...Teil 1 ... Die Hundert...
Teil 2 ... Team 98
Teil 3 ... Die letzten der Hundert
Teil 4 ... Horror fürs Team
Teil 5 ... Kahlyns Neubeginn
Teil 6 ... Kahlyns Wut
Der Roman, einschließlich aller seiner Teile, sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Personen und Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Impressum: 1. Auflage 2012
Mail: feenwinter@freenet.de
© Cover-Gestaltung: Katja Neumann
© Grafiken: Katja Neumann
Lektorat: Katja Neumann
Layout, Design: Katja Neumann
Letzte Überarbeitung(16.) 13. Mai 2017
Fest gehalten von Fesseln wurde Sie in ihrer Welt, deshalb konnten sie dem Licht nicht völlig entfliehen. Ihre Welt war klein und oftmals trüb, vor allem verstand sie nicht, was um sie herum geschah. Gefangen war sie im trüben Glanz ihrer Welt, welches sie vollkommen umschloss und sie hatte keine Möglichkeit sich zu wehren oder zu flüchten. Verzweifelt drehte SIE sich so, dass nur wenig Licht ihre empfindlichen Augen blenden konnte, so wurde die Zeit des Wartens erträglicher.
Sie spürte, dass sie nicht alleine war. Trotz aller Bemühungen konnte sie die Anderen nicht sehen. Nur ein Gefühl sagte ihr, sie war nicht die einzige ihrer Art, um sie herum gab es noch zahlreiche andere Wesen, die genauso litten unter dem Licht und deren Gefühle sie spürte.
Einige ihrer Art waren schon gegangen und kehrten nicht mehr zurück. Die Anderen jedoch waren geblieben und sie konnte sich mit ihnen unterhalten. Trotzdem fühlte sie sich einsam und allein, und kam sich eingeengt vor. Sie sehnte sich nach der Nähe Ihresgleichen, nach der Wärme ihrer Körper. Sie nahm ihresgleichen nur durch ihre Gedanken wahr, denn sie konnte sie weder sehen, noch berühren. Auch die Anderen fühlten sich einsam. Sie waren auf sich selber gestellt und konnten ihrer kleinen engen Welt nicht entkommen. Ihre Leidensgefährten schliefen allerdings sehr viel und wurden nur geweckt, wenn die Schatten kamen und in ihre geschützte Welt eindrangen.
Durch die Unterhaltung mit Ihresgleichen, wusste sie, dass sie sich von ihnen unterschied. Worin dieser Unterschied bestand, konnte sie noch nicht genau benennen. Sie merkte allerdings sehr schnell, dass sie aufmerksamer war und die Welt genau beobachtete. Sie achtete mehr als die anderen Wesen, auf Veränderungen in ihrer Welt und die an diesem seltsamen Ort vor sich gingen.
Eins war bei allen Wesen ihrer Art gleich: Sie hassten und liebten die Eindringlinge gleichermaßen und konnten genau begründen, warum das so war. Nur durch sie bekamen die Eindringlinge einen Namen. Sie nannte die Wesen außerhalb ihrer Welt: SCHATTEN. Die Schatten waren unterschiedlich in der Statur. Manche waren groß und andere klein, manche dick und andere dagegen dünn.
Als sie hier ankam, konnte sie die Schatten nicht richtig wahrnehmen, aber das änderte sich im Laufe der Zeit. Meistens brachten die Schatten, ihr und Ihresgleichen, Gutes. Aber es gab einige der dunklen Schemen, die waren noch dunkler und besaßen noch weniger Konturen, diese wirkten unheilvoll. Sie drangen in ihre Welt ein und brachten ihnen unvorstellbare Schmerzen. Seit einiger Zeit allerdings, wurden die Schatten deutlicher. Die Konturen wurden deutlicher, einzelne Details wurden sichtbar und sie konnte dadurch die Schatten besser unterscheiden.
Auf die hellen Schatten, die in regelmäßigen Abständen an ihrer Welt erschienen, freute Sie sich immer. Ihre Welt wurde dann klar und schön. Kamen allerdings die dunklen Schatten, deren Konturen kaum zu unterscheiden waren, dann wurden ihre Welten mit Schmerzen überflutet und es ging allen Betroffenen schlecht.
Das sie umgebende Licht, hassten das zarte Geschöpf, genauso wie die anderen Wesen in ihrer Nähe. Sie konnte es kaum ertragen, wenn es hell wurde. Das Licht fügte ihnen unerträgliche Schmerzen zu. Sie wünschte sich, dass es um sie herum, für immer Dunkelheit herrschen würde, dann wäre ihr Leben vollkommen. Satt, Wärme und Dunkelheit würde ihr Dasein perfekt machen. Leider so ahnte sie schon, tief in ihrem Innersten, war nichts im Leben wirklich perfekt.
Sie begriff, dass dem Licht immer die Schatten folgten. Einerseits hasste sie deren Erscheinen, da sie es nicht beeinflussen konnte, welche der Schatten zu ihnen kamen. Andererseits liebte sie das Eindringen der Schatten, in ihre kleine Welt. In der Regel brachte es eine Woge von unvorstellbarer Wärme über sie und danach fühlte sie sich satt, zufrieden und ihre Welt wurde wunderschön. Sie konnte weder erkennen, wer die Eindringlinge waren, noch woher sie kamen oder wohin sie gingen.
Die Anderen ihrer Art, machten sich über solche Banalitäten, keine Gedanken, sondern schliefen einfach weiter, wenn sie satt und zufrieden waren. Sie konnte das jedoch nicht und wollte mehr wissen. Warum brachten manche Schatten Schmerzen und andere taten ihnen nur gut?
Auch von den hellen Schatten mochte sie einige lieber, als die anderen.
Zwei von ihnen schloss sie fest in ihr Herz. Ein unbeschreibliches Gefühl, ging von diesen Beiden aus, so als wäre sie satt und zufrieden, auch dann, wenn sie Hunger hatte. Sie hätte allerdings nicht erklären können, warum das so war. Etwas Besonderes ging von diesen beiden Schatten aus. Wenn sie kamen, raste ihr Herz und in ihrem Bauch hatte sie einen warmen Klumpen: ein riesiges Wohlgefühl.
Den Anderen ging es mit ihren Schatten ebenso. Nur machten sie sich keine Gedanken und Mühe, um nach dem Warum zu forschen. Sie nahmen es wie es hin, wie es kam. Sie wollte allerdings mehr wissen. Deshalb drehten sich ihre Gedanken, nicht nur um die Schatten, sondern auch um Ihresgleichen ...
Auszug aus "Meine ersten Gedanken" von K. S.
Chronik der "Hundert"
Verwundert schauten die Anwohner von Harkensee, nach oben auf die Dachterrasse, des erst vor kurzem fertiggestellten Einfamilienhauses. Morgen war Silvester und das Jahr 1975 ging zu Ende. Heute war ein bitterkalter Tag, Weihnachten war vorbei und es lag eine unvorstellbare Ruhe über dem Dorf. Eine Ruhe, die sich die Anwohner der hiesigen Gemeinden vielen Jahren von ganzem Herzen gewünscht hatte. Diese Ruhe allerdings, machte vielen Bewohnern dieser Region, um den Deipsee, eine höllische Angst: denn sie hielt nie lange vor. Nach dieser Ruhe, wurde es immer schlimmer als zuvor. Die Ansässigen fragten sich: wann würden die Wehrwölfe wieder kommen?
Trotz des kalten Wetters, saß der erst vor kurzem zugezogene Landarzt auf der Hollywoodschaukel seiner riesigen Dachterrasse und schaute in die Ferne, ohne die Blicke der Anwohner wahrzunehmen. Kopfschüttelnd registrierten die Bewohner von Harkensee, diese Tatsache. Niemand wunderte sich wirklich über dieses fragwürdige Verhalten dieser Leute, es passte nur zu gut zu dem Bild, das sie sich von dieser Familie gemacht hatten. Kein normaler Mensch setzte sich bei diesem Wetter, nach draußen auf den Balkon oder die Terrasse. Ein Beweis mehr, dass die Gerüchte wahr waren, die über diese Familie erzählt wurden? Seit drei Monaten wohnten die Jacobs im Dorf und wurden misstrauisch beäugt. Nicht nur, weil sie zugezogen waren, sondern vor allem, weil allerlei widersprüchliche Informationen über dieses Pärchen im Umlauf waren. Man konnte diesen Arzt nicht wirklich einschätzen und das schuf Unbehagen.
‚Wieso zog die Jacobs gerade in ihr Dorf?‘ Fragten sich viele Bewohner.
Zwar half Doktor Jacob und seine Frau, bei akuten Problemen oder bei Notfällen, schon seit vielen Jahren in der Region aus, wenn der hiesige Landarzt keine Zeit hatte oder nicht erreichbar war, trotzdem beobachtete man argwöhnisch diese Leuten. Alleine die Tatsache, dass sie aus dem verboten Wald kamen, war den Meisten nicht geheuer. Man begegnete den Jacobs mit sehr viel Vorsicht und noch mehr Misstrauen. Auch wenn man sich darüber freute, endlich einen Arzt im Dorf zu haben. Noch dazu einen der vierundzwanzig Stunden am Tag, für die Bewohner der Region erreichbar war. Das jedenfalls hatte ihnen der Bürgermeister von Harkensee versprochen. Und dass dieser Arzt eine Koryphäe auf seinen Gebiet wäre. Niemand würde hier mehr in Lebensgefahr geraden oder gar sterben, wenn sie, die Bewohner des Dorfes, dem Arzt eine Chance geben würden. Auch wenn dieser fremd hier war und noch dazu vom verbotenen Wald komme.
Eins musste man den Jacobs lassen, der weißhaarige, schon in die Jahre gekommene Arzt und seine junge Frau, war sehr freundlich und zuvorkommend. Vor allem hatte der Arzt in den letzten fünfzehn Jahren, nicht nur einem Dorfbewohner das Leben gerettet. Trotzdem traute man dem Frieden nicht. Zu viele ungeklärte Fragen gingen den Bewohner durch den Kopf und zu viele Gerüchte, über den verbotenen Wald waren im Umlauf. Man traute niemand der von dort kam, denn aus diesem Gebiet kam nichts Gutes. Seit über sechzehn Jahren hörte man ständig diese Schreie, welche die Bewohner der Region in Angst und Schrecken versetzte und die sich niemand erklären konnte. Schreie die nicht von Menschen stammten und die sich kein normaler Mensch vorstellen konnte, wenn er nicht hier in der Region zu Hause war. Gerüchte von Teufelsaustreibungen und Werwölfen, machten ihre Runde und versetzen die Bevölkerung in Panik.
Noch eins war verwunderlich, erst vor kurzen erfuhren die Bewohner des Dorfes von dessen Frau, dass der Arzt, den jeder auf Mitte bis Ende sechzig geschätzt hatte, erst achtundvierzig Jahre alt war. Auch die Frau des Doktors, war wesentlich jünger, als sie aussah. Die Jacobs mussten schlimme Dinge erlebt haben, das konnte man in ihren Gesichtern lesen.
Nur gut, dass Fritz Jacob und seine Frau Anna nichts von all den Gedanken der Bewohner ahnten, sonst würde sie bei dieser Kälte, nicht so friedlich auf ihrer Terrasse sitzen. Die Jacobs würden alles dafür tun, um diese Gerüchteküche nicht noch mehr anzuheizen. Anna sah zwar die fragenden Blicke der Dorfbewohner, die nicht immer freundlich waren und konnten sich diese allerdings nicht erklären. Sie spürte nur die Ablehnung der Frauen im Dorf.
Fritz Jacob allerdings, war frei von solchen Gedankengängen. Er hatte bis jetzt nur berufliche Zusammentreffen mit den Bewohnern im Dorf. Dadurch stand er über solchen Dingen und nahm er solche Feinheiten gar nicht wahr. Meistens hatte er nur Kontakt zu den Bewohnern im Dorf, wenn es sich um akute Notfälle handelte und er die Bewohner in seiner Praxis behandelte. Da blieb einfach keine Zeit für solche feinen Beobachtungen. Die Aufmerksamkeit des Arztes war dann völlig auf das Leiden seines Patienten gerichtet, er schaltete wie immer alles andere um sich herum aus.
Heute allerdings, genoss der Arzt die frische Landluft, die Ruhe und die schöne Aussicht von seiner Dachterrasse, die einen freien Blick in Richtung Ostsee zuließ.
Betrachtete man den, trotz seiner Größe, recht korpulenten Arzt genauer, sah man, dass dieser gern und viel lachte. Sein Gesicht war zwar mit tiefen Falten übersät und es zeigte seinem Gegenüber, dass dieser in seinem Leben, viele unschöne Dinge erlebt haben musste. Trotzdem waren seine Augen umsäumt von vielen Lachfältchen und sie glänzten wie Sterne am Himmel. Die Lachfältchen in seinem Gesicht zeigten jedem, dass Jacob das Lachen nie verlernt hatte. Mit seiner dunklen und warmen Stimme nahm er seine Gesprächspartner sofort gefangen und baute Vertrauen auf. Dies war eine Gabe die nicht alle Ärzte besaßen, Jacob aber in die Wiege gelegt wurden. Seine freundliche und zuvorkommende Art war mit schuld, an den widersprüchlichen Informationen die im Dorf, die Runde machten.
Diejenigen die schon mit Jacob persönlich zu tun hatten, schwärmten von dessen Kompetenz und Einfühlungsvermögen: dies widersprach allerdings der Tatsache, dass die Jacobs aus dem verbotenen Wald kamen.
Jacob der von all den Gerüchten nichts ahnte, saß mit einem Trainingsanzug bekleidet und dick eingepackt in eine Decke, auf der Hollywoodschaukel und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Hier oben hatte er ein Gefühl der absoluten Freiheit und konnte seinen Gedanken ohne Zaudern nachhängen. Hier holte ihn seine Vergangenheit nur selten ein. Immer wieder fuhr sich Jacob völlig unbewusst, mit beiden Händen, durch sein volles weißes Haar und rieb sich seine Augen. Sein Blick suchte in der Ferne die Ostsee. Diese stellte für die Jacobs seit vielen Jahren, den Inbegriff der absoluten Freiheit dar. Frei sein, wie das Fischlein im Wasser oder die Möwe im Wind, dieser Gedanke hatte die Jacobs all die Jahre durchhalten lassen.
Krampfhaft bemühte er sich, seine Gedanken zu sortieren, was gar nicht so einfach war. Kaum dachte er an die vergangenen Jahre und sein Vorhaben, gerieten seine Emotionen in Wallung und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Eine unfassbare Wut kochte in dem Arzt hoch und sein Herz begann zu rasen. Jacob ließ sich deshalb nur zu gern ablenken und sah, über sich selbst lächelnd, hinauf zu dem wolkenverhangenen Himmel. 'Es gibt bestimmt bald wieder Schnee', ging es ihm durch den Kopf. 'Der Wind bläst von der Ostsee her ins Land und bringt erfahrungsgemäß den Schnee mit. Hoffentlich, können wir noch einen Weile hier oben sitzen bleiben, es ist so wunderschön hier.'
Jacob zog den Schal etwas fester um seinen Hals und kuschelte sich in die dicke Decke, die ihm um seine Schultern lag. Er schien auf jemanden zu warten. Seine Blicke wanderten immer wieder zur Terrassentür. Der Arzt sah auf seine Uhr und gab sich einen Ruck. Irgendwann musste er beginnen. Warum also nicht jetzt sofort. Er schaltete das auf seinem Schoss liegende Diktiergerät ein und lehnte sich bequem zurück. Kurz überdachte er sein Vorhaben und nickte sich selber Mut machend zu. Anna würde das gesprochenen dann zu Papier bringen. Jacob holte noch einmal tief Luft und begann leise, aber bestimmt, mit seinem Diktat:
"Wir schreiben heute den 30. Dezember 1975. Es sind nur noch drei Tage, dann jährt sich unsere Ankunft, hier in der Region Dassow, zum achtzehnten Mal. Es waren aufregende, aber keine schönen Jahre. Obwohl das nicht ganz stimmt. Es gab auch schöne Zeiten, an die wir uns gern erinnern.
Endlich habe ich etwas Zeit und die Möglichkeit über unsere Erlebnisse zu berichten. Dies hier soll einmal die Geschichte "Der Hundert" werden. Eine Autobiografie, die ich für unsere Kinder aufschreibe. Es ist ihre und unsere Geschichte, die meiner Frau, unserer Kinder und die meinige“, tief atmete Jacob durch und versuchte sich zu beruhigen. Er hätte sich nicht träumen lassen, dass es so schwierig sein würde, diese Geschichte zu erzählen. 'War es noch zu früh, um über all diese Dinge zu berichten?' Jacob strich sich nachdenklich über das Kinn und rieb sich dann sein Genick. Nein, es war nicht zu früh. Egal wann er über diese Zeit sprechen würde, er konnte dabei einfach nicht ruhig bleiben. Es waren viel zu viele Emotionen im Spiel, die verhinderten, dass er ruhig und gelassen darüber berichten konnte.
Dabei spielte es keine Rolle, wie lange er dies alles vor sich her schob. Sobald er an die vergangen achtzehn Jahre zurück dachte, fing sein Herz an zu schmerzen und alles in ihm begann zu beben. Viel zu viel war in all den Jahren falsch gelaufen und zu viele schreckliche Dinge waren geschehen. Deshalb riss sich Jacob zusammen und sprach weiter in das Diktiergerät: leise aber bestimmt, fuhr er fort, auch wenn seine Stimme einen zittrigen Unterton hatte.
„Stolz kann ich nicht auf alles sein, was ich in den letzten achtzehn Jahren getan habe. Trotzdem betrachte ich unsere Arbeit mit einem gewissen Stolz. Wir sind unseren Prinzipien immer treu geblieben und haben alles getan, um unsere Schützlinge und unsere Mitarbeiter vor Schaden zu bewahren. Das war nicht immer leicht.
Wer wir sind?
Das ist einfach zu beantworten. Wir sind die Jacobs. Meine Frau Anna ist eine erfahrene Apothekerin und ich bin Arzt. Nicht irgend so ein Pillen-Verschreiber, sondern einer der seinen Beruf liebt und mit Herz und Seele ausübt.
Allerdings ist es so, dass nicht jede Entscheidung die man trifft, die Richtige ist. Eine falsche Entscheidung im Leben, muss man oft bitter bezahlen und dafür ein Leben lang Buse tun …"
Fritz Jacob schwieg plötzlich, um einen Moment nachdenklich in die Ferne zu schauen. Seine Gedanken drifteten ab. Ein bitterer Zug machte sich in seinem zerfurchten Gesicht breit und ließ ihn noch älter aussehen. Es hatte den Anschein, als ob sich ein dunkler Schatten über sein Gesicht legte. Schlimme Erinnerungen stiegen in Jacob hoch und der Arzt begann heftig zu atmen. Mit zitternden Händen, rieb er sich die Stelle, an dem sich sein Herz befand. Man sah ihm an, wie er gegen seine Emotionen und diese schlimmen Erinnerungen ankämpfte.
Auf einmal war es vorbei. Plötzlich straffte sich Jacobs gesamte Haltung, er nahm seine Schultern zurück und schüttelte sich, als ob er alles Negative und all die schlechten Erinnerungen von sich abschütteln wollte. Der Arzt riss sich zusammen und sprach entschlossen weiter:
"… Nein, dies wollte ich jetzt noch gar nicht erzählen. Wir sollten eigentlich am Anfang der Gesichte beginnen und nicht mittendrin. Aber es ist für mich nicht so einfach, über alles das zu sprechen. Deshalb werde ich hier anfangen, bei diesem Haus, welches teuer bezahlt wurde! Bei diesem Anwesen werde ich mit meinem Bericht beginnen, in dem wir, Anna und ich, Fritz Jacob, seit drei Monaten wohnen. In diesem wunderschönen Haus, befindet sich eine Arztpraxis und eine kleine, privat geführte, Apotheke. Dort fertigt meine Frau, Medikamente für meine jetzigen, aber auch für meine ehemaligen Patienten an.
Wir wollen hier unser neues Leben beginnen. Diesmal so hoffen wir, ein Leben ohne Horror, Angst und Verzweiflung. Ob uns dies gelingt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Denn ob wir es wollen oder nicht, durch unsere Kinder, wird uns unsere Vergangenheit immer wieder einholen. Dies haben uns die letzten drei Monate sehr deutlich gemacht. Trotzdem hoffen Anna und ich, dass wir einen Neuanfang wagen können. Wir haben genug Horror in unserem bisherigen Leben gehabt und uns endlich etwas Frieden und Ruhe verdient.
Umgeben ist unser neues Zuhause von einem großen Grundstück. Auf der einen Seite, stößt es an einen kleinen Wald, auf der anderen Seite an einen See. Dem See, der am gegenüberliegenden Ufer, unser altes Heim beherbergte. In dem wir so lange Zeit lebten und arbeiteten: der Zeit unseres Alptraums, unseres Horrors und unserer Angst. Im Moment verbringen wir, trotz des kalten Wetters, sehr viel Zeit auf unserer großen Dachterrasse. Von dieser hat man eine herrliche Rundumsicht, die sich von Nordwesten nach Südwesten erstreckt. Wir genießen jede Sekunde unsere neuerworbenen Freiheit und unseres neuen Lebens, als wenn es die letzten Sekunden unseres Lebens wären. Wir können immer noch nicht fassen, dass dieser Horror endlich vorbei ist.
Die Sicht ist frei in Richtung Ostsee und ins Landesinnere, ohne, dass man auf Sicherungszäune schauen muss, die mit S-Draht gesäumt sind und über denen, rund um die Uhr besetzte Wachtürme hinausragten. Es ist so friedlich hier. So gänzlich anders, als in unserem langjährigen "Paradies", unserem "goldenen Käfig". Indem wir so lange gefangen waren und aus dem wir uns nicht mehr befreien konnten und wollten.
Jede freie Minute, genießen wir diesen herrlichen Ausblick. Eingepackt in eine dicke Decke, schauen wir zu, wie die ersten Schneeflocken fallen. Es fängt gerade wieder an zu schneien. Gestern Nacht gab es einen richtigen Schneesturm. Dieser hat alles mit Schnee bedeckt, so als ob man ein Kind liebevoll in eine Decke hüllt. Es ist friedlich hier und unendlich schön. Die Luft ist klar und riecht nach der Freiheit, die wir uns so viele Jahre wünschten, aber erst vor wenigen Wochen erhielten.
Glücklich schaue ich zu meiner Anna, die gerade für uns beide eine Tasse heißen Tee gekocht hat und sich neben mich auf die Hollywoodschaukel setzt. Zärtlich ziehe ich sie in meine Arme. Sie ist glücklich und traurig zugleich. Lächelnd wendet sie sich mir zu…"
Jacob schaltete das Diktiergerät aus und machte eine kleine Pause, bei der Aufzeichnung seiner Geschichte und der Geschichte der "Hundert". Er wandte seine ganze Aufmerksamkeit seiner Frau zu, die er über alles liebte. Die all die Jahre, sein Ruhepol und sein Lebenswille geblieben war, genauso, wie seine Kinder.
Anna kuschelte sich an ihren Mann. Sie war so glücklich und konnte noch gar nicht richtig glauben, dass jetzt alles anders werden sollte. Vor allem, dass sie all die Jahre, einigermaßen gesund überstanden hatten. Es war immer noch wie in einem Traum und sie hatte Angst, daraus zu erwachen und wieder mitten in der Hölle zu sein.
"Fritz, es ist wie damals. Weißt du noch? Genau am 2. Januar 1958, vor fast achtzehn Jahren kamen wir hier an. Damals schneite es genauso schön, wie heute", versuchte sie, ihre Gefühle zu erklären. Ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie sprach.
Jacob legte ihr die Decke um die Schultern und zog seine Frau fest an sich. Eng aneinander gekuschelt, tranken sie das leckere und heiße Gebräu, welches Anna zubereitet hatte.
"Engelchen, wie recht du hast. Damals war es auch bitterkalt, die Luft roch genauso gut und es schneite so schön wie heute", bestätigte Jacob Annas Gedankengang und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Schläfe. "Nur wussten wir damals noch nicht, auf was wir uns da eingelassen hatten. Nur gut ...", Jacob sah auf seine Anna herunter und lächelte. Liebevoll streichelte er ihr die Wange. "... hätten wir das damals schon gewusst, ich glaube nicht, dass wir dann hierher gekommen wären.
Allerdings hätte ich dich dann nie kennen gelernt. Vor allem, hätte ich etwas verdammt Wichtiges in meinem Leben versäumt", ernst sah Jacob seine Frau an.
Anna blickte ihn wehmütig an und flüsterte traurig. "Dann hätte Kahlyn, nie gelebt und die Kin…", Anna fing an zu schluchzen.
Fritz konnte sie gut verstehen, denn auch ihm fehlten seine Kinder. Alle Hundert, waren ihm wichtig. Er konnte leider nur so wenige von ihnen retten.
"Hoffen wir, dass es nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder endlich vorbei ist und ein neues und friedlicheres Leben, für uns alle beginnt", haucht er Anna ins Ohr.
Jacobs Blicke wanderte in Richtung des Ortes, der nur reichliche acht Kilometer südwestlich ihres jetzigen Wohnorts lag und die letzten achtzehn Jahre ihr Zuhause war.
Morgen endete nicht nur das Jahr 1975, sondern mit ihm auch ein Abschnitt ihres Lebens, der wunderschön und zugleich grauenvoll war. Wenn die Jacobs zurückblickten, auf die vergangenen achtzehn Jahre, mussten sie sich eingestehen, dass sie belogen und betrogen wurden und in einem goldenen Käfig gefangen waren. In dieser Zeit lernten sie die Abgründe der menschlichen Seelen kennen, von denen die Jacobs nicht einmal ahnten, dass sie existieren könnten. Sie lernten Menschen kennen, denen sie anfangs vertrauten und die sie bitter enttäuschten. Sie mussten mit ansehen, wie aus Freunden, Feinde wurden und dass sich der Kampf um diese Seelen einfach nicht mehr lohnte. Sie sahen viele liebenswerte Menschen gehen, vor allem aber sterben. Allerdings erfuhren sie auch, dass man immer an das Gute im Menschen glauben sollte.
Ein Lächeln huschte über Jacobs Gesicht, als seine Gedanken zu der Zeit zurückwanderten, als alles begann. Zum Start des "Projektes Dalinow" und zurück zu ihren Kindern…
Seit dem die Jacobs nach Harkensee gezogen waren, wollte Jacob des Öfteren in die Kneipe des Ortes gehen, in dem er seit drei Monaten wohnte. Leider war seine Zeit sehr begrenzt und seine Kinder hatten mehr Eingewöhnungsschwierigkeiten in der neuen Umgebung, als er geahnt hatte. Das Einrichten des Hauses, der Dienst in der Praxis und die Versorgung seiner Schützlinge, nahm seine gesamte Zeit in Anspruch. Endlich bekam er etwas Luft zum Atmen und konnte sich ab und an einmal eine Auszeit gönnen. Er wollte und musste anfangen engeren Kontakt zu seinen unmittelbaren Nachbarn herzustellen. Erreichen konnte man das am besten, in dem man sich mit den Bewohnern des Ortes bekannt machte und sich mit ihnen unterhielt. Anna hatte beim Einkaufen, schon ein paar Bekanntschaften gemacht und trug so dazu bei, dass die Praxis der Jacobs, immer mehr Zulauf erhielt. Jacob hatte dagegen hatte immer noch viel im und um das Haus herum zu tun, so dass er nicht viel Zeit hatte Kontakte zu knüpfen.
Anna kam deshalb auf die Idee, dass ihr Mann einfach einmal in der Kneipe gehen und sich dort einen Kaffee gönnen sollte, vielleicht bekam er auf diese Weise Anschluss im Dorf. Oft bildeten die Stammtischrunden, solcher Kneipen, den Lebensmittelpunkt des Ortes. Man traf sich am Stammtisch, um Neuigkeiten auszutauschen und Probleme zu besprechen. Vor allem aber, um Aktivitäten des Ortes zu planen.
Deshalb, so die Gedankengänge Annas, war es ein guter Ansatzpunkt, um Kontakte zu knüpfen. Die aktiven Mitglieder der Gemeinden, den Vorstand der ortsansässigen Vereine, den Bürgermeister und viele wichtige Bewohner des Ortes traf man eben an solchen Stammtischen.
Obwohl Jacob kein großer Freund von Kneipen war, griff er diese Idee Annas auf. Er lief hinüber in den "Wikinger" und setzte sich direkt an den Tresen. Ihm war klar, dass man ihn nicht mit offenen Armen empfangen würde. Meistens war man Fremden gegenüber sehr vorsichtig, in solch kleinen Orten. Aber irgendwann musste er anfangen Kontakte zu knüpfen, auch wenn ihm das schwer fiel. Lachend wurde ihm wieder einmal bewusst, wie isoliert sie all die Jahre gelebt hatten. Mit dem Umzug und den damit verbunden Arbeiten, waren sie soweit fertig, so dass der Arzt sich endlich eine kleine Auszeit nehmen konnte und diese auch ohne schlechtes Gewissen genoss.
Jacob sah zu dem Hünen, hinterm Tresen. Innerlich breit grinsend, dachte Jacob sofort, dass der Name der Kneipe zum Wirt passte. Der Name "Zum Wikinger" war wirklich eine gute Wahl. Der Wirt war groß von Wuchs, breitschultrig, und das ehemals rote Haar, war jetzt fast weiß. Das markanteste an ihm, war allerdings der Bart, den hatte der Wirt, nach Wikinger Art, zu Zöpfen geflochten trug. Er war eine ungewöhnliche Erscheinung, die man hier in der Gegend, wohl nicht allzu oft finden würde. Das Alter des Wirtes war schwer zu schätzen, es konnte gut sein, dass dieser mit riesigen Schritten auf die Siebzig zuging.
Jacob sah zu dem Wirt. "Guten Abend der Herr, geben sie mir bitte einen großen Pot mit Kaffee. Es ist heute verdammt kalt draußen", fröstelnd rieb sich Jacob die Arme und hing seine Jacke über die Stuhllehne.
Verdutzt sah ihn der Wirt an. "Einen Pott Kaffee?" fragte er nach. Das hatte schon lange niemand mehr bestellt. Breit grinsend schüttelte der Wirt den Kopf. "Sie sind wohl neu hier an der Waterkant? Hier trinkt man einen Grog, um warm zu werden und nicht Kaffee. Ein Grog wärmt nicht nur den Körper, sondern auch Herz und Seele", dunkel erklang dessen Lachen. Trotzdem stellte er Jacob einen großen Kaffee vor die Nase, wollte gerade Zucker und Sahne holen, als Jacob den Kopf schüttelte.
"Den Weg in die Küche, können sie sich sparen. Ich trinke den Kaffee schwarz, so schwarz, wie meine Seele", versuchte er einen lockeren Spruch. Mit den Schultern zuckend, sah der Arzt den Wirt an. "Na ja, neu bin ich hier in der Gegend nicht gerade. Ich lebe schon seit achtzehn Jahren hier. Allerdings bin ich erst vor drei Monaten nach Harkensee gezogen. Vorher lebte ich unten am Deipsee. Ich bin der neue Landarzt. Gestatten sie, dass ich mich kurz vorstelle. Doktor Jacob", kurz erhob er sich, um eine Verbeugung anzudeuten. "Ich habe meine Praxis, gleich hier um die Ecke. Das neugebaute Haus, am Ende der Straße", dabei deutet er hinter sich, in die Richtung, in der sich seine Domizil befand. "Ich würde mich gern mehr in das Gemeindeleben einbringen und mich mit euch bekannt machen", lächelnd schaute Jacob den Wirt an. "Das kann man am besten, so dachte ich, wenn man in die Kneipe vor Ort geht."
"Vom verbotenen Wald kommen sie?" Der Wikinger musterte Jacob misstrauisch. "Na das würde ich an ihrer Stelle, aber niemanden hier im Ort erzählen. Da bekommen sie gleich einen schlechten Stand. Die Leute vom verbotenen Wald, sind nicht sehr angesehen in dieser Region", erklärte er noch kurz, drehte sich um und ließ Jacob einfach sitzen.
Das war mehr als deutlich. Verwundert sah ihm Jacob nach, er hatte gehofft über den Wirt, an die anderen Gäste heranzukommen. 'Verbotener Wald?' ging es ihm durch den Kopf. 'Was bitte hat, dieses Verhalten zu bedeuten?'
Dem Arzt war schon klar, dass es nicht einfach war, hier Fuß zu fassen und dass man ihn nicht mit offenen Armen empfangen würde. Dies hatte ihm der Bürgermeister des Ortes schon bei einigen Gesprächen angedeutet. Dass er aber mit so viel offener Ablehnung rechnen musste, hätte er nicht für möglich gehalten. In Gedanken versunken, starrte er vor sich hin und trank seinen Kaffee. Der Wirt allerdings, unterhielt sich leise mit einigen Stammgästen. Immer wieder wanderten deren Blicke zu Jacob, der dies gar nicht registrierte.
Die Tür der Kneipe öffnete sich und mit ihr kam nicht nur ein kalter Windzug, sondern auch ein Mann herein, der dünn war wie ein Aal. Ein lautes, aber freundliches, "Moin ihr Bagage", erklang in der Kneipe.
Heiner Friese, betrat die Wirtsstube und steuerte schnurstracks auf den Stammtisch zu. Der alte Seebär fesselte sofort Jacobs Aufmerksamkeit. Seinen hellblauen Augen schauten aufmerksam in die Runde und diese melodiöse dunkle Stimme, ließ Jacob aufhorchen. Die Kombination Augen und Stimme, kamen ihm so vertraut vor, aber ihm wollte nicht einfallen, wieso.
Als Friese den Fremden am Tresen sitzen sah, stutzte er einen Moment und änderte sofort die Richtung. Freudig und über das ganze Gesicht strahlend, steuerte der Fischer auf den Arzt zu.
"Beim Heiligen Neptun und seinen Nixen, Doktor Jacob, was bei allen Seeungeheuern, machen sie denn in meiner Kneipe? Beim Klabautermann, sie haben aber zugelegt, aber das steht ihnen gut. Beinah hätte ich sie gar nicht wieder erkannt. Wie geht es meiner Ona und ihrer Freundin Emy? Ach wie ich mich freue, sie endlich wiederzusehen", sprudelten die Worte nur so aus Heiner heraus.
Stürmisch begrüßte der Seemann Jacob, der völlig überrumpelt war, von der Begrüßung. Friese herzte den Arzt und klopfte ihm, wie einem alten Bekannten kräftig auf die Schultern. Etwas, dass die Stammtischler, aber auch der Wirt verwundert beobachteten und Jacob geplättet wie er war, ohne Gegenwehr hinnahm.
Kopfschüttelnd sahen alle zu Heiner, der war sonst nicht der Typ, der offen auf Fremde zuging. Woher kannte Heiner diesen Fremden und wer waren Ona und Emy? Am Verwunderlichsten war jedoch, dass Friese den Fremden so herzlich begrüßte.
Jacob musterte grübelnd den Fischer. Irgendwie kam ihm dessen Gesicht bekannt vor. Ona und Emy, brachten die Erinnerung, plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
"Heiner ... Heiner Friese? Ich ... ich weiß nicht ... Bist du es wirklich, Heiner?" Jetzt zog Jacob den Fischer ebenfalls in die Arme und herzte ihn. "Ich glaube es nicht. Wie geht es dir?"
Heiner nickte und wollte Jacob hinter sich her ziehen. "Wie sie sehen gut und jetzt noch um vieles besser. Kommens mit Herr Doktor, ich stelle ihnen meine Freunde vor. Das gibt es doch nicht, mein Lebensretter ist in meiner Kneipe", Heiner war völlig von der Rolle.
Jacob zögerte. "Ich glaube das ist keine so gute Idee, Heiner, deine Freunde mögen mich nicht. Da ich unten vom Deipsee komme", gestand ihm der Arzt, dass ihm nicht wohl bei dem Gedanken war, zum Stammtisch mitzukommen.
"Papperlapapp ... Die werden sie gleich mögen, Herr Doktor. Vertrauens mir einfach, genauso wie ich Ona und Emy vertraut habe. Kommens mit", keinen Widerspruch duldend, zog Heiner Jacob hinter sich her, zum Stammtisch.
"Moin ihrs, wie geht es euch? Darf ich euch einen meiner Retter vorstellen. Das hier ist Doktor Jacob. Der beste Arzt den ich kenne. Ohne ihn, Emy, Ona und den anderen Rettern, wären viele von uns heute nicht mehr am Leben. Herr Doktor, das hier sind meine Freunde, Gustav Ericson, ihm gehört die Kneipe. Das hier ist Sigmar Streek unser einziger Bauer am Stammtisch, er arbeitet in der großen Melkanlage im Ort. Der Dicke hier ist Josef Tilger, unser Schmied, Ekkehart Schwarz unser Malermeister und Albert Knudsen, ist der Direktor von der hiesigen Grundschule", stellte Heiner seine Freunde vor. Beim letzten Wort drückte Heiner Jacob auf einen Stuhl am Stammtisch. "Gus bring unserem Gast mal nen richtig großen Kaffee. Oder trinken sie mittlerweile auch etwas anders, Herr Doktor?"
Jacob schüttelte völlig überrumpelt den Kopf. "Nein, ich trinke immer noch, nur Kaffee, Heiner. Dich hätte ich jetzt hier gar nicht erwartet. Wie geht es dir denn? Ich hoffe doch wieder richtig gut. Ist ja auch schon einige Jahre her."
Heiner nickte. "Mir geht es, dank euch, bestens. Sagens Doktor, wie geht es Ona und Emy? Sooft, habe ich versucht, sie und die Mädels zu erreichen. Aber man kam einfach nicht an euch heran."
Doktor Jacob sah traurig sein Gegenüber an. "Ach Heiner, müssen wir jetzt darüber reden? Es ist kein schönes Thema, für ein freudiges Wiedersehen", versuchte der Arzt, diese Frage nicht zu beantworten.
Heiner ließ dies nicht zu. Er musste unbedingt wissen, was aus den beiden Mädchen geworden war, die ihm und seinen Kameraden, ans Herz gewachsen waren. Schließlich hatten sie ihn und die anderen Seeleute gerettet. Gemeinsam hatten sie viele ungewisse Stunden, bei Minusgraden, auf einem kleinen Rettungsfloß, in einer wild tobenden See verbracht. Es hatte nicht viel gefehlt und sie wären alle ertrunken. Mit letzter Kraft, schafften es Ona und Emy das Floß mit den vier Seeleuten, an die Küste zu bringen. So etwas verband einen fürs Leben. Noch heute konnte Heiner nicht begreifen, wie sie dieses Unglück überlebt konnten. Den alten Seebären quälten immer noch die Erinnerungen, an diesen Horror und das alles war schon über zehn Jahre her. Viele schlimme Situationen hatte er und seine Kollegen auf See überstanden, aber keine war so haarig, wie die damalige Katastrophe.
"Herr Doktor, ich muss doch wissen, wie es Ona, Emy und den anderen geht. Schließlich haben wir es euch zu verdanken, dass wir alle überlebt haben. Ohne euch wären wir damals alle jämmerlich ersoffen", ernst und mit großen Augen, sah Heiner in die Runde.
Jacob rieb sich den Nacken und sah Heiner eine Weile stillschweigend an. Er holte tief Luft und gab sich einen Ruck. "Da muss ich wohl jetzt durch. Heiner, die beiden Mädels haben die Nacht damals nicht überlebt. Ona ist kurz nach eurer Abfahrt ins Krankenhaus gestorben und Emy am nächsten Morgen. Wir konnten den Beiden nicht mehr helfen. Wir haben alles versucht. Sie waren viel zu sehr ausgekühlt...", ein Schrei ließ den Arzt verstummen.
Der Seemann sah mit Schreckensweiten Augen, zu Jacob hinüber. "NEIN... Warum? ... Die Mädels waren doch noch so jung. Sie ... sie hatten uns immer wieder erklärt, sie hätten noch genügend Spritzen dabei. Nur für uns hätten sie nicht genug mit. Deshalb müssten sie uns ihre geben. Es wäre zwar riskant, uns ihre Mittel zu spritzen, aber wir würden auf diese Weise überleben", redete er für die anderen am Stammtisch, in wirren Sätzen. Die keiner verstehen konnte, der nicht wusste, was damals geschah.
Jacob der sah, dass die anderen ihrer Unterhaltung überhaupt nicht folgen konnten, erklärte ihnen in wenigen Worten, um was es ging. Heiner schwieg zu allem, er hatte sichtbar mit sich zu kämpfen. Ihm taten seine beiden Retterinnen leid. Tränen sammelten sich in dessen Augen. Er war zu tiefst geschockt. Jacob zog es das Herz zusammen, als er den Seemann betrachtete. Er nahm ihn tröstend in die Arme. Trotzdem freute sich der Arzt, nach so langer Zeit, einen der geretteten Seemänner wiederzusehen und das in einem so guten gesundheitlichen Zustand.
So traurig dieser Vorfall auch war, trug er dazu bei, dass man Jacob mehr oder weniger am Stammtisch akzeptierte. Er war noch lange nicht anerkannt, aber es war ein erster wichtiger Schritt, in die richtige Richtung. Mehr als einmal dankte Jacob, in Gedanken, Heiner Friese für dessen Hilfe. Denn er bekam durch den Stammtisch einiges an wichtigen Informationen und vor allem wurden die Jacobs in das Dorf, ohne Wenn und Aber, integriert.
So wurde es zu eine schönen Gewohnheit, das Jacob jeden Freitagabend, um 20 Uhr, in die Kneipe von Gustav ging und mit den Männern Skat spielte und nebenher über Gott und die Welt sprach. Nach einigen dieser Treffen wurde Jacob auch von den fünf Freunden Heiners in die Stammtischrunde aufgenommen und vor allem als vollwertiges Mitglied akzeptiert.
Immer wieder einmal, kam das Gespräch auf den verbotenen Wald und schließlich ließen sich Gustav, Sigmar und Josef breitschlagen und berichteten von den Anfängen des "Projektes Dalinow" aus der Sicht der Einwohner der Region. Dies waren Informationen, die für Jacob unbezahlbar waren. Da sie die Dinge aus einer anderen Perspektive zeigten und auf diese Weise, für mehr Verständnis sorgten. Die Jacobs begriffen langsam, warum man ihnen mit so viel Skepsis gegenüber trat.
Es ging schon mit riesigen Schritten auf den Frühling zu, als wieder einmal das Gespräch, auf den verbotenen Wald kam.
Jacob konnte sich nicht verkneifen, diesmal nachzuhaken. "Bitte klärt heute einen dummen Landarzt einmal etwas auf", stänkerte der Arzt ein wenig, wobei seine Ohren Besuch bekamen. "Warum in Dreiteufels Namen, redet ihr eigentlich immer vom verbotenen Wald? Vor allem, was geschah damals eigentlich wirklich unten am Deipsee? Warum hassen uns die Leute hier so? Ich verstehe es nicht. Ihr redet wie immer in Rätseln für mich."
Josef hielt sich vor Lachen den Bauch. Er konnte Jacob nur zu gut verstehen. Als Zugezogener hatte er fast fünfundzwanzig Jahre gebraucht, um die Stammtischrunde zu verstehen. Noch heute gab es Situationen, wo er nur Bahnhof verstand, wenn die Vier richtig loslegten. Auch die anderen Stammtischler lachten. Sie konnten sich vorstellen, wie schwer es für einen ortsfremden war, ihren Gesprächen zu folgen.
Heiner erbarmte sich deshalb und versuchte sich zu erklären. "Fritz, ich kann mich noch wie heute an diesen Tag erinnern. Bei allen Klabautermännern dieser Welt, ich werde nie vergessen, wie ich mich an 31. März 1957 erschrocken habe. Ich dachte echt, das war es jetzt, als ich unten am See durch die Lücke am Zaun kroch, um nach den Pilzen zu schauen. Im März, musst du wissen, konnte man oft Wintertrüffel in diesem Waldstück zu finden. Meine Frau isst die für ihr Leben gern und es war die einzige Stelle an der man diese Trüffel finden konnte", Heiner sah Jacob ernst an. "Als wir durch die Lücke im Sicherheitszaun gekrochen waren, standen auf einmal Leute der Militärpolizei vor uns und haben Ekke und mich festgenommen", dem Fischer merkte man an, wie ihn diese Erinnerungen, nach all den Jahren immer noch zu schaffen machten. "Sie legten uns Handschellen an und führten uns wie Schwerverbrecher ab. Dabei wollten wir uns nur ein paar Pilze holen. Hätten wir nur auf euch gehört Gus, dann wäre uns das alles erspart geblieben. Die Tage im Gefängnis, waren für uns die Hölle. Keiner sagte etwas zu uns und niemand holte uns aus der Zelle, um zu fragen, was wir dort eigentlich wollten. Nach einigen Wochen wurden wir auf einmal freigelassen, mit der Auflage, uns nie wieder am Deipsee sehen zu lassen. Würden wir gegen diese Auflage verstoßen, könnten wir den Rest unseres Lebens in einer Zelle verbringen. Glaub mir Fritz, seit dem bin ich dem Deipsee nie wieder zu nahe gekommen. Den Rest denke ich sollten die anderen erzählen. Gus, Sigi, erzählt ihr mal weiter. Wir haben ja nichts von all dem mitbekommen", wandte sich Heiner hilfesuchend an seine Freunde.
"Ja das war schon ein verrückter Tag, da lief wirklich alles schief, was schief laufen konnte. Erinnert ihr euch noch an das furchtbare Wetter, das damals herrschte. Es regnete in Strömen und man konnte durch den Sturm, kaum laufen, geschweige denn, die Hand vor Augen sehen", berichtete Gustav.
"Buha, ich war nass bis auf die Knochen, als ich hier ankam", berichtete Josef.
"Mir bliebe der Tag auch nur in schlechter Erinnerung", musste Ekke los werden. Ekke war Heiners Nachbar. Klein quirlig, schneeweiße Haare und hatte eine Nase die aussah, als hätte sie einen Schlag zu viel abbekommen.
"Mir ging es an diesem Tag hundeelend und du musstest mich nach Rostock in die Klinik bringen, Sigi", gab nun auch Albert seinen Senf dazu und schaute Jacob an. "Du musst wissen, ich wurde an diesem Tag am Blinddarm operiert."
Sigmar schüttelte den Kopf, über seine Freunde. "Stopp ... Stopp ... Stopp! Würdet ihr mal nicht alle durcheinander reden. So geht das nicht, absolut nicht. Gus gib uns mal etwas zu trinken und zwar was anständiges, dann erzähle ich euch die Geschichte von Anfang an und in der richtigen Reihenfolge. Leute sonst versteht Fritz nur Bahnhof, wenn ihr alle durcheinander erzählt."
Gustav drehte sich um, grinste von einem Ohr zum anderen und verschwand in die Küche. 'Nichts hatte sich in all den letzten achtzehn Jahren geändert. So lange war das nun schon her, aber der Ablauf beim Erzählen einer Geschichte, änderte sich bei Sigi nie', ging es Gustav durch den Kopf.
Keine zehn Minuten später saßen alle am Stammtisch und Gustav stand hinterm Tresen und hörte Sigmars Erzählungen zu. Der Wirt hatte alle mit Getränken versorgt und es herrschte ein gespannte Atmosphäre, so wie es immer war, wenn Geschichten erzählt wurden. Sigmar holte tief Luft und begann zu berichten...
... "Fritz, du musst wissen, wir treffen uns schon seit über vierzig Jahren hier bei Gus, zum Skaten. Daran wird sich auch nie etwas ändern. Es ist eine liebgewordene Tradition. Ein ruhiger Ausklang der Woche. Deshalb kann ich mich noch sehr gut an diesen Tag erinnern, als man Ekke und Heiner festgenommen hat. Nicht nur weil ein Wetter war, bei dem man nicht freiwillig vor die Tür geht, eisigkalt und stürmisch, sondern weil es an diesen Tag, drunter und drüber ging und ich entgegen unserer Gewohnheit ganz alleine am Stammtisch saß, das war noch nie vorgekommen", begann Sigmar seinen Bericht. "Unser Dicker...", Sigmar sah zu dem gebürtigen Schlesier und grinste diesen breit an. "... betrat damals die Kneipe, platschnass und durchgefroren. Gustav stand wie immer hinter seinem Tresen, sah Josef an und fragte mit einem breiten Grinsen im Gesicht: "Jo willst du einen Grog, bei dem Wetter?"
Gustav konnte damals schon, die Reaktion unseres Schmiedes voraussagen. Denn noch nie hatte Josef einen Grog getrunken, er mag das Zeug einfach nicht. Die Reaktion von ihm, war stets die Gleiche, auf Gustavs Frage. Er schüttelte sich, bei dem Gedanken an einen Grog, wie ein nasser Hund. Dementsprechend, fiel auch seine Antwort aus.
"Gus, du willst mich wohl vergiften? Was, verdammt nochmal, soll ich mit Wasser und Rum? Ich will etwas Anständiges zu trinken, ein Bier und ein Korn."
Ein schallendes Gelächter ertönte damals in der Schankstube. Denn nicht nur Gustav lachte, sondern alle in der Schankstube anwesenden Gäste. Keiner der Anwesenden verstand, dass unser Dicker, nach all den Jahren an der Waterkant, immer noch keinen Grog mochte. Josef, der schon damals einen beachtlichen Bierbauch vor sich herschob, winkte ab und wandte sich an mich. Ich stand immer noch lachend und mit dem Kopf schüttelnd am Tresen, da ich keine Lust hatte alleine am Stammtisch zu sitzen.
"Was ist denn los Sigi?" Stellte Josef, die Frage, die ihn am meisten interessierte. "Wo sind denn heute die Anderen? Trauen die sich bei dem Wetter nicht mehr vor die Tür? Das ist ja etwas ganz Neues", fing Josef an zu stänkern und stemmte die Hände in seine nicht vorhandenen Hüften.
Der harte Kern der Kneipe, musst du wissen Fritz, hielt damals wie heute, jeden Freitag den Stammtisch besetzt und kam bei jedem Wetter. Da musste schon etwas Ernstes dazwischen kommen, dass wir, wie damals, nicht alle erschienen.
"Sag bloß Jo, du hast es noch nicht gehört?" Völlig perplex sah ich Josef an und rieb grübelnd mein Kinn. Da Josef sonst eigentlich immer derjenige war, der über alles und jeden Bescheid wusste.
Josef musst du wissen, war und ist bis zum heutigen Tag, unsere Dorfzeitung. Das Beschlagen eines Pferdes oder die Ausbesserung von Werkzeug braucht seine Zeit und so erfährt der Schmied halt vieles aus der Region. Brauchst du Informationen über unser Dorf oder die Region, frage Josef oder den Krämer, die Beiden können dir alle Neuigkeiten erzählen."
Sigmar sah mit seinen warmen braunen Augen zu seinen Freunden und nickte dem Landarzt wissend zu. Dabei überlegte krampfhaft, wie er weitererzählen sollte. Er hatte durch das hin und her im Zeitablauf, völlig den Faden verloren. Dann fiel ihm ein, wie die Geschichte weiterging.
"Ach ja ... lasst mich am besten, das alles einmal hintereinander erzählen, sonst komme ich völlig durcheinander", Sigmar nahm einen großen Schluck aus dem Glas und tauchte völlig in die Vergangenheit und die damals geführten Gespräche ab. Die anderen Stammtischler hörten ihm interessiert und schweigend zu. Sigmar berichtete weiter.
"Gus grinste breit und machte für Josef ein Bier und ein Korn und ich gab ihm ein Handtuch, damit er sich trocken rubbeln konnte. Wir setzten uns an den Tresen und ich fing an zu erzählen. Natürlich nach dem ich einen Grog bekommen hatte. Sigi grinste breit zu Gus.
"Jo ich musste heute früh den Albert, nach Rostock in die Klinik, bringen. Deshalb war ich den ganzen Tag unterwegs und bin erst vor einer reichlichen halben Stunde zurückgekommen", berichtete ich den Beiden, auch dass ich ziemlich geschafft war von diesem Tag. Ich war müde und wäre fast im Stehen eingeschlafen. Verwundert wandte ich mich an diesem Tag an Gustav. "Aber sag mal Gus, wo sind denn die anderen geblieben?"
Gustav grinste mich frech an. "Dann weißt du ja, dass Albert nicht kommt. Ekke kommt heute auch nicht, genauso wie Heiner", erklärte uns Gus, dass auch die beiden nicht kommen würde. Wie du ja jetzt weiß, stammen die beiden aus Barendorf und mussten immer fast vier Kilometer zur Kneipe laufen. Da kam es schon ab und an mal vor, dass sie es nicht bis hier her schafften bei dem Sturm. Aber es lag nicht am Wetter, wie wir dann erfuhren.
"Warum das denn nicht? Oh Manne. Was ist denn heute nur los?", schnaufte Josef damals wütend, weil er seinen Skatabend in Gefahr sah. "Verdammt nochmal. Ich hab mich so auf den heutigen Abend gefreut."
"Tja Jo, das ist nun mal so, wenn man nicht hören will. Ekke und Heiner hatten einen unschönen Zusammenstoß, mit den Jungs vom verbotenen Wald", sofort wandte sich Gustav besorgt an mich. "Was ist denn mit Albert? Wieso musste Albert eigentlich ins Krankenhaus? Es ist hoffentlich nichts Ernstes."
Du musst wissen Fritz, Ekke, Heiner, Gus und meine Wenigkeit kennen uns schon seit den Kindertagen. Wir besuchten schon zusammen die Schule und haben als Kinder allerlei Mist zusammen angestellt. Gemeinsam haben wir Vier, verdammt viele Höhen und Tiefen überstanden. Das ist eine Freundschaft, die auch der Krieg und die Nachkriegszeit nicht zerstören konnten. Allzu oft, nannte man uns hier in der Region, das Schwanenseer Quartett.
Es war wirklich so, wo einer von uns Vieren auftauchte, waren auch die Anderen nicht weit. Mittlerweilen sind wir alle verheiratet und haben selber schon Kinder und Enkel. Das hat unserer Freundschaft nie geschadet. Im Gegenteil, da unsere Kinder auch miteinander befreundet sind, verbringen wir noch mehr Zeit miteinander. Gustav allerdings, bildet schon immer den zentralen Mittelpunkt unserer Freundschaft. Hier treffen wir uns mindestens einmal die Woche: bei unserem Wikinger, zum Skat und um Neuigkeiten auszutauschen. Aber zurück zu der Geschichte von damals. Müde sah ich Gustav damals an und erklärte ihm, was mit Albert los war.
"Ach Gus, ist nichts Schlimmes, musst dich nicht gleich wieder sorgen. Der Albert hatte plötzlich mit dem Blinddarm Probleme und musste sofort operiert werden. Das fing gestern Nacht urplötzlich an. Ist alles wieder in Ordnung mit ihm. Zum Glück ist nichts passiert."
Erleichtert atmeten Gustav und auch Josef auf. Sie waren jetzt etwas beruhigter. Trotzdem wollte ich wissen, was mit Heiner und Ekke los war.
"Aber sag mal, was hatten denn die Beiden für einen Zusammenstoß mit den Jungs vom verbotenen Wald? Konnten die wieder einmal nicht hören?" Breit grinste ich Gustav an, weil ich schon ahnte, was da geschehen war.
"Was für ein verbotener Wald eigentlich?" wollte Josef plötzlich wissen. Der kannte die Geschichte damals nämlich auch noch nicht. Wie immer verstand unser Schmied nur Bahnhof, wenn ich mich mit Gustav über Regionale Dinge unterhielt. Wir sprachen für ihn oft in Rätseln. Breit grinsend sah ich unseren Wirt an und gab auch damals, das Startzeichen zum Geschichtenerzählen.
"Gus, sei doch so nett und bring mir mal einen Grog. Bitte einen richtigen Grog, doppeltstark und doppeltgroß, etwas für gestandene Männer", verlangte ich nach etwas zu trinken, was Herz und Seele erwärmte. Unser Gustav grinste wie immer, von einem Ohr zum Anderen, schließlich kannte er meine Art, nur zu gut und verschwand wortlos in der Küche.
Glaub mir Fritz, das läuft bei uns immer auf die gleiche Weise ab.
Ich grinste frech zurück. Auch weil ich wusste, dass Gustav mir an dem Tag einen anständigen Grog machen würde. Schließlich ging es um unsere Freunde aus dem alten Schwanensee.
Wir waren alle vor vielen Jahren umgesiedelt wurden, das hatte uns noch mehr zusammengeschmiedet, in unserer Freundschaft. Wir Alteingesessenen aus Schwanensee, liebten es diese Geschichte zu erzählen, obwohl es uns eigentlich verboten war. Aber damals waren nur Leute in der Kneipe, die sich alle seit vielen Jahrzehnten kannten und wir vertrauten einander. Außerdem, was sollte uns nach all den Jahren noch geschehen. Ich hatte keine Angst; wovor denn auch.
Josef, unser Schmied, war der Einzige Fremde in der Runde und ihm vertrauten wir. Die anderen kannten wir seit dem wir Kinder waren. Unser Schmied kommt aus Rosenhagen und gehörte zu den wenigen Umsiedlern aus Schlesien, die nach dem Krieg hier geblieben waren und erst nach 1951, in der Gegend richtig Fuß fassten. Er hatte selber genug durch und war froh, dass er hier aufgenommen wurde. Der kannte damals diese ganzen Geschichten, um Feldhusen, genauso wenig wie du, da darüber sehr selten gesprochen wurde.
"Was ist…" setzte Josef zum wiederholten Male zu einer Frage an.
"Jo, warte bis ich meinen Grog habe. Zu einer Geschichte gehört etwas zu trinken. Anders erzählt man hier keine Geschichten. Du weißt das ist Tradition, hier bei uns an der Küste", vertröstete ich ihn damals.
Josef schmiss sich weg vor Lachen und schüttelte den Kopf über mich. "Ach du alter Suffkopp. Komm lass mich nicht dumm sterben und klär mich auf. Ihr immer mit eurer Geheimniskrämerei", forderte sich Josef eine Erklärung ein.
Im gleichen Augenblick kam Gustav mit einem großen Tablett voller dampfender Grog-Gläser und setzte dieses vor uns auf den Stammtisch. Er winkte die anderen beiden Gäste ebenfalls heran. "Kommt setzt euch zu uns. Heute gibt’s Grog aufs Haus. Sigi hat uns etwas zu erzählen."
Kaum das sich alle ein Glas mit Grog gegriffen hatten und vor Josef eine weiteres Bier und ein Korn standen, ließ sich damals auch Gustav am Stammtisch nieder. Das war etwas Seltenes, denn sonst setzt sich Gustav nie zu seinen Gästen an den Tisch. Es war schön, dass Gustav mal bei uns saß, das musste ich doch ausnutzen. Also fing ich an zu erzählen:
"Wie ihr alle wisst und selber schon die Erfahrung gemacht habt, ist diese Gegend hier nicht besonders ertragreich für uns Bauern. Meistens ist das Wetter hier sehr rau und die Böden, geben nicht besonders viel her. Nach dem Krieg ... ich nenne es einfach mal so ... gab es hier einige örtliche Umstrukturierungen und viele von uns wurden kurzerhand umgesiedelt. Das betraf vor allem die Bewohner in Rosenhagen, Schwanensee, Harkensee und Feldhusen. Diese vier Dörfer wurden dem Erdboden gleich gemacht und an einer anderen Stelle neu errichtet. Viele von uns bekamen dadurch neue Höfe", durstig nahm ich einen großen Schluck aus meinem dampfenden Glas und sah zu unserem Wirt. "Wann war das gleich Gus? Du weißt, mit den Jahreszahlen habe ich es nicht so."
"Das war kurz nach dem Kriegsende, Sigi. Also im Sommer und Herbst 1945. Da bekamen die Bauern die ersten Angebote unterbreitet.
Bei mir war das allerdings, erst etwas später, Anfang 1946."
"Ja, also im Sommer 45 kamen einige Herren von der russischen Besatzungsmacht und fingen an, hier den Bauern die Höfe abzunehmen. Einige der großen Höfe wurden kurzerhand enteignet. Anderen, vor allem den Kleinbauern bot man Unsummen für ihren Besitz an. Ihr wisst ja alle noch, wie das damals war. Vieles war zerstört nach dem Krieg und die meisten Großgrundbesitzer hatte man vertrieben und deren Bauernhöfe wurden unter uns Kleinbauern aufgeteilt oder in LPGs umgewandelt. Die meisten größeren Höfe waren sowieso zerbombt oder niedergebrannt. Diese Angebote kamen also vielen von uns gerade Recht und die meisten haben gar nicht lange überlegen müssen. So dass fast alle diese Angebote ohne zu Zögern angenommen haben und sie waren froh darüber, einen neuen und vor allem besseren Hof zu bekommen. Vor allem bekamen wir nicht nur eine Entschädigung für Grundstücke, sondern auch neue Wohnhäuser, Vieh, Landmaschinen, Saatgut und Düngemittel und das alles ohne finanzielle Aufwendungen und Anstrengungen von unsereins.
Ein paar ganz Schlaue haben dabei noch gutes Geld verdient. Die einzige unschöne Bedingung bei der ganzen Sache war, dass wir in die LPG eintreten mussten. Das war für uns der einzige Haken, an der ganzen Sache. Wir hatten also kein eigenes Land mehr, bis auf das wenige ums Haus. Damit konnten wir alle gut leben, denn zum Ausgleich, hatten wir geregelte Arbeitszeiten und mehr Freizeit. Vor allem konnten wir uns auf diese Weise, eine sichere Existenz aufbauen. Es gab im Prinzip nichts, was wir nicht bekamen. Bei einigen Sonderwünschen, mussten wir zwar etwas dazu bezahlen, aber meistens nicht mal ein zwanzigstel der eigentlichen Kosten. Zu was die das Gelände allerdings brauchten, haben die uns natürlich nicht verraten. Aber wenn ich ehrlich sein soll, war mir das persönlich, auch ziemlich egal. Nicht wahr Gus?"
Wieder einmal schaute ich hinüber zu Gustav, der zu allem nickte, was ich gerade erzählt hatte.
"Na ihr seht es ja selber. Der Gasthof hier, der wurde auch erst im August 1946 fertig gestellt. Im März 46 fingen die hier an zu bauen, kaum dass der Frost aus dem Boden war. Vor allem müsst ihr wissen, die haben alles genau nach meiner Vorstellung gebaut. Ich konnte den Jungs, die dieses Gebäude in Rekordzeit hochgezogen haben, genau sagen, so und so will ich das Gebäude haben. Egal, was ich an Vorstellung eingebracht habe, die haben mir einfach alles gebaut. Sogar den Anbau mit dem Saal und den vielen Gästezimmer, bekam ich. Obwohl das die alte Gastwirtschaft meines Großvaters gar nicht hatte. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich mich da nicht zurückgehalten habe."
Jacob nickte zu den Worten des Wirtes. Er verstand sehr wohl, was der Wirt meinte. Er hatte sich, genau wie damals Josef gewundert, dass dieses Anwesen so wunderschön war. Jetzt ging ihm ein Licht auf, warum das so war.
Sigmar berichtet weiter. Josef sah uns damals verwirrt an, genauso wie du jetzt Fritz. Allerdings fragte uns der Dicke damals.
"Wo habt ihr denn da vorher gewohnt? Hier gibt es doch gar kein Gebiet, das vom Militär besetzt ist."
"Na ja Sigi ich muss danach nicht fragen. Ich weiß, wo es ein militärisches Gebiet hier in der Region gibt", Jacob grinste breit.
Ich grinste damals genauso breit, wie du jetzt und Gustav damals, und antwortete ihm mit einer Gegenfrage. "Jo, überlege selber einmal. Wo gibt es hier in der Gegend einen großen Wald?"
Immer noch verstand Josef nicht wirklich, was wir ihm durch die Blume sagen wollten. "Hier gibt es doch nur einen Wald und dort kommt man nic…", mit einem Mal fiel bei unserem Dicken der Groschen und er verstand, was wir ihm die ganze Zeit sagen wollten, ohne es auszusprechen. "… am Deipsee unten? Dieses große eingezäunte Waldgebiet, westlich des Deipsees. Dort, wo das große Gebäude am Waldrand steht?"
Ungläubig sah Jo erst mich und dann auch Gustav an. Wir nickten beide heftig mit dem Kopf. "Genau da", sprachen wir gleichzeitig.
"Aber dieser Wald ist doch riesengroß, Sigi", wunderte sich Josef.
Ich übernahm wieder das Zepter der Erzählung. "Klar ist das Gelände riesig, das sind gute fünfundvierzig Quadratkilometer und es erstreckte sich von Harkensee im Nord-Osten bis Wilmsdorf im Süd-Osten, von Neuhagen im Süden-Westen, bis kurz vor Wieschendorf, in Richtung Feldhusen im Norden-Westen. Das war ja das komische an der ganzen Sache. Hört erst mal fertig zu. Das war ja noch nicht alles", ich nahm einen kräftigen Schluck und fuhr fort. "Kaum, dass die Militärs das Gelände ihr Eigen nannten, das war Ende 1945, bauten sie als Erstes, im Süden des Geländes, ein großes Gebäude. In dem wohnt seitdem die Wachmannschaft. Danach wurde eine regelrechte Sicherheitsanlage, um dieses Gelände hochgezogen und alles, was auf dem Grundstück stand, wurde nach und nach abgerissen und eingeebnet. Ende des Sommers 46 wurden dann fünf Meter hohe Zäune errichtet und obendrauf kam zusätzlich noch Stacheldraht und zwar um das gesamte riesige Gelände. Wir dachten erst, die bauen hier eine Art Konzentrationslager auf. Weißt du, ähnlich dem damals in Ahrensbök. Du kannst dir sicher vorstellen, dass wir kein gutes Gefühl dabei hatten und richtige Angst bekamen. Aber nichts dergleichen geschah, das Gelände lag einfach brach. In dem Gebäude der Wachmannschaft wohnten, soviel wir wissen, immer zwölf Leute, ein Förster und elf Forstarbeiter. Alle waren beim Militär angestellt, denn die trugen alle Overalls oder Zweiteiler in Flecktarn.
Schon im Frühjahr 1946 begannen die Leute vom Forst, mit Hilfe der Militärs innerhalb des Zaunes einen Ring aus Hecken zu pflanzen, danach auch noch Fichten und im Anschluss nochmals Hecken. Es ist nicht das gesamte Gebiet Wald, wie man jetzt denken könnte. Innen in diesem Gebiet gab es eine riesige Freifläche."
Glaub mir Fritz, wir haben uns nicht nur einmal an den Kopf gegriffen. Keiner von uns hat je verstanden, warum das Militär so einen Quatsch macht", wieder griff ich nach meinem Glas und trank immer noch mit dem kopfschüttelnd, den letzten Schluck Grog, der in der Zwischenzeit kalt geworden war.
Gustav stand damals, genauso wie heute auf und holte einen Kessel mit heißem Wasser und eine Buddel mit vorgewärmtem Rum. Breit grinste ich meinen Freund an und gab ihm einen Wink mit dem Zaunpfahl. Gustav grinste zurück und füllte die Gläser, noch einmal nach.
Damals griff sich sogar Josef, gedankenverloren einen Grog. Er war so fasziniert von meiner Erzählung, dass er dies gar nicht mitbekam, sondern einfach nach einem Glas griff, trank und sich fürchterlich den Mund verbrannte.
"Mist …", schimpfte Josef, damals wie ein Rohrspatz und hatte Tränen in den Augen. Wir anderen mussten wieder einmal, über unseren Schmied lachen. Er würde es wohl nie lernen. Gustav erbarmte sich seiner und holte ihm ein Bier und ein Korn. Er konnte sich allerdings eine spitze Bemerkung nicht verkneifen.
"Hier Jo, damit du dir nicht wieder dein Mäulchen verbrennst."
Josef war aber immer noch völlig auf meine Geschichte fixiert und bekam das alles gar nicht mit. "… und dann?"
"Dann gar nichts mehr. Die pflegten und hegten seitdem die Bäume und Hecken, sonst nichts. Das ist ja das komische an der Sache", ich nahm einen kräftigen Schluck und grinste breit. "Na ja, Ekke, Heiner, Gus und meine Wenigkeit, gingen seitdem regelmäßig dort Pilze suchen. Es gab eine Stelle unten am Deipsee, dort kam man gut unter dem Sicherheitszaun durch. Genau da, wo der Wald direkt ans Ufer grenzte. Man gelangte direkt in den Waldgürtel und konnte dort immer herrlich Pilze und Beeren ernten. Glaubt mir, das war wirklich eine Ernte. Es gab dort immer so viele Beeren und Pilze, dass wir gar nicht alles mitnehmen konnten. Es war ja der verbotene Wald, Sperrzone und alle hatten Angst vor den Konsequenzen, wenn man sie dort erwischt hätte. Deshalb gingen außer uns Vieren, keiner dort rein. Du weißt ja, wo kein Kläger ist …", vielsagend zog ich die Schultern hoch und sah von einem, zum anderen. "… Nach drei Jahren, war der Gürtel aus Hecken und Bäumen so dicht, dass keiner mehr etwas sehen konnte. Mittlerweile, sind die Bäume riesig geworden und der Wald sieht aus, als wenn er schon immer da gewesen wäre. Ich glaube, das war der ganze Zweck der ganzen Aktion. Nur die ehemaligen Bewohner des heutigen Sperrgebietes wissen, dass dies nicht der Fall war. Es redet keiner mehr drüber. Aber vergessen haben wir das nicht. Das Militär hat uns damals das Versprechen abgenommen, darüber zu schweigen. Deshalb halten wir auch fast immer die Klappe. Aber so wie heute, muss man auch mal drüber reden", verlegen schaute ich in die Runde. "Aber zurück zum verbotenen Wald. Der ist wie gesagt völlig abgeriegelt, so dass da niemand rein kann. Offiziell führt nur eine schmale Schneise in das Innere des Waldes. Aber was im Inneren los war oder vor sich ging, haben wir nie herausgefunden. Da am inneren Rand des Waldringes, noch einmal ein fünf Meter hoher Zaun war. Begreife jemand die Militärs", kopfschüttelnd fuhr ich mir damals durchs Haar. "Na ja, das ging die ganzen Jahre gut. Nur Ende März 1957 haben Leute vom Militär und einer der Forstleute, am Durchschlupf gearbeitet und haben Ekke und Heiner festgenommen. Die wurden in Handschellen von der Militärpolizei abgeführt und nach Rostock in eine Zelle gebracht. Wie ich damals vom Förster erfahren habe, hatten die Beiden großes Pech. Denn eigentlich wollten die Militärs, nur das Schlupfloch versiegeln, wie die das nennen. Ausgerechnet in dem Augenblick, wollten die Zwei unter dem Zaun durch. Wären sie nur zwei Stunden später dort erschienen, dann wäre alles dicht gewesen. Ekke und Heiner hätte den Wald gar nicht mehr betreten können. Denen ist das Herz damals tief in die Hose gerutscht. Die beiden saßen eine kleine Ewigkeit in Rostock in einer Zelle, man hat sie richtig schmoren lassen. Das haben wir dann aber erst durch Ekkes Frau erfahren, die uns das unter Tränen berichtet hatte. Wie lange, erfuhren wir erst später. Vor allem, dass die Beiden keine große Strafe bekamen. Die hatten großes Glück. Aber Ärger hatten die Beiden mehr als genug.
Ich hab damals einen der Förster getroffen, mit dem ich mich etwas angefreundet hatte, der meinte, die würden wohl ein paar Tage einsitzen müssen. Tja, wer nicht hören will, muss eben fühlen. Gewarnt waren sie ja genauso, wie wir. Er meinte aber auch, Sorgen bräuchte wir uns keine, um unsere Freunde zu machen. Die bekämen wohl durch die Inhaftierung nur einen gewaltigen Denkzettel verpasst. Den Durchschlupf hätten die vom Forst jetzt so dichtgemacht, da kommt nicht einmal mehr eine Maus rein, in das Gelände. Der Zaun wurde tief im Erdreich verankert, also keine Chance dort jemals wieder durchzukommen. Das war schade, denn ab diesem Zeitpunkt konnten wir keine Pilze und Beeren mehr holen", beendete ich meine Erzählung erst einmal.
"Was danach passiert ist, weiß du bestimmt besser als wir, Fritz. Vielleicht kannst du uns auch etwas davon erzählen?"
Jacob schüttelte betrübt den Kopf. "Keine Ahnung, was dann dort geschehen ist. Ich kam dort erst viel später an, im Januar 1958. Leider darf ich euch so gern ich das auch wollte, nichts von dieser Zeit erzählen. Ihr wisst doch, der Verschwiegenheitsparagraph", betrübt sah der Arzt die Stammtischler an. "Vielleicht in ein paar Jahren", versuchte der Landarzt, seine rigorose Antwort, etwas abzuschwächen. "Und was passiert dort nach der Festnahme von Ekke und Heiner? Also ab April 1957. Die Förster wussten doch bestimmt die ganze Zeit, dass ihr euch dort Pilze geholt habt", wollte Jacob jetzt auch den Rest der Geschichte hören.
Ein großes Achsenzucken auf allen Seiten, weder Gustav noch Heiner, Josef, Albert oder Ekke konnten darüber Auskunft geben. Sigmar versuchte trotzdem auf Jacobs Frage einzugehen. "Klar vermutet haben die das bestimmt, Fritz. Sonst hätten die ja nicht genau an der Stelle, den Zaun versiegelt. Es war die einzige Stelle im Wald, von wo aus man überhaupt in den Waldgürtel hinein kam. Ehrlich so blind können die ja gar nicht gewesen sein. Wir waren über Jahre hinweg, ständig gemeinsam in dem Waldgürtel und vorsichtig waren wir dabei nie. Du musst wissen, ich putze meine Pilze gleich dort, wo ich sie finde. Das machen Ekke, Heiner und Gus genauso, weil das besser für den Wald ist. Außerdem, wussten wir durch die Forstleute immer, in welchem Gebiet die Förster gerade unterwegs waren und haben diese Gebiete tunlichst gemieden. Die Jungs, vom Wald, waren schon in Ordnung und der gleichen Meinung wie wir, dass es eine Sünde sei, die schönen Pilze und Beeren, umkommen zu lassen. Da es ja auch kein Wild in diesem Waldstück gibt, wären die einfach verfault. So viele Pilze konnten die Forstleute gar nicht alleine essen, wie dort standen. Vor allem, haben uns die Forstleute immer Tipps gegeben, wo besonders viele Pilze sind und wo wir nicht hingehen sollten.
Du musst wissen, Fritz, die Mannschaften aus dem verbotenen Wald, holen sich bei Gustav schon seit der Umsiedlung, ihre Getränke oder ließen sich diese liefern, je nach Jahreszeit. Das ist ein Teil von Gustavs Vertrag, mit den Militärs. Sie waren eigentlich schuld daran, dass wir überhaupt in den Waldgürtel hinein gegangen sind. Sie haben immer davon geschwärmt, dass es in ihrem Wald von Pilze und Beeren nur so wimmeln würde. Mitte März 57, allerdings gaben sie Gus durch die Blume zu verstehen, dass wir nicht mehr in den Wald gehen dürfen. Dass dort seit kurzem, ein anderer Wind wehen würde. Die Bestellung an Getränken, war damals aus dem Nichts in astronomische Höhen geschossen. So dass Gus kaum nach kam mit dem Liefern. Also waren dort auf einmal wesentlich mehr Leute", breit grinste Sigmar zu seinen Freunden. "Aber ihr wisst ja selber, wie Ekke und Heiner sind, die hören ja auf niemanden. Wir hatten sie am Tag zuvor, extra noch einmal gewarnt. Gus hatte den Waldleuten an diesem Tag, ihre riesige Getränkelieferung gebracht. Der diensthabende Förster nahm ihn nochmals zur Seite und Gus bekam extra noch einmal gesagt, dass wir uns vom Wald fernhalten sollten", Sigmar schüttelte den Kopf, ihn ärgerte immer noch, dass die Beiden damals nicht auf sie gehört hatten. Sie hätten sich und ihren Familien viel Aufregung ersparen können. Aber es war egal, deshalb berichtete er weiter. "Wir wussten durch die Förster, dass die dort in dem Gebäude alles haben, was zum Wohlfühlen notwendig war. Durch einen Zufall bekam Gus das einmal mit. Einer der Förster hatte mal tüchtig einen über den Durst getrunken, hier in der Kneipe. Hatte wohl tüchtigen Liebeskummer oder seine Frau hatte sich von ihm getrennt, irgend sowas in der Art. Also musste er einmal raus aus seinem Wald und wollte seinen Kummer ersäufen. Er kam also hier in die Kneipe und hat sich tüchtig die Kante gegeben. Gus hat ihn dann lieber zurückgebracht. Alleine hätte er den Rückweg bestimmt nicht mehr gefunden. In seinem Suff oder aus Dankbarkeit, hat ihm der Förster das Gebäude mal von innen gezeigt. Die haben dort nicht nur Schlafräume und Aufenthaltsräume, sondern richtige kleine Wohnungen, mit Küche und Sanitärräume, für jeden einzelnen und alles vom Feinsten. Vor allem die Arbeitszeiten der Forstleute, sind genial. Die kann sich jeder von uns nur wünschen. Auch wenn die einen Knochenjob haben, denn das Gebiet, das sie hegen und pflegen müssen ist ja riesengroß und zwölf Leute sind nicht gerade viele Hände, die zupacken können. Trotzdem sind die Arbeitszeiten einfach toll geregelt. Die blieben immer drei Wochen am Stück, im Wald, dann hatten die drei Wochen frei und konnten zu ihren Familien. So möchte ich auch mal arbeiten", schwärmte Sigmar den anderen vor. "Ende März 57 begann sich der verbotene Wald auf einmal zu regen. Wenige Tage bevor Ekke und Heiner festgenommen wurden, ging dort richtig die Post ab. Ich bin auf dem Rückweg vom Krankenhaus, als ich Albert nach Rostock in die Klinik gefahren hatte, extra einmal dort lang gefahren, oder vielmehr wollte es versuchen. Du kamst gar nicht mehr an den Wald heran. Die Militärs hatten dort alles hermetisch abgeriegelt. Die liefen im Abstand von einem Kilometer, sogar Streife um den Wald. Von weiten konnte ich nur das große Versorgungsdepot sehen. Dort standen haufenweise Zelte und es wurde ein richtiges Material- und Wohnlager errichtet. Elf Jahre war es ruhig im verbotenen Wald gewesen und dann auf einmal ging es wieder los und es wurde nicht besser. Wir wussten ja gar nicht, was da auf uns zu kommt. Mir war damals schon nicht wohl bei der ganzen Sache", beendete Sigmar seinen langen Bericht und nahm den letzten Schluck Grog. "Fritz glaube mir, keiner von uns hätte je gedacht, dass es so schlimm werden würde", setzte er dann noch nach, in der Hoffnung, dass man von Jacob etwas erfahren würde. "Hätten wir das damals geahnt, dann...", Sigmar schwieg einen Moment und sah zu seinen Freunden, diese nickten. "... hätten wir uns vielleicht darauf einstellen können. Wir sind hier jahrelang durch die Hölle gegangen. Die Schreie die wir hier hören mussten, haben uns bald in den Wahnsinn getrieben. Viele Leute sind hier weggezogen, weil diese Schreie einfach an die Substanz gingen. Vor allem, weil wir uns diese Schreie nicht erklären konnten. Kannst du uns erklären, was im verbotenen Wald los war. Wir wollen es ja nicht genau wissen, aber wir wollen wenigstens verstehen, was diese Schreie zu bedeuten hatten", Sigmar sah den Landarzt fordernd an. Dieser wurde bei jedem Wort, das der Bauer sagte blasser im Gesicht. "Fritz, wir haben ja begriffen, dass du uns nichts darüber erzählen darfst. Aber denkst du nicht, dass die Leute hier in der Region, ein Recht haben zu erfahren, was es mit diesen Schreien auf sich hat", tief holte Sigmar Luft. "Seit dem du hier bei uns wohnst, haben die Schreie aufgehört. Warum? Fangen diese Schreie, so wie im Oktober vergangen Jahres, wieder an. Wenn ich ehrlich bin, halte ich das nicht noch einmal aus. Wegziehen, kommt für mich nicht in Frage. Das hier ist meine Heimat. Ich bin hier geboren und groß geworden. Ich kann doch nicht einfach irgendwo anders hingehen. Keiner von uns kann das."
Erschrocken sah Jacob in die Runde. Soweit hatte keiner der Verantwortlichen gedacht. Selbst ihm ist nie dieser Gedanke gekommen. Aber er konnte sich schon vorstellen, dass man die Schreie kilometerweit gehört hat.
"Sigmar, du bringst mich mit deinen Fragen in eine sehr unangenehme Situation. Ich muss das mit den zuständigen Stellen erst abklären. Ich verspreche euch allen hier, ich werde versuchen euch Antworten zu geben. Aber nicht heute und hier. Eins kann ich dir aus meiner Sicht versprechen. Es wird keine so schlimmen Schreie mehr geben. Im Oktober das war eine Ausnahme und wird sich nicht wiederholen. Bis eben war mir gar nicht bewusst, dass ihr diese Schreie alle gehört habt. Wirklich, so weit hat niemand von uns gedacht. Ich verspreche euch, dass ich mich darum kümmere und werde euch soweit man mir grünes Licht gibt, alles erklären", offen sah Jacob die Männer des Stammtisches an.
Gustav nickte. "Fritz, das ist auch bitter nötig. Was denkst du, warum so viele Bewohner deine Praxis meiden? Es ist die pure Angst, die nicht zulässt, dass die Einwohner sich von dir behandeln lassen."
Jacob wurde dies mit einem Schlag bewusst. Er hatte zwar einige Patienten, aber viele fuhren lieber zu dem alten Landarzt, statt die paar Schritte zu ihm zu kommen. Er begriff jetzt auch warum.
"Fritz, bei uns hieß es immer, wenn die Schreie zu hören waren, die Werwölfe sind zurück."
Jacob nickte. Er konnte sich vorstellen, dass die Schreie alles andere als menschlich geklungen haben. "Das kann ich mir vorstellen. Menschlich, klangen die Schreie bestimmt nicht. Aber keine Angst, es sind keine Werwölfe im verbotenen Wald und es geschah dort auch nichts, für die Bevölkerung gefährliches. Gebt mir einfach Zeit, das alles mit meinen ehemaligen Vorgesetzten abzuklären. Ich bin einfach zum Schweigen verdammt. Es tut mir leid. So gern ich es möchte, ich darf euch nichts erzählen", entschuldigend sah der Arzt in die Runde. "Zu gegebener Zeit, werde ich euch alles berichten. Vertraut mir bitte nur dieses eine Mal", tief holte Jacob Luft, er brachte sich mit seinen nächsten Worten, in verdammte Schwulitäten. Aber es war egal, er musste das Vertrauen dieser Leute gewinnen. Hatte er dieses, wurde es auch leichter hier im Dorf. Entschlossen wandte er sich an den Fischer, den er vor so vielen Jahren kennen gelernt hatte. "Was ich jetzt sage, habe ich niemals gesagt. Das frage ich auch nur dich Heiner. Wir lernten uns in einer Situation kennen, als es dir schlecht ging. Damals hast du meinen Leuten und mir vertraut. Ich möchte dich etwas fragen und bitte beantworte die Frage, nur deinen Freunden zu liebe, offen und ehrlich. Du kanntest Ona und Emy, du hast viele Stunden in höchster Not, mit ihnen verbracht. Kannst du dir vorstellen, dass die Beiden böse waren? Oder gar Werwölfe gewesen sind?"
Heiner sah Jacob entsetzt an. "Nein, die beiden waren die tollsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe. Alleine der Gedanke, dass die beiden wegen uns gestorben sind, zerreißt mir das Herz", Tränen schossen in seine Augen und die letzten Worte wurden ganz leise, so schwer fiel ihm das Sprechen.
"Siehst du. Vertraut mir einfach. Bitte, ich habe schon viel zu viel gesagt. Glaubt mir, es waren keine Werwölfe und für euch bestand nie eine Gefahr. Nur haben wir nicht soweit gedacht, dass man die Schreie hier in der Region hören könnte. Diese Schreie hatten andere Ursachen, die ich euch jetzt nicht erklären kann."
Auf der einen Seite, war froh Jacob über das, was er in den letzten Stunden erfahrene hatte. Er konnte sich allerdings nicht richtig darüber freuen. Denn die Fragen der Männer hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Vor allem würde ihn dieses Thema, noch lange beschäftigen. Auf der anderen Seite, war er froh dass er diese Geschichte erfahren hatte, denn er nahm an diesem Tag sehr viele Informationen, für sein Buch mit nach Hause. Und er wusste jetzt endlich, warum er und seine Frau, im Dorf so gemieden wurden. Endlich wusste Jacob, wo er mit seiner Aufklärungsarbeit anfangen konnte. Innerlich ärgerte sich der Arzt über sich selbst. Denn immer wieder einmal, hatte er in den letzten Jahren, die Gerüchte über die Werwölfe vom Deipsee gehört und dem nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Er hielt dies alles für eine uralte Legende, die er nach seiner Pensionierung erforschen wollte. Da er sich sehr für Sagen und Legenden interessierte. Dass er seinen Teil zu der Entstehung dieser Legenden beigetragen hatte, war ihm bis heute nicht bewusst gewesen. Jetzt allerdings konnte Jacob bewusst gegen diese Gerüchte vorgehen und dies alles, in etwas Positives verwandeln. Er wusste nun, wo der Ursprung dieser Geschichten lag und vor allem, warum hier in der Region, alle so negativ auf den verbotenen Wald oder besser gesagt auf das "Projekt Dalinow" reagierten.
Etwas Positives hatte dieser Abend trotzdem gehabt. Endlich hatte Jacob die Möglichkeit, mit seinem Buch, ganz am Anfang des Projektes zu beginnen. Die restlichen jetzt noch fehlenden Informationen, erfuhr Jacob schon vor Jahren, von seinen Freunden, die beim Bau des Projektes unmittelbar dabei war. Endlich hatte der engagierte Arzt, alle Daten zusammen getragen, um die Geschichte, über das Leben der Hundert, von Anbeginn, lückenlos niederzuschreiben.
***
Nichts für die Bevölkerung Bedrohliches, passierte im verbotenen Wald. Hier wurde nur ein langfristiges Projekt umgesetzt, das mit dem Aufkauf der Bauernhöfe, seinen Anfang genommen hatte. Dalinow, der Namensgeber dieses Projektes, war ein russischer Wissenschaftler der für das Militär arbeitete und forschte. Er gab dem Projekt auch seinen Namen.
Seit Ende März 1957, fuhren immer mehr LKWs mit Baumaterialien, die Landstraße aus Richtung Feldhusen nach Norden. Kaum, dass die Temperaturen etwas gestiegen waren und das Tauwetter eingesetzt hatte, begann man mit den Bauarbeiten. Die Fahrzeuge bewegten sich von der L1 in Richtung des Waldes, der vor elf Jahren angepflanzt wurde. Nur wenige Tage, vor dem Gespräch in Gustavs Kneipe, begannen die Bau-Teams damit, eine breite Schneise in den Wald zu schlagen, um eine provisorische Zufahrtstraße anzulegen. Die Baumaschinen des Straßenbaus fraßen sich Meter für Meter durch den Ring, in das Innere des Waldes hinein. Dies geschah in einem unvorstellbaren Tempo. Im Projekt wurde jede Minute genutzt und rund um die Uhr gearbeitet. Selbst in der Nacht, war die Baustelle hell erleuchtet, so dass man die vollen vierundzwanzig Stunden eines Tages nutzen konnte.
Kaum dass die Zufahrtstraße angelegt war, kamen Schwertransporter beladen mit riesigen Baggern, der innerhalb des künstlich angelegten Waldes, über eine Fläche von fünftausendsechshundert mal fünftausendachthundert Metern, eine dreißig bis sechsunddreißig Meter tiefe Grube aushob. Dazu brauchten die Bau-Teams keine drei Tage. Der Abraum aus der riesigen Grube, wurde vor den geplanten elektrischen Zäunen, zwischengelagert und im Abstand von drei Metern, als Wall aufgeschüttet.
Unzählige LKWs fuhren rund um die Uhr, die L1 entlang. So viele Fahrzeuge, hatten die Anwohner des Gebietes sonst in einem Jahr nicht gesehen. Sie brachten Kräne, Zäune, Pfeiler, Baumaterial, vorgefertigte Gebäudeteile, große schwarze Glasscheiben, Unmengen an Dachziegeln und Kabelrollen. Es wurden neue Hochspannungsleitungen und Telefonleitungen verlegt, und Transformatoren-Stationen gebaut. Tagelang kämpften unzählige Pumpen, gegen das Grundwasser und den Wasserrückfluss, um die Grube trocken zu legen. Zusätzlich zu den geplanten Fundamenten der Gebäude, wurden Wasserschutzmauern errichtet und versiegelt, um die zukünftigen Gebäude vor Wasser zu schützen. Dies war bei dem niedrigen Grundwasserspiegel gar nicht so einfach. Allerdings war dies notwendig, um das Fundament für diese riesige Anlage fertigen zu können. Bei diesem Projekt verwendete man viele neue und sehr effektiv einzusetzende Baumaterialen und Technologien. Sofort begann man die Fundamente vorzubereiten und fertigzustellen. Kaum dass dieses belastbar war, wurde damit begonnen, aus den im Werk vorgefertigten Betonfertigteilfassaden, unterirdische Bauten zu errichten. Jedes dieser Gebäude umfasste sechs Etagen, eins besaß sogar sieben Etagen, die später unter dem normalen Bodenniveau liegen würden.
Dies alles geschah, ohne dass die Bewohner der Region etwas davon mitbekamen. Sonst hätte es noch mehr Spekulationen gegeben. Es kamen natürlich immer einmal einige Neugierige in die Nähe des Waldes, einfach um zu sehen, was dort gebaut wurde. Allerdings gab es keinen, noch so kleinen Durchschlupf, denn das Gebiet wurde hermetisch abgeriegelt. Kein Fremder kam auch nur in die Nähe dieser Baustelle. Davor war ein riesiges Heerlager entstanden, in denen hunderte Baubrigaden lebten und versorgt wurden.
In den neu errichteten Gebäuden wurden Laboratorien, Werkstätten und Schulungsräume eingerichtet. In der untersten Etage zweier Gebäude, gab es sogar große Schwimmhallen. Unzählige Wohneinheiten, eine Großküche, Friseur, Wäscherei, zwei Krankenstationen und eine Einkaufsstraße entstanden hier. Alles, was man fürs tägliche Leben brauchte, würde man später einmal hier vorfinden. Hier entstand eine kleine unterirdische Stadt, ohne dass die hiesige Bevölkerung etwas davon mitbekam. Insgesamt waren es sechs riesige Bauwerke, die man in Windeseile hochzog. Diese erstreckten sich über das gesamte innere Terrain, des Waldes. Die Gebäude wurden Etage für Etage durch großzügige Tunnelröhren miteinander verbunden, von denen zwei sogar an die Oberfläche führten. Parallel zu den großen Röhren, die man später befahren konnte, verliefen kleinere Wartungsröhren, die nur zu Fuß begehbar waren. Die Wartungstunnel waren von jedem Raum aus zu betreten, um die Wartung der Gebäude zu vereinfachen. In den einzelnen Gebäuden waren die Gänge, wie auch die großen Tunnel so konstruiert, dass man darin mit Multicars fahren konnte, das sind kleine elektrisch betrieben Fahrzeuge. Die großen Tunnel besaßen alle eine Höhe von circa viereinhalb Metern. Die Wartungsgänge allerdings, waren gerade einmal zwei Meter zehn hoch, so dass man bequem darin laufen konnte. Auf diese Weise gelangte das Wartungspersonal, schnell von einem Ort zum anderen, in dieser riesigen Anlage. Auffällig waren an den unterirdischen Gebäuden die im Abstand von fünfzig Metern, an die Oberfläche führenden breite Schächte, deren Zwecke man jetzt noch nicht erkennen konnte.
Vier Monate nach Baubeginn, also Anfang Juli 1957, waren alle Gebäude bereits fertiggestellt. Es wurde in Rekordzeit gebaut. Scheinbar hatten das Militär, alle verfügbaren Einsatzkräfte, auf diese Baustelle abkommandiert. Das Erdreich wurde bereits wieder aufgeschüttet und um die neu gebauten Gebäude verteilt. So dass keines dieser riesigen Bauwerke mehr zu sehen war. Das übrig gebliebene Erdreich, bildete eine Art inneren Wall. Zwischen dem Wall und den Sicherungszäunen würden später kontinuierlich Patrouillen, auf einer extra dafür angelegten Straße fahren. Der Wall wurde sofort wieder bepflanzt. Zum Wald hin mit Obstbäumen, damit man die Sicherungsanlagen weniger sah. Ins Innere des Objektes, mit Beeten für Blumen-, Kräuterbeeten und Steingärten. Zum Teil wurde der Wall auch mit Beerensträuchern bepflanzt, die der Küche zur Versorgung des Personals mit Frischobst dienen sollte. Es war ein gut durchdachtes Konzept, das eine Wohlfühloase schuf und keine Wünsche offen ließ. Nichts erinnerte mehr daran, dass dies eine militärische Anlage war. Würde jetzt jemand, über das Gelände fliegen, ähnelte der innere Bereich des Waldes, eher einer Wohnanlage oder einem Sanatorium. Genau das wollte das Militär erreichen. Erstaunt stellte man fest, dass sich jetzt nur noch fünf an Wohnblocks erinnernde, zweistöckige Gebäude auf diesem riesigen Gelände befanden. Diese waren in einem großzügig angelegten Park eingebettet. Ein etwas größeres, nur einstöckiges, Gebäude sah aus, wie eine Mensa mit angebauter Sportanlage. Zwei schmale Zufahrtsstraßen verrieten allerdings, dass sich unter diesem Gebäude noch etwas befinden musste. Was sich dort befand, konnte man allerdings nicht erahnen.
Die Bauarbeiten im "Projekt Dalinow" gingen zügig voran. Bereits Ende Juli 1957, fuhren immer häufiger Fahrzeuge, die für den Innenausbau zuständig waren, die Zufahrtsstraße entlang. Duzende Möbelwagen und LKWs mit technischen Gerätschaften, lieferten täglich ihre Waren ab. Die nicht enden wollende Kolone von Fahrzeugen, die Unmengen an Material die man in das Projekt transportierte, blieb von der Bevölkerung nicht unbemerkt und veranlasste diese zu immer verrückter werdenden Spekulationen.
Parallel zu der Bauphase an den Gebäuden, wurden die alten Stacheldrahtzäune abgerissen und durch sehr hohe Mauern mit elektrischen Zäunen ersetzt. Zäune, die eine Höhe von mindestens fünfzehn Metern hatte und deren Kronenschutz mit S-Draht versehen war. Dieser S-Draht machte ein übersteigen des Zaunes unmöglich. Zusätzlich wurde die Zaunanlage, mit glasverkleideten Wachtürmen bestückt, von denen aus man das Terrain zusätzlich überwachen und beschützen konnte. Das gesamte Gebiet im Inneren des Waldes, wurde zur äußeren Zaunanlage hin, nochmals mit einem ausfahrbaren elektrisch gesicherten Zaun versehen, der eine Höhe von dreißig Metern erreichen konnte. Außerdem wurden alle Sicherungszäune, tief im Erdreich verankert und machten dadurch ein untergraben der Anlage unmöglich. Dieser äußere und innere Sicherheitszaun umsäumte, das riesige Gebiet von circa fünfundvierzig Quadratkilometer. Auf diese Weise, wurde das gesamte Terrain, systematisch von dem angrenzenden zivilen Gebieten abgeriegelt. So konnte nicht einmal ein Maus, ungesehen hinein oder hinausschlüpfen. Selbst einen kleinen Flugplatz, mit ausreichend langer Landebahn, wurde in dieses Projekt integriert. Durch die gepflanzten Hecken und Bäume, die sich innerhalb der elektrischen Zäune befanden, wurde Fremden die Sicht in das Projekt verwehrt. Keiner sah, was hinter den Zäunen vor sich ging. Selbst die provisorische Zufahrtsstraße zu dem Projekt, wurde so angelegt, dass diese in wenigen Monaten wieder verschwunden war. Nur ein Forstweg würde noch zum "Projekt Dalinow" führen. Am Ende des Forstweges befand sich ein, in die elektrischen Zaunanlage eingearbeitetes Tor und ein großer Fuhrpark, mit Fahrzeugen die im Projekt gebraucht wurden. Dieser große Platz schloss sich an den Komplex für das Pflege- und Wachpersonal an und war ebenfalls mit elektrischen Zäunen gesichert.
Das Militär plante, das "Projekt Dalinow" im Geschlossenen durchzuführen. Diese Geheimhaltung, nach GKdos, konnte man allerdings nur erreichen, wenn man der zivilen Bevölkerung, den Zutritt verwehrte. Selbst eine eigene Tankstelle besaß dieses Projekt, die über den Luftraum versorgt wurde.
Man ging davon aus, dass in spätestens zwei Jahren, von der Masse der Bevölkerung, niemand mehr an die Baumaßnahmen dachte. Dass diesen ganzen Trubel einfach wieder vergessen wurde, sobald wieder Ruhe in der Region eingekehrt war. Was man nicht sah, würde nach und nach in Vergessenheit geraden. So waren die Gedankengänge der Militärs. Es war dem Planer des Projektes keineswegs entgangen, dass es allerlei Spekulationen, um das Gebiet des verbotenen Waldes gab, dies war leider nicht zu verhindern. Im Gegenteil, solange die Bevölkerung der Realität nicht zu nahe kam, würden sie diese Gerüchteküche dulden und sogar anheizen. Würde man gezielter gegen die Neugier der unmittelbaren Nachbarn vorgehen, würden diese Gerüchte ganz andere Dimensionen annehmen. Man konnte zwar hohe Mauern bauen, um die Neugier zu dämpfen und ein gewaltsames Eindringen zu verhindern. Unsichtbar, konnte man das Projekt leider nicht machen. So war es die beste Lösung, die Anwohner spekulieren zu lassen. Dann waren die Leute beschäftigt und zufrieden und man konnte in Ruhe arbeiten. Nach dem Start des Projektes, würden alle notwendigen Transporte, nur noch von Flugzeugen und Hubschraubern durchgeführt. Ebenfalls alle notwendigen An- und Abreisen, der Projektmitarbeiter, würden über den Luftraum erfolgen. Da die Zufahrtsstraße, zum Projekt, dann nicht mehr existieren würde. Der zuständige Förster, plante schon die Neubepflanzung der Schneise.
Vor Ort waren, ein reichliches halbes Jahr nach der Festnahmen von Egge und Heiner, die sechs Woche nach ihrer Verhaftung wieder auf freien Fuß waren, die Parkanlagen fertiggestellt. Selbst ein kleiner Hain, mit den uralten Buchen und Kastanien wurde in den Park integriert. Viele verschiedene Möglichkeiten zur Entspannung, bot das circa sieben mal sechs Kilometer umfassende Parkgelände. Kleine Gärten vor den Häusern, luden zur Entspannung der Angestellten ein, genauso der Volleyballplatz und das Fußballfeld. Sogar ein kleines Freibad, wurde für die Mitarbeiter angelegt. Hier entstand ein richtiges kleines Paradies. Der Architekt der dieses Projekt geplant hatte, dachte wirklich an alles. Die großzügige Parkanlage mit vielen Bänken und Springbrunnen luden einfach nur zum Verweilen ein.
Endlich, neun Monate nach dem Baubeginn, in den letzten Dezembertagen des Jahres 1957, waren bis auf Kleinigkeiten, alle Gebäude und auch die Parkanlage fertiggestellt.
Verwundert sah man sich die Gebäude an, die nicht in der üblichen Ziegelbauweise errichtet wurden, sondern in einer Plattenbauweise. Diese waren zusätzlich mit großen schwarzen, in Rahmen montierten Glasscheiben verkleidet. Man sah diese eigenartigen Platten, ebenfalls auf den Dächern der Gebäude. Solarzellen wurden diese Glasplatten genannt und dienten zur Stromgewinnung.
Die Fotovoltaik oder auch Solartechnologie, diente der direkten Verwandlung von einfallendem Licht, in elektrische Energie.
Die Geschichte der Fotovoltaik, begann im Jahr 1839, als der zugrunde liegende fotoelektrische Effekt entdeckt wurde. Alexandre Edmond Becquerel entdeckte durch Zufall, bei einem Experiment mit dieser Technik, dass der Fluss des Stromes, bei Licht geringfügig größer war, als im Dunkeln.
Seit einiger Zeit versuchten russische Wissenschaftler, diesen Effekt für die Stromgewinnung zu nutzen. Da man im "Projekt Dalinow" sehr viel Strom benötigen würde, wollte man diesem Pilotprojekt eine Chance einräumen und diese Technologie zur Stromgewinnung nutzen.
Die Schächte, die sich um die unterirdischen Gebäude befanden, blieben allerdings offen und wurden vollständig in die Parkanlagen integriert. Sie wurden jedoch alle mit Schutzgittern versehen, so dass man nicht ausversehen in die Tiefe stürzte. Jetzt wurde auch die Funktion dieser Schächte sichtbar. Sie leiteten, über ein spezielles Spiegelsystem, das Tageslicht in die unteren Ebenen der Gebäude, um auch diese Bereiche mit Sonnenlicht zu versorgen.
Lediglich der Block, der sich in der Nähe der Landebahn befand, besaß nur einen Sonnenschacht, wie diese vom Architekt bezeichnet wurden. Der einzige Block, der sieben Etagen, aber auch einem freien Zugang nach draußen besaß. Im Inneren wurde dieses Gebäude durch dicke Stahltüren, gegen unerlaubtes Verlassen und Betreten gesichert. Dort entstand ein Hochsicherheitsbereich.
Dieser war nur minimalistisch ausgestattet. Man durfte diesen Bereich, nach Beginn des "Projektes Dalinow" nur betreten, wenn man speziell dafür autorisiert wurde. Hier wurden die eigentlichen Forschungen durchgeführt. Alles in diesem unterirdischen Gebäude, war sehr dunkel, praktisch und funktionell gehalten. Ganz anders, als die anderen Bereiche in dieser militärischen Anlage, die regelrecht im Luxus ertranken.
Sämtliche überirdisch errichteten Gebäude, besaßen Balkons die um das gesamte Haus liefen und waren inmitten des Parks gelegen. Von dem Balkon aus schaute man, egal, wohin man blickte, auf die wunderschönen Grünanlagen. Entweder, hatte man einen Blick auf den Park oder den künstlich angelegten Wald. Hier ließ es sich schön wohnen.
Nur neun Monate nach Baubeginn, am 30. Dezember 1957 kurz vor 13 Uhr, kam ein Konvoi von Fahrzeugen auf der Zufahrtsstraße von Feldhusen in das Objekt gefahren. Es waren überwiegend schwarze und schwere Regierungsfahrzeuge, die zum großen Teil von hohen Militärs besetzt waren. Fünfzehn Generäle, vom Generalmajor bis hin zum Armeegeneral des Warschauer Paktes, begleitet von ihrem Dienstpersonal, nahmen das Projekt ab. Auch ein ziviler Beamter der Regierung war zugegen.
Zufrieden mit der erbrachten Leistung, äußerten sich die Militärs und der von der Regierung Beauftragte, lobend gegenüber dem Bauleiter und Projektleiter Hunsinger und den Baubrigaden, über die vollbrachte Arbeit. Oberst Hunsinger wurde für die Organisation und Durchführung dieses Projektes geehrt. Es war allen bewusst, was dieses Vorhaben für ein schwieriges Unterfangen darstellte.
Man inspizierte die Einrichtungen für das Personal, so wie die, für die zukünftigen Bewohner des Blocks 6, um die es in diesem Projekt ging. Einstimmig war man der Meinung, dass man das beste Material und die besten Voraussetzungen zum Gelingen des "Projektes Dalinow" zur Verfügung gestellt hatte. Jetzt lag es nur noch an den Mitarbeitern des Projektes, dies auch zu einem erfolgreich Ende zu führen. Man setzte große Erwartungen in Hunsinger und seine Teams. Die Abnahme-Kommission gab das Projekt frei für den Start.
So konnte das "Projekt Dalinow", abgesegnet von den Führungsebenen, pünktlich, elfeinhalb Jahren nach den ersten Planungen, im Januar des Jahres 1958 beginnen. Man wünschte Oberst Hunsinger und seinen zukünftigen Teams viel Erfolg.
Genauso schnell wie das Bau- und Versorgungslager vor dem verboten Wald aufgebaut wurde, verschwand es wieder. Mit ihm verschwanden alle Baukolonen und der Strom an Fahrzeugen versiegte. Die Bevölkerung sah von diesem Tag an nur noch, einen mit hohen Sicherheitszäunen umsäumten Wald. 'Was dort wohl vor sich geht?' Fragten sich viele der Anwohner, aber sie erhielten nie eine befriedigende Antwort auf diese Frage. Sondern es würden noch viele Spekulationen und sogar richtige Horrorgeschichten über den verbotenen Wald folgen, wie Jacob im Laufe der Zeit feststellen musste.
Nur drei Tage später nahm das Projekt Dalinow seinen Lauf und für viele Mitarbeiter dieses Projektes änderte sich das Leben von Grund auf. Aber lest selber, wie es im Projekt weitergeht ...
... betrat als einer der ersten, die Mensa seiner neuen Arbeitsstelle, im "Projekt Dalinow". Neugierig sah er sich um und lief nach vorn zur Fensterfront, um einen Blick in den schönen Park werfen zu können, ohne dass man im Kalten stehen musste. Erst dann sah er sich in dem riesigen Raum um. Sein neugieriger Blick kreuzte sich mit neuen und unbekannten Gesichtern, die zum Teil aufgeregt und zum Teil aber auch ängstlich umher schauten. Alle nutzten dieses stille Beobachten, um die Umgebung und die neuen Kollegen unauffällig zu mustern.
Nur zu gut konnte Jacob die Gefühle der Anderen nachempfinden, es ging ihm ja selbst nicht anders. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen und wusste nicht, was auf ihn zukam. Es war wie immer wenn man Unbekannten Dingen gegenüber stand. Der junge Arzt wurde das Gefühl nicht los, dass das "Projekt Dalinow" von ihm mehr, als es ihm bis jetzt bewusst war, fordern würde. Für trübe Gedanken hatte er eigentlich keinen Grund, er war ja auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Das war einer der Gründe, weshalb er für dieses Projekt entschieden hatte.
Jacob lächelte still vor sich hin und erinnerte er sich, wie schwer ihm seine Zusage, für das Projekt gefallen war. Ewig hatte er den Anruf hinausgezögert. Eigentlich bis zum letzten Augenblick. Trotzdem war sich Jacob nicht sicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Mit keinem Wort konnte er diesen inneren Zwiespalt wirklich erklären. Immer noch hatte er schwer an der Reaktion seines Mentors zu schlucken. Wie sehr hatte er sich gewünscht, dass dieser sich ihm offenbart hätte. Jacob hoffte im Stillen, dass er seine Zusage für das "Projekt Dalinow" nie bereuen würde. So schwer war sie im gefallen und so viel hatten ihm diese Entscheidung genommen.
Jacob stand in Gedanken versunken an der Glasfront der Mensa, nahm nichts mehr um sich herum wahr. Er blickte hinaus in den wunderschönen Park, ohne die wunderbare Schneelandschaft zu sehen. Seine Gedanken drifteten ab und wanderten zurück in die Vergangenheit. In jene Zeit, als das Leben noch nicht aus dem Gleichgewicht geraten war und als er sich noch nicht entscheiden musste: Welchen Weg er nach seinem Studium einschlagen wollte. Es war uninteressant, dass er gerade erst an seinem neuen Arbeitsplatz angekommen war. Er fragte sich, was er hätte noch länger in Greifswald verweilen sollen. Durch eine Frage, die er seinem Mentor stellte, war alles zerstört, was er sich während seines Studiums aufgebaut hatte. Was sollte er also an einem Ort, der viele schöne Erinnerungen barg, in dem er eine aufregende Zeit verbracht hatte, aber auch einer seiner größten persönlichen Enttäuschungen erleben musste. Eine Enttäuschung, die er bis heute nicht verstand und die es nicht zuließ, dass Freude über die neue Herausforderung in ihm heranwachsen konnte. Diese Enttäuschung verstärkte jenes ungute Gefühl, dass sich in Jacob eingenistet hatte und die er einfach nicht los wurde.
Trotzallem zog es ihn magisch zum "Projekt Dalinow". Er wusste, dass er hierher gehörte. Das Verrückte an der Sache war jedoch, er konnte sich nicht erklären, warum …
Ein Blick zurück
Angefangen hatte alles im Jahr 1928, als Karl Jacob, sein Vater, kurz nach der Geburt seines Sohnes Fritz verstarb. Oft hatte Jacob in den darauffolgenden Jahren das Gefühl, dass er den Tod regelrecht anzog, da alle Menschen denen er seine Liebe schenkte starben und er nichts dagegen tun konnte. Karl Jacob der nur einen Monat nach der Geburt seines Sohnes bei einer Explosion des Hochofens im Alter von nur 23 Jahren starb, hinterließ seine Familie mittellos.
Nach dessen Tod fanden Mutter und Sohn Aufnahme bei Karl's Eltern, die versuchten die kleine Familie aufzufangen, was ihnen allerdings misslang. Fritz Jacob, der Sohn eine einfachen Fabrikarbeiters und einer Schneiderin, war gerade einmal ein Jahr alt, als auch seine Mutter starb. Henriette Jacob raffte nicht eine Krankheit dahin, sondern sie gab sich auf. Die junge Witwe kam mit dem Unfalltod ihres Mannes einfach nicht klar. Sie hörte auf zu essen, sichte dahin und sprach immer mehr dem Alkohol zu, um den Schmerz des Verlustes zu betäuben. Schließlich starb sie an einem gebrochenen Herzen. So erklärte es die Großmutter immer ihrem Enkel, wenn dieser fragte.
Als Henriette auch noch verstarb, nahmen die Großeltern sich der Vollwaise an und zogen Fritz, wie ihr eigenes Kind groß. Der kleine Junge war viel zu klein, um all das Unglück um ihn herum wahrzunehmen und akzeptierte seine neuen "Eltern" ohne Wenn und Aber. Für Fritz zählte nur die Liebe die er von seinen Großeltern bekam. Er war glücklich in seiner Familie.
Der Rittmeister der Kavallerie, Wilhelm Jacob, der schon als junger Mann der kaiserlichen Armee beitrat, war zwar ein strenger, aber sehr gerechter Mann, zu dem Fritz Jacob immer mit Stolz aufblickte. Seine Frau Marie, war Hausfrau und Mutter und hütete die Kinder und den Hof, des Rittmeisters. In zwei Weltkriege musste Wilhelm Jacob seinem Land dienen und ließ in Griechenland, bei einem Kampfeinsatz, im Jahre 1941 sein Leben. Dreizehn Jahre zählte Fritz Jacob gerade einmal, als er den dritten großen Verlust in seinem Leben verkraften musste.
Gemeinsam mit seiner Großmutter überwand er diesen für ihn sehr schmerzlichen Verlust und half seiner Großmutter so gut er konnte, durch die Kriegswirren. Fritz nahm diese Verantwortung mit seinen jungen Jahren sehr ernst und schaffte es seine Großmutter zu beschützen. Selbst die Flucht aus der Heimat, nach Dresden, überlebten die beiden schadlos. Obwohl der Weg aus Ostpreußen, einem kleinen Örtchen in der Nähe von Königsberg, weit und sehr hart war. Fast alles an Hab und Gut verloren die beiden auf ihrer Flucht und retteten nur ihr nacktes Leben.
Trotzdem schaffte es der junge erst siebzehn Jahre alte Fritz Jacob nicht, dass seine Großmutter den Krieg überlebte. Die Tatsache, dass sie nur vier Jahre nach seinem Großvater, bei einem Bombenangriff der Alliierten in Dresden starb, hätte Jacob fast zerstört. Bei diesem Luftangriff wurde nicht nur seine Großmutter, sondern auch der junge Fritz schwer verletzt, als das Wohnhaus in dessen Luftschutzkeller sie sich in Sicherheit gebracht hatten, durch eine Fliegerbombe vollständig zerstört wurde. Vier ganze Tage lag Fritz unter den Trümmern des Wohnhauses, zwischen all den Toten und hatte sich fast aufgegeben, als er durch einen Zufall gefunden und aus den Trümmern des Hauses geborgen wurde.
Der junge Mann, stand nun alleine da, ohne finanziellen Rückhalt standen nicht viele Türen für ihn offen. Während seiner langwierigen Genesung im Hospital, versank Fritz Jacob immer tiefer im Selbstmitleid. Noch jung an Jahren und ohne Familie, wusste er einfach nicht wie es weiter gehen sollte. In dem Moment, als er sich aufgeben wollte, begegnete er einem sehr engagierten Arzt. Doktor Konrad, der ihn behandelnde Chirurg, stellte nicht nur seine Gesundheit wieder her, sonder stellte Fritz Jacob auch psychisch wieder auf die Beine. Er gab dem Vollwaisen seinen Lebensmut zurück und dessen Leben wieder ein Ziel und damit auch einen Sinn. Durch Konrad wurde in Jacob der Wunsch geweckt, Menschen zu pflegen und zu heilen. Einige Jahre später wuchs in ihm der Wunsch, einmal Medizin zu studieren, um Menschen zu heilen.
Sofort nach seiner Genesung, begann Jacob als Pfleger zu arbeiten und machte sobald die Möglichkeit bestand, in der dortigen Chirurgie eine Ausbildung als Krankenpfleger, die er vorzeitig und mit hervorragenden Leistungen beendete. Doktor Konrad war eines der größten Vorbilder für den engagierten jungen Mann, dessen außergewöhnliche Art auf seine Patienten einzugehen, Jacob übernahm. Etwas das in der damaligen Zeit Aufsehen erregend war und ihm viel Lob einbrachte.
Als 1949 das erste Mal eine militärmedizinische Ausbildung, an der Humboldt Universität Berlin angeboten wurde, nahm der mittellose Jacob seine Chance war. Der erst einundzwanzig Jahre alte Jacob schrieb sich in der Universität ein. Da er sich aus seiner persönlichen Situation heraus kein Studium hätte leisten können, wählte er die Möglichkeit, sich seine Ausbildung durchs Militär finanzieren zu lassen, in dem er der Armee beitrat. Da sein Großvater schon beim Militär war, hatte Jacob keinerlei Berührungsängste diese Art der Ausbildung zu machen und absolvierte die zuvor notwendige militärische Ausbildung ohne Murren. Auf Grund seiner hervorragenden medizinischen Kenntnisse und seiner überragenden Beurteilung seines bisherigen Arbeitgebers und Doktor Konrads, wurde er im September 1949 an der Humboldt Universität immatrikuliert. Bereits während seiner Grundausbildung beim Militär, begann er mit seinem Studium und meisterte beides mit guten Leistungen.
Schnell wurde Professor Hillinger auf den talentierten Studenten aufmerksam und nahm ihn unter seiner persönlichen Obhut. Als Hillinger anderthalb Jahre später die Universität wechselte, nahm er den jungen Jacob mit nach Greifswald, an die dortige Universität und brachte ihn in der MMS, der Militär-Medizinischen-Sektion, unter, um den mittellosen Studenten weiterhin in seiner Nähe und unter seinen Fittischen zu haben.
In Greifswald begann Jacob, um sich seinen Unterhalt zu verdienen, in der Unfallchirurgie zu arbeiten. Eine doppelte Belastung, die Jacob aber sehr viel Spaß machte, da der angehende Arzt, gern mit Patienten arbeitete.
Jacob bekam in der Unfallchirurgie schnell den Ruf eines sehr engagierten und kompetenten Arztes, dem es um mehr ging als nur darum eine Verletzung zu heilen. Ihm war der ganze Mensch wichtig. Durch sein eigenes Schicksal, wusste er wie man sich fühlen kann und scheute sich nicht, diese Gefühle anderer auch zu sehen. Er war ein Arzt, dem sich die Patienten gern anvertrauten und er hatte durch sein offenes und verständnisvolles Wesen, nie Probleme das Vertrauen eines Patienten zu gewinnen. Mit erst zweiundzwanzig Jahren machte er sich schnell einen Namen, der im Laufe des Studiums weit über die Uni-Klinik Greifswald hinaus bekannt wurde.
Jacobs selbstbewusstes und sein militärisches Auftreten, machte Jacob schnell zum Traummann aller Schwestern in der Klinik. Mit seinen einhundertachtundneunzig Zentimeter war der junge Assistenzarzt, der stets ein Lächeln für jeden übrig hatte, allseits beliebt. Braungebrannt und gut durchtrainiert war Jacob nicht nur der Schwarm aller jungen Frauen an der Klinik, sondern auch deren Mütter. Viele beschwerten sich darüber, dass der Arzt mit den haselnussbraunen und immer spitzbübisch dreinblickenden Augen, die weibliche Belegschaft so gar nicht wahrnahm. Allerdings lag es nicht am Dessinteresse, Frauen gegenüber, dass Jacob die weiblichen Reize nicht wahrnahm, sondern an der mangelnden Zeit.
Jacob investierte seine Zeit lieber in das Wohl seiner Patienten, den reibungslosen Ablauf des Klinikalltages und seines Studiums, als in Frauen. Der junge Mann forschte neben seinem Studium und seiner Arbeit, so dass ihm für Frauengeschichten gar keine Zeit blieb. Er trieb gern und viel Sport und fasste nebenher auch einmal dort mit an, wo seine Hilfe gebraucht wurde. Egal ob man seine Hilfe beim Streichen eines Patientenzimmers oder der Bepflanzung des Klinik-Parks oder aber für persönliche Probleme benötigte, Jacob nahm sich immer die Zeit für alle kleinen privaten Sorgen, von Patienten wie auch seiner Kollegen.
Dadurch, dass er allen Menschen gegenüber offen und ehrlich auftrat und auch seine Meinung gegenüber höher gestellten Mitarbeitern des Klinikums vertrat, war Jacob angesehen von seinen Kollegen. Man holte sich bei ihm oft Rat, obwohl er noch jung war und sein Studium noch nicht vollständig abgeschlossen hatte. Man schätzte seine Erfahrungen, die er als Krankenpfleger gesammelt hatte, vor allem auch deshalb, weil er oft Dinge sah, die andere Ärzte überhaupt nicht wahrnahmen.
Der Konkurrenzkampf zwischen den Ärzten, prallte an Jacob ab wie ein Prellball. Sein offenes Wesen lies gar nicht zu, dass er zwischen die Fronten geriet. Ihm war zwar nicht egal, was andere von ihm dachten, aber er spielte solche Kleinigkeiten einfach nicht hoch. Sich ins Rampenlicht zu stellen, war nie Jacobs Art gewesen. Deshalb verzichtete er lieber auf eine höhere Position, wenn andere diesen Posten haben wollte und agierte aus der hinteren Reihe, damit alles so lief, wie es laufen sollte.
Trotzdem fiel Jacob immer wieder auf, durch seine Kompetenz, sein ungeheures Fachwissen und vor allem durch seine Höflichkeit und sein rücksichtsvolles Auftreten. Dadurch eroberte er nicht nur die Herzen seiner Patienten, sondern auch die Herzen seiner Kolleginnen und Kollegen. Seine humorvolle Art, seine Selbstironie und seine Bescheidenheit, machten ihn stets zu etwas Besonderen. Es spielte dabei keine Rolle, wen man fragte, alle waren sie von Jacob begeistert und hofften dass er noch lange in Greifswald arbeiten würde. Egal ob es ein Arzt, eine Schwester, eine Reinigungskraft oder jemand aus dem Hausmeisterteam war, der junge Arzt hatte ein nettes Wort und man merkte, dass das nicht nur eine Mache war, sondern von Herzen kam. Dort wo Jacob auftauchte wurde immer viel gelacht und es gab nur selten Disziplinprobleme oder Konflikte zwischen den Kollegen.
Allerdings war Jacob auch sehr diszipliniert. Er investierte all seine Kraft in sein Studium. Für Liebeleien und Umtrunke nahm er sich keine Zeit. Das überließ er lieber seinen Studienkollegen, die gern einmal eine Vorlesung zugunsten eine schönen Dame sausen ließen. Jacob investierte jede freie Minute die er erübrigen konnte, in die Forschung, um seinen Patienten zu helfen.
Da passierte es schnell einmal, dass er nächtelang nicht ins Bett kam, weil es irgendeinem Patienten aus unerklärlichen Gründen schlecht ging. Er suchte dann so lange nach einer Lösung, für das Problem, bis er den Grund gefunden hatte. Erst dann war Jacob zufrieden. Allerdings würde er sein Lebensstil, nach der Promotion, als Arzt, ändern. Denn mittlerweilen war Jacob schon neunundzwanzig Jahre alt und wollte nach der bestandenen Prüfung, endlich eine eigene Familie gründen.
Beruf, Forschung und Familie, waren die wichtigsten Ziele, die er in seinem Leben erreichen wollte. Dem ersten Ziel, dem Beruf des Arztes, kam er langsam näher. Er hatte einen ersten Teilerfolg erzielt. Im nächsten Schritt, musste er sich Gedanken über seine berufliche Entwicklung machen. Über diese Schritte grübelte er seit einigen Wochen nach. Allerdings wusste er noch nicht genau, ob er lieber in der Forschung oder lieber als parktischer Arzt tätig sein wollte.
Am liebsten wäre Jacob eine Kombination aus beiden Bereichen. Eine Arbeitsstelle, in der sich Forschung und die Arbeit am Patienten vereinen ließe. Nur, wo gab es eine solche Tätigkeit? Das war hier die Frage. Noch immer hatte er keine Zeit gefunden, mit seinem Mentor über dieses wichtige Problem zu sprechen. Erst wenn er diese Frage geklärt hatte, konnte er sich auf die Familienplanung konzentrieren.
Seinem Ziel allerdings kam er Schritt für Schritt näher. Die Prüfungen des 3. Staatsexamens, lagen hinter ihm und er hatte alle Praktika mit Erfolg absolviert. Endlich hatte Jacob sein Studium erfolgreich beendet.
Greifswald 29. Mai 1957
Noch zwei Monaten würden vergehen, bevor die Feierlichkeiten in der Universität Greifswald beginnen würden und er seine Promotion als Arzt überreicht bekäme. Erst dann konnte er eine neue Anstellung annehmen. Umschauen, nach einer anspruchsvollen Tätigkeit, konnte er sich allerdings schon jetzt. Vor allem musste er endlich einmal mit Hillinger über seinen weiteren Wertegang sprechen. Angerissen hatten sie dieses Thema zwar in den letzten Monaten immer wieder einmal, trotzdem hatten sie es nie konkretisiert. Deshalb steckte er jetzt in einer Zwickmühle. Er musste ohne das Wissen seines Mentors, zu einem Vorstellungsgespräch fahren.
Am heutigen Morgen, bekam Jacob einen Anruf von Oberst Hunsinger und den Befehl, sich umgehend mit ihm in der Hauptabteilung Kader und Schulung zu treffen. Deshalb musste Jacob nach diesem Telefonat mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten, sofort nach Berlin-Lichtenberg gefahren, um den Befehl Folge zu leisten und sich die ganze Sachlage anzuhören.
Da sich Hillinger zu diesem Zeitpunkt auf einem Kongress in Prag befand, konnte er sich nicht mit seinem Mentor absprechen. Einen Fehler den er noch sehr bereuen würde. Was hätte er auch machen sollen. Ein Befehl war ein Befehl, dagegen konnte er nichts machen. Hillinger, war bis vor einigen Jahren selbst beim Militär, deshalb machte sich Jacob keine Gewissensbisse, dass er seinen Mentor darüber nicht informieren konnte. Dies würde er nachholen, wenn Hillinger aus Prag zurück war.
Jacob fuhr nach Berlin, um sich über alle Details, die Hunsinger vorzubringen hatte, informieren zu lassen. Immer nach dem Motto, erst einmal anhören, das schadet ja nichts. Nein sagen, konnte man immer noch. Obwohl das beim Militär nicht immer möglich war. Das war der einzige Minuspunkt, den seine vom Militär geförderte Ausbildung mit sich brachte. Er musste gegebenen Befehlen Folge leisten.
Allerdings klang das was ihm Hunsinger am Telefon mitteilte, nicht danach, dass es sich um einen strikten Befehl handelte, sondern eher wie ein Vorschlag, für ein sehr interessantes Projekt. Allein die wenigen Informationen, die Hunsinger am Telefon preisgeben konnte, weckten Jacobs Neugier. Es verband genau das, was Jacob suchte: die Zusammenarbeit und die Nähe zum Patienten, aber trotzdem die Möglichkeit der intensiven Forschung. Solch eine Kombination, würde er so schnell nicht wieder finden.
Jacob musste sich allerdings während des Gespräches eingestehen, als er im Büro von Oberst Hunsinger auf Major Mayer traf, dass Mayers herrische Art, ihn einen kleinen Schock versetzte. Man macht sich ja innerhalb der ersten wenigen Minuten, ein Bild über seinem Gegenüber. Das Bild von Mayer, war nicht das Beste. Als Jacob Mayer im Laufe der Unterhaltung etwas näher kennenlernte, entpuppte sich dieser allerdings, als ein lustiger und angenehmer Zeitgenosse, so dass Jacob seine Meinung Mayer gegenüber revidieren musste.
Trotzdem hinterließ das erste Zusammentreffen mit diesen beiden Offizieren, einen bitteren Nachgeschmack, bei dem jungen Arzt. Jacob fiel es schwer sich vorzustellen, mit diesen beiden Menschen über längere Zeit eng zusammenzuarbeiten. Die Art der Menschenführung, war nicht die, die er im Laufe der letzten Jahre von Hillinger gelernt hatte und die er selbst schon seit langer Zeit praktizierte.
Im Anschluss an das sehr aufschlussreiche und interessante Gespräch, mit den beiden Militärs, ging man gemeinsam noch etwas essen. Mayer und auch Hunsinger zeigten sich von einer völlig anderen Seite, so dass man an diesem Abend sehr viel Spaß hatte und man sich köstlich amüsierte. Mayer erklärte Jacob, dass er nur wenige Minuten vor ihrem Gespräch argen privaten und beruflichen Stress hatte. Mayer konnte die ausgeteilten moralischen Ohrfeigen, die er bekam, einfach nicht so schnell wegstecken. Er entschuldigte sich immer wieder, mit den Worten.
"Jacob ich wollte nicht, dass sie von mir einen solch schlechten Eindruck bekommen. Eigentlich bin ich ein umgänglicher Mensch. Aber auch ich kann nicht immer alles wegstecken. Wissens, ich bin Vollblutsoldat und kein Diplomat. Ich kann mit fast jeder Waffe umgehen, sprenge ihnen einen Schornstein in handliche Stücke, aber ich kann nicht besonders gut mit Worten umgehen. Könnte ich mit Worten umgehen, wäre ich Diplomat und nicht Soldat", er zuckte dabei, breit grinsend, aber auch ein wenig verlegen mit den Schultern und lächelte gequält.
Damit war die Sache für Mayer erledigt. Dieses Argument verstand Jacob zwar, aber das Grinsen in Mayers Gesicht, erfasste nicht dessen Augen. Deshalb konnte Jacob diesem Major Mayer seine Aufrichtigkeit nicht ganz glauben. Oberst Hunsinger allerdings, war für Jacob ein wirklich angenehmer Gesprächspartner, mit dem man sich sehr gut unterhalten konnte. Jacob war auch vollkommen bewusst, dass er nie wieder so ein Glück wie mit Doktor Konrad und Professor Hillinger haben würde. Seine Chefs, konnte man sich nicht aussuchen. Gerade dann nicht, wenn man wie Jacob beim Militär war.
Erleichtert, dass man ihn nicht sofort per Befehl in dieses Langzeitprojekt steckte, nahm sich Jacob die von Hunsinger bereitgestellten Unterlagen erst einmal mit, um sie in Ruhe durchzuarbeiten. Hunsinger gab ihm sogar eine Bedenkzeit, da er sich mit dem militärisch geführten Projekt sehr lange festlegte. Jacob versprach dem Oberst, sich innerhalb der nächsten sechs Wochen zu melden, um ihm eine endgültige Entscheidung mitzuteilen.
Gleich nach der Rückkehr informierte Jacob seinen Mentor, über den Befehl den er aus Berlin bekam und dass er Informationsmaterial mitgebracht hätte. Hillinger empfahl ihm, sich erst einmal alleine durch dieses Informationspaket zu kämpfen. Bei Fragen könnten sie sich ja zusammensetzen und sich beraten. Jacob sollte alleine darüber entscheiden, wie seine Zukunft aussehen würde. Dieses "Projekt Dalinow", wie es sich nannte, übte von Anfang an einen gewissen Reiz, auf Fritz Jacob aus. Einiges an dieser Sache, irritierte den jungen Arzt allerdings sehr. Deshalb bat er nach reichlichen drei Wochen, Hillinger um Hilfe, bei der Durchsicht der Unterlagen. Da er dessen Urteil stets vertraute und er die Angebotene Hilfe seines Mentors gern annahm.
Genau an diesem Tag fing das ganze Drama mit Hillinger an. Obwohl sein Mentor seit seiner Rückkehr aus Prag über das Arbeitsangebot aus Berlin Bescheid wusste, rastete dieser auf einmal völlig aus. Statt mit Jacob wie sonst auch, vernünftig über das Für und Wider zu diskutieren, brüllte Hillinger seinen Schüler sofort an.
Der quirlige und kleinwüchsige Mann, drehte völlig durch, als Jacob ihm die Unterlagen hinschob und sprang wie von einer Tarantel gestochen auf. Sein rundes Gesicht nahm eine dunkelrote Farbe an, die Halsschlagadern traten hervor und seine Stimme wurde so schrill, dass sie sich ständig überschlug. So wütend wurde er, als sein Student die Unterlagen des "Projekt Dalinows" nur auf dem Tisch legte. Als Hillinger Jacob fragte, ob er wahnsinnig geworden sei sich auf so etwas einzulassen, war nichts mehr, von dem freundlichen Umgang, den die Beiden über viele Jahre hatten, übrig. Aber es kam noch schlimmer. Immer wieder raufte sich Hillinger seine Haare und rieb sich die Brust, über seinem kugelrunden Bauch.
Am meisten jedoch ärgerte sich Jacob darüber, dass sein Mentor sich nicht einmal die Mühe machte in die Unterlagen, die er ihm hin gelegt hatte, hineinzusehen. Jacob war von dem Verhalten seines Freundes völlig irritiert und blickte ihn entsetzt an. So etwas hatte er von seinem Lehrer noch nie erlebt. Als der junge Arzt seinen Mentor fragte, was denn um Himmels Willen los sei, bekam er keine erklärende Antwort mehr. Der Professor hatte nur noch Beschimpfungen für seinen Schüler übrig und verschloss sich am Ende komplett vor Jacob.
Als Jacob den Ordner nahm und sie seinem Mentor in die Hände drückte, drehte dieser noch mehr auf. Jacob versuchte immer wieder, mit seinem Mentor in Ruhe zu reden und ihm zu erklären, dass es sich beim "Projekt Dalinow" nur um eine Langzeitstudie über die Leistungsfähigkeit von Soldaten handle und Hillinger doch bitte erst einmal in den Ordner hineinsehen sollte, bevor er so herumbrüllen und ihn beschimpfte. Die ganze Angelegenheit wurde immer schlimmer. Den Ordner den Jacob Hillinger in die Hand gedrückt hatte, warf er seinem Schüler ungelesen vor die Füße und beschimpfte seinen ehemaligen Schützling, auf eine für Jacob unverständliche Weise, als Menschenfeind, sogar als Nazi.
Jacob raufte sich jetzt ebenfalls die Haare, starrte seinen Mentor entsetzt an und bat darauf hin, dass er ihm dies bitte erklären sollte. Hillinger allerdings starrte seinen Schüler nur noch hasserfüllt an. Vorsichtig auf das aufgebrachte Wesen seines Mentors Rücksicht nehmend und jedes Wort abwägend, versuchte Jacob, ein letztes Mal eine Erklärung zu bekommen.
"Arthur, bitte, was habe ich dir denn getan, dass du mich so anschreist? Ich wollte deine Meinung wissen, zum "Projekt Dalinow". Kennst du dieses Projekt? Weißt du etwas darüber, was nicht in den Unterlagen steht? Oder hast du für mich schon etwas anderes geplant? Etwas, von dem ich noch nichts weiß? Bitte erkläre mir doch einfach, was dich so gegen mich aufgebracht hat! Und vor allem, was an diesem Projekt menschenunwürdig ist. Warum beschimpfst du mich als Nazi? Ich verstehe deine Reaktion nicht. Du kennst mich jetzt schon seit acht Jahren, wir hatten nicht immer dieselbe Meinung, aber wir haben immer wie vernünftige Menschen miteinander gesprochen. Warum bitte, geht das diesmal nicht? Außerdem Arthur, Es steht die Entscheidung doch noch aus. Ich weiß noch gar nicht, ob ich dort überhaupt dort anfangen werde. Deshalb will ich ja mit dir reden. Arthur, bitte ..."
Hillinger unterbrach Jacob wütend. Jacob der leise, ruhig und vernünftig mit seinem Mentor gesprochen hatte, wurde von Hillinger wieder nur hasserfüllt angeschrien.
"In so einen Dreckschwein wie dich, habe ich meine Zeit und Liebe investiert. Du bist der allerletzte Abschaum den es gibt. Lass dich nie wieder bei mir oder in meiner Nähe sehen. Du bist für mich gestorben. Verschwinde einfach für immer aus meinem Leben. Du bist die größte Enttäuschung die ich je erlebt habe. Mistkerl ... Nazi ... Drecksack..."
Das waren die letzen Worte, die Hillinger Jacob entgegen brüllte, so voller Hass und Verachtung, dass es Jacob eiskalt über den Rücken lief. Bei den letzten Schimpfwörtern die ihm sein Mentor an den Kopf warf, drehte sich Hillinger um und ließ seinen Schüler fassungslos zurück. Er verschwand eiligen Schrittes und sich die Haare raufend aus dem Raum. Ohne eine weitere Erklärung und ohne die Möglichkeit eines weiteren, klärenden Gespräches, ließ er Jacob stehen.
Seit diesem Zeitpunkt, sprach Hillinger nicht ein privates Wort mehr mit Jacob. Der junge Arzt verstand die Welt nicht mehr und vor allem, begriff er nicht, was im Klinikum vor sich ging. Denn dieser Streit mit Hillinger hatte auch Auswirkungen auf seine Arbeit in der Universitätsklinik. Was hatte seinen Mentor, so gegen ihn aufgebracht hatte und warum hetzte er die Mitarbeiter der Universität und der Klinik, gegen ihn auf? Jacob war sich keiner Schuld bewusst, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Er wollte sich eigentlich nur mit Hillinger beraten. Etwas, dass er schon tausende Male zuvor getan hatte.
Umso gewissenhafter arbeitete er die Unterlagen noch einmal durch.
Nichts reinweg gar nichts, war an diesem Projekt menschenfeindlich. Es ging darum, die Leistungsfähigkeit von Soldaten dadurch zu verbessern, dass man ihnen spezielle Nahrungsmittel, Vitamine und Mineralstoffe verabreicht. Durch gezielte Übungen und hartes Training, wollte man erreichen, dass die Soldaten nicht mehr so oft verletzt wurden. Man wollte Materialien entwickeln, die zum Schutz der Soldaten dienen sollten. Keines der vorgeschlagenen Verfahren oder der Trainingsverfahren, waren unmenschlich oder unvertretbar. All diese Vorschläge, wäre der junge Arzt bereit mitzumachen. Jacob begriff nicht, was daran Schlimmes war.
Vor allem was war daran menschenfeindlich und weshalb hatte ihn Hillinger als Nazi bezeichnet. Die ganzen letzten beiden Wochen, arbeitete Jacob akribisch die Unterlagen von hinten nach vorn und von vorn nach hinten durch. Alles, wirklich alles, hatte er sorgfältig überprüft, weil er sich die Reaktion seines Mentors nicht erklären konnte. Jacob kam der Gedanke, etwas überlesen zu haben oder dass ihm etwas Wichtiges entgangen sei. So achtete Jacob genau, auf jedes noch so kleines Detail.
Ein einziger Punkt an diesem Projekt war Jacob unklar und zwar, nach welchen Gesichtspunkten, die Auswahl der Soldaten erfolgen sollte. Nach welchen Spezifikationen und wie lange, diese Menschen konkret geschult werden sollten, würde erst nach und nach entschieden werden. Dem Arzt war klar, dass nicht alle Trainingspläne sofort festgelegt werden konnten, denn diese würden sich erst im Laufe der Forschung entwickeln. Aber die Auswahlkriterien der Soldaten würde er gleich bei dem ersten offiziellen Treffen erfragen. Das war der einzige unklare Punkt in diesem Projekt. Er fand wirklich keinen Grund, für Hillingers unmögliches Verhalten. Vor allem, all die nachfolgenden Reaktionen seines Mentors, die ihn regelrecht zum "Projekt Dalinow" trieben.
