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Då - Damals

Ragnar

 

Ich starrte den Brief an, den ich  gerade gelesen hatte. Sofort hatte ich gewusst, dass es nichts gutes heißen konnte, wenn Post vom Notariat kam, aber dass es so schlimm war...

Es war eine Einladung zur Testamentsverlesung meiner vor 3 Tagen verstorbenen Großmutter Kerstin. Sie war die letzten 2 Jahre das einzige was ich vom meiner Familie noch hatte, nach dem Tod meiner Eltern. Doch nun war auch sie weg.

Voller Wut stand ich auf und warf den Stuhl gegen die Wand. Die Tatsache, dass ich sie das letzte Mal , nämlich auf der Beerdigung meiner Eltern, gesehen hatte , machte die ganze Sache noch schlimmer. Ich fühlte mich schuldig, und ich wollte auch eigentlich nicht zu dieser Testamentsvorlesung, da ich es nicht verdient hatte, auch noch etwas zu erben...

Doch ich wollte ein letztes Mal an den Ort zurück, der in den meisten meiner Kindheitserinnerungen vorkam...

 

 

~*~

 

Gunhild 

 

Wie jeden Abend seit meiner Kindheit saß ich im Vorgarten an den großen Apfelbaum gelehnt, und genoss die letzten Strahlen der warmen Augustsonne. Der Tod von Tante Kerstin hatte mich ganz schön mitgenommen. Sie war zwar nicht wirklich meine Tante gewesen, doch ich hatte sie gekannt seit ich auf der Welt war, und das waren immerhin schon 25 Jahre. Besonders die letzten fünf Jahre waren wir zusammengeschweißt, da wir zwei die letzten in Bullerbü waren.

Früher hatte das anders ausgesehen. Meine Eltern waren hier auf dem Mittelhof aufgewachsen, ebenso wie ich. Tante Kerstin hatte mit ihren Kindern und ihrem Enkel auf dem Südhof gelebt, und auf dem Nordhof hatten Inga und Bosse gelebt, welcher ein Bruder meiner Großmutter Lisa war, jedoch waren sie, Bosse und Inga schon vor einigen Jahren verstorben. Seitdem stand der Nordhof leer. Inga und Bosse hatten zwar zwei Töchter , jedoch waren diese schon vor einigen Jahren nach Spanien ausgewandert. Nun, und seitdem stand der Nordhof leer, nur ich schaute dort ab und zu mal nach dem Rechten.

Mein Vater war bereits vor 5  Jahren wegen eines Herzinfarktes verstorben, und meine Mutter nicht einmal ein Jahr darauf. Ich war mir sicher, dass sie die Trauer um den Tod meines Vaters und ihres so sehr geliebten Mannes einfach nicht hatte überwinden können. Und seitdem waren Tante Kerstin und ich alleine hier gewesen. Jedoch konnte mich nichts von hier fortbringen. Schon meine Großmutter hatte immer gesagt, dass ihr jeder Leid täte, der nicht hier wohnt. Und das konnte ich nur bestätigen. 

Leicht fröstelnd zog ich mir meine dünne Strickjacke etwas enger um mich. Es war zwar noch Sommer, aber bereits jetzt wurde es hier abends schon etwas kälter. Mittlerweile war die Sonne untergegangen, doch das hinderte mich nicht daran , weiterhin unter dem Baum zu sitzen , und den Duft von gemähtem Gras zu genießen. Schon oft war ich hier draußen eingeschlafen, doch das machte mir nichts aus. Nirgends konnte man so gut schlafen wie an der frischen Luft. Da ich aber morgen früh aufstehen musste, um die Kühe zu melken und dann weiter machen musste mit der Planung von Tante Kerstins Beerdigung, konnte ich mir das heute nicht erlauben. Und so stand ich widerwillig auf und ging ins Bett. 

