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Vorwort

Bei Recherchen zu einer Facharbeit tat sich mir ein Problem auf, das erst bei näherem Hinsehen zum Problem wird. Die Fachliteratur bringt Sozial- und Medizingeschichte nur im jeweiligen Bezug zum behandelten Ressort.

Noch etwas stach mir ins Auge: Ein interessierter Laie, der mit medizinischen und wissenschaftlichen Termini nichts oder nur wenig anzufangen weiß, versteht nur die Hälfte vom Geschriebenen. Derjenige, welcher sich nur einen Überblick darüber verschaffen möchte wie die jeweilige Epoche mit Behinderten umzugehen pflegte, muss sich durch viele „Wälzer" quälen und sich Markantes heraus picken. Zudem ist in neuerer Geschichte Behinderung stets verbunden mit Darwinismus, Sozialdarwinismus, Eugenik, Euthanasie, Genetik, Rassenhygiene, Sterilisation. Es ist teilweise schwer durchschaubar behandelt. Will man aber die gegenwärtigen Diskussionen um Pränataldiagnostik, Humangenetik usw. in ihrer Tragweite begreifen, sollten die Grundlagen verinnerlicht sein. Eben oben genannte Termini und ihre „Einbettung" in die Sozialgeschichte.

Ich nahm mir deshalb vor, ein Buch zu schreiben, dass das Wesentlichste bringt und allgemein verständlich ist. Ursprünglich war ich dem Wahn verfallen, ich könne das 3. Reich getrost weglassen - es ist darüber schon genug publiziert worden und nur die Zeit davor beleuchten. Nun - es ist mir nicht gelungen. Ich hatte, wie man so treffend zu sagen pflegt, ein bzw. mehrere AHA-Erlebnisse, die die Ereignisse von 1933 - 1945 in einem anderen Licht erscheinen lassen und die wollte ich niemandem vorenthalten. Der geneigte Leser wird beim Lesen der Lektüre selbst darauf kommen. Manche Zusammenhänge werden für den offenen Leser verständlicher. Es wird nicht jedem gefallen. Doch wollte ich meine Erkenntnisse zu Papier bringen da ich verwundert war, dass noch kein anderer zu diesen verblüffenden, wenn auch unbequemen Erkenntnissen gekommen ist. Daraus resultierte nicht zuletzt auch mein kritischer Blick auf die Gegenwart und Zukunft. Es ist ein Buch das einfach und allgemeinverständlich geschrieben die wesentlichsten Etappen der Behindertengeschichte beleuchtet, neue Erkenntnisse gewinnt, wachrütteln soll und unterhaltsam provoziert. Auf keinen Fall ist es ein optimistisches Buch.  

1. Einleitung

Bei Recherchen zu einer Facharbeit tat sich mir ein Problem auf, das erst bei näherem Hinsehen zum Problem wird. Die Fachliteratur bringt Sozial- und Medizingeschichte nur im jeweiligen Bezug zum behandelten Ressort.

Noch etwas stach mir ins Auge: Ein interessierter Laie, der mit medizinischen und wissenschaftlichen Termini nichts oder nur wenig anzufangen weiß, versteht nur die Hälfte vom Geschriebenen. Derjenige, welcher sich nur einen Überblick darüber verschaffen möchte wie die jeweilige Epoche mit Behinderten umzugehen pflegte, muss sich durch viele „Wälzer" quälen und sich Markantes heraus picken. Zudem ist in neuerer Geschichte Behinderung stets verbunden mit Darwinismus, Sozialdarwinismus, Eugenik, Euthanasie, Genetik, Rassenhygiene, Sterilisation. Es ist teilweise schwer durchschaubar behandelt. Will man aber die gegenwärtigen Diskussionen um Pränataldiagnostik, Humangenetik usw. in ihrer Tragweite begreifen, sollten die Grundlagen verinnerlicht sein. Eben oben genannte Termini und ihre „Einbettung" in die Sozialgeschichte.

Ich nahm mir deshalb vor, ein Buch zu schreiben, dass das Wesentlichste bringt und allgemein verständlich ist. Ursprünglich war ich dem Wahn verfallen, ich könne das 3. Reich getrost weglassen - es ist darüber schon genug publiziert worden und nur die Zeit davor beleuchten. Nun - es ist mir nicht gelungen. Ich hatte, wie man so treffend zu sagen pflegt, ein bzw. mehrere AHA-Erlebnisse, die die Ereignisse von 1933 - 1945 in einem anderen Licht erscheinen lassen und die wollte ich niemandem vorenthalten. Der geneigte Leser wird beim Lesen der Lektüre selbst darauf kommen. Manche Zusammenhänge werden für den offenen Leser verständlicher. Es wird nicht jedem gefallen. Doch wollte ich meine Erkenntnisse zu Papier bringen da ich verwundert war, dass noch kein anderer zu diesen verblüffenden, wenn auch unbequemen Erkenntnissen gekommen ist. Daraus resultierte nicht zuletzt auch mein kritischer Blick auf die Gegenwart und Zukunft. Es ist ein Buch das einfach und allgemeinverständlich geschrieben die wesentlichsten Etappen der Behindertengeschichte beleuchtet, neue Erkenntnisse gewinnt, wachrütteln soll und unterhaltsam provoziert. Auf keinen Fall ist es ein optimistisches Buch.  