Ob Jacob wollte oder nicht, er musste Greifswald und die Uniklinik verlassen, wollte er nicht ständig gegen seinen Mentor kämpfen. Durch Hillingers Verhalten, war die Arbeitsatmosphäre in der Klinik unerträglich geworden, da Hillinger ihn daran hinderte seinen Patienten die optimale Hilfe zu geben. Er durfte die Labore nicht mehr betreten und hatte dadurch keinerlei Möglichkeiten Ursachenforschung zu betreiben. Auf diese Weise konnte und wollte Jacob auf Dauer nicht weiterarbeiten. Hillinger machte ihm das Leben an der Uniklinik zur Hölle. Wenn er also keine Möglichkeit fand, sich mit seinem Mentor auszusprechen, blieb ihm nur die Möglichkeit die Uniklinik zu verlassen. Er müsste sich also eine neue Anstellung suchen. Dann konnte er auch gleich zum "Projekt Dalinow" wechseln. Denn das, was er in den Ordner las und was er von Hunsinger und Mayer erfahren hatte, sagte ihm zu. Nichts war an diesem Projekt als menschenfeindlich einzustufen. Da war sich Jacob zu hundert Prozent sicher, denn er hatte alles doppelt und dreifach geprüft.
Das Verhalten seines Mentors verletzte Jacob sehr und sein Herz blutete. Denn Jacob verlor durch die Reaktion Hillingers, nicht nur seinen Lehrer, sondern einen sehr guten Freund und engen Vertrauten. Da sich Jacob auf keine Weise schuldig fühlte, tat ihn dieser Verrat umso mehr treffen. Hillinger wusste selbst nur zu genau, dass er für seinen Schüler mehr als nur ein Mentor war. Für Jacob war Hillinger wie ein Vater, den er nie hatte.
Mehrmals noch versuchte der junge Arzt, mit Hillinger zu sprechen. Dieser ließ sich allerdings stets verleugnen. Sein Mentor ging nicht an sein Telefon, selbst auf Jacobs Briefe antwortete Hillinger nicht mehr. Die ganzen Jahre hatte der Student mit seinem Mentor alles besprochen und sie berieten sich stets gegenseitig. Sie halfen sich bei Forschungsprojekten und Problemen. Und jetzt?
Greifswald 25. Juni 1957
Festlich war die Aula der MMS, der Militär-Medizinischen-Sektion, an der Universität Greifswald geschmückt. Jacob trug heute mit Stolz die Galauniform der Sanitäts-Transportkompanie. Er erhielt, wie alle anderen Studenten seines Studienganges, endlich seine Letzten, jedoch wichtigsten Promotionen. Die er alle mit der Note "summa cum laude" bestanden hatte. Der besten Note die man erhalten konnte. Bereits drei dieser Promotionen hatte Jacob in den vergangen vier Jahren erhalten. So war der fleißige Student schon: Doktor der Chemie, der Physik und der Biochemie. Stets feierte er diesen wunderschönen Moment mit seinem Mentor zusammen. Diesmal jedoch, war alles anders. Er war ganz alleine. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er zu Hillinger hinüber blickte. Was war nur in seinen Mentor gefahren?
Gerade diese letzten Promotionen, waren für Jacob die Wichtigste und das wusste sein Mentor genau. Das gute Bestehen seiner Promotion als Arzt, waren Jacobs größten Ziele gewesen. Dafür hatte er auf alles Private verzichtet, nur dafür hatte er so schwer geschuftet. Stets leistet Jacob mehr als andere Studenten seines Jahrgangs und nun stand er hier alleine herum. Sein Mentor hielt sich von ihm fern, als hätte er die Pest und sprach kein Wort mehr mit ihm. Warum nur?
Die Promotionen die Jacob in vier zusätzlichen Fachrichtungen abschloss: der Kinderheilkunde, der Oto-Rhino-Laryngologie, landläufig auch HNO genannt, der Chirurgie, mit einer Spezialausbildung für Militär- und Katastrophenmedizin und Gynäkologie (Frauenheilkunde), sollten Jacob helfen seinen großen Traum zu verwirklichen. Er wollte nach seiner militärischen Laufbahn, einmal als Landarzt arbeiten. Durch dieses breit gefächerte Studium, vereinte er alle wichtigen Ausbildungen eines Arztes, die auf dem Land notwendig waren. Er konnte also später in einer Landarztpraxis, in fast jeder, das Leben bedrohenden Situation, richtig helfen. Dies war Jacobs Motivation gewesen.
Hillinger hatte ihn immer wieder gewarnt, sich nicht zu verzetteln. Mit den Jahren sah sein Mentor allerdings ein, dass Jacob sehr wohl in der Lage war, mit den vielen Informationen umzugehen. Diese weit gefächerte Ausbildung machte es ihm möglich, trotz seiner Jugend, schon ein brillanter Arzt zu sein. Der durch sein ungeheures Fachwissen, viele ältere Ärzte verblüfte und oft Lösungsansätze fand, die gestanden Ärzte vor Staunen erstarren ließen. Die allerdings den ihm anvertrauten Patienten halfen, schneller zu gesunden. Gerade deshalb war es dem jungen Arzt stets wichtig gewesen, seinen Mentor beratend an seiner Seite zu wissen. Alle seine Promotionen hatte er mit der Note "summa cum laude" abgeschlossen. Er hatte seinen Mentor also nicht enttäuscht. Jacob war vor allem ein Arzt, der nicht nur dieses umfangreiche Wissen vorweisen konnte, sondern auch in der Lage war, dieses Wissen anzuwenden. Dies war etwas Seltenes und hatte ihm von Seiten Hillingers, immer viel Respekt und Anerkennung eingebracht.
Jacob war mit Abstand, der beste Student seines Jahrgangs, in allen Fachrichtungen. Der vor allem genau wusste, was er wollte und was nicht. Professor Hillinger, sein Mentor und väterlicher Freund, reichte viele seiner Forschungsaufträge, an seinem begabtesten Studenten weiter. Jacob beendete im Laufe der letzten fünf Jahre, viele dieser Arbeiten, mit sehr gutem Erfolg und erhielt dafür nicht nur eine Auszeichnung. Hillinger, machte seinem Schüler immer wieder Mut, weiter in der Forschung zu arbeiten.
Traurig sah Fritz Jacob zum wiederholten Mal in die Richtung, in der sein Mentor mit einer Gruppe Studenten stand und lachte. Er begriff einfach nicht, warum sich dies alles so plötzlich geändert hatte. Wieso ihn sein Mentor so mied? Jacob, der mit aller Kraft auf seine Promotion hingearbeitet hatte, konnte diese gar nicht richtig genießen. Jacob wollte eigentlich gemeinsam mit seinem Mentor feiern, da Hillinger seine Familie war. Jedoch hielt der Professor eine unüberbrückbare Distanz bei dieser Feier. Nur die nötigsten Worte wechselte Hillinger mit Jacob, gerade so viel, um nach außen hin nicht unhöflich zu wirken. Seit fast zwei Wochen ging das nun schon so, dass Hillinger seinen Schüler komplett ignorierte. Seit diesem verhängnisvollen Gespräch.
Hillinger hatte ihm immer dazu geraten in die Forschung zu gehen. Jacob wollte das nie, er suchte immer den Kontakt zu Menschen. Er konnte sich nicht vorstellen seine Fähigkeiten, nur in einem Forschungslabor zu vergeuden. Jetzt bekam er die einmalige Möglichkeit, gerade diese Kombination, Forschung und Patienten zu vereinen und dies passte Hillinger auch nicht. Dann sollte er ihm einfach sagen, was er für ihn geplant hatte. Jacob war völlig durcheinander. Vor allem verstand er nicht, warum Hillinger ihm sein Verhalten nicht erklären konnte und wollte. Jacob grübelte immer noch, was das alles ausgelöst haben könnte. Hatte er etwas falsch gemacht?
Nein er hatte nichts Falsches getan! Davon war der junge Arzt fest überzeugt.
Für Jacob war das Verhalten Hillingers nicht nachvollziehbar. Aber egal, was zwischen ihm und seinem Mentor war, Jacob musste heute und hier, eine Entscheidung treffen. Etwas, dass dem jungen Arzt gar nicht gefiel. Aber so ging es auch nicht weiter, schließlich ging es um sein Leben. Wenn Hillinger der Meinung war ihn aus der Uni ekeln zu müssen, würde er halt gehen. Er konnte einfach nicht mehr mit Hillinger zusammenarbeiten. Jeden Tag seinem ehemaligen Vertrauten zu begegnen und dessen Sticheleien, Beschimpfungen und Spot zu ertrage, war zu viel für den jungen Mann. Dafür hatte er nicht jahrelang auf alles verzichtet. Er wollte für die Menschen da sein und sein erworbenes Wissen anwenden. Dies konnte er auch im "Projekt Dalinow" tun. Wenn es dort etwas gab, das menschenunwürdig war, würde er dagegen ankämpfen. So wie es ihm sein Mentor beigebracht hatte. Dass Hillinger ihn jetzt gerade verließ, hieß ja nicht, dass er alles vergessen musste, was er bei ihm gelernt hatte. Er würde seinem Mentor beweisen, dass er sich irrte. Vor allem würde er Hillinger beweisen, dass er ein aufrichtiger Mensch war und mit keiner Zelle seines Körpers, auch nur einem Nazi ähnelte.
Jacob atmete erleichtert auf, denn soeben hatte er den Entschluss gefasst, dem "Projekt Dalinow" beizutreten. Er würde seine Chance und die Möglichkeit nutzen, mit Menschen zusammenzuarbeiten und gleichzeitig Forschung zu betreiben. Eine Mischung, die es im Bereich der Medizin nur selten, so eng verbunden gab und die Jacob als sehr wichtig ansah. Vor allem auch deshalb, weil dies ein Projekt war, welches mindesten siebzehn Jahre lang lief und ihm dadurch, die Möglichkeit einer Langzeitstudie eröffnen würde.
Entschlossen lief Jacob zum nächsten Münztelefon. Müde rieb er sich sein Genick. Die letzten schlaflosen Nächte, mit ständigem Grübeln, forderten langsam ihren Tribut. Er musste dies alles beenden, sonst würde er an der Situation kaputt gehen. Der junge Arzt hatte keine Lust mehr seinem Mentor nachzulaufen. Heute hatte er wieder vergeblich versucht eine Erklärung zu bekommen und um Rat zu fragen. Die Wahrscheinlichkeit auf eine weitere Gelegenheit mit Hillinger zu sprechen, hatte Jacob heute begriffen, war gleich Null. Jetzt musste er sich also ohne seinen Mentor entscheiden. Die geplanten gemeinsamen Forschungen mit Hillinger, hatten sich durch den Streit, ebenfalls im Nirwana aufgelöst. Deshalb musste der frisch gebackene Arzt seine eigenen Wege gehen. Egal, wie Jacob es drehte, ihm blieb nur dieser eine Weg. Er hoffte sehr, dass es der Richtige war.
Entschlossen griff Jacob zum Hörer der Telefonzelle, die er gerade betreten hatte und wählte die Nummer von Oberst Hunsinger. Nachdem sich Hunsinger's Adjutant gemeldet hatte, brachte Jacob sein Anliegen vor.
"Guten Abend, hier ist Oberstabsarzt Major Jacob, verbinden sie mich mit Oberst Hunsinger. Dieser erwartet seit Tagen meinen Rückruf?", erklärte er seinem Gegenüber am Telefon.
"Zu Befehl Genosse Major, ich verbinde sie."
Keine halbe Minute später, erklang eine dunkle angenehm klingende Stimme, am anderen Ende der Leitung.
"Oberst Hunsinger, am Apparat", stellte sich die Stimme vor.
"Genosse Oberst, hier ist Oberstabsarzt Major Jacob. Wir haben vor reichlichen fünf Wochen in Berlin miteinander gesprochen. Nach intensivem Studium der Unterlagen des Projektes bin ich zu dem Entschluss gekommen, Genosse Oberst, dass sie mich für das "Projekt Dalinow" einplanen können. Ich habe mich nach reichlichen Überlegungen für dieses Projekt entschieden. Ich wäre an der Zusammenarbeit mit ihnen sehr interessiert."
Man hörte ein erleichtertes Aufatmen, am anderen Ende der Leitung. Hunsinger war sehr wohl klar, dass er Jacob per Befehl in dieses Projekt hätte ordern können. Er hatte diesen jungen Arzt auf Bitten Dalinows ins Boot geholt. Dieser hatte den Wertegang des jungen Arztes seit Jahren beobachtet und ihn als einen hervorragenden Kandidaten angesehen. Das war der einzige Vorschlag zum Team des Projektes, den Dalinow persönlich vorbrachte. Deshalb hatte Jacob auch eine Bedenkzeit bekommen. Bei den anderen Teammitgliedern wurde eine sofortige Entscheidung erwartet. Hunsinger war es allerdings wichtig, bei diesem Langzeitprojekt, die freiwillige Teilnahme sicher zu stellen. Auch ihm waren einige Dinge an diesem Projekt nicht ganz klar und er hatte einiges an Bauchweh. Durch den freiwilligen Beitritt zum Projekt konnte er sicherstellen, dass dieses erfolgreich durchgeführt wurde. Daher gab Hunsinger dem Arzt, mit einer Stimme der man ein Lächeln anmerkte, klare Instruktionen, ohne sich auf lange Diskussionen einzulassen.
"Genosse Major, das freut mich sehr. Ich hatte schon nicht mehr mit ihrem Anruf, geschweige denn mit ihrer Zusage gerechnet. Ich bin erfreut, dass sie sich entschlossen haben, nun doch noch freiwillig am "Projekt Dalinow" teilzunehmen. Sie sind eine Bereicherung für unser Team und eine gute Ergänzung. Ich erwarten sie, Genosse Jacob, zu einer ersten Planungsbesprechung, am Donnerstag den 2. Januar 1958 in Dassow. Die Uhrzeit geben wir ihnen rechtzeitig bekannt. Sie werden vom dortigen Bahnhof abgeholt und zu der Besprechung ins "Projekt Dalinow" gebracht. Sie erhalten mit der Post eine Fahrkarte für die Anreise und genaue Instruktionen. Können sich vor Ort, so hoffe ich, schon ihre Wohnung und ihre Laboratorien ansehen und sich einen ersten Eindruck vom "Projekt Dalinow" machen. Ich hoffe, dass die Bauarbeiten, bis dahin so weit vorangeschritten sind, dass wir termingerecht beginnen können. Bis dahin wünsche ich ihn alles Gute. Vielen Dank, für ihre Bereitschaft", bekam der Arzt zu hören und Hunsinger wollte sofort wieder auflegen.
Jacob verhinderte dies, denn er hatte noch einige Fragen. "Legen sie noch nicht auf, Genossen Hunsinger. Ich muss noch einige Details erfragen. Schicken sie mir weitere Unterlagen zu oder wie verbleiben wir in der Zwischenzeit? Ich würde mich gern im Vorfeld intensiver, mit dem vorgegebenen Thema beschäftigen. Leistungssteigerungen bei Soldaten, sind nicht einfach zu realisieren. Vor allem, interessieren mich die Auswahlkriterien der Soldaten", forderte sich Jacob mehr Informationen über dem Forschungsauftrag ein.
Oberst Hunsinger schnitt eine Diskussion über dieses Thema, einfach ab. "Major Jacob, haben sie Verständnis, dass sie erst nach Unterzeichnung des Bindungsvertrages, genauere Einblicke in das Projekt erhalten werden. Das ist einfach aus Sicherheitsgründen notwendig. Nachdem sie im Januar nächstes Jahr, den Bindungsvertrag unterschrieben haben, bekommen sie alle wichtigen Unterlagen ausgehändigt."
Damit musste sich Jacob zufrieden geben. Wie so viele Forschungsprojekte des Militärs, war auch dieser, eine geheime Kommandosache. Daran konnte man nichts ändern.
"In Ordnung Genosse Oberst. Können sie mir schon den genauen Beginn des Projektstartes mitteilen? Ich muss ja meinen jetzigen Arbeitgeber, davon unterrichten", fragte Jacob, gleich nach dem nächsten Punkt, der ihm am meisten interessierte.
"Genosse Major, der Start des Projektes steht noch nicht genau fest. Das kommt darauf an, wann die Baumaßnahmen beendet sind. Anfang nächstes Jahr, soviel kann ich ihnen mit Bestimmtheit sagen. Es kann sehr kurzfristig sein. Informieren sie ihre Vorgesetzten, dass wir die Informationen rechtzeitig bekannt geben", erklärte Oberst Hunsinger, dass er zum heutigen Zeitpunkt noch keine genaueren Aussagen tätigen könne.
"Genosse Oberst, ich werde dies so weitergeben. Vielen Dank, dann sehen wir uns Anfang nächsten Jahres", sofort legte Jacob auf.
Wenn Jacob dachte, dass sich nach dem Anruf Freude in ihm breit machen würde, so hatte er sich schwer getäuscht. Ein eigenartiges und sehr ungutes Gefühl, schlich sich in seine Magengegend. Jacob schob es darauf, dass sein Mentor so böse gegen das Projekt vorgegangen war. Obwohl er sich nicht einmal die Zeit genommen hatte, in die Mappe hineinzuschauen.
Langsam schlenderte Jacob zurück in die Aula. Feierte seine Promotion, ohne seinen väterlichen Freund. Er ging nach der schönen und trotzdem, sehr einsamen Feier, wieder seiner Arbeit im Krankenhaus und der Uni nach. Jacob informierte seine Vorgesetzten darüber, dass er Anfang nächsten Jahres eine andere Stelle antreten würde. So dass dieser sich rechtzeitig nach einem Ersatz umsehen konnten. Den genauen Zeitpunkt seines Arbeitsplatzwechsels, könne er allerdings erst nach dem 2. Januar 1958 bekannt geben. Es könnte möglich sein, dass dies dann auch sehr kurzfristig geschah.
Jacob ging zum normalen Alltag über.
Den ganzen Sommer über versuchte es Jacob immer verzweifelter, ein klärendes Gespräch herbeizuführen. Es war jedoch nicht möglich. Umso härter traf Jacob die Nachricht, am Donnerstag den 26. September 1957, dass man seinen Mentor tot in seiner Wohnung aufgefunden hatte. Als er nachfragte, woran der Professor verstorben sei, teilte man ihm mit: an einem Herzinfarkt.
Verwundert fragte sich Jacob, wieso?
Hillinger war einer der gesündesten Menschen, die er kannte. Oft hatte Jacob seinen Mentor untersucht, weil er sich immer Sorgen um die Gesundheit des Professors machte. Da dieser, wie ein Wiesel, ständig in Bewegung gewesen war. Durch seine geringe Größe von nur einhundertsechsundfünfzig Zentimeter, hatte Hillinger ständige Gewichtsprobleme. Der Professor aß gern und auch oft zu viel. Das Gewicht ging auch nicht durch die ständige Bewegung herunter und seine siebenundachtzig Kilo, machten Jacob immer Sorgen. Egal, was Jacob versuchte, wie er die Ernährung des Professors umstellte, er bekam Hillinger nie unter die achtzig Kilo. Deshalb untersuchte er seinen Mentor sehr oft, um eventuelle gesundheitliche Schäden frühzeitig festzustellen.
Zu keiner Zeit, hatte Hillinger Probleme mit seinem Herzen. Wieso war dieser, aber an einem Herzinfarkt gestorben? Diese Frage beschäftigte Jacob noch viele Monate. Egal, wie er es drehte, er kam zu keiner klaren Antwort. Deshalb gab Jacob seinem väterlichen Freund, trotz des Streites, einen Platz in seinem Herzen und schloss ihn in seine glücklichen Erinnerungen ein. Auch, wenn sie sich nie versöhnt hatten. Hillinger war einer der wichtigsten Menschen in Jacobs Leben gewesen und würde es für immer bleiben. Hillinger war ihm mehr Freund, als Mentor und er hatte ihm vor allem, viel Verantwortung beigebracht.
So verging das Jahr 1957. Es neigte sich langsam aber sicher, seinem Ende zu. Erwartungsvoll sehnte sich Jacob dem Beginn seines neuen Lebens entgegen, auch wenn die Sticheleinen in der Klinik und der Universität aufgehört hatten. Jacob fühlte sich in Greifswald einfach nicht mehr zu Hause.
Am 2. Januar 1958, würde er nun endlich mehr über dieses "Projekt Dalinow" erfahren. Vor allem, würde er erfahren, wann genau es losgehen würde. Er konnte den Beginn seines neuen Lebensabschnittes kaum mehr erwarten.
Endlich am 22. Dezember 1957, also zwei Tage vor Heiligabend, bekam Jacob Post. Eine Einladung zu einer Arbeitsbesprechung und dem Unterschreiben des Bindungsvertrages. Gleichzeitig bekam Jacob die Information, dass am 2. Januar 1958 sein Dienst beginnen würde.
Ein Vertrag, der ihn bis Ende September 1975 in die Pflege, aber auch in die Forschung einband. Jacob sollte so anreisen, dass er gleich im "Projekt Dalinow" verbleiben konnte. Seine Wohnung, soweit es ging zusammenräumen, so dass die zuständige Transportkompanie, seine privaten Dinge abholen und einlagern konnte. Soweit Jacob seine Möbel und privaten Gegenstände, nicht in seinem neuen Zuhause benötigte.
Lachend sah sich Jacob, als er seine Post las, in seiner sogenannten Wohnung um. Die einzigen persönlichen Sachen die er besaß, waren Bücher. Luxus war dem jungen Arzt nie wichtig. Er brauchte ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und viele Regale. Egal, wo man sich in dem nur acht Quadratmeter großen Raum umsah, überall stapelten sich Bücher. Jacob kratzte sich verlegen am Kopf und fing noch mehr zu lachen an. Nicht einmal die Möbel und die Bettwäsche gehörten ihm. Die Möbel waren Leihgaben seiner Vermieterin und die Bettwäsche und Handtücher brachte er sich stets aus der Uniklinik mit, das hatte Hillinger so organisiert. Seine Vermieterin, wie auch sein Mentor hatte Mitleid mit dem jungen Medizinstudenten, der für seinen Unterhalt selber sorgen musste und unterstützte den Studenten in den Anfangsjahren sehr. Dann war es einfach dabei geblieben. Jacob hatte es nie für notwendig erachtet, sich eigene Möbel oder Hausrat anzuschaffen, da seine Vermieterin nie darauf bestanden hatte, ihre Möbel zurück zu bekommen. Das erwies sich jetzt als großer Vorteil.
‚Viel werden die von der Transportkompanie, bei mir nicht zu tun haben‘, ging es Jacob durch den Kopf.
Schnell hatte Jacob, die wenigen Habseligkeiten, die ihm wichtig waren, zusammen gepackt und für den Abtransport bereitgestellt.
Der zukünftige Mitarbeiter im Forschungszentrum des "Projektes Dalinow" sollte am 2. Januar 1958, um 9 Uhr 30 in Dassow am Bahnhof sein. Dort würde ihn ein Einsatzfahrzeug der zuständigen Polizeidienststelle abholen.
Sehnsüchtig und aufgeregt, fieberte Jacob diesem Tag entgegen. Er saß auf den gepackten Kisten und statt Weihnachten zu feiern, meldete sich der junge Arzt freiwillig, zum Dienst im Krankenhaus. Jacob arbeitete, damit die Zeit schneller verging, bis Neujahr 1958, einen Tag vor seinem Dienstantritt durch. So hatte der junge Arzt genügend Ablenkung und konnte seinen "alten" Patienten noch etwas nahe sein. Zugegebener Maßen, fiel ihm der Abschied von der Uniklinik nicht leicht. Denn er ließ hier Menschen zurück, von denen er jetzt noch nicht wusste, ob und wann er sie jemals wiedersehen würde.
Jacob kam am Neujahrsmorgen, völlig geschafft, das letzte Mal zurück in sein Zimmer und legte sich noch einige Stunden schlafen. Da er am späten Nachmittag mit seinen wenigen Freunden eine kleine Abschiedsfeier, in der gegenüberliegenden Studentenkneipe, feiern wollte. Seine letzten privaten Sachen stopfte er noch in eine Reisetasche, die er heute Nacht auf der Fahrt mitnehmen würde. Die schwer bepackten sieben Bücherkisten und sein Fahrrad, würden in den nächsten Tagen, von der zuständigen militärischen Transportkompanie abgeholt, und ins Projekt gebracht werden, genau wie seine Uniformen. Er informierte seine Vermieterin über diese Tatsache und bat sie darauf aufzupassen, dass diese Leute wirklich nur die Kisten, das Fahrrad und die Kleidersäcke mitnahmen. Es war notwendig zu kontrollieren, dass die Leute der Transportkompanie, nicht das gesamte Zimmer ausräumten, da Jacob darauf keinen Einfluss mehr nehmen konnte.
Der junge Arzt verabschiedete sich von der netten Vermieterin, mit einem großen Blumenstrauß und einem Präsentkorb. Schließlich hatte er fast acht Jahre hier gewohnt und versprach, sich wieder einmal zu melden. Seine Kleidung und das Fahrrad, würde er einlagern lassen. Kleidung, so stand es in den Unterlagen die er zugeschickt bekam, brauchte er keine mitzunehmen, diese bekäme er komplett vom Projekt, da dort ständig vorgeschriebene Dienstkleidung zu tragen wäre. Jacob nahm seine Reisetasche, mit seinen wichtigsten privaten Dingen und den wenigen Wertsachen die er besaß und machte sich auf den Weg, zu der kleinen Abschiedsfeier, mit seinen engsten Freunden.
Am späten Neujahrsabend stieg Jacob aufgeregt in den Zug nach Dassow. Er trug seine Uniform und eine Reisetasche, um pünktlich am 2. Januar 1958, auf dem dortigen Bahnhof anzukommen und in sein neues Leben zu starten. Wie würde es werden und was kam alles auf ihn zu? Dies alles ging ihm bei der langen Fahrt, ständig durch den Kopf. Immer noch plagten den jungen Arzt arge Bauchschmerzen, diese musste er nun akzeptieren. Jacob war eins klar geworden in den letzten Wochen: Er würde es nehmen, wie es kam.
Projekt Dalinow 2. Januar 1958
Nicht nur die Erinnerungen des letzten dreiviertel Jahres, gingen Jacob durch den Kopf, als er an der Glasfront der Mensa stand, sondern auch viele andere Fragen, auf die er noch keine Antwort wusste. Er schüttelte über sich selber den Kopf. Wieso grübelte er eigentlich? Jacob kehrte mit seinen Gedanken zurück in die Mensa, des "Projektes Dalinow".
Es muss einiges an Zeit vergangen sein, die Jacob grübelnd an der Terrassentür gestanden hatte. Wie lange vermochte er nicht genau zu sagen. Allerdings musste eine ziemliche Zeitspanne vergangen sein, denn in der Mensa wurde es immer lauter. Jacob schaute jetzt bewusst hinaus in den Park. Das Grübeln würde ihm nichts bringen. Er konnte die Frage nicht beantworten, weshalb es ihn hierher gezogen hatte. Diese Frage, würde die Zeit vielleicht beantworten können. Für Jacob stand nur eins fest, dieses Projekt zog ihn magisch an. Er wusste, dass er hier her gehörte und hier mehr gebraucht wurde als anderswo. Ihm wurde in den letzten Monaten immer bewusster, dass seine Entscheidung die Richtige war. Es war für die nächsten siebzehn Jahre sein Wirkungsfeld und er würde sich positiv einbring.
'Schluss jetzt mit diesen sinnlosen Grübeleien', wies sich Jacob selbst zu Recht, 'geh hin zu deinen Kollegen und macht dich mit ihnen bekannt.'
Das warum, spielte jetzt keine Rolle mehr, für den noch so jungen Arzt. Er hatte sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht und er würde immer zu seinem Entschluss stehen, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen.
Jacob sah sich noch einmal um. In der Mensa wurde es immer unruhiger und er erschrak, als er in den Raum hinein blickte. Er wunderte sich, wie viele Mitarbeiter auf einmal hier versammelt waren. Dreißig bis fünfunddreißig, ihm völlig fremde Menschen standen alleine in seiner unmittelbaren Nähe und noch einmal so viele waren in dem großen Raum verteilt. Die meisten schauten, wie er, hinaus in den wunderschönen Park. Ständig kamen neue Fahrzeuge an und diesen entstieg immer mehr Personal, für das heute ein neuer Lebensabschnitt begann.
Tief holte Jacob Luft und sah sich nach einer dieser Gruppen um. Kurz überlegte der Arzt, wie er sich am besten vorstellen konnte, ohne sich aufzudrängen. Neugierig schauten einige der jungen Frauen und Männer, genau wie er, in die Runde. Einigen sah man an, dass sie sich sorgten. Andere wiederum lachten und sprachen miteinander, als würden sie sich schon ewig kennen.
Jacob gab sich einen Ruck und ging zielstrebig, auf eine dieser Gruppen zu, die lachend bei einander standen und wenige Minuten später, lachte er mit ihnen. Es war wie immer. Jacob hatte kein Problem Kontakte zu knüpfen, er war sofort mitten drin. Er liebte es, wenn gelacht wurde und tat sein Bestes, um zu einem guten Arbeitsklima beizutragen.
Schnell wurde der nett junge Arzt, in der Gruppe aufgenommen und die strahlenden Augen, seiner neuen Kolleginnen, bestätigten Jacob wieder einmal, dass er den richtigen Ton getroffen hatte und auf dem richtigen Weg war, um ein gesundes Arbeitsklima zu schaffen.
Immer mehr Dienstfahrzeuge des Militärs und der örtlichen Polizei, die man um Mithilfe gebeten hatte, rollten durch das Tor des "Projektes Dalinow". Einen regen Zustrom von Fahrzeugen hatte das Projekt an diesem bedeutungsvollen Tag, dem 2. Januar 1958, der das Leben so vieler Menschen, nachhaltig verändern sollte.
Jacob gehörte zu den ersten Mitarbeitern, die hier im "Projekt Dalinow" ankamen. Er sah sich immer öfter staunend um und konnte nicht glauben, wie viele neue Kollegen hier noch erscheinen würden. So umfangreich hatte er sich dieses Projekt nicht vorgestellt. Natürlich konnte man diese Aufgabe, nicht nur mit zwanzig Mitarbeitern bewerkstelligen. Dass es allerdings so viel Personal gab, hätte er sich nicht träumen lassen. So groß war das Projekt überhaupt nicht. Konnte es sein, dass der Schneesturm der draußen herrschte, die Größe des Projektes verhüllte. Wo in Herr Gotts Namen, sollten all die Menschen unterkommen. In den fünf kleinen Wohnhäusern, die Jacob bis jetzt entdeckt hatte, war gar nicht genügend Platz. Dies würde nie und nimmer für das gesamte Personal ausreichen...
... Oberst Hunsinger, der am Bürofenster seines Projektleiters, Major Mayer stand und dem Treiben vor der Mensa, mit einem Lächeln im Gesicht zusah, atmete noch einmal tief durch und sah seinen Untergebenen und langjährigen Freund erleichtert an. Dieser nickte ihm, ebenfalls lächelnd, zu. Die letzten Wochen waren sehr stressig gewesen und hatten von seinen Baubrigaden und seinem Wachpersonal, das letzte bisschen an Durchhaltevermögen gefordert. Bis vor einer Woche war nicht klar, ob das "Projekt Dalinow" wirklich am heutigen Tag starten würde. Aber sie hatten das Unmögliche geschafft und konnten mit Recht, stolz auf das Erreichte sein.
"Na dann wollen wir mal loslegen", gab Hunsinger das Kommando an Mayer und beide gingen zum Fahrstuhl, um kurz vor 9 Uhr 30 nach unten zu fahren. Sie hatten einen Fußmarsch von fast fünfzehn Minuten vor sich und wollten nicht zu spät kommen, zur Eröffnungsveranstaltung, vorn in der Mensa.
Auch Mayer atmete noch einmal tief durch. Es war die letzte Ruhe vor dem Sturm und ihm graute vor dem, was da auf ihm zukam. Er hoffte inständig, dass seine Kollegen mit denen er eng zusammen arbeiten musste, umgängliche Menschen waren und man auch mit den Mitarbeitern der anderen Führungsebenen gut zusammenarbeiten konnte.
Gemütlich liefen die beiden Offiziere nach vorn und setzten sich die letzten Minuten, bis zum Start des Projektes in die Offiziersmesse. Genau zwei Minuten vor 10 Uhr erhoben sich Beide, um in die benachbarte Mensa zu gehen. Das "Projekt Dalinow" konnte nun starten. Endlich war es so weit…
… Aus den ankommenden Wagen, stiegen diesmal mehr Zivilisten, als Militärpersonal. Die Militär- und Polizeifahrzeugen kamen im Minutenrhythmus angefahren. Interessiert sahen sich die Neuankömmlinge auf dem Gelände um. Sofort wurde der wunderschöne Park gelobt. Trotz des Schnees, sah man die Schönheit dieser Anlage. Man ging allerdings sofort in die Mensa, denn es war bitterkalt, am heutigen zweiten Tag des neuen Jahres und es fing vor einer Stunde an stürmisch zu schneien. Das Thermometer zeigt 21°C unter null. Vor allem, wehte ein eisiger Wind, aus Richtung der Ostsee. Das war wirklich kein Wetter, um im Park spazieren zu gehen. Deshalb zog es die Neuankömmlinge sofort in die Mensa. Deren Glasfront einen Blick in den Park erlaubte, ohne dass man frierend in der Kälte stehen musste.
Insgesamt betraten einhundertfünfundsechzig neue Mitarbeiter die Mensa des Projektes. Sofort nach dem Eintreten, mussten sich alle Ankommenden in Listen einschreiben, in denen sie namentlich aufgeführt waren. Auch konnten sie durch die sofortige Zuweisung der Quartiere, ihr Gepäck abgeben, so dass sie die Hände frei bekamen und ihre warme Winterkleidung ablegen konnten. Die dicken Jacken, übergaben sie den Mitarbeitern Hunsinger. Die nur für den heutigen Tag, von anderen militärischen Abteilungen abkommandiert wurden. Die persönlichen Sachen wurden gleich in das zugewiesene Quartier gebracht. Die Neuankömmlinge sahen sich neugierig in ihrem neuem Zuhause und ihrem neuen Arbeitsplatz um. Sie empfanden das System, als wohl durchdacht.
Die Mensa war zweigeteilt. In einem Bereich wurde gegessen und davon abgetrennt, gab es einen großen Aufenthaltsraum. Dieser lud sofort zum Verweilen ein. Fünfzehn große Sitzgruppen gab es hier. Diese waren für jeweils sechs bis zehn Leute konzipiert. Wirklich jeder dieser kleinen Wohlfühloasen, hatte ein anderes Thema und drückte dies, durch Farben oder Gestaltung aus. In einer etwas dunkleren Ecke, gab es fünf riesige Aquarien, mit einem Fassungsvolumen von je dreitausend Litern. Gefüllt waren diese entweder mit Salzwasser oder aber auch Süßwasser. Diese Aquarienlandschaft war einfach traumhaft und entspannend und wurden mit Bedacht gesetzter Beleuchtung, wunderschön ins Licht gerückt. Einige der Aquarien waren sogar untereinander verbunden, so dass die Fische von einem Aquarium in das andere wandern konnten. Es gab viele verschiedene Fischarten, Krebse, Seepferdchen und Unterwasserpflanzen zu sehen.
Etwas abseits des Lärmes, gab es zwei weitere Sitzgruppen, in denen man entspannt lesen konnte. Dort war sogar eine kleine Bibliothek eingerichtet. Diese war, wie eine Art Wintergarten gestaltet, um eine Ruhezone zu schaffen. Die vorhandenen Sitzlandschaften luden zum Relaxen und zum Beine hochlegen ein.
Wenn man nach vorn zu der Fensterfront lief, waren weitere Sitzgruppen, in denen kleine in die Tische eingearbeitete Wasserspiele eingearbeitet waren, zu entdecken. Diese standen nur wenige Zentimeter von der Glasfront der Terrasse entfernt. Man hatte von dort aus, eine freie Sicht auf den Park. Es wurde viel Wert darauf gelegt, dass eine Wohlfühlatmosphäre für das Personal, geschaffen wurde. Im Sommer konnten die Glasfronten zur Seite geschoben werden, so dass man die zur Mensa gehörende Terrasse mit nutzen konnte und man mit diesen Tischen fast auf der Terrasse aber im Schatten saß. In der warmen Jahreszeit luden Tische, Stühle und Bänke zum draußen Sitzen ein und man saß praktisch, mitten im Park. Nicht weit von der Terrasse entfernt, befand sich ein Schwimmbecken, welches zurzeit leer stand und nur mit seinen leuchtenden blauen Fliesen, auf das sommerliche Vergnügen hinwies. Um die Mensa allerdings komplett zu machen, fehlte noch eine Kleinigkeit, die man jedoch sofort entdeckte, sobald man in den Raum hineinsah. Nicht nur die Optik, sondern auch die Ausstattung der Bar, ließen die Herzen aller Anwesenden höher schlagen. Die Bar ermöglichte es den neuen Mitarbeitern, nach Feierabend, wirklich zu entspannen. Dazu gehörte halt die Möglichkeit, in der wenigen freien Zeit die man hier haben würde, auch einmal etwas zu trinken oder halt bei Anlässen wie Geburtstagen oder anderen Jubiläen, einmal richtig zu feiern. Auch wenn man hier zum Arbeiten war, brauchte man etwas Entspannung und die Möglichkeit einmal richtig Abzuschalten. Zufrieden blickten sich die meisten um. Diejenigen die dies nicht taten, waren einfach überfordert, von all den neuen Eindrücken, die das Auge kaum erfassen konnte.
Es gab Tische an denen man Karten oder Schach spielen konnte, sogar einige Billardtische standen auf der anderen Seite des großen Saales. Genauso wurde angedeutet, dass man für die Möglichkeit zum Malen oder für andere Handarbeiten gesorgt hatte. Hobbys, die man in seiner sehr knapp bemessenen Freizeit gern betreiben könnte. In dem hinteren Bereich, der für die Einnahme des Essens vorgesehen war, gab es noch zwei große Schiebetüren, sowie eine große Bühne. Auf diese Weise konnte man die Bereiche gut voneinander trennen.
Am heutigen Tag wurden die Tische, an denen man sonst die Mahlzeiten einnahm, zu langen Tafeln zusammengestellt, auf denen viele leckere Sachen standen, um die Mitarbeiter zu verwöhnen. Die Stühle waren mit eigenartigen Zahlen und Nummern gekennzeichnet, deren Zwecke man schnell erahnte, denn es waren die Nummern der zugewiesenen Quartiere. Vorn auf der Bühne, hing ein riesiges Banner mit der Aufschrift. "Herzlich Willkommen", darunter stand ein Pult, daneben rechts und links ein Tisch, auf denen verschiedenfarbige Dossiers lagen.
Pünktlich um 10 Uhr waren alle einhundertfünfundsechzig geladenen neuen Mitarbeiter des "Projektes Dalinow" in der Mensa versammelt. Auf der Bühne erschien ein großer etwas behäbig wirkender Oberst. Das schwarze Haar trug er zu einer auf acht Millimeter geschorener Bürste. Mit einem angenehmen dunklen Bass, begrüßte Hunsinger die Anwesenden.
"Guten Tag meine Damen und Herren, gehen sie sofort an den ihnen zugewiesen Platz, wir wollen anfangen. Die Nummern auf den Stühlen entsprechen der Nummer des Quartieres, dass ihnen bei ihrer Ankunft zugewiesen wurde."
Jetzt wurde es nochmals unruhig im Raum. Jeder der Neuankömmlinge suchte seine Platznummer. Diejenigen die nicht sofort fündig wurden, weil sie zu aufgeregt waren oder einfach ihre Nummer vergessen hatten, bekamen Unterstützung durch die anwesenden Mitarbeiter Hunsingers, die mit Listen bereitstanden und Hilfestellung bei der Suche gaben. So dass jeder schnell seinen Platz fand.
Eine eigenartige Nummerierung war dies, die niemand so richtig verstand. Wer konnte schon mit der Platznummer 5/schwarz 4 oder 2/lila 1 etwas anfangen. Aber man hatten den Neuen bei ihrer Ankunft erklärt, dies würde sich in den nächsten Stunden von selbst erklären. Das Personal setzte sich gemäß der festgelegten Nummerierung an die Tische und schaute erwartungsvoll zu Hunsinger, auf die Bühne hinauf. Nur zwei Herren sahen sich verwundert um, denn für sie gab es keine Sitzmöglichkeiten. Einer davon war Jacob und der andere war ungefähr in dessen Alter. Jung dynamisch mit einem festen und freundlichen Blick. Gerade wollte Jacob etwas sagen, als Hunsinger noch einmal das Mikrophon erhob. Dadurch hielt Verwirrung nicht lange an, denn schon rief der Oberst eben diese Personen gesondert auf. "Folgende zukünftigen Mitarbeiter, kommen sofort zu mir auf die Bühne. Major Mayer, Major Jacob, Major Zolger."
Mayer grinste breit, denn er stand ja bereits neben seinem Chef, Oberst Hunsinger. Für Zolger und Jacob war dieser Aufruf jedoch eine Überraschung und sie stiegen verwirrt die kleine Treppe zur Bühne hinauf. Nach dem die namentlich Aufgerufen auf der Bühne angekommen waren und der letzte neue Mitarbeiter an der Tafel Platz genommen hatte, trat eine gespannte Ruhe ein. Der Oberst begann mit seiner Eröffnungsrede, die sehr knapp gehalten war und nichts Genaues, über sich und dieses Projekt aussagte.
"Ich hoffe meine Damen und Herren, sie hatten alle eine angenehme Anreise. Vor allem freue ich mich sehr darüber, dass alle eingeladenen Mitarbeiter pünktlich erschienen sind. Das ist nicht immer der Fall und soll deshalb hier an dieser Stelle besonders hervor gehoben werden. Jeder der hier im Saal sitzt, kennen mich, denn wir hatten alle schon das Vergnügen in Berlin miteinander bekannt zu werden und zu reden. Ich stelle mich trotzdem gern noch einmal vor: Ich bin Oberst Franz Hunsinger, der Leiter dieses Projektes und ab heute ihr großer Boss. Allerdings möchte ich jetzt und hier nicht stundenlang über das für und wider dieses Projektes diskutieren und das selbige auseinander nehmen, denn wir haben heute wichtigere Dinge zu tun. Eines davon wäre die Unterzeichnung der Arbeits- und Bindungsverträge und die zweite, viel wichtigere Angelegenheit wäre die Begrüßungsfeier, auf die sie sich hoffentlich schon alle freuen. Über das Projekt können wir die nächsten Jahre noch Reden denn von den Details, würde ihnen, genau wie mir, nur der Kopf brummen. Die zu benennenden Fakten und der Projektstrukturplan im Einzelnen, ändern um einiges schneller, als ich meine Reden umschreiben kann. Deshalb möchte ich es bei dem Informationstand belassen den sie und ich bis heute haben", erklärte er breit grinsend.
Dabei blickte er beobachtend in die Runde. Hunsinger stellte fest, dass er den richtigen Ton und die richtige Art der Redenführung getroffen hatte. Es war wirklich wie der Oberst es den neuen Mitarbeitern gesagt hatte, die Informationen die der Leiter des Projektes bekam, waren jeden Tag andere. Der grobe Plan stand zwar schon seit vielen Jahren fest, nur an den Details zu arbeiten, bekamen die feinen Herren des Berliners Institutes, welches die wissenschaftliche Leitung innen hatte, nicht auf die Reihe. Es war zum Haare raufen. Diese Voraussetzungen zum Informieren der Mitarbeiter waren schlecht, um mit Sicherheit eine genaue Voraussage über den Verlauf des Projektes abgeben zu können. Aber sie hatten auch noch einige Monate Zeit, daher machte sich Hunsinger da auch keine großen Gedanken darüber. Sollten sich seine Mitarbeiter in Ruhe auf das Projekt einstellen und vorbereiten. Hunsinger atmete tief durch und war erleichtert, den richtigen Ton getroffen zu haben, denn die Atmosphäre in der Mensa entspannte sich zusehends. Deshalb fuhr im selben Plauderton fort.
"Zudem möchte ihnen keinen ellenlangen Vortrag über Sinn und Zweck dieses Projektes halten, die Eckdaten sind ihnen allen hinreichend bekannt. Durch die bereits ausgehändigten Unterlagen wissen sie genauso viel wie ich und Einzelheiten werden sie in den nächsten Tagen und Wochen in den entsprechenden Teambesprechungen, durch ihren zuständigen Bereichsleiter erfahren. Ihre zukünftigen Einsatzgebiete und Arbeitsbereiche, konnten sie alle in den ihnen persönlich übergebenen Unterlagen nachlesen. Deshalb werden wir diese erste kurze Einsatzbesprechung ganz unkompliziert handhaben. Wir händigen ihnen jetzt gleich ihre Arbeitsverträge, beziehungsweise die Bindungsverträge zum Lesen und zur Unterzeichnung aus. Unterschreiben sie den Vertrag erst, nachdem sie sich ihre persönlichen Unterlagen auf das Genauste durchgelesen haben. Bitte lesen sie die Verträge wirklich genau durch. Achten sie vor allem auf die Angaben, die die Laufzeiten ihres Vertrages und ihre Aufgabengebiete detailliert beschreiben, diese richten sich nach ihrem jeweiligen Einsatzgebiet. Haben sie ihre Verträge einmal unterschrieben, binden sie sich für die im Vertrag festgelegte Zeit, in dieses Projekt ein. Glauben sie uns, wir haben versucht, an alle Eventualitäten zu denken, um ihnen das Leben und den Aufenthalt im "Projekt Dalinow" so angenehm, wie irgend möglich zu gestalten."
Hunsinger nahm sich das Glas Wasser, das auf dem Rednerpult stand, um einen Schluck zu trinken und atmete tief durch. Dabei beobachtete der Oberst die Reaktionen seiner Untergebenen, auf seine Rede, genau. Er war mit den Reaktionen, die er sah, voll und ganz zufrieden. Von allen Seiten bekam er ein Nicken oder aber wenigstens aufmerksame Blicke geschenkt. Im gleichen lockeren Ton fuhr Hunsinger deshalb fort.
"Unterleutnant Corsten, überwachen sie die Ausgabe der Verträge. Die anderen Kollegen beginnen mit dem Verteilen in der von uns festgelegten Reihenfolge. Gruppenweise, so wie wir es gestern Abend abgesprochen haben. Kontrollieren sie bitte bei der Übergabe, die persönlichen Eckdaten: Name, Vorname, Geburtsdatum, Wohnanschrift und Blutgruppe, damit es zu keinen Verwechslungen kommt. Sie meine Damen und Herren, unterstützen bitte die Kollegen dadurch, dass sie ihren Personalausweis bereithalten und nach der Übergabe der Verträge, alle Daten noch einmal überprüfen. Es sind hier im Saal einhundert fünfundsechzig Verträge auszuteilen und meine Mitarbeiter sind auch nur Menschen, auch ihnen kann ein Fehler unterlaufen. In dem sie ihre persönlichen Daten bei der Übergabe kontrollieren, stellen sie sicher, dass es wirklich ihr Vertrag ist. Bei Unstimmigkeiten, sagen sie dies bitte sofort dem entsprechenden Kollegen, der ihnen ihren Vertrag ausgehändigt hat.
Ich weiß, dass ich mich wiederhole: Lesen sie sich ihre Verträge auf das Genauste und in aller Ruhe durch. Sie bekommen von uns alle Unterstützung die sie brauchen, um diese Verträge zu verstehen. Ich weiß selbst, das Verträge oft nicht einfach zu verstehen sind und viele von ihnen, mich eingeschlossen, dieses Beamtendeutsch einfach nur hassen. Scheuen sie sich deshalb nicht nachzufragen, wenn ihnen etwas unverständlich ist. Haben sie ihren Arbeits- beziehungsweise Bindungsvertrag einmal unterschrieben, wird es für sie kein Zurück mehr geben. Sie binden sich dann, für die im Vertrag stehende Zeit, fest in dieses Projekt ein. Die Vertragsdauer ist variabel, je nach ihrem Einsatzgebiet. Achten sie deshalb also sehr genau, auf die Laufzeiten ihres Vertrages und ihr Einsatzgebiet. Ein Ausstieg, aus diesem Langzeitprojekt, wird nur schwer möglich sein. Sie wurden mit Bedacht aus einer großen Anzahl von Anwärtern ausgesucht und sind dadurch, nur schwer zu ersetzen." Hunsinger machte nochmals eine kleine Pause und sah in die Runde, seiner zukünftigen Mitarbeiter. Ein Lächeln huschte über dessen markantes Gesicht. "Bedenken sie, meine Damen und Herren, die gesamte Zeit, in der sie sich in dieses Projekt einbringen, wird ihnen als Arbeitszeit angerechnet. Sie sind vierundzwanzig Stunden im Dienst, das sieben Tage die Woche und dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr. Sie leisten also in nur siebzehn Jahren, achtundfünfzig Dienstjahre ab. Deshalb können sie frühzeitig in den Ruhestand gehen. Sie, meine Damen und Herren, haben sich diesen, dann auch redlich verdient", anerkennend sah Hunsinger in die Runde und deutete mit einem Kopfnicken an, dass er sehr wohl wusste, was dieses Projekt von seinen Untergebenen abverlangen würde. "Es hat also einen Vorteil, hier einmal ein paar Jahre die Zähne zusammenzubeißen. Meine Mitarbeiter, werden die Verträge unterschrieben von ihnen, um 14 Uhr wieder einsammeln", Hunsinger wandte sich an die drei neben ihm stehenden Offiziere und sah diese ernst an. "Sie, Major Mayer, Major Zolger und auch sie Major Jacob, folgen mir nach meiner Rede, in die Offiziersmesse. Sie werden erst dort ihre Bindungsverträge ausgehändigt bekommen. Wir müssen uns dort besprechen, wie wir im Projekt weiter vorgehen. Vor allem, müssen wir mit der Einteilung ihrer Mitarbeiter beginnen. Wir müssen von ihnen wissen, wie die Kollegen, dem jeweiligen Einsatzgebiet zugeordnen werden."
Jacob sah den russischen und den deutschen Offizier verwundert an. Er hatte, bis zu diesem Augenblick, keine Ahnung davon, dass er hier im "Projekt Dalinow" eine leitende Position einnehmen sollte. Er war davon ausgegangen, dass er einer der unterstützenden zehn Ärzte ist, die an diesem Projekt arbeiten werden. Jacob war sich bewusst, dass er viel zu jung war, für eine leitende Position. Wie Jacob an der Reaktion von seinem etwa gleichaltrigen Kollegen sah, war der Russe auch völlig überrascht. Nur der ihm, seit Berlin bekannte Major Mayer, schien von seiner leitenden Stellung bereits zu wissen. Verwundert sah Jacob den ihm noch unbekannten Kollegen an, der Major Zolger hieß. Der zuckte verunsichert mit den Schultern und sah wie Jacob zu Mayer hinüber. Zolger überraschte die Übernahme einer Führungsposition ebenso, wie Jacob. Die beiden Offiziere verfolgten aufmerksam den weitere Rede Hunsingers, schielten aber immer wieder mit den Augen fragend zu Mayer, und sahen Mayer fragend an, dieser machte den Beiden ein Zeichen, abzuwarten.
Hunsinger gab in der Zwischenzeit, klare Anweisungen, über den weiteren Ablauf des heutigen Tages. "Bei Fragen zu den Verträgen, wenden sie sich bitte, an Oberstleutnant Walter ... und Sorge ...", die beiden Offiziere machten nacheinander einen großen Schritt nach vorn, um sich kurz zu zeigen. Traten dann allerdings wieder zurück ins Glied. "Die zwei Kollegen aus unserer Rechtsabteilung und ihre Untergebenen, stehen ihnen für alle Fragen zu den Verträgen, zur Verfügung und beraten sie gern. Gegen 12 Uhr, wird es Mittagessen geben. Lassen sie es sich schmecken, der Koch hier im Projekt ist gut", setzte Hunsinger scherzend dazu, um die Stimmung die etwas bedrückt wirkte, zu lockern. "Um 14 Uhr, werden wir dann einen ersten Rundgang durch das Projekt machen. Danach ist für heute erst einmal Schluss", Hunsinger lächelte allen aufmunternd zu. "Gegen 20 Uhr haben wir dann ein kleines Willkommensfest, zur Begrüßung, vorbereitet. Gegen 1 Uhr bitte ich sie, ihre Quartiere aufzusuchen. Morgen früh um 9 Uhr, gibt es dann Frühstück, um 10 Uhr ist eine erste Arbeitsbesprechung angesetzt, mit allen Mitarbeitern der entsprechenden Abteilungen. Die Einteilung der jeweiligen abteilungsinternen Bereiche wird vorgenommen. Es erfolgt außerdem, die Zuordnung der Mitarbeiter durch die jeweiligen Bereichsleiter. Seien sie also pünktlich hier in der Mensa. Das war es erst einmal von meiner Seite. Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit. Wünsche ihnen allen einen angenehmen Aufenthalt, hier im "Projekt Dalinow". Außerdem wünsche ich ihnen einen angenehmen ersten Tag und dass sie von ihren Quartieren nicht allzu enttäuscht sind", bei diesen Worten drehte sich Hunsinger um und winkte Jacob, Zolger und Mayer zu, ihm zu folgen.
Die vier Offiziere verschwanden von der Bühne und liefen durch eine kaum sichtbare Tür, die in einen der großen Korridore führte. Gleich neben der Mensa, gab es noch einen zweiten, wesentlich kleineren Raum, die Offiziersmesse. Dort führte Hunsinger seinen Stab hin und bat seine drei leitenden Offiziere, Platz zu nehmen. Als sich alle an dem runden Tisch gesetzt hatten, begann Hunsinger, seine erste Lagebesprechung: unkonventionell, genau wie draußen, ohne lange, um den heißen Brei zu reden.
"Meine Herren, auch an sie ein herzliches Willkommen beim "Projekt Dalinow". Ich freue mich sehr, sie an Bord begrüßen zu können. Ich möchte ihnen jetzt kurz ihren Aufgabenbereich erklären. Wir haben lange überlegt, mit wem wir die wichtigsten Positionen im Projekt besetzen. Wir sind auf Grund ihrer Personalakten und nach Rücksprache mit ihren ehemaligen Abteilungsleitern, zu dem Schluss gekommen, dass sie hervorragend geeignet sind, diese Posten zu besetzen. Trotzt ihrer Jugend, bringen sie mehr Erfahrungen mit, als manch andere Kollegen. Vor allem, weil sie stets breit sind, mehr zu leisten, als ihre Kollegen", aufmunternd nickte Hunsinger den beiden jungen Männern zu. Erklärte den völlig verdattert dasitzenden Jacob und auch Zolger. "Major Mayer, wird das gesamte Wachpersonal, Hilfspersonal, die Betreuer unter seine Fittiche nehmen. Er übernimmt die Projektleitung hier vor Ort. Er wird alles koordinieren müssen. Mayer ist mir direkt unterstellt und steht mit mir im ständigen Kontakt. Er erhält alle Anweisungen direkt von mir. Mayer wird ihre Anträge zur Genehmigung, egal ob privat oder das Objekt betreffend, an mich weiterleiten. Sie, Major Zolger, werden die Leitung der wissenschaftlichen Bereiche übernehmen. Ihre Aufgabengebiete werden sie mit Major Jacob absprechen und abgrenzen müssen. Sie haben die Verantwortung über die Laboratorien, die Einhaltung der Forschungsaufgaben und deren Überwachung, sowie den Mitarbeitern, die direkt diesen Gebieten zugeordnet werden. Sie haben ja an der Universität, genügend Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln können. Bringen sie diese ins Projekt ein. Was sie an Mitteln benötigen, werden sie erhalten."
Offen sah Hunsinger Zolger an, als dieser durch ein Kopfnicken bestätigt, dass er einverstanden war, wandte sich Hunsinger sofort an Jacob.
"Sie, Major Jacob, werden die Stelle des leitenden Chefarztes übernehmen. Wir wissen aus sicherer Quelle, dass sie seit fünf Jahren die inoffizielle Leitung der Notaufnahme, in der Uniklinik inne hatten. Da der dort eingesetzte leitende Stationsarzt, diesem Posten schon lange nicht mehr gewachsen war. Sie sind auf Grund ihrer dortigen Erfahrungen, ebenfalls sehr gut geeignet für diese Position. Die Organisation und die Koordination medizinische Abteilung haben wir ihnen deshalb gern übertragen. Sie sind für die Ärzte und das Pflegepersonal zuständig. Sie sind für alle Bereiche verantwortlich, die mit medizinischen Dingen zu tun haben, inklusive des Küchenbereiches, in dem sie auch die Aufsicht für die Einhaltung der Hygiene im Projekt verantwortlich sind. Doktor Zolger wird sie dabei weitestgehend unterstützen. Sie sind der Chefarzt und Major Zolger ist ihnen unterstellt, sie Major Mayer und Mayer ist wiederum, meiner Abteilungsleitung unterstellt. So dass wir eine funktionierende Befehlsstruktur hier im Projekt haben. Sind sie damit einverstanden meine Herren? Oder gibt es Fragen dazu?", bat er seine direkten Mitarbeiter, Fragen zu stellen.
Völlig perplex nickten Jacob und Zolger, die Beide nicht mit dieser verantwortlichen Position gerechnet hatten, schweigend. Es war ihnen bewusst, dass es nicht leicht werden würde. Die meisten der neuen Kollegen, schienen um einiges älter zu sein, als sie selber. Damit konnte man allerdings leben.
Jacob, der eine ihm zugewiesen Verantwortung ohne Zögern übernahm, erholte sich wesentlich schneller von der Überraschung, als der neben ihm sitzende Russe und forderte sich von Hunsinger postwendend mehr Informationen über das "Projekt Dalinow" ein. Er war es gewohnt schwierige Aufgaben ohne Murren zu übernehmen, das hatte sein ehemaligen Mentor stets von ihm gefordert. Es spielte dabei keine Rolle, dass ihm der volle Umfang seiner Verantwortung, noch nicht klar sein konnte, er würde in seine Verantwortung Schritt für Schritt hineingewachsen.
"Wann, Genosse Oberst, bekommen wir die Auswahlkriterien für die Soldaten und wann, detailliertere Unterlagen, um einen besseren Einblick in das Projekt zu bekommen", stellte er die beiden Fragen, die ihm am meisten interessierten und auf die er in den Unterlagen auch keinerlei Antworten bekommen hatte.
"Major Jacob, sie haben alle Unterlagen bekommen, die ich auch habe. Sie konnten das letzte halbe Jahr dazu nutzen, diese Unterlagen durchzuarbeiten und sich alle, diesen Bereich ihrer Tätigkeit betreffenden Information einzuholen und das dafür nötige Wissen anzueignen. Wissen deshalb im Groben, um was es im diesem Projekt geht und welches Wissen sie und ihre Mitarbeiter benötigen. Ich verstehe den Sinn ihrer Frage nicht. Der reguläre Start des Projektes ist erst im Mai, er wurde um einen Monat nach hinten verschoben. Bis dahin, werden sie alle wichtigen Unterlagen bekommen, die sie haben müssen. Die Feinheiten der Details selber, sind noch in der Ausarbeitung. Leider sind die Herren Wissenschaftler, damit nicht bis heute fertig geworden. Dies obliegt allerdings nicht meiner Verantwortung, sondern befindet sich in der Zuständigkeit der Professoren und Wissenschaftler im Berliner und Moskauer Institut. Diese unterstehen nicht meinem Zuständigkeitsbereich, somit habe ich auf deren Arbeit keinen Einfluss. Glauben sie mir eins Jacob: die Kollegen hätten von mir schon längst Feuer unter ihren Allerwertesten bekommen", dabei musste Hunsinger selbst grinsen.
Mayer fing schallend an zu lachen, ein "Oh ja", entfleuchte ihm, aus seinem tiefsten Inneren, scheinbar hatte der Major schon einige solcher Feuerwerke seines Chefs, erlebt.
Hunsinger wurde wieder ernst. "Major Jacob, wir erwarten in den nächsten drei Wochen genauere Planungsunterlagen. Haben sie einfach noch ein wenig Geduld. Auf alle Fälle, müssen alle Mitarbeiter ihrer Teams bis dahin, auf ein gleiches Niveau, des Wissenstandes, gebracht werden. Oben in den Büros ihrer Wohnungen, liegen im Tresor Unterlagen, die Vorschläge für Schulungen enthalten. Diese sollten sie bis zum Mai dieses Jahr, alle abgearbeitet haben. Sie haben also genug zu tun, um die Leute zu beschäftigen und vor allem die Wartezeit bis zum Beginn des Projektes überbrücken. Wir müssen bis Mai sicherstellen, dass alle Mitarbeiter genauestens geschult wurden. So dass jeder Kollege, ohne große Probleme auf seinem Posten ist. Bis dahin, wird ein etwas lockerer Dienst dafür sorgen, dass sie sich untereinander etwas besser kennenlernen, aneinander gewöhnen können und das Wichtigste, sich im Projekt richtig einleben können. Es ist wichtig, dass sich jeder Mitarbeiter, aufs Genauste hier im Objekt auskennt und jeder weiß, worauf er in seinem speziellen Fachgebiet zu achten hat."
Mit dieser Erklärung musste sich Jacob, ob er wollte oder nicht, erst einmal zufrieden geben. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass ein solch großes Projekt schwer zu planen war. Dass man durchaus, gerade am Anfang, in der Planungsphase zeitliche Probleme bekam. Es entstand aus dieser zeitlichen Lücke, für Jacob ein großer Vorteil. Diese Verzögerung ließ ihm genügend Zeit, in seine Rolle als Chefarzt hineinzuwachsen. Ohne, dass ihn die Verantwortung gleich erschlug. Ihm war es sogar recht, dass alles noch etwas Zeit hatte. Außerdem ahnte Jacob nur zu gut, in welcher Zwickmühle sich der Oberst befand. Deshalb gab sich der zukünftige Chefarzt, mit dieser vagen Entschuldigung zufrieden.
Hunsinger ließ von Mayer, die Bindungsverträge für Zolger und Jacob holen und zog sich dann mit Mayer, in dessen Wohnung zurück, um letzte Anweisungen zu geben.
Jacob studierte seinen Vertrag genau. Er war mit allem, was darin aufgeführt wurde einverstanden. Das Geld stimmte, das umrissene Arbeitsgebiet war genau das, was er sich wünschte. Zwar gab es keinen Urlaub, für den Zeitraum in dem das "Projekt Dalinow" lief, dafür hatte er die Entscheidungsfreiheit über seine Arbeitszeiten.
Am meisten gefiel Jacob allerdings, dass er schon mit achtundvierzig Jahren, in den dann verdienten Ruhestand gehen konnte. Das hieß, er würde in der Blüte seines Lebens stehend, sich ganz der Forschung widmen können. Die Abschlussprämie des Projektes, war ebenfalls mehr als großzügig bemessen. Diese würde ausreichen, um sich eine eigene Praxis aufbauen zu können, ohne dann jahrzehntelang hohe Ablösesummen zahlen zu müssen. Ihm ging durch den Kopf, dass er mit achtundvierzig Jahren noch nicht zu alt war, um eine eigene Familie zu gründen.
Der einzige Punkt, der Jacob wirklich böse aufstieß war, die Tatsache, dass eine Heirat nur unter dem Personal möglich wurde. Da auf Grund der Arbeitszeitstruktur, im Projekt, keine Freizeiten eingeräumt werden konnten. Eine Schwangerschaft, in dieser Zeit, würde zum sofortigen Ausschluss des Ehepaares aus dem Projekt führen, da keine Kinderversorgung innerhalb des Objektes möglich war. Allerdings, waren das Sachen mit denen der Major leben konnte. Jacob überlegte noch einen Moment, ob das, was er hier tat, richtig war. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Jacob wurde bewusst, dass er bedingt durch sein Studium, bis jetzt nicht einmal Zeit hatte, sich nach einer Frau umzusehen.
'Also was soll das Zaudern', dachte er so bei sich.
Major Zolger schien sich nicht einmal die Mühe eines genauen Durchlesens gemacht zu haben. Denn dieser stand schon seit fast einer halben Stunde am Fenster, sah hinaus und betrachtete den wunderschönen Park.
Jacob holte tief Luft und unterzeichnete den Vertrag, der sein Leben vollkommen verändern sollte.
Nach dem Jacob den Vertrag unterschrieben hatte, ging er auf Major Zolger zu und stellte sich neben ihn.
"Dann wünsche ich uns eine gute Zusammenarbeit, Major Zolger", versuchte er ein Gespräch mit seinen Kollegen auf Russisch anzufangen. Lächelnd hielt er Zolger die Hand hin. "Ich heiße im Übrigen, Fritz …", er machte eine kurze Pause und sprach dann weiter. "… Fritz Jacob", stellte sich Jacob vor.
Major Zolger, ergriff die Hand des Gegenübers und sah diesen verschmitzt an. "Sprechen sie ruhig Deutsch mit mir, ich beherrsche die Sprache ganz gut. Ich heiße Walter Zolger. Ich hoffe auch, dass wir uns gut verstehen. Schließlich werden wir sehr eng zusammenarbeiten müssen", antwortete Zolger mit dem ihm eigen Akzent, dem man anmerkte, dass Deutsch nicht seine Muttersprache war. Dabei sah Zolger den Kollegen offen an.
Jacob musterte sein Gegenüber, stellte fest, dass dieser aus der Nähe betrachtet noch jünger aussah, als er dachte. "Darf ich fragen Walter, ich darf doch Walter und du sagen? Was deine Fachgebiete sind?", stellte Jacob die Fragen, die ihn am meisten interessierte. Da er seinen Gegenüber, gern etwas besser einschätzen wollte und musste, um zu wissen, wo dessen Stärken und Schwächen lagen.
"Klar können wir das du verwenden. Schließlich werden wir oft miteinander zu tun haben. Zu deiner zweiten Frage, es gibt einige Bereiche in denen ich nicht schlecht bin. Ich habe in Biochemie, Chemie, Physik eine Spitzenausbildung gehabt. Ebenfalls in dem Bereich der Genetik und Gentechnik, habe ich in der Leningrader Universität, einige Jahre intensiv geforscht."
Entgeistert sah Fritz seinen Kollegen an.
Zolger lächelte verlegen zurück und versuchte den Sachverhalt zu erklären. "Ja ich weiß, ich bin noch ziemlich jung. Es ist so Fritz, ich fing mit vierzehn Jahren an Biochemie, Chemie und Physik zu studieren. Machte meine Professor mit zwanzig in Biochemie und den Doktor in Mathematik, Physik und Chemie. Alles ungefähr zeitgleich. Mit vierundzwanzig hab ich meinen Professor in Genetik gemacht, dann fing ich noch ein Studium für Germanistik an. Dass ich in diesem Sommer, mit einem Doktortitel beendet habe."
Erstaunt starrte Fritz, seinen noch so jung wirkenden Kollegen an. "Darf ich dich fragen, wie alt du bist?"
Walter konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, so ging es ihm jedes Mal, wenn er jemand Fremden gegenüberstand und sich vorstellte. "Natürlich, ich werde nächste Woche, also am Neunten, neunundzwanzig Jahre."
Fritz Jacob konnte es nicht verhindern, der Gedanke war so schnell aus seinem Mund, dass er diesen nicht mehr zurückhalten konnte. "Und ich dachte immer, ich bin schlau." Immer noch lachend wischte er sich, die Tränen aus den Augen. "Das hat mein Mentor immer zu mir gesagt, weil ich vier Fachrichtungen, gleichzeitig belegt habe. Ich bin auch erst dreißig, also auch nicht viel älter als du. Was machst du gerne? Was hast du für Hobbys? Vielleicht können wir ja einiges zusammen unternehmen? So sehr viel Freizeit, werden wir hier ja nicht haben."
Walter Zolger nickte, sah den Chefarzt ernst an. "Na ja, ich würde sagen, dass mein Beruf mein Hobby ist. Ich forsche für mein Leben gern. Außerdem, suche ich immer noch nach neuen Möglichkeiten, genetische Schäden im Frühstadium einer Schwangerschaft zu erkennen, das heißt noch vor der Geburt. Vor allem aber, nach Möglichkeiten solche Schäden, während der Schwangerschaft noch zu korrigieren. Leider sind die technischen Möglichkeiten in dieser Hinsicht, noch nicht sehr weit. Aber in den nächsten Jahren, werden wir da bestimmt einige Möglichkeiten finden."
Es dauerte gar nicht lange und die beiden Männer begannen eine Fachdiskussion, ergänzen ihr Wissen über Genetik und Frühkindliche Schäden, fachsimpelten über die verschiedenen Möglichkeiten, die es schon gab, um diese zu verhindern. Dadurch bemerkten die Beiden gar nicht, wie die Zeit verging. Erst als einige Mitarbeiter der Versorgungskompanie, das Mittagessen auftrugen, stellten die beiden Ärzte fest, dass Oberst Hunsinger und Major Mayer wieder den Raum betreten hatten. Die beiden Projektverantwortlichen saßen amüsiert am Tisch und verfolgten das Gespräch der beiden Ärzte, mit Interesse, allerdings ohne ein Wort zu verstehen.
"Sie haben sich, wie ich mit Freude feststelle, schon bekannt gemacht. Setzen sie sich. Damit wir nach dem Essen, einen ersten Rundgang durch das Objekt beginnen können. Vor allem möchte ich sie, ihren Mitarbeitern vorstellen."
Hunsinger zeigte er auf die noch freien Plätze am Tisch. Die beiden Ärzte setzten sich und betrachten die schon sitzenden Männer, aus den Augenwinkeln heraus. Oberst Hunsinger schien wirklich ein sehr aufgeschlossener netter Mensch zu sein, dies strahlte er jedenfalls aus. Dieser Major Mayer dagegen, war ein mürrischer Mann, der mit seinem Beruf, des befehlenden Soldaten verheiratet war. Ihn mochte man sich nicht zum Feind machen. Nach einigen Minuten korrigierte Fritz Jacob seine Meinung über Mayer, ein zweites Mal. Wie er schon damals in Berlin erlebte, hatte Mayer einen besonders trockenen Humor, der tief in ihm verwurzelt war. Den der Soldat nur selten heraus ließ, der aber vom Feinsten war. Mayer traf mit seinen teilweise sehr ironischen Bemerkungen, immer genau den Nerv und konnte, so stellte Jacob schnell fest, auch seinem Vorgesetzten, damit richtig auf die Füße treten: indem er ihm seine Fehler vor die Augen hielt. Ohne beleidigend zu werden oder dem anderen persönlich anzugreifen. Er brachte dadurch alle Anwesenden, nicht nur einmal zum Lachen. So viel, wie bei diesem Mittagessen, hatte Jacob schon lange nicht mehr gelacht. Man speiste und erzählte über dieses und jenes. Eigenartiger Weise, schnitt niemand das Thema "Projekt Dalinow" an. So, als wenn man jetzt noch nicht darüber sprechen wollte.
Nach dem Essen, schlenderten die vier leitenden Offiziere, gemütlich zurück in die Mensa.
Kaum das Oberst Hunsinger wieder auf der Bühne stand, ergriff nun noch einmal das Wort. "Ich sie noch einmal kurz um ihre Aufmerksamkeit. Nehmen sie noch einmal Platz", Hunsinger wartete einem Augenblick bis der Raum zur Ruhe kam. "Meine Damen und Herren, wir hoffen sehr, dass ihnen das Mittagessen genauso gut geschmeckt hat, wie uns. Wie ich erfreut feststellen konnte, haben alle Mitarbeiter die Verträge unterschrieben. Dann herzlich Willkommen noch einmal von mir. Auf gute Zusammenarbeit. Im Anschluss machen wir einen ersten Rundgang durch das Objekt. Da wir aber einfach zu viele sind, denke ich, ist eine Gruppenaufteilung die beste Lösung." Hunsinger winkte Mayer, Jacob und Zolger zu sich heran. "Außerdem möchte ich ihnen, die Leitung des Projektes vorstellen. Die offizielle Leitung liegt in meiner Hand. Da ich aber mehrere Projekte gleichzeitig betreue und meine Abteilungsleitung in Berlin sitzt, habe ich mir erlaubt, die Projektleitung vor Ort, Major Mayer zu übertragen. Alle Anträge werden von den entsprechenden Abteilungsleitern, an Major Mayer weitergeleitet. Major Mayer, untersteht das gesamte Dienstpersonal des Wachregimentes, sowie des Flugplatzes und die Betreuer. Zur Leitung des Projektes gehört außerdem, Professor Dr. med. Jacob, er ist der leitende Chefarzt im Projekt. Professor Dr. rer. nat. Zolger, ist der leitende Wissenschaftler, der Laboratorien", wieder machte Hunsinger eine kleine Pause und blickte auf seinen Zettel. "Desweiteren, fordere ich die nachfolgenden Personen auf, sich kurz zu erheben, um sich ihren zukünftigen Kollegen vorzustellen." Hunsinger machte nach dem Aufrufen der entsprechenden Person, immer eine kleine Pause. So dass sich diese erheben und wieder setzen konnten. "Unser Chefingenieur und technischer Leiter, ist Oberleutnant Siegesmund, … verantwortlich für die technischen Bereiche der Funküberwachung und Radarkontrollen … Oberschwester Anett Seliger, … ist die leitende Schwester für die Laboranten … Oberschwester Susann Schmitz, … ist die leitende Schwester, für das Pflegepersonal … Oberschwester Ingrid Dorner, … wird die ärztliche Einrichtung, für das Personal und die Physiotherapie leiten ... Hausmeister, Gärtner und Mädchen für alles, … ist Herr Arthur Zimmermann. Stellt euch gut mit dem Mann, er wird immer viel zu tun haben", ein Lachen erschallte im Raum. In das Hunsinger einstimmte, dann fuhr er fort. "Den Rundgang durch das Projekt werden wir wie folgt organisieren, die Laboranten und Servicekräfte, gehen zu Major Zolger, diese Gruppe wird von Leutnant Rudolf geführt." Rudolf stand auf der linken Seite des Bühnenaufgangs und hob die Hand. "Die Ärzte und das Pflegepersonal, gehen bitte, zu Major Jacob. Dort übernimmt die Führung, Leutnant Martin." Martin hob jetzt ebenfalls die Hand, er befand sich auf der rechten Seite der Bühne. "Alle Technischen Mitarbeiter, sammeln sich um Chefingenieur Oberleutnant Siegesmund, diese werden von Leutnant Müller geführt." Ein weiterer Mitarbeite machte auf sich aufmerksam, der vor der Bühne stand. "Der Rest kommt zu mir. Damit wünsche ich ihnen viel Spaß. Ich hoffe ihnen sagt das Objekt, vor allem die Quartiere zu. Die Teilnahme ist Pflicht, da ihnen bei dem Rundgang auch ihre Quartiere zugewiesen werden. Nehmen sie sich die Wege-Karten, aus ihren Wohnungen mit. Das Objekt ist riesig. Sollten sie sich verlaufen, scheuen sie sich nicht um Hilfe zu rufen. Wir haben extra eine Rettungsmannschaft, bereitgestellt", als er die verdutzten Gesichter seiner Mitarbeiter sah, musste Hunsinger wiederum schallend lachen. "Glauben sie mir, meine Damen und Herren, die wird heute einige Mal ausrücken. Auch ich habe diese, schon zwei Mal um Hilfe bitten müssen, da ich mich hoffnungslos verlaufen hatte", jetzt stimmten fast alle in das Lachen ein, obwohl sich einige erschrocken umsahen. "Wie sie die Rettungsmannschaft erreichen, erklären ihnen, ihr jeweiliger Objektführer. Also warten sie mit dem Verlaufen, bis sie die nötigen Informationen haben. Dann also viel Spaß, bis 20 Uhr zur Begrüßungsfeier, bitte pünktlich hier erscheinen", Hunsinger wollte gerade von der Bühne gehen, als ihm noch etwas Wichtiges einfiel. "Einen kleinen Augenblick noch. Beachten sie, das ab sofort, das heißt auch heute Abend bei der Begrüßungsfeier, die Dienstkleidung zu tragen ist. Es ist keinerlei zivile Bekleidung, im Projekt erlaubt. Kurz zur Erklärung des Warums: Dies ist ein unter militärischer Führung stehendes Projekt. Das Wachpersonal, ist angewiesen, sämtliche Personen, die nicht in der Projekteigenen Kleidung herumläuft, festzunehmen. Um ihnen und uns, Arbeit und Ärger zu ersparen, halten sie sich bitte alle an die vorgeschriebene Kleiderordnung. Die Wachkompanie ist angewiesen mit aller Härte ein Eindringen in das Projekt zu verhindern. Außerdem braucht es eine Weile, um sich die Gesichter alle Mitarbeiter zu merken. Bitte haben sie dafür Verständnis."
Alle nickten, konnten sie sich vorstellen, wie kompliziert das sonst werden würde. Es bildeten sich die Gruppen, alle gingen mit den jeweiligen Führern und die unschlüssigen, wurden der richtigen Gruppe zugewiesen. Schnell begannen die "Führer" der jeweiligen Gruppen, mit einen ersten Rundgang und ihren Erklärungen.
"Guten Tage, meine Damen, meine Herren. Ich möchte sie recht herzlich im "Projekt Dalinow" willkommen heißen. Mein Name ist Leutnant Christoph Martin und ich gehöre zur Wachmannschaft im Projekt. Sie können sich mit mir ganz ungezwungen unterhalten. Nennen sie mich einfach nur Chris. Es ist für mich eine große Ehre, ihnen das Projekt zu zeigen und ihnen, ihre Unterkünfte zu zuweisen. In ihren Quartieren, finden sie diese Wege-Karten." Chris hielt eine dieser Karten hoch, es war eine Art Fächer, der farblich unterteilt wurde. "Die nach Farben der einzelnen Etagen, kurz Ebenen sortiert sind", fragende Gesichter sahen Chris Martin an. Dieser lachte die ihm zugeteilte Gruppe an. "Glauben sie mir, das ist wirklich notwendig. Ich habe über einige Monate Zeit gehabt, mir dies alles einzuprägen. In vier Stunden denken sie anders über die Größe des Projektes. Bitte stecken sie sich diese Wege-Karten ein und tragen sie diese am Anfang immer bei sich. Ich habe mich wirklich, die erste Zeit nur nach diesen Karten bewegen können. Ohne diese Karten, habe mich trotzdem ständig verlaufen. Eigentlich dachte ich immer, dass ich habe einen ausgeprägten Orientierungssinn habe. Dieses Objekt ist so riesig, es ist der blanke Wahnsinn", immer noch sahen Chris die vierzig um ihn versammelten Menschen verwundert an. "Kommen sie einfach mit, sie werden spätestens in ihren Quartieren meine Worte verstehen. Wir fangen hier in der Mensa an. Bitte stellen sie, wenn sie Fragen haben, diese sofort", damit drehte sich Christoph Martin um und zeigte in den Raum. Eigentlich musste man die Mensa ja nicht erklären, Chris machte das nur, um wie in der Dienstbesprechung abgemacht, den anderen Gruppen die Möglichkeit zu geben, sich aus der Mensa zu entfernen. Er wurde mehrmals darum gebeten als letzter die Mensa zu verlassen. So dass sich die Gruppen nicht vermischen konnten und die Quartierzuweisung ohne Probleme erfolgen konnte.
"Wie sie sehen, haben wir hier eine sehr großzügig geschnittene Mensa, bei der sich die Architekten viel Mühe gegeben haben, um diese auf alle Eventualitäten einzustimmen. Wenn ihnen irgendetwas fehlen sollte, scheuen sie sich bitte nicht, sich an Major Mayer zu wenden. Hier in diesem Bereich wird einmal im Monat ein Kinoabend, eine Theateraufführung, aber auch Buchlesungen stattfinden. Durch die Betreuer, können sie an verschiedenen Kursen teilnehmen. Töpferei, Malerei, Handarbeiten, Theaterclub, nur, um einiges zu nennen. Es wurde für viel Abwechslung gesorgt, sie müssen diese nur wahrnehmen", aufmunternd lächelnd, sah Chris die von ihm geführte Gruppe an. Er schaute sich kurz um und atmete noch einmal tief durch.
"Folgen sie mir bitte. Wir gehen jetzt ins Sportzentrum. Bitte hier entlang", eilig lief er voraus. Chris hielt sich rechts, ging auf eine kaum sichtbare Tür zu, die in einen der breiten Gänge mündete. Er drückte mit der Hand auf die Mitte der Tür und schon öffnete diese sich automatisch.
"Bitte seien sie in diesen Gängen vorsichtig. Bei Alarm, werden hier Multicars, im schnellen Tempo unterwegs sein. Die unsere Sicherheitskräfte, an ihren Einsatzort bringen. Träumen sollten sie auf diesen Straßen nicht. Dies sind wirklich keine Gänge, sondern Straßen. Dies ist durch die Größe des Objektes einfach notwendig. Deshalb beachten sie bitte die Lauffläche für die Fußgänger, die immer nur auf einer Seite der Straße vorhanden ist. Nutzen sie diese vorgeschriebenen Wege bitte", schon ging Chris weiter. Den Gang entlang der spürbar nach unten führte.
"Wie sie sehen, befinden wir uns im Moment noch auf der Ebene Weiß und begeben uns jetzt auf die Ebene Rot. Die weiße Ebene, ist alles oberhalb des Erdreiches oder das was ihr als Keller bezeichnen würdet, weil es halb im Erdreich liegt. Die Eben Rot, ist die erste Ebenen die vollständig unterirdisch liegt. Dies ist also das erste Untergeschoss", erklärte Chris und lief zu der nächstgelegenen Tür, die mit roten Buchstaben und Zahlen markiert waren. Öffnete eine Seite der Doppeltür, ließ die Gruppe eintreten.
"Heute dürfen sie diese Halle ausnahmsweise in Straßenschuhen betreten. Gewöhnen sie sich aber bitte an, um die Pflege der Halle zu erleichtern, im Vorraum andere nur für diese Halle bestimmte Schuhe anzuziehen", sofort öffnete Martin eine zweite Tür, die in eine große, gut durchdachte Halle führte. "Dies hier ist die Fitnesshalle für das Personal. Wie sie sehen hat man versucht, an alles zu denken. Es gibt eine Laufbahn, die eine Gesamtlänge von vierhundert Meter hat, die an den Wänden entlang führt. Im Inneren der Bahn gibt es einen Bereich mit Matten für das Turnen, Kampfsport, Verteidigungstraining. Ich soll ihnen ausrichten, dass auch verschieden Kurse angeboten werden. Sollten sie an einem bestimmten Kurs teilnehmen möchten, schreiben sie sich am Memoboard einfach ein", Leutnant Martin zeigte auf eine an der linken Wand hängende Schwarze Tafel, auf der ordentlich einige Listen angebracht waren. Teilnahmelisten für: Tischtennis, Ringen, Boxen, Schwimmen, künstlereiche Gymnastik, Judo und Ballett. Aber auch Bogenschießen, Laufgruppen, Wasserball und Fuß-, sowie Handballtraining waren hier aufgelistet. Schon fuhr er fort mit seinen Erklärungen.
"Bitte bleiben sie auf der Lauffläche. Es tut mir sehr leid, durch den enormen Zeitdruck den wir heute haben, kann ich alles nur anreißen. Wenn sie spezielle Fragen haben, kommen sie einfach zu mir und stellen sie diese, beim Weiterlaufen. Folgen sie mir bitte", weiter ging es zu einer weiteren Tür, die in einen Fitnessbereich führte. In dem sich an einer Wand, Spiegel für Gruppenübungen befanden, ein Boxring, eine zusätzliche Spiegelfläche mit Balletstangen, vor der man bestimmte Turn-, Gewicht-, Fitnessprogramme durchführen konnte. Kurz angerissen erläuterte Chris die Geräte. Wies drauf hin, dass hier ein Betreuer in den ersten Monaten, die Übungen anleiten würde. Erfreut stellten die Mitarbeiter fest, dass es also sogar Trainer gab.
Chris ging zurück auf den Gang, lief etwas weiter, kam zu einem Aufzug. "Meine Damen und Herren, dies hier ist einer der sieben großen Aufzüge, die es im Objekt gibt. Diese sollten sie während eines Alarms, niemals benutzen. Sehen sie hier…" er zeigte auf die Zahlen und Buchstaben neben dem Aufzug. "…steht um welchen Aufzug es sich handelt. Dies ist der Aufzug 1L/rot. Das bedeutet, es ist der linke Aufzug des Hauses 1, der Ebene rot. Haus 1 bedeutet alles, was sich unterhalb der Mensa befindet. So haben sie immer einen Anhaltspunkt, zu den überirdischen Gebäuden. Wie gesagt, bitte nutzen sie diese großen Aufzüge nicht, während des Alarms. Rechts neben jedem Aufzug gibt es für den Alarmfall, extra eine Treppe. Diese Aufzüge sind für bis zu fünfzig Leute bestimmt. Hiermit fahren aber auch die Multicars, also seien sie bitte vorsichtig. Es gibt noch zwölf kleinere Aufzüge, in denen allerdings nur maximal zehn Leute Platz finden. Diese zeige ich ihnen später noch", weiter ginge es im zügigen Tempo.
Chris erklärte viele Einzelheiten, auch dass sich neben der Mensa, eine große Einkaufsstraße befand. Dort würden die Mitarbeiter, Friseur, Kosmetiker, aber auch kleine Einkaufsmöglichkeiten finden, für Dinge des täglichen Bedarfs. Jetzt langsam wurde den ihm nachlaufenden Mitarbeitern, die Größe des Objektes bewusst. Wenn man ehrlich war, keiner wusste mehr, wie er zur Mensa zurück kommen sollte. Alle hatten schon lange die Orientierung verloren. Kurz blieb Chris an einer Art Kreuzung stehen. Hier befand sich in einer Nische, ein Telefon.
"Meine Damen, meine Herren, dies hier sind Notrufsäulen. Von hier aus, können sie die Rettungsmannschaften kontaktieren, falls sie einmal Hilfe brauchen. Diese Notrufsäulen befinden sich an wirklich allen Kreuzungen und sind nur für Notrufe da. Es sind keine Telefonzellen. Es gibt ihrer im Objekt viel mehr, als sie denken. Wir haben uns die Mühe gemacht, sie zu Nummerieren, um sie im Notfall besser finden zu können. Wir waren selber erstaunt, wie viele es sind. Nämlich zweihundertfünfundvierzig Notruftelefone gibt es im Objekt. Zusätzlich hat jedes Quartier ebenfalls ein Telefon, für interne Gespräche. Alle anderen Gespräche, laufen über die Zentrale. Von diesen Notrufsäulen, haben sie eine sofortige Verbindung zur Zentrale. Nennen sie nur die Nummer die am Apparat steht, schon wissen die Sicherheitskräfte, wo man sie findet", fragend sahen die Mitarbeiter Chris an. "Sie werden es dann noch verstehen, ich gehe gleich noch einmal auf dieses Thema ein." Chris lief eilig weiter, kopfschüttelnd folgte ihm die Gruppe und bekam immer mehr Bauchweh. Immer noch war man auf der Ebene Rot, allerdings lief man bereits eine Stunde durch diese Gänge.
Immer weiter folgten die Neuankömmlinge ihrem heutigen Führer, durch dieses riesige Objekt. Chris blieb stehen und bat plötzlich die Mitarbeiter. "Wer von ihnen ist Oberschwester Anett Seliger, Susann Schmitz, Ingrid Dorner? Diese drei Damen, bitte einmal zu mir. Ich werde jetzt die ersten Quartiere zuweisen."
Die drei genannten Damen traten vor. "Ich muss sie um Erlaubnis fragen. Darf ich in ihrem Beisein, den anderen ihre Quartiere zeigen oder möchten sie dies als Privatsphäre betrachten?"
Alle Drei schüttelten sofort den Kopf.
"Dann folgen sie mir alle. Wenn jemand nicht möchte, dass wir alle seinen persönlichen Bereich eintreten, sagen sie mir dies sofort. Im Großen und Ganzem, sind die privaten Bereiche alle gleich. Das individuelle Einrichten, wird erst im Laufe des Jahres erfolgen. Jeder von ihnen, hat die Möglichkeit, sich seinen Wohnraum so zu gestalten, wie er es für richtig hält und es für ihn schön ist. Einer mag es lieber bunt, der nächste eher schlicht, der übernächste lieber altmodisch. Äußern sie ihre Wünsche. Wenn diese realisierbar sind, werden diese auch erfüllt. Sie werden nicht viel Freizeit haben, sollen sich hier jedoch wohlfühlen. Ihre persönlichen Möbel, aus ihren alten Wohnungen wurden in Lagern sichergestellt. Auch können sie ein Teil ihrer Möbel, für ihre hiesigen Räumlichkeiten nutzen. Alles werden sie jedoch, hier nicht unterbringen können", erklärte er den Anwesenden. Gleichzeitig sah er zu eine der Oberschwestern, forderte sie mit der Hand winkend auf, ihr Quartier zu betreten.
"Schwester Anett, dies ist ihr Quartier, es hat die Nummer 3/Rot 1. Das bedeutet Haus 3, die Farbe steht immer für das Untergeschoss, also Untergeschoss Eins, Wohnung Eins. Merken sie sich bitte diese Nummer, sonst stehen sie eines Tages vor dem verkehrten Quartier und wundern sich, wieso die Tür sich nicht öffnen lässt", alle begannen zu lachen, fanden diese Vorstellung übertrieben.
"Bitte treten sie ein. Herzlich Willkommen", Chris öffnete die Tür, ließ Schwester Anett eintreten.
Obwohl man unter der Erde war, wirkte die Wohnung lichtdurchflutet. Verwundert sahen sich die Eintretenden an. Man betrat einen großen Vorraum, auf der linken Seite befand sich ein riesiger Wandschrank und rechts ein kleineres Türchen in der Wand.
"Wie sie bereits bei dem Einstellungsgespräch bekannt gegeben haben, wurden nach den damaligen Angaben, in all diesen Schränken, eine ausreichende Anzahl von Dienstbekleidung untergebracht. Falls diese nicht passen oder nicht ausreichend ist, geben sie einfach Bescheid. Sie bekommen innerhalb weniger Stunden die passende Größe geliefert." Chris öffnete einen Schrank und zeigte auf die darin befindliche Bekleidung. "Dann wird diese, in die entsprechenden passenden Größen getauscht. Sie haben dazu allerdings immer zwei Türen, für ihre private Kleidung. Diese können sie auch einlagern lassen, wenn sie lieber nur die Objektkleidung tragen wollen. Die private Kleidung dürfen sie allerdings, nur hier in diesen Räumen oder nicht sichtbar unter der Dienstbegleitung tragen. Sobald sie ihre Wohnung verlassen, haben sie die Objektkleidung zu tragen", wies Chris nochmals auf die Bekleidungsordnung hin.
Der Vorraum war fünfzehn Quadratmeter groß, von diesem gingen vier Türen ab. "Folgen sie mir bitte. Auf der rechten Seite geht es in den Schlafbereich, der an das Ventilationsnetz angeschlossen ist. Alle anderen Zimmer werden über das sogenannte Lichtnetzwerk mit Frischluft und Tageslicht versorgt. Bitte, sollten sie Probleme mit der Lautstärke des Ventilators haben oder aber, mit der Dunkelheit des Raumes, melden sie dies umgehend beim Hausmeister. Wir haben den Fehler im Ventilationssystem, zwar schon beheben lassen, allerdings hat jeder Mensch, ein anderes Gehör. Dann wird dies noch einmal abgeändert. Es ist auch möglich, für eine gedämpfte und nichtstörende Beleuchtung zu sorgen. Viele von uns, hatten die ersten Tage Probleme, beim Einschlafen. Diese absolute Dunkelheit, machte vielen von uns zu schaffen."
Alle nickten und sahen sich in den fünfzehn Quadratmeter großen Raum um. Der bestückt war, mit einem sehr bequem aussehenden zwei Meter breiten und zwei Meter zwanzig langen Polsterbett, dazu gab es noch einige Regale und einen kleinen Tisch, sowie einen bequemen Sessel. Chris ging wieder zurück in den Vorraum, betrat den nächsten Raum, ein lautes.
"Oh ist das schön", folgte von den meisten der Frauen.
Die Männer nickten anerkennend.
Man stand in einem großzügig angelegten Bad, von ungefähr zwölf Quadratmeter, mit einer großen Badewanne, zusätzlich einer Duschkabine.
"Hier meine Damen und meine Herren, befindet sich der Wäscheschacht. Das Schöne hier im Objekt ist, dass sie nicht selber waschen brauchen. All ihre Kleidung, fällt durch den Wäscheschacht in einen Behälter, diese Wäsche wird getrennt, von der anderen Wäsche gewaschen, getrocknet und gebügelt. Dies gilt auch für ihre private Kleidung. Sie müssen sich also nicht darum kümmern", schon ging es weiter. Hinter dem Wäscheschacht befand sich kein Fenster, sondern eine Glasfront, hinter der sich ein Wintergarten, mit üppiger Vegetation ausbreitete.
"Ich soll sie extra darauf hinwiesen meine Damen, wenn sie über den Tag duschen oder baden wollen, lassen sie die Jalousien nach unten. Diese Wintergärten, werden von den Bediensteten des Hausmeisters, täglich von 8 bis 18 Uhr gepflegt. Mit der Zeit, werden sie wissen, wann diese in ihrem Bereich tätig sind. Am Anfang könnten sie sich allerdings erschrecken, wenn plötzlich jemand in ihren Wintergarten steht und ihnen beim Baden zuschaut", ein Grinsen huscht über Martins Gesicht. "Wenn sie also in dieser Zeit ungestört sein wollen, sorgen sie durch das Herablassen der Jalousien für Privatsphäre. Anders ist dies nicht machbar gewesen. Ab 18 Uhr, können sie diese herrliche Aussicht, aus ihrer Badewanne heraus jederzeit genießen. Diese Gärten werden abends beleuchtet, ein herrliche Anblick. Natürlich, wenn es sie nicht stört, können sie die Rollos auch offen lassen. Nur erschrecken sie nicht, wenn auf einmal der Gärtner an ihrem Badezimmer entlang läuft", erklärte Chris mit dem puren Schalk im Gesicht.
Fritz Jacob der sich bis jetzt schweigend zugehört hatte, konnte sich eine Bemerkung nicht verkneifen. "Mein Gott, warum bin ich nur Arzt geworden? Bei so vielen schönen Frauen hier", rutschte es ihm heraus. Lachend sah er sich um. Die Schwestern konnten sich das Lachen ebenfalls nicht verkneifen, da diese Bemerkung so ehrlich von ihrem Chefarzt kam.
"Na sie sind mir einer, Herr Doktor", meint eine noch sehr junge, schwarzhaarige Schwester, mit einem dicken geflochtenen Pferdeschwanz und lächelte den Arzt an.
"So bin ich halt", kam es wie aus der Pistole geschossen von Fritz Jacob. Der spitzbübisch grinste und verlegen mit den Schultern zuckte.
"Kommen sie weiter", forderte Chris seine Gruppe auf. Die nächste Tür führte in eine achtzehn Quadratmeter, große Wohnküche, in der alles vorhanden war, was sich eine Frau, aber auch Mann wünschen konnte. Eingerichtet mit einem Esstisch, mit sechs Stühlen und genügend Schränken, für Stauraum. Es fehlte an nichts, alles war vorhanden: ein Kühlschrank, ein Eisschrank, ein E-Herd, Kaffeemaschine, Mixer, nicht mal die Regale mit Gewürzen hatte man vergessen. Chris ging zu einer weiteren Tür, zeigte nur kurz hinein. Darin befanden sich alle möglichen Putzutensilien, wie Besen, Schrubber, Eimer, halt alles, was man täglich brauchte, auch ein Staubsauger war vorhanden. Auf der anderen Seite war ein Regal eingebaut, zum Lagern von Vorräten. Immer öfter schüttelten alle den Kopf, hier wurde wirklich an alles gedacht.
"Na dann kommt, sehen wir uns noch den Wohnraum an", damit ging Chris zurück in den Vorraum und auf die letzte Tür zu.
Sprachlos blieb Oberschwester Anett stehen. "Das gibt es nicht. Bin ich wirklich im Paradies?", konnte sie sich nicht verkneifen, zu fragen. Sie schaute sich sprachlos in dem circa fünfundzwanzig Quadratmeter großen Raum um.
Auf der einen Seite gab es Bücherregale, auf der anderen eine Anbauwand und eine wunderschöne Sitzgruppe, die direkt vor einem Fenster stand und den Blick in einem großen Garten zuließ. Durch eine Glastür kam man, in einen lichtdurchfluteten Wintergarten, in dem sogar ein Kamin eingebaut war.
"Wunderschön ist es hier, da kann man es aushalten", sagte Fritz Jacob. Aber auch die anderen neuen Bewohner des Projektes, waren dieser Meinung.
"Da haben wir ja geschafft, was wir erreichen wollen", erwiderte Chris, eilig ging er zurück in den großen Vorraum.
"Bitte wir müssen weiter, ich muss ihnen allen, noch ihre Quartiere zuweisen. Die alle ähnlich, nur unterschiedlich von der Größe sind", sofort kamen alle zurück.
"Schwester Anett, bitte nehmen sie sich ihre Wege-Karte mit. Damit sie nach dem Rundgang, ihr Quartier wiederfinden. Ach, ich habe noch etwas Wichtiges vergessen, sehen sie, diese Klappe hier?" Chris zeigte auf eine kleine Tür, die hundert Zentimeter hoch, aber auch tief und fünfzig Zentimeter breit war und sich rechts neben der Eingangstür befand. "In dieser Durchreiche, finden sie immer ihre gewaschene Wäsche, ihre Post oder die bestellten Lebensmittel, die sie nicht hier auf dem Gelände bekommen. Geöffnet wird diese mit ihrer Schlüsselkarte, so dass keiner von außen in ihr Quartier kann. Sehen sie also immer einmal nach, ob sie eine Lieferung bekommen haben. Sonst wundern sie sich, wenn Ihre Bestellung von Lebensmitteln, Beine bekommt. ", wies Chris lachend darauf hin, immer einmal in diese Durchreiche nachzuschauen, ob etwa eine Lieferung gekommen war. Damit verließ er Schwester Annetts Wohnung und lief über die Straße. "Bitte Schwester Susann, hier ist ihre Wohnung. Holen sie bitte ihre Wege-Karte. Achten sie bitte beim Verlassen ihrer Wohnung immer auf den Verkehr. Im Übrigen die Ausweise, die an den Wege-Karten hängen sind gleichzeitig ihre Schlüsselkarte. Für ihre Wohnung, aber auch, für die, für sie zugängigen Bereiche. Verlieren sie diese nicht. Es gibt hier keine Schlüssel. Sie kommen nur mit ihren Sicherheitskarten in und aus den Gebäuden", sofort lief er weiter, zur nächsten Tür.
"Hier Schwester Ingrid ist ihre Wohnung", er öffnete diese. Schnell holte Schwester Ingrid ihre Wege-Karte und hing sich ihre Schlüsselkarte um.
"Dann werden wir einmal, in eine der Ärztewohnungen gehen. Allerdings müssen wir auf vier Etappen hoch fahren, dazu müssen wir die kleineren Aufzüge benutzen. Folgen sie mir bitte."
Zügig liefen alle hinter Chris her, sich lobend über diese Luxuswohnung äußernd. Schnell hatte man die Aufzüge erreicht.
"Doktor, März, darf ich ihre Wohnung zeigen?", erkundigte Chris. März schüttelte den Kopf, wollte dies absolut nicht. "Dann warten sie alle bitte hier, ich muss mit Doktor März nach oben fahren, wegen der Wege-Karte und der Schlüsselkarte. Einen kleinen Moment bitte."
Alle blieben stehen, keine zwei Minuten später, kamen Chris und Doktor März zurück.
"Doktor Anderson? Möchten sie auch alleine nach oben fahren?", wiederholte Chris seine Frage, dem zweiten Arzt gegenüber.
Anderson schüttelte den Kopf und erklärte verschmitzt grinsend. "Ach klar können die Damen die Wohnung sehen. Da ist doch nichts dabei. Noch ist sie aufgeräumt", konnte dieser sich einen dummen Kommentar nicht verkneifen und sah die Schwestern dabei grinsend an. Wobei er eine sehr kleine etwas ältere Schwester, mit einem besonders netten Lächeln ansah. Diese war ihm sofort aufgefallen und sehr sympathisch.
"Na dann, bitte fahren sie mit der ersten Gruppe nach oben, ich muss die anderen dann nachholen. Nur mit ihrer Wohnungskarte, kann man bis in die Wohnung fahren, anders öffnet sich der Aufzug nicht. Ansonsten kann man diese nur über den Park erreichen", eilig wollte Anderson in den offenen Aufzug steigen.
Chris schüttelte den Kopf. "Bitte, die Herren Doktoren, es sind immer zwei Aufzüge vorhanden pro Haus, für jede Wohnung ein separater. Für die Abteilungsleiter, sogar je zwei pro Wohnung. Da beide Aufzüge bis zu dieser Wohnung hochfahren. Da sich ja dort auch die Besprechungszimmer befinden. Doktor März sie müssen immer in den Aufzug mit der Nummer 3/Ebene und der 2 benutzen, sie Doktor Anderson, den mit der Nummer 3/ Ebene und der 1. Sehen sie hier. Die Zahl Drei nennt das Haus, der Buchstabe hinterm Strich die Ebene und die letzte Zahl steht für die Wohnung. Außerdem gibt es hier noch eine Klingel, die sie benutzen können, um sich bemerkbar zu machen und hoch in die Wohnung zu fahren." Damit zeigte er auf die unterschiedlichen Zahlen und Klingeln. Kaum dass Martin ausgesprochen hatte, fuhr er mit der ersten Gruppe nach oben, in Doktor Andersons Wohnung. Genau sahen sich alle die wunderschöne Arztwohnung an, die sogar ein kleines, gemeinsam nutzbares Labor besaß. Die Augen der Ärzte strahlten.
Martin fuhr wieder nach unten. Um nicht hinaus in die Kälte zu müssen, fuhr er bis in das fünfte Untergeschoß, auf die Ebene Lila und holte die Gruppe nach. Im Anschluss lief er im zügigen Tempo, weiter zum Haus 4, um sich die Bibliothek anzusehen. Viele der Neuankömmlinge bekamen große Augen. Diese Bücherei, war wie in einem Traum. Nur wenige hatten in ihrem Leben, eine solch riesige Bibliothek gesehen, in der man sogar Bücher käuflich erwerben konnte.
Erfreut rief die junge dunkelhaarige Schwester, die vorhin durch ihre lockere Art, allen schon aufgefallen war. "Oh ist das toll, endlich kann ich lesen ohne Ende", sofort stürmte sie los, zu der Abteilung Fachliteratur, sah sich nach einem bestimmten Buch um und griff zielsicher ins Regal.
Chris überlegte krampfhaft, wie diese junge Schwester hieß, er kam nicht darauf. "Schwester …?"
"Anna", kam prompt aus der Fachbuchabteilung, die halb abwesende Antwort der jungen Krankenschwester, die ihre Nase tief in das Buch gesteckt hatte. Dabei Zeit und Raum sofort vergaß.
"Bitte heute keine Bücher mitnehmen, das geht erst ab morgen", wurde sie von Chris zu Recht gewiesen, jedoch schmunzelte er dabei. Ihm war es selber so gegangen, als er dabei half diese Bücherei einzurichten. Sein Herz schlug damals Purzelbäume, denn Martin liebte Bücher über alles. Er war eine richtige Leseratte.
"Ja ja, ist schon in Ordnung, entschuldigen sie bitte Chris. Ich und Bücher. Da vergesse ich mich immer", verlegen stellte sie das Buch ins Regal zurück und kam sofort zur Gruppe zurück.
Martin wollte gerade einige Details zum Ausleihen der Bücher bekannt geben, als Jacob ihn unterbrach.
"So ist es brav Schwester Anna. Ich kann sie da gut verstehen. Mir geht es genauso. Aber wenn sie heute schon alles lesen, haben sie die nächsten siebzehn Jahre, nichts mehr zu tun", foppte Fritz Jacob Anna lachend. Dem diese junge Schwester auf Anhieb gefiel. Da er diese natürliche Unbefangenheit einfach mochte.
"Na, die Bibliothek muss ja nur zwei Jahre reichen, Herr Doktor. Länger läuft mein Vertrag nicht", gab diese grinsend zur Antwort.
Chris Martin wie die anderen schüttelten über die kesse Schwester den Kopf, die sich von dem Arzt nichts gefallen lies. Ein Grinsen huschte über das Martins Gesicht, die Kleine gefiel ihm. Allerdings konnte er darauf nicht eingehen.
"Das Ausleihen hier in der Bibliothek wurde ganz einfach geregelt. Die ersten Wochen werden Mitglieder der Wachkompanie, die geholfen haben diese umfangreiche Bücherei einzurichten, hier Dienst tun. Die Zeiten werden hier per Aushang, bekannt gegeben. Wir erklären ihnen dann, wie sie ein von ihnen gesuchtes Buch, am einfachsten finden. Hier am Tresen liegen Kataloge aus, in denen alle Bücher gelistet sind. Zum Ausleihen, ziehen sie einfach nur die Karten aus den Büchern und schreiben ihre Quartiernummer, auf die Karte, die hier in der Bücherei verbleibt. Wir setzen hier auf Vertrauen und bitten sie darum, sorgsam mit den von ihnen ausgeliehenen Büchern umzugehen. Sollten sie ein Buch hier nicht finden, schreiben sie es in die Suchliste ein. Dann sehen wir nach, ob das Buch gelistet ist, wenn nicht bestellen wir diese Bücher für sie. Neue Romane oder neue Fachliteratur, werden automatisch nach dem Erscheinen hier in der Bücherei ergänzt. Da sie ja keine andere Möglichkeit haben, anders an Neuerscheinungen zu kommen", erklärte Martin, seiner Gruppe.
"Kommen sie mein Damen und Herren, wir müssen weiter. Uns läuft langsam die Zeit weg", drängelte Martin. Da er feststellen musste, dass es schon mit riesigen Schritten auf halb Fünf zuging. Kurz schien Martin zu überlegen, ob er jetzt alles gezeigt hatte. Er ging in Gedanken seine Stichpunktliste durch und hakte diese ab. "Mmmhhh … In Ordnung, gehen wir einmal hoch zu den Gemeinschaftsquartieren. Auf die Ebene rot des Hauses 5. Wie sieht es aus Schwester Anna, fangen wir bei ihnen an", erkundigte sich Martin, bei der netten schwarzhaarigen Schwester.
"Na klar, ich will auch wissen, wo und wie ich wohne", gab diese schnippisch zur Antwort und lief grinsend neben Chris Martin her. Es dauerte gar nicht sehr lange, da erreichte man das Haus 5.
"Wir gehen als erstes nach unten in die Ebene schwarz, das ist die Ebene 6 und damit die sechste Ebene unter der Oberfläche. Zum Schluss erkläre ich eure Gemeinschaftsquartiere, an Hand von Annas Quartier", frech sah er Anna dabei an.
Die stellte sich vor Martin und stemmte die Hände in die nicht vorhandenen Hüften. Schaute ihren Objektführer, gespielt böse an. Sie zog so eine Flunsch1 dabei, dass wirklich alle lachen mussten.
"Das ist gemein, erst neugierig machen, Hoffnung sähen und dann zappeln lassen", aber Anna hielt ihre gespielte Wut nicht lange durch und blickte kichernd zu Martin.
Dieser ging auf Annas Spiel ein. "Na in Ordnung, dann werde ich mal nicht so sein. Ich erkläre die Räumlichkeiten, bei einer der unten wohnenden Damen. Schwester Alma, wie sieht es aus, darf ich ihre Wohnung allen zeigen?"
Diese sah amüsierte zu Martin und Anna, nickte dann bestätigend.
"Dann wollen wir mal. Schwester Alma ihre Wohnung trägt die Nummer 5/schwarz 1. Ach im Übrigen, falls sie mal vergessen sollten, wo sie wohnen, sehen sie einfach auf ihren Overall", er wies auf seinen grünen Overall. Auf der rechten Brustseite war eines rundes Emblem, in dem sich ein lila Pfeil mit der Zahl 5/2 befand. "Die Farbe des Pfeiles entspricht der Ebene, die erste Zahl ist das Haus, die Zweite die der Wohneinheit. Bei uns geht keiner verloren", breit grinsend öffnete er auf der rechten Seite des Ganges eine Tür. Man betrat einen sehr großen Vorraum, dieser war etwas kleiner als in der ersten Wohnung, außerdem gab es hier nur zwei Türen. Als erstes Betraten alle ein großes Bad, das genauso aufgebaut war, wie das, der ersten Wohnung. Begeistert sahen sich die Schwestern an. Da die Schwestern die Information bekamen, dass sie in Gemeinschaftwohnungen untergebracht waren, nahmen die Frauen an, sie würde über Jahre in einem Raum mit jemand leben und sie müssten sich ständig mit anderen das Bad teilen. Das hatte vielen der Frauen Angst gemacht. Nun stellte es sich heraus, dass jeder eine kleine Wohnung, sein eigen nannte. Martin ging weiter in den nächsten Raum, dieser war abgeteilt.
"Hier Schwester Alma, ist ihr Wohnraum. Wir sollen uns bei ihnen entschuldigen. Leider war es nicht möglich, für alle eine komplette Zwei-Raumwohnung, zu schaffen. Der Platz hatte leider dafür nicht ausgereicht. Da sie allerdings die gesamte Zeit bekocht werden, denke ich, ist die Wohnung ausreichend. Sie werden bestimmt nur ab und zu einmal kochen wollen. Daher haben immer zwei, beziehungsweise drei Wohneinheiten, eine gemeinsame Küche. So haben wir etwas Raum gespart und konnten ihnen aber trotzdem, etwas Luxus bieten. Sehen sie selbst, ich finde die Lösung die hier gefunden wurde optimal und das noch, nach über einen viertel Jahr, so lange bewohne ich meine Wohnung schon", Martin öffnete die Tür und ließ die von ihm geführte Gruppe in Almas Wohnzimmer.
Ein erstauntes "Oh wie schön", kam von den meisten der Frauen. Es war ein wirklich schön gestaltetes Zimmer, das keinen Wunsch offen ließ. Der achtundzwanzig Quadratmeter große Raum, wurde in einen Schlaf-, Wohn- und Arbeitsbereich unterteilt. Jetzt begriffen viele, wieso der Vorraum etwas kleiner gestaltet war. Diese wenigen Quadratmeter, die dort fehlten, fielen gar nicht ins Gewicht und fehlten niemand im Eingangsbereich. Diese ermöglichten, allerdings eine geniale Lösung, für das fehlende Schlafzimmer. Gleich, wenn man den Raum betrat, sah man linker Hand, auf eine Trennwand. Die dem Wohnraum zugewandte Seite, beherbergte ein großes Bücherregal. Ein Durchgang mit Schiebetür verschloss die dahinter befindliche Schlafnische. Hinter dieser Trennwand, war ein großes Polsterbett versteckt. Außerdem verbarg sich ein Bettkasten, in dem man die Decken über den Tag verstecken konnte, in dieser Nische. Auch auf der Schlafnischen Seite, waren Regale in die Trennwand eingebaut, die als zusätzlicher Stauraum dienen sollten. Ein zweiter Durchgang, ohne Tür führte in ein kleines Büro. Den Wohnraum und das Büro, trennte ein ebenfalls deckenhohes Regal, in den man private Sachen abstellen konnte. So hatte man trotzdem eine räumliche Trennung von Wohn-, Arbeits- und Schlafbereich erreicht. Im Arbeitsbereich befand sich ein in das Regal eingearbeitet ein großer Schreibtisch, mit vielen Schüben und Ablagemöglichkeiten. Auch die Lösung im Wohnraum, war optimal. In Richtung des Wintergartens, stand eine gemütliche Sitzgruppe, die gut sechs Personen Platz bot und einen schönen Blick in den Garten zuließ. Es war einfach schön hier.
"Sehen sie, hier diese Tür können nur sie öffnen und führt sie in die Gemeinschaftsküche. Dadurch ist ihre Privatsphäre geschützt. Sie können aber jederzeit, bequem die Küche benutzen, die wie sie selber sehen, mit allem ausgestattet ist, was man braucht. Allerdings müssen sie sich den Eis, sowie den Kühlschrank mit ihren Kolleginnen teilen. Aber eine kleine Überraschung habe ich noch für sie, sehen sie hier. In der Anbauwand ist ein kleiner Kühlschrank eingebaut. Im Wintergarten, gibt es eine kleine Kochnische, mit Kaffeemaschine und einen kleinen Tresen. So dass sie sich am frühen Morgen, bequem in ihren Räumen, ein Frühstück zubereiten können, wenn sie dies einmal nicht in der Mensa einnehmen wollen."
Glücklich sahen sich die Krankenschwestern an. Sie hatten mit allem gerechnet, aber nicht, mit so viel Privatsphäre.
"Es ist einfach wunderschön. Man hat wirklich an unser Wohlergehen gedacht", sprach Alma aus, was den meisten Anderen wohl durch den Kopf ging. Das Strahlen von Almas Augen, sagte noch mehr aus, als ihre Worte.
"Dann nehmen sie bitte ihre Wege-Karte und kommen sie. Wir müssen uns langsam beeilen. Sie wollen sich bestimmt noch etwas frisch machen", Martin hielt plötzlich innen und disponierte kurz um. "Eigentlich ist es Quatsch, was ich hier mache. Warum soll ich sie jetzt noch alle mitschleppen. Wir machen das anders. Schwester Alma, wenn sie wollen, können sie jetzt hier in ihre Wohnung bleiben. Diejenigen, die ihren Wohnraum schon zu gewiesen bekamen, sollten versuchen ihre Quartiere zu finden. Ich weise jetzt sowieso nur noch die letzten Quartiere zu. Dazu müssen sie nicht mehr alle mitkommen", bot Chris seinen zukünftigen Kollegen an, um etwas Zeit zu sparen. Alle waren einverstanden und signalisierten dies, durch Nicken oder positiver Zurufe.
Martin erinnert diejenigen, die in ihre Wohnungen wollten, nochmals an die Rettungsmannschaften. "Denken sie daran, an jeder Kreuzung gibt es Notruftelefone. An den Apparaten befinden sich Nummern. Sollten sie sich verirren und gar nicht mehr zu Recht finden, rufen sie bitten die Null-Null-Null-Eins an. Also drei Nullen und die Eins. Scheuen sie sich nicht, um Hilfe zu rufen. Sagen sie einfach die Zahl am Telefon, schon werden sie mit einem Multicar abgeholt. Wir haben uns hier, in den ersten vierzehn Tagen, ständig verlaufen. Deshalb haben wir für heute, extra eine Rettungskompanie mit vierundzwanzig Kollegen und Fahrzeugen eingerichtet. Die ihnen, wenn nötig zu Hilfe eilen. Wir haben das auch gebraucht, es muss sich dafür niemand schämen", lachend sah er die von ihm geführten neuen Mitarbeiter an.
Alle nickten, die Oberschwestern, die beiden Ärzte, nahmen sich ihre Wege-Karten zu Hilfe. Bekamen von Martin noch einige Tipps, für den schnellsten Weg und liefen los. Dieser wies jetzt, dem übrig gebliebenen Pflegepersonal und den restlichen Ärzten die Wohnungen zu. Bis zum Schluss, nur noch Fritz Jacob übrig war.
"Tut mir leid Genosse Major, sie mussten leider bis zum Schluss warten. In das Haus 6, dürfen zurzeit nur sie hinein. Die anderen ihres Teams, haben die notwendige Sicherheitsstufe noch nicht. Folgen sie mir bitte. Ich zeige ihnen jetzt ihren Arbeits-, Forschungs- und Wohnbereich. Sie müssen für jeden, der diesen Bereich betreten soll, einen Antrag, bei Major Mayer stellen. Das hört sich jetzt kompliziert an, ist eigentlich nur ein kurzes Telefonat. Dann werden die entsprechenden Schlüsselkartencodes, für diesen Bereich freigeschaltet. Für Stunden, Tage, Woche oder für immer. So wie sie das für nötig erachten", Martin ging an eine Stahltür, gab einen Zahlencode über einer Türklinke ein, zog zusätzlich seine Generalkarte durch.
Christoph Martin, war einer der wenigen im "Projekt Dalinow", der über eine solche Karte verfügte. Dadurch konnte er alle Türen öffnen. Schon gab es ein leises Klicken, die Tür öffnete sich automatisch.
Verwundert sah Jacob sich im Haus 6 um, hier war alles ganz anders. Bis jetzt war alles hell erleuchtet, weiß gestrichen, hier dagegen war es dunkel, alles wirkte düster. Nur eine Art Notbeleuchtung war an.
Schockiert sah sich Fritz Jacob um. "Wieso ist es hier so dunkel? Hier kann man gar nicht vernünftig arbeiten?", verwundert sah Jacob Martin an.
"Das kann ich ihnen nicht sagen. Ich führe sie jetzt nur in die Krankenstation, nach unten komme ich mit dieser Karte nicht. Nach dem Warum, müssen sie Major Mayer oder Oberst Hunsinger fragen. Soviel ich weiß, sind die hier noch nicht ganz fertig, Genosse Major."
Dieser nickte. "Das kann der Grund sein. Der offizielle Start ist ja erst im Mai. Also in vier Monaten", bestätigte Jacob, den Gedankengang von Martin. Damit liefen beide auf eine weitere Stahltür zu. Jacobs Begleiter öffnete diese, auch mit der Kombination von Code und Karte.
Irgendwie beschlich Jacob ein ungutes Gefühl. Aber da musste er jetzt wohl durch. Er hatte den Vertrag unterschrieben, jetzt gab es kein Zurück mehr. Ganz schwach, nistete sich ein Gedanke bei ihm ein. Hatte sein Mentor irgendwo Recht gehabt?
Dieser Gedanke wurde fast sofort wieder beiseite Seite geschoben, denn Jacob fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er die Krankenstation betrat. Er war vorhin schon begeistert, von der Krankenstation für das Personal, die sich auf der Ebene 1/gelb, unterhalb der Mensa befand. Solche Arbeitsmöglichkeiten, hatte er nicht einmal in der Uniklinik und diese war schon vom Feinsten ausgerüstet. Was er auf der Krankenstation der 6/rot sah, toppte das ganz Gesehene noch um das Vielfache. Er sah mitten in der Krankenstation, ein mit künstlichem Licht beleuchteten Wintergarten. Chris machte ihn sofort darauf aufmerksam, dass am Tag, alles vom Tageslicht erhellt wurde. Allerdings war dieser, zum Patientenbereich dunkel abgeschottet. Dadurch gab es einen extra abgetrennten Bereich für das Pflegepersonal, eine eigene kleine Apotheke, ein Röntgenapparat, fünf kleine aufs feinste ausgestattete Operationssäle, mit wirklich allem, was sich ein Arzt nur wünschen konnte. Fritz Jacobs Herz machte einen doppelten Salto. Es war wie in einem Traum, Arbeitsbedingungen vom Allerfeinsten.
"Da stauen sie wohl Doktor?"
Sprachlos wie Fritz Jacob war, konnte er keinen Ton sagen. Etwas das bei ihm selten vorkam.
"Dann kommen sie einmal mit Doktor, wenn ihnen das hier schon die Luft zum Atmen nimmt. Dann sehen sie sich erst einmal das Labor an. Mein Vater ist auch Arzt, der würde für das Labor sein Leben geben", berichtete Martin dem Chefarzt und zog den immer noch staunenden Jacob einfach hinter sich her. Der folgte widerspruchslos, dem jungen Mann. Dieser ging zu einem Aufzug und fuhr zwei Etagen nach oben.
Als sich die Aufzugtür öffnete, konnte sich Jacob ein: "Das gibt es doch gar nicht", einfach nicht verkneifen. "Ich bin im Paradies", entfuhr es ihm und er ging los, um sich die neuen Geräte anzusehen: Dispergiergerät, Zentrifugen, Verdampfer, Standautoklaven, Spektralphotometer, Binokularmikroskop und vieles mehr, entdeckte der Chefarzt. Fassungslos sah er seine Laboreinrichtung und dann Martin an. Der nickte ihm aufmunternd zu.
Jacob schüttelte den Kopf. "Buahaw. Ich bin im Paradies", zu mehr, war Jacob einfach nicht in der Lage.
"Sie können sich das heute Abend oder morgen, alles in Ruhe ansehen. Ich möchte ihnen noch ihre Wohnung zeigen, Herr Doktor. Ich muss gleich zu einer Besprechung", drängelte Martin und zeigte fordernd auf den Aufzug, den er mit Jacob zusammen betrat. Gemeinsam fuhr man in die zweite Etage. Wenn Fritz Jacob beim Einsteigen in den Aufzug dachte, jetzt ginge es nicht noch besser, verschlug es ihm gleich noch einmal die Sprachen. Als sich die Aufzugtür öffnet betrat er, in seinen Augen keine Wohnung, sondern einen Palast.
Jacob war schon von den Wohnung Anderson begeistert und wähnte sich im Paradies. Das, was er jetzt zu sehen bekam, toppte alles bis jetzt Gesehene. Er wäre selbst mit einer so kleinen, wie nannte Martin sie gleich, Gemeinschaftswohnung, zufrieden gewesen. Selbst diese Wohnungen waren ein Palast, gegen das, was er bis zum gestrigen Tag bewohnt hatte. Jacob lebte in einem nur acht Quadratmeter großen Zimmer, dass er zur Untermiete bewohnte. In dem er nicht einmal ein eigenes Bad hatte. Er durfte dort nur die Gästetoilette mitbenutzen. Jetzt stand Jacob im Wohnzimmer, seiner Sechs-Zimmerwohnung.
"Ich bin im Paradies", stammelte dieser zum wiederholten Male. "Bitte Chris, kneifen sie mich einmal. Ich glaube, ich träume."
Martin zwickte den ihm sehr sympathischen Doktor, einfach in den Arm.
Jacob schrie laut auf. "Auwa. Ich träume nicht", brachte er nur hervor und rieb sich den Arm. Nach einer Weile des Staunens, lief er in den Raum hinein, ging mal hierhin, lief mal dahin. Dann sah er fassungslos zu Chris.
"Chris, was in drei Teufels Namen, soll ich mit so viel Platz?"
Martin lachte schallend über Jacob. Der völlig fassungslos da stand, wie ein kleines Kind, dem man seinen größten Wunsch erfüllt hatte. "Ach Herr Doktor, sein sie froh, zu viel Platz, kann man nie haben."
Jacob schüttelte jedoch den Kopf. "Wissen sie Chris, ich habe bis gestern, auf acht Quadratmetern gewohnt. Ich verlaufe mich hier drinnen doch", völlig von der Rolle, schüttelte dieser den Kopf und raufte sich die Haare.
Martin versuchte den Arzt zu beruhigen. "Ach Herr Doktor, da gewöhnen sie sich schnell dran", meinte Chris lachend, ein Blick auf die Uhr ließ ihn ernst werden.
"Herr Doktor, es tut mir leid, ich muss wirklich los. Hier ist ihre Zugangskarte, sie können sich in allen Bereichen des Hauses 6 frei bewegen. Außer die Bereiche blau, grün, gelb, lila und schwarz, diese Bereiche sind noch für niemanden, außer Major Mayer und dem Hausmeister freigegeben. Also Herr Doktor, sie ziehen die Karte einfach durch, geben einen Code ein. Diesen Code bestimmen sie selber, merken sie sich diesen Code gut, sonst gibt es dann Probleme. Diese Karten lassen sich nicht so einfach umprogrammieren. Damit ist ihre Karte gespeichert. Soll ich ihnen dabei noch helfen?"
Jacob schüttelte den Kopf, er hatte dies schon einige Male gemacht, er kannte diese Art Karten aus der Uni in Greifswald. "Nein Chris gehen sie ruhig. Ich komme schon klar. Um 20 Uhr muss ich in der Mensa sein? Dann kann ich mich ja noch zwei Stunden hinlegen. Ich bin fix und fertig. Vielen Dank für die tolle Führung. Einen schönen Abend noch, vielleicht trinken wir heute Abend ein Gläschen."
Chris schüttelte den Kopf. "Tut mir leid. Das wird nicht gehen, meine Aufgabe ist hiermit leider beendet. Ab 18 Uhr beginnt mein regulärer Dienst hier im Objekt. Ich gehöre heute zur Rettungsmannschaft, später dann zur Wachmannschaft, speziell zum Bodenpersonal des Flugplatzes. Aber wir werden uns schon noch sehen. Also alles Gute, eine schöne Zeit noch, Herr Doktor", sofort drehte Martin sich um und verließ Jacobs Wohnung über die Treppe.
"Auf Wiedersehen", rief ihm Jacob noch hinterher.
Die Tür war jedoch schon ins Schloss gefallen. Martin musste es wirklich sehr eilige haben. Fassungslos schaute sich Jacob erst einmal um.
Immer noch sprachlos über diese wunderschöne Wohnung, ging Jacob auf den Balkon. Obwohl es heute eisig kalt draußen war. Von hier aus konnte er auf den Flugplatz sehen. Verwundert stellte er fest, dass die Brüstung zum Teil aus einer Art Glas war. Im ersten Moment, dachte Jacob es würde ein Stück Brüstung fehlen. Als er aber genauer hinsah, stellte er fest, dass dieser Teil der Brüstung durchsichtig war. Vom Balkon aus konnte man über die Bäume und den Zaun hinweg sehen. Wenn man nach Norden sah und die Sicht es zuließ konnte man von hier aus bestimmt die Ostsee sehen. Sein Weg führte auf dem Balkon weiter, einmal um seine Wohnung herum. Von jedem Zimmer konnte er den Balkon betreten, außer vom Bad aus. Es war im Sommer wahrscheinlich herrlich hier, da man praktisch mit der Sonne wandern konnte, wenn man die Zeit dazu hatte. Jacob riss sich los, von dem wunderschönen Ausblick und betrat wieder seine Wohnung.
Nach einigem Suchen, fand Jacob sogar das Bad und ging hinein. Glücklich drehte er den Hahn an der Badewanne auf, nahm sich aus dem Regal Badezusatz, schüttete diesen hinein.
'Oh Gott', ging es Jacob durch den Kopf. 'Wann hatte er das letzte Mal die Gelegenheit in einer Wanne zu liegen? Das war bestimmt zwölf Jahre her. Damals im Krankenhaus, als er verwundete war, durfte er baden. Sonst konnte er, immer nur im Krankenhaus duschen und das auch nur, wenn er mal keinen Zeitdruck hatte. Diesen Luxus würde er sich heute gönnen. Weiß der Teufel, wann er wieder einmal dazu Zeit hatte.'
Schon zog er sich aus, legte seine Sachen auf den Boden und stieg in das heiße Wasser. Was für ein Genuss? Schon deshalb hatte sich der Entschluss gelohnt, diesem Projekt beizutreten. Fast eine Stunde blieb er in der Wanne liegen, genoss einfach die Entspannung. Dann stand Jacob auf, wusch sich und duschte sich nochmals ab. Frottierte sich richtig trocken und lief hinüber in seinen Schlafraum, um den Kleiderschrank zu öffnen. Lauter weiße Overalls hingen hier, auf deren rechten Seite ein Emblem mit einem weißen Pfeil und den Zahlen 6/1 befestigt waren. Er nahm sich T-Shirt, Turnhose, Socken aus dem Schrank und zog sich an. Selbst auf den weisen Schuhen befand sich das Symbol für seine Wohnung.
Jacob schaute auf die Uhr. Es war nicht einmal 18 Uhr 30, also konnte er sich sein neues zu Hause, erst einmal in Ruhe ansehen. Völlig begeistert stellte er fest, dass er sogar einen eigenen Kamin besaß. Eine vollständig eingerichtete Küche und sogar der Kühlschrank waren vorhanden. Kaffeemaschine und Herd waren da. Eisschrank, Mixer, Obst lag in einer Schale. Weiter ging er, in sein zukünftiges Arbeitszimmer. Indem ein großer Schreibtisch so stand, dass man aus dem Fenster sehen konnte, davor ein Tisch mit zehn Plätzen. Links vom Schreibtisch befand sich ein großes Bücherregal, voller Fachliteratur, die er sich sonst nie hätte leisten können. Ein Aktenschrank, in dem leere Dossiere mit den Nummern von 1 bis 100 hingen. Nebenan, hatte er sogar noch ein eigenes kleines Labor, für Forschungen die er nach Feierabend, noch hier oben fortführen musste.
Selbst ein Gästezimmer war eingerichtet und stand ihm zur Verfügung. Aber auch einen Fitnessraum besaß er. So musste er nicht einmal nach vorn in die Halle, um sich fit zu halten und sparte sich so den weiten Weg. Sogar eine kleine Sauna entdeckte er, in seinem Badezimmer, als er eine Holztür öffnete. Diese ließ den Blick frei nach draußen in den Park, da die Frontseite der Sauna gänzlich aus Glas bestand. Jetzt wurde ihm auch der Sinn der Glasbrüstung klar. Trotzdem ging er nochmals auf den Balkon nur um sich eine Bestätigung dessen zu holen, was er vermutete. Ein Blick vom Balkon aus in die Sauna, klärte ihm darüber auf, dass man zwar hinaus, aber nicht hinein schauen konnte.
Kopfschüttelnd ging er zurück ins Schlafzimmer, um sich fertig anzuziehen. Unter den Overall zog er einen langärmligen Pullover, um sich warm zu halten. Denn Jacob hatte sich überlegt, dass er durch den Park zur Mensa laufen würde. Wenn er ehrlich war, hatte er keine Ahnung, wie er durch das Wirrwarr der Gänge, den Weg zurück finden sollte. Das musste er sich morgen einmal in Ruhe ansehen. Im Spiegel begutachtet er sich und nickte sich selbst lachend zu.
"Jetzt musst du dich aber, mit Sie ansprechen", erklärte er seinem Spiegelbild und fing schallend an zu lachen. Dann fuhr er sich durch seine Stoppeln, zog den Reißverschluss des Overalls richtig hoch, hing sich die Schlüsselkarte um. Verließ mit der Wege-Karte in der Hand, die Wohnung.
Eilig lief er nach unten und aus dem Haus. Halb rennend, da es eisig kalt war, hastete er auf die Mensa zu, zog die Karte durch den Schlitz der Eingangstür und schon war er wieder im Warmen. Der Diensthabende in der Anmeldung, blickte ihm lachend entgegen.
"Na Herr Doktor, innenlang war ihnen wohl zu gefährlich."
Jacob grinste zurück und nickte. "Da wäre ich wahrscheinlich, in drei Wochen noch nicht hier oder unterwegs irgendwo erbärmlich verhungert. Ich glaube nicht, dass ich den Weg gefunden hätte", konterte der Chefarzt, jetzt schallend lachend.
"Das glaube ich ihnen gern", der Posten an der Anmeldung, nickte Jacob grüßend zu. Jacob lächelte zurück und betrat den großen Saal.
Als der zukünftige Chefarzt des "Projektes Dalinow" die Mensa betrat, in der schon viele Leute versammelt waren, staunte er nicht schlecht. All seine neuen Kollegen, waren schon versammelt, mit den vielen verschiedenen farbigen Overalls, waren es ein wirklich bunter Haufen. Auch die Pfeile in den Emblemen hatten unterschiedliche Farben. Da entdeckt er Anna, die wie er einen weißen Overall trug, mit einem roten Pfeil darüber die Zahl 5/1. Sie gehört also zu seinem Team, genau wie Alma, Anett und Ingrid. Also hieß dass nichts anderes, als dass das medizinische Personal weiß trug. Die Laboranten dagegen trugen hellblau, stellte Jacob fest. Gerade hatte er Walter Zolger entdeckt. Den Hausmeister hatte er auch schon entdeckt, dieser trug orange. Dann schien das Wachpersonal grün zu tragen, denn Martin trug einen grünen Overall. Na das war doch übersichtlich, dachte sich Jacob. Die Kollegen mit den schwarzen Overalls, konnte er noch nicht zuordnen, aber dies würde er in den nächsten Tagen noch herausbekommen. Zielstrebig steuerte Jacob auf die Gruppe seiner Mitarbeiter zu.
"Guten Abend die Damen und die Herren. Na wie ich sehe, haben auch sie, alle den Weg hierher gefunden", gab Jacob lachend seinen Untergebenen kund. Diese lachten vergnügt zurück.
Anna, wie von Anfang an offenherzig. "Ich wurde gerettet. Nach einer dreiviertel Stunde, des Herumirrens, fand ich ein Telefon und habe furchtbar laut, um Hilfe geschrien", alle anderen nickten, ihnen erging es nicht besser.
"Ich auch", kam von allen Seiten. Fragend sah man Jacob.
Dieser zog verlegen die Schultern hoch. "Ich habe gemogelt, bin einfach durch den Park. Ich hätte sonst niemals hierher gefunden. Ich denke wir müssen morgen als Erstes, eine Exkursion im Objekt machen. Wie finde ich mich zurecht?", machte er einen sinnvollen Vorschlag und sah die neuen Kollegen an. So schwatzen, flachsen man eine Weile herum.
Punkt 20 Uhr betrat Oberst Hunsinger die Bühne. "Guten Abend meine Damen, meine Herren. Wie ich erfahren habe, hatte unsere Rettungskompanie, alle Hände voll zu tun. Aber das macht nichts. Keine Angst, in ein paar Wochen haben sie sich an die Größe des Objektes gewöhnt. Dann finden sie den Weg in Richtung Mensa immer. Herzlich Willkommen, noch einmal von mir. Nehmen sie Platz und genießen sie diesen Abend. Ich wünsche ihnen allen viel Spaß, tanzen sie etwas und trinken sie nicht zu viel. Bis später", schon war Hunsinger wieder von der Bühne verschwunden.
Ein ganzer Trupp, der Versorgungskompanie, betrat den Saal und brachte Klöße Gänsebraten Rotkohl. Schweinebraten, Schnitzel, Mischgemüse, Kartoffeln, aber auch Nachspeisen auf den Tisch. Der sich unter der Last zu biegen begann. Es wurde gefuttert, gelacht und geschwatzt. Eine dreiviertel Stunde später, wurden die Tische genauso schnell wieder abgeräumt und neu mit Gläsern und Getränken gedeckt.
Plötzlich standen hinter der Bar, Mitarbeiter des Servicebereiches, die auf ihre Gäste warteten und auf die Tische wurden Weinkühler gestellt. Man fragte die Gäste, was sie trinken wollten, die Stimmung wurde immer besser.
Unerwartet wurde es dunkel in der Mensa und das Licht auf der Bühne ging an. Ein Kulturprogramm wurde vorgeführt: mit Kabarett, Zauberei, Artistik, alles vom Feinsten. Die Künstler bekamen viel Applaus, die Stimmung wurde immer entspannter. Kurz vor 23 Uhr begann eine Band zu spielen und viele fingen an zu tanzen.
"Herr Doktor, haben sie auch Lust zum Tanzen? Wollen wir es einmal zusammen versuchen, ob es mit uns klappt? Oder ob wir uns eher auf den Füßen herum hopsen?", fragte Schwester Anna den Chefarzt, der ihr sofort sympathisch war. Da Jacob nicht wie die anderen neun Ärzte, auf Distanz und Abstand bedacht war. Dieser junge gut aussehende Arzt, hatte sofort ihr Herz erobert.
"Na klar, versuchen können wir es ja mal. Aber auf eigene Gefahr. Zur Not leiste ich erste Hilfe", antwortet ihr Jacob sofort, auf seine natürliche und unkomplizierte Art. Dies brachte ihm von Seiten der Schwerstern schallendes Gelächter ein und von Seiten seiner Kollegen missbilligende Blicke und ein Kopfschütteln. Die nicht verstehen konnten, dass der Chefarzt sich mit den Untergebenen amüsierte.
Fritz Jacob war sich in den letzten Stunden bewusst geworden, dass er nicht siebzehn Jahre auf Distanz, zu den Leuten hier bleiben konnte. Deshalb hatte er vorhin in der Badewanne schon darüber nachgedacht, wie er sich heute, bei der Willkommensfeier, verhalten sollte. Ob er auf Distanz gehen oder ein offenes, respektvolles, freundschaftliches Verhältnis zu den Schwestern und Ärzten aufbauen sollte. Ihm wurde bewusst, was ihm sein Mentor über Menschenführung beigebracht hatte.
Hillinger sagte immer zu ihm. "Fritz, eine strenge freundschaftlich, respektvoll geführte Hand, bewirkt stets mehr, als absoluter Gehorsam. Dies ist auch beim Militär so. Deine Mitarbeiter werden dann offener, bringen mehr gute Ideen ein und Kritik eher zur Sprache. Da sie dann keine Angst vor Konsequenzen haben müssen, als wenn man diese auf Gehorsam trimmt."
Mit viel Wehmut dachte Jacob an seinen Mentor. Kurz huschte ein dunkler Schatten über Jacobs Gesicht, den er gleich wieder verscheuchte. So war sein Mentor nun einmal und genauso, war er mit seinen Leuten umgegangen. Hillinger fand es stets eine Bereicherung, wenn neue Leute ins Team eingeführt wurden.
Deshalb tanzte, lachte und sang Jacob zum Schluss sogar mit den Frauen. Um ein Uhr beendete Hunsinger die Feier, wünschte allen eine gute Nacht. Gemeinsam gingen Schwester Anna, Doris, Sabine, Pia, Alma und Jacob in Richtung des Haus Nummer 5 und versuchten sich an Hand der Wege-Karten zu orientieren. Lachten schließlich über sich selber, als sie das dritte Mal, an derselben Notrufsäule herauskamen. Sie liefen ständig im Kreis. Nach fast einer Stunde ziellosen Herumirrens, bat man dann schließlich die Rettungstruppe um Unterstützung. In dem man die Notrufsäule benutzte. Nur drei Minuten später kam ein Multicar, auf dem zehn Personen Platz fanden, um alle zu ihren Quartieren zu fahren.
Lachend erklärte der Fahrer der Rettungskompanie, dass wirklich alle der hundertfünfundsechzig Leute, heute irgendwo abgeholt werden mussten. Jacob wäre der letzte gewesen, der bis jetzt noch nicht gerettet wurde. Der Fahrer gab einige sehr nützliche Tipps, zum Umgang mit den Wege-Karten.
