Ich hatt’ einen Kameraden
Vor einigen Jahren hatte ich einen Schüler Walfried Pütz*, der in meine Klasse kam und als der Schrecken der Schule galt.
Wo es was zu prügeln gab, Walfried war dabei. Er hatte eine Stimme, wie die Posaunen von Jericho. Die wüstesten Schimpfwörter, die am lautesten erschallten, hörte man von Walfried.
Ich sah und hörte ihn mir eine Woche an. Er war mit seinen elf Jahren sehr stark und hatte, trotz all seines ungebärdigen Verhaltens, eine Art, die mich herausforderte und zugleich für ihn einnahm.
Ich mochte es nie, wenn ein Kind zum Sündenbock der ganzen Klasse abgestempelt wurde.
Also führte ich erst ein Gespräch mit Walfried und dann, ohne ihn, mit der restlichen Klasse.
Allen machte ich klar, dass es nicht immer nur an Walfried lag, wenn etwas nicht in Ordnung war. Wir einigten uns auf, für alle annehmbare Regeln, und da ich auf ganz genaue Einhaltung dieser Absprachen bestand, wurde Walfried nach kurzer Zeit seinen nicht gerechtfertigten Ruf, immer alles schuld zu sein, los.
Er blieb zwar stets anstrengend, aber wir beide respektierten uns und kamen prima miteinander aus.
Das wunderte seine Familie, die aus Opa, Oma, Vater, Mutter, zwei Schwestern und ihm bestand.
Bisher waren stets Beschwerden an sie gerichtet worden, eben wegen Walfried. Die Nachbarschaft, die Schule, der Spielplatz – überall fiel Walfried unangenehm wüst und wild auf.
Der Opa bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof, die Oma lag als Schwerstpflegefall schon sechs Jahre im Bett und wurde von ihrer Schwiegertochter – Walfrieds Mutter – betreut.
Der Vater war Kopfschlächter in einer Großmetzgerei und fuhr bereits um vier Uhr morgens zur Arbeit. Am Abend half er dann weiter mit in der Landwirtschaft seines Vaters.
Die beiden Schwestern waren noch in der Schule.
Walfried arbeitete mit seinem Opa. Ein ganz besonders inniges Verhältnis verband die beiden und Walfried fuhr mit seinen elf Jahren schon den Traktor. „Nur im Feld“, wie er erklärte. Opa und er angelten in ihrer knapp bemessenen Freizeit. Das war Walfrieds großes Hobby. Über seine verschiedenen Aufgaben in seinem Umfeld, ließ ich ihn ausführlich berichten. Da staunten die übrigen Mitschüler, was Walfried alles konnte und es erfüllte ihn offensichtlich mit Stolz, wenn er einmal, so ganz anders als bisher, im Mittelpunkt stand.
Nach den Weihnachtsferien ließ ich immer alle Schüler und Schülerinnen erzählen, wie es Weihnachten und Silvester zu Hause zugegangen war.
Als Walfried an die Reihe kam, sah er mich herausfordernd an und sagte: „ Du rät’s nie, wo ich Weihnachten meinen neuen Angelkoffer mit allem drin, gefunden habe! Den hatte Opa ganz toll versteckt.“
Nach einigem hin und her raten – auch die Mitschüler rieten mit – aber keiner fand das Versteck heraus, kam Walfried zur Auflösung: „ Bei Oma unter de’ Bettdeck!“
Omas Bett stand seit Jahren im Wohnzimmer und Weihnachten stand der Tannenbaum gleich daneben und die Familie saß rundherum.
Unser Klassenzimmer war recht geräumig, hatte aber den Nachteil, nur mit einer Spanplatte vom nächsten Klassenzimmer abgetrennt zu sein.
Nun hatte diese Klasse eine junge Lehrerin, die morgens erst einmal diskutieren ließ, welches Fach denn nun als erstes drankommen sollte.
Nach lautstarken Meinungsäußerungen war die erste Stunde schon fast vorbei und dann ging es weiter, immer mit einem Lautpegel, der mich erstaunen ließ, dass dabei irgendetwas zu erlernen sei.
Nun ja, es gab ja ständig wechselnde, tolle, neue Lernangebote, die ich nicht als besonders förderlich ansah, aber jeder sollte seine Erfahrungen machen.
Nur einmal sann ich auf Rache für die ständigen Störungen von nebenan.
Die Kinder schrieben eine Mathematikarbeit und im nächsten Klassenraum stand der Musikunterricht an.
Stühle und Tische wurden zur Seite geworfen und dann ertönte Rappmusik mit entsprechender Lautstärke und regen Würfen der Schüler auf den Fußboden und gegen die Wände.
Meine Schüler beschwerten sich, aber es half nichts.
Die Mathematikarbeit wurde verschoben und ich suchte mir für den folgenden Tag aus einem alten Liederbuch „Unser fröhlicher Gesell“, aus dem Jahre 1959, ein ganz besonderes Lied zur Erbauung der Rapp- und Technogeschädigten, aus.