2. Die Zeit davor

Der Mensch der Neuzeit ( homo sapiens ) hat sich in etwa 70 Millionen Jahren entwickelt. Bis zu dieser Stufe benötigten Anpassung und Auslese allein Millionen Jahre. Bis heute hat sich der menschliche Organismus den Anforderungen des aufrechten Ganges noch nicht völlig adaptiert. Einige Beispiele mögen das belegen.

Als Folge der Überbürdung neigt nur der Mensch zu Beinverkrümmungen, Veränderungen der Gelenke des Fußgewölbes und der Fußgelenke sowie zu Verkrümmungen der Wirbelsäule und zu Bandscheibenvorfall. Der aufrechte Gang verursachte eine solche Entwicklung des Schädels, das Stauungen der Sekrete in den Stirn- und Kieferhöhlen auftreten können. Die Lungenspitze ist schlecht durchblutet und daher empfänglicher für Tbc. Das Herz und die Gefäße der unteren Extremitäten sind überlastet. Die Blutsäule über den Unterschenkelvenen hat nicht mehr eine Höhe von etwa 30 cm (der Mensch würde als Vierbeiner etwa 60 cm hoch sein), sondern bei einer Größe des aufrecht stehenden Menschen von etwa 160 cm beträgt die Höhe der Blutsäule rund 130 cm, d. h. die Venenwände der Waden haben mindestens den vierfachen Druck auszuhalten. Behinderungen sind quasi in der Evolution einkalkuliert. Aber das nur nebenbei. Der Australopithecus war der erste wirkliche Hominid; der Homo erectus hatte den ersten menschlichen Körperbau. Auf etwa diese Zeit sind die ersten sozialen Verhaltensweisen im Umgang mit Behinderten belegt. 1960 entdeckten Wissenschaftler in einer der Shanidar - Höhlen Grabstätten des Homo neanderthalensis. Dieser Fund und viele andere belegten erstmals die schon menschlichen Verhaltensweisen dieser unserer Vorfahren. So lassen sie zum Beispiel den Schluss zu, dass die Neandertaler ihre Behinderten Stammesgenossen gut behandelten. An mehreren Knochen eines 40jährigen Mannes wurde festgestellt, dass er von Geburt an verkrüppelt war. Obwohl er nicht für sich selbst sorgen konnte, hatte er dennoch mit Hilfe der Gruppe ein für die Neandertaler hohes Alter erreicht. Die Neanderthaler gingen wahrscheinlich so „human" mit den Gebrechlichen um, weil man ihn als den „Ihren" erkannte. In Seeberg fand man ein Steinkistengrab eines fünfjährigen Kindes mit einem Hydrozephalus. Ein solches Kind konnte in der jüngeren Steinzeit das Alter von fünf Jahren nur durch gute Pflege erreichen. Andererseits kann man davon ausgehen, dass „nutzlose Esser" bei bestimmten widrigen Bedingungen wie Nahrungsmittelknappheit wenn schon nicht umgebracht, so doch sich selbst überlassen wurden. Einer Theorie zufolge könnten wir unser Dasein der Verfolgung und Vertreibung „Missgebildeter" verdanken. Aufgrund einer Großmutation wuchsen in einer Gruppe Neanderthaler vielleicht plötzlich Jugendliche heran, die mit hoher Stirn, plattem Gesicht und für einem „normalen" Neanderthaler lächerlich dünner Körperbehaarung anders aussahen als ihre Artgenossen. Weil die Stammesmitglieder sie für missgebildet hielten verjagten sie diese Verwandten, die sich durch Inzucht in einigen Generationen zu einer neuen Art, dem „verständigen Menschen" Homo sapiens entwickelten. Der Homo neanderthalensis verschwand, wie bekannt, recht plötzlich aus der Geschichte.

 

Nach einer anderen Theorie, dessen berühmtester Verfechter der von mir ob seiner innovativen Forschungen geschätzte Erich von Däniken ist, wurde der primitive Urmensch von Außerirdischen durch Genmanipulation zum Homo sapiens mutiert. Körperlich Schwache erhielten eine Überlebenschance, nachdem die anderen Mitglieder eines Stammes in der Lage waren, einen wirtschaftlichen Überschuss, vor allem an Nahrung, zu erlangen. Das Überleben der geistig und körperlich Andersartigen hing jedoch nicht nur von den ökonomischen Voraussetzungen ab. Ausschlaggebend waren vielmehr auch die herrschenden Gebräuche, Riten oder magischen Vorstellungen.

