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1. KAPITEL ERDENET

Januar 1967..

Ein lauter Schrei durchzog die engen Straßen, die im Licht der aufgehenden Sonne erstrahlten. Er war einer Frau entwichen, die mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einem Sessel saß. Sie war schweißnass und atmete stoßweise. Die Hebamme hatte die Schenkel ihrer afrikanischen Herrin auseinander gepresst. Sie rief laut zu der werden Mutter auf, die nun heftig begann zu pressen. Eine weitere Hausdienerin stürmte mit blutverschmierten Handtüchern davon, um frische zu holen.
Der Hausherr ging ungeduldig den Korridor auf und ab. Er hörte die verzweifelten Schreie seiner schönen Frau und litt mit ihr. Als die Hausdienerin an ihm vorbei trat, hob er sie heftig am Arm und redete hastig, die Stimme mit Angst erfüllt. Er hielt es nicht mehr aus, er wollte zu seiner Frau. Die Dienerin nickte und lächelte dünn. Der Mongole eilte ins Zimmer. Er sah seine Frau erschöpft im Sessel hängen, die Beine ausgestreckt. Doch auf ihren Lippen lag ein Lächeln. Ihre müden Augen hoben sich zu ihm empor. Sie strahlten vor Freude. Die Hebamme lächelte ebenfalls. Die Dienerin begann, ihre Herrin zu waschen. Auf dem Arm der Mutter lag, in Tüchern eingehüllt, ihr kleiner Sohn. „Sie ihn dir an, Liebster“, hauchte Kali ihrem fassungslosen Ehemann zu. „Er ist so wunderschön!“ Nambariin ging langsam auf seine Frau zu. Das Schreien des Säuglings verstummte, als es das Gesicht seines Vaters sah. Dieser war wie verzaubert. Dieses Kind war so bildschön. Seine Haut glich fast der Farbe von Steinkohle. Die Form des Gesichtes war bisher noch rundlich, doch er sollte später wahrscheinlich die des Vaters bekommen. Auch das Babyblau, die Farbe der Augen, die sonst jedes Baby hatte, war hier nicht zu erkennen. Seine Augen waren schwarz. Nicht braun, nein schwarz. Die Pupille war nicht zu erkennen, doch es wirkte absolut nicht unheimlich, eher faszinierend. Nambariin war beeindruckt. Sein Sohn war das Schönste, was er je gesehen hatte. Er lächelte und streichelte vorsichtig das Gesicht des Säuglings. Es fühlte sich warm und weich an, er hatte Angst, es zu zerbrechen und zog seine Hand zurück. Er sah zu seiner Frau, die ihn liebevoll anlächelte und seine Hand nahm. Nambariin schluckte. Er kniete sich zu seiner Frau und küsste die müden Augen. „Er ist wirklich ein prachtvolles Geschöpf!“ Kali nickte. Sie war müde und wollte nun ihren Schlaf nachholen. Doch bevor sie die Augen schloss, flüsterte sie ihrem Mann leise ins Ohr, „DeSagana!“ Nambariin lächelte und nickte eifrig „ja! Wie du es wünscht!“ Dann schloss Kali die Augen.


2. KAPITEL GABRIEL

April 1969..