Oväntat besök - Unerwarteter Besuch

 Gunhild

 

Leider klingelte der Wecker mal wieder viel zu früh. Und die Tatsache, dass ich  heute wieder mit dem Tod von Tante Kerstin konfrontiert werden würde, ließ mich noch weiter in mein weiches, warmes Bett gleiten. Mit halb geöffneten Augen schaute ich aus dem Fenster. Es war noch nicht einmal richtig hell, doch ich konnte die Kühe schon hören. Zwar waren es nur drei Milchkühe, aber es war trotzdem ein sehr mühsames Geschäft. Und so konnte ich mich schließlich doch noch dazu aufraffen aufzustehen und stand zehn Minuten später bereits frisch geduscht in der Küche. Ich feuerte noch schnell den Ofen an, um den Brotteig, den ich zum Glück gestern schon gemacht hatte, gleich backen zu lassen. Mit zwei Eimern und einem frisch gepflückten Apfel bewaffnet, machte ich mich auf in den Stall.  

“Guten Morgen meine Lieben,“ begrüßte ich die Kühe wie üblich. “Heute fang ich mit dir an, Agathe.“  Routinemäßig stellte ich den Schemel neben die Kuh, setzte mich darauf, und begann zu melken. Alle drei Kühe hatten erst vor kurzem gekalbt, also gab es auch noch eine Weile lang Milch. Als ich mit dem Melken fertig war, war es schon fast hell.

Ich liebte diese frühen Morgenstunden. Wenn die ersten Vögel begannen zu zwitschern, der erste Sonnenstrahl durch die grünen Baumkronen schien, dann fühlte es sich fast so an wie vor 20 Jahren. Wie schön war es damals gewesen, als wir damals, als Kinder noch, einfach einmal beschlossen hatten, am großen Weiher neben dem alten Schusterhaus im Freien zu schlafen. Doch das war schon lange her, und seitdem hatte sich einiges getan.

Doch ich konnte jetzt nicht in Erinnerungen schwelgen, ich musste noch einiges tun. Nicht dass ich die Arbeit hier nicht mochte, im Gegenteil ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen. Aber es musste nun einmal alles erledigt werden.

Und so füllte ich die Milch schnell in Flaschen, stellte sie in den Kühlschrank, und ging dann wieder in den Stall. Jetzt waren die Pferde dran. Grob striegelte ich beide kurz, und brachte sie dann auf die Koppel hinter den Stall. Die Boxen hatte ich schnell ausgemistet. Dann ließ ich die drei Kühe und den Bullen auf die Weide und entfernte so gut es ging auch den Mist aus dem Kuhstall. Mittlerweile war es schon halb acht, und bereits um zehn hatte ich einen Termin beim Notar. Eigentlich hatte ich nicht wirklich Lust dorthin zu gehen, doch ich tat es Kerstin zu Liebe. Nach der morgentlichen Arbeit im Stall war ich schon wieder so schmutzig, dass ich mich erst noch einmal duschen musste, bevor ich zu dem Termin konnte.

"Jetzt habe ich mir aber erst einmal ein Frühstück verdient!“, sagte ich zu mir selbst.

 

~*~

 

Ragnar 

 

Mittlerweile war es schon 10:05 Uhr , doch die Tür zum Notariat war immer noch verschlossen.

'Vielleicht bin ich ja doch falsch' fragte ich mich. Ein lautes, knatterndes Geräusch ließ mich aus meinen Gedanken schrecken. Neugierig schaute ich hinter mich und sah einen alten schwarzen Volvo neben meinem Porsche.  Laut fluchend stieg eine rothaarige Frau aus dem Volvo. Wie es aussah, regte sie sich über ihr Auto auf. Denn anstatt die Tür normal zu schließen, schlug sie sie mehrmals hintereinander ziemlich fest zu. Zu allem Übel klemmte sie bei dem Versuch, ihrem Auto Schmerzen zuzufügen, ihre Jacke ein, und wurde so gleich nach dem ersten Schritt wieder zurückgezogen, was mich automatisch zum Schmunzeln brachte.

Immer noch wütend befreite sie ihre Jacke aus der Tür und lief genervt an mir vorbei, direkt auf die Tür zu.

