Er wusste nicht mehr, welcher Tag heute war und welcher morgen sein würde – zu lange war er nun schon unterwegs, ohne auch nur einer Menschenseele begegnet zu sein. Aber wenn er ehrlich war, glaubte er gar nicht mehr so recht daran, dass ihm solches Wissen jemals wieder etwas nützen würde. Es war bloß die alte Gewohnheit, die er neben seinen wenigen Habseligkeiten mit sich herumschleppte.
Nichts wichtiges. Wichtig war nur noch sein Leben – denn es war eines der letzten auf diesem Planeten, so musste es zumindest sein, denn alles deutete darauf hin.
Er hatte viele Städte durchquert, war an ihnen vorbeigezogen und jedes Mal hatte ihn die Stille begleitet, die nur ab und zu abgelöst wurde vom Kreischen der Krähen, die ihm stets folgten – achtsam, lauernd. Es war, als warteten sie nur darauf, bis er eines Tages nicht mehr weitergehen, sondern einfach liegen bleiben würde und sie endlich ihre scharfen, kräftigen Schnäbel in sein Fleisch schlagen konnten.
Kein Lebewesen außer den Vögeln war dem jungen Wanderer begegnet, seit er sich zuletzt bei einer kleinen, einsamen und verlorenen Familie niedergelassen hatte, die allerdings wenige Tage nach seiner Ankunft ihrem Leiden erlegen gewesen war. Wie viele Jahre waren seitdem vergangen? Oder waren es nur Monate? Es kam ihm vor wie eine eigene kleine Ewigkeit, aber sicher konnte er sich nicht sein, denn die Zeit hatte alle Bedeutung verloren.
So hatte er sich wieder aufgemacht und alles, woraus sein Leben nun bestand, war das Laufen, das Suchen nach Nahrung und das Denken. Oh ja, das Denken – dafür hatte er sehr viel Raum. Unendlich weiten, stillen, belanglosen Raum.
Der Wanderer fröstelte, blieb kurz an Ort und Stelle stehen und warf einen Blick gen Himmel. Unheilvoll zogen sich die Wolken immer dichter am dunkler werdenden Himmel zusammen. Nebel kroch langsam über die Hügel, gespenstig erstreckte sich die karge Landschaft gen Horizont.
Der Herbst war vorbei und er roch den Schnee in der Luft.
Er musste sich beeilen.
Durfte keine Zeit verlieren und musste sich einen sicheren Unterschlupf für die Nacht suchen. Irgendeine Hütte, eine Ruine, was auch immer ihn vor dem aufziehenden Unwetter schützen würde.
Doch mit jedem Schritt wurde die Nebelsuppe dichter und schrumpfte sein Blickfeld.
Er wusste, dass er verloren war, sollte er kein Versteck finden.
Die emotionslose Ruhe, die ihn sonst stets erfüllte, wich einer klammen, leisen Nervosität. Aber er wusste, dass er einen kühlen Kopf bewahren musste. Sollte er keinen Schutz finden, musste er sich selbst schützen, so gut es ging.
Eilig setzte er seinen Rucksack ab, wühlte kurz in ihm und zog dann mit einer geschmeidigen Bewegung eine Decke heraus. Der Rucksack wurde wieder geschultert, die Decke wickelte er sich fest um den in mehreren Pullovern und Jacken steckenden Leib.
Würde es nicht anders gehen, so müsste er sich einen hervorstehenden Stein suchen, um wenigstens vor einer Seite Schutz zu haben.
Eine einzelne Schneeflocke segelte bedächtig tanzend vor ihm auf den Boden, so als wolle sie ihn beeindrucken, ihm einen Vorgeschmack darbieten, ihn vorbereiten für ein wahrlich meisterhaftes Schauspiel.
Es dauerte nicht lange, da folgten ihr andere – jede auf ihre Weise einzigartig und wunderschön, eisig und doch still und so eindringlich warnend, sodass die Stimmung mit einem Mal kippte. Die Atmosphäre war nun so bedrückend und von Unheil erfüllt, dass er es in den Knochen spüren konnte, nein, noch tiefer – er war im wahrsten Sinne des Wortes bis ins Mark erschüttert.