Ein Krächzen ließ den kleinen Jungen erwachen. Er hatte schlecht geschlafen und rieb sich müde die Augen. Es war längst nach Mitternacht. Der Vollmond warf sein silbernes Licht ins Zimmer. Er stand auf und ging ans Fenster. Die warme Luft tat gut, er atmete sie tief ein. Gabriel saß auf einem Ast und krächzte erneut. Der Kolkrabe war sein bester Freund. Er hatte ihn vor einem Jahr gefunden, verletzt und halbtot. Mit viel Liebe hatte er ihn wieder gesund gepflegt und frei gelassen. Seit dem kam Gabriel jeden Tag zu ihm, um mit ihm zu reden. Er verstand, was sein Freund ihm erzählte und auch Gabriel schien ihn zu verstehen. Doch nun hatte er Schwierigkeiten. Der Kolkrabe krächzte laut und schwang seinen Kopf unruhig hin und her. „Was hast du? Warum bist du so nervös?“ DeSagana verstand nicht, was Gabriel von ihm wollte. Der Vogel flog plötzlich auf das gegenüberliegende Dach. DeSagana musste sich aus dem Fenster beugen, um ihn zu sehen. Plötzlich stockte sein Atem. Im Schlafzimmer seiner Eltern flackerte ein helles Licht. Und dann stieg ihm plötzlich der Geruch von Rauch in die Nase. Gabriel nickte und krächzte laut. „Mama, Papa!“ DeSagana stürmte aus dem Zimmer. Er lief den langen Korridor entlang, bis er an die Tür des Schlafzimmers gelang. Heftig klopfte er gegen die Tür und schrie nach seinen Eltern. Er hörte die Flammen, die hinter der Tür lauerten. Von seinem Vater hatte er gelernt, nie eine Tür zu öffnen, hinter der sich Feuer befand. Was sollte er nur tun? Vernahm er nicht Schreie? Sie stammten vom Inneren des Schlafzimmers. DeSagana griff nach dem Türknauf.
Plötzlich zog ihn sein Vater von der Tür weg. „Was hab ich dir gesagt? Du darfst die Tür doch nicht öffnen!“ Sein Vater packte ihn und rannte die Stufen hinab. DeSagana sah, dass sein Vater Kopfhörer auf dem Tisch liegen hatte, deshalb hatte er es nicht gehört. Sein Vater setzte ihn vor der Haustür ab. „Du wartest hier, ich hole Hilfe!“ DeSagana setzte sich auf die kalten Steine. Gabriel krächzte immer noch aufgeregt über ihm. Mit Tränen in den Augen sah der Junge zum Fenster hinauf. Plötzlich war eine Gestalt am Fenster. DeSagana erhob sich und trat näher. Er erkannte seine Mutter, die am Fenster stand und die Hände gegen die Fenster schlug. Sie sah erschöpft aus und blutete stark. DeSagana schrie ihren Namen. Sie brachte das Fenster nicht auf! Sie ließ die Hände sinken. Sie wusste, dass es zu spät war. Doch sie wollte nicht ohne eine Botschaft aus dem Leben treten. Sie sah ihren Sohn an. Sie wusste, welche Gabe er hatte und so formte sie mit den Lippen Worte, die DeSagana zu lesen wusste und auch verstand. Ihm stockte der Atem. Dann verlor er das Bewusstsein.

3. KAPITEL ZAMBOANGA

Mai 1970..