 

Von einigen germanischen Stämmen ist bekannt, dass sie ein behindertes Neugeborenes töteten, wenn der Vater es nicht annahm. Es ist möglich, dass diese Tötungspraxis schon damals missbraucht wurde, da sich zum Beispiel bei den Friesen ein Volksrecht herausbildete bei dem nur noch die Mutter ihr Kind straflos töten durfte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine körperliche Abweichung oder Unzulänglichkeit bei den Naturvölkern immer ein nicht ausgleichbarer Nachteil war. Ob dem Behinderten überhaupt ein Leben zugebilligt wurde, entschieden die Vorstellungen seiner Umwelt, in die er hineingeboren wurde.

Mit der Entstehung der ersten Klassengesellschaften erhält auch die Frage der Behindertenbehandlung eine neue Qualität. Mit der Aufteilung des Volkes in arm und reich drängt sich der Faktor in den Vordergrund, ob die Reichen das Überleben eines Krüppels oder eines Irren als notwendig erachteten. Schon in Mesopotamien vor 5000 Jahren wurde derart über das Leben eines Behinderten bestimmt. Nach den babylonischen Hammurabi-Gesetzen (gegen 2000 vor Christus) hatte der Vater das Recht, sein Neugeborenes in den Brunnen zu werfen oder den wilden Tieren zum Fraß zu geben. In dieser ersten Hochkultur besaßen Priester die übergreifende Macht. Sie eigneten sich ärztliches und chirurgisches Wissen an und gaben dieses nur an auserwählte Gelehrte weiter. Arme und Krüppel konnten nicht zahlen und blieben auf der Strecke. Die Priester besaßen auch den entsprechenden Rückhalt in der/ in ihrer Religion:

 

„Wer mit den Göttern in Einklang lebt, ist gesund und glücklich, wer die Gebote missachtet, wird krank."

 

Die Krankheit als Fluch der Sünde und der solcherart mit Krankheit geschlagene als Vorbote des Unheils. Eine Tontafelinschrift prophezeit:

 

„Wenn eine Sklavin ein Kind ohne Mund gebiert, wird die kranke Herrin des Hauses sterben."

 

Auch Irre wurden beobachtet. Die äußeren Symptome der Erkrankungen sind schon um ca. 2000 v.Chr. von den Babyloniern wie auch von den Ägyptern so gut beschrieben worden, daß es uns heute noch möglich ist, die Krankheitsbilder zu identifizieren. Was im Inneren, im Gemüt und im Verstand dieser Kranken vor sich ging, entzog sich jedoch der Beobachtung und blieb - bis heute - für viele Krankheiten ungeklärt. In Babylonien machte man göttliche und übernatürliche Kräfte für die Entstehung von Geistes- und Gemütskrankheiten verantwortlich.

Die Sumerer befassten sich schon 4000 v. Christus mit den Problemen Behinderter. Man fand Tafeln mit einer Dichtung über die Schöpfung des Menschen im allgemeinen und der verschiedenen Arten der Behinderungen des Menschen. Gott Enki und Göttin Ninmah formen, berauscht vom Wein, sechs Typen anomaler Wesen. Leider sind Art und Beschreibung der ersten vier verlorengegangen. Die beiden letzten sind die unfruchtbare Frau und der geschlechtslose Mensch.

„Enki erschafft nun auch eine Kreatur, welche ganz fehlgeschlagen ist. Sie hat einen sehr dürftigen Körper, und der Geist ist schwach. Nun bittet Enki Ninmah, diesem Wesen zu helfen. Ninmah versucht alles, was sie kann, aber ohne Ergebnis. Sie spricht zu ihm, er antwortet nicht, sie bietet ihm Brot an, aber er streckt die Hand nicht aus, es zu ergreifen."