Ich wurde fündig. Meine Wahl fiel auf :
ICH HATT’ EINEN KAMERADEN von Ludwig Uhland – Deutscher Dichter 1787-1862
Erst besprachen wir den Text und da ich ihn anschaulich und mit entsprechenden Gebärden vortrug, waren die Schüler zwar erstaunt, aber als ich auch noch die Melodie anstimmte, riefen einige: „ Datt kennen wir, wird bei uns immer auf dem Friedhof geblasen, wenn ein Schützenbruder begraben wird!“
„Prima,“ sagte ich, „dann könnt ihr das ab sofort immer mitsingen!“
Alle sangen also das traurige, aber auch ansprechende alte Lied in voller Lautstärke, den Text hatte ich allen abkopiert, begeistert mit.
Nach der Stunde, als alle in die Pause gingen, sah mich die Kollegin von nebenan, ganz merkwürdig an. Sie sagte aber nichts und ich auch nicht.
Eine Woche später rief Walfrieds Opa an, morgens um viertel vor acht, vor dem Unterricht.
„Also,“ sagte er und die Ähnlichkeit mit Walfrieds Stimme war unverkennbar, „ datt will ich Sie mal sagen, endlich hat de Jung’ ens en gescheites Lied jelernt. Gestern wurd’ minne Nachbar begraben, enne Schützenbruder aus unserm Verein. Walfried war mit und als datt Lied geblasen wurde, datt vom Kameraden, hat dä Jung datt janz laut mitjesungen,
Ich war platt und beim Beerdigungskaffee haben alle jesagt, datt hätten se dem Jungen net zujetraut, dat dä so ä schönes Lied in dä Schull jelernt hätt und de Text so jut behalten hät. Da war ich endlich ens janz stolz auf ihm!
In letzter Zeit mäk he sich jo besser. Schlaaare Se emm ma düchtisch öm de Uuhre, wenn hä net pareert. Datt wor fröher och so und do hant wer besser jeliert!“
„Nein,“ entgegnete ich, „ heut wird nicht mehr geschlagen, ich komm auch so mit Walfried sehr gut klar.“
„Naja, wenn Err mennt, ich sag nix, wenn hä ens a paar ömm de Uuhre krett !
Mittlerweile sind Opa und Oma von Walfried tot und ich hoffe, dass Walfried auch zur Beerdigung von Opa das Lied laut mitgesungen hat. Opa und mich hätte es gefreut.
*alle Namen wurden geändert
Text zum Lied:
Ich hatt’ einen Kameraden, einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite, er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt, in gleichem Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen; gilt es mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen, er liegt mir vor den Füßen,
als wär’s ein Stück von mir, als wär’s ein Stück von mir.
Will mir die Hand noch reichen, derweil ich eben lad’.
Kann dir die Hand nicht geben; bleib du im ewgen Leben
mein guter Kamerad, mein guter Kamerad!
Worte: Ludwig Uhland Weise: Friedrich Silcher
Klassenfahrt
Diese Fahrt liegt schon viele Jahre zurück, aber gestern traf ich einen ehemaligen Schüler, der rief schon von weitem: „ Hallo, Frau Heyer, kennen Sie mich noch?“
„Jesus,“ entgegnete ich „natürlich erkenne ich Dich, aber mit den Namen, da hapert’s,
bei 1 000 000 ehemaliger Schüler – wie heißt Du noch mal?!“
„ Jesus nicht, aber Karl-Heinz H., ich hab’ zwar viel vergessen, was Sie uns damals beigebracht haben, aber die letzte Klassenfahrt mit Ihnen und unserem Klassenlehrer J.,
die war so toll, davon erzähle ich mittlerweile meinen Kindern!“
„Ach ja, “ ich erinnerte mich auch, „die nach Köln!“
Diese Fahrt war auch wirklich unvergesslich.
Mein Kollege, ein feinsinniger, künstlerisch begabter Lehrer hatte also geplant, die letzte Klassenfahrt mit seiner Abschlussklasse, nach Köln anzutreten um den SchülerInnen die Kunstschätze der Stadt nahe zu bringen.
Ich fuhr mit, weil ich in dieser Klasse auch unterrichtete.
Wir stiegen also in den Bus, der uns an unser Ziel bringen sollte. Die Fahrt ging über die Autobahn und gelegentlich blitzte ein Kirchturm eines Ortes, auf der Strecke auf.
Jedes Mal riefen die Schüler: „ Frau Heyer; kucken Se mal, ee Kapellken!“
Ich hatte in dieser Klasse Religion und nun glaubte man, mir eine Freude zu machen, wenn sie mich auf eine Kirche aufmerksam machten.
Da hätte mein Kollegen und ich schon hellhörig werden sollen, denn diese Rufe wurden immer lauter und fröhlicher.