“Es ist zu.“, sagte ich zu ihr. Mit einem süffisanten Grinsen auf ihren vollen Lippen drehte sie sich zu mir herum. “Schon einmal was von ner Klingel gehört?“, erkundigte sie sich, und betätigte dabei die Klingel, welche sich, wie ich bedauerlicherweise feststellen musste, direkt neben der Tür befand.

Wer war diese Frau? Irgendwie kam sie mir bekannt vor. Kurz darauf öffnete auch schon ein etwas älterer Herr die Tür.

“Hei, Karl.“, wurde er sogleich von dem rothaarigen Nervenbündel begrüßt.  

“Oh, hallo Gunhild. Wartest du schon lange?“

“Nein“, antwortete sie, während sie auch schon an Karl vorbeilief.

“...bin gerade erst gekommen.“ Verständnisvoll nickte der alte Mann, und schaute dann mich erwartungsvoll an. “Und Sie sind?“

“Ähm, ich bin Ragnar Lundkvist, der Enkel von Kerstin...“

“Ach ja, kommen Sie rein! Nun kommen Sie schon.“, forderte er mich auf, lief dabei jedoch schon wieder zurück in das Haus. Während ich Karl folgte, waren meine Gedanken schon wieder zu dieser Gunhild gewandert. War sie etwa auch wegen Kerstin hier? Wohl kaum, da ich der letzte Verwandte war. Aber irgendetwas musste sie doch mit meiner Großmutter zu tun gehabt haben, sonst hätte sie sich sicherlich nicht auf einen der Stühle vor den Schreibtisch des alten Mannes gesetzt. Ich tat es ihr gleich, schaute sie dabei jedoch etwas verwirrt an. Dabei war ich so in meine Gadanken vertieft, dass ich gar nicht bemerkte, dass der alte Mann mich etwas gefragt hatte.

“Entschuldigen Sie, was sagten Sie?“, krächzte ich, während ich meine Augen - wenn auch nur langsam - endlich von dieser Gunhild löste.

“Sie sind also der Enkel von Kerstin, Herr Lundkvist? Haben Sie denn auch ihren Ausweis dabei? Ich muss das natürlich überprüfen.“

“Sicher doch.“, sagte ich, während ich aus meiner Brieftasche meinen Ausweis herauskramte. Während der alte Mann, Herr Svenson- das hatte mir das Namenschild auf seinem Pult verraten-  meinen Ausweis genauer betrachtete, herrschte ein bedrückendes Schweigen. Ich drehte mich ein wenig, so dass ich diese Gunhild etwas genauer mustern konnte. 

Wenn man genauer hinsah, konnte man sehen, dass sie ziemlich mitgenommen wirkte. Zwar hatte sie ihren Blick aufmerksam auf das Testament, welches vor uns auf dem Schreibtisch lag, gerichtet, doch ich konnte ihr ansehen, dass sie geistig nicht anwesend war.

"Nun gut, ich denke, es ist so weit alles in Ordnung, Herr Lundkvist," riss mich der Mann wieder aus meinen Gedanken.

"... und da nun soweit alle Formalitäten geklärt wären, würde ich Ihnen und Frau Nordström gerne das Testament vorlesen."

 

 

~*~

 

Gunhild

 

Nun hatte mich Karl doch aus meinen Gedanken gerissen. Bei dem Wort Testament war ich sofort wieder im Hier und Jetzt gewesen.

"Also," räusperte sich Karl noch einmal.

"Meine liebe Gunhild, ich weiß es ist kein erfreulicher Grund, weshalb du heute diese Worte von mir hörst, doch möchte ich dir, mein liebes Kind, sagen, dass du nicht traurig sein musst. Du bist nun zwar ersteinmal alleine auf Bullerbü, doch  ich bin mir sicher, dass sich das schnell ändern wird.

Nun aber zum eigentlichen Grund deines Besuchs bei Karl. Ich weiß, dass du  strikt dagegn sein wirst, etwas von mir anzunehmen, doch konnte ich Karl überreiden wenn nötig auch Gewalt anzuwenden, wenn du dich weigern solltest."

Dieser Satz war typisch Kerstin. Sie konnte mich tatsächlich nach ihrem Tod noch zum Lachen bringen.