Es folgt eine Unterhaltung zwischen Enki und Ninmah, hier fehlen Teile der Dichtung, aber es ist zu ersehen, dass Ninmah beim Anblick dieses kranken Wesens Enki verflucht. In dieser Dichtung wiederholt sich die Forderung: Gib ihm Brot zu essen. In etwa dieser Zeit beginnt die Handlung des Alten Testaments. Ein gewisses karitatives Moment klingt auch hier durch. Der Messias wird von den Propheten als der große Schmerzensmann vorausgesagt, der der Verachtetste und Geringste ist (Is 53,5) und die Heilszeit bringen wird:

 

„Dann öffnen sich der Blinden Augen, erschließen sich der Tauben Ohren. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch; des Stummen Zunge jubelt"

 

Auch von Taten weiß das Alte Testament zu berichten (Job 29.15):

 

„Auge war ich dem Blinden und Fuß dem Lahmen"

 

Moses drohte dem Volk Israel, daß es „mit Wahnsinn, Blindheit und Rasen des Herzens" geschlagen werde, wenn es nicht Gott gehorche. In Jeremias Kapitel 29/26 sagte der Priester Semaja von Nehalam von sich, er solle „Aufseher sein im Hause des Herrn über alle Wahnsinnigen und Weissager" und sie „in den Kerker und Stock" legen. Bei den Ägyptern wurde Rücksicht, Hilfsbereitschaft, ja fast Anbetung geradezu gefordert. Der Blinde steht unter dem besonderen Schutz des Himmelsgottes, also tat man gut daran, einem Blinden zu helfen. Eine Grabschrift rühmt von einem Verstorbenen:

 

„Er war das Auge des Blinden"

 

Erblindungen waren in Ägypten häufig, wie ja Augenkrankheiten die ihre Ursache im trockenen Klima haben, überhaupt dort sehr verbreitet waren. Krüppel und Zwerge wurden rücksichtsvoll behandelt. „Verhöhne keinen Zwerg und schädige nicht die Glieder eines Verstümmelten."

 

 

In einer Grabinschrift wird von jemandem gesagt:

 

„Er war der Fuß der Lahmen."

 

Geisteskrankheiten begegnete man mit frommer Scheu.

 

„Verhöhne nicht einen Mann, der in der Hand Gottes ist, und sei nicht grimmig gegen ihn, wenn er fehlt. Der Mensch Lehm und Stroh, der Gott ist sein Maurer. Er zerstört und er baut täglich"

 

Auch hier durften Schwächliche, Verkrüppelte und Missgeburten, allerdings unbemerkt von der Mutter, erstickt werden. Besonders erwähnenswert ist die ausgeprägte Neigung zur Inzucht! Sie wurde sogar in der Religion verankert. Osiris und Isis, zwei miteinander verheiratete Götter, waren die am meisten verehrten - und es waren Geschwister! Hierin kommt das rassenhygienische Prinzip der Ägypter zum Ausdruck, bei denen Ehen zwischen Geschwistern und sogar zwischen Vater und seinem Kind als für die Vererbung wertvollster Eigenschaften erwünscht sind. In den Königsfamilien war sie geboten; doch selbst ein Laie kann die Folgen des Inzest an den Mumien erkennen. Im Indien der damaligen Zeit gab es Pantschatantra, eine Heilslehre, die sich mit der körperlichen Norm befasst und Anomalien beschreibt und streng festlegt. Trotz positiver Ansätze dieser Lehre, wird der gesunde, normale Mensch dem „Minderwertigen" vorgezogen. Lieber soll eine Mutter kein Kind als ein unverständiges gebären. Es werden allerdings auch pädagogische Anweisungen gegeben, die den „Minderwertigen" auf eine höhere Stufe heben soll. Vor der Ehe müssen viele sozial- und rassenhygienische Vorschriften beachtet werden.

 

„Der Bräutigam sei sorgfältig in der Mannbarkeit geprüft"

 

„Der Brahmane nehme eine Frau aus einer durch zehn Männer berühmten großen Familie von Vedakundigen (Weda = heilige Schrift der Brahmanen. d.V.), aber nicht aus einer noch so wohlhabenden, wenn sie mit einer erblichen Krankheit behaftet ist." (33; S.36)

 

Auch der Koran gibt Anweisungen zur häuslichen Behandlung Unnormaler. Der vierte Vers der vierten Sure lautet:

 

„Und gebet nicht den Schwachsinnigen euer Gut, das Allah euch gegeben hat. Versorget sie aber mit ihm und kleidet und sprecht zu ihnen mit freundlichen Worten."

 

Um die Familie, und damit das Volk rein und gesund zu erhalten forderte man im alten China eine strikte Reinhaltung der Rasse. Es ist nicht überliefert was mit Behinderten geschah, aber vorzustellen ist eine Bekämpfung derselben. Berühmt geworden ist der Chinese Chih-sung-tzu. Sein fünfbändiges gerichts- medizinisches Werk gilt als das älteste der Welt. Er selbst soll 1200 Jahre alt geworden sein.

 

Mit den Fortschritten auf den Gebieten der Wissenschaft und Medizin und ihren bahnbrechenden Erkenntnissen ergaben sich auch Möglichkeiten der Hilfe für Behinderte. Doch die Realität sah für Missgebildete anders aus. Die Diskrepanz zwischen Möglichkeiten der Heilung und der Aufhebung der gesellschaftlichen Ächtung war nirgends größer als im antiken Griechenland. Einerseits große medizinische Fortschritte, andererseits Erniedrigung, Verstecken oder Tötung der Krüppel.

