Es hat sich schon mal einer totgelacht.
An einem sonnigen Nachmittag verbrachte der Einsiedler Morgan Freemantel seine beste Zeit, Fische aus dem nahegelegenen Bach zu angeln. Er nahm einen besonders dicken, zappeligen Regenwurm aus der angerosteten Dose und spießte ihn an den Haken. Aus heiterem Himmel stach ihn etwas in den Zeigefinger, kurz bevor er die Angel rauswerfen wollte. Mit schmerzerfülltem Blick starrte Morgan auf seinen Zeigefinger und hob seine Hand zum Gesicht: der Angelhaken hatte sich etwas in das Fleisch gebohrt, dass es trotzdem anfing leicht zu bluten.
„Scheiße!“ zeterte Morgan in Gedanken, während er sich den Angelhaken aus dem Finger zog. Dabei tropfte ein bisschen Blut direkt in die Dose mit den Regenwürmern hinein.
„Ist doch nicht so schlimm“ dachte er erleichtert. Gerade beim Auswerfen seiner Angelrute vernahmen seine Ohren ein leises Kichern von irgendwoher. Verdutzt drehte sich Morgan um und sah sich nach allen Seiten um. Seine Blicke wollten unbedingt ein Liebespaar im Gebüsch erspähen, spielende Kinder oder…
Aber nichts! Gar nichts! Schulterzuckend schwang er zum zweiten Mal seine Angel nach hinten und…
Es war schon wieder dieses Kichern in seinen Ohren.
„Verdammt noch mal! Wer lacht da?“ rief Morgan wutentbrannt, sein Gesicht wirkte angespannt. Zum zweiten Mal legte er die Angelrute auf das Gebüsch und horchte. Seine hastigen Blicke erspähten eine leere Wiese, sein Haus und unter ihm in Fußtiefe seine Dose mit Regenwürmern, die sich im erdigen Inhalt der Dose entlang schlängelten. Und da musste er mit Entsetzten feststellen, dass sie kleine Münder besaßen und leise vor sich hinkicherten. Das war Morgan nicht geheuer, deshalb stieß er mit einem leichten Kick die Dose um und lief in Richtung Holzhütte.
„Das muss wohl eine optische Täuschung gewesen sein“ dachte er so bei sich, als er an einem Steinlöwen vorbeilief – und nebenbei ein Blutstropfen aus dem Finger auf die Mähne tropfte. Und kurz nach der Berührung knirschten die Gelenke vom Kopf bis zu den Beinen. Mit zaghaften Bewegungen stellte sich der selbstgemeißelte weiße sitzende Marmorlöwe auf alle Viere und blickte dem Jäger hinterher. Sein Unterkiefer klappte wie eine Windklappe auf und nieder und kicherte mit heller Stimme.
Morgan stolperte, sah sich überall um und erblickte den Marmorlöwen. Er beschleunigte seine Schritte und erreichte sein Domizil nur sehr mührsam. Die Tür stand zum Glück offen, so dass Morgan nur noch hineinzustürmen brauchte. Was er leider nicht bedachte, war, dass beim Hineingehen der Türklopfer mit Blut befleckt wurde. Dadurch fing der Figurenkopf des Klopfers an zu lachen und verlor den Ring in seinem Maul.
„Endlich zu hause“ dachte Moragn erleichtert, knallte dabei die Holztür zu und blieb daran stehen. Ein Blutstropfen kam plötzlich auf die Holztür und blieb daran kleben. Einzelne Blutstränge verliefen, wie in Zeitraffer gefilmt, überall auf dem Holz rasend schnell herum und versickerten.
Schwer atmend und nervlich angeknackst schleppte sich Morgan zu seinem Schaukelstuhl am Kamin an der rechten Seite von der Haustür und ließ sich hineinsinken.