Jacob bestellte sich den jungen Unterleutnant, für früh um 6 Uhr in seine Wohnung. Wo dieser ihm im ausgeschlafenen, wieder aufnahmefähigen Zustand, dies noch einmal genau erklären sollte. So dass er in der Lage war, dieses Wissen an seine Leute weiterzugeben. Der junge Mann war gern dazu breit und nickte. Bat aber daraufhin den Chefarzt um Verständnis, dass man das Treffen auf 6 Uhr 30 verlegen müsste. Da früh erst eine Besprechung bei Mayer angesetzt war.
Jacob stieg vom Multicar und ging auf die Sicherheitstür zu, durch die er zum Aufzug in seine Wohnung gelangte. Dann fuhr er das erste Mal in seinem Leben, in seine eigene Wohnung. Dort fiel er, so wie er war ins Bett, völlig geschafft von den vielen Informationen, dem Erlebten und der Feier. Traumlos schlief er bis früh um 6 Uhr 30. Genau um diese Zeit, wurde der Chefarzt wach geklingelte. Unterleutnant Corsten, der Fahrer vom Vorabend, stand an der Tür des Chefarztes. Jacob sah Corsten, total verschlafen an.
"Genosse Major, soll ich später wieder kommen?" Jacob schüttelte den Kopf.
"Kommen sie rein. Ich heiße im Übrigen, Fritz. Lassen sie den Major in meinen privaten Räumen weg."
Corsten nickte. "Gern, bin der Heiko, Heiko Corsten."
"Dann komm rein Heiko, willst du auch einen Kaffee? Ich glaube der letzte Kaffee gestern, war wohl schlecht", erklärte Jacob grinsend. Blickte sich suchend in der Wohnung um. Verdammt nochmal, dachte er bei sich. Wo war gleich die Küche? Dann ging er auf eine Tür zu und schüttelte den Kopf. Das war das Labor.
"Heiko, helf mir suchen. Ich weiß nicht mehr, wo die Küche ist. Wir müssen sie erst finden, wenn du ein Kaffee willst", stellte er lachend fest. Es war ihm zwar irgendwie peinlich, dass er nicht mehr wusste, wo die Küche war, aber es war auch lustig. Jacob konnte, in solche Situationen, immer noch über sich selber herzhaft lachen. Deshalb versuchte er es einfach an der nächsten Tür. Heiko fand das auch gar nicht schlimm und beteiligte sich an der Suchaktion. Jacob war froh, er hatte das Bad gefunden.
Schließlich wurde Corsten fündig, er rief auf Jacobs Stichelei eingehend. "Fritz, hier ist die Küche, ich hab mir meinen Kaffee verdient."
"Na danke dir, Heiko. Verdammt ich verlaufe mich hier drinnen. Die Wohnung ist viel zu groß für mich. Setz dich, gleich gibt's Frühstück", schon war er ebenfalls in der Küche verschwunden.
Schnell suchte Jacob alles zusammen, was man zum Frühstück brauchte und stellte es auf den Tisch. Kochte Kaffee, röstete Schnitten in einem Toaster, kochte Eier. Es dauerte keine zwanzig Minuten und schon saßen die beiden Männer am Frühstückstisch, tauschten ihre Gedanken aus. Corsten erklärte Jacob noch einmal die Wege-Karten, die ganz einfach zu handhaben waren, wenn man denn wusste wie. Straußend und scherzend frühstückten die Beiden, nebenher erfuhr Jacob viel über dieses Projekt. Corsten war schon sehr lange Zeit auf dem Gelände und hatte die gesamte Bauphase miterlebt. Es waren interessante Informationen, die der zukünftige Chefarzt bekam. Immer wieder wies Corsten daraufhin, dass Jacob sich unter den Ärzten positiv hervorhob.
"Fritz, du bist ja super drauf. Die meisten anderen Ärzte haben uns behandelt, wie Abschaum. Dabei bist du hier der Chefarzt."
Jacob zuckte mit den Schultern. "Na und. Das ist auch nur ein Titel. Ich wasche mich deshalb, auch nur mit Wasser. Was sagt ein Titel über einen Menschen aus. Wichtig ist, wie der Mensch hier drinnen ist", damit zeigte Jacob auf sein Herz.
Gähnend saß Corsten am Frühstücktisch, rieb sich die Augen.
"Na ich glaube, du musst auch einmal ins Bett", stellte Jacob trocken fest.
"Ja, ich bin todmüde. Wir sind seit Wochen, kaum zum schlafen gekommen. Du glaubst nicht, was in den letzten Monaten hier los war. Wir waren hier nicht nur zur Bewachung da, sondern waren auch Bauhelfer und Handwerker. Glaube mir, sonst wäre das bis heute nicht fertig geworden. Wir haben hier nie länger als vier bis fünf Stunden geschlafen. Ich hoffe nur, dass es jetzt etwas ruhiger wird."
Jacob grinste breit. "Wo bist du eigentlich eingeteilt, Heiko?"
"Fritz, ich gehöre eigentlich zum Bodenpersonal des Flugplatzes und der Luftüberwachung. Aber die fängt erst im Februar an, wenn das Objekt völlig versiegelt ist. Bis dahin gehöre ich zur Rettungsmannschaft, die hier mehr als notwendig ist. Dieses Objekt macht mich wahnsinnig. Immer, wenn ich dachte, jetzt finde ich etwas ohne diese verdammte Wege-Karten, habe ich mich prompt wieder verlaufen", berichtete er betrübt.
Jacob nickte. "Das kann ich mir vorstellen. Verdammt vom Eingang aus, sieht das hier so winzig und unscheinbar aus. Aber durch die Röhren, von denen du mir vorhin erzählt hast, ist das schon vorstellbar. Trotzdem verstehe ich nicht, wo die diese ganzen Korridore hergezaubert haben, so groß ist das Gelände überhaupt nicht."
Corsten zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung Fritz. Ich denke die haben hier überall Spiralen eingebaut, damit das Gefälle nicht zu stark wird. Aber du kannst mir eins glauben, mit der Zeit wird’s besser, Fritz. Du wirst es sehen. Danke für den Kaffee, soll ich dich irgendwo mit hinnehmen oder abholen?", der Chefarzt schüttelte den Kopf.
"Nein, sehe mal zu, dass du ins Bett kommst und vor allem etwas schläfst, Heiko. Wir sehen uns bestimmt in den nächsten siebzehn Jahren nochmal", meint der Chefarzt trocken. "Aus den Augen, können wir uns trotz der Größe des Geländes, bestimmt nicht verlieren. Irgendwann trinken wir bestimmt noch mal einen Kaffee zusammen. Danke noch einmal für die tolle Erklärung der Karten, das wird uns sehr helfen."
Sofort stand Heiko Corsten auf und hielt Jacob die Hand hin. "Dann auch von mir noch ein herzlich Willkommen, bis später", sofort verschwand Heiko aus der Küche und man hörte nur noch die Tür ins Schloss fallen. Es war bereits kurz nach 8 Uhr, als Jacob auch den Frühstückstisch verließ, den Tisch abräumte und duschen ging.
Sofort machte sich Jacob auf den Weg zur Mensa. Er wollte nicht gleich am ersten Tag zu spät kommen. Durch das Erklären der Wege-Karten, fand Jacob sofort den Weg. Da er damit gerechnet hatte, sich zu verlaufen, traf er viel zu zeitig ein, aber er war wenigstens pünktlich. Jacobs Ärztekollegen nahmen ihn sofort in Beschlag. Kurz vor 9 Uhr 30 holte Mayer, Jacob und Zolger, zu einer ersten Dienstbesprechung ab.
Der Alltag hielt Einzug im "Projekt Dalinow". Eine Schulung jagte die nächste, die Besprechung der Mitarbeiter und des Führungsstabes löste einander ab. Trotzdem war es ein gemäßigtes Arbeiten, in dem man auch noch Zeit für die schönen Dinge im Leben hatte. Es waren einige Schlichtungen zwischen den Ärzten und Schwestern nötig. Einige seiner Ärztekollegen, behandelten ihre zugeordneten Schwestern, wie den letzten Dreck.
So verging Woche um Woche, schnell war ein viertel Jahr vorüber, in dem die Teams Zeit hatten zusammenzuwachsen. Es gab viele "blaue Flecken" und auch einige ernsthafte "Blessuren", aber dadurch konnten sich viele Ecken und Kanten abschleifen.
Der Chefarzt hatte alle Hände voll zu tun, um aus dem Haufen zusammengewürfelter Menschen ein Team zu formen, in dem sich einer auf den anderen verlassen konnte. In einer Sache waren sich, bis auf wenige Ausnahmen alle einig, man freute sich über die Zusammenarbeit mit Jacob. Der Chefarzt führte seine Truppe nach dem Vorbild seines ehemaligen Mentors. Viele bauten zu Fritz Jacob ein freundschaftliches Verhältnis auf. Selbst mit Mayer hatte sich Jacob angefreundet, der genauso leidenschaftlich, wie dieser lief und Billard spielte.
Vor allem hatte sich ein Rhythmus im Leben des neu ernannten Chefarztes herauskristallisiert. Früh um 5 Uhr, stand Jacob auf und lief eine dreiviertel Stunde, eine Runde um den Park, oft in Begleitung von Sigmar Mayer oder seinem neuen Freund Heiko Corsten. Danach ging er duschen, im Anschluss gegen 7 Uhr 30 in die Mensa, zum Frühstücken.
Zum Leidwesen, seiner zum Teil sehr hochnäsigen Ärztekollegen, zog er sich nicht in die Offiziersmesse zurück. Jacob frühstückte in der Mensa zusammen mit seinen Mitarbeitern, an einem Tisch. Er nutzte diese Zeit, um kleinere Probleme in seinem Team zu besprechen. Durch diese offene "Personalpolitik" stand er auf der gleichen Stufe mit seinen Mitarbeitern und konnte bei Spannungen schneller reagieren. Einige seiner Ärztekollegen hatten sich schon den Gepflogenheiten des Chefarztes angeschlossen und aßen ebenfalls in der Mensa, so dass die meisten der Ärzte zu den Schwestern ebenfalls ein freundschaftliches Verhältnis aufbauten. Von den wenigen Ärzten, die sich absonderten, wurde er als Außenseiter betrachtet. Das konnte Jacob allerdings nicht ändern. Dies waren auch die Ärzte, mit denen es ständig Probleme gab. Wichtig war ihm, dass er zu der Mehrheit seiner Untergebenen ein gutes Verhältnis aufbaute. Schließlich musste er mit den Schwestern und Ärzten eng zusammenarbeiten. Da Walter Zolger sein Team nach der gleichen Methode führte und stets mit seinen Laborantinnen aß, fand Jacob dass es die bessere Entscheidung war. Er konnte es nicht allen Rechtens machen.
Dass ein Teil der Ärzte ihn nicht sonderlich mochten, lag in Jacobs Augen nicht daran, dass er nicht in der Offiziersmesse speiste, sondern an deren Überheblichkeit. Sie hielten sich für etwas Besseres. Wahrscheinlich waren sie so gegen ihn eingestellt, weil vom Alter her ihnen der Chefarztstuhl zugestanden hätte. Mit der Missgunst einiger Kollegen, hatte er schon in der Uniklinik zu kämpfen gehabt. Diese Kollegen konnte er nur mit viel Feingefühl, vom Gegenteil überzeugen, das brauchte Zeit und die hatte er zur Genüge. Es waren drei von insgesamt fünfzig Mitarbeitern. Mit diesen zum Teil hochnäsigen Kollegen konnte er nur zusammenarbeiten, in dem er sie akzeptierte wie sie waren. Wenn sie sich nicht anpassen konnten oder ständig weiter gegen das Team arbeiteten, würden sie zu denen gehören, die als erstes gingen.
Selbst zum Wachpersonal war Jacobs Verhältnis sehr gut, vor allem aber zum Team des Hausmeisters und vor allem, zum Team der Küche. Immer wieder einmal mussten kleine Blessuren behandelt werden und so bekam der Chefarzt schnell zu allen Kontakt. Da er sich nicht zu schade war, jeden Mitarbeiter, der zu ihm kam selbst zu behandeln. Im Moment hatte er noch die Zeit und die Möglichkeit dazu und nutzte diese um die Menschen im Projekt kennen zu lernen. Die Zusammenarbeit mit dem Küchen- und Servicekräften, war sehr gut, dies war auch wichtig. Ab und zu, hatte Jacob schon mal die eine oder andere Mahlzeiten verpasst. Die Küchenfeen, wie Jacob, das Küchenpersonal immer liebevoll nannte, versorgten ihn auch später noch mit einer warmen Mahlzeit, da den Chefarzt alle mochten. Also würde er es auch bei den drei Ärzten noch schaffen.
Fast vollständig zufrieden war Jacob mit seinem derzeitigen Leben. Nur eine winzige Sache störte ihn von Tag zu Tag mehr. Das war die Tatsache, dass er immer noch keine genauen Unterlagen über das eigentliche Projekt in der Hand hielt. Täglich vertrösteten ihn Mayer, aber auch Hunsinger. Beide entschuldigten sich in regelmäßigen Abständen, wegen der zeitlichen Verschiebung.
Langsam aber sicher, brannte Jacob die Zeit unter den Nägeln. Denn es ging mit riesen Schritten auf Ende April zu. Der Chefarzt hatte alle Schulungen, die man ihn vorgeschlagen hatte, durchgeführt. Auch einige in seinen Augen unzweckmäßige Weiterbildungen. Zu was bitte, brauchte man Kinderheilkunde hier in diesem militärischen Projekt. Jacob war allerdings der Meinung, dass ein mehr Wissen nicht schaden konnte. Deshalb führte er auch diese Schulungen gewissenhaft durch. Irgendwie musste er seine Kollegen beschäftigen und bei guter Laune halten. Langeweile konnte er sich nicht leisten, das würde für das Arbeitsklima nicht gut sein. Mittlerweilen, hatte sich alle eingelebt und die Rettungskompanie brauchte kaum noch jemand, weil alle mit den Wege-Karten zurechtkamen. In einem waren sich alle Kollegen einig, sie fanden es immer noch wunderschön und erholsam hier...
Vier Monate nach dem Start des "Projektes Dalinow", schreckte Jacob kurz nach 5 Uhr aus dem Tiefschlaf. Verdammt er hatte verschlafen, der Dienstagmorgen fing ja gut an. Völlig verdreht und noch halb schlafend sprang Jacob aus dem Bett und zog sich, ungeduscht, die Trainingssachen an. Lief hinunter in den Park, vor zum Haus 2, vor dem Sigmar Mayer schon seit zehn Minuten ungeduldig auf ihn wartete.
"Morgen Sigmar, entschuldige ich habe es total verschlafen. Ich habe gestern viel zu lange gearbeitet und habe dann bis heute früh um 3 Uhr einen Test ausgewertet. Ich wollte einfach fertig werden und nicht heute noch einmal von vorn anfangen.", verlegen zog Jacob die Schultern hoch und rieb sich den Nacken.
Lachend sah Mayer zu dem völlig verschlafen aussehenden Jacob. "Nicht schlimm Fritz, komm lass uns loslaufen."
Sofort setzten sie sich die beiden Freunde in Trapp, liefen die gewohnte Runde: einmal auf dem Wachstraßenring, rund ums Objekt. Das war eine Strecke von reichlichen zwanzig Kilometern. Jacob zog das Tempo etwas an, damit man die verlorenen zehn Minuten wieder aufholte. Er wusste mittlerweile, dass Mayer einen sehr enggesetzten Zeitplan besaß und Mayer diesen, egal was kam, nie aus den Augen verlor.
Oft hatte sich Jacob gewundert, wie der ihm am Anfang sehr unsympathische Kollege, sein Arbeitspensum schaffte. Langsam wurde es ihm klar: Ein sehr gut durchorganisierter Tagesablauf ermöglichte dies. Dieser Zeitplan wurde gepaart mit einer eisernen Disziplin, in allem, was Sigmar Mayer tat. Nichts konnte ihn von seiner einmal festgelegten Reihenfolge in der Arbeit abbringen. Stur wie ein Stier ging er diese, Schritt für Schritt durch, kam es zum Verzug, knappte er die fehlende Zeit, stets von seiner kurz bemessenen Freizeit ab.
Deshalb lief Jacob jetzt ein schärferes Tempo, damit Mayer wenigstens in Ruhe, mit seiner kleinen und schwer behinderten Tochter Frühstücken konnte. Zur gewohnten Zeit, kurz nach halb Sieben, erreichten sie den Ausgangspunkt des Laufes. Beide waren völlig aus der Puste. Sigmar Mayer, schüttelte den Kopf und sah Jacob lächelnd an. Er wollte gerade ins Haus gehen, als ihn Jacob, kurz an Arm packte und ihn so, um einen Augenblick Zeit bat. Schwer atmend, wandte er sich an Mayer.
"Sigmar … hast du schon etwas ... von Hunsinger gehört? … Wann bekommen wir ... endlich die Unterlagen … zum Durcharbeiten? … Es sind nur noch zwei Tage. … Ich möchte wenigstens einmal ... in Ruhe hineinsehen. ... Bevor der ganze Spaß hier anfängt …oder wird der Start noch einmal verschoben?"
Mayer schüttelte ebenfalls noch schwer atmend den Kopf. "Fritz, der Start erfolgt wie geplant, am Donnerstag um 9 Uhr. Heute ist erst Dienstag. Wir bekommen heute Abend die Unterlagen von Hunsinger, soviel ich weiß, zu einer ersten Sichtung. So viele neue Informationen stehen dort bestimmt nicht drin. Die meisten Sachen weißt du schon, aus deinen Unterlagen. Du hast also noch anderthalb Tage", Mayer sah prüfend und vorwurfsvoll auf seine Uhr.
"In Ordnung und danke Sigmar, lass dir das Frühstück schmecken und gib Ilka ein Küsschen", Jacob ließ Mayer gehen, der sofort in seinem Haus verschwand.
Jacob selber lief im lockeren Tempo, die kurze Strecke nach hinten, in Richtung Flugplatz, um in seiner Wohnung noch schnell zu duschen. Kaum zwanzig Minuten später, erschien er, pünktlich wie immer, beim Frühstück. Die geplante Schulung über frühkindliche Funktions- und Sprachstörungen, hatte er gestern schon vorbereitet. Also genoss er das Frühstück, im Kreise seiner Freunde. Schnell wie die ganzen anderen Tage, neigte sich auch dieser Arbeitstag seinem Ende zu.
Kurz vor 21 Uhr landete ein Flugzeug im "Projekt Dalinow". Einige Minuten später, kam es zu einer personengebundenen Lautsprecherdurchsage, die nur in bestimmten Räumen und für die betreffenden Personen, zu hören war. Da man auf Grund der Schlüsselkarten, stets nachvollziehen konnte, wer sich, an welchen Ort aufhielt.
"Die Führungsoffiziere, bitte in der Offiziersmesse einfinden."
Mayer schaltete jetzt alle Lautsprecher im Projekt frei, so dass er eine Durchsage für alle Anwesenden machen konnte.
"Für den morgigen Tag ist für alle Kollege, des medizinischen Bereiches und des Labors, ab 9 Uhr ein Ausflug geplant. Dieser ist Pflicht. Bitte erscheinen sie alle pünktlich zum Auschecken, um 8:45 Uhr in der Mensa. Es darf nur zivile Kleidung bei dem Ausflug getragen werden. Danke, schönen Abend noch", beendet Mayer seine Durchsage an das Personal.
Sofort verabschiedete sich Jacob, von seinen Kollegen am Tresen der Mensa und lief nach hinten in die Offiziersmesse. Dort saßen schon Walter Zolger, aber auch Hunsinger und Mayer.
"Guten Abend, nehmen sie Platz", fuhr Hunsinger ungehalten Jacob an, der als Letzter erschienen war.
Jacob setzte sich verwundert. Er hatte keine zwei Minuten bis hierher gebraucht. Aber was soll´s, da musste er jetzt wohl durch. Er verstand zwar überhaupt nicht, mit was er sich diesen Anpfiff eingehandelt hatte, aber was sollte er dagegen tun. Normalerweise, hatte man fünfzehn Minuten Zeit, um auf diese Durchsage zu reagieren. Durch die Größe des Objektes war dies einfach notwendig. Selbst durch den Park brauchte Jacob von seinem Labor oder seiner Wohnung bis in die Offiziersmesse, gute zehn Minuten und das im Laufschritt, da musste er aber richtig Gas geben. Im normalen Tempo brauchte er eine reichliche halbe Stunde. Etwas genervt und vor allem ungerecht behandelt, fühlte sich der Chefarzt schon. Aber er wusste auch, dass es nichts bringen würde, sich darüber zu beschweren. Jacob schluckte den Ärger einfach herunter und setzte sich erwartungsvoll auf einen Stuhl. Er konnte es sich allerdings nicht verkneifen, etwas zu provozieren, und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück.
Hunsinger war gar nicht bewusst geworden, dass er Jacob derart angeschnauzt hatte. Der Projektleiter war einfach nur genervt, von dem heutigen Tag und wusste nicht, wie er seinen Untergebenen diesen ganzen Mist, den auch er heute erst erfahren hatte, beibringen sollte. Er war regelrecht geladen und könnte explodieren oder laut schreiend an die Decke gehen, was er aber nicht tun konnte. Manchmal kotzte ihn sein Job nur noch an und er würde am liebsten alles hinschmeißen. Er sehnte sich zurzeit noch nach etwas Ruhe und Entspannung, dieser Stress machte ihn einfach kaputt. Hunsinger hatte wieder einmal einen Horrortag hinter sich gebracht. Er wolle nur nach Hause und ins Bett. Aber erst musste er dieses Gespräch, vor dem es ihm regelrecht graute, hinter sich bringen und dann brauchte er bis nach Hause, nochmal gut zwei Stunden. Es würde wieder einmal eine sehr kurze Nacht werden. Müde rieb er sich den Nacken und holte noch einmal tief Luft. Gestresst sah er seine Führungsoffiziere an. Im Stillen hoffte Hunsinger, dass seine Mitarbeiter sich wie Offiziere verhalten würden und ihre verständliche Wut, die sie nach der Offenlegung des Projektes bestimmt hatten, nicht an ihm ausließen.
"Guten Abend meine Herren. Für meine üble Laune, gibt es eine Erklärung. Ich denke, sie werden es gleich verstehen, warum ich so mies drauf bin. Dass sie erst heute die Projektunterlagen erhalten, denke ich wurde vom Institut mit Absicht so gehandhabt, darauf konnte ich keinerlei Einfluss nehmen. Ich bekam diese selber erst heute ausgehändigt und langsam begreife auch warum. Ich schlucke immer noch an dem, was ich heute früh erfuhr und in den mir beim Einstieg ausgehändigten Unterlagen im Flugzeug lesen musste. Erst heute Vormittag bekam ich die vollständigen Projektunterlagen ausgehändigt und von den zuständigen Wissenschaftlern des Instituts erläutert. ", eierte Hunsinger nach Worten suchend herum.
Hunsinger der sonst nie um Worte verlegen war und immer den richtigen Ton fand, wusste einfach nicht, wie er am schonendsten seinen Mitarbeitern diesen ganzen Mist beibringen konnte. Er holte tief Luft und rieb sich ständig nervös das Genick.
Schließlich begann wieder, mit einer vor Wut zitternden Stimme, zu sprechen. "Ihre schriftlichen Unterlagen wurden mir erst vor zwei Stunden ausgehändigt. Oder besser gesagt erst, als ich schon mit einem Bein, im Flugzeug war. Was ich bei dieser Besprechung zu hören und danach zu lesen bekam, brachte mich fast dazu, dieses gesamte Projekt zu kippen. Leider habe ich genau wie sie, keinerlei Einfluss darauf. Ich bin während der Besprechung in Berlin regelrecht ausgeflippt. Dort hat man mir die Pistole auf die Brust gesetzt und einen strikten Befehl erteilt. Wir müssen deshalb alle versuchen, aus dieser verfahren Situation, das Beste zu machen. Egal, ob es uns gefällt oder nicht. Hier ist der Befehl, den ich heute bekam", damit griff er in die Innentasche seiner Uniformjacke und schmiss wütend einen Briefumschlag, auf den Tisch.
Schwer atmend und sich die Haare raufend, sah er die vor ihm sitzenden Männer an. Mit Verzweiflung in der Stimme und einem Blick, der mehr aussagte, als die nachfolgenden Worte, fuhr er fort.
"Wir kommen alle wie wir hier sitzen, nicht mehr aus diesem Projekt heraus. Wir müssen dieses bis zum bitteren Ende, das heißt bis Ende September 1975, durchziehen. Es gibt kein Zurück mehr. Ich frage mich allen Ernstes, wie wir das schaffen und mit unserem Gewissen vereinbaren sollen. Mir ist klar, dass wir Soldaten sind und gelernt haben Befehlen zu gehorchen. Aber das hier ist schon verdammt starker Tobak. Verdammt nochmal, was haben wir uns da nur eingebrockt …", müde rieb sich Hunsinger das Gesicht. Jacob starrte den Vorgesetzten fassungslos an. Er wusste nicht, was er von der eigenartigen Rede und dem Verhalten Hunsinger’s halten sollte. Er konnte dies alles, irgendwie nicht richtig einordnen. Der Chefarzt wollte sich gerade erkundigen, was denn überhaupt los wäre, als der Projektleiter schon weitersprach.
"… es sind einfach schon zu viele Gelder, in dieses Projekt geflossen. So dass wir jetzt keinen Rückzieher mehr machen können. Ich weiß, dass ich die nächsten achtzehn Jahre, nicht mehr ruhig schlafen kann. Aber es lässt sich nun nicht mehr ändern. Wir müssen alle für uns selber einen Weg finden, wie wir damit klar kommen. Genau wie sie, meine Herren, bin ich die ganze Zeit davon ausgegangen, dass wir erwachsene Soldaten für dieses Projekt zugewiesen bekommen, die nach bestimmten Kriterien ausgesucht wurden. Sie, werden genau wie ich, vor zwölf Stunden, schockiert sein, wenn sie erst einmal in diese Unterlagen hineinsehen. Ich werde mich bei ihnen dafür nicht entschuldigen. Warum auch? Ich habe es bis heute früh ebenfalls nicht gewusst. Ich bekam die gleichen Informationen über dieses Projekt, wie sie. Bitte sehen sie sich, diese verdammte Sauerei mal an. Ich bin völlig fertig mit den Nerven. Ich bin viel gewohnt, dies ist allerdings zu viel."
Wütend stand Hunsinger auf und lief auf einen mit einer Codekarte gesicherten Tresor-Koffer zu. Langsam öffnete er diesen.
In dem Moment wollte das Servicepersonal, Kaffee und Getränke servieren, und bekam nur einen bösen Anpfiff.
"RAUS!", erklang der strenge Befehl von Hunsinger, so dass der Bedienstete gleich wieder rückwärts den Raum verließ.
Der Projektleiter entnahm, nach dem die Tür geschlossen war, dem Koffer die drei dicken Ordner. Legte Mayer, Zolger und Jacob, je einen dieser Ordner vor die Nase und ließ sich schweratmend auf den Stuhl fallen. Man sah ihm an, dass er völlig fertig war. Hunsinger legte den Kopf in den Nacken und rieb sich ständig abwechselnd den Nacken und das Gesicht.
Jacob beobachtete in Sorgen seinen Vorgesetzten. ‚Um Himmels Willen, was ist denn mit Hunsinger los?‘, ging es dem Arzt durch den Kopf. Jacob sah Hunsinger fragend an. Ohne auch nur einen Blick, in die vor ihm liegenden Unterlagen zu werfen oder diesen auch nur einen Funken Beachtung zu schenken.
"Franz, geht es dir nicht gut? Kann ich etwas für dich tun?", wollte Jacob besorgt von seinem Chef wissen.
Hunsinger schüttelte den Kopf und sah Jacob völlig entnervt an. "Fritz, sieh dir erst einmal diesen ganzen Mist an. Dann weißt du, was mit mir los ist", gab er ihm bedrückt Auskunft.
Jacob zog sich daraufhin den Ordner, mit einem unguten Gefühl heran. Bange öffnete er diesen und begann zu lesen. Er ahnte Schlimmes, wie ein Film, jagten die Erinnerungen an das Verhalten seines Mentors, durch seinen Kopf, er hoffte inständig, das Hunsinger übertrieb. Nach den ersten Seiten schon, verlor Jacob jegliche Gesichtsfarbe, mit jeder Seite, die er mehr las, wurde ihm noch schlechter. Er konnte Hunsinger gut verstehen. Kopfschüttelnd und ungläubig überflog er Seite für Seite. Es wurde immer schlimmer. Es artete, in ein immer unmenschlicheres Unternehmen aus.
Jetzt begriff Jacob das Verhalten von Hillinger. Der an diesem Projekt mitgearbeitet haben musste. Es befanden sich einige seiner Ideen, aus der Biochemie, aber auch aus der Genetik in diesen Unterlagen. Deshalb wusste Hillinger also sofort, was es mit dem "Projekt Dalinow" auf sich hatte. Deshalb musste Hillinger nicht in die Unterlagen sehen. ‚Verdammt noch mal‘, ging es Jacob beim Lesen immer wieder durch den Kopf, ‚weshalb hat er nicht mit mir darüber gesprochen? Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mich nie auf dieses menschenunwürdige Projekt eingelassen‘.
Keiner von den vier im Raum Anwesenden, war in der Lage etwas zu sagen. Alle, kämpften viel zu sehr, gegen ihre Wut und gegen ihre Angst, vor dem, was sie jetzt tun mussten. Jacob sprach wohl wieder einmal aus, was die anderen dachten. Oder besser, stellte wohl die eine Frage, die alle am meisten beschäftigte.
"Was machen wir nun?", verzweifelt stützte er seinen Kopf auf die Hände und starrte auf die Tischplatte.
Hunsinger antwortete ihm offen und ehrlich. "Ich weiß es nicht."
Zolger wandte sich mit einer weiteren Frage, an den Projektleiter, die wohl alle interessiert. "Können wir noch aussteigen? Ich kann da nicht mitmachen. Das kann ich nicht verantworten."
Ein Kopfschütteln von Hunsinger bekam er und folgende Erklärung. "Ihr habt, genau wie ich, alle diesen Vertrag unterschrieben. Wir kommen aus diesem Vertrag nicht mehr heraus. Ich habe sie heute früh von meiner Rechtsabteilung prüfen lassen, auf irgendein Schlupfloch. Es gibt keins. Die Herren vom Institut haben sich völlig abgesichert. Wir stecken bis zum Hals in diesem Schlamassel. Es gibt einen Befehl von ganz oben, der für uns bindend ist. Es sind in dieses Projekt schon viel zu viele Millionen geflossen. Wir können es nicht mehr abbrechen. Vor allem, überlegt einmal, was aus diesen armen Wesen wird. Heute Vormittag bei der Stabssitzung, als man mir das Projekt im Detail vortrug, bin ich aus dem Anzug gesprungen. Die Wissenschaftler sagten, es geht nicht anders. Die gewünschten Erfolge, können nur durch eine Züchtung erreicht werden", wütend holte Hunsinger Luft. "Mein Gott, wie kann man auf solche abartige Ideen kommen", die Verzweiflung hörte man nicht nur aus den Worten des Obersts, sondern sah es in seinem Gesicht. "Das Institut begründet es damit, dass sie seit Jahren in dieser Richtung Versuche unternommen. Diese sind jetzt seit zwei Jahren soweit, dass man sie in die Realität umsetzen konnte. Als ich sie fragte, wieso man dann ständig von Soldaten gesprochen und uns so getäuscht hatte? Meinten die glatt weg. Wieso, es wären die versprochen Soldaten. Nur, dass diese extra gezüchtet würden. Wir sollen uns nicht so haben. Es sind nie irgendwelche Altersangaben gemacht worden. Es würde keine Rolle spielen, wie alt diese Soldaten wären. Man könnte uns sonst, auch per Befehl dazu zwingen. Dann müssten wir es sowieso tun. Außerdem wären diese Züchtungen, in einem halben Jahr so, als wenn wir Erwachsene Soldaten vor uns hätten. Ich musste rausgehen und mich zu übergeben. Verdammt nochmal, ich habe eine Tochter von vierzehn Jahren. Für so etwas, hätte ich mich nie hergeben. Es tut mir so leid, dass ihr so getäuscht wurdet. Ich wurde selber getäuscht. Ich habe es wirklich nicht gewusst." Hunsinger rieb sich verzweifelt das Gesicht und schüttelte ständig den Kopf. Weil er das, was gerade passierte, immer noch nicht fassen konnte. Mayer schon immer der Soldat schlechthin, versuchte alle, mit seiner unerschütterlichen Ruhe, etwas zu beruhigen. "Tja Leute, dann müssen wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Ich habe auch eine Tochter von zehn Jahren. Die sitzt sogar hier im Projekt und zwar oben in meiner Wohnung. So hat sie wenigstens jemanden zum Spielen. Es hilft alles nichts. Wir sind alle Offiziere und zur Treue verpflichtet. Wir müssen tun, was man uns befiehlt. Auch, wenn es uns nicht immer gefällt."
Hunsinger und Zolger nickten Mayer zustimmend zu.
Jacob aber, war fassungslos. "Wie konnte ich mich nur auf diese Sache einlassen? Ich, verstehe nur nicht, dass mein Mentor, mich nicht davor bewahrt hat."
"Fritz, was bitte, hat dein Mentor, mit diesen ganzem Schlammassel in dem wir jetzt stecken, zu tun?" Verwunderte Blicke trafen Jacob, nicht nur von Zolger, sondern auch von den anderen Beiden.
"Walter, das ist einfach zu erklären. Als ich damals vor der Entscheidung stand, diesem Projekt beizutreten, wollte ich die Meinung von Hillinger, meinem Mentor, wissen. Der schmiss mir den Ordner vor die Füße, als er ihn sah und meinte wütend zu mir: "Du verdammte Nazisau. So etwas wie dich habe ich unterstützt. Wie kannst du mir mit diesem Projekt kommen. Es ist menschenunwürdig." Von diesem Tag an, hat er nie wieder auch nur ein privates Wort mit mir gesprochen. Hillinger hat mich aus all seinen Forschungsprojekten ausgeschlossen. Seit diesem Tag, hat er mich völlig ignoriert. Egal, was ich versuchte, ich kam nicht mehr an ihn heran. Ich habe es bis eben nicht verstanden. Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Jetzt erst kann ich ihn begreifen. Nur verstehe ich nicht, dass er mich nicht gewarnt hat. Er hätte nur sagen brauchen, er kennt das Projekt. Ich hätte auf ihn gehört", verstehend nickte Zolger.
Hunsinger sah allerdings beim Namen Hillinger auf. "Fritz, das hätte dir nichts genutzt. Mache deinem alten Mentor keine Vorwürfe. Hättest du dich gegen das Projekt entschieden, hättest du von ganz oben den Befehl bekommen dich hier im Projekt einzufinden. Dein Name stand ganz oben und als erstes auf der Personalliste. Den hat Dalinow persönlich darauf geschrieben. Im übrigen der einzige Name, der von Dalinow persönlich eingebracht wurde, ins Projekt. Aber eine andere Frage, du meinst doch nicht etwa Professor Arthur Hillinger?", fragen sah er zu Jacob.
Dieser nickte bestätigend. "Doch, Arthur Hillinger war mein Mentor, vom ersten Tag meines Studiums. Er war mir mehr als nur Mentor. Ich dachte eigentlich immer, er wäre mein Freund."
Kopfschüttelnd sah Hunsinger auf Jacob. "Kein Wunder, dass Hillinger dich so angemacht hat, Fritz. Er ist einer der Gründer, dieser Idee. Zusammen mit Dalinow, kam er Ende 1945 auf diese Idee. Der Züchtung eines perfekten Soldaten. Er stieg allerdings nach zwei Jahren, aus dem Projekt aus. Hillinger war mit einigen der Ideen von Dalinow nicht einverstanden. Es gab einen schlimmen Streit zwischen den Beiden. Danach schmiss Hillinger alles hin. Von diesem Augenblick an, arbeitete dein Mentor systematisch gegen Dalinow und gegen dieses Projekt. Kurz nach seinem Austritt aus diesem Projekt, beendete Hillinger auch seine militärische Laufbahn vollständig. Man wollte ihn per Befehl dazu zwingen weiter am Projekt mitzuarbeiten. Nahm sogar seine Familie unter Beschuss. Hillinger nahm sogar in Kauf, dass er seine Pension einbüßte. Seit diesem Tag, legte er Dalinow alle Steine in den Weg die er finden konnte. Das ging soweit, dass Dalinow, sogar den KGB, den russischen Geheimdienst, bat, etwas gegen Hillinger zu unternehmen. Damit er endlich wieder in Ruhe, arbeiten kann. Erst seit dem Hillinger voriges Jahr gestorben war, kam wieder Ruhe in die ganze Sache."
Fassungslos und sichtbar erschrocken, schlug Fritz Jacob seine Hand vor den Mund und starrte Hunsinger mit schreckensweiten Augen an. Mit einem Schlag wurden alle Fragen, die er, seit Hillingers Tod hatte, beantwortet. Jacob ging ein Licht auf, als hätte man ihm gerade ein Tuch von den Augen genommen.
"Ich glaube das jetzt alles nicht. Sagt mir, dass dies nicht wahr ist. Die ganze Zeit fragte ich mich, wieso Hillinger an einem Herzinfarkt gestorben sein sollte. Hillinger, war der gesündeste Mensch, den ihr euch vorstellen könnt. Jetzt wird mir einiges klar und ich kapiere endlich, was passiert ist. Man hat ihn einfach ausgeschaltet. Verdammt nochmal. Auf was haben wir uns da eingelassen? Wir müssen versuchen das Beste aus der Sache zu machen. Schon deshalb, um unsere Mitarbeiter zu beschützen", ernst sah er die Kollegen an. Denen bei den Worten von Jacob erst völlig bewusst wurde, wie ernst die Lage wirklich war.
"Versuchen wir, für die Kinder und uns das Beste aus der verzwickten Situation zu machen. Es hilft ja jetzt nichts", appellierte Zolger an seine Kollegen. Vor allem, um die Gedanken der Anderen, in die richtigen Bahnen zu lenken.
Hunsinger stand auf und lief zum Fenster, blickte hinaus in den schönen Park, in dem schon überall der Frühling Einzug hielt.
"Wann kommen die Embryonen und die Brutkästen?", ging Jacob müde, zur Tagesordnung über.
Ihm war durch Hunsingers Worte, auf die er nicht weiter einging, klar geworden, dass er so oder so in diesem Projekt gelandet wäre. Wahrscheinlich war dies Dalinows Rache an seinem ehemaligen Mitstreiter und Weggefährten Hillinger. Dass Dalinow Hillingers begabtesten Schüler, und denjenigen der dessen Herz erobert hatte, diesem Projekt verpflichtete. Jacob wurde schlagartig klar, weshalb er die Stelle des Chefarztes innehatte. Dalinow wollte seinen Mentor fertig machen, in dem er Jacob auf die Position Eins neben Mayer stellte. Dieser gewissenlose Wissenschaftler, wollte nur seine Rache an Hillinger, dessen Tod ihm jetzt nicht mehr genug war. Er wollte dessen Schüler auf seine Seite ziehen und Hillingers Lebenswerk und Moral zerstört sehen. Dies würde Jacob nicht zulassen. Er war es dem Andenken an seinem Mentor schuldig, dessen Ideale zu vertreten. Wie immer, wenn Jacob einen weitgreifenden Entschluss gefasst hatte, nahm er die Schultern zurück, reckte das Kinn trotzig vor und trat für seinen Glauben und seinen Entschluss ein. Nichts und niemand, würden seine Entscheidung ändern.
Es nutzte jetzt Niemanden zu jammern. Hier hieß es ab sofort, aktive Schadensbegrenzung zu betreiben, um das Schlimmste zu verhindern. Dies konnte aber nur gelingen, indem man sich intensive mit der Materie befassen würde und diese nach humanen Gesichtspunkten, soweit das überhaupt möglich war, durchzuplanen und durchzukalkulieren. Das nahm sich Jacob vor. Dazu brauchte er aber mehr Fakten, die er sich mit seiner Frage eingefordert hatte.
"Morgen im Laufe des Tages, kommt eine Kompanie Techniker, die unten im Kinderraum alles einrichten. Zur gleichen Zeit, kommen die Brutkästen. Die Abnahme wird morgen Abend, um 22 Uhr 45 sein. Die Embryonen selber, kommen am 1. Mai, also am Donnerstag um 9 Uhr. Diese werden mit einem speziell ausgerüsteten Flugzeug gebracht. Unsere Leute, so wurde es befohlen, bekommen morgen früh gesagt, dass sie noch einmal kurz nach Hause fahren können, zu ihren Familien. Das ist der erste und letzte Urlaub, während des Projektes", gab Hunsinger seinen Offizieren das Wissen weiter, das ihm selber erst heute Morgen bekannt gegeben wurde.
Jacob nickte verstehend. Ihm wurde bewusst, dass sie niemanden mehr, aus dem Projekt heraus lassen konnten. Wenn das an die Öffentlichkeit kam, dann gab es eine Katastrophe.
"Wer sagt dies alles unseren Leuten. Sigmar, kannst du bitte eine Durchsage machen. Ich kann den Kollegen, heute nicht mehr in die Augen sehen. Ich muss damit erst einmal selber klar kommen. Vor allem, würde ich diese Durchsage, nicht erst morgen früh machen. Die Leute müssen ein paar Sachen einpacken", dabei sah er Hunsinger und Mayer ernst an. "Ach so. Wer betreut eigentlich die Embryonen, bis zur Rückkehr unserer Leute?", fielen Jacob noch mehr Fragen ein, auf die er dringend eine Antwort brauchte.
Hunsinger sah dankbar zu Jacob. Er war froh, dass ihn sein Führungsstab nicht in der Luft zerrissen hatte, denn dies war seine größte Angst. "Die Wissenschaftler bringen fürs Erste ihr eigenes Personal mit. Sie weisen dich und Walter in alle Details ein. Nach einer Woche, steht dann fest, welche der Embryonen weiter im Projekt verbleiben, es werden wohl nicht alle Wesen, dieses mehrmalige Umlagerung überleben. Die einhundert besten Embryonen, werden weiter durch euch versorgt. So meine letzte Information. Die restlichen fünfzig, werden soweit noch am Leben, wieder eingefroren. Desweiteren, werden euch zwölf der Institutsmitarbeiter für die nächsten vierzehn Tage, maximal bis drei Wochen unterstützen, bis ihr sicher eingearbeitet seid. Also pro Schicht, immer vier, um euch mit Rat und Tat, zur Seite zu stehen. Die Leute sollst du dir aussuchen, nach Sympathie und Fachwissen. Du hast da frei Hand. So hat man es mir heute früh zugesichert. Mit der Durchsage, das könnte Sigmar heute Abend gleich noch machen, oder?", fragend sah Hunsinger zu Mayer hinüber.
Jacob, wie auch Zolger nickte, dass sie diese Informationen so annahmen.
Als Mayer nicht reagierte, sah ihn Hunsinger verwirrt an, weil er nicht verstand, was los war. Mayer saß völlig in sich gekehrt und stierte schweigend vor sich hin. Sich den Kopf stützend begriff Mayer erst jetzt, den vollen Umfang der Informationen, die in seinem Ordner standen. In dem er gerade weitergelesen hatte. Dann sah er auf, blickte seinem unmittelbaren Vorgesetzten direkt in die Augen. Mayer war eben klar geworden, was da auf ihn zukam.
"Franz, ich kann das nicht. Ich war darauf eingestellt, hier mit erwachsenen Menschen zu arbeiten. Nicht aber mit Kindern. Franz, du weißt, wie sehr ich Kinder mag. Wie soll ich die hart rannehmen? Wie soll ich bei denen das durchsetzen, was man da von uns verlangt hat? Franz, ich kann das nicht", kopfschüttelnd saß Mayer da.
Hunsinger versuchte ihn, zu beruhigen. "Sigmar, warte erst einmal ab. Vielleicht löst sich das ganze Projekt, in Wohlgefallen auf. Wir wissen nicht einmal, ob diese Wesen überhaupt überleben. Sonst musst du halt einfach nur Befehle ausführen. Einfach nicht darüber nachdenken. Wie oft mussten wir im Krieg Dinge tun, die uns nicht gefallen haben? Sigmar, warte einfach ab."
Verstehend nickte Mayer. Wenn auch immer noch skeptisch, zu Hunsinger blickend. "Da hast du Recht Franz, warten wir ab. Ich mache dann gleich noch die Durchsage, für alle die Mitarbeiter, die noch einmal in den Urlaub fahren können." Damit stand er auf. "Brauchst du mich noch?", erkundigte Mayer sich bei Hunsinger. "Mir läuft die Zeit weg, Franz."
Hunsinger schüttelte den Kopf. "Nein Sigmar, ich muss dann auch los. Also danke, dass ihr mich nicht in der Luft zerfetzt habt. Ich hatte richtiggehend Angst, euch die Unterlagen zu zeigen."
Gezwungen lächelnd sah Jacob Hunsinger an. "Du kannst doch nichts dafür, Franz. Du führst genau wie wir, auch nur die Befehle aus."
Hunsinger nickte traurig, stand auf und verließ ebenfalls den Raum.
"Walter ich gehe dann auch mal. Ich muss diesen Mist hier, erst einmal verarbeiten."
Zolger gab Jacob im Stillen recht und erhob sich ebenfalls, nahm wortlos seine Mappe und ging gemeinsam mit Jacob, aus der Offiziersmesse. Zolger folgte dem Weg, der innen im Objekt entlang, zu seinem Quartier führte. Jacob dagegen folgte dem Weg zur Mensa. Er brauchte erst noch einen Kaffee.
Kaum, dass er die Mensa betrat, kam schon seine Freundin, Schwester Anna, auf ihn zu. Im Laufe der vergangenen vier Monate entwickelte sich eine kleine Liebelei zwischen den Beiden. Jacob holte sich von den Bediensteten an der Bar, einen großen Pot Kaffee und ging nach hinten zu den Aquarien, seinem Lieblingsplatz. Dort konnte er seinen Gedanken nachhängen. Jacob ließ seine Freundin einfach stehen. Er war derart in seine Gedanken vertieft, dass er sie gar nicht wahrnahm.
Anna Siebenzahn folgte ihm. "Na sag mal Fritz, was ist dir für eine Laus über die Leber gelaufen?", wollte sie von ihrem Freund und Chef wissen. So schlecht gelaunt war der sonst immer zuvorkommende Jacob in den ganzen Monaten noch nie gewesen.
"Bitte Anna, sei nicht böse, ich muss das hier erst einmal verdauen", er wies verbittert, auf den vor sich liegenden Ordner. "Du weißt ich genieße jede Sekunde, die wir für uns alleine haben. Aber heute, brauche ich wirklich einmal Zeit für mich. Bitte sei mir nicht böse. Ich muss über eine verdammt heikle Sache nachdenken. Wir sehen uns in ein paar Tagen wieder. Ich wünsche dir, einen wunderschönen Urlaub. Die Durchsage wird Mayer gleich machen. Ihr bekommt alle, einen letzten Urlaub. Seid froh, denn in einer Woche geht hier der Stress los. Genieße deine freien Tage, denke ab und an mal an mich", überschüttete er seine Freundin mit Informationen, die nur so aus ihm heraussprudelten und mit der Anna gar nichts anfangen konnte.
Auch versuchte er ihre Nähe, abzublocken, er wollte alleine sein.
Im nächsten Moment jedoch, überlegte es sich Jacob allerdings anders. Er würde seine geliebte Anna, jetzt eine Woche nicht mehr sehen und beschloss die letzten Stunden einfach mit ihr zu genießen. Grübeln konnte er, ab morgen früh, da hatte er noch genug Zeit.
"Ach, komm mal her mein Engel."
Im gleichen Augenblick zog er sich die zu ihm heruntergebeugte Anna, auf seinen Schoss und gab ihr erst einmal einen Kuss. Wenn er sich hätte alles träumen lassen, dann aber nicht, dass er hier fast sofort, die Frau seines Lebens kennen lernen würde. Es war bei Anna, wie auch bei Jacob, Liebe auf den ersten Blick. Ein Gefühl, als wenn man für einander bestimmt war und eine Vertrautheit, als wenn man sich schon eine Ewigkeit kennen würde.
Anna kuschelte sich an Jacob und sog dessen Wärme förmlich in sich auf. Anna war süchtig nach Zuneigung und Geborgenheit, dies hatte Jacob in den letzten Monaten sehr schnell festgestellt.
"Kann ich dir vielleicht etwas helfen, Schatz?"
Jacob schüttelte den Kopf. "Anna, damit muss ich erst einmal alleine klar kommen. Jeder von uns, muss das für sich alleine schaffen. Komm genieße einfach die schönen Tage noch. Lass mir die eine Woche. Du hast mich sowieso, noch siebzehn Jahre auf den Hals", versuchte er scherzend, vom Thema abzulenken. Was ihm aber nicht ganz gelang.
Anna lachte zwar, sie sah allerdings, dass es Fritz Jacob nicht gut ging. "Ach Manne. Komm lass uns eine Runde schwimmen gehen und danach in die Sauna. Grübeln kannst du morgen, wenn du mich weg geschickt hast. Lass uns einfach, die schöne Zeit genießen. Die uns noch bleibt."
Fritz Jacob stimmte ihr lächelnd zu. "Aber erst muss ich den Ordner in meine Wohnung schaffen. Komm!", fordernd fasste er Anna an der Hand, zog sie einfach hinter sich her. Recht hatte sein Engel, mit den schwarzen Augen. Schon liefen sie lachend, in den Park und dann nach hinten auf das Haus 6 zu. Hinauf, in die Wohnung des Chefarztes. Jacob ging an seinen Tresor, öffnete diesen, legte den Ordner hinein. Sofort verschloss er ihn wieder.
"Was denn Schatz, so geheim? Dass es sogar in den Tresor muss", frotzelte Anna.
Fritz nickte, halb lachend und halb böse guckend. Er griff sich seinen Engel, der fast dreißig Kilo leichter war, als er selber und hob sie einfach hoch, um sie zu küssen. "Wollen wir schwimmen und Sauna oder nur Sauna", wollte er von Anna wissen.
"Nur Sauna", legte Jacobs Freundin entschlossen fest. Sie wollte, wenn sie Jacob jetzt eine Woche nicht sah, jede Minute mit ihm alleine verbringen. Ohne ständig durch die Anderen, beobachtet zu werden. Schnell heizte Jacob den Kamin an und legte genug Feuerholz auf, um die Zeit in der Sauna zu überbrücken. Wieder einmal beglückwünschte er sich dazu, dass die Sauna bei ihm immer an war. So sparte er sich jetzt viel Zeit. Keine drei Minuten später, ging das verliebte Pärchen zusammen ins Bad. Dort zog Jacob, seine Anna einfach aus. Gemeinsam gingen sie erst in die Sauna und genossen dort, die Wärme und den schönen Ausblick, danach unter die Dusche. Eine Stunde später lagen die Beide, vor dem brennenden Kamin, auf dem Sofa. Eng aneinander gekuschelt.
"Weißt du, was doof ist, Schatz?", Anna sah zu Fritz hoch.
"Was denn, Engelchen?", müde streichelte er, Annas Gesicht.
"Fritz, ich weiß gar nicht, wo ich hinfahren soll. Meine Freundinnen, kann ich so schnell nicht erreichen. Die eine ist in Afrika, mit Missionaren unterwegs. Und die andere, in den Flitterwochen."
Erschrocken fiel Jacob ein, dass Anna ihm erzählt hatte, dass sie genau wie er selber, Vollwaise war. Tja, das war wirklich ein Problem. "Dann reden wir einfach mit Mayer, dem wird schon etwas einfallen. Vielleicht kann er dir kurzfristig, einen Urlaubsplatz besorgen?" Erklärte Jacob, dass dies gar kein Problem ist und man bestimmt eine Lösung finden würde.
"Ja das werden wir machen. Sonst verstecke ich mich in der Bücherei", machte Anna lachend noch einen alternativen Vorschlag. Der ihr gerade so einfiel und mit dem sie gut leben konnte.
Jacob drehte den Kopf zu ihr herum. "Anna, dort kannst du dich gar nicht verstecken. Dort findet dich jeder. Wenn man dich nirgends findet, aber in der Bibliothek wird man immer fündig. Du mit deiner verdrehten Logik", neckte er Anna und erklärte ihr, dass dies kein gutes Versteck für sie wäre.
Anna lachte, hell auf. "Na eben, deshalb würde mich dort nie einer suchen."
So albern die beiden noch eine Weile herum. Bis Anna in Jacobs Armen, vor dem brennenden Kamin, einfach einschlief.
Projekt Dalinow, 30. April 1958
Am letzten Tag vor dem eigentlichen Start des Projektes, stand kurz vor 5 Uhr Jacob auf, zog sich das Trainingszeug an und ging wie gewohnt erst einmal eine Runde laufen. Jacob brauchte das jetzt, um seinen Kopf wieder frei zu bekommen. Pünktlich um 5 Uhr, traf vor dem Haus 2 auf Mayer, der ebenfalls schon angelaufen kam.
"Guten Morgen, Fritz."
"Morgen Sigmar, na konntest du ein bisschen abschalten?"
Mayer schüttelte den Kopf. "Nein, aber es nützt nichts. Ich habe beschlossen es zu nehmen, wie es kommt. Was sollen wir denn auch sonst tun?"
Jacob bestätigte dessen Aussage, durch ein Nicken.
"Hast du dir den Mist schon angesehen, Fritz?"
Jacob schüttelte den Kopf und lief los. "Nein Sigmar, ich konnte nicht. Anna war heute Nacht bei mir. Aber sobald sie weg ist, sehe ich mir das Alles in Ruhe an. Ich bin auch zu der Meinung gekommen, dass wir es nehmen müssen, wie es ist. Sigmar, ich habe allerdings ein Problem und zwar ein riesengroßes. Bei dem ich dringend, deine Hilfe brauche."
Mayer musterte Jacob von der Seite. "Das da wäre?"
"Sigmar, meine Anna ist Vollwaise. Wo soll sie in der Woche hinfahren? Bei ihren Freundinnen, kommt sie so kurzfristig nicht unter. Könntest du ihr auf die Schnelle, einen Urlaubsplatz besorgen. Es ist egal wohin. Sonst muss sie hier bleiben. Eigentlich, bräuchte ich dringend ein paar Tage Luft, um mit der ganzen Sache klar zu kommen. Verstehst du?"
Mayer nickte lachend und musterte Jacob beim Laufen von der Seite. "Fritz, das ist kein wirkliches Problem. Irgendwo, wo es auch schön ist, bekomme ich deinen Engel unter. Du weißt ja, wie ich bin. Das organisiere ich dann gleich."
"Danke Sigmar, du rettest mir meinen Seelenfrieden. Ich habe nämlich Angst, dass ich Anna unabsichtlich aus irgendeinem Grund angehe. Ich muss mit der ganzen Schlamassel erst einmal klar kommen. Vor allem, will ich mich die ersten Tage voll auf das konzentrieren, was uns die Wissenschaftler erklären. Da kann ich keine ständige Ablenkung gebrauchen. Wir haben alle keine Ahnung, was da wirklich auf uns zu kommt. Ich habe bei der ganzen Sache, verdammte Bauchschmerzen."
"Kann ich verstehen, Fritz."
Durch die viele Rederei waren sie schon wieder vor Sigmars Haus angekommen. Mayer ging gleich hoch in seine Wohnung. Mayer rief, bevor er sein Haus betrat, seinem Freund über die Schultern zu. "Bis später. Ich kümmere mich sofort um einen schönen Urlaubsplatz, für deine Anna."
"Bis später, Sigmar und danke." Jacob legte noch einen Endspurt ein und kam wenige Minuten später, in seiner Wohnung an.
Anna schlief immer noch selig mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Jacob sah ihr einige Augenblicke dabei zu und prägte sich diesen Anblick ein. Dann ging er sofort unter die Dusche und weckte dann Anna. Zum wiederholten Mal sah er ihr einige Augenblicke beim Schlafen zu. Er konnte sich nicht sattsehen an ihr. Zusammengerollt wie ein Embryo lag sie auf der Couch. Traurig sah er sie an, dann holte er tief Luft. Was sollte das Grübeln? Sie mussten das Beste aus der Situation machen. Er musste auch für Anna stark sein, sie würde ihn brauchen.
"Komm Engelchen, du musst aufstehen und duschen. Ich mache derweilen Frühstück."
Anna verschwand im Bad, in der Zwischenzeit deckte Jacob den Frühstückstisch. Auch rief er seinen Freund Heiko an, ob es möglich wäre, ein paar Brötchen in seine Wohnung zu schicken. Nur zehn Minuten später, klingelte es an der Tür. Heiko brachte ihm die Brötchen selber vorbei.
"Willst du mit frühstücken, Heiko?"
Der schüttelte den Kopf. "Fritz, ich muss zurück, heute ist hier der Teufel los, vielleicht können wir zusammen Abendessen?"
"Kann ich dir jetzt noch nicht sagen. Ich muss sehen, wie ich zeitlich hinbekomme. Heiko, bis später, ich melde mich."
Ein kurzes Nicken von Corsten, schon verschwand er, sichtbar im Stress. Jacob schloss kopfschüttelnd die Tür. Anna erschien im gleichen Augenblick, nur in zwei Badehandtücher bekleidet, aus der Dusche. Eins um den Kopf und eins um den Körper geschlungen und setzte sich an den Frühstückstisch. Zog so, wie sie es immer machte, die Füße auf den Sitz.
Lächelnd sah Anna ihren Freund an. "Guten Morgen Fritz, hast du gut geschlafen. Da sind wir wohl gestern Abend, auf der Couch eingeschlafen. Aber, das war so schön", kam sie ins Schwärmen, ihre Augen bekamen einen Glanz wie zwei Sterne.
Jacob griff über den Tisch und streichelte Annas Gesicht. "Ich weiß. Willst du einen Tee oder Milch?" Erkundigte sich Jacob bei Anna, die überhaupt keinen Kaffee mochte.
Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens folgte die Antwort, der total verschlafen wirkenden Anna. "Schwarzen Tee, bitte", immer noch gähnend, sah sie Jacob zu, wie er den Tee aufgoss und vor Anna hinstellte.
"Engelchen, mit Milch oder Zitrone?"
"Milc ...", ein Gähnen verhinderte, das Anna weitersprach.
"Ich habe vorhin mit Sigmar gesprochen. Er hat dir einen Urlaubsplatz besorgt. Engelchen, sei bitte nicht böse. Aber ich brauche die paar Tage wirklich, zum Durcharbeiten der Unterlagen. Es bringt mir nichts, wenn ich mich ständig ablenken lasse. Außerdem, habe ich Angst, dich anzuschnauzen. Du wirst meine Reaktion, in einer Woche besser verstehen. Vertraue mir bitte einfach."
Ein wenige enttäuscht, aber mit Einsicht, stimmte Anna zu. "Das kann ich verstehen. Es ist ja nur eine Woche. Aber ich schreibe dir jeden Tag eine Karte", bestand sie darauf, ihm zu zeigen wie sehr sie ihn vermissen würde.
Jacob lächelte in sich hinein. An solchen Bemerkungen, merkte er halt, dass Anna zehn Jahr jünger war, als er. Mit ihren gerade mal zwanzig Lenzen, war sie noch eine sehr junge, aber engagierte Krankenschwester, die wahnsinnig gern lachte. Der große Altersunterschied machte den Beiden nichts aus.
Im Gegenteil, dadurch, dass Anna sehr engagiert in ihrem Beruf war und ein überdurchschnittliches Wissen besaß, half sie Jacob damit sehr. Er genoss ihre Unbeschwertheit und ihr Temperament. Schon einige Male waren bei solchen Diskussionen mit Anna sämtliche Pferde durchgegangen und es flogen nur so die Fetzen. Jacob liebte allerdings, diese oft sehr hitzigen Streitgespräche, über medizinische Themen, die er mit Anna führte. Es gefiel ihm sehr, dass Anna sagte, was sie dachte. Vor allem aber, gefiel Jacob Annas ungeheurer Wissensdurst. Waren sie über ein Thema am Diskutieren, konnte es passieren, dass Anna auf einmal für Stunden verschwand, sie ließ ihren Freund dann einfach sitzen. Sie ging einfach in ihre heißgeliebte Bibliothek und suchte sich alles Wissen, über dieses Thema heraus. Kam sie zurück, trumpfte Anna oft mit Fakten auf, die Jacob so manches Mal, zum Staunen brachten. Selbst er, als ein erfahrener Arzt, hatte dadurch schon einiges, von ihr gelernt. Da Anna durch ihre offene Art, einfach anders an Themen heranging. Dadurch sah sie bestimmte Fakten, die von Jacob schon manchmal unbeachtet gelassen wurden.
Bei den Schulungen, in denen ihre Kollegen oft schweigend alles hinnahmen, hinterfragte Anna solange das Thema, bis sie es vollständig verstanden hatte. Dies trug im Laufe der Zeit dazu bei, dass sich auch andere wagten, Fragen zu stellen. So wurden bei vielen der abzuarbeitenden Themen, tiefsitzende Problem beseitigt, so dass das Kollektiv, der Schwestern, richtig fest zusammenwuchsen und sich einer auf den anderen verlassen konnte. Vor allem hatte Annas Art dazu geführt, dass niemand in seinem Team Angst hatte, Fragen zu stellen, oder sich schämte zuzugeben etwas nicht zu wissen.
Anna schaffte es sogar, dass die Kolleginnen zu ihr kamen und obwohl sie die jüngste im Team war, um Hilfe baten. Jeder mochte diesen kleinen schwarzhaarigen Teufel. Ihre Stellung im Team der Schwestern war etwas Besonderes. Obwohl es eine leitende Oberschwester gab, kamen viele mit ihren Problemen zu Anna und ihren Freundinnen. Schon lange beobachtete Jacob, dass die Auswahl der Oberschwestern, nicht gut getroffen war. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn er die Oberschwestern hätte benennen können. Alleine der Nachweise über Qualifikationen waren nicht ausreichend für die Vergabe dieser Position, Vertrauen und Organisationstalent waren viel wichtiger.
Jacob hatte schon einige Male mit Hunsinger und Mayer darüber gesprochen, einige Veränderungen im Bereich der Oberschwestern vorzunehmen, da diese Stellen nicht zu seiner Zufriedenheit besetzt wurden. Die Damen, die diese Stellungen innehatten, erwiesen sich als Enttäuschungen. Die beiden Projektleiter waren jedoch der Meinung, Anna wäre zu jung. Als ob das Alter etwas über den Wissenstand einer Person aussagen konnte. Erst, wenn das Projekt richtig am Laufen war, würde sich zeigen, ob die Stellen der Oberschwestern wirklich falsch besetzt waren oder sie sich vielleicht noch bewähren würden. Nur würden dann im Stress, erst die richtigen Probleme entstehen, wenn diese Positionen falsch besetzt waren. Er musste sich gerade auf seine Oberschwestern verlassen können und das konnte er nicht. Oft wurden Aufträge nicht richtig weitergegeben oder nur halb ausgeführt. So konnte er nicht arbeiten. Gab er allerdings Anna einen Auftrag, dann klappte es wie am Schnürchen. Es bewies sich dadurch jeden Tag, dass Anna die bessere Wahl gewesen wäre. Auch deshalb, da sie mit offenen Augen durchs Projekt lief und den engen Kontakt zu ihren Kollegen suchte. Selbst die Ärzte, kamen oft zu Anna, wenn es Probleme mit den Schwestern gab und dies hatte nichts mit der Beziehung auf privater Ebene zu tun. Oft regelte Anna die Probleme mit den Kolleginnen, ohne das Jacob etwas davon erfuhr.
Erst neulich erfuhr Jacob von Doktor Anderson von Annas Schlichtungen im Kollektiv der Schwestern. Es machte Jacob stolz, dass seine Freundin sich so engagierte. Vor allem dass sie dies tat, ohne ihre Freundschaft zu Jacob auszunutzen. Ein Lächeln huschte über Jacobs Gesicht, als er an die unbekümmerte Art seiner Freundin dachte. Sie sprach einfach aus, was ihr auf dem Herzen lag und ließ nicht zu, dass der Kummer ihr das Leben schwer machte. Vor allem konnte Anna auch mit Kritik umgehen und sah Fehler, die sie machte, ein. Dies war eine seltene Gabe.
Schon kurz nach dem Beginn ihrer Beziehung, zu Jacob, erzählte Anna ihm von ihrem größten Wunsch. Sie würde gern ein Studium zur Apothekerin absolvieren. Sie wäre hier gern mehr, als nur eine einfache kleine Krankenschwester. Nicht, weil sie Karriere machen wollte, das wäre ihr egal. Ihr kam allerdings der Gedanke, dass man hier an alles gedacht hatte, nur nicht daran, dass schnell mal ein Medikament hergestellt werden musste. Jacob gab Anna in dieser Hinsicht voll und ganz Recht. Die Versorgung mit Medikamenten, würde sich auf Dauer, sehr schwierig gestalten und vor allem sehr teuer werden.
Als Chefarzt leitete er deshalb schon alles in die Wege, um Anna diesen Wunsch zu erfüllen. Jacob war der Meinung, dass diese Ausbildung wirklich sinnvoll und vor allem, als dringend notwendig war. Dabei spielte es keine Rolle, dass Anna seine Freundin war. Er wäre auf diesen Vorschlag auch eingegangen, hätte ihn Alma oder Ingrid gemacht.
Der Chefarzt hatte hier im Moment knapp zweihundert Mitarbeiter, die er medizinisch versorgen musste. Da waren seine zukünftigen hundert Schützlinge, noch gar nicht mit eingerechnet. Es war verdammt umständlich, jedes Mal erst die ferne Apotheke in Berlin zu kontaktieren, um bestimmte anzufertigende Medikamente herstellen zu lassen und diese, dann auch noch sofort einzufliegen. Auf Dauer würde dies einfach zu umständlich, vor allem viel zu teuer. Wer sollte das alles bezahlen? Auch wenn er einiges selbst anfertigen konnte, alles ging leider nicht, dazu fehlten ihm einfach die Zeit und auch die Möglichkeit. Daher kamen ihm die Ambitionen seiner Freundin sehr recht und er setzte diese sinnvolle Idee, sofort um. Auch, wenn ihm, im Nachhinein der Gedanke kam, dass er seine Freundin, den anderen Mitarbeitern vorzog, dies würde auch das einzige Mal bleiben. Allerdings war es seiner Meinung nach, auch richtig so. Es war schließlich Annas Idee. Denn Anna sprach als Einzige, der dreißig Krankenschwestern und neun Ärzte, dieses Problem an. Das zeigte, dass sie sich Gedanken, über das Funktionieren der medizinischen Abteilung machte. Dies war ein Charakterzug und Einstellung zum Beruf, der nicht bei vielen Menschen ausgeprägt war. Viele taten nur das, was sie tun musste. Ja nicht einen Finger mehr rühren, als man unbedingt musste. Eine Unart, die Jacob gar nicht mochte. Er hatte hier einige Ärzte und Schwestern, die das genau so machten. Das brachte Jacob jedes Mal auf die Palme. Er hatte es in den vier Monaten nicht geschafft, an diesen Doktor März und Doktor Richter heranzukommen. Seine drei Oberschwestern, na ja, das Arbeiten hatten diese drei Damen auch nicht erfunden. Die Arbeitsleistungen, das Wissen und das Betragen eben dieser fünf Mitarbeiter, lies mehr Wünsche offen, als erfüllt wurden. Vor allem, sorgte deren Verhalten ständig für Streit und Stress. Da diese sich den Schwestern gegenüber, unhöflich, von oben herab benahmen und diese wie den letzten Dreck behandelten, selbst aber keine Ahnung von der Materie hatten.
Jacob wollte damit ein Zeichen setzen, dass es sich lohnte, sich ins Projekt einzubringen. Auch für die anderen würde er Möglichkeiten finden, das Engagement zu würdigen. Einige seiner Schwestern, brachten sich richtig ins Projekt ein und er sah das mit wachsender Begeisterung. Walli, Doris und Pia, waren seine besten und vertrautesten Schwestern, die viel retteten, was die zuständigen Oberschwestern versäumten und auf die er immer zählen konnte. Vielleicht würde dieses Engagement auch auf andere Schwestern übergreifen und es würden sich noch mehr Gedanken über die Arbeitsabläufe machen. Warum also, sollte er Anna, nicht belohnen werden, dafür dass sie für das Projekt einsetzte. Es spielte keine Rolle, dass sie seine Freundin war. Es nutzte dem Projekt, für das er arbeite und hatte für alle, einen großen Vorteil.
Vorgestern bekam er die Information, dass Anna zum Studium zugelassen wurde. Er hatte mit all seinen Mitarbeitern einen Test geschrieben. Den allerdings nur Anna und Walli bestanden hatten. Deshalb bekam, da der Vorschlag von Anna kam, auch diese den Zuschlag. All diese Gedanken gingen Jacob durch den Kopf, als er gemütlich mit Anna das Frühstück einnahm. Heute war dieses sehr schweigsam verlaufen. Der Abschied von Jacob fiel Anna schwer und es hatte sich irgendwie ein betrügendes Schweigen breitgemacht. Immer wieder versuchte Jacob lächelnd seine Freundin aufmunternd, dies allerdings misslang gründlich. Kaum dass sie fertig mit Essen waren, wollte Anna aufstehen und sich anziehen.
Jacob hielt sie noch einmal kurz zurück. "So mein Engelchen, ich habe noch eine kleine Überraschung für dich. Gestern Mittag, bekam ich einen Anruf aus Hunsingers Büro. Dein Studium, zur Diplom-Pharmazeuten, ist bewilligt. Die Theorie machst du hier, Zolger und ich, sind deine Mentoren. Die kleinen Praktika ebenfalls. Es kommt jemand für diese Zeit, extra aus Berlin hierher. Die Prüfungen, machst du dann in Berlin. Außerdem wird hier vor Ort in den nächsten Tagen eine Apotheke eingerichtet, in der du vernünftig arbeiten kannst."
Anna sprang auf, plötzlich war die bedrückte Stimmung wie weggeblasen. Sie fiel ihrem Chef und Freund, um den Hals. "Danke, oh man bin ich glücklich. Ich hole mir dann schnell noch Material, aus der Bücherei. Jetzt wird die Woche gar nicht mehr so schlimm", völlig abgedreht und aus dem Häuschen, vor Aufregung, lief Anna ins Bad, um sich anzukleiden. Kaum, dass sie wieder da war, nahm Jacob sie in den Arm, gab ihr einen letzten dicken Kuss.
"Anna ich bringe dich noch runter auf die Ebene Rot, so bist du schneller in deinem Quartier, dann packst du. Ich wünsche dir einen schönen Urlaub und wenn du Eis essen gehst, denke an mich. Du isst immer eine Kugel für mich mit. Ich werde mir dann diesen ganzen Horror einmal genauer ansehen, der da auf uns zukommt. Engelchen, mache dich bitte auf schlimme Dinge gefasst. Ich habe es auch erst gestern Abend erfahren. Leider darf ich dir vorher, noch nichts darüber erzählen. Aber richte dich bitte auf einen Schock ein", schon liefen beide, Hand in Hand los.
Anna, so auf ihre Freude über das Studium konzentriert, bekam diese Worte von Jacob gar nicht richtig mit. Im Grunde war der Chefarzt froh, dass jetzt nicht erst eine lange Diskussionen vor sich hatte und ließ die Sache auf sich beruhen. Er fuhr stattdessen, mit einer völlig glücklichen Anna, nach unten auf die Ebene Rot. Dort öffnete er die Sicherheitsschleuse und ließ Anna aus dem Sicherheitsbereich heraus. Traurig sah Jacob seine Freundin an. Er ließ sie ungern gehen, aber es war das Beste, was er tun konnte.
"Dann bis in einer Woche. Viel Spaß, denk ab und zu einmal an mich."
Jacob gab Anna einen letzten Kuss. Dafür bekam er eine herzliche Umarmung und das schönste Lächeln, das er sich wünschen konnte. An der Tür drehte er sich nochmals nach seiner Freundin um, winkte ihr nach und verschwand durch die Schleuse. Tief durchatmend lief Jacob zum Aufzug, um nach oben zu fahren und sich endlich diesen Horrorordner genau anzusehen.
Sigmar Mayer übernahm in der Zwischenzeit die Aufgabe, die Urlauber nach Hause zu schicken. Vor allem musste er der Mannschaft, das Warum und Weshalb, erklären. Aber keiner der fünfundsiebzig Mitarbeiter, die heute in den Urlaub geschickt wurden, war böse über diese unverhofften freien Tage. Im Gegenteil, alle freuten sich über diesen plötzlich und völlig ungeplanten Besuch, den sie bei ihren Familien machen konnten. Die vier Mitarbeiter, die gar keine Familie hatten, waren, wie auch die Freundin von Jacob, von Mayer mit einem schönen Urlaubsplatz versorgt wurden. So dass auch sie einige schöne und erholsame Tage verbringen konnten.
Für das Erklären und Wegschicken der Mitarbeiter brauchte der Projektleiter, weder den Chefarzt, noch den wissenschaftlichen Abteilungsleiter. Die Beiden hatten wichtigere Dinge zu erledigen. In dieser Zeit konnten sich die beiden Abteilungsleiter schon intensiv um die Durcharbeitung ihrer Unterlagen kümmern. Vor allem aber, hatte man sie aus der Schusslinie.
Für Mayer und sein Team, war dieser Tag hektisch, denn zeitgleich mit dem Abflug der Urlauber, kamen die Techniker und das Material an. Mayer hatte alle Hände voll zu tun, um dies alles zu koordinieren, und die Flug- und Objektsicherheit war bis zum Anschlag angespannt. Durch die Abwesenheit der anderen Teamleiter hatte Mayer die nötige Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit, alles zu koordinieren. Vor allem konnte Zolger und Jacob niemanden im Weg herum laufen. Mayer hatte also alle dort, wo er sie haben wollte. Denn dass, was man heute hier vorhatte, war Schwerstarbeit. Nicht nur für das Wach- und Bodenpersonal, sondern auch für das Hausmeisterteam und die Küche. Vor allem aber, für den Projektleiter, der hier im Projekt, für die Sicherheit aller, verantwortlich war.
Hatte man diesen Tag hinter sich, würde das Leben für eine ganze Woche, auch für die anderen im Projekt, etwas ruhiger werden. Die Mannschaft, konnte sich dann das erste Mal seit Projektbeginn wieder etwas erholen. Auch die Wachmannschaft konnte endlich einmal etwas ruhiger treten. Das Hausmeisterteam, konnte sich um die liegengebliebenen Arbeiten kümmern und auch die Küche hatte weniger Arbeit. So zog die Ruhe vor dem Sturm, in das "Projekt Dalinow" ein. Nach dieser einen Woche Ruhe würde dann wieder alles auf Hochtouren laufen. Dann würde es, die nächsten Jahre, keine Pause mehr geben.
Die einzigen Mitarbeiter im "Projekt Dalinow", die wirklich voll durcharbeiten mussten, waren die Abteilungsleiter. Für die Drei gab es auch in dieser Woche der Erholung, keinen Stillstand. Im Gegenteil. Zolger wie auch Jacob hatten mehr denn je zu tun. Sie mussten die Vorarbeiten planen und den Einsatz der vorhanden Schwestern und Ärzte koordinieren. Vor allem mussten sie in dieser einen Woche, alle Informationen speichern: Die wichtig und notwendig waren, um die ungeborenen Soldaten oder besser Kinder, gesund durch das Embryonen-Stadium zu begleiten, ohne, dass diese Schaden nehmen würden. Ein sehr umfassendes Programm, das nicht ganz unproblematisch war. Der Organisationsaufwand, hier im Projekt, war so enorm, so dass es einfach keinen Freilauf gab.
Dachte Mayer am Anfang des "Projektes Dalinow" und der Beendigung der Bauphase, dass es etwas ruhiger werden würde, so hatte er sich getäuscht. Der Arbeitsaufwand des täglichen Einerleis, wurde einfach nicht weniger. Nicht nur einmal kam Mayer der Gedanke, dass er sich übernommen hatte. Der Tag war einfach nicht lang genug, um all die vielen Arbeiten zu erledigen. Kaum einen Tag, bekam der Projektleiter mehr als fünf bis sechs Stunden Schlaf.
Auf der anderen Seite, musste Mayer aber ehrlich zugeben, machte ihm dieser Job wahnsinnigen Spaß. Es war die Herausforderung, die er sich schon lange gewünscht hatte. Organisieren, war etwas, dass ihm einfach lag. Es war wie ein Zwang für ihn, immer alles unter einen Hut zu bekommen. Schien etwas noch so unmöglich zu sein, er fand immer eine Lösung. "Es geht nicht" oder "Ich kann das nicht" waren Wörter, die Sigmar Mayer niemals in den Mund nehmen würde. Bei ihm ging alles. Es war nur die Frage, wie man das Problem anfasste oder besser gesagt, dass man ein Lösung sah und nicht am Problem festhielt. Je undurchführbarer etwas war, umso mehr ging der Projektleiter, in dieser, seiner Arbeit auf.
Kurz vor dem 14 Uhr, waren endlich alle Urlauber aus dem Projekt entlassen und auf dem Nachhauseweg, oder dem Weg zu ihrem Urlaubsziel. Schon seit 10 Uhr nahmen die Techniker ihre Arbeit auf und waren mitten in ihrer Arbeit. Endlich konnte sich der Projektleiter, eine halbe Stunde Zeit nehmen, um wenigstens Mittag zu essen.
Kurz nach dem Essen ging dieser "Höllentag" weiter. Die Flieger mit den Materialien für das Inkubatoren-Zimmer oder wie es von Mayer getauft wurde "das Kinderzimmer" kam schneller, als Mayer es mit seiner Mannschaft ausladen konnte. Zusätzlich forderte das Team, um Otto Korpus, dem Cheftechniker, noch mehr Material an. Heute standen sogar Mayer alle Haare zu Berge und der Schweiß lief ihn aus allen Poren des Körpers.
Es gab viele Materialien, an das bei der Planung des Kinderzimmers, nicht gedacht wurde. Da dieses Material noch nicht einmal bestellt war, wurde es zu einem logistischen Drahtseilakt und stellte Mayer fast unlösbares Problem. Trotzdem brachte es der Major fertig und organisierte, sogar noch dieses Material, in kürzester Zeit. Am Ende des Tages, es war kurz vor halb Eins am frühen Morgen, des nächsten Tages, fiel der Projektleiter so, wie er war ins Bett. Er hatte, wie seine Kollegen aus der Wachmannschaft und das Bodenpersonal, nicht einmal mehr die Kraft sich auszuziehen und zu duschen. Dieser Tag, hatte ihn und seine Teammitglieder, an die Grenze des Ertragbaren gebracht. Alle brauchten ganze drei Tage, um sich etwas zu erholen und wieder klar denken zu können. Man verkürzte, für die Wachmannschaft, sogar die Arbeitszeiten und setzte das freiwertende Personal, aus dem Service-Bereich, zum Wachdienst ein, damit die Wachmannschaft, sich einmal richtig ausschlafen konnte und etwas zur Ruhe kam.
Der Projektleiter war unheimlich stolz auf seine Jungs, die seit Anfang des Jahres 1957, rund um die Uhr im Einsatz waren und sogar, während der Bauphase tüchtig, auf der Baustelle, mit angefasst hatten. Ohne deren Engagement wäre das Objekt gar nicht fertig geworden. Es war eine tolle Truppe, die immer zusammen hielt. Wirklich keiner aus den von Mayer gestellten Teams, hatte sich, über zu viel Arbeit beschwerte. Alle packten einfach dort an, wo Hilfe gerade dringend gebraucht wurde. Mayer hatte es geschafft die Mannschaft als Team zusammen wachsen zu lassen. Das "Projekt Dalinow", konnte also beginnen. Zu mindestens die Wachmannschaft war mehr als bereit dazu.
Zur selben Zeit, in der die Teams von Mayer und Korpus das Kinderzimmer aufbauten, begann nicht nur Zolger, sondern auch Jacob damit seinen Ordner aufzuarbeiten. Nachdem Jacob wieder in seiner Wohnung war, nahm er sich die Unterlagen aus dem Tresor. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann sich in die Sache hineinzulesen.
Da er nun einmal seine Zustimmung zu diesem Projekt gegeben hatte, musste er jetzt das Beste daraus machen. Vor allem, für diese armen Geschöpfe, denen man das Leid der Züchtung angetan hatte, musste er Möglichkeiten des Schutzes finden. Egal, was diese Militärs und diese gewissenlosen Wissenschaftler aus dem Institut sagten, es spielte für den Arzt keine Rolle, ob gezüchtet oder nicht, es blieben Kinder und menschliche Wesen.
In der vergangenen Nacht, grübelte Jacob darüber nach, was er jetzt machen sollte. Sollte er dafür Sorge tragen, dass diese Wesen alle starben? Oder sollte er dafür sorgen, dass sie alle gesund und kräftig zur Welt kamen. Lange hat Jacob über diesen Punkt nachgegrübelt und mit seinem ehemaligen Mentor Zwiesprache gehalten. Immer wieder kam er zu der Entscheidung, er musste um das Leben dieser kleinen Wesen kämpfen. Er hatte einen Eid geschworen, jedes Leben zu schützen. Würde er diese zarten kleinen Lebewesen mit Absicht töten, dann wäre er nichts anderes als ein Mörder. Jacob wollte auch in siebzehn Jahren noch in einen Spiegel und sich selber noch in die Augen schauen können.
Deshalb hatte er seine Freundin auch nicht nach Hause geschickt. Sein kleines Mädchen, hielt ihn die ganze Nacht stets durch ihren sehr unruhigen Schlaf wach. Anna sorgte dafür, dass der Chefarzt munter blieb und genügend Zeit zum Nachdenken hatte.
Schritt für Schritt war der noch so junge Arzt, dem so eine schwere Bürde aufgehalst wurde, die Empfehlungen seines Mentors durchgegangen: Wie man sich in solchen verzwickten Situationen zu verhalten hatte. Jacob rief sich Hillingers stetigen Warnungen ins Gedächtnis, sich bei Forschungen vorzusehen. Dieser machte seine Studenten immer wieder darauf aufmerksam, dass bei allen Forschungsprojekten, gleich welcher Art, immer die Gefahr des Missbrauchs bestand.
Jacob erinnerte sich nur zu gut, an all die Tipps und Kniffe, die er von Hillinger bekam, um in einem solchen Falle, den Missbrauch verhindern zu können. Vor allem aber dafür Sorge zu tragen, dass dies nicht zu einer allzu großen Gefahr wurde. Man konnte sehr gut gegensteuern und eine Wiederholung von solchen Experimenten verhindern. Genau darin sah Jacob seine Aufgabe. Er musste nur dafür Sorge tragen, dass die Ergebnisse nicht die Gewünschten waren. Aber dabei sollte man trotzdem für Menschlichkeit und Gnade sorgt. Jacob wollte auch in siebzehn Jahren, noch stolz auf seine geleistete Arbeit sein. Auch, wenn ihm klar war, dass er nicht alles verhindern konnte, was diese Wissenschaftler ohne Skrupel geplant hatten. Die Wissenschaftler aus dem Berliner Institut sahen diese Wesen nicht als Menschen an, sondern als irgendetwas gezüchtetes, was weniger wert war, als der Dreck unter ihren Fingernägeln. Das begriff Jacob schon, als er die ersten Seiten dieser Abhandlungen gelesen hatte. Mit diesen kleinen Wesen, die noch nicht einmal geboren waren, konnten und wollten sie alles machen, was ihnen einfiel. Allerdings würde Jacob alles in seiner Macht stehende Tun, um diese noch ungeborenen Kinder zu schützen.
Alle diese für ihn stets herausfordernden Streitgespräche, mit seinem Mentor, fielen Jacob heute Nacht wieder ein. Die Ratschläge, die ihm Hillinger gab, würde er stets so gut es ging berücksichtigen. Er war seinem Mentor so dankbar dafür, dass er ihn auf solche Situationen gut vorbereitet hatte und er würde ihm alle Ehre machen. Das war er nicht nur Hillinger, sondern auch sich selber schuldig.
Jacob war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass seine Einsicht zu spät kam und er jetzt nichts mehr an dem Entschluss ändern konnte. Er hatte einen Schritt in die falsche Richtung getan. Oder war es nicht eher so, man hatte ihn mit Absicht in diese Richtung gedrängt. Denn er wusste jetzt, dass es für ihn nie die Möglichkeit gegeben hatten, nein zu sagen. Aber und damit rechnete weder Dalinow noch seine verfluchten Wissenschaftler, Jacob würde aktive Schadensbegrenzung zu betreiben und sich für das Wohl dieser armen Geschöpfe einsetzen.
Beim Durcharbeiten seines Ordners kam Jacob sogar der Gedanke, dass es gut war, dass er am "Projekt Dalinow" teilnahm. Dadurch konnte er aktiv verhindern, dass so ein Experiment noch einmal versucht würde.
Unter all diesen Gesichtspunkt begann Jacob, die Unterlagen des "Projektes Dalinow" durchzuarbeiten. Er fand viele Möglichkeiten, die er als Chefarzt würde nutzen können, um weitere Unmenschlichkeiten zu verhindern. Der sehr enge Kontakt, den er zu den Kindern haben würde, konnte Jacob dazu nutzen, um diesen kleinen Geschöpfen Moral und Anstand zu vermitteln. Er würde auch versuchen Vertrauen zu den Kindern aufzubauen. Er wollte diesen kleinen Wesen, vor allem viel Liebe und Geborgenheit geben. Er würde sie wie seine eigenen Kinder behandeln, denn es würden seine Kinder sein. Er konnte dadurch die Möglichkeit nutzen, ein freundschaftliches Verhältnis aufbauen. Ob dies machbar war, das musste allerdings die Zeit bringen. Er ahnte, dass das nicht einfach sein würde.
Seine erste wichtige Aufgabe war zu verhindern, dass die Kinder die nicht in der von den Wissenschaftlern willkürlich fest gelegten Norm lagen, getötet wurden. So schrieben es die ihm vorliegenden Forschungsunterlagen vor. Jacob musste Wege suchen und finden, diese Morde zu verhindern. In seinen Augen hatten die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Berliner Institutes, weder ein Herz noch eine Seele, geschweige denn etwas wie einen menschlichen Verstand. Dass sich der Schutz der Embryonen als sehr kompliziert herausstellen würde, war dem Chefarzt bereits in diesem Moment klar und wurde ihm, mit jeder Zeile die er las bewusster.
Vor allem musste Jacob eine humane Lösung finden, falls er diese Morde nicht verhindern konnte. Bei diesem Gedanken wurde ihm schlecht, Tränen traten in seine Augen und sein Herz begann zu rasen. Humane Tötung. Alleine diese beiden Worte waren der blanke Hohn. Herrgott wie konnte man eine Tötung human nennen. Wie kam er nur auf solche Gedanken. Er schämte sich vor sich selbst. Der Chefarzt schob diese Gedanken erst einmal beiseite, daran wollte er jetzt noch nicht denken. Diesen Gedanken wollte er bis zur letzten Sekunde vor sich her schieben, bis er sich sicher war, dass er diese Morde nicht verhindern konnte.
Danach wurde Jacob mit jeder Zeile die er las bewusster, wäre er nicht mehr derselbe Mensch. Etwas in seiner Seele würde für immer zerbrechen. Mit diesen Morden würde er nicht umgehen können. Er würde deshalb, ab der ersten Sekunde alles in seine Macht stehende Tun, damit alle seine Kinder in eben dieser Norm lagen.
Vor allem war ihm bewusst, dass er niemanden damit beauftragen konnte, diese Morde auszuführen. Musste eins dieser Kinder sterben, dann konnte er das nur selber machen und verantworten. Auch, wenn er die meisten seiner Ärzte-Kollegen nicht mochte, konnte er dieses Töten, von niemand verlangen. In Jacobs Augen war dass, was er dann tun musste, Mord.
Einige der Team-Ärzte, waren nur an Geld und Karriere interessiert. Menschlichkeit und Freundlichkeit interessierte diese Kollegen nicht. Dies war auch der Grund, weshalb er keinen Zugang zu ihnen fand. Sie waren habgierige, nach Luxus strebende Ärzte, ohne jegliches Gewissen. Genau wie diese Wissenschaftler, die sich für solche Versuche, an lebenden Geschöpfen hergegeben hatten.
Trotzdem konnte Jacob niemand befehlen, Kinder zu töten. Er hatte vor, sich aus seinen Teams vertrauenswürdige Personen heraus zu picken, so wie Anna und Walter, denen er reinen Wein einschenken würde. Die anderen gewissenlosen Ärzte, musste er versuchen schnellstmöglich aus dem Projekt zu entlassen. So dass er im Laufe der Jahre, nur noch Mitarbeiter in seiner Nähe hatte, auf die er hundertprozentig verlassen konnte und die auf seiner humanitären Seite standen. Die vor allen diese kleinen unschuldigen Wesen, als Menschen ansahen.
Zügig arbeitete Jacob die Unterlagen durch. Kurz vor 10 Uhr erhielt Jacob von Mayer einen Anruf, dass er bitte schnellstmöglich auf die Ebene 6 blau kommen möchte. Die Techniker wären soeben gelandet, bräuchten dringend seine Hilfe. Sie und auch Mayer selbst, wären völlig überfordert und hätten keine Ahnung, wie die vielen Inkubatoren am besten aufgestellt werden sollten. So, wie es im Plan vorgesehen wäre, würde es nicht funktionieren. Der Raum wäre viel zu klein.
Mayer erklärte Jacob, er habe ihn, den Chefarzt, für alle Ebenen des Gebäudes 6 freigeschaltet. Er könne sich jetzt überall frei bewegen und sich unten in allen Ebenen des Forschungscentrums umschauen. Also legte Jacob den Ordner erst einmal wieder in den Tresor.
In diesem Augenblick wurde ihm auch klar, weshalb er in seiner Wohnung einen Tresor brauchte. Diese Unterlagen konnte er nicht einfach so herumliegen lassen. Wenn da ein Uneingeweihter, aus Neugier auch nur einen Blick hineinwarf, gab es eine Katastrophe. Selbst dann, wenn derjenige nicht alle Einzelheiten verstanden. Jacob begriff plötzlich, weshalb alle Telefonate nach außerhalb, überwacht wurden.
Seit gestern Abend hatte sich der Chefarzt nicht das erste Mal gefragt, wieso er so blind war und all die Anzeichen, die er jetzt sah, nicht schon eher bemerkt hatte. Wieso er so völlig ahnungslos in diese Falle und dieses Projekt gestolpert war? Hatte er sich, wie alle anderen, vom Luxus täuschen lassen? Oder war es der Drang zu forschen, der ihn so blind gemacht hatte? War es vielleicht sogar Bestimmung, dass er hier war? War dies seine Lebensaufgabe? Diesen Wesen zu helfen und zu verhindern, dass noch mehr solcher Projekte in Auftrag gegeben wurden?
Eins wurde Jacob immer klarer, er musste verhindern, dass dieses Projekt wiederholt wurde. Dies konnte er aber nur im Geheimen machen, ohne offensichtlich zu werden. Vor allem musste er es so tun, dass diese armen Seelen, diese kleinen unschuldigen Geschöpfe, keinen noch größeren Schaden nahmen.
Humane Schadensbegrenzung hatte das Hillinger immer genannt. Jetzt wurden dem Chefarzt erst viele Dinge klar, die ihm sein Mentor im Laufe seines Studiums immer wieder erklärt hatte. Er war heute umso dankbarer, dass sein Mentor ihm diese Wege vorgezeichnete. Er entschuldigte sich immer wieder gedanklich bei Hillinger, dass er nicht aufmerksamer gewesen war. Aber er machte Hillinger, im Stillen, auch Vorwürfe, dass der Lehrer seinen Schüler nicht vor diesem falschen Weg abgehalten hatte. Vielleicht musste er diesen Weg gehen, um zu wachsen. Was wäre, geschehen, wenn einer dieser gewissenlosen Ärzte, hier das Sagen hätten. Dann würde es in Zukunft, noch mehr Supersoldaten geben, nicht nur Hundert. Ein Gedanke, der Jacob erschauern ließ.
Es war gut, so wie es war. Zu diesem Schluss war er heute Nacht gekommen. Alles hatte seinen Sinn im Leben. Auch, dass er diesen falschen Schritt getan hatte. Er würde es in etwas Positives verwandeln. Dies war er Hillinger, diesen kleinen unschuldigen Wesen und sich selber schuldig.
Tief in diese Gedanken versunken zog Jacob einen Overall über und fuhr das erste Mal, nach unten auf die Ebene blau. Erschrocken sah er sich hier um. Obwohl alle Lichter angeschaltet waren, wirkte es hier dunkel und ungemütlich. Im Gang standen überall zusätzliche Strahler, um für mehr Licht zu sogen. Nichts war hier von dem Luxus der anderen Häuser zu spüren.
Ein etwas älterer Techniker kam auf Jacob zugelaufen. "Sind sie Major Jacob?", wollte er ohne Gruß wissen. Man merkte ihm an, dass er unter Zeitdruck stand.
"Ja und mit wem habe ich die Ehre?", wollte Jacob wenigstens wissen, mit wem er es zu tun hatte.
"Entschuldigen sie, Genosse Major. Nennen sie mich einfach Otto. Otto Korpus. Ich bin der Cheftechniker. Bitte Ma…", stellte der glatzköpfige, untersetzte und muskulös Korpus sich vor und wurde von Jacob unterbrochen.
Der grinste ihn breit an. "Sagen sie einfach du und Fritz, das erleichtert den Umgang."
Korpus nickte. "In Ordnung, Fritz. Wie willst du die Brutkästen stehen haben? Ihr könnt die dann nicht mehr groß verschieben. So, wie die sich das die feinen Herren aus Berlin vorgestellt haben, geht das wieder einmal überhaupt nicht. Wir müssen die gleich richtig hinstellen. Wir haben keine Zeit lange herum zu probieren."
Jacob war das schon klar. "Komm Otto, sehen wir uns das einmal in Ruhe an. Einer deiner Jungs, soll bitte Zolger Bescheid sagen. Ich weiß nicht, was die Laboranten an Platz brauchen. Darüber haben wir noch gar nicht sprechen können. Wir haben die Unterlagen erst gestern Abend bekommen."
Korpus rief einen der zu Mayer gehörenden Männer heran, um nach Zolger zu schicken.
"Otto, sag mal, es müssen doch nur hundert dieser Geräte im Raum verbleiben. Kann man die anderen nicht darüber stellen?"
Korpus schüttelte den Kopf. "Fritz, diese Geräte sind so groß und schwer, die müssen alle auf dem Boden stehen. Auch müssen alle hundertfünfzig Inkubatoren, über den gesamten Zeitraum in Betrieb bleiben: da dies ein in sich geschlossenes System ist. Es ist verdammt schwierig und kompliziert zu installieren. Bitte, wir müssen hinmachen. Wir haben nur zehn Stunden für die Montage."
Jacob sah den Techniker verwirrt an. "Warum seid ihr dann nicht schon vor ein paar Tagen gekommen? Dann hättet ihr das in Ruhe aufbauen können."
Korpus verzog genervt das Gesicht. "Weil die Herren Wissenschaftler der Meinung waren, diese zehn Stunden würden genügen, um die paar Kästen hinzustellen. Vier Minuten würden reichen, um so einen Kasten anzuschließen. Wir sollen die nur hinstellen und nicht aus Einzelteilen zusammenbauen. Aber keine Angst, ich schaffe das mit meinen Jungs schon irgendwie", dabei fuhr sich Otto nervös durch die nicht vorhandenen Haare. Wohl war dem Techniker bei der ganzen Sache nicht. Das sah man ihm deutlich an.
"Hast du einen Zollstock? Oder weißt du wie groß der Raum ist? Ich bin jetzt das erste Mal hier unten. Ich weiß deshalb nicht, wie viel Platz wir zur Verfügung haben."
Otto nickte. "Fritz, der Raum hat eine Größe von achtundzwanzig Metern mal fünfunddreißig Metern", dabei zeigte Korpus, Breite und Länge an. "Wir müssen hundertfünfzig solcher Kästen aufbauen. Aber auch noch Arbeitstische, Schaltschränke und Regale. Ich habe keine Ahnung, wie die sich das vorstellen. Vor allem, wo ich das hin bauen soll. Der Raum ist viel zu klein."
Jacob schlug den gestresst wirkenden und um viele Jahre älteren, allerdings völlig überforderten Korpus, lachend auf die Schulter. "Bleib mal ganz ruhig, Otto. Dafür hast du den Papa. Der rechnet dir das ratzfatz aus und richtet das alles."
Schallend lachend sah Korpus den breit grinsenden Jacob an. "Na du erst noch", konnte sich der Techniker nicht verkneifen.
Jacob interessierte allerdings etwas anderes, er erkannte das eigentliche Problem. Immer mehr Leute, hasteten mit Sackkarren an ihm vorbei. Ihm wurde klar, dass einhundertfünfzig nur eine Zahl war, nichts über die wirkliche Menge aussagte. Diese Brutkästen waren riesige Kolosse.
"Hast du bitte mal einen Zettel und einen Stift? Dann erkläre ich dir, wie wir das am besten stellen können. Sobald ich den Raum gesehen habe", schon betraten sie den Kinderraum, der dunkelgrün gestrichen war.
Dem Chefarzt fiel die Kinnlade herunter. Keinerlei natürliches Licht gab es hier, keinen Lichtschacht, kein Fenster, keinen Sonnengarten und keinerlei Gemütlichkeit. Hier gab es nur ein Ventilationssystem, das für genügend Frischluftzufuhr sorgte. Kopfschüttelnd und fassungslos sah sich Jacob hier um. Er war schockiert. Hier sollten Kinder groß werden? Er musste mit den Wissenschaftlern, ein ernstes Wort reden. Aber erst einmal musste er Korpus helfen, der vollkommen überfordert schien.
Das Kinderzimmer war ein riesiger Raum. Gleich, wenn man den Raum betrat, war auf der rechten Seite genügend Platz für die Schaltschränke, da störte die Tür nur bedingt. Durch einen Türstopper konnte man verhindern, dass die Tür gegen die Schränke schlug und diese beschädigte.
"Otto, sieh mal her. Hier vorn könnt ihr den Arbeitsbereich anlegen. Die Schalttafel, gleich hinter die Tür, daneben die Arbeitstische, Regale für die Arbeitsmaterialien, Laborausrüstung." Otto nickte und gab sofort seinen Leuten, die entsprechenden Anweisungen. "Wie groß sind die Brutkästen?", wollte Jacob von Korpus wissen.
"Fritz, das sind Würfel von einem mal einem Meter Grundfläche und dreieinhalb Metern Höhe. Darunter befindet sich zusätzlich noch ein Pumpensystem, für die Reinigung des Wassers, für die Sauerstoffversorgung und die Ernährung."
"Otto, das wäre eine Grundfläche pro Inkubator, von einen mal einem Meter? Die Höhe brauche ich nicht. Stimmt das? Die sehen viel größer aus."
"Ja, ein mal ein Meter", kam die knappe Antwort, von Korpus.
Kurz rechnete Jacob einige Stellvarianten im Kopf durch und stellte sich das bildlich vor. "Pass auf Otto. Ich würde folgendes vorschlagen. Ihr stellt die Geräte erst einmal alle auf. Damit wir sehen, ob das, was Theoretisch gut klingt, auch Praktisch gut ist. Du stellst die Inkubatoren von der Wand da hinten, links in der Ecke, im Abstand von einem halben Meter, nach vorn zu der Tür. So haben wir fünfzehn hintereinander, der halbe Meter muss sein und vorn am Eingang braucht ihr ja auch noch etwas Platz. Dadurch haben wir genug Bewegungsfreiheit zwischen den Gräten. Den Platz brauchen wir um zu arbeiten und um diesen Raum auch ordentlich sauber halten können. Von dort hinten links, zur rechten Wand hin, im Abstand von zwei Metern, weitere vier Reihen. Das Gleiche machst du von der rechten Wand aus. So haben wir dann zweimal fünf Reihen a fünfzehn Geräte. In der Mitte bleibt uns ein breiteren Gang, indem wir eventuell später noch Tische oder Rollwagen aufstellen können. Schon stehen alle einhundertfünfzig in Reih und Glied, so wie es sich gehört. Vor allem ist es wichtig, dass die Wege für unsere Mitarbeiter nicht zu weit sind. Sag mal könntet ihr eventuell…" Jacob zeigte auf die jetzt noch theoretisch stehenden Brutkästen. "…hier vorn an der Tür, eine Art Trennwand bauen. Sonst kommen, die vorderen Reihen nie zur Ruhe."
Otto nickte dankbar und gab sogleich die Anweisungen die Geräte in dem besagten Schema abzustellen, an seine Mitarbeiter weiter. Dankbar sah er Jacob an. "Danke Fritz, ich bin ja eigentlich nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen, aber hier war ich grade total überfordert. Mit der Trennwand muss ich sehen. Ich habe kein Material dabei, für solche Extras. Aber das kann der Hausmeister, in den nächsten Tagen nachträglich einziehen. Ich bespreche das später mit Mayer, ob der mir das Material so kurzfristig besorgen kann. Der ist ein Organisationsgenie. Wir werden sehen, was möglich ist. Danke Fritz."
"Immer gerne, Otto. Zu was hab ich Jahre lang Mathematik studiert. Stellt einfach alle auf. Ich weiß ihr habt Zeitdruck. Fangt an die an der Wand anzuschließen, ich sehe mir das gleich noch einmal an, wenn alle da stehen. Aber ich denke, wir können sie so stellen. Schön, dass ich helfen konnte. Bei dem, was ihr hier vorhabt, wäre ich völlig überfordert."
Immer größer wurden Jacobs Augen, als er die Masse von Inkubatoren sah, die in den Raum wanderten. "Brauchst du mich noch Otto, ich würde mich hier unten gern einmal umsehen."
Korpus schüttelte den Kopf. "Nein, ich brauche dich nicht mehr. Du stehst jetzt nur im Weg rum", meinte dieser lachend, da Jacob ständig den Technikern ausweichen musste. "Aber bevor du hoch gehst, sehe bitte noch einmal kurz hier in den Raum. In einer bis anderthalb Stunden müssten alle Geräte, an ihrem Platz stehen. Gebe uns dein okay zu dem, was wir aufgestellt haben, damit wir wissen, ob wir vielleicht noch etwas ändern müssen und bitte nicht erst kurz vor 22 Uhr."
Jacob nickte und lief einfach los, um aus dem Weg der Techniker zu kommen. Die ständig schimpfend, um das Hindernis, das der Chefarzt darstellte, herumliefen und ihn ständig anrempelten.
Jacob beschloss für sich, die Zeit sinnvoll zu nutzen, sich erst einmal den gesamten Bereich des Forschungszentrums in Ruhe anzusehen.
Fast zwei Stunden brauchte der Chefarzt, bis er alles gesehen hatte. Jacob war fassungslos, über das, was er erblickte. Alles war auf Kampf eingestellt. Es gab Schießstände vom Feinsten auf der Ebene Grün. Auf der Ebene gelb befand sich ein über zwei Etagen, aufgebauten Parcours für Schieß- und Kampfübungen. Auf der Ebene Lila war eine wunderschöne Turnhalle, die keine Wünsche offenließ. Darunter befand sich eine riesige Schwimmanlage. Deren spätere Verwendungszwecke der einzelnen Becken, man noch gar nichts erahnen konnte. Aber nirgends, waren Quartiere oder Aufenthaltsräume für diese Kinder vorgesehen. Es gab keinen Spielbereich, keine persönlichen Rückzugsmöglichkeiten und keine Schulungsräume. Kopfschüttelnd kehrte Jacob auf die Ebene blau zurück. Auf der sich das jetzige Kinderzimmer und ein, noch nicht fertiggestellter Sanitärbereich befand.
Erstaunt sah sich der Chefarzt um. Korpus Leute waren bereits dabei, die Inkubatoren anzuschließen. Die Arbeitsbereiche vorn im Eingangsbereich waren bereits fertiggestellt. Der Schaltschrank war ebenfalls schon vorbereitet. Jacob begriff nicht, wie die Techniker das in nur zwei Stunden alles montiert und aufgestellt hatten. Es war wie ein Wunder. Jacob ging einfach einmal durch die Reihe und stellte mit Erleichterung fest, es war genügend Platz vorhanden.
Zolger der nun auch endlich eingetroffen war, kam auf Jacob zu. "Die Inkubatoren stehen gut, wie sie jetzt stehen. Finde ich. Es ist genug Platz vorhanden, um an jeden dieser Geräte heranzukommen. Eine gute Aufteilung, finde ich."
Jacob lächelt den müde aussehenden Kollegen an. "Walter, sag mal, wann hast du das letzte Mal geschlafen? Du siehst einfach nur Scheiße aus", intensiv musterte der Chefarzt seinen Freund und kam aufs Thema zurück. "Na ja Walter, ich dachte, so stehen die Kästen am besten."
Zolger nickt gähnend, rieb er sich das Gesicht. "Der Gang in der Mitte ist gut, da können wir zur Not noch Tische mit Laborausrüstung hinstellen. Was mir allerdings nicht gefällt, ist das Wirrwarr an Kabeln auf dem Boden. Hier kann man kaum laufen."
Jacob war das auch schon aufgefallen. "Keine Angst, ich kümmere mich da gleich noch darum."
Jacob sah sich nach Otto Korpus um. Da er den Cheftechniker nirgends sah, fragte er einfach einen der Techniker. "Wo ist Otto Korpus?"
"Da hinten irgendwo in der Ecke", gab der Angesprochene zur Antwort und zeigte nach hinten links.
"Danke", schon stieg Jacob über diese wirr herumliegenden Kabel, in die gezeigte Richtung, in der er nur ein paar Beine auf dem Boden und vor einem Kasten liegen sah.
"Otto hast du einen Moment?", sprach er die Beine an, die so hoffte er, zu Korpus gehörten.
"Moment", rief dieser aus dem Brutkasten, den gerade anschloss. Fast zehn Minuten brauchte der Techniker, dann erschien sein Kopf vor dem Kasten. Der Techniker stand stöhnend auf und kam auf Jacob zu. "Tut mir leid, Fritz, das ist so kompliziert mit dem Anschließen der Geräte. Wenn ich da mitten drinnen aufhöre, komme ich nicht mehr rein. Muss noch einmal von vorn anfangen. Das kostet viel Zeit. Etwas, dass ich nicht habe. Was kann ich für dich tun? Wie kann ich dir helfen, Fritz?"
Jacob konnte sich schon denken, dass dies alles nicht einfach war. In technischen Sachen war er so unbeholfen, dass er nie verstehen würde, wie solche Dinge funktionierten. "Otto wie ist das mit den Kabeln und Schläuchen hier? So kann das nicht bleiben. Wie sollen die Leute hier laufen?"
Korpus fing an, schallend zu lachen. Es war ein schönes klares Lachen. "Na du erst noch, das bleibt doch nicht so", kopfschüttelnd sah er Jacob an. "Was ihr immer so denkt? Keine Angst Fritz. Da kommen noch Laufstege drauf, mit Linoleum. Damit ihr auch wischen könnt. Deshalb sind ja die Brutkästen, so sehr hoch. Allerdings müssen wir vorne die Tür aushängen oder umbauen, so dass sie sich nach außen öffnet. Sonst bekommen wir die Tür nicht mehr bewegt. Oder ich mache hier ein paar Stufen hin, die auf den Laufsteg führen. Anders geht das wirklich nicht zu machen."
Jacob verstand, was der Techniker meinte.
"Otto, das musst du mit dem Hausmeister und Mayer absprechen. Eine Tür würde ich schon gern hier drinnen haben. Ich denke die Idee mit den Stufen ist nicht schlecht."
Korpus nickte. "Dann kläre ich das mit Mayer ab. Also, lass mich weiter machen. Wir haben alle Hände voll zu tun. Um 22 Uhr 15, muss ich mit allem fertig sein. Denn um 22 Uhr 30 ist der Testlauf. Drücke mir die Daumen, das alles klappt. Wenn ich dich noch einmal brauche, lass ich dich rufen. Ansonsten, sehen wir uns um 22 Uhr 45 zur Abnahme", schon war er im nächsten Brutkasten verschwunden, ohne auch nur auf eine Antwort von Jacob zu warten.
Innerlich den Kopf schüttelnd lief Jacob wieder nach vorn zu Zolger. "Walter, hier kommen noch Laufstege drüber. Also denke ich, können wir bestimmt Wagen benutzen. Komm gehen wir Mittagessen. Dann mein Freund, legst du dich hin, sonst weise ich dich auf der Krankenstation ein", dabei lächelte Jacob seinen Freund und Kollegen an, der fix und fertig aussah.
Zolger nickte müde. Er fuhr mit Jacob nach oben in die Ebene weiß und von dort aus liefen die beiden Abteilungsleiter durch den Park nach vorn in die Mensa. Die frische Frühlingsluft tat beiden Freunden gut. Vor allem die Ruhe, nach der Hektik, die unten im Bereich Blau herrschte. Die Mensa wirkte heute irgendwie leer und trostlos, nach dem Trubel der die ganzen letzten Wochen, hier ständig herrschte.
"Wollen wir hier essen oder hinten in der Offiziersmesse?"
Zolger zuckte lustlos mit den Schultern. "Ist mir egal. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger. Mir ist schlecht", erklärte er dem Chefarzt und ließ sich einfach auf den nächsten Stuhl fallen.
Jacob setzte sich neben den Freund. "Walter, es hilft doch niemanden, wenn du dich so durchhängen lässt. Wir haben einen Schritt in die falsche Richtung gemacht, da stimme ich dir zu. Aber wir können noch beeinflussen, in welche Richtung wir segeln. Es liegt nur an uns, ob wir zulassen, dass man aus diesen Kindern gefühllose Monster macht."
Zolger sah Jacob verzweifelt an. "Fritz, du hast gut reden. Du hast das hier nicht zu verantworten. Ich aber schon. Viele der Sachen, die sie dort gemacht haben, sind auf meinen Mist gewachsen. Ich habe in der Uni in Leningrad, theoretisch in der Genmanipulation gearbeitet. Einbindung von bestimmten genetischen Merkmalen, tierischen Ursprungs, in die menschliche Genetik. Ich dachte, es wäre nur theoretische Spinnereien. Aber, die haben meine Forschungen missbraucht. Fritz, die haben in die Gene, dieser Föten, tierische DNS eingebettet. Diese verdammten Wissenschaftler merken absolut nichts mehr. Haben die denn gar kein Gewissen? Fritz, die haben dort unten keine Menschen geschaffen, sondern Monster. Ich kann und will da nicht mitmachen. Das ist gegen alle meine Prinzipien. Ich werde aussteigen, aus diesem Projekt. Egal, was die mit mir machen. Lieber lasse ich mich umbringen oder nach Sibirien depotieren, als das zu verantworten. Ich kann damit nicht leben."
Fassungslos starrte Jacob, seinen Freund an. "Wie tierische DNS integriert? Walter, du weißt ich bin in Genetik nicht so firm, wie du. Ich habe mich immer nur sehr oberflächlich damit befasst."
Walter winkte ab, stützte müde seinen Kopf auf die Hände, starrte auf die Tischplatte.
"Komm Walter erkläre es mir. Ich muss verstehen, was da auf mich zukommt. Außerdem bist du nicht verantwortlich, du hast es doch nicht gemacht."
Walter sah hoch. Jacob erschrak, sein noch so junger Kollege weinte. Er rutschte mit seinem Stuhl zu Zolger, zog ihn in seine Arme und versuchte ihn zu beruhigen.
Walter erklärte ihm, als er wieder ruhiger war. "Klar bin ich verantwortlich. Durch mich wurde das alles erst möglich. Das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht. Es waren Spinnereien, die wir als Genetik-Studenten gemacht haben. Weißt du, wie bei diesem Wortspiel mit dem Elefant und dem Krokodil. Da wird ein Krokofant oder Eledil draus. Wie sollte ich wissen, dass diese Unmenschen das umsetzen. Wie krank muss man eigentlich sein, wenn man so etwas macht? Fritz, die haben die Augen, die Ohren, den Geruch, aber auch die Schnelligkeit dieser Wesen, durch gezieltes Einsetzen von tierischer DNS in die menschliche DNS, verbessert. Ich habe keine Ahnung, wie die das hinbekommen haben. Sieh dir die DNS-Stränge der Föten an, dann siehst du das auch. Jeder dieser Serien hat bestimmte genetische Merkmale. Deshalb ist es dort unten überall so dunkel. Diese Kinder werden einmal im Dunkeln besser sehen, als wir im Hellen. Auch werden die meisten oder was wahrscheinlicher ist, alle, eine Kombination aus einem menschlichen Auge und einem Facettenaugen haben. Keine Ahnung, was mit diesen Kindern noch alles passiert. Die haben so viele verschiedene DNS Stränge hinein gemischt, dass keiner vorher sagen kann, was da unten entstehen wird. Es ist einfach unmenschlich. Das hat nichts mehr mit dem zu tun, was ich unter Genetik verstehe. Ich wollte verhindern, dass Missbrauch mit der Gentechnik betrieben wird. Jetzt soll ich das hier unterstützen, das kann ich nicht", verzweifelt sah Zolger seinen Kollegen und Freund an. "Lass es dir schmecken. Ich gehe Hunsinger anrufen. Ich steige aus."
Jacob war entsetzt und fassungslos, über das, was ihm Zolger gerade gesagt hatte. Davon stand in den gestern erhaltenen Unterlagen nichts drin.
"Verdammt nochmal. Walter, dann brauche ich dich erst recht. Bitte, du musst mir helfen, diese Kinder zu beschützen. In unserer Hand liegt es jetzt, was aus den Kindern wird", ernst sah er den Freund an.
Der wissenschaftliche Leiter des Projektes schüttelte den Kopf. Er konnte und würde dieses Experiment nicht unterstützen. Zolger stand auf, als Jacob ihn festhalten wollte, schüttelte er dessen Hand ab und ging einfach fort. Mit hängenden Schultern, seine ganze Körperhaltung, war besorgniserregend. Zolger verließ völlig verstört und resigniert, die Mensa.
Jacob stand jetzt ebenfalls auf und ging nach hinten in die Offiziersmesse. Mayer war, um diese Zeit immer hier zu finden, da er mit seiner Tochter zu Mittag aß.
"Mahlzeit, Sigmar. Wo hast du Ilka, meine kleine Freundin gelassen?", begrüßte er seinen Freund und Vorgesetzten und setzte sich zu ihm an den Tisch.
"Mahlzeit, Fritz. Meine Kleine, ist heute mit Reimund in Berlin bei ihren Großeltern und einen Stadtbummel machen. Fritz, ich wollte die Kleine hier raus haben. Die kommen übermorgen erst zurück. Sag mal, wie geht es dir, hast du den ersten Schock schon überwunden? Was ist denn los Fritz? Wo ist Walter?"
Jacob schüttelte den Kopf, das Gespräch mit Zolger ließ ihm keine Ruhe. "Sigmar, ich habe so ein verdammt ungutes Gefühl im Bauch. Ich denke, dass Walter kurz vor dem Durchdrehen ist. Er will aussteigen. Ich habe die Vermutung, wenn er dazu keine Genehmigung bekommt, haben wir hier unseren ersten Toten. Kannst du organisieren, dass man bei ihm regelmäßig nach dem Rechten sieht? Ich habe irgendwie Bauchschmerzen."
Mayer sah den Chefarzt verwundert an. Da dieser noch nie, so etwas von ihm verlangt hat und auch, weil er von Jacob wusste, dass er heute jeden seiner Leute brauchte.
"Sieh mich nicht so an Sigmar. Leider behalte ich mit solchen Gefühlen fast immer Recht. Schicke einfach ab und an mal eine Wache, zum Nachsehen vorbei, bitte. Wenn ich mich täusche, ist das doch gut."
Mayer stimmte zwar mürrisch zu, gab Jacob insoweit Recht. Schaden würde es nicht und so war man auf der sicheren Seite. "In Ordnung, Fritz, das organisiere ich dann gleich. Lass uns erst einmal in Ruhe etwas Essen. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich heute für einen Stress habe. Die Flieger kommen schneller an, als ich sie ausladen lassen kann. Noch zwei solche Tage und du kannst mich wegschmeißen. Na hoffentlich, wird es bald ruhiger."
Jacob nickte, er konnte sich gut vorstellen, was für ein Problem, dies für den Sicherheitschef war. "Na ich denke nächste Woche läuft alles wieder seinen geordneten Gang. Lass es dir schmecken, Sigmar." Jacob griff ordentlich zu, heute früh hatte er nicht viel gegessen, da seine Gedanken viel zu sehr abgelenkt waren.
Nachdem man in Ruhe gegessen hatte, gingen beide wieder ihren Arbeiten nach. Jacob ging als erstes noch einmal, nach oben zu Zolger, um nach dem Rechten zu sehen. Der war allerdings nicht da oder macht die Tür nicht auf. Dadurch beunruhig, dass ihm sein Kollege nicht geöffnet hatte, rief er von seiner Wohnung aus, den Wachdienst an. Damit jemand nach Zolger sah. Nur wenige Mitarbeiter von der Sicherheit, besaßen die Generalkarten, um sich überall Zutritt zu verschaffen, können.
Jacobs Bauchweh, wurde immer schlimmer. Da er keine Ruhe fand, rief er Zolger nochmals, zu Hause und im Labor, an. Aber, obwohl die Telefone nicht besetzt waren, ging dieser nicht ans Telefon. Selbst in der Mensa ließ Jacob nachschauen, ob Zolger vielleicht doch noch zum Essen erschienen war. Nirgends war sein Freund zu sehen. Immer beunruhigter wurde Jacob. Deshalb stand er auf und lief hinüber ins Haus 3. Dort kam er zeitgleich, mit den vier Wachleuten an, die er zwischenzeitlich um Hilfe gebeten hatte. Jacob bat darum, gleich nach oben zu fahren. Sofort gingen alle zum Aufzug und fuhr nach oben in Zolgers Wohnung.
Jacob hieß, die Wachleute am Aufzug zu warten, betrat rufend die Wohnung Zolgers, bekam jedoch keine Antwort. Der Chefarzt ging ins Schlafzimmer, dort war Zolger nicht. Dann weiter ins Bad, auch dort fand er Zolger nicht. Besorgt sah Jacob im Büro und dann im Labor nach. Dort entdeckte er Zolger, mit dem Kopf auf dem Labortisch. Erleichtert atmete der Chefarzt auf. Also war Walter nur vor Müdigkeit eingeschlafen. Der Chefarzt schüttelte den Kopf und ging auf Zolger zu, wollte den Freund wecken.
"Walter, komm werde munter und lege dich ins Bett", dieser rührte sich nicht. Besorgt fühlte Jacob nach dem Puls von Zolger, der schlug gleichmäßig und kräftig.
"Jungs kann mir bitte mal jemand von euch helfen kommen", rief er zu den Wachleuten, die immer noch am Aufzug warteten. Sofort kamen zwei der Wachleute ins Büro. Lachend sahen sie auf den schlafenden Professor.
"Na, der hat ja einen gesunden Schlaf. Warten sie Herr Doktor, wir tragen ihn rüber ins Bett." Die Beiden fassten, Zolger unter den Achsen und an den Beinen, trugen ihn nach drüben in sein Bett, legten ihn angezogen, wie er war, darauf.
"Danke meine Herren. Damit konnte keiner rechnen, ich dachte hier ist etwas passiert. Sagen sie Major Mayer bitte Bescheid, dass alles in Ordnung ist."
"Jawohl, Genosse Major", schon verschwanden die Vier lachend im Aufzug und gingen wieder ihrer Arbeit nach.
Jacob zog dem schlafenden Freund die Schuhe aus und deckte diesen zu. Blieb allerdings in Zolgers Wohnung. Dieses ungute Gefühl ließ ihn, auch jetzt nicht los. Deshalb ging er ins Labor von Zolger. Jacob wollte, in der Annahme das Zolger die gleichen Unterlagen wie er bekommen hatte, einfach weiterlesen. Stellte jedoch fest, dass Zolger völlig andere Informationen vorlagen, als ihm.
Intensiv las Jacob in Zolgers Ordner. Ihm wurde schon nach den ersten Seiten klar, was seinem Kollegen so zu schaffen, machte. Vor allem, wieso es Zolger so schlecht ging. Was man diesen Embryonen antat, war der blanke Wahnsinn. Selbst mit seinen unzureichenden genetischen Kenntnissen, wurde Jacob klar, man konnte von Glück reden, wenn diese Kinder annähernd menschlich aussehen würden. Selbst mit seinem unzureichenden genetischen Wissen begriff Jacob, dass dies eine verdammte Gratwanderung wurde. Es war Wahnsinn, was die Wissenschaftler da erschaffen hatten. Trotzdem würden es fühlende und denkende Wesen sein und sie würden all ihre Hilfe brauchen, um in diesem Leben klar zu kommen.
Fast vier Stunden hatte Jacob Zeit und las in den Unterlagen seines Kollegen. Als er bemerkte, dass Zolger munter geworden war, rief der Chefarzt, um ihn nicht zu erschrecken.
"Walter ich bin in deinem Labor", sofort stand Jacob auf, um Zolger entgegenzugehen.
"Wieso bist du, in meiner Wohnung, Fritz?"
Entschuldigend sah Fritz Jacob seinen Laborleiter an. "Tut mir leid Walter, aber ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht. Heute Mittag machtest du einen so deprimierten Eindruck auf mich. Ich versuchte dich dann zu erreichen. Du bist mehrmals nicht ans Telefon gegangen, auch nicht an die Wohnungstür. Da hab ich die Wachleute angerufen. Entschuldige, ich dachte, du tust dir etwas an."
Den Kopf schüttelnd sah Zolger, den Beichtenden an. "Keine Angst Fritz, ich tue mir so schnell nichts an. Ich war einfach nur fertig. Ich hatte die ganze Woche schon wenig geschlafen, da ich ein wichtiges Experiment fertig machen wollte. Dann dieser Mist hier. Das war einfach zu viel."
"Na da bin ich aber froh, Walter. Ich hab mir wirklich Sorgen gemacht. Komm lass uns Abendbrot essen gehen. Hast du Hunsinger erwischt?"
Zolger schüttelte den Kopf. "Der ist ein paar Tage im Urlaub. Aber ich habe im wahrsten Sinne des Wortes, noch einmal drüber geschlafen. Du hast Recht mit dem, was du vorhin sagtest. Wir müssen Schadensbegrenzung betreiben und schließlich kann ich dich nicht im Stich lassen."
Jacob sah seinen Freund und Kollegen dankbar lächelnd an. "Na Gott sei Dank. Ich dachte schon, ich muss die Kastanien alleine aus dem Feuer holen. Walter, entschuldige bitte, ich habe in deinen Ordner gesehen. Ich dachte du hast die gleichen Unterlagen wie ich und wollte dich nicht alleine lassen. Du hast ja ganz andere Unterlagen, wie ich. Jetzt begreife ich erst einmal, warum du so von der Rolle warst."
Verwundert sah Zolger Jacob an und fragte immer noch nicht ganz munter nach. "Hast du denn andere Unterlagen, wie ich?"
"Ja Walter, völlig andere. Zusammen ergeben beide erst einen wirklichen Sinn. Wollen wir die Ordner später zusammen durchgehen? So würden sich die Lücken füllen."
Zolger nickte zustimmend. "Klar. Komm, gehen wir erst einmal zum Abendessen. Ich nehme meine Unterlagen mit, dann gehen wir zu dir und arbeiten gemeinsam die Ordner durch."
Sogleich verschwand Zolger im Bad. Nur fünf Minuten später kam er geduscht und rasiert wieder. Griff sich den Ordner und klemmte ihn sich unter den Arm.
"Wir bringen ihn besser erst hoch zu mir. Wir sollten diese Unterlagen nirgends herumliegen lassen. In den falschen Händen gibt das eine Katastrophe", erklärte Jacob seinem Kollegen. Dieser stimmte dem Gesagtem zu. Deshalb drehte er sich nochmals um und schloss seine Unterlagen in den Tresor ein.
"Ich hole sie, wenn wir zu dir hinter gehen. Lass uns etwas Billard spielen, dann arbeiten wir die Nacht durch. Ich muss mal kurz abschalten", bat er lächelnd.
Jacob war sofort damit einverstanden, diese Pause würde ihm auch guttun und er klopft Zolger dankbar auf die Schulter. "Vielleicht hat Heiko auch Lust auf ein Spiel. Bis um 22 Uhr 30, können wir ruhig auch etwas Spaß haben und abschalten. Dann nehmen wir das Kinderzimmer ab und im Anschluss, sehen wir uns den Mist an."
Gemütlich und miteinander redend, liefen sie vor zur Mensa und setzten sich zu den Wachleuten an den Tisch.
"Abend Jungs, Abend Heiko. Na hattet ihr einen ruhigen Tag... ", foppte Jacob lachend die Flugsicherung. Wohl ahnend, dass die Wachleute heute einen Höllentag hatten. So fertig, wie die Jungs aussahen, war dieser Tag noch schlimmer, als sich Jacob das vorstellen konnte.
"Oh Manne, ich bring dich um Fritz. Einen ruhigen Tag? Wir hatten heute mehr Maschinen gehabt, als in den letzten vier Monaten zusammen. Keiner von uns spürt seine Knochen mehr. Ich bin so gut wie tot", antworte Corsten wütend.
"So ein Mist, aber auch", stichelte Zolger, um die Laune des Wachpersonals etwas zu heben. Die alle ziemlich genervt und mürrisch am Tisch saßen. Ein Billardmatsch würde die Stimmung schnell heben. Dabei hatten sie immer ihren Spaß. "Gerade heute, bin ich super schlecht drauf. Du hättest mich glatt weg, beim Billard schlagen können", gestand Zolger breit grinsend.
"Na dann, muss ich heute ja mal gegen dich antreten. Vielleicht gewinne ich ja mal, Walter", ging Corsten auf Zolgers Sticheleien ein.
Schwatzend aßen die Männer zu Abend. Gesellten sich dann bei einem Kaffee, beziehungsweise Bier an den Billardtisch, um ein kleines Matsch zu machen. Schnell war die Zeit verflogen, um 22 Uhr verabschiedeten sich die Leute der Flugsicherung, diese mussten wieder zum Dienst.
Da Corsten wie immer keine Chance gegen seinen Freund hatte, musste dieser wegen seiner Niederlage noch etwas los werden. Deshalb raunte er Zolger, während er sich umdrehte, um loszulaufen, nochmals zu. "Irgendwann Walter, irgendwann, gewinne ich mal gegen dich."
Zolger sah belustigt zu Corsten. "Klar irgendwann bestimmt. Wir haben ja immer noch siebzehn Jahre Zeit, zum Üben. Da kann viel geschehen. Manchmal, sogar ein Wunder, Heiko", feixend klopfte er den Freund auf die Schulter. Der sich jedes Mal ärgerte, weil er ihn nicht besiegen konnte.
Zolger spielt schon seit fast zwanzig Jahren Billard. So dass er einfach viel mehr Übung, als Corsten darin besaß, der erst vor vier Monaten mit Billardspielen anfing. Allerdings hatte sich Corsten, in den letzten Wochen sehr verbesserte. Es machte einfach immer mehr Spaß, gegen den Wachmann anzutreten.
Jacob und Zolger gingen nach dem Spiel, als erstes in Zolgers Wohnung, dann in die des Chefarztes. Dort schlossen sie die Unterlagen wieder in den Tresor. Gemeinsam fuhren sie auf die Ebene Blau, um das fertiggestellte Kinderzimmer abzunehmen.
Sprachlos standen die beiden Abteilungsleiter im Raum. Sie konnten nicht fassen, was man hier, in nicht einmal elf Stunden, für einen Arbeitsmarathon geleistet hatte. Der Raum war nicht wiederzuerkennen. Wirklich alle Inkubatoren waren fertig angeschlossen, die Bodenplatten verlegt, selbst die von Jacob gewünschte Trennwand, wurden von Korpus und seinen Kollegen hochgezogen. Das Hausmeister-Technikerteam bekam gerade die letzte Einweisung, in die Wartung und Reparatur der Anlagen.
In diesem Moment kam Mayer, um den Raum abzunehmen. "Guten Abend die Herren. Oberleutnant Korpus, kann ich die Anlagen abnehmen und an Major Zolger, Major Jacob übergeben?"
Der Angesprochene nickte. "Genosse Major, alle Brutkästen wurden geprüft und abgenommen. Die Techniker habe ich eben noch eingewiesen. Hiermit übergebe ich ihnen die Anlage. Viel Erfolg." Korpus, salutierte vor Mayer. Übergab dem Projektleiter, den für die Anlage bestimmten Ordner. Damit war seine Aufgabe, hier vor Ort erst einmal erledigt und die Anlage aus seiner Verantwortung.
Jacob sah Korpus fragend an. "Otto, bekommen wir keine Einweisung?"
Korpus schüttelte den Kopf. "Fritz, die bekommt ihr erst übermorgen. Ihr werdet direkt von den Mitarbeitern des Forschungsteams eingewiesen. Ich habe nur von den technischen Details eine Ahnung. Wie und was da eingestellt werden muss, davon verstehe ich nichts."
Anerkennt, nickten Jacob und Zolger, dem Technikerteam zu, nahm die Information von Korpus ohne Kommentar an. Was hätte der Chefarzt dazu auch sagen sollen? Beide Abteilungsleiter schüttelten dem Cheftechniker, anerkennt die Hand.
"Mein Gott, habt ihr geschuftet. Das hätte ich nicht gedacht, dass ihr heute wirklich mit allem fertig werdet", stellte Zolger bewundernd fest.
Mayer fing an zu grinsen und sah Otto Korpus an, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Er kannte Korpus schon seit vielen Jahren. Man hatte viele gemeinsame Aufträge abgearbeitet. Deshalb konnte er sich eine letzte Bemerkung nicht verkneifen.
"Mensch Otte altes Haus. Ich brauche ja länger, um das alles kaputt zu mache, als ihr zum Aufbauen. Das war wirklich eine tolle Leistung." Der Projektleiter wurde wieder ernst. Offiziell erklärte er, im ernsten Ton. "Oberleutnant Korpus, unser Dank gehört ihnen und ihren Jungs. Ihr habt wieder einmal ein handwerkliches Akrobatenstück hier hingelegt und zwar eins vom Feinsten. Alle Achtung. Ich wünsche euch einen guten Heimflug und schönen Feierabend. Den habt ihr euch verdient. Gern wieder." Mayer grinste über das ganze Gesicht.
Korpus wusste, dass diese Worte von Mayer mehr waren, als ein Lob. Selten hatte Mayer so viele Worte für seine Teams über. Bei ihm bekam man das größte Lob durch ein anerkennendes Nicken. Die Worte des Dankes taten Korpus deshalb doppelt gut.
"Na ja, Genosse Major, wir haben auch nicht wirklich daran geglaubt, dass wir das dieses Mal schaffen würden. Aber wie immer, machen wir Wunder möglich. Vielleicht bekommen wir ja mal nicht nur von euch ein Lob, sondern auch von denen dort oben…", damit zeigte Korpus die Augen verdrehend nach oben. "…von denen, die immer nur an uns rummeckern. Aber einmal sehen wir uns ja noch. Da sind wir allerdings schneller. Kaputtmachen, geht halt immer noch schneller, als das Aufbauen. Es dauert nur die halbe Zeit. Jetzt haben wir nur noch einen Wunsch. Ab unter die Dusche und ins Bett. Guten Abend die Herren", Korpus nickte allen zu, winkte seinen Männern zu und die Handwerker verschwand mit ihrem Chef aus dem Raum.
Tief holten die drei zurückgebliebenen, Luft. Ab morgen war die Zeit des Wartens vorbei. Jetzt würde es richtig ernst werden und es gab kein Zurück mehr. Allen drei leitenden Offizieren wurde es mulmig zumute. Sie ahnten, dass es nicht einfach werden würde, was in den nächsten Monaten und Jahren auf sie zukam.
Der Projektleiter sah Zolger und Jacob kurz an und holte tief Luft. "Na dann. Ich werde mal noch den Schriftkram erledigen, bis morgen ihr zwei. Um 9 Uhr kommen die Wissenschaftler, wollen morgen allerdings ihre Ruhe haben. Erst ab Übermorgen, wollen sie euch Beide dabei haben. Ihr bekommt dann, die vollständige Einweisung. Guten Nacht", mit diesen Worten verschwand auch Mayer aus dem Raum.
Jacob sah Zolger völlig irritiert an. Das war ja eine etwas eigenartige Übergabe. Na ja, hier lief einiges nicht so, wie man sich das vorstellte. Trotzdem begutachten die beiden Abteilungsleiter, noch einmal den Raum, vor allem die Brutkästen. Es war erschreckend, wie viele es waren. Einhundertfünfzig Inkubatoren standen hier. Es war so schon eine große Zahl. Wenn man aber diese ganzen Geräte sah, war diese um so beeindruckender.
Tief in ihren Gedanken versunken, gingen die beiden Männer nach oben, in Jacobs Wohnung. Dort begannen sie zusammen, die beiden Ordner durchzuarbeiten. Erklärten sich das, was sie nicht verstanden und ergänzten die Informationslücken, durch die Informationen des Anderen. Dadurch schafften sie alle Unklarheiten aus dem Weg. Schnell war es 10 Uhr am Morgen, aber sie hatten es geschafft. Sogar auf das Laufen verzichtete Jacob an diesem Morgen. Die Ebene 6/blau war wieder einmal für alle, auch für die Leitungsebene des Projektes, gesperrt. Deshalb beschlossen die Beiden, sich nach dem Frühstück hinzulegen, um für den morgigen Tag fit zu sein.
In den nächsten fünf Tage wurde zu einem Arbeitsmarathon, den die beiden Abteilungsleiter kaum bewältigen konnten. Der Chefarzt und sein Teamkollege, bekamen dermaßen viele Informationen, dass sie sich diese kaum merken konnten. Vor allem aber arbeiteten sich Jacob und Zolger an den Inkubatoren ein. Zu ihrem Erstaunen sah man schon die Körperumrisse der Embryonen. Diese waren alle schon in der zehnten Woche, würden hier allerdings noch vierzig Wochen im Inkubator verbleiben.
Jetzt hatte Kampf um die Kinder begonnen.
Projekt Dalinow, 7. Mai 1958
Sieben Tage nach der Ankunft der Hundert, kamen alle Mitarbeiter ausgeruht aus dem Urlaub zurück. Schwatzend, gut gelaunt saßen sie in der Mensa und tauschten ihre Urlaubserlebnisse aus.
Keiner von ihnen ahnte, dass sie gleich den Schock ihres Lebens bekommen würden. So, wie es Zolger und Jacob es vor sechs Tagen durchleben mussten. Keiner der Anwesenden wusste bis zu diesem Augenblick, dass man es hier nicht mit erwachsenen Soldaten, sondern erst einmal mit Säuglingen zu tun bekam, die in Inkubatoren herangezogen werden mussten. Anna die nach einer Woche Urlaub, erholt und vor Freude strahlend, zu ihrem Freund zurückkehrte, erschrak, als sie Fritz Jacob sah. Müde, vor allem mit eingefallenem Gesicht, saß dieser am Frühstückstisch.
Lange diskutierten Mayer, Zolger und Jacob gestern Nacht, wie man weiter vorgehen sollte. Sie überlegten, wie sie ihren Untergebenen, diese Sache schonend beibringen konnten. Nach vielen langen und vor allem, endlosen Diskussionen, einigte man sich darauf, dass es kaum eine Möglichkeit gab, den Mitarbeitern diese Tatsache behutsam beizubringen. Egal, welche Worte man wählte, der Schock würde immer der Gleiche bleiben.
Deshalb beschloss man, das gesamte Pflegepersonal, wie auch die Laboranten, einfach vor die vollendeten Tatsachen zu stellen. Die Mitarbeiter des Institutes wurden angewiesen, am morgigen Tag alle zur Frühschicht zu bleiben, beziehungsweise zu erscheinen, um Jacob und Zolger bei der Beruhigung ihrer Mitarbeiter, unter die Arme zu greifen. Man war sich bewusst, dass die Bekanntgabe dieser Horrorbotschaft, nicht ohne Komplikationen vonstattengehen würde.
Mayer war der gleichen Meinung, egal wie vorsichtig man versuchte, es den Frauen wie auch den Männern beizubringen, es würde immer ein Schock bleiben, wenn diese das Kinderzimmer das erste Mal betraten.
Also wartete Jacob in der Mensa auf seine Kollegen, allerdings mit sehr gemischten Gefühlen. Alle kamen lachend und vor Freude strahlend, an den Tisch. Auch Zolger erschien. Er sah genauso zerzaust und geschafft aus, wie der Chefarzt. Zolger fuhr sich immer wieder nervös, durch die Haare und rieb sich nervös sein müdes Gesicht.
Die letzten sechs Tage waren aufreibend und Kräfte raubend gewesen. Vierzehn der einhundertfünfzig Kinder, hatte man schon verloren. Die aus irgendwelchen, nicht erkennbaren Gründen, urplötzlich aufhört hatten, zu atmen. Gestern Nacht, war es wieder ganz besonders schlimm. Gleich bei sieben der Kinder gab es zur gleichen Zeit, akute Probleme. So dass die beiden Männer, bis vor einer knappen Stunde, im Kinderzimmer um das Überleben ihrer Sprösslinge kämpften. Ihnen blieb gerade einmal so viel Zeit, um schnell duschen gehen und sich neu einzukleiden. Denn alle Beide waren schweißgebadet. Die Kraft hatte nicht einmal mehr dazu gereicht, dass sie sich rasierten.