"Ich vererbe dir meine Violine, auch wenn du sie nicht spielen kannst, so weiß ich doch, dass du schon immer davon geträumt hast, dieses Instrument spielen zu können. Außerdem glaube ich, dass sich bestimmt jemand finden wird, der es dir beibringen kann." Karl stoppte kurz und es sah so aus, als könnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, was mich doch etwas verwirrte.

"Zudem möchte ich dir meinen kompletten Bücherbestand vererben, auf das diese Bücher dich immer an unsere gemütlichen Stunden unter dem Apfelbaum erinnern werden."

Ich war den Tränen nahe, wollte jedoch nicht wie ein jämmerliches Mädchen aussehen, und so verkniff ich sie mir. An die Violine hatte ich schon gar nicht mehr gedacht, doch das minderte meine Freude keines Falls.

"Kommen wir nun zu Ihnen, Herr Lundkvist. Mein lieber Enkel Ragnar...", las Karl vor, als mir plötzlich klar wurde, wer da eigentlich neben mir saß. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, ihn hier nochmal zu sehen. Es war einige Jahre her, seitdem er das letzte Mal in Bullerbü gewesen war, und er hatte sich seitedem ziemlich verändert, und das nicht zum Schlechten.

Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er noch viel schlacksiger und nicht so muskulös gewesen wie jetzt, und er hatte seine Haare damals auch noch kurz getragen. Jetzt reichten sie ihm bis zu den Schultern, und auch der Bart war neu...

"...ich weiß, dass wir die letzten Jahre nicht so viel Kontakt hatten, doch ich weiß auch, dass du ein anständiger Mann geworden bist, der seinen eigenen Weg gehen musste. Vermutlich wird es dich etwas überraschen, doch ich denke, es wird dir gefallen zu hören, dass ich dir meinen Hof auf Bullerbü vererbe. Ich kann dir natürlich nicht vorschreiben, was du  damit machen sollst, doch ich hoffe, dass du dich dieses Mal richtig entscheiden und auf dein Herz hören wirst. In Liebe, Kerstin.

Nun, ihr zwei, das wäre es soweit gewesen. Bestehen Fragen bezüglich des Erbes?"

Immer noch fassungslos darüber, dass Kerstin diesem unverantwortlichen, selbstsüchtigen Kerl ihren kompletten Hof vererbt hatte, schüttelte ich sprachlos meinen Kopf. Ragnar war vermutlich ebenso überrascht über sein Erbe wie ich, denn in seinem Blick stand ebenso die pure Fassungslosigkeit.

"Ich erbe... den kompletten Hof?", brachte er mit einer leisen, aber sehr tiefen Stimme heraus.

Påminnelser - Erinnerungen

 Ragnar

 

Ich dachte erst, ich hätte mich verhört, hatte gedacht, es sei ein blöder Scherz gewesen. Doch nichts dergleichen. Dieser Hof würde nun wirklich mir gehören. Aber was sollte ich damit anfangen? Wollte ich denn hier bleiben? Die Antwort auf diese Frage hatte ich sofort parat. Nein.

Ich musste hier erst einmal raus, raus an die frische Luft. So bedankte und verabschiedete ich  mich von Karl, nickte Gunhild noch kurz zu, und eilte dann aus dem Raum. Draußen zündete ich mir dann zuerst eine Kippe an. Auch wenn ich wusste, dass es nicht gesund war, es beruhigte mich einfach.

Gedankenlos und ohne Orientierung irrte ich umher, bis ich irgendwann unter einer alten Linde stehen blieb, und mich auf eine Wurzel, die aus dem Boden herausragte, setzte.

Meine Gedanken waren ein einziges Wirrwarr. Wenn ich hier nicht bleiben würde, müsste ich den Hof verkaufen, oder vermieten, was ich jedoch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte. Wenn ich hier bleiben würde, würde ich alles, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut hatte, aufgeben.

Eins stand jedoch fest: So oder so würde ich mich falsch entscheiden.