Alles war neu. Ein neues Haus an einem völlig fremden Ort. Hier war mehr Wald und fruchtbarer Boden, als in der Mongolei. Es gab Palmen und Bananenbäume, Kautschukbäume, Yakalbäume. Die Felder wurden mit Reis, Mais, Mariokk, Bataten und anderen Dingen angebaut. Kokosbäume wuchsen und würden bald ihre prachtvollen Früchte tragen.
Vor wenigen Tagen hatte die Regenzeit eingesetzt, die bis November andauern würde. Trotz alledem herrschte eine angenehme Temperatur von 27°C.
In der Nähe eines Waldes, der zu einem großen Naturschutzpark gehörte, lag eine kleine Stadt. Ein größeres Haus, zweistöckig und im Inneren mit vielen teuren Sachen ausgestattet, war an diesem Morgen voller Aufruhr.
Drei Bedienstete eilten den Korridor auf und ab. Liefen in ein bestimmtes Zimmer, kamen nach kurzer Zeit wieder heraus, um kurze Zeit später wieder hinein zu stürmen. Der 3-jährige DeSagana verstand das alles nicht. Sein Vater war mit ihm weggezogen, auf eine Insel, weit weg von zu Hause. Er hatte das alte Haus verkauft und dieses hier erworben. Seit den Flammen damals, hatte er plötzlich viel Geld. Und kaum waren sie hier auf den Philippinen angekommen, wartete eine weiße Frau am Hafen. Sie war hübsch und sprach eine komische Sprache, die DeSagana nur schwer verstand. Sein Vater hatte ihm gesagt, sie wäre ab heute seine neue Mutter. Die Norwegerin war aber bei weitem nicht so schön und nett wie seine leibliche Mutter. DeSagana hasste sie. Und auch jetzt, wo sie schwanger in diesem Sessel lag und presste und schrie, hatte er kein Mitleid mit ihr gehabt. Er verkroch sich in sein Zimmer, presste die Handflächen auf die Ohren und kniff die Augen zusammen. Er war traurig und fühlte sich verlassen, von seiner Mutter, von Gabriel und auch von seinem Vater, der immer weniger Zeit für ihn hatte und sich um diese Weiße kümmerte. Und sie hasste ihn auch. Immer wieder schrie sie den Jungen an. Und DeSagana blieb stur, er wollte nicht auf sie hören, niemals, das hatte er sich geschworen. Sie war nicht seine Mutter und er würde sie auch niemals als eine solche akzeptieren. Und auch jetzt nicht, wo es ihr schlecht ging. DeSagana sah aus dem Fenster und erblickte die tiefgrünen Bäume, die den Wald ankündigten. Sie waren kaum einen Kilometer entfernt und spendeten ihm den einzigen Trost. Er schlich oft hinaus, um im Wald spazieren zu gehen und er hoffte, Gabriel oder einen seiner Art anzutreffen, doch bisher war dies immer fehlgeschlagen. Mit Tränen in den Augen schlich er zum Fenster und lehnte sich hinaus.
Plötzlich kam sein Vater ins Zimmer gestürmt. Er zog DeSagana aufgeregt mit sich und lachte immer wieder. Er sprach laut und zu schnell, DeSagana konnte ihn nicht verstehen. Sein Vater brachte ihn in das Zimmer der Norwegerin, die mit einem breiten, hässlichen Grinsen auf dem Sessel saß und ihr dunkelbraunes Haar zurück strich. Ihre tiefblauen Augen sahen ihn an. Ihre Augen sprachen, DeSagana verstand sie. Sie sagten, schau nur, das ist etwas, was du nie sein wirst. Das ist mein schönes Kind! DeSagana wollte sich von seinem Vater losreißen, doch dieser sah ihn erbost an und schob ihn zu der Mutter. „Sie nur, DeSagana, das ist dein Bruder!“ DeSagana sah auf das schrumpelige Bündel Fleisch und Blut hinab. Die Haut des Kleinen war weiß wie der Schnee und seine Augen strahlten babyblau. Er sah DeSagana an. DeSagana las in seinen Augen. Und sofort erkannte er, dass dieses Kind sein Feind sein würde. Es hasste ihn genauso wie seine Mutter. Die schrille Stimme Hannahs riss ihn zurück in die Realität. „Sieh DeSagana, ist er nicht schön?“ DeSagana sah sie an. Er kniff die Augen zusammen und wich einen Schritt zurück, als würde der Säugling eine Krankheit in sich tragen. Als er den bösen Blick seines Vaters bemerkte, wusste er, dass er nichts Falsches sagen durfte, sonst würde er wieder Schläge bekommen. „Ja!“, sagte er leise. Sein Vater legte ihm die Hand auf die Schulter. Dann ging er zu Hannah und küsste sie. DeSagana wurde schlecht und wandte sich ab. Hannah sah ihn belustigt an und sagte dann, „wie nennen wir ihn, Schatz? Ich möchte einen exotischen Namen!“ „Natürlich mein liebes, such dir einen aus!“ „Ich würde ihn gerne Odessa nennen!“ Der Vater nickte. DeSagana flüsterte den Namen seines Bruders. Er mochte den Namen eigentlich. Er klang schön und irgendwie freundlich. Doch es war eine trügerische Freundlichkeit, in Wahrheit bedeutete der Name Hass, Rücksichtslosigkeit und Neid, doch er ahnte nicht, wie Recht er damit hatte.
DeSagana rannte aus dem Zimmer. Er verließ das Haus und lief der Sonne entgegen, Richtung Wald. Dort angekommen setzte er sich auf einen Stein auf einer Lichtung. Er dachte an Odessa, den Sohn einer Teufelin. Plötzlich vernahm er ein Krächzen. Irritiert blickte er auf. Da saß er. DeSagana erkannte ihn sofort. Es war Gabriel! Es gab keinen Zweifel, es war derselbe Kolkrabe, der ihm damals das Leben rettete. Sofort brach in DeSagana ein Glücksgefühl aus. „Gabriel!“, sagte er fröhlich. „Bist du gekommen, um mir beizustehen?“ Ein Krächzen bejahte seine Frage. Und das war auch gut so, denn er wusste, dass nun eine schwere Zeit kommen würde. Gabriel hatte es gespürt und wollte ihm erneut das Leben retten, oder zumindest Wache halten.

