Dunkelheit. Tiefe, tiefe Dunkelheit, die mich umgab. Schwärze und Bedrückung, tief und innig, die mich mitnahm und nicht mehr losließ.
Doch zugleich war da noch etwas anderes, das pulsierte und immer größer wurde und wuchs und wuchs. Etwas Wirkliches in einer parallelen Ebene. Etwas Unbeschreibliches und irgendwie in tiefster Weise Befreiendes.
Ich ging durch eine Halle. Eine Einkaufshalle oder etwas Derartiges. Ich schaute mich um, doch ich erkannte den Ort nicht wieder. Er war hell und mit weißen Marmor-Verziehrungen oben an den Wänden, knapp unterhalb der großen Kuppel aus Glas, die sich einem strahlenden, hellblauen, fast unwirklich hellem Himmel öffnete und die Halle mit sehr viel Licht speiste. Atemberaubend erschien mir der Anblick, der sich mir bot, wenn ich hinauf sah und ich fühlte mich, als ob ich schwebte. Ich fühlte mich so besonders federleicht, dass ich fast das Gefühl hatte, sofort den Halt unter den Füßen zu verlieren und in Richtung Horizont zu fliegen, der mir die Freiheit bot, die ich verspüren wollte. Diese Freiheit, zu der ich den Drang hatte, sie zu erleben, zu schmecken und zu riechen. Einfach alles andere um mich herum zu vergessen.
Glück pulsierte durch meinen Körper, doch es war schnell wieder beendet. Denn in einem erschreckenden Moment schlug sich eine kalte Hand auf meine Schulter. Eine Hand mit einem schwarzen Lederhandschuh, dessen dunkle Farbe überhaupt nicht in diese Umgebung passte und dessen Kälte meine ganze Freiheit schwinden ließen. Die Finger dieser Hand krallten sich unter meinen Schulterblättern fest, als suchten sie einen Weg in mich hineinzugelangen. In meinem Körper schlugen die gequetschten Nerven Alarm und eilten in meinen Kopf, wo sie den Schmerz aufflammen ließen. Er war riesig und pulsierte immer stärker, je mehr ich ihn registrierte. Ich schrie auf: „Au! Scheiße!“ In dem Moment wirbelte der Mann mich herum und auf einmal waren dort viele Männer im Anzug und mit schwarzen Handschuhen. Sie alle trugen schlichte Masken mit eingearbeitetem sarkastischen Lächeln und ihre Köpfe waren kahl, wie Bowlingkugeln. Sie alle guckten mir kalt und verdeckt mitten in die Augen, wie spitze Nadeln, durchbohrten mich ihre Blicke.
Der Mann, der mich gepackt und herum geschmissen hatte, trug keine Maske, lächelte mir aber ebenso fies und hämisch ins Gesicht, dass ich furchtbar erschrak und entsetzt aufschrie.
Irgendwoher kannte ich ihn und sein Gesicht und ich wusste, dass ich Angst vor ihm haben sollte, doch ich konnte mich nicht daran erinnern, wer dieser Mann war, oder was er gemacht hatte, dass sich mir sein Gesicht so eingeprägt hatte. Zittrig und zu einer Säule erstarrt, stand ich vor ihm und blickte ihm nur in die kalten grünen Augen, gespannt auf seinen nächsten Schritt. Es wurde dunkler, immer dunkler in der Halle und ich wurde innerlich immer angespannter und panischer.
Auf einmal verlor ich den Halt unter meinen Füßen und fiel. Ich fiel in einen schwarzen Tunnel, in ein Loch, das sich plötzlich unter mir auftat. Ich schrie erschrocken auf und ein hallendes Lachen des Unbekannten verfolgte mich und hallte an den kalten Steinwänden wider. Kalte Luft zog an mir vorbei und ich fiel und fiel immer tiefer. Ich wollte mich irgendwo festhalten, doch ich erreichte keine der Wände, die mich umgaben und senkrecht in die Tiefe reichten. Adrenalin schoss in meinen Kopf und ich wurde immer panischer und hektischer von Moment zu Moment.
Auf einmal sah ich den Mann wieder vor mir. Er kam auf mich zugeschossen und lachte mir ins Gesicht bis er kurz vor mir verpuffte und verschwand. Ich schrie und schrie. Ich wurde immer panischer und auf einmal saß ich in einem Auto.