Also ergriff ich die Flucht nach vorne. Ich würde vorerst einmal hier bleiben, mich ein wenig um das Anwesen kümmern, und wenn die Zeit reif war, würde ich den Hof verkaufen, und wieder zurück nach Stockholm fahren.

Jetzt musste ich mir jedoch zuerst einmal eine Unterkunft suchen.

Gerade als ich aufstehen wollte, kam jedoch Gunhild auf mich zugelaufen. Bei ihrem Anblick musste ich schmunzeln. Sie hatte sich kein bisschen verändert. Ihre Haare hatten das selbe Rot wie früher. Es sah fast so aus, als würde es brennen. Ihre Augen waren unverkennbar - strahlend grüne, runde Knopfaugen. Und den mürrischen Blick den sie mir jetzt zuwarf, war noch der selbe wie vor ein paar Jahren. Wieso nur hatte ich sie nicht gleich erkannt?

"Du weißt, dass es ungesund ist?", fragte mich Gunhild mit genervter Stimme und deutete dabei auf den Zigarettenstummel, den ich zuvor weggeschnippst hatte.

"Sag nicht, du sorgst dich um mich?", konterte ich, jedoch mit einem zu sarkastischen Unterton als gewollt, was mir von Gunhild nur einen angesäuerten Blick einbrachte.

'Vielleicht sollte ich wenigstens die nächste Zeit nett zu ihr sein, schließlich bin ich ja nicht lange hier?', überlegte ich mir.

"Wie geht es dir denn, Gunhild?", fragte ich sie, und versuchte dabei so ernst wie möglich zu klingen.

Doch selbst das verschaffte mir nur einen irritierten Blick ihrerseits, und sie machte auch nicht den Anschein, als wolle sie darauf ernsthaft antworten.

"Das hat dich doch die letzten Jahre auch einen Dreck interessiert," wurde da auch schon meine Vermutung bestätigt. Egal was ich ihr sagen würde, sie würde es mir doch nicht abkaufen. Und so ging ich ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei und stieg in mein Auto. Eigentlich sollte sie mir völlig egal sein, ich durfte sie nicht mögen, schließlich hatte sie mich damals ...'Hör auf daran zu denken', schalt ich mich selbst.

Wütend startete ich den Motor meines teuren Autos, und fuhr los, jedoch nicht ohne zuvor noch einmal einen Blick auf Gunhild zu werfen.

 

~*~ 

 

Wie schaffte sie es nur, schon nach so kurzer Zeit wieder so resistent in meinen Gedanken zu sein? All die Jahre über hatte ich es geschafft, sie aus meinem Kopf zu verdrängen - das hatte ich zumindest geglaubt. Eigentlich hätte ich mich auf's Fahren konzentrieren sollen, und so kam es, wie es kommen musste, und ich hatte mich verfahren. Es war eben doch schon eine Weile her, als ich das letzte Mal in Bullerbü war. Da ich wirklich überhaupt nicht wusste, wo ich mich befand, beschloss ich rechts ranzufahren und auszusteigen. Die Umgebung kam mir bekannt vor, musste ich feststellen, als ich ausgestiegen war und mich ein wenig umgesehen hatte. Doch da konnte ich mich auch täuschen. Etwas entfernt von mir, konnte ich ein altes Häuschen erkennen.

War das nicht das alte Schusterhäuschen?

Das musste es sein. Wie hatte ich es hier geliebt.  Wie oft hatten wir hier zusammen als Kinder gespielt.

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Die  Landluft vernebelte mir jetzt schon die Sinne, das durfte ich auf keinen Fall zulassen. Ich wollte hier nur ein paar Wochen nach dem Rechten sehen, danach würde ich sofort wieder nach Stockholm fahren, und weiter als erfolgreicher Anwalt arbeiten. So wie ich es immer wollte.

So setzte ich mich mit klarem Kopf wieder hinter das Steuer meines  Porsches,  und fuhr in die Richtung, die mir irgendwie bekannt vorkam.

Tatsächlich hatte ich ein sehr gutes Gedächtnis,  denn nach einigen Minuten hatte ich den Hof wirklich erreicht.

