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Meine neue Familie



Ich saß im Combi meiner Mum und starrte auf die Straße, während die Bäume an uns vorbei flogen. Sie erzählte irgendetwas von ihrer Arbeitsreise in die USA, doch ich hörte ihr gar nicht zu. Ich hatte mich noch immer nicht an die neue Situation gewöhnt. Ab jetzt würde ich bei meinem Onkel Jim, meiner Tante Franziska, meinem Cousin Maximilian und meiner Cousine Lucilla leben. Das freute mich natürlich, und erst recht freute mich, dass meine beste Freundin Charlie ab jetzt, anstatt fünf Stunden von mir entfernt, direkt um die Ecke wohnen würde, aber dass ich dafür zwei Jahre auf meine Mum verzichten musste fand ich dann doch ein wenig hart! Ich spürte, wie erneut Tränen in meinen Augen aufstiegen und versuchte sie wegzuzwinkern. Meine Mum sah mich tröstend an, unterbrach ihren Wortschwall und strich mir liebevoll über den Rücken. „Das wird schon. Da sind Charlie und Lu, du bist also nicht allein auf der Welt. Und außerdem warst du doch schon mal für ein halbes Jahr bei deinem Onkel!“ Das stimmte allerdings. Und sofort stieg eine Art Glücksgefühl in mir hoch. Da hatte ich zwar auch Heimweh gehabt, aber nach einem Monat verschwand es wie ein Nebel. Ich spürte wie ich hibbelig wurde und sah auf. Wir waren angekommen. In Schierburg, einer hübschen Stadt mit Neubaugebieten, Rohrgebieten und der Altstadt. Und genau hier wohnte Lu mit ihrer, und ab jetzt auch meiner, Familie. Es lag zwar nicht direkt in der Altstadt aber immerhin nun 5 Minuten davon entfernt! Doch meine Gedanken wurden von einer völlig aufgelösten Lucilla unterbrochen. Sie umarmte mich als hätten wir uns jahrhunderte nicht gesehen. „Oh Vic, ich hab dich sooo vermisst. Dir wird´s hier gefallen, wir haben extra das Gästezimmer neu eingeräumt, nur für dich!“ Endlich ließ sie von mir ab um meine Mum zu begrüßen, so dass ich mich um Franzi kümmern konnte und danach kam Jim dran. „Wo ist Max?“ fragte ich verdattert. „ Der ist bei Vinc, seinem `Kumpel`!“ antwortete Lu keck und stieß mich in die Seite. „Ach übrigens, “ rief Franzi mir zu, „Charlie kommt zum Abendessen vorbei!“ Ich nickte und meine Vorfreude stieg, bis der Abschied von meiner Mum kam, und der war wahrhaftig nicht schön!

