arm zu rammen.
„Oh ja“ nuschelte er nur und seine Augen leuchteten.
„Du sprichst mir zu viel, mein Hübscher!“, sagte sie und ließ die Tasche fallen. Sie lehnte sich wieder über ihn und zog einen Therapieball unter dem Kopfkissen hervor. „Ich bin zwar kein Zahnarzt, aber mach schön den Mund auf!“
Er tat wie ihm befohlen und sie versenkte den Ball in seinem Mund. Endlich hatte es sich ausgesächselt. Er protestierte kurz, vermutlich, weil der Gummi um den Ball nicht gerade appetitanregend war, beruhigte sich jedoch, als sie säuselte, was für ein guter Junge er sei.
Sie holte Kanüle und Gummiband aus ihrer Tasche und erklärte ihm, sie werde ihm jetzt ein bisschen Blut abnehmen, um seine Männlichkeit zu überprüfen; er nickte leicht. Sie schnürte ihm mit dem Gummiband den Arm ab und suchte nach einer passenden Ader. Als sie eine fand, stach sie die Kanüle ohne vorheriges Desinfizieren hinein; bevor sich die Wunde entzünden könnte, wäre er längst tot.
Ohne noch mehr Zeit zu verschwenden setzte sie die Lippen an die Kanüle und trank gierig sein Blut. Hierbei strich sie ihm mit einer Hand über den Oberschenkel und hörte dabei kaum die Laute der Lust, die er von sich gab. Sein „mh“ wurde allmählich lauter, als er sich sorgte, sie wurde ihn womöglich auslutschen. Für einen kleinen Moment ließ sie von ihrer köstlichen Mahlzeit ab und sah ihn direkt an: „Keine Panik, das war noch nicht annähernd so viel, wie du beim Blutspenden lässt. Sei mal ein Mann!“ Er verstummte und sie wandte sich wieder seinem Blut zu. Natürlich hatte sie gelogen, sie hatte schon weit mehr als einen halben Liter von dieser kostbaren Flüssigkeit getrunken. Schließlich hörte sie nur auf, an ihm rumzunuckeln, weil sie befürchtete, aufs Klo zu müssen, bevor er tot wäre. Sie rollte von ihm runter; während sie ein Pflaster suchte, bildete sich ein roter Tropfen am Ausgang der Kanüle und fiel auf seine blasse Haut; ein neuer Tropfen entstand.
Mit dem Pflaster in der Hand sprang sie zurück aufs Bett und klebte es auf die Stelle, wo die Kanüle im Arm verschwand, dann zog sie diese unsanft heraus.
Sie hatte Blut geleckt; das wurde ihr bewusst, als sie den roten Tropfen im Pflaster wachsen sah. Jetzt würde sie ihn nicht mehr bearbeiten können, ohne ihm weitere Ströme des roten Goldes zu entlocken. Aus ihrer Tasche fischte sie eine Packung nagelneuer Rasierklingen und achtete gar nicht auf seinen Protest, als sie so ein glänzendes scharfes Ding im Licht drehte. Selbst wenn er nicht durch den enormen Blutverlust geschwächt gewesen wäre, hätte er keine Chance gegen seine Fesseln gehabt.
Genüsslich schnitt sie ihm eine tiefe Wunde quer über den Unterarm, orthogonal zu den Pulsadern. Er wollte sich krümmen vor Schmerzen, doch er konnte nur ein bisschen zappeln. Der nächste Schnitt ging in den Oberarm, weitere in Brust und Bauch. Aus letzterem kam für ihren Geschmack nicht genug Blut, also wandte sie sich seinem Bein zu. Lechzend beugte sie sich über die sprudelnde Wunde und saugte gierig an ihm, bis sie plötzlich ein Stück Stoff an der Wange spürte. Wie war das möglich? Sie war sich, dass sie allein waren, und ebenso überzeugt, dass er sich nicht von seinen Fesseln befreien konnte. Sie setzte ab und sah zur Seite, als ihr unvermittelt etwas blau-rot kariertes auf die Nase schlug. Sie konnte es nicht glauben, doch er hatte im Protest so stark mit dem Becken ausgeschlagen, dass er sie, gedämpft durch seine blau und rot karierte Boxershorts, mit seinem besten Stück schlug.
Selbst gefesselt, geknebelt und um mehr als einen Liter Blut erleichtert wagte er noch immer, sich zur Wehr zu setzen. Sie wollte sein Leben hier und jetzt beenden und hatte auch schon den passenden Masterplan. Sie setzte sich auf seinen Bauch, sodass er sich wirklich nicht mehr bewegen konnte. Sie lehnte sich weit nach vorn, zielte, holte Schwung und schlug ihren Kopf auf seinen. Sie traf wie geplant: Er regte sich nicht mehr. Langsam bildeten sich Blutströme, die ihm aus Ohren, Nase und Mund quollen: Schädelbasisbruch. Nur in einem Punkt unterschied sich das Geschehene von ihrem Vorhaben: Auch ihr lief nun Blut aus den Ohren, der Nase und auch aus dem Mund.

Impressum

Texte: Mandi Lohse
Tag der Veröffentlichung: 12.11.2012

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