Etwas unwohl war mir schon, als ich nun vor meinem alten Zuhause stand. Dem Südhof. Es sah gepflegt aus. Sicher war das Gunhild zu verdanken. 

Gunhild. War sie jetzt auch hier? Ich hatte sie nicht hier her fahren sehen. Wohnte sie überhaupt noch hier? 

"Das hat dich nicht zu interessieren!", schalt ich mich selbst.

Zögerlich stieg ich aus dem Auto aus, und ging auf diesen wunderschönen alten Hof zu.

Das Gartentor quietschte beim Öffnen, wie vor 20 Jahren.

Auch die alten Apfelbäume standen immer noch im Vorgarten. Und an einem hing noch die Schaukel, die ich mit Gunhild zusammen aus einem Brett und zwei Seilen gebastelt hatte.

Meine Hand lag bereits auf der Türklinke,  ich musste nur noch den Schlüssel umdrehen, doch ich hatte tatsächlich Angst.

Ich wusste nicht vor was, doch es durchflutete mich einfach ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken,  jetzt dort hinein zu gehen.

Aber ich würde wohl nicht drumherum kommen.

Und so öffnete ich die Tür, und nahm sofort den altbekannten Geruch meiner Kindheit wahr.

Auf den ersten Blick hatte sich hier nicht viel verändert. Die Wände hatten die selbe Farbe - nämlich weiß - und die

Möbel standen,  sofern ich mich entsinnen konnte, an den gewohnten Plätzen.

Es waren Kleinigkeiten,  die hier neu waren.

So wie zum Beispiel, dass die Wände neu gestrichen sein mussten, da die Farbe nicht mehr so wie früher abblätterte. Auch die vielen Bilder, die sich vom Eingang bis in das Wohnzimmer  an den Wänden erstreckten, waren neu.  Es waren Bilder meiner Eltern, die hinzugekommen waren, aber auch Bilder von mir als Kind, zusammen mit meinen Eltern, und meiner Großmutter Kerstin. Auf einigen Bildern waren aber auch Gunhild und ich als Kinder zu sehen, und es gab auch viele, auf denen nur Gunhild abgebildet war. 

Ein Bild hatte es mir besonders angetan. Darauf zu sehen waren Gunhild und ich vor elf Jahren. Es war an meinem 16 Geburtstag aufgenommen worden. Ich wusste noch genau, wie schön dieser Tag gewesen war. 

Es war am Abend des 15 Julis gewesen, eine typische Geburtstagsfeier auf unserem Hof. Wir hatten alle den Tag über viel Kuchen gegessen, Kaffee getrunken, lustige Spiele gespielt, und uns alle möglichen Geschichten erzählt. 

Am Abend waren wir wie immer auf das große Feld, das etwas höher liegt als die Höfe, gegangen. Dort wurde dann immer gegrillt, Lieder wurden gesungen und von Instrumenten begleitet. Es war einfach unglaublich. 

Gunhild hatte gemeint, sie hätte ein ganz besonderes Geschenk für mich, doch ich würde es erst später bekommen, was ich auch tat. 

Als wir alle gemütlich zusammen saßen, und schon einige Lieder gesungen hatten, hatte Oma Kerstin ihre Violine ausgepackt.

“So, und jetzt bekommst du mein Geschenk!“,  hatte Gunhild freudestrahlend gesagt, und mich dabei an den Händen gepackt und mitgezogen. 

Dann hatte meine Oma angefangen Violine zu spielen, und zwar ein Stück, dass mir nur all zu gut bekannt war. Es war mein Lied, das erste und letzte Lied, das ich selbst komponiert hatte, nachdem mir Kerstin über Jahre hinweg das Spielen beigebracht hatte.

Und so hatte es damals dann meine Oma gespielt. Ich war zunächst etwas überrumpelt, doch dann hatte Gunhild angefangen zu singen. Sie hatte mir gegenüber gestanden, und hatte mich keine Sekunde aus den Augen gelassen, genau so wenig wie ich sie. Selbst wenn ich es hätte wollen, hätte ich meinen Blick nicht von ihr wenden können. Gunhild sah damals aus wie eine Göttin. Das lange weiße Kleid lag wie angegossen an ihrem Körper, ihre feuerroten Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten gewesen, die sich mit der Zeit jedoch größtenteils schon aufgelöst hatten, und sich auch schon mit dem Blumenkranz, den sie sich gebunden und aufgesetzt hatte, verheddert hatten. 