„Dann fällt das Mittagessen eben ins Wasser“ fluchte er. „Seit wann lachen denn Regenwürmer und Steinlöwen? Wenn ich das erzähle, glaubt´s mir kein SCHWEIN1 Die werden mich für verrückt erklären! ,Oh, seht mal´ werden sie mir zurufen. ,Das ist doch der Spinner, der behauptet, dass seine Regenwürmer husten´“
Langsam und unbemerkt drehte sich der große Elchkopf von der Wand gegenüber der Haustür nach dem Schaukelstuhl um. Noch in Gedanken versunken, wanderten Morgans Blicke zur Wand mit der Elchtrophäe und betrachtete sie interessiert. Sein Blick blieb daran hängen, bis sich der Elchkopf nach unten auf ihn zu bewegte; in seinen Glasaugen spiegelte sich Morgans verwirrtes Gesicht. Völlig unerwartet prustete der Elchkopf ein wahnsinniges mitteltiefes Lachen aus und es schien so, als ob er Morgan auslachen würde, wegen den ganzen Dingen, die ihm passiert waren. Morgans Augen starrten verwirrt auf diesen Kopf und er ließ sich von diesem Gelächter so sehr anstecken, als ob es kein schöneres Gefühl mehr gäbe als nur zu lachen.
Der Pumakopf neben dem des Elches bewegte sich ebenfalls auf Morgan zu; er zwinkerte ihm zu, riß sein Maul auf, entblößte seine messerscharfen Reißzähne und – fing ebenfalls an zu lachen. Auf dem Mülleimer stand die Fischgräte auf, stellte sich auf die Schwanzflosse und tanzte Pirouetten wie eine Ballerina. Als Morgan dies beim verkrampften Aufstehen vom Schaukelstuhl bemerkte, fing er an, immer lauter zu lachen. Sein Bauch zog sich zusammen, während er sich vor Lachen krümmte.
Die Familienbilder in den Rahmen an den Wänden schnitten pausenlos Grimassen; handgeschnitzte Tierfiguren lachten und tanzten auf den Wandregalen, sprangen herum, machten Bocksprünge und Kopfstand. Jedes Mal, wenn sich Morgan umsehen wollte, wurde er von einem neuen Gelächter durchgeschüttelt. Er merkte jedoch, dass er nicht mehr so gut atmen konnte, schnappte nach Luft und versuchte auf den Beinen stehen zu bleiben. Doch sobald wieder ein witziges Gedankenbild in seinem Kopf erschien, fing Morgan erneut an zu lachen und verolor wie ein Betrunkener fas sein Gleichgewicht.
„Ich… muss…“ brüllt eer, bevor ein neuer Lachausbruch folgte, „…das Gewehr holen!“
Kurz bevor Morgan auf die Wand zusteuerte, blickte er auf das Gewehr am Haken aufgehängt und machte danach die Augen zu. Seine Hände ergriffen es und rissen dran herum, bis sich der Gurt vom Haken löste. Das unaufhörliche Gelächter seiner Tiertrophäen wurde immer lauter. Morgan zielte mit der Flinte direkt auf den Elchkopf und bewegte seinen Finger zum Abdruckhahn.
„Tu es“ dachte Morgan, biss sich die Zähne zusammen und…
Da klopfte es an der Fensterscheibe. Die Aufmerksamkeit wurde schlagartig vom Elchkopf zum Fenster gewechselt, welches sich rechts neben der Haustür befand.
Ein Pfadfinder stand an der Auffahrt der Waldhütte und beobachtete, wie ein steinerner Löwe sich auf den Fenstersims lehnte und gegen die Scheibe klopfte. Unschwer zu erkennen war noch ein halbes Dutzend kleiner Regenwürmer, die rechts neben der rechten Pranke des Marmorlöwen umhertanzten, zu erkennen. Es machte auf ihn einen entsetzlichen Eindruck, was den Pfadfinder dazu bewegte, wegzulaufen. Ohne zu wissen, dass dort in der Hütte ein Jäger in tödlicher Gefahr schwebte.
Der Anblick des Marmorlöwen und den tanzenden Regenwürmern aus der Angeldose, die Morgan beim Angeln mit hatte, brachte den erschöpfren Jäger dazu, wieder zu lachen. Gerade als er hinsah, erkannte Morgan nicht die ausgehende Gefahr von seinem Gewehr, und …schoss auf den Gastank im Raum links neben dem Kamin und der kleinen Küche.
Was Morgan Freemantel kurz vor seinem Tod noch sah, waren der Löwe und die Regenwürmer mit dunklen HEINO-Sonnenbrillen und den passenden Perücken auf, die auf Kommando zähnefletschend grinsten – ehe der Tank explodierte.
Und das letzte, was Morgan noch tat, war lachen. Denn: Es hat sich schon mal einer totgelacht!
Ende
Tag der Veröffentlichung: 05.05.2012
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Widmung:
Dieses Buch ist meinen besten Freunden gewidmet, die man sich wünschen kann.