Düsternis. Weiter nichts. Hier und dort ein blasser Hauch eines Nebels zwischen den hohen Wipfeln der Tannen, die hier so dicht standen, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie sich nicht den Kopf an einem der Stämme einrannte. Großartig, einfach großartig! dachte die zarte blonde Gestalt, die so verloren wirkte zwischen den gigantischen Bäumen. Sie drehte sich im Kreis, zum wievielten mal konnte sie nicht mehr sagen. Ihrer Orientierung war damit nicht gerade geholfen. „Lenor, wie bist du nur wieder in diese Schwierigkeiten geraten?“ laut sprechen half wenigstens etwas gegen die Angst. Sie klammerte an ihren Knöcheln und wartete nur auf den geeigneten Zeitpunkt um an dem Mädchen hinaufkriechen zu können. Sie stampfte ein paar Mal kräftig mit den Füßen auf.
Angst ist der kleine Bruder des Todes, Lenor. Denk immer daran!
Bloßer Instinkt trieb ihn weiter. Sicher an den Stämmen vorbei, ohne auch nur auf einen Ast zu treten, absolut Lautlos. Getragen vom niedersten aller Triebe. Er konnte fühlen, riechen und schmecken, dass sie hier war. Er konnte ihren Duft förmlich in der Luft greifen. Ihr weiches, zartes , weißes Fleisch. Aah, berauschend. Betörend. Er musste sie besitzen, nicht weil er sie brauchte, sondern weil er sie wollte!
Lenor stolperte bloß noch, sie fiel mehr als dass sie lief. Angst, nichts als Angst. Wo war denn nur der verflixte Wald hergekommen? Sein Terrain und sie, blind und nackt mittendrin. Kein Ausweg. Das kannte sie schon. Kein Ausweg. Wenn doch wenigstens die Tränen kämen. Sie spülten etwas Schmerz hinfort und halfen an etwas anderes als an die Angst zu denken. War das ein Geräusch? Hatte sich da etwas bewegt? War es nicht noch stiller als zuvor?
Angst ist wohl eher der kleine Bruder der Halluzination
Endlich! Da stand sie. Nackt. Zitternd. Heftig atmend.
Bitte, bitte töte mich.. Tu es endlich. Diesmal, bitte.
Er tötete sie nicht, niemals ganz. Immer nur ein bisschen mehr. So hatt er mehr Spaß an ihr. Lebte, zehrte von ihrer Angst. Irgendwann würde sie weinen, wenigstens solang ließ er sie am Leben. Spielte mit ihr. Zerriss sie von innen.
Ihre Eingeweide standen in Flammen. Brennender Schmerz loderte in ihrem Leib. Doch sie hielt still, wie sie es all die Jahre getan hatte. Die einzigen Momente in denen sie die Augen schließen konnte ohne die Angst, er könne auftauchen sobald sie sie öffnete. Er war schon da!
Zarte Puppenfinger! Blasse Haut. Goldenes Haar. Zerbrechlich. Er zerbrach sie. Immer und immer wieder.
Gab ihr Zeit alles notdürftig zusammen zu setzen und zerbrach sie wieder.
Wie er sie liebte.
Kleine tapfere Lenor.
Schweigt still. Aus Liebe.
Tag der Veröffentlichung: 19.01.2009
Alle Rechte vorbehalten
Widmung:
Großvater gewidmet.
Dem weißen Ring,
wenn auch zu spät