Auf dem Foto war genau das zu sehen. Ich trotteliger Junge, der die 14- jährige Gunhild anstarrte, die gerade dabei war, ihren selbst gedichteten Text über unsere Freundschaft zu dem von mir komponierten Lied zu singen.

Irgendwann hatte mich dann die pure Freude gepackt, und ich hatte meine beste Freundin an ihren kleinen Händen geschnappt, und mich wie wild mit ihr passend zur Musik im Kreis gedreht. 

Aber das war schon lange Vergangenheit. Viel hatte sich seither verändert, und nichts war mehr wie damals. Erst recht nicht mein Verhältnis zu Gunhild. 

Doch daran wollte ich keinen einzigen Gedanken verschwenden. 

Das alte Haus war nicht groß, doch es gab viel, bei dem ich zweimal hinschauen musste. Einfach alles hier erinnerte mich an etwas, das ich bis heute nicht vergessen hatte. Schlimm nur, dass in jeder Erinnerung auch Gunhild vorkam.

“Scheiße! Reiß dich zusammen, du Trottel!“, schrie ich mich selbst an. 

Voller Wut schlug ich mit geballter Faust gegen den alten Holzschrank im Wohnzimmer, was ich aus mehreren Gründen besser gelassen hätte. 

Meine Knöchel schmerzten furchtbar, da ich mir die Haut aufgeschlagen hatte, so dass es blutete. Im Schrank hatte es sich angehört,  als sei Glas zu Bruch gegangen, und dann war auch noch etwas großes Schwarzes von dem Schrank auf der anderen Seite heruntergefallen.

Die blutbedeckte Faust interessierte mich herzlich wenig. Da hatte ich schon mehr einstecken müssen. Ich hoffte jedoch, dass ich das, was sich im Schrank befand, nicht beschädigt hatte. 

Vorsichtig öffnete ich die Tür, und schon kamen mir die ersten Scherben entgegengerollt. 

Klasse. Das waren die antiken Weingläser von Kerstin gewesen. 

Zum Glück waren jedoch nur zwei zu Bruch gegangen, was sich auch schnell beseitigen ließ. Nach all den Jahren befanden sich die Schaufel und der Handbesen immer noch in der Küche unter der Spüle, und so hatte ich den Beweis für meine angestaute Wut schnell entsorgt. 

Doch um das schwarze Ding musste ich mich noch kümmern.

Bei besagtem schwarzen Ding handelte es sich zu meinem Überraschen um die Violine, die Kerstin Gunhild vererbt hatte. 

Das schwarze Ding war nämlich der Koffer, den die Violine schon seit langer Zeit nicht mehr verlassen hatte.

Hoffentlich war sie nicht kaputt. Gunhild würde mir den Kopf abreißen, jetzt da sie ihr gehörte. 

Auf den ersten Blick schien nichts beschädigt zu sein. Alles saß da, wo es hingehörte, und nichts war abgebrochen. 

Gerade noch mal Glück gehabt.

Erleichtert sackte ich auf dem Sofa zusammen, und starrte die Violine, die ich auf meinen Schenkeln liegen hatte, an. 

Ob ich wohl noch spielen konnte? Das war doch wie Fahrradfahren.

Und so packte ich entschlossen den Bogen aus dem Kofer, und legte ihn an die Saiten an. 

Ein weiterer Fehler an diesem Tag. 

Vermutlich hatte schon seit Ewigkeiten niemand die Saiten gestimmt, da es sich anhört,  als würde etwas qualvoll sterben. 

Also versuchte ich, so gut es eben ging, sie nach Gehör zu stimmen. Immerhin hatte ich das früher auch geschafft.

 Es dauerte auch nur wenige Minuten,  und so startete ich einen zweiten Versuch.

