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Ich rannte den dunklen Waldweg entlang, in der Hoffnung, meine Verfolger würden die Jagd aufgeben. Noch immer hörte ich ihre Rufe. „ Dreckiger Halbelf!“, oder „ Du miese Ratte, dich würde ich für ein Stück verschimmeltes Brot töten!“. Solche Bemerkungen war ich gewohnt. In dem Stadtviertel, in dem ich lebte, verabscheute man Elfen, und alle die mit ihnen Verwandt waren. Den Grund kannte ich nicht. Doch ich wusste, die Stadt war gefährlich. Schon immer hatte ich davon geträumt, ihr zu entfliehen. Vielleicht würde mein Wunsch jetzt wahr werden. Schlagartig stolperte ich über eine Wurzel. Ich fiel zu Boden und schürfte mit das Knie auf. Stechender Schmerz schoss mir durchs ganze Bein. Meine Verfolger kamen immer näher. Beinahe schon konnte ich ihren stinkenden Atem riechen, ihre schmutzigen Hände sehen und ihre vor Bosheit und Gier verzerrten Gesichter. Plötzlich war das unheimliche Heulen eines Tieres zu hören. Ein Wolf vielleicht. Meine Verfolger hielten abrupt an. Ich kannte sie- sie waren wie alle der fiesen Zocker des Viertels. Arm wie sie waren, rauften sie sich zu kleinen Gruppen zusammen und jagten für Auftragsgeber bestimmte Personen. Elfen waren besonders beliebte Ziele. Doch sie waren feige. Skrupellos würden sie sogar Kinder für Geld töten, doch ihr eigenes Leben setzten sie nicht auf Spiel. Langsam verklungen ihre panischen Schreie in der Ferne. Ich rappelte mich auf. Jetzt wieder zur Stadt zurückzukehren wäre wahrlich dumm, war ich ihr doch gerade erst entflohen. Nein, ich würde weiter in den Wald hineinwandern. Nach einer Weile fiel mein Blick auf etwas, dass ich am wenigsten erwartet hatte: eine Hütte. Ich fragte mich, ob ihr Bewohner wohl die Ansicht der Stadtleute teilte und Elfen verabscheute. Doch ich entschloss mich, trotzdem zu klopfen. Ich trat zu Tür und pochte. Eine Weile geschah nichts. Dann öffnete ein alter Mann. Bart und Haare waren weiß, und reichten ihm mindestens bis zum Knie. Misstrauisch blickte er mich an und fragte: „ Wer bist du, Junge? Und was tust du zu dieser späten Stunde allein im Wald? Er ist nicht ganz ungefährlich, weißt du.“ Ich erzählte ihm schnell, was mich hierher geführt hatte. Am Ende willigte er ein, mir für die Nacht ein warmes Bett zu bieten. Erleichtert trat ich ein. Der alte Mann verschwand in eine der beiden Türen, die am hinteren Ende des Zimmers waren. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch und zwei Stühle. An den Wänden standen Regale die bis an die Decke reichten. Sie waren vollgestopft mit Gläsern und Behältern voller Gräser, Kräuter und anderer merkwürdiger Dinge. In einem kleinen Terrarium hockte ein hübscher, braungoldener Frosch. Ich wanderte vorsichtig durch den Raum. Plötzlich gluckste eine Stimme an meinem Ohr: „ Na, neugierig?“. Vor Schreck entfuhr mir ein kleiner Aufschrei. Ich blickte mich hastig um, doch niemand war zu sehen. Dann erblickte ich den Frosch, der auf meiner Schulter saß. Ich riss erstaunt die Augen auf. War der Frosch so weit gesprungen, ohne dass ich es bemerkt hatte? Und konnte er etwa sprechen

? " Ja", meinte der Frosch, als ob er meine Gedanken lesen konnte, " Außergewöhnlich, nicht wahr?". Ich brauchte einen Moment, um mich zu fangen. Dann fragte ich : " Habt... Habt ihr einen Namen?". Es war doch äußerst merkwürdig, einen Frosch nach seinem Namen zu fragen, aber antwortete mit kumpelhafter Stimme: " Ich in Chu. Ja, genau, Chu, wie bei " Kochen"." Langsam beschlich mich das Gefühl, dass dieses Tier schlauer war, als ich. Gerade wollte ich ihn fragen, wo er herkam, als die Tür aufflog. Der alte Mann kam hinein. " Herr... Herr.. ahm..", stammelte ich, " Also, es war nicht... Ich meine, plötzlich saß er... Ich konnte ja-". Dann sah ich, dass er lächelte. " Keine Sorge, Chu ist eben genauso neugierig wie du. Morgen habt ihr mehr Zeit euch kennenzulernen Aber es ist spät, und ich denke es ist besser, wenn du jetzt zu Bett gehst,...Wie heißt du?" Ich schluckte. Bisher hatte ich keinen Namen gebraucht, schließlich hatte ich keine Eltern oder Freunde. ich durchforstete mein Gehirn nach etwas brauchbarem, dich mir wollte einfach nichts besseres als das einzige lateinische Wort das ich kannte einfallen. " Mein Name ist Factus, Herr...", meinte ich unsicher. " Ah, Factus. Meines Wissens nach " Tat" auf Lateinisch." Er zwinkerte mir zu und ich hatte das Gefühl, dass sowohl er als auch der Frosch wussten, dass ich mich eben gerade danach benannt hatte.
Sonnenlicht fiel durch meine Augenlieder. Unwillig öffnete ich sie und fand mich in einem Raum voller Regale wieder. Ich blinzelte verwirrt. Warum lag ich nicht in irgendeiner Gasser voller Schmutz? Dann fiel mir alles wieder ein: Die Verfolgungsjagd, die Hütte, der alte Mann, der Frosch... Meine Müdigkeit war verflogen. Neugierieg stand ich auf und blickte mich in dem Zimmer um. Hier waren die Regale mit Büchern gefüllt. Interessiert ging ich näher heran. " Die Drachenarten des Ostens"," Magische Bäume und Kräuter"
oder " Flammenmagie- Wenn das Feuer zum Untertan wird"- so ungefähr lauteten die Titel der Bücher. Ich keuchte. War der alte Mann etwa ein Magier? Ich hielt inne und horchte. Keine Geräusche kamen aus der Hütte. Der Mann musste noch schlafen. Einen Moment stand ich unschlüssig vor dem Regal. Dann gewan die Neugier oberhand. Langsam, wie in Trance glitten meine Hände durch die Luft. Sie steuerten auf eines der Bücher zu. Es war groß, hatte einen grünen Ledereinband und in goldenen Lettern waren folgende Worte geschreiben:" Dunkle Zauberei: Von denen, die den Tod beherrschen". Mein Atem ging flach. Schließlich berührten meine Finger das Buch. Langsam zog ich es heraus, als eine Stimme hinter mir ertönte:" Wissensdurst hat noch Niemandem geschadet, mein lieber Factus, aber noch sehe ich keinen Nutzen darin, wenn du das Buch erst einmal in Ruhe lässt. Deine Zeit wird kommen." Er klang freundlich, jedoch hatte er mir klar gemacht, dass dieses Buch von nun an tabu war.

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Tag der Veröffentlichung: 28.09.2011

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