Danach gingen sie sofort nach vorn in die Mensa, um ihre Mitarbeiter zu begrüßen. Immer wieder, sah Zolger seinen Freund Jacob an. Ihm war alles, aber nicht wohl bei der ganzen Sache.
"Na guten Morgen, erst einmal von mir. Ich hoffe ihr hattet alle einen wunderschönen Urlaub, habt euch noch etwas erholt?", begrüßte Jacob seine Mitarbeiter, als alle am Tisch saßen. Von allen Seiten kam ein Nicken und Lachen.
Jacob wie auch Zolger ging es durch den Kopf: ‚Verdammt gleich werden wir unseren Leuten, ihre gute Laune ruinieren. Es wird bei den Frauen bestimmt Tränen geben. Aber es nutzt nichts, da müssen sie durch. Genau wie wir.‘
Also versuchten Beide so gut es halt ging, auf die Scherze ihrer Mitarbeiter einzugehen. Aber sie konnte nicht wirklich gemeinsam mit ihnen lachen. Tiefe Falten hatten sich nicht nur bei Zolger, sondern auch bei Jacob, in den letzten Tagen, ins Gesicht gegraben. Beide sahen um Jahre gealtert aus. Es waren Falten des Kummers und des Ärgers. Beide Chefs, hatten einige böse Auseinandersetzungen mit den Wissenschaftlern, des Berliner Institutes. Deren unmoralisches Verhalten, sie einfach nicht begreifen konnte.
Anna Siebenhaar, die ständig besorgt zu ihrem Chef, aber auch Freund blickte, konnte es sich nicht verkneifen zu fragen. "Es war wohl eine harte Woche, Fritz?"
Damit stellte sie wohl die Frage, die alle Anwesenden interessierte. Alle sahen ihren sonst so lebenslustigen Chef an, der auf einmal müde mit hängenden Schultern, am Frühstückstisch hockte und appetitlos im Rührei herumstochert. Genauso, wie der sonst immer lachende Zolger. Erschrocken wurde den beiden Abteilungsleitern bewusst, wie sehr sie sich hängen ließen. Also nahmen sie die Schultern zurück und fingen an zu essen. Jacob lächelte gezwungen zu seiner Freundin und sah dann traurig in die Runde. Die Leute taten ihm so leid. Ihnen stand der Schock noch bevor, den sie vor einer Woche hinter sich gebracht hatten.
"Anna, sieh mich nicht so an. Die letzte Woche war der reinste Alptraum. Es war Stress pur. Glaube mir eins, ihr könnt froh sein, dass ihr noch eine Woche zum Ausspannen hattet. Aber Frühstückt erst mal in Ruhe, dann erzähle ich euch alles."
Mit diesen Worten schob er das leidliche Thema, einfach noch etwas vor sich hin. Jacob sah verlegen und mit zuckenden Schultern Zolger an. Der seinen Freund, um das, was dieser gleich tun musste, nicht beneidete. Es war kurz vor 9 Uhr, als alle fertig waren mit Frühstücken.
Jacob stand auf. "Also Leute, ich mache es kurz und schmerzlos," tief holte der Chefarzt Luft. Überlegte kurz, ob er vielleicht erst einiges umreisen sollte, dies würde aber nicht den Schock verhindern. Denn Zolger und er wussten genau, was auf sie zukam.
Als sie das erste Mal den Kinderraum betraten, dachten Beide, sie würden gleich verrückt werden. Obwohl sie ja genau wussten, was auf sie zukam. Sie hatten beide keine Ahnung, wie man das Erlebte so in Worte fassen sollte, dass alle es verstanden.
Jacob und Zolger waren vor sechs Tagen so geschockt, dass sie sich erbrechen mussten. Fast eine Stunde, saßen beide völlig geschockt vor der erste Reihe Inkubatoren. Diese Szene kam in Jacob wieder hoch und dieses Gefühl der Panik, des sofort wegrennen zu wollen, ergriff ihn aufs Neue. Man hörte, seiner Stimme, eben diese Gefühle an.
"Ich begrüße euch alle herzlich zurück. Ich hoffe sehr, ihr hattet alle eine bessere Woche, als Walter und ich", gezwungen lächelnd sah er in die Runde. "Aber schlechter, kann eine Woche bald gar nicht werden oder Walter?"
Der wissenschaftliche Abteilungsleiter, schüttelte betrübt den Kopf. ‚Schlimmer, geht es nimmer‘, dachte Zolger so bei sich.
Verwundert sahen sich die Schwestern, Ärzte und Laboranten an. Sie begriffen einfach nicht, was mit den Beiden los war. Wie denn auch?
Jacob holte tief Luft. Ob er wollte oder nicht, er musste es irgendwann zur Sprache bringen. Egal, wie lange er es vor sich hinschob, es wurde davon nicht besser. Fragend sah er Zolger an, der ihm aufmunternd zunickte.
"Also dann, werde ich mal anfangen mit diesem ganzem Horror", murmelte er vor sich hin. Man merkte, dass es Jacob schwerfiel, seinen Leuten die gute Laune zu verderben. Aber es half nichts. Müde rieb er sich das Gesicht, fuhr sich nervös durch die Haare und holte noch einmal tief Luft.
"Also Leute, kommen wir zu dem, weshalb wir hier in diesem Projekt angefangen haben. Zu unserer Arbeit. Ich bitte euch alle um einen Gefallen, lasst mich nachher erst einmal ausreden, bevor ihr mich in der Luft zerreißt. Ich weiß, dass ihr jetzt meine Worte nicht verstehen könnt. Aber in zwanzig Minuten, werdet ihr euch alle nicht mehr darüber wundern. Ich bin todmüde und völlig genervt im Moment. Deshalb möchte ich euch um Verständnis bitten, nicht jedes Wort, das ich heute sagen werde, auf die Goldwaage zu legen. Wir sind hier schon eine Woche durch diese Hölle gegangen. Doktor Zolger, wie auch ich, sind unschuldig, wir können nichts für das, was hier läuft. Genauso wenig, wie Mayer oder Hunsinger. Wir bekamen, dass was ihr gleich erfahrt, auch erst vor sieben Tagen mitgeteilt. Also bitte versucht, dann ruhig zu bleiben. Mit Absicht sage ich vorher nichts, seht euch den Mist einfach selber an. Bestimmt versteht ihr meine Worte, dann besser. Ich weiß einfach nicht, wie ich euch diesen ganzen Scheiß, schonend beibringen soll. Kommt einfach einmal alle mit."
Jacob stand auf und bat seine Mitarbeiter, ihm zu folgen. Schon verließ er die Mensa, wartet draußen im Park, auf die ihm verwirrt folgenden Mitarbeiter. Auch, wenn die Laboranten eigentlich nicht wissen mussten, um was es ging, hatte man sich gestern Abend im Führungsstab darüber geeinigt, allen im medizintechnischen Bereich tätigen Mitarbeitern, reinen Wein einzuschenken. Einfach, um dadurch entstehende Gerüchte und Spekulationen vorzubeugen.
Jacob lief über den Park, zur Landebahn. Ging von der Seite der Landebahn, in die Unterführung. Er öffnete die Schleuse und betrat den dunkelgrün gestrichenen Gang. Ein vielstimmiges Stöhnen war zu hören, man betrat genau das Gegenteil von dem, das man gerade verlassen hatte.
"Leute, wenn ihr jetzt schon stöhnt, was wollt ihr dann in wenigen Minuten machen? Bitte, dass was ihr gleich seht, lässt euch an euren Verstand zweifeln. Diesen Horror, durchleben Walter und ich jetzt seit einer Woche. Nur ist es so, wir haben uns alle blenden lassen. Egal, was wir tun, wir müssen jetzt da durch. Ich weiß jetzt, warum man uns so verwöhnt. Also macht euch, auf euren schlimmsten Alptraum gefasst", sprach Jacob weiter in Rätseln und ging, von verwirrten Blicken verfolgt, auf die Tür des Kinderzimmers zu und öffnete dessen Tür.
Die noch anwesenden zwölf Mitarbeiter des Institutes, begrüßten Jacob. "Guten Morgen Fritz, bringst du uns endlich unsere Ablösung?"
Jacob blickte den Kollegen vom Institut böse an. "Detlef, na klar. Wenn meine Leute nicht alle gleich einen Herzinfarkt bekommen, könnt ihr in ein paar Tagen nach Hause. Also übe dich in Geduld, hole die Sanikästen heraus und stelle dich in die Startlöcher", versuchte Jacob, im Anflug von Galgenhumor zu scherzen, was ihm allerdings nicht sehr gut gelang.
Jacob nickte den Mitarbeitern des Wissenschaftler Teams ernst zu, denen gestern erst bewusst wurde, was heute auf sie zukam. Auch sie konnten sich, noch zu genau, an die Szene vor sechs Tagen erinnern, als Jacob und Zolger zusammen gebrochen waren. Allerdings waren es da nur zwei Leute, die aus den Schuhen kippten. Detlef und seine Kollegen nickten deshalb, dem Chefarzt des Projektes gezwungen lächelnd zu. Sie wussten, durch die gestrige Besprechung, was Jacob befürchtete. Auch ihnen war klar geworden, dass die Kollegen gleich den Schock ihres Lebens bekommen würden.
Jacob ließ seine Mitarbeiter eintreten und war dankbar über den Sichtschutz, den man hatte, wenn man den Raum betrat. Man hatte vor die erste Brutkastenreihe an der Tür und im Mittelgang, rechts und links, eine Bretterwand gestellt. So dass auch diese Kinder, ein wenig Ruhe finden konnten. Auch musste man zwei Stufen nach oben steigen, um auf den Laufsteg zu gelangen. Dadurch sah man nicht gleich, was auf einen zukam, wenn man den Raum betrat. Man stand erst einmal in einem kleinen Vorraum, der kaum vier Meter breit war und sich über die gesamte Breite des Raumes erstreckte. Als die Ersten gleich weiter gehen wollten, hielt Jacob diese zurück.
"Bitte wartet", hielt der Chefarzt Doktor März zurück.
Einer der Ärztekollegen den Jacob gar nicht mochte. Da dieser sich stets für etwas Besseres hielt und dies all seine Kollegen merken ließ. Vor allem, waren die Leistungen die März erbrachte, nicht einmal annähernd so gut, wie die, die er hätte erbringen sollen. Viele der Schwestern, die Jacob hier im Team hatte, besaßen einen höheren Wissenstand, als dieser Arzt.
März, war einer der Erste im Raum und sah Jacob verächtlich an. "Na Herr Chefarzt, sie machen es aber spannend", konnte er sich eine seiner zynische Bemerkung nicht verkneifen.
"Ja Kollege März, ich will ihnen halt den Spaß nicht verderben", gab Jacob seinem unbeliebten Kollegen, böse Widerpart. Etwas das man von Jacob gar nicht gewöhnt war. März und Jacob hatten in den letzten Monaten, schon einige sehr unschöne und vor allem böse Auseinandersetzungen, bei dem Jacob aber stets freundlich und höflich blieb. Heute konnte der Chefarzt das nicht mehr.
Zolger ging auf Jacob zu und klopfte seinen Freund beruhigend auf die Schulter. "Bleib ruhig Fritz, in fünf Minuten redet der anders."
Mit einigen tiefen Atemzügen versuchte Jacob, sich zu beruhigen. Zolger sorgte dafür, dass alle blieben, wo sie gerade waren. Jacob ging weiter nach hinten, um seine aufgeputschten Nerven zu beruhigen. Es nutzte nichts, so überreizt vor dem Team zu stehen. Er würde bestimmt etwas sagen, was er hinterher bereute.
Seit Tagen, lagen bei beiden Abteilungsleitern, die Nerven blank. Wobei es bei Jacob noch um einiges schlimmer war, da dieser seit sechs Tagen, so gut wie nicht geschlafen hatte. Vor allem, weil er sich schon einige Male, sehr böse mit den Mitarbeitern des Institutes in den Haaren bekommen hatte.
Anna wollte zu Jacob hinterhergehen, um ihn zu beruhigen. Sie wurde jedoch von Zolger gestoppt.
"Bitte nicht, Anna."
Zolger hielt die junge Schwester am Arm zurück. Er wusste, dass Jacob in den letzten Tagen, oft überreagiert hatte. Verständnislos sah diese Zolger an.
"Bitte."
Flehentlich sah Zolger die Jacobs Freundin an, mit so viel Qual in den Augen, dass diese instinktiv gehorchte. Anna nickte und ging zurück zu ihrer Freundin Doris. In der Zwischenzeit, hatte sich Jacob wieder soweit beruhigt, dass er vor seine Mitarbeiter treten konnten und kam zu der Gruppe von Männer und Frauen zurück.
"Entschuldigt bitte. Aber wir haben die letzten Tage so gut wie nicht geschlafen. Bei mir liegen einfach die Nerven blank. Ich kann solche dummen Bemerkungen, wie sie der Kollege März von sich gibt, einfach nicht mehr wegstecken. Also hört mir jetzt genau zu. Als kleine Vorinformation für euch. Wir sind alle böse getäuscht wurden. Ausgegangen sind wir die gesamte Zeit davon, dass wir Soldaten zu betreuen haben. Soldaten von ca. einssiebzig und von ungefähr achtzehn bis fünfundzwanzig Jahren. Wir werden das auch tun, allerdings erst in circa ein und einem viertel Jahr. Die Soldaten, die wir in diesem menschenunwürdigen Projekt betreuen sollen, müssen erst noch geboren werden. Das was wir vor sechs Tagen bekommen haben, sind Embryonen, die erst noch zu Soldaten heranwachsen müssen“, Tränen standen in Jacobs Augen, als er die sich entgleisenden Gesichter der Schwester und Ärzte sah. „Kommt einfach mit und seht euch selbst diesen gottverdammten Mist an", erklärte der Chefarzt mit fester Stimme und gab den Weg für seine Mitarbeiter frei.
Jacob lief in den mittleren Gang nach hinten, um für die Kollegen den Weg frei zu machen, damit diese den Raum der Kinder betreten konnten. Worauf ihm die Kollegen folgten. Als die ersten den Gang betraten. Darunter auch Doktor März, der sich rücksichtslos, an den Anderen vorbeidrängelte, um der Erste zu sein.
Kaum jedoch hatte März den Gang betreten, gab dieser einen entsetzten Schrei von sich. März war fassungslos und blieb wie angewurzelt stehen. Der sonst so arrogant, selbstherrliche Arzt, torkelte ein Stück zurück. Das blanke Entsetzen in den Augen, starrte er in den Raum der Kinder. März fing am ganzen Körper an zu zittern, hielt sich schwankend und gegen den Brechreiz ankämpfend, am Arm des Chefarztes fest. Er sah fassungslos in den Raum, der eine ihn völlig ungewohnte Panik ausgelöst hatte. Am liebsten wäre er laut schreiend hinaus gerannt. Er konnte sich allerdings nicht mehr bewegen, war wie in einer Art Schock-Starre gefangen. März konnte kaum mehr atmen. Sein Körper reagierte ohne, dass er darauf Einfluss hatte.
Den Anderen, die den Gang als Erstes betraten, erging es nicht besser. Auch sie schreckten entsetzt, zurück. Rufe wie:
"Oh nein."
"Das kann nicht wahr sein."
"Was für ein Wahnsinn."
"Wie entsetzlich."
"Das ist unmenschlich."
"Wie grauenvoll."
"Ich will hier raus."
Oder einfach nur panische Schreie, brachten zum Ausdruck, auf was die anderen Kollegen sich vorbereiten mussten. Es war wirklich ein furchtbares Szenario, welches sich den Mitarbeitern der medizinischen Abteilung offenbarte. Es war, wie in einem Horrorfilm, wie diese Inkubatoren, aufgereiht im Raum standen. In denen die Embryonen, in der elften Entwicklungs-Woche schwammen.
Jeder hat bestimmt schon einmal, ein Foto einer Schwangerschaft in einem Buch oder besser eine Abbildung eines Fötus in einem Glas gesehen. Wenn man sich dieses Bild Hundertfünfzigmal in einem Raum vorstellte, hatte man ein ungefähres Bild von dem Ausmaß dessen, dass die Mitarbeiter hier zu sehen bekamen. Das Schreckliche an der ganzen Sache war wohl, dass die Embryonen sich bewegten und Menschen, schon so ähnlichsahen. Es sah aus, als hätte man kleine Menschen in Wasserbehälter eingesperrt.
Diese Inkubatoren waren nichts anderes, als riesige Glasbehälter, in denen die Embryonen lagen. Sie schwammen in einer klaren Flüssigkeit und waren über eine Nabelschnur mit den Maschinen verbunden. An den Schläfen, den winzigen Händen, den Füßen und der Stelle, an der das Herz war, befanden sich kleine Messfühler, die permanent Daten, über die Zöglinge sammelten und aufzeichneten. Ein einzelner dieser Inkubatoren, war bestimmt, gar nicht so schlimm anzusehen. Es war einfach die Masse der Brutkästen, die einen den Schock verpassten. Es sah aus, wie eine Werkhalle, zum Züchten von Menschen, was es ja auch irgendwo war. Es war ein grauenhaftes Bild. Das selbst Jacob und Zolger vor sechs Tagen, völlig aus den Schuhen warf. Diese wussten, allerdings durch das Durcharbeiten der Ordner, was auf sie zukam und hatten ja den Raum mit den leeren Inkubatoren schon gesehen. Trotzdem dieses Wissen, waren die beiden Ärzte völlig geschockt und konnten diesen Alptraum nur sehr langsam verarbeiten. Mit solch einem Horror-Anblick kamen beide nicht klar.
"Bitte, geht weiter nach hinten. Ich weiß es ist schlimm, aber es nutzt nichts", forderte Jacob müde, die Ersten auf. Kümmerte sich jedoch erst einmal, um seinen am ganzen Körper zitternden Kollegen. "Kollege März, atmen sie bitte ruhig. Tief ein und ausatmen. So ist es gut."
Langsam kam März wieder zu sich und wurde ruhiger.
"Geht es wieder? Ich muss mich um die Anderen kümmern."
Mühsam nickte März, immer noch nicht wieder in der Lage, zu sprechen. Da ließ Jacob seinen Kollegen einfach stehen. Es waren noch mehr Leute hier, die völlig durchdrehten. Schwester Moni, wollte schreiend den Raum verlassen, Schwester Alma erbrach sich und Schwester Katja klappte einfach aus den Schuhen. Schwester Walli, schrie wie am Spieß und Anna stand mit riesigen Augen da und reagierte gar nicht mehr, auf ihre Umwelt. Alle standen unter Schock. Mühsam versuchte Jacob, mit Hilfe Zolgers und den Mitarbeitern aus dem Institut, seine Leute zu beruhigen.
Langsam wurden alle mit dem Schock fertig. Nur durch die Hilfe der Mitarbeiter aus dem Institut für Genforschungen und Zolger, gelang es Jacob, die völlig verstörten Mitarbeiter auf eine Ebene herunterzufahren, auf dem sie ihrem Chef wieder zuhören konnten. Über anderthalb Stunde ließ der Chefarzt den Mitarbeitern Zeit, sich an den Anblick der Embryonen zu gewöhnen. Nach dem sich alle wieder etwas beruhigt hatte, sprach Jacob mit müder Stimme, seine Mitarbeiter an. "So, geht es euch allen einigermaßen gut, dass ihr mir wieder zuhören und geistig folgen könnt", fragend schaute er sich in die Runde um. Sein trauriger Blick blieb bei seiner Anna hängen, die schneeweiß und am ganzen Körper zitternd, an Doris gelehnt stand.
"Könnt ihr euch vorstellen, dass ich euch darauf mit Worten, hätte nicht vorbereiten können. Leute mir gefällt das, was hier läuft genauso wenig, wie euch. Aber wir sind alle, diesem Projekt blauäugig gefolgt. Nun müssen wir sehen, dass wir das Beste aus der Situation machen. Es sind hier immer noch über einhundert Kinder, die wir beschützen müssen, für dessen Wohl wir Sorge zu tragen haben. Reißt euch gefälligst zusammen. Ich weiß, dass ihr schockiert seid. Walter und ich waren das vor einer Woche auch. Aber es nutzt niemandem etwas, wenn ihr hier alle durchdreht. Ihr habt alle, so wie ich, ohne Bedenken den Vertrag unterschrieben. Sagt mir, was ich machen soll, ich bin für jede Idee dankbar", verzweifelt suchte er den Blickkontakt mit seinen Mitarbeiter. „Soll ich all diese kleinen Kerle persönlich töten, damit ihr sie nicht mehr sehen braucht und euch nicht eingestehen müsst, dass ihr genau wie ich eine falsche Entscheidung in eurem Leben getroffen habt? Könntet ihr mit diesem Mord leben?“
Es folgte ein allgemeines Kopfschütteln. Alle sahen verlegen auf ihre Füße. Keiner hatte eine Ahnung, was er hätte anders machen sollen. Also machte Jacob das einzig Richtige, er ging zum Tagesablauf über. Auch deshalb, weil er dringend etwas schlafen musste. Ihm war schlecht vor Müdigkeit und er wollte einfach nur eine Stunde, den vorwurfsvollen Blicken seiner Kollegen nicht mehr begegnen.
Was hätte er anders machen sollen? Das, was man nicht ändern konnte, musste man akzeptieren. Genau erklärte er die Aufgabenbereiche des Pflegepersonals, übergab dann an Zolger, der den Laboranten den genauen Ablauf ihrer Tätigkeit hier erklärte. Dann teilte Jacob die Schichten ein, die zwei Schichten, die im Moment frei hatten, schickte er in ihre Quartiere. Die anderen Kollegen wurden in die Überwachungsarbeit eingewiesen. Jacob ging also ohne zu zögern, zum Alltag über. Das einzig Richtige, was der Chefarzt tun konnte. Denn auf diese Weise, zwang er seine Mitarbeiter dazu, ihre Arbeit aufzunehmen und ihr Bestes zu geben.
Jacob beaufsichtigte die Spätschicht sowie die Nachtschicht. Da es in den beiden Schichten, immer die meisten Probleme gab. Zolger die Frühschicht, da die Loboranten nur tagsüber arbeiten mussten. Nachts war immer nur je ein Laborant da, der Notdienst hatte. Gegen 11 Uhr verschwand Jacob nach oben in seine Wohnung, um etwas zu schlafen. Seine Kollegen allerdings, gingen ihren alltäglichen Arbeitsabläufen nach. Eine gewisse Routine würde sich in den jeweiligen Schichten, von ganz alleine ergeben, das brachte die Zeit mit sich.
Zwei Wochen noch blieben die Mitarbeiter des Institutes und unterstützten Jacob und Zolger bei der Betreuung der Embryonen. Das Team um den Chefarzt und den wissenschaftlichen Leiter, Doktor Zolger, war endlich soweit, die Betreuung ihrer Zöglinge alleine sicherzustellen. So dass man keine Hilfe von außen mehr benötigte. Man hatte sich gefasst und tat alles, in der Kraft stehende, für die heranwachsenden Kinder.
Ende September kam Zolger, der ständig Genanalysen während der Entwicklung der Embryonen machte, zu einem unheilvollen Ergebnis. Welches das gesamte Projekt zum Kippen bringen konnte, wenn man nicht, bis Anfang Februar eine akzeptable Lösung fand. Dies bedeutete intensive Forschung, zu der umfangreichen Arbeit des sowieso schon völlig überlasteten Chefarztes und Zolger. Allerdings auch eine zusätzliche schwere Last auf den Schultern der beiden Freunde, die diese Arbeit immer mehr zusammengeschweißt hatte.
Projekt Dalinow, 28. September 1958
Vier Monate nach dem die Embryonen in die Inkubatoren des Projektes überführt wurden, kam Zolger völlig fertig und entsetzt an den Frühstückstisch. Man sah ihm an, dass er wieder einmal eine Nacht durchgearbeitet hatte. Der völlig übermüdete, wie zerrupft aussehende Jacob, machte auch keinen besseren Eindruck. In der Spät-, wie auch in der Nachtschicht, gab es ständig beängstigende Probleme mit der Zweier Serie. Aber auch einige heftige Zwischenfälle mit den Serien Null, Fünf, Sechs und der Sieben. Geradeso konnte Jacob diese Kinder retten. Es machte ihn langsam aber sicher verrückt, aber er fand einfach die Ursachen für diese Probleme nicht. Ständig bekamen diese Kinder Muskelzuckungen, eine Art Muskelkrämpfe und auch schlimme Atemprobleme. Jacob, der schon immer eine ausgeprägte Beobachtungsgabe hatte, war aufgefallen, dass das Fruchtwasser in den Inkubatoren dieser Kinder, eine kaum merklichen Farbunterschied zu den anderen Behältern aufwies. Die Flüssigkeit war etwas dunkler, als das der anderen Serien, wo es weniger Probleme gab. Deshalb holte der Chefarzt seinen Laborleiter, gestern Nacht aus dem Bett und nach unten in den Kinderraum, um einige der Fruchtwasserproben zu entnehmen und vor allem untersuchen zu lassen. Diese Ergebnisse brachten Zolger dazu, völlig fertig am Frühstückstisch zu erscheinen und sofort mit der Tür ins Haus zu fallen.
"Fritz, wir haben ein riesiges Problem. Es ist eine Katastrophe, ein fast unlösbares Desaster. Ich weiß nicht, wie wir das lösen können und vor allem, wann wir das noch lösen sollen. Wenn wir das Problem aber nicht schnellstens lösen, können wir das ganze Projekt knicken. Wir müssen uns unbedingt Hilfe holen. Vor allem, müssen wir sofort Hunsinger davon informieren und das Genlabor um Hilfe bitten. Die müssen meine Analysen überprüfen und bestätigen oder korrigieren. Wir sollten gleich damit anfangen nach einer Lösung zu suchen, bis zur Geburt der Kinder brauchen wir dringend eine gute Alternative. Fritz, sonst verhungern uns die Kinder, gleich nach der Geburt", verzweifelt sah Zolger den Kollegen an und ließ sich auf den Stuhl fallen. Jacob verstand immer noch nicht, um was es eigentlich ging.
"Guten Morgen Walter. Jetzt holst du bitte erst einmal Luft und beruhigst dich wieder. Und dann noch einmal langsam für völlig übermüdete Chefärzte und sein Personal, damit wir wissen von was du redest. Ich habe wenn ich ehrlich bin, nur die Hälfte deiner Ausführungen verstanden und noch mal die Hälfte davon kapiert. Wieso verhungern unsere Kinder? Was ist denn los Walter? Von welchem Desaster redest du. Du sprichst für mich in Rätseln", wollte Jacob, von dem regelrecht panisch wirkenden Kollegen wissen.
"Fritz, unsere Kinder reagieren auf fast alle Nahrungsmittel allergisch. Die Kinder werden eine spezielle für sie angefertigte Nahrung brauchen. Vor allem, ist es so, falls ich nicht totalen Bockmist heute Nacht gebaut habe, werden diese Kinder einen viel höheren Energiebedarf haben, als wir. Den kann man durch normale Nahrung gar nicht abdecken. Der liegt im Ruhezustand der Kinder, bei täglich mindestens fünfzigtausend Kalorien."
Jacob starrte seinen wissenschaftlichen Abteilungsleiter an, wie ein Alien. Er verstand immer noch nicht vollständig, was Zolger ihm damit sagen wollte. Er war viel zu müde, um noch klar denken zu können. Verhungern und Allergie, war bei ihm hängengeblieben.
"Wie bitte? Wie gegen alle Nahrungsmittel allergisch? Fünfzigtausend Kalorien? Bitte erkläre das mal ganz langsam, für müde und völlig überarbeitete Chefärzte."
Zolger raufte sich die Haare. "Man, wie erkläre ich dir das nur auf die Schnelle. Ganz grob umrissen, verhält es sich so. Während des Studiums machten wir, wie ich dir schon ein paarmal erklärt habe, gentechnische Spielereien: wie das mit dem Eledil und Krokofant."
Jacob konnte sich daran erinnern. Sie hatten darüber schon einige Male gelacht. Ein schönes Wortspiel, aber er verstand nicht, was das mit den Kindern und der Geburt zu tun hatte. "Ich verstehe trotzdem nicht, worauf du hinaus willst."
Zolger wirkte genervt und unterbrach Jacob einfach. "Lass mich doch erst einmal ausreden, verdammt noch mal", fuhr er seinen Freund ungewollte heftig an. Seine Augen funkelten böse.
Jacob legte beruhigend die Hand auf Zolgers Schulter, wagte aber nichts mehr zu sagen, so in Rage war Zolger.
Dieser holte tief Luft. "Also damals, haben wir an Hand von verschiedenen Fruchtwasseruntersuchungen versucht herauszufinden, an welchen Allergien die Kinder später einmal leiden würden. Weiß du, viele dieser biochemischen Abwehrreaktionen im Körper, kann man bei genauen Untersuchungen in Frühstadium der Schwangerschaft schon feststellen. Deshalb kann man praktisch voraussagen, was auf jeden Menschen nach seiner Geburt zu kommen könnte. Gestern, als du mir die Proben hochgeschickt hast, konnte ich erst nichts finden. Ich fand wirklich nichts, mit was ich die Krämpfe der Kinder erklären könnte. Deshalb habe ich zum Schluss, aus purer Verzweiflung, die Proben auf diese Art untersucht. Halt auf Allergien, weil mir partout nichts anderes mehr einfallen wollte. Fritz, die Kinder, sind gegen Milch hochgradig allergisch. Ich vermute, wenn diese Kinder mit Milch in Berührung kommen, erleiden sie schreckliche Verbrennungen. Ungefähr so, als wenn wir mit Säure in Berührung kommen würden. Genauso allergisch sind sie gegen Mehl, Fruchtsäuren, Zucker. Ich habe noch nicht alles durchgetestet, aber ich kann schon jetzt sagen, das achtzig Prozent der handelsüblichen Lebensmittel allergische Schocks bei unseren Kindern auslösen. Ich fand in der Probe von Nummer 6 komischerweise Rückstände von Orangensaft. Bei Nummer 28 und 29 Rückstände von Milch. Deshalb krampften die Kinder. Sie sind in einer Art Schockzustand. Sie sind in einem allergischen Schock. Die Kleinen kämpfen regelrecht um ihr Leben. Ich untersuchte die Proben weiter. Aus den Genen kann man auch herauszulesen, ob ein Kind mal dick oder dünn werden wird. Also, wie gut es als Futterverwerter einmal sein wird. Diese Kinder, bekommen durch die Ernährung im Fruchtwasser, täglich einhundertfünfzigtausend Kalorien, in konzentrierte Form, durch uns an Nahrung zugeführt. Das heißt, sie brauchen nach der Geburt auch diese Menge an Kalorien, um zu überleben. Wer das verzapft hat, rechnete die ganze Geschichte nicht bis zum Schluss durch. Wir brauchen bei normaler Belastung, circa zweitausend Kalorien. Die Kinder können gar nicht so viel essen, damit sie den Kalorienbedarf abdecken können."
Alle Farbe wich aus dem schon blassen Gesicht des Chefarztes und das blanke Entsetzen machte sich auf dessen Gesicht breit. Fassungslosigkeit stand in den Augen der am Tisch sitzenden Schwestern.
Anna, wie immer diejenige die Fragen, auf dem Punkt brachte, stellte die alles entscheidende Frage. "Wie sollen wir unsere Kleinen denn versorgen, wenn die keine Milch trinken dürfen? Alle Babynahrung ist mit Milch versetzt. Milch ist das gesündeste Lebensmittel, dass es überhaupt gibt, für Kinder die wachsen müssen."
Zolger zuckte mit den Schultern. "Anna, ich weiß es nicht. Wir müssen nach einer Ersatzlösung suchen. Aber keine Ahnung, ob wir so schnell etwas finden. Sojamilch und Kokosmilch habe ich ebenfalls überprüft, die scheiden auch aus", müde rieb sich Zolger, wie auch Jacob das Gesicht. Den Beiden wurde schlagartig klar, dass hier wieder viel zusätzliche Arbeit, auf sie zukam.
Jacob holte tief Luft und forderte seine Mitarbeiter zur Mitarbeit auf. "Mädels, ihr müsst uns helfen. Und zwar alle, durch die Reihe weg. Holt euch alles was es an Bücher in der Bibliothek gibt. Alles, was ihr an ernährungswissenschaftlichen Themen findet. Lest und schreibt uns alles auf, was ihr findet. Was man verwenden kann, bei Milchallergie, Fruchtsäureallergie, Mehlallergie. Selbst dann, wenn es euch noch so unsinnig vorkommen sollte. Wir überprüfen das dann nach und nach. Wenn Walter und ich das alleine machen müssen, dann schaffen wir das nie. Dies ist zusätzliche Arbeit. Wir kommen schon so kaum zum schlafen. Bitte." Ernst sah er seine Mitarbeiterinnen an, diese nickten.
"Geht klar Chef", gab Walli zur Antwort und alle anderen nickten.
Den Schwestern war sofort klar geworden, was hier auf dem Spiel stand.
"Das bekommen wir schon hin", kam von Doris, die aus voller Überzeugung sprach.
Jacob war der Hunger vergangen. Er war eh schon viel zu müde, zum Essen. Diese Hiobsbotschaft, musste er erst einmal verkraften.
"Lasst es euch schmecken, ich informiere Hunsinger und Mayer. Die müssen das Genlabor mit hinzuziehen. Alleine bekommen wir das, in der Kürze der Zeit nicht hin", schon stand Jacob auf.
Er verließ die Mensa. Die besorgten Blicke, die ihm folgten, nahm er gar nicht mehr wahr. Sorgen machten sich die Kollegen nicht nur um die Kinder, sondern auch um Jacob. Da dieser wieder einmal nichts gegessen hat. Der Overall schlotterte sowieso nur noch, an dem viel zu dünn gewordenen Chefarzt herum. Zolger, aber auch Walli, nahmen sich vor, mit Jacob einmal ein ernstes Wort zu reden.
Jacob ging sofort nach oben in Mayers Wohnung, der wie immer um diese Zeit, mit seiner Tochter Ilka am Frühstückstisch saß.
"Guten Morgen", begrüßte er alle, als Reimund ihn in die Wohnung gelassen hatte.
"Guten Morgen, Fritz. Hast du schon gefrühstückt."
Der schüttelte verneinend den Kopf. "Das Frühstücken ist mir gerade eben vergangen. Kann ich hier reden oder soll ich später wieder kommen. Sigmar, du weißt, ich würde dich um diese Zeit nie stören, wenn es nicht etwas arg Wichtiges wäre oder die Welt im untergehen begriffen wäre."
"Ilka mein Engel, es tut mir leid, du weißt…"
"…Arbeit geht vor. Ich weiß Papa. Geh nur. Es ist nicht schlimm. Bis heute Mittag", traurig sah Ilka ihren Vati hinterher.
Jacob hatte ein richtig schlechtes Gewissen, weil er wusste, dass Ilka diese wenigen Momente mit ihrem Vati genoss. "Ilka, Mäuschen, nicht traurig sein, ich beeile mich und mache ganz schnell. Der Vati hat gleich wieder Zeit für dich", erklärte Jacob und erntete von Ilka ein erfreutes Lächeln.
Jacob folgte Mayer in dessen Büro. Dieser setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches und sah seinen Chefarzt böse an.
„Was gibt es denn so wichtiges, dass du um diese Zeit stören musst. Du wei...“
Jacob ließ Mayer nicht weiter reden und fiel ihm ins Wort. "Sigmar, ich würde nicht stören, wenn ich nicht müsste. Du musst mir unbedingt helfen. Es brennt nicht nur, sondern es ist ein Inferno im Anmarsch, sonst hätte ich dich um diese Zeit nicht gestört. Das weißt du genau. Ich brauche sofort eine Verbindung zu Hunsinger. Und wenn ich sofort sage, meine ich vor einer Stunde. Wenn ich dort anrufe, hat der nie Zeit für mich. Dann kannst du wieder zu Ilka gehen. Ich informier dich dann im Anschluss an das Telefonat mit Hunsinger."
Mayer schüttelte den Kopf. "Fritz, was ist denn los? Wenn es so schlimm ist, muss meine Tochter eben mal warten. Ilka stirbt nicht gleich, wenn wir mal einen Tag nicht zusammen frühstücken. Ich schiebe dann etwas, so dass ich mich noch kurz zu ihr setzen kann. Sorry dass ich dich angepulvert habe. Ich hab wenig geschlafen und bin hundemüde. Ich weiß ja, dass du nicht kommen würdest, wenn es nicht kurz vor eine Katastrophe wäre. Also raus mit der Sprache."
Jacob ließ sich erschöpft auf einen der Stühle fallen und sah Mayer verzweifelt an. Dann rieb er sich das Gesicht und den Nacken, um sich zu sammeln. "Sigmar, nach der Geburt, verhungern uns die Kinder…", begann er seinen Bericht.
Genau erklärte er dem Projektleiter, das, was Zolger ihm gerade berichtet hatte. Bei jedem Satz, den Jacob sprach, der sich wegen Ilka sehr kurz faste, wurde Mayer blasser. Dann nickte Mayer, er sah das Problem, genauso wie Jacob. Sofort griff der Projektleiter zum Hörer, um Hunsinger anzurufen. Nur eine Minute später, bei Jacob hätte das sehr viele Nerven, viele böse laute Worten und bestimmt eine Stunde seiner kostbaren Zeit gedauert, bekam er Hunsinger an den Apparat.
"Guten Morgen Franz, ich rufe an, um dir deinen Tag zu ruinieren. Ich gebe dir mal Fritz, der kann das alles besser erklären…", Mayer hielt Jacob den Hörer hin. "… Fritz, ich bin draußen bei meiner Kleinen. Wenn Hunsinger nicht spurt oder du mich brauchst, holst du mich", lies die Sprechmuschen los, die er mit der Hand abgedeckt hatte, nickte Jacob zu und übergab ihm den Hörern.
"Guten Morgen Franz. Es tut mir leid, dass ich am frühen Morgen mit schlechten Nachrichten komme. Aber je eher wir anfangen nach einer Lösung zu suchen, um so eher haben wir diese gefunden. Ich brauche sämtliche Hilfe, die ich bekommen kann, sonst kippt das ganze Projekt…", zum wiederholten Male erklärte Jacob die Fakten.
Ein Stöhnen auf der Hunsingers Seite, war die Antwort. "Das ist sicher?" Erkundigte der Oberst bestimmt zehnmal. Da er nicht glauben wollte, was ihm der Chefarzt des Projektes berichtete.
"Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Wenn Zolger das sagt, dann stimmt das auch. Franz, Walter ist der beste Genetiker den es gibt. Er taugt mehr als, alle diese Möchtegern Wissenschaftler aus dem Berliner Institut. Bis jetzt, hat er in allem Recht gehabt, was er rausgefunden hat. Sogar die verkrüppelte Hand von Nummer 6, hat er aufs Genauste vorausgesagt. Du kannst dich auf seinen Vorhersagen tausendprozentig verlassen."
Hunsinger stöhnte gleich nochmal. "Oh je. Fritz, ich kümmere mich sofort darum. Auch setze ich mich gleich nochmals mit Zolger in Verbindung. Der soll den Bericht gleich ans Institut faxen. Bitte Fritz, falls du irgendwo eine Sekunde Zeit hast, forsche mit nach einer Lösung."
"Franz, das mache ich sowieso. Keine Angst. Aber alleine sind wir nur vier Ärzte und die Schwestern. Außer Anderson und Mai, kannst du die restlichen Ärzte, in die Tonne klopfen. Die können mit Müh und Not, gerade mal so ihren Namen schreiben. Selbst viele meiner Studenten im ersten Semester in Greifswald, waren weitaus fähiger, als diese, prätentiös Ärzte, die nicht mal wissen was eine Hämorride ist. Ich bitte auch Anderson und Mai um Hilfe. Aber wir benötigen dringend die Hilfe vom Genlabor. Franz, Walter kann die Tests nicht alle alleine machen. Der hat diese Woche vielleicht drei Tage richtig geschlafen. Der läuft komplett am Limit. Vielleicht könnt ihr das als Forschungsauftrag an die Uni geben, vielleicht haben die auch ein paar Ideen oder Studenten, die sich mit dem Thema beschäftigen. Gebt das Problem am Besten als Forschungsprojekt an mehrere Unis mit Ende Januar als Abgabe-Termin. Vielleicht könntest du mir auf die Schnelle einen zuverlässigen und kompetenten Ernährungswissenschaftler besorgen und ihn für vier Wochen ins Projekt schicken. So dass ich mich mit ihm austauschen kann? Ich bin nicht so firm, in Ernährungswissenschaften, vor allem nicht in punkto Allergien. Es ist nicht gerade mein Fachgebiet."
Hunsinger stöhnte aufs Neue. "Fritz, ich sehe zu, was ich machen kann."
Erleichtert atmete Fritz Jacob auf. "Danke, du rettest mir gerade meinen Seelenfrieden. Nur gut das Walter, das jetzt schon herausgefunden hat. Stell dir mal vor, wir hätten das erst nach der Geburt gemerkt. Das wäre nicht auszudenken", stöhnend und vor allem schweratmend, hielt sich Jacob am Tisch fest.
"Fritz, was ist?"
Jacob konnte nicht gleich antworten.
"Fritz?", rief Hunsinger mehrmals erschrocken, als er das mühsame Atmen vernahm. Nach mehr als drei Minuten hatte sich Jacob wieder im Griff. Müde mit schleppender Stimme, antwortete er endlich.
"Es ist nichts weiter, ich muss einfach nur wieder etwas schlafen. Franz, ich war vor fünf Tagen das letztemal in einem Bett. Ich bin todmüde. Bitte lass uns jetzt Schluss machen. Ich muss wirklich etwas schlafen, sonst falle ich dir in Sigmars Büro noch um."
"Dann legt dich hin und schlaf mal wieder richtig. Wir finden schon eine Lösung", eilig verabschiedete sich Hunsinger.
Jacob legte den Hörer auf und ging nach draußen in die Küche. "Sigmar, ich geh dann mal. Bis später. Ich muss unbedingt ins Bett. Sonst falle ich dir hier noch um."
Mayer jedoch wollte davon nichts hören. "Erst isst du etwas, weißt du eigentlich wie du aussiehst Fritz. Sieh mal, Ilka hat dir extra ein Brötchen geschmiert und zwar ganz alleine. Sogar der Kleinen fällt schon auf, wie dünn du geworden bist. Also setze dich, ich hole dir dann ein Taxi."
Als Jacob wiedersprechen wollte, schimpfte Ilka in einem Ton, der einem General zu Ehre gereicht hätte. "Setzten hat Papa gesagt und essen."
"Aye, aye, Mam." Jacob riss die rechte Hand an die Schläfe und salutierte. Er konnte sich dem nicht wiedersetzen, lachend nahm er Platz und das Brötchen von Ilka.
Das sah zwar etwas zerrupft aus, aber es war Teewurst darauf, etwas, das Jacob für sein Leben gern aß. "Danke Ilka, du bist ein Engel. Ich bin kurz vorm Verhungern", von Reimund bekam der Chefarzt noch einen großen Pot Kaffee.
Zwei Brötchen und zwei Tassen Kaffee später, erschien der Fahrer des bestellten Taxis.
"So, jetzt darfst du ins Bett Onkel Fritz, schlaf schön", verabschiedete Ilka ihren großen Freund. "und träume etwas Schönes."
Jacob gab der Kleinen einen Kuss und schenkte ihr sein schönstes Lächeln.
"Danke ihr Drei", schon wollte er die Wohnung der Mayers verlassen, an der Fahrstuhltür jedoch drehte er sich noch einmal um. Mayer der in der Küchentür stand, sah Jacob verwundert an.
"Sigmar, ich weiß, du hast mehr als genug um die Ohren. Trete den Leuten vom Genlabor und Hunsinger kräftig in den Arsch, so dass die das nicht auf die lange Bank schieben. Ich will nicht, dass die das wie so vieles einfach aus den Augen verlieren und wieder einmal alles an mir und Walter hängen bleibt."
Mayer nickte beruhigend. "Keine Angst, ich mache denen Feuer unterm Hintern. Geh jetzt in Ruhe schlafen. Fritz du siehst furchtbar aus."
Jacob winkte ab. Er wusste selber, wie er aussah. Der Chefarzt drehte sich um und verschwand im Fahrstuhl und fuhr dann zum Haus 6. Als er nach unten in den Kinderbereich fahren wollte, funktionierte seine Karte nicht mehr. Mayer hatte Jacobs Zugangsberechtigung in der Zwischenzeit gesperrt, wie er drei Minuten später erfuhr, denn kaum war er in seiner Wohnung, rief der Chefarzt bei Mayer an.
"Sigmar, meine Karte geht nicht mehr. Wieso das denn?"
Mayer lachte schallend. "Damit du gar nicht erst in Versuchung kommst, nach unten zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen. Die Karte ist genau für acht Stunden gesperrt, solange müssen die auf der 6/blau alleine klar kommen. Du kommst ab jetzt, nicht einmal mehr aus deiner Wohnung. Wenn es brennt rette dich auf den Balkon, ich komme dich retten“, stänkerte Mayer mit dem Chefarzt ein wenig. „Ich habe dich gerade eingesperrt. Du hast für die nächsten acht Stunden Hausarrest. Nur dann, wenn ich mein Segen gebe, dürfen die dich anrufen. Ich habe nämlich auch dein Telefon gesperrt. Ab jetzt ins Bett, das ist ein Befehl."
"Jawohl Herr General. Das liegt wohl in der Familie, mit dem Befehlston", stellte Jacob müde lächelnd fest.
Fritz Jacob wäre sowieso schlafen gegangen. Er war an einem Punkt angekommen, an dem er einfach schlafen musste. Er hatte sein Limit schon lange überschritten. Der Chefarzt wurde durch Mayers Aktivitäten und seinen Körper gezwungen, endlich einmal richtig auszuschlafen. Allerdings wurden aus den geplanten acht Stunden, ganze fünfzehn Stunden erholsamen Schlafes. Erst nach dieser Zeit wurde Jacob nämlich wieder munter. Da Mayer angeordnet hatte, das erst, wenn Jacob seine Karte durch den Öffner zog, alles wieder freigeschalten wurde, blieb deshalb auch so lange das Telefon stumm. Aber diese fünfzehn Stunden Schlaf taten dem Chefarzt richtig gut. Frisch geduscht und rasiert, erschien er unten bei den Kindern. Vor allem konnte er endlich wieder klar denken. Mit neuer Kraft und neuem Elan, ging Jacob das neue Problem an.
Bereits Ende November, also nur zwei Monate nach dieser verhängnisvollen Feststellung, fand Jacob eine Lösung, für das Ernährungsproblem: Dank der guten Zuarbeiten von den Schwestern und zum Teil sogar vom Wachpersonal, die von einigen Schwestern darum gebeten wurden mitzulesen. So brauchten die Abteilungsleiter nur noch überprüfen und die entsprechenden Tests durchzuführen.
Jacob entwickelte eine Spezialnahrung für die Kinder, nach dem er sich mit einem Ernährungswissenschaftler kurzschloss. Die auf einer Basis von Bambussprossen hergestellt wurde. Diese wurde, durch ein spezielles Verfahren immer mehr eindickt und zu einem hochdosierten und kalorienreichen Nahrungsmittel verarbeitet, welches in Pulverform aufbewahrt werden konnte. Das Pulver wurde zusätzlich mit einem sehr hohen Anteile an Vitaminen, Spurenelementen und Mineralien versetzt. Außerdem gab man dieser Spezialnahrung noch einige andere Zusatzstoffe bei, die für normale Menschen giftig wären, unter anderen eine Arsenverbindung, ein Stoff, der zur Reproduktion des Blutes bei den Hundert benötigt wurde. Auch das fand Zolger mittlerweile heraus und das war eine sehr wichtige Erkenntnis. Die Blutzusammensetzung der Kinder würde eine völlig andere sein, als die normaler Menschen. Es war nicht mit dem Blut normaler Menschen kompatibel. Jacob hoffte inständig, dass sie niemals große Mengen Blut zur Versorgung der Hundert benötigen würden. Jedenfalls nicht am Anfang, bevor sie sich einen Vorrat an Blutkonserven anlegen konnten. Außerdem wurde Chloracetophenon, der Nahrung zugesetzt. Das war ein Stoff, der bei der Herstellung von Tränengas Verwendung fand, um das Austrocknen der sehr empfindlichen Augen zu verhindern.
Aus all diesen Zutaten wurde ein hochkonzentriertes Nahrungsmittel hergestellt, das man mit Wasser zubereiten musste. Leider musste man diese Nahrung immer aufkochen, anders würde dies nicht funktionieren. Jacob hoffte im Laufe der Jahre, noch eine andere Möglichkeit zu finden. Wichtig war nur, dass man erst einmal eine Lösung für diese armen Kinder hatte, damit diese nicht sofort nach der Geburt verhungern mussten. Allerdings waren alle mit dieser Lösung mehr als zufrieden.
Ein Messbecher dieses Konzentrates, enthielt fünf Gramm dieses Pulvers, dies würde mit fünfundvierzig Milliliter Wasser aufgekocht, einmal fünfzig Gramm Brei ergeben. Dieser Brei wiederum enthielt fünfzigtausend Kalorien. Das erstaunliche an der ganzen Sache war, obwohl diese Nahrung speziell für diese Kinder angefertigt werden musste, würde sie sehr preiswert sein.
Jacob fand mit Hilfe von Zolger und den Technikern des Projektes eine Verfahrensweise, die schon bei der Produktion von Babynahrung Verwendung fand. Dadurch konnte die Produktion mit herkömmlichen Maschinen erfolgen und die Herstellung von fünfzig Gramm Brei, nur fünfzig Pfennige kosten. Bei der Produktion, konnte man sehr große Mengen dieser Spezialnahrung auf einmal herstellen, da diese sehr lange haltbar war. Eine Kilobüchse, würde angebrochen einen Monat halten und war verschlossen mit Versiegelungsfolie, mindestens fünfzehn Jahre haltbar sein.
Jacob war erleichtert, so schnell eine Lösung für diese armen Kinder gefunden zu haben. Am Anfang würden die Kinder, einfach den Brei mit etwas mehr Wasser bekommen, so dass man sie mit der Flasche füttern konnte. Zolger testete, dieses Nahrungsmittel an den Inkubatoren aus und es kam zu keinerlei Krämpfen.
Erleichterung machte sich bei allen breit. Auch, weil alle Mitarbeiter im Projekt langsam aber sicher Angst, um ihren Chefarzt und ihren wissenschaftlichen Leiter, der Laboratorien, bekamen. Da die Zwei in den letzten beiden Monate, fast gar nicht mehr schliefen und beide kurz vor dem Zusammenklappen waren.
Langsam aber sicher wuchsen die Embryonen heran und wurden Kindern immer ähnlicher. Zur großen Freude von allen Mitarbeitern sahen wirklich alle Kinder, aus wie Menschen.
Projekt Dalinow, 22. Dezember 1958
Fast ein Jahr nach Projektstart, sahen der Chefarzt und sein Kollege Zolger aus, als wenn sie den nächsten Tag nicht mehr überstehen würde. Der sonst immer gepflegt und akkurat gekleidete Jacob, war nicht nur äußerlich vernachlässigt, sondern machte im Allgemeinen einem erbärmlichen Eindruck. Sein Freund und Kollege sah nicht viel besser aus und hatte den Anschiss, des Projektleiters schon hinter sich gebracht.
Mayer, dem das miserable Aussehen seiner Freunde, durch den vielen Stress, den er selber hatte, erst durch die Hinweise andere Mitarbeiter aufgefallen war, beobachtete Jacob und Zolger schon eine ganze Weile. Deshalb zitierte er erst Zolger und dann Jacob zwei Tage vor Weihnachten zu sich ins Büro. Kurz zuvor erschien Jacob wieder einmal völlig abgehetzt, unrasiert und mit tiefen Augenringen am Mittagstisch, an dem er sich erschöpft niederließ. Seit einiger Zeit aß der Chefarzt in der Offiziersmesse, um Anna, die seit sieben Monaten nicht mehr mit ihm sprach, aus dem Weg zu gehen. Dadurch bekam Mayer den miserablen Zustand seines Mitarbeiters hautnah mit. Seit der Offenlegung des Projektes war das Verhältnis der beiden Verliebten völlig zerstört und jeden Tag war es für Jacob schwerer geworden, ihr am Tisch gegenüber zu sitzen. So ging er nur noch zum Frühstück an den Tisch seiner Mitarbeiter, mittags aß er in der Offizierskantine und das Abendbrot fiel meistens, aus Zeitgründen, aus.
Die letzte Nachtschicht war wieder für alle im Kinderraum sehr stressig gewesen. Bei drei der Kinder gab es massive Probleme. Die Serie 2 machte ständig unerklärbare Probleme. Die Kinder mit der Nummer 28 und 29 hatten ständig Atemprobleme und immer noch akute Muskelzuckungen und -krämpfe. Mehrmals schon war Jacob kurz davor, diese Kinder von ihren Qualen zu erlösen. Allerdings waren die Blut und Vitalwerte im normalen bis sehr guten Bereich. Er konnte sich das alles einfach nicht erklären. Müde rieb er sich das Gesicht und den verspannten Nacken.
Kaum saß Jacob bei Mayer und Zolger am Essenstisch, bekam er von seinem Freund Walter auch schon den Hinweis auf sein Aussehen und er warf mit Komplimenten nur so um sich.
"Na Fritz, legst du dich dann bitte etwas hin? Du siehst einfach nur Scheiße aus, um nicht gleich zu sagen, wie der Tod auf Latschen", forderte Zolger seinen Freund auf, einmal etwas für sich zu tun.
Mayer sah seinen Untergebenen ernst an. "Fritz, ich möchte dich nach dem Mittagessen, oben bei mir im Büro sehen. Das ist keine Bitte, sondern ein nicht zur Diskussion stehender Befehl. Egal, was mit den Kindern ist, die müssen unten auf der 6/blau eine Weile ohne dich auskommen. Walter, du übernimmst das bitte. Ich muss mit Fritz reden", ernst sah Mayer Zolger an und der nickte breit grinsend.
Zolger hatte seinen Anschiss schon hinter sich und fühlte sich einen Kopf kürzer.
Jacob nickte. Trank seinen Kaffee, biss zweimal in sein Brötchen und legte es wieder zurück. Die Suppe rührte er gar nicht erst an. Er war einfach zu müde, um etwas zu essen, und wollte nur noch ins Bett. So zerschlagen wie heute, hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt.
"Wenn du fertig bist Sigmar, können wir hoch gehen. Ich muss ins Bett", forderte der Chefarzt Mayer auf.
Mayer nickte verstehend, stand sofort auf und bat Jacob zu ihm zu folgen. Ließ Jacob auf seinen Multicar, steigen und fuhr zum Lift 2/2, um hoch in sein Büro zu fahren, welches in Mayers Wohnung lag.
"Guten Tag, Ilka", grüßte Jacob, als er Mayers Wohnung betrat.
Ilka Mayer, war ein kleines süßes Mädchen von zehn Jahren. Blonde Haare, genau wie ihr Vater und hatte die gleichen wasserblauen Augen. Ilka saß wegen ihrer spastischen Lähmung in einem Rollstuhl. Dadurch lebte sie bei ihrem Vater. Ihre Mutter wollte nichts, von dem körperlich schwerstbehinderten Kind wissen.
Seit dem Sigmar Mayer hier in diesem Projekt war, hatte Betreuer Reimund, die Pflege von Ilka übernommen und unterrichtete diese in allen Schulfächern. Ilka war mathematisch hochbegabt, ein richtiger Rechenkünstler.
"Guten Tag Onkel Fritz, du siehst aber müde aus. Soll ich dir meinen Teddy geben, damit du besser schlafen kannst", erkundigte sich die Kleine, in ihrer lieben Art und hielt Jacob die verkrampften Hände hin. "Spielst du dann etwas mit mir", bat sie ihn.
"Ilka mal sehen, wie lange dein Papa mir den Kopf wäscht. Eigentlich nicht, ich bin nämlich hundemüde. Deinen Teddy behalte mal lieber, der schnarcht mir zu sehr."
Ilka lachte, sah sich ihren Teddy an, dem die Nase fehlte und nickte Jacob zu. "Na ja du wolltest ihm ja die Nase heile machen, aber das hast du immer noch nicht geschafft. Deshalb schnarcht er so laut. Ist nicht schlimm Onkel Fritz, dass du keine Zeit hast, dann spielen wir ein anderes Mal", schon rollte sie zu ihrem Schreibtisch, um ihre Hausaufgaben zu machen. Was ihr immer sehr schwerfiel, durch die Lähmungen in den Händen.
Wieder einmal nahm sich Jacob vor, einen scann von Ilkas Kopf zu machen. Er war bis jetzt einfach nicht dazu gekommen. Ständig war irgendetwas los und er schob es von Woche zu Woche vor sich her. Er winkte Ilka noch einmal zu und folgte Mayer in sein Büro.
"Setzt dich Fritz." Mayer zeigte auf einen Stuhl, vor seinem Schreibtisch. "Fritz, so geht das nicht weiter mit dir. Zolger habe ich heute auch schon zusammen gefaltet bis er in eine Streichholzschachtel gepasst hätte. Eigentlich untersteht er deiner Befehlsgewalt. Bitte flippe nicht gleich wieder aus. Fritz, ich brauche hier Leute die mich unterstützen und nicht rumschleichen wie Scheintote. So geht das nicht weiter mit dir. Du musst einfach mehr auf dich achten. Ich weiß, dass du alles für diese Kinder tust. Du musst aber auch lernen Verantwortung, auf die Schultern anderer zu legen. Du kannst nicht siebzehn Jahre lang für alles alleine die Verantwortung tragen. Hast du dich mal im Spiegel angesehen?"
Jacob nickte und erklärte mit schleppender Stimme, der man die Erschöpfung anhörte. "Sigmar, du hast ja Recht. Aber, was soll ich machen? Der März und der Richter hatten gestern die Spätschicht, ich traue denen einfach nicht. Immer wenn die Dienst hatten, ist unten im Kinderraum hinterher die Hölle los. Ich bin nur noch nicht dahinter gekommen, was oder besser wie die das machen. Ich bin felsenfest der Überzeugung, dass die an all diesen Katastrophen unten im Kinderraum die Verantwortung tragen. Genau wie heute Nacht, da war wieder die Höhle los und ich habe die beiden nur zehn Minuten alleine gelassen. Ich kann denen nichts nachweisen. Aber ich kann die auch nicht alleine lassen mit den Kindern. Die können nichts und sind nur mit dem Maul groß. Die stören nur die gesamten Abläufe, als wenn sie dort unten Sabotage betreiben würden. Sag mir was ich machen soll. Wenn es drauf ankommt, wissen die nie was sie machen sollen. Der Einzige auf den ich mich wirklich verlassen kann, ist Anderson. Aber gestern hat der das einfach nicht alleine geschafft. Es waren fünf Kinder die gleichzeitig Probleme gemacht haben. Ich wollte mich gestern Nachmittag gerade hinlegen, da er holte mich der März, schon wieder wegen einer Lappalie. Manchmal denke ich, der macht das nur, um mich kaputt zu spielen. Aber sag mir, was ich machen soll. Gehe ich nicht runter und es ist etwas, stirbt das Kind. Verstehst du."
Mayer nickte, er konnte sich die Zwickmühle vorstellen, in der sein Chefarzt steckte. "Sag mal ehrlich Fritz: Wann warst du das letzte Mal joggen? Wann das letzte Mal im Kino? Wann hast du dir das letzte Mal irgendetwas gegönnt: Ein Buch gelesen, ein Billardspiel gemacht, einfach mal etwas abgespannt? Ehrlich."
Jacob starrte Mayer irritiert an, dann zuckte er mit den Schultern. "Keine Ahnung, ich hab es vergessen. Ich glaube vor ... hunderttausend Jahren oder so", antwortete er verbittert und vom Gähnen unterbrochen.
"Fritz, ich weiß, dass du mit Anna irgendein Problem hast. Kläre das endlich mit ihr. Das ist der Grund, warum du dich in der Arbeit vergräbst. Du hast noch über sechzehn Jahre, die du mit ihr zusammenarbeiten musst. Du kannst ihr nicht ständig, im privaten Bereich, aus dem Weg gehen. Kläre das, das ist ein Befehl. Der nächste Befehl. Du legst dich jetzt hin, es ist erst 12 Uhr. Vor 19 Uhr, will ich dich nirgends auf dem Gelände sehen. Ich blockiere bis dahin alle deine Zugänge, du bekommst nicht einmal mehr deine Wohnungstür auf. Du schläfst, dann gehen wir heute Abend ein kleines Spielchen machen. Um 23 Uhr legst du dich hin, schläfst bis morgen früh. Um 5 Uhr will ich dich vor meinem Haus, in Joggingsachen sehen. Das kannst du auch als einen Befehl ansehen. Ich habe mit Anderson gesprochen, er kümmert sich um die Spät und Nachtschicht. Morgen früh bereitest du, eine funktionierenden Dienstplan vor. Nach dem Mittagessen, um 13 Uhr ist eine Versammlung in der Mensa, mit deinen Leuten. Dort werden die Probleme offen gelegt. Hast du das verstanden?"
Jacob grinste Mayer breit an. "Jawohl, Herr Generalmajor", gab der Chefarzt schnippisch zu Antwort, dabei bekamen sein Ohren Besuch von einem breiten Grinsen. Mayer hat ja Recht, deshalb widersprach ihm Jacob auch nicht. "Also ich gehe dann mal. Bis heute Abend", schon stand er auf.
"Guten Nacht Fritz, schlafe wirklich etwas. Kein Labor und keine Unterlagen, sonst kriegt Zimmermann von mir den Befehl Büro und Labor zuzumauern. Es ist nur das Bett ist erlaubt oder muss ich die Wachmannschaft damit beauftragen dich am Bett festzubinden."
Mayer forderte seinen Freund nachdrücklich zum Schlafen auf und blickte ihm kopfschüttelnd hinterher.
Jacob ging aus dem Büro und huschte trotzdem noch einmal zu Ilka, gab der Kleinen einen Kuss auf die Stirn. "Ilka sei nicht böse. Ich bin wirklich müde. Ich verspreche dir, wir spielen wieder einmal zusammen. Außerdem hat mir dein Papa gerade Stubenarrest gegeben. Was soll ich also machen kleine Maus. Also sei ein braves Mädchen", bat Jacob lachend, seine kleine Freundin um Entschuldigung.
Der Chefarzt verließ sofort Mayers Wohnung, ging hinüber in seine eigene und schmiss sich so, wie er war aufs Bett. Jacob war einfach zu müde, um noch zu duschen oder zu baden. Gerade, dass er noch seine Schuhe abstreifen konnte, schon schlief er tief und fest. Nichts hätte ihn mehr wecken können, sein Körper hatte sich das Recht auf Ruhe wieder einmal eingefordert.
Der Chefarzt wurde erst kurz nach 20 Uhr munter, erschrocken sah er auf die Uhr. Schnell zog er sich aus, ging unter die Dusche, rasiert sich und kleidete sich wieder an. Setzte sich dann sofort an seinen Schreibtisch, um einen diesmal funktionierenden Dienstplan aufzustellen. So dass in jeder Schicht ein Arzt war, dem er vertrauen konnte, damit er nicht mehr ständig geholt werden musste.
März allerdings, nahm er aus dem regulären Dienstplan heraus. Teilte März nur noch für Botentätigkeiten zwischen Labor und Kinderraum ein. Zu mehr war dieser Quacksalber, der sich Arzt nannte, nicht zu gebrauchen. Selbst Tätigkeiten, die das Pflegepersonal machte, konnte März nicht zufriedenstellend ausführen und man mussten ständig die Arbeiten die er verrichtete auf richtige Ausführung kontrollieren. Fertig mit dem aufstellen des neuen Dienstplanes sah er auf die Uhr.
Erschrocken stellte Jacob fest, dass es schon 21 Uhr durch war. ‚Na prima‘ ging es ihm durch den Kopf. ‚Jetzt muss ich wieder einmal in der Küche fragen, ob die mir noch etwas zu essen machen.‘
Zügig lief der Chefarzt nach vorn in die Mensa und ging an die Bar.
"Guten Abend Jungs, könnt ihr mir bitte irgendetwas Essbares besorgen. Ich habe das Abendbrot verschlafen", erkundigte sich Jacob bei den beiden Barkeepern, Charly und Heinz, mit einem Blick der Steine zum Erweichen gebracht hätte.
"Klar Genosse Major, für sie doch immer. Es hat ihnen aber gut getan. Herr Doktor, sie sehen fast wieder aus wie ein Mensch. Noch ein bissel füttern und schon ist das Wunder vollbraucht. Aus einem Skelet wurde wieder ein Mensch“, hänselte ihn Heinz ein wenig.
„Major Mayer hat uns sowieso aufgetragen, ihnen alles zu machen, auf was sie Lust haben, egal um welche Uhrzeit sie hier erscheinen. Er meinte, dies wäre keine Bitte, sondern ein Befehl. Auf dessen Nichteinhaltung der Tod stände. Also, was sollen wir ihnen machen, Herr Major? Bei der Androhung der Todesstrafe, müssen wir doch auf unseren großen Cheffe hören", erklärte ihm Charly, über das ganze Gesicht grinsend und sah Jacob mit unterdrückten Lachen an, dabei zuckte er verlegen mit seinen Schultern.
"Schnitzel mit Bratkartoffeln wäre echt etwas ganz tolles. Da hätte ich richtig Appetit drauf und würde dafür sogar meine Großmutter verkaufen oder mein Leben geben. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal zu Mittag gegessen habe."
Heinz sahen Jacob schmunzelnd an. "Geht klar, das mache ich ihnen sofort und schenke ihnen sogar ihr Leben“, sein Grienen wurde immer breiter. „Das dauert aber einen Augenblick, setzen sie sich ruhig, wir finden sie schon, so groß ist das Projekt ja dann doch nicht", ergänzte Charly seinen Kollegen, während Heinz in der Küche verschwand und dem Koch die Bestellung brachte.
Ohne zu fragen, stellte Charly Jacob einen großen Pot mit Kaffee hin. Der Barkeeper wusste, dass Jacob nichts anderes trank. Er mochte den Chefarzt sehr, der immer einen lustigen Spruch auf Lager hatte. Daraufhin, drehte er sich um, ging hinter in die Küche, um dem Koch zu helfen. Eine halbe Stunde später, kam er mit einer extragroßen Portion zurück, die er Jacob vor der Nase stellte.
"Lassen sie es sich schmecken. Wir hab es extra scharf gewürzt."
"Danke ihr seid wahre ein Engel", schon fing Jacob an zu futtern.
Bekam dafür von dem gerade eintreffenden Mayer, ein großes Lob. "Na das gefällt mir doch schon besser. Lass es dir schmecken Fritz, entschuldige ich bin nicht eher weggekommen. Meine Kleine, wollte unbedingt die eine Geschichte zu Ende hören. Du weißt, ich kann da nie nein sagen."
Mit vollem Mund nickte Jacob nur, kaute schnell herunter. "Ich weiß, aber die Kleine hat ja auch selten etwas von ihrem Papa, es sei ihr zu gönnen. Ich muss mir wieder mal Zeit für dein Mädchen nehmen. Den Dienstplan habe ich fertig. Willst du dir den mal ansehen?"
Mayer schüttelte den Kopf. "Fritz, warum sollte ich das? Du weißt doch besser als ich, wer bei dir miteinander harmoniert. Wenn es mit dem März noch lange Probleme gibt, ist das der Erste der fliegt."
Jacob nickte bestätigend. "Sigmar, dieser Bursche regt mich langsam aber sicher richtig auf. Der geht mir nur noch auf die Nerven. Der hat von nichts keine Ahnung, ist wirklich nur mit dem Maul groß. Ich habe keine Ahnung, wie der sein Studium geschafft hat. Ich glaube fast, der hat sich seinen Doktortitel, auf dem Schwarzmarkt in Polen gekauft. Ich teile den jetzt nur noch als Laufburschen ein. Aber ich denke, selbst da schafft März es noch, Probleme zu machen. Lange kann ich mich nicht mehr beherrschen. Irgendwann, hau ich dem mal eine auf die Zwölf", brachte Jacob seine Wut über März zum Ausdruck.
Mayer gab seinem Chefarzt vollkommen Recht. "Wenn du willst, nehm ich ihn mir mal zur Brust. Es gibt nicht nur von deiner Seite Beschwerten. Seine Wohnung sieht ständig aus, wie ein Schweinestall. Die Reinigungskräfte weigern sich schon, bei ihm zu putzen. Nie machen sie es ihm gut genug. März ist permanent am Meckern und beschimpft ständig das Personal. Du musst dir mal vorstellen, da ruft dieser März wegen einer kaputten Glühlampe den Hausmeister, als Notfall an. Das sind lauter solche Sachen, die sich summieren. Jetzt geht er mir auch schon die Wachleute an, weil die nicht schnell genug bei dem feinen Herren sind. Ruft den Rettungsdienst wie ein Taxiunternehmen an, weil er zu faul zum Laufen ist. Es reicht wirklich langsam. Vor allem, kam vor zwei Tagen Schwester Sonja zu mir, hat sich bei mir über ihn beschwert, weil er sie angetatscht hat", wütend sah Mayer den Chefarzt an, der scheinbar noch gar nichts von der Sache wusste. "Als ich ihn zur Rede stellte, sagte mir März lachend ins Gesicht … "Die wollen das doch nicht anders, die Häschen. Die wollen betatscht werden, damit sie unter die Haube kommen." … Kannst du dir das vorstellen, wie ich mich beherrschen musste. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre dem an die Kehle gegangen. Ich habe jetzt bei deinen weiblichen Mitarbeitern, beim Servicepersonal und bei den Laboranten nachgefragt. Fritz, dies ist nicht das erste Mal das so etwas passiert ist. Selbst beim Küchenpersonal, wurde er schon aufdringlich. Dann scheint er ein großes Alkoholproblem zu haben und hat oft eine Fahne. So geht das nicht. Am besten ich knöpfe ihn mir morgen früh, nach dem Laufen einmal richtig vor. Teile dir dann, meine weiteren Entscheidungen mit", fast beim Sprechen Mayer einen Entschluss.
Jacob war damit einverstanden. Jedoch begriff er nicht, dass er selber von diesen Problemen, nicht mitbekam. Ärgerlich raufte sich Jacob die Haare.
"Fritz, nun mach dich nicht schon wieder fertig, deswegen."
"Sigmar, das macht mich allerdings fertig. Wieso habe ich das nicht mitbekommen? Warum sind die Mädels, nicht einfach zu mir gekommen? Herr Gott nochmal, bin ich so abweisend, dass man mir nicht vertrauen kann", Jacob sah Mayer fragend an.
Der Projektleiter schüttelte den Kopf, klopfte dem Freund auf die Schulter. "Fritz, du hast im Moment einfach zu viel um die Ohren. Die Mädels wissen das. Ich habe Sonja gefragt, warum sie nicht zu dir gegangen ist? Da meinte sie zum mir … "Genosse Major, haben sie sich unseren Chefarzt mal angesehen? Der hat seit Tagen nicht geschlafen. Ist die letzten Tage, nicht mal essen gewesen, weil ständig irgendetwas los war. Der kann bald nicht mehr. Soll ich ihm dann auch noch damit belasten? Sie sind doch derjenige, der für Sicherheit im Projekt zuständig ist. Deshalb komme ich ja zu ihnen." …" Mayer sah Jacob ernst an, aber auch entschuldigend. "Bitte entschuldige Fritz, mir wäre sonst nicht aufgefallen, wie schlecht du aussiehst. Ich frage mich ernsthaft, wie du das alles unter einen Hut bekommst. Ich dachte immer, ich bin ein Organisationsgenie. Aber du bist noch einen Zahn schärfer als ich. Mir geht es im Moment ähnlich, wie dir. Ich habe einfach zu wenig Stunden, am Tag", geistesabwesend sah er Jacob an vorbei und seufzte herzzerreißend, so ganz tief von innen heraus. "Könnte der Tag nicht achtundvierzig Stunden haben?", fragt er seinen Gegenüber.
Jacob sah Mayer schelmisch an. "Den würden wir dann auch voll bekommen", kam trocken von ihm.
Mayer fing schallend an zu lachen. "Ich glaube du hast Recht. Aber es ist wirklich so, wie ich es sage. Ich bekomme einfach nicht alles reingepackt. Egal wie ich es schiebe. Ich habe mehr Arbeit als Zeit. Aber bald wird es ja ruhige, nur noch zwei Monate."
Jacob schüttelte den Kopf. Er konnte sich das einfach nicht vorstellen. "Na ja, hoffen wir‘s. Der Glaube stirbt bekanntlich, zuletzt", schon schob sich Jacob den letzten Bissen in den Mund und war fertig mit dem Essen. "Wollen wir ein kleines Billardspielchen machen? Oder lieber eine Runde Schach?"
Mayer sah Jacob bittend an. "Eine Runde Schach. Mir tut jeder Knochen weh. Ich will einfach nur etwas entspannen und vor allem sitzen."
Sofort stand Jacob auf und holte ein Bier für Mayer, einen Kaffee für sich und ein Schachspiel und verzog sich mit Mayer in die Aquariumecke, um in Ruhe spielen zu können. Gemütlich spielten die Beiden, ein schönes Spiel. Sogar für eine Revanche reichte die Zeit noch. Danach verabschiedete sich Mayer gutgelaunt, wenn auch mit tiefen Bedauern. Gern wäre Mayer noch länger geblieben, aber die liebe gute Zeit.
"Fritz, tut mir leid, ich habe noch so viel Arbeit auf dem Tisch liegen, ich muss los. Danke für das Spiel. Morgen früh um 5 Uhr laufen wir zusammen?"
Jacob nickte, freute sich schon auf das Laufen, viel zu lange hat er nicht mehr an sich gedacht. "Ja, ich freue mich schon darauf."
Mayer verließ die Ecke mit den Aquarien und Jacob lehnte sich zurück, beobachtete einfach eine Weile die Fische und ließ dabei seinen Gedanken freien Lauf. Er war so auf die Fische fixiert, dass er nicht einmal mitbekam, dass er, seit fast zehn Minuten von jemand beobachtet wurde.
Als Jacob um 21 Uhr in die Mensa kam, wollte die bei ihren Freundinnen sitzende Anna, sofort aufstehen und gehen. Sie wurde aber von Pia, Doris, Grit und Walli zurückgehalten. Doris, die neben Anna saß, zog diese einfach zurück auf ihren Platz.
"Anna, hiergeblieben. So geht das nicht weiter mit euch Beiden. Habt ihr euch immer noch nicht ausgesprochen?"
Anna schüttelte den Kopf.
"Was ist los mit euch Zweien? Erst wart ihr unzertrennlich und seit dem Urlaub, sagt ihr euch kaum mehr guten Tag. Was soll denn der Quatsch? Was hat dir Fritz eigentlich getan, dass du so dumm zu ihm tust?", wollte Pia endlich von Anna wissen. Der dieses Rumgeziere von ihrer Freundin, langsam aber sicher auf den Nerv ging.
"Ach Pia, was soll ich dazu sagen. Er guckt mich einfach nicht mehr an. Deshalb gehe ich ihm aus dem Weg."
Pia schüttelte den Kopf. "Warum?"
Anna fing sofort an zu weinen.
"Ach komm. Lass die Schleuse zu Anna. Davon löst sich dein Problem nicht", stauchte die immer sehr direkte Walli, ihre junge Kollegin zu Recht. "Erzähle uns mal, was los ist. Vielleicht wissen wir alten Jungfern eine Lösung, für dein Problem", brachte sie zum Ausdruck, was sie dachte.
Walli war schon sechsundfünfzig Jahre alt, aber immer noch unverheiratet. Weshalb, wusste keiner. Das fortgeschrittene Alter und die damit verbundene Lebenserfahrung hatte Walli unter den Krankenschwestern, so etwas wie eine Mutterrolle eingebracht, die sie gern übernommen hatte. Anna lehnte sich schluchzend, an Wallis Schulter. Die streichelte ihr liebevoll den Rücken.
"Komm meine Kleine, rede. Viel zu lange haben wir dich gewähren lassen und gehofft, dass du von alleine zu uns kommst. Aber du alter Dickkopf schweigst dich einfach aus. Jetzt ist Schluss damit, du musst uns schon einmal im Detail erzählen, was los ist mit euch Zweien. Warum habt ihr euch so gestritten? Nur wenn wir das verstehen, können wir dir vielleicht helfen."
Anna nickte und versuchte sich krampfhaft zu beruhigen.
"Weißt du noch am 7. Mai, als wir das erste Mal in dem Kinderzimmer waren. Danach wollte ich einfach noch einmal mit Fritz reden. Ich habe seine Nähe gesucht", wieder liefen Tränen über das Gesicht der jungen Frau. "Na ja, ich war so wütend auf ihm. Er hätte mich vorwarnen können. Ich habe ihm das auch sehr direkt gesagt. Da schrie er mich an, was ich von ihm wollte. Es würde keine Rolle spielen, dass wir eine Beziehung haben. Er würde mich genauso behandeln, wie jeden anderen hier. Ich könne nicht, nur weil ich seine Freundin wäre, ständig eine Extrawurst gebraten bekommen. Was ich, von ihm wolle? Fragte er mich immer wieder. Außerdem hätte er mich vorgewarnt. Ich solle ihm sagen, wie er mir deb ganzen Mist hätte schonend, beibringen können. Da hab ich ihn angebrüllt, dass er sie nicht mehr alle hat und noch viel Schlimmeres habe ich ihn an den Kopf geschmissen. Ich war so verdammt wütend, an dem Tag", weinend lehnte sich Anna, an die Schulter von Walli und zitterte am ganzen Körper.
"Na, da hast du ihn ja auch ganz schön vor den Kopf gestoßen. Manchmal bist du aber auch, eine dumme Ziege", erklärte Walli in ihrer trockenen und offenen Art, ihrer kleinen Freundin. Walli war dafür berüchtigt, stets zu sagen, was sie dachte.
"Warum, er war mein Freund. Hätte er mir das nicht etwas schonender beibringen können. Vor allem, weil er weiß, wie sehr ich Kinder liebe. Er wusste genau, was das für ein Schock für mich werden würde." Anna starrte Walli und die anderen wütend an.
Die sahen jetzt ihrerseits, böse zu Anna.
"Dann meine liebe Anna, muss ich Fritz, in einem Recht geben. Du willst eine Sonderbehandlung. Anna das ist nicht fair", ernst sagte Walli das.
Schwester Grit nickte bestätigend und sah Anna dabei bitter böse an.
"Warum? Wenn er euer Freund wäre, hättet ihr das nicht auch erwartet?", verwirrt, sah Anna ihre Mädels an.
Alle schüttelten den Kopf.
"Warum denn nicht?", stellt Anna jetzt zum wiederholten Mal, diese Frage. Weil sie ihre Mädels nicht begriff. Dachte sie immer, diese wären auf ihrer Seite.
Walli drehte den Kopf ihrer Freundin so, dass Anna ihr in die Augen sehen musste. "Anna, du bist zwar noch jung, aber du bist nicht dumm. Überlege einfach mal. Wenn du an Fritz seiner Stelle gewesen wärst, wie hättest du dich verhalten? Kannst du dir eigentlich vorstellen, durch welche Hölle Fritz und auch Walter eine Woche lang gegangen sind? Hast du nur einmal hingesehen, ein wenig darauf geachtet, wie die Beiden aussahen, als sie an diesem Morgen am Tisch saßen? Ich weiß von den Mitarbeitern aus dem Institut, dass Fritz und Walter bis eine Stunde vor dem Frühstück bei den Kindern waren. Da es in der Nacht, einige schlimme Zwischenfälle gab. Fritz hatte schon seit Tagen, so gut wie nicht geschlafen. Er konnte sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Füßen halten. Aber weil das noch nicht Stress genug war, musste er uns erklären, dass man uns belogen und betrogen hat. Was denkst du eigentlich, wie Fritz sich gefühlt hat? Denke einfach mal darüber nach.
Eine andere Sache noch, Anna. Auch, wenn Fritz dein Freund war oder noch ist, bist du um keinen Deut besser, als Grit oder Doris, Pia oder ich. Da gebe ich Fritz recht und ich finde es richtig, dass er keinen Unterschied macht, zwischen dir und den anderen. Obwohl, das noch nicht mal stimmt. Du bist nämlich ganz schön ungerecht und egoistisch. Wer von uns bekam eine Möglichkeit, ein Studium zu machen, noch dazu in der Traumfachrichtung. Keiner. Also bekommst du sogar mehr als wir. Nun schalte bitte dein Gehirn dazu. Denke vor allem einmal über das nach, was ich dir gerade gesagt habe. Du solltest dich bei Fritz entschuldigen. Vor allem, dich mit ihm aussprechen. Der hat es nicht verdient, von dir ignoriert zu werden", böse verließ Walli den Tisch.
Die Selbstgefälligkeit und Ignoranz ihrer jungen Freundin, regten die schon ältere erfahrenere Schwester auf. Sie sah, nur zu genau, dass Beide litten.
Anna lief ihr hinterher. "Walli ... ach Manne ... Walli ... warte", fast sofort hatte sie ihre ältere Kollegin ein, nahm sie in den Arm, gab ihr einen Kuss. "Komm setze dich, warum bist du so sauer auf mich, Walli? Du hast ja Recht. Höchstwahrscheinlich habe ich mich saublöd benommen. Aber, deshalb musst du doch nicht so sauer auf mich sein."
Walli winkte ab. "Das verstehst du nicht Anna."
Das junge Mädchen wolle jetzt wissen, warum Walli so sauer auf sie war. "Dann erkläre es mir doch."
Walli holt tief Luft. "Weil ich den Fehler, den du gerade machst, vor dreiunddreißig Jahren auch gemacht habe. Ich habe aus purem Egoismus, den Menschen vor den Kopf gestoßen, den ich von ganzem Herzen geliebt habe und immer noch liebe, Anna. Nur deshalb, weil ich eine Sonderbehandlung haben wollte und ich mich für etwas Besseres gehalten hatte, ist er gegangen. Und das mit gutem Recht. Liebe, meine kleine Anna, heißt nichts anderes, als Respekt vor dem anderen zu haben. Denjenigen den man von ganzem Herzen liebt zu unterstützen, wo man nur kann. Selber auch einmal hinten an zu stehen, wenn es sein muss. Damit man den Partner Luft zum Atmen lässt. Verständnis zu haben, dass man im Beruf, genauso behandelt wird, wie alle anderen, ist die Voraussetzung wenn man auch noch die gleiche Arbeitsstelle hat. Sonst ist die Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn man berufliches und privates nicht trennen kann. Wenn du das nicht kannst Anna, wirst du einmal genauso einsam alt werden, wie ich bereits bin. Komm lass mich gehen. Ich habe grad Selbstmitleid mit mir. Da bin ich nicht ansprechbar. Ich arme Walli", fügte diese selbstironisch hinzu. Sah ihrer Freundin, mit einer solchen Wut an, die sie aber nicht auf Anna, sondern auf sich selber hatte, dass diese einen Schritt zurückmachte.
Das junge Mädchen sah traurig, ihre Freundin an. "Bin ich wirklich so ein Ziege?"
Walli nickte.
Anna setzte sich einfach auf Wallis Schoß und legte ihre Arme um Wallis Hals. "Oh je und was mache ich jetzt? Hab ich alles kaputt gemacht?"
Walli streichelte liebevoll das Gesicht von Anna, die ihr sehr ans Herz gewachsen war. Sie sah in dieser junge Krankenschwester, eine Ziehtochter, da sie selber nie Kinder hatte, Anna aber Vollwaise war. "Anna gehe hin, rede mit ihm. Entschuldige dich bei Fritz und gebe ihm, einen dicken Knutscher. Von mir aus sage ihm, dass du eine dumme, arrogante und eingebildete Ziege bist. Fritz hat so viel um die Ohren, der kann keinen Beziehungsstress gebrauchen. Sondern braucht eine Frau, die Verständnis hat und den Rücken stärkt. Die ihm vor allem den Rücken frei hält und ihm zuhört, wenn er reden will. Nicht so eine Ziege, wie dich. Sonst meine Gute, schnappe ich ihn dir weg, ich mag ihn nämlich sehr. Er ist ein brillanter Arzt, der mit den Füßen auf dem Boden bleibt, obwohl er ein Genie ist. So etwas findet man selten. Wichtig ist nur eins, gehe zu ihm hin und rede mit ihm. Höre einmal in deinem Leben, auf deine olle Mama", schmunzelnd sah sie Anna an, ihre Wut auf sich war schon wieder verraucht.
"In Ordnung Mama, ich höre auf dich. Aber nur, wenn ich ab heute, Mama zu dir sagen darf. Komm wieder mit nach hinten. Ich bin auch ganz brav, Mama. Aber Selbstmitleid und Alterskriese, gibt es hier nicht und einsam bist du schon mal gar nicht. Das wird von mir verboten. Schließlich hast du ja noch mich", foppte Anna lachend ihre Freundin.
Anna stand von Wallis Schoss auf und reichte Walli eine Hand. Die griff danach, zog sich hoch und ging wieder mit zurück zu den Anderen. Die beide wurden von ihren Kolleginnen schon beobachtet.
"Na, alles wieder klar, ihr Beiden? Kriegsbeil begraben?", wollte Doris lachend wissen.
Walli setzte sich wieder auf den Platz und Anna setzte sich einfach auf deren Schoss und gab Walli einen Kuss auf die Wange. "Klar, wir haben uns jetzt eine Runde gezankt. Jetzt sind wir wieder nett zu einander. Außerdem habe ich gerade mit mir beschlossen, Walli zu adoptieren, als meine Mama. Ich hab ja sowas nicht. So beschaffe ich mir einfach, was ich seit Jahren haben möchte", damit bekommt Walli, einen noch einen dicken Kuss. Der nie im Traum eingefallen wäre, dass dieses für Anna nicht so angenehme Gespräch, so eine schöne Wende nehmen würde.
"Na dann hole mal für uns alle etwas zum Anstoßen, Anna. Eine Adoption muss doch gebührend gefeiert werden. Außerdem müssen wir uns etwas einfallen lassen, du braucht eine Adoptionsurkunde", meinte Grit mit ernstem Gesicht. „Die müssen wir allerdings selber machen“, grinste Grit die beiden Mädels an und brachte ihre Freundinnen damit auf eine gute Idee.
So tranken die Mädchen in der anderen Ecke der Mensa, ein gute Flasche Wein und entwarfen eine Urkunde, um die freundschaftliche beschlossene Adoption von Anna und ihrer Walli zu feiern.
In der gegenüberliegenden Ecke der Mensa, saß Jacob nun schon eine ganze Weile allein, in der Aquariumsecke und hing seinen Gedanken nach.
Kurz vor 23 Uhr verabschieden sich die Mädels, denn sie mussten morgen zum Frühdienst, so dass alle beizeiten ins Bett gehen wollten. Denn der Dienst im Kinderzimmer war sehr anstrengend und verlangte höchste Konzentration.
"Guten Nacht ihr, schlaft schön. Ich bleibe noch einen Moment hier. Vielleicht kann ich gleich noch mit Fritz reden. Ich will es hinter mich bringen. Ihr kennt mich ja. Träumt etwas Schönes und drückt mir die Daumen. Bis morgen früh. Kann mich bitte jemand wecken?"
Walli nickte und freute sich, dass Anna endlich diese, für alle belastende Situation, klären wollte. Dieser Streit der Beiden, tat allen nicht gut. Sie war in dieser Hinsicht, alle ein wenige egoistisch. Die Mädels wollte ihre strahlende Anna und den gutgelaunten Doktor Jacob zurück.
"Ich rufe dich an, Kleines", gab Walli Bescheid.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verschwanden die Vier in Richtung Betten.
Anna allerdings ging zur Ecke mit den Aquarien hinüber, in der Jacob alleine saß und zu grübeln schien. Fast zehn Minuten beobachtet sie Jacob nun schon, ohne der er sie bemerkte. Schmal war er im Gesicht geworden, vor allem sah er verdammt müde aus. Tiefe Falten hatten sich in den letzten Monaten, in sein sonst noch so jung wirkendes Gesicht gegraben. Er wirkte um Jahre gealtert. Fritz tat Anna auf einmal, unendlich leid.
Hatte Walli wirklich Recht, mit dem, was sie ihr gesagt hatte. Anna dachte darüber nach, wie sie an Stelle von Jacob reagiert hätte. Wahrscheinlich genauso. Sie erinnerte sich an seine traurigen Augen, als sie Jacob anbrüllte. Hörte noch seine letzten Worte.
"Anna bitte geh nicht. Ich brauch dich so sehr ... gerade jetzt", erinnerte sich Anna jetzt wieder an den Tag, ihres Streites.
Anna war so wütend gewesen, als sie aus dem Kinderraum gegangen war. Sie konnte einfach nicht mehr klar denken. Walli hatte Recht, mit allem, was sie ihr erklärt hatte. Sie wurde sich mit jeder Minute bewusster, wie egoistisch sie gewesen war. Vor allem wie sehr sie mit ihren Worten Fritz verletzt haben musste.
Anna gab sich einen Ruck und ging in die Aquarienecke. Sie setzte sich einfach auf die Lehne des Sofas, auf dem Jacob saß. Da Jacob nicht reagierte, räusperte sie sich. Jacob schien aus einer ganz anderen Welt aufzutauchen. Verwundert sah er Anna an, völlig desorientiert und geistig abwesend.
"Fritz, hast du einen kleinen Moment Zeit für mich? Ich habe da ein kleines Problem, was ich mit dir klären möchte", bat sie Jacob um Gehör.
Der zuckte mit den Schultern, wusste nicht so richtig, wie er sich verhalten sollte. "Wenn du mich wieder nur anbrüllen willst, kannst du gleich wieder gehen, Anna. Ich habe genug Stress, ich brauche wirklich nicht noch mehr davon", sagte er leise, mehr so, als wenn er nur laut denken würde. Deutete mit keiner Bewegung an, ob Anna näher kommen durfte. Er sah Anna einfach nur müde an. Deshalb blieb die junge Frau, lieber auf der Lehne sitzen.
"Fritz, ich möchte mich bei dir nur für mein Verhalten entschuldigen. Ich war wohl am 7. Mai, das, was man sehr ungezogen nennt. Vielleicht hätte ich schon eher, mit meinen Freundin darüber reden sollen. Damit die mir sagen konnten, dass ich eine doofe, eingebildete, arrogante Ziege bin. Aber ich hab es leider erst heute gemacht. Weißt du, die Weiber haben mir gerade ganz schön den Kopf gewaschen. Aber sie haben in allem Recht, was sie mir an den Kopf geschmissen haben. Ich habe darüber nachgedacht. Ich mein über das, was sie gesagt haben und vor allem über das was ich dir alles an den Kopf geschmissen habe. Das war gemein und ungezogen von mir. Fritz, ich liebe dich, verdammt noch mal. Du bist allerdings, mein erster Freund. Ich weiß nicht so richtig, wie ich das richtig machen soll. Bitte, ich kann ohne dich nicht leben. Jede Nacht, weine ich mich in den Schlaf. Wenn ich dich sehe, möchte ich ständig weglaufen. Nur, weil ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll. Am liebsten würde ich immer weinen", Tränen kullerten über Annas Gesicht, sie konnte sie einfach nicht zurückhalten. Nur mit Mühe gelang es ihr nicht zu schluchzen. "Fritz, ich weiß, dass ich irgendwie falsch gelegen habe. Aber ich verspreche dir, mich zu bessern. Walli hat mir ganz schön die Meinung gesagt, aber sie hat wirklich Recht", traurig wischte sie sich mit dem Ärmel, die Tränen vom Gesicht.
Jacob sah seine Anna an, sagte kein Wort. Hin und her gerissen von seinen Gefühlen, konnte er Anna aber nicht gleich verzeihen. Die Vorwürfe, die Anna ihm am 7. Mai gemacht hat, waren ganz schön böse gewesen. So bezeichnete sie ihn, als Menschenfeind, als Verbrecher, als Kinderschänder und warf Jacob vor, eines dieser selbstherrlichen Ärzteschweine zu sein, das egoistisch nur seinem Forschungsdrang nach ging und dass Jacob nicht besser wäre, als die Leute aus dem Institut. Er wusste natürlich, dass Anna nur eine wahnsinnige Wut auf diese Leute hatte, die dieses Verbrechen begingen. Dass sie nicht wirklich ihn meinte, sondern einfach irgendwo, ihre unbändige Wut ablassen musste. Aber, es tat so verdammt weh. Außerdem war Jacob viel zu müde, um klar denken zu können. Nahm Annas Worte, mehr unbewusst, als bewusst auf.
Anna deutete das Schweigen völlig falsch. Sie dachte, dass Jacob nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Jacob völlig in seinen Gedanken versunken, schüttelte ohne, dass er es bemerkte, den Kopf. Blickte regelrecht durch Anna hindurch. So, als ob sie gar nicht da wäre. Er war mit seinen Gedanken, ganz weit weg.
Anna stand auf, als von ihrem Freund so gar keine Reaktion kam und lief einfach aus der Mensa, um in ihre Wohnung zu kommen. Jacob dagegen blieb weiter auf dem Sofa sitzen und drehte seinen Blick wieder, den friedlich im Wasser schwimmenden Fischen zu. Er stand völlig neben sich und hatte gar nicht richtig registriert, was geschehen war. Er tat so, als ob nichts geschehen war. Kehrte in seinen Gedanken wieder zurück, in seinen Tagtraum. Nach einer weiteren Stunde, in der er einfach nur die Fische beobachtete und träumte, stand auch der Chefarzt auf und ging müde, nach oben in seine einsame Wohnung. Erst als er im Bett lag, wurde ihm das Gespräch mit Anna und deren Worte bewusst.
"Verdammt", kam es Jacob in den Sinn. "jetzt habe ich es versaut."
Aber das konnte sich bestimmt wieder in Ordnung bringen lassen. Er würde morgen Früh, Anna zu sich ins Büro bestellen, die ja Dienst hatte und in Ruhe noch einmal mit ihr reden. Man würde sehen, was die Zukunft für sie beide bereit hielt.
Anna allerdings lief weinend und völlig verzweifelt in ihre Wohnung. Am nächsten Morgen, brauchte Walli sie gar nicht zu wecken. Anna saß immer noch weinend, auf ihrem Sofa. Walli hörte schon am Telefon, dass dieses Gespräch, mit Jacob, nicht so gelaufen war, wie sich das ihre kleine Freundin vorgestellt hatte. Sie holte also Brötchen aus der Mensa, informierte die gemeinsamen Freundinnen, dass man bei Anna frühstücken würde. Keine zehn Minuten später, stand Walli vor der Tür der Freundin und klopfte so lange, bis diese öffnete.
"Komm Anna höre auf zu weinen, lass uns gemeinsam Frühstücken. Dann erzählst du uns, was schiefgelaufen ist", dabei drängelte sie sich, in deren Wohnung. "Du gehst duschen, ich mache Frühstück. Los mach hin."
Keine zehn Minuten später saßen Anna, Pia, Doris, Grit und Walli in der gemeinsamen Küche am Frühstückstisch. So, wie sie es in letzter Zeit oft machten. Gemeinsam schmeckte es halt besser, als alleine. Anna allerdings, wollte nichts essen. "Komm erzähle uns erst einmal. Was los passiert ist?"
Anna zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, was los gewesen ist. Das macht mich ja so fertig. Das Einzige, was er gesagt hat war, das, wenn ich ihn wieder anbrüllen will, gleich gehen kann. Er hätte genug Probleme, er braucht nicht noch mehr. Danach hat er gar nichts mehr gesagt, nur zugehört."
Walli streichelte Annas Gesicht. "Ach Anna, hast du dir unseren Chef, die letzten Tage einmal genau angesehen. Ich glaube der ist so müde, dass er gar nicht mehr klar denken kann. Gestern früh nach der Nachtschicht, ihr wisst ja ich bin für Clara eingesprungen, die mit Grippe im Bett liegt, konnte sich Jacob kaum mehr auf den Beinen halten. Anna lass ihn einfach etwas Zeit. Vielleicht sind deine Worte gestern gar nicht, bis zu ihm vorgedrungen."
Anna nickte, so etwas in der Art, hatte sie sich auch gedacht. Jacob hatte sie angesehen, wie ein Mondkalb. Er hatte so gar nicht reagiert. "Du meinst also, ich kann noch Hoffnung haben."
Alle Vier nickten ihr aufmunternd zu.
"Na, dann gebt mir auch ein Brötchen", forderte Anna, die jetzt auch etwas essen wollte.
Keine dreißig Minuten später begannen die Vier, ihren Dienst im Kinderzimmer. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen stellten sie fest, dass ein neuer Dienstplan ausgehängt war. Auch sahen sie alle erleichtert, dass sie nicht mehr mit diesem arroganten Arzt, Doktor März, zusammenarbeiten mussten. Da dieser nur noch für ganz unwesentliche Aufgaben, eingeteilt war.
Kurz vor 8 Uhr klingelte das Telefon.
"Station 6/blau, Schwester Waltraud am Apparat", bekam Jacob, seine zuverlässigste Schwester ans Telefon.
"Schwester Waltraud, ist bei den Kindern alles in Ordnung?"
Walli freute sich. Sie stellte nämlich erfreut fest, dass Jacob nicht mehr so müde klang, wie die letzten Tage. "Genosse Jacob, es ist hier unten alles in bester Ordnung, auch bei den Sorgenkindern. Im Schichtbuch standen auch keine besonderen Vorkommnisse. Nummer 28 und 29 hatten keine Aussetzer mehr, auch mit Nummer 49, auch bei 98 war alles in Ordnung. Wann kommen sie zur Visite?"
Jacob atmete erleichtert auf. Seinen vier Sorgenkindern ging es also gut. Dann konnte er sich wagen, das Gespräch mit Anna zu führen. "Schwester Waltraud, kann ich ihnen für anderthalb Stunden, Schwester Anna entführen? Schaffen sie das Arbeitspensum, auch einmal ohne Anna? Ich muss dringend mit Anna reden, damit hier wieder einmal Ordnung rein kommt."
Walli lachte in den Hörer. "Herr Doktor, das wird aber auch langsam einmal Zeit, dass ihr beiden euch endlich aussprecht. Das konnte sich ja keiner mehr mit ansehen. Da hat es einen ja das Herz zerrissen. Ich schicke sie ihnen gleich hoch."
Jacob stutzte. "Wieso?"
"Ach, Herr Doktor. Wir sind doch nicht blind. Sprecht euch endlich aus. Aber, wenn sie mir meine Anna nicht glücklich machen, bekommen sie es mit mir zu tun", setzte Walli immer noch lachend nach.
In diesem Moment fiel Jacob ein, dass die Schwestern, in Waltraud Ziegler alle eine mütterliche Freundin sahen.
"Ich verspreche mein bestes zu tun, Schwester Waltraud. Schicken sie mir Anna hoch, damit wir uns aussprechen können. Bis später. Wenn ich mit Anna fertig bin, komme ich runter zur Visite. Ich beeile mich auch. Ich denke gegen 10 Uhr."
"Geht klar Herr Doktor, lassen sie sich Zeit. Wir schaffen das auch einmal eine Weile, ohne euch beide. Wenn wir dafür unsere fröhliche Anna zurückbekommen", schon legte Walli auf und lief nach hinten zur Neuner Serie, die in Annas Aufgabenbereich lag.
Anna stand bei ihrem Sorgenkind, der Nummer 98. Ein süßes Mädchen mit milchkaffeefarbenen Haut, mit schwarzen Schillerlocken, die viel zu klein war. Alle anderen der Serie, hatten die der Norm entsprechende Größe. Nur dieses Mädchen, es wollte einfach nicht mehr wachsen. Oft stand Anna an dem Brutkasten und sprach der Kleinen zu, sie solle endlich wachsen. Als ob das helfen würde. Alles hatte Anna versucht, ihr die doppelte Menge der Nahrung gegeben. Aber es führte nur dazu, dass die Kleine etwas an Gewicht aufholte. Allerdings wollte das Mädchen, einfach nicht weiter wachsen. Langsam machte sich Anna richtig schlimme Sorgen. Die anderen Kinder der Serie, waren schon bei einer Größe, von mindestens dreiundfünfzig Zentimeter. Ihre Nummer 98 war leider erst bei zweiundvierzig Zentimetern, auch das Gewicht, lag weit unter der Norm. Die anderen würden die Geburtsnormen alle erreichen, zum Teil sogar weit überschreiten. Bei Nummer 98, war sich Anna nicht so sicher. Tief in Gedanken versunken, sah sie auf ihr Sorgenkind. So dass sie gar nicht bemerkte, dass Walli auf sie zukam.
"Na, am träumen Anna?"
Erschrocken sah Anna zu Walli runter. "Nein Walli, in großer Sorge, um die Kleine hier. Sie ist immer noch nicht gewachsen. Die Kleine liegt immer noch elf Zentimeter hinter den anderen, in der Größe. Ich hab so eine Angst um sie. Sieh mal die Nummer 91 ist schon siebenundfünfzig Zentimeter, die Kleine hier ist fünfzehn Zentimeter kleiner. Walli, ich will nicht, dass man sie tötet. Aber ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll. Ich habe alles versucht", ängstlich sah sie zu ihrer Freundin.
Jacob hat bei der letzten Dienstbesprechung, die vor drei Tagen stattfand, offen mit seinen Leuten gesprochen. Obwohl er schon die ganzen Monate, um die zu klein gewachsenen Kinder kämpfte. Er bekam er keine Genehmigung, die Kinder am Leben zu lassen. Jacob musste, ob er wollte oder nicht, seinen Leuten endlich reinen Wein einschenkt.
Jacob war fix und fertig und mit dem Bauch voller Wut, von einer Besprechung aus Berlin zurückgekommen. Bei der er sich wohl richtig böse, mit den Leuten der Forschungsabteilung angelegt hatte. Kaum dass der Chefarzt aus dem Flieger gestiegen und ins Kinderzimmer gegangen war, um nach seinen Schützlingen zu sehen, kam es zu einem heftigen Streit mit seinem Vorgesetzten.
Mayer stürzte regelrecht in den Raum und stauchte Jacob vor versammelter Mannschaft zusammen. Was er sich in Berlin wieder geleistet hätte? Man überlege ernsthaft, ihm das Projekt zu entziehen. Da flippte der sonst immer ruhige Jacob völlig aus. Er war immer noch so aufgebracht, von diesen abscheulichen und selbstgefälligen Wissenschaftlern, dass auch er vollständig die Beherrschung verlor. Jacob brüllte, den erschrocken Mayer dermaßen an, dass dieser entsetzt vor dem Chefarzt zurückwich. Fragte diesen, ob er ernsthaft mit Kindermord leben könnte. Er würde ihm gern den Part dazu überlassen. Er wäre ja als Soldat ans Töten gewöhnt. Er jedoch sei Arzt, habe geschworen Leben zu erhalten, nicht es zu nehmen. Er könnte unschuldige Kinder nicht töten. Dann schmiss sein Stethoskop auf den Boden, vor Mayers Füße, und brüllte ihn an „Ich kündige“. Zeitgleich verließ der Arzt wütend den Raum. So hatte noch nie jemand den Chefarzt erlebt. Fassungslos standen nicht nur Mayer, sondern auch alle Ärzte und Schwestern im Raum und starrten auf die Tür, die laut ins Schloss geflogen war.
Am nächsten Morgen, mussten alle zu einer außerordentlichen Dienstbesprechung, nach vorn in die Mensa. Dort erklärte ihnen ihr Chefarzt, warum er so ausgeflippt war. Er entschuldigte sich vor versammelter Mannschaft bei Mayer, für sein ungebührliches Verhalten. Seit diesem Zeitpunkt lebten alle in ständiger Angst, um die unter der Norm liegenden Kinder.
Walli, der das alles durch den Kopf gegangen war, riss sich zusammen. "Anna, glaubst du wirklich, dass Jacob zulässt, dass auch nur eins seiner Kinder getötet wird. Er wird auch um die anderen Serien kämpfen. Aber ich glaube nicht, dass er zulässt, dass aus seiner Serie ein Kind getötet wird. Damit kann er glaube ich nicht leben. Mache dir lieber Sorgen, um die Kinder von März, die aus der zweier Serie. Bei dem liegen vier Kinder so weit unter der Norm, dagegen ist die 98 noch ein Riese oder um die von der Serie 0, für die der Schönling Richter zuständig ist. Das Gleiche in Grün, wie beim März, die sind noch nicht mal zweiunddreißig Zentimeter groß, vom Gewicht dieser drei Kinder wollen wir mal gar nicht sprechen. Die haben überhaupt keine Überlebenschance. Um die musst du dich wirklich sorgen. Jacob tötet kein Kind aus seiner Serie, das kannst du mir glauben."
Anna nickte, so gut hatte sie Jacob auch schon kennen gelernt.
"Walli, was wolltest du eigentlich von mir?" Anna kehrt zurück zu ihrer Arbeit.
"Oh je, du sollst hoch zu Jacob kommen und zwar sofort. Sag ihm, ich hab dich aufgehalten. Also ab und beeile dich, ich kann nicht auch noch deine ganze Arbeit machen", stänkerte Walli ein wenig.
"Ach, das muss ich nicht. Jacob weiß, dass ich immer erst meine Arbeit fertig mache. Was will er den? Hab ich was verbockt?"
Walli zuckte mit den Schultern. "Wirst du doch sehen, wenn du oben bist. Ich habe keine Ahnung, warum und weshalb. Er hat nur angerufen und wollte dich sofort oben im Büro sprechen. Also los."
Walli nahm Anna das Klemm-Brett aus der Hand, auf dem die Vitalwerte eingetragen wurden. Übernahm das Eintragen der Vitalwerte, der Nummer 99 bei denen Anna abgestorben war.
Wie immer war Anna, als erstes mit ihren Kindern fertig. Sie hatte einen eigenartigen Arbeitsrhythmus. Walli hatte es einmal probiert, in diesen Rhythmus zu arbeiten. Sie kam aber damit überhaupt nicht klar. Anna war allerdings dadurch, um vieles schneller mit ihrer Arbeit, als die anderen Schwestern.
Als Erstes fütterte und säuberte sie all ihre Schützlinge. Dann kam der Rest. Deshalb musste Walli nur noch die Vitalwerte, der letzten beiden Kinder, in das Datenblatt eintragen. Nummer 100, musste sie außerdem noch messen. So dass sie sich in Ruhe, um ihre Achter Serie kümmern konnte. Dort musste sie auch noch drei Kinder überprüfen, säubern und füttern. Zügig erledigte Walli, Annas Arbeit, ging dann zu ihrer Serie.
Anna dagegen, lief mit einem mulmigen Gefühl hoch, zu Jacobs Wohnung und klingelte. Fast sofort öffnete Jacob die Tür. "Komm rein. Einen kleinen Moment bitte noch. Ich muss nur noch etwas, in eine Tabelle eintragen. Geh schon mal in die Küche, du kennst dich ja hier aus", schon war Jacob im Labor verschwunden. Es dauerte keine drei Minuten, die Anna warten musste, da erschien Jacob in der Küche. Die kamen der jungen Frau, wie eine Ewigkeit vor.
Anna, die nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte, war zur Balkontür gegangen. Sie stand auf ihrem alten Lieblingsplatz, sah nach Norden in Richtung Ostsee. Hier hatten sie so oft, zusammengestanden und geträumt. Schade, dass es nie wieder so sein würde. Sie hatte es vor acht Monaten versaut. Sie hatte innerhalb weniger Sätze alles kaputt gemacht. Das war der jungen Frau heute Nacht bewusst geworden.
Nur weil sie sich von dem Erlebten und von dieser unsagbaren Wut hat treiben lassen, war sie jetzt in dieser blöden Situation. Sie musste an diesem Tag, irgendjemandem die Schuld, an dem ganzen Schlamassel geben, in den sie, da hineingeraten war. Dabei war sie voller hoffnungsvoller Überzeugung zu diesem Projekt gegangen. Sie wollte helfen ihr Land sicherer zu machen und vor allem, wollte sie dabei helfen, dass Soldaten im Krieg nicht mehr so oft verletzt und getötet würden.
Die erst einundzwanzigjährige Anna, war ein Kriegskind. Im Jahr 1938 geboren, mitten im Krieg, von einer Mutter, die sie nie kennengelernt hatte, weil sie bei ihrer Geburt starb. Ihr Vater so erfuhr sie mit vierzehn Jahren, von der Heimleitung, war noch während der Schwangerschaft ihrer Mutter, in Polen umgekommen. Sie wollte nicht, dass es anderen Kindern genauso aufwuchsen wie sie. Deshalb ging sie zum „Projekt Dalinow“, um so etwas zu verhindern. Dass man sie derart angelogen und hereingelegt hatte und vor allem, dass man Kindern solche schlimmen Dinge antun könnte, damit hatte sie nicht gerechnet. Als sie in den Kinderraum kam und die vielen Inkubatoren mit Föten sah, hätte sie diese Glaskästen am liebsten alle zerstört. So etwas konnte man ungeborenem Leben doch nicht antun. Anna liebte Kinder über alles. In dem Kinderheim, in dem sie aufwuchs, hatte sie sich sehr frühzeitig um die kleineren Kinder gekümmert. Ihr Herz tat ihr weh, als sie all diese kleinen Wesen sah. Nach dem Verlassen des Raumes war Jacob der Erste, dem sie gegenüber trat. Er bekam ihre gesamte Wut und ihren Hass ab. Sie konnte damals einfach nicht mehr klar denken. Gerade derjenige, der es sich am wenigsten verdient hatte. Sie war damals so gemein zu ihm. Das, was sie ihm an den Kopf warf, war unverzeihlich.
Traurig und gedankenverloren, sah sie aus dem Fenster hinaus auf die weiße Winterlandschaft. Hinter den Bäumen ging im Meer die Sonne auf, blutrot ins orange übergehend, so wie sie es am liebsten hatte. Langsam, ohne dass sie es ihr bewusst wurde, liefen ihr die Tränen aus den Augen. Sie war tief so in ihren Gedanken versunken, wie es Jacob am gestrigen Abend in der Mensa gewesen war.
Deshalb hörte Anna Jacob nicht kommen, der leise von hinten an sie herantrat. "So traurig mein kleiner Engel mit dem wunderschönen schwarzen Haaren", fragte Jacob leise und hinter ihr stehend.
Erschrocken drehte Anna sich um, sah zu Jacob hoch. Schluckte bitter an dem Gedanken, dass sie nie wieder in seinem Arm liegen würde. Sie konnte nicht antworten, denn ihr Herz blutete und schmerzte. Es wäre selbst dann, wenn sie gewollt hätte, kein einziger Ton aus ihrem Mund gekommen. Ihre Stimme verweigerte ihr einfach ihren Dienst.
Annas Augen allerdings, sagten mehr, als tausend Worte. Tränennass waren sie und das Funkeln war erloschen, gefüllt waren sie mit einer unendlichen Traurigkeit. Mehr hätte ein Poet nicht mit Worten ausdrücken können. Besser hätte ein Maler die Traurigkeit Annas Herzens nicht malen können und kein Komponist hätte so viel Trauer in ein Musikstück legen können, als Anna mit ihren Augen ausdrückten.
Jacob sah Anna lange und tief in diese schwarzen so ausdrucksvollen Augen, dann griff er einfach in ihre Taille, hob sie hoch auf seine Hüften und gab ihr einen Kuss.
"Weine nicht mehr mein kleiner Engel. Lange genug sind wir uns aus dem Weg gegangen. Ich denke, wir sollten jetzt, da wir beide wieder klarer denken können, einfach miteinander reden und unsere Probleme lösen. Vielleicht finden mit jetzt eine Lösung und einen gemeinsamen Weg."
Vorsichtig, fast schon zärtlich, trug Jacob seine Anna, einfach an den schön gedeckten Küchentisch vorbei, ins Wohnzimmer. Ging mit ihr auf den Hüften zu ihren zweiten Lieblingsplatz, vor dem brennenden Kamin, der eine angenehme Wärme abstrahlt. Die Beine um seine Hüften geschlungen, hielt sich Anna an ihm fest. Sie konnte nicht glauben, was er mit ihr machte. Schon saßen die Beide auf dem breiten Sofa, vor dem Kamin, er im Schneidersitz und sie auf seinem Schoss. Lieb sah Jacob sie an. Anna dagegen, blickte ihm tief in die Augen.
Ganz leise, mehr flüsternd als das sie sprach, erklärte sie sich. "Es tut mir so leid, was ich zu dir gesagt habe. Ich war so wütend an dem Tag. Auf das, was ich dort unten sah. Ich war so glücklich, dich wiederzusehen. Aber du, hast mich einfach nicht gesehen oder beachtet. Ich war wie Luft für dich. Dabei wollte ich dich, nur begrüßen. Einmal in den Arm nehmen. Einen ganze Woche lang, hatte ich dich vermisst. Aber statt einer Begrüßung, brachtest du uns in diesen Raum. Da kam so eine Wut in mir hoch. Ich wollte zu dir, mich an dir festhalten. Ich wollte Trost von dir. Ich wollte von dir einen Weg haben, der mir dabei half, mit diesem Raum da unten klar zu kommen. Aber Walter, hielt mich weg von dir. Ich wollte nur ein bisschen Trost und deine Arme. Aber du hast mich im Stich gelassen. Du hast mich einfach im Stich gelassen." Sprudelte es aus Anna heraus. Die Qual in ihrer Stimme, die Tränen auf ihrem Gesicht, sagten mehr aus als ihre Worte. Schluchzend lag sie in Jacobs Armen und konnte kaum noch sprechen. "Da wurde ich noch wütender. Auf das, was sie diesen armen Kindern angetan haben. Ich projizierte diese ganze Wut auf dich. Aber, das alles war mir nicht bewusst. Ich begriff es erst heute Nacht. Wirklich, ich war so unendlich wütend und bin es immer noch, über das, was man mit den Kindern dort gemacht hat. Du weißt, wie sehr ich Kinder liebe. Ich war wütend, weil du mich nicht vorgewarnt hast. Ach ich weiß nicht, es war alles durcheinander in meinem Kopf." Weinend sah sie Jacob an.
Der hob seine Hand und wischte ihre einfach Tränen weg. "Anna, ist schon gut. Ich weiß das alles, mein Engel. Du musst aber auch mich verstehen. Sieh mal, an dem Tag, bevor du in den Urlaub gefahren bist, bekam ich diesen Ordner. In dem dieses ganze unmenschliche Vorhaben aufgezeichnet stand. Ich wollte nicht, dass du bei mir bleibst, weil ich erst einmal selber damit klar kommen musste. Was glaubst du eigentlich, wie ich mich gefühlt habe. Weißt du eigentlich, Anna, was ich für eine Verantwortung trage. Dort unten sind achtzehn Kinder, die kurz vor dem Tod stehen. Weil sie nicht, in einer willkürlich festgelegten Norm liegen. Also ob eine Norm, etwas über den Erfolg, dieser unmenschlichen Züchtung aussagen könnte. Es ist doch nichts als eine Zahl. Dort unten aber, sind einhundert kleine Menschlein, Anna. Kinder, für die ich die Verantwortung übernommen habe. Ich habe aber auch, noch neunundvierzig Mitarbeiter, denen gegenüber, ich eine Verantwortung trage. Für deren seelisches Wohlergehen, ich sorgen muss. Engelchen, bist du dir eigentlich darüber im Klaren, was das für eine Last ist. Am 7. Mai musste ich achtundvierzig Menschen mitteilen, dass wir uns auf das Schlimmste eingelassen haben, was es überhaupt gibt. Kannst du dir eigentlich vorstellen, in welchen seelischen Zustand, ich gewesen bin und durch welche Hölle ich eine Woche lang ging", fragend sah Jacob seine Freundin an.
Anna nickte erst, dann schüttelt sie den Kopf. Da sie sich zwar vorstellen konnte, wie schwer das sein musste. Aber nicht wirklich wusste, wie schwer Jacob an dieser Last tragen musste. Noch nie, musste sie so eine Verantwortung übernehmen. Aber sie stellte sich das schwer vor.
Jacob, der das offene und gradlinige Wesen von Anna kannte, ahnte, was in ihrem Kopf vor sich ging. "Anna, du fehlst mir, du weißt, dass ich dich von ganzem Herzen liebe. Aber dieser Job hier wird alles von mir verlangen. Oft, auch wenn ich mir Mühe gebe, dass ich das nicht tue, wirst du zwischen die Fronten geraten. Wirst vielleicht auch einmal, meine Wut, auf irgendjemand oder irgendwas abbekommen. Anna, ich bin auch nur ein Mensch. Ich kann auch nicht alles ertragen. Ab und an, muss auch ich mal meiner Wut freien Lauf lassen. Sonst macht mich das hier alles kaputt. Verstehst du? Du kannst nicht, weil ich mit dir zusammen bin, von mir eine Sonderbehandlung verlangen. Ich kann nicht an zwei Fronten kämpfen. Entweder du akzeptierst das oder wir haben keine gemeinsame Zukunft. Wenn ich ehrlich bin, kann und will ich nicht jedes Mal, erst dir alles erklären und dann dort unten noch einmal. Du bist hier nichts anderes, als Schwester Anna. Dass wir ein Paar sein könnten, wenn du das noch willst, hat damit nichts zu tun.
Sag mir eins Anna, wie soll ich das, deinen Kollegen gegenüber verantworten, dass du eine Sonderbehandlung bekommst? Sag mir das bitte einmal ganz ehrlich. Alles, was du hier in dieser Wohnung erfährst, bleibt hier drinnen. Hat unten in der Truppe, nichts zu suchen. Wenn du damit leben kannst, würde es mich freuen, wenn wir wieder ein Team sind. Ich vermisse die Streitgespräche mit dir. Ich vermisse deine Geradlinigkeit. Vor allem aber, dein Lachen, deine Nähe, deine schönen schwarzen Augen."
Jacob sah Anna, mit so viel Leid in den Augen an, mit so viel Traurigkeit, dass Anna nur auf eine Weise reagieren konnte. Sie liebte ihn genau so sehr, wie er seine Anna liebte. Die junge Frau beugte sich zu ihm heran, gab ihm einen langen innigen Kuss. Dann sah sie Jacob, glücklich an.
"Fritz ich werde mir alle Mühe geben. Wirklich. Aber, ich werde auch nicht gleich alles richtig machen. Lasse mich nie wieder so lange alleine. Lieber brülle mich mal richtig an", Anna schaute ihren geliebten Schatz, tief in die Augen und lehnte sich entspannend an seine Schulter.
"Ich brülle dich nicht an. Anna, das war noch nie meine Art. Na komm, lass uns frühstücken. Dann muss ich runter zur Visite. Heute Abend kochen wir etwas Schönes, für uns und deine Freundinnen, die haben sich das nämlich mehr als verdient."
Anna sah Jacob fragend an. "Warum?"
Da ließ Jacob seine schöne dunkle Lache ertönen. "Weil sie dir die Wahrheit gesagt haben. Alleine, wärst du oller Sturkopf wohl nie zu mir zurückgekommen", schon schob Jacob, sein Engelchen von seinem Schoss und stand auf und hielt Anna die Hand hin, um in die Küche zu gehen.
Gemeinsam frühstücken die Beiden. Jacob, der immer noch Jogginghosen trug und ein Turnhemd, zog sich etwas ordentlich an. Dann fuhren sie nach unten auf die Ebene 6/blau und gingen gemeinsam in das Kinderzimmer.
Walli, die vorn am Schreibtisch saß, um die Messdaten in die Krankenblätter zu übertragen. Sah sofort, dass die beiden sich endlich ausgesöhnt hatten. Sie grinste die Zwei an. Anna jedoch ging nach hinten zu ihren Kindern, um die Vitalwerte nochmals zu messen, um nachzusehen, ob wirklich alles in Ordnung war.
Jacob dagegen holte sich Informationen über die Kinder, begann mit seiner täglichen Visite. Besonders achtete er dabei, auf seine Sorgenkinder. Vor allen denen, aus der Serie 0 und 2, die in der Entwicklung am meisten zurücklagen. Zolger der heute mit an der Visite teilnahm, sprach bei der Visite mit Jacob darüber, dass diese Kinder wohl keine Überlebenschance hatten. Deren Geburtsgewicht, würde wahrscheinlich kaum die Grenze von dreitausend Gramm überschreiten. Also nicht einmal die Hälfte, des geforderten Gewichtes von sechstausend Gramm. Auch hatten die Nummern 6 und 25, schwere körperliche Behinderungen, die dadurch zusätzlich die Überlebenschancen minimieren. Besser sah es da schon bei den anderen Sorgenkindern aus. Die Nummern 51, 62, 71 und 90 würden wohl die Normgrenze nur knapp verpassen, alle knapp über der fünftausendfünfhundert Gramm Marke liegen.
"Fritz, ich habe keine Ahnung, wie wir diese Kinder durchbringen sollen. Wenn die nicht irgendwelche herausragenden physischen Eigenschaften aufweisen, können wir nichts für die Kleinen tun. Wir müssen sie nach der Geburt genauestens untersuchen, um irgendetwas Besonderes zu finden. Sorgen macht mir aber vor allem, die Nummer 98. Am Anfang lag sie mit allem, an der Spitze. Ich weiß nicht, wieso sie seit zwei Monaten, nicht mehr zunimmt und wächst. Sie gehörte eigentlich zu meinen absoluten Favoriten. Sie hat die besten Genanlagen, die ich hier bisher überhaupt gesehen habe. Ich verstehe das alles nicht. Wieso wächst sie seit zwei Monaten nicht mehr?"
Jacob nickte, er hatte sich die Genanalyse von Zolger angesehen und erklären lassen. Es stimmte, was sein Kollege sagte. Die Nummer 98 besaß mit Abstand, die besten Voraussetzungen, die geforderten Leistungen zu erbringen, wenn nicht sogar, weit zu überbieten. Aber diesen Aspekt, hatte sich Jacob schon lange vorgemerkte. Er würde diesen, bei seinen Kampf, um das Leben des Kindes einsetzen. Auch stellte er bei seinen Beobachtungen noch einige andere Dinge fest.
"Komm bitte mal mit, ich will dir einmal etwas zeigen" forderte er deshalb Zolger auf.
Gefangen waren sie alle, in einer Welt voller schmerzhaften Lichtes, welches sie vollkommen umgab. Jeder war für sich, sie konnten sich nicht berühren und trotzdem waren sie nicht allein. Sie schliefen viel und wurden nur geweckt, wenn die Fremden kamen und in ihre geschützte Welt eindrangen. Sie war schön diese Welt. Es war so warm und weich, aber sie war auch schmerzhaft. Das sie umgebende Licht mochten all diese Geschöpfe nicht. Sie hassten es, wenn es um sie herum hell wurde und das Licht ihnen Schmerzen zufügte. Stets kamen mit dieser Helligkeit auch die Fremden. Auf der einen Seite hassten sie diese anderen Wesen, die sie nicht verstanden und auf der anderen Seite, liebten sie dieses Eindringen in ihre Welt. Denn meistens kamen Wogen von unvorstellbarer Wärme über sie, die sich einfach nur gut anfühlten und danach fühlten sie sich satt, zufrieden und ihre Welt wurde wieder klar.
Eins dieser Wesen war anders, als die restlichen Geschöpfe die sich hier aufhielten und die einzeln, jeder für sich in ihren abgetrennten Welten lebten. Sie fühlte anders und wollte mehr als alle anderen. Ganz hinten rechts in der riesigen Halle, voller kleiner einzelner Welten, lebte sie und versuchte zu verstehen, was um sie herum geschah.
Das so zarte Lebewesen liebte ihre kleine geschützte Welt. Sie mochte das Gefühl frei zu schweben, dieses Gleiten durch die Wogen der Wärme. Sie mochte es gar nicht, wenn jemand in diese, in ihre Welt eindrang. Genauso, wie die anderen Geschöpfe, die es um sich herum spürte, die um sie herum existierten, mochte sie dieses Eindringen nur bedingt. Die anderen Wesen, die das Geschöpf nur erahnen, aber nicht sehen konnte, waren ebenfalls gefangen und konnten aus ihrer kleinen Welt nicht entfliehen. Jeder von ihnen hatte seinen eigenen kleinen Lebensbereich, jeder lebte für sich alleine. Sie verstand nicht, warum?
Dieses zarte Wesen würde gern zu Ihresgleichen schwimmen, die sie zwar spüren, aber nicht berühren konnte. Sobald sie dies versuchte, stieß sie an die Grenzen ihrer Welt. Egal, in welche Richtung sie sich bewegte. Trotzdem waren alle diese Geschöpfe auf eine geheimnisvolle Art miteinander verbunden. Sie spürte und fühlte Ihresgleichen genau. Sie konnte deren Freude, aber auch deren Schmerz fühlen. Vor allem, konnte sie deren Gedanken hören. Sie teilte ihre Gedanken mit den Gedanken der anderen Geschöpfe. Die fernab von ihrer kleinen Welt existierten, es waren so viele.
So lange nicht die Fremden kamen, waren ihre Welten in Ordnung. Mit den Fremden kamen oft die Schmerzen. Sie hasste diese Schmerzen und konnte sie kaum ertragen. Ein Schatten legte sich auf ihre Gedanken, wenn sie an diese fremden Wesen dachte. Die außerhalb ihrer in sich geschlossenen Welt lebten. Oder, wie das Geschöpf, sie bei sich nannte, die Streifen dunklen Lichtes.
So sehr sie das dunkle Licht auch mochte, bestimmte Streifen des dunklen Lichtes, machten ihnen Angst. Manche dieser dunklen Streifen, taten ihr selbst und den anderen Geschöpfen, die um sie herum lebten, weh und bereiteten ihnen furchtbare Qualen. Obwohl, ein anderer Teil, dieser dunklen Streifen, ihnen wiederum die Schmerzen nahmen. Vor allem die Schmerzen, die das helle Licht verursachte. Trotzdem waren und blieben es Fremde, die in ihre so schöne Welt eindrangen und das mochte das Wesen gar nicht.
Jedes dieser Geschöpfe, von denen sie umgeben war und die sie spürte, hatte seine Lieblingsstreifen. Das wusste sie genau. Die freundlichen Streifen tauchte regelmäßig auf und versorgten sie. Die sie quälenden Streifen dunklen Lichtes, dagegen nur in unregelmäßigen Abständen. Vor denen Fürchtenden sie sich alle.
Sie alle, lebten in einer Welt, aus der sie nicht entfliehen konnten, die sie auf immer gefangen hielten und sie voneinander trennten. Oft fragte sie sich, nach dem Sinn, den diese Trennung haben sollte. Sie wie eine Art Schutzhülle gefangen hielt. Die Fremden konnten sich dagegen frei bewegen.
Wenn das Geschöpf seinen Kopf in eine bestimmte Richtung drehte, wurde das Licht weniger und tat in ihren Augen gar nicht mehr weh. Dann fand sie endlich Ruhe, zum Schlafen und zum Erholen. Leider konnte sie nicht immer ihren Kopf in die Dunkelheit drehen. Irgendetwas, hinderte sie daran und ließ das zeitweise nicht zu. Es war, als hinderte sie eine unsichtbare Kraft, dass sie sich weiter herumdrehte, weg vom Licht.
Zum wiederholten Male wurde es heute dunkel, vor ihrer Welt. Gerade eben, war der schmale Streifen da gewesen. Wie sehr sie sich immer freute, wenn gerade dieser Schatten kam. Ganz klar wurde dann ihre Welt, und ihr Hunger verging. Sie fühlte sich dann stets umsorgt, so wie es mehrmals täglich geschah.
Mittlerweile, beobachtete das kleine Geschöpf, die Streifen dunklen Lichts, mit einem gewissen Misstrauen. Es sah sich ihre Umgebung genau an, man könnte fast meinen ängstlich.
Meistens allerdings, war es der kleine schmale Streifen, der das blendende Licht, etwas verdunkelte. Dieser Streifen war gut. Auf diesen Schatten freute sich dieses kleine Geschöpf immer.
Mehrmals am Tag, kam auch ein großer Streifen dunklen Lichtes, der lange vor dem hellen Licht stehen blieb. Durch die geschlossenen Augen nahm sie seine Bewegungen wahr. Den Kopf schief haltend und versuchte zu verstehen, was dieser Streifen von ihr wollte.
Am Anfang kam ihr der Gedanke, dass alles ein Zufall wäre. Dies war es allerdings nicht so, denn es wiederholten sich die Handlungen des Schattens zu oft. Vor ihrer Welt machte der Schatten Bewegungen, manchmal Wellenlinien, manchmal Kreise und manchmal kam er mit Licht. Licht mochte das Geschöpf nicht. Es hasste das Licht, wie nichts anderes auf der Welt, da es ihm Schmerzen zufügte. Der große breite Schatten, macht manchmal laute Geräusche. Dann drehte sie das Gesicht aus dem Licht oder versucht zu verstehen, was dieses Geräusch bedeuten sollte. Sie konnte es nicht verstehen, den Sinn nicht erfassen.
Mit jeden Tag wurde dieser Streifen etwas deutlicher. Jetzt nahm sie von den Streifen dunklen Lichtes schon richtige Konturen wahr. Es waren keine richtigen Streifen mehr, sondern schemenhaft Umrisse von Dingen, die sie nicht verstand. Lange überlegte sie schon, was dies alles bedeuten könnte. Sie kam allerdings, zu keinem befriedigenden Ergebnis.
Auch die anderen Wesen in diesem großen Raum wussten nicht, was das war. Vor ein paar Wochen wurden die Bewegungen deutlicher. So begann sie einfach damit, das, was sie sah, nachzuahmen. Vielleicht wollte der Schatten das ja. Oft hörte sie auch Geräusche, gedämpft durch die Welt in der sie lebte. Es waren andere Töne, als die, welche sie kannte. Sie verstand den Sinn nicht, aber diese Klänge taten ihr gut. Auch der schmale Streifen dunklen Lichtes, macht diese Laute. Die anderen berichteten ihr davon, dass ihre Streifen dies auch taten. Denen war es allerdings egal. Sie wollten nur ihre Ruhe, sie wollten immer zu schlafen.
Das Geschöpf wollte unbedingt wissen, was das zu bedeuten hatte. Überlegte deshalb, was man von ihm verlangte. So freute sie sich fast immer, wenn das Licht sich verdunkelte. Nicht nur, weil der Hunger und die Schmerzen nachließen.
Es war aber nicht immer so. Schon einige Male kamen zu ihr und auch zu einigen der anderen Wesen, Streifen die es nicht gut mit ihnen meinten. Sie erkannten die Streifen an ihren Konturen. Sie konnten unterscheiden, welcher dieser dunklen Streifen gut oder schlecht waren. Allerdings, hatte sie keine Möglichkeit, sich gegen die schlechten Streifen zur Wehr zu setzen. Sie hatten keinen Einfluss darauf, wann welcher Streifen kam und das ärgerte sie sehr.
Sie bekamen nach den Besuch der falschen Streifen dunklen Lichtes, immer schlimme Schmerzen und Krämpfe. Es ging danach allen, bei denen diese Streifen waren, sehr schlecht. So lange aber der schmale Streifen dunklen Lichtes bei ihr war, hatte sie Ruhe vor den schlechten Schatten. Sie genoss deshalb die Nähe des schmalen Streifens umso mehr.
Das Schlimme daran war, dass bei einigen die Schmerzen seit langer Zeit, gar nicht mehr aufhörten. Seitdem, war das kleine Geschöpf sehr vorsichtig geworden, vertraute den Streifen dunklen Lichtes nicht mehr völlig. Mochte nur noch die zwei Schatten sehen, die ihr so guttaten. Denen vertraute sie und vor allem, sie spürte etwas, dass sie nicht erklären konnte.
Die anderen Streifen, die Schlechten, sollten nicht mehr kommen. Egal zu wem sie kamen, sie spürt immer die Schmerzen, die alle hatten. Sie wollte nur, dass dies endlich aufhörte. So manches Mal, waren ihr die Schmerzen einfach zu viel.
Deshalb sah das kleine Geschöpf mit gemischten Gefühlen zu den vielen Streifen dunklen Lichtes, die auf einmal vor ihrer Welt erschienen. Vor ihren Augen verdunkelte sich das Licht. So viele Streifen, waren noch nie erschienen. Mit Vorsicht beobachtete sie, erst eine Weile, was diese Streifen von ihr wollten. Dann erkannte sie ihre beiden Lieblingsstreifen. Der Schmale und der Große waren mit vor ihrer Welt erschienen. Ihr konnte also nichts geschehen. Entspannt legte sie den Kopf etwas schief und sah zu, was diese Streifen machten und versuchte alles zu verstehen.
Entschloss sich schließlich, die Bewegungen nachzuahmen, die der Schatten ihr vormachte. Selbst die von den unbekannten Streifen dunklen Lichtes. Dieser schien auch keine Schmerzen bringen zu wollen. Die Streifen wollte nur wissen, ob sie das, was der Schatten ihr vormachte, auch konnte. Sie fühlte, wie glücklich die beiden Streifen waren. Es gingen Gefühle, von einer unbeschreiblichen Macht, von diesen beiden Schatten aus. Gefühle, die ihr guttaten und die sie befriedigten.
Jacob ging mit Zolger zu Nummer 98. Die wie steht’s, auf sein Kommen reagierte. Erst wurde sie wie immer ganz unruhig. Dann, als wenn sie ihn erkennen würde, ganz ruhig. Nach einer Weile wandte sie ihm ihr Gesicht zu.
So erklärte es Jacob auch Zolger und der in der Nähe stehenden Anna. "Walter, die Kleine hat nicht nur ausgezeichnete Gene. Sieh mal."
Jacob nahm einen Kugelschreiber und machte ein klickendes Geräusch damit. Das Kind in dem Inkubator, drehte den Kopf, zu dem Geräusch. Erstaunt sahen sich Anna und Zolger an.
"Walter, das macht keins der anderen Kinder. Ich habe es bei allen anderen probiert."
Jacob nahm eine Taschenlampe aus der Kitteltasche, schaltete diese an. Richtete sie auf das Kind, sofort drehte das Kleine den Kopf weg.
"Das ist erstaunlich. Keins der anderen Kinder, zeigt diese Reaktionen, wirklich keins. Ich habe diesen Test bestimmt schon Zweihundertmal wiederholt. Keins der anderen Kinder macht die Anstalt darauf zu reagieren. Die Kleine ist etwas ganz Besonderes. Schau mal."
Wieder machte Jacob einen Test, mit dem Liebling von Anna. Er ging an den Inkubator, machte an der Scheibe kreisende Bewegungen. Es machte den Eindruck, als ob das Kind ihn beobachtete. Lange musste das Jacob wiederholen, bis von Nummer 98 eine Reaktion kam. Plötzlich hörte er damit auf. Es passierte etwas, mit dem weder Anna noch Zolger gerechnet hatten. Die Kleine, obwohl sie die ganze Zeit die Augen geschlossen hielt, fing an die Bewegungen zu imitieren. Ihr Fäustchen machte einen Kreis.
"Wenn ihr denkt, das ist Zufall, dann seht genau hin."
Jetzt machte Jacob eine Minute lange, eine Wellenlinie. Immer wieder die gleichen Bewegungen. Dann hörte er auf. Es sah aus, als ob das Mädchen auf irgendetwas wartete. Als Jacob nichts mehr machte, fing sie an, diese Wellenbewegungen nachzuahmen. Kopfschüttelnd sah Zolger seinen Freund an.
"Das gibt es doch nicht", kommentierte Zolger, das Geschehene irritiert. Er ging an das Glas, malte immer wieder ein Dreieck.
Jacob lachte. "Das wird sie wohl noch nicht können. Das ist viel zu schwer."
Zolger wartete einen Moment. Schon wollte er aufgeben. Als das Mädchen in dem Inkubator, versuchte, das Dreieck nachzuahmen. Auch, wenn es nicht ganz gelang, so hatte sie dies versucht. Es war unglaublich.
"Du hast recht, sie ist etwas Besonderes. Die Gene lügen halt nie. Ich dachte die ganze Zeit, ich habe bei der Auswertung etwas falsch gemacht. Fritz, bei den meisten hier im Raum, kam ich auf einen IQ von ungefähr hundertsechzig, die Serien 0 und 1 haben einen von ungefähr zweihundertzehn. Bei deiner Serie, der Neuner kam ich auf zweihundertzwanzig. Aber bei der Nummer 98, habe ich wirklich vierundfünfzig Tests gemacht. Ich komme immer auf zweihundertachtzig. Was genau das, was sie hier versucht, auch beweist. Die Kleine ist hochbegabt…" Sich die Haare raufend stand Zolger da und starrte auf dieses kleine zierliche Mädchen und sah den Chefarzt danach ernst an. "… außerdem, habe ich in ihren Genen etwas festgestellt, was all die anderen nicht haben. Ich kann es aber nicht erklären. Eine Anomalie, etwas, das keins der anderen Kinder besitzt. Es wäre schade, wenn sie getötet würde. Eigentlich dürfte keins der Kinder sterben. Ach egal, du weißt ja wie ich das meine", genervt rieb sich Walter das Genick.
"Schon gut, Walter. Ich weiß, was du meinst. Kannst du mir helfen bei der Kleinen. Ich weiß immer noch nicht, wie ich die Kinder retten soll. Ich bekomme einfach keine Handlungsfreiheit. Die sind der Meinung, es wäre zu gefährlich, sie zur Adoption freizugeben. Ich werde tun, was ich kann, um die Kleinen zu beschützen. Wenn ich nur ein einziges der Kinder retten kann, das würde mir schon helfen. Hilfst du mir bitte, Walter. Ich kann jede Hilfe gebrauchen, die ich bekommen kann."