Als hätte ich nie etwas anderes getan, schaltete ich meinen Kopf ab, und spielte drauf los.

Es war ein Stück, das mir Kerstin immer vorgespielt hatte, und welches das erste Lied war,  das sie mir beigebracht hatte.

Eigentlich passte es überhaupt nicht zu meiner momentanen Situation. Das Lied war fröhlich,  und voller Lebenskraft. Aber ich wollte nicht weiter darüber nachdenken. 

Das Spielen machte mir Spaß,  und es fühlte sich so an, als sei Kerstin anwesend, und würde mir zuhören. 

Der Gedanke gefiel mir. Wo auch immer sie gerade war, so war ich mir doch sicher, dass sie mich gerade beobachtete. Und genau deshalb, wollte ich nicht aufhören zu spielen. Ich wollte nicht,  dass sie wieder von  mir ging. Ich wollte es mir einfach nicht eingestehen,  dass sie für immer weg sein, und ich sie nie wieder sehen würde. 

Das konnte selbst ich nicht verdrängen. Was war ich nur für ein egoistisches Schwein gewesen? Kerstin war fort, und ich hatte mich nicht einmal angemessen verabschieden können.  Ich wusste nicht einmal mehr, was die letzten Worte gewesen waren, die ich ihr gesagt hatte.

Diese Gedanken machten mich wahnsinnig und verrückt,  und so legte ich mit zittrigen Händen die Violine auf das Sofa. Meine Nerven mussten beruhigt werden.

Und so ging ich in die Küche,  wo sich Kerstin's geheimer Alkoholvorrat befand. Nicht, dass sie jemals alkoholabhängig gewesen wäre, das nicht. Doch Kerstin hatte immer zwei oder drei Flaschen ihres Lieblingsweines  versteckt, für den Fall, dass es mal etwas überraschendes zu feiern gab, oder auch für Notfälle. 

Ich war gerade neun gewesen, als ich herausfand, wo sich das Versteck befand.

Die Jungen in meiner Klasse hatten ständig irgendwelche Mutproben veranstaltet, und ich hatte jede mitgemacht. Mussten wir nun vom Dauch aus in einen Heuhaufen springen, oder über den noch nicht ganz vereisten See beim alten Schusterhäuschen laufen, ich war bei allen dabei gewesen.

Die letzte Mutprobe die ich eingegangen war, war die dümmste gewesen.

Ich sollte einen Gegenstand aus dem Haus unserer Mathelehrerin Frau Helström klauen.

Zunächst fand ich die Idee ganz witzig, da Frau Helström nicht mehr die Jüngste war, und sie in der Schule immer etwas verwirrt wirkte. Es schien mir so einfach zu sein.

Also klingelte ich eines Nachmittags bei Frau Helström,  die verwundert die Tür öffnete. 

Ich sagte ihr, ich wollte ihr einfach nur ein wenig Gesellschaft leisten, und mit ihr einen Becher Kakao trinken, was sie nur zu gerne annahm.

Zunächst war es etwas komisch für mich, wer besuchte auch schon freiwillig seine Lehrerin?

Aber mit der Zeit fand ich es eigentlich ganz spannend.

Die alte Frau hatte so viele spannende Geschichten zu erzählen,  dass ich ganz vergaß,  weshalb ich eigentlich gekommen war. Als sie dann das nächste Mal in die Küche ging, um uns noch ein paar Kekse zu holen, schaute ich mich ein wenig in ihrem Wohnzimmer um. Ich ließ meinen Blick über das große Regal schweifen, und blieb an einer alten Fotografie hängen.  Sie zeigte ein kleines Mädchen in einem Kleid, das neben einem Mann stand. Beide lächelten und sahen glucklich aus.  Also hatte ich nicht lange gezögert,  und das Bild eingepackt.

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 23.03.2015

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Ich widme dieses Buch all jenen, die sich über ihre Kindheit hinaus noch an den wunderbaren Werken Astrid Lindgrens erfreuen können. Und natürlich all jenen, die sich im Laufe der Zeit ihre Kindheit im Herzen bewahrt haben!!

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