Februar 1977..

Schon wieder hatte er Schläge bekommen. Sie häuften sich mit jedem Tag. Er verstand es nicht. Der Vater war außer sich. Du sollst auf deine Mutter hören, hatte er gesagt. Doch sie war doch nicht seine Mutter. DeSagana hatte sich nicht geändert. Im Gegenteil, er ließ sich nichts mehr von ihr oder von ihm sagen. Er machte seine Sachen und fertig. In der Schule war er nicht so sehr beliebt, denn er war der Beste von allen. Doch zu Hause wurde er gehasst, von der ganzen Familie. Sein Bruder ärgerte ihn und schrie sofort, wenn er sich wehrte. Der kleine Satan war natürlich nie an irgendetwas schuld. Immer nur er, er war der Schlechte. Er war der Verlierer der Familie. Keiner wollte seinen inneren Schmerz verstehen und ihm helfen. Nur Gabriel stand ihm zur Seite. Hannah hasste den Vogel. Denn er klaute ihren Schmuck und gab ihn DeSagana, doch das wusste sie nicht. Beinahe wäre Gabriel dabei umgekommen, doch er konnte durch DeSaganas Hilfe entkommen. Seitdem hasste sie ihren Stiefsohn noch mehr. Und sie bettelte jeden Abend zu ihrem Mann, man solle ihn in ein Internat schicken. Und tatsächlich stimmte dieser zu. DeSagana fühlte sich verraten, missverstanden und absolut fehl am Platz. An diesem Morgen fuhr er mit seinem Vater zu einem tibetisch-japanischem Kloster, an welches ein Internat anschloss. Dort sollte er untergebracht werden. DeSagana war wütend, doch andererseits froh, endlich von zu Hause wegzukommen und diese furchtbare Frau nicht länger ertragen zu müssen.
Die Tore des Klosters waren hoch und wurden von Steinsäulen umrahmt. Die große hölzerne Tür war offen. Davor stand ein Mönch, in einer orangefarbenen Kutte. Er hatte keine Haare auf dem Kopf, doch er lächelte freundlich. DeSagana fühlte, dass dieses Lächeln tatsächlich echt war. Sein Vater verabschiedete sich kurz von ihm, übergab dem Mönch einen Scheck und fuhr eiligst davon. DeSagana war endlich frei. Er hörte ein Krächzen, Gabriel war ihm gefolgt. Er lächelte und nickte dem Vogel zu. Dieser erwiderte das Nicken. Dem Tibeter war dieses Geschehen nicht entgangen und so ging er erstaunt zu dem Kleinen und beugte sich zu ihm herab. Seine Augen waren in einer freundlichen, hellbraunen Farbe. Seine Haut war bronzefarben und seine Stimme klang hell und höflich. „Sag mal, kannst du mit diesem Vogel reden?“ DeSagana war schüchtern. Doch der Mönch lächelte warm und legte eine Hand auf seine Schulter. DeSagana spürte keine Angst mehr, er fühlte die positive Energie des Mönches, die durch und durch echt war. Etwas zögernd sagte er, „ja, das kann ich. Gabriel hat mir seine Sprache bei gebracht, vor sieben Jahren. Er hat mich gewarnt, als unser Haus brannte, ich konnte mit meinem Vater rechtzeitig entkommen, doch meine Mutter starb.“ Da der Mönch still blieb, wollte DeSagana plötzlich alles erzählen. Er wollte, dass jemand seinen Schmerz teilt. Und so setzte er sich auf den Boden und sah den Mönch traurig an. „Ich bin mit meinem Vater sofort hier her gezogen. Er hatte viel Geld und konnte ein Haus kaufen. Dann war diese neue Frau, die Vater liebte und die vor fünf Jahren ein Kind gebar. Sie soll meine neue Mutter sein!