Die Philosophische Anthropologie nahm in dieser Zeit ihren Anfang. Bedeutungsvoll für die Neuzeit war das Menschenbild nach Aristoteles(384-322 v.Chr.): Nur der erwachsene, zeugungsfähige Mann gilt als voller Mensch; die Frau, das Kind, der Alte (auch der Krüppel, der Kranke) sind es nur „potentiell". Daran knüpft die abendländische Privilegierung des ersteren und Diskriminierung der letzteren an! In Sparta beurteilten staatliche Gutachter die Neugeborenen. Ein körperlicher „Mangel" bedeutete das Todesurteil. Sie galten in dem Kriegerstaat Sparta als nutzlos und belastend; benötigt wurden kräftige Kämpfer, um die zentrale Staatsgewalt zu festigen und den Stadtstaat auf andere Regionen ausdehnen zu können. Vergrößerung der Macht war das alleinige Ziel. So galt denn auch die Gesundheit als Tugend, die Krankheit dagegen als Verbrechen. Plutarch (40-120 n. Chr.) berichtet in einer Biographie über den Spartaner Lykurgos von dessen Gesetzgebung im 9. Jh. v o r Christus:

„Wenn ein Kind geboren wurde, hatte der Erzeuger nicht das Recht, zu entscheiden, ob es aufgezogen werden soll. Er musste es vielmehr an einen Ort bringen, der die „Halle" genannt wurde. Dort saßen die Ältesten ... und besahen das Neugeborene. Wenn es wohlgefügt und kräftig war, so befahlen sie, es aufzuziehen. Wenn es aber ungestaltet und entartet war, ließen sie es in einer Schlucht im Taygetosgebirge aussetzen."

Anders dagegen in Athen. Hier wurden selbst Sklaven medizinisch behandelt. Nimmt man aber an, dass humanitäre Gründe dafür ausschlaggebend waren, so wird man enttäuscht: Für Sklaven gab es nur Hilfe, wenn dadurch ihre Arbeitskraft wiederhergestellt wurde und die Behandlung billiger als der Kauf eines neuen Sklaven wurde. Im Stadtstaat Athen sah man alles aus ökonomischer Sicht und Ökonomie bestimmte auch das Urteil Leben oder Tod für den Behinderten. Der Missgebildete oder geistig Kranke blieb am Leben solang er sich als nützlich erwies und er irgendwie verwendet werden konnte. So galten Taubstumme als willige und keine Unruhe stiftenden Arbeitskräfte, verkrüppelten Frauen blieb nichts als die Prostitution; in die Sonderstellung des Propheten wurden häufig Blinde gedrängt usw. Platon (427-347 v.Chr.), einer der größten Denker seiner Zeit und Schüler des Sokrates(um 470-399 v.Chr.) äußert sich wie folgt:

 

„...wenn eines verstümmelt geboren ist, werden sie, wie es sich ziemt, in einem unzugänglichen und unbekannten Ort verborgen" „Der, der nicht zu leben vermag, braucht nicht gepflegt zu werden, da er weder sich noch dem Staat nützt". „Eine griechische Stadt, in der es von Ärzten und Rechtsgelehrten nur so wimmelt, ist kein gesundes Gemeinwesen. Dieses begnügt sich vielmehr mit einer einfachen Medizin: Entweder lässt sich ein Übel mit einem kräftigen Heiltrank austreiben oder man kann es chirurgisch durch Schneiden und Brennen beseitigen. Nützen aber diese drastischen Maßnahmen nichts, so muss sich der Kranke in sein Schicksal fügen, - vielleicht wird er wieder von selber gesund, oder aber er stirbt und ist so seiner Sorgen ledig. Eine lange und komplizierte Behandlung ist nichts als ein Hätscheln der Krankheit und hindert den Bürger daran, seinen häuslichen, privaten und militärischen Pflichten nachzukommen, verlängert nur den Tod." (17; S.2ff)

 