Es schneite mit jeder Sekunde heftiger, die Flocken nahmen an Masse zu und als sich der erste aufkommende Wind um seine Knöchel schlängelte wie eine ausgehungerte Schlange, wusste er, dass er verloren sein würde. Seichte Panik klopfte an und verlangte um Eintritt.
Er irrte durch die Umgebung, tastete, um nicht zu fallen. Gefrorenes Wasser fiel ihm in die Augen.
Und plötzlich fand er einen Felsen, weder klein, noch besonders groß. Es war ein winziger Hauch von Glück in einem Sturm voll Unglück. Er kämpfte gegen den immer heftiger werdenden Wind an, bis er schließlich zu seinem Ziel gelangte – wo er plötzlich bemerkte, dass das vor ihm gar kein Fels war, sondern ein großer, gesunder, auf dem Boden kauernder, wunderschöner Hirsch.
Das Tier schien keinen Schutz gefunden zu haben, genau wie er. Es hatte keine andere Wahl gehabt, als sich zu ergeben, sich so klein zu machen wie möglich und zu hoffen, dass es mit dem Leben davonkommen würde. Wie lange hatte er kein Tier mehr gesehen außer den Vögeln? Es musste sehr lange her sein.
Das andere Wesen konnte jetzt seine Rettung sein, genau wie er womöglich die von ihm. Es schien das zu begreifen, denn es blieb, wo es war, nahm ihn nur kurz zur Kenntnis und senkte dann wieder den prächtigen Kopf. Der junge Wanderer tätschelte den kräftigen Hals, löste die Decke um seinen eigenen Körper, breitete sie über dem Tier aus, befestigte eines der Enden in dessen Geweih und kauerte sich in die Bauchkuhle des Hirsches, das andere Ende des Stoffes fest umklammernd. So hielt er den Schnee sowohl von sich als auch von ihm ab und konnte ihnen einen winzigen Schutz vor Wind und Kälte schaffen.
Das Unwetter brauste und wütete nun so stark um sie, dass der Hirsch seinen Körper nahezu um den Menschenmann wand, um dessen Wärme zu absorbieren.
Der Wanderer sah nichts mehr, vor seinen Augen war alles schmutzig weiß und in seinen Ohren tönte nur das gespenstische Heulen des Unwetters. Betäubt von den Schreien der Natur ließ er seinen Kopf gegen den des Hirsches sinken und flehte Gott in Gedanken an.
Zeit war zwar nicht mehr greifbar, doch sie verging weiterhin, und irgendwann endete das Wüten so abrupt, wie es aufgekommen war. Das Unwetter zog sich zurück – der Nebel klarte auf, die Wolken verloren an Dichte. Aus einem Sturm wurde ein Hauch. Der Boden, der vorher nur trocken, trostlos und rissig gewesen war, war jetzt von einer dicken, regelmäßigen Schicht glitzernden Schnees bedeckt.
Doch dort, wo der Wanderer und der Hirsch aneinander gekauert hatten, befand sich weit und breit keine Seele mehr. Sie waren beide auf unerklärliche Art und Weise verschwunden, ja nicht einmal ein Abdruck deutete darauf hin, dass sie jemals hier gewesen waren. Dass sie überhaupt je existiert hatten. Und so weit der Horizont reichte, konnte man sie nirgendwo entdecken.
Es war, als seien sie mit dem Wind verschwunden. Als habe er sie mit sich geholt. Als seien sie nun ein Teil von ihm.
Viele, viele Jahre später, als die wenigen vor dem Aussterben verschonten Menschen auftauchten, um sich erneut zu vermehren und ihrer Spezies das Fortbestehen zu ermöglichen, war ein kleines Dorf entstanden, in dem die Menschen zwar kärglich, aber doch dankbar und glücklich lebten. Es befand sich unmittelbar an jenem Ort, wo Ewigkeiten zuvor das geisterhafte Unwetter getobt hatte.
Und jedes Mal, wenn sich der Himmel unheilvoll verdunkelte und ein Sturm aufzog, flüchteten sich die Menschen eilig in ihre Hütten, um aufgeregt mit brennenden Herzen und fröstelnden Stimmen ihren Familien zu erzählen, dass sie dort draußen im Unwetter etwas gesehen hatten - die Umrisse eines Mannes und eines Hirschs, die Seite an Seite wanderten.
Texte: Copyright liegt bei der Autorin
Tag der Veröffentlichung: 16.08.2020
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Widmung:
G.