“ „So? Und das ist der Grund warum du hier bist. Dein Vater sagte, du gehorchst nicht! Darf ich fragen warum?“ „Man muss Respekt vor seinen Eltern haben, das weiß ich. Meinen Vater respektiere ich, doch seit er mit dieser Frau zusammen ist, hat er sich verändert.“ „In wie fern?“ „Er ist kühler und seine Ausstrahlung hat nun eine negative Aura. Ich spüre das, er hasst mich plötzlich, aber ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil ich immer von meiner richtigen Mutter spreche. Und meine Stiefmutter hasst mich noch mehr. Sie ist ein Teufel, durch und durch böse, das weiß ich!“ „Woran spürst du das? Am Verhalten?“ „Nein, ich sehe es in den Augen! Ihre Lippen sprechen kontrolliert, doch auch sie haben manchmal einen Schwachpunkt. Doch vor allem kann man es an den Augen sehen! Die kann man nicht kontrollieren. Sie zeigen die Wahrheit, sie sind der Spiegel der Seele!“ Der Mönch sah den Jungen erstaunt an. Was er sagte, traf auf das zu, was sie den Kindern hier unter anderem lehrten. „Woher weißt du das alles?“ „Gabriel hat es mir beigebracht. Er warnte mich stets vor Gefahren, egal ob groß oder klein. Ich wollte wissen, warum er sie so früh erkannte. Ich beobachtete ihn und sah, dass er die Augen der anderen beobachtete. Ich machte es ihm nach und merkte, dass es funktioniert.“ „Das ist faszinierend, wirklich! Nicht jeder hat so eine Gabe wie du! Es war der Wille deines Freundes, dass du hier her kommst, denn wir können dir helfen!“ „Ja, das spürte ich sofort, als ich Sie sah! Die Wärme dieses Ortes verrät, dass hier Gleichgesinnte leben!“ „Da hast du Recht! Wir lehren das, was du schon kannst, doch auch noch mehr. Du wirst hier wie in der Schule lernen, doch zusätzlich trainieren wir hier deinen Geist. Und da du besonders begabt bist, wirst du ins Dojo aufgenommen, da bin ich mir sicher. Nur wenige Kinder kommen dort hinein!“ „Was ist ein Dojo?“ Der Mönch lachte leise. Er stand auf und DeSagana folgte ihm zum großen Gebäude. Er trug seine Reisetasche auf dem Arm und wartete auf eine Antwort. Der Mönch wandte sich um und sah ihn an. DeSagana kannte die Antwort schon. Er sagte leise, „Sie werden es mir nicht sagen, Sie werden mich zu einem anderen führen!“ Erstaunt sah der Mönch ihn an. „Woher wusstest du das? Ach so, ich vergaß, die Spiegel der Seele, das kannst du ja schon!“ Wieder lachte der Mönch. Er führte den Jungen zu dem großen Haus, welches mit grünem Spitzdach bedeckt war. Es war alt, doch intakt und wunderschön. Zwei große Pfosten aus roten Steinen standen vor der großen, schweren Holztür, die mit einem Löwenkopf geschmückt war. Auf den Pfosten saßen Wesen, die an eine Kreuzung aus Löwe und Hund erinnerten. Ein kleiner Holzweg mit Geländer führte vor den Pfosten um das ganze Haus herum. DeSagana blickte die Holzplanken entlang, doch um die Ecke sehen, konnte er nicht. Der Mönch bemerkte seine Neugier. „Komm, wir können auch durch den Garten.