Wir beiden saßen vorne und hatten, im Gleichklang mir dem Busfahrer, den Kindern eingeschärft, im Bus nichts zu essen und zu trinken.
Wir waren noch keine fünf Kilometer gefahren, da rochen wir schon Eier und Kartoffelsalatgerüche durch den Bus ziehen.
Wir eilten durch die Reihen und sahen wir nicht nur Eier und Kartoffelsalat, nein, es kreisten auch Becher mit Rotwein.
Wir kassierten alle verbotenen Zutaten ein und freuten uns, bald die Türme des Kölner Domes in der Ferne zu erblicken.
An der Bushaltestelle angekommen, erläuterten wir allen, dass, sollten wir uns im Gewühl der Stadt verlieren, das Rheinufer hier an dieser Stelle, unser Treffpunkt sei.
Erst einmal ging es geschlossen zum Kölner Dom.
Nun muss man bedenken, dass Anfang der siebziger Jahre unsere SchülerInnen, die alle aus Dörfern kamen, keiner je vor, oder im Kölner Dom gewesen war.
Erst einmal wollte der Kunst beflissene Kollege im Innern des Domes den SchülerInnen erläutern, welche Baukunst die Gotik geschaffen hatte.
Da kam er aber nicht lange zu Wort, denn die Kinder riefen: „ Mensch, ärsch huur, do ess ett in oss Kirk jemütlicher!“
Enttäuscht über die mangelnde Kunstbegeisterung und dem Zischen des Kirchenschweizers, es sollte leiser sein, traten wir vor die gewaltigen Türme des Domes und, damit die Kinder nicht auseinander liefen, boten wir an, den einen der Türme zu besteigen und somit das gewaltige Bauwerk von oben zu erfahren.
Wir kauften die Eintrittskarten und ich blieb unten, um die Klasse wieder in Empfang zu nehmen, wenn sie zurückkam.
Ich richtete mich auf wenigstens eine halbe Stunde Wartezeit ein und wollte schon das Römisch Germanische Museum und einen Blick auf das Fußbodenmosaik einer alten römischen Villa, das man schon durch eine Glasscheibe von außen betrachten konnte, in Augenschein nehmen, als nach zehn Minuten bereits die Ersten mit hochroten Köpfen angerannt kamen.
Ich war baff und auf meine Frage, was sie denn im und vom Turm aus gesehen hätten, japsten sie: „ Nix – wir haan nur jewett, wer zuerst oben und wieder unten ist.“
Der Kollege hatte, ob der tollen Jagd durch das Turminnere, auch die Segel gestrichen und war auf halbem Wege umgekehrt.
Nun standen wir also, nach nicht einmal einer halben Stunde, auf dem Domvorplatz und überlegten uns den Wert einer Klassenfahrt, die ein Kunstgenuss hatte werden sollen.
Es sollte ja noch ins Römisch Germanische Museum gegangen werden.
„ Weißt du was,“ schlug ich dem Kollegen vor, „ wir lassen das mit der Kunst, das bringt nichts. Am besten gehe ich mit den Mädchen über die Hohe Straße bummeln und du gehst mit den Jungen an den Hafen, die Schiffe betrachten und dann treffen wir uns hier auf dem Vorplatz in zwei Stunden wieder und sehen danach weiter.“
Der Kollege fand die Idee auch gut und nach zwei Stunden trafen wir uns wieder, nachdem sich noch zwei Schüler verlaufen hatten, die blass und verstört, zufällig mir in die Arme liefen.
Nun waren aber noch gut zwei Stunden Zeit, bis der Bus uns zurück fuhr.
Da sahen wir – oh Glück – ein Kino auf der Hohe Straße, welches schon um 13.00 Uhr einen Film zeigte, der uns sehr, und noch mehr den SchülerInnen, zu pass kam.
VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA
Wir beschlossen kurzerhand, uns den Film gemeinsam anzusehen und trafen damit ins Schwarze.
Jeder bekam noch vor Beginn des Film ein Eis auf’s Hörnchen und dann, ja dann habe ich und alle, die dabei waren, nie mehr so gelacht und vor Begeisterung geschrieen, wie in diesem Film.
Der war für damalige Verhältnisse ja auch umwerfend.
Allein die Kartenmischaktion von Terence Hill und die Antwort von ihm, nachdem in Mönche mit „Gelobt sei Jesus Christus“ begrüßten und er fragte: „Warum“, riss alle fast vom Sessel.
Und immer, wenn ich einen ehemaligen Schüler oder eine Schülerin treffe, der an dieser Klassenfahrt teilgenommen hat, höre ich als erstes: „ Wissen se noch; vier Fäuste für ein Halleluja, nee war dat schön, damals!“
Tag der Veröffentlichung: 07.01.2009
Alle Rechte vorbehalten
Widmung:
An alle meine Schüler - es waren sicher Tausende im Laufe von 40 Jahren - die mir meinen Beruf nie verleidet haben!