Mein Zimmer lag im 2.Stock, da wo alle Schlafzimmer lagen. Die Wand hatte die Farbe eines kräftigen hellgrünes und das Fenster wurde von einem grasgrünen Vorhang eingerahmt. Außerdem standen in meinem zukünftigen Zimmer noch ein einfaches Bett mit Orangen Bettbezug, ein schwarzes, modernes Ledersofa, ein Schreibtisch mit mehreren Schubladen und einem bequemen Bürostuhl, ein Bücherregal und ein Kleiderschrank und ein hübsches CD-Regal. Das Zimmer war ziemlich offen und es duftete angenehm nach Vanille. Ich warf mich auf mein neues Bett und bombardierte Lu mit Kissen. Doch diese setzte sofort zu einem Gegenangriff an. Schließlich lagen wir beide lachend auf dem Boden und versuchten unsere Lachkrämpfe unter Kontrolle zu bringen. Irgendwann kamen wir zum einräumen. Ich hatte all meine Klamotten, fünf ungelesene Bücher, dreizehn CDs, meine Schulsachen, meinen Laptop und noch ein paar andere Dinge dabei, die nur darauf warteten, geordnet zu werden. Plötzlich ging die Zimmertür auf und Charlie stand auf der Matte. Ich umarmte sie und präsentierte ihr mein neues Zimmer. Sie grinste und wartete geduldig, bis mein Wortschwall zu Ende war. Dann lächelte sie: „Eigentlich wollt ich euch ja vor einer Stunde sagen, dass Frau Darming, mit dem Nudelauflauf fertig ist!“ Lu musste grinsen während ich ziemlich verdattert auf Charlie starrte. „Hab ich den so lang geredet?“ Meine Freundinnen nickten einstimmig. „Upps!“ murmelte ich. Kurz darauf rannten wir kichernd die Treppe hinunter. Doch Charlie verstummte sofort als sie Max erblickte, als er durch die Haustür hereinkam. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Die sonst so lockere Charlie mit der frechen Klappe kriegte bei Maximilian den Mund nie auf. Ich wusste schon lange dass sie über beide Ohren in ihn verliebt war. Lu wusste das auch. Nur mein Cousin halt eben nicht. Der hatte sie ja schließlich so kennen gelernt. Während Max mich begrüßte schien er Charlie gar nicht zu bemerken. Diese blieb auch während des gesamten Essens mundtot. Später, als wir wieder in mein Zimmer gehen wollten, tippte Max Charlie allerdings an und grinste: „Hey Charlotte, kannst du Clara bitte ausrichten, dass Vinc sich gerne mit ihr treffen würde“, Er grinste sie an, „er traut sich nicht, es ihr selbst zu sagen. Na ja, Ciao dann!“ Damit wandte er sich ab und verschwand wieder. Ach, Clara ist übrigens Charlies große Schwester. Auf dem Weg nach oben wiederholte Charlie immer wieder seine Worte. Der war echt nicht mehr zu helfen! Verliebt!


Internat



Als ich ein paar Tage später von meinem Wecker geweckt wurde, wäre ich am liebsten einfach liegen geblieben. Doch dann stürmte Lu in mein Zimmer und rüttelte an mir. „Aufstehen Faultier! Dein erster Tag im Internat, dass wird klasse!“ Müde wälzte ich mich aus dem Bett und starrte auf meinen gepackten Koffer. Lu besuchte ein Internat, das ich jetzt auch besuchen sollte. „Komm schon, Charlie ist auch schon da, sie wartet unten!“ Irgendwie schaffte ich es dann, mich aus dem Bett zu quälen, mich zu duschen und mich fertig zu machen. Kurz darauf rannte ich eilig nach unten um zu frühstücken und danach ging es auch schon los. „Dir wird es dort gefallen“, erklärte Charlie mir gerade in sachlichen Tonfall „ Du wirst Samy, Nicki und die anderen bestimmt auch nett finden!“ Ich starrte müde aus dem Fenster. Ein wenig Schnee fiel vom Himmel und es lag ein dichter Nebel über dem Land. Nach einer Stunde Autofahrt standen wir vor einem Mittelalterlichen Gebäude mit einem schweren Eisentor als Eingang. Es machte einen leicht unheimlichen Eindruck in der Nebellandschaft, als wir die Koffer hinüberzogen. Franziska verabschiedete sich von uns und wir traten ein. Innen war es angenehm warm und die Wände waren in einem hübschen Orangeton gestrichen. An den Wänden hingen Gemälde mit moderner Kunst. Das gefiel mir. Charlie und Lu gingen vor mir her und zeigten mir unser Zimmer. In ihm standen 2 Hochbetten, ein normales Bett, ein großer Kleiderschrank und ein hübscher runder Tisch mit fünf Stühlen. Es gab zwei hübsche Holztüren. Eine führte auf den Mädchengang und die andere in ein kleines, aber hübsches Bad. Es war mit hellblauen Fliesen ausgelegt worden. Die Wandfarbe unseres Hauptzimmers war nicht mehr zu erkennen, da überall Starposter hingen. Auf den zwei Unterteilen der Hochbetten lagen bereits mehrere Sachen wild durcheinander. Und daneben standen zwei Mädchen. „Hallo, man hab ich euch vermisst“ Charlie und Lu fielen den beiden um den Hals und dann stellte Lu uns vor: „ Das hier ist Samy.“ Sie deutete auf das größere der beiden Mädchen. Sie hatte pechschwarzes, schulterlanges Haar und ein hübsches Gesicht. Sie trug weite Jeans und ein lockeres Print T-Shirt. Außerdem hatte sie ein ziemlich ansteckendes Grinsen. Das andere Mädchen musste Nicki sein. Sie war ziemlich klein, hatte langes, blondes Haar und Markenklamotten. An ihr schien alles perfekt zu sein. Sie hatte ein schmales Gesicht und ungewöhnlich hellblaue Augen. „Ach, du bist bestimmt Victoria, das Landei!“ Ein spöttisches Grinsen erschien auf ihren Lippen. „Du kannst mich ruhig Vic nennen!“ Ich sah sie erwartungsvoll an. Doch ihre Antwort lautete lediglich und ziemlich kühl: „Wir kennen uns noch nicht, also bleib ich erstmal für dich Nicola und du bleibst Victoria, Schätzchen!“ Damit wandte sie sich ab. „Ich geh jetzt zu Anthony!“ flötete sie noch, dann war sie auch schon verschwunden. „Wer ist Antony?“ fragte ich ein wenig irritiert. „Ach, das ist ihr Freund. Mach dir nichts draus, sie ist vielleicht ein wenig zickig, aber sie gehört dazu“ antwortete Lu versöhnlich. „Und ich muss jetzt auch los, ich kann´s gar nicht erwarten Valentino wieder zu sehen. Er ist so süß. Bei Gelegenheit stell ich in dir vor! Also Ciao!“ Und damit war sie weg. Na toll! Samy sah mich an und musste grinsen. „Keine Sorge, das ist nur 16 Stunden am Tag so!“ Ich seufzte und sah Samy gespielt erleichtert an. Ich war mir sicher, dass ich mich mit ihr gut verstehen würde. Der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. Ich musste den Kopf schütteln. Ein ganzes Pack verliebter wohnte unter diesem Dach. Ob Samy wohl auch verliebt war?