“ Sie liefen die Planken entlang, die hinter das Haus führten. Als sie fast einmal um das Haus gelaufen waren, gingen zwei Wege ab. Zwischendrin lag eine große Fläche, die mit gleichmäßig hohem Gras bewachsen war. Ein steinender Brunnen verzierte den Garten auf einer Seite. Auf der anderen Seite waren kleine Bambusbäume und verschiedenen Blumen. Die Grasfläche grenzte, nach hinten weg, an einen Pinienwald. In der breiten Mitte des Gartens stand nichts. Das Gras wuchs dort saftig grün und unbeschwert. DeSagana sah wieder auf die Abzweigung. Sie führte jeweils zu zwei Häusern, entlang am Rande des Gartens. „Das Haus links von uns, dort wirst du schlafen. Jedes Kind hat dort sein eigenes Zimmer. Das große Haupthaus hier, ist in zwei Stockwerke aufgeteilt. Im oberen Stock gibt es einen großen Speisesaal und einen Raum, in dem der Einklang mit Körper und Geist gelehrt wird. Im unteren Stockwerk befinden sich zwei Schulräume. Hier sieh durch die Tür!“ Der Mönch öffnete die Tür. DeSagana spähte hinein und erkannte einen Gang, der zu der Eingangstür führte. Links und rechts führten jeweils zwei Türen zu den Schulräumen. Der Gang war mit Kerzen und Räucherstäbchen bestückt. Das gesamte Haus war innen mit dunklem Holz verkleidet. Es gab wenig Möbel, nur das nötigste. DeSagana sah wieder zu dem Mönch, der nun auf die rechte Abzweigung zeigte, dort wo ein kleines Haus stand. „Das dort, ist das Dojo, folge mir!“ „Wie viele Kinder leben hier?“ „Zehn, nicht mehr, komm!“ Der Mönch führte ihn ins Dojo. Dieses war mit dunklem Parkett versehen. Zwei große Matten bedeckten fast ¾ des Raumes. An den Wänden hingen Schwerter und andere Waffen. In der Mitte des Raumes saß ein Mann und meditierte. Seine Haut glich der des Mönchs. Seine Augen waren mandelförmig und dunkelbraun. Er hatte langes, schwarzes, glattes Haar, welches locker über seine Schulter fiel. Er sah den Jungen an. Das erste Mal konnte DeSagana nichts in ihnen lesen. Sie waren verschlossen. Der Junge erschrak. Der Mönch bemerkte seine Angst und lächelte ihn freundlich an. „Komm nur, hab keine Angst!“ DeSagana kam näher auf dem Mann im Kimono zu. Dieser ließ ihn nicht aus den Augen. Er stand auf und schaute auf den Kleinen hinab. Plötzlich hob er die Hand. DeSagana reagierte sofort und sprang zurück hinter den Mönch. Nun lächelte der Mann im Kimono plötzlich. Seine tiefe Stimme vibrierte durch den Raum, als er sprach. „Du bist schnell, Kleiner, wer ist dieser Junge, Aki?“ „Das ist DeSagana Bagabandi, ein begabter Junge!“ er machte eine Pause und lächelte „Ja, er kann mit Vögeln sprechen! Es ist faszinierend, ich habe es selbst erlebt. Sein Freund ist ein Kolkrabe, er hat ihn das Augenlesen gelehrt!“ „So?“, sagte der Mann. DeSagana mochte ihn nicht. Er war so streng, wie sein Vater. Plötzlich veränderte sich der Blick des Mannes. „Wenn du das beherrschst, dann sag mir, DeSagana, was sagen meine Augen?“ „Ich will nicht!“ „Sag mir, was du siehst, sonst lehre ich dich nichts!“ DeSagana sah ihn beleidigt an. Dann ging er etwas näher, nicht zu nah, Aki sollte in seiner Nähe bleiben, und sah dem Mann in die Augen. Und er änderte plötzlich seine Meinung. Dieser Mann hasste ihn nicht, er mochte ihn. Er war keineswegs so wie sein Vater. Etwas überrascht huschte ein Lächeln über DeSaganas Lippen. Inaba erschrak, kann er tatsächlich in meinen Augen lesen? Er war erstaunt, dass konnte keiner seiner Schüler und auch nicht alle Mönche und Lehrer. Nur sein Bruder Aki und nun auch dieser Jüngling? Unmöglich! „Nun?