Zolger nickte. "Fritz, das habe ich dir am 1. Mai versprochen. Ich breche meine Versprechen nie."
Erleichtert atmete Jacob auf. Aber auch Anna, war es viel leichter ums Herz. Sie nahm sich vor, sich noch mehr mit ihrem Liebling zu beschäftigen. So dass die Tests dann noch besser ausfallen würden, um dadurch deren Leben zu retten. Nahm sich aber auch vor, das bei der Nummer 90, ebenfalls zu machen. Da dieses Mädchen, auch viel zu klein war. Vielleicht konnte sie auch dieses Kind retten.
Sogleich ging es mit der täglichen Arbeit weiter. Es wurde wieder mehr gelacht, im Raum der Kinder. Anna, das kleine Strahlemännchen, war wieder glücklich. Diese steckte ihre Kollegen, mit ihrem Lachen an.
Projekt Dalinow, 23. Dezember 1958
Am nächsten Tag um 13 Uhr, blieb nur eine Notbesatzung bei den Kindern. Da Mayer eine außerordentliche Personalversammlung einberufen hatte. Der Projektleiter gab in der Mensa den Mitarbeitern des Projektes die neusten Informationen bekannt.
"Guten Tag meine Damen, meine Herren. Auch, wenn es nur noch anderthalb Tage bis Weihnachten sind und wir dieses Fest alle genießen wollen, benötige ich einmal kurz eure ganze Aufmerksamkeit. Es gibt einige schwerwiegende Probleme zu klären und ein paar neue Informationen. Ich bin der Meinung, dass ihr alle ein Recht habt zu wissen, wie es in sieben Wochen weiter geht.
Als erstes einige wichtige Information. Nach der Geburt der Kinder benötigen wir wesentlich weniger Mitarbeiter. Es werden deshalb insgesamt fünf Ärzte, zehn Schwestern und fünf Laboranten, das Projekt verlassen. Dies war euch allen bekannt. Der Arbeitsaufwand verringert sich mit jedem Monat. Denkt bitte bei eurer persönlichen Planung an diese Änderungen. Wir haben allerdings in der Projektleitung beschlossen, dass wir vertragliche Änderungen in der geplanten Besetzung vornehmen werden. Da sich einige Mitarbeiter als besonders geeignet und sich andere wiederum, als eine große Enttäuschung erwiesen. Wir werden deshalb, mit den betreffenden Mitarbeitern persönlich Gespräche führen, in denen wir uns von einigen vorzeitig verabschieden und andere dagegen bitten werden länger zu bleiben. Die offizielle Bekanntgabe der Namen erfolgt am 15. Februar nächsten Jahres. Inoffiziell, werde ich diejenigen die gehen müssen, rechtzeitig darüber informieren. Ich denke Mitte Januar wissen wir genau, wer bleibt und wer geht. Wenn also jemand unbedingt gehen möchte, wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt, mir einen Antrag mit Begründung zukommen zu lassen. Den ich allerdings mit Major Jacob und Zolger, abstimmen werde. Ich bedanke mich bei allen, für die hervorragende Arbeit. Es werden alle verbleibenden dreißig Mitarbeiter der medizinischen und wissenschaftlichen Sektion, am 16. Februar 1959 pünktlich um 9 Uhr, zu einer ersten Arbeitsbesprechung, hier in die Mensa erscheinen. Notiert euch diesen Termin schon einmal. Die Kinder werden in dieser Zeit für zwei Stunden alleine bleiben. Das werden diese dann auch können", zufrieden lächelnd, sah Mayer zu den Kollegen.
Nur einen kleinen Augenblick später wurde der Projektleiter wieder ernst. Man könnte sogar sagen, Mayer sah richtig böse aus. Seine bis jetzt warme und freundlich klingende Stimme, nahm einen eisigen Ton an, der jeden im Saal einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Mayer wurde ganz leise und sprach jedes Wort sehr deutlich aus. So dass es allen Anwesenden, klar wurde, dass hier gleich eine Bombe platzen würde und alle erschrocken die Luft anhielten. So hatten sie den Sicherheitschef noch nie erlebt.
"Als Nächstes. Sie, Doktor März, möchte ich sofort nach der Versammlung in meinem Büro sehen. Wenn ich sofort sage, Doktor März, meine ich auch sofort. Erscheinen sie wieder nicht, werde ich sie vom Sicherheitsdienst abholen lassen. Wenn nötig sogar in Handschellen", böse sah er dabei zu dem unbeliebten Kollegen.
Dieser war heute früh nicht zum vereinbarten Gesprächstermin erschienen. Unpünktlichkeit oder Nichterscheinen zu Terminen, war etwas, damit konnte Mayer absolut nicht umgehen. Gehorsam, verlangte er von all seinen Untergebenen, ob beim Militär oder nicht. Es gab bei ihm da keinerlei Unterschiede, das wussten alle im Projekt und erschienen deshalb, stets pünktlich zu vorgegebenen Terminen beim Projektleiter, außer dieser März. Mayer holte tief Luft, um sich zu beruhigen, und wandte sich wieder allen Mitarbeitern zu.
"Ansonsten, möchte ich wirklich alle noch einmal darauf hinweisen: Das sich die Reinigungskräfte immer wieder darüber beschweren, dass die Quartiere verwahrloste werden. Bitte räumen sie ihre Quartiere auf. Das Reinigungspersonal ist nur für die Boden- und Glasreinigung zuständig. Es ist nicht dafür zuständig, ihre Dreckwäsche in den Wäscheschacht zu werfen", einige fingen an zu lachen. Darunter war auch Doktor März.
Jetzt wurde Mayer richtig böse. "Doktor März, an ihrer Stelle, würde ich meine Klappe halten und mich in eine stille Ecke verkriechen. Ich würde nämlich, an ihrer Stelle einmal über meine eigenen Wertvorstellungen nachdenken. Sie sind das größte, hier in diesem Objekt, herumlaufende Dreckschwein, was es gibt."
Mayer war laut und sehr ungehalten geworden. Dieser arrogante selbstgefällige Arzt, brachte ihn regelrecht in Rage.
"Wissen sie was Doktor März, wir werden das, was wir eigentlich heute früh in meinem Büro besprechen wollten, gleich hier während der Versammlung besprechen. Damit ihre Kollegen einmal erfahren, was sie in Wirklichkeit für ein abscheulicher Mensch sind. Als Erstes, würde ich gern einmal ihre Meinung dazu hören, wieso sie sich ein Recht herausnehmen, ständig die weibliche Belegschaft anzutatschen? Antworten sie mir, und zwar sofort." Mayer musterte März böse.
Diesem Arzt sollte die Tatsache alleine schon unangenehm sein, vor der versammelten Mannschaft zur Rechenschaft gezogen zu werden. Seine arrogante Art ließ es allerdings nicht zu, verschämt zu Boden zu gucken. Nein. Er musste selbst hier vor den Kollegen, seine Überlegenheit den weiblichen Mitarbeitern gegenüber zum Ausdruck bringen.
"Was willst du May…"
Mayer unterbrach diesen selbstgefälligen Menschen sofort, vor allem in einen für die Belegschaft ungewohnten Ton. Den so, nur seine Wachmannschaft von ihm zu hören bekam, wenn sie wirklich richtigen Bockmist gebaut hatten. Er wurde ganz ruhig. Seine Stimme dagegen, wurde zu einer singenden Schwertklinge, die zischend durch die Luft wirbelte.
"Für sie Kollege März, heißt das immer noch, Genosse Major. Da wir noch keine Brüderschaft getrunken haben. Bleiben sie bitte auch beim sie."
März grinste breit, war so von sich eingenommen, dass er nicht einmal das Kopfschütteln seiner Kollegen mitbekam. "Na dann halt, Genosse Major. Die Häschen hier im Projekt, wollen das doch nicht anders. Schauen sie sich mal die kleinen süßen Springer an. Die kleiden sich ständig in extra enge Overalls, damit man sie betatscht."
Fassungslos sahen sich die Frauen an. Sie konnten nicht glauben, was dieser von allen unbeliebte Arzt von sich gab. Mit einem feisten Lächeln im Gesicht sprach März weiter.
"Die sind doch froh, wenn sie einmal etwas Anständiges zwischen die Beine bekommen. Die sind doch nur hier, weil sie unter die Haube wollen." Dabei machte März noch mit dem Mittelfinger, die dementsprechende Auf und Ab Bewegung.
Mayer war fassungslos. Selbst in seinen kühnsten Vorstellungen, hielt er März nicht für so dumm, dass dieser das alles auch noch offen zu gab. Zolger und Jacob sahen kopfschüttelnd zu dem Kollegen hinüber, der nun, schon seit fast einem Jahr nur Probleme machte.
Jacob machte einen Schritt auf Mayer zu und flüsterte ihm ins Ohr. "Sigmar, ich glaube, der ist schon wieder sturzbetrunken."
Mayer nickte. Ihm kam gerade auch schon dieser Gedanke. "Das Gefühl habe ich auch, Fritz. Aber das ist gut so, jetzt habe ich ihn dort, wo ich ihn hinhaben wollte. Endlich habe ich einen triftigen Grund, ihn an die Luft zu setzen und kann das, auch noch vernünftig begründen."
Es war wirklich so, dass er bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht genügend Beweise, gegen Doktor März in der Hand hatte, um diesen fristlos zu entlassen. Dieser hatte sich immer sehr geschickt angestellt und stets sämtliche Spuren verwischt. So dass ihm Mayer nie etwas Konkretes nachweisen konnte. Jetzt hatte er endlich den Grund und er hatte genügend Zeugen und ein sogar Geständnis von März, vor fünfzig Mitarbeitern.
Mayer holte schwer Luft, man sah ihn an, wie viel Mühe es ihn kostete, ruhig weiter zu sprechen und hier nicht herumzubrüllen. Deshalb sprach er im gleichen sehr leisen, aber eisigen Tonfall weiter, so dass alle den Projektleiter hören konnten. Es gab niemand in dem riesigen Raum, dem bei den nachfolgenden Sätzen keine Gänsehaut über den Körper lief, als sie ihren Projektleiter zuhörten. So hatten sie Mayer in all den Monaten noch nicht erlebt und viele hofften, das nie wieder erleben zu müssen.
"Danke, Kollege März. Sie haben mir gerade eine schwerwiegende Entscheidung abgenommen. Fritz, Walter kommt ihr bitte mal."
Jacob, Zolger gingen auf Mayer zu, dieser wechselte einige kurze Sätze mit seinen Abteilungsleitern. Jacob, wie auch Zolger nickten bestätigend.
"So, Doktor März. Da ich soeben, die Zustimmung von beiden Abteilungsleitern erhalten habe. Werde ich dieses leidliche Problem, dass sie seit nun fast zwölf Monaten darstellen, beenden. Sie kommen nach dieser Versammlung, sofort in mein Büro. Sie werden zum heutigen Tag, fristlos entlassen. Ohne jegliche Abfindung und Zusatzzahlungen. Ihr Benehmen hier in diesem Projekt, kann und will ich nicht länger dulden."
Von Schwester Sonja, wie auch von anderen Schwestern, kam ein. "Endlich."
"Danke."
"Dem Himmel sei Dank", als Bestätigung, dass dies die richtige Entscheidung war.
März dagegen ging an die Decke. "Das können sie gar nicht Mayer", brüllte er, den Projektleiter an.
Mayer sah März ernst an. "Ich kann das sehr wohl, Kollege März. Ich begründe ihnen auch wieso. Zum Ersten belästigen sie ständig die weiblichen Mitarbeiter und haben einige sogar versucht zu vergewaltigen. Eine Vergewaltigung sogar durchgeführt. Die Anzeigen sind schon, bei der zuständigen Staatsanwaltschaft. Zum Zweiten sind sie in den letzten vier Wochen, Dreiundzwanzigmal mit einer Alkoholfahne auf ihrem Arbeitsplatz erschienen. Selbst heute zu dieser Versammlung sind sie wieder einmal betrunken. Zum Dritten kommen sie ihren Pflichten hier im Projekt nicht nach. Ihre Serie, ist die am schlechtesten betreute Serie überhaupt. Zum Vierten sind sie ein Schwein, das Reinigungspersonal braucht für ihre Wohnung die vierfache Zeit zum Saubermachen, wie für meine Wohnung und die ist doppelt so groß wie ihre und darin leben drei Personen. Zum Fünften sind wir nicht hier, um ihnen zu gefallen, Herr Doktor, sondern sie sind hier, um zu arbeiten." Sigmar Mayer holte schwer Luft und die Halsschlagadern traten hervor, was ein sehr böses Zeichen beim Projektleiter war. "Jetzt noch ein persönliches Wort von mir, Doktor März. Ich frage mich ernsthaft, wo sie ihren Doktortitel gekauft haben? Ich werde der zuständigen Ärztekammer einen Antrag zusenden, ihnen die Approbation abzuerkennen. Sie haben von nichts keine Ahnung. Selbst die Sanitäter in meiner Wachkompanie, haben mehr Ahnung von medizinischen Behandlungsmethoden, als sie. Das Einzige, was sie wirklich sehr gut können, ist angeben und große sinnlose Sprüche klopfen. Verschwinden sie sofort von hier, aus diesem Projekt und der Mensa. Packen sie ihren privaten Kram zusammen. Sie werden in zwei Stunden abgeholt. Charly rufen sie in der Zentrale an, die sollen jemanden vorbeischicken, um Doktor März abzuholen. Sagen sie denen, ich hätte sofort gesagt", wandte sich Mayer an einen der Barkeeper.
Als März, fassungslos zu Mayer sah, sagte dieser in einem sehr gefährlich leisen Ton, den man die ganze angestaute Wut anmerkte.
"Gehen sie sofort aus dem Saal, bevor ich meine gute Erziehung und meinen Kodex als Soldat vergesse. Verschwinden sie nicht auf der Stelle, kann es passieren, dass ich sie hier höchst persönlich heraus prügle. Sie sind das größte Charakterschwein, das mir in meinem ganzen Leben über den Weg gelaufen ist. Glauben sie mir eins, Doktor März. Ich bin schon einigen begegnet. Niemand, wirklich niemand hat es je überlebt."
Ernst und voller Hass in den Augen, sah Mayer den entlassenen Arzt an. Dieser drehte sich um, verließ schimpfend, schwankend und mit dem Kopf schüttelnd die Mensa.
Mayer drehte sich zur Wand um und stützte die Hände dagegen. Er versuchte krampfhaft, sich wieder zu beruhigen. Sehr selten verlor der Projektleiter so die Nerven. Jacob, der ahnte, was in seinem Freund und Vorgesetzten vor sich ging und lief deshalb zu diesem hin, sprach beruhigend auf ihn ein.
"Komm beruhige dich, Sigmar. Soll ich dir etwas holen, zur Beruhigung und dir etwas spritzen?"
Erst als der Chefarzt unmittelbar vor seinem unmittelbaren Vorgesetzten stand, bemerkte er, dass Mayer kurz vor dem Durchdrehen war. Er wusste von Mayer, dass es schon wieder zwei Fälle von versuchter und einer durchgeführten Vergewaltigung, in den letzten fünf Tagen gab.
"Komm, atme ruhig. Ja, so ist es besser", nach einer Weile, konnte Mayer wieder klarer denken. "Geht’s wieder?", erkundigte sich Jacob, der Mayer besorgt ansah. Dieser war schneeweiß im Gesicht, hatte eine schweißnasse Stirn. Instinktiv griff er nach dessen Puls, der viel zu hoch war.
"Sigmar, du kommst sofort mit auf die Krankenstation. Ich muss dich untersuchen. Du hattest, glaube ich, gerade einen leichten Herzinfarkt. Du nutzt uns nichts, wenn du aus den Schuhen kippst."
Mayer nickte und wollte etwas sagen.
Jacob unterband das. "Walter, du übernimmst den Rest, von dem was noch gesagt werden muss. Ich muss Sigmar versorgen, der fällt gleich um."
Jacob fasste Mayer unter den Arm, zog diesen über seine Schulter und verließ den Raum, durch die hintere Tür. Er ging Mayer stützend hinüber in die Offiziersmesse. Dort setzte er Mayer erst einmal auf einen Stuhl. Ging zum Telefon und wählte die Notrufnummer des Rettungsdienstes. Bestellte für Mayer und sich, ein Multicar in die Offiziersmesse. Er brauchte einfach Hilfe, um Mayer nach unten, in die vier Etagen tiefer gelegene Krankenstation für das Personal zu bringen. Langsam erholte sich Mayer etwas und wollte sofort wieder aufstehen.
Der Chefarzt unterband das konsequent. "Sigmar, du bleibst sitzen. Ich werde dich jetzt erst einmal untersuchen. Egal, wie quer du dich stellst. Zur Not spritze ich dich ruhig."
Mayer der selber merkte, dass es ihm nicht sonderlich gut ging, setzte sich wieder hin. Nur eine Minute später kam ein Multicar angefahren. Gemeinsam mit dem Fahrer führten sie Mayer, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, zu dem Wagen. Nur fünf Minuten brauchte der Fahrer, der richtig Gas gab und ständig besorgt zu seinem Chef nach hinten sah, bis sie die Krankenstation erreicht hatten. Sofort legte der Chefarzt Mayer auf der Untersuchungsliege. Die Diagnose, die Jacob stellte, war ernüchternd. Mayer hatte nicht nur einen leichten Herzinfarkt, sondern auch einen Nervenzusammenbruch. Nach zwei Stunden stand fest, dass dieser für mindestens vier Wochen ausfiel.
"Sigmar, egal, was du mir jetzt sagst. Egal, was du für Gegenargumente hast. Du bist die nächsten vier Wochen krankgeschrieben. Wenn vertraust du von deinen Leuten am meisten?"
Mayer überlegte kurz. "Heiko Corsten. Er ist zwar nur Unterleutnant, aber der beste Mann, den ich überhaupt in der Wachkompanie, habe."
Jacob nickte. "Dann rufe ich ihn an. Dann organisierst du einen Urlaubsplatz für dich und Ilka", als Mayer etwas sagen wollte, schüttelte Jacob den Kopf. "Keine Diskussion. Sonst mein Freund, weise ich dich in eine Klinik ein. Dann bist du vier Monate weg, wenn nicht noch länger. Bitte, du hattest verdammtes Glück, dass ich in der Nähe war. Du musst unbedingt einmal abschalten. In den vier Wochen überlegst du dir, wenn deine Ilka schläft, wie du diesen Druck, den du hier hast, für dich runterfahren kannst. So wie du jetzt arbeitest, überlebst du keine sechszehn Jahre hier. Dann ist dein Ilka bald Halbwaise", ernst sah er seinen Freund an. Jacob war sich bewusst, dass er nur über Ilka, an Mayer herankam. Der Projektleiter, war in den Augen des Chefarztes, ein richtiges Arbeitstier. Er kam genau wie Jacob selber, kaum zum Schlafen. Vor allem konnte er nicht abschalten. Die Doppelbelastung, durch die Anwesenheit seiner Tochter, machte dies noch schlimmer. Mayer musste eine Lösung finden, so dass er auch zwischendurch einmal Abschalten konnte. Dieses Arbeitspensum, konnte er nicht noch sechszehn Jahre durchhalten. Dies wurde Jacob immer bewusster.
"Geht klar, vielleicht hast du ja recht. Aber…"
Weiter ließ Jacob ihn nicht reden. "Sigmar, wir kommen auch mal ohne dich die paar Wochen aus. Einen Vorschlag, befördere Heiko einfach, dann hat der es auch leichter. Gib mir mal die Nummer von Hunsinger."
Wieder nickte Mayer nur. Man merkte ihm an, dass es ihm hundsmiserabel ging. Er teilte Jacob die Geheimnummer von Hunsinger mit, die sich der Chefarzt kurzerhand aufs Handgelenk schrieb. Dann ging Jacob erst einmal an den Medikamentenschrank und zog zwei Medikamente auf. Eins für die aufgepeitschten Nerven und eins für das überstrapazierte Herz. Beides gab er seinem Freund, um diesen erst einmal ruhig zu stellen. Kaum, dass die Medikamente wirkten und Mayer eingeschlafen war, ging der Chefarzt weiter zum Telefon. Er wählte die Durchwahl von Hunsinger.
"Oberst Hunsinger am Apparat."
"Franz, hier ist Fritz Jacob. Entschuldige, dass ich dich auf dem Anschluss anrufe. Die Nummer gab mir Sigmar gerade. Dieser ist mir gerade aus den Schuhen gekippt. Wenn du also willst, dass er das Projekt bis zum Schluss leiten soll, dann besorgst du für ihn und Ilka auf der Stelle einen Urlaubsplatz. Wie du das machst, ist mir gelinde gesagt egal. Der Urlaub sollte Sigmar ermöglichen viel zu schlafen und einmal richtig abzuschalten. Vor allem aber braucht Sigmar unbedingt Ruhe. Sonst schicke ich Sigmar in eine Klinik, dann fällt er dir mindestens für ein halbes Jahr aus", ernst in einer keinen Widerspruch duldenden Tonlage, hat er dies, seinem Vorgesetzten mitgeteilt.
"Gib mir eine Stunde, Fritz. Dann sag ich dir, wann er abgeholt wird und wohin. Danke Fritz, ich habe das schon lange kommen sehen, wollte es aber nicht wahrhaben. Bis Später. Stelle ihn erst einmal ruhig", schon legte Hunsinger auf.
Jacob ging zu Mayer, dieser schlief tief und fest, durch die Medikamente. Der Wachmann stand unschlüssig an der Untersuchungsliege seines Chefs und wusste nicht, was er machen sollte.
Jacob war froh, dass er einen Helfer hier hatte. "Helfen sie mir, ihn ins Bett zu legen. Dann fahren sie bitte zu Mayers Wohnung, sagen Reimund Bescheid, dass es ihm gut geht. Sagen sie ihm von mir, er soll für Ilka und Mayer Sachen für vier Wochen einpacken. Vorsichtshalber, soll er auch für sich etwas einpacken. Ich weiß nicht, ob Mayer vielleicht will, dass Reimund mitfährt. Dann schicken sie mir Unterleutnant Corsten her." In der Zeit, in der Jacob die Anweisungen gab, hatten die Beiden, Mayer ins Bett getragen.
"Vor allem erzählen sie nicht gleich jedem, dass Mayer krank ist. Das geht niemand etwas an. Wenn Mayer das bekannt geben will, macht er das alleine. Das ist ein Befehl", durchdringend sah Jacob den Wachmann an.
"Geht klar, Genossen Major. Was soll ich den Leuten sagen, wenn sie fragen? Das ist bestimmt schon wieder im ganzen Projekt rum", ängstlich sah dieser zu Jacob.
Nach kurzem Überlegen antwortete ihm Jacob. "Sagen sie einfach, der Major hätte eine schlimme Darmgrippe. Hatte seit Tagen Durchfall, hat deshalb geschwächelt."
Erleichtert atmete der Wachmann auf. "Danke Herr Doktor, ihnen fällt wirklich immer etwas ein", eilig verließ der Fahrer daraufhin die Krankenstation, um die Befehle von Jacob auszuführen.
Nur zehn Minuten später, traf auch schon Corsten ein. "Hallo Fritz. Was ist denn los? Dietmar war total von der Rolle. Ich sollte sofort zu dir kommen, es wäre etwas Schlimmes passiert und du bräuchtest mich dringend auf der Krankenstation. Wollte mir aber nicht sagen. Was ist denn Schlimmes passiert?."
Jacob holte tief Luft. Er wusste, dass Corsten verschwiegen war, deshalb würde er ihm den Gesundheitszustand, seine Chefs genau erklären. "Heiko, euer Chef, unser Freund Sigmar, hatte gerade das, was man landesüblich als Herzkasper bezeichnet. Einen Leichten zwar, aber immerhin war es einer. Du musst für die nächsten vier Wochen, die Leitung der Sicherheit übernehmen. Das ist mit Mayer schon so abgesprochen. Ich denke, er wird dich auch noch genauer instruieren. Bitte, auch später, wenn Mayer wieder da ist, braucht er Unterstützung. Du musst ihm danach weiter den Rücken freihalten. In dem Maße, wie er das letzte Jahr gearbeitet hat, schafft Sigmar keine weiteren sechzehn Jahre. Durch die Doppelbelastung, mit seiner Tochter, ist das gar nicht machbar. Er braucht Mitarbeiter, die ihn unterstützen. Er sollte alles koordinieren, allerdings solltet ihr langsam anfangen, Verantwortliche in den eigenen Reihen zu finden. Die gruppenweise mit Sigmar zusammenarbeiten. Dieses Horrorpensum, schafft keiner auf Dauer."
Corsten nickte. "Das denke ich auch. Ich habe da auch ein paar Ideen, die ich Sigmar schon lange mal unterbreiten wollte. Aber der hatte nie eine ruhige Minute. Es wird Zeit das wir hier etwas ändern. Fritz, ich schaffe nicht meine ganzen Aufgaben und die von Sigmar. Aber ich bekomme das schon hin. Macht euch keine Sorgen, die Leute akzeptieren mich."
Jacob nickte, entließ den Freund, in die Arbeit mit den Worten. "Dann sehe zu das der Laden ordentlich läuft. Sigmar braucht Ruhe." Beim letzten Wort des Chefarztes war Corsten schon aus der Krankenstation verschwunden.
Eine knappe halbe Stunde später, rief Hunsinger an. "Fritz, hier ist Franz. Sigmar wird in drei Stunden abgeholt. Fliegt mit seiner Tochter nach Sotchi, ans Meer. Mit dem russischen Konsulat habe ich das mit Hilfe von Dalinow regeln können. Die Papiere bringt der Pilot mit. Ich habe für drei gebucht, weil ich nicht wusste, ob Reimund mitfliegen soll. Das sollte Sigmar selber entscheiden."
Erleichtert atmete Jacob auf. "Danke Franz, das ist gut. Dann kommt er etwas zur Ruhe. So weit weg, kann er auch nicht bloß mal so gucken kommen. Da muss er brav sein und sich erholen. Ich werde ihn noch etwas schlafen lassen. Danke bis die Tage, ein schönes Weihnachtsfest und guten Rutsch."
Diesmal war es Jacob, der schnell auflegte, um nach seinem Patienten zu sehen. Der schlief immer noch tief und fest. Nach einer Stunde weckte der Chefarzt, seinen Patienten auf.
"Sigmar, komm du musst munter werden."
Verschlafen sah Mayer zu Jacob hoch. "Was ist? Ist etwas passiert?" Sofort wollte Mayer wieder aufspringen.
"Langsam Sigmar. Setze dich erst einmal und höre zu…", kurz erläuterte Jacob seinem Kollegen, was er in der Zwischenzeit unternommen hatte.
Dankbar sah Mayer seinen Freund an. "Du Fritz, wenn du das so gut im Griff hast, brauche ich ja gar nicht wiederkommen", meinte Mayer frech grinsend, um den Freund etwas zu foppen.
Jacob schüttelte traurig den Kopf. "Sigmar, wenn du nicht willst, dass ich in zwei Monaten in Sotchi neben dir am Strand liegen, dann komme bitte zurück. Wenn ich ehrlich bin, graut mir davor, auch noch deinen Verantwortungsbereich zu übernehmen. Aber das wird mir nicht erspart bleiben. Na mal sehen, wie sich Heiko macht. Vielleicht schafft er es besser, als wir alle denken. Du bekommst von mir den Befehl, dich zu erholen und wenigstens, beim Eis essen an mich zu denken."
Mayer klopfte Jacob auf die Schulter. "Dann werde ich mal packen gehen. Reimund wird sauer sein. Aber ich werde mit meiner Kleinen alleine fahren. So kann ich die Zeit genießen", erklärte er dem Freund.
"Sigmar, darf ich dir noch einen Vorschlag machen."
Mayer nickte zustimmend, sah aber Jacob verwirrt an.
"Na ja, weißt du, allzu oft werden wir diese Gemäuer in den nächsten Jahren nicht verlassen. Warum nimmst du Reimund nicht einfach mit. Da hat der auch etwas Urlaub. Er kann dort seinen eigenen Stiefel machen. Muss sich gar nicht um euch kümmern. Aber, wenn du abends einmal alleine ausgehen willst, brauchst du so deine Kleine nicht alleine lassen. Da kann Reimund auf dein Mädchen aufpassen. So habt ihr alle etwas davon."
Mayer gab Jacob recht. "Das ist eine gute Idee. Ich werde es mit Reimund so besprechen."
Jacob lächelte und ging zum Telefon, rief den Notruf an.
"Dann ab mit dir. Ich habe dir ein Taxi gerufen ohne Diskussion. Du läufst heute nur das Notwendigste. Hunsinger hat für dich im Hotel, schon eine ärztliche Betreuung besorgt. Ich möchte, dass du die vier Termine auch wahrnimmst. Sigmar, ich brauche dich in vier oder fünf Wochen, hier wieder fit, bitte", besorgt sah Jacob seinen Freund und Chef an.
Der ihm seine Bitte bestätigte. "Keine Angst Herr Doktor, ich bin ganz brav."
Der Fahrer mit dem Multicar kam gerade. Jacob half dem immer noch auf unsicheren Beinen stehenden Mayer, auf das Fahrzeug.
"Es ist nur eine Einweisung von Heiko erlaubt und die Koffer einzupacken. Ach so Sigmar, die Entlassungspapiere schickst du zu mir. März zu entlassen, wird mir eine Genugtuung sein. Nach allem, was der mir die letzten Monate zugemutet hat", besorgt sah Jacob seinen Freund Mayer an.
"Geht klar, Fritz. Hol dir Corsten dazu, ich traue diesem Typen mittlerweile alles zu. Ganz ohne Gegenwehr wird die Entlassung dieses Möchtegernarztes nicht vonstattengehen. Ich weise Corsten dementsprechend ein und organisiere dessen Abtransport noch. Corsten wird März an die zuständigen Behörden übergeben. Wegen der Vergewaltigungen geht März sowieso in den Bau und erst einmal in U-Haft", informierte Mayer seinen Freund.
Jacob gab dem Fahrer ein Zeichen loszufahren. Den Rest konnte Mayer mit Corsten klären.
"Dann bis bald", rief dieser noch über seine Schulter. Denn schon, war der Fahrer losgefahren und um die Ecke verschwunden.
Nicht einmal zwei Stunden später, saß der Projektleiter mit seiner Tochter und deren Betreuer, in einer Maschine, die ihn zu einem Erholungsaufenthalt nach Sotschi brachte. März war unterwegs nach Berlin und kam dort in Untersuchungshaft.
Der eine Tag bis zum Weihnachtsabend, ging wie im Flug vorbei, auch das Silvesterfest. Der Januar war fast genauso schnell vergangen, wie das gesamte letzte Jahr. Die einzige ungewöhnliche Unterbrechung war, die Tatsache, dass am 28. Januar 1959 Mayer, Reimund und Ilka erholt aus dem Urlaub zurückkehrten.
Mayer der sah, wie gut Corsten in seiner Abwesenheit die Abteilungen geführt hatte, übernahm dessen Arbeitsweise. Bekam so Zeit, für seine eigentlichen Aufgaben. Corsten brachte diese außergewöhnliche, für einen Offizier seines Ranges höchst brillante Leistung, eine Beförderung zum Leutnant ein. Denen alle, mit viel Applaus zustimmen.
Das, was Heiko in den letzten fünf Wochen geleistet hatte, war bewundernswert. Er bewirkte, dass alle Abteilungen der Sicherheit, reibungslos funktionierten. Hatte sich ein System ausgedacht, wo jeder, seine Eigenverantwortung tragen musste und dadurch die Lasten gleichmäßiger, auf alle verteilt wurden.
Keiner der am Projekt Beteiligten konnte verstehen, dass man schon über ein Jahr im "Projekt Dalinow" arbeitet und lebte. Es kam allen vor, wie ein paar Wochen. Der ständige Stress, die ständige Anspannung, ließ die Zeit, wie im Fluge vergehen. Wenn einige wenige am Anfang dachten, es wäre hier der ewige Urlaub, begriffen die meisten sehr schnell, dass dieser Job das letzte von jedem abverlangte. Bereits seit Anfang Januar wurden an den stillgelegten Inkubatoren, die Durchführung der Geburten geprobt. Damit an diesem Tag alle Handgriffe sitzen würden und jeder wusste, was er wie und vor allem, wann zu tun hatte.
Die ersten Vorbereitungen, für die Geburt der einhundert Kinder waren besprochen und geplant. Es waren nur noch zwei Tage, bis die Technikerteams kommen würden, um die Inkubatoren abzubauen. Vor allem die Betten für die Kinder aufzustellen. Es würde noch einmal, ein anstrengender Tag werden. Da man noch nicht wusste, was man in der Zeit des Abbaus, mit den vielen Säuglingen machen sollte.
Wieder einmal bekam Jacob einen Befehl, den er so nicht ausführen wollte und konnte. Da dieser sich gegen all seine Moralvorstellungen richtete. Völlig verzweifelt saß er am Abend nach der Dienstbesprechung mit Mayer in der Mensa. Er hatte sich, von allen anderen zurückgezogen. Anna, die ihren Schatz nicht so niedergeschlagen sehen konnte, versuchte ihn aufzumuntern. Bekam vom Jacob allerdings eine derbe Abfuhr. Jacob stand einfach auf und verließ wortlos die Mensa. Er zog sich darauf hin, alleine in den Park zurück, während Anna zu ihren Mädels zurückkehrte.
"Oh je, ich glaube, da kommt in der nächsten Zeit, etwas sehr Unerfreuliches auf uns zu", erklärte sie deshalb ihren Freundinnen.
"Warum das denn, Anna?", wollte Pia wissen.
"Kann ich dir nicht so genau sagen. Aber, wenn Fritz so reagiert, ist er nicht nur auf 999. Sondern kurz vorm Explodieren. Das verheißt nichts Gutes."
Doris versuchte ihre Freundinnen zu beruhigen. "Vielleicht, hängt es nur mit der Geburt von den Kindern zusammen. Ihr wisst, wie sehr Jacob, an den Kindern hängt. Ihr wisst aber auch, dass wir sie nicht alle werden retten können. In der Serie 2 sind es so viele Kinder, die weit unter der Norm liegen, dass es dort keine Möglichkeit für die Rettung gibt. Zwei haben sogar körperliche Missbildungen. Die haben noch geringere Chancen, als die anderen."
Anna schüttelte den Kopf und kratzte sich diesen. Sie wusste einfach nicht, wie sie ihr Gefühl erklären sollte. "Das ist es nicht. Das weiß Fritz schon die ganze Zeit. Das wirft ihn nicht so aus der Bahn. Ach lassen wir das. Es war blöd von mir, überhaupt damit anzufangen. Spekulieren hilft uns hier nicht weiter. Rechnet einfach damit, dass wir etwas ganz Schlimmes mit den Kindern tun müssen. Vielleicht, sind wir dann nicht wieder ganz so schockiert."
Anna ließ es damit gut sein. Sie ärgerte sich über sich selber, weil sie wieder einmal ihren Mund nicht halten konnte. Deshalb gab sie schnell die nächste Runde Karten, um von dem Thema abzulenken, und erzählte sie einige lustige Geschichten, über das, was sie in ihrem Kinderheim erlebt hatte. So war nach einer halben Stunde, die ganze Geschichte so gut wie vergessen. Die Mädchen lachten wieder und gegen 22 Uhr am 13. Februar 1959 gingen alle ins Bett.
Vierzehn Monate nach Projektstart kehrte Mayer gut erholt ins Projekt zurück, zur Erleichterung Jacobs, der am Ende seiner Leistungsfähigkeit angekommen war. Der Projektleiter war nicht nur braungebrannt, sondern man sah ihm an, dass es ihm wieder richtig gut ging. Jacob dagegen stand kurz vor dem Zusammenbruch.
Als er an diesem bedeutungsvollen Samstagmorgen, am Frühstückstisch erschien. Unrasiert, im zerknitterten Overall, ungeduscht und mit zerzaustem Haar. Sein eingefallenes Gesicht, die tiefen dunklen Augenringe, sagten genauso viel über seinen gesundheitlichen Zustand aus, wie sein gesamtes Äußeres und seine Körperhaltung.
Gestern Abend hatten sich die Offiziere der Projektleitung, während der letzten Dienstbesprechung vor der Geburt der Kinder, böse in die Wolle bekommen. Der Chefarzt war am späten Abend noch einmal zu Mayer gegangen und hatte sich bei dem zweiten Gespräch mit dem Projektleiter ausgesprochen und die Streitpunkte geklärt.
Mayer hatte gut reden, denn er war ausgeruht und erholt, erst vor zwei Wochen wieder ins Projekt gekommen. Jacob dagegen lief immer mehr am Limit. Er konnte diesen ständigen Stress bald nicht mehr ertragen. Er sehnte sich so sehr nach etwas Ruhe und ein paar Tage Erholung. Hoffentlich wurde es etwas ruhiger, nach der Geburt der Kinder.
Schuld an dem Streit der beiden Freunde, waren diese selbstherrlichen Wissenschaftler aus dem Institut, die wieder einmal Unmögliches von ihrem Chefarzt verlangten. Nicht nur, das jetzt endgültig feststand, dass er achtzehn der hundert Kinder töten sollte und auch musste, nur weil sie nicht irgendeiner Norm entsprachen, nein, er musste die Geburt der Kinder in einem unverantwortlichen Tempo durchziehen. Es blieben ihm für jedes der Kinder, nur fünfzehn Minuten Zeit. Obwohl sie eine Stunde eher anfingen als sie eigentlich durften. So dass sie eine kleine Zeitreserve bekamen.
Normalerweise sollte der Chefarzt erst um 6 Uhr die Geburt der Kinder einleiten. Dann ständen dem Chefarzt für die Geburt jedes einzelnen Kindes, nur knappe zehn Minuten zur Verfügung. Ein nicht zu verantwortendes Tempo. Der in Geburten sehr erfahrene Arzt, der in der Uniklinik während seines Studiums oft im Kreißsaal ausgeholfen hatte, wusste selbst bei fünfzehn Minuten nicht, wie er dies schaffen sollte, ohne die Kinder zu gefährden. Jacob nahm für diesen Tag, alle Laboranten mit nach unten in den Raum der Kinder, damit diese das Pflegepersonal unterstützen konnten.
An einem der stillgelegten Inkubatoren wurden seit vielen Wochen Übungen durchgeführt, um die Geburt der Kinder zu simulieren. Nie wurde eine Geburt unter zwölf Minuten geschafft. Es ging einfach nicht schneller. Obwohl das Hausmeisterteam alles in ihrer Kraft stehende tat, um die Pumpen zu reinigen und die Durchflussfähigkeit der Geräte zu verbessern, bekamen die medizinischen Mitarbeiter die Behälter der Inkubatoren, nicht schneller leer. Zimmermann wies den Chefarzt immer wieder darauf hin, dass diese Zeiten mit jedem Inkubator länger werden würden, da die Pumpen immer mehr versacken würden und der Durchlauf der Flüssigkeit erschwert wurde. Zimmermann stellte sogar ein Team von Technikern für den 14. Februar zur Verfügung um sofort eingreifen zu können, wenn es technische Probleme gab. Und die würde es geben. Das war bedingt, durch die Rückstände die sich in dem Fruchtwasser befanden. Schließlich wäre diese Flüssigkeit zehn Monate alt und die Filteranlagen arbeiteten jetzt schon auf Hochtouren, um eine ansprechbare Qualität dieser Flüssigkeit zu erreichen. Eigentlich waren seit Wochen alle vorhandenen Filter der Pumpen hinüber und hatten ihre Lebensdauer schon lange überschritten. Zum Teil waren die Filter so schlimm zugesetzt, dass es ein Wunder war, dass die Pumpen überhaupt noch zogen.
Jacob dachte mit Grauen an die Geburten der letzten Kinder. Vor allem die Filter in den Pumpen der Serien 0, 2 und 7 bereiteten ihm Sorgen, da diese Filter seit Wochen Ärger machten. Oft war das Fruchtwasser in diesen Behältern, trüb wie Milch. Das war auch einer der Gründe, weshalb diese Kinder nicht richtig wuchsen. Einige Male schon hatten die Techniker versucht die Pumpen mit einem der stillgelegten Geräte zu tauschen. Das hatte allerdings nicht funktioniert, da der ganze Fruchtwasserkreislauf zusammenbrach. Sogar Korpus kam deshalb schon zweimal ins Projekt, um sich des Filterproblems anzunehmen.
Bei jeder der Besprechungen im Berliner Institut, hatte der Chefarzt in den vergangen Monate, auf diese bekannten Problem hingewiesen und darauf bestanden, das bei der Planung zu berücksichtigen. Es ging einfach nicht schneller die Kinder auf die Welt zu holen. Das Tempo der Geburtsfolge, wurde von den Pumpen bestimmt und von nichts anderes. Auch wenn das hier künstliche Gebärmütter waren, die "Wehen die die Geburt einleiteten würden", in dem Fall das leerpumpen des Behälters, nahm eine gewisse Zeit in Anspruch. Es dauerte so lange wie es dauerte. Eine Geburt konnte man nicht berechnen. Die Wissenschaftler wussten es allerdings, wieder einmal besser und erklärten Hunsinger stets, dass ihre Berechnungen dies alles berücksichtigen würde. Dass alles nur mit der Unfähigkeit von Jacob und dessen Teams zusammen hinge und dieser, deshalb nicht mit der errechneten Zeit hinkämen. Hunsinger stand zwischen zwei Stühlen und zog sich den bequemeren Weg vor. Statt zu Jacob und seinem Teams zu stehen, die seit Monaten ihr Bestes gaben, stellte er sich hinter die Wissenschaftler. Jacob machte das unsagbar wütend. Einige böse Auseinandersetzungen hatte er deshalb schon mit dem offiziellen Projektleiter gehabt. Ungeachtet dessen, würde sich Jacob nicht an die vorgeschriebene Zeit halten. Ihm war es egal, ob er wieder einmal Ärger bekam. Das Leben der Kinder war ihm wichtiger.
Allerdings mussten sie pünktlich fertig sein, denn bereits um 10 Uhr kamen die Techniker, um die Inkubatoren abbauen. Deshalb musste er vor um 5 Uhr anfangen, ob es diesen rechthaberischen Wissenschaftlern nun gefiel oder nicht. Denn wenn die Techniker kamen, mussten alle Inkubatoren leer sein. Das Team um Otto Korpus musste sofort nach dem Abbau der Inkubatoren, die neuen Betten für die Kinder aufbauen. Pünktlich um 22 Uhr, sollte das Kinderzimmer fertig sein. Die Techniker standen selbst unter enormen Zeitdruck und konnten auf niemanden Rücksicht nehmen.
Aber das war noch nicht alles, was man an Unmöglichkeiten von Jacob verlangte. Nein, damit man dem Fass die Krone aufsetzte, verlangte man von den Mitarbeitern der medizinischen Sektion, dass sie diese kleinen Wesen, die gerade auf die Welt gekommen waren, für diese Zeit nach draußen in den Schnee legen sollte. Dass musste man sich einmal vorstellen. Neugeborene Säuglinge, sollte der Chefarzt unmittelbar nach der Geburt raus in die Kälte bringen. Das sollte zur Abhärtung, der neugeboren Soldaten beitragen. Vor allem, sollten sie das ab der Geburt, jeden Tag für acht Stunden machen.
Jacob war gestern an die Decke gegangen, als Mayer ihm den gerade eingetroffenen Befehl der Wissenschaftler vorlegte. Richtig böse bekam sich der Chefarzt daraufhin mit Mayer und Zolger in die Wolle. Zum Schluss sagte Mayer zu Jacob, wenn er so weiter macht, würde er als Projektleiter die Verantwortung für das Projekt, in die Hände von Doktor Anderson legen. Er, Mayer, hätte langsam aber sicher die Nase voll, sich ständig von Jacob anschreien zu lassen. Nicht er dächte sich die Befehle aus, er bekäme diese genauso, wie Jacob, von ganz oben. Er machte auch Sachen die ihm nicht gefielen. Allerdings müsse er auch an seine Tochter denken, er könnte nicht ständig wegen Jacob, mit schlechter Laune nach Hause kommen. Ilka könnte nichts dafür, wenn Jacob sein Gewissen auf empfindlich schalten würde. Er wäre schließlich beim Militär, da müsse man halt ab und zu Sachen machen, die einem nicht gefielen. Jacob stand wie ein begossener Pudel da. Hilfesuchend zu Zolger schauend, der dann nur schulterzuckend meinte.
"Sieh mich nicht so an, Fritz. Sigmar hat Recht. Du kannst nicht immer ihn an pulvern. Mir gefallen diese Befehle auch nicht. Aber sag mir, was wir machen sollen. Die Kinder sind so gezüchtet worden, den macht die Kälte nichts aus."
Kopfschüttelnd stellte sich Jacob an das Fenster, um nach draußen zu sehen und vor allem, um sich zu beruhigen. Er war danach eine ganze Weile nicht mehr bereit, auch nur ein Wort zu sagen. Er würde alleine einen Weg finden müssen, solche unmenschliche Dinge zu verhindern.
‚Konzentriere dich jetzt erst einmal, auf die Geburt der Kinder‘, befahl sich Jacob selbst. ‚Dass du rettest, was zu retten ist.‘
Nachdem sich Jacob wieder beruhigt hatte, setzte er sich, die Arme wütend vor der Brust verschränkend, wieder an den Tisch. Provokativ schlug er die Beine übereinander und hörte sich diesen ganzen Mist, mit immer größer werdender Wut an. Der Chefarzt sprach von dem Moment nicht einen Ton mehr. Das wiederum sagte den beiden anderen Abteilungsleitern auch nicht zu.
"Warum sagst du jetzt gar nichts mehr, Fritz?", wollte Mayer schließlich von ihm wissen. Da Jacob sonst immer Vorschläge und Ideen in die Diskusionen einbrachte. Diesmal aber, einfach nur schwieg. Nach dem Jacob weiterhin schwieg, wurde Mayer richtig böse und pulverte ihn an.
"Verdammt Fritz, hättest du die Freundlichkeit mit uns zu reden."
Müde und sich mühsam zum leisen Sprechen zwingend, brachte Jacob schwer atmend hervor. "Was soll ich dazu sagen, Sigmar? Ich bin müde. Ich habe keine Lust mehr, mich mit euch zu streiten. Ich habe die letzten vierzig Wochen, falls es euch entgangen sein sollte, ständig doppelte Schichten gemacht. Oft hat man mich, lieber Walter, auch noch in deine Schichten geholt. Oder wegen dem Schnupfen, eines eurer lieben Mitarbeiter. Den jeder der anderen Kollegen auch hätte behandeln können. Das hätte sogar März oder Richter hinbekommen. Aber nein man holte immer mich. Ich brauche ja nicht schlafen. Ich komme völlig ohne Schlaf aus."
Jacob atmete schwer und versuchte sich zu beruhigen. Der Chefarzt war schon wieder kurz davor loszubrüllen und völlig aus dem Anzug zu springen. Es kostete ihn alle seine Kraft ruhig zu bleiben.
"In der letzten Woche, habe ich fünfzehn Stunden, in sieben Tagen geschlafen. Davon vier Stunden in einem Bett. Den Rest am Labortisch. Aber es interessiert euch nicht. Wenn ich jetzt etwas sagen würde, täte euch das nicht gefallen. Bevor ich euch wieder anschreie, werde ich lieber meine Klappe halten. Du, Sigmar, bist Soldat. Du Walter bist Wissenschaftler. Ihr seid beides keine Ärzte. Ich jedoch, habe den Eid des Hippokrates geschworen. Dieser Schwur ist mir immer noch etwas wert. Er besagt nämlich, dass ich da bin, um Leben zu beschützen und Kranke zu heilen. Ihr verlangt Sachen von mir, die gegen mein Berufsethos verstoßen und gegen den von mir geschworenen Eid des Hippokrates …", stoßweise holte Jacob Luft, man merkte genau, dass es ihm zunehmend schlechter ging. Er zitterte am ganzen Körper und hatte Schweißperlen auf der Stirn. Der Chefarzt war kurz davor zusammenzuklappen. "… ihr verlangt nicht nur von mir, dass ich morgen die außerhalb der Norm liegenden Kinder töte, sondern alle hundert Kinder. Zu was, frage ich euch allen Ernstes, haben wir dieses verdammte Experiment überhaupt gemacht, wenn wir die Kinder nach der Geburt gleich alle töten? Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Man muss kein Arzt sein, um den Fehler der hier gemacht wird zu sehen, das sieht jeder mit einem normalen Menschenverstand. Schaltet mal euer Gehirn dazu. Haben diese Kinder nicht auch ein Recht, wie Menschen behandelt zu werden. Fangt ihr jetzt schon an, sie wie den letzten Dreck zu behandeln. Das könnt ihr gern machen, aber nicht solange ich hier die Verantwortung trage. Solange ich hier der Chefarzt bin, werde ich dafür sorgen, dass diese Kinder wie Menschen behandelt werden. Ob das euch nun gefällt oder nicht. Wenn ihr vorbehaltlos, das macht, was diese Unmenschen aus dem Institut verlangen, dann ist das nichts anderes als Mord. Könnt ihr mit diesen Morden leben? Ich nicht. Ich werde dies auch nicht zulassen. Entweder wir finden eine andere Lösung für die Neugeborenen oder aber, …"
Jacob konnte nicht mehr ruhig sprechen. Er war kurz davor Dinge zu tun, die er im Anschluss bereuen würde. Deshalb hörte er mitten im Satz auf zu sprechen und winkte einfach nur wütend ab. Der Chefarzt stand abrupt auf und stürmte ohne ein weiteres Wort zu sagen aus der Offiziersmesse. Er verließ ohne Erlaubnis die Dienstbesprechung. Etwas dass der Projektleiter niemals durchgehen ließ. Mayer der hinter Jacob herlief, um ihn zurückzurufen, ignoriert der Chefarzt einfach. Er wollte nicht, dass auch noch Anna seine Wut abbekam. Deshalb ließ er auch noch seine Freundin, ohne ein Wort zu sagen, einfach in der Mensa stehen. In die er sich zurückgezogen hatte, um sich erst einmal zu beruhigen.
Jacob musste wieder zu sich selber finden und mit sich ins Reine kommen. Alles in ihm zitterte und vibrierte. Er brauchte vor allem etwas Zeit, um seine Gedanken neu zu sortieren.
Trotz der Minus 18°C ging er im Park spazieren. Die Kälte tat ihm gut. Er setzte sich nach zehn Minuten auf eine der Bänke und zog die Beine auf die Sitzfläche, so wie es seine Anna so gern machte. Sie erklärte ihm einmal, dadurch, dass sie ihre Knie umfasste, hätte sie das Gefühl sich selber zu beschützen. Heute brauchte er dieses Gefühl dringend und es half wirklich. Die eisige Kälte der Sitzfläche wirkte etwas beruhigend, auf sein aufgewühltes Inneres und seine kurz vor dem Zerreisen stehenden Nerven. Mit dem umschlingen der Knie wärmte er sich selbst ein wenig. Langsam kam er wieder zu sich und beruhigte sich soweit, dass er wieder normal denken konnte.
Kurz nach 22 Uhr, hatte der Chefarzt für sich eine Entscheidung getroffen. Durchgefroren wie er war, ging er noch einmal zu Mayer. Er wollte und musste dem Projektleiter diese Entscheidung sofort mitteilen. Da er mit dieser zerbrochenen Vertrauensbasis, einfach nicht weiterarbeiten konnte. Jacob fühlte sich nicht in der Lage, auch noch gegen Mayer und Zolger kämpfen. Er musste also entsprechende Schritte einleiten und seine Konsequenzen ziehen. Selbst wenn dies bedeutet, dass er jetzt schon aus dem Projekt aussteigen musste. Dieser ganze Kampf überstieg einfach seine Kraft.
Kurz entschlossen drückte er auf den Klingelknopf. "Sigmar, hast du einen kurz Moment Zeit für mich?", erkundigte Jacob sich an der Gegensprechanlage von Mayers Wohnung.
"Klar", antworte Mayer, "aber nur, wenn du mich nicht wieder anbrüllst."
Jacob nickte. Im selben Moment wurde ihm bewusst, dass sein Vorgesetzter das nicht sehen konnte. Also brummelte er: "Ich geb mir Mühe, versprechen kann ich dir nichts."
Ein Surren und sofort öffnete sich die Tür. Jacob lief schnell die paar Stufen zu Mayers Wohnung hoch.
"Guten Abend, Sigmar. Guten Abend Reimund", begrüßte er die beiden Kollegen, um überhaupt etwas zu sagen, fügte er hinzu: "Na, haste Ilka schon im Bett?"
Reimund nickte lachend. "Klar, die Kleine war heute den ganzen Tag draußen im Schnee. Die Prinzessin war fix und fertig. Die schläft schon seit 20 Uhr."
Verstehend nickte Jacob und meinte: "Na, dann hast du ja auch mal etwas eher Feierabend. Sigmar, kann ich dich unter vier Augen sprechen?" Jacob wandte sich dabei wieder Mayer zu, um sein Anliegen vorzubringen.
"Fritz, du gehst schon in mein Büro", befahl Sigmar.
Mayer hatte verstanden, dass es wohl gleich richtig zur Sache gehen würde. Daher wollte er den Betreuer seiner Tochter aus der Wohnung haben. Reimund konnte alles essen, musste aber nicht jede Auseinandersetzung, die er mit dem Chefarzt hatte mitbekommen. Soweit traute der Projektleiter Reimund nicht. Daher schickte er ihn mit den Worten nach Hause. "Reimund, wenn ich dich brauche, rufe ich an. Mach Schluss für heute. Morgen wird ein anstrengender Tag für dich."
Der Angesprochene nickte erleichtert mit dem Kopf und ging ohne Widerspruch in seine Wohnung, die eine Etage tiefer lag.
"Na dann schieß mal los." Mayer forderte seinen Freund auf, zur Sache zu kommen, als er sich hinter seinen Schreibtisch gesetzt hatte.
"Sigmar, du kannst die Leitung des Projektes, an Anderson übergeben. Ich hole die Kinder morgen noch auf die Welt. Im Anschluss bin ich raus aus dem Projekt. Tut mir leid Sigmar, aber so kann ich nicht arbeiten. Ich habe mir nicht für umsonst die ganze Zeit den Arsch aufgerissen, um die Kinder alle durchzubekommen. Du weißt besser als jeder Andere hier im Projekt, was in den letzten vierzig Wochen los war. Es werden morgen wahrscheinlich achtzehn Kinder sterben. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Damit muss ich leben. Aber ich werde nicht zulassen, dass ihr gleich am ersten Tag, noch mehr Kinder sterben lasst.
Sigmar, es sind im Moment draußen im Park minus 18°C. Die Neugeboren haben keine zehn Minuten, dann sind sie tot. Damit kann und will ich nicht leben. Dafür habe ich diese Kinder nicht vierzig Wochen lang hochgepäppelt. Ihr könnt das machen, wenn die eine Woche alt sind, aber nicht morgen. Wenn ihr denkt, das Anderson das Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss bringt, dann bitte. Ihr müsst noch vier Ärzte entlassen, setze mich bitte als erstes auf die Liste."
Jacob sah Mayer fest in die Augen und war unter diesen Voraussetzungen nicht mehr dazu bereit, von seinem Entschluss zurückzutreten. Als Mayer etwas sagen wollte, schüttelte Jacob den Kopf.
"Sigmar, egal, was du zu mir sagst. Wenn ihr von mir verlangt, die Kinder wenige Minuten nach ihrer Geburt, nach draußen in die Kälte zu legen, dann bin ich raus. Sage das Hunsinger bitte. Denn der lässt sich ständig bei mir verleugnen. Das ist mein letztes Wort. Du erreichst mich in meiner Wohnung", Jacob erhob sich und wollte sofort Mayers Büro verlassen.
"Hier bleiben." Harschte Mayer den Chefarzt an und griff über den Schreibtisch, um ihn am Gehen zu hintern. Traurig sah er Jacob an.
"In Ordnung ich sage es Hunsinger so. Fritz, du bist dir aber darüber im Klaren, dass du mit solchen Aktionen keine Pluspunkte sammelst. Das nennt man glatt weg Erpressung."
Jacob nickte wissend. Erklärte Mayer, sich zum leise sprechen zwingend und man hörte ihm, durch das zittern seiner Stimme an, wie schwer ihm das fiel. Jacob war erneut kurz davor seine Beherrschung zu verlieren.
"Das ist mir klar. Nenne es wie du willst, Sigmar. Das ist mir langsam schnurz wie piepe. Aber auch ihr solltet eins bei diesem Projekt begreifen, das habe ich euch von Anfang an klar gemacht. Solange ich hier Chefarzt bin, werde ich mich für das Wohl dieser Kinder einsetzen. Ich bin Arzt, Sigmar, kein Massenmörder."
Jetzt war es an Mayer aus dem Anzug zu springen, in einer Art, wie dies noch nie passiert war. Er brüllte Jacob böse an. "Das soll jetzt heißen, dass ich ein Mörder bin, willst du das damit ausdrücken. Denkst du vielleicht, mir geht das hier alles am Arsch vorbei? Fritz, ich habe selber eine Tochter, die Kleine ist auf das Schwerste behindert. Denkst du vielleicht mich macht die ganze Sache nicht genauso wütend, wie dich. In Ordnung, ich habe diesen komischen Eid nicht geschworen. Aber Fritz, ich bin mit Herz und Seele Soldat. Wir Soldaten besitzen auch einen Codex. Ich bin da, um Menschen zu beschützen und nicht um zu morden. Natürlich müssen wir manchmal töten. Aber ich schieße nicht, auf Unbewaffnete, schon gar nicht töte ich Kinder", böse sah der Projektleiter Jacob an.
Richtig wütend war er geworden. Mayer stand auf und stützte sich auf seinen Schreibtisch, um Jacob noch näher zu sein und ihm dabei direkt in die Augen sehen zu können. Zwang sich selber dazu wieder leise zu sprechen.
"Sag mir Fritz, was soll ich deiner Meinung nach tun?"
Jacob sah seinen Vorgesetzten, der immer beherrscht, niemals launisch war, erschrocken an. Er hatte seine erste Meinung über Mayer, schnell revidieren müssen. Mayer war nicht unbeherrscht, wie er erst dachte. Er war ein ruhiger ehrlicher Mensch. Den man schon richtig ärgern musste, damit er seine Laune an anderen ausließ. Entsetzt blicke Jacob deshalb zu Mayer hoch. So böse, war dieser in dem ganzen Jahr nicht geworden. Obwohl sie einige wirklich schlimme Auseinandersetzungen hatten. Jacob lehnte sich an die Lehne des Stuhles, ließ seinen Kopf nach hinten baumeln. Dann strafte sich sein Körper, so wie er es immer machte, wenn er für sich eine Entscheidung fällte.
"Was du machen sollst? Fragst du mich das wirklich Sigmar? Es ist ganz einfach. Du musst mir helfen durchzusetzen, dass man diese kleinen Lebewesen da unten, wenigstens ein kleines bisschen wie Menschen behandelt. Auch wenn das bedeutet, nicht den bequemsten Weg gehen zu können, wie ihr das so gerne tut.
Wir können sie in einer Woche raus in den Schnee legen. In Ordnung, das gefällt mir zwar auch nicht, nur werden mir noch viele Dinge nicht gefallen, die wir tun müssen. Aber bitte nicht, gleich nach der Geburt. Die Kinder benötigen für die Umstellung aus den Inkubatoren, auf die eigene Atmung und bis hin zur Stabilisierung des Kreislaufes, wenigstens fünf bis sechs Tage. Dies ist auch bei genetisch veränderten Menschenkindern nicht anders. Mach das gefälligst, diesen hirnverbrannten und inkompetenten Trotteln aus dem Genlabor klar …" Jacob holte tief Luft, um sich weiter zu beruhigen. Vor allem, um Mayer nicht schon wieder anzubrüllen. Denn alles in ihm vibrierte, ihm war einfach alles zu viel. Leise, fast flüsternd sprach er weiter. "… Sigmar, machen wir das eher, könnt ihr gleich die Hälfte der Kinder nach der Geburt töten. Dann frage ich mich ernsthaft, warum wir dieses verdammt Experiment, überhaupt gemacht haben. Weil das keins der Kinder, ohne Schaden überlebt. Schalte einfach mal dein Gehirn dazu. Sigmar, man muss kein Arzt sein, um das zu verstehen. Die Kinder hätten einen Temperaturunterschied, von über 60°C auszuhalten. Vielleicht denkst du einmal darüber nach. Es stimmt ein Soldat, sollte den Befehlen folgen. Das ja. Aber nicht blind. Das nämlich mein lieber Freund, wäre sein Todesurteil. Sigmar, die Inkubatoren sind auf eine Temperatur von 46°C eingestellt. Heute waren über den Tag 18°C minus. Keine Ahnung, wie kalt es morgen sein wird. Selbst ein Mensch ohne medizinische Ausbildung müsste das verstehen", Jacob sah Mayer ernst an.
"Warum, sagst du mir das nicht gleich so. Verdammt Fritz, ich bin Soldat und kein Arzt. An sowas denke ich doch nicht. Ich werde sehen, was ich machen kann. Von mir aus decke ich dich sogar. Auf einen Anschiss mehr oder weniger, kommt es jetzt auch nicht mehr an. Aber bitte, mache morgen nicht gar zu wild. Langsam vertrage ich auch keine Anpfiffe mehr von dir. Du greifst mich jedes Mal persönlich an. Das finde ich nicht fair. Ich gebe die Befehle doch nicht."
Jacob verstand Mayer ja, aber er war auch nur ein Mensch und er konnte einfach nichts mehr ertragen. "Tut mir wirklich leid, Sigmar. Aber weißt du, wie schwer das alles für mich ist. Ich laufe im Moment total am Limit. Ich gebe mir ja Mühe, dass ich dich nicht anschreie. Aber es potenziert sich so vieles. Ich kann manchmal einfach nicht mehr. Weißt du eigentlich, dass ich seit Monaten kaum noch schlafe. Ständig ist irgendwas oder irgendein Notfall. Jeder hier im Objekt will, dass ich ihn persönlich behandle. Keiner denkt auch nur einmal darüber nach, dass auch ich mal etwas Ruhe bräuchte. Ich hatte seit Mai voriges Jahr keine Zeit mehr, mich zu erholen. Kannst du dir eigentlich vorstellen, dass auch meine Kraftreserven irgendwann einmal verbraucht sind", völlig geknickt sah Jacob zu seinem Freund, fuhr mit leiser und bebender Stimme fort. "Sigmar, vielleicht ist es dir noch nicht bewusst geworden. Ich muss morgen auf der 6/blau, achtzehn mehr oder weniger gesunde Säuglinge töten. Kannst du dir eigentlich vorstellen wie es in mir drinnen aussieht", Jacob klopfte sich mit der Faust, hart auf sein Herz, so dass es richtig knallte. "Weder du musst das tun, noch Walter muss das tun. Mir hat man den ganzen Scheiß aufgehalst. Denn die Mitarbeiter des Institutes machen es sich einfach, die delegieren diese verdammten Morde, einfach zu mir. Die machen sich nicht die Hände schmutzig, die ni...", Jacob konnte nicht weiter reden, die ganze Anspannung der letzten Tage brach aus ihm heraus. Plötzlich schluchzte er auf, Tränen liefen aus seinen Augen und er stützte den Kopf auf seine zitternden Hände.
Es herrschte ein langes betretenes Schweigen. Entsetzt sah Mayer, den Chefarzt des Projektes an. Der gebrochen und wie ein Häufchen Unglück vor ihm saß. Lange brauchte Jacob, um sich wieder zu beruhigen. Flüsternd und mit bebender Stimme, erklärte sich Jacob seinem Freund.
"Sag mir bitte eins, Sigmar. Wen soll ich das machen lassen? Wem soll ich damit beauftrage? An wen soll ich diese Morde weiterbefehlen? An Anderson, Anna, Walli, Heiko oder soll ich dir den Befehl dazu geben?"
Jacob sah einen Moment lang Mayer mit so viel Leid in den Augen an, dass es diesem das Herz zusammenzog. Das war ihm bis jetzt noch nicht klar gewesen.
Plötzlich schüttelte Jacob seinen Kopf. "Sigmar, ich kann niemandem einen solchen Befehl erteilen. Nur, um es nicht selber machen zu müssen. Ich kann die Verantwortung, nicht einfach auf jemand anderen abwälzen", Jacob rieb sich dabei die Brust, die schon wieder schmerzte und fuhr sich dann durch die Haare. "Sigmar, ich kann das einfach nicht auf die Art machen, wie die netten Damen und Herren im Genlabor es tun. Die machen sich das alles einfach", sein Blick war so voller Wut, so voller Hass, dass es schon schmerzte den Chefarzt anzusehen. "Die delegieren die Verantwortung einfach auf mich. Die sind sich zu fein dafür, ihre Drecksarbeit selber zu tun. Also muss ich das tun. Verdammt … kapiere das endlich mal."
Tränen liefen über Jacobs Gesicht. Er konnte einfach nicht dagegen tun. Er stützte seinen Kopf auf die Hände und versuchte gleichmäßig zu atmen. Nicht nur um sich zu beruhigen, sondern auch um die Schmerzen in seinem Herzen in den Griff zu bekommen. Diese hatten nichts mit einem kranken Herzen zu tun, sondern kamen von der Seele, die bei dem Gedanken an diese Morde zerbrach. Jacob brauchte einige Zeit, ehe er sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Schwer atmend und blass, saß dieser vor dem Schreibtisch des Projektleiters. Er wirkte wie ein gebrochener alter Mann und nicht wie ein junger erst einunddreißig Jahre alter Arzt.
Diese Person, hatte nichts mehr mit dem vor Energie strotzenden, immer lächelnden Jacob zu tun, der vor einem reichlichen Jahr hier ins Projekt gekommen war. Der Jacob, der alle sofort mit seinem Tatendrang begeistern konnte, war irgendwo auf der Strecke geblieben. Vor Mayer saß ein Mann, mit tiefen fast schwarzen Augenringen. In dessen Gesicht sich tiefe Furchen eingegraben hatten und dessen Wangen eingefallen waren. Dessen Haar von weißen Strähnen durch wachsen waren und stumpf aussah. Sein gesamtes Erscheinungsbild erzählte viel mehr über das vergangene Jahr und die damit verbunden Strapazen, als es Worte vermochten hätten.
Dies alles wurde Mayer mit einem Schlag klar. Vor allem verstand er auf einmal, was Jacob eigentlich so fertig machte. Es war nicht die Arbeit der letzten vierzig Wochen, die ihn zerbrochen hatten, sondern das, was er morgen tun musste. Erst durch diese letzten Sätze, begriff Mayer den vollen Umfang dessen, was am morgigen Tag auf seinen Chefarzt zukam. Mayer starrte Jacob fassungslos an, während dieser versuchte weiterzusprechen. In diesem Moment verstand der Projektleiter erst, warum Jacob in den letzten Wochen so gereizt war. Ihm wurde auch bewusst, wieso Jacob so um seine Kinder gekämpft hat. Vor allem wurde Mayer bewusst, dass er seinen Kollegen und Freund, völlig im Stich gelassen hatte. Er schämte sich dafür, die Seelensorgen seines Freundes nicht wahrgenommen zu haben.
Jacob hob den Kopf und sah seinen Freund einen Moment lang verzweifelt an und senkte den Kopf wieder und starte auf seine Finger. "Weder du, noch Walter, sondern ich werde dies tun müssen. Und du regst dich auf, wenn bei mir die Nerven blank liegen", hauchte Jacob mehr, als dass er sprach, zu seinen Füßen. Tief holte der Chefarzt Luft und stand auf. Kopfschüttelnd ging er zur Balkontür, stützte sich mit den Händen gegen die kalte Glasscheibe und lehnte seine heiße Stirn dagegen und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Vor allem aber, um diesen verdammten Schmerz in seiner Brust los zu werden.
Nach einigen Minuten, in der auch Mayer den Chefarzt in Ruhe ließ, viel zu geschockt von den letzten Worten seines Freundes, brachte Mayer nur ein, "Oh mein Gott", hervor.
Mayer starrte Jacob von der Seite an. Er war fassungslos und begriff mit jeder Minute mehr, die gesamte Tragweite dessen, was sein Freund ihm da sagte. Er war erschüttert. Etwas, dass Mayer selten vorkam.
Jacob ging an Mayer vorbei und ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen, um sich müde das Gesicht zu reiben. Einige Minuten blieb Jacob so sitzen, dann lehnte er sich zurück, ließ seine Halswirbel krachen und atmete tief durch. Dann sah der Chefarzt Mayer lange schweigend an. Leise und mit einem verzweifelten Ausdruck in den Augen, so dass es Mayer fast das Herz zerbrach, hauchte Jacob mehr, als das er sprach.
"Komm, lass uns weiter Freunde bleiben. Sigmar, du weißt ich meine es nicht persönlich. Du kannst ja nichts dafür", er stand noch einmal auf, ging auf Mayer zu und hielt ihm die Hand hin.
Lange sah ihn Mayer an. "Hast ja Recht, Fritz. Ich verstehe dich ja auch irgendwo. Verdammt, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Klar, verstehe ich dich. Aber du musst auch mich verstehen. Langsam nervt es mich, dass ich für alle den Prügelknaben spielen muss. Du lässt deinen Frust an mir ab, die Schwestern, der Hausmeister, Hunsinger, die vom Institut. Irgendwann muss einmal Schluss damit sein." Mayer nahm die ihm entgegen gestreckte Hand, zog Jacob auf sich zu und nahm ihn einfach in den Arm.
Jacob sah den Freund spöttisch lächelnd an. "Du hast ja so Recht. Ich versuche mich zu bessern. Vielleicht solltest du morgen, von den Technikern, einen Blitzableiter hier in deinem Büro und unten in der Offiziersmesse einbauen lassen. Damit wir unsere Wut, dort dran ablassen können oder ein paar Sandsäcke", brachte Jacob spöttisch zum Ausdruck, dass auch er Mayer verstand.
Der Chefarzt wechselte schnell das Thema, über das er im Moment nicht mehr nachdenken wollte, da es ihn langsam aber sicher zerstörte.
"Aber eine andere Frage. Warum haben die Schwestern dich schon wieder belästigt?"
Mayer winkte ab, wollte Jacob damit nicht belasten, der hatte im Moment schlimmere Probleme.
"Komm raus mit der Sprache, Sigmar. Wieder wegen dem Richter?"
Der nickte und erklärte Jacob, im wütenden Ton. "Ja, der fliegt morgen. Richter ist derjenige der als nächstes, ohne jegliche Abfindung geht. Vor allem, mit einer fetten Anzeige zu rechnen hat. Mit ihm geht der Hoffmann, damit hier endlich einmal Ruhe einkehrt. Das ist ja nicht mehr zum Aushalten."
Erleichtert atmete Jacob auf. "Dafür soll dir Ilka morgen früh einen dicken Kuss geben."
Jetzt musste sogar Mayer wieder grinsen, dem das Lachen gerade aus dem Gesicht gefallen war. "Komm Fritz, ab mit dir ins Bett, sieh mal auf die Uhr. Weißt du wie spät das schon wieder ist?"
Erschrocken sah Jacob auf die Uhr, es war schon kurz nach 1 Uhr. "Dann fällt das Schlafen heute wieder einmal ganz aus. Bitte Sigmar, du musst mir noch bei einer Sache helfen."
Mayer verdrehte die Augen und sah Jacob genervt an.
"Sigmar, guck nicht so. Rechne einfach einmal nach, dazu muss man nicht mathematisch hochbegabt sein, wie deine Tochter. Wir haben da unten, hundert Kinder, die auf die Welt geholt werden müssen. Egal ob sie weiterleben dürfen oder nicht. Die Zeit bleibt dieselbe. Bei den Probeläufen, brauchten wir pro Durchlauf zwölf bis dreizehn Minuten, da muss, aber wirklich alles klappen und es wird laut Zimmermann nicht besser. Es darf mit keiner Pumpe, auch nur die kleinste Schwierigkeiten geben. Die Pumpen ziehen nicht mehr so, wie vor zehn Monaten. Die brauchen einfach länger zum Abpumpen des Fruchtwassers. Wir können aber immer nur ein Kind pro Serie holen. Dann fehlen uns auch noch zwei Ärzte. Selbst dann Sigmar, wenn ich Walli und Anna, die das durchaus schaffen, für diese Serien einsetze, geht es nicht schneller. Gehe bitte einmal, von nur zwanzig Minuten pro Kind aus und das, mal hundert Kinder. Das macht nach Adam Ries schon zweitausend Minuten. Rechne das alles, durch acht Ärzte plus Anna und Walli, auf die ich mich verlassen kann. Dann macht das, zweihundert Minuten pro Serie, also knapp dreieinhalb Stunden. Sigmar, dann muss aber wirklich alles klappen. Da darf keines der Kinder dabei sein, das Anlaufschwierigkeiten hat. Aber bei hundert Kindern, mein Freund, sind bestimmt zwanzig bis fünfundzwanzig dabei, die eben diese Probleme haben werden. Sigmar, das ist ein Erfahrungswert aus der normalen Geburtsheilkunde. Dies wird auch bei uns nicht anders sein. Ich denke eher, dass wir bei dreißig bis fünfunddreißig Kindern liegen, die Probleme kurz nach der Geburt haben werden. Dann sind wir schnell auf dreißig bis fünfunddreißig Minuten pro Kind. Wir schaffen das nie im Leben, das habe ich euch schon ein Dutzendmal gesagt. Wenn wir erst um 6 Uhr anfangen, bekommen wir ernste Probleme mit der Zeit. Lieber sind wir, wenn alles gut geht, zwei Stunden eher fertig. Als dass wir den Technikern in die Quere kommen. Die bringen es fertig, die Inkubatoren abzubauen, bevor wir die Kinder da raus haben. Die stehen doch selber unter enormen Zeitdruck", ernst sah der Chefarzt Mayer an.
Der Projektleiter starrte Jacob an, es stimmte, was der Arzt sagte. Jacob hatte das den Wissenschaftlern bestimmt schon dreißigmal erklärt. Er hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass die geplante Zeit einfach nicht ausreichend ist. Dass er sich am liebsten den ganzen Tag dafür Zeit nehmen würde, um zu gewährleisten, dass keine geburtsbedingten Schäden auftreten.
Immer wieder mahnte Jacob. "Die Geburt ist der gefährlichste Zeitabschnitt des Lebens. Leute, in der Ruhe liegt die Kraft bei der Geburt eines Kindes. Dies kann man nicht planen."
Tief holte Mayer Luft, gab kurz entschlossen nach. Jacob hat ja Recht, was nutzte diese Hetz.
"Wann willst du anfangen?"
Jacob atmete erleichtert auf. "Spätestens um 5 Uhr, aber lieber wäre mir um 4 Uhr. Dann haben wir etwas Luft und können vernünftig arbeiten. Vor allem, sollten wir unten die Turnhalle nutzen, bis das Kinderzimmer fertig ist. Ein paar Decken auf den Laufbahnen, würden genügen. Die Kinder sollen ja nicht verwöhnt werden", dankbar sah Jacob seinen Chef an. Er war sich im Klaren darüber, dass Mayer wegen ihm wieder einen Anpfiff bekam. "Sigmar, wir können die ersten Geburtszeit, ohne dass jemand etwas merkt, auf 6 Uhr und etwas später eintragen. So dass es denen vom Institut gar nicht auffällt. Die Wissenschaftler bekommen das gar nicht mit, wenn keiner etwas sagt. Die Zeiten schreibe ich ein, die können meine Leute einfach offen lassen. Die Reihenfolge der Kinder weiß ich ja. Das bastele ich dann schon zurecht. Das Wichtigste ist doch, dass wir um 10 Uhr fertig sind."
Jetzt war es an Mayer erleichtert zu gucken. "Siehst du Fritz, so sollten wir zusammenarbeiten und nicht tückschend aus dem Zimmer laufen. Start ist morgen 4 Uhr. Ich gebe Alarm um 2 Uhr 30 für alle die das betrifft und sage in der Küche Bescheid. Da steht für euch Frühstück in der Mensa bereit. Du weist alle ein. Die Wachmannschaft, legt heute Nacht noch Decken in der Sporthalle aus und bereitet alles für euch vor. Und zwar zusammen mit den Leuten aus dem Labor. Dann los, leg dich noch eine Stunde hin."
"Danke Sigmar. Denke bitte daran, die sollen auch eine Kochstelle für die Flaschen mit der Spezialnahrung einrichten. Alma wird sich um die Zubereitung der Nahrung und kümmert sich um das füllen der Fläschchen. Ich habe sie genauestens eingewiesen. Sei nicht mehr sauer auf mich, Sigmar, ich bin einfach nur fertig. Ich möchte wieder einmal eine Nacht durchschlafen, ohne geweckt zu werden."
Mayer klopfte den Arzt auf die Schulter. Ihm war klar geworden, wie fertig Jacob sein musste. Er hatte es, kurz vor Weihnachten am eigenen Leib gespürt, wie nahe sie alle vor dem Abgrund standen. Der Projektleiter hatte keine Ahnung, wie er diesen Stress noch sechzehn Jahre durchhalten und wie er nebenher, auch noch seine Tochter Ilka vernünftig großziehen sollte. Er kam mit dieser doppelten Belastung einfach nicht mehr klar. Mayer hatte keine Ahnung, ob er das auf Dauer schaffen konnte. Seine Eltern hatten ihm schon mehrmals angeboten, Ilka zu sich zu nehmen, wenn er Reimund mitschickte. Da beide schon über siebzig Jahre waren, schafften seine Eltern es nicht mehr alleine, sein Mädchen zu betreuen. Da Ilka bei vielen Dingen einfach Hilfe brauchte. Das würde allerdings die Trennung von seiner Prinzessin bedeuten und das über Jahre. Das bekam Mayer einfach nicht übers Herz. Ilka hatte immer noch nicht den Weggang ihrer Mutter verkraftet. Also musste Mayer für sein kleines Mädchen, Mutter und Vater zugleich sein.
Mayer zwang seine Gedanken wieder zurück in die Gegenwart und zurück in sein Büro. Gedankenversunken starrte er aus dem Fenster, in den verschneite Park, der einer Märchenlandschaft glich.
"Ich weiß Fritz. Ist schon gut. Bitte versuche in Zukunft, mich nicht mehr so oft anzuschreien. Glaube mir, ich bekomme von allen Seiten Hiebe, nicht nur von dir. Ich weiß im Gegensatz zu dir, hatte ich fünf Wochen Urlaub. Aber als ich wiederkam, hab ich gedacht, 'warum in aller Welt, habe ich mir das nur angetan'. Weißt du wie schwer es war, in dieses Irrenhaus wieder reinzukommen."
Jacob konnte sich das vorstellen. "Ach Sigmar, wir schaffen das schon. Wenn die Kinder auf der Welt sind, kann ich vielleicht ein paar Tage kürzer treten. Mal richtig ausschlafen, schwimmen, mit meiner Anna plaudern. Dann kann ich einfach wieder einmal etwas Spaß haben. Du wirst sehen, ich bin ganz schnell wieder, der liebe, ruhige, brave und leise sprechende Doktor, der dich nicht mehr ärgert", brachte Jacob mit einer riesigen Portion Sarkasmus zum Ausdruck, dass er einfach mal richtig ausschlafen wollte. Bemühte sich Mayer schelmisch anzugrinsen, was aber gründlich misslang. Sein Gesicht wurde zu einer ziemlich skurril aussehendes Maske. Aber es reichte um einen Heiterkeitsausbruch bei dem Projektleiter auszulösen. Denn Jacobs Gesicht sah wirklich zum Schreien komisch aus.
Mayer fing schallend an zu lachen. "Na gut, du braver Onkel Doktor, du. Du schmeißt dich jetzt gleich hier auf das Sofa. Ehe du hinten bei dir bist, ist die Stunde rum, so langsam wie du kriechst. Ich wecke dich in einer Stunde. Auf diese Weise, hast du wenigstens noch eine kleine Mütze Schlaf bekommst. Du nutzt mir nichts, wenn du mitten in der Geburt der Kinder, im Tiefschlaf umfällst. Los, hopp ... hopp ins Bettchen. Das ist ein Befehl."
Lachend knallte Jacob die Fersen zusammen, ging schlurfend zum Sofa und schmiss sich darauf. Gerade, dass er es noch schaffte die Schuhe abzustreifen, schon schlief der Chefarzt tief und fest. Kopfschüttelnd sah Mayer auf den Arzt herab. Mayer nahm eine Decke, um seinen schon tief und fest schlafenden Freund zuzudecken.
"Verdammt Fritz, du musst wirklich wieder einmal schlafen. Ich muss wirklich mehr auf dich achten."
Immer noch mit dem Kopf schüttelnd drehte sich der Projektleiter um und ging zurück in sein Büro, um alles zu organisieren. Auch für Mayer war es wieder einmal eine Nacht, ohne eine Stunde Schlaf.
Nur achtundfünfzig Minuten später, wurde der Chefarzt von Mayer geweckt.
"Fritz, komm werd munter ... Hoch mit dir! ... Steh auf! ... Los!", ein Rütteln weckte den Chefarzt. Verschlafen schaute er den Störenfried an. "Komm schon, du musst aufstehen und vor in die Mensa. Dein Taxi steht unten. Ich komme gleich nach. Ich muss nur noch die Flugsicherung einweisen, wegen heute Vormittag und lass mir ja genügend Kaffee übrig", bat Mayer.
Mühsam rappelte sich Jacob vom Sofa hoch und wollte sich für das Wecken bedanken, was bestimmt nicht einfach war. Aber der Projektleiter war schon aus dem Raum verschwunden und man sah nur noch einen Kondensstreifen. Jacob stand völlig verschlafen auf. Lief oder besser schwankte mehr als das er ging, zum Fahrstuhl und fuhr nach unten, wo schon ein Multicar für ihn bereit stand.
"Ach du brauchst mich nicht fahren, Matthias", brummelte Jacob, in seinen Dreitagebart.
Der Angesprochene schüttelte den Kopf. "Befehl vom Chef. Herr Doktor, dagegen werde ich nicht verstoßen", breit grinste ihn der Fahrer an.
Also stieg Jacob müde und zerschlagen wie er war, auf den Wagen und wurde den knappen Kilometer, bis zur Mensa gefahren. Kaum dass der Multicar vor der Tür hielt sprang Jacob vom wagen.
"Danke", kam müde von ihm, schon war er in der Mensa verschwunden. Wo seine Leute schon munter schwatzend und essend am Tisch saßen.
"Na, ihr seid ja gut drauf. Habt ihr mir ein Brötchen aufgehoben?", erkundigte sich Fritz müde. Bekam von Anna lachend ein aufgeschnittenes und sogar schon geschmiertes Brötchen, zugeschoben.
"Hab ich mir vom Mund abgespart. Sogar einen Kaffee habe ich dir aufgehoben. Aber mal etwas anderes, warst du überhaupt im Bett? So wie du aussiehst, wohl eher nicht."
Jacob sah verlegen zu seiner Freundin und an sich herab. Er stellte fest, dass er so aussah, wie er sich fühlte: müde, zerknautscht und unrasiert. So sahen ihn seine Mitarbeiter in letzter Zeit öfter, weil ihm einfach die Kraft fehlte, sich ordentlich herzurichten.
"Ja mein Engelchen, ich habe etwas geschlafen, bei meiner Freundin Ilka auf dem Sofa. Ich bin halt etwas fremd gegangen und habe den Weg in mein Bett einfach nicht mehr geschafft."
Plötzlich fingen alle an zu lachen. Der entsetze Blick von Anna, als sie Jacobs Worte vernahm, sagte alles. Auch, wenn dieser nur einen Bruchteil einer Sekunden zu sehen war, hatte er ausgereicht, um schallendes Gelächter auszulösen. Anna wurde fast sofort bewusst, dass Ilka ja erst zehn Jahre alt war. Aber dieser Moment reichte, um deren Gedanken zu verraten.
"Ach du bist böse Fritz. Du machst mich einfach eifersüchtig. Buha, das ist ganz böse."
Dabei zog Anna eine so dumme Gusche, dass man einfach nur lachen konnte. Sie sah mit schief gehaltenem Kopf, ihren Freund an. Jacob fing noch mehr an zu lachen und hielt sich dabei, seinen nicht vorhandenen Bauch, weil ihm dieser vom Lachen weh tat. Er konnte einfach nicht aufhören zu lachen. In selben Moment kam Mayer in die Mensa, setzte sich ungewohnter Weise mit an den Tisch, des medizinischen Personals.
"Darf ich bei euch frühstücken, sonst muss ich alleine essen?", lud er sich selbst zum Frühstück ein. "Vor allem lacht ihr so schön. Das kann ich gerade ganz gut gebrauchen. Mir steht nämlich der Ar… voller Tränen. Was gibt es denn so Lustiges bei euch, um diese frühe Morgenstunde?", bat Mayer um Aufklärung.
Jacob wischte sich, mit dem Ärmel seines Overalls, die Tränen aus den Augen und versuchte wieder ernst zu werden. Das allerdings gelang ihm nur schwerlich.
"Ach nichts weiter, Sigmar. Meine Anna war gerade eifersüchtig auf deine Ilka, weil ich fremdgeschlafen habe. Sag mal, wer hat dich schon wieder geärgert? Ich war doch ganz brav", jetzt musste selbst Mayer grinsen.
"Na ja, du warst dieses eine Mal nicht schuld. Keine Angst, du warst wirklich einmal ganz brav. Jedenfalls die letzten drei Stunden. Schließlich hast du davon neunundfünfzig Minuten verschlafen. Wie kannst dir einen solchen Luxus leisten", stichelte er mit dem Chefarzt, weil er selbst noch gar kein Bett gesehen hatte und heute auch keins zu Gesicht bekommen würde. "Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab, Fritz. Um 6 Uhr, habe ich gerade erfahren, kommt ein Wissenschaftlerteam. Das will die Kinder begutachten."
"Ach du Schei…", weiter sprach Jacob das böse Wort nicht aus.
"Können sie nicht versuchen, die Leute aus der Flugsicherung in Berlin zu bestechen, dass die Startverbot geben? Oder, wir rufen einfach den Petrus an. Dass er einen Schneesturm schickt. Das wäre doch eine prima Idee, Genosse Major", machte Anna einen Vorschlag, über den sogar Mayer lachen musste.
"Unsere Anna, wie immer offen und ehrlich. Nehmen sie eigentlich niemals einen Blatt vor den Mund, Anna?", wollte Mayer von Jacobs Freundin wissen.
Die schüttelte schulterzuckend den Kopf, fing noch mehr an zu lachen. Als alle verwundert zu ihr schauten, zeigte sie einfach nach draußen. Da sie vor Lachen nicht sprechen konnte. Dort fing es plötzlich an zu schneien. Als wenn Petrus die Worte Annas gehört hätte. Aber nicht von oben nach unten, sondern schräg. So wie es nur schneit, wenn es sehr stürmisch war.
"Tja, … manchmal … hört sogar ... der Petrus … auf mich", sprach Anna, mit vielen Pausen, immer noch gegen das Lachen ankämpfend und hielt sich die Seiten. Weil ihr die Rippen vom Lachen schmerzten.
Erleichtert sah Mayer nach draußen. "Fritz, du gibst deiner Anna sofort einen Kuss von mir. Sonst mache ich das selber. Wenn das mal keine tolle Leistung ist, dann weiß ich nicht, was sonst. Also Fritz, wir machen es wie besprochen. Bitte fange nicht vor 4 Uhr an, wenn die Wissenschaftler wirklich kommen sollten, gibt es sonst wieder Ärger ohne En..."
Jacob nickte und unterbrach Mayer einfach. "Keine Angst, die merken das nicht. Die könne vielleicht den Tag der Geburt bestimmen, aber nicht die Stunden oder Minuten. Dies könnte man nur durch eine Obduktion feststellen. Nur dabei kann man den genauen Zeitpunkt der Geburt und des Todes minutengenau bestimmen."
Mayer atmete erleichtert auf.
Jacob dagegen, griff nach der Tasse Kaffee und trank einen Schluck. Seine Brötchen allerdings, blieb unberührt liegen. Der Chefarzt stand auf und erläuterte seinen Untergebenen zum wiederholten Male, die weitere Vorgehensweise am heutigen Tag.
"Also Leute, wir fangen im besprochenen Rhythmus an. Nur die Serien, werden anders betreut. Tut mir leid, dass ich diese Änderungen vornehmen muss. Es geht nicht anders. Doktor Anderson sie übernehmen die Serie 0. Doktor Selbmann, sie ihre Serie 1. Die Serie 2 übernimmt Doktor Otto. Doktor Alfred seine Serie 3. Die Serie 4, bleibt bei Doktor Hoffmann. Doktor Mai behält 5, Doktor Martin die 6 und Doktor Schenk die 7. Walli du übernimmst die Serie 8 von Doktor Anderson. Anna du kümmerst dich um die 9. Immer dann, wenn ich weg muss. Sind alle einverstanden?"
Anderson sah böse zu Jacob, weil er nicht seine eigene Serie betreuen durfte.
"Bitte Jim, sehe mich nicht so böse an. Es geht nicht anders. Wir haben zwei Ärzte zu wenig. Ich kann nicht die Serie 0 und 9 betreuen, die liegen zu weit auseinander. Richter habe ich extra nicht wecken lassen. Der stört sowieso nur und steht im Weg rum. So kann ich mich um deine Kinder und meine Kinder kümmern. Die Serien liegen nebeneinander."
Immer noch war der Angesprochen sauer. "Fritz, ich habe doch nicht die ganzen Monate darum gekämpft, dass meine Kinder in der Norm liegen. Damit ich jetzt die anderen einschlafen lassen muss. Ich kann das nicht."
Erschrocken sah Jacob, den netten und wirklich kompetenten Arzt an. Der zu seinem engsten Mitarbeiterkreis gehört und den er von Herzen mochte. Ihm wurde bewusst, was dieser dachte.
"Verdammt Jim, wie lange kennt ihr mich jetzt? Über ein Jahr?" Jacob schüttelte müde über seinen Kollegen den Kopf. Er konnte es nicht begreifen. "Glaubt ihr wirklich, dass ich das Töten der Kinder, jemanden von euch machen lasse. Alle Kinder ... wirklich alle Kinder ... kommen erst einmal nach unten in die Halle. Punkt. Das habe ich euch schon so oft gesagt. Alle, wirklich alle, werden erst einmal so behandelt, als wenn sie in der Norm lägen. Egal ob gesund oder nicht, ob in der Norm oder nicht, ob mit oder ohne Missbildungen. Das haben wir schon sooft durchgekaut. Verdammt nochmal, hört ihr mir eigentlich nie richtig zu", fuhr Jacob seinen Kollegen böse an. "Alle, ich wiederhole es gern noch einmal, wirklich alle Kinder, kommen erst einmal nach unten in die Halle. Das habe ich schon hundert Mal gesagt, merkt euch das endlich", Jacob, wurde jetzt richtig laut. Es war ein Thema, dass ihm gar nicht gut tat. Er wollte darüber nicht mehr sprechen.
Mayer der ahnte, was in Jacob vor sich ging, griff ein. "Fritz, bitte beruhige dich. Es nutzt niemanden etwas, wenn du jetzt die Leute anbrüllst."
Jacob stützte sich mit den Händen auf die Tischkante und schwankte bedenklich und holte tief Luft. "Entschuldigt bitte. Ich bin einfach nur müde. Ich bin zu kaputt, um jetzt solche Diskusionen zu führen. Also noch einmal für alle, die es immer noch nicht begriffen haben. Alle einhundert Kinder, damit meine ich wirklich alle Hundert, kommen erst einmal nach unten in die Turnhalle. Sie bekommen dort, als Erstes ihre Flasche mit der Spezialnahrung. Alma, um die Fläschchen kümmerst du dich, so wie wir das besprochen haben." Jacob sprach jetzt, mit gezwungener ruhiger Stimme. Der man aber die unterdrückte Wut anmerkte. "Dann sollen die Techniker hier oben, die Inkubatoren in Ruhe abbauen. Erst unten in der Halle entscheiden wir, wie es mit den Kindern weitergeht. Wir haben Zeit bis heute Abend 22 Uhr. Diejenigen, die wirklich schlafen gehen müssen, übernehme ich. Basta und ich will jetzt hier keine Diskussion mehr über dieses Thema.
Niemals und so gut müsstet ihr mich eigentlich alle kennen, würde ich diese Drecksarbeit jemanden von Euch verlangen. Verdammt noch mal. Was denkt ihr eigentlich von mir? Glaubt ihr wirklich, ich habe wegen euch, so um das Leben dieser Kinder gekämpft. Nein. Nur wegen mir. Ich bin ein Egoist, wenn ihr das so nennen wollt. Weil keiner außer mir, diese Kinder töten wird. Keiner. Verdammt nochmal. Das lasse ich nicht zu. Dass ihr euch mit so etwas belastet. Eivorbibbsch", fluchte der Chefarzt, laut in seiner sächsischen Mundart und für alle hörbar. Etwas, dass sehr selten passierte, denn normalerweise hörte man Jacob seinen Dialekt nicht an. Eivorbibbsch heißt ins hochdeutsche übersetzt, nichts anderes als ... verdammt noch mal.
Traurig und vor allem aber wütend, drehte sich Fritz Jacob um, der nicht fassen konnte, was seine Kollegen von ihm dachten und ging nach vorn an die Terrassentür. Stützte sich mit einer Hand an die Scheibe, um besser atmen zu können. Mit der anderen, rieb er sich die schmerzende Brust.
Als ihm Anna folgen wollte, wurde sie von Walli, aber auch von Mayer zurück gehalten.
"Anna, nicht", verbot ihr Walli, dem Freund zu folgen.
"Anna, lass Fritz ein paar Minuten. Ich weiß das schon lange. Fritz hatte mir das schon einmal Anfang Mai gesagt. Aber auch noch einmal vor drei Stunden. Er würde das töten der Kinder, nie jemanden anderen zumuten. Wenn er es nicht schaffen würde, sie zu retten, würde nur er diesen Part selbst übernehmen. Niemand anderes."
Fassungslos mit großen entsetzten Augen, sah Anna den Projektleiter an. "Oh nein. Warum hat er mir das nie gesagt und ich habe ihn damals einen Verbrecher genannt."
Weinend und völlig fertig mit den Nerven, lag Anna in den Armen von Walli, die das Mädchen zu sich heran gezogen hatte. Fast zehn Minuten stand Jacob mit den Rücken zu seinen Leuten. Genauso lange brauchte er, bis er sich wieder einigermaßen in den Griff bekam. Es brachte schließlich niemanden etwas, wenn er seine Wut, die er mit Recht, auf die Wissenschaftler des Berliner Institutes hatte, an seinen Mitarbeitern ausließ. Jacob hatte sich diesen Entschluss nicht leicht gemacht. Aber er brachte es nicht zustande, irgendjemand aus seinem Team, diesen irrsinnigen Befehl zu geben. Wie sollten seine Kollegen damit klar kommen, gesunde oder auch kranke Kinder zu töten, wenn er selber damit nicht klar kam. Vor allem wie sollte er es vor sich selber verantworten, andere Menschen ins Unglück zu stürzen.
In der Zeit die Jacob brauchte um sich wieder in den Griff zu bekommen, beruhigte Walli ihre kleine Freundin und zwang sie, durch leises und gutes Zureden, mit dem Weinen aufzuhören. Denn mit den Tränen würde sie es Jacob nur noch schwerer machen. Also schluckte Anna tapfer die Tränen herunter und versuchte ein Lächeln.
Die sieben verblieben Ärzte brauchten auch einen Moment, bis sie den vollen Umfang von Jacobs Aussage begriffen hatten. Nur wenige Minuten später standen sie auf und gingen etwas an die Seite, um sich untereinander zu besprechen. Bis jetzt, waren alle Ärzte davon ausgegangen, dass jeder seine nicht in der Norm liegenden Kinder, selber töten müsste. Der Chefarzt hat jegliche Diskussion zu dem Thema ständig abgebrochen und auf später vertagt. Jetzt erst begriffen sie, das Warum. Auf die Idee, dass Jacob ihnen diesen Part komplett abnehmen würde, waren die Kollegen nicht gekommen. Nicht einmal fünf Minuten, brauchten das Ärzteteam, um einen gemeinsamen Entschluss zu fassen und sich zu einigen. Das erste Mal seit Projektstart herrschte Einigkeit zwischen allen Ärzten, aus dem Team um Jacob. Man beschloss, dass Anderson im Auftrag der Gruppe mit dem Chef sprechen sollte. Denn dieser hatte das engste Verhältnis zu Jacob und das Vertrauen der gesamten Ärzteschaft. Gemeinsam liefen die Ärzte auf ihren Chef zu.
"Fritz, hast du einen kleinen Moment Zeit für uns?", sprach Anderson seinen Chef vorsichtig an.
Jacob hatte sich immer noch nicht ganz beruhigt. "Gebt mir bitte noch einen kleinen Augenblick. Bitte", bat der Chefarzt seine Kollegen eindringlich.
"Fritz, den kannst du haben, wenn du uns angehört hast", forderte sich Anderson die Aufmerksamkeit des Chefarztes leise ein.
Tief holte Jacob Luft und er drehte sich zu seinen Kollegen um. Die erschraken, als sie ihren Chef ansahen. Die sowieso schon tiefen Augenringe, die Jacob seit Monaten hatte, waren noch dunkler geworden. Ihr Chefarzt stand kurz vor dem Kollaps.
"Was wollt ihr?", brummelte er missgelaunt, weil ihm die Kollegen nicht einmal diese wenigen Minuten Ruhe gönnten.
Völlig übermüdet, aber auch überreizt, sah man den Chef der medizinischen Abteilung an, dass ein falsches Wort reichen würde, dass dieser explodiert. Ständig rieb er sich den verspannten Nacken und versuchte durch das nach rechts und links legen des Kopfes seine Nackenmuskulatur wenigstens etwas zu lockern. Dies schien allerdings nicht mehr zu helfen. Auch das Reiben des Nackens führte nicht dazu, dass sich der Chefarzt wirklich entspannte.
Anderson nahm sich vor, den Chefarzt noch mehr zu unterstützen. So konnte das mit ihm nicht weitergehen. Freundlich sah er diesen an, um ihn nicht zusätzlich zu reizen, denn seit Tagen war es mit dessen Beherrschung nicht mehr gut gestellt. Jacobs Nerven langen völlig blank.
"Setzt dich Fritz. Komm mit zurück, an den Tisch."
Anderson wollte den Chefarzt in Richtung des Tisches schieben. Er schätzte Fritz Jacob, auch wenn er ganz am Anfang anders dachte. Deshalb fasste er dem Chefarzt, seine Gegenwehr missachtend, an der Schulter und schob ihn mit Hilfe seines Kollegen Mai zum Tisch.
"Setze dich, Fritz. Du musst heute noch genug stehen", damit drückte er Jacob wieder auf seinen Platz.
"Was willst du Jim?"
Auch Anderson setzte sich wieder hin. Genauso, wie die anderen Ärzte, die zustimmend nickten.
Mayer wollte nun auch wissen, was los war. "Doktor Anderson, was wollen sie? Können sie Jacob nicht mal die zehn Minuten Ruhe gönnen, vor dem Sturm?", wies Mayer aufgebracht, den Arzt zurecht, da er Jacob beschützen wollte.
Mayer wurde bei den letzten Worten Jacobs klar, dass dieser nicht nur leere Worte gemacht hatte, sondern es ernst meinte mit seiner Aussage: Dass dieser niemanden anderes, den schlimmen Job des Tötens zumuten würde. Mayer wollte, dass Jacob noch etwas Ruhe bekam. Auch, weil er Angst hatte, dass dieser sonst vorzeitig zusammenbrechen würde.
Mayer selber musste im Krieg einige Male töten. Er wusste nur zu genau, wie schlimm das war. Er begriff, dass das für Jacob als Arzt, noch um vieles Schlimmer sein musste. Langsam aber sicher machte er sich ernsthaft Sorgen um den Chefarzt.
Anderson schüttelte den Kopf. "Genosse Major, vertrauen sie uns Ärzten einfach. Du Fritz, hörst uns bitte einen Augenblick zu. Nur einen Augenblick. Keiner kann von dir dieses Opfer verlangen. Wir sind alle der Meinung, dass wir genau wie du verantwortlich für die Kinder sind. Wir haben uns genau wie du, auf diese Schweinerei eingelassen. Also sage mir oder besser uns, warum sollen wir nicht auch unseren Teil der Verantwortung übernehmen. Keiner kann von dir dieses Opfer verlangen. Wir sind genauso verantwortlich und schuldig, wie du und müssen für unseren falschen Weg gerade stehen. Wir werden diese Sache, wenn es sein muss, gemeinsam machen und durchstehen. Und zwar ohne Diskussion."
Jacob sah die ihm unterstellten Ärzte dankend an. Allerdings schüttelte er den Kopf. "Nein, wir brauchen darüber nicht zu diskutieren. Egal, was ihr sagt. Ich habe es zu verantworten. Ich werde das auch tun. Es ist egal, ob es eins oder achtzehn Kinder sind. Die Schuld, bleibt die Gleiche. Ich kann es einfach nicht zulassen, dass ihr so etwas macht und euch damit belastet. Es ist schlimm genug, wenn einer von uns diese Schuld tragen muss. Das müssen sich nicht alle aufhalsen. Damit kann und will ich nicht leben. Ende der Diskussion. Bitte hört damit auf. Es tut mir nicht gut. Ich habe euch noch nie um Hilfe gebeten. Jetzt tue ich es. Bitte keine Diskussion mehr über dieses Thema. Ende - Punkt - und Aus.
Die Kinder bekommen eine Gnadenfrist, von einem Tag. Morgen, um diese Zeit wissen wir, welche und wie viele wir von den Kindern retten konnten. Walter, du suchst wie ein Verrückter, mit deinen Laboranten nach irgendetwas Besonderen oder etwas Überragenden, was diese Kinder retten könnte. Egal was, finde etwas und wenn du es nur für mich tust. Bitte. Wenn es nur ein einziges Kind ist, was wir retten können, hat sich der Kampf dafür gelohnt. Du bist die allerletzte Chance, die diese Kinder jetzt noch haben. Die Kinder, die nicht in der Norm liegen, sind auf deine Hilfe, die deiner Mitarbeiter und vor allem auf dein Wissen angewiesen. Walter, nur du kannst sie jetzt noch retten. Meine Leute und ich, haben unser Bestes getan. Leider haben wir es nicht geschafft, dass alle Kinder in der Norm liegen. Bitte, hilf du jetzt den Kleinen. Gib ihnen eine Chance", fest sah er seine Mitarbeiter an und sagte diese Sätze mit fester und keinen Widerspruch zulassenden Stimme. Ein Blick auf die Uhr brachte Jacob dazu, seine Kollegen zur Eile aufzurufen. Man musste los. Es war schon 3 Uhr 45.
"Los Leute, hoch mit euch. Wir müssen nach hinten und anfangen. Jetzt hätte ich es etwas Wichtiges fast vergessen. Die Uhrzeit, der Geburten, lasst ihr offen. Die setze ich später ein. So und ein letztes Wort. Wünscht uns und den Kindern, viel Erfolg und gutes Gelingen. Um dies alles zu schaffen, gehen wir nach der Absprache vor. Die Kinder kommen nach unten, auf 6/lila, in die Turnhalle. Die Laboranten, bringen die Kinder nach unten. Jeder der Gruppenführer, kümmert sich nur um seine Serie. Wenn es Schwierigkeiten gibt, sagt Bescheid. Dann helfe ich, wenn ich kann. Keines der Kinder, die nicht in der Norm liegen, bekommt eine zusätzliche Unterstützung. Egal wie schwer uns das auch fällt. Die Kinder müssen sich allein helfen. Es tut mir leid, Leute. Ich kämpfe nicht erst um ein Leben, um es dann zu beenden. Dann soll es die Natur gefälligst selber schaffen. Bitte versteht das. Also los, bringen wir es hinter uns."
Eilig stand Jacob auf und ging einfach los in Richtung der Aufzüge. Die ihn nach unten auf die Ebene rot bringen würden, alle anderen folgten ihm. Der Chefarzt hatte Recht, mit dem, was er sagte: Es brachte niemandem etwas, es noch länger herauszuschieben. Davon würde es nicht einfacher werden.
Im Kinderzimmer standen schon, die von der Nachtschicht vorbereiteten Geburts-Wagen. Die zehn Wagen waren bestückt, mit Waage, Bandmaß, Spritzen, Nabelbinden und OP-Tücher. Aber auch Medikamenten, Stethoskop, Absaugvorrichtungen und Krankenblättern, aber auch Armbändern. Halt allem, was man für eine herkömmliche Geburt auch brauchte. Im Mittelgang stand ein langer Tisch voller kleiner Wannen und Kochplatten mit heißem Wasser, um die Kinder waschen zu können. Allerdings stapelte sich dort auch Babykleidung in allen erdenklichen Größen, Windelberge, Babydecken, Creme, Puder, Babyöl und viele Handtücher.
Zielstrebig gingen alle zu ihrem ersten Kind,
Jacob gab das Kommando. "Lasst uns beginnen. Das erste Kind, jeder Serie. Vergesst nicht eine ausreichend große Probe des Fruchtwassers zu entnehmen und ins Labor zu schicken", rief er nochmals in den Raum.
Die Ärzte stellten die Pumpen an. Systematisch wurde das künstliche Fruchtwasser der ersten Inkubatoren abgepumpt. Das bis jetzt durch eine Reinigungsanlage gelaufen war. Dieses Wasser leitete man jetzt um. Es wurde jetzt durch den Ablaufschlauch in eine Filteranlage gepumpt und dort von schädlichen Stoffen gereinigt. Danach floss es in die Kanalisation. Das genau war der Grund, weshalb man immer nur ein Kind, pro Serie, auf die Welt geholt werden konnte.
Die Reinigungsanlage schaffte nur zehn Behälter gleichzeitig. Bei mehr als zehn Inkubatoren gleichzeitig, würde es zu Rückstaus in der Anlage kommen. Dies wiederum, könnte zum Erstickungstod der Kinder führen. Die Kleine würden in ihrem eigenen Fruchtwasser ertrinken.
Aufmerksam wurden die Vitalwerde während der "Geburt" beobachtet. Gleichzeitig schoben die Schwestern, das Entbindungsbesteck auf einem beweglichen Wagen, zu dem jeweiligen Inkubator. Fast vierzehn Minuten brauchte die Pumpe von der Nummer 91, um den Inkubator leer zu pumpen. Die Vitalwerte des Mädchens waren wunderbar und Anna und Jacob waren zufrieden.
Das Schlimmste an den Inkubatoren war, dass man sie erst dann öffnen konnte, wenn die gesamte Flüssigkeit aus dem Behälter abgepumpt war. Traten in dieser Zeit Komplikationen auf, konnten die Ärzte rein gar nichts für ihre Schützlinge tun. Bei einer normalen Schwangeren, würde man bei Komplikationen einen Kaiserschnitt machen, hier dagegen war man zum Nichtstun gezwungen, musste zusehen, wie das Kind im Inneren des Inkubators ums Überleben kämpfte. Erst wenn der Inkubator vollkommen leer war, sprang der Sicherungsriegel zurück und man konnte den Glasbehälter öffnen und dem Kind die nötige Hilfe zukommen lassen. Das war eine schreckliche Situation, für die Schwestern und Ärzte, die seit Monaten, um das Leben ihrer Schützlinge kämpften.
Zur Zufriedenheit des Chefarztes, ging bei diesem ersten Mädchen der Neuner Serie alles reibungslos. Dagegen gab es schon die ersten Komplikationen bei der Serie 2. Doktor Otto stand fluchend vor dem Brutkasten und musste mit ansehen, wie dass Kleine um sein Leben kämpfte. Kaum war alles Fruchtwasser abgepumpt, öffnete er den Behälter. Otto nahm eine Absaugvorrichtung, um die Lungen des viel zu kleinen Jungen abzusaugen. Dieser fing erst nach drei Minuten an zu schreien.
Erleichtert ging Jacob nach hinten zu seinem ersten Kind. Das Mädchen wurde von Anna gerade abgenabelt oder besser von der künstlichen Nabelschnur befreit. Es schrie augenblicklich, nach dem es Jacob, mit dem Kopf nach unten hielt. Sofort führte Jacob die geforderte Apgar-Punktbewertung des Säuglings durch.
Die Apgar-Bewertung war ein Bewertungsschema, um den Zustand von einem Neugeborenen, nach einem einheitlichen Standard zu bewerten. Dieses System führte 1952 eine amerikanische Anästhesistin, mit dem Namen Virginia Apgar, ein. Nach der dieses Punktesystem auch benannt wurde. Mit Hilfe dieses Bewertungsschemas, konnte man die Anpassung an das Leben und den Übergang des fötalen, in den neugeborenen Zustand bewerten. Die Apgar-Score, wie man dieses Schema in der Fachsprache nannte, umfasste fünf Komponenten. Die Atmung, den Puls, den Grundtonus, also die Hautfarbe, das Aussehen, ob alles dran war und die Reflexe. Normalerweise, wurden all diese Komponenten mit maximal zwei Punkten bewertet. Zehn Punkte waren in der Humanmedizin die maximale Bewertung.
Für dieses Projekt wurden durch das Institut für Genforschung, einige spezielle und zusätzliche durchzuführende Überprüfungskriterien festgelegt. Jedes der Kinder konnte deshalb bis zu zwanzig Punkte erreichen.
Genau hier lag auch einer der Hauptgründe, der den so eng gesetzten Zeitplan der Wissenschaftler, ins Wanken brachte. Diese Bewertungen benötigten viel Zeit und die Zusatzbewertungen, nahm nochmal so viel Zeit in Anspruch. Deshalb war keine der Geburten in zehn Minuten zu schaffen, denn für diese Überprüfungen und all die Tests, die von den Wissenschaftlern gefordert wurden, brauchte man alleine schon fünfzehn Minuten.
Aber Nummer 91 bestand diesen Test, mit einer guten Punktzahl von achtzehn. Glücklich sah Anna, ihren Fritz an. Auch die Größe und das Gewicht, lagen bei diesem Kind gut in der Norm. Mit 7280 Gramm und 64 Zentimeter, war sie weit über der geforderten Norm, von 6000 Gramm und 58 Zentimetern.
Jacob war nicht ansprechbar. Er lief schon zum nächsten Kind, das Probleme machte. Doktor Otto schrie um Hilfe, der kleine Junge bekam schon wieder Atemprobleme, erreichte nicht einmal die Punktzahl von sechs. Jacob schüttelte den Kopf. So weh ihm das tat, er würde nicht um das Leben dieses Kindes kämpfen. Die nächsten Stunden würden zeigen, ob der Junge es schaffen konnte, zu überleben. Unterstützung würde Jacob bei keinem der Kinder geben, das hatte er mit seinen Ärzten abgesprochen, wenn dieses nicht in der Norm lag. Er kämpfte nicht erst um das Leben des Kindes, um es im Anschluss zu töten. Doktor Otto sah traurig auf den Jungen und wickelte ihn in das Wickeltuch ein. Schickte es mit einem der Laboranten zum Baden und dann nach unten auf die Ebene 6/lila.
Doktor Jacob kümmerte sich schon, um die nächsten Kinder, die Anlaufschwierigkeiten hatten. Denn auch bei den Serien 5, 6 und 7 gab es schlimme Komplikationen. Überall entschied Jacob mit dem Kopf schüttelnd, dass dies das Kind alleine schaffen musste. Keins der Kinder hatte in diesem unmenschlichen Projekt, eine Überlebenschance. Nummer 71 hat einen deformierte Wirbelsäule, Nummer 51 missgebildete Füße und Nummer 61 hat ein verkümmertes Augen. Alle durch die Reihe weg, hatten schwere Atemprobleme und lagen dazu so weit außerhalb der Norm, dass für sie keinerlei Hoffnung bestand. Jacob hoffte inständig, dass in den nächsten Stunden, die Natur ihm das Töten abnehmen würde. Dass diese Kinder, wie es leider so oft war, einfach aufhörten zu atmen.
Er kehrte traurig zurück zu seiner Serie. Nummer 92, wie alle Kinder der Serie 9 ein Mädchen, schaffte es gerade so, die Normdaten zu erreichen. Es lag nur zehn Gramm und einen Zentimeter unter der Norm. Man schrieb einfach zwanzig Gramm und zwei Zentimeter mehr, auf die Papiere. Wem tat das schon weh? Gemeinsam hatte man im Team beschlossen, dass man diese kleine Mogelei, bis zweihundert Gramm und vier Zentimeter verantworten konnte. Man hatte bei den Hundert, einige solcher Wackelkandidaten. Wenn man das nicht machen würde, fänden heute mindestens vierzig Prozent der Kinder, den Tod. Nur wenige, lagen wie Nummer 91, weit über dem Normbereich. Nacheinander wurden die Kinder auf die Welt geholt. Nach einem Geburtsmarathon von fast sechs Stunden, wurde als letztes Nummer 90 nach unten in 6/lila gebracht. Jacob schickte, dass restliche Pflegepersonal ebenfalls nach unten und die Laboranten nach oben ins Labor.
Jacob ging auf Otto Korpus zu, der vorn auf einem der Tische saß und auf ihn wartete. Es war bereits elf Minuten nach 10 Uhr. Das medizinische Team hatte alles gegeben, schneller war es einfach nicht möglich gewesen. Nur dank der Techniker, die rechtzeitig bei der Kläranlage eingriffen, lag man noch einigermaßen im Zeitplan und keines der Kinder war zu Schaden gekommen.
Die Pumpen und Filter der Anlage, waren zum Schluss so zugesetzt, dass es zu einem Rückstau kam, so dass man richtiggehende Angst um die letzten Kinder haben musste. Durch das schnelle Eingreifen des Technikerteams, die gerade angekommen waren, konnte man das Schlimmste verhindert.
"Otto, du kannst. Tut mir leid, schneller ging es wirklich nicht. Ich schicke dir gleich fünf Schwestern, die unsere Sachen aus dem Regalen holen. Oder bleiben die?"
Korpus sah erschrocken auf Jacob. Der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. "Um Gottes Willen Fritz. Wie siehst du denn aus? Komm setzt dich einen Moment."
Jacob schüttelte müde den Kopf. "Ich habe keine Zeit, mich hinzusetzen, ich muss runter in die Halle. Außerdem, wenn ich mich jetzt setze, komme ich nie mehr auf die Füße. Ich muss die Kinder noch einmal, in Ruhe untersuchen und sortieren. Dazu blieb mir hier oben keine Zeit. Ich brauche entweder zwei- oder dreiundachtzig Betten. Das kann ich dir jetzt schon sagen. Aber auch ein paar Regale für Bettzeug. Eine Kochnische mit Lagermöglichkeiten für die Nahrung und einen Dokumentations-Bereich. In der Mitten einen Tisch für zweiundachtzig bis dreiundachtzig Kinder, mit dazugehörigen Stühlen. Oder kommt ihr noch einmal umbauen?"
Otto schüttelte den Kopf. Nicht nur, weil er die Frage verneinte, sondern auch, weil er sich über das Aussehen von Jacob wunderte. Vor allem, weil er Jacobs Anweisungen nicht verstand.
"Fritz, du solltest dich etwas hinlegen. Du fällst doch gleich um. Ich traue mich dich gar nicht zu fragen, wie ich die Käfige und Schränke stellen soll. Ich habe die letzten drei Woche versucht eine Lösung zu finden. Ich bekomme es nicht hin. Wieso Kinder?"
Fritz winkte ab. Er war einfach zu müde, für ein langes Gespräch und rieb sich das schmerzende Genick. "Wie groß sind die Betten, Otto? Oder besser gesagt, was brauchst du insgesamt für ein Kinde an Platz?"
Otto sah den total fertigen Arzt, dankbar an. "Ich brauche zweieinhalb Meter in der Breite und zweieinhalb Meter in der Tiefe. Da ist ein Gang zwischen den Käfigen von einem halben Meter eingerechnet."
Fritz hielt sich schwankend an dem Schreibtisch fest, rechnete kurz durch. "Also du stellst es ähnlich, wie bei den Inkubatoren. Rechts und links je fünf Betten, im Abstand von zwei Meter, von der Wand an und acht beziehungsweise neun Reihen hintereinander, da hast du ja schon einen halben Meter eingerechnet. Auf die rechte Seite, stellst du bitte neun Reihen. In der Mitte habt ihr dann Platz für einen Tisch. Die Trennwand hier vorn, reißt ihr bitte mit ab, die brauchen wir jetzt nicht mehr. Wir müssen den gesamten Raum ständig überblicken können. Auch die Laufstege müssen raus. Das ist eine zu große Unfallgefahr. Wir brauchen hier drin, ein einheitliches Bodenniveau", wies der Chefarzt den Techniker an, auch an diese Kleinigkeiten zu denken.
Otto sah Jacob dankbar an. "Klar Fritz, das kommt sowieso alles raus. Das Zimmer wird völlig neu aufgebaut. Die Käfige könnt ihr dann auch verschieben, wenn es euch so nicht gefällt. Den Rest hat uns Mayer schon aufgetragen. Sag mal, wie machst du das nur, Fritz? Du kannst dich kaum noch auf den Beinen halten. Sagst mir, wie ich es lösen soll, in nur zwei Minuten."
Jacob winkte ab. "Schon gut Otto, ich hoffe ich habe richtig gerechnet. Sei nicht böse, ich bin zu müde zum Reden. Bis später, wann machst du die Übergaben?"
Jacob rieb sich müde das Gesicht und hielt sich schwankend am Tisch fest, dabei holte er krampfhaft Luft. Bevor Otto dem Chefarzt antworten konnte, stürzte dieser zu dem an der rechten Seite hängenden Waschbecken und übergab sich. Fast fünf Minuten lang musste sich Jacob immer wieder erbrechen.
Otto Korpus, der Jacob besorgt gefolgt war, sah diesen fragend an. "Soll ich jemand holen, Fritz?"
Jacob schüttelte den Kopf. "Nein Otto, brauchst du nicht. Es geht schon wieder. Ich bin einfach nur müde. Mir ist schlecht vom Kaffee und von der Müdigkeit. Ich geh dann mal. Sieh zu, dass du hier fertig bist. Je eher du hier fertig bist, um so eher kann ich ins Bett, Otto."
Korpus der sich jetzt nicht mehr darüber wunderte, dass Jacob ständig über Betten sprach. Dachte: ‚Na ja, der Major ist so müde, dass er überall Betten sieht. Ich werde den Jungs Dampf machen, so dass Jacob ins Bett kommt. Sonst Schläft der noch in einem der Käfige.‘
"Ich beeile mich, versprochen. Du siehst schrecklich aus. Bis später Fritz", kopfschüttelnd wandte sich Korpus seiner Arbeit zu.
Eine unsagbare Wut machte sich in seinem Bauch breit und er nahm sich fest vor mit Hunsinger mal ein ernstes Wort zu spreche. 'So konnte man nicht mit den Menschen umgehen. Jacob war so ein netter Kollege, wenigstens Schlaf musste man seine Mitarbeiter genügend lassen. Wie sollte er sonst eine ordentliche Arbeit machen. Er würde seine Mitarbeiter so nicht arbeiten lassen. Niemals, das war unverantwortlich', dachte Korpus wütend.
Jacob steckte den Kopf, unter den Wasserstrahl, ließ eine Weile das eisigkalte Wasser über seinen Kopf laufen, um die Kopfschmerzen wenigstens etwas zu lindern. Damit fertig, verließ er grußlos den Raum. Er war viel zu müde, um zu bemerken wie unhöflich er war.
Jacob ging so nass wie er war aus dem Kinderzimmer in Richtung Fahrstuhl, um auf Ebene 6/lila zu fahren und nach seinen Kindern zu sehen. Auf den Gang traf er Matthias, einen der Fahrer vom Wachpersonal.
"Matthias, tust du mir einen großen Gefallen?", rief er diesem schon vom Weiten zu.
Der Fahrer sah Jacob erschrocken an, antwortet aber sofort. "Fast jeden Herr Doktor. Geht es ihnen gut?", erkundigte er sich besorgt.
Jacob schüttelte den Kopf. "Matthias, könnten du für mich nach vorn in die Mensa fahren und dort für die 6/lila einen Tisch, Tassen ein paar geschmierte Schnitten, Würste und vor allem, viel Kaffee und noch mehr Tee organisieren. Sonst überleben wir diesen Tag heute nicht. Bitte. Und das nicht erst, in drei Stunden, sondern, wenn es ginge, vor einer Stunde. Nicht nur ich falle gleich um, vor Hunger und Müdigkeit, sondern alle aus meinem Team."
Matthias stimmte Jacob völlig zu, man sah, dass der Chefarzt die Wahrheit sprach. "Ich beeile mich, für sie etwas zu organisieren, Genosse Major. Das muss ich allerdings mit dem Chef absprechen. Der hat sowieso heute schlechte Laune. Der sieht auch nicht viel besser aus, wie sie Herr Doktor."
Dankbar sah Jacob den Fahrer an. Der Chefarzt musste sich einen Moment an die Wand lehnen. Ihm war schon wieder schlecht und vor allem schwindlig. Er musste unbedingt etwas Essen und Trinken, sonst gab er sich selber keine Stunde mehr. Erschrocken sprang Matthias vom Wagen, hielt den bedenklich schwankenden Jacob fest. Nach zwei Minuten, hatte dieser sich wieder gefangen.
"Danke Matthias, es geht wieder. Ich bin wirklich kurz vor dem Verhungern. Ich brauche dringend etwas zu essen. Ich habe einfach keine Zeit, erst in die Mensa vor zu gehen. Ich muss runter zu den Kindern."
Matthias sah mitleidig zum Chefarzt. "Herr Doktor, ich bringe ihnen gleich etwas vorbei. Egal, was der Mayer sagt. Sie nutzen niemanden etwas, wenn sie umfallen. Geben sie mir zwanzig Minuten. Dann bin ich wieder da."
"Danke Mathias."
Damit stieß sich Jacob von der Wand ab, schleppte sich zum Aufzug. Der Fahrer sah den hin und her taumelnden Arzt hinterher und schüttelte ungläubig den Kopf. Nahm sich vor mit Mayer darüber zu sprechen, so ging das mal gar nicht. Egal, ob er deshalb einen Anraunzer von seinem Chef bekam, so ging das wirklich nicht. Sorgevoll drehte er sich zu seinem Fahrzeug um und fuhr los. Ohne Genehmigung fuhr er nach vorn in die Mensa. Während der Fahrt unterrichtete er die Zentral, über den Grund seines Ausbleibens. Mayer verlangte von seinen Mitarbeitern ja ständig, dass sie mit offenen Augen durch das Projekt ging. Dies würde er diesmal auch tun. Es ging nicht, dass der einzige nette Arzt hier im Projekt so kaputt gespielt wurde. Dies konnte er nicht zulassen. Er würde Jacob erst einmal etwas zu Essen bringen, damit dieser nicht ganz zusammenbrach.
Jacob gab, kaum dass er die Turnhalle betreten hatte, klare Anweisungen. Er wollte, das alles hinter sich bringen und dann endlich ins Bett.
"Hört ihr mal alle her", forderte er seine Mitarbeiter auf, bemühte sich laut und vor allem deutlich zu sprechen. Etwas, dass ihm sichtbar schwer fiel.
"Wir machen es jetzt, wie folgt. Angefangen bei der Nummer 1, möchte ich jetzt noch einmal alle Kinder auf das Genauste untersuchen. Alle Kinder die hoch ins Kinderzimmer kommen, legt ihr auf die rechte Seite. Die anderen auf die linke Seite. Um diese Kinder kümmere ich mich dann. Wenn ich mir nicht im Klaren bin, auf welche Seite das Kind kommt, weil diese Entscheidung vom Labor abhängt, dann kommt die Kinder in die Mitte. Ich sag das bei jedem der Kinder an.
Ich brauche hier vorn einen der Stapelkästen, besser wären sogar zwei. Damit ich genug Platz für die Untersuchungen habe. Ihr bringt mir die Kinder und lasst mich mit ihnen alleine. Die Schwestern die fertig sind, kümmern sich ausschließlich um die Kinder auf der rechten Seite. Die auf der linken Seite und die in der Mitte, lasst ihr einfach alleine." Als er die entsetzten Blicke der Mitarbeiter sah, erklärte er kurz und knapp. "Leute, es bringt doch nichts, wenn ihr euer Herz an diese Kinder hängt. Das gehört denen, die weiterleben dürfen. Macht es euch und mir, nicht noch schwerer", ernst sah er seine Mitarbeiter an.
In diesen Moment verstanden sie, was der Chefarzt sagen wollte und unglücklich ausgedrückt hatte. Jacob wandte sich nun noch einmal an seine Kollegen, die sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten konnten und einfach nur fertig aussahen.
"Die Ärzte haben jetzt Feierabend. Nach oben mit euch, in die Betten. Ich will jetzt keine Diskussion haben. Dazu habe ich einfach keine Nerven. Ich sage in der Zentrale Bescheid, dass man euch gegen 14 Uhr wecken soll. Dann löst ihr mich ab. Ich brauche euch spätestens um 22 Uhr, für die Nachtschicht. Ich muss endlich einmal richtig ausschlafen. Egal, was heute Nacht im Kinderzimmer passiert, ihr müsst damit alleine klar kommen. Keiner weckt mich. Habt ihr das verstanden."
Alle nickten stumm. Jeder der auch nur ein bisschen klar bei Verstand war, sah, dass Jacob sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
"Dann bringt mir die Nummer 1", sagte er kurz und knapp.
Als Anderson auf ihn zukam, um mit ihm zu diskutieren, sah Jacob ihn böse an. "Fritz…"
Weiter ließ er seinen Kollegen nicht reden. "Jim, ich habe gerade einen Befehl gegeben. Ab, hoch ins Bett. Sorge lieber dafür, dass ich bis morgen um 10 Uhr schlafen kann. Jetzt lass mich meine Arbeit machen. Es wird nicht einfacher, wenn du mit mir diskutierst", Jacob wurde mit jedem Wort lauter.
Anderson nickte und klopfte Jacob dankbar auf die Schulter. "Danke."
Er ahnte, warum Jacob die Ärzte ins Bett geschickt hatte. Damit der Chefarzt, das, was getan werden musste, tun konnte. Vor allem, damit Jacob die Ärzte aus der Schusslinie bekam. Der Chefarzt hat keine Kraft mehr, für endlose Diskussionen. Das begriff Anderson in diesem Moment. Deshalb verließ er die Halle mit dem Gefühl, dass er seinen Freund und Kollegen im Stich gelassen hatte und fuhr mit einem sehr unguten Gefühl, nach oben in seine Wohnung. Trotzdem war der schon etwas ältere Arzt froh, endlich schlafen gehen zu können. Er hatte das Gefühl, jeden Moment vor Müdigkeit, umzufallen.
Anderson fragte sich ernsthaft, wo der Chefarzt, diesen eisernen Willen hernahm, jetzt noch weiterzumachen. Die letzten sechs Stunden, unten im Kinderzimmer, raubten Anderson seine letzte Kraft. Er hatte das Gefühl, dass nicht nur seine physische, sondern auch die psychische Energie völlig aufgebraucht war. Jacob dagegen, leistete noch viel mehr, als irgendein anderer Arzt des Teams. Denn dieser rettete einigen Kindern das Leben, sonst wären jetzt schon zwölf der in der Norm liegenden Kinder Tod. Jacob ließ sich nie unterkriegen, das war schon die ganzen Monate so. Statt wie alle anderen Ärzte sich hinzulegen, machte er jetzt noch weiter, mit den Untersuchungen. Kaum lag Anderson auf seinem Bett, schlief er schon erschöpft ein. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft sich auszuziehen.
Jacob dagegen, überprüfte das Kind mit der Nummer 1, führte jede geforderte Untersuchung noch einmal durch. Jeden der geforderten Reflextests nahm er ein zweites Mal vor. Alleine vierzehn verschieden Test musste Jacob bei der Untersuchung der Primitiven Reflexe machen. Dann ging es weiter zu den tonischen Reflexen, die Stell- und Gleichgewichtsreaktionen beeinflussten, diese umfassten die Beugefähigkeit des Kopfes, nach vorn, nach hinten und zur Seite. Weiter ging es zu den Stellreaktionen, welche die Stütz- und Gleichgewichtsreaktionen beeinflussten. Jacob führte auch die zusätzlich vom Institut geforderten Tests durch. Zügig trug er alle Untersuchungen in die Krankenakte der Kinder ein, auch die Geburtszeiten die er alle nach 6 Uhr legen würde. Dann nahm er dem Kind noch Blut ab, rief nach Schwester Yvonne, die diese Blutproben nach oben zu Zolger bringen sollte. Mit seinen Untersuchungen fertig, schickte Jacob das Kind mit der Nummer 1 auf die rechte Seite. Gerade wollte er sich Nummer 2 vornehmen, als Schwester Zenta mit dem Kind Nummer 6 auf dem Arm heraneilte, der Kleine bekam schon wieder Atemprobleme. Jacob nickte und ließ Zenta den kleinen Jungen auf die Untersuchungskiste legen.
In der Zeit, während Jacob das Kinder mit der Nummer 1 auf das Genaueste untersuchte, fuhr Matthias, der Fahrer des Multicars, in die Mensa. Nachdem er sich über Funk in der Zentrale und bei Mayer abgemeldet hatte. Nur ganze achtundzwanzig Minuten später, kam er mit dem Aufzug nach unten auf die 6/lila gefahren und sah den Arzt schon wieder am Untersuchungstisch stehen. Völlig irritiert sah er sich um. Wo waren all die anderen Ärzte abgeblieben? Dass konnte doch nicht wahr sein, dass Doktor Jacob hier nur alleine arbeitete. Dieser war gerade dabei eins der Kinder untersuchen.
"Genosse Major, machen sie bitte eine kurze Pause. Ich habe eben mit der Küche gesprochen. Wir liefern ihnen die gewünschten Sachen, ungefähr in einer Stunde. Das hab ich mit Major Mayer schon abgesprochen. Aber das hier, sollte ich ihnen gleich bringen, Befehl von meinem Chef." Er hielt Jacob zwei Schnitten und einen großen Becher Kaffee hin. Jacob atmete erleichtert auf.
"Danke Matthias, du rettest mir gerade das Leben. Ich habe heute noch nichts gegessen. Heute früh hatte ich zwar Brötchen auf dem Teller liegen, hab aber vergessen das was drauf lag zu essen."
Lachend zuckte er mit den Schultern. Er wusste selber, wie komisch das klang. Aber er hatte wirklich vergessen zu essen. Jacob biss hungrig in die Schnitte und ließ das Kind einfach liegen, wo es lag. Aß und trank erst einmal das, was Matthias ihm gebracht hatte. Nach nur drei Minuten war er fertig.
"Jetzt geht es mir doch gleich wieder besser."
Dass dies nicht nur leere Worte waren, sah man Jacob an. Gleich war wieder etwas Farbe in das Gesicht des Chefarztes zurückgekehrt.
"Danke nochmal, Matthias. Jetzt halte ich noch etwas durch. Weißt du zufällig, wann das Team mit den Wissenschaftlern kommt?"
Matthias zuckte mit den Schultern. "Ich habe keine Ahnung, Herr Doktor. Aber, wenn ich das vorhin richtig mitbekommen habe, wohl gar nicht. Denen war das Wetter zu gefährlich. In Berlin muss es richtig stürmen, die haben Startverbot. Hier ist ja auch die Hölle los. Draußen stürmt und schneit es wie verrückt. Wir fliegen bald weg, wenn wir zum Flieger fahren. Keine Ahnung, wie die es geschafft haben, die Flieger ohne Schaden herzukommen. Die Techniker sagten, sie hätten nur mit viel Kampf, die Starterlaubnis bekommen. Die Inkubatoren, werden heute alle nur Zwischengelagert, weil die Transportmaschinen nicht mehr fliegen können. Der Sturm ist so schlimm, dass die Techniker beim Flug hierher richtig gehend Angst hatten und froh waren, dass sie hier noch heil gelandet sind. Das Wetter ist total bescheiden, draußen tobt ein regelrechter Schneesturm. Na ja, ich muss weiter, sonst reißt mir Mayer die Ohren ab. Schön, dass es ihnen besser geht. Vorhin sahen sie gar nicht gut aus, Herr Doktor. Bis später", er nahm Jacob die leere Tasse aus der Hand und wollte sofort die Halle verlassen.
Der Chefarzt hielt ihn mit einer Bitte, noch einmal kurz auf. "Mathias, sagst du in der Zentrale Bescheid, die sollen alle Ärzte, außer dem Richter, um 21 Uhr 30 wecken und hier runter in die Halle schicken, danke."
Der Angesprochene nickte und verschwand in Richtung des Aufzuges, um seiner eigentlichen Arbeit wieder nachzukommen. Dem Transport der neuen Einrichtung für das Kinderzimmer.
Jacob wendete sich wieder seiner Arbeit zu, um mit den Test weiter zu machen. Er sah sich den kleinen Jungen, mit der Nummer 6 der zum wiederholten Mal Atemprobleme hatte, genauer an. Er wog nur zweitausenddreihundertfünfzig Gramm und maß sechsunddreißig Zentimeter. Außerdem hatte der Bub schlimme körperliche Behinderungen. Seine rechte Hand sah eher aus, wie die Klaue eine Vogels, als die Hand eines Menschens. Auch waren seine Reflexe überhaupt nicht ausgeprägt. Auf das Genauste trug Jacob alle Missbildungen in das Krankenblatt ein, fotografierte diese und führte die gleichen Untersuchungen durch, wie bei der Nummer 1. Zum Schluss nahm er dem Kind noch Blut ab. Traurig streichelte Jacob das Gesicht des kleinen rothaarigen Jungen und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Nur für den Buben hörbar sagte er. "Es tut mir so leid, dass ich das tun muss. Aber man ließ mir keine Wahl. Schlaf gut mein Junge." Dabei tropften Tränen auf das Gesicht des Jungen. Jacob wischte diese weg. "Es tut so sehr mir leid mein Kleiner", wiederholte er nochmals die Entschuldigung.
Zögernd nahm Jacob eine Kanüle, eine Spritze und verabreichte dem Jungen eine Injektion, die diesen friedlich ohne Schmerzen einschlafen ließen. Es war ein intravenöses Anästhetika, die in eine Vene injiziert wurde. So hoch dosiert, dass der Bub in einen tiefen Schlaf fiel, aus dem es kein Aufwachen mehr gab. Dann rief er, die zuständige Schwester Zenta. Übergab ihr den Buben, mit den traurigen Worten, aber auch mit Tränen in den Augen.
"Zenta, der Kleine kommt auf die linke Seite. Tut mir sehr leid Zenta, kümmern sie sich bitte mit, um die Kinder auf der rechten Seite. Lassen sie den Buben schlafen." Traurig streichelte Jacob nochmals über das Gesicht des Kleinen und stützte sich einen Moment lang müde auf die Kiste.
Am liebsten wäre er schreiend aus dem Raum gerannt. Aber das er durfte es nicht. ‚Das ist meine Strafe, für die falsche Entscheidung die ich getroffen haben‘, ging es dem Chefarzt durch den Kopf. Er brauchte einige Minuten, bis er sich wieder beruhigen konnte.
Das was er gerade getan hatte, war nichts anderes als Mord. Jacob entschied sich hierbei, gegen die Methoden dieser gewissenlosen Wissenschaftler. Wie hatten sie die Kinder bezeichnet, als Kreaturen. Wenn es nach denen gegangen wäre, hätte er nur Luft in die Venen spritzen müssen. Nur weil dies nichts gekostet hätte. Das war noch unmenschlicher, als das, was er jetzt gemacht hatte. So merkten die Kinder wenigstens nicht, was mit ihnen geschah. Sie bekamen keine Todeskämpfe, sondern schliefen einfach nur ein. Mühsam kämpfte er gegen die Tränen an. Es half nichts. Er musste weiter machen. Er musste noch achtundneunzig Kinder untersuchen.
"Die Nummer 2", rief er deshalb in den großen Raum, schon brachte man ihm ein kleines Mädchen. Mit ihr war alles in Ordnung. Immer zügiger gingen die Untersuchungen voran. Es waren immer die gleichen Handgriffe, die gleichen Test, dann Blutabnehmen, die Entscheidung rechts oder links.
Bis jetzt hatte er zwei Fälle, die er erst nach der Auswertung der Labortests entscheiden konnte. Nummer 62 und 90, lagen mit fünftausendzweihundertzehn und fünftausenddreihundertfünfzig Gramm, weit unterhalb der Norm. Leider auch so weit davon entfernt, dass man nicht mehr schummeln konnte. Die Wissenschaftler würden ihnen das niemals glauben, dass diese Kinder in der Norm gelegen hatten. So dumm waren die nun auch wieder nicht. Von den Punktzahlen, hatten sie die geforderten fünfzehn gerade erreicht und auch so hatten sie keinerlei Missbildungen. Nun hoffte Jacob auf Zolger, dass dieser noch etwas Besonderes finden würde. Müde rieb sich Jacob immer öfter das Genick. Der Chefarzt spürte seine Beine kaum noch, denn er stand seit über neuneinhalb Stunden an ein und demselben Fleck, um die Kinder aufs Genauste zu untersuchen.
Bereits fünfzehn Kinder musste er schlafen schicken, nicht nur weil sie schwere Missbildungen hatten und die Test nicht schafften, sondern auch, weil alle so weit aus der Norm lagen, dass er sie nicht durchmogeln konnte. Wenn er am Anfang der Meinung war, dass das Töten mit der Zeit leichter werden würde, so hatte er sich gründlich getäuscht. Es wurde mit jedem Kind schwere, die letzte aber tödliche Injektion zu setzen. Er hasste sich immer mehr für das, was er tun musste. Endlich, war er bei seinem größten Sorgenkind angekommen. Jacob war schlecht vor Angst. Er wollte die Kleine nicht auch noch töten müssen.