Er schlägt im Sinne der Eugenik vor, die Zeugungspaare sorgsam auszuwählen. In Platons Grundidee, der Zeugung und Erziehung der Besten geregelt durch staatliche Gebote, bleibt für Behinderte kein Platz. Seine Gedanken sind noch heute lebendig und der Name Platon wird mit der Geschichte der Vernichtung „unwerten Lebens" auf ewig verbunden sein. Dennoch beschäftigte sich Platon eingehender mit den Vorgängen in der Psyche und unterschied verschiedene psychische Funktionen und ordnete sie bestimmten Körperregionen zu: Die Vernunft saß im Kopf, die Seele im Körper, ihre höheren Anteile - Mut, Ehrgeiz und Energie - im Herzen, die niederen - Begehren, Triebe und Ernährung - im unteren Körper. Aristoteles differenzierte die fünf Sinne - Sehen, Tasten, Schmecken, Hören und Riechen und befasste sich eingehend mit den Affekten, die sich in Begehren, Zorn, Wut, Furcht, Mut, Neid, Freude, Hass, Traurigkeit und Mitleid manifestierten. Er beschrieb die Phantasie als eine Tätigkeit, einen Gegenstand geistig wieder zu beleben ohne das dieser Anwesend ist. Aristoteles kritisiert zwar Platons Idealismus, zu Missgebildeten vertritt er jedoch ähnliches. So

 

„müssen die Kinder auch körperlich in der vom Gesetzgeber erwünschten Verfassung sein" .

 

Weiter bestimmt Aristoteles:

 

„Was Aussetzung oder Aufnahme der Kinder anlangt, so soll es Gesetz sein, dass nichts Verstümmeltes aufgezogen wird."(s.o.)

 

Diese Bestimmung steht dem allgemeinen Verbot der Aussetzung entgegen. Demnach wiegt eine körperliche Andersartigkeit schwerer als andere soziale Regeln. Hier in Athen hat übrigens ein Wort seinen Ursprung, das man heute zu den am meisten ge- und missbrauchten zählen darf: Idiot. Im alte Griechenland, der Wiege der Politik nannte man Menschen die sich von der Politik fernhielten Idiotes. Nebenbei bemerkt ist es heute in Deutschland wohl eher umgekehrt. Mit etwas bösem Willen kann man behaupten, die „Euthanasie" hat im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition. Auch die Germanen setzten missgebildete Kinder aus und überließen sie dem Hunger oder den wilden Tieren. Der griechische Geograph und Historiker Strabo ( 64/63 v. Chr. - 23 n. Chr.) berichtet von der Tötung der Greise auf der Insel Ceos. Die Greise gaben sich selbst den Tod und baten darum, sobald sie sich für das Vaterland unnütz fühlten und Körper und Geist anfingen, schwach zu werden. Wie zu einem Fest versammelten sie sich, mit Kränzen geschmückt, um den Schierlingsbecher (Schierling = Kraut mit sehr giftigen Bestandteilen) zu leeren.

Geistig Kranke wurden in der Regel ebenso ausgesetzt oder getötet, wie man es mit Alten und Siechen tat. Bei Geisteskranken wurden übersinnliche Einflüsse als maßgebend für die Krankheit angesehen. Trotz der behindertenfeindlichen Vorraussetzungen beschäftigte man sich bei den alten Griechen erstmalig mit Erscheinungsformen und Ursachen geistiger Erkrankungen. Die Geschichte der Psychiatrie nahm im antiken Griechenland ihren Anfang. Hippokrates (460-377 v. Chr.) und Galenus (129-199 n. Chr.) seien hier genannt. Hippocrates (460-377 v.Chr.) klassifizierte die Geisteskrankheiten in Epilepsie, Manie, Melancholie und Paranoia und schrieb über die Epilepsie:

 

„Mit der sogenannten heiligen Krankheit verhält es sich folgendermaßen: Diese scheint mir in nichts göttlicher und heiliger zu sein als andere Krankheiten, vielmehr scheint sie mir gleich den übrigen Krankheiten eine natürliche Ursache zu haben, aus welcher sie entsteht... Mir scheinen diejenigen, welche zuerst die Krankheit mit den Dämonen in Verbindung gebracht haben und sie deshalb für heilig ausgegeben haben, solche Leute gewesen zu sein wie die jetzigen Zauberer, Entsündiger, Gaukler und großsprecherischen Landstreicher, welche eine große Frömmigkeit und bedeutendes Wissen erheucheln. Diese aber bedecken ihre Ratlosigkeit und ihr Unvermögen, Hilfe zu leisten, mit dem Mantel des Göttlichen..." (34)

 