“, sagte er streng und hoffte unbeeindruckt zu klingen, „was siehst du?“ „Du bist überrascht, dass du jemanden vor dir hast, der deine Blicke versteht. Zuerst dachte ich, dass du etwas bösartiges an dir hast, doch du bist in Wirklichkeit warmherzig und fair. Mit deiner Strenge und deiner scheinbare Kühle willst du deine Schüler dazu verleiten dich zu hassen. Denn so lernen sie besser, wenn sie negative Gefühle haben. Doch du liebst jeden Einzelnen von ihnen wie deine Söhne. Du willst ihnen das Beste lehren und du bist stolz auf sie. Das sehe ich! Einen äußerlich kühlen und harten Mann, doch im Inneren warmherzig, stolz und beeindruckt von dem, was ich dir gerade sage, du kannst es nicht verbergen!“ Inaba konnte es nicht fassen. Er sah den Jungen erstaunt an. Dieser Bengel redete, als ob er ihn schon eine Ewigkeit kennen würde. Alles was er sagte entsprach der Wahrheit, alles, nichts übersehen, nichts ausgelassen. Seine Augen verengten sich und versuchte nun durch DeSaganas Augen zu blicken, doch die tiefe Schwärze der Augen irritierten ihn. „Nun, was sagst du Bruder? Nimmst du ihn in dein Dojo auf?“ „Bring ihn in sein Zimmer, dann komm zu mir!“ DeSagana lief ohne Worte mit Aki mit. Er wusste, dass er aufgenommen war. Lächelnd lief er neben dem Mönch her, der immer wieder auf ihn hinabsah. Aki brachte ihn in ein kleines Zimmer, in dem ein Bett, ein Schrank und ein Tisch stand. Obwohl es nur klein war, fühlte sich DeSagana wohl. Die Räucherstäbchen gaben auch hier einen angenehmen Duft ab, überall hingen sie in den Gängen und Zimmern. Zufrieden setzte sich der Junge auf das gemütliche Bett. „Du hast meinen Bruder fasziniert!“ „Ja, ich hab es gesehen!“ „Du bist wirklich einzigartig! Ich danke deinem Freund, dass er dich herführte!“ „Ich auch, ich fühle mich sehr wohl hier.“ „Aber es wird hart werden!“ „Das macht mir nichts aus, hier fühle ich mich frei und nicht gehasst!“ „Da hast du Recht. Die anderen Kinder werden dich auch gern haben, hier gibt es keinen Hass. Aber ich warne dich, die Kinder leben hier sehr zurück gezogen, es bilden sich nur wenige Freundschaften, also sei nicht enttäuscht!“ „Das ist schon in Ordnung. Ich bin ja auch ein Einzelgänger, ich bin es gewohnt. Zu Hause redet man auch nicht mit mir, man schreit mich nur an!“ „Keine Angst, hier schreit niemand! Ich werde dich jetzt alleine lassen. In drei Stunden wirst du dann ins Dojo kommen, dann beginnt dein Unterricht!“ Mit diesen Worten verließ Aki den kleinen DeSagana. Dieser packte seine Sachen aus. Er war glücklich, das erste Mal nach dem Tod seiner geliebten Mutter!

Und doch spielte das Schicksal ihm wieder einen Streich, denn sein Glück hielt nicht lange an. Schon nach 7 Jahren wurde er hart für das bestraft, was ihn prägte und was der Grund für den Anfang einer blutigen Jagd war, eine Jagd, die sein Leben lang andauerte...

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Tag der Veröffentlichung: 19.07.2011

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