"Anna, bring mir Nummer 98."
Anna kam völlig verweint auf Jacob zugelaufen und hatte ihr kleines Mädchen an die Brust gedrückt. "Bitte, rette wenigstens sie", flüsterte sie ihm zu.
Jacob ignorierte die Wort Annas einfach. "Geh", befahl er ihr ziemlich barsch.
Der Chefarzt konnte einfach nicht mehr. Er war jetzt nicht in der Lage, auf Anna Rücksicht nehmen. Er wollte einfach wissen, was mit diesem kleinen Mädchen los war. Als Anna nicht gehen wollte, schnauzte er sie ziemlich ungehalten an.
"Verdammt noch mal, siehst du nicht dass du störst. Hat eine der anderen Schwestern hier gestanden. Lass mich in Ruhe arbeiten. Geh schon. Verschwinde endlich. Es wird nicht einfacher für mich, wenn du heulend neben mir stehst. Verdammt noch mal. Verschwinde endlich!", wiederholte er um einiges lauter.
Böse sah er Anna an. Die sich weinend zurück zog. Jacob fuhr sich durch die Haare. Stützte sich schwer atmend und gegen seine Gefühle ankämpfend, auf den Kasten, der ihm als Untersuchungstisch diente. Kurzentschlossen holte er sich einen Kolben und eine Nadel. Nahm diesmal als erstes eine Blutprobe und schickte Yvonne, damit sofort nach oben ins Labor. In dem die Laboranten, heute eine unglaubliche Leistung vollbracht hatten.
Von Nummer 98, wollte er die Werte so schnell wie möglich wissen. Dieses Kind war ungewöhnlich. Keins der anderen Kinder, hatte im Inkubator, auf Reize aus der Umwelt reagiert, nur dieses eine Kind.
"Yvonne, Walter soll diese Probe sofort untersuchen. Das wäre mir sehr wichtig. Ich muss in einer halben Stunde wissen, was ich mit der Kleinen machen kann. Auch die Ergebnisse von Nummer 62 und 90, brauche ich bis dahin. Es ist dringend. Sie warten oben solange, bis sie mir eine Antwort auf die Frage, rechts oder links bringen können", ernst sah Jacob die Schwester an.
Die Schwester nickte schweigend und Yvonne ging sofort nach drüben, auf die 4/gelb, auf der sich die Laborsektion befand. Das letzte Mal für heute, alle anderen Proben wurden durch Jacob schon ins Labor geschickt, die Kinder mit der Nummer 99 und 100 lagen auf der rechten Seite, bei denen die hoch ins Kinderzimmer kommen würden.
Nur Annas Liebling, musste Jacob noch untersuche. Anna weinte schon seit Stunden, um ihren Liebling. Aus Angst, dass das viel zu kleine Mädchen, die nur dreitausendneunhundert Gramm wog und nur siebenundvierzig Zentimeter groß war, auf die linke Seite geschickt wurde. Sorgfältig führte Jacob alle Test durch und atmete erleichtert auf. Selbst, wenn er die Testergebnisse aus dem Labor noch nicht hier hatte, wusste Jacob, die Kleine würde leben.
Nummer 98 war das einzige Kind, das die volle Punktzahl in den Tests, also zwanzig Punkte, erreichte. Eigentlich müsste er auf viele der Tests mehr Punkte geben. Sie war in allen Tests besser. Die Reflexe waren vorbildlich ausgeprägt, die Kleine besaß eine ungewöhnliche Muskulatur. Die bereits jetzt, richtig gut aufgebaut war. Besser, als bei vielen der anderen Babys, die wesentlich größer und schwerer waren, als Nummer 98 und die auf der rechten Seite lagen. Auch, wenn er noch nicht fertig war mit der Auswertung, sah er kurz auf. Jacob suchte den Blickkontakt zu Anna. Die in Wallis Armen lag und immer noch weinte. Walli sah Jacob an, der ihr kurz zunickte. Ein Lächeln erschien auf Wallis Gesicht. Diese flüsterte Anna ins Ohr. "Anna, sehe bitte mal zu Fritz. Der will dir etwas sagen."
Anna drehte ihr völlig verweintes Gesicht ihrem Freund zu, der sie vorhin so heruntergeputzt hatte. Jacob zwang sich zu einem Lächeln, das mehr als schief geriet. Er nickte, sah nach der rechten Seite. Anna zeigte auf das Baby, dann auf sich. Jacob nickte noch einmal.
Dann widmete er sich weiter seiner kleinen Patientin. Aber alle geforderten Parameter, wurden von dem Kind erfüllt. Das einzige Handicap das sie besaß, war ihre Größe und ihr Gewicht. Auch, wenn sie viel zu klein war, konnte Jacob es ohne Bedenken verantworten, sie am Leben zu lassen. Egal, was Zolger im Labor oben feststellt, selbst seine Ergebnisse rechtfertigen diese Entscheidung. Erleichtert, streichelte Jacob diesem süßen Mädchen das Gesicht, in das sich seine Anna so verliebt hatte.
"Wenigstens dich kann ich retten. Du bist eine kleine hübsche Maus. Streng dich ja an, dass du groß und stark wirst", sagte er leise zu ihr.
Es war ein ausgesprochen hübsches Kind. Sie hatte einen milchkaffeefarbenen Teint. Süße blauschwarze Schillerlocken standen im krassen Gegensatz, zu diesen wunderschönen rot-orangenen Augen. Die glühten, wie zwei am frühen Morgen aufgehende blutrote Sonnen. Jacob verliebte sich sofort in die Kleine. Es war kein Wunder, dass Anna so verliebt war, in diese süße Maus.
Alleine, dass er dieses Mädchen retten konnte, tröstete Jacob ein wenig. Vielleicht half die Kleine ihm, mit die Entscheidung klar zu kommen, dass er für den Tod von nun schon fünfzehn Kindern verantwortlich war. Kurz vor 22 Uhr, war Jacob mit seinem Untersuchungsmarathon fertig.
"Anna, die Kleine kommt auf die rechte Seite."
Anna sprang auf, rannte auf Jacob zu, wollte ihn umarmen.
"Nicht Anna. Lass mich in Ruhe. Lass mich einfach in Ruhe. Nicht heute", sagte er sehr wütend. Er hob die Kleine hoch und drückte sie einfach, Anna in die Arme. "Kümmer dich gut um sie und die anderen Kinder", sofort drehte er sich weg von Anna, nur um ihr keine Möglichkeit zu geben, ihn zu berühren.
Jacob kam sich schmutzig vor und ekelte sich, vor sich selber. Er konnte in diesem Moment keine Berührung durch Anna ertragen. Fast zeitgleich öffnete sich die Tür zur Turnhalle. Zolger selber, war nach unten gekommen, um Jacob die letzten Testergebnisse mitzuteilen.
"Fritz, um Himmels Willen, wie siehst du denn aus?", war das Erste, was Zolger über die Lippen brachte, als er den völlig fertigen Jacob sah.
Jacob konnte vor Müdigkeit kaum noch stehen, war schneeweiß im Gesicht und hatte tiefe schwarze Augenringe. Seine gesamte Haltung, war die eines gebrochenen Mannes. Der Rücken krumm, die Schultern hängend, die Hände zitternd. Mit zittriger Stimme, sagte er mehr zu sich, als zu Zolger.
"Walter, bitte bringe mir gute Nachrichten."
Zolger schüttelte bedauernd den Kopf. Leider konnte er seinem Freund, keine guten Testergebnisse bringen. Deshalb kam er selber nach unten in die Halle, obwohl er dazu eigentlich gar keine Zeit hatte. Er hatte noch wahnsinnig viele Proben zu sichern. Er wollte allerdings Jacob selbst diese schlechten Nachrichten überbringen.
"Fritz, es tut mir leid, Nummer 62 hat einen schweren genetischen Schaden. Sie hat keine Chance, von den Wissenschaftlern des Institutes am Leben gelassen zu werden. Die Kleine, würde sofort aussortiert, wenn die Leute aus dem Genlabor, die Ergebnisse sehen. Sie leidet an ALS, das ist eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Nummer 90 leidet an Huntington-Krankheit, das sind schwere Bewegungsstörungen. Diese Krankheit bricht zwar erst ab dem fünfunddreißigsten Lebensjahr aus, aber ich weiß nicht, wie das hier bei diesen Kindern sein wird. Tut mir leid."
Traurig nahm Jacob einen Kolben und eine Kanüle in die Hand, um den Schlaftrunk aufzuziehen. Auch, wenn es ihm nicht gefiel, er würde es tun müssen. Ganz leise und ängstlich stellte er die nächste Frage.
"Nummer 98?", kaum konnte man diese Frage hören. Die Angst in Jacobs Augen, war für Zolger körperlich spürbar.
Erleichtert klopfte Zolger dem Chefarzt auf die Schulter und teilte ihm die Testergebnisse des Mädchens mit. "Fritz, bei der Kleinen ist alles in Ordnung. Sie erfüllt alle Anforderungen, außer die Größe und das Gewicht. Liegt bei vielen der Tests, weit über dem Durchschnitt."
Erleichtert, wenigstens dieses eine Kind retten zu können, schleppte sich Jacob, zu den beiden Kindern, die in der Mitte der Halle lagen. Hockte sich zu den Beiden, verabreichte erst dem Jungen und dann dem Mädchen das Schlafmittel.
Traurig sah er die Beiden an. Dabei liefen Tränen über seine Wange. Jacob gab den Beiden einen Kuss "Schlaft schön ihr Zwei", sprach er zu den Beiden.
Wortlos erhob sich Jacob und verließ ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Raum. Keiner der Anwesenden traute sich, dem Chefarzt hinterher zu laufen. Alle wussten oder besser ahnten, wie schwer das eben für Jacob gewesen sein musste.
Zolger, der gesehen hatte, dass sein Freund sich kaum noch auf den Füßen halten konnte, übernahm das Kommando.
"Los Leute. Fritz ist fix und alle. Ihr macht jetzt Ordnung hier. Räumt alles zusammen, was ihr nicht mehr braucht. Damit Fritz, wenn er das Kinderzimmer abgenommen hat, endlich ins Bett kommt. Sonst haben wir hier noch einen Toten. Nämlich unseren Chefarzt."
Bei diesen Worten Zolgers, kam Bewegung in den Raum. Alle räumten zusammen. Anna legte Nummer 98 neben 91 und half mit. Im Seitenblick, sah sie, wie die beiden Mädchen sich an den Händchen fassten. Schon vorhin, war das geschehen.
'Das ist eigenartig', ging es Anna durch den Kopf.
Aber es gab Wichtigeres zu erledigen. Man musste erst einmal, die toten Kinder aufbahren und zudecken. Dann die Halle wieder herrichten. Fast eine Stunde brauchten die Schwestern dazu. Anna kehrte, zu der kleinen Nummer 98, zurück. Als sie vorsichtig die Hände der beiden Mädchen lösen wollte, fing Nummer 98 an, wie am Spieß zu schreien. Also nahm Anna, auch noch Nummer 91 auf den Arm. Sofort suchten die beiden Mädchen, wieder den Kontakt. Kaum hatten sie sich wieder an den Händen gefasst, wurde Nummer 98 wieder ruhig. Kopfschüttelnd registrierte Anna dies.
Sie würde, sobald Jacob geschlafen hatte, mit ihm darüber reden. Dies war eigenartig. Keins der anderen Kinder, machte das. Die nachfolgenden Ereignisse, überlagerten diese Beobachtung allerdings, so dass diese Begebenheit schnell wieder in Vergessenheit geriet.
Jacob fuhr indessen, nach oben in das Kinderzimmer. Er wollte das Zimmer nur abnehmen und dann endlich schlafen gehen. Was er da zu sehen bekam, war einfach zu viel. Er hatte gedacht, es würden Kinderbettchen im Raum aufgestellt. Dem war aber nicht so.
Als Jacob den Raum trat, brachte er nur ein noch verzweifeltes, "Oh mein Gott", hervor. Die Worte Jacobs, klangen wie ein fassungsloser Schrei, im Gang der 6/blau wiederhallte. Jacob musste sich krampfhaft am Türrahmen, des gerade fertig eingerichteten Zimmers, festhalten. Er zitterte am ganzen Körper. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht, wenn das überhaupt noch möglich war. Schwer atmend holte Jacob Luft. Mühsam kämpfte der Chefarzt dagegen an, nicht durchzudrehen.
Mayer, der in ebendiesen Moment ebenfalls auf der 6/blau ankam, hörte den entsetzten, an einen Schrei erinnernden Ruf Jacobs und legte einen Sprint ein.
"Was ist denn Fritz? Um Gottes Willen, was ist denn los?"
Jacob war nicht mehr in der Lage zu reagieren oder gar zu sprechen. Der Anblick des Kinderraumes war zu viel. Der Chefarzt war am Ende seiner Kraft. Er konnte am heutigen Tag, einfach nichts mehr ertragen. Geschweige denn Mayer eine Antwort geben. Er stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Jacob fiel einfach in sich zusammen.
Kopfschüttelnd taumelte der Chefarzt zurück, als wenn etwas Schreckliches auf ihn zukäme. Panisch waren seinen Augen aufgerissen und Fassungslosigkeit stand in sein Gesicht geschrieben. Er stürzte rückwärts aus dem Zimmer heraus und ließ sich im Flur, einfach an der gegenüberliegenden Wand hinab gleiten. Jacob konnte nicht mehr. Er fing an zu weinen, legte seinen Kopf auf die Arme und war zu keiner normalen Reaktion mehr fähig.
Flüsterte sich selbst, nur mit bebender Stimme zu. "Zu was habe ich die Kinder retten wollen? Ich hätte sie alle töten sollen."
Mehr bekam Mayer, aus seinem Freund nicht mehr heraus. Sigmar Mayer konnte nicht verstehen, was mit seinem Chefarzt los war. Der Projektleiter ging einen Schritt weiter und stand genauso fassungslos im Türrahmen, wie wenige Augenblicke zuvor Jacob.
Er brachte nur ein gestammeltes. "Da…das … i…ist un… unmenschlich" hervor.
Mayer starrte in dem Raum und sah sich um. Hinter- und Nebeneinander, standen dreiundachtzig Stahlpritschen, mit Gitterstäben rundherum, die mehr an Käfige, als an Kinderbetten erinnerten. Davor standen zwei Spinde, einer rechts und einer links. Also am Kopf und Fußende der zweieinhalb Meter langen und sechzig Zentimeter breiten Stahlpritschen, die nicht einmal eine Matratze hatten. An deren vier Seiten waren vier Meter hohe Gatter angebracht. So dass man die Betten, auf jeder Seite nach oben schieben konnte. Mayer ging zu dem ersten Spind öffnete ihn. Der erste Spind, war für Sachen, zum legen und hängen. Der zweite Spind, war ein Waffenschrank. Kopfschüttelnd ging er weiter, in die Mitte des Raumes. Dort stand ein drei Meter breiter und zwanzig Meter langer Stahltisch. Davor und dahinter zweiundvierzig Holzstühle und einer an der Stirnseite. Mayer konnte es nicht fassen, was er sah. Er sah den Cheftechniker entsetzt, aber auch fragend an.
Korpus verstand weder die Reaktion von Jacob, noch die von Mayer. "Was ist denn los? Haben wir es nicht richtig gemacht?"
Fassungslos und wütend sah Mayer, Korpus an. "Oberleutnant Korpus, das ist jetzt nicht ihr Ernst oder?"
Korpus wusste gar nicht, was er darauf sagen sollte. "Wie, mein Ernst, Genosse Major? Ich verstehe nicht, was sie meinen? Ich habe alles so aufgebaut, wie man es mir aufgetragen hat."
"Sie wollen mir doch nicht sagen, dass sie hier fertig sind", Mayer sah Korpus richtig böse an.
"Noch nicht ganz, Genosse Major. Wir müssen noch schnell durch kehren. Das haben wir noch nicht geschafft. Aber wir haben noch fast fünf Minuten", erklärte Korpus offen und ehrlich, dass er nicht wusste, was Mayer von ihm wollte. Drehte er sich um und schnauzte seine Leute an. "Los macht hin, das ihr hier alles sauber macht. Damit wir fertig werden."
Mayer sah Korpus immer noch böse an. "Genosse Korpus, wo sind die Matratzen, die Decken und das Bettzeug für die Kinder?"
Immer irritierte sah Korpus, dem ihm gegen überstehenden Mayer an, mit dem er schon viele gemeinsam Projekte verwirklicht hatte. Noch nie hatte Mayer in solch einem Ton mit ihm gesprochen.
"Welche Matratzen? Welche Decken? Beides habe ich nicht bekommen, Genosse Major. Was für Kinder? Ich dachte, das sind Käfige für Tiere", versuchte er zu erklären, dass er nicht wusste, warum ihn Mayer so anfuhr.
"Wer hat ihnen das gesagt Genosse Oberleutnant?"
Korpus zuckte entschuldigend mit den Schultern, sah Mayer offen in die Augen. "Na ja, wenn ich ehrlich bin keiner. Uns sagt doch keiner etwas. Wir bekommen doch nur die Aufträge, irgendwo irgendetwas auf oder abzubauen. Für was das im Einzelnen ist, erfahren wir doch nie. Das brauchen wir doch nicht wissen für unsere Arbeit. Erst haben wir hier Brutkästen aufgebaut, jetzt Käfige. Das kann doch nur für Tiere sein."
Schlagartig wurde Mayer bewusst, dass Korpus gar nicht wissen konnte, für wen er dies hier machte. "Tut mir leid, Genosse Oberleutnant. Ich dachte, sie wissen für welches Projekt sie arbeiten. Wie lange brauchen sie noch?" Wechselte Mayer einfach das Thema und versuchte wieder freundlich zu Korpus zu sein, was ihm nur sehr schwer gelang.
Erleichtert atmete Korpus auf. "Fünf Minuten noch, dann sind wir fertig, Genosse Major. Es ging wirklich nicht schneller. Wir mussten vieles nacharbeiten."
Schnell räumte der Chefingenieur die letzten Werkzeuge zusammen und trieb die seine Mitarbeiter zur Eile an, damit sie fertig zu wurden. Es war schon 21 Uhr 58. Keine fünf Minuten später, war alles aufgeräumt und sauber.
"Tut mir leid, Genosse Major. Dass wir es nicht ganz geschafft haben. Aber Wunder dauern immer etwas länger. Die Hälfte der Käfige, war falsch gebohrt. So dass wir alle nacharbeiten mussten, das hält einfach auf. Wir konnten auch erst 10 Uhr 20 anfangen. Schneller ging es wirklich nicht."
Mayer hatte sich in der Zwischenzeit, um den völlig fertigen Jacob gekümmerte und winkte ab. Die drei Minuten Verspätung, würde er unter den Tisch fallen lassen. Die Arbeit die Korpus geleistet hatte, war wieder einmal klasse und unbezahlbar gewesen.
"Dann übernehme ich erst einmal. Wenn wir Ersatz brauchen, ordere ich das über Hunsinger? Korpus, sie und ihr Team haben gut gearbeitet. Vielen Dank und guten Heimflug. Beeilen sie sich lieber, es zieht schon wieder ein Schneesturm auf, sonst sitzen sie hier fest", damit übernahm Mayer dieses eigenartige Kinderzimmer.
"Danke Genosse Major, brauchen sie für Fritz Hilfe?", erkundigte sich Korpus noch.
Der Techniker sah erst jetzt, dass Jacob schneeweiß und am ganzen Körper schlotternd, im Flur vor dem Kinderzimmer saß. Und wie ein Häufchen Unglück an der Wand gelehnt und auf dem Boden saß.
"Nein, Genosse Oberleutnant. Ich kümmere mich. Ich habe hier genug Leute. Fliegen sie los, sonst kommen sie nicht mehr weg", beendete Mayer die Diskussion.
Er ließ Korpus einfach stehen, um sich wieder um Jacob zu kümmern. Der Chefarzt hatte sich soweit beruhigt, dass er wieder normal atmen konnte. Er stand mit Unterstützung seines Freundes auf und sah Mayer mit einem eigenartigen Blick an. Mühsam, jedes Wort erkämpfend, bat er darum, sich zurückziehen zu dürfen.
"Übernimmst du ab hier, Sigmar? Anderson soll die Einweisung machen. Der weiß auch, wie die Kinder in die Betten sollen. Er soll daran denken, die Kleine 98, kommt ganz hinten rechts in die Ecke. Sigmar, kümmere dich um den Rest. Ich kann nicht mehr", den letzten Satz flüsterte Jacob nur noch.
Ohne auf eine Antwort zu warten, ging Jacob einfach weg. Sich beim Laufen an der Wand festhaltend, schleppte er sich schwankend, die wenigen Meter bis zum Aufzug, der hoch in seine Wohnung fuhr. Immer wieder musste der völlig fertige Arzt eine Pause machen und sich gegen die Wand lehnen, da es ihm hundeelend ging. Jacob fuhr nach oben in seine Wohnung und fiel so wie er war, einfach ins Bett. Er hatte einen Punkt erreicht: An dem er nichts, absolut nichts mehr ertragen konnte.
Mayer der sich nicht mehr wunderte, dass Jacob zusammengeklappt war, ging nach unten auf die 6/lila. Diesmal über die Treppe, weil er einfach die Zeit brauchte, um sich überlegen zu können, wie er den Leuten diesen ganzen Mist erklären sollte. Nur zehn Minuten später betrat Mayer die Turnhalle.
"Guten Abend die Damen, guten Abend die Herren. Schön, dass sie hier sind, Kollegen Anderson. Sie möchten die Einweisung von den Kindern, in die sogenannten Betten übernehmen. Sie übernehmen auch die Schichteinteilung. Jacob ist mir oben im Kinderzimmer gerade zusammengeklappt. Er ist hoch in seine Wohnung. Ich sehe gleich noch einmal nach ihm. Leute, klappt mir nicht auch noch alle ab. Es reicht, wenn Jacob das gerade gemacht hat. Diese Unmenschen vom Institut, haben uns für diese kleinen Würmer, nicht einmal richtige Betten geschickt, sondern nur Stahlkäfige. Das hat unser Chefarzt, nicht auch noch verkraftet und wenn ich ehrlich bin, kann ich das nicht so richtig in Worte fassen. Ich werde nur selten sprachlos, dieses eine Mal bin ich es aber. Bekommt also keinen Schock."
"Wie Käfige?" Kam von Anna, Nummer 98 und 91 an ihren Körper pressend. Ängstlich sahen alle Schwestern Mayer an. Wieder liefen über viele der Gesichter Tränen der Angst. Die Frauen waren einfach zu fertig, als dass sie diese zurück halten konnten.
"Eben Stahlpritschen ohne Matratzen und Decken, mit Gitterstäben davor. Ich würde es nicht als Kinderbett bezeichnen. Sondern eher als eine Art Käfig. Schaut es euch am besten selber an. Tut mir leid, weder Jacob, noch meine Wenigkeit wussten von dieser Schweinerei, sonst wären wir dagegen vorgegangen."
Traurig sah der Projektleiter die Schwestern und die Ärzte an, die kopfschüttelnd vor ihm standen. Erst jetzt entdeckte Mayer, die auf der linken Seite aufgebahrten und zugedeckten Körper, der Kinderleichen.
Erschrocken sah er Anderson an: "Wann?", holte krampfhaft Luft. Mehr konnte Mayer nicht über seine Lippen bringen.
"Genosse Major, ich weiß nicht, wann unser Chef das gemacht hat. Sie waren alle schon tot, als wir gerade nach unten kamen. Fritz hat uns um 10 Uhr alle ins Bett geschickt. Wir waren so fertig, wir konnten uns kaum noch auf den Beinen halten. Er versprach mir, uns um 14 Uhr wecken zu lassen. Wir wurden allerdings erst um 21 Uhr 30 geweckt und sind erst vor zehn Minuten heruntergekommen", erklärte Anderson die Sachlage.
Kopfschüttelnd sah Anderson den Projektleiter an, dem jetzt erst richtig bewusst wurde, warum Jacob zusammengebrochen war. Mayer wollte und musste sofort nach Jacob sehen.
"Anderson, sie kümmern sich um die Einweisung der Kinder. Die toten Kinder kommen in die Kühlhalle, zur Konservierung und Aufbahrung. Dann machen sie die Einteilung der Nachtschicht und kommen im Anschluss, sofort hoch zum Chefarzt. Ich glaube, der braucht auch Hilfe. Also los, beeilen sie sich jetzt mal! Sie sind schließlich alle ausgeschlafen."
Mayer griff jetzt richtig durch und trieb so die Leute an, sich zu bewegen. Alle standen immer noch wie festgenagelt, vor den siebzehn toten Kindern. Keiner von ihnen kam mit dem Geschehenen klar.
Anderson übernahm das Kommando in der Turnhalle und sorgte dafür, dass die Kinder nach oben auf die 6/blau gebracht wurden. Er sorgte auch dafür, dass die Betten eine Nummerierung erhielten, so dass man sie den Kindern zuordnen konnte. Nach dem die Kinder in den Betten untergebracht waren, teilte er die Schichten ein und entließ die überzähligen Schwestern und Ärzte in ihre Quartiere.
Der Schock, den die Mitarbeiter des Projektes beim Anblick des sogenannten Kinderzimmers bekamen, war groß. Aber was nutzten die Tränen der Schwestern, man musste mit dem Vorlieb nehmen, was dieses Projekt hergab. Den Schwestern verkrampfte es das Herz und so versuchten sie es den kleinen Erdenbürgern so bequem wie nur eben möglich zu machen. Schnell holten sie aus ihren Quartieren Handtücher, Decken und Kissen. Sie nutzten alle privaten Möglichkeiten die sie hatten, um es den Kleinen angenehm zu machen. Den Frauen blutete das Herz. Sie brachten es einfach nicht fertig, die kleinen Kerlchen auf eisige Stahlpritschen zu legen. Alle waren der Meinung, dass es selbst die Tiere im Zoo gemütlicher hatten, als die Säuglinge des Projektes: Denen gab man wenigstens Stroh zum Nestbau.
Durch die Schwestern bekamen die Kinder wenigstens etwas Zuwendung und das Gefühl der Geborgenheit. Alle Mitarbeiter, nicht nur die Schwestern, fassten mit an und halfen so gut es ging den Raum für die Kinder herzurichten. Selbst das Wachpersonal und die Servicekräfte, brachten Kissen und Decken vorbei.
Mayer fuhr in der Zwischenzeit nach oben zu Jacob, um dort nach dem Rechten zu sehen. Er hatte ein ganz komisches Gefühl. Als Projektleiter besaß er die einzige Generalkarte, mit der man jeden Raum des Objektes betreten konnte: Auch dann, wenn die Türen von innen verriegelt waren. Ein Vorteil, den er als Sicherheitschef des Projektes inne hatte und in diesem Fall ausnutzte. So kam er trotz der verschlossenen Wohnungstür, in Jacobs Wohnung, als dieser auf sein Klingeln nicht öffnete. Mayer verschaffte sich Zugang zur Wohnung. Erfreut stellte Mayer fest, dass sich seine größte Angst nicht bestätigte. Er fand Jacob allerdings mit dem Gesicht in den Kissen liegend und fest schlafend, in seinem Bett vor. In der gleichen Kleidung, wie der Chefarzt Mayer auf Ebene 6/blau vor reichlichen halben Stunde verlassen hatte.
Kopfschüttelnd sah Mayer auf seinen Freund herunter, der so fertig war, dass er sich nicht einmal mehr ausgezogen hatte. Mayer begann damit dem Chefarzt die Schuhe auszuziehen, als es an der Tür klingelte. Mayer öffnete sofort, um Doktor Anderson einzulassen, der mit seiner Arzttasche davor stand.
"Kommen sie rein, Anderson, sie müssen mir helfen", befahl Mayer knapp. Eilig lief er zu dem Schlafenden zurück.
Anderson half Mayer beim Ausziehen des Freundes. Erst der Arzt entdeckte die Einstichstelle am Arm Jacobs. Dann entdeckte Mayer eine Spritze und eine noch volle Ampulle, die unter Jacob lag. Erschrocken stellte Anderson fest, dass es sich um Diprivan handelte: Ein Narkotikum. Daraufhin untersuchte er Jacob noch einmal, auf Unregelmäßigkeiten. Vorsichtshalber hörte er den Chefarzt ab, maß auch dessen Vitalwerte, es war zum Glück nichts daran auszusetzen. Erleichtert erklärte Anderson Mayer, dass sich Jacob nur eine kleine Einschlafhilfe gegeben hatte.
Der Chefarzt hatte sich einfach eine leichte Narkose gegeben, um schneller in den ersehnten ruhigen, vor allem traumlosen Schlaf zu kommen. Was ohne Kontrolle zwar sehr leichtsinnig war, denn es konnte gerade durch den Stress den Jacob heute den ganzen Tag ausgesetzt war, leicht zu einem Kreislaufversagen kommen, allerdings konnte man dies irgendwie verstehen. Beruhigt deckten die Beiden, den jetzt nur noch in Turnhose bekleideten Jacob zu.
"Lassen wir ihn schlafen, bis er von alleine munter wird. Ich gebe gleich den Befehl durch, sämtliche Telefone und die Klingeln stillzulegen. Der Chefarzt wird eine Woche lang von niemandem belästigt. Wenn er von alleine munter wird, stelle ich Verbindung wieder her. Doktor Anderson, der Chefarzt bekommt von mir eine Woche Hausarrest. Sie managen solange unten im Kinderzimmer alles. Egal was diese Trottel vom Genlabor machen wollen: Sie sagen nein. Erst, wenn Jacob in ein paar Tagen wieder erholt und ansprechbar ist, werden weitere Tests mit den Kindern durchgeführt. Bis dahin werden keinerlei Tests mit den Kindern durchgeführt. Sollten die Probleme machen, sagen sie, das wäre ein Befehl von mir. Das Projekt wird für ungewisse Zeit gestoppt. Ist das klar", fuhr Mayer den Arzt ziemlich unwirsch an.
Erschrocken sah Anderson auf. Er war einverstanden, mit dem was Mayer anordnete. Denn er war der gleichen Meinung, dass Jacob sich erst einmal erholen musste. Anderson nickte deshalb zustimmend.
"Geht klar Genosse Major. Tut mir leid, ich muss wieder runter zu den Kindern. Können wir wenigstens ein paar Decken für die Kleinen bekommen?", mit unterdrückter Wut sah Anderson den Projektleiter an.
"Doktor Anderson, ich schicke ihnen dann gleich einige Sachen nach unten auf die 6/blau. Das dauert aber einige Minuten."
Sofort verließ Anderson Jacobs Wohnung, nickte Mayer dankbar zu. Der Projektleiter ging an das nächste Telefon, um die entsprechenden Anweisungen an die zuständigen Stellen zu geben. Auch veranlasste er, dass alle Telefonate die für Jacob bestimmt waren, zu ihm umgeleitet wurden. So dass sein Chefarzt erst einmal richtig ausschlafen und wieder zu Kräften kommen konnte. Den Kindern ging es allen gut, wie er von Anderson erfuhr. Also konnte sich Jacob ebenfalls erst einmal erholen und zur Ruhe kommen. Noch einmal ging Mayer nachsehen, ob bei Jacob alles in Ordnung war und verließ beruhigt dessen Wohnung.
Nach reichlichen zwei Tagen wurde Mayer langsam unruhig. Immer wieder bat Doktor Anderson nach Jacob zu sehen. Der Arzt, zu dem Mayer neben Jacob das meiste Vertrauen besaß, machte sich auch langsam Sorgen um seinen Kollegen. Verwundert stellte er fest, dass es auf einmal eine weitere Einstichstelle im Arm des Chefarztes gab, vor allem ein riesiges Hämatom, welches schon mindestens zwei Tage alt war. Jacob allerdings schlief einen erschöpften Schlaf. Anderson hing Jacob an einen Flüssigkeitstropf, nahm jedoch vorsichtshalber Blut ab und schickte es ins Labor.
"Das verstehe ich nicht", Brummelt er vor sich hin und schüttelte verwundert den Kopf. Wie konnte er das bei der ersten Untersuchung übersehen haben.
Es gab allerdings wichtigere Dinge, um die er sich im Moment sorgte. Anderson musste erst einmal dafür sorgen, dass Jacob nach vorn auf die 4/gelb gebracht wurde. Auf der sich die Krankenstation für die Angestellten befand. Da er Jacob dort einfach besser im Auge behalten, vor allem aber, besser mit der nötigen Flüssigkeit versorgen konnte.
Ein Stunde später kam aus dem Labor, allerdings eine schlechte Nachricht. Es stand auf Grund der Befunde fest: Jacob wollte sich keine Einschlafhilfe geben, sondern wollte sich das Leben nehmen. Er hatte nach reichlich zwei Tagen, immer noch eine tödliche Dosis, eines Medikamentencocktails im Blut. Der aus Diprivan, Disoprivan, aber auch aus Ernsdolor bestand. Es grenzte an ein Wunder, dass Jacob noch am Leben war. Anderson gab Jacob ein neutralisierendes Mittel, Dantrolen, so dass dieser sich schneller erholen konnte.
Nach langen Überlegungen teilte er Mayer, seine Überlegung mit. Er sprach dem Projektleiter gegenüber die Vermutung aus, dass Jacob Selbstmord begehen wollte. Brachte aber auch seine Verwunderung über das Ganze zum Ausdruck. Er wollte seinen Vorgesetzten, vor dem er Hochachtung besaß, nicht in ein falsches Licht rücken. Anderson war allerdings der Meinung, dass Mayer wissen sollte, dass Jacob mit dem Tod der Kinder nicht klar kam.
Ganze fünf Tage am Stück, schlief Jacob durch. Langsam sah er, auch wenn er unrasiert war, wieder etwas besser aus. Am späten Nachmittag des 19. Februar 1959 erwachte Jacob hungrig und durstig, aus einem erholsamen Schlaf. Irritiert sah er sich um, stellte zu seiner Verwunderung fest, dass er auf der Krankenstation lag. Vorsichtig stand er auf, auch wenn er wackelig auf den Beinen war, ging es ihm gut.
Am Fußende seines Bettes, lag ein Overall. Den zog er an, dann schlüpfte er in die Schuhe und ging nach vorn zu dem Platz, an dem sich meistens Schwester Ingrid aufhielt.
"Guten Morgen, Schwester Ingrid", sagt er laut in der Annahme, dass er acht Stunden geschlafen hatte.
Schwester Ingrid erschrak sich fast zu Tode. Sie war tief in das Studium eines Fachartikels, über Physiotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten, von Patienten mit Gelenkrheuma vertieft. Deshalb hörte sie den Chefarzt gar nicht kommen.
"Herr Doktor, ab mit ihnen ins Bett." fuhr sie den Chefarzt etwas sehr barsch an.
"Warum denn das? Wieso bin ich überhaupt hier?", wollte Jacob von ihr wissen. "Warum kann man mich nicht einmal acht Stunden, in meinem eigenen Bett und vier Wänden schlafen lassen?"
Schwester Ingrid antwortete ihm nicht. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Ärzte die schlimmsten und unvernünftigsten Patienten waren und sich mit Erklärungen einer Schwester oft nicht zufrieden gaben. Aus diesem Grund klingelte sie Anderson an. Da der Doktor sowieso sofort Bescheid bekommen wollte, wenn Jacob munter wurde.
"Doktor Anderson, können sie schnell mal kommen, Doktor Jacob will gehen. Er schimpft mit mir", fügte sie verärgert hinzu.
Anderson konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, da er sich die Reaktion des Chefarztes beim Erwachen gut vorstellen konnte.
"Keine Angst, ich komme schon", sofort legte er auf und lief los, um seiner Kollegin zu Hilfe zu eilen.
Er konnte sich die Situation in der Krankenstation nur zu gut vorstellen. Keine zehn Minuten später traf er in der Krankenstation ein. Der Arzt hatte einen weiten Weg zurückzulegen, da er sich beim Anruf von Ingrid unten auf der 6/blau aufgehalten hatte.
"Na, hast du endlich ausgeschlafen Fritz. Setzt dich", begrüßte er den Chefarzt, froh ihn wieder auf den Beinen zu sehen.
"Was heißt hier endlich ausgeschlafen? Wieso bin ich überhaupt hier?", wollte der Chefarzt jetzt von Anderson wissen, da er von Schwester Ingrid keinerlei Auskünfte bekam.
"Fritz, weißt du, was heute für ein Tag ist?", verwundert sah Jacob auf seinen Kollegen
"Na Sonntag, der 15. Februar", gab diese sofort zur Antwort. Schwester Ingrid lachte genauso herzhaft, wie Anderson.
"Fritz, heute ist der 19. Februar, es ist Donnerstag, du hast ganze fünf Tage am Stück geschlafen. Wir mussten dich auf die 4/gelb verlegen, da du nicht mal etwas trinken wolltest. Wir haben dich einfach nicht munter bekommen", jetzt musste sich Jacob wirklich erst einmal setzen.
"Wie heute ist Donnerstag? Du willst mich verarschen oder Jim?"
Anderson sah Jacob breit grinsend an und schüttelte seinen Kopf. "Nein Fritz, wirklich nicht. Rufe die Zeitansage an. Heute ist Donnerstag und es ist gleich 19 Uhr."
"Buha", mehr bekam Jacob im Moment nicht heraus.
Er war sprachlos und völlig irritiert. Nach einer ganzen Weile musste er wohl oder übel begreifen, dass es wirklich so war und meinte ganz trocken, so wie es oft seine Art war.
"Deshalb habe ich so einen Kohldampf, wie ein verhungerter Bär. Da muss ich den Barkeeper, wohl wieder einmal betteln, dass er mir etwas zum Futtern macht. Das Abendbrot, habe ich ja auch verschlafen. Jim mache hin, ich bin kurz vor dem Hungertod. Komm erzähl mir, was in den letzten Tagen hier los war. Bei einem Kaffee und etwas zu beißen, lässt es sich gut plaudern. Wie geht es den Kindern, alles in Ordnung bei ihnen? Dann bis morgen Ingrid", übernahm Jacob wie gewohnt das Steuer und ließ seinen Kollegen keinen Raum für Widerworte.
Gleichzeitig überschüttete er seinen Kollegen mit Fragen und entließ sich selber von der Krankenstation, in der er die mit dem Kopf schüttelnde Ingrid zurückließ.
"Ärzte", murmelte diese vor sich hin und widmete sich wieder ihrem Bericht.
Ließ Jacob und Anderson kommentarlos ziehen. Ohne darauf zu achten, dass es ihre Pflicht gewesen wäre, hier einzugreifen und Anderson dabei zu unterstützen den Chefarzt wieder ins Bett zu schicken. Es war ihr wichtiger ihren Artikel weiterzulesen.
Jacob lief gefolgt von Anderson, der ihm kaum folgen konnte, nach oben in die Mensa. Als dieser ihn zurückhalten wollte, sagte er kurz und von einem zum anderen Ohr grinsend.
"Jim, bin ich hier der Chefarzt oder bist du das? Komm lass mich was essen. Dann bin ich ganz brav und geh sogar noch einmal ins Bett", dabei klopfte er Anderson beruhigend auf die Schulter und ging sofort weiter an die Bar.
"Guten Abend Jungs. Sagt mal habt ihr für mich etwas zu essen, die haben mich tatsächlich einfach fünf Tage hungern lassen. Stellt euch das mal vor. Das sind vielleicht ein paar grausame Burschen. Ich habe einen Knast kann ich euch sagen. Erzählen die mir doch tatsächlich, dass sie mich nicht munter bekommen haben. Das gibt’s doch nicht. Mit einem Schnitzel, bekommt man mich immer munter."
Der Barkeeper fing an zu lachen und sah erfreut auf den Chefarzt, dem es wohl wieder besser ging. Er war erleichtert. Denn wie alle anderen im Projekt, machte auch er sich Sorgen um Jacob.
"Klar Herr Doktor, für sie doch immer. Was wollen sie futtern? Das übliche?"
"Na klar. Was denn sonst? Schnitzen mit Bratkartoffeln, egal was kommt. Auch wenn ich hinterher die Flitze bekomme. Das will ich jetzt haben. Was Leckeres zu essen. Schließlich hab ich fünf Tage geschlafen und nichts zu essen bekommen", brachte er seinen Wunsch zum Ausdruck, stampfte dabei mit dem Fuß auf, wie ein bockiges Kind.
Schallend begann der Barkeeper zu lachen. Aber so war der Chefarzt nun mal, wenn es ihm gut ging. Lange hatte man ihn nicht mehr so erlebt. Es war einfach schön, dass der alte Jacob wieder da war. Mit dem hatte man immer viel Spaß gehabt.
Anderson stand kopfschüttelnd daneben und konnte nicht glauben, was er da gerade erlebte. Er hatte den Chefarzt ständig im Blick, ihm war nicht wohl bei der Sache. Zulange hatte Jacob im Bett gelegen und nicht nur geschlafen. Es gab einige Situationen in diesen fünf Tagen, an dem dessen Leben an einem seiden Faden hing. Deshalb konnte Anderson das alles hier nicht wirklich glauben. Er kam sich vor wie in einem falschen Film und konnte nicht begreifen, was hier vor sich ging. War der Chefarzt wirklich über den Berg? Es wäre zu schön, um wahr zu sein.
Anderson ging auf Jacobs Späße ein. "Ganz stimmt das nicht, Fritz. Wir haben schon versucht dir das Schnitzel intravenös zu verabreichen, aber leider passte es nicht durch die Kanüle. Als wir es durch den Mixer gejagt hatten, hat es dir wie es schien, wohl nicht mehr richtig geschmeckt. Beschwer dich also beim Koch", erwiderte Anderson genauso trocken und ernst drein blickend.
Lachend klopfte Jacob ihm daraufhin auf die Schulter. "Na gut, wenn das so ist, will ich euch verzeihen. Komm lass uns setzen Jim. Meine Beine zittern wie Espenlaub. Verdammt noch mal."
Jacob merkte selber, dass er noch nicht so fit war, wie er gerade noch gedacht hatte. Auch Anderson stellte besorgt fest, dass Jacob verdammt blass um die Nase wurde und ging mit ihm schnell an den nächsten Tisch.
"Na, da warst du wohl doch etwas zu stürmisch, Fritz?", wollte er wissen.
Automatisch griff der Arzt nach Jacobs Handgelenk, um den Puls zu messen. Der Puls des Chefarztes raste. Nach dieser Anstrengung, war das fast normal. Schließlich hatte Jacob fünf Tage fest gelegen.
"Komm, sei ein braver Doktor. Die Jungs bringen dir dein Schnitzel, auch runter auf die Krankenstation."
Jacob nickte betrübt. Er merkte selber, dass er sich übernommen hatte. Der Schweiß brach Jacob plötzlich aus allen Poren und ihm war richtig gehend schlecht.
Anderson musterte Jacob besorgt und griff jetzt durch. "Jungs, ihr ruft uns sofort ein Taxi? Dann bringt ihr das Schnitzel runter auf die 4/gelb", befahl Anderson dem Barkeeper.
Die Jungs hinter der Bar nickten besorgt und riefen den Notruf an. Keine zwei Minuten später fuhr ein Multicar vor, der Jacob zurück auf die Krankenstation brachte. Als eine halbe Stunde später Jacobs Essen kam, schlief der Chefarzt wieder tief und fest. Diesmal allerdings den Schlaf der zur Genesung führen konnte. Weder Anderson, noch Schwester Ingrid waren sich hundertprozentig sicher, dass ihr Chefarzt überhaupt bewusst war, dass er der Mensa einen Besuch abgestattet hatte. Kaum, dass er wieder in seinem Bett lag, war er auch schon eingeschlafen. Nicht mal mehr zugedeckt hatte sich Jacob.
Anderson kehrte zurück zu den Kindern, die in den letzten fünf Tagen gewaltige Fortschritte gemacht hatten. Informierte Anna, die gerade ihren Dienst auf der 6/blau versah, über das Geschehene. Die konnte nicht fassen, was ihr Anderson erzählte. Aber Anna kannte ihren Freund und konnte sich vorstellen, dass er dazu in der Lage war. Außerdem war Anna froh darüber, dass es ihrem Schatz endlich wieder besser ging.
Es gab vor zwei Tagen einige Komplikationen, bei der Anderson richtig Angst um Jacob hatte, dessen Herz wollte plötzlich nicht mehr schlagen. Nach einer viertel Stunde intensiven Kampfes, von Doktor Anderson, Mai und Otto, schlug Jacobs Herz wieder ganz normal. So, als wenn nichts gewesen wäre. Das Schlimmste so machte es den Eindruck, schien Jacob also überstanden. Anna und ihre Kollegen konnten wieder hoffen.
Einen und einen halben Tag verschlief Jacob noch, bis er am 21. Februar 1959, erholt aufwachte. Also genau eine Woche nach der Geburt der Kinder. Es war kurz nach 6 Uhr in der Früh, als Schwester Ingrid nach ihrem Patienten sah. Im selben Moment schlug Jacob die Augen auf und sah seine Stationsschwester verwundert an.
"Guten Morgen Ingrid. Wieso bin ich denn hier auf der 4/gelb?", wollte er wissen.
Schwester Ingrid sah ihn überrascht an. "Äääähhh … wie soll ich das erklären. Ich hole Anderson, aber nicht wieder ausreißen …", bekam der verwunderte Jacob zuhören und setzte sich im Bett auf. "… diesmal bleiben sie aber in Bett liegen, Herr Doktor. Ich rufe Anderson sofort an, der erklärt ihnen alles", wandte sich Ingrid nochmals an Jacob und sprach die Bitte aus hier zu bleiben, statt dem Chefarzt eine richtige Antwort auf dessen Frage zu geben.
"Ja ich bleib hier", verwundert sah Jacob der davon eilenden Schwester nach.
Er setzte sich auf und überlegte krampfhaft wie er auf die Krankenstation gekommen war. Kaum eine Minute später erschien Anderson auf der Krankenstation, der gerade von der Nachtschicht aus der 6/blau kam und nach Jacob sehen wollte.
Er wurde bereits von Schwester Ingrid erwartet und mit den Worten begrüßt. "Der Chef ist gerade munter geworden. Ich glaube nicht, dass der etwas, von seinem Ausflug weiß", erklärte sie Anderson leise.
Der konnte sich vorstellen, dass Jacob keinerlei Erinnerung an das Vorgefallene besaß. Innerlich grinsend betrat er das Krankenzimmer, in dem Jacob grübelnd im Bett saß.
"Guten Morgen Fritz. Na wie geht es dir? Wieder besser?"
Der Chefarzt nickte. Sah Anderson allerdings fragend an. "Ging es mir denn schlecht? Wieso bin ich eigentlich hier? Ich hab doch bei mir oben geschlafen", völlig irritiert schaute er seinen Kollegen an.
"Fritz, bevor ich dir irgendetwas erkläre, kannst du mir bitte eins erklären, weil ich es einfach nicht verstehen kann. Warum hast du dir diesen Irrsinngen Medikamentencocktail aus Diprivan, Disoprivan und Ernsdolor gespritzt? Du bist dir schon drüber im Klaren, dass dies hätte tüchtig ins Auge gehen können", schimpfte Anderson erst einmal mit seinem Freund und Kollegen.
"Ich hab was?", Unglaube stand in Jacobs Gesicht geschrieben. Seufzend holte Jacob Luft. "Jim weißt du, wie beschissen es mir gestern ging. Ich konnte einfach nicht mehr. Allerdings habe ich mir doch nur Diprivan gespritzt. Nicht mal die Hälfte von dem, was ich hätte spritzen können. Ich kann mit Diprivan doch umgehen. Ich wollte einfach nicht mehr nachdenken, nur schlafen. Kannst du das nicht verstehen? Klar, normalerweise hätte ich euch Bescheid sagen müssen. Aber bei mir ging einfach nichts mehr. Als ich dort unten diese Käfige sah, das war einfach zu viel. Verstehst du. Ich hab doch nicht so um diese Kinder gekämpft, um sie jetzt in Käfige einzusperren. Am liebsten wäre ich runter gefahren, in die Turnhalle und hätte allen eine Spritze gegeben, um dieses unmenschliche Projekt zu beenden. Bevor ich aber noch mehr Morde auf mein Gewissen lade, dacht ich 'Spritze dich lieber selber down, dann kannst du wenigstens keinen Blödsinn machen.'" Jacobs Gesicht sprach Bände.
Anderson der sich sehr wohl denken konnte, was in seinem Chefarzt vor sich ging, nickte zu dessen Ausbruch. "Das mag sein, Fritz. Aber du hast dir nicht die Hälfte, sondern die dreifache Menge von dem gespritzt, was du hättest dürfen."
Als Jacob ihn unterbrechen wollte und dabei den Kopf wie wild schüttelte, verbat er sich das, mit einer einzigen Handbewegung.
" Mit dieser Dosis hättest du einen Elefanten ins Reich der Träume geschickt. Ich hab dir zwei Tage später Blut abgenommen, weil du so gar nicht munter zu bekommen warst. Du hattest noch so viel Diprivan, Disoprivan, aber auch Ernsdolor im Blut, dass man damit noch eine ganze Kompanie, hättet schlafen legen können", bitter sah Anderson, den völlig desorientierten wirkenden Jacob an. Der stellvertretende Chefarzt drehte sich zu der Stationsschwester um.
"Schwester Ingrid, bringen sie mir bitte mal die Krankenakte vom Chef. Speziell den Laborbericht."
"Mach ich, Moment."
"Sieh es dir selber an Fritz, wenn du es mir nicht glaubst. Vor allem gestern, ist ein guter Witz. Vor zwei Tagen bist du mir hier kurz mal ausgerissen, um oben in der Mensa ein Schnitzel zu essen. Allerdings musste das Heiko essen, weil du einfach weitergeschlafen hast", Anderson unterbrach sich, weil Schwester Ingrid gerade die Krankenakte von Jacob brachte.
Als Jacob dort hineinsah, verging ihm das Grinsen. Die Werte die er im Laborbericht vom 16. Februar las, waren für den in der Anästhesie erfahrenen Arzt, erschreckend. So einen Medikamentencocktail hätte er sich nie gespritzt, vor allem niemals Ernsdolor. Dies war ein Mittel, was er zu tiefst verabscheut. Ungläubig sah er zu Anderson hoch. Dann blickte der Chefarzt noch einmal in die Krankenakte, stellte mit einem entsetzen Blick fest, dass heute schon der 21. Februar war. Er also genau eine Woche geschlafen hatte. Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, brachte er zum Ausdruck, was er gerade fühlte.
"Na, wenigstens habe ich jetzt ausgeschlafen. Was habe ich noch alles angestellt?", wollte er jetzt wissen.
Anderson, wie auch Schwester Ingrid, musste jetzt doch lachen, aber auch der gerade das Krankenzimmer betretende Mayer.
"Na du erst noch. Viel war mit dir ja nicht anzufangen. Außer, dass du schlafwandelnd, die Küchenleute zum Schnitzel braten angestiftet hast und dann zurück in dein Bett gegangen bist, um weiterzuschlafen, war ja nicht viel los mit dir. Deine ganze Arbeit mussten wir mitmachen, weil du einfach eine ganze Woche verschlafen hast. Du hast außer lautstarkem Schnarchen, das man sogar unten auf der 6/blau noch hören konnte, nichts weiter angestellt", erklärt Mayer, immer noch lachend, seinem Freund. "Man bin ich froh, dass du wieder munter bist. Wie hältst du nur diese Nervensägen von Ärzten und Schwestern, den ganzen Tag aus. Mein Gott, habe ich deinen Job unterschätzt", gestand Mayer immer noch stänkernd, seinem Chefarzt. Aber er zwinkerte Anderson und Schwester Ingrid zu. "Ich dachte immer meine Leute wären anstrengend, Fritz. Aber gegen deine, sind das die reinsten Engel."
Jacob ging auf Mayers Ton ein und konterte. "Tja Sigmar, da gehört ein dickes Fell dazu. Aber man gewöhnt sich daran. So jetzt will ich wissen, wie es meinen Kindern geht, dann will ich wirklich mein Schnitzel haben und diesmal futtert mir das keiner weg", erklärte Jacob, nun auch breit grinsend.
Nach dem er sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte und ihm bewusst wurde, dass er verdammt viel Glück und eine Kompanie Schutzengel sein eigen nennen konnte. Nur gut, dass er so ein gesundes Herz besaß. Aber es lohnte sich nicht darüber nachzudenken, es war nun mal geschehen, er hat Glück gehabt, nur das zählte.
Anderson sah Mayer an, als dieser nickte, erklärte er. "Tja, ich denke das solltest du dir selber ansehen. Mit Worten kann man das nicht beschreiben. Ingrid bestelle bitte ein Taxi, für unseren Chef, damit der sich nicht gleich wieder übernimmt", diese nickte, verließ den Raum.
Mayer wandte sich an Jacob. "Fritz, das ist jetzt ein Befehl, der mit Anderson abgesprochen ist. Wenn du dich nicht daran hältst, lasse ich dich in ein Krankenhaus einweisen, dann dauert es mindestens einen Monat, bis du wieder hier bist."
Jetzt muss Jacob herzhaft lachen. Ihm wurde bewusst, dass er ähnlich Worte benutzte, als Mayer im Dezember zusammengebrochen war. "Ja Cheffe, ich bin ganz tolle artig", Jacob zog dabei ein Gesicht, das zum Schreien komisch aussah. "Sag mir aber bitte erst einmal, was du mir den eigentlich befehlen willst, Sigmar? Dann können wir darüber diskutieren", wandte er sich fragend an Mayer.
Jetzt musste der Projektleiter auch lachen. Ihm wurde gerade bewusst, dass er noch nicht gesagt hatte, was er wollte. "Ist in Ordnung Fritz. Ich stelle erleichter fest, du hast deinen Humor wiedergefunden hast. Du bist also auf dem Weg der Besserung. Man kann mit dir also wieder normal reden. Deshalb höre mir jetzt gut zu. Du fährst jetzt runter auf die 6/blau, siehst dir die Kinder kurz, damit meine ich auch nur kurz, an. Danach fährst du wieder hier hoch. Im Anschluss bekommst du dein Schnitzel und bleibst noch bis heute Abend hier. Ich möchte, dass du zum Abendessen hoch in die Mensa gehst. Bekommt dir das, darfst du morgen vier Stunden arbeiten. Übermorgen sechs, dann acht Stunden. Hast du das verstanden? Das ist mit den Ärzten so abgesprochen. Es sind noch alle hier. Die Versammlung machen wir am Montag dem 23. März um Punkt 9 Uhr. Es werden die verabschiedet die gehen müssen, die anderen werden neu eingeteilt. Das ist mit Hunsinger so abgesprochen", plötzlich fing Mayer an breit zu grinsen. Der Schalk schaute ihm aus den Augen. "Der war nicht nur tüchtig erschrocken, sondern so groß mit Hut...", Mayer zeigte mit Daumen und Zeigefinger, die angedeutete Größe Hunsingers: einen Abstand von einem halben Zentimeter "... als Korpus, dessen Büro verließ. Hunsinger war anschließend ganz schön kleinlaut und geschockt, da er solch ein Auftreten, seines besten und pflegeleichtesten Technikers, nicht gewohnt war. Korpus hat den großen Boss rund gemacht, wie eine Bowlingkugel. In Berlin muss richtig die Post abgegangen sein, als dich Korpus bei Hunsinger in die Pfanne gehauen hat. Ach hätte ich dabei gern einmal Mäuschen gespielt. Oder besser gesagt, als Otte Hunsinger den Kopf zu Recht gerückt hat: von wegen Mitarbeiterführung und Arbeitsrecht. Na ja soetwas in der Art. Der rief mich erschrocken an und wollte von mir wissen: Was ICH mit DIR gemacht hätte? Korpus hätte ihm erzählt, du sähest aus, wie der Tod auf Latschen. Hunsinger wollte von mir wissen, ob mir nicht klar wäre, dass ohne dich dieses ganze Projekt den Bach runter gehen würde. Wieso ich das nicht verhindert hätte und so weiter und so fort. Du kennst ja unseren Big Boss, der ist ja nie schuld. Na ja", Mayer tat sich wie ein Aal winden, der nicht so richtig mit der Sprache herausrücken wollte. "... dann bin ich etwas ausgeflippt", das breite Grinsen in seinem Gesicht, strafte ihn Lügen. "Ich kann dir versichern, Fritz, daraufhin hatte ich ein sehr unschönes Gespräch mit Genossen Hunsinger. Das wird er glaube ich so schnell nicht vergessen. Ich erklärte ihm, was hier eigentlich wirklich los ist. Ich empfahl ihm dringend, dass er bevor er große Töne von sich gäbe, solle er seinen fetten Arsch hierher bewegen, um sich diese verdammte Sauerei einmal mit eigenen Augen anzusehen. Na auch einige andere sehr böse und gemeine Dinge, hab ich ihm an den Kopf geschmissen. Es ging mir runter wie Honig, wie das Streicheln eines Engels, der meine Seele berührt hat. Glaube mir eins, ich war mehr als nur wütend. Ilka hat sich weinend an Reimund geklammert, so habe ich ins Telefon gebrüllt", Mayer grinste immer noch genüsslich vor sich hin. Allerdings fiel ihm kurz danach das Grinsen aus dem Gesicht. "Leider habe ich im Anschluss fast zwei Stunden gebraucht, um meine Kleine davon zu überzeugen, dass ich nicht mit ihr böse war, sondern mit Onkel Franz schimpfen musste, weil er dich schlecht behandelt hat. Sie hat mir zum Glück dann verziehen", das Grinsen erschien wieder in Sigmars Gesicht. "Seit diesem Telefonat geht mir Hunsinger aus dem Weg und ich habe meine Ruhe. Jedenfalls soll ich dafür sorgen, dass du dich richtig erholst. Solange wurde das Projekt offiziell gestoppt. Selbst die Leute aus dem Genlabor, hat Hunsinger zurück gepfiffen. Das will schon etwas heißen", beendete Mayer seine ungewohnt lange Rede.
Aber seine Augen funkelten immer noch. Man sah ihm an, dass es ihm großen Spaß gemacht zu haben, Hunsinger endlich einmal richtig Parole geboten zu haben.
Jacob hörte mit immer größerem Unwohlsein zu. "Oh je, jetzt hast du bestimmt schon wieder wegen mir Ärger? Dabei habe ich doch nur geschlafen und war ganz brav", stellte Jacob bedrückt fest.
"Nööö, nicht wegen dir, Fritz. Nur wegen mir. Aber mach dir keine Sorgen. Hunsinger weiß, dass er nicht noch mal so einen Trottel wie mich findet. Der beruhigt sich schon wieder. Werde erst einmal gesund, dann erzähle ich dir alles."
In diesem Moment kam Heiko auf die 4/gelb gestürmt.
"Hier wurde ein Taxi bestellt", meldete er sich an. "Guten Morgen Fritz. Na endlich ausgeschlafen? Ich dachte schon du machst einen verspäteten Winterschlaf."
Jacob schüttelte den Kopf. "Nein, aber viel hätte nicht gefehlt. Sag mal Sigmar, darf ich ganz unverschämt sein?"
Mayer schüttelte kategorisch mit dem Kopf. "Nein", sagte er mit erster Stimme, der man allerdings das Lachen anmerkte.
"Schade, da muss ich wohl verhungern. Ich wollte ja nur fragen, ob ich vor den Kindern, noch frühstücken gehen kann."
Jetzt musste Mayer breit grinsen. Das konnte er sich jetzt nicht verkneifen. Er konnte sich vorstellen, dass sein Chefarzt großen Hunger hatte. "Na gut, dann werde ich halt mal nicht so sein. Ein verhungerter Chefarzt, nutz mir ja nichts. Geht erst einmal frühstücken, dann bekommst du eine Stunde für die Kinder und dann ab ins Bett. Sorry ich muss dann wieder. Wir sehen uns heute Abend, bis später Fritz."
Lachend zog sich Jacob an. Mayer verschwand schon wieder durch die Tür. "Jawohl, Herr Vizegeneral", rief ihm Jacob hinterher und salutierte. Keine zwei Minuten nach Mayer, fuhren Corsten, Anderson, Schwester Ingrid und Jacob zusammen, hoch in die Mensa.
Kaum dass Jacob die Mensa betreten hatte, kam Anna auf ihn zugerannt. Die gerade ebenfalls in der Mensa angekommen war, um zu Frühstücken. "Ach bin ich froh, dass du wieder auf den Beinen bist", kam es ganz spontan aus ihrem Mund.
Sie traut sich aber nicht Jacob zu umarmen. Zu gut war ihr die Szene, von vor einer Woche, unten in der Turnhallte noch in Erinnerung. Jacob zog seine Anna an sich heran, gab ihr erst einmal einen Kuss. Zusammen mit Anna lief er zu ihrem Tisch, an dem schon alle versammelt waren.
"Guten Morgen alle zusammen, ich hoffe ihr habt gut geschlafen. Geht es euch gut?", sagte er wie immer mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
Auch wenn Jacob noch unrasiert war und mit einem sieben Tage alten Bart am Tisch erschien, sah man, dass es ihm gut ging. Die zum Schluss fast schwarzen Augenringe waren gänzlich verschwunden. Jacob besaß wieder eine fast normale Gesichtsfarbe, auch wenn er noch etwas blass aussah. Vor allem war sein strahlendes Lächeln wieder da, das immer für ein gutes Arbeitsklima sorgte.
"Na Chef, wenn wir dich so lachend sehen, vor allem so ausgeschlafen, dann kann es uns doch nur gut gehen. Rasieren könntest dich mal wieder, siehst aus wie ein Grisslybär", sprach Doktor Mai aus, was die anderen dachten, der neben Anderson, einer der besten Ärzte des Teams war.
Walli sah den Chefarzt an. "Wir haben uns so gesorgt, Herr Doktor." Die Schwestern nickten alle.
"Oh, das wollte ich nicht. Nun guckt doch nicht alle so. Kommt lasst uns Frühstücken, ich will hinter zu unseren Kindern. Gab es noch Probleme?", wollte Jacob wissen.
Anderson griff durch und wandte sich, mit der Bitte um Geduld, an Jacob. "Fritz, bitte du isst erst einmal, dann machen wir zusammen eine kleine Visite versprochen. Doris sagen sie hinten bitte mal Bescheid, dass der Chef dann…" Anderson sah auf die Uhr, die über der Tür der Mensa hing, die zeigte 6 Uhr 32 an. "… um 7 Uhr 30 eine kleine Visite macht, die sollen alles vorbereiten."
Doris nickte, stand auf und ging an die Bar. Auf dem Tresen stand immer ein Telefon. Von hier aus rief sie unten in der 6/blau an, um der Frühschicht Bescheid zu geben. Gemeinsam frühstückte Jacob mit seiner Nachtschicht. Eigenartigerweise, ging Anderson jedes Mal dazwischen, wenn jemand das Thema Kinder ansprechen wollte.
"Sag mal Jim, was stimmt mit den Kindern nicht, dass mir hier keiner etwas sagen darf", fragte Jacob verstimmt.
Er schob seine nicht mal halb aufgegessene Brötchen von sich weg. Der Chefarzt machte sich Sorgen, um seine Kinder. Was ja verständlich war. Da er absolut nichts über die Kleine erfuhr. Deshalb war ihm der Appetit vergangen. Er mochte nichts mehr essen.
"Fritz, mit den Kindern ist alles in Ordnung. Wenn du nicht wenigstens ein Brötchen isst, bringe ich dich wieder auf die Krankenstation. Fritz bitte, du hast seit einer Woche nichts Richtiges gegessen. Also sei ein vernünftiger Arzt und esse etwas. Dann fahren wir runter. Dass ich nicht zulasse, dass man über die Kinder spricht, hat einfach etwas damit zu tun, dass wir dich überraschen wollen. Das geht aber nicht, wenn diese verdammte Bande hier ihre Klappe nicht hält. Also mit den Kindern ist alles in allerbester Ordnung. Die gedeihen prächtiger, als du dir das in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst. Walter nun hilf mir doch mal", hilfesuchend sah er zu Zolger.
Der nickte erst einmal nur, da er erst noch runterschlucken musste. "Fritz, glaube Jim einfach. Es ist wirklich alles in Ordnung. Du wirst staunen. Also komme esse etwas, dann fahren wir nach unten."
Jacob nickte zustimmend und ergab sich seinem Schicksal. Er nahm sein Brötchen und aß dieses nun doch auf. Er wollte nach unten zu seinen Kindern, vor allem musste er nach Annas und seinem Liebling sehen, der kleinen 98. Um diese machte er sich die meisten Sorgen.
Dann sah er Zolger an, meinte trocken wie es oft seine Art war, "Walter, du solltest aber auch wieder mal zum Matratzenhorchdienst. Du siehst verdammt müde aus." Zolger winkte ab. "Ich habe heute Nacht durchgearbeitet, weil ich etwas herausbekommen wollte. Ist nicht tragisch, sonst war ich brav im Bett", sagte der wissenschaftliche Laborleiter, ohne sich der Zweideutigkeit dieses Satzes bewusst zu werden.
Lachend sahen ihn alle an.
"Du bist doch immer brav im Bett", flutschte es Pia aus dem Mund.
Verlegen schlug sich die junge Schwester die Hand vor den Mund. Allerdings musste sie dabei lachen. Da alle wussten, dass Zolger allen Frauen aus dem Weg ging.
Pia die oft mit dem Laborleuten zusammen arbeitete, da sie ein unwahrscheinliches Fachwissen auf diesem Gebiet besaß, mochte diesen netten Wissenschaftler sehr. Sie hatte schon sehr viel von ihm gelernt und hatte durch gut gesetzte Bemerkungen, schon so manche Denkanstöße in die richtige Richtung gegeben.
Jacob wechselte das Thema, eine andere Sache lag ihm noch auf der Seele. "Sagt mal habt ihr die anderen Kinder schon beerdigt." erkundigte er leise und starrte mit einem Mal trübselig in seine Tasse. Es war ein Thema über das er eigentlich nicht reden wollte, es aber trotzdem musste.
Anderson schüttelte den Kopf. "Nein Fritz, wir dachten wir sollten sie genauestens untersuchen. Wie sonst sollen wir herausbekommen, was bei diesen Kindern schief gelaufen ist. Die liegen noch alle in der Kühleinheit bei Walter im Labor. Damit sie erhalten bleiben."
Dankbar sah Jacob seinen Kollegen an. Auch wenn ihm das Thema nicht besonders gefiel, er musste unbedingt wissen, was mit diesen Kindern passiert war. Dies konnte er aber nur, durch eine genaue Autopsie herausbekommen. Vor allem brauchte er die Obduktion der Kinderleichen dazu, die Physiologie der lebenden Kinder besser zu verstehen. Denn vieles war bei diesen kleinen Wesen anders, als bei normalen Menschen. Nur durch das Wissen der Obduktion, konnte er im Krankheitsfall den lebenden Kindern wirklich helfen.
Zolger sah Anderson fragend an, weil er sich nicht schlüssig war, ob er das jetzt schon einige Details ansprechen sollte. Anderson schüttelte kaum merklich den Kopf, also schwieg Zolger.
Kurz nach 7 Uhr, nachdem alle fertig mit Frühstücken waren, beschloss man nach unten auf die 6/blau zu fahren. Als Jacob laufen wollte, schüttelten alle den Kopf. Auch wenn es ihm wieder einigermaßen gut ging, sollte er sich noch ein wenig schonen.
"Fritz, du hast jetzt eine Woche gelegen, musst dann unten auf der 6/blau noch fast eine Stunde stehen, das wird zu viel. Geh es langsam an. Bitte", Zolger sah den Freund ernst an, da nickte Jacob. Sein Freund hatte ja Recht.
"Also holt ein Taxi", bat er deshalb kurz entschlossen.
Das Taxi fuhr jedoch gerade vor. Heiko sollte seinen Freund abholen, war von Mayer extra geschickt wurden. "Na, dann steigt mal auf", rief Heiko schon von weitem.
Kaum, dass er das Fahrzeug zu Stehen gebracht hatte, saßen die Ärzte, aber auch die Schwestern der Nachtschicht auf dem Multicar. Eng gedrängt, stapelten sie sich auf dem völlig überladenen Wagen. Gemeinsam fuhren alle lachend und sogar singend nach unten auf die 6/blau. Lange hatten die meisten, der auf dem Wagen sitzenden, nicht mehr so viel Spaß gehabt. Es tat allen gut wieder einmal herumzualbern. Keine der Schwestern wollten sich entgehen lassen, wie Jacob über die Kinder staunen würde. Alle waren auf das Gesicht des Chefarztes gespannt.
Es war 7 Uhr 12, als das vollbeladene Taxi vor dem Kinderzimmer hielt. Als Jacob die Tür öffnete und den Raum betrat, traute er seinen Augen nicht. Was er da erblickte, ließ den Chefarzt ruckartig stehen bleiben. So dass die ihm nachfolgenden Kollegen, auf ihn aufliefen. Kurz schloss er seine Augen, schüttelte ungläubig den Kopf. Das zweite Mal öffnete er sie ganz langsam und sah sich noch einmal um. Fassungslos drehte er sich zu Anderson und Zolger um.
"Das gibt es doch nicht. Das sind doch nicht unsere Kinder."
Die beiden Ärzte wie auch Anna und die übrigen Schwestern nickten.
"Doch Fritz, das sind unsere Kinder", gaben ihm fast im Chor sprechend, zu verstehen.
Jacob schüttelte ungläubig den Kopf, er konnte nicht glauben, was er da sah. In den Käfigen lagen keine schreienden hilflosen Säuglinge mehr, sondern saßen und krabbelten Kleinkinder, im geschätzten Alter, von ungefähr fünf bis sechs Monaten.
"Das gibt es doch nicht. Die sind doch erst eine Woche alt. Wieso sind die so gewachsen?", fragend sah Jacob auf Zolger.
"Fritz, ich kann dir das immer noch nicht genau erklären. Ich versuche das seit einer Woche herauszubekommen. Gestern Nacht kam mir eine zündende Idee. Das ist der Grund, weshalb ich so müde aussehe. Ich habe die ganze Nacht durchgearbeitet. Aber es hat sich gelohnt. Ich erkläre dir das im Labor einmal in Ruhe, jetzt bloß mal kurz umrissen. Ich habe noch einmal, einige der Fruchtwasserproben untersucht. Die haben einen Wachstumshemmer in das Fruchtwasser hineingemischt, um die Föten langsamer wachsen zu lassen. Als ich das feststellte, habe ich die Proben von allen Kindern noch einmal untersucht, die nicht so gewachsen sind, wie sie sollten - vor allem von der kleinen 98 …", erklärte Zolger.
Dabei rieb er sich nervös seinen verspannten Nacken und sah fragend auf Anderson. Er war sich nicht schlüssig, ob er Jacob gleich reinen Wein einschätzen sollte. Als sein Kollege ihm aber aufmunternd zunickte, fuhr er in seinen Erklärungen fort.
"… Du weißt Fritz, ich konnte die ganze Zeit nicht verstehen, dass die Kleine auf einmal nicht mehr gewachsen ist. Sie gehörte immer zu den Favoriten der Serie 9. Sie hätte eine der größten dieser Serie werden können, hätte mit der Nummer 91 eigentlich gleichziehen müssen. Dieser Hemmstoff ist in allen Proben enthalten, auch in denen der großen Kinder. Nur haben die Kinder eine verschieden hohe Konzentration, dieses Wachstumshemmers, im Fruchtwasser, aber auch im Blut. Wenn man die niedrigste Probe von Nummer 91 als Basis nimmt, hat zum Beispiel die Nummer 6, der Kleinste bei den ganzen Geburten, dreihundertsiebenundvierzig Prozent mehr Hemmer als die 91. Bei deinem Liebling, der Nummer 98, sind es zweihundertdrei Prozent mehr. Bei der Nummer 90 waren es nur vierunddreißig Prozent."
Völlig irritiert und fassungslos sah Jacob seinen Laborleiter an, weil er diesem nicht ganz folgen konnte. "Walter, wie soll das denn gehen?"
"Fritz, ich denke bei einigen der Kinder wurde etwas nachgespritzt. Das Fruchtwasser von den Kindern die nicht in der Norm lagen, wurde in meinen Augen durch das Zusetzen von bestimmten Inhaltsstoffen sabotiert. Ich bat Mayer deshalb darum, das Quartiert von März zu kontrollieren. Dort fand man eben Restspuren dieses Stoffes. In dessen Labor befand sich noch ein Behälter mit diesem Hemmstoff, das wurde ja noch nicht geräumt. Daraufhin ließ Mayer alle Quartiere durchsuchen, all derjenigen die Zugang zu den Kindern hatten. Ebenfalls fanden wir diesen Hemmstoff im Quartier von Richter. Also der beiden Serien, die am schlechtesten betreut waren und wie wir jetzt wissen, extrem sabotiert wurden. Richter und März haben ihre eigenen Serien kaputt gemacht. Ebenfalls waren die Konzentrationen sehr hoch in den Serien 5, 6 und 7, wo es die meisten Ausfälle gab. Dort waren ja viele Kinder nur durch etwas Schummelei durchgekommen. Wir haben heute Nacht mit den zuständigen Ärzten schon sehr intensive Gespräche geführt. Auch wurden deren Quartiere genauestens untersucht. Mayer hat die Wohnungen auseinander genommen und zwar alle zeitgleich. Aber die übrigen Ärzte sind unschuldig, die hatten keine Ahnung davon, was da gelaufen war…" Tief holte Zolger Luft und hoffte die richtigen Worte zu finden. Der Chefarzt und Freund tat ihm in der Seele leid. "… Es hat sich bei den Verhören folgendes herausgestellt. März und Richter wurden damit von einer Person, die für eine Organisation der im Übrigen auch Hillinger angehörte, damit beauftragt, dieses Projekt zu sabotieren. Von wem das genau ausging, wissen wir noch nicht. Aber es gibt da bereits einige Vermutungen. März und Richter bekamen diesen sehr schwer herzustellenden Hemmstoff geliefert oder haben den, nach dem Urlaub im Mai, mit ins Projekt gebracht. Aber das wissen wir noch nicht ganz genau. Sie haben in ihren ersten Schichten, wirklich allen Kindern diesen Hemmer verabreicht ...", sich die Haare raufend erklärte Zolger weiter, ohne auf Jacob zu achten, da er selber völlig wütend war. "... auch bei Nummer 91, die ich als Normal-Null-Basis bei meinen Berechnungen angesetzt habe, befand sich fünfzig Prozent mehr Wachstumshemmer im Furchtwasser, als sie hätte haben dürfte. Einer der Mitarbeiter aus dem Institut, rief mich von einer Stunde an und glich die Werte mit mir ab. Du weißt ja, wir sollten pro Inkubator eine Probe für das Institut bereitstellen. Der Kollege war völlig fassungslos und schockiert", traurig schüttelte Zolger den Kopf. "Damit konnten wir doch nicht rechnen, Fritz. Aber es kommt noch schlimmer. Weil einige der Kinder auf dieses Mittel nicht so ansprachen, wie es sich die Herren März und Richter vorgestellt haben", wütend sah Zolger seinen Freund und den Chefarzt des Projektes an. Man merkte Zolger an, wie schwer es ihm fiel, sich weiterhin zu beherrschen und vor allem, um weiter ruhig sprechen zu können. "Da begannen diese Verbrecher mit anderen Sachen zu experimentieren. Frag mich nicht wie, aber sie haben es geschafft bei einigen der Kinder, wie der 6 oder 62 und der 90, genetische Veränderungen herbeizuführen. Ich denke, die haben mit radioaktiven Isotopen oder biochemischen Substanzen experimentiert. Diese Substanzen wurden von ihnen nachweislich bestellt und Reste davon sichergestellt. Von der Spurensicherung, die Mayer gestern Nacht herbeordert hat. Ich vermute allerdings, sie haben das eher durch die Verabreichung von biochemischen Substanzen erreicht. Das wäre für mich die Erklärung, die ich am ehesten begreifen würde. Ich konnte mir nämlich nicht erklären, wie es möglich war, dass Kinder mit genetischen Defekten, wie eine verkrüppelte Hand, einem verkrüppelten Rücken oder wie Nummer 90, mit der Huntington-Krankheit überhaupt in das Projekt gekommen waren. Um an dem Projekt teilzunehmen, das hat mir der Kollege aus dem Institut erklärt, wurden alle Embryonen auf genetische Schäden hin untersucht. Nummer 90 oder die Kleine 62 mit ALS, wären nie durch das engmaschige Netz, der Genprüfung, des Institutes gekommen. Die Fehlbildungen und auch diese Erkrankungen, hätte man im Frühstadium des Fötus, also vor der 10. Entwicklungswoche bemerkt. Der Defekt im DNS Strang war eindeutig erkennbar. Schon in der ersten Zellteilungsphase, Fritz, hätten diese Föten normalerweise aussortiert werden müssen.
Außerdem habe ich bei Nummer 98 eine extrem hohe Konzentrationen, von radioaktiven Substanzen und dem Wachstumshemmer, nicht nur im Fruchtwasser gefunden, sondern auch im Blut gefunden. Es grenzt an ein Wunder, dass die Kleine überhaupt noch lebt. Normalerweise hätten sie die radioaktiven Isotope töten müssen. Weder du noch ich, hätten eine solche hohe Strahlendosis überlebt. Die Konzentration von dem Wachstumshemmer muss bei 98, wenn ich das richtig durchgerechnet habe, teilweise bei achthundert bis achthundertfünfzig Prozent gelegen haben. Die Kleine wird nie ihre normale Größe erreichen. Sie wird gegen die Anderen immer ein Zwerg bleiben. Endlich haben wir herausbekommen, warum sie auf einmal nicht mehr wachsen wollte oder besser konnte.
Dadurch, dass Anna fast ständig bei der Kleinen und der Neuner Serie zu finden war, konnten die beiden netten Herren nicht mehr an die Kleine herankommen. Dadurch wurde die Neuner Serie vor größerer Schaden bewahrt", Zolger legte Jacob beruhigend die Hand auf die Schulter, als er mitbekam, was seine Worte bei Jacob angerichtet hatten.
Der Chefarzt fing plötzlich am ganzen Körper zu zittern an und schwer zu atmen.
"Komm beruhigte dich Fritz. Es nutzt dir doch nichts, wenn wir dich belügen. Hunsinger wurde schon darüber informiert. Wir wussten ja nicht, wann du aufwachst. Die beiden Ärzte bekommen ein Verfahren wegen Sabotage, Mordes in siebzehn Fällen und wegen schwerer Körperverletzung in zweiundachtzig Fällen, vor dem Militärtribunal. Die kommen da nicht nur mit einem blauen Auge davon. Hunsinger war fassungslos, genau wie ich, als ich das gestern Nacht herausbekommen habe. Ich habe ihn heute Nacht um 3 Uhr aus dem Bett geholt."
Völlig am Boden zerstört, starrte Jacob den wissenschaftlichen Leiter an. "Das ist nicht dein Ernst, Walter. Keines ... wirklich keines der Kinder hätte sterben müssen ...", Jacob rang krampfhaft nach Luft. "... ich hätte keines der Kinder töten müssen."
Schwankend stand Jacob da und starrte Zolger wie ein Alien an. Plötzlich krallte er sich an Andersons Schulter fest, da seine Bein unter ihm nachgaben.
Walli die Angst bekam, dass ihr Chef gleich zusammenklappen würde, lief sie los und holte einen Stuhl für ihn. Sie schob ihn Jacob einfach in die Knie, so dass dieser sich setzen musste. Als Anna ihn in den Arm nehmen wollte, stieß er diese von sich. Also zog sich Anna von ihm zurück. Sie kannte diese Reaktion von ihrem Freund ja schon. Wenn er so außer sich vor Wut war, durfte man ihm nicht zu nahe kommen.
Jacob verlor völlig die Fassung. So sehr hatte er um das Leben seiner Kinder gekämpft. Egal wie sehr er sich auch bemühte, seine aufgeputschten Emotionen wieder unter Kontrolle zu bringen, er schaffte es einfach nicht. Anderson, der genau wie die anderen ahnte, was in seinem Chef vor sich ging, hockte sich vor dessen Stuhl.
"Fritz, keiner von uns kann sich vorstellen, durch welche Hölle du gerade gehst. Ich glaube, wir haben den völlig falschen Zeitpunkt gewählt, um dir das zu sagen. Aber es hilft dir nicht, wenn wir dir das verschweigen. Irgendwann, findest du das auch alleine heraus und dann rastest du aus, weil wir dir das Ganze verschwiegen haben. Es gibt dafür keinen richtigen Zeitpunkt. Deshalb lieber jetzt gleich, als lange aufgeschoben. Wichtig ist doch nur, dass du jetzt weißt, dass du nichts versäumt hast. Spätestens, wenn du die toten Kinder obduzierst, hättest du es von alleine herausgefunden. Bitte Fritz, wir wussten einfach nicht, wie wir das dir hätten schonender beibringen sollen", Anderson blickte besorgt zu Jacob. "Deshalb dachten wir, dass wir dir das gleich sagen. Hier kannst du dich über die Kleine freuen und es fällt dir nicht so schwer diese Tatsache zu akzeptieren. Walter hat mir das auch erst vor drei Stunden mitgeteilt. Fritz es hilft doch alles nichts, was geschehen ist, ist geschehen. Wichtig ist doch nur eins, du hast gerettet, was zu retten ging. Schau dir unsere Kinder an, wie gut sie gedeihen und das trotz all der Sabotageversuche. Das haben sie nur dir zu verdanken. Sieh dir die kleinen Spatzen an. Komm diese Sache mit der Sabotage, können wir nicht mehr ändern. Freue dich, an denen die am Leben sind. Die Kleinen haben sich so super heraus gemacht. Vor allem dein Liebling. Komm mit nach hinten zu Nummer 98. Bitte Fritz, lass nicht zu, dass dich diese Sache zerstört."
Traurig sah Anderson zu seinem Kollegen, der ihm vor dem Schlimmsten bewahrt hatte, was er sich als Arzt vorstellen konnte. Er selber grübelte seit einer Woche darüber nach, wie er damit wohl klar gekommen wäre. Wenn er seine nicht in der Norm liegenden Kinder hätte selber töten müssen. Anderson wusste es nicht. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er mit dem Töten der Kinder klar gekommen wäre und ob er damit hätte weiter leben können. Er bewunderte Jacob für seinen Mut, dieses Opfer auf sich genommen zu haben und für seinen Lebenswillen.
Jacob war in diesem Moment gar nicht mehr ansprechbar. Tränen des Kummers, aber auch des Hasses und der Wut tropfen einfach auf den Boden vor seine Füße. Sein Herz raste wie verrückt und er hatte das Gefühl, dass Schraubzwingen verhindern wollten, dass er weiter atmen konnte. Der Hass auf diese gewissenlosen Kollegen, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er hatten nicht schlecht Lust seine Mordlust an diesen beiden Unmenschen persönlich auszulassen.
Die Informationen von Zolger, brachten seine ganze gerade wiedergefunden Ruhe durcheinander. Sie drängten ihn wieder an den Abgrund, vor dem er genau vor sieben Tagen schon einmal gestanden hatte. Ihm wurde plötzlich bewusst, warum er sich Diprivan spritzte. Er war sich darüber im Klaren, dass er eigentlich mit den Gedanken spielt hatte, dies alles hier zu beenden. Dass er, seinen Kindern folgen wollte. Den Kindern, die durch seine Hand gestorben waren. Er war einen kurzen Moment lang der Meinung, dass er kein Recht mehr hatte, weiterzuleben, nach so vielen Morden. Fast im gleichen Moment wurde ihm aber auch klar, dass er auch eine Verantwortung übernehmen musste. Dass er die Verpflichtung hatte, die lebenden Kinder weiter zu beschützen. Deshalb hatte er bis auf eine kleine Dosis Diprivan, die ihm dazu diente sofort tief und traumlos zu schlafen, alles wieder zurück in die Ampulle drückte. Ihm in diesem Moment bewusst, dass die noch lebenden Kinder ihn jetzt, mehr denn je brauchen würden. Er konnte sich seiner Verantwortung nicht einfach entziehen.
In Jacobs Kopf drehten sich plötzlich alle Räder und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Er hatte es nur Anderson zu verdanken hatte, dass er heute noch lebte. Wenn der ihm nicht das Gegenmittel gespritzt hätte, wären Richter und März erfolgreich gewesen. Der Hass den er auf diese beiden Männer hatte, wurde mit jeder Sekunde größer. Jacob beschloss für sich, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde, damit es seinen Kindern gut ging und sich nicht noch einmal jemand an ihnen vergriff. Niemand hatte die Macht ihn daran zu hindern, seine Kinder zu beschützen. Egal wie viele Mordanschläge sie noch unternahmen.
Jacob nahm sich vor, gleich morgen mit Mayer über seinen Verdacht sprechen. Kein März, kein Richter und wer auch sonst noch im Projekt für die Sabotage verantwortlich war, würde nochmals eine Chance, auf Sabotage bekommen.
Diese unsagbare Wut die in ihm hochstieg, auf die beiden Verbrecher, konnte Jacob kaum noch beherrschen. Wären diese beiden Menschen nicht gewesen, nähme jetzt nicht schon wieder dieses verdammte Gefühl, ein Mörder zu sein, von ihm Besitz. Jacob konnte und wollte nicht so vor seine Kinder treten. Er musste sich erst einmal beruhigen und musste dazu dringend an die frische Luft. Er hatte einfach Angst seine Wut an jemanden auszulassen, der nichts dafür konnte.
Deshalb sprang er urplötzlich auf und verließ fluchtartig den Raum. Der Stuhl, auf dem er gerade gesessen hatte, flog im hohen Bogen nach hinten weg. Als ihn jemand festhalten wollte, drehte er sich einfach aus dessen Griff. Er musste hier raus, musste allein sein mit seinem Hass und ihn erst einmal unter Kontrolle bringen. Bevor er etwas tat, dass er hinterher bereuen würde. Jacob war in diesem Augenblick egal, was die Kollegen von ihm dachten. Laut knallte die Tür hinter dem Chefarzt ins Schloss.
Jacob wollte und musste erst einmal mit sich selber ins Reine kommen. Das konnte er hier in diesem Raum nicht, in dem ihn alles an sein Versagen und die Morde erinnerte.
Jacob gab sich einen großen Teil der Schuld. Er hatte nicht genügend auf seinen Bauch gehört und seine Kinder im Stich gelassen. Wäre es nicht seine Pflicht gewesen, diesen beiden Ärzten mehr auf die Finger zu schauen? Er hatte die ganze Zeit geahnt, dass mit diesen Herren etwas nicht stimmte. Wie oft hatte er sich gefragt, wie es Richter und März geschafft hatten, ihre Approbation zu erhalten. Wie oft hatte es ihn aufgeregt, dass viele der Schwestern ein höheres Fachwissen hatten, als diese beiden Ärzte. Jetzt zweifelte Jacob ernsthaft daran, dass diese beiden Männer überhaupt studiert hatten. Wäre er mit mehr Obacht in der Lage gewesen zu verhindern, dass so viele Kinder sterben mussten?
Jacob lief, während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, in den Park hinaus und im gemäßigten Tempo auf der Wachstraße entlang, einmal um das Gelände herum. Er konnte schon immer beim Laufen sehr gut nachdenken. Vor allem wollte er sich auspowern. Auch wenn er wusste, dass das in seiner momentanen Verfassung nicht besonders gut war. Er wollte seine Wut in etwas Nützliches verwandeln, in dem er sie in seine Beine schickte und in Kraft verwandelte. Das Laufen und die kalte Winterluft halfen ihm, seine aufgepeitschten Nerven etwas zu beruhigen. Er lief bis er nicht mehr konnte. Beim Laufen bekam er schon immer seinen Kopf frei und oft fand er Lösungen, die ihm sonst nicht eingefallen wären. Jacob wurde mit jedem Meter den er lief bewusster, dass er das alles nicht hätte verhindern können. Alleine diese Tatsache beruhigte ihn ein wenig. Wenn es ihm auch nicht dabei half, diese unendliche Wut loszuwerden.
Was hätte er denn auch machen sollen? Auf die Idee, dass jemand das Fruchtwasser der Embryonen im Nachhinein sabotieren könnte, wäre niemand gekommen. Die Sicherheitsvorkehrungen hier im Projekt waren so enorm hoch und alle Mitarbeiter wurden durch den KGB, wie auch durch die Staatssicherheit, doppelt und dreifach überprüft: Um Sabotageversuche schon im Keim zu ersticken.
Wie hätte er oder irgendjemand anderes also auf die Idee kommen sollen, dass man dem Fruchtwasser Wachstumshemmer oder andere Substanzen zusetzen könnte. Die Flüssigkeit wurde in Berlin unter Obacht des Institutes hergestellt. Die Projektleitung bekam stets die Information, dass das Fruchtwasser eine spezielle Zusammensetzung hätte, deren einzelne Positionen für sie unwichtig sein. Man versicherte ihnen, dass die Zusammensetzung der Lösungen ständig durch Mitarbeiter des Institutes überprüft wurde. Mehrmals hatten Zolger und auch er, auf die Möglichkeit hingewiesen, dass etwas mit der Zusammensetzung, gerade dieser Flüssigkeit etwas nicht stimmen konnte, da sie alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen hatten. Dass die Krämpfe der Kinder, nur noch vom Fruchtwasser in den Inkubatoren, ausgelöst werden konnten. Über fünfzig Proben des Fruchtwassers, hatte sie wöchentlich nach Berlin zum Überprüfen geschickt. Ihnen wurde immer wieder versichert, dass es keine Möglichkeit gegeben hatte, das Fruchtwasser zu verunreinigen konnte. Eine genaue Überprüfung, vor Ort, durch Zolger wurde nicht ermöglicht.
Schuld waren deshalb einzig und alleine das Institut und diese verantwortunglosen Wissenschaftler, die mit ihrer Selbstherrlichkeit, solche Möglichkeiten für ausgeschlossen hielten und nie mit offenen Karten gespielt hatten. Sie nahmen Jacob und Zolger dadurch die Möglichkeit der eigenen Kontrolle, obwohl beide dazu in der Lage gewesen wären.
Wirklich jedes noch so kleine Detail, zum Projekt, mussten sich die Mitarbeiter selbst erkämpfen oder erarbeiten. Das war verdammt mühsam und zeitraubend obendrein. Die wenigen Informationen die sie vom Berliner Institut bezogen, kamen schleppend und die Aussagen waren nichtssagend. Weder Zolger noch ein anderen seiner Kollegen traf die Schuld an diesem Desaster. Sie hätten das alles nicht verhindern können. Nicht ohne eine offene und vor allem ehrliche Zusammenarbeit mit dem Institut.
Mit dieser Erkenntnis, ging es dem Chefarzt schon um einiges besser. Wenigstens in diesem Punkt konnte sich Jacob beruhigen, wenn auch die Wut blieb. Er bog ab in den Park und setzte sich für einen Moment, völlig geschafft auf eine Bank. Frierend lehnte er sich zurück und schaute nach oben in den Himmel. Es war so friedlich hier draußen. Der Himmel war klar und keine einzige Wolke ließ sich darauf zu sehen. Der Himmel strahlte ihm, in seinem schönsten Blau entgegen. So als würde nicht gerade Jacobs ganze Welt aus dem Gleichgewicht geraden und sein Glaube, an das Gute in jedem Menschen, zusammenbrechen.
'Wem, konnte er in diesem Projekt eigentlich noch vertrauen?', fragte er sich ernsthaft. 'Wurde er von allen wichtigen Stellen belogen und betrogen?', darüber musste er in einer ruhigen Minute noch einmal nachdenken. Jacob gestand sich ein, dass er heute dazu nicht in der Lage war.
Nach einer kurzen Rast stand Jacob wieder auf. Es fror erbärmlich, denn es war bitterkalt, das Thermometer zeigte minus 12°C an und er war völlig verschwitzt vom Laufen. Jacob appellierte an seinen gesunden Menschenverstand, dass er sofort nach oben in seine Wohnung gehen musste. Denn er hatte nur den sehr dünnen Overall, aus der Krankenstadion an. Sonst riskierte er eine deftige Lungenentzündung, damit war seinen Kindern auch nicht geholfen. Deshalb beeilte er sich nach oben in seine Wohnung zu kommen.
Immer noch war seine Wut nicht verraucht. Am liebsten würde er alles kurz und klein geschlagen. Ehe Jacob sich versehen konnte, fegte er in seinem Labor mit der Hand alles vom Tisch, was darauf stand. Bücher flogen durch den Raum, Reagenzgläser und einige Proben. In seiner Rage nahm sich Jacob einen Stuhl, wollte diesen gerade in ein Regal schmeißen, als er sich besann. Mitten in der Bewegung hielt er innen und schüttelte über sich selber den Kopf. Fing er jetzt an durchzudrehen, dass er hier alles kurz und klein schlagen wollte. Über sich selbst erschrocken, stellte Jacob den Stuhl wieder hin und ließ sich auf denselben fallen. Fast eine Stunde saß er wie versteinert auf dem Stuhl und ging tief in sich.
Endlich kam er wieder zur Besinnung, er hatte seine Wut wieder im Griff, und ging weiter in sein Büro. Alles in ihm bebte und das Gefühl gleich durchzudrehen ließ ihn aber nicht los. Jacob war alles zu viel. Am liebsten würde er auch hier alles verwüsten. Aber wie sollte ihm das helfen? Es reichte schon, dass er sein Labor beinah zerstört hätte. Da fiel sein Blick auf seine Arzttasche. Kurz entschlossen zog er sich eine kleine Menge Diprivan auf, ging damit in sein Schlafzimmer. Verwundert stellte er fest, dass das Fenster sperrangelweit offen stand. Er schloss das Fenster, setzte sich auf sein Bett und injizierte sich die kleine Einschlafhilfe. Einfach um etwas Ruhe zu finden und um nicht noch mehr Blödsinn zu machen. Der Chefarzt hatte in diesem Moment Angst vor sich selber.
Fritz Jacob musste und konnte mit dem Tod der Kinder leben. Seit zehn Monaten hatte er sich darauf einstellen können, dass dies nicht leicht sein würde, war ihm von Anfang an klar. Er war seinem Freund Walter dankbar dafür, dass er ihm keine Halbwahrheiten oder Lügen aufgetischt hatte. Ihm und Jim konnte er also vertrauen. Durch die Offenlegung der Wahrheit konnte er sich über seine wahre Verantwortung, hier im Projekt, im Klaren werden. Jacob hatte im Moment der Geburt der Kinder, nicht nur den Tod der siebzehn Kinder zu verantworten, sondern hatte auch die Verpflichtung übernommen, auf die Lebenden zu achten. Es war überhaupt nicht möglich, jetzt einfach alles hinzuschmeißen und sich aus dem Staub zu machen. Würde Jacob das tun, so wäre er ein Verräter seiner eigenen Prinzipien. Allerdings musste er erst einmal, mit dem Hass auf Richter und März klar kommen, die all seine Bemühungen zunichte gemacht hatten.
Kaum war der Kolben leer, legte er ihn auf den Nachttisch. Fast sofort fiel Jacob in einen betäubten Schlaf. Der ihm keine Möglichkeit des Nachdenkens mehr ließ. Die Wut, den Hass, vor allem aber der Schmerz um die toten Kinder, alles war betäubt.
Anderson, der sich wie alle anderen denken konnte, was in Jacob vor sich ging, gab einen klaren Befehl. "Leute, ihr lasst den Chef ab sofort in Ruhe! Jacob muss alleine mit diesen Fakten und dem Tod der Kinder klar kommen. Dabei kann ihm keiner helfen. Es wird ein paar Tage, vielleicht auch ein paar Wochen dauern. Lasst ihm die Zeit, die er braucht. Keiner dringt in ihn ein. Seid für ihn da, wenn er reden will. Sonst schneidet ihr dieses Thema nicht mehr an. Verstanden."
Alle starrten auf die zugeschlagene Tür, durch die Jacob regelrecht geflüchtet war. Aber sie begriffen, dass Anderson recht hatte. Jacob würde seinen Weg alleine finden müssen. Dabei konnte ihm niemand helfen. Nur auffangen konnte man ihn. Klar kommen musste er damit alleine. Der Chefarzt war stark. Er würde das schaffen.
Wut stieg in einigen Mitarbeiter hoch, auf Zolger. Hätte der Wissenschaftler nicht wenigstens warten können, bis dass Jacob die Visite bei den Kindern beendet hatte. Dann so ging es ihnen durch den Kopf, wäre der Chefarzt ganz anders in der Lage gewesen diese Informationen zu verarbeiten. Vor allem wäre der Schock über dieses Verbrechen, nicht ganz so hart gewesen. Er hätte sich an seinen Kindern wieder aufrichten können.
Zolger ärgerte sich über Wahl des falschen Zeitpunktes, an dem er seinem Freund diese Informationen gab. Aber nun ging es nicht mehr zu ändern. Jacob würde sich schon beruhigen. Er war eine starke Persönlichkeit und mit der Zeit würde er auch mit dieser Situation klar kommen, davon war Zolger überzeugt.
Traurig stand Anna da und sah Jacob hinterer. Wie gern würde sie ihrem Schatz helfen. Allerdings wurde auch ihr bewusst, sie alles nur schlimmer machen würde, wenn sie ihm jetzt hinterher lief. Deshalb verlies Anna müde den Raum, um nach oben in ihr Quartier zu gehen. Die anderen Kollegen der Nachtschicht, verließen ebenfalls den Raum der Kinder, um sich hinzulegen.
Anderson ging noch einmal zu Mayer und berichtete ihm von dem Vorgefallenen. Er wollte den Rat des Projektleiters und bat Mayer, sich um Jacob zu kümmern. Anderson musste dringend etwas schlafen. Trotzdem hatte aber keine richtige Ruhe. Er hatte Angst um Jacob. Da er wusste, dass die Beiden eng befreundet waren, wusste er seinen Chef in guten Händen. Vor allem, sollte die Wachmannschaft ein Auge auf Jacob werfen. Anderson war sich zwar sicher, dass Jacob sich nicht noch einmal etwas antun würde. Auf der anderen Seite, konnte man den Leuten nur vor dem Kopf schauen und nicht hinein. Vorsicht war hier einfach Geboten und würde niemand schaden. Keiner war in der Lage ins Innere des Chefarztes zu blicken.
Mayer war der gleichen Meinung und versprach, gleich noch einmal nach Jacob zu sehen. Er stand von seinem Schreibtisch auf, um hoch in Jacobs Quartier zu fahren. Er wollte vorsichtshalber nachsehen, ob mit dem Freund alles in Ordnung war. Er nickte Anderson kurz zu und lief nach hinten zum Haus 6.
Allerdings wurde Mayer unterwegs einige Mal aufgehalten. Deshalb benötigte er fast zwei Stunden, für diesen kurzen Weg. Oben an Jacobs Wohnungstür angekommen, überlegte er einen Augenblick, ob er klingeln sollte. Dann zog er kurz entschlossen seine Karte hervor und betrat Jacobs Wohnung, ohne sich bemerkbar zu machen.
Mayer wollte den Freund nicht unnötig wecken und horchte in alle Räume. Es war alles ruhig. Vorsichtig öffnete er, auf der Suche nach Jacob, alle Zimmertüren. Er fand Jacob in seinem Schlafzimmer, auf dem Bett liegend und bei sperrangelweit geöffnetem Fenster. Das Gesicht war ins Kissen gedrückt, genau wie vor sieben Tagen. Als erstes schloss Mayer das Fenster. Denn es war unangenehm kalt in dem Raum. Vorsichtig drehte er Jacob um und suchte unter dem Chefarzt nach einer Spritze. Er fand aber keine. Vorsichtshalb rief er, aus Sorge um Jacob, Anderson an.
"Doktor Anderson, kommen sie sofort hoch zu Fritz in die Wohnung. Ich weiß nicht ob hier alles in Ordnung ist. Mir wäre lieber, wenn sie sich Jacob selber einmal ansehen würden. Der Chefarzt atmet eigenartig, finde ich", Mayers Stimme klang besorgt.
Anderson bestätigte, dass er gleich noch einmal kommen würde. Da auch er sich Sorgen um Jacob machte. "Ich komme sofort."
Kaum zehn Minuten später, war Anderson an der Wohnungstür und schellte. Mayer öffnet sofort.
Anderson erkundigte er sich. "Genosse Major, hat er sich wieder etwas gespritzt?"
Mayer zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Es ist schwer unter einem schlafenden Menschen etwas zu finden. Vor allem, wenn man ihn nicht zu sehr bewegen will. Ich habe Angst, dass ich ihn wecke, falls er nur schläft", erklärte Mayer, weshalb er sich nicht sicher war.
"Genosse Major, das Beste wird sein, wenn Walter einen Laboranten hochschickt, um das Blut zu untersuchen. Dann sind wir auf der sicheren Seite. Ich nehm Fritz sofort etwas Blut ab und wissen wir auf diese Weise woran wir sind. Können im Notfall sofortige Gegenmaßnahmen ergreifen."
"In Ordnung." Mayer lief zum nächten Telefon, das sich im Büro von Jacob befand, um Zolger anzurufen. Hier entdeckte er die offenen Arztasche und das daneben stehende Diprivan. Kopfschüttelnd rief er den Laborleiter an. "Walter, schicke mir sofort einer deiner Laborratten hoch, zu Jacob in die Wohnung, um eine Blutprobe abzuholen. Anderson möchte, dass du das Blut auf Narkotika analysierst."
Zolger holte erschrocken Luft. "Sigmar, er hat doch nicht schon…"
Mayer unterbrach ihn. "Ich weiß es nicht Walter. Seine Arzttasche ist offen und eine Ampulle mit Di... pri... van", las Mayer den Namen auf der Ampulle vor. "... steht daneben. Es kann schon sein. Wir wollen einfach auf Nummer sicher gehen."
"Ach so, ich schicke dir gleich…", Zolger überlegte es sich jedoch anders und schwieg einen Augenblick. Entschlossen sagte er dann, "… nein, das ist Quatsch. Ich komme selber schnell einmal hoch. Ich kann das schnell in Jacobs Labor ausmessen", schon hatte Zolger aufgelegt.
Mayer ging zurück in Jacobs Schlafraum, in dem Anderson seinen Chef untersuchte. Der Arzt entdeckte sofort die frischen Einstichstellen, im blutunterlaufenen Arm Jacobs. "Ich verstehe das nicht", brummelte er in seinen nicht vorhandenen Bart. Anderson war gar nicht bewusst, dass er laut besprochen hatte.
"Was verstehen sie nicht Herr Doktor?", erkundigte sich Mayer besorgt.
Kurz entschlossen zeigte ihm Anderson, was er meinte. "Sehen sie bitte mal Genosse Major. Hier sind zwei Einstiche, hier und hier. Das war schon das letzte Mal so. Aber erst bei der zweiten Untersuchung ist mir das aufgefallen. Ich verstehe das nicht."
Verwirrt sah ihn Mayer an, der nicht begriff, auf was der Arzt hinaus wollte. "Wieso?"
"Genosse Major, das letzte Mal dachte ich, er ist munter geworden und hat sich nach gespritzt. Aber jetzt? Selbst dann, wenn er sich zwei Ampullen gespritzt hätte, dürfte hier nur ein Einstich sein. Das ist völlig unlogisch. Keiner sticht zweimal in die gleiche Arterie. Schon gar nicht Jacob. Man wechselt nur den Kolben. Also den Zylinder mit dem Medikament. Die Kanüle allerdings lässt man immer in der Vene stecken. Vor allem Genosse Major, sehen sie sich das Hämatom mal an. Jacob und solche eine Verletzung. Da stimmt etwas nicht."
Jetzt begriff Mayer und sah Anderson irritiert an. "Das war vor einer Woche auch schon so, Doktor?"
Anderson nickte. "Ja, ich dachte Fritz hat sich vielleicht nachgespritzt und dabei daneben gestochen. Aber daneben gestochen? Der Chefarzt? Niemals! Das kann ich mir beim besten Fall nicht vorstellen. Alle Injektionen die er bei den Kindern gemacht hat, sind sauber gesetzt. Und das, obwohl er fix und foxi war, als er die Kleinen untersucht hat. Keins der hundert Kinder hat ein Hämatom bekommen, weder die toten noch die lebenden Kinder. Fritz kann sehr gut spritzten. Das ist etwas Seltenes bei Ärzten. Das haben mir auch die Schwestern bestätigt. Er hat bei einigen Angestellten Blut abgenommen, wo die Schwestern akute Probleme hatten. Ich verstehe das einfach nicht. Wieso sticht er zweimal? Warum hat er hier solch ein Hämatom?"
Mayer schüttelte ungläubig den Kopf. Den Sicherheitschef des Projektes kam ein böser Verdacht, ein verdammt böser. Anderson fiel das gar nicht auf, denn er hatte mit Jacob alle Hände voll zu tun. Der kümmerte sich erst einmal, um seinen Patienten. Er war überhaupt nicht mit den Vitalwerten von Jacob zufrieden.
"Ach, Doktor Anderson, Walter kommt gleich. Er untersucht die Probe gleich hier im Labor", erinnerte sich Mayer an das, was er gerade sagen wollte.
Dankbar sah Anderson auf Mayer. "Ich glaube Genosse Major, er hat es schon wieder getan. Er hat so schlechte Vitalwerte, anders lässt sich das kaum erklären. Wir müssen ihn nach vorn bringen, in die Krankenstation. Er hat regelmäßige Aussetzer im Herzenschlag. Bitte Genosse Major, mir gefällt das überhaupt nicht."
"Soll ich einen Rettungsflug buchen? Wollen sie Jacob ins Krankenhaus nach Berlin überweisen?"
Anderson schüttelte verzweifelt mit dem Kopf. "Genosse Major, ich glaube nicht, dass Fritz das heute schaffen würde. Ich muss erst wissen, was er sich gespritzt hat. Erst dann kann ich entscheiden, wie wir weiter vorgehen."
In dem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Mayer öffnete und Zolger eilte herein. Anderson drückte ihm die Blutprobe in die Hand.
"Bitte beeile dich Walter. Ich kann erst etwas machen, wenn ich weiß was und vor allem wie viel er intus hat. Ich finde keine Ampullen. Ich habe keine Ahnung, was er sich schon wieder gespritzt hat", genervt rieb sich der Arzt das Genick.
Mayer ging ins Arbeitszimmer von Jacob und holte die neben der Tasche stehende Ampulle. "Doktor Anderson, das stand neben der offenen Arzttasche", Mayer reichte die Ampulle dem Arzt.
Erschrocken starrte Anderson, auf die Ampulle in seiner Hand. "Hoffentlich hast du dir das nicht alles gespritzt. Dann hilft dir nur ein Wunder", sagt er mehr zu sich selbst, als zu Mayer. "Ich hätte doch gleich hoch gehen sollen. Verdammt noch mal."
Mayer klopfte dem Arzt, der sich schwere Vorwürfe machte, auf die Schulter. "Doktor, das konnte doch keiner ahnen."
Anderson war anderer Meinung. "Ich schon, Genosse Major. Ich bin Arzt, genau wie Fritz. Ich weiß wie er sich fühlen muss. Ich könnte mit dem, was er getan hat oder besser gesagt, mit dem was er tun musste, auch nicht leben. Genosse Major, wir haben geschworen Leben zu retten und nicht es zu zerstören. Es ist schlimm genug, dass wir das mit den Kindern hier nicht verhindern konnten. Das ist schon gegen unser Berufsethos. Diese armen Kinder dann auch noch zu töten, nur weil es diese verdammten Wissenschaft nicht selber machen wollen, das zerstört einen Arzt wie Jacob völlig. Ich kann zwar nicht sagen, wie er sich fühlt, aber ich ahne, dass es furchtbar sein muss", ernst sah er Mayer an.
Mayer nickte bei jedem Wort, was ihm der Arzt erklärte.
Zolger der in dem Moment schneeweiß im Gesicht in den Raum kam, schüttelte den Kopf. "Keiner von uns, kann annähernd ahnen, was in Fritz vor sich geht. Ich denke es ist viel schlimmer, als wir es uns erträumen lassen. Er sollte unter Beobachtung bleiben, für einige Wochen. Wenigstens solange, bis er sich wieder gefangen hat. Fritz muss fix und alle sein. Er hat fast das ganze Labor zerstört. Jim, er hat das Doppelte vom letzten Mal gespritzt."
"Oh mein Gott. Jetzt müssen wir auf ein Wunder hoffen."
Anderson schüttelte verzweifelt den Kopf und holte aus seiner Tasche ein Mittel zur Neutralisation. Spritz vom Dantrolen die entsprechende Dosis. "Genosse Major, wir sollten Jacob unten auf die Kinderstation legen und ihm feste Schwestern zuteilen. Er muss rund um die Uhr überwacht werden. Ich möchte ihn nicht nach vorn, auf die 4/gelb bringen lassen. Das ist einfach zu weit, vor allem zu unruhig. Auf der 6/rot hat er einfach mehr Ruhe und vor allem bin ich schneller dort, als auf der 4/gelb", machte Anderson einen sehr guten Vorschlag.
Mayer stimmte diesem voll und ganz zu und nickte. Einen kurzen Moment überlegte er und sprach zu Zolger. "Fassen sie mal mit an Walter", befahl er kurz entschlossen.
Mayer drückte Anderson, dem Kleinsten und Schwächsten von ihnen, die Generalkarte in die Hand.
"Doktor, öffnen sie den Aufzug. Wir bringen ihn erst einmal nach unten", Mayer zog Jacob hoch und griff ihm unter die Achse und nahm Jacobs Arm über seine Schultern. Zolger zog den anderen Arm über seine Schultern. Gemeinsam trugen sie den schlafenden oder was wahrscheinlicher war, bewusstlosen Jacob zum Aufzug und fuhren nach unten auf die 6/rot.
Im Aufzug erkundigte sich Mayer bei Anderson. "Wer von den Schwestern war für die 6/rot eingeteilt?"
Anderson überlegte kurz. "Doris, Anna, Walli, Pia, Grit und Katja."
In diesem Augenblick hielt der Aufzug. So vorsichtig und doch so schnell wie irgend möglich, brachte die beiden Männer Jacob zu einen der Intensiv-Betten und legte ihn darauf. Vorsichtig zogen Mayer und Zolger dem Chefarzt den Overall aus. Anderson holte in der Zwischenzeit die Klebepflaster für die Überwachungs-Elektroden der Intensivstation. Damit er diese an Armen, Beinen und dem Brustkorb Jacobs anbringen konnte und schaltete das EKG ein.
Zolger verließ die 6/rot mit den Worten. "Ich untersuche das Blut unten im Labor noch einmal genau. Bei Jacob konnte ich nur schätzen. Es funktionierte ja nichts mehr richtig. Da er sein ganzes Labor zerlegt hat."
Mayer nickte dankend und ging in der Zwischenzeit Waltraud Ziegler anrufe.
"Schwester Waltraud, Major Mayer am Telefon. Ich weiß sie hatten Nachtschicht. Ich brauche sie allerdings sofort auf der Krankenstation. Es ist ein Notfall passiert. Kommen sie sofort auf die 6/rot. Ich gebe ihre Karte frei. Beeilen sie sich."
"Ich komme, Genosse Major", kam die sofortige Antwort.
Mayer rief in der Sicherheitszentrale an, um Wallis die Karte freischalten zu lassen. Keine drei Minuten später war Walli auf der Station. Erschrocken sah Schwester Waltraud den Chefarzt auf dem Bett liegen, schneeweiß mit schweißnassem Gesicht. Der Monitor der Intensivüberwachung über Jacobs Bett, der die Vitalwerte des Patienten überwachte, sagte der erfahrenen Schwester mehr über den Zustand des Patienten aus, als die Worte die Mayer zu ihr sprach. Sie konnte aus diesen Daten vieles ablesen.
"Schwester Waltraud, sie kümmern sich die nächsten Tage, nur noch um unseren Chefarzt. Sie lassen Jacob nicht einen Minute aus den Augen. Das ist der vermutlich zweite Selbstmordversuch in nur einer Woche. Wen können sie mir noch als zuverlässig empfehlen? Wenn es nicht Fritz wäre, würde ich sofort sagen Anna. Aber ich denke das ist nicht gut."
Walli überlegt einen Moment. "Ich würde sagen Doris oder Grit. Aber ich denke, wenn Doris hier ist, wäre das besser. Sie ist konsequenter, vor allem verschwiegener."
"In Ordnung Schwester Waltraud, wenn sie irgendetwas brauchen, rufen sie einfach den Notruf an. Die bekommen von mir die Anweisung, ihnen alles vorbeizubringen, was sie brauchen und wenn es nur das Nähzeug ist, weil ihnen ein Knopf abgerissen ist. Sie lassen den Chefarzt nicht eine Sekunde alleine. Hier kommt keiner außer ihnen, Doris, Walter, Anderson und mir herein, auch Anna nicht. Haben sie das verstanden."
Walli nickte erschrocken und etwas verwirrt, so hatte sie Mayer noch nie erlebt. Sie begriff gar nicht, was los war. "Jawohl, Genosse Major", bestätigte sie eingeschüchtert.
Mayer stieg sofort nach dem er die Bestätigung von Schwester Waltraud bekam, in den Fahrstuhl und war verschwunden. Er musste schnellstmöglich seinem Verdacht nachgehen. Vor allem musste er alle Spuren sichern. Somit verhindern, dass diese noch mehr verwischt oder zerstört wurden. Ohne zu zögern fuhr Mayer wieder nach oben in die Wohnung Jacobs und rief von dort aus Hunsinger an, um die Spurensicherung zu bestellen. Nur zwei Stunden später stand mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fest, Jacob wollte sich nicht selber töten. Er hat sich bestimmt eine kleine Einschlafhilfe gespritzt, allerdings in einer verantwortlichen Dosis. Das konnte ihm die Spezialisten der Spurensicherung, jetzt schon mit Sicherheit sagen. Auf den Chefarzt wurde ein Mordanschlag verübt. Wenn das nicht sogar ein schon das zweite Mal der Fall war. Fraglich war nur von wem? Die Spurensicherung hatte zum Glück einige brauchbaren Spuren am Fenster, vor allem aber auch zwei Spritzen und ein paar OP-Handschuhe im Schnee gefunden. Deren Auswertung stand allerdings noch aus und würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Mayer besprach sich mit Hunsinger, über die weiter Vorgehensweise. Man beschloss, dass man alle in dem Glauben ließ, dass Jacob einen zweiten Suizidversuch unternommen hätte. Vor allem konnte man dadurch, den Täter in Sicherheit zu wiegen. Mayer konnte den Chefarzt unter ständiger Beobachtung behalten, ohne dass die Täter sofort misstrauisch wurden. Kopfschmerzen bereitete Mayer nur eine einzige Tatsache. Wie konnte der Täter in die Wohnung von Jacob gelangen? Zu dessen Wohnung hatte nur Jacob selbst, dass Reinigungspersonal zu bestimmten Zeiten und die vier Leute Zutritt, die eine Generalkarte des Projektes hatten. Das waren der Hausmeister Zimmermann, Chris Martin, Heiko Corstens, die beiden waren aus der Wachmannschaft und Mayer selber. Weder Zimmermann, Martin, noch Corstens traute Mayer einen Mordanschlag zu. Er kannte alle Drei schon eine halbe Ewigkeit. Sie waren zusammen im Krieg und an der Front gewesen. Das im Krieg durchlebte verband Menschen stark. Mayer raufte sich verzweifelt die Haare. Also blieb nur die Möglichkeit, dass sich Jemand eine weitere Generalkarte in seinen Besitz gebracht hatte. Nur wie? Verdammt nochmal. Mayers Gedanken drehten sich im Kreis. Keiner der ausgegebenen Karten war verloren gegangen. Es blieb die Frage offen, wie und vor allem wer hatte diese Karte. Das musste Mayer an Hand der Protokolle genauestens untersuchen. Das bedeutete viel zusätzliche Arbeit für den sowieso völlig überlasteten Sicherheitschef. Das alles war mit großem Zeitaufwand verbunden und er musste das selbst machen, da er im Moment niemand mehr traute. Bekam er das anhand der Protokolle nichts heraus, stand Mayer eine noch schlimmere Arbeit bevor. Er musste alle Codes des Sicherheitsbereiches ändern. Alle Karten in diesem Bereich neu freischalten und die Generalkarten umprogrammieren. Das würde Tage dauerte und vor allem den Ablauf im gesamten Projekt behindern.
Mayer spielte immer wieder alle Varianten durch, es blieb aber nur diese eine Möglichkeit in Jacobs Wohnung zu kommen. Selbst die Fassade hatte die Spurensicherung aufs Genauste untersucht, da Mayer selbst den Einstieg durchs offene Fenster für möglich erachtet hatte. Allerdings war niemand über die Brüstung und durch das offene Fenster, in die Wohnung des Chefarztes geklettert. Gedankenversunken stand der Sicherheitschef am Fenster und grübelte lange über die Art der Ausführung und den Grund des Anschlages nach. Gingen die Gegner dieses Projektes wirklich soweit, den Chefarzt auszuschalten, nur um das Projekt zu sabotieren? Waren diese Leute so skrupellos? Was würde als nächstes kommen?
Mayer war von Anfang an klar, dass es solche Sabotage-Versuche geben würde. Mit diesen Ausmaßen hatte er allerdings nicht gerechnet. Ihm wurde ganz bange. Wie sollte er die Mitarbeiter des Projektes, in Zukunft gegen solche Machenschaften schützen? Mayer nahm sich vor, noch einmal ausgiebig mit Hunsinger über das Thema der Sicherheit im Projekt zu sprechen. So konnte er auf Dauer nicht arbeiten. Hier war Gefahr in Verzug und hier musste eine schnelle und vor allem effektive Lösung her, um Schlimmeres zu verhindern.
In der Zeit, in der Mayer die Untersuchungen vornahm, überprüfte Anderson auf der 6/rot die Anzeigen der Monitore auf der Intensivstation und hängte Jacob noch einen neuen Tropf an, um die Auswirkungen des Suizids zu minimieren. Besorgt studierte der Arzt die Anzeige des Überwachungsgerätes. Die letzten Tage forderten jetzt allerdings auch bei ihm ihren Tribut. Anderson war an einem Punkt angelangt, wo er einfach einmal schlafen musste.
Müde wandte sich Anderson an die diensthabende Schwester. "Walli, ich lege mich etwas hin. Wenn irgendetwas Ungewöhnliches ist oder Komplikationen auftreten, weckst du mich sofort."
Walli bestätigte durch ein Nicken, dass sie verstanden hatte. Allerdings antwortet sie nicht, sie war durchs gerade Erlebte völlig durch den Wind. Alles hätte sie erwartet, aber nicht schon wieder einen Selbstmordversuch des Chefarztes. Sie war enttäuscht und gleichzeitig tief traurig. Vor allem verstand sie die Welt nicht mehr. Konnte sie sich so in einem Menschen getäuscht haben? Grübelnd zog Walli dem Chefarzt die Socken aus und deckte diesen zu. Im Anschluss holte sich Walli eine Schüssel mit kühlem Wasser, um die fiebrig heiße Stirn des Arztes zu kühlen.
Jacobs Körper versuchte mit aller Kraft gegen das Gift zu kämpfen, sogar mit Fieber. Es grenzte an ein Wunder, dass Jacob überhaupt noch lebt. Walli wurde bewusst, dass es nicht viel Hoffnung gab, dass Jacob diesen Tag überleben würde. Die große Menge des Medikamentencocktails die in seinem Körper war, hätte ihn eigentlich töten müssen. Walli grübelte und grübelte. Sie verstand die Handlungsweise des Chefarztes einfach nicht. Weshalb spritzte er sich so einen unsinnigen Cocktail. Bestehend aus Diprivan, Disoprivan, aber auch aus Ernsdolor? Dies war eine so sinnlose Kombination, in sich so widersprüchlich. Vor allem wusste sie aus Gesprächen mit dem Chefarzt über Narkotika, dass dieser Ernsdolor überhaupt nicht in seinem Bestand hatte. Immer mehr Fragen stellten sich der Schwester. Jacob hatte immer behauptet, er würde dieses Mittel niemals verwenden. Wieso konnte er sich das dann spritzen, wenn er es gar nicht besaß?
Walli nahm sich vor nach Dienstschluss unbedingt mit Mayer darüber zu sprechen. Dieser Punkt irritierte sie völlig. Da ging etwas vor sich, dass sie absolut nicht verstehen konnte und dies machte sie misstrauisch. Sie wollte einfach nicht glauben, dass der Chefarzt sich so einfach aus dem Leben schleichen wollte. Das passte einfach nicht zu Jacob. Hier stimmt irgendetwas nicht.
Anderson war so geschafft, dass er gar nicht mehr klar zu denken konnte. Mühsam sich zur Konzentration zwingend, trug er noch die wichtigsten Informationen ins Krankenblatt ein und überließ seiner besten Schwester die Pflege des Chefarztes. Kurz entschlossen zog er einfach seine Schuhe aus und legte sich ins Bett neben den Chefarzt. Anderson war viel zu müde, um noch vor in sein Quartier zu gehen. Vor allem war er so schneller zur Stelle, wenn es bei Jacob zu Komplikationen kommen sollte.
Allerdings fand Anderson keine richtige Ruhe. Ihm gingen so viele Gedanken durch den Kopf. Ihm war schleierhaft, wie Jacob diesen Stress so viele Monate aushalten konnte. Es war für Anderson einfach unbegreiflich. Für ihn war es kein Wunder, dass der Chefarzt auf einmal so überreagierte. Jacob war in seinen Augen schon lange über dem Limit. Er selber machte erst seit einer Woche dessen Arbeit und war aber kurz davor zusammenklappen. Anderson fragte sich ernsthaft, wie er die nächsten Tage überstehen sollte. Lange brauchte der Arzt bis er die Ruhe fand, die ein Einschlafen ermöglichte und er endlich in einen erholsamen Schlaf fiel. Viel zu sehr beschäftigten ihn die Geschehnisse der letzten Wochen. Vor allem die ganzen Geschehnisse der letzten Tage.
Wie oft war Anderson in der ersten Zeit neidisch auf den Chefarzt gewesen? Er hatte völlig falsche Vorstellung über die Arbeit eines Chefarztes. Auch wenn es um die Kinder, seit deren Geburt, wesentlich ruhiger geworden war, hing so viel Arbeit an diesem gesamten Projekt. Es war ein unvorstellbarer Arbeitsaufwand. Wie sollten das Außenstehende einschätzen können? Wenn selbst Anderson, als Arzt, dies nicht einmal erahnen konnte. Er kam seit Jacob ausgefallen war, kaum noch zum Schlafen und fühlte sich zurzeit ständig gehetzt und überfordert. Anderson beneidete den Chefarzt nicht mehr um dessen Posten.
Am Anfang, so gestand sich der nicht mehr ganz junge Arzt ein, war er eifersüchtig auf Jacob. Der den Posten des Chefarztes, auf Grund seiner Jugend, zu Unrecht bekam. Ihm kam oft der Gedanke, dass eigentlich ihm der Chefarztstuhl zugestanden hätte. Da er, mit seinen neunundfünfzig Jahren, der Dienstälteste Arzt des Teams war. Da er viel mehr Erfahrungen hätte einbringen können, als dieser Jungspund, der ja gerade eben mit seinem Studium fertig war. Wie so oft in seinem Leben, hatte Anderson die umso viele Zentimeter größeren Ärzte beneidet. Nicht nur um ihrer Größe willen, sondern auch um deren Selbstbewusstsein und deren Auftretens.
Oft litt Anderson unter Minderwertigkeitsgefühlen. Er war mit seinen nur hundertneunundfünfzig Zentimeter, nicht gerade groß und durch seine nicht mal siebenundvierzig Kilo, wirkte er noch kleiner, zierlicher und zerbrechlicher. Immer, wenn er dann einen Chef bekam, der größer und jünger war als er, bildete sich Anderson ein, dass man dies nur machte, weil er von so geringer Statur war. Eigentlich wusste er ja, dass es ausgesprochener Blödsinn war. Verdammt es war nun mal keine Kunst, größer als er zu sein. Allerdings ärgerte es ihn immer, dass er ständig übersehen wurde.
Jacob, das musste er wirklich vor sich selber zugeben, baute in diesem einem Jahr, systematisch sein Selbstbewusstsein auf. Er sagte Anderson so oft, dass er das Beste war, was dem Team passieren konnte. Vor allem aber, dass Jacob dass Wissen und die Kompetenz Andersons nicht missen wollte. Es gelang Jacob sogar, Anderson davon zu überzeugen, dass er langsam selber daran glaubte. Im Laufe der letzten vierzig Wochen begriff Anderson, dass er dieses Pensum an Arbeit und die Verantwortung, die Jacob auf seinen Schultern trug, niemals hätte tragen können. Die ganze Tragweite der Verantwortung, begriff er aber erst am Tag der Geburt der Kinder. Seit dem waren die Hochachtung und der Respekt Andersons dem Chefarzt gegenüber noch größer geworden. Beides hatte Anderson schon vor langer Zeit entwickelt, aber die Hochachtung wuchs mit jeden Tag, indem er den Chefarzt vertreten musste. Jacob war ein so loyaler Kollege. Er war immer für einen Spaß bereit. Obwohl er ein Genie war, blieb er mit den Füßen auf dem Boden. Das brachte ihm den Respekt der gesamten Belegschaft ein. Nicht nur der medizinischen Abteilungen, sondern wirklich aller. Über diesen Gedanken schlief Anderson ein.
Schwester Waltraud, überwachte ständig die Anzeigen des Monitors und ließ den Chefarzt nicht eine Minute aus den Augen. Nach vier Stunden erschöpften Schlafes erwachte Anderson und kümmerte sich sofort um seinen Patienten. Jacob war in einem einigermaßen stabilen Zustand. Das beruhigte den Arzt sehr. Dankbar nickte er der Schwester zu und verließ die Krankenstation, um sich um die Kinder zu kümmern. Befahl Walli allerdings, ihn sofort zu holen, wenn mit Jacob etwas sein sollte. Anderson gab erst einmal Entwarnung und überließ Jacob, Schwester Walli und Doris, die sich in zwölf Stundenschichten nur noch um die Pflege des kranken Chefarztes kümmern.
Walli ließ die ganze Sache aber keine Ruhe. Deshalb ging sie nach der Beendigung ihrer Schicht zu Mayer und klingelte an dessen Wohnungstür.
"Guten Abend Genosse Mayer, hätte sie bitte einen kleinen Moment Zeit. Ich würde gern mit ihnen unter vier Augen etwas besprechen. Ich hab da ein Problem, was mir den ganzen Tag Kopfweh gemacht hat."
Mayer nickte, wurde sich jedoch im gleichen Augenblick bewusst, dass dies Walli nicht sehen konnte und bat die nette Schwester nach oben und in sein Büro.
"Setzen sie sich Schwester Waltraud, wo drückt denn der Schuh?"
Walli druckste herum. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie ihren Verdacht äußern sollte. "Ich weiß nicht genau wie ich anfangen soll, Genosse Major", versuchte sie ihre Gedanken zu erklären.
"Schwester Waltraud, reden sie einfach frei von der Leber weg. Ich reiße ihnen nicht den Kopf ab, wenn sie etwas angestellt haben", vermutete Mayer, dass irgendetwas passiert war.
"Nein … nein, Genosse Major. Ich habe nichts angestellt. Nur wissen sie, ich möchte keine Gerüchte in die Welt setzen. Aber das, was ich an Werten auf dem Monitor gesehen habe und vor allem auch das, was ich von Doktor Zolger vorhin an Laborauswertung bekam, bestätigen meine Gedankengänge", Walli rauft sich die Haare. "Verdammt ist das schwer. Genosse Major, ich bin seit zweiundvierzig Jahren Krankenschwester. Ich weiß im Großen und Ganzen wie alles funktioniert. Ich habe genügend Erfahrungen sammeln können, in diesen Jahren. Ach man ist das schwer", verzweifelt sah sie Mayer an und holt noch einmal tief Luft, um ihren Verdacht auszusprechen. "Ich vermute, man hat versucht unseren Chefarzt zu töten. Genosse Major, ich weiß aus Gesprächen mit dem Chefarzt, dass er in seinem eigenen Bestand kein Ernsdolor hat. Wie soll er sich das dann gespritzt haben? Vor allem so einen sinnlosen Medikamentencocktail. Ich begreife das alles nicht. Es passt so gar nicht zu unserem Chef. Ich weiß, dass der Chef viel Erfahrung mit Narkosen hat. Er hätte, wenn er sich hätte töten wollen, andere und vor allem effektivere Möglichkeiten gehabt. Der Chefarzt sagte bei einer privaten Diskussion, als es um Narkosemittel ging, dass er Ernsdolor niemals verwenden würde. Dass dieses Mittel einfach zu viele Risiken in sich trägt. Weshalb er es auch nicht in seinem Bestand hätte und niemals bestellen würde. Wie soll er sich das dann aber so eine hohe Dosis gespritzt haben? Ich habe vorhin als Doris gekommen ist, den OP-Saal und den Medikamentenschrank durch gesehen, um meinen Verdacht zu überprüfen. Nirgends befindet sich auch nur eine Ampulle Ernsdolor. Deshalb dachte ich, sie sollten das wissen", erleichtert, nun endlich den Verdacht ausgesprochen und erklärt zu haben, atmete Walli auf. "Ich hoffe sie jetzt sind nicht sauer auf mich, weil ich ihnen das alles gesagt habe. Aber mir lässt das einfach keine Ruhe. Außerdem passt ein Suizid nicht zu unserem Chefarzt", setzte Walli trotzig nach.
Mayer beobachtete diese kompetente Krankenschwester genau. "Mit wem haben sie über ihren Verdacht schon alles gesprochen, Schwester Waltraud?"
Walli schüttelte den Kopf. "Ich bin doch keine Klatschbase. Mit niemand habe ich darüber gesprochen. Aber ich denke Doris wird auf die gleiche Idee kommen, wie ich. Die war damals bei dem Gespräch dabei, als der Chef das mit dem Ernsdolor gesagt hat. Sie braucht auch nur eins und eins zusammen zuzählen, wie ich."
Mayer nickte wissend. Kurz entschlossen stand Mayer auf und verließ kurz sein Büro. "Reimund, ich muss noch mal nach unten zu unseren Sorgekindern. Wenn etwas ist, ich bin auf der 6/blau."
Reimund sah kurz auf. "Geht klar, Chef", beugte sich aber sofort wieder über das Heft mit den Aufgaben, die Ilka heute lösen musste, um die Arbeit zu kontrollieren.
Mayer erschien in der Tür seines Büros. "Kommen sie Schwester Waltraud, wir müssen mit Doris sprechen."
Schon lief Mayer zu seinem Aufzug, gefolgt von Walli und fuhr nach unten auf 2/weiß. Gleich neben dem Aufzug stand ein weißes Multicar auf dem vorn groß Mayer zu lesen war. Er stieg auf.
"Steigen sie ruhig in mein privates Auto ein, Schwester Waltraud", als diese irritiert auf das Fahrzeug sah, erklärte sich Mayer. "Schwester Waltraud, ich brauche das Fahrzeug, sonst schaffe ich mein Arbeit nicht. Ich habe so ein großes Pensum an Strecke, die ich jeden Tag zurücklegen muss, mit laufen wäre das nicht zu schaffen", erklärte Mayer lachend.
Damit setzte er sich in Bewegung und fuhr nach unten auf die 6/blau. Keine zehn Minuten benötigen sie mit dem Multicar, um den Fußweg von fast einer halben Stunde zurückzulegen. Man konnte nicht einfach auf die 6/rot fahren. Auf diese Ebene kam man nur über die Gangway, den Flugplatzeingang oder die 6/blau. Deshalb fuhren Mayer und Walli auf die Ebene blau des Hauses 5. Betraten durch die Sicherheitsschleuse die Ebene 6/blau. Mayer sagte auch im Raum der Kinder Bescheid, dass er eine Stunde nicht erreichbar wäre und fuhr mit Walli nach oben auf die 6/rot. Kaum auf der Krankenstation angekommen, bat Mayer Doris und Walli Platz zu nehmen.
"Setzen sie sich meine Damen. Ich muss mit ihnen beiden reden und sie um einen riesigen Gefallen bitten", ernst sah er die Schwestern an. "Als erstes, danke Schwester Waltraud, dass sie so offen zu mir waren. Das erleichtert mir vieles. Ich muss ihnen gestehen, dass ich nicht auf den Gedanken gekommen bin, dass sie auf diese Tatsache aufmerksam werden könnten. Doktor Anderson ist zwar einiges aufgefallen, der geht immer noch von einem Suizid aus. Ich gebe ihnen in allem Recht Schwester Waltraud, hier stimmt etwas nicht. Es waren heute über den Tag, Leute von der Inneren und auch der Spurensicherung hier im Projekt. Die haben alle verwertbaren Spuren aufgenommen und sind zurzeit dabei, diese Daten auszuwerten. Sie haben Recht mit ihren Zweifeln, Schwester Walli. Soviel steht zum jetzigen Zeitpunkt schon fest, auf unseren Chefarzt ist das zweite Mal ein Mordanschlag verübt worden. Ich habe keine Ahnung wie, auch nur eine schwache Ahnung warum. Deshalb liegt Jacob ja auch hier auf der 6/rot und nicht vorn beim Personal. Passen sie also gut auf unseren Chefarzt auf. Ich glaube nicht, dass er einen dritten Anschlag überlebt. Ich muss den oder die Tätern in dem Glauben lassen, dass wir von einem Suizid ausgehen, auch wenn wir Fritz damit großes Unrecht tun. Deshalb muss ich von euch verlangen, dass ihr ihn ebenfalls so behandelt. Ich will wissen, wer das war. Dazu brauche ich einfach etwas mehr Zeit. Ich hoffe, dass der oder die Täter einen Fehler machen und sich verraten oder es halt noch einmal versuchen."
Doris und Walli nickten. "Geht klar Genosse Major", bestätigten beide, wie aus einem Mund.
"Aber, was ist, wenn man es wieder versucht? Ich kann doch gar nicht kämpfen. Ich hab doch gegen einen Mörder keine Chance", flüsterte Doris mehr zu sich selber, als dass sie es bewusst sagte.
Trotzdem bekam Mayer die Worte von Doris mit und verstand deren Bedenken. Beruhigend sah Mayer Doris an, die ganz verängstigt aussah. "Schwester Doris, sie haben doch den Alarmknopf. Wenn jemand diese Räume betreten sollte, außer Anderson, Schwester Walli und mir, drücken sie diesen Knopf. Ich stelle den Alarm persönlich auf stumm, so dass das keiner mitbekommt. Sie drücken einfach den Knopf, dann beschäftigen sie denjenigen solange es geht. Wir sind in drei Minuten da. Keine Heldentaten, nur Gespräche, flirrten sie mit dem Täter oder machen sie denjenigen schönen Augen. Aber ich glaube nicht, dass hier etwas passiert. Die Sicherheitssperren für dieses Gebäude sind jetzt so hoch, da kommt niemand so leicht rein. Auch die Wohnung von eurem Chef, habe ich vor einer halben Stunde, auf die höchste Sicherheitsstufe stellen lassen. So dass er in seiner Wohnung jetzt auch vollkommen sicher ist. Also haben sie keine Angst. Kann ich auf eure Verschwiegenheit hoffen?", ernst sah Mayer zu den beiden Frauen.
Beide Schwestern nickten.
Walli stellte noch eine wichtige Frage. "Genosse Major, wie sollen wir uns Doktor Jacob gegenüber verhalten oder wenn Anderson auch auf die Idee kommt, dass da etwas nicht stimmt?"
Mayer dachte kurz nach. "Anderson schickt ihr zu mir. Fritz dagegen behandelt ihr einfach, als hätte es den Suizid wirklich gegeben. Soviel ich weiß, besteht nach so einem Suizid die Möglichkeit eines zeitlich begrenzten Gedächtnisverlustes. Das hatte mir Anderson vor ein paar Tagen erklärt."
Die Schwestern verstanden, was Mayer meinte, obwohl ihnen nicht wohl dabei war. "In Ordnung Genosse Major", bestätigen beide, dass sie einverstanden waren.
"Schwester Waltraud, hat Anna Dienst?"
Walli schüttelte den Kopf. "Nein, die schläft jetzt bestimmt. Wenn sie denn schläft. Aber sehen sie lieber erst einmal im Kinderzimmer nach. Anna ist oft über ihre Schichtzeiten hinaus bei den Kindern. Sie hat ein sehr gutes Händchen für die Kleinen. Oft ist sie die Einzige, die in der Lage ist die Kleinen zu beruhigen. Sie kommt besser mit den Kindern klar, als die anderen."
Mayer verstand sofort, was Walli meinte. Schon einige Male hatte er das selbst auf der 6/blau erlebt. Er verabschiedet sich von den beiden Frauen. "Dann schönen Feierabend, Schwester Walli und danke für das Vertrauen. Schwester Doris, wenn etwas ist, sofort rufen. Lieber einmal zu viel, also dass hier etwas passiert", Mayer sah die diensthabende Schwester fragend an.
Doris lächelte gezwungen und nickte.
Walli sah ihre Freundin an. "Doris, wenn du willst, kann ich auch hier schlafen. Dann bist du nicht allein."
Doris holte tief Luft und schüttelte den Kopf. Ihr wurde bewusst, wie albern sie sich benahm und lächelte über sich selbst. "Nee lass mal Walli, es ist schon gut. Ich hab mich vorhin nur erschrocken. Ich komme schon klar."
Also verließ Walli gemeinsam mit Mayer die Krankenstation. Mayer fuhr nach unten ins Kinderzimmer, um nach Anna zu sehen. Die war allerdings nicht da. Daraufhin fuhr Mayer zu Annas Quartier, das auf der 5/rot lag. Er klingelte an Annas Tür.