Da wir heute noch keine Schule hatten zeigten mir Samy und Charlie das Internat. Danach gab es Mittagessen. Der Speiseraum war hell und modern eingerichtet. Während wir uns bei der Essensausgabe anstellten, entdeckte ich Lucilla. Sie kam zu uns herüber, an ihrer Seite ein echt süßer Typ. „Das ist Tino!“ stellte sie ihn mir vor. „Hi, Vic!“ Er lächelte mich mit einem zuckersüßen Lächeln an, gab Lu einen Kuss und verschwand im Gewühl. Ich sah die völlig verliebte Lu kichernd an. Sie starrte noch immer genau auf die Stelle, wo Valentino gerade verschwunden war. Muss Liebe schön sein!


Blaue Augen küssen nicht



Als ich am nächsten Tag viel zu spät in die Klasse schlüpfte, da ich verschlafen hatte, sah mich unser Mathelehrer, Herr Mayer, äußerst irritiert an. Ich lies mich auf meinen neuen Platz neben Charlie fallen, als er auch schon lospolterte: „Wenn man neu in eine Klasse kommt und sich erlaubt zu spät zu kommen, sollte man sich wenigstens entschuldigen! Wie heißen sie?“ Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken aber da das nicht ging, murmelte ich ziemlich kleinlaut: „Victoria“, und mit etwas festerer Stimme fügte ich hinzu, „Ich heiße Victoria!“ Ich lies meinen Blick durch die Klasse wandern während Herr Mayer irgendetwas von Atomkraft labberte. Dabei streifte mein Blick einen wahnsinnig gut aussehenden Typen. Er hatte Strohblondes Haar und überirdisch blaue, leuchtende Augen. Ich musste schlucken. Hatte da irgendwas in meinen Eingeweiden geflattert?