Aber auch der Römer Celsus ( ca. 30 n.Chr.), der das Wissen der Griechen als erster in einer medizinischen Enzyklopädie zusammenfasste , der Kappadozier Aretaeus (150 n. Chr.) und der Epheser Soranus (ca. 100 n. Chr.) müssen genannt werden. Die drei waren Somatiker und widmeten sich der Melancholie, Manie, sogar der Hysterie. Ihre Erkenntnisse deckten sich allerdings nicht mit den heutigen. Das römische Imperium benötigte ständig Krieger und Sklaven, um seine militärische und wirtschaftliche Macht über die Völker zu sichern. Der Wert eines Menschen wurde an seiner Kriegsverwendbarkeit oder anderer ökonomischer Nützlichkeit gemessen. Wer dem nicht dienen konnte, wurde beiseite geschafft. Der spanische Statthalter Cato empfahl, „alt gewordene Ochsen und anderes lebende Inventar ebenso wie alte Geräte, alte und kranke Sklaven und andere überflüssige Dinge zu verkaufen".(s.o.) Nutzlos gewordene Sklaven wurden auf der Tiberinsel ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. Es blieb nicht aus, dass in Rom die Tötung von missgebildeten Kindern zum ersten Mal gesetzlich gebilligt wurde. Laut Cicero (106 v. Chr. - 43 v. Chr.), einem Redner, Politiker und Schriftsteller, genügte es nach dem Gesetz der 12 Tafeln zur legalen Tötung, wenn fünf Zeugen das Kind zur Missgeburt erklärt hatten. Er sah aber auch aber ebenso das Mißverhältnis zwischen ärztlicher Kunst und der Erforschung seelischer Krankheiten:

 

„ Warum hat man für die Pflege und Erhaltung des Körpers eine Kunst ins Leben gerufen... während man andererseits das Bedürfnis nach einer Heilung der Seele nicht so stark emp- fand. .. diese auch nicht so genau erforschte?"

 

Der Erzieher und Philosoph Seneca setzte sich für die bessere Versorgung der Sklaven, besonders der alten ein, da jene auch Menschen seien. Dem Missgebildeten spricht er aber jede Berechtigung zum Leben ab. Die Nennung von wilden Tieren und Krüppeln in einem Atemzug sagt genug über die Wertschätzung der Römer aus. Begründet wurde die Tötung der Kinder mit der Ansicht, dass jede Störung im Laufe der Natur unglücksbringend sei. Brutal, aber die Lebenssituation der Krüppel treffend, der römische Volksmund:

 

„Brot für Krüppel bedeutet doppeltes Unglück: einmal verlierst du, was du gibst, zweitens verlängerst du sein Leben." (s.o.)

 

Für Rom stellte sich das Problem, seine stehenden Heere (medizinisch) zu versorgen. Zu diesem Zweck wurden Krankenanstalten errichtet, in denen u.a. auch die im Krieg Verstümmelten versorgt wurden. Dieses Zugeständnis an die Soldaten, notwendig zur Erhaltung der Kampfmoral, bestätigte die Trennung in Kriegskrüppel und in verkrüppelt Geborene. Erhielten jene noch minimale Unterstützung, so traf die Neugeborenen bereits die vernichtende römische Rechtsordnung. Die noch heute existierende hierarchische Gliederung der Körperbehinderten hat hier einen ihrer Ursprünge. Dort, wo militärische und wirtschaftliche Kriterien häufig das Ende des Krüppels bedeuteten, setzte das sich ausbreitende Christentum an. Mit dem Christentum brach eine neue Ära in der sozialen und karitativen Behandlung geistig und körperlich Behinderter an. Hier kam zum ersten Mal das ethische Moment hinzu. Gab es im Alten Testament die Trennung zwischen Juden als das auserwählte Volk, dass das Recht hatte über alle anderen Völker zu stehen, waren im Neuen Testament alle Völker gleich, ebenso alle Menschen. Viele der späteren „...ismen" und Lehren haben ihre Wurzeln in der Lehre Christi, was ihren Anhängern gar nicht bewusst ist. Aber das nur nebenbei. Jesus, der vom Alten Testament angekündigte Messias, zeigt nun eine neue Haltung den Kranken, Geschädigten und Unnormalen gegenüber. Er beweist seine göttliche Herkunft durch die Heilung Behinderter und Besessener. Er ruft die, die mühselig und beladen sind, zu sich und wendet sich denen zu, die schuldlos irdische Vorzüge entbehren müssen. Die den geringsten Brüdern geleisteten Dienste sieht er als sich selbst erwiesen an und belohnt sie beim Weltgericht. Ein zweites umwälzendes Moment ist die Liebe, mit der sich Jesus den behinderten Kindern zuwendet. Markus 9, 37:

 

„Wer ein solches Kind wie dieses hier in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat" (Vgl.22; S.242 ff)

 

Das dritte Moment, das die Gläubigen zu heilpädagogischem Tun führte, ist die Umkehrung des antiken Weisheitswerts, die Jesus vornimmt, denn Gott lässt den Einfältigen erkennen, was dem Weisen versagt bleibt. Und in der ganzen Kirchengeschichte finden wir immer wieder die Haltung, die Franz von Sales (Theologe und Schriftsteller, 1567-1622) im Brief an Frau von Chantal zum Ausdruck bringt: die Seelen der geistig Schwachen, der geistig Kleinbleibenden, sind so groß, dass Gott darin wohnen könne, besser wohnen könne, als in der Seele eines großen Geistes, der hochmütig sei. In der Frühzeit des Christentums wurden deshalb nicht mehr nur Kinder, sondern auch Geistesschwache getauft. Nach alttestamentarischen Glauben ist ein Behinderter ein durch seine oder seines Vaters Sünden Geschlagener. Nach christlicher Lehre ist jeder Mensch von Geburt an sündig und besitzt daher nicht das Recht, auf Behinderte mit Verachtung zu reagieren. Vielmehr soll ein jeder nach dem Wort Jesu handeln (Mt.25, 40):

 

„Was Ihr einem meiner Geringsten tut, das habt Ihr mir getan." (s.o.)