Als ihm die junge Frau öffnete, bat Mayer sie. "Anna, haben sie einen Moment Zeit für mich, ich brauche ihre Hilfe", sprach Mayer offen zu ihr.
Anna sah ihn panisch an.
"Keine Angst Fritz geht es den Umständen entsprechend gut."
Annas Augen wurden noch größer. "Wie den Umständen entsprechend?"
Da fiel Mayer ein, dass Anna geschlafen hatte und noch gar nichts von der ganzen Sache wusste. Verzweifelt fuhr er sich durch die Haar. "Anna darf ich kurz rein kommen? Das ist kein Thema, was man zwischen Tür und Angel besprechen kann."
Jetzt erst wurde Anna bewusst, wie unhöflich sie war. "Entschuldigung, Genossen Major, sie haben mich geweckt. Ich bin ganz durcheinander und unhöflich. Aber ich kann ihnen gerade nicht ganz folgen. Kommen sie ruhig rein."
Mayer betrat, die sehr saubere und wunderschön dekorierte Wohnung, von Anna Siebenhaar. "Na, sie haben es sich aber hier hübsch gemacht. Ich war ja schon in einigen dieser kleinen Wohnungen, aber nirgends hat es mir gefallen", konnte sich Mayer nicht verkneifen zu sagen.
"Na ja, ich denke man sollte eine Wohnung nicht zu voll stellen. Die meisten wollen immer mehr und mehr haben. Dabei reichen der Platz und auch der Stauraum, völlig aus. Man muss nur etwas Ordnung halten. Ich bin halt so. Aber setzen sie sich. Möchten sie etwas trinken? Ich habe leider keine Kaffee, nur Tee", man merkt Anna an, dass sie jetzt völlig munter war.
Mayer schüttelte den Kopf. "Nein Anna, ich habe eigentlich gar keine Zeit. Aber ich muss unbedingt mit ihnen reden. Es ist etwa Schlimmes passiert…" Genau berichtete er Anna, was geschehen war und auch warum er ihre Hilfe brauchte. "… Anna, ich habe einfach Angst Fritz alleine zu lassen. Solange immer jemand in seiner Nähe ist, denke ich, ist er in Sicherheit. Ich habe noch keine Ahnung, wer versucht hat ihren Freund zu töten. Aber ich weiß eins, es ist ein Sabotageversuch. Ist Fritz tot, stürzt das gesamte Projekt in sich zusammen. Fritz ist der Kopf des ganzen Projektes. Keiner der anderen Ärzte hat den Wissensstand ihres Freundes. Verstehen sie Anna. Wir müssen Fritz gemeinsam beschützen. Alleine schaffe ich es nicht. Ich brauche dringend ihre Hilfe."
Anna nickte weinend.
Mayer stand von seinem Sessel auf und ging auf Anna zu. Er zog sie hoch in seine Arme. "Weinen sie nicht Anna. Gemeinsam schaffen wir es Fritz zu beschützen. Walli weiß auch Bescheid und Doris. Die beiden passen auch auf ihren Freund auf. Wir bekommen schon denjenigen, der das getan hat."
Anna konnte wieder nur nicken. Sie war nicht in der Lage etwas zu sagen.
"Dann sind sie damit einverstanden, Fritz so zu behandeln, als wenn er einen Suizid gemacht hätte."
"Ja", hauchte Anna mehr, als dass sie sprach. Stimmte jedoch zu, auch wenn ihr das schwer fiel.
Mayer streichelte ihr das Gesicht. "Anna, ich brauche nur etwas mehr Zeit, um den Täter zu finden. Dann schenken wir Fritz reinen Wein ein. Tut mir wirklich leid, ich muss sie mit ihren Kummer alleine lassen. Rufen sie Schwester Waltraud an, falls sie Hilfe brauchen. Leider dürfen sie Fritz im Moment nicht besuchen. Außer Doris, Anderson, ihrer Freundin und mir darf niemand auf die Krankenstation. Ich lasse nicht mal das Reinigungspersonal auf die 6/rot, bis ich den Mörder habe. Ich will auf Nummer sicher gehen."
Anna verstand das nur zu gut.
"Ich muss los. Anna es tut mir leid, mir läuft meine Zeit schon wieder weg", schon war Mayer aus der Tür.
Anna rief verzweifelt wie sie war, ihre Freundin Walli an. Weinend und schluchzend, bat sie diese, ob sie etwas zu ihr kommen könnte. Walli die ahnte, dass Anna gerade erfahren hat, was mit Fritz los war, kam sofort zu ihrer völlig verstörten Freundin. Half ihr so, den ersten Schrecken zu überstehen. Nach über zwei Stunden schliefen die beiden Freundinnen, Arm im Arm ein.
Der nächste Morgen, war das erste Mal in den letzten dreizehn Monaten, dass Anna ihren Dienstbeginn verschlafen hatte. Als man Anna dann sah, mit tiefen Augenringen total verweint, verstand man den Grund. Auch da alle im Projekt Bescheid wussten, was mit Jacob geschehen war. Anderson informierte das medizinische Personal über diese Tatsache. Deshalb fuhr er, als er Anna nicht erreichen konnte, besorgt zu deren Quartier, um nach ihr zu sehen.
Anna öffnete allerdings total verschlafen in Begleitung von Walli die Tür. Erst da wurde der jungen Frau bewusst, dass sie verschlafen hatte. "Ich komme gleich, tut mir leid Herr Doktor. Das ist mir noch nie passiert, tut mir wirklich leid", rief sie. Schon war sie im Bad verschwunden, kam fünf Minuten später geduscht noch mit feuchten Haaren und angekleidet an die Tür. "Ich laufe hinter. Es tut mir leid. Mayer war vorhin bei mir und hat mir erzählt, was Fritz gemacht hat. Ich bin noch mal eingeschlafen."
"Ist nicht schlimm, Anna. Wir waren nur in Sorge um dich. Geht es oder möchtest du lieber heute frei haben. Wenn es dir nicht gut geht."
Anna schüttelte den Kopf. "Nein Herr Doktor, die Kinder warten doch auf mich. Ich habe es ihnen versprochen. Die sind dann wieder ganz durcheinander. Die wissen genau, wann ich komme."
Anderson wusste sofort, was seine Kollegin meinte. Nummer 98 rüttelte seit über einer Stunde wie verrückt, an ihren Gitterstäben, rief immer wieder, "Dika … Dika … Dika", was immer das heißen mochte.
"Walli, danke das du gekommen bist. Zieh die Tür dann einfach zu. Du weißt ja, wo alles steht. Ich muss hinter, zu meinen Kindern."
Schon rannte Anna los, in Richtung Aufzüge, um nach unten auf die Ebene blau zu fahren. Dann spurtete sie weiter, um auf die 6/blau zu kommen. So gingen alle wieder ihrem normalen Alltag nach. Wenn auch in ständiger Sorge, um ihren Chefarzt, dem es gar nicht gut ging.
Am 3. März um 6 Uhr, also anderthalb Wochen nach dem angeblich zweiten Selbstmordversuch Jacobs, übernahm Walli die Aufgabe der Pflege des Chefarztes, von Doris. Immer noch, war der Chefarzt nicht aufgewacht. Einige schlimme und kritische Situationen hatte er schon überstehen müssen. Insgesamt achtmal musste Anderson den Chefarzt wieder zurück ins Leben holen. Dreimal wollte der Arzt fast aufgeben, da er das Gefühl hatte, dass der Chefarzt es nicht schafften würde. Erst seit zwei Tagen war dieser wirklich stabil und es gab wieder etwas Hoffnung. Die Vitalwerte des Chefarztes waren endlich in einem Bereich, in dem man an eine Genesung glauben konnte. Jetzt musste Jacob nur noch aufwachen. Anderson hoffte inständig, dass der Chefarzt keine psychischen und physischen Schäden zurückbehalten würde. Schwester Doris hatte eine ruhige Nacht und brauchte keine besonderen Vorkommnisse meldete. Erfreut stellte Walli kurz nach 7 Uhr fest, das Jacob endlich zu sich gekommen war.
Die Schwester nahm sich einen Stuhl und zog ihn vor das Krankenbett des Chefarztes. "Guten Morgen, Herr Doktor. Wie geht es ihnen heute?"
Jacob sah Walli irritiert an. "Warum könnt ihr mich nicht einfach in meinem Bett schlafen lassen?", flüsterte dieser und fing an zu husten.
Verwundert stellte Jacob fest, dass es ihm richtig mies ging. Er konnte sich das gar nicht erklären. Walli sah ihren Chef traurig an und beobachtete ihn eine Weile stillschweigend. Streichelte ganz lieb dessen Gesicht, welches um Jahre gealtert schien. Kurz entschlossen setzte sie sich einfach auf die Kante seines Bettes. Tiefe Furchen waren in Jacobs Gesicht eingemeißelt, das blass und eingefallen wirkte.
"Herr Doktor, darf ich offen mit ihnen sprechen."
Dieser nickte, müde. In seinen Augen war so viel Hoffnungslosigkeit, dass es einen das Herz zerbrechen konnte. Sein erster Gedanke galt den toten Kindern, der zweiter Gedanke war: warum bin ich eigentlich wieder aufgewacht? Es war so schön, diesen Schmerz und diesen Hass auf sich selber, nicht mehr zu spüren. Walli, die schon immer ihr Herz auf dem rechten Fleckt trug und fast immer sagte, was sie dachte, sah Jacob freundlich lächelnd und mit schiefgehaltenem Kopf an.
"Herr Doktor, ich weiß ja, dass sie es im Moment, sehr schwer haben. Sie sollten aber eins wissen. Im Projekt hier haben alle und damit meine ich wirklich alle, Angst um sie. Die Kollegen wollen, dass sie bald wieder kommen. Sie fehlen hinten und vorn, vor allem aber ihre Späße und ihr Lachen. Bitte Herr Doktor, uns ist schon klar, dass es im Moment für sie, verdammt schwer sein muss. Wenn wir ihnen das abnehmen könnten, glauben sie mir, wir würden das gern machen. Aber sie sollten auch eins wissen, wir alle brauchen sie, wir Schwestern, die Ärzte, selbst das Wach- und Hauspersonal. Vor allem aber die Kinder unten auf der 6/blau. Wirklich keiner hält sie für einen Mörder. Sie sind so ein herzensguter Mensch. Wissen sie eigentlich, wie sehr sie uns allen fehlen?"
Jacob drehte den Kopf weg und sah in die andere Richtung. Er konnte der Schwester nicht mehr in die Augen sehen.
Walli griff nach seinem Gesicht und zwang Jacob dazu, sie weiter anzusehen. "Herr Doktor wissen sie, die Kinder auf der 6/blau, die brauchen jemanden der für sie kämpft. Anderson, entschuldigen sie meine absolute Offenheit, ist ein sehr guter Arzt. Er kann sie allerdings nicht annähernd ersetzten, Herr Doktor. Er gibt sich solche Mühe. Aber er hat nicht ihre Art, mit den Menschen umzugehen. Vor allem aber nicht ihr Fachwissen. Bitte Herr Doktor, diese kleinen Kerle da unten, haben doch nur sie."
Wütend sah Jacob, die Krankenschwester an. Der ganze Hass auf sich, auf März und auf Richter kam wieder in ihm hoch. "Ich habe siebzehn von ihnen getötet, Walli. Ich bin nichts anderes, als ein verfluchter Mörder", schimpfte Jacob schwer atmend.
Walli platzte jetzt der Kragen und donnerte deshalb los. Sie pulverte ihren Chef jetzt richtig an. Etwas das Jacob nicht erwartet hätte. "Jetzt hören sie aber auf, sich im Selbstmitleid zu suhlen. Verdammt nochmal Herr Doktor. Ja, sie haben siebzehn Kinder schlafen geschickt. Aber auf die humanste Art, auf die man dies machen konnte. Vergessen sie dabei eins nicht immer. Sie haben bis zur letzten Minute um deren Leben gekämpft. Sie konnten diese Kinder nicht retten: Nicht hier und nicht in dieser Zeit, vor allem nicht unter den gegebenen Voraussetzungen. Sie vergessen eins bei der ganzen Sache und das ist viel wichtiger. Verdammt noch mal ..." Walli versuchte sich zu beruhigen und zwang sich vor allem dazu, wieder leiser sprechen. "… sie haben dreiundachtzig, ich sage es ihnen noch einmal und hören sie mir jetzt ganz genau zu. Sie haben… drei … und … achtzig …Kindern das Leben gerettet. Eins davon hatte nicht die geringste Chance. Bei einem anderen Arzt wäre die kleine Nummer 98 getötet worden …", wütend holte Walli tief Luft.
Sie verstand den Arzt ja. Walli spürte förmlich den Schmerz den Jacob in sich trug. Aber es half ihm nichts, wenn sie den Chefarzt bedauern würde. Damit würde sie nur Öl in die Flamme seines Selbstmitleides gießen.
"… verdammt nochmal, Herr Doktor. Bei jedem anderen Arzt, mit weniger Herz, als sie es haben, hätte die Kleine nicht überlebt. Ist das nicht viel wichtiger? Sie hätten die Wahl gehabt, jeden seine eigenen Kinder töten zu lassen. Dann hätten sie gar nicht töten brauchen. Ihre Serie ist die Einzige, die vollständig überlebt hat. Stattdessen haben sie es vorgezogen, die anderen Ärzte, vor eben diesem Schicksal zu bewahren. Jetzt wälzen sie sich hier in Selbstmitleid. So geht das nicht, Doktor Jacob. Sie haben auch eine Verantwortung übernommen, als sie diese Kinder gerettet haben. Stehen sie gefälligst dazu! Übernehmen sie diese Verantwortung und schieben sie diese jetzt nicht einfach uns zu. Es reicht nämlich langsam, Herr Doktor. Ich sage ihnen, jetzt mal etwas. Da unten sind dreiundachtzig kleine Geschöpfe, die unseren und vor allem aber ihren Schutz brauchen. Keiner von uns ist in der Lage, die Kleinen wirklich beschützen. Niemand außer ihnen, hat die Macht den Kindern zu helfen. Hören sie endlich auf, sich selber zu bemitleiden. Die Kerlchen schreien sich die Seele aus dem Leib, wenn wir Licht anmachen und krümmen sich vor Schmerzen in ihren Betten. Hier im Projekt gibt es niemanden mit ihrer Kompetenz und mit ihrem fundamentierten Wissen. Wer soll den Kindern helfen, wenn sie es nicht tun. Erst holen sie die Kinder auf die Welt und jetzt lassen sie die kleinen Kerle einfach im Stich", wütend sah Walli ihren Chef an, wurde immer lauter. Sie stemmte jetzt sogar ihre Hände in die Hüfte. "Aber was machen sie? Statt zu zupacken, lassen sie sich von ihrem Selbstmitleid nach unten ziehen. Statt nach Möglichkeiten zu suchen, wie sie den Kindern helfen könnten, sielen sie sich hier im Bett herum und bemitleiden sich lieber selber. Die Ärzte da unten, brauchen ihren Verstand, um Möglichkeiten zu finden, diesen armen Kindern Linderung zu verschaffen. Aber anstatt, dass sie mal ihre Arschbacken zusammenkneifen und mit anfassen, versuchen sie lieber sich selber umzubringen. Das ist ja auch um so vieles einfacher. Sie wählen immer den Weg des geringsten Wiederstandes. Erst appellieren sie an unser Herz. Dann lassen sie uns im Stich. Ihnen ist es doch egal, was aus den Kindern da unten wird", immer wütender wurde diese kleine energische Schwester. Sie steigerte sich immer mehr in ihre Wut und ihre Augen funkeln richtig böse. "Sie sind ein Egoist. Sie lassen die Kinder im Stich. Sie lassen ihre Anna im Stich. Sie lassen uns im Stich. Verdammt noch mal."
Wutendbrandt war Walli jetzt auf ihren Patienten los gegangen. Sie war mit ihrem Gesicht zum Schluss den Chefarzt, sogar richtig nahe gekommen. Jetzt sprang Walli auf und ließ Jacob alleine in seinem Bett liegen. Sie gab ihm so die Möglichkeit über das Gesagte nachzudenken. Beim Weglaufen holte Walli grinsend Luft, hoffentlich so ging es der Schwester durch den Kopf, hatte diese Standpauke etwas bewirkt.
Anderson der gerade auf die Krankenstation kam, um nach seinem Patienten zu sehen, bekam die letzten harten Worte von Walli mit. Er wollte gerade etwas dazu sagen. Walli lief schnell auf den hereingekommenen Arzt zu und legte ihm einfach, verschmitzt lächelnd, die Hand auf den Mund, dabei schüttelte Walli ein wenig den Kopf. Sie zwang den verblüfften Arzt mit ihr zu kommen, indem sie ihn einfach aus dem Raum schob. Walli zog Anderson in das hinterste Zimmer, in den Röntgenraum auf der 6/rot und schloss hinter sich alle Türen.
"Entschuldigen sie Herr Doktor. Das ist nicht meine Art mit Patienten umzugehen, vor allem nicht mit meinen Vorgesetzten. Aber manchmal muss so etwas einfach sein", verschmitzt lachend und verlegen mit den Schultern zuckend, sah Walli den Anderson an. "Ich musste einfach versuchen, Doktor Jacob aus dieser verdammten Blockade heraus zu bekommen. Als er aufwachte, sah er aus als ob er völlig aufgeben hätte. Sehen sie, der Doktor ist doch ein sehr engagierter Arzt. Im Moment versteht er die Welt nicht mehr. Er weiß gar nicht, warum er hier ist. Man dringt kaum zu ihm durch. Aber er braucht doch seinen Willen und seinen gesamte Kraft, damit er wieder gesund wird. Sie wissen doch selbst, was er für einen langen Weg vor sich hat, bis er wieder gesund ist. Er ist diesmal nicht in einer Woche wieder auf dem Posten. Es wird einige Monate dauern, bis er wieder einigermaßen fit ist", verlegen sah sie zu Anderson. "Die einzige Methode, dass der Chefarzt das Leben wieder positiv sieht, ist ihm zu sagen, dass er uns im Stich lässt", Walli wartete auf ein bestätigendes Nicken von Anderson, dass sie auch bekam und fuhr fort. "Sie wissen ja, Herr Doktor, ich habe fast fünfzehn Jahre in einer Psychiatrischen Klinik gearbeitet. Ich kenne mich da ein wenige aus. Oft haben wir mit dieser harten Methode mehr erreicht, als mit hundert Sitzungen der Psychologen. Ich kenn den Chefarzt ja lange genug, um zu wissen wie er tickt. An Doktor Jacob kommen wir nur durch die Forderung heran, den Kindern da unten zu helfen. Er fühlt sich für diese Würmchen immer noch verantwortlich. Herr Doktor, natürlich sind sie genau so gut wie Jacob. Aber ich musste den Chefarzt doch irgendwie in den Arsch treten. Sonst bekommen wir ihn nie wieder auf die Beine. Doktor Jacob hat den Sinn im Leben verloren. Er hält sich selber für einen Mörder. Verstehen sie was ich meine? Das können wir doch nicht zulassen", ernst sah Walli, zu dem etwas größeren Arzt hoch.
Walli nannte sich selber immer einen kleinen runden Gartenzwerg. Selbst gegen den zierlichen Anderson, war sie klein. Sie maß nur hundertzweiundfünfzig Zentimeter, wog allerdings fünfundsechzig Kilo. Sie war das, was man so breit wie hoch nannte oder wie sie es ausdrückte: Hing so vorn so lang, wie hüben wie drüben so breet. Oder wie man das auch nannte, sie war eine Rumkugel. Walli konnte noch über ihr eigenes Aussehen lachen. Ihre rotblondes schulterlangen Haare und die warmen blau-grünen Augen, vervollkommneten das Bild einer liebenswerten Persönlichkeit. Ging es allerdings nach ihrem Engagement und nach ihrer Kompetenz, waren Walli und Anderson, weit über drei Meter hoch - sagte der Chefarzt einmal, als es einmal um wahre Größe ging. Die Größe eines Menschen könnte man kompensieren, das beste Beispiel wären Anderson und Walli, beide wären klein von Wuchs, aber auf ihrem Gebiet wahre Größen und unersetzbar.
Ein Lächeln huschte über Wallis Gesicht, bei diesen Gedanken, dann sah sie Anderson achselzuckend an. "Herr Doktor, wir müssen es schaffen, ihm wieder einen Sinn zu geben. Er ist im Moment nicht sehr zugänglich für Argumente. Vielleicht können wir in ein oder zwei Wochen wieder vernünftig mit ihm reden. Aber im Moment ist er in einem tiefen Loch, voll Selbstmitleid versunken. Was man ja irgendwie verstehen kann. Nur nutzt er in diesem Loch niemandem etwas. Am wenigsten allerdings nutzt er sich dort selber. Aus diesem Loch, müssen wir ihn erst einmal heraus holen. Verstehen sie."
Wieder schaute sie Anderson fest in die Augen. Walli mochte diesen zierlichen Arzt, der immer kam, wenn man ihn brauchte. Stets sein bestes gab. Leider war Anderson sehr zurückhaltend und schüchtern. Auch war es nicht Wallis Art, einen Arzt den Hof zu machen. Aber sie mochte seine bescheidene Art sehr.
Anderson nickte zu Wallis Worten, ohne etwas zu sagen.
Deshalb fuhr sie fort. "Er hat ja recht. Er hat getötet. Aber er vergisst darüber eins und zwar etwas verdammt Wichtiges. Er hat dreiundachtzig Kindern das Leben gerettet. Das muss er endlich begreifen."
Anderson, der diese ältere kleine Schwester sehr anziehend fand, zog diese einfach zu sich heran und gab ihr spontan einen Kuss. Wie oft wollte er schon Waltraud Ziegler fragen, ob sie vielleicht Interesse an ihm hätte? Nie brachte er den Mut dazu auf. Diese engagierte Schwester, die das Herz genau da hatte, wo es hin gehörte, machte immer genau das, was richtig war. Dafür hatte sie sich diesen Kuss verdient.
Völlig perplex von der Reaktion des Kollegen, ließ sich Walli küssen. Eigentlich wollte Anderson die Schwester nur auf die Stirn küssen. Der Kuss ging aber etwas daneben und er traf genau Wallis Mund. Erst war ihm das unangenehm. Aber da er keine Gegenwehr bekam, genoss Anderson diesen Kuss.
Walli genoss den Kuss ebenfalls. Dadurch, dass auch Walli Anderson mochte, ließ sie den Kuss geschehen. Sie machte sich trotzdem keinerlei Hoffnung. Sie wusste nur zu genau, dass sie über die Blüte ihrer Jugend hinaus war. Ein Arzt sich aber niemals, zu eine Schwester ihres Alters hingezogen fühlte. Die meisten Ärzte zogen sich jüngere Schwestern vor, die auch repräsentieren konnten. Auch wenn Walli und Anderson fast gleichaltrig waren, wusste die Schwester, dass sie keine Chance hatte.
Anderson, war allerdings nicht so wie Walli dachte. Er mochte diese jungen Schwestern nicht sonderlich. Zu oft wurde er von denen nur ausgenutzt. Er hatte begriffen, dass er mit diesen jungen Frauen niemals glücklich werden konnte.
Aus dem eigentlich nur flüchtigen Kuss auf die Stirn, wurde so ein inniger, aus dem mehr entstehen konnte. Nach einer Weile sahen sich beide erschrocken an. Dann fingen sie an zu lachen.
"Entschuldigen sie Schwester Waltraud, aber ich konnte jetzt nicht anders. Ich mag sie schon so lange. Vielleicht könnten wir nach Dienstschluss, einmal einen Kaffee trinken gehen", wagte sich Anderson jetzt einfach vor. Da Walli keine Gegenwehr gezeigt hatte, nahm er an, dass diese ihn auch ein ganz kleines bisschen mochte.
Walli staunte, antwortet ohne darüber auch nur eine Sekunde nachzudenken. "Gern Herr Doktor", ihr schoss dabei das Blut ins Gesicht und sie wurde ganz rot.
"Bitte sagen sie einfach nur Jim", forderte sie der Arzt auf.
"Gern, Jim. Aber wir sollten jetzt nach Doktor Jacob sehen", bat sie Anderson.
Nicht nur aus Sorge um ihren Chef, sondern auch um ihre Verlegenheit zu überspielen.
Jacob starrte bei den letzten Worten seine leitende Schichtschwester ungläubig an. Konnte nicht fassen, was Walli ihm alles an den Kopf schmiss. Fassungslos hörte er zu, auch weil Walli immer lauter wurde. Die letzten Sätze, "… Sie sind ein Egoist. Sie lassen die Kinder im Stich. Sie lassen ihre Anna im Stich. Sie lassen uns im Stich", regelrecht herausschrie. Langsam drangen die Worte zu ihm durch. Ihm wurde klar, was Walli ihm damit sagen wollte.
Traurig sah er zu dem Grün des Wintergartens, auf das er blickte. Er erkannte, dass er dabei war einen schlimmen Fehler zu begehen. Aber er besaß keine Kraft mehr zum kämpfen. Er verstand nicht, warum es ihm so schlecht ging. Er konnte das beim besten Willen nicht verstehen. Er schob es darauf, dass die letzten vierzig Wochen ihm alle Kraft gekostet hatten. Er brachte einfach keine Kraft mehr zum Leben auf. Er war so verdammt müde. Vor allem erdrückte ihn diese Last, der Schuld.
Jacob war erst einunddreißig Jahre, aber er kam sich vor, als wäre er neunzig Jahre alt. Er gab Walli recht, dass er die Kinder im Stich ließ. Begriff denn niemand, dass er mit dem Tod der siebzehn Kinder nicht klar kam. Wie soll er damit leben? Er wusste im Moment nicht, ob er einen Weg finden konnte, damit klar zu kommen. Müde rieb sich Jacob sein Gesicht und drehte sich auf die Seite.
Gedanklich ging er Schritt für Schritt noch einmal durch, was Walli gesagt und vor allem, was er getan hatte. Er wusste, dass seine Entscheidungen richtig waren. Darüber schlief Jacob noch einmal ein.
Anderson und Walli fanden ihren Patienten, nach einer halben Stunde, schlafend im Bett vor. Der Arzt untersuchte seinen Vorgesetzen und Freund noch einmal gründlich und nickte erleichtert.
"Ich glaube Walli, du hast das richtige Heilmittel gefunden. Auch wenn seine Werte noch nicht wieder gut sind, sie sind viel besser als gestern Abend. Vielleicht schafft er es doch. Lassen wir ihn schlafen. Ich hoffe so, dass Fritz endlich seine Ruhe wieder findet."
Walli lächelte bestätigend, aber auch etwas verlegen zu Anderson. Der Kuss war ihr immer noch unangenehm. Anderson schenkte ihr sein schönstes Lächeln, als er sich verabschiedete.
"Walli, trinken wir heute Abend einen Kaffee zusammen? Du bist doch um 18 Uhr hier fertig. Dann könnten wir zusammen Abendessen gehen."
Walli konnte es nicht glauben, dass ihr jetzt noch ein bisschen Glück zuteilwerden sollte. "Jim das können wir gern machen. Ich freu mich. Hole mich einfach ab. Sagen wir um 18 Uhr 30, hier auf der 6/rot. Ich muss erst die Schichtübergabe mit Doris machen."
Anderson nickte und verließ strahlend die Station. Er lief vor sich hin pfeifend, nach vorn ins Haus 3, um sich etwas hinzulegen. Denn es war schon kurz vor halb acht. Anderson hatte heute wieder Nachtdienst, musste dringend etwas schlafen.
Schwester Walli dagegen sah nach Jacob. Rief in der Zentrale an, dass man für Jacob und sie ein Frühstück schicken sollte. Bestellte auch gleich ein Mittagessen für die 6/rot. Eine Stunde später wachte Jacob auf.
Walli die an dessen Bett saß und las, wurde durch eine Bewegung die Jacob machte, darauf aufmerksam. "Guten Morgen Herr Doktor", begrüßte sie diesen freundlich lächelnd.
Jacob blickte zu Walli hoch, die sofort aufgestanden war. "Morgen", antwortete er brummig. Jacob hallten immer noch Wallis Worte in den Ohren. Ihm war wohl bewusst, wie ihn diese Schwester gerade runtergeputzt hatte.
"Na, wer wird da so knurrig sein. Das ist bestimmt der Hunger", sie sah Jacob breit grinsend an. "Herr Doktor, ich hab ihnen ein erstes kleines Essen bestellt. Wenn sie das vertragen und ganz brav sind, bekommen sie heute Mittag ein Schnitzel mit Bratkartoffeln."
Ein noch breiteres Grinsen huschte über Wallis Gesicht, als sie den Chefarzt ansah. Sie wusste nur zu genau, dass man Jacob damit eine riesige Freude machen konnte.
"Soll ich ihnen das Frühstück bringen."
Jacob schüttelte den Kopf, ihm war nicht nach Essen zumute. "Schwester Waltraud, meinten sie das, was sie mir vorhin an den Kopf geschmissen haben, ernst?"
Walli sah traurig zu ihren Chef. Riss sie sich dann allerdings sofort wieder zusammen. Da musste sie jetzt durch: "Ja Herr Doktor, ich meine immer das, was ich sage. Jedes Wort, was ich ihnen an den Kopf geschmissen habe, meinte ich auch so. Außer, dass sie ein Egoist sind. Das habe ich nur gesagt, damit sie endlich wieder anfangen nachzudenken. Wissen sie was, Herr Doktor. Ich mache ihnen einen Vorschlag. Wir frühstücken jetzt erst einmal zusammen und dann reden wir. Wenn ich ehrlich sein soll, ich habe extra gewartet mit dem Frühstück, bis sie wieder munter sind. Aber langsam bekomme ich Hunger."
Da Jacob nichts Negatives dagegen vorbrachte, stellte Walli das Kopfende des Bettes etwas höher, so dass Jacob in eine halbsitzende Position kam. Sie drehte den Nachtisch so, dass das kleine hochklappbare Brett über Jacobs Beinen befand und ging nach vorn zum Esstisch. Walli holt das bereits vorbereitete Frühstück und stellte es vor Jacobs Nase. Durch das häufig gemeinsam eingenommene Frühstück in der Mensa, wusste Walli, dass Jacob gern Leberkäse und Mettwurst aß. Deshalb hatte sie die Brötchen schon vorbereiten können. Für Walli gab es Brötchen mit Marmelade, für beide einen großen Kaffee.
"Lassen sie es sich schmecken, Herr Doktor", damit hielt sie ihm den Teller hin. Als dieser nicht zugreifen wollte, schimpfte Walli in einem Ton, der einem General alle Ehre machen würde. "Ach kommen´s, Herr Doktor. Haben sie sich nicht so zickig, jetzt wird etwas gegessen. Habe ich gesagt. Also los."
Jetzt musste Jacob sogar etwas lächeln. Ihm fielen so manche Situationen mit seinen Patienten ein, wo er zu ihnen genau das Gleiche sagte. Also nahm er sich ein Brötchen und hörte auf Walli.
"Jawohl Mam", kam eine Reaktion von Jacob und er biss herzhaft ins Brötchen hinein. Komischerweise, kam mit dem Essen auch der Hunger.
"Na, so gefallen sie mir schon besser Herr Doktor. Das ich immer erst mit ihnen schimpfen muss", grinste ihn Walli breit an. Die ihr Brötchen bereits aufgegessen hatte.
"Ich muss ja auf sie hören, Schwester Walli. Wenn sie in dem Ton mit mir reden, ist das kein gutes Zeichen. Sie bringen es sonst fertig und lassen mich eine Runde durchs Objekt robben. Das schaffe ich heute noch nicht", gab Jacob in seiner trockenen Art zur Antwort.
Die Schwester freute sich über diese Reaktion des Chefarztes, das war ein gutes Zeichen. Er hatte sich endlich selbst wiedergefunden.
Achselzuckend konterte Walli. "Naja Herr Doktor, sie lassen mir ja keine andere Wahl. So einen traurigen, sich selber bemitleidenden Jammerlappen, der steht ihnen schon mal gar nicht. Der andere Doktor war mir immer lieber. Ich will den alten Doktor wieder haben. Sie wissen doch wie ich bin."
Jacob fing auf einmal schallend an zu lachen. Es war ein befreiendes Lachen. So, als wenn alle Last von ihm abgefallen wäre.
"Bin ich wirklich so schlimm", erkundigte er sich, nachdem er sich wieder beruhigt hatte.
Walli schüttelte den Kopf. "Wenn ich ehrlich sein soll, nein. Aber ich finde es halt nicht gut, dass sie uns einfach im Stich lassen wollen. Dass sie sich einfach aufgeben wollen. Das ist irgendwie nicht fair. Wissen sie wie meine Anna aussieht. Die Kleine war schon immer nur ein Strich in der Landschaft, jetzt sieht man sie kaum noch. So schlimm hat sie abgenommen. Sie hat so eine Angst um sie, will nichts mehr essen, schläft kaum noch und ist nur am Weinen. Hat ständig Angst, dass wir sie verlieren. Damit kann die Maus nicht umgehen, Herr Doktor. Anna hat doch nur sie. Sie und die Kinder. Herr Doktor, außerdem ist es doch so. Die Kinder dort unten brauchen sie wirklich", Walli sah Jacob traurig an und begann dem Chefarzt zu erklären, was unten auf der 6/blau los war und warum er auf Station so dringend gebraucht wurde. "Es ist so schlimm ansehen zu müssen, wie die kleinen Mäuse da unten leiden. Herr Doktor, wenn wir Licht an machen, fangen fast alle an zu schreien. Wie wir jetzt herausbekommen haben, vor Schmerzen. Nummer 98, die wir seit der Geburt, alle ins Herz geschlossen haben, versuchte uns zu erklären, dass ihnen das Licht in den Augen weh tut. Aber die anderen Ärzte haben keine Ahnung, wie sie den Kindern helfen sollen. Die schreien auch, wenn sie die Augen zu haben.
Doktor, wenn einer den Würmchen dort unten helfen kann, dann sie. Wir verbinden den Kindern jetzt immer die Augen, wenn wir das Licht über eine längere Zeit brauchen: bei der Visite oder beim Waschen. Sonst haben die Mädels auf der 6/blau, nur vorn am Tisch eine Kerze an, die sie so gut es geht vor den Kindern verstecken. Das ist das einzige Licht, das den Kindern nicht so sehr weh tut. Bitte werden sie bald gesund, damit die Kleinen sich nicht mehr so lange quälen brauchen", flehend sah Walli zum Chefarzt.
Man sah ihr an, dass sie schwer mit sich kämpfte. Aber, dass sie sich nicht wirklich traute offen zu sprechen. Etwas das bei Walli sehr selten vorkam. Aber sie hatte Angst, den Arzt wieder in die falsche Richtung zu schupsen.
Jacob spürte wie Walli mit sich kämpfte. "Was haben sie noch auf den Herzen? Kommen sie raus mit der Sprache", Jacob musterte Walli und wollte jetzt alles wissen.
'Ach egal', dachte Walli bei sich. "Herr Doktor, es ist doch so, den siebzehn Kindern die gestorben sind, konnten sie nicht helfen. Es war nicht ihre Schuld. Sie haben alles getan, was sie tun konnten, um sie zu retten. Sie haben bis zur letzten Sekunde für diese Kinder gekämpft. Aber da unten auf der 6/blau, sind dreiundachtzig Kinder die ihre Hilfe brauchen. Ich weiß durch meine vielen Jahre als Krankenschwester, dass sie durch die Autopsie der toten Kinder herausfinden könnten, wie sie den andern helfen können. Nutzen sie diese Kinder, um den anderen zu helfen. Dann mussten die nicht für umsonst sterben. Ich weiß, dass ich kein Recht habe ihnen das zu sagen, aber es ist halt wirklich meine Meinung. Herr Doktor, wenn sie einfach so aufgeben und sie ihr Leben wegwerfen, weil sie der Meinung sind, dass sie keine Kraft mehr haben, sind sie in meinen Augen ein Feigling."
Jacob schnauzte Walli böse an. "Was wissen sie schon davon, wie es ist Menschen zu töten? Sie haben doch gar keine Ahnung", schrie er sofort los, weil er sich ungerecht behandelt fühlte.
"Schreien sie mich gefälligst nicht an, Herr Doktor. Das habe ich mir nicht verdient. Sie kennen mich doch überhaupt nicht", böse sah Walli den Chefarzt an. Schlimme Erinnerungen kamen in ihr hoch. Diese trieben ihr die Tränen in die Augen. Mühsam versuchte sie ihre innere Fassung wiederzuerlangen. "Sie haben doch keine Ahnung, wie gut ich sie verstehen kann. Was wissen sie schon von mir? Nur das, was in meiner offiziellen Akte steht. Nichts anderes. Sie wissen nichts, also…"
Jacob unterbrach Walli einfach. "Sie wa…"
Diesmal ließ die Schwester das Reinreden nicht durchgehen "Jetzt hören sie mir erst mal zu. Sie unterbrechen mich jetzt nicht noch einmal. Verstanden. Sie lassen mich jetzt gefälligst ausreden. Verdammt noch einmal."
Böse sah Walli Jacob an. Ihre Augen waren fast schwarz und voller ungezügelter Wut. Man konnte schon fast behaupten, voller Hass. Jacob schreckte in dem Moment regelrecht vor Walli zurück. So hatte er diese kleine, sonst immer freundliche Krankenschwester noch nie erlebt. Erschrocken hielt er die Luft an und starrte Walli entgeistert an. Erst jetzt entdeckte er die Tränen in Wallis Augen und sah, dass diese am ganzen Körper zitterte. Erschrocken griff Jacob nach Wallis Hand. Die Schwester entzog Jacob die Hand sofort wieder. Sie konnte in diesem Moment keine körperliche Nähe ertragen.
Leise, fast flüsternd, begann Walli zu erzählen. "Es war gleich nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges, im Spätherbst 1940. Ich arbeitete in einer Psychiatrischen Klinik, in Berlin. Wir mussten damals hundertzweiundsiebzig der dortigen dreihundertfünfzig Patienten, exekutieren. Rassensäuberung nannte sie das. Von ganz oben kam ein Befehl, vom Standartenführer der SS und der neu an die Macht gekommenen Regierung des dritten Deutschen Reiches. Mein Stationsarzt kam mit einer Liste und drückte sie mir in die Hand. Sagte nur drei Sätze, die mein ganzes Leben veränderten. "Morgen sind diese Betten leer. Die Leute unten in der Leichenhalle. Die sind nicht mehr vertretbar." Dann drehte sich der feine Herr um und ging. Ließ mich mit dem Befehl und dem Problem alleine. Ich war damals siebenunddreißig Jahre alt. Also auch nicht viel älter, als sie es jetzt sind. Ich war die Stationsschwester auf der Geschlossenen, alles Pflegefälle. Was glauben sie Doktor, wie ich mich damals gefühlt habe? Über zwölf Jahre, kannte ich die meisten meiner Patienten. Ich hatte diese über Jahre betreut. Ich freute mich über jeden noch so kleinen Fortschritt. Doch meine Kollegen, kannte ich genauso lange. Ich hätte, genauso wie der Stationsarzt, die Verantwortung weitergeben können. Dann hätte ich mir verdammt viel Leid erspart. Aber ich wäre jetzt nicht der Mensch, der ich heute bin", tief und vor allem schwer, holte Walli Luft, um sich zu beruhigen.
Jacob sah die stets so engagierte Krankenschwester entsetzt an. Als dieser etwas sagen wollte, schüttelte Walli heftig den Kopf.
"Aber ich konnte es nicht. Ich konnte diese Verantwortung nicht weiter geben. Ich habe alle sechsundfünfzig Patienten meiner Station selber getötet. Glauben sie wirklich, ich weiß nicht wie sie sich fühlen? Verdammt noch mal. Sie hatten den großen Vorteil, dass dreiundachtzig ihrer Patienten noch leben. Von meinen, hat dies keiner überlebt. Nicht einer", schrie Walli weinend und am ganzen Körper zitternd, den Chefarzt an.
Sie stand auf und ließ ihren Patienten einfach alleine. Sie musste sich erst einmal wieder beruhigen. Diese Zeit holte sie viel zu oft ein. Nach all den Jahren hörte sie immer noch die Schreie aus den Zimmern. Sie hatte nicht die Möglichkeit, wie Jacob, frei zu entscheiden, wie sie ihre Patienten töten musste. Sie bekam genau vorgeschrieben, mit welcher Dosis und mit welchem Medikament, sie die Tötung vorzunehmen hatte. Oft überlegte sie auch heute noch, ob sie es hätte anders machen können. Aber es blieb ihr keine andere Wahl.
Nach Beendigung des Krieges, als die Kriegsverbrecher inhaftiert und verurteilt wurden, stellte sie sich freiwillig. Sie berichtete von ihrem Verbrechen, das sie in ihren Augen begangen hatte. Der Richter sprach sie frei, nicht von der Schuld, nur von der Verantwortung. Denn der Befehl den sie damals bekam, war eindeutig. Walli hatte keinen großen Spielraum für Entscheidungen, die sie hätte treffen können.
"Bis zum 10. November 1940, um 9 Uhr sind folgende Patienten, …, zu exekutieren. Wird diesem Befehl nicht Folge geleistet, sind diese sich wiedersetzenden Mitarbeiter, sofort dem Standartenführer Müller, der örtlichen Gestapo zu übergeben und eine SS-Spezialeinheiten zu ordern…"
Den Rest so sagte ihr der Richter war klar. Auch wenn er, wie sie selber, es nicht für richtig empfand, was sie getan hatte, so führte sie nur Befehle aus und hatte keinerlei Handlungsfreiheit. Dadurch, dass sie sich selber stellte und gegen sich selber Anzeige erstattet hatte, habe sie ermöglicht die wahren Schuldigen aufzugreifen und zur Rechenschaft zu ziehen. Er hätte nicht gewusst, ob er dazu in der Lage gewesen wäre. Auch wäre ihm bekannt, dass sie, Waltraud Ziegler, fast vier Jahre im Untergrund half Verletzten zu versorgen. Dies alles würde zu dem Urteil führen, dass man sie von der Verantwortung freisprach.
Zwar wurde sie nie für diese Tat verurteilt und alle Hinweise auf dieses Verbrechen, wurden aus ihrer Personalakte gelöscht. Aber Walli kam damit bis heute noch nicht klar und sie verurteilt sich selber für diese schlimmen Taten. Ihr Gewissen würde damit für den Rest des Lebens klar kommen müssen. Deshalb verstand sie ja so gut, wie sich Jacob fühlte. Weil Jacob jetzt durch die gleiche schlimme Hölle gehen musste, wie sie damals.
Endlich hatte sie sich wieder etwas beruhigen und konnte wieder zu ihrem Patienten gehen. "Tut mir leid Herr Doktor, aber auch ich habe mein Lasten zu tragen. Ich musste mich erst einmal beruhigen. Bevor ich etwas zu ihnen sage, was mir hinterher leid tut."
Jacob nickte, war jedoch immer noch mit dem eben gehörten beschäftigt. "Es tut mir leid, das wusste ich nicht. Darf ich sie etwas fragen Schwester Waltraud."
Walli nickte.
"Wie kommen sie damit klar? Ich weiß nicht, wie ich mit den Tod dieser Kinder weiterleben soll. Ich weiß es wirklich nicht."
Walli setzte sich auf das Bett von Jacob und zog diesen, wie einen kleinen Jungen in ihre Arme. Da fing Jacob endlich an zu weinen.
"Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht…" Schluchzte er immer wieder.
Das erste Mal seit der Geburt der Kinder, brach Jacob sein Schweigen und sprach über seine Gefühle. Über das, was ihn bewegte. Endlich konnte der Chefarzt Druck ablassen und er hatte nicht mehr das Gefühl gleich zu platzen. Es tat gut jemanden vor sich zu haben, der ihn verstand. Vor allem aber, über diese Dinge sprechen zu können und nicht immer nur stark sein zu müssen.
"Genosse Chefarzt, ich weiß nicht wie sie damit klar kommen können. Sie müssen ihren eigenen Weg finden. Ich kann ihnen nur sagen, was ich tun würde. An ihrer Stelle würde versuchen, dass zu retten, was zu retten ist. Sie müssen versuchen zu akzeptieren, was sie nicht ändern können. Lassen sie nicht zu, dass sie diese ganze Geschichte zerstört. Wir sind dafür da, Leben zu retten, nicht dafür da es zu vernichten. Ich bin danach in den Wiederstand gegangen, habe dort als Krankenschwester gearbeitet. Habe dafür gesorgt, dass ich so viele Leben wie möglich retten kann. Ich habe damals im November 1940, genau wie sie am 14. Februar, eine folgenschwere Entscheidung treffen müssen. Ich hatte die Wahl, elf meiner gesunden Kollegen und ihre Familien, an die Gestapo auszuliefern und den Befehl zu missachten. Oder aber, diesen sinnlosen und menschenverachtenden Befehl selber auszuführen. Damit das Leben meiner Kollegen und deren Familien zu retten. Herr Doktor, ich habe mich für die entschieden, die eine Zukunft hatten. Es wäre nämlich folgendes passiert, wenn ich diesen Befehl nicht ausgeführt hätte. Dann Herr Doktor, wären die elf Kollegen, deren Familien und ich ins KZ geschickt wurden. Die Patienten aber, hätte ich nicht retten können. Es wäre eine der SS-Spezialeinheiten gekommen, hätte dieses Problem auf eine noch bestialischere Art gelöst. Dann wären noch mehr gestorben. So habe ich meine Kollegen und deren Familien retten können und auch mich. Außerdem, noch unzählige Menschen im Wiederstand. Herr Doktor sie selber bestimmen, was sie zerstört und was nicht. Lassen sie nicht zu, dass die Toten ihr Leben bestimmen. Dass die Toten ihr Leben zerstören. Dass der Schatten den der Tod wirft, alles Leben verkümmern lässt. Dass der Tod ihnen den Spaß am Leben nimmt. Das Leben ist schön, wenn auch nicht immer einfach", liebevoll streichelte Walli über Jacobs Gesicht. Sie schaute ihm fest in die Augen. "Schenken sie ihr Herz denen, die am Leben sind, die können sie doch nur beschützen. Nur mit dieser Einstellung konnte ich mit der ganzen Schei… klar kommen. Das gab meinem Leben wieder einen Sinn. So müssen sie es auch machen.
Nutzen sie die toten Kinder, um über die Lebenden so viel wie möglich herauszubekommen. Dann können sie durch dieses Wissen, denen die leben, um einiges besser helfen. Wenn sie wollen, assistiere ich ihnen bei der Autopsie. Ich habe das schon oft gemacht. Bitte helfen sie unseren Kindern, denn die brauchen alle Hilfe die sie bekommen können", ernst sah Walli ihren Chefarzt an. Den Freund ihrer besten Freundin und ihres Ziehkindels. "Akzeptieren sie einfach das Ist, versuchen sie das Beste draus zu machen. Stellen sie sich schützend vor diese kleinen Wesen. Dann kommen sie mit den Tod der siebzehn Kinder klar. Diese erinnern sie immer wieder daran, dass sie nicht alles beeinflussen können. Beschützen sie einfach die anderen noch besser. Damit die siebzehn nicht für umsonst in den Tod gegangen sind. So mache ich es immer. Es funktioniert wunderbar."
Jacob hatte sich wieder gefangen und sah die, umso vieles ältere Krankenschwester an. "Sie haben recht, Walli. Aber es wird nicht einfach werden. Danke. Darf ich ihnen einen Kuss geben? Ich glaube, sie haben mir gerade das Leben gerettet."
Walli nickte lächelnd. Sie zog den Chefarzt an ihre Brust und herzte, den noch so jungen Arzt. Bekam dafür einen Kuss. Den zweiten am heutigen Tage.
"Das ist schön, da lohnen sich wenigstens, die schlimmen Nächte, die wieder mal kommen", sagte sie in einem sarkastischen Ton, den man von ihr sonst nicht hört.
"Wie meinen sie das Walli?"
Die Schwester winkte einfach nur ab, wollte nicht mehr über das Thema sprechen.
"Walli bitte", forderte Jacob eine Antwort von ihr.
"Herr Doktor, diese Thema ist heute, nach neunzehn Jahren, immer noch nicht gut für mich. Es wird mich, aber auch sie, für den Rest des Lebens begleiten. Es wird nie besser. Manche Tage geht es, manche Tage ist es schlimm, so wie heute. Dann kommen die Bilder wieder. Sie hatten immer noch das Glück, sie konnten sich aussuchen, wie sie die Kinder schlafen schicken würden", Tränen liefen über Wallis Gesicht. Jacob wischte sie mit den Daumen weg. "Dieses Glück hatte ich nicht. Ich musste den Patienten Arsen spritzen. Alle durch die Reihe weg, sind unter qualvollen Schmerzen gestorben. Mich holen diese Schreie immer noch jede Nacht ein. Solange ich nicht darüber rede, geht es. Aber muss ich es tun, so wie heute, dann sind es viele Nächte, in denen die toten Gesichter wieder kommen und mich fragen. "Warum hast du mich getötet?" Ich kann ihnen nach so vielen Jahren, immer noch keine Antwort geben, die sie befriedigen würde. Die Antwort, damit ich die anderen retten kann, akzeptieren die Toten nicht. Jeder, muss mit seinen Toten leben. Das kann einem keiner abnehmen, Herr Doktor. Niemand kann das tun."
Jacob sah Walli traurig an. Stellte wohl die Frage die ihm am meisten beschäftigte. "Kann ich das lernen?"
Walli starrte mit tränennassem Gesicht, hoch an die Decke. Sie rieb sich das Genick und holte tief Luft. "Herr Doktor, das kann ich ihnen nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht. Das können sie nur selber entscheiden. Sie lernen es nur, wenn sie es lernen wollen. Sonst gehen sie an der ganzen Sache kaputt. Aber aufgeben ist keine Lösung. Vor allem ihr Leben und ihr Wissen damit vergeuden, weil sie nicht mehr um ihr Leben kämpfen wollen, finde ich, ist ein Verrat an den toten Kindern. Ein Kampf lohnt sich nur, wenn sie ein Ziel haben. Was ist ihr Ziel?", fragend sah Walli ihn an. Unter Tränen versuchte sie ihm aufmuntern zu zulächeln und versuchte ihm einige lohnenswerte Ziele aufzuzeichnen. "Ein glückliches Leben mit ihrer Anna, in siebzehn Jahren? Das Ziel so viele Kinder zu retten, wie irgend möglich ist und wenn es nur ein einziges ist. Das Ziel müssen sie selber finden, dann Schritt für Schritt in eben diese Richtung gehen. Der Tod, zerstört sie nur, wenn sie es zulassen. Also lassen sie den Tod keinen Gewinner sein", ernst sah Walli in das müde Gesicht des Arztes und atmet noch einmal tief durch. "Er sollte niemals gewinnen. Aber ich denke, Herr Doktor, sie sollten noch etwas schlafen. Eine ganze Weile, sah es verdammt schlecht um sie aus. Einige Mal hätten wir sie fast verloren. Lassen sie nicht zu, dass unser Kampf für sie, umsonst war. Dann müssen wir, mit einem Toten mehr leben. Vor allem würden wir einen Arzt verlieren, der nicht zu ersetzen ist. Einen Menschen, den wir alle sehr mögen und den die kleine Anna, von Herzen liebt."
Entschlossen räumte Walli das kleine Tischchen ab, senkte das Kopfteil des Bettes und schüttelte Jacobs Kissen auf.
"Schlafen sie ein bisschen. Wenn sie munter sind bekommen sie ein Schnitzel. Das verspreche ich ihnen. Sie sind ja brav gewesen."
Lachend sah Walli den Arzt an. Überspielt ihre eigenen Gefühle sehr gut. Sie setzte wieder die Maske der immer lächelnden Walli auf. Der Walli, die alle kannten. Der keiner ansah, dass sie durch so eine schlimme Hölle gegangen war. Die stets für alle ein offenes Ohr und eine hilfreiche Hand hatte. Jacob nickte und drehte sich zur Seite und schlief sofort ein. Ihm war eins klar geworden, durch Wallis Worte, er hatte wieder ein Ziel, für das es sich zu leben lohnte. Die dreiundachtzig Kinder auf 6/blau zu beschützen und seine Anna.
Lange sah Walli ihm beim Schlafen zu. "Hoffentlich bist du nun endlich über den Berg. Noch ein paar solcher Gespräche, schaffe ich nämlich nicht."
Völlig geschafft rieb sie sich das Gesicht, nahm einen Stift und trug, nachdem sie Puls und Blutdruck gemessen und die Werte in das Krankenblatt ein. Fertig mit ihrer Arbeit setzte sie sich neben Jacobs Bett und nahm ihr Buch, um wieder zu lesen. Einfach um sich abzulenken, von den schlimmen Gedanken und vor allem, um die schlimmen Bilder zu vertreiben.
Kurz nach 12 Uhr bekam Walli Besuch von Mayer.
"Guten Tag Schwester Waltraud. Na sie sehen ja heute geschafft aus. Soll ich sie ablösen lassen?" Walli schüttelte den Kopf. "Mahlzeit Genossen Major. Nein das müssen sie nicht, es ist ja nicht mehr lange."
Mayer sah Walli musternd an. "Gab es Ärger mit Fritz?"
Wieder schüttelte Walli den Kopf. "Nein, es gab keinen Ärger. Wir haben einiges besprochen. Auch über einiges gesprochen, was nicht so gut für mich war. Aber ich bekomme das schon in den Griff. Sie wissen doch wie das ist, Genosse Major. Es gibt solche und solche Tage."
Mayer nickte. Er war schon einige Male bei Walli, um sich etwas zum Schlafen zu holen. Da er oft durch seine Vergangenheit, den Stress, den er ständig hatte, nicht zur Ruhe kam.
"Na, dann bin ich aber froh, wie geht es ihm? Munter war er ja, wenn sie miteinander gesprochen haben", Mayer ging zu dem schlafenden Jacob, sah Walli fragend an.
"Er sieht wieder etwas besser aus oder bilde ich mir das nur ein?"
Lachend erklärte sie Mayer. "Nein, ich denke das Gespräch hat ihm geholfen. Er sieht wirklich besser aus. Auch seine Werte sind etwas besser. Vor allem er hat etwas gegessen, das ist schon mal ein Anfang. Mit der Küche habe ich ausgemacht, dass ich anrufe, wenn er munter ist, dann bekommt er sein Lieblingsessen. So kommt er, auch bald wieder auf die Beine", aufmunternd sah sie den besorgt dreinschauenden Mayer an.
"Na, wollen wir es hoffen. Rufen sie mich, wenn ich mit ihm sprechen kann. Ich muss unbedingt einige Entscheidungen treffen. Ohne Jacobs Zustimmung möchte ich dies aber nicht tun. Mir rennt die Zeit weg, tut mir leid Schwester Waltraud", um Verständnis bittend sah Mayer, Walli an.
"Geht klar Genoss Major, ich frage ihn nach dem Essen. Ich denke aber, dass er das selber entscheiden sollte. Doktor Jacob geht es noch lange nicht gut. Er ist noch lange nicht über den Berg. Bitte seien sie vorsichtig, keine Aufregung. Wenn ich ehrlich bin, viele solcher Gespräche, schaffe ich nicht mehr", Mayer nickte. Ahnte er doch, über was Walli mit Jacob gesprochen hatte. Ein ähnliches Gespräch hatte er auch schon mit ihr geführt.
"Geht klar Schwester Waltraud, ich weiß jeder muss mit seinen Toten leben. Klappen sie mir bitte nicht auch noch zusammen, ich brauche sie nämlich. Sie sind hier sowas, wie die Mutti für alle. Aber wenn sie mal reden wollen, kommen sie einfach hoch zu mir. Ich nehme mir für sie Zeit", Mayer sah Walli bittend an.
"Das mache ich Genosse Major. Aber ich denke ich komme klar, das schaffe ich schon seit Jahren. Sie müssen keine Angst um mich haben", lächelnd schaute Mayer zu Walli, dann machte etwas was er selten bei seinen Untergebenen tat, er streichelte ihr das Gesicht. Er mochte diese offene und ehrliche Frau, die schlimme Sachen erlebt hatte. Ihre Erlebnisse im zweiten Weltkrieg, hatten den Ausschlag gegeben, dass man sie hier ins Projekt geholt hatte. Obwohl sie über die Altersgrenze heraus war, die für eine Einstellung sprachen. Ihre Erfahrungen und ihr Wissen, hatten das hohe Alter gerechtfertigt.
Mayer riss sich aus seinen Gedanken los, bei ihm drückte wie immer die Zeit. "Schwester Waltraud, entschuldigen sie bitte, ich muss wieder los. Ilka wartet auf mich mit dem Mittagessen. Also bis bald", noch während er zu Walli sprach, war er im Aufzug verschwunden, um nach oben zu fahren und zu seiner Tochter zu gehen. Walli ging zu Jacob maß Puls und Blutdruck, aber auch Fieber. Alle Werte waren wesentlich besser geworden. Jacob befand sich auf den Weg der Besserung.
Es dauerte noch ganze neun Tage bis Anderson seine Zustimmung gab, Jacob zu entlassen. Jacobs Gesundheit wurde, durch das spritzen dieses Medikamentencocktail, zu sehr in Mitleidenschaft gezogen. Er würde einen kleinen Herzfehler zurück behalten. Anderson, der durch die vergangen Wochen wusste, unter welchen enormen Druck der Chefarzt stand, legte diesem nahe es langsam anzugehen. Er kannte den Chefarzt nun schon über ein Jahr, so dass er ahnte, dass Jacob sofort wieder hundertprozentig einsteigen würde. Egal ob es ihm gut oder schlecht ging.
"Fritz, bitte fange langsam an. Ich werde dir beistehen. Du musst nicht immer alles allein bewältigen. Wir haben hier ein Team, wo alle das gleiche wollen, also lasse dir helfen. Es nutzt niemandem etwas, wenn du in zwei Wochen wieder auf der Nase liegst", bat Anderson drei Tage vor der Entlassung Jacob noch einmal. "Du hast dein gesundes Herz bis zum Zerreisen belastet, es ist nicht mehr so fit, wie vor einem Monat. Du musst ruhiger treten, sonst bist du in einem Jahr tot", ernst, aber auch besorgt sah Anderson den Chefarzt an und dieser stimmte dem Gesagten voll und ganz zu. Er merkte ja selber, dass es ihm bei weitem noch nicht gut ging. Bei der kleinsten Belastung bekam er Herzprobleme und Atemnot. Er musste von Null anfangen und langsam hochfahren. Sonst, gab er sich nicht einmal ein Jahr. Das musste er in den vergangen Tagen begreifen. Auch dadurch, dass ihm Walli, aber auch Doris, richtig die Meinung gesagt hatten. Aber auch seine geliebte Anna, die ihm vor zwei Tagen das erste Mal besuchen kam.
Weinend hatte sie in seinen Armen gelegen. Oh Gott war er erschrocken, als er seinen so lebenslustigen dunkelhaarigen Engel sah. Die sowieso so zierliche Anna, wog höchstens noch fünfundvierzig Kilo, also viel zu wenig für ihre Größe von hundertzweiundsiebzig Zentimetern. Dunkle Augenringe, zeigten dem erfahrenen Diagnostiker, dass sie mehr weinte, als schlief. Deshalb beschloss Jacob, Nägel mit Köpfen zu machen.
Gestern bat Jacob seinen Freund Mayer, um eine kleine Unterredung, er wollte seine Meinung wissen, zu dem Entschluss den er am Tag zuvor gefasst hatte.
"Sigmar, bitte ich brauche deinen Rat", sprach er Mayer sofort an, als dieser am späten Abend an sein Bett trat.
"Was ist?"
"Bitte sage mir, ob die Möglichkeit besteht, dass ich Anna während des Projektes heiraten kann. Ich möchte, dass Anna zu mir in die Wohnung zieht. Ich brauche Anna genauso, wie sie mich. Das ist mir hier auf der Krankenstation klar geworden. Keine Angst, Kinder wollen wir erst einmal keine, wir haben schon 83, die wir erst einmal durchbringen müssen. Bitte habe eine Lösung für mich."
Mayer fing schallend an zu lachen. "Mein Gott und ich dachte schon, du fragst mich nie. Klar könnt ihr heiraten. Ich verrate dir sogar etwas unter Freunden, selbst wenn ein Kind kommen würde, ließe sich eine Möglichkeit für euch beide finden, im Projekt zu bleiben. Mit Ilka haben wir doch auch eine gefunden. Wann soll Anna zu dir ziehen?"
Wie bei allen Sachen, machte Mayer gleich Nägel mit Köpfen und brachte Jacob dadurch in Schwulitäten.
"Das kann ich dir nicht sagen Sigmar. Ich muss sie doch erst einmal fragen, ob sie das überhaupt will. Wenn es nach mir geht, sofort", da fingen beide an zu lachen.
Mayer war froh so eine Lösung zu haben, Jacob unter Kontrolle zu behalten. Er hatte immer noch Angst um seinen Freund. War sich nicht so sicher, dass dieser wirklich schon über die toten Kinder hinweg gekommen war. Vor allem wusste er so, dass keiner an Jacob ungesehen heran konnte. Die Möglichkeit eines erneuten Mordversuches, wurde so noch geringer. Jacob war geschützter, weil er seine Anna dann immer bei sich hatte.
"Frag sie und zwar sofort. Wie ich Anna kenne, ist die sowieso unten auf der 6/blau. Warte einen Augenblick, ich rufe gleich einmal unten an", schon ging Mayer zum Telefon, bestellte die sich im Kinderzimmer aufhaltende Anna, nach oben auf die 6/rot.
Anna brauchte keine zwei Minuten bis sie auf der Krankenstation war. Sie dachte, es wieder etwas mit ihrem Schatz. "Was ist?", erkundigte sich Jacobs Freundin ängstlich und völlig außer Atem.
"Ach Schwester Anna, nicht immer ist etwas mit Fritz, wenn ich sie rufen lasse. Entschuldigen sie, ich wollte sie nicht erschrecken. Fritz möchte sie kurz unter vier Augen sprechen und will sie etwas fragen. Tut mir wirklich leid", verlegen grinste er Anna an.
Erleichtert atmete diese auf. "Verdammt, warum erschrecken sie mich nur so. Ich dachte es ist etwas passiert."
Mayer schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, wirklich."
Anna winkte ab. "Nicht schlimm, Genossen Major", wieder lächelnd ging sie hinter zu ihrem Schatz. "Fritz was ist? Hab ich vielleicht grad einen Schreck bekommen."
Jacob zog seine Anna an sich heran, gab ihr erst einmal einen Kuss. "Anna willst du mich heiraten, auch wenn ich ein dummer Chaot bin. Ich würde dich gern heiraten, vor allem möchte ich, dass du zu mir ziehst, für immer und ewig."
Anna starrte Jacob entgeistert an und konnte gar nicht begreifen, dass ihr sehnlichster Wunsch, doch noch in Erfüllung gehen sollte. Kaum hörbar, hauchte sie "Ja", zu mehr war sie im Moment nicht in der Lage.
"Aber Kinder haben wir erst einmal genug, mein Engel. Mit neuen warten wir noch sechzehn Jahre", meinte Jacob lachend und schon bekam Anna einen Kuss.
Mayer der die ganze Szene von weitem am Beobachten war, genauso wie Doris, die heute Dienst hatte, kam heran.
"Und?", wollte Mayer wissen.
Beide nickten, ihre Augen sagten mehr als Worte.
"Wann wollen sie umziehen Schwester Anna. Oder darf ich nun endlich du und Anna sagen?", wollte Mayer lachend wissen.
Anna sprang von Jacobs Krankenbett, auf dem sie saß und gab Mayer einen Kuss auf die Wange. "Genosse Major, das dürfen sie. Am liebsten sofort, würde ich sagen. Tut mir leid, ich muss los. Ich muss es meiner Mama sagen."
Erstaunt sahen die beiden Männer, der davon eilenden Anna hinterher, die den Raum schon verlassen hatte.
"Mama?", fragte Jacob und Mayer wie aus einem Mund.
Schwester Doris lachte herzhaft. "Naja, es ist so. Anna hat einige Tage vor Weihnachten, Walli kurz entschlossen als Mutti adoptiert. Bei ihr läuft halt einiges anders. Sie hat doch keine Eltern. Seit dem sagt Anna, zu Walli immer Mama. Walli ist nicht nur Annas beste Freundin, sondern auch so etwas wie ein Mutterersatz geworden."
Verstehend nickten die beiden.
"Na dann, ist das klar", Mayer grinste breit.
"Dann bekomme ich wenigstens eine nette Schwiegermutter", konnte sich Jacob nicht verkneifen.
Er sprach mit Mayer ab, dass Anna sofort bei ihm einziehen könnte. Die Hochzeit diesen oder nächsten Sommer, hier im Objekt, groß gefeiert würde. Mayer freute sich für Jacob. Wenn er solche Pläne machte, war er über das Schlimmste hinweg. Der Rest würde sich dann mit der Zeit ergeben.
Erleichtert verließ Mayer die Krankenstation. Es würde wieder einmal eine sehr kurze Nacht werden, es war schon kurz nach 2 Uhr. Aber vielleicht wurde es jetzt etwas ruhiger, er hatte wieder eine Sorge weniger, wusste Jacob jetzt in guten Händen.
Am Donnerstag den 12. März 1959, also fast einen Monat nach der Geburt der Kinder, wurde Jacob als bedingt arbeitsfähig von der Krankenstation entlassen. Er bekam allerdings die Auflage, von Mayer und Anderson, nicht vor 26. März, wieder voll in das Projekt einzusteigen. Obwohl allen klar war, dass Jacob das nie einhalten würde, wollten alle darauf achten, dass dieser sich wenigstens noch etwas schonte.
Als erstes, drängte Jacob seine Freunde und Kollegen dazu, ihn endlich zu seinen Kindern zu bringen. Alle hatten begriffen, auch dadurch, weil es Walli immer wieder am Frühstückstisch erzählt hatte. Das diese dreiundachtzig Kinder, von Jacob sozusagen adoptiert wurden. Er sich als deren Ziehvater ansah. Dass diese Kinder Jacob die Kraft gaben, mit seinem seelischen Konflikt klar zu kommen. Dass die Kinder für den Chefarzt nicht nur kleine Patienten darstellten, sondern dass sie seinen Lebenswillen und Lebensinhalt verkörperten.
Am Abend des 12. März 1959 kurz vor 19 Uhr, wurde Jacob mit einem Taxi von der Krankenstation der Kinder abgeholt, um an der Abschieds- und Begrüßungsfeier der Belegschaft teilzunehmen. Alle wollten ihren Chefarzt zurück begrüßen. Vor allem musste man endlich diejenigen nach Hause schicken, die am Ende ihrer Dienstzeit angekommen waren. Die Belegschaft wurde komplett umstrukturiert und an die neue Situation angepasst. Schon seit einem Monat, wurde dieser Termin, durch die Krankheit des Chefarztes immer wieder verschoben. Man wollte die Verabschiedung der Mitarbeiter und die Begrüßung der neuen Mitarbeiter, im gebührenden Kreis feiern. Das heiß, im Beisein des Chefarztes. Vor allem wollten die meisten Mitarbeiter Jacob zeigen, wie sehr man ihn vermisst hatte. Vier lange Wochen, waren alle in Sorge um ihn gewesen.
Pünktlich um 19 Uhr betrat Jacob die Mensa. Alle erhoben sich, um ihren Chefarzt zu begrüßen. Anwesend waren alle, außer der Notmannschaft, welche die wichtigsten Punkte des Objektes besetzten und am Laufen hielten. Jacob war diese Begrüßung sichtlich unangenehm. In den letzten Tagen war ihm immer bewusster geworden, wie sehr er sich hatte gehen lassen. Tapfer lachte er allen zu, obwohl ihm gar nicht nach Lachen zumute war. Er freute sich, dass ihm keiner, seinen Durchhänger nachtrug. Zu seinem Erstaunen, sah er viele fremde Gesichter, obwohl erst im April neue Mitarbeiter gebraucht wurden. Aber das würde sich bestimmt gleich klären. Auf der Bühne entdeckte der Chefarzt auch Hunsinger, der umringt war, von einigen neuen Gesichtern. Der Projektleiter winkte Jacob zu sich heran. Zögerlich betrat dieser die Bühne und wurde von Hunsinger freudig begrüßt.
"Guten Abend Genosse Jacob, schön sie wieder auf den eigenen Beinen zu sehen, wir haben uns richtiggehend Sorgen um sie gemacht", wurde er von Hunsinger begrüßt.
Jacob sah ihn verlegen an. "Ja, ich freue mich auch. Tut mir leid Genosse Oberst, aber manche Dinge im Leben, kann man nur schwer beeinflussen."
Hunsinger zog Jacob ein Stück zur Seite. So dass man nicht mehr offiziell miteinander redete, sondern privat ein paar Wort wechseln konnte.
"Fritz, wie geht es dir wirklich? Ich mach mir noch immer Sorgen um dich. Du siehst noch nicht wieder gesund aus. Glaube mir ich habe alles versucht, um dir das alles zu ersparen. Aber du weißt in bestimmten Dingen, sind mir einfach die Hände gebunden."
Jacob konnte sich vorstellen, wie schwierig sich das oft für Hunsinger gestaltete. "Franz, sagen wir es mal so: Es ging mir schon besser, aber auch schon schlechter. Ich brauche einfach noch etwas Zeit. Ich habe mich von der ganzen Sache noch nicht richtig erholt. Aber das wird schon. Anna wird mir dabei helfen. Wir haben vor ein paar Tagen beschlossen, dass wir ab sofort zusammen wohnen wollen. Planen diesen oder nächsten Sommer hier im Projekt zu heiraten. Keine Angst, Kinder haben wir schon genug, erst müssen die groß werden, dann kommen eigene", strahlend sah er Hunsinger an.
"Na, das freut mich, endlich mal etwas Positives. Da geht es mir doch gleich besser", Hunsinger lachte herzhaft. "Dann gratuliere ich schon mal zur Verlobung. Na komm, wollen wir die anderen nicht mehr warten lassen. Fritz, ich möchte dir erst mal privat danken, für all das, was du in diesem Jahr hier durch gesetzt, geleistet und vor allem beschützt hast", freundschaftlich klopfte er Jacob auf die Schulter, man sah seinen Augen an, dass er meinte, was er sagte. "Sigmar hat mir erzählt, was hier alles los war. Wir hatten eine sehr heiße Diskussion, bei der er mir richtig die Ohren langgezogen hat. Glaube mir Fritz, von vielen dieser Dinge habe ich nichts gewusst. Sonst hätte ich versucht das zu verhindern", fahrig fuhr sich Hunsinger durchs Haar. "Leider sind mir in vielen Dingen, genauso die Hände gebunden, wie dir. Ich muss auch vieles hinnehmen. Glaube mir, das ist oft nicht einfach. Euer Projekt ist eins von insgesamt zehn verschieden Forschungsprojekten die meine Abteilung betreut. Manchmal weiß ich einfach nicht mehr, wo hinten und vorne ist", entschuldigend zuckte Hunsinger mit den Schultern.
Jacob ahnte das Hunsinger überfordert war, man sah es ihm mehr als deutlich an.
"Tut mir leid, Fritz. Ich muss einfach bei vielen Sachen, die Verantwortung abgeben, weil ich nicht alles schaffe. Ich kann auch nicht alles ständig kontrollieren, es ist einfach zu viel. Wenn ich etwas sage, heißt es: 'Och Franze, dat schäffst dä schon, hol dich mär Leut, jeb Verantwortung ab, dann pässt dat wieder.'", Hunsinger imitierte die Stimme seines Vorgesetzten, einer richtigen Berliner Großschnauzte.
Jacob musste schallend lachen, obwohl es eigentlich traurig war. "Schon gut Franz, ich kann es mir gut vorstellen."
Dieser nickte. "Das "Projekt Dalinow" läuft durch eure gute Arbeit fast von alleine. Gott sei Dank muss ich da nur bei Hilferufen reagieren. Also schreit, wenn ihr mich braucht! Ich habe drei Projekte am Hals, die laufen so schlecht, dass mir die Regierung ständig auf die Füße tritt. Ich schaffe es einfach nicht."
Jacob klopfte Hunsinger, beruhigend auf die Schulter, lehnte sich dabei aber an die hinter ihn befindliche Wand. "Franz, das mache ich. Aber du lässt dich nicht mehr verleugnen. Das nervt mich nämlich total", der Chefarzt rieb sich die rechte Seite seiner Brust, wie so oft in letzter Zeit hatte er Schmerzen, sobald er sich in etwas hineinsteigert. "Als Sigmar vor Weihnachten abgeklappt war, musste ich deinen Adjutanten anschreien, damit er mich mit dir verbindet und kam trotzdem nicht zu dir durch. Erst als mir Sigmar deine Geheimnummer gab, konnte ich dich erreichen. Fast eine viertel Stunde habe ich gebraucht, um dich an den Apparat zu bekommen. So geht das einfach nicht. Du weißt ich rufe nur an, wenn es lichterloh brennt, sonst mache ich das sowieso nicht."
Hunsinger sah Jacob verwundert an. "Ich lasse mich doch nicht verleugnen."
Jacob versuchte ruhig zu bleiben, schüttelte den Kopf. "Doch, dein Adjutant scheint dich beschützen zu wollen. Er schirmt dich regelrecht ab. Es ist schlimmer dich an den Apparat zu bekommen, als den Papst. Ich glaube da hab ich eher Chancen, beim Papst eine persönliche Audienz zu bekommen, als einen Termin bei dir. Noch schlimmer ist es dich an den Apparat zu bekommen."
"Na den muss ich mich mal vornehmen. Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast. Fritz, das lag nicht in meiner Absicht, ich wusste davon nichts. Der kann sich was anhören."
Jacob winkte müde ab. "Ach lass gut sein, ich denke der wollte dir Luft zum atmen geben. Meckere nicht mit ihm, sag ihm einfach, dass er mich zu dir durchstellen soll, wenn ich anrufe", Jacob holte schwer Luft. "Ich mache das doch wirklich nur, wenn wir nicht ohne deine Hilfe weiter kommen. Manche Dinge können wir nicht regeln, dazu hast nur du die Macht."
Hunsinger sah erschrocken zu Jacob, stellte fest, dass dieser am ganzen Körper zitterte. "Ich weiß Fritz. Ist alles in Ordnung bei dir?"
Jacob jedoch hielt sich einen Augenblick an Hunsinger fest, wurde immer blasser im Gesicht. "Franz, bitte. Ich bin das Stehen nicht mehr gewöhnt. Bitte ich muss mich einen Moment setzten."
Hunsinger sah erschrocken, dass Jacob schneeweiß im Gesicht wurde und sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. "Komm setz dich, bevor du umfällst. Lass uns anfangen", Hunsinger begleitete, den sichtbar erschöpften Jacob auf seinen Platz.
"Wird es gehen Fritz?", erkundigte sich Mayer leise, der Hunsinger und Jacob die ganze Zeit misstrauisch beobachtet hatte.
Jacob nickte beklommen, er hatte sichtbar mit sich zu tun.
Hunsinger dagegen trat ans Mikrophon und sprach hinein. "So meine Damen und Herren, nehmen sie alle Platz. Ich begrüße sie ganz herzlich zur zweiten Veranstaltung im "Projekte Dalinow" und wünsche ihnen allen einen angenehmen Abend", Hunsinger ließ den Anwesenden Zeit Platz zu nehmen.
Jacob saß neben Mayer, der ihn besorgt ansah. Man sah dem Chefarzt deutlich an, dass er immer noch nicht ganz fit war. Deshalb hatte man in der Führungsebene beschlossen, dass sich alle hinter den Tisch auf der Bühne setzen, so dass Jacob nicht gleich so lange stehen musste. Denn dessen Kreislauf, war immer noch nicht wieder völlig in Ordnung. Es brachte ja niemanden etwas, wenn er gleich wieder zusammenklappte. Nach zehn Minuten saßen alle Anwesenden und Hunsinger konnte mit seiner Rede beginnen.
"Wie ich es immer handhabe, werde ich versuchen es kurz und schmerzlos zu machen. Ich mag keine langen Reden, aber manchmal geht es halt nicht anders. Ich bitte folgenden Krankenschwestern nach vorn. Hanna, Nina…" Namentlich las er alle Namen vor, auch die der Laboranten. Fünfzehn Schwestern, fünf Laboranten und fünf Ärzte verließen heute das Projekt. "Ebenfalls nach vorne bitte ich Doktor Selbmann, Otto, Hoffmann, Alfred und Schenk."
Sofort kamen alle Aufgerufenen nach vorn. Mayer, Jacob, Zolger und Hunsinger, dankten persönlich den Mitarbeitern, die heute das Projekt verließen für ihren Einsatz. Übergaben ihnen ihre Papiere, aber auch Beurteilungen und einen Umschlag.
Den persönlichen Dank des Chefarztes wollte keiner auslassen, deshalb wurde dieser Termin immer wieder verschoben. Die Abfindung allerdings, wurde je nach eingebrachter Leistung ausgezahlt, in Form eines mehr oder weniger großzügig bemessenen Schecks. Als die Mitarbeiter, die heute das Projekt verlassen mussten, von der Bühne gegangen waren, setzte sich Jacob sichtbar erschöpft, aber mit einem Lächeln auf dem Gesicht, wieder auf seinen Platz. Nach dem persönlichen Dank, kam nun auch der Offizielle vor der Mannschaft, in dem aber auch einige negative Auswertungen dargelegt werden.
Hunsinger sprach noch einmal ernste Worte vor der Belegschaft. "Als erstes meinen Dank an die fleißigen Schwestern und Ärzte, die viel Liebe und Pflege in die Kinder investiert haben. Ich war heute im Kinderzimmer und habe mir das Ergebnis eurer Arbeit einmal angesehen. Ich war begeistert und konnte kaum glauben, was ich da zu sehen bekam.
Allerdings musste ich mich heute auch von drei Schwestern verabschieden, die eigentlich für die gesamte Laufzeit des Projektes eingeplant waren. Bei diesen drei Schwestern und auch einigen der Ärzte, kam mir persönlich der Gedanke, als ich die Berichte der Abteilungsleiter las, dass diese Kollegen das Gefühl nicht losließ, hier im Projekt einen gut bezahlten Urlaub zu machen. Es wurde während der Arbeitszeit gelesen, statt die Stationen im Schuss zu halten. Arbeitszeiten wurden nicht eingehalten. Solche Dinge dürfen einfach nicht passieren. Das Personal im "Projekt Dalinow" ist auf ein Minimum ausgelegt. Auf Grund der Länge des Projektes, geht das gar nicht anders zu realisieren. Leute ihr seid hier auf Arbeit, nicht in den Ferien. Ihr werdet nicht für umsonst 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche bezahlt. Wenn ihr eurer Arbeit nicht nachkommt, müssen andere eure Arbeit mitmachen. Deshalb sind natürlich auch eure Beurteilungen und Vergütungen dementsprechend mager ausgefallen, also wundert euch nicht über diese Tatsache.
Noch eine Sache. Herr Zimmermann, und das Team um den Hausmeister, haben sich nicht nur einmal über die Zustände in den Quartieren, der Ärzte, der Oberschwestern und der Laboranten beschwert. Bitte Leute, wir können es auch so machen, dass ihr eure Quartiere selber putzen müsst. Das Reinigungspersonal, ist nur für die Reinigung der Glasfronten in euren Wohnungen da. Es muss nicht mal wischen, dass die Jungs und Mädels das machen, ist ein Entgegenkommen von diesen Kollegen, weil sie alle wissen, wie viel ihr arbeiten müsst. Also haltet eure Quartiere in Ordnung."
Dafür bekam Hunsinger einen dosenden Applaus von den Mitarbeitern der Hausmeisterdienstes, denen das jetzt schon seit über einem Jahr böse in die Nase fuhr. Einige der Quartiere sahen jedes Mal aus, wie ein Schweinstall.
Nach dem sich alle beruhigt hatten, fuhr Hunsinger fort. "Noch etwas Negatives, aus dem vergangen Jahr. Wir hatten einige Sabotageakte im Objekt zu verzeichnen, deshalb haben wir die Sicherheitsstufe des gesamten Objektes, auf die höchste Sicherheitsstufe anheben müssen. Es tut mir leid, dass viele wegen der Habgier einiger Kollegen leiden müssen. Diese Sache ist viel zu wichtig, als das wir zulassen können, dass man es sabotiert. Es hängen Menschenleben daran. Insgesamt siebzehn Leben, haben dieses Sabotageversuche schon gekostet. Fast wären es achtzehn gewesen. Viel hätte nicht gefehlt und unser Chefarzt wäre auch gestorben. Deshalb wundert euch nicht, wenn eure Pakete, Briefe, ab sofort, nur noch geöffnet bei euch ankommen, wir können es uns einfach nicht mehr leisten, auf Vertrauen zu setzen. Zwei Ärzte haben sich von Zahlungen, in unvorstellbarer Höhe, zu diesem unmenschlichen Akt hinreißen lassen und haben ihre und eure Seelen verkauft. Doktor März und Richter werden sich vor einem Militärtribunal für ihre Taten verantworten müssen", wieder wurde Hunsinger unterbrochen, weil einige durch Applaus ihre Zustimmung gaben. "Desweitern noch eine Sache und zwar an die Herren der Schöpfung. Unsere weiblichen Mitarbeiter sind kein Freiwild. Die Overalls die die Frauen hier im Objekt tragen, sind gleichzusetzen mit einer Uniform. Sie sind nicht dazu da eurer sexuellen Fantasien anzuregen. Egal wie gut die Frauen darin aussehen.
Sollte ich noch von einem einzigen Fall hören, dass man die Frauen hier sexuell belästigt oder gar vergewaltigt, kann sich derjenige gleich freiwillig den Gnadenschuss geben. Schämt ihr euch eigentlich gar nicht? Ich werde diese Verbrecher höchst persönlich zur Verantwortung ziehen und sie vor ein Gericht stellen lassen. Das wird für denjenigen, ein sehr schmerzvoll Erfahrung werden. Jungs macht Handbetrieb, wenn der Druck zu groß wird. Geht zu einem der Ärzte, es gibt auch Mittel gegen diesen Trieb. Merkt euch aber eins: Hände weg von den Frauen, wenn diese das nicht wollen. Nein heißt nein", richtig böse sah Hunsinger in die Runde. Aber alle nickten, vor allem die Frauen die von März und Richter zum Teil böse belästigt wurden. Tief holte Hunsinger Luft. "So nun aber mal zu den schönen Dingen des Lebens. Ich möchte als erstes Schwester Pia, Schwester Waltraud, Schwester Doris und Schwester Anna nach vorn bitten."
Die vier genannten, gingen verlegen nach vorn, denn sie wussten bis zu diesem Augenblick nicht, dass sie auf die Bühne mussten. "Ich begrüße unsere vier neuen Oberschwestern. Schwester Anna wird nach Abschluss ihres Studiums in drei Jahren die offizielle Leitung, der Objekt internen Apotheke übernehmen. Da wir die Apotheke allerdings schon jetzt benötigen, wird sie unter Anleitung von Doktor Zolger und Jacob, die Leitung bereits jetzt übernehmen: Wenn auch nur als Stellvertreterin. Schwester Waltraud übernimmt die Stelle von Schwester Ingrid, wird die ärztliche Einrichtung für das Personal und die Physiotherapie leiten. Schwester Pia übernimmt die Stelle von Schwester Annet, da sie schon einige Zeit sehr intensiv im Labor mitgearbeitet hat, wird Oberschwester für die Laboranten. Oberschwester Doris, ist die leitende Schwester für das Pflegepersonal, sie wird von Schwester Anna unterstützt, bis diese die Apotheke gänzlich übernimmt. So dass wir endlich auch die Stellen mit zuverlässige Mitarbeiter besetzt haben. Bitte unterstützen sie die neuen Oberschwestern so gut sie können", ein vom Herz kommender Applaus bekundete, dass die Besetzung der besagten Posten durch genau die richtigen Personen erfolgt war.
Viele der Mitarbeiter standen sogar auf, um ihren Respekt zu zollen. Im Laufe des letzen Jahres, hatten gerade diese Schwestern viel von den Arbeiten übernommen, die eigentlich die Oberschwestern hätten machen müssen. Ohne diese vier Schwestern wäre vieles nicht so gelaufen, wie es sollte. Das Projekt wäre jetzt schon am Ende angekommen. Oft holten die vier Freundinnen, die Kastanien aus dem schon heftig brennenden Feuer. Vor allem waren diese vier Frauen, von allen angesehen und wurden akzeptiert.
"So, damit ich mal fertig werde, verdammt so viel musste ich ja seit einem Jahr nicht reden", sprach Hunsinger lachend, die ganze Belegschaft lachte mit. "Jetzt möchte ich mich noch bei drei wichtigsten Mitarbeitern bedanken, ohne die dieses Projekt niemals soweit gekommen wäre. Die im letzten Jahr, wohl einmal durch die Hölle und wieder zurück sind. Die ein Arbeitspensum erledigt haben, das keiner von euch auf Dauer geschafft hätte. Vor allem möchte ich mich hier bei Doktor Anderson und Heiko Corstens bedanken, die in der Zeit der Erkrankung die Vertretung unserer beiden Abteilungsleiter übernommen haben. Vielen Dank für euren selbstlosen und guten Einsatz. Nun zu den drei wichtigsten Männern hier im "Projekt Dalinow". Walter, Sigmar, Fritz kommt bitte nach vorn. Fritz du lehnst oder setzt dich bitte etwas an, auf den Tisch, das ist ein Befehl. Nicht das du mir hier umfällst", ernst blickte der Projektleiter Jacob an, der immer noch sehr blass aussah. Deshalb machte Hunsinger zügig weiter, damit Jacob sich wieder setzten konnte. "Ich mache es jetzt einfach mal persönlich, ohne dieses Geziere und Gehabe. Leute ohne euch, wäre dieses Projekt schon lange tot. Ihr habt eure gesamte Energie in dieses Projekt gesteckt. Habt gerettet, was zu retten war. Meinen großen Dank an euch und zwar persönlich. Ich sollte das hier ganz offiziell machen, aber keine der Reden, die mir diese Wortkünstler in Berlin vorgeschlagen haben, brachte das zum Ausdruck, was ich euch sagen wollte. Egal welche Worte ich wähle, alles klingt banal, albern und von oben herab. Deshalb einem einfachen von Herzen kommenden Dank, von mir: Nicht nur für euren Einsatz, sondern vor allen aber, für euren Mut und den Willen durchzuhalten. Aber auch dafür, dass ihr Dinge getan habt, die kein andere hätte tun wollen. Vor allem möchte ich mich bei euch bedanken, dass ihr mir auch mal in den Arsch getreten habt. Viele bleiben für die Zeit eines Projektes, lieber mit dem Kopf in meinem Arsch, statt mal den Mund aufzumachen. Statt mir mal offen die Meinung zu sagen, oft wird man mit der Zeit blind, sieht bestimmte Dinge einfach nicht mehr. Also Danke meine Freunde, macht weiter so, helft euch gegenseitig. So werden wir das Projekt, zu einem guten und erfolgreichen Abschluss bringen."
Hunsinger bekam von der gesamten Besatzung des Projektes, stürmische Zustimmung, durch tosenden Applaus. Seine Worte waren ehrlich, brachten das zum Ausdruck, was alle die ganze Zeit schon dachten.
"So, nun mache ich Offiziell weiter. Major Mayer für hervorragende Dienste für Volk und Vaterland, habe ich den Auftrag bekommen sie zu befördern, möchte ihnen zum Oberstleutnant gratulieren", Hunsinger entfernte die alten Schulterklappen von der Uniformjacke Mayers. Heftete statt der geflochten Schulterklappe, mit silberweißem Grund und einem Stern, eine geflochten mit silberweißem Grund mit zwei Sternen an. Wieder ertönte dosender Applaus. Alle wussten, was Oberstleutnant Mayer in dem einen Jahr für Arbeit geleistet hatte. Keiner würde mit ihm tauschen wollen. Er koordinierte alle Bereiche des Projektes, neben der Pflege seiner kranken Tochter. Viele begriffen nicht, wie das dieser Mensch schaffte. Trotzdem war seine Ilka ein glückliches zufriedenes Kind, das viel lachte. Keiner, außer den beiden Doktoren, hatte das mehr verdient.
"Desweiteren darf ich auch bei Ihnen Major Zolger und ihnen Major Jacob diese Beförderung vornehmen. Das was sie beiden im Bereich der Wissenschaft und der Medizin geleistet haben, ist unvorstellbar. Dafür unseren Respekt und unseren Dank", Hunsinger entfernte erst bei Zolger die Schulterklappen vom Overall, heftete die neuen an, dann wollte er dies auch bei Jacob tun. Genauso wie Mayer bekamen alle beide einen dosenden Applaus. Hunsinger sah mit Erschrecken, dass Jacob immer blasser wurde. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.
"Fritz, willst du dich setzen."
Jacob nickte, ihm war das alles zu viel, krampfhaft hielt er sich am Oberarm Hunsingers fest. Das lange Stehen war einfach zu viel.
"Komm", forderte Hunsinger den Chefarzt auf und führte ihn zu seinem Platz, obwohl er die Schulterklappen noch nicht wieder angeheftet hatte, damit der immer noch geschwächte Jacob sich setzen konnte. Anderson eilte sofort auf die Bühne. Allerdings war es nur der noch sehr labile Kreislauf des Chefarztes, der wieder einmal Ärger machte, wie so oft in den vergangen Tage. Durch das fast vier wöchige festen Liegen, die starke Überlastung durch die Narkotika, schaffte es der Kreislauf einfach noch nicht, stabil zu bleiben: Sobald Jacob lange stand. Anderson hörte Jacob ab, gab aber Entwarnung, nach einem Glas Wasser, ging es den jetzt wieder sitzenden Chefarzt besser.
Leise, so dass es keiner außer Hunsinger hörte, bat Jacob. "Ich würde mich gern hinlegen, wenn du nicht sauer bist. Ich bin doch noch nicht so fit, wie ich dachte. Ich wollte nur nicht, dass ihr den Termin noch einmal verschieben müsst."
Hunsinger nickte, das hatte er gerade gemerkt. "Hältst du noch fünf Minuten aus, ich möchte nur schnell die neuen Leute begrüßen, dann kannst du hoch gehen."
Jacob nickte müde.
Entschlossen drehte sich Hunsinger zu der Mannschaft um. "So keine Grund zur Panik. Unserem Chefarzt geht es ganz gut, er ist nur das lange Stehen nicht mehr gewohnt. Also machen wir hin, dass er ins Bett kommt. Ich möchte folgende neuen Mitarbeiter auf die Bühne bitten. Oberst Friedrich, der das Training für Nahkampf und Schießen übernimmt. Oberst Nicht, lehrt unseren Schützlingen alles was mit Waffentechnik, Funk zu tun hat. Oberst Karol ist zuständig für die Ausbildung im Bereich Sprengstoffkunde, Oberst Peters ist der Lehrer für Taktik. Herzlich Willkommen, beim "Projekt Dalinow", sie werden alle ab 1. August dieses Jahr, ihren Dienst hier im Projekt antreten."
Mayer kam auf Hunsinger zu, flüsterte diesem etwas ins Ohr. "Oh natürlich, danke Genosse Oberstleutnant. Oberst Friedrich, für sie ist der Dienstbeginn am 1. Mai dieses Jahr. Tut mir leid, das war mir jetzt entfallen. Bis dahin hoffe ich, sind unsere Schützlinge soweit, dass sie ihnen folgen können. Ende April erwarte ich dann Doktor Kreuzer, der Naturwissenschaften unterrichten wird und Professor Sieg, der verantwortlicher Lehrer für Mathematik und Sprachen. Beide werden von zwanzig Betreuern und Hilfskräften unterstütz, die ihren Dienst am 15. April 1959, hier im Projekt antreten werden, um ihre neuen Schützlinge kennen zu lernen. Also genügend Zeit haben, sich mit den Kindern bekannt zu machen. Auch an sie ein Herzliches Willkommen. Von unseren Schwestern werden Zenta, Yvonne, Rita, Katja und Paula zu den Betreuern wechseln, die durch ihre medizinisch sportliche Ausbildung zusätzlich unterstützen. Ihr Fünf fangt nach dem vorgeschriebenen Plan, bereits ab Montag, mit der Frühkindlichen Körpererziehung an. Versucht bitte das Pensum zu schaffen, auf diese Übungen wird Oberst Friedrich aufbauen. Denkt bitte daran, wir haben einen sehr engen Zeitplan", Hunsinger blickte kurz auf seinen Zettel, ob er nun wirklich alle vorgestellt hatte. Dann sprach er weiter. "So, meine Damen und Herren ich wünsche ihnen jetzt allen einen Guten Appetit und einen schönen Abend. Vor allem wünsche ich uns allen, weiterhin ein gutes Gelingen im "Projekt Dalinow". Unserem Chefarzt wünsche ich eine gute Besserung und schnelle Erholung", damit war die Feier am Abend eröffnet. Besorgt ging Hunsinger zu dem immer noch blass wirkenden Jacob. "Fritz geht es wieder."
Der versuchte zu lächeln. "Tut mir leid, ich wollte nicht schwächeln, Franz."
"Ist nicht schlimm. Willst du dich hinlegen oder erst noch mit uns zusammen essen?", erkundigte sich Hunsinger.
"Wenn ich ehrlich bin, würde ich mich lieber hinlegen. Essen kann ich im Moment nichts, mir ist schlecht."
Schon stand Mayer auf. "Ich hol dir ein Taxi, Fritz."
"Danke Sigmar, tut mir leid."
Beruhigend klopfte Mayer seinem Freund auf die Schulter. "Ach Quatsch, ist doch nicht so schlimm. Erhol dich erst mal. Verspreche mir langsam dein Pensum an Arbeit hoch zufahren. Du siehst ja selber, du bist noch nicht wieder fit, Fritz."
Jacob nickte betrübt, aber alles Jammern, nutzte jetzt nichts. Er konnte es ja jetzt auch nicht mehr ändern. Kaum fünf Minuten später verließ Jacob die Feier, auf die er sich so gefreut hatte und fuhr nach oben in seine Wohnung.
Das einzig Erfreuliche an der ganzen Sache war, dass ihn seine Anna begleitete, da ging es ihm gleich etwas besser. Kaum das Jacob seine Wohnung betreten hatte, ging er ins Schlafzimmer, um sich hinzulegen. Er war völlig fertig. Am ganzen Körper zitternd, lag er in seinem Bett, schwer atmend und musste ständig husten.
"Verdammt", murmelte er leise, sich über sich selber ärgernd.
Anna die sich auf das gemeinsame Bett setzte, streichelte ihn zärtlich das Gesicht. "Fritz, du musst Geduld haben, auch wenn es vielleicht nicht mehr so gut wird, wie vor einem Monat, aber es wird wieder besser werden."
Jacob nickte wenig begeistert. Er wusste es ja, dass seine Genesung einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Nur seine Stärke lag nicht gerade im Bereich der Geduld.
"Ich weiß", sprach er müde und drehte sich auf die Seite. "Geh ruhig ein bisschen zum Fest. Anna du musst keine Angst haben, mir geht es gut. Ich bin wirklich nur fix und fertig. Es ist so selten etwas los hier. Geh ruhig etwas tanzen."
Anna schüttelte den Kopf. "Weißt du, was wir machen, Schatz."
Jacob sah fragend zu seiner Freundin.
"Du schläfst jetzt etwas, dann kommst du aufs Sofa und dort kuscheln wir uns zusammen. Dann kannst du liegen und bist nicht so alleine."
Jacob wollte das alles nicht. "Komm Anna, geh etwas vor zum Fest. Walli freut sich bestimmt. Ich bin einfach nur müde. Mit mir ist heute nichts mehr los. Ich will einfach nur schlafen. Von mir aus beauftrage den Wachdienst, dass der alle zehn Minuten nach mir sieht. Ich möchte nur in meinem eigenen Bett, bis morgen früh, schlafen. Dann möchte ich endlich nach unten, zu meinen Kindern."
Anna nickte, sie merkte, dass Jacob sich schon wieder aufregte, das war im Moment gar nicht gut. "Na dann, ich warte bist du schläfst, dann sause ich nach vorn. Versprochen."
Jacob nickte und rutschte ein Stück zur Seite. Anna legte sich neben ihn und streichelte ihm das Gesicht, kuschelte sich ganz fest an ihn. Erschrocken stellte Anna fest, dass Jacob wieder so schwer atmete und ständig husten musste.
"Komm beruhige dich doch. Es wird bald besser. Du hast doch jetzt mich. Ich passe auf dich auf."
Zärtlich streichelte Anna immer wieder Jacobs Gesicht, langsam wurde sein Atem ruhiger. Der Husten ließ nach und sein ganzer Körper entspannte sich. Kaum fünf Minuten später, hörte Anna tiefe gleichmäßige Atemzüge. Ihr Schatz schlief tief und fest. Anna erhob sich leise, fast zehn Minuten beobachtete sie Jacob noch beim Schlafen. Dieser hatte jedoch gar nicht mitbekommen, dass Anna aufgestanden war. Kein Husten mehr, sondern gleichmäßig ruhiges Atmen gingen von Jacob aus.
Entschlossen ihr Versprechen zu halten, ging Anna noch einmal nach vorn, zum Fest. Kaum, dass sie angekommen war, fragten alle nach Jacob. Anna berichtete, dass er eingeschlafen sei, sie aber gebeten hatte, an dem selten stattfindenden Fest teilzunehmen. Sie sollte die kleine Abwechslung genießen. Deshalb war sie noch einmal kurz vorbei gekommen. So feierte Anna mit ihren Freundinnen.
Richtig genießen konnte sie das Fest trotzdem nicht. Da es immer wieder unterbrochen wurde, dadurch, dass Anna nach hinten in Jacobs Wohnung ging. Dort allerdings war alles in Ordnung. Der Chefarzt schlief tief und fest und konnte sich so erholen. Gegen 23 Uhr, verließ auch Anna die Feier, legte sich zu ihrem Schatz ins Bett. Am nächsten Morgen um 6 Uhr musste Anna zum Dienst, nach unten in den Kinderbereich. Auch als Anna am späten Abend, kurz nach 23 Uhr schlafen ging, war Jacob noch nicht aufgewacht. Ein Zeichen das sein Körper, noch sehr viel Ruhe brauchte.
Erst am übernächsten Morgen, den 14. März 1959, also genau einen Monat nach der Geburt der Kinder, wachte Jacob gegen 4 Uhr morgens, gut erholt auf. Leise um Anna nicht zu wecken, ging er ins Bad, um zu duschen und sich anzuziehen. Man sah ihm an, dass der Schlaf ihm sehr gut getan hat. Der Schlaf in seinem eigenen Bett, bei sich zu Hause. So leise wie möglich richtete Jacob das Frühstück her, weckte seine Freundin kurz vor 5 Uhr.
Anna öffnete die Augen und konnte sie nicht glauben, was sie sah.
"Guten Morgen mein Engel", bekam sie von einem rasierten, lächelnden Jacob zu hören, verbunden mit einem lieben Kuss. "Du musst aufstehen, es ist schon fünf Minuten nach um Fünf. Komm frühstücken und duschen", Jacob hielt der völlig perplexen Anna die Hand hin, half ihr beim Aufstehen. Gemeinsam gingen sie an den Frühstückstisch, zum ersten Frühstück in den gemeinsamen vier Wänden.
"Wie geht es dir? Guten Morgen mein Schatz", fand Anna endlich ihre Sprache wieder.
"Gut wie lange nicht mehr. Mein Bett ist immer noch mein Himmelreich", gestand Jacob. "Ich habe es so vermisst."
Jetzt hatte sich Anna wieder vollkommen gefasst. "Du hast aber auch, fast anderthalb Tage durchgeschlafen. Wie es scheint, hat es gut geholfen."
Jacob sah seine Freundin ungläubig an. "Och nöö", kam es von Jacob, ganz tief von unten. Das klang so neckisch, dass beide darüber lachen mussten.
"Doch Fritz, du hast einen ganzen Tag verschlafen. Da siehst du mal, wie fertig du warst. Also gehe es wirklich langsam an, Schritt für Schritt. Du warst verdammt krank, damit ist nicht zu scherzen."
Jacob nickte, er gab seiner Anna Recht. Selbst beim Frühstück machen, das ja nun keine schwere Herausforderung war, hatte er einige Pausen machen müssen. Dabei wurde ihm bewusst, dass er noch einige Zeit ins Land gehen würde, bis er wieder joggen konnte. Aber er würde es Schritt für Schritt angehen.
"Ich bin ein braver Fritz. Ich mache langsam. Schließlich habe ich es dir versprochen, keine Angst. Aber nach dem Frühstück, möchte ich endlich meine Kinder mal sehen. Wenn die so weiter gewachsen sind, dann sind die bestimmt schon groß."
Da musste Anna breit grinsen und fing an zu erzählen...
"Ja Fritz, du hast Recht. Die Kleinen wachsen so schnell, dass es einen richtig Angst und Bange wird. Ich würde sagen, das Alter der Kinder entspricht, wenn ich von Lyn ausgehe …"
Jacob unterbrach Anna. "Von Lyn? Wer ist das denn?"
Jetzt musste Anna lächeln. Sie hat gar nicht daran gedacht, dass Jacob das ja gar nicht wissen konnte. "Lyn ist Nummer 98, sie bezeichnete sich selber so. Also wenn ich von 98 aus gehe, würde ich sagen entspricht die Entwicklung, jetzt dem Alter von achtzehn Monaten plus minus einem Monat. Du musst wissen, die Kinder haben nicht alle den gleichen Entwicklungsstand. Manche sind weiter, manche sind hinterher. Aber ich finde Lyn ist von allen, am weitesten entwickelte. Obwohl sie mit Abstand die Kleinste und Zierlichste ist. Lyn kann schon laufen, schwimmen, tauchen und beginnt die ersten Übungen, Rolle, sogar Klimmzüge macht sie schon", Anna kam über ihren Liebling richtig ins Schwärmen und hatte glänzende Augen, so stolz war sie auf die Kleine. "Die Kinder sind alle, in vielen Dingen wesentlich weiter, als normale Kinder in dem Alter. Es ist unglaublich, was die schon alles können. Lyn entwickelt sich allerdings völlig anderes, als die anderen Kinder. Jetzt fängt sie langsam an zu sprechen. Aber in ihrer und nicht in unserer Sprache."
Jacob fielen vor Staunen fast die Augen aus dem Kopf. Er konnte nicht glauben, was er da zu hören bekam. "Wie in ihrer Sprache?", wollte Jacob jetzt Genaueres wissen.
Anna zuckte mit dem Schultern. "Die Kinder scheinen eine eigene Sprache zu haben. Erzählen manchmal mit einander. Nummer 91 und 98 flüstern öfter einmal miteinander. Ich hab das beobachtet und habe dann spaßeshalber unter dem Bett von 98, ein Aufnahmegerät platziert, um so zu erfahren über, was sie miteinander besprechen. Aber man versteht sie nicht. Es ist nicht unserer Sprache, die gesprochen wird."
Verwundert sah Jacob seine Freundin an.
"Du wirst es dann schon sehen. Auf alle Fälle, sagt dir Lyn genau, was sie will und was sie nicht will. Obwohl sie oft noch nicht die Worte dafür hat. So hat sie durchgesetzt, dass 91 ihr Bett mit 97 tauscht. So können die beiden nebeneinander liegen. Wir mussten sogar die Betten zusammen rücken. Das war ein Spaß kann ich dir sagen. Wir wussten nicht, was die Kleine von uns wollte. Die ist bald durchgedreht. Sie ging in ihren Bett um, wie eine Verrückte und schrie sich die Seele aus dem Leib." Anna verdreht die Augen, um zu verdeutlichen, wie schlimm das war. "Sie schrie fast vier Tage am Stück. Weder Lyn noch 91 haben in der Zeit etwas getrunken oder gegessen oder geschlafen. Es war erst Ruhe, als ich auf die Idee kam, Lyn aus ihrem Bett zu lassen. Ich nahm sie auf den Arm. Dann sagte ich ihr, sie soll mir zeigen, was sie will. Wie am Spieß schreiend, mit tränennassen Gesicht, zeigte sie mir, wo sie hin wollte. Die Kleine führte mich zum Bett von 91. Dort griffen sich die beiden Mädchen an den Händen, sofort hörte Lyn auf zu weinen. Ich setzte die Kleine in das Bett von 91. Dort legten sich die beiden Mädchen hin, rollten sich zusammen und schliefen auf der Stelle ein."
Kopfschüttelnd sah Jacob seine Freundin an.
Anna zuckte verlegen mit den Schultern und erklärte ihm dann, was los gewesen war. "Fritz, ich sah später in den Unterlagen nach. Lyn hatte ganze vier Tage geschrien, ohne erkennbaren Grund. Sie war durch nichts zu beruhigen. Aber auch 91 wanderte so lange im Bett herum, ohne zu schlafen. Die beiden wollten einfach zueinander. Ich forschte dann weiter nach."
Jacob hörte fassungslos zu.
"Fünf Stunden bevor die beiden anfingen, so verrückt zu spielen, waren beide zum Schwimmen. Anschließend saßen sie das erste Mal zusammen am Tisch, um ihren Brei zu essen. Dann trennte man die Mädchen wieder. Wie immer kam jedes in sein Bett. Erst dann fing das Theater an. Sie wollten einfach nur zusammen sein. Seit dem sind die beiden Unzertrennlich. Wenn sie schlafen, halten sie sich durch die Gitterstäbe an den Händen. Trennt man die beiden, gibt es wirklich jedes Mal Theater und bei Lyn ganz viele Tränen. Wir haben keine Ahnung, warum das so ist?", plötzlich stutzte Anna. Ihr fiel gerade eine Begebenheit unten auf der 6/lila wieder ein. Diese Sache war ganz in Vergessenheit geraten. "Du Fritz, am 14. Februar, das fällt mir gerade wieder ein, war das unten in der Turnhalle auch schon so. Als Doktor Zolger in die Halle kam und dir die Ergebnisse brachte, legte ich Lyn zufällig neben 91. Sofort haben sich die beiden Mädchen an der Hand gefasst. Als ich die Kleine dann wieder auf den Arm nehmen wollte und ihre Hand von 91 trennte, fing sie an zu schreien. Erst als ich 91 auch auf den Arm nahm und beide sich wieder berühren konnten, war Ruhe. Im Kinderraum unten hat Lyn stundenlang geschrien wie am Spieß. Ich nahm sie dann auf den Arm und habe sie ewig herum getragen bis sie vor Erschöpfung eingeschlafen ist."
Völlig irritiert hatte Jacob zugehört. "Das gibt es doch nicht. Machen das noch mehrere?"
"Fritz, die Kinder sind immer ruhig. Keins der Kinder weint oder macht Lärm. Nur Lyn schreit ab und zu einmal. Aber das hat dann immer einen Grund. Dann stimmt irgendetwas nicht. Dann passt ihr etwas nicht oder sie will irgendwas erreichen. Sie setzt immer durch, was sie will."
Jacob hörte gespannt zu und rieb sich schon wieder hustend seine Brust.
"Hast du schon wieder Schmerzen", Anna sah Jacob besorgt an.
Dieser nickte, sah genervt zu seiner Freundin, das Frühstücken hatte ihn schon wieder angestrengt. "Willst du dich noch eine Stunde hinlegen, nicht das es dir wieder zu viel wird."
Jacob versuchte das Husten zu unterdrücken, was ihm jedoch nicht ganz gelang. Ermahnend wies er auf die Uhr. "Du musst hinmachen, Engelchen, es ist gleich 5 Uhr 40, Anna du kommst zu spät. Ich leg mich noch etwas hin", beim letzten Wort stand Jacob auf, ging ins Schlafzimmer und legte sich aufs Bett.
"Verdammt noch mal, wie lange soll das nur noch so weiter gehen", flüsterte er leise zu sich selber. "So kann ich doch nicht arbeiten", mühsam versuchte er Luft zu bekommen. Immer wenn er solche schlimmen Atemprobleme hatte, fing er an zu husten. Jacob schloss seine Augen, versuchte tief und gleichmäßig zu atmen, endlich wurde es besser. Völlig fertig von dem Anfall, schlief er noch einmal ein. Merkte nicht einmal, dass Anna in den Raum kam und besorgt nach ihm sah. Jacob schlief allerdings ruhig und gleichmäßig atmend. Etwas beruhigter räumte seine Freundin den Tisch ab und fuhr nach unten auf die 6/blau, um ihrer Arbeit nachzugehen.
Über drei Stunden schlief Jacob ohne aufzuwachen. Kurz nach neun Uhr wurde er munter und stand vorsichtig auf. Erleichtert stellte er fest, dass es ihm wieder gut ging. Langsam lief er ins Bad, stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich genau.
"Du siehst einfach Scheiße aus", stellte er lakonisch fest, als er sein Spiegelbild betrachtet hatte.
Was er da zu sehen bekam gefiel ihm gar nicht. Der Mann der dort stand, mit schlappernder Turnhose, war völlig abgemagert. Sein Gesicht wirkte eingefallen und blass. Vor allem und das störte Jacob am meisten, hatte er tiefe Falten, die sich um seinen Mund, die Nase und auf der Stirn eingegraben hatten. Falten wie sie nur mürrische und finster dreinschauende Menschen habe.
"Das hast du aber gut hin bekommen, Fritz. Du schaust aus wie ein alter nörgelnder Opa. Na ja, das bekommen wir schon wieder hin. Ich verordne dir eine Lachtherapie", sprach er breit grinsend zu seinem Spiegelbild.
Kurzentschlossen ging er in sein Büro, nahm die Arzttasche und untersucht sich selbst. Sein Blutdruck war zu niedrig und der Puls ebenfalls. Also musste er sehen, dass er auf diese Sachen selber etwas mehr achtete. Das Husten kam vom Herzen, die Lungen hörten sich frei an. Also hatte er Herzrhythmusstörungen, diagnostizierte er sich selber.
'Kein Wunder', ging es ihm durch den Kopf, 'bei der Menge von Narkotika, die du dir verabreicht hast', stellte er lakonisch fest.
Er konnte von Glück reden, dass er überhaupt noch lebte. Anderson hatte ihm die Laborberichte gezeigt. Was er auf diesen zu sehen bekam, hatte ihn selber erschreckt. Nur konnte er sich beim besten Willen nicht daran erinnern, sich diesen Mist gespritzt zu haben. Aber es war oft so, dass man in solchen Fällen, das was passiert war einfach verdrängte. Na gut, mit einigen Medikamenten konnte er damit gut leben.
Mit der Untersuchung fertig, rief er Anderson an: "Guten Morgen Jim, hier ist Fritz. Ich hoffe ich habe dich nicht geweckt."
Anderson war erfreut über den Anruf, des Chefarztes. "Guten Morgen, Fritz. Und nein, du hast mich nicht direkt geweckt. Ich sitze grad über Schreibkram, vielmehr habe versucht den zu erledigen. War aber kurz vor dem einnicken. Was gibt es? Brauchst du Hilfe?", wollte er von Jacob besorgt wissen.
Jacob berichtete von seiner Selbstdiagnose, fragte seinen Kollegen, ob er mit der Medikation einverstanden war.
"Klar, das habe ich dir auch verschrieben, Fritz. Die Diagnose ist richtig", gab er diesem zur Antwort.
Jacob hatte sich dabei nicht geschont. "Bist du lieb Jim, du weiß es ist nicht gut, wenn ich mir das selber verschreibe, bestellst du mir die Sachen. Ich muss das mit den Anfällen langsam mal in den Griff bekommen. Ich drehe durch, wenn ich nicht bald wieder etwas zu tun bekomme. Aber so kann ich nicht arbeiten. Die kleinste Anstrengung, führt zu einem Anfall. Nicht mal Frühstück konnte ich machen, ohne Atemnot zu bekommen. So geht das nicht", sprach Jacob und fing schon wieder an zu husten. Mühsam atmet er sich runter.
Was Anderson am anderen Ende der Leitung sagte, bekam er gar nicht mehr mit. Er hatte sich gerade so über sich selber geärgert, dass er keine Luft mehr bekam. Deshalb sagte er zwischen zwei Hustenanfällen.
"Moment...", versuchte wieder ruhiger zu atmen.
Fast drei Minuten brauchte Jacob, um wieder normal atmen und vor allem, um wieder sprechen zu können. Als er den Hörer wieder aufnahm, der ihm aus der Hand gefallen war, hörte er nur noch. "tut… tut… tut…" Achsenzuckend legte er auf. Im selben Moment ging die Wohnungstür. Anderson hatte in seiner Sorge um Jacob, das Rettungsteam alarmiert, stand in dem Moment schon mit Heiko in dessen Wohnung.
"Manne, Fritz, du hast mich gerade zu tote erschreckt", entschuldigte er sich dafür, dass er einfach so in die Wohnung gekommen war.
Jacob sah bekümmert drein und stützte sich immer noch schwer atmend auf den Tisch. "Tut mir leid Jim, ich kann das im Moment nicht steuern. Ich bekam keine Luft mehr. Ich konnte dir auch nicht zuhören. Es ging einfach nicht."
Anderson nickte, er hat am Telefon gehört, dass Jacob wirklich Mühe hatte Luft zu bekommen. Auch jetzt atmete Jacob immer noch schwer. "Setze dich, bevor du mir wirklich noch umfällst. Danke Heiko, ich denke das schaffe ich jetzt alleine. Sag dem Rettungsteam, ich brauche es nicht."
Corsten sah besorgt zum Chefarzt. "Geht es wieder, Fritz?"
Jacob nickte betrübt und Corsten verließ daraufhin die Wohnung, ging wieder seiner Arbeit nach. Jacob der sich in der Zwischenzeit hingesetzt hatte, war schweißgebadet.
"Verdammt noch mal. Hoffentlich bekomme ich das bald in den Griff, Jim. Das macht mich total verrückt."
Anderson klopfte ihm auf die Schulter. "Wir bekommen das schon hin. Du brauchst ein paar Tage, bis dein Kreislauf wieder besser funktioniert. Hab bitte noch etwas Geduld. Ich habe dir die Medikamente schon bestellt, die kommen heute noch per Luftkurier. Entschuldige bitte, dass ich einfach reingekommen bin. Aber es hörte sich an, als ob du umgefallen wärst. Mayer hat meine Karte für dein Quartier freigeschaltet, damit ich immer rein kommen kann, falls mal etwas ist. Heiko habe ich unterwegs getroffen, der kam aus Sorge, gleich mit hoch. Fritz, du musst unbedingt langsamer machen."
Jacob war das schon klar. "Jim ich weiß, ich hab mich nur grad, über meine eigenen Blödheit aufgeregt. Da ging es schon wieder los. Tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Bitte geb mir irgendetwas zu tun, damit ich mir nicht so nutzlos vorkomme. Das tut mir gar nicht gut. Ich würde so gern mal die Kinder sehen. Aber ich habe Bedenken, dass ich den Weg nach untern nicht schaffe", gestand er seinen Freund.
Anderson klopfte ihm auf die Schulter. "Das wird schon, gebe dir noch eine Woche, vor allem mache langsam. Fritz, wir haben dich dreimal nur mit knapper Not, wieder zurück geholt. Es war verdammt haarig. Du kannst von Glück reden, dass du überhaupt noch lebst."
Jacob nickte, zog ein betretenes Gesicht. "Ich weiß, Jim. Glaubst du mir, dass ich nicht einmal weiß, warum ich das gemacht habe. Seit drei Wochen grübele ich darüber nach. Ich weiß, dass ich mir etwas gespritzt habe, das erste Mal ja. Aber nur 1 Einheit, als Einschlafhilfe. Jim ich war einfach fertig. Ich bekam die Gesichter der toten Kinder nicht aus meinen Kopf. Aber das zweite Mal, wirklich ich habe keine Ahnung, ich glaube ich habe mir ein Beruhigungsmittel gespritzt, damit ich nicht durchdrehe", Jacob rieb sich das Genick und sah Anderson verzweifelt an. "Ich glaube es hat nicht mehr viel gefehlt. Aber dieses Cocktail, wirklich Jim, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mir diesen Mist gespritzt haben soll. Wie denn auch? Ich besitze keine Ernsdolor. Nirgends! Hier oben nicht und auf keiner der Stationen, weil ich dieses Zeug hasse wie die Pest. Ich verstehe das alles einfach nicht." Jacob versucht mühsam ruhig zu bleiben und das Husten zu unterdrücken, aber es klappte nicht ganz. "Es macht mir Angst, wenn ich nicht weiß, was ich mache und nicht mehr Herr meiner Sinne bin. So etwas ist mir noch nie passiert", gestand er Anderson.
"Fritz, du standest zu diesem Zeitpunkt unter einen wahnsinnigen Druck. Da kann so etwas schon mal passieren. Aber ich denke, das wird nicht wieder vorkommen. Mach dir keine Sorgen. Pass auf, wir machen folgendes. Ich gebe dir einige Auswertungen, die ich dringend vom Tisch haben muss. Die kannst du die nächsten Tage im Bett oder auf dem Sofa liegend, ansehen und auswerten. So kommst du auch langsam wieder rein. Dann sind einige Tests von den Kindern offen, die du ganz gemütlich in deinem Labor machen kannst. So wie es dir halt geht. Wir haben es ja wieder herrichten lassen. Dann hast du schon einen kleinen Anfang."
Jacob sah Anderson verwundert an. "Wie mein Labor wieder herrichten lassen?"
Jetzt fing Anderson an schallend zu lachen. "Na ja, mal ganz vorsichtig ausgedrückt, du hast versucht dein komplettes Labor zu zerstören. Es war nichts mehr dort, wo es vorher gewesen ist. Der Hausmeister hat nur noch Schaufel und Besen nehmen müssen, um alles aufzuräumen."
Fassungslos starrte Jacob zu seinem Freund. Dann stützte er den Kopf auf die Hände und fing schon wieder an zu husten.
"Komm Fritz, höre auf dich aufzuregen", beruhigend legte Anderson seine Hand auf den Rücken von Jacob. "Komm atme ruhig, es ist niemand zu Schaden gekommen. Materialien lassen sich ersetzen."
Mit geschlossenen Augen saß Jacob da, rang um seine innere Ruhe, vor allem nach Luft. Langsam bekam er sich wieder in den Griff.
"So ist es gut, Fritz", lobte ihn Anderson.
"Wirklich Jim, ich weiß davon nichts. Drehe ich langsam durch?"
Anderson schüttelte den Kopf. "Nein Fritz. Aber du warst damals fix und fertig. Dann diese Betten für die Babys, die du gerade gerettet hattest. Das war einfach zu viel. Die Sache mit März und Richter, hat dir dann den Rest gegeben. Du hast so um die Kinder gekämpft und diese Verbrecher haben alles kaputt gemacht. Wenn es dich beruhigt, ich habe am Morgen des 15. Februar auch vor Wut, die volle Kaffeetasse an die Wand geschmissen. Ich hatte wesentlich weniger Stress wie du", Anderson klopfte seinem Freund auf die Schulter, sah ihn dabei ernst an. "Ich habe erst in den letzten vier Wochen begriffen, unter welchen enormen Druck du gestanden hast und immer noch stehst. Seit dem, muss ich ja deine Arbeit machen. Ich habe keine Ahnung, wie du das geschafft hast. Vor allem über die ganzen Monate. Glaube mir eins, keiner von uns hätte das ohne Schaden überstanden. Warum hast du nie etwas gesagt? Ich hätte dir doch sonst geholfen. Fritz, komm höre auf über das, was vorbei ist nachzugrübeln. Das tut dir wirklich nicht gut. Komm lege dich noch einmal hin. Du bist schon wieder schweißgebadet. Es bringt nichts, wenn du umkippst. Schritt für Schritt. Morgen geht es besser als heute. Du wirst sehen."
Jacob nickte. Er merkte selber, dass er nicht mehr konnte. Mühsam erhob er sich. Anderson bot ihm Hilfe an, da Jacob sich schon wieder schwankend am Tisch festhielt. Gemeinsam schafften sie die kurze Strecke bis zum Bett, in das sich Jacob erschöpft legte. Tief holte Jacob Luft, atmet gleichmäßig und langsam, beruhigte so sein rasendes Herz wieder.
"Du bleibst jetzt im Bett. Bitte. Ich bin in einer halben Stunde zurück. Versprochen, Fritz?"
Dieser nickte, ernst sah ihn Anderson an. Jacob nickte noch einmal.
"Ich beeile mich, bleib einfach liegen", mit diesen Worten verließ Anderson den Raum, aber auch die Wohnung von Jacob.
Schnell fuhr er nach unten auf die 6/blau. "Guten Morgen", grüßte er laut und vernehmlich in den Raum und sah sich nach Anna um.
Anna war wie immer hinten rechts in der Ecke, bei ihren Lieblingen.
"Anna, hast du mal einen Moment?", rief er in den Raum.
Anna kam nach vorn, zum Dokumententisch.
"Was ist Herr Doktor?"
"Anna, wie sieht es aus, können wir es wagen, mit 98 einen kleinen Ausflug zu machen?"
Anna überlegte kurz, wackelte mit dem Kopf. "Ich bin mir nicht sicher, Doktor Anderson. Mit Lyn und 91 zusammen würde ich sofort ja sagen. Aber nur Lyn alleine? Da werden wir wieder Probleme bekommen", brachte sie ihre Bedenken vor.
Anderson nickte. Er hat von dem Problem schon gehört und es oft genug selber erlebt. "Dann halt beide oder sie erklären 98, dass sie einen Krankenbesuch machen soll. Vielleicht lässt sie sich ja überreden", verwundert sah Anna zu dem Arzt.
"Wie Krankenbesuch?"
Grinsend mit schiefgehaltenen Kopf, sah Anderson nach oben.
"Du meinst ich soll mit Lyn hoch zu Fritz?", fragte Anna völlig verwirrt über das, was sie da hörte.
"Anna, ich habe gerade mit Fritz gesprochen. Er hatte schon wieder einen Anfall. Ich denke er braucht eine besondere Medizin. Er möchte doch so gern mal zu seinen Kindern. Ich denke es ist sehr wichtig für ihn. Wenn er es noch nicht schafft nach unten zu den Kindern zu gehen, dann sollten wir diese hoch bringen. Das hat den Vorteil, dass die Kinder auch mal etwas anderes sehen, außer dem hier."
Anna nickte erfreut. "Ich versuche es Lyn zu erklären, mal sehen ob sie mich versteht", sofort war Anna auf dem Weg nach hinten zum Bett von Nummer 98.
Zärtlich streichelte Anna Lyns und der bei ihr sitzenden 91 übers Gesicht. "Lyn, 91 ich muss kurz mit euch reden."
Beide Mädchen nickten und sahen die Schwester mit schräg gehaltenem Kopf an. Anna wusste jetzt schon aus Erfahrung, dass dies das Zeichen war, dass die Kinder ihr aufmerksam zuhören würden.
"Ich habe euch doch erzählt, dass einer unserer Doktoren krank ist. Dass er seit eurer Geburt, auf der Krankenstation liegt", beide Mädchen sahen sich erst an, dann nickten sie, nach einer Weile. "Dem Doktor geht es wieder etwas besser. Er würde gern mal zu euch herunter kommen. Er würde euch gern einmal sehen. Allerdings ist er noch zu krank und schafft das noch nicht", wieder sah Anna ihre Mädchen an, weil sie sich nie sicher war, ob die Kinder sie verstanden. Beide nickten und schauten fragend zu ihrer Pflegerin. "Wisst ihr es wäre gut, wenn einer von euch mal zu ihm gehen könnte. Damit er sieht, wie groß ihr schon geworden seid. Dadurch wird er schneller gesund."
Lyn drehte ihren Kopf zu 91 und sah diese lange an. Immer wieder wunderten sich die Schwestern, was die Kinder machten. So wie auch dieses Mal, beobachtet Anna die eigenartigen Reaktionen auf ihre Frage und wusste nicht, was sie davon halten sollte. Wie meistens, war Anna von den Reaktionen der Kinder überrascht.
Was weder Anna, noch die anderen Pflegekräfte und Ärzte ahnte, dass die Kinder sich auf eine völlig andere Art und Weise unterhielten als normale Menschen.
Lyn hatte zu allen Kindern eine einzigartige Verbindung. Diese konnte die anderen allerdings nur nutzen, wenn Lyn das zuließ. Alleine waren ihre Kameraden nicht dazu in der Lage, diese Verbindung untereinander aufzubauen. Lyn spürte, wenn es ihren Kameraden gut oder schlecht ging, diese Hunger hatten oder verletzt waren. Man könnte es als eine Art Telepathie bezeichnen. Diese Verbindung machte es auch möglich, dass die Kinder sich miteinander unterhalten konnten, ohne laut zu sprechen. Das taten sie schon in den Inkubatoren. Sie haben diese Fähigkeit auch nach der Geburt nicht verloren. Nur wusste keiner etwas davon.
In ebendieser Verbindung, fragte Lyn ihrer Freundin, in der Sprache der Kinder. "Nikyta, Lyn drön, dy? – Was sagst du, soll ich gehen?"
Nummer 91 sah ihre kleine Freundin an, dann nickte sie. "Lyn krös? Dika teja. Nikyta Kon. – Bist du mutig? Schwester Anna beschützt dich. Ich kann hören."
"Doko dy. Rashida Lyn, nisön keladi. – Mit Doktor sprechen. Beruhige dich, er Freund, mir nichts tun."
91 nahm Lyn in den Arm, ängstlich schaute sie die Kleine an. "Granima Lyn. – Komm zurück Kleine."
Lyn nickte, wiederholt, was sie vorher schon einmal gesagt hat. "Rashida Lyn, nisön keladi. – Beruhige dich, er Freund. Mir nichts tun."
Dann sahen die beiden Mädchen zu Anna. Dieses Gespräch dauerte keine Minute. Wie alles, was diese Kinder taten, wurde es zügig durchgeführt. Lyn drehte ihren Kopf zu Anna, so spürte diese, dass sie ihr eine Antwort geben wollte. Dann nickten beide Mädchen.
"Das heißt du kommst mit?" Anna konnte ihr Glück nicht fassen. Sie sah zu 91, dann zu Lyn. Beide Mädchen nickten nochmals. "Oh, da wird der Doktor sich aber freuen. Ich passe gut auf Lyn auf 91, ihr wird nichts geschehen."
Wieder nickte 91.
Immer noch sprachen die anderen Kinder nicht mit den Schwestern. Nur Lyn macht dies, ab und zu einmal, wenn es gar nicht anders ging. Dies war etwas, was ihren Kameraden nicht gefiel. Aus diesem Grund wurde sie von den anderen Kindern immer mehr gemieden und immer mehr zum Außenseiter gemacht. Den Kindern war sehr schnell bewusst geworden, auch wenn sie erst seit einem Monat lebten, dass sie ganz anders waren, als die Menschen die sie umgaben. Etwas, wie eine unsichtbare Barriere, stand zwischen ihnen und denen vor den Gattern. Etwas, dass die Kinder nicht erfassen konnten, da sie einfach noch nicht lange genug auf dieser Welt waren, um vergleichen zu können.
Eins hatten sie allerdings sehr schnell begriffen und zwar schon in den Kästen mit dem Wasser. Es gab Menschen, die es gut mit ihnen meinten, aber es gab auch welche, die ihnen Schmerzen zu fügten. Deshalb wollten sie nicht, mit denen vor den Gattern, reden. Sie wussten nicht genau, wie sie sich verhalten sollten. Beobachteten diese andere Welt, mit gebührender Vorsicht.
Lyn war anders. Sie wollte alles erforschen und wies ihre Kameraden immer wieder darauf hin, dass man Vertrauen haben sollte. Die restlichen Hundert wollten das nicht und blieben deshalb lieber auf Abstand. Allerdings hatte Lyn ihnen schon einige Male bewiesen, dass man mit den Schwestern und Ärzten sprechen musste, ansonsten wären schlimme Sachen passiert. Sie wollte deshalb die Sprache der anderen lernen. Zurzeit war Lyn die einzige die diese Sprache verstand. All diese Gedanken gingen 91 durch den Kopf, während Lyn im Bett nach hinten zu ihrer Decke ging, um ihr Band zu holen.
Lyn zog sich das Band auf ihre Stirn, ging auf Anna zu und hielt ihr die Arme hin. Die Schwester nahm Lyn auf den Arm, machte das Gatter runter. 91 stand im Bett und sah traurig ihrer sich entfernenden Freundin nach. Das um so vieles größere Mädchen fing an unruhig hin und her zu laufen. Anna zog es das Herz zusammen, als sie sah wie 91 litt. Fürchtete sich aber davor mit beiden Kindern nach oben zu gehen. Sie wusste nicht wie die Kinder reagieren würden. Die Kleine 98 konnte sie bändigen, bei zwei Kindern würde es schwierig werden. Deshalb beeilte sich Anna und lief nach vorn zu Doktor Anderson und Doris.
Während Anna Lyn holte, drehte sich Anderson um und ging, auf Doris zu.
"Doris, kümmere dich auch um die Kinder von Anna. Ich will mit Anna, 98 eventuell auch 91 hoch zum Chefarzt, der schafft es noch nicht hier runter. Ist mir gerade, wieder fast zusammengebrochen. In einer Woche hat er wieder eine wichtige Phase, bei den Kindern verpasst."
Doris bestätigte Anderson seine Gedanken. "Klar das bekommen ich schon hin. Sieh mal Jim, Anna kommt mit Lyn alleine zu uns. Das gibt es doch nicht, die Kleine weint gar nicht."
Anna kam mit dem kleinen Mädchen auf den Arm, auf Anderson zu. "Wir können Herr Doktor", stellte sie strahlend fest. Sie hat es gerade das erste Mal geschafft, dass Lyn sofort mitkam, ohne dass sie weinte.
"Na dann, kommt mal ihr zwei. Anna, wir müssen der Kleinen die Augen verbinden."
Anna lachte, zeigte auf das Köpfchen des kleinen Mädchens, auf der Stirn war ein dunkles Stirnband.
"Ach so, ihr habt eine bessere Lösung gefunden, als die Binden."
"Ja Herr Doktor, mit dem verbinden der Augen, das war doch so umständlich. Genosse Mayer hat die für uns besorgt."
Die Beiden liefen los. Ängstlich hielt sich die Kleine an Anna fest, als diese den Raum verlassen wollte, sah 98 nach hinten zu ihrer Freundin.
"Lyn, wir kommen gleich wieder. Nicht weinen Mäuschen, ich bleibe bei dir, das verspreche ich dir. Wir wollen den Chefarzt besuchen. Der ist immer noch schlimm krank. Das habe ich dir doch erklärt. Der möchte dich so gerne sehen", liebevoll streichelte Anna das Gesicht von 98.
Immer noch sah 98 sich nach ihrer Freundin um. "Nikyta, krös, Dika, - Meine Freundin hat Angst. Schwester", flüstert sie Anna ins Ohr.
Anna verstand die Kleine nicht, wusste nicht was sie sprach. "Keine Angst, wir kommen gleich wieder. Du musst nicht weinen", versuchte sie diese zu beruhigen. Liebevoll drückte sie das kleine zierliche Mädchen an ihren Körper und zog ihr das Band über die Augen.
Sie gingen zum Aufzug, fuhren nach oben in Jacobs Wohnung. Staunend sah die Kleine sich um, vergaß all ihren Kummer. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Ängstlich klammerte sie sich an Anna. Die ging ins Schlafzimmer, zum Bett auf dem Jacob lag.
Als der die Tür gehen hörte, sah er dorthin und traute seinen Augen nicht. Seine Anna kam mit einem, vielleicht anderthalb jährigen Kleinkind auf den Arm in den Raum.
Jacob setzte sich erschrocken auf. "Oh mein Gott, bist du groß geworden", sagte er erstaunt.
Nummer 98 drehte ihr Köpfchen zu Jacob und sah diesen an. Fast hatte es den Eindruck, dass sie lächelte. Sie hielt das Köpfchen schief und ließ Annas Hals los. Mit den Fingern machte sie einen Kreis. Als ob sie damit sagen wollte: 'Ich kenne dich, du bist derjenige, der immer die Kreise gemacht hat'.
Anna war völlig perplex. Fremden gegenüber war 98 sehr vorsichtig. Stets hatte Anna Probleme, wenn 98 zu anderen Schwestern oder Ärzten gehen sollte. Sie fing ständig an zu schreien. Jacob schien sofort Zugang zu ihr zu finden. Anna setzte die Kleine auf Jacobs Bett. Jacob hielt seine Arme hin und 98 krabbelte auf ihn zu, legte sich zu ihm ins Bett. Völlig von der Rolle sahen sich Anderson und Anna an.
"Das gibt es doch gar nicht", entfuhr es Anderson.
"Ich glaube das nicht", musste nun auch Anna los werden.
Neben Jacob auf den Rücken liegend, machte 98 immer wieder mit ihrem Finger einen Kreis. Mit einem Male begriff Jacob, was ihm das Mädchen sagen wollte und machte auch einen Kreis, dann eine Wellenlinie.
"Ich glaube die kleine Maus hat mich erkannt. Das gibt es doch nicht", brachte er fassungslos hervor. Wie immer in letzter Zeit, wenn er sich in etwas hineinsteigerte, fing Jacob an zu husten.
Die Kleine sah ihn erschrocken an. Fast zwei Minuten musterte sie ihn. Plötzlich zeigte 98 auf sein Herz. Es sah aus als würde sie überlegen und dann legte sie ihre Händchen bewusst auf seine Brust. Erleichterung machte sich in Jacob breit. In dem Moment, als 98 ihre Hände auf Jacobs Brust legte, war plötzlich der stechende Schmerz wie weggeblasen. Ein schönes warmes Gefühl machte sich in seinem Körper breit und er konnte wieder frei atmen. Erstaunt sah Jacob, die Kleine 98 an.
"Drö, keladi, Nikyta. – Keine Angst ich helfe dir, Freund", flüsterte 98 ganz leise.
Jacob starrte die Kleine an. "Was sagst du mein Mädchen? Ich verstehe dich nicht."
Wieder hielt sie ihr Köpfchen schief. Nach einer Weile, als wenn sie überlegen musste, was Jacob gesagt hatte, zeigte sie auf sich, dann auf Jacob. "Lyn, krös drö. – Keine Angst Lyn hilft dir."
Jacob sah das kleine Mädchen an. "Bedeutet das, was du gesagt hast, dass du mir geholfen hast, Lyn?"
Das Mädchen nickte.
"Danke meine Kleine. Du bist ganz lieb."
Vorsichtig griff Jacob, nach dem Gesicht des Mädchens, um es zu streicheln. Ängstlich zog die Kleine den Kopf weg.
"Ich tu dir nichts. Ich wollte dich nur streicheln."
Noch einmal versuchte Jacob die Kleine zu streicheln. Aber sobald er nach dem Gesicht der Kleinen griff, zog sie das Köpfchen weg.
Jacob begriff, warum sie das machte. Hustend schüttelte er den Kopf.
"Ich nehme dir das Band nicht weg, keine Angst. Dann streichle ich halt deine Hand", vorsichtig streichelte er die Hand der Kleinen.
Lyn sah Jacob starr an. Es machte den Eindruck, als ob diese Jacob genauestens beobachtet. Plötzlich kniete sich 98 hin und legte ihre Händchen genau über Jacobs Herzen, auf dessen Brust. Ihre Hände, so schien es, fingen an zu leuchten. Allerdings konnte man dies durch das helle Licht nicht richtig erkennen. Sofort atmete Jacob befreit durch und hörte auf zu husten. Diesmal lies 98 ihre Hände zwölf Minuten auf dieser Stelle liegen, erst dann zog sie diese weg. Wieder hatte sich dieses wunderschöne warme Gefühl im Körper des Chefarztes breitgemacht. Eine vollkommene Wärme durchströmte dessen Körper.
Anderson beobachtete die Beiden ganz genau. Nach fünf Minuten drängte er zum Aufbruch und sah Anna fordernd an. "So, ich muss wieder nach unten, ich hab noch so viel Arbeit. Tut mir leid ihr Zwei. Anna, ich glaube du kannst 98 mit Fritz alleine lassen. Fritz rufe unten an, dann holt Anna die Kleine wieder. Viel Spaß ihr zwei. Anna, du musst auch wieder runter, die schaffen deine Arbeit nicht auf Dauer. Jemand muss sich auch um die Kleine 91 kümmern. Die wird wieder völlig durch den Wind sein, weil ihre Freundin weg ist. Komm", sofort zog er Anna hinter sich her.
Anderson wollte einfach erreichen, dass Jacob ein wenig Zeit, alleine mit dem Mädchen verbringen konnte. Er wollte das aber nicht so deutlich sagen. Seiner Meinung nach, war genau das die Medizin, die Jacob am besten half.
Anna sah auf die Kleine, hatte sie ihr doch versprochen sie zu beschützen. Deshalb sagte sie zu dem Mädchen. "Ich komme dich gleich holen Lyn. Der Doktor passt gut auf dich auf."
Die Kleine 98 schien es gar nicht zu stören, dass Anna ging. Kniete friedlich an Jacob und hatte ihre Hände auf dessen Brust. Sie reagierte überhaupt nicht auf Anderson oder Anna.
Jacob dagegen, tat die Nähe des kleinen Mädchens gut. Vorhin schon hatte er das Gefühl, als ob 98 ihm den Schmerz aus der Brust genommen hätte. Er fühlte sich auf einmal ganz anders, als ob er schweben würde. Anderson und Anna verließen leise den Raum, nachdem sie Jacob noch einmal zugenickt hatten.