Wie auch immer das passieren konnte, ich war weich gelandet und fuhr auf einer Landstraße durch pechschwarze Nacht. Das hallende Gelächter hatte ich noch in den Ohren, doch das Adrenalin war wie verflogen. Ich fuhr entspannt um eine lang gezogene Rechtskurve und spürte die Müdigkeit, die einem der natürliche Schlafrhythmus schenkt, wenn es stockduster ist. Vor mir sah ich einen kleinen Lichtpegel um die Ecke scheinen und immer größer werden. Der Gegenverkehr fuhr zügig und kam schnell näher. Jetzt konnte ich das Auto ausmachen und sah es auf mich zukommen. Ich gähnte und blickte weiter auf die Straße. Mein Lichtpegel erhellte einen kurzen Teil der Straße und lies den Mittelstreifen leuchten. Der Pegel des Gegenverkehrs ebenfalls und er war schon fast an meinen Lichtpegel herangekommen, da erschrak ich auf einmal.
Er fuhr auf meiner Spur! Er war ein Geisterfahrer! Ein nächtlicher Todesengel! Die Scheinwerfer näherten sich rasant und ich wurde auf einen Schlag in meinen Sicherheitsgut geschleudert. Das Krachen registrierte ich erst danach und als sich die Windschutzscheiben der Autos am Nächsten waren, konnte ich für einen flüchtigen Moment in das Gesicht des Fahrers blicken. Ja, es war der Unbekannte und er lachte…
Dunkelheit.
Doch ich konnte einen Hauch ausmachen. Einen Hauch von Gesang. Einen Hauch von Stimmen, der sich immer mehr in mein Bewusstsein drängte und da hörte ich es. „Kling, Glöckchen, klingelingeling, kling Glöckchen kling.“ Mir wurde immer wärmer und ich spürte meinen Körper mit all seinen Feinheiten und Details. Ich merkte, wie ich lag. Ich spürte die Decke, die mich wärmte und das Kissen, dass mich bequem liegen lies. Ich versuchte meine Augen zu öffnen und tat mich überraschend schwer, denn sie waren wie zugeklebt und furchtbar schwer. Ich atmete einmal tief durch und roch Lebkuchen und Spekulatius. Wo zur Hölle war ich? Ich versuchte immer mehr die Augen zu öffnen und langsam aber sicher gelang es mir.
„Mama!“ hallte es mir entgegen. Der eine Schrei zog viel Resonanz mit sich und ich konnte bald nicht mehr ausmachen, wie viele Stimmen sich mir widmeten und aufgeregt durcheinander redeten.
Meine Augen taten weh für den ersten Moment, doch dann beruhigte es sich und ich konnte immer mehr erkennen, in dem ganzen Licht, das meine Augen benetzte.
Es waren meine Kinder, die um mein Bett tanzten und mein Mann, der daneben stand und glücklich lächelte, so als ob er mich lange, lange Zeit vermisst hätte. Hinter ihm stand ein kleiner Weihnachtsbaum und der Raum, in dem sich das ganze zutrug, war schlicht und einfach gehalten. Nur die Dekoration an der Tür machte das Ganze ein wenig lebendiger.
„Was ist denn hier los?“ fragte ich, doch es kostete mich mehr Kraft als erwartet. „Du warst fast zwei Monate im Koma, Schatz. Ein irrer Geisterfahrer wollte dich in den Tod reißen.“ Ich erschrak. Zwei Monate? Wie konnte das denn passieren? „Was für einen Tag haben wir denn?“ fragte ich und brauchte einen Moment mich von der Anstrengung des Redens zu erholen. „Es ist Heiligabend, mein Schatz.“ Er kniete sich zu mir herunter und lächelte mir ins Gesicht. „Ruh dich aus, du wirst wieder gesund werden.“
Ich schloss erschöpft die Augen und lächelte ebenfalls. Das tiefe Glück war wiedergekehrt. Es war das Glück, noch am Leben zu sein und so eine tolle Familie zu haben.
Weihnachten ist doch etwas Schönes!
Texte: Sowohl der Text, als auch das Cover unterstehen meinen Copyright. Gez. Leonard Hanke
Tag der Veröffentlichung: 13.11.2011
Alle Rechte vorbehalten
Widmung:
Ich widme dieses Buch trocken allen meinen Lesern.