Nach der Stunde konnte ich gar nicht schnell genug aus der Klase kommen. Dabei musste sich mein Fuß im Träger von irgendeiner Schultasche verheddert haben, den ich knallte voll auf den Boden. Eine kräftig, gebräunte Hand streckte sich mir entgegen, die ich dankbar ergriff. Kaum stand ich wieder, blickte ich in zwei strahlend blaue Augen. „Bis jetzt hat sich mir noch kein Mädchen zu Füßen gelegt, aber ich könnte mich dran gewöhnen. Ich bin Anthony. Und du bist ...“
„Vic, ich bin Vic“
„Ah, die zu-spät-Kommerin. Würdest du den auch zu spät kommen, wenn ich dich in die Disco einlade?“
War wohl der Obermacho, aber er sah einfach perfekt aus!
Irgendwoher kannte ich diesen Namen! Anthony. Hmm... Na ja, was hatte ich zu verlieren?
„Welche Disco?“ fragte ich deshalb.
„Die Stadtdisco. Kommst du mit dem Bus hin. Pass aber auf das sie dich nicht erwischen. Linie fünf. Sagen wir um elf?“
Und noch ehe ich antworten konnte war der Typ auch schon verschwunden.


Fehlschuss



Der kalte Abendwind strich über mein Gesicht während ich an der Haltestelle auf den nächsten Bus wartete.Aus dem Internat zu kommen, war das kleinste Problem. Obwohl es von aussen ein wenig wie eine Festung aussah, kam man leicht aus dem Gebäude. Die Bushaltestelle zu finden war weitaus schwieriger. Es gab davon mindestens ein duzend. Ich hatte niemanden von meinen Plänen erzählt und fühlte mich deshalb ein wenig schlecht. Es war leicht seine Freunde zu hintergehen, aber es war nicht schön. Doch ich hatte keinen Grund gesehen, es ihnen zu erzählen. Eine sarkastische Stimme in meinem inneren wiedersprach, doch ich hörte nicht auf sie. Irgendwann, um zwölf rum kam endlich der Bus. Er war nur spärlich besetzt, sodass ich leicht einen Sitztplatz fand. Ein paar Jugendliche saßen in der letzten Reihe und lärmten vergnügt vor sich hin. Ein betrunkener lag in einem Vierer und schlief seinen Rausch aus. Sonst war ausser mir und dem Fahrer niemand im Bus. Panik stieg in mir auf. Ich war wahnsinnig. Wie solte ich je wieder lebend nach Hause kommen? Ohne nachzudenken, drückte ich auf den roten Stoppknopf. Der Bus wurde langsamer und hielt an der nächsten Haltestelle. Einer der Jugendlichen pfiff mir hinterher als ich ausstieg. Die Türen glittten hinter mir zu und ich stand da. Mitten auf einer Straße im Nirgendwo. Meine Kehle brannte und eine Träne lief mir über die Wange. Ich war wirklich wahnsinnig, keine Frage. Und eine Heulsuse. Es gab zwei Möglichkeiten. Ich musste der Straße in der Richtung folgen, aus der ich gekommen war. Oder ich wartete auf den nächsten Bus. Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit und ließ mich auf den feuchten Graßstreifen plumpsen, der am Straßenrand ums Überleben kämpfte. Meine Gedanken schweiften ab. Irgendwann musste mich die Müdigkeit überwältigt haben, denn plötzlich fuhr ich hoch, geblendet von grellen Scheinwerfern. ein Bus. Dankbar stand ich auf und stieg ein. iCH musste wohl ziemlich bemitleidenswert ausgesehen haben, denn der Fahrer ließ mich kostenlos mitfahren. Ich war die einzige im Bus und ließ mich auf den nächstbesten Sitz fallen. Mein Arbanduhr stand auf fünf Uhr. Ich seufzte. Als der Bus endlich wieder an der Schule vorfuhr schlich ich leise ins Haus und stellte mich unter die Dusche. Das Wasser plätscherte auf die kalten Fliesen. Dannach zog ich mich an und weckte die anderen. Kurz tendierte ich dazu, denn anderen von meinem Erlebniss zu erzählen, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Anthony war Nickis Freund.

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Tag der Veröffentlichung: 11.02.2011

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