 

Jesus Forderung, einem Behinderten nicht zu versprechen ihn von seinem Leiden zu erlösen, sondern ihm Gottes Kraft durch den heiligen Geist zu übermitteln und ihn in seinem Leiden glücklich zu machen und es anzunehmen, ist bis heute mehr Menschen zum Segen geworden als alle weltlichen Therapien zusammen.

 

„Kommet her, alle die ihr mühselig und beladen seit, ich will euch erquicken" (Mt.11, 40)

 

Die Apostel widmeten sich von der ersten Stunde an dem Dienst an den Bedürftigen. Der Behinderte wurde nicht mehr unentwegt verstoßen oder getötet, sondern geriet zum leidenden Bruder, der aus Mitleid versorgt werden musste. Uneigennützig war das neue Verhältnis zum Behinderten jedoch nicht. Denn das Christentum übernahm mehr und mehr staatstragende Funktionen, es lohnte sich also, christliche Gesinnung zu demonstrieren.

Auf diesem Hintergrund entwickelte sich die Liebe zum Nächsten zu einem regelrechten Wetteifern der Mönche, der reichen Kaufleute um die größte vollbrachte Wohltat. Pflegehäuser wurden errichtet, um christliches Tun öffentlich zu bezeugen. Auf die Spitze getrieben wurde dieses Treiben, als das Almosen für einen Behinderten gleichbedeutend mit dem Freikauf von begangenen Sünden war (Gib dem Krüppel ein Stück Brot und es ist verziehen, dass du den Bäcker beraubt hast!). Das war aber schon nicht mehr im Sinne der christlichen Heilslehre! Der Behinderte war lediglich Mittel zum Zweck. Das Christentum bewahrte ihn vor dem Tod, bescherte dem Behinderten aber nicht das Leben. Die entstehenden Pflegehäuser sind die Vorboten einer immer perfekter funktionierenden Aussonderung. Um etwa 1226 verfasste Eike von Repkow das älteste und wohl auch bedeutendste Rechtsbuch der deutschen Geschichte - den „Sachsenspiegel". Er ging darin auch und wohl zum ersten mal im Artikel 4 „Erbunfähigkeit" , Absatz 1 auf die „Geschäftsfähigkeit" Behinderter ein:

 

„Auf Zwitter, auf Zwerge und verkrüppelte Kinder wird weder Lehen noch Besitz vererbt. Wer dann die Erben sind und ihre nächsten Verwandten (Magen), die mögen die Pflege übernehmen. Wird ferner ein Kind geboren stumm oder ohne Hände und Füße oder blind, das ist wohl Erbe nach Landrecht, aber nicht Erbe eines Lehens. Hat es aber ein Lehen empfangen, bevor es so wurde, so verliert es das Lehen nicht. Der Aussätzige empfängt weder Lehen noch Erbe. Hat er es aber vor der Krankheit empfangen, so behält er es, und vererbt es wie ein anderer Mann." (41)

 

Hier wird zum ersten mal zwischen angeborener und erworbener Behinderung unterschieden. Im Sinne der Vererbungslehre kann ein behindert Geborener unmöglich die Linie der „Sippe" fortführen, wenn ein Verdacht auf einen genetischen Defekt besteht. Er ist deshalb aus der Ahnenreihe auszuschließen! Leider geht der „Sachsenspiegel" nicht auf geistig Behinderte ein. Es ist anzunehmen, das man solcherart Behinderte zu den „Besessenen" rechnete und ohnehin vom Erbteil ausschloss, ihn aber zumindest noch gnadenvoll versorgte. Bemerkenswert ist noch, dass sich Eike von Repkow im „Sachsenspiegel" offen gegen den Papst stellt.

Mit dem langsamen Niedergang des Feudalismus wird das Christentum offen als Machtmittel missbraucht. Mit der Begründung, es handle sich bei den Geistesgestörten und Krüppel um „Behexte", vom „Teufel Besessene" oder „von Gott Gerichtete" wurden sie entweder den Händen

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 02.04.2014
ISBN: 978-3-7309-9688-1

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