Urplötzlich zog 98 ihre Hände zurück und kippte sie zur Seite. Sofort rollte sich die Kleine zusammen und atmete tief. Es sah aus als hätte sie urplötzlich das Bedürfnis zu schlafen. Im ersten Moment war Jacob erschrocken. Als er jedoch sah, dass sie tief und fest schlief traute er sich nicht, sich zu bewegen, aus Angst das Mädchen zu wecken.
Fast zwanzig Minuten blieb die Kleine so ruhig liegen, selbst ihr Gesicht konnte er jetzt streicheln. Vorsichtig griff Jacob nach ihrem kleinen Händchen und wollte sie einfach festhalten. Dabei erwischte er den Puls und war erschrocken. Der Puls ging rasend, viel zu schnell für den kleinen Körper.
"Um Gottes Willen Mäuschen, was ist mit dir?", ängstlich sah er das Mädchen an.
In diesem Moment kam wieder Leben in sie. "Dika - Schwester", rief Nummer 98 panisch.
"Keine Angst Lyn, ich passe auf dich auf. Anna musste runter auf Station, zu deiner Freundin", beruhigend sprach Jacob auf die Kleine ein. Nummer 98 blickte sich hektisch um und fing an zu weinen, weil sie Anna nicht sah.
"Dika", rief sie immer wieder nach ihrer Lieblingsschwester.
"Soll ich dir Anna holen?"
Das kleine Mädchen sah fragend zu Jacob, als wenn sie ihn nicht verstanden hätte.
"Anna die Schwester."
Da nickte die Kleine.
"Willst du wieder zu ihr."
Wieder nickte 98. Tränen kullerten unter ihrem Band hervor und über ihr Gesicht.
Traurig sah Jacob die Kleine an. "Schade. Ich hatte so gehofft, du leistest mir noch etwas Gesellschaft. Es ist so langweilig alleine", vorsichtig griff er nach dem Gesicht der Kleinen, um ihre Tränen abzuwischen. Er kam nicht an das Gesicht heran. Sobald er in die Nähe der Augen fasste, zog sie ihr Köpfchen weg.
"Weißt du was, ich bringe dich zu deiner Anna. Komm."
Kurz entschlossen stand er auf und schlüpfte in die Schuhe. Dabei beobachtete er die Kleine. Irgendetwas ging in ihrem Köpfchen vor. Sie zog die Nase kraus und die Stirn. Es sah so aus als ob sie irgendetwas durch ihren kleinen Kopf wälzte. Plötzlich wurde sie ganz entspannt und sie schien, als wenn sie in Gedanken ganz weit weg wäre. Der gerade noch völlig verspannte Körper lag auf einmal ganz ruhig auf Jacobs Bett. Er nahm das Mädchen auf den Arm.
Plötzlich schüttelte sie den Kopf. Verwundert sah Jacob 98 an. Sie zeigte auf das Fenster und dann auf ihre Augen. Sechs oder sieben Mal wiederholte sie die Geste, bis Jacob verstand, was die Kleine von ihm wollte.
"Tut dir das Licht weh, meine Kleine", erinnerte sich Jacob an Annas Vortrag zu diesem Thema.
Jacob ging zusammen mit 98 zum Fenster. Er zog die Vorhänge zu und ließ die Jalousien nach unten. Erleichtert atmete die Kleine auf und rieb sich ihre Augen.
"Lyn, Andus, pionda? - Mach für mich das Licht weg?"
Fragend sah Jacob, Nummer 98 an.
Das Mädchen versuchte sich zu erklären. Sie zeigte auf sich. "Lyn", dann auf ihre Augen, "Andus", auf das Fenster, "Pionda."
Jetzt ahnte Jacob, was die Kleine ihm sagen wollte.
"Bleib bitte im Bett sitzen, ich hole einen Stift."
Rückwärtsgehend verließ Jacob den Raum. Eilig lief er ins Büro und kam sofort zurück. Er merkte nicht einmal, dass ihm die Eile nichts ausmachte, so sehr war er darauf konzentriert, die Kleine nicht zu lange alleine zu lassen. Jacob hatte Angst dass die Kleine aus dem Bett fallen könnte. Zurück aus seinem Büro setzte er sich wieder neben das Mädchen auf das Bett.
"Lyn." Jacob zeigt auf sich.
Nummer 98 schüttelte den Kopf und zeigte auf sich.
Dann zeigt er auf sich "Doktor."
Da nickte die kleine Maus.
"Du bist also die Lyn und ich der Doktor", wiederholte er das Spiel.
"Lyn, Doko." Erst zeigte sie auf sich, dann auf Jacob. Dabei sah sie den Chefarzt mit schiefgehaltenen Kopf an. Es sah aus als ob sie sich freute, dass sich jemand die Mühe macht sie zu verstehen. Erfreut streichelte der Chefarzt ihre Hand.
Dann zeigte er auf seine Augen. "Andus?"
Ein Nicken erfolgte.
"Augen. Lyn das sind Augen. Lyn Andus und Doktor Augen."
Interessiert sah Lyn auf den Arzt. Es dauerte einen Augenblick. Plötzlich und für Jacob völlig unerwartet versuchte sie es nachzusprechen.
"Lyn Auen."
Strahlend korrigierte Jacob. "Au gen."
Noch einmal versuchte es die Kleine. "Augen."
"Genau meine Kleine, Augen." Dann zeigte er auf seine Nase. "Nase, Na se." Interessiert schaute er auf Lyn. Einen Moment später probierte es Lyn. "Na se."
"Genau, das ist deine Nase", damit stupste er auf das Näschen von Lyn. Zeigte auf seine Nase, sah fragend zu dem Mädchen.
"Nase", bestätigte die Kleine.
Jacob interessierte allerdings, wie die Nase in der Sprach der Kinder hieß. Deshalb zeigte er auf seine Augen sagt. "Andus?", dann auf seine Nase.
"Buha."
"Nase heißt Buha?"
Mit schräg gehaltenen Köpfchen nickte Lyn.
Lachend sah Jacob sein Mädchen an. Die Kleine war so schlau, da ging einem das Herz auf. Es war kaum vorstellbar, dass diese kleine Maus erst vier Wochen alt war. Jacob spielte das Spiel weiter. Zeigte auf seine Augen, Nase und dann die Ohren. "Andus, Buha und Ohren, Oh ren."
Langsam begriff das Mädchen, was er von ihr wollte. Führte das Gespräch in einer Art weiter, die Jacob regelrecht die Sprache verschlug.
Lyn zeigte nacheinander auf Augen, Nase, Ohren und dann auf ihre Hand. "Andus, Buha, Kona, Drönu."
Einen Moment lang konnte Jacob gar nicht reagieren. Er wiederholte das Spiel. "Auge, Nase, Ohren, Hand." In dem er auf die jeweilige Stelle zeigte.
Lyn nickte. "Andus, Buha, Kona, Drönu."
Kopfschüttelnd sah der Chefarzt Lyn an. Dann zeigte er auf das Fenster, dann auf die Augen und fragte. "Lyn, das Licht tut deinen Augen weh?", Jacob zeigte auf das Fenster. "Andus?" und machte ein schmerzverzehrtes Gesicht.
Lyn nickte. "Lyn, Andus pionda? – Mach für mich das Licht weg?"
Nochmals fragte Jacob nach. "Pionda heißt Licht?"
Jetzt schüttelte Lyn den Kopf, zeigte auf das Fenster. "Pionda."
Jacob überlegte, was Lyn meinen könnte. Auf einmal wurde es ihm bewusst, was das Mädchen meint. Er schlug sich an den Kopf und machte sich schnell Notizen. "Pionda heißt Dunkel machen, das Licht wegnehmen. Ich verstehe dich Lyn."
Die Kleine nickte. "Doko pionda Lyn. – Doktor macht für Lyn das Licht weg."
Jacob herzte die Kleine. "Ja Lyn, der Doktor macht das Licht für dich weg. Ich verspreche es dir. Ich finde eine Möglichkeit. Verstehst du was ich sage."
Lyn nickte.
Jacob interessierte noch etwas. "Lyn, du hast mich schon einmal gesehen?"
Es erfolgte ein bestätigendes Nicken. "Doko jawe, Germo, Lyn luzrim. - Doko Kreise machen, vor gläserner Wand, Lyn schwimmend."
Verständnislos blickte Jacob das Mädchen an. Die zeigte auf das Blatt, auf dem sich Jacob Notizen zu der Sprache der Kinder gemacht hatte und den Stift. Beides schob Jacob ihr hin. Noch nie hatte dieses Kind einen Stift in der Hand gehalten und griff ihn mit der ganzen Faust. Jacob schüttelte den Kopf. Er nahm Lyn den Stift wieder weg und zeigte ihr wie sie ihn anfassen sollte. Er half ihr beim ersten Mal und zeigte ihr wie man mit dem Stift richtig schreiben konnte. Ein wenig krakelig versuchte Lyn ein Viereck zu malen, dann einen Kreis und schob ihm das Blatt hin.
Lyn sah Jacob dabei mit schiefgehaltenen Kopf an und nahm das Blatt, hielt es zwischen sich und Jacob.
Der verstand, was sie ihm sagen wollte. "Du hast mich vor dem Inkubator gesehen, aber da warst du noch so klein."
Lyn rieb sich die Augen. "Lyn, Nikyta. – Lyn will zu ihrer Freundin."
Wieder verstand Jacob Lyn nicht sofort. Sie zeigte auf sich und dann auf die Fahrstuhltür.
"Du möchtest nach unten zu deiner Freundin, Lyn?"
Jetzt nickte Lyn.
"Na dann komm." Jacob nahm das Mädchen hoch. "Hoffentlich schaffe ich das schon. Weißt du ich war etwas krank. Aber ich werde es versuchen. Komm mein kleines schlaues Mädchen", mit Lyn auf dem Arm, stand Jacob auf.
Erstaunlicher Weise ging es ihm gut. Vorsichtig immer in der Nähe von Möbelstücken oder den Wänden, lief Jacob zum Aufzug. Er fuhr ohne Zwischenstopp nach unten auf die 6/blau. Zum Erstaunen seiner Kollegen, betrat Jacob mit Lyn auf dem Arm das Kinderzimmer.
"Lyn, wo ist dein Bett?"
Das Mädchen zeigte ihm die Richtung.
Doris stieß einen erstaunten Ruf aus. "Herr Doktor, warum haben sie nicht angerufen. Kommen sie, ich nehme ihnen die Kleine ab."
Jacob wollte nichts davon wissen. Langsam und immer noch unsicher, lief er nach hinten. Jacob folgte immer dem Fingerzeig der Kleinen. Schon waren sie bei Anna und 91 angekommen. Anna hatte alle Hände voll zu tun, um 91 einigermaßen zu beruhigen.
Lyn rief schon von weitem. "Nikyta, Doko lödein. – Doko bringt mich zu dir zurück."
Jacob sah Lyn fragend an.
Lyn zeigte erst auf Jacob, "Doko", auf Nummer 91 "Nikyta", dann nach vorn und vor sich.
"Das heißt also, der Doktor hat dich zu deiner Freundin gebracht?"
Lyn nickte.
Jacob gab ihr einen Kuss und setzte die Kleine in das Bett zu 91.
Beide Mädchen nahmen sich in den Arm und schmusten sich aneinander. Keine zwanzig Sekunden später, hört man tiefe ruhige Atemzüge. Beide schliefen tief und fest.
Anna jedoch zog Jacob von den schlafenden Kindern weg, um die beiden nicht zu wecken. "Warum hast du nicht angerufen?"
Jacob zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung Anna, mir geht es auf einmal wieder richtig gut. Seit dem mir die Kleine ihre Hände auf die Brust gelegt hat. Es geht mir gut, so gut wie lange nicht mehr gut. Als wenn sie mein Herz in Ordnung gebracht hätte."
Anna sah Jacob zweifelnd an. Da es kurz vor 18 Uhr war und Anna sowieso gleich Schluss hatte, machte sie den Vorschlag nach Anderson zu schicken. Er sollte Jacob noch einmal untersuchen. Komischerweise sah Jacob wirklich wesentlich besser aus. Viel besser als vor einigen Stunden. Er war regelrecht aufgeblüht. Lag es nur daran, dass er endlich eins seiner Kinder gesehen hatte? Trog das alles vielleicht nur? Ängstlich sah Anna Jacob von der Seite an.
Dieser ging schon von Bett zu Bett und sah nach all seinen Kindern. Völlig begeistert, von dem guten gesundheitlichen Zustand der Kinder. Vor allem von den riesigen Fortschritten, den diese in der kurzen Zeit seiner Krankheit gemacht hatten. Fast eine Stunde brauchte der Chefarzt, um sich jedes der Kinder und ihre Entwicklungsstand anzusehen. Er machte einfach eine völlig ungeplante Visite. Außerdem gab er einige Tipps, was bei den einzelnen Kindern für Übungen zu machen wäre, um die zum Teil noch vorhanden Motorikstörungen zu beseitigen. Bei Nummer 70 blieb er lange stehen, um den Jungen zu beobachten. Er schien große Probleme beim Sehen zu haben. Jacob nahm sich vor, das in den nächsten Tagen noch einmal genauer anzusehen. Glücklich sah er seine Anna an. Jetzt hatte sein Leben wieder einen Sinn. Als wenn mit dieser Erkenntnis all seine Herzprobleme beseitigt hätte, nahm er seine Anna einfach in der Taille hoch und gab ihr einen Kuss.
"Jetzt weiß ich wieder, dass es für mich einen Sinn im Leben gibt. Dich und unsere Kinder", sagte er glücklich.
Auch Annas Augen glänzten. So gut drauf, war Jacob seit der Geburt der Kinder nicht mehr gewesen.
Anderson der von Doris geholt wurden, konnte nicht glauben, was er sah. "Fritz, ab mit dir ins Bett."
Jacob schüttelte den Kopf. "Mir geht es gut, Jim. So gut, wie seit über einen Jahr nicht mehr. Wer von euch kommt mit Abendbrot essen? Ich habe vielleicht einen Hunger."
Alle schüttelten den Kopf, sie konnten nicht glauben, was gerade passierte.
Jacob der das völlig falsch interpretierte, sprach trotzig. "Dann gehe ich halt alleine. Das habt ihr nun davon", wollte sofort er loslaufen.
Anna erwischte ihn gerade noch am Overall "Hiergeblieben. Ich komm gleich mit. Ich brauche aber noch zehn Minuten. Setz dich hin und warte", kopfschüttelnd, aber freudestrahlend, sah Anna ihren Freund an.
Anderson konnte das nicht so gelten lassen, schließlich war er für die Gesundheit von Jacob verantwortlich. Außerdem hatte Angst um seinen Freund, den es ja vor wenigen Stunden noch richtig mies ging. Deshalb durchkreuzte er Jacobs Pläne.
"Hör zu Fritz, wir beide fahren jetzt nach oben, auf die 6/rot und ich untersuche dich. Dann entscheid ich, ob du oben oder vorn zu Abend isst. Was hältst du von dem Vorschlag?"
Jacob nickte. "Dann komm Jim, ich habe nämlich Hunger. Anna wir treffen uns in der Mensa. Bis später dann."
Damit verschwanden die beiden Ärzte aus dem Raum, fuhren nach oben. Anderson konnte kaum mit seinem Chef Schritt halten. Dort angekommen untersuchte Anderson Jacob aufs Genauste.
"Fritz, ich kann es mir nicht erklären, aber es stimmt, was du sagst. Du bist wieder völlig gesund. Nur verstehe ich es nicht. Vorhin hatte dein Herz laufend Aussetzer. Jetzt schlägt es wieder, wie neu. Sei bitte vorsichtig. Ich traue den Frieden nicht. Was hast du eigentlich gemacht? Wieso geht es dir plötzlich wieder gut?"
Anderson war ganz durcheinander und völlig irritiert. So etwas hatte er während seiner gesamten Laufbahn als Arzt noch nie erlebt. Er konnte sich einfach keinen Reim auf das Ganze machen.
"Jim ich weiß nicht was passiert ist. Lyn, legte mir vorhin eine Hand auf meine Brust, das hast du ja selber gesehen. Irgendetwas hat die Kleine mit mir gemacht. Auf einmal wurde mir ganz warm. Aber dann fing ich wieder an zu husten und hatte wieder Problem. Dann hat sie es ein zweites Mal gemacht. Diesmal nahm sie beide Hände und ließ sie ganz lange auf meiner Brust liegen. Urplötzlich waren die Schmerzen weg. Ich konnte auf einmal richtig atmen. Vor allem war dieser komische Druck weg. Auf einmal kippte sie einfach zur Seite und rollte sich zusammen. Die Kleine schlief dann fast eine halbe Stunde. Aber seit dem geht es mir wieder richtig gut. Wirklich, mir geht es richtig gut."
Anderson sah Jacob ganz sonderbar an. "Das glaube ich dir gerne. Dein Herz ist wieder vollkommen in Ordnung. So, als wenn da nie etwas dran gewesen wäre. Aber bitte Fritz, übertreibe es nicht gleich wieder. Ich weiß nicht ob das vielleicht wieder kommt", ernst schaute er Jacob an.
Dieser nahm seinen netten Kollegen an der Schulter, schob ihn in Richtung Aufzug. "Komm lass uns Essen gehen. Ich habe einen mörderischen Hunger, Jim. Vor allem aber, das erste Mal seit langer Zeit, auch wieder richtigen Appetit."
Dabei schob Jacob seinen Kollegen ins Treppenhaus. Gemeinsam liefen sie nach unten, um über den Park nach vorn in die Mensa zu laufen. Anderson konnte es einfach nicht begreifen. Jacob lief ein völlig normales Tempo, ohne Atemnot. Vor drei Stunden noch, hatte er im Schneckentempo den Weg von seinem Büro bis in das Bett kaum geschafft.
Tief in Gedanken versunken lief Anderson neben Jacob her. 'Diese 98, war wirklich etwas ganz Besonderes', ging es Anderson durch den Kopf. Schon einige Male war ihm das aufgefallen. Er würde sie genau im Auge behalten. Das Mädchen entwickelte sich wesentlich schneller, als die anderen Kinder. Sie war die Erste die saß, die Erste die krabbelte, die Erste die stand. Sie war auch das einzige Kind, das versucht hatte zu kommunizieren. Sie versuchte immer zu verstehen, was man von ihr verlangte. Die auch deutlich machte, was sie wollte und was nicht. Sie hatte einen eisernen Willen und ging konsequent, einen eingeschlagenen Weg bis zum Ende.
Vor allem übernahm sie für andere Verantwortung. Ein untypisches Verhalten, für ein so kleines Kind. Klar setzten Kinder mit anderthalb Jahren oft ihren Kopf durch. Aber das betraf nur Sachen, die für sie selber wichtig waren. Es war allerding nicht nur einmal vorgekommen, dass 98 sich für andere einsetzte.
So erst vor ein paar Tagen, es war noch keine Woche her. Da saß ein Junge aus der Serie 8, die Nummer 84, schaukelnd in seinem Bett. Egal was Walli versuchte, er hörte nicht auf mit schaukeln. Anna die schnell mal zu einem Kind mit Problemen gerufen wurde, da sie fast immer Zugang zu den Kindern fand, ging zu ihm. Versuchte heraus zu bekommen, was er für ein Problem hatte.
Plötzlich fing 98 an zu schreien. Erst dachten alle, 98 schimpfte mit Anna, weil die zu den Jungen gelaufen war. Dass sie nur eifersüchtig war. Anna begriff sofort, dass 98 ihr etwas sagen wollte, aber nicht wusste wie. Die Schwester erkannte es an der Art, wie 98 schrie. Also ging Anna zu 98 hin, holte sie aus dem Bett und setzte sie zu 84 ins Bett. Da krabbelte das kleine Mädchen, zu ihrem Freund und nahm ihn einfach in den Arm. Sofort hörte er Junge auf zu schaukeln. Beide unterhielten sich leise in ihrer Sprache. Anna setzte sich zu den Beiden aufs Bett, erkundige sich bei 98, was denn los sei, da keines der anderen Kinder mit den Schwestern sprach.
"Was ist mit ihm, kannst du mir erklären, was er hat?"
Das kleine Mädchen sah Anna fragend an. Anna zeigte auf den Jungen, machte ein fragendes Gesicht, zog die Schultern dabei etwas hoch, dann streichelte sie ihn. Die Kleine hielt das Köpfchen schräg, als wenn sie überlegte, was Anna von ihr wollte. Nach einer ganzen Weil, begriff sie wohl, dass Anna bei dem Jungen Hilfe brauchte. 98 zeigte erst auf den Bauch und dann auf den Kopf von 84. Mit ihren Fingern auf ihre Augen. Anna verstand aber nicht, was 98 ihr mit diesen Gesten sagen wollte und auch keine der anderen Schwestern.
Die kleine Maus sagte zu 84. "Nikyta, sadfim. Lyn ralo, drö. – Mein Freund, krank. Leg dich, helfe dir."
Allerdings verstand außer 84 niemand was sie sagte.
Der Bub legte sich hin und 98 legte ihre Hände auf seinen Bauch. Auf einmal glühten diese auf. Es hat den Eindruck, als ob der Bub erleichtert aufatmet. Diese Prozedur, dauerte drei oder vier Minuten. Dann legte sich 98 neben ihn, blieb einfach regungslos liegen. Zehn Minuten später, stand sie wieder auf und krabbelte zu Anna.
Mit schiefgehaltenen Kopf, sagt sie auf den Jungen zeigend. "Nikyta, huna.- Freund Hunger."
Anna verstand es allerdings nicht. Da zeigte sie ihr, dass sie auf den Arm genommen werden wollte. Anna hob sie hoch und 98 zeigte nach vorn. Um herauszubekommen, was die Kleine wollte, folgte Anna dem Fingerzeig. Lief einfach in die Richtung in die 98 zeigte. Das Mädchen führte sie in die Kochecke, in der die Mahlzeiten für die Kinder zubereitet wurden.
"Nikyta, huna.- Freund Hunger", wiederholte dieses kleine schlaue Mädchen.
Zeigte in das Regal, in dem die Dosen mit dem Brei standen. Sie versucht Anna zu erklären, warum der Junge solch ein Hunger hatte.
"Lyn, nikyta lyn. – Klein, Freund groß." Sie zeigte auf sich und in die Richtung des Jungen.
"Ich verstehe dich nicht. Der Junge ist dein Freund. Heißt das?"
Nummer 98 schüttelte den Kopf. Wieder zeigte sie der Schwester etwas. Doris neugierig geworden, was die Kleine wollte, trat auf Anna und 98 zu. Da zeigte 98 auf Anna, dann auf Doris, die wesentlich größer war als Anna.
"Dika lyn, nikyta lyn. Nikyta huna.- Schwester klein, Freundin groß. Freund Hunger."
In diesem Moment fiel es Doris wie Schuppen von den Augen. "Anna, die Kleine will dir erklären, der Junge hat Hunger. Er ist größer als 98. Dadurch braucht mehr zu essen. Ihm tut vor Hunger der Bauch weh. Stimmt’s meine Kleine?"
Lyn verstand die vielen Worte von Doris überhaupt nicht. Aber Anna verstand es jetzt.
"Lyn, huna heißt Hunger?", damit zeigt sie auf die Dosen, dann auf ihren Bauch.
Das Mädchen nickte.
"Deine Freunde brauchen mehr zu essen", dabei machte sie die Bewegung des Essens nach.
Wieder nickte 98.
Anna gab dem kleinen schlauen Mädchen einen Kuss. "Doris, rufe bitte mal Zolger runter. Der muss das sofort ausmessen. Oh mein Gott. Die Kinder wachsen so schnell, die brauchen wahrscheinlich viel mehr Nahrung, als wir ihnen geben. Mach schnell, wir können unsere Kinder doch nicht Hungern lassen. Frida du machst den Buben erst einmal 50 Gramm. Dann entscheiden wir, was die Kinder alle mehr bekommen müssen. Danke Lyn, dein Freund bekommt einen Brei."
Obwohl 98 bestimmt nicht alles verstanden hatte, was Anna erklärte, schien sie zufrieden zu sein. Denn sie ließ sich wiederspruchlos ins Bett bringen.
Nur durch 98 bekamen sie heraus, dass fast alle Kinder hungerten. Bei Nummer 84 war das Mango besonders schlimm, genau wie bei 91. Dort erzählten später die Spätschichtschwestern, dass Nummer 98 seit Tagen ihren Brei nur zu einem Drittel aß, den Rest immer ihrer Freundin gab. In dem sie, wenn keiner hinsah, die Teller mit 91 tauschte. Die Schwestern hatten sich nichts dabei gedacht, dachten die Kleine hat keinen Hunger.
Statt den gegebenen einhundertfünfzig Gramm pro Mahlzeit, brauchten die Kinder dreihundert Gramm. Bei Nummer 84 wie auch bei 91, die zu den größten Kindern in der Gruppe gehörten, lag der Bedarf sogar bei vierhundert Gramm. Die Kinder mussten also richtig gehend hungern. Es gab noch einige solcher Sachen, bei denen 98 half das Problem zu erkennen. Die anderen Kinder, ergaben sich einfach ihrem Schicksal. Nummer 98, machte sich stets für die Anderen stark. Obwohl sie mit Abstand die Kleinste und Zierlichste war, kämpfte sie für ihre Freunde. Vor allem hatte sie einen Weg gefunden den Schwestern zu zeigen, dass hier etwas nicht stimmte. Oft war es sogar so, dass 98, Anna darauf aufmerksam machte, wenn mit jemand etwas nicht in Ordnung war. Durch ihr Schreien, sagte sie den Schwestern oft, bitte helft, hier geschieht ein Unglück, so wie bei Nummer 12.
Zwei Wochen war es ungefähr her, als diese Sache passierte. Nummer 12 hatte sich beim Schlafen den Fuß ganz unglücklich in der Laufschiene des Gatters verklemmt. Keinen Ton gab der kleine Junge von sich. Er legte sich einfach so hin, dass die Schmerzen nicht so groß waren. Nummer 98 die am anderen Ende des Raumes in ihrem Bett lag und schlief, fing urplötzlich ohne sichtbaren Grund an zu schreien. Dann rüttelte sie wie eine Verrückte, an den Stäben ihres Bettes. Erst dachten die Schwestern, dass sie etwas Schlimmes geträumt hätte und versuchten sie zu beruhigen. Da keiner das Mädchen beruhigen konnte, holte man nach fast einer Stunde Anna. Die Einzige mit der 98 sprach und die Einzige die es schaffte 98 zu beruhigen.
Anna noch halb schlafend, betrat das Kinderzimmer und hörte ihren Schützling panisch schreien. Sofort war sie hellwach und rannte nach hinten zum Bett von 98. Diese zeigte wie wild auf das Gatter und dann nach oben. Sie wollte aus dem Bett. Anna verstand sofort, dass 98 ihr etwas zeigen musste. Also öffnete sie das Bett, nahm 98 auf den Arm. Diese zeigte wie verrückt nach vorn. Anna folgte der Richtung bis sie vor dem Bett von Nummer 12 stand und das Gatter öffnen wollte. Immer wieder schüttelte 98 mit dem Kopf und zeigte auf das andere Gatter. Das Gatter, was sonst nie geöffnet wurde. Als Anna trotzdem das Hauptgatter öffnen wollte, drehte und wendete sich 98 wie eine Verrückte in deren Arme. So dass Anna beide Hände brauchte, um ihr Mädchen festzuhalten. Als die Kleine sich beruhigt hatte, ging Anna mit der Kleinen auf den Arm, zum anderen Gatter und öffnete dieses. Schnell setzte sie 98 ins Bett. Nur gut, dass sich die Kleine so durch gesetzt hatte.
Die Maus krabbelte sofort an das Gatter und zeigte fordernd auf das Gatter, um Anna auf etwas aufmerksam zu machen. Erst in diesem Augenblick entdeckte Anna den eingeklemmten Fuß, der schon dunkelblau verfärbt und dick angeschwollen war. Hätte Anna oder eine der anderen Schwestern das Hauptgatter geöffnet, hätte das Gatter den Jungen den Fuß wahrscheinlich abgetrennt. Da dieser in der schafkantigen Laufschiene verklemmt war. Die waren Gatter unwahrscheinlich schwer und wurden deshalb, durch Zuggewicht automatisch nach oben gezogen, sobald man die Verriegelung öffnete und fuhren die Gatter nach oben. Waren die Gatter einmal in Bewegung, konnte man diese nicht mehr anhalten. Nur eine Stunde später, wäre der Fuß von Nummer 12 für immer verloren gewesen. Da die Blutzirkulation durch das lange abklemmen, fast gänzlich unterbrochen war. Keiner der Schwestern konnte sich erklären, wie es der Bub geschafft hat sich den Fuß so in der Schiene zu verklemmen.
Die Kleine rettete ihrem Freund mit ihrer Schreiattacke, nicht nur den Fuß, sondern auch das Leben. Keiner der Schwestern konnte nachvollziehen, woher das Mädchen wissen konnte, was mit dem Bub war. Von ihrem Bett aus, war sie gar nicht in der Lage etwas zu erkennen. Seit dem Tag, reagierten alle sofort, auf die Schreie von 98. Man bekam schnell mit, dass diesem Schreien keine böse Absicht zugrunde lag, sondern es sich um Hilferufe handelte. Das die Kleine noch nicht wusste, wie sie das anders ausdrücken konnte. Ihr fehlten einfach die Worte.
"So nachdenklich." Fragte Jacob als sie durch den Park in Richtung Mensa gingen.
Anderson nickte. "Na ja, ich glaube schon. Mir geht immer noch das kleine Mädchen durch den Kopf. Die Kleine Fritz, ist eigenartig. Das wirst du bald merken. Manchmal erschreckt uns ihre Aufmerksamkeit regelrecht. Schon einige Male hat sie ihren Kameraden das Leben gerettet. Aber das können wir gleich beim Abendessen bereden. Die anderen haben bestimmt auch noch einige Geschichten, die sie dir erzählen möchten. Vor allem, gibt die Kleine uns immer wieder neue Rätsel auf."
Endlich erreichten die Beiden das Hauptgebäude und gingen in die Mensa. Sie konnten sich nicht weiter unterhalten. Jacob wurde von allen Seiten herzlich begrüßt. Auch Mayer kam erfreut auf Jacob zu, als er in der Mensa ankam, um schnell einen Kaffee zu trinken. Er musste vor den Abendessen noch einiges erledigen und war erfreut Jacob so munter zu sehen.
Deshalb lief er auf ihn zu. "Na sag mal Fritz, du siehst aus, als ob es dir wieder gut geht", erleichtert klopfte ihm Mayer auf die Schulter.
Jacob reagierte völlig ungewohnt für Mayer. Er ging etwas in die Knie. "Nicht so tolle Sigmar, du schmeißt mich doch um", scherzte er lachend und breit grinsend, in das erschrockene Gesicht Mayers schauend.
Kopfschüttelnd sah dieser Jacob an, der sich vorgestern kaum auf den Beinen halten konnte. Heute aber so tat als, wenn nichts wäre.
"Was ist denn mit dir passiert?", fragend sah er erst Jacob, dann Anderson an.
"Ich glaube Sigmar, dass Lyn ein kleines Wunder vollbracht hat. Aber frage mich nicht wie, ich kann es nicht erklären. Sie kam mich heute besuchen und danach ging es mir wieder gut. Jim hat mich grad untersucht. Frag ihn selber, wenn du mir nicht glaubst."
Mayer starrte Jacob ungläubig an. Was er da zu hören bekam, konnte er nicht fassen. Er sah Anderson an, der bestätigend nickte. So setzten die Männer sich an den Tisch, um zu Abend zu essen. Selbst Mayer, der wieder einmal unter Zeitdruck litt, setzte sich einen Moment, um mit zureden und zuzuhören. Man schwatzte, man lachte und vor allem war man erleichtert darüber, dass es Jacob sichtbar besser ging.
Viele kleinere Geschichten von 98 wurden erzählt, lustige aber auch einige sehr ernste, wie die mit der Nummer 12 und 84. Ein Rätsel blieb allem im Kopf, woher wusste die Kleine immer, wenn etwas passiert war? Sie war im letzten Bett in der hintersten Ecke und konnte den Raum gar nicht einsehen.
So verging der Abend wie im Flug. Am nächsten Morgen um 5 Uhr, lief zum Erstaunen aller, der Chefarzt mit Mayer zusammen die gewohnte Runde. Jacob selbst konnte es nicht glauben. Erholt und voller Elan, begab sich Jacob wieder in den Dienst. Entließ den dankbaren Anderson aus seiner Verantwortung. Ab diesen Morgen kümmerte sich der Chefarzt, wieder selber um alle anfallenden Aufgaben. Vor allem beobachtete er aufs Genauste, die kleine Lyn.
Über vier Wochen waren seit der Genesung Jacobs vergangen, die Kinder wuchsen und gediehen. Kontinuierlich wurden die Kinder untersucht, gemessen und gewogen. Zolger testete ständig aus, ob der Nahrungsbedarf noch mit den verabreichten Mengen übereinstimmte. So dass die Kinder nicht wieder hungern mussten. Knappe zwei Monate waren die Kinder jetzt alt, hatten einen Entwicklungsstand von etwa fünf Jahren erreicht.
Jacob entwickelte in den letzten vier Wochen Tücher, die es ermöglichten, bei Bedarf, das Licht im Kinderraum anzumachen. Die Tücher die Anna hatte von Mayer besorgen lassen, brachten nicht den gewünschten Effekt, die Augen der Kinder zu schonen. Durch die neuen Tücher, konnten die Augen der Kinder endlich ausreichend geschützt werden. Schnell gewöhnten sich die Kinder an die Tücher und sahen diese nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung an. Jacob fand noch eine Möglichkeit, wie man das Licht später besser kompensieren konnte. Er hatte schon einen Optiker gefunden, der mit ihm zusammen eine entsprechende Brille für die Kinder entwickelte. Eine Brille war wesentlich ästhetischer als ein Tuch. Nur würden sie damit warten müssen, bis die Kinder ausgewachsen waren. Die Brillen eher anzufertigen wäre heraus geschmissene Mühe und viel zu teuer. Die Herstellung der Brillen würde nicht billig werden. Da die Kinder unwahrscheinlich schnell wuchsen, erwies sich die Brillenanpassung als ineffektiv.
Durch die Obduktion an den toten Kindern, verstand Jacob die Anatomie der Hundert besser. Auch wurden dadurch der Aufbau und die Funktionsweise der Augen klarer und Jacob wusste dadurch, wie lichtempfindlich diese Augen wirklich funktionierten. Es war unvorstellbar, wie empfindlich diese Augen waren und ihm taten die Kinder in der Seele leid. Sie mussten in den Inkubatoren und nach der Geburt Höllenqualen durchlebt haben. Es war kein Wunder, dass ihnen die Kinder derartig misstrauten und sie kaum jemanden an sich heranließen.
In einem Raum konnte es stockdunkel sein, trotzdem sahen die Kinder so, als wenn es taghell wäre. Diese Lichtempfindlichkeit war durch eine Art Facettenauge möglich. Wie das Auge allerdings in jedem einzelnen Detail funktionierte, konnte noch nicht genau geklärt werden, da die Kommunikation mit den Kindern sehr schwierig war. Dies würde noch viel Forschungsarbeit bedeuten, um das vollständig zu klären. Jacob fand so viele anatomische Unterschiede zwischen den Kindern und normalen Menschen, dass es schwer war vorauszusehen, was auf ihn als Arzt zu kommen würde. Im Moment baute Jacob und Zolger erst einmal an einem Model der Augen, um verständlich machen zu können, wie diese funktionierten. Denn auch die Trainer und Betreuer mussten die Funktionsweise der Augen verstehen, sonst waren bestimmte Übungen mit den Kindern gar nicht möglich.
Zum Glück konnte der Chefarzt durchsetzen, dass die Kinder nicht mehr täglich gemessen und gewogen wurden. So dass diese nur noch bei Beschwerden untersucht wurden. Dieses ständige Vermessen der Kinder, war lästig. Natürlich war es wichtig für dieses Projekt die Entwicklung der Kinder dokumentarisch festzuhalten. Man konnte das an einigen wenigen machen festhalten und musste nicht ständig bei dreiundachtzig Kindern im Detail alles dokumentieren. Dies würde der Entwicklung der Kinder nur schaden. Da die Kinder nicht nur körperlich, sondern auch geistig schneller wuchsen als normale Kinder, musste man auf die psychologische Entwicklung sehr achten. Dieses Vermessen wurde von den Kindern als lästig empfunden, da dadurch der gesamte Tagesablauf unterbrochen wurde. Deshalb legte der Chefarzt fest, dass stets zum Sonntagmorgen alle Kinder zum Wiegen und Messen antreten mussten. Damit konnten alle leben und die Dokumentation wurde trotzdem für das Institut erledigt.
Die Kinder hatten sich im Allgemeinen sehr gut entwickelt. Es war jedoch erstaunlich, dass keins der Kinder sprach. Anfänglich dachte Jacob, dass es vielleicht Sprachstörungen gab. Dies war allerdings nicht so. Auf Fragen antworteten die Kinder alle ohne Zögern. Jedoch untereinander sprachen sie nie. Alle waren leise, schwiegen sich an. Nur in Augenblicken in denen sie sich unbeobachtet fühlten, flüsterten sie miteinander. Es war immer eigenartig still, im Kinderraum. Diese Ruhe wurde nur durch Nummer 98 unterbrochen, die durch Schreien auf irgendetwas aufmerksam machte.
Jacob versuchte immer wieder mit der kleinen 98 zu sprechen, die sich selber immer Lyn nannte. Er hatte mittlerweile die Sprache der Kinder gelernt, die aufs Äußerste gewöhnungsbedürftig war.
Lyn bedeutete am Satzanfang, kleingebliebene oder Kleine, am Satzende großgewachsen oder Große. Je nach dem, was für Worte noch verwendet wurden. Die Sprache war im Grunde sehr einfach. Es gab keine Grammatik - wie die Beugung der Worte oder Zeitformen. Wie in unserer Sprach die Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft, alles spielte ich in einer Zeit ab. Diese Sprache war sehr unkompliziert gehalten, es gab für viele Dinge nur einen Begriff, der oftmals einen ganzen Satz bildete. Sere bedeutete auf der einen Seite: wie geht es dir, bist du gesund oder wie ist dein Gesundheitszustand. Auf der anderen Seite, wieder abhängig davon ob das Wort vor oder hinter dem Namen stand: du bist krank, fühlst du dich krank oder du siehst krank aus. Es gehörte eine Menge Fantasie dazu, um zu verstehen, was Lyn ihm erzählte. Das allerdings spornte den Arzt an, es forderte ihn. Die Sprache war oft eine Art Rätselspiel für Jacob, aber es reizt ihn auch, sie zu erlernen. Vor allem wollte er herausfinden, wo sich der Ursprung dieser Sprache befand. Er konnte sich einfach nicht erklären, wieso die Kinder eine eigene Sprache hatte.
Er hatte sich in den letzten Wochen angewöhnt, immer in seiner, wie auch in der Sprache der Kinder zu sprechen. Lyn, korrigierte ihn oder fragte nach, wenn er etwas unklar ausgedrückte. So lernte Jacob die Sprach sehr schnell. Vor allem lernte Lyn dadurch, so die Sprache der normalen Menschen, um vieles schneller als ihre Kameraden. Die sich immer noch weigerten, diese für sie fremde Sprache zu lernen.
Seit ein paar Tagen allerdings, stieß Jacob bei seiner kleinen Freundin auf massiven Widerstand. Lyn wollte jetzt ebenfalls nicht mehr mit ihm sprechen. Traurig dachte er an Lyn. Er hätte gerade jetzt ihre Hilfe dringend gebraucht und wollte seine kleine Freundin um Hilfe bitten.
Es war bereits kurz nach 8 Uhr als Jacob den Raum der Kinder betrat. Prüfend sah er sich nach seinen Schützlingen um, die alle an die Gitterstäbe kamen. Alle wollten ihre morgendliche Streicheleinheit. Schnell war dieses Streicheln zu einem lieben geworden Ritual geworden. Dass der Chefarzt jeden Morgen am Bett eines jeden Kindes erschien, um es zu begrüßen und ihm kurz über die Wange zu streicheln, war der Beginn eines jeden Tages. Erst dann begann er seine tägliche Visite.
Am Anfang wollte das einige der Kinder nicht. Sie ließen wie Lyn nicht zu, dass er ihr Gesicht berührte. Jacob akzeptierte das und streichelte diesen Kindern halt nur die Hand. Auf diese Weise, baute der Chefarzt nach und nach Vertrauen auf und wurde von den Kindern akzeptiert. Mittlerweile allerdings, warteten alle auf diese Streicheleinheit. So, als wenn es eine zum allmorgendlichen Ablauf gehörte. Fast fünfundvierzig Minuten braucht Jacob deshalb, bis er hinten bei Lyns Bett ankam.
"Guten Morgen Lyn, wie geht es dir? Lyn sere?", wollte er von ihr wissen.
Lyn schwieg, wie schon seit ein paar Tagen. Jacob konnte es sich nicht erklären. Er machte das Gatter hoch und setzte sich auf das Bett von Lyn. "Was hast du denn mein kleines Mädchen? Was habe ich dir getan, dass du nicht mehr mit mir sprechen willst?", fragte sich Jacob selber laut und sah Lyn dabei traurig an.
Lyn hielt wie so oft, wenn sie etwas nicht verstand oder nachdenklich war, das Köpfchen schief. Jacob war immer noch irritiert, von der schnellen Entwicklung der Kinder. Nicht nur von der körperlichen, die konnte er noch verstehen. Ihn verblüffte vor allem die geistige Reife der Kinder. Es war schon ein eigenartiges Gefühl, da saß ein zwei Monate altes Kind vor ihm, das aussah wie ein fünfjähriges Mädchen, die anderen wirkten noch älter, durch ihre Größe und Kompaktheit. Es war nicht zu begreifen, welchen Fortschritt die Kinder in der kurzen Zeit gemacht hatten.
Alle, wirklich alle konnten schwimmen, laufen, damit war das sportliche Laufen gemeint. Vor ein paar Tagen war Jacob mit den Kindern unten in der Turnhalle, auf der 6/lila einige Runden gelaufen. Er war immer schon ein sehr guter Läufer, aber nach drei Runden, konnte er das enorme Tempo der Kinder einfach nicht mehr mithalten. Alle Kinder konnten schon mindestens eine Bahn, im fünfzig Meter Schwimmbecken tauchten. Die meisten sogar eine noch längere Strecke. Lyn schaffte drei ganze Bahnen, das waren einhundertfünfzig Meter. Seit einigen Tagen übten die Kinder das Bogenschießen. Oft liefen sie nur aus Spaß über den Hindernisparcours und mussten sich mit kleinen weichen Bällen gegenseitig abwerfen. Desweiter bewegten sie sich mit einem erstaunlichen Geschick, in dem künstlichen Moor.
Jacob hatte es einmal versucht und war kläglich gescheitert. Nach fünf Metern musste ihn der Ausbilder aus dem Moor herausholen, an den Sicherungseilen zog man ihn an den Rand des Beckens. Der Sog in dem Moor war so stark, dass er ihm nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Wäre er nicht gesichert gewesen, wäre er jämmerlich ertrunken. Immer wieder fragte sich Jacob, wo die Kinder diese wahnsinnige Kraft hernahmen. Verdammt noch mal, eigentlich waren sie vom Alter her, noch Säuglinge. Sogar solche schwierigen Bewegungsabläufe wie Klimmzüge, Saltos, Rollen, Handstand und selbst im Handstand laufen konnten diese Kinder schon. Es war der blanke Wahnsinn, wie viel Muskulatur diese Kinder in den nicht einmal 9 Wochen aufgebaut hatten. Richtige kleine Muskelpakete waren sie geworden.
Die fünf Sportschwestern waren nach zwei Wochen mit dem vorgegebenen Trainingsprogramm zu Ende und hatten das Ausbildungsziel erreicht. Deshalb gingen sie in der Ausbildung weiter und begannen mit den schwierigeren Übungen, wie Judorolle, Spagat, selbst einen Flickflack, brachten sie den Kindern schon bei. Das Springen über Böcke, das Turnen an den Ringen und am Reck, selbst Übungen am Schwebebalken, waren kein Problem. Die Kinder besaßen einen riesigen Bewegungsdrang, den keiner begreifen konnte. Vor allem aber hatten die Kleinen eine Auffassungsgabe, die unbeschreiblich war. Jeder Bewegungsablauf brauchte nur einmal erklärt werden, schon begriffen die Kinder wie es funktionierte und halfen sich gegenseitig solange, bis es alle gleichgut konnten.
Jacob holte sich in die Realität zurück, da er weit weggewandert war, mit seinen Gedanken. Lyn war in der Zeit in dem der Arzt seinen Gedanken nachhing, zu ihm heran gekommen und hatte sich einfach auf seinen Schoss gesetzt, um mit ihm zu schmusen. Das brachte Jacob zurück in die Wirklichkeit.
"Lyn, warum redest du nicht mehr mit mir?", erkundigte er sich bei seinem kleinen Mädchen.
Lyn sah ihn mit großen Augen an, ganz leise, so dass es niemand außer Jacob hören konnte, flüsterte sie. "Nikyta raiko. – Meine Freunde sind böse mit mir."
Jacob sah erschrocken zu Lyn. "Warum sind deine Freund böse? Weil du mit mir redest?"
Lyn sah sich um, dann nickt sie ganz wenig.
"Warum?"
Lyn antwortete nicht mehr. Jacob wurde sofort klar warum. Er spürte plötzlich die Blicke der anderen Kinder. Als er sich in den Raum umsah, hatten sich fast alle zu Jacob und Lyn gedreht. Also traute sie sich nichts mehr zu sagen. Der Arzt drang auch nicht mehr in Lyn ein. Allerdings hatte er ein Anliegen an Lyn, dass er mit ihr besprechen wollte.
"Lyn, ich wollte dich eigentlich etwas fragen. Ich bräuchte dringend deine Hilfe. Wir haben hier, außer euch noch ein Mädchen im Objekt. Die Kleine ist seit einigen Tagen schwer krank. Verstehst du, was ich sage?"
Lyn nickte, sah Jacob mit schiefgehaltenen Köpfchen an.
"Du hast hier schon ein paar deiner Freunde gesund gemacht und mich auch. Könntest du mal mit zu Ilka kommen, so heißt das Mädchen. Vielleicht kannst du ihr helfen. Ihr geht es richtig schlecht und ich weiß mir keinen Rat mehr", bittend sah Jacob Lyn an, die nickte sofort.
Lyn erhob sich und holte ihr Band vom Kopfende. Dort lag es ordentlich auf der Zudecke und zog es über die Stirn. Damit fertig ging sie zum Gatter des Nachbarbettes, an dem Nummer 91 stand.
"Nikyta drö. – Freund helfen.", sprach sie zu ihrer Freundin.
Diese nickte, streichelte ihr Gesicht.
Jacob sah Lyn an. "Lyn heißt das, du hilfst dem Mädchen?", der sich nie sicher war, was die Antworten hießen. Zu oft hatte er sein kleines Mädchen schon falsch verstanden.
Die Kleine nickte, hielt Jacob ihre Händchen hin. Jacob nahm Lyn an der Hand und lief mit ihr nach vorn zur Tür. Dem Arzt entging nicht, dass ihnen viele böse Blicke folgten. Das irritierte ihn sehr. Diese Situation war äußerst ungewöhnlich. Die Beiden waren schnell aus dem Raum heraus und durch die Sicherheitstür des Kinderbereiches. In diesem Bereich angekommen blieb Jacob stehen. Er war sich sicher, dass hier die Anderen bestimmt nichts mehr hören konnten. Er hockte sich vor Lyn und wollte endlich Klarheit, über dieses Verhalten der anderen Kinder, das er nicht verstand.
"Lyn, warum sind deine Kameraden böse mit dir? Ich verstehe es nicht."
Lyn zögerte einen Moment und sah zu ihren Füßen. Dann sah sie Jacob an. "Doko, ich soll nicht mehr mit dir reden. Weil du genauso bist, wie die anderen. Ich bekomme wieder Ärger mit den anderen", erklärte sie mit so viel Traurigkeit in der Stimme, dass es Jacob das Herz zerriss.
"Ich verstehe nicht warum, Lyn. Kannst du es mir bitte erklären. Ich bin doch zu allen immer lieb gewesen. Kannst du versuchen es mir zu erklären?"
Lyn sah Jacob an und nickte. Dabei kullerten Tränen über ihr Gesicht. Das Sprechen fiel ihr sichtbar schwer, weil sie ein Schluchzen unterdrücken musste. "Weil wir anders sind. Ihr sperrt uns ein. Wir dürfen nie aus den Käfigen und zu unseren Freunden. Nur dann, wenn wir zum Training gehen müssen, lasst ihr uns heraus. Das ist nicht nett von euch", sprach Lyn mit jedem Wort wütender werdend.
Jacob blickte erschrocken zu seiner kleinen Freundin. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Lyn recht hatte. "Oh mein Gott", stöhnte der Chefarzt auf. "Lyn, warum sagt ihr uns das nicht. Oh nein, mein Mädchen, das ändern wir sofort. Ich sorge dafür, dass die Gatter sofort aufgemacht werden und für immer offen bleiben. Das verspreche ich dir. Lyn das war unbewusst. Verstehst du. Ihr wachst so verdammt schnell, dass wir überhaupt nicht darüber nachgedacht haben. Komm!"
Kurz entschlossen stand Jacob auf. Mit Entsetzen wurde ihm bewusst, dass Lyn mit ihren Vorwürfen recht hatte. Es war wirklich so, dass die Kinder den ganzen Tag in ihren Boxen hocken mussten. Wenn er ehrlich sein sollte, war ihm das gar nicht bewusst gewesen. Schnell erreichten sie die nächste Kreuzung.
Jacob ging zu dem Telefon, wählte die Nummer 0001, von der Rettungstruppe.
"Rett...", weiter kam die Zentrale nicht sich zu melden, denn der Chefarzt unterbrauch den Diensthabenden sofort.
"Hier Jacob, sagt mal Jungs könnt ihr mich sofort mit der 6/blau verbinden? Wenn dort telefoniert wird, unterbrecht ihr das Gespräch. Es ist dringend. Mir ist gerade etwas Furchtbares bewusst geworden."
Der Telefonist von der Zentrale, antwortete sofort. "Natürlich Genosse Oberstleutnant", bestätigte der Diensthabenden.
Sofort wurde die Verbindung zum Kinderraum hergestellt. "Schwester Do….", weiter kam Doris nicht.
"Doris, hier ist Fritz, bitte höre zu. Ich habe mich gerade mit Lyn unterhalten. Weißt du, dass wir ein gewaltiges Verbrechen, an den Kindern begehen. Leute ihr müsst auch einmal mit auf solche Dinge achten. Mir entgeht auch manchmal etwas. Wisst ihr warum Lyn, nicht mehr mit Anna und mir redet. Die Kinder sind bitterböse mit uns. Sie mögen es nicht mehr, eingesperrt sein. Leute ihr macht sofort die Gatter alle auf, so dass die Kleinen sich frei bewegen können."
Erschrocken hörte man Doris stöhnen. "Oh mein Gott. Soweit haben wir nicht gedacht. Ich veranlasse das sofort. Keine Angst", die Verbindung wurde unterbrochen, weil Doris den Höre aufgelegt hatte.
"Danke Doris", aber das bekam die Schwester schon nicht mehr mit.
Jacob legte nun auch auf und wandte sich an seine kleine Freundin. "Lyn, siehst du, so können wir euch nur helfen. Aber wenn ihr alle nichts sagt, dann wissen wir gar nicht, warum ihr mit uns böse seid oder das wir etwas falsch gemacht haben. Verstehst du. Doris macht alle Gatter hoch, so dass deine Freunde sich frei bewegen können. Es tut mir leid. Das war ohne Absicht."
Lyn begriff nicht die Hälfte von dem, was Jacob ihr sagte. Sie verstand wie alle anderen Kinder, immer noch nicht vollständig die Sprache der Anderen. Vor allem, wenn sie so schnell sprachen, wie es Jacob gerade tat. Aber eins begriff sie, dass die Gatter aufgemacht wurden.
"Gatter auf?", harkte sie nach.
Die Tränen waren längst vergessen und ein kleines winziges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Lyn wurde sich bewusst, dass sie wieder einmal Recht behalten hatte. Die anderen sagten, es hätte keine Zweck mit denen zu reden. Allerdings bewies das Öffnen der Gatter wieder einmal, dass man es tun musste, um Veränderungen zu erreichen.
Jacob nickte, streichelte der Kleinen über die Wange. "Natürlich, komm lass uns zu Ilka gehen."
Beide liefen Hand in Hand weiter nach vorn zum Haus 2 und stiegen die Treppe nach oben zu Mayers Wohnung.
Jacob klingelte. Fast sofort öffnete Reimund, der Betreuer von Ilka, die Tür.
"Gut, dass sie kommen Herr Doktor. Ich wollte sie gerade anrufen. Ilka geht es gar nicht gut. Sie hat wieder hohes Fieber, ich weiß bald nicht mehr, was ich machen soll", klagte er Jacob sein Leid. "Was will die denn hier?", schnauzte Reimund los, als er das Kind entdeckte, dass Jacob an der Hand hielt. "Doktor, die kommt hier nicht herein. Diese Kreaturen, sollen unten auf ihrer Station bleiben", sprach Reimund zum Entsetzen des Arztes in einem mehr als barschen Ton.
Jacob sah den Betreuer von Ilka, erschrocken an. Dieser sprach diese Worte mit so einer Menschenverachtung aus, dass es Jacob eiskalt den Rücken herunter lief. Obwohl der Chefarzt immer der Meinung war, das Reimund ein sehr nette hilfsbereiter und loyaler Kollege war. Noch nie hörte man auch nur ein böses Wort, aus dessen Mund.
"Reimund, was soll diese Ausdrucksweise? Vor allem vor dem Kind. Schämen sie sich überhaupt nicht?", fuhr Jacob diesen jetzt an. Reimund ließ Jacob nicht durch die Tür und blockierte die selbige sogar mit dem Fuß.
"Doktor Jacob, diese Kreatur kommt hier nicht über die Schwelle. Diese Missgeburten haben hier oben in den privaten Bereichen, nichts zu suchen. Das hat der Chef mir versprochen."
Jacob war fassungslos und nahm Lyn auf den Arm. Er wollte die Wohnungstür nach innen aufdrücken, um an ein Telefon zu gelangen.
"Darf ich kurz euer Telefon benutzen, Reimund?", der Betreuer schüttelte den Kopf und drückte vor Jacobs Nase, die Tür einfach mit Gewalt zu.
Der Chefarzt konnte nicht glauben, was ihm hier passierte. "Komm Lyn, wir gehen nach vorn in das Hauptgebäude. Von dort aus kann ich telefonieren", sofort setzte er Lyn auf den Boden.
Erst jetzt entdeckte er die Tränen, die Lyn schon wieder über die Wangen liefen. Erschrocken setzte er sich auf die Treppe und zog das kleine weinende Mädchen, auf seinen Schoss und in seine Arme.
"Lyn, komm her meine Maus. Warum weinst du? Wegen dem, was der Mann gerade gesagt hat."
Lyn nickte schniefend.
"Lyn der Mann ist dumm. Ich habe keine Ahnung, was der sich dabei denkt und was in drei Teufels Namen, in dessen Kopf los ist. So etwas sagt man nicht über euch, nicht, solange ich hier etwas zu sagen haben."
Lyn schüttelte weinend den Kopf. "Alle sagen von uns", sprach sie mit verweinter Stimme.
"Wer sagt das von euch, Lyn?", Jacob blickte entsetzt, zu seinem kleinen Mädchen.
"Betreuer, sagen das. Weil das sagen. Lyn nicht mehr reden soll mit Doko", weinend und schluchzend lag Lyn, in den Armen ihres Doktors.
Der Arzt brauchte einen Moment, ehe er verstand, was Lyn zum Ausdruck gebracht hatte. "Ich kann das nicht fassen. Lyn, warum sagst du mir so etwas nicht."
Lyn weinte so schlimm, dass sie nicht antworten konnte. Ihr ganzer Körper wurde von den Weinkrämpfen geschüttelt.
Jacob versuchte das kleine erst zwei Monate alte Mädchen zu beruhigen. "Komm höre auf zu weinen. Ich kläre das hier sofort. Wenn ich das noch einmal jemanden sagen höre, dann gibt es richtig Ärger", versprach der Chefarzt ihr und stand auf, um an Mayers Tür zu klingeln. Diese wurde aber nicht geöffnet, also klingelt der Arzt Sturm. Fast fünf Minuten musste der Chefarzt klingeln. Plötzlich hörte er den Aufzug. Böse schimpfend wurde die Tür aufgerissen.
"Was zum Teuf… Ach du bist es, wieso klingelst du eigentlich wie ein Verrückter. Meine Kleine ist krank, was soll das Fritz?"
Jacob war jetzt richtig gehend sauer. Er war kurz vor dem platzen. "Ich würde nicht sturmklingeln, wenn mir jemand aufmachen würde, Sigmar. Was das hier alles soll? Das möchte ich auch gern von dir wissen. Kann ich dich bitte unter sechs Augen sprechen. Lyn komm."
Lyn wollte aber nicht mehr in diese Wohnung. Sie stand kopfschüttelnd auf der Treppe und hielt sich ängstlich an dem Handlauf fest. Deshalb nahm Jacob das weinende Mädchen kurzerhand auf den Arm und trug diese hinein. Folgte Mayer der in sein Büro gegangen war, ohne auf die bösen Blicke von Reimund zu achten.
"Sigmar, so geht das nicht. Ich möchte, dass sich Reimund jetzt auf der Stelle bei Lyn entschuldigt. Die Kleine hat nichts gemacht, was rechtfertigt würde, dass Reimund ihr gegenüber unhöflich und beleidigend wird. Vor allem, dass er uns die Tür vor der Nase zuschlägt und uns wie begossene Pudel draußen vor der Türstehen lässt. Und das obwohl ich auf einen Krankenbesuch zu deiner Tochter wollte.
Ich glaube ich bin im falschen Film. Oder spielst du ein doppeltes Spiel mit mir. Mir ins Gesicht nett und freundlich, über die Kinder auf der 6/blau reden. Aber hier in deinen vier Wänden, gegen die Kinder hetzend. Was bitte soll das Verhalten von dir?", richtig böse war Jacob geworden.
Er hatte zwar leise gesprochen, aber mit sehr viel verhaltener Wut in der Stimme. Mayer schrak regelrecht vor Jacob zurück, so wütend hatte er den Chefarzt schon lange nicht mehr gesehen.
"Fritz, Hilfe. Ich spiele kein doppeltes Spiel. Warum sollte ich das auch? Guten Tag erst einmal Lyn. Du bist aber groß geworden. Warum weinst du eigentlich?", begrüßte er das kleine Mädchen freundlich. "Fritz, was ist eigentlich los, dass du so wütend bist? Wieso weint Lyn?"
Kurz gefasst erzählte Jacob, was gerade vorgefallen war. Mayer konnte nicht glauben, was er da erfuhr.
"Lyn stimmt das, was dein Doktor erzählt."
Lyn versteckte sich halb hinter Jacob, am ganzen Körper zitternd. Die sowieso sehr scheue Lyn, die mit fremden Menschen immer Probleme hatte, traute sich jetzt gar nicht mehr, etwas zu dem Mann zu sagen, der sie an der Tür gerade so angefahren hatte.
Jacob drehte sich zu seiner kleinen Freundin um und hockte sich vor Lyn hin. "Lyn, kannst du mir erzählen, was die Betreuer zu euch genau gesagt haben?"
Lyn erzählte ihm unter Tränen. "Sagen wir Missgeburten, kein Recht leben. Nicht sein sollen auf Welt. Wir Untiere sein, Dämonen. Was das sein Doko?"
Jacob stand auf und schüttelte ungläubig den Kopf. Aber auch Mayer war entsetzt. "Was sind das für Menschen?", fragend sah der Projektleiter Jacob an.
Dieser war immer noch dermaßen wütend und fuhr böse herum. "Genau solche Menschen wie dein Reimund. Der sagte gerade das Gleiche zu Lyn und in einem Ton. So redet man nicht mit Kindern. Deshalb weint die Kleine ja so. Ich wollte mit ihr zusammen nach Ilka sehen. Lyn wollte sehen, ob sie Ilka helfen kann, damit es ihr endlich wieder besser geht. Da beschimpfte er sie, als Kreatur. Sagte mir frech ins Gesicht, dass du ihm versprochen hast, dass diese Missgeburten hier nicht hereinkommen würden. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein."
Mayer sah Jacob fassungslos an. "Das ist nicht wahr oder? Das hat er nicht wirklich gesagt."
"Doch Sigmar, das hat er gerade gesagt und mir die Tür vor den Kopf geschmissen. Reimund hat mich draußen vor der Tür stehen lassen, wie so ein Dummkopf. Und das obwohl es Ilka nicht gut geht. Was glaubst du eigentlich, warum ich dermaßen Sturm geklingelt habe?", Jacobs Stimmer zitterte vor Wut, so regte ihn das alles auf.
Jetzt reichte es Mayer vollends. Er sprang wütend auf, hatte im Nu den Raum durchquert und riss die Bürotür auf. Es gab nur einen kurzen Brüller, der bestimmt im gesamten Haus zu hören war.
"Reimund, sofort in mein Büro, aber etwas dalli, wenn ich bitten darf", sofort kam Mayer zurück und setzte sich die Haare raufend an seinen Schreibtisch.
Reimund war keine Minute später in dessen Büro. "Was ist?", in diesem Moment entdeckte er Lyn, die Jacob an der Hand hielt und versuchte, sich hinter ihm zu verstecken. "Wenn die hier ist, gehe ich", verkündete er kurz und knapp und wollte den Raum verlassen.
Da passiert etwas, was noch nie passiert war, seit dem Jacob seinen Vorgesetzten kannte. Beide hatten schon einige sehr böse Auseinandersetzungen miteinander gehabt, aber Handgreiflich war dieser noch nie geworden.
Mayer sprang mit einem gewaltigen Satz von seinem Stuhl auf, so dass dieser im hohen Bogen und einem lauten Knall gegen die Wand flog und mit einem unglaublichen Sprung, über den Schreibtisch. Er packte Reimund im Genick und zwang diesen mit aller Macht an die Wand. Lyn fing an vor Angst zu wimmern und versteckte sich hinter dem Aktenschrank in einer Ecke. An der Wand angekommen, dreht Mayer Reimund mit einem schmerzhaften Ruck herum, dass der Betreuer Ilkas ihm jetzt Auge in Auge gegenüber stand. Der Projektleiter justierte Reimund, mit einer Hand am Kehlkopf und einer Hand auf dem Brustkorb, an der Wand. Jacob sah seinen Vorgesetzten an wie die Kuh das neue Tor und wusste nichts zu diesem Szenario zu sagen. Er war einfach sprachlos. Ging deshalb zu Lyn, um diese durch leises Zureden zu beruhigen.
Böse zischte Mayer Reimund an. "Du hörst mir jetzt einmal ganz genau zu, mein Freund. Wer hat dir erlaubt zu gehen? Wer?", sprach Mayer in einem eisigkalten Ton, der Lyn noch mehr in sich zusammenkriechen ließ. Schnell stand sie auf und versteckte sie sich hinter Jacob, um dort Schutz zu suchen. Sie war völlig verängstigt. Mayers Stimme hallte schrill durch das Zimmer, obwohl dieser nicht einmal geschrien hatte. Diese Stimme machte selbst Jacob richtig Angst.
"Das hier mein Freund, auch wenn du viele Freiheiten hast, ist immer noch meine Wohnung. Ich begrüße und beherberge in diesen Räumen, wen ich will und das ohne deine Erlaubnis. Wenn es dir nicht passt, dann werde ich Ersatz für dich suchen. Denke daran, jeder ist ersetzbar, auch du kannst ohne Probleme ersetzt werden. Du lieber Reimund, wirst dich sofort bei diesem kleinen Mädchen entschuldigen und zwar ordentlich. Schämst du dich eigentlich kein bisschen. Die Kleine weint wegen dir", ernst sah er Reimund an. "Sonst mein Freund, bekommst du genau zehn Minuten, um dort unten deine Sachen zu packen und zu verschwinden. Das kann doch alles nicht wahr sein", schwer atmend stand er Reimund gegenüber und atmete den Betreuer seiner kleinen Tochter, schwer ins Gesicht.
Reimund nickte, da er nicht sprechen konnte. Ihm wurde bewusst, dass er seinen Job riskierte. Vor allem eine Stelle, die gut wie nirgends anders bezahlt wurde. Er würde, wenn er sich nicht entschuldigt, nicht nur seinen Job, sondern all den Luxus verlieren. Das wollte er nicht riskieren.
"Tut mir leid", presst er zwischen den Lippen hervor.
Langsam beruhigte sich Mayer etwas und ließ Reimund wieder los. Reimund fiel regelrecht in sich zusammen und auf seine Knie. Der Betreuer Ilkas japste erst einmal nach Luft. Er war so geschockt von dem tätlichen Angriff seines Chefs, denn er nur als friedfertigen Menschen kannte, dass er völlig verunsichert war.
"Entschuldige dich gefälligst anständig. Das kann doch wohl nicht wahr sein…", wiederholte er schwer atmend und vor Wut am ganzen Körper zitternd. "... was du meinen Gästen gegenüber, für ein Verhalten an den Tag legst."
Ernst sah der Projektleiter Reimund an, der nickte. "Tut mir leid Genosse Oberstleutnant, Herr Doktor. Ich habe mich daneben benommen. Tut mir leid Mädchen, ich wollte dich nicht beleidigen. Aber die Betreuer erzählen solche gruseligen Sachen von euch. Ich wollte ja Ilka nur beschützen, Sigmar."
Der war immer noch wütend und ging ans Telefon, wählte die Nummer von 6/blau.
"Schwes…", weiter ließ er Doris nicht reden.
"Schwester Doris, ist Schwester Waltraud abkömmlich auf Station?"
"Ja Genosse Oberstleutnant", antwortet diese sofort.
"Schicken sie mir Waltraud bitte hoch in meine Wohnung. Planen sie diese für den Rest des Tages aus. Ich brauche sie zur Betreuung meiner Tochter."
"Jawohl Genosse Oberstleutnant. Geht es Ilka so schle…"
Mayer hatte aber schon aufgelegt, viel zu wütend über das Vorgefallene, als dass er jetzt ein normales Gespräch führen konnte.
"Reimund, verschwinde aus meiner Wohnung. Ich will dich heute hier nicht mehr sehen. Morgen teile ich dir mit, wie wir weiter verfahren. Hau ab, bevor ich meine gute Erziehung ganz vergessen und dich wirklich richtig verprügele", Mayer ging zur Tür, wies den Betreuer seiner Tochter enttäuscht und außer sich vor Zorn, die Tür.
Reimund begriff, dass er den Bogen völlig überspannt hatte und verließ ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Raum, aber auch die Wohnung des Projektleiters. Mayer dagegen setzte sich erst einmal auf die Kante des Schreibtischs. Er zitterte wie Espenlaub am ganzen Körper.
"Komm beruhige dich, Sigmar. Dein Herz, entschuldige das habe ich nicht gewollt", bemerkte Jacob und blickte sorgevoll zu Mayer.
Lyn kam hinter Jacobs Beinen hervor. Hinter denen sie sich versteckt hatte. Jetzt zupfte sie ihren Doktor am Overall. Dieser beugte sich zu ihr herunter und begriff, dass Lyn auf seinen Arm wollte.
"Komm hoch, meine Kleine. Du musst keine Angst haben, Lyn. Das passiert schon manchmal, dass man sich streitet", Jacob hob Lyn auf den Arm.
Lyn jedoch beugte sich zu seinem Kopf. "Nikyta, drö. – Ich helf Freund", flüsterte sie ihm ins Ohr.
"Du willst ihm helfen?", erkundigte sich Jacob bei Lyn.
Die Kleine nickte, obwohl sie immer noch am ganzen Körper zitterte. Also ging Jacob auf Mayer zu, der immer noch schwer atmend auf der Kante seines Schreibtischs saß und ebenfalls vor Wut zitterte.
Lyn streckte Mayer die Arme entgegen. Völlig verblüfft vom deren Verhalten, nahm er das Mädchen auf den Arm. Das kleine Mädchen legte, so wie sie es bei Jacob vor einem reichlichen Monat gemacht hatte, beide Händchen auf die Brust von Mayer. Verblüfft sah dieser zu ihr und atmete erleichtert auf. Vielleicht vier oder fünf Minuten beließ Lyn ihre Hände dort, als sie auf einmal in sich zusammenrutschte. Mayer der darauf absolut nicht vorbereitet war, hatte Mühe das kleine Mädchen zu halten. Jacob fing die nach hinten wegkippende Lyn auf. Erschrocken nahm der Arzt seine Kleine, auf den Arm.
"Komm leg sie auf das Sofa", bat Mayer leise und zeigte nach draußen.
Zusammen gingen sie in das Wohnzimmer, zu einem der Sofas, auf dem auch Ilka ängstlich weinend lag. Die den Streit zwischen Mayer und ihrem Betreuer mitbekommen hatte. Mayer der so mit sich selber zu tun hatte, konnte in diesem Moment gar nicht an sein kleines Mädchen denken. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass diese alles mit anhörten musste.
"Ach Mäuschen, beruhige dich. Auch Erwachsene streiten sich manchmal. Das ist halt so. Dein Reimund kommt wieder keine Angst, das könnte ich dir gar nicht antun. Hör auf zu weinen."
Ilka sah ihren Vati hoffnungsvoll an.
"Vertrau mir, Prinzessin. Aber das was Reimund sich heute geleistet hat, geht mal gar nicht. Ilka so etwas dulde ich nicht in unserer Wohnung. Hier wird niemand beleidigt, das lasse ich nicht zu."
Ilka nickte. Plötzlich entdeckte sie das kleine Mädchen, um was sich Jacob gerade kümmerte. "Onkel Fritz, was ist mit dem Mädchen? Ist sie tot? War das Reimund?"
Jacob schüttelte den Kopf. "Nein Ilka, das war nicht Reimund. Das Mädchen heißt Lyn. Ich glaube sie hat gerade deinem Vati geholfen. Dem ging es gerade nicht so gut. Er darf sich nicht so tolle aufregen", erklärte er Ilka.
"Aber warum ist sie dann so komisch, Onkel Fritz? Warum trägt sie ein Band? Warum sagt Reimund, solche bösen Dinge über sie?" Ilka streckte den Hals, um besser sehen zu können. Sofort fing sie an zu husten und legte sich lieber wieder zurück.
"Ilka, sie schläft. Sie ist wohl sehr erschöpft. Die viele Aufregung gerade, und das, was sie gerade getan hat, kostet sie wohl viel Kraft", erklärte der Arzt ihr.
Jacob untersuchte Lyn genau. Es war wie vor einem Monat, als Lyn ihm geholfen hatte. Ihr Puls raste wie verrückt und selbst an der Halsschlagader sah man, wie sehr ihr Herz pumpen musste. Erschrocken stellte Jacob fest, dass die Kleine im Moment einen Puls hatte, der zehnmal so schnell war wie normal. Ihre Augenlider flatterten regelrecht und ihr Mund stand weit offen, als ringe sie nach Luft. Fast zehn Minuten dauerte es, bis sich die Kleine beruhigt hatte. Plötzlich schloss sie den Mund und atmete ganz ruhig, weitere zehn Minuten später kam Lyn langsam wieder zu sich. Als sie sich rekelte, zog sie Jacob erleichtert in seine Arme.
"Lyn, du hast mich erschreckt. Was war mit dir? Wieso wurdest du ohnmächtig?"
Lyn kuschelte sich nur schweigend an ihren Doktor.
"Du magst nicht reden meine Kleine?", Jacob streichelte ihr Gesicht, jetzt nickte sie.
"Das kann ich verstehen. Lyn, was der Reimund zu dir gesagt hat, war sehr böse. Er hat kein Recht dazu", erklärte ihr Mayer. "So etwas sagt man nicht, Lyn. Das lasse ich nicht zu."
Lyn zeigte auf ihr Herz. "Wort, tut weh", sagt sie traurig.
"Das kann ich mir vorstellen", bestätigte ihr Mayer und sah Lyn dabei ernst an.
Jacob war immer noch beunruhigt. "Wie geht es dir Lyn? Alles wieder in Ordnung?" Vorsichtig fühlte er ihren Puls, der hat sich wieder völlig beruhigt.
Lyn nickte, wirkte allerdings abwesend. Sie hielt ihr Köpfchen schief und beobachtete Ilka. "Doko, asödoah? Nikyta sadfim, Lyn drö. – Doko, vertraust du mir? Freundin hat hohes Fieber, Lyn will helfen."
Jacob nickte, zu den Worten Lyns.
Mayer jedoch sah völlig verwirrt zu ihm. "Fritz was erzählt die Kleine dir?"
Lächelnd antwortete er Mayer. "Entschuldige, ich denke immer nicht daran, dass außer mir keiner die Kinder versteht. Sie fragte mich, ob ich ihr vertraue? Erklärte mir, dass das Mädchen krank sei und sie ihr helfen will."
Erstaunt blickte Mayer zu Lyn. "Du kannst Ilka helfen?"
Ängstlicher denn je, schmiegte sich Lyn ganz eng an Jacob. Immer noch hatte sie Angst vor dem Mann, der gerade so böse wurde. Dass Lyn ihm geholfen hatte, änderte daran nichts, dass sie sich fürchtete. Schließlich hatte er versucht ihr zu helfen und hatte sich wegen ihr so aufgeregt, dass es sein Herz fast zerrissen hätte. Hilfesuchend und völlig verunsichert, suchte sie den Blickkontakt zu ihrem Freund, dem Arzt.
"Du kannst ihr helfen Lyn?" erkundigte sich Jacob.
Lyn bestätigt dies durch Nicken.
"Sigmar, es ist deine Entscheidung, die kann ich dir nicht abnehmen."
Mayer war mittlerweile egal, wer Ilka half. Er wollte nur, dass es seinem kleinen Mädchen wieder gut ging. Schon seit Tagen litt seine Tochter an unerklärlich hohem Fieber. Er hoffte sehr das Lyn ihr helfen konnte. Lange würde ihr Herz dieses hohe Fieber nicht mehr aushalten.
Mayer kam auf Lyn zu und hockte sich vor sie hin, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. "Wenn du ihr helfen kannst, bitte helfe ihr. Ich habe Angst um mein kleines Mädchen, bitte."
Lyn sah ängstlich zu Jacob hoch. Ihr war das hier alles nicht geheuer. Erst diese bösen Worte von Reimund, dann der Wutausbruch von Mayer. Sie fühlte sich hier nicht wohl. Ängstlich klammerte sie sich an ihren Doktor.
"Ich bleibe in deiner Nähe, Lyn. Ich passe auf dich auf", diese Worte schienen ihr zu genügen.
Lyn stand auf und lief zu dem anderen Sofa, auf dem Ilka lag. Dort kletterte sie mit Hilfe Jacobs auf die Liegefläche, zu dem Mädchen und setzte sich neben sie.
"Hallo Lyn", begrüßte Ilka das kleine Mädchen.
Lyn allerdings schwieg. Nie sprach diese sofort mit Fremden. Immer erst brauchte die Kleine eine gewisse Vertrautheit, um aus sich herauszukommen. Wie alle Kinder unten auf der 6/blau, war sie sehr scheu. Mit schräg gehaltenem Köpfchen, sah sie Ilka lange an und nahm deren Hand. Lange schaute sie zu Mayers Tochter und blickte immer wieder einmal, zu Mayer oder Jacob. Nach über einer halben Stunde regte sie sich endlich wieder. In dieser Zeit, war Mayer immer wieder in Versuchung geraten, Lyn anzusprechen.
Er wurde stets von Jacob mit einem Kopfschüttel davon abgehalten. Jacob hatte das schon einige Male, untern im Raum der Kinder erlebt und Lyn hatte ihm versucht zu erklären, dass sie erst den Grund suchen musste, warum es jemanden schlecht ging. Sie stellte für sich also eine Art Diagnose auf, wie immer sie das auch machte. Erklären konnte sie das Jacob nicht, dazu fehlten ihr einfach die Worte. Plötzlich krabbelte Lyn zum Kopfende des Sofas und legte ihre Händchen auf Ilkas Kopf. Eigenartigerweise entkrampften sich Ilkas Hände. Nach elf Minuten, rutschte Lyn mit ihren Händen, nach unten auf Ilkas Bauch und ließ sie dort für eine sehr lange Zeit. Ilka atmete erleichtert auf. Man sah, dass ihre Schmerzen nachgelassen hatten.
Ganz leise bat Lyn Jacob um Hilfe. "Fat - Umdrehen", man merkte ihrer Stimme an wie erschöpft sie war.
Jacob begriff nicht gleich, was Lyn von ihm wollte. Deshalb versuchte die Kleine Ilka alleine umzudrehen. Erst jetzt verstand Jacob und half ihr Ilka auf den Bauch zu drehen. Sofort legte Lyn ihre Hände auf deren Rücken. In selben Moment fing Ilka an zu brüllen. So als ob sie furchtbare Schmerzen hätte. Sofort stürzte Mayer zu Ilka und wollte das Mädchen von ihr wegreißen. Er wurde von Jacob zurückgehalten.
"Sigmar, lass Lyn. Es ist bestimmt gleich vorbei", beruhigte Jacob seinen Freund.
Keine Minute später hörte Ilka tatsächlich auf zu schreien. Lange noch ließ Lyn ihre Hände im Bereich der Nieren liegen. Über eine Stunde hatte Lyn gebraucht, um dem ihr unbekannten Mädchen zu helfen. Auf einmal holte Ilka tief Luft, atmete gleichmäßig und ruhig. Fast im gleichen Moment kippte Lyn einfach zur Seite weg und fiel, wie ein nasser Sack, in Richtung Boden.
Jacob hatte Lyn die gesamte Zeit mit immer größerer Sorge beobachtet. Er konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie mit dem Kopf auf die Tischkante schlug. Bewusstlos lag Lyn in seinen Armen. Er hob sie hoch und setzte sich mit ihr auf eines der anderen Sofas. Entsetzt hielt er das kleine Mädchen in seinen Armen, deren Atem rasselte und der Puls war viel zu hoch.
Jacob wurde mit einmal bewusst, dass Lyn völlig erschöpft sein musste. Dass dieses kleine Mädchen gerade Schwerstarbeit geleistet hatte. Es schien sie alle Kraft gekostet zu haben, die sie besaß. So wie sie es bei ihm, vor einem Monat und eben bei Mayer getan hatte. Sie musste sich davon erst einmal erholen. So vorsichtig wie nur möglich, legte Jacob seine Kleine auf das Sofa, um sie zu untersuchen. Bis auf den viel zu hohen Puls und dem rasselnden Atem, war alles in Ordnung. Dagegen konnte er allerdings nicht tun. Keines der Medikamente die er besaß, konnte er bei den Hundert einsetzen. Dies hatte ihm Zolger immer wieder gesagt. Auf alle den Kreislauf beeinflussenden Mittel, reagierten die Hundert allergisch. Er konnte nur hoffen, dass sich die Kleine von alleine wieder beruhigte. Er würde so etwas nie wieder zulassen. Liebevoll nahm er eine Decke und deckte Lyn zu. Da er im Moment nichts für sie tun konnte, wollte er erst einmal nach Ilka sehen.
Immer ein Auge auf seinen Schützling, ging er zu Ilka. Sigmars Prinzessin lag tief schlafend auf dem Sofa. Zur Verwunderung von Jacob, wie auch von Mayer, waren die sonst immer verkrampften Hände Ilkas völlig gelockert. Jacob nahm die Hand von Ilka in seine Hand und drückte die Reflexzonen. Auf diesen Druck reagierten die Hände des Mädchens wie jedes gesunde andere Kind auch. Vollkommen entspannt lag Ilka auf dem Sofa. Jacob sah auch nach Ilkas Füßen, auch diese waren völlig entspannt. Kopfschüttelnd sah er auf Lyn. Aufs Genauste untersuchte er Ilka, soweit dies während des Schlafes möglich war. Ilka war fieberfrei und von der Spastik, war nichts mehr festzustellen.
Leise unterhielten sich die beiden Männer, über das Erlebte. Jacob zog sich das kleine Mädchen auf den Schoss und in seine Arme, um sie besser zu beruhigen zu können. Ständig streichelte er ihr den Rücken und versuchte die Atmung durch leichte Schaukelbewegungen zu beruhigen. Nichts von alledem half wirklich. Nach über einer Stunde, wurde Lyns Atem ruhiger und auch der Puls begann sich zu normalisieren. Mayer und Jacob hörten gleichmäßiges und tiefes Atmen. Erleichtert schauten sich beide an. Nach einer weiteren halben Stunde wachte Lyn auf. Sie legte ihre Arme um Jacobs nicht vorhandenen Bauch und bat ihn, mit müder und völlig erschöpft klingender Stimme.
"Lyn, Nikyta. – Lyn will Freundin", völlig geschafft sah sie zu ihm hoch.
"Du möchtest zu 91."
Lyn sah nur traurig zu ihm, nickte müde.
"Ich bringe dich runter."
Mayer bat die beiden um einen Moment Geduld. "Warte Fritz, ich hole euch ein Taxi. Da muss das kleine Mäuschen nicht den weiten Weg laufen", Mayer griff nach dem Telefon und rief in der Zentrale an. Er bestellte einen Wagen zu seinem Aufzug auf der 2/rot. Kaum das er aufgelegt hatte, ging er zu Lyn und hielt ihr seine Hand hin. "Danke Lyn, dass du Ilka geholfen hast. Vielen Dank."
Lyn sah Mayer mit großen Augen an. Seine Hand nahm sie allerdings nicht, sondern klammerte sich am ganzen Körper zitternd an Jacob. Die Männer konnten verstehen, wieso das Mädchen so reagierte. Wenn noch mehr Leute hier im Projekt, so über diese Kinder redeten, wie Reimund es getan hatte, konnte man die Gefühle der Kinder durchaus verstehen. Weder Mayer noch Jacob waren wegen Lyns Reaktion böse.
"Ist schon gut, Lyn. Ich kann dich schon verstehen. Du musst aber lernen, dass nicht alle Menschen böse sind. Trotzdem danke, dass du meiner Ilka geholfen hast. Ihr scheint es wieder besser zu gehen."
Lyn sah lange zu dem Mann, ganz leise sprach sie immer wieder zu Jacob hochschauend. "Ika gesund. Muss schlafen. Dann besser", schwankend stand sie auf und ging zu Ilka. Sie schob den Ärmel nach oben und zeigte auf deren Arm. "Nicht gut tut", erklärte sie ernst.
Jacob stand jetzt ebenfalls auf und sah sich den Arm an. Erst jetzt entdeckte er die Einstichstelle. Bei der Untersuchung Ilkas hatte er die Ärmel nicht hochgeschoben, warum auch. Lyn hatte allerdings auch nicht die Arme untersucht. Woher wusste die Kleine von der Einstichstelle? Dieses kleine Mädchen überraschte ihn schon wieder. Sie besaß eine unwahrscheinliche Beobachtungsgabe. Trotzdem musste er über Lyn lächeln. Weil Lyn wieder einmal Probleme mit der Aussprache, ihr fremder Wörter hatte.
"Lyn, das Mädchen heißt Ilka, Il ka", sprach er jetzt ganz deutlich den Namen.
Lyn wie immer bemüht, alles richtig auszusprechen, versuchte es noch einmal. "Ilka."
"Genau mein kleines schlaues Mädchen", schon klingelte es, der Fahrer des Taxis stand untern auf der 2/rot.
"Dann auf Wiedersehen, kleine Lyn. Ich besuche dich mal, mit Ilka."
Lyn schüttelte den Kopf. "Nein, nicht gut Ilka. Zu viel Kraft. Das Gefahr", versuchte Lyn ihm zu erklären.
Jacob allerdings lenkte vom Thema ab. "Wir werden sehen."
Jacob erhob sich, nahm sein kleines Mädchen einfach auf den Arm und trug sie zum Aufzug, um mit ihr nach unten zu fahren. Lyn kuschelte sich zitternd an ihren Doktor. Man merkte, wie müde und erschöpft sie war. Kaum zehn Minuten später waren beide im Kinderzimmer angekommen.
Alle Gatter waren oben. Die Kinder saßen allerdings alle in ihren Betten. Jacob brachte Lyn nach hinten in ihr Bett, legte sie hinein. Kaum das er sie hingelegt hatte, bemerkte er eine Bewegung hinter sich. Nummer 91 kletterte aus ihrem Bett, also griff Jacob nach ihr, hob das Mädchen zu Lyn ins Bett.
"Deine Freundin ist ganz müde, lass sie bitte schlafen. Ich glaube sie hat Ilka gerade das Leben gerettet. Mach sie nicht munter, Nikyta, bitte", erklärte er der Freundin von Lyn.
Diese sah ihn lange an und legte sich einfach hinter Lyn. Sie zog die um so vieles kleinere in ihre Arme. Kaum das Lyn die Nähe des Mädchens spürte, atmete diese ruhiger und gleichmäßiger. "Danke Nikyta. Dann schlaft mal schön. Tut mir leid wegen den Gattern. Ich sorge dafür, dass die schnellst möglich abgebaut werden. Das verspreche ich euch."
Nummer 91 sah Jacob an, dann nickte sie. Vorsichtig zog Jacob das Band von Lyns Augen und legte es hinten in die Ecke. Liebevoll deckte Jacob, mit einer Decke, die beide Mädchen zu.
Nachdenklich ging der Chefarzt nach vorn zu Doris. "Doris, ihr lasst Lyn schlafen, bis sie von alleine wach wird. Dann fragt ihr sie, wie viel Brei sie haben möchte. Die kleine Maus hat gerade Schwerstarbeit geleistet, bei Ilka."
Doris sah ihn erschrocken an. "Geht es Ilka schlecht?"
Jacob schüttelte den Kopf. "Jetzt nicht mehr."
Doris wollte wissen, was bei den Mayers passiert war. Sie sah ihrem Chef an, dass dieser vor Wut kochte. "Fritz, was ist eigentlich los? Der Oberstleutnant brüllt ins Telefon, das mir die Ohren abfallen und sie sind wütend, wie lange nicht mehr. Was ist denn da oben passiert?"
Kurz schilderte Jacob seiner Oberschwester, von dem, was er von Lyn erzählt bekam. Diese schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund und ließ sich auf den Stuhl fallen.
"Das gibt es doch nicht. Was sind das für Menschen? Und wir wundern uns, dass unsere Kinder so verstört sind. Da ist das doch kein Wunder", traurig blickte sie Jacob an und rieb sich verzweifelt den Nacken.
"Doris ich bin bei Mayer. Wir müssen eine Lösung finden."
"Geht klar ich passe hier auf. Wenn ich einen erlebe, der unsere Kinder so beschimpft, den mache ich einen Kopf kürzer."
Jacob war überzeugt, dass Doris es genauso meinte wie sie es sagte. Doris liebte die Kinder genauso, wie alle anderen Schwestern, die noch hier arbeiteten. Es war so ein Gefühl, als wenn es die eigenen wären, sagte Schwester Alma einmal bei einer Besprechung. Damals ging es um die Gefühle die die Schwestern zu den Kindern aufgebaut hatte. Viele der Schwestern empfanden ebenso. Alle sagten, wir müssten unsere Kinder beschützen. Wobei die Betonung immer auf dem Wort UNSERE lag.
Jacob klopfte Doris auf die Schulter. Sofort verließ er den Kinderraum, um nochmals nach oben zu Mayer zu gehen. Kaum, dass er an der Tür klingelte, öffnete ihm auch schon Schwester Waltraud die Tür. Die in der Zwischenzeit eingetroffen war. Sie hatte erst noch duschen, sich etwas anziehen müssen und essen, weil man sie aus dem Bett geholt hatte. Deshalb hatte es eine kleine Weile gedauert, bis sie hier ankam. Walli hatte Nachtdienst gehabt und es war noch nicht einmal Mittag.
"Guten Tag Herr Doktor, kommen sie bitte rein."
"Wie geht es Ilka?", war seine erste Frage.
Schwester Waltraud lächelte. "Ilka schläft tief und fest, sie ist völlig fieberfrei und entspannt."
Erleichtert atmete Jacob auf. "Da bin ich aber froh. Lange hätte es Ilkas Herz, dieses verdammte Fieber nicht mehr ausgehalten. Sag mal Walli ist Sigmar noch im Büro. Ich wollte ihn gern kurz sprechen."
"Ja", kam die kurze Antwort.
"Danke, ich sehe dann noch mal kurz nach Ilka. Allerdings müssen wir erst einige sehr wichtige Sachen klären. Ilka geht es ja besser", Jacob drehte sich um und ging nach hinten in Mayers Büro, klopfte kurz an.
"Herein", kam es von drinnen.
"Ach du bist es Fritz. Komm rein. Ich hätte dich sowieso gleich angerufen. Setze dich. Gebe mir noch eine Minute. Ich will schnell eine Durchsage machen."
Jacob setzte sich, sah entsetzt auf seine Uhr, es war schon 11 Uhr 14 und er hatte noch nichts von seinem heutigen Tagesplan geschafft. Also würde er wieder einmal, eine ganze Nacht durcharbeiten müssen. Mayer nahm das Mikrophone zur Hand, schaltete es für die entsprechenden Bereiche frei und begann mit seiner Durchsage.
"Heute um 14 Uhr 30 findet eine außerordentliche Versammlung, für alle Mitarbeiter des Sicherheitstraktes statt. Die Anwesenheit ist Pflicht. Dauer circa eine Stunde. Wer nicht erscheint, wird ab sofort vom Dienst suspendiert", schon schaltete er den Lautsprecher wieder aus. Kopfschüttelnd und einmal tief durchatmend, saß der Projektleiter hinter seinem Schreibtisch.
"Fritz, was sind das eigentlich für Menschen? Verdammt, das sind Kinder. Wie kann man mit denen so umgehen? Was haben die den Betreuern getan?"
Darüber hat der Chefarzt auch schon eine Weile gegrübelt. Deshalb blickte Jacob seinen Freund ernst an. "Tja, was soll ich dazu sagen. Ich kann und will so etwas nicht verstehen. Eins wird mir jedenfalls bewusst, so etwas kann nur passieren Sigmar, wenn man mit Genen herumexperimentiert. Deshalb sollten solche Versuche generell verboten werden. Überlege selber einmal. Diese Leute bekommen zwei Monate alte Kinder, die eigentlich "Säuglinge" sein sollten, mit denen sie arbeiten sollen. Diese sogenannten "Säuglinge" können besser rennen, schwimmen, Klimmzüge machen, als wir. Bringen Sachen zustande, die viele Erwachsene so nicht einmal können. Es ist klar, dass die Leute damit nicht klar kommen. Wir kommen doch selber nicht damit klar. Mit welcher enormen Geschwindigkeit diese Kinder wachsen. Das macht selbst mir furchtbare Angst", traurig sah er Mayer an. "Sigmar, weißt du, was Lyn mir vorhin gesagt hatte, bevor wir zu dir kamen. Die Kinder sind böse mit uns, weil wir sie voneinander getrennt und in Käfigen halten."
Verwundert sah ihn Mayer an. "Na ja, als Betten würde ich das auch nicht gerade bezeichnen. Aber wir halten sie doch nicht gefangen."
Jacob wackelte mit seinem Kopf, hin und her. "Sigmar, nicht mit Absicht. Aber wir haben eben genau das unbewusst gemacht. Die Gatter der Betten waren immer unten, aus Gewohnheit. Die Kinder konnten ihr Bett nur verlassen, wenn sie zum Training gingen. Die restliche Zeit, wurden sie durch uns, unbewusst zwar, immer eingesperrt. Das was in den ersten Wochen für ihre Sicherheit notwendig war, wurde nach und nach zu einer Art Bestrafung. Erst heute durch Lyns Bemerkung, wurde mir das bewusst. Bitte Sigmar, kannst du die Techniker bestellen, dass die diese Gatter ganz abbauen. So dass die Kinder begreifen können, das wir sie nie wieder in den Betten einsperren werden."
Das blanke Entsetzen spiegelte sich auf Mayers Gesicht wieder. Wie Jacob erkannte er, wie wenig sie mit dem Tempo der Entwicklung dieser Kinder Schritt halten konnten. Wie sehr alle hier in dem Projekt, mit der normalen Entwicklung, von normalen Kindern verbunden waren.
"Fritz, ich rufe gleich an", sofort griff Mayer zum Telefon, wählte die Durchwahl zu Hunsingers Notruftelefon. "Franz, hier ist Sigmar. Entschuldige, dass ich dich störe. Hast du eine Minute? Hier bei uns brennt es."
Hunsinger antwortet verwirrt. "Sigmar, für euch doch immer. Ihr seid die Einzigen die selten nach Hilfe schreien. Wo klemmt es?" Mayer erklärte kurz und bündig, wie es seine Art ist, was er wollte und warum dies notwendig war.
Ein erschrockenes. "Oh mein Gott", folgte kurz darauf. "Bleib in der Leitung", und man hörte wie Hunsinger den einen Hörer hinlegte, den nächsten Hörer aufnahm.
"Genosse Korpus, wie sieht es aus, können sie morgen früh, für einige Stunden ins Projekt Dalinow fliegen und die Gatter von den Betten abbauen? Es ist sehr wichtig, die anderen Sachen müssen warten", ein kurzer Moment des Schweigens, dann hört man Hunsinger wieder. "Danke, das ist prima. Ich sage dort Bescheid. Habe den Genossen Mayer noch in der anderen Leitung. Ich organisiere das mit dem Flug und melde mich, dann gleich noch einmal. Bis später."
Hunsinger legte auf und nahm den anderen Hörer, an dem Mayer wartete. "Sigmar du hast bestimmt mitgehört. Also, Korpus kommt mit seinem Team, morgen gegen 8 Uhr und baut alle Gatter ab. Somit habt ihr dieses Problem geregelt. Sonst alles in Ordnung bei euch? Man hört so gar nichts."
Mayer lächelt gequält vor sich hin, was Hunsinger ja nicht sehen konnte. "Franz, nix ist nirgends völlig in Ordnung. Aber diese Probleme können und müssen wir selber klären. Da kannst du uns nicht helfen. Danke, dass du das mit den Technikern geklärt hast. Bei dir geht das einfach schneller. Also ich melde mich dieser Tage mal. ´tschuldigung, ich bin gerade im Stress."
"Geht klar Sigmar. Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst."
Jacob wies Mayer darauf hin, einen Gruß von ihm auszurichten.
"Mach ich, Gruß auch von Fritz soll ich sagen. Der sitzt vor mir und verrenkt sich fast. Also bis die Tage", sofort hat er aufgelegt. "Fritz morgen gegen 8 Uhr kommen die Techniker und montieren die Gatter ab."
Jacob atmet erleichtert auf. "Na da wird sich Lyn ja freuen."
"Wie geht es der Kleinen? Ich hab mich vorhin ganz schön erschrocken, wie die kleine Maus einfach so weggekippt ist. Was war denn los mit ihr? Wieso hat Ilka so geschrien?"
"Sigmar, das kann ich dir nicht beantworten. Ich habe Lyn nur nach hinten gebracht. Sie hat in meinen Armen schon fast geschlafen. Ich legte sie ins Bett. Sofort kam die Kleine 91 und kletterte in das Bett ihrer Freundin und legte sich zu Lyn. Erst da schlief sie tief und fest. Als wenn sie sich beschützt vor kommen würde. Wenn sie munter ist, werde ich sie mal fragen. Sigmar, Lyn machte mich auf einen Einstichstelle in Ilkas Arm aufmerksam. Wer hat außer mir Ilka behandelt? Ich dachte eigentlich, ich bin ihr Arzt. Das geht nicht, dass du zwei Ärzte konsultierst, das kann böse ins Auge gehen."
Mayer sah Jacob verwundert an. "Fritz, es war keiner außer dir hier. Es sei denn, Reimund hat jemanden geholt, weil du keine Zeit hattest. Der weiß allerdings, dass keiner außer dir, Ilka behandeln soll. Ich muss ihn mir mal ernsthaft zur Brust nehmen, so geht das nicht."
Mayer war fassungslos. Mit seinen Gedanken beschäftigte sich Mayer allerdings schon wieder mit einer anderen Geschichte. Ilka ging es gut, diese Sache konnte warten.
"Sigmar, wie machen wir das mit der Versammlung, soll ich da dabei sein? Oder betrifft das nur die Betreuer?"
Mayer schüttelte den Kopf. "Nein Fritz, du hast genug Arbeit, das mache ich alleine. Ich denke dein gesamter Zeitplan, ist heute schon wieder aus allen Fugen gelaufen. Ich nehme nur die Betreuer und Lehrer dazu. Die Durchsage, war auch nur in deren Räumen zu hören, deine Leute sind lieb zu den Kindern, das weiß ich."
Erleichterung machte sich bei Jacob breit. "In Ordnung, wenn du mich brauchst, dann hole mich dazu. Versprich mir das und rege dich nicht wieder so auf. Vorhin hat dein Herz schon wieder verrückt gespielt."
Mayer gab ihm Recht. "Ich habe keine Ahnung wie ich die nächsten fünfzehn Jahre, diesen Stress noch durchhalten soll. Auch wenn es durch Heikos Organisation, wesentlich ruhiger geworden ist. Es gibt noch jede Menge Arbeit. Fritz, lass mich bitte jetzt alleine. Ich muss mich zumindest ein wenig auf die Versammlung vorbereiten. Also wir sehen uns heute Abend, auf eine Runde Billard, versprochen."
Jacob stand auf und verließ das Büro. Sah aber noch einmal kurz nach Ilka, friedlich schlief die Kleine einen erholsamen Schlaf. "Walli, wenn etwas ist, rufe mich an", forderte er die Schwester auf.
Diese lächelte ihn beruhigend zu. "Das mache ich, Herr Doktor. Aber ich denke Ilka ist über den Berg. Sie schläft sich jetzt ganz gesund."
Jacob verließ die Wohnung der Mayers und ging hinüber in sein Labor. Gegen 12 Uhr sah er noch einmal nach Lyn, diese schlief noch tief und fest, in den Armen ihrer Freundin. Nummer 91 war allerdings wach. "Alles in Ordnung mit Lyn?", erkundigte er sich besorgt.
Nummer 91 flüsterte. "Lyn, bionde etries. – Lyn, gut geht, schlafen lassen."
Erleichtert atmete Jacob auf. "Lyn, geht es gut, sie schläft nur?", ließ er sich bestätigen, dass er es richtig verstanden hatte.
Nummer 91 nickte.
"Da bin ich beruhigt. Ich habe mir Sorgen gemacht. Sagst du ihr bitte, wenn sie aufwacht. Morgen kommen Männer, die werden die Gatter abbauen. So dass ihr nie wieder eingesperrt seid. Verstehst du, was ich dir sage?" erkundigte sich Jacob vorsichtshalber.
Da er sich nie sicher war, ob die Kinder ihn verstanden. Kurz Sätze verstanden alle. Aber, wenn es darum ging etwas zu erklären, hatte er oft den Eindruck, dass die Kinder nicht alles begriffen. Dass man sie dann überforderte.
Nummer 91 sprach das erste Mal, in seiner Sprache mit ihm. "Gatter, weg für immer?"
Irritiert sah Jacob zu dem, um so vieles größere Mädchen. Er hatte immer geglaubte, sie konnte wie alle anderen, nur die Sprache der Kinder sprechen.
"Du sprichst ja unsere Sprache. Das ist aber schön. Darüber freue ich mich sehr. Sagst du mir, wie du heißt?", versuchte er ein Gespräch.
Nummer 91 schüttelte den Kopf.
"Nicht schlimm, wenn du ihn mir nicht verrätst. Vielleicht irgendwann einmal. Ich finde es nicht schön dich mit 91 anzusprechen oder Lyn mit 98. Also, wenn du mal einen Namen hast, dann sag ihn mir bitte", Jacob streichelte dem Mädchen das Gesicht. "Heute Nachmittag, werden die Leute ausgeschimpft, die euch so böse beleidigt und euch so zugesetzt haben. Bitte, wenn wieder jemand, solche gemeinen Sachen zu euch sagt, dann sagt mir das bitte. Nur wenn ihr mir sagt, was los ist, kann ich euch helfen. Verstehst du?"
Das große Mädchen, das fast dreißig Zentimeter größer war, als Lyn, sah Jacob verständnislos an. "Warum?"
Jacob verstand nicht, was 91 damit meinte. "Was meinst du mit warum, kleine Nikyta?" Ernst sah er zu dem Mädchen.
"Warum nicht so, wie anderen, so böse?"
Jacob liebkoste zärtlich ihr Gesicht und sah in die gleichen wunderschönen rotorangen Augen, die auch seine Lyn hatte. "Weil ich euch lieb habe. Ich möchte, dass es euch gut geht."
Lange beobachtete Nummer 91, den Arzt und sah zu ihm hoch. Kaum hörbar sprach sie nach einer ganzen Weile. "Rashida."
Jacob verstand sie nicht gleich. "Wie, du beruhigst sie?"
Das Mädchen, die oft bei den Gesprächen von Jacob und Lyn dabei saß und daher wusste, wie Lyn sich mit dem Arzt verständigte. Zeigte erst vorsichtig, um sich nicht zu sehr zu bewegen, auf Jacob. "Doko." Dann auf sich. "Rashida."
Jetzt verstand Jacob. "Du bist Rashida?"
Rashida bewegte ganz wenig den Kopf.
"Das ist aber ein schöner Name. Der passt zu dir. Du schaffst es immer wieder, Lyn zu beruhigen. Dann schlaft mal schön, ihr zwei. Willst du dann gleich etwas essen oder später mit Lyn zusammen?"
Rashida sah hoch zu Jacob. "Mit Lyn."
"Geht klar Rashida, ich sage den Schwestern Bescheid. Also bis später, ich sehe dann noch mal nach Lyn", Jacob erhob sich, streichelte Rashida noch einmal übers Gesicht und ging nach vorn. "Doris, Lyn und ihre Freundin Rashida, sie hat mir gerade ihren Namen verraten, essen später. Erst, wenn Lyn von alleine aufwacht ist. Morgen ab 8 Uhr kommen die Techniker. Dann geht ihr alle nach unten in die Turnhalle. Damit die hier oben in Ruhe arbeiten können."
Doris staunte. "Geht in Ordnung Herr Doktor. Ich sage den anderen Schwestern Bescheid. Bis später. Ich melde mich, wenn etwas sein sollte", sofort verließ Jacob den Raum, um einige wichtige Tests durchzuführen.
Vor allem, um Mittag zu essen. Sein Magen hing schon wieder in den Kniekehlen. Es war Wahnsinn, was er ständig für einen Hunger hatte. So viel brauchte er noch nie essen. Trotzdem nahm er kein Gramm zu. Im Gegenteil er musste ständig aufpassen, dass er sein Gewicht hielt. Aß er nicht regelmäßig, waren schnell fünf bis sechs Kilo weg. In den ersten Wochen nach seiner Genesung, nahm er über vierzehn Kilo ab. Da er einfach durch den vielen Stress das Essen vergessen hatte. Bis Anna mit ihm schimpfte, weil sein Overall nur noch wie ein Sack an ihm herum baumelte. Seit dieser Zeit achtete er immer darauf, dass er genügend verzehrte. Vor allem die Mahlzeiten, von den Uhrzeiten her regelmäßig zu sich nahm. Jacob stellte schnell fest, dass er so wesentlich Leistungsfähiger war. Eilig verließ er den Raum der Kinder und ging er hoch in seine Wohnung, dort wartete Anna schon auf ihn, die heute in der Nachtschicht arbeitete. Zusammen gingen sie nach vorn in die Mensa, um zu Mittag zu essen und danach ging der Chefarzt wieder zum Alltag über.
Gegen 18 Uhr kam Jacob endlich noch einmal dazu, nach Lyn zu sehen. Die saß mit Rashida in ihrem Bett, diskutierte über irgendetwas.
"Hallo Lyn, hast du ausgeschlafen? Nikyta frido? – Freundin geweckt? Hallo Rashida", begrüßte er die beiden Mädchen.
Beide sahen ihn an. "Doko. Etries Nikyta. – Doko, ausgeschlafen Freundin", Lyn zeigte auf Rashida und rüttelte sie. "Frido. – Wecken", dann legte sie sich hin, kam hoch und streckte sich. "Etries. - Ausgeschlafen", somit wurde Jacob der Unterschied klar. "Frido ist wecken, wenn ich dich munter mache, Lyn. Aufwachen, ausschlafen, etries. Danke Lyn."
Das Mädchen bestätigte es, durch das neigen des Kopfes.
"Das ist ganz schön kompliziert. Aber dein Doko lernt das schon noch", versprach Jacob lachend. "Lyn, kannst du mir erklären, was du mit Ilka gemacht hast?"
Rashida guckte Lyn an, diese Jacob. Lyn schüttelte den Kopf. "Kann nicht sage, mit Wort."
Jacob war sich darüber im Klaren, dass es für das, erst zwei Monate altes Mädchen, gar nicht so einfach war, dies alles in Worte zu fassen. Etwas, dass er selber nicht verstand. "Versuche es, ich bin neugierig", forderte er sie trotzdem auf.
Lyn sah zu Rashida, diese nahm die kleinere Freundin in den Arm. Als wenn sie versuchen würde, sie zu beruhigen und ihr eine gewisse Sicherheit zu geben. Seit ein paar Tagen stellte Jacob immer wieder fest, dass Lyn sehr ängstlich geworden war und sich schnell verunsichern ließ.
Lyn zuckte mit den Schultern. "Einfach machen. Herz nicht gut, dann böser Mensch, macht Ilka krank."
Verwundert sah Jacob Lyn an. "Wer macht Ilka krank, Lyn?"
Achselzuckend saß Lyn im Schneidersitz vor Rashida, die ihre Arme um deren Bauch gelegt hat. "Nicht weiß, aber hier", Lyn zeigte auf den Einstich, den sie Jacob vorhin zeigte. "Ilka…", Lyn wusste nicht wie sie es ausdrücken sollte und sprach einfach in ihrer Sprache weiter. "…raiko intös. - ... böse Injektion."
Wieder einmal stand Jacob vor dem Problem, dass er sein kleines Mädchen nicht verstand. "Lyn, ich verstehe nicht."
Lyn stand auf, hielt ihm die Hand hin. Jacob faste sie an und folgte Lyn einfach. Sie ging nach vorn zu dem Labortischen, zeigte auf eine Spritze und nahm diese in die Hand.
"Intös. - Injektion", erklärte sie Jacob und tat so, als wenn sie sich etwas spritzen würde.
"Du willst mir sagen. Ilka hat eine Spritze bekommen, die nicht gut für sie ist?"
Lyn wiederholte das Ganze, um es zu bestätigen.
Jacob schüttelte ungläubig den Kopf. "Doris, schicke sofort jemanden nach oben zu Ilka, Walli soll ihr Blut abnehmen. Schickt die Blutprobe sofort in das Labor. Die Ergebnisse soll mir Walter schleunigst mitteilen."
Doris rief Alma herbei, die im Moment nichts zu tun hatte und schickte diese los.
"Danke Lyn. Komm mit hinter", Jacob nahm das Mädchen auf den Arm, trug sie nach hinten zu ihrer Freundin, die schon im Bett stand und nach Lyn Ausschau hielt. "Schon gut Rashida, ich passe auf deine Freundin auf", er setzte sich zu den beiden Mädchen auf das Bett. "Du meinst also, jemand hat versucht Ilka zu töten?"
Lyn sah verlegen auf ihre Hände. "Töte nicht gut, Doko", sprach sie ganz leise, mit viel Traurigkeit in der Stimme.
"Ich weiß Lyn, niemand sollte sterben, wenn er noch klein ist", schlagartig kamen die Bilder, der toten Kinder wieder in ihm hoch. Er holte krampfhaft Luft, versuchte sich zu beruhigen.
"Doko, nicht traurig. Du konnte nicht tun", Lyn kam zu Jacob, streichelte sein Gesicht und flüsterte ihm ins Ohr. "Sie nicht merkt. Du machst Schlafen."
Erschrocken sah Jacob, die Kleine an. "Woher weißt du das?"
Lyn zuckt mit den Schultern. "Ich weiß alle. Merk jede Schmerz, Doko."
"Wie du merkst jeden Schmerz, Lyn?", fassungslos begriff Jacob auf einmal, dass Lyn deshalb oft geschrien hat.
Lyn sah ihn an, legte ihren Kopf schief und fing an zu schaukeln. Rashida flüsterte. "Ja, Lyn Schmerz merkt", das erste Mal sprach Rashida von selbst zu Jacob, so als ob sie endlich begriffen hatte, dass er nur helfen wollte. "Nikyta sadfim, pör lözi. Semro sadfim, Doko. – Die Freunde, Schmerzen, sehr krank, du genommen Krankheit, Doko."
Lange musste Jacob überlegen, was Rashida ihm sagen wollte. "Oh man, ist das schwer. Rashida helfe mir, ich verstehe es nicht. Nikyta ist der Freund. Sadfim heißt Erkrankung, pör heißt Mörder, lözi zerstören. Semro heißt beenden. Ich verstehe den Sinn nicht."
Beide Mädchen sahen sich lange an. Dann sagte Rashida "Doko, Freunde war krank, viel Schmerz, durch Böses in ihn. Du hast Ende gemacht, mit krank."
Jetzt verstand Jacob, was die Mädchen meinten. "Heißt das, die Kinder die ich habe schlafen geschickt habe, hatten schlimme Schmerzen."
Beide nickten.
"Es war gut sie schlafen zu schicken, damit sie nicht mehr leiden."
Lyn ging zu ihrem Doktor, dem Tränen über die Wangen liefen.
Sie tröstete ihn. "Sie schlafe, ohne Hunger", erklärte ihm Lyn.
Jacob musste sich beruhigen, stand auf ließ Lyn und ihre Freundin einfach alleine und verließ den Raum der Kinder. Er ging nach oben in seine Wohnung und schmiss sich zum Entsetzen Annas, im Schlafzimmer auf das Bett und weinte.
Diese eilte ihm nach. "Fritz, was ist denn passiert?"
Der schüttelte den Kopf, er musste erst einmal mit dem Gehörten, alleine klar kommen. Anna setzte sich auf das Bett, nahm den Kopf ihres Schatzes einfach, wie den eines kleinen Kindes auf den Schoß und streichelte ihm den Rücken. "Komm, beruhige dich erst mal."
Fast zehn Minuten brauchte Jacob, bis er sich wieder beruhigt hatte und er endlich wieder klar denken konnte. Traurig sah er in Annas hübsches Gesicht. Seinem Engel mit den wunderschönen schwarzen Haar und den genauso dunklen schwarzen Augen.
"Anna, weißt du warum Lyn immer weiß, wenn etwas mit den anderen Kindern ist. Sie leidet auf irgendeine Art mit ihnen. Sie spürt ihre Schmerzen", immer wieder von Pausen unterbrochen erzählte er ihr, was er gerade von den beiden Mädchen erfahren hatte.
Anna war entsetzt, vor allem das Lyn gespürt haben musste, wie Jacob die Kinder einschläferte.
"Anna, es ist ein Wunder, dass sie mich noch mag. Ich muss noch mal runter zu ihr, ich musste mich nur beruhigen."
Jacob stand und ließ Anna einfach auf dem Bett zurück. Er lief nach unten zu den Kindern und nach hinten zu Lyn und Rashida.
"Tut mir leid ihr zwei. Ich musste das erst einmal begreifen", entschuldigte er sich bei den Mädchen.
Lyn nickte, Rashida jedoch schien ihn nicht verstanden zu haben. Nach einer Weile nickte auch sie, als wenn sie erst über die Worte nachdenken musste.
"Lyn, kannst du mir etwas erklären?" Lyn zuckte mit den Schultern.
Jacob aber lächelte über sich selber. Klar sie wusste noch gar nicht, bei was. Er hatte ja noch gar nicht gesagt, was er wollte. "Lyn, haben die Kinder immer noch Hunger?"
Lyn sah Jacob fragend an. "Warum?"
"Lyn, du sagtest. Sie schlafen ohne Hunger."
Jetzt verstand sie, was Jacob meinte. Lyn suchte wie so oft nach Worten, aber ihr fielen nicht die richtigen Worte ein. Deshalb zeichnete mit ihren Händen ein Viereck, dann mit den Fingern einen Kreis. Einige Male wiederholte sie das, plötzlich begriff Jacob, was Lyn meinte.
"Du meinst den Inkubator", sein kleines Mädchen bestätigte seine Gedanken.
"Im Idkato, Hunger hab, viel Schmerz. War müd", versuchte sie zu erklären.
Jacob wurde klar, was ihm das Mädchen erklären wollte. "Lyn, In ku ba tor, heißt dieses Gerät, in dem ihr aufgewachsen seid. Hast du auch Hunger gehabt?"
Lyn nickte.
"Rashida du auch?", diese schüttelte den Kopf.
Wieder machte er eine Entdeckung, die ihm das Rätsel der Fehlentwicklung erklärte, er stellte bei allen Kindern eine Unterernährung fest. "Aber jetzt habt ihr keinen Hunger mehr? Oder doch?"
Rashida sah auf ihre Hände. Kaum hörbar antwortete sie. "Immer Hunger."
Lyn streichelte Rashida. "Doko, viel Große immer Hunger."
Jacob sah verzweifelt zu den Mädchen. "Warum sagt ihr uns das nicht?"
Beide sahen verlegen aus. "Weiß nicht, sagen", versuchte sie zu erklären.
"Lyn, ihr müsst uns das sagen. Passt auf. Ihr wachst so schnell. Wir wissen nicht, wie viel ihr zu essen braucht", fragend sah er die beiden an. "Habt ihr das verstanden. Kommt wir machen das anders. Sagt allen, sie sollen an den Tisch kommen", sofort stand Jacob auf und lief zum Tisch, zog sich einen Stuhl heran, setzte sich an den Tisch. "Kommt alle hierher", Jacob klopfte auf den Tisch.
Lyn verließ das Bett zog einfach alle heraus, nach und nach verließ alle ihre Betten und setzten sich zu Jacob an den Tisch.
"Lyn, kannst du bitte zu mir kommen", bat er sein kleines Mädchen zu sich. Als alle saßen, eröffnet Jacob ihre erste Besprechung, der im Laufe der Zeit noch viel folgen würden. "Hört bitte mal alle zu. Wer etwas nicht versteht, fragt bitte", fragend sah er sich um, da alle Kinder nickten, fuhr er fort. "Lyn, hat mir gerade gesagt, dass viele von euch hungern, stimm das?"
Fast alle Kinder nicken.
"Warum sagt ihr uns das nicht?", Jacob unterdrückte das schimpfen, raufte sich stattdessen verzweifelt die Haare. Er drehte sich nach Alma um, die gerade wieder ins Zimmer kam.
"Alma, du macht jetzt allen noch einen Brei bitte. Sagen wir dreihundert Gramm. Erika, Sara, Undine, Rosi ihr helft ihr dabei. Es kann doch nicht sein, das unsere Kinder hungern müssen. Beeilt euch bitte", Jacob wandte sich wieder zu den Kindern hin, die ihn völlig verunsichert ansahen. "Kinder, ihr müsst nicht hungern. Nikyta sumrei. Aber ihr müsst mit mir reden. Doko dy. Der Hunger macht euch krank. Sumrei ondor. Versteht ihr?"
Jacob sah Lyn an. "Habe ich es richtig übersetzt?"
Diese nickte und lehnte sich an ihren Freund.
"Bitte ihr müsst mit mir reden. Doko dy. Ich kann euch doch sonst nicht helfen", wieder sah er alle an, die Kinder schienen alles zu verstehen. "Morgen früh, kommen Männer und bauen die Gatter ab", Jacob zeigte auf eines der Gitter. "Es tut uns leid, keiner wollte euch einsperren", wieder wartete er ab, ob alle nickten. "Ihr seid so schnell groß geworden. Die Gatter waren als Schutz gedacht, damit ihr nicht aus dem Bett fallt. Versteht ihr", wieder nickten alle. "Keiner wollte euch einsperren."
Jetzt bekamen schon die ersten Kinder, ihren Brei. Ungläubig sahen diese Jacob an. "Esst bitte, keiner soll hungern. Nicht solange ich das verhindern kann."
Die größten von ihnen machen sich hungrig über den Brei her, auch Rashida griff freudig zum Löffel. "Bitte, wenn ihr Hunger habt, geht zu den Schwestern und sagt es ihnen. Nikyta sumrei, dika dy."
Alle Kinder nickten
Erleichtert atmete Jacob auf. "So ist es gut."
Einer der größten Jungs, Nummer 23, war schon fast einhundertfünfunddreißig Zentimeter groß, dunkelhäutig mit feuerrotem Haar und silbrig blauen Augen, sprach als einer der ersten "Söndoko. Danke Doko", sprach er zum Erstaunen Jacobs in beiden Sprachen.
"Für was bedankst du dich? Sagst du mir deinen Namen?"
Lange sah 23 erst Lyn und dann Rashida an. Beide schienen in der Gruppe das Sagen zu haben. "Weil nicht sein, wie andere, Doko." Nach einer kleinen Pause, in der er auch all die Anderen ansah, alle nickten. Setzt er noch nach. "Jaan."
"Die euch schlecht behandelt haben, hat der Oberstleutnant heute ausgeschimpft. Er war richtig böse. Keiner darf so mit euch umgehen. Nicht so lange ich es verhindern kann. Du heißt Jaan?", erkundigte Jacob.
Der Bub nickte und schob seinen leeren Teller weg.
"Jaan, bist du satt?"
Dieser nickt nochmals.
"Hat noch jemand Hunger von euch?"
Diesmal schienen wirklich alle satt zu sein. Einige hatten ihren Brei nicht einmal aufgegessen. Jacob drehte sich zu den Schwestern um.
"Kommt ihr bitte mal alle her", sofort kamen die fünf Schwestern an den Tisch. "Kinder, ihr kennt doch alle diese Schwestern. Sind die lieb zu Euch?"
Alle nickten.
"Also wenn ihr Hunger habt. Sagt den Schwestern das. Nikyta sumrei, dika dy. Die machen euch einen Brei. Oder Schwestern?"
Alle Fünf bestätigten es.
"Versprochen?"
Die Schwestern nickten und sagten laut und deutlich "Ja", obwohl Jacob eigentlich die Kinder gemeint hatte. Aber auch diese zeigten an, dass sie verstanden hatten.
"Jetzt noch etwas. Ihr könnt euch hier im Raum frei bewegen. Ihr müsst nicht in euren Betten sitzen bleiben. Aber bitte rennt hier drinnen nicht herum. Rennen in der Turnhalle", Jacob sah alle an, bekam zur Bestätigung noch ein Nicken. "So, dann wünsche ich euch eine Gute Nacht, bis morgen."
Jacob stand mit Lyn auf und setzte das Mädchen auf den Stuhl. "Bitte, es ist jetzt gleich 19 Uhr 30 legt euch wenn ihr fertig seid, hin und schlaft. Gute Nacht."
Sofort erhoben sich die Kinder, gingen in ihre Betten, um zu schlafen. Jacob lief vor zu Doris, die gerade in den Raum gekommen war, um ihre Abendrunde zu machen.
"Doris bitte, ich habe gerade den Kindern noch einen Brei machen lassen. Die mussten schon wieder hungern. Ich habe den Kindern gerade erklärt, wenn jemand Hunger hat, soll er zu euch kommen es einfach sagen, dann bekommt er etwas nach. Es werden die Mengen von allen Kindern, in die Krankenblätter eingeschrieben. Gebe das bitte an die anderen Schichten weiter. Wie viel diese essen wollen, damit wir endlich einmal heraus bekommen, wie viel Nahrung die Kleinen wirklich brauchen. Mit dem Hungern muss endlich einmal Schluss sein."
Doris sah Jacob erschrocken an, wollte gerade antworten, als das Telefon klingelte.
Jacob ging an den Apparat. "6/blau, Jacob", meldete er sich.
Am anderen Ende der Leitung war Zolger. "Fritz, woher wusstest du, dass Ilka vergiftet wurden ist. Entschuldige, dass es so lange gedauert hat. Ich bat Walli darum, mir von Ilka eine Urinprobe zu geben, um die Werte genauer bestimmen zu können. Ich war erschrocken. Ich fand schon im Blut eine erhöhte Dosis Digitoxin-Philo. Im Urin fand ich eine noch höhere Dosis. Du hast ihr das Zeug doch nicht etwa gespritzt. Es ist ein Wunder, dass die Kleine noch lebt. Soll ich Mayer selber anrufen oder willst du es ihm beibringen? Wer immer das getan hat, wollte Ilka töten."
Jacob musste sich setzten. "Ich glaub das jetzt nicht", es dauerte einige Augenblicke bis Jacob weitersprechen konnte. "Lyn, hat mich vorhin darauf aufmerksam gemacht. Wie immer die Kleine das herausbekommen hat, sie muss es irgendwie geschafft haben diesen Wert zu senken. Ich rede gleich noch einmal mit ihr. Ich gehe es dann selber Sigmar sagen. Der flippt glaube ich aus. Danke Walter, bitte behalte das für dich."
"Geht klar Fritz", antwortet Zolger.
Jacob beendete das Gespräch und stand auf, um noch einmal zu Lyn zu gehen. "Lyn, bitte du musst mir noch einmal helfen."
Lyn setzte sich hin, sah zu Jacob hoch, auch Rashida richtete sich noch einmal auf. "Mäuschen, woher wusstest du, dass man Ilka vergiftet hat?"
Lyn zuckte mit den Schultern, zeigt auf ihre Augen. "Andus. – Augen sehen", sagte sie nur.
"Deine Augen sehen das, aber wie?"
Lyn antwortet nicht, stand auf zeigte nach vorn. Jacob erhob sich ebenfalls, ergriff Lyns Hand und lief mir ihr nach vorn. Dort holte sich Lyn einen Zettel und einen Stift. Immer noch kam sie damit nicht richtig klar. Sofort zeichnete sie zwei Striche auf das Papier, dann dort hinein kleine Kreise. Drehte das Blatt um macht das gleiche noch einmal, aber zu den kleinen Kreisen, zeichnet sie jetzt noch größere.
"Doko, kein Wort. Das in dir." Damit zeigte sie auf das Bild mit den kleinen Kreisen. Dann drehte sie das Blatt. "Das in Ilka. Augen sehen."
Jacob hockte sich vor das Mädchen. "Ich verstehe dich nicht, Lyn."
Verzweifelt sah die Kleine Jacob an, weil sie es nicht erklären konnte. Plötzlich kam ihr eine Idee, sie drehte sich um, ging an den Labortisch und nahm eine Spritze, kam damit zu Jacob zurück. Sie deutet an, als wenn sie diese in den Arm stechen würde. Dann zog sie am Kolben der Spritz.
Da begriff Jacob, und zeigte auf die kleinen Kreise. "Das ist Blut?"
Lyn nickte. "But", versuchte sie nachzusprechen.
"Lyn, Bl ut. Aber, was ist das?"
Lyn zuckte mit den Schultern. "Böse, macht Ilka krank", antwortete sie.
Jetzt verstand Jacob endlich. "Lyn, du kannst sehen ob das Blut in Ordnung ist?"
Lyn nickte, kopfschüttelnd sah Jacob die Kleine an.
"Andus. – Augen sehen."
Jacob verstand, was sie meinte. "Wenn du dich konzentrierst, sehen es deine Augen. Aber, warum hat Ilka so geschrien."
Lyn ging um Jacob herum, drückte gegen die Wirbelsäule, dann etwa zehn Zentimeter rechts und links daneben. Dann zeigte sie bei sich, auf die rechte Seite unterhalb des Rippenbogens. "Raiko. – Dort Böses."
Jacob begriff, was seine Kleine meinte. "Die Leber und die Nieren waren böse. Du hast das Gift in die Leber und die Nieren geschickt."
Fragend sah Lyn ihren Doktor an.
Jacob ging zu einem Regal, in dem einige Anatomiebücher lagen, zog ein bestimmtes Buch heraus und klappte die Seite auf, auf der die Abbildungen der inneren Organe waren.
Lyn zeigte ihm erst die Leber, dann die Nieren und wiederholte. "Raiko. - Dort Böses."
Jacob verstand sie. "Lyn, das war gut. Du hast Ilka das Leben gerettet. Danke meine Kleine", er nahm sein Mädchen auf den Arm. Diese schielte sehnsüchtig nach dem Buch. "Möchtest du das Buch haben?"
Lyn sah Jacob an, dann nach hinten zu Rashida, verlegen zuckte sie mit den Schultern, dann nickte sie.
Jacob setzte Lyn auf den Boden und reichte ihr das Buch. "Du musst dich nicht schämen. Nimm es mit, wenn du es nicht mehr brauchst, bringst du es wieder hier vor. Einverstanden? Möchtest du das Buch später noch einmal ansehen, sagst du es einfach den Schwestern."
Lyn nickte, strahlend nahm sie das Buch entgegen und hielt es fest in ihren Händen.
"Dann geh schlafen meine Kleine. Es ist schon spät. Das Buch kannst du mit hinter nehmen und dir anschauen, wenn du Zeit dazu hast. Ich muss noch einmal nach Ilka sehen. Also bis morgen Früh. Schlaf schön."
Lyn lief mit dem Buch im Arm nach hinten zu ihrem Bett. Jacob verließ den Raum, um hoch zu Mayer zu gehen. Der Projektleiter musste wissen, dass seine Tochter in großer Gefahr war.
Kurz nach 20 Uhr klingelte Jacob bei den Mayers an der Tür. Walli öffnete sofort. "Guten Abend Herr Doktor, mit Ilka ist alles in Ordnung", erklärte sie während sie zur Seite ging, um Jacob eintreten zu lassen.
"Walli, ist Sigmar da?" Die Schwester zeigte in Richtung Büro.
Jacob wollte allerdings erst noch einmal nach seiner kleinen Patientin sehen. "Guten Abend Ilka, wie geht es dir denn heute?"
Ilka strahlte übers ganze Gesicht. "Onkel Fritz, guck mal, was ich kann", schon hielt sie ihm ihre Hände hin. Öffnete und schloss ihre Hand immer wieder. Ganz fasziniert von dem, was sie da tun konnte. "Das Mädchen hat nicht nur meine Hände ganz gemacht. Schau mal", Ilka strahlte vor Stolz und Glückseelig.
Sie stand vom Sofa auf. Trotzdem sie wackelig auf ihren Beinen stand, war sie ohne jegliche Hilfe aufgestanden. Etwas dass niemand je für möglich gehalten hatte. Jacob konnte nicht glauben, was er da zu sehen bekam. Er selber diagnostizierte bei Ilka eine unheilbare Form von Infantile Zerebralparese, einer Frühkindlichen Schädigung des Gehirnes, die durch Sauerstoffmangel bei der Geburt hervorgerufen wurde. Bei Mayers Tochter lag eine seltene Form von Bilateraler Hemiplegie vor, einer spastische Lähmung aller vier Extremitäten, die besonders die Arme betraf. Fasziniert sah Jacob zu Ilka.
"Das gibt es doch nicht", er schaute Walli fasziniert an.
Die ging lächelnd auf Ilka zu und blieb zwei Schritte vor ihr stehen. "Komm zu mir, Ilka", forderte sie ihre kleine Patientin auf. Ilka bewegte sich steif vorwärts, sie konnte sogar schon einige Schritte gehen. Fassungslos, über den Erfolg den Lyn erreicht hatte, musste sich Jacob erst einmal setzen. Immer neue Rätsel gab ihm sein Mädchen auf.
"Das geht doch gar nicht", wiederholte Jacob noch einmal.
"Doch Onkel Fritz, seit heute Nachmittag, als ich aufgewacht bin, geht das", berichtete ihm Ilka voller Stolz.
Jacob hatte sich wieder gefasst und stand auf, ging zu seiner kleinen Patientin. "Komm setze dich bitte einmal, Ilka. Ich möchte dich genau untersuchen."
Der Arzt holte seine Tasche, öffnete diese und begann Ilka aufs Genauste zu untersuchen. Aber es war alles wieder in Ordnung. Zwar würde Ilka nie so laufen können, wie andere Kinder, aber eine faszinierende Verbesserung hatte Lyn erreicht. In einigen Monaten würde sich Ilka, zu mindestens in der Wohnung ohne Rollstuhl auskommen und sich fast normal bewegen können.
"Walli du machst sofort Folgendes. Du setzt dich sofort mit der Hauptverwaltung in Berlin in Verbindung. Wir brauchen für Ilka schnellstens ein Muskelaufbau- und Bewegungstraining. Wenn nötig auch einen extra Therapeuten. Dann kann sie sich wenigstens hier in der Wohnung, irgendwann ohne Rollstuhl bewegen."
Walli war begeistert, über die Anweisungen Jacobs. "Herr Doktor, ich habe mir schon einige Übungen ausgedacht, die ich gezielt in der nächsten Zeit mit Ilka machen kann. Ich habe doch auf der Geschlossenen gearbeitet. Da mussten wir das auch mit unseren Patienten Bewegungsübungen machen, um diese gezielt zu fördern. Ich konsultiere einen meiner ehemaligen Kollegen aus dieser Zeit, der ist Bewegungstherapeut. Ich habe mich mit dem Oberstleutnant unterhalten, der darf für vierzehn Tage herkommen und mir die neusten Techniken zeigen", informierte Walli dem Chefarzt.
"Ilka, hör zu Prinzessin. Ich freue mich riesig, für dich. Bitte mache dir aber keine falschen Hoffnungen. Ich will nicht, dass du dann enttäuscht bist. Erwarte nicht zu viel. Du wirst vielleicht niemals so laufen können, wie andere Kinder. Aber ich denke, jeder noch so kleine Fortschritt ist besser, als das was wir bis jetzt haben oder?"
Ilka verstand mit ihren elf Jahren mehr, als Jacob dachte und war noch dazu, ein schlaues Mädchen. Durch die jahrelange Krankheit, wusste sie nur zu genau, dass es nur besser werden konnte und man ihre Krankheit nicht heilen konnte.
"Ja ich weiß Onkel Fritz. Aber es ist trotzdem schöner wie es jetzt ist. Ich kann einen Stift halten, ohne dass mir der ganze Arm weh tut. Jetzt kann ich endlich besser Hausaufgaben machen. Darf ich mich bei dem Mädchen bedanken?"
Zärtlich streichelte Jacob über Ilkas Gesicht und nahm sie glücklich in die Arme. "Ilka, wir werden sehen. Bitte übertreibe nicht gleich und sei vorsichtig. Deine Knochen sind eine solche Belastung nicht gewohnt. Ob du dich bedanken kannst. Mal ihr eine Karte, wenn du willst. Ich lese es der Kleinen dann vor. Das du dich direkt bei ihr bedanken kannst, wird schwierig. Wir werden sehen, ob ich Lyn überreden kann, dich noch einmal zu besuchen. Befehlen mag ich es ihr nicht. Nach dem was Reimund mit ihr gemacht hat, bin ich mir da nicht so sicher, ob ich sie dazu überreden kann dich noch einmal zu besuchen. Warten wir ab, ich verspreche dir, ich werde sie fragen."
Ilka lächelte dankbar Jacob an.
"So, meine Kleine, jetzt muss ich noch zu deinem Vati", Jacob wollte sich gerade wegdrehen, als ihm noch etwas einfiel. "Ach sag mal Ilka, weißt du vielleicht, wer dir die Spritze gegeben hat und warum dein Arm so blau ist", Jacob zeigte auf ihren Arm.
"Doktor Martin, hat mir Blut abgenommen, für eine Untersuchung die du machen wolltest, bevor ich krank geworden bin. Du hast ihn doch darum gebeten. Aber gespritzt hat mir keiner etwas."
Jacob sah verwirrt und ungläubig zu Ilka. "Ilka, bist du dir da sicher, dass er gesagt hat, er kommt von mir? Vor allem, dass dir Doktor Martin nichts gespritzt hat?"
Ilka zog ihren Mund schief, wie sie es immer macht, wenn sie scharf nachdachte. "Onkel Fritz, ich weiß es nicht. Ich mach doch immer die Augen ganz fest zu, damit ich die Spritze nicht sehe. Du weißt doch, dass ich Angst vor Spritzen habe. Wenn ich sie nicht sehe, habe ich nicht so viel Angst davor", teilte sie Jacob, ihre verschrobenen Logik mit.
Dieser wuschelte Ilka über den Kopf. "Na du erst noch. Also hast du gar nicht sehen können, ob er dir etwas gespritzt hat."
Ilka bestätigte ihm das. "Onkel Fritz, wie soll ich etwas sehen, wenn ich die Augen ganz fest zu habe", Ilka kniff die Augen fest zusammen und zeigte Jacob, wie fest sie die Augen zumachte.
Jacob musste lache. "Ja klar, dann siehst du natürlich nichts. Das glaube ich dir gerne. Also ich komm gleich noch einmal zu dir, aber erst muss ich mit deinem Papa reden. Bis später dann ihr zwei."
Jacob ging in Richtung von Mayers Büro, klopfte an und trat nach Aufforderung ein. "Guten Abend Sigmar. Kann ich dich bitte kurz stören? Ich habe eine Hiobsbotschaft für dich und möchte das lieber selber mit dir klären", fiel dieser gleich mit der Tür ins Haus.
Jacob brachte das Gespräch lieber gleich auf den Punkt. Er wollte es hinter sich haben. Er vermutete, dass Mayer gleich ausrasten würde. Wenn es um seine Tochter ging, wurde Mayer zum Löwen, der sein Junges beschützte. Weil er ahnte, dass Mayer gleich völlig aus dem Anzug springen würde. Jacob hatte zur Vorsicht seine Arzttasche mitgebracht, um im Notfall gleich reagieren zu können.
"Setzt dich Fritz, gebe mir noch einen Minute."
Fritz Jacob stellte seine Arzttasche vor den Schreibtisch, setzte sich auf den Stuhl davor. Mayer schrieb den Bericht noch fertig und legte den Stift zur Seite.
"So Fritz, jetzt habe ich Zeit für dich."
Jacob holte tief Luft. "Sigmar, jemand hat versucht deine Tochter zu töten. Das weiß ich seit einer knappen Stunde. Deshalb wollte ich, dass man Ilka Blut abnimmt. Lyn, hat es mir versucht zu erklären. Von deiner Tochter weiß ich, dass Doktor Martin ihr Blut abgenommen hat. Angeblich in meinem Auftrag. Nur habe ich ihm niemals so einen Auftrag gegeben. Doktor Martin, kann überhaupt nicht spritzen. Der würde nicht mal eine Vene treffen, wenn sie einen Durchmesser von einem halben Meter hätte. Ich mache das lieber selber, vor allem bei Ilka oder schicke Walli. Vor allem, weil ich weiß, dass Ilka feine Venen hat."
Mayer starrte Jacob an. "Fritz, das ist jetzt nicht dein Ernst."
"Doch Sigmar, es ist leider mein voller Ernst. Walter rief mich vorhin auf der 6/blau an und teilte mir die Testergebnisse mit. Auf deine Tochter wurde ein Mordanschlag verübt. Sie bekam eine große Dosis Digitoxin-Philo gespritzt. Da Martin der einzige außer mir war, der vor der Erkrankung mit Ilka engen Kontakt hatte, kann nur er es gewesen sein. Es sei denn du verdächtigst mich."
Fassungslos sah Mayer den Arzt an. "Warum will jemand meine Tochter töten?", er konnte es nicht begreifen.
Jacob zuckte mit den Schultern. "Vielleicht, weil man das Projekt immer noch sabotieren will und nicht weiß, wie man das anstellen soll. An die Kinder unten kommt man nicht mehr heran, deshalb versuchen sie es jetzt auf diese Art und Weise. Ich habe keine andere Erklärung, Sigmar. Bei den anderen Kindern, hat man es auch schon versucht", brachte Jacob seine Gedanken zum Ausdruck.
"Nicht nur bei den Kindern", rutschte es Mayer jetzt leise heraus.
Mayer griff zum Telefon und rief Hunsinger an. "Franz, hier ist Sigmar noch einmal", meldet sich der stellvertretende Projektleiter, mit einer unsagbaren Wut in der Stimme.
"Was ist denn los bei euch, Sigmar? Gleich zwei Anrufe an einem Tag. Das muss ja ein Großbrandt bei dir sein."
Mayer raufte sich die Haare. "Franz, ich will dich nur davon unterrichten, dass jetzt der dritte Mordversuch hier im Projekt stattgefunden hat. Jemand hat versucht Ilka zu töten. Ich weiß nicht mehr weiter. Wie soll ich die Leute hier beschützen, wenn ihr mir hier Leute herschickt, denen ich nicht vertrauen kann. Ich denke die Teilnehmer am Projekt wären alle überprüft wurden", leise und ganz ruhig sprach Mayer mit Hunsinger.
Jacob war völlig verwundert. Er hatte mit allem gerechnet, nach Mayers Ausraster nach der Sache mit Reimund, aber nicht damit dass der Sicherheitschef bei einem Attentat auf seine Tochter so ruhig bleiben würde.
"Sigmar, ich kümmere mich darum, dass alle Leute noch einmal überprüft werden. Hast du einen Verdacht?"
"Doktor Martin."
"Geht klar, ich schicke dir sofort einen Flieger. Der holt Martin zur Vernehmung ab. Sage ihm er soll zu einer Schulung in die Zentrale, damit er keinen Verdacht schöpft."
Mayer war einverstanden. "Geht klar Franz", er legte auf und sah fassungslos zu Jacob. "Dieses verdammte Schwein soll froh sein, dass ich ihn nicht verhören muss. Weil er sich dann warm anziehen müsste, Fritz. Ich glaube ich drehe gleich durch."
Jacob sah sein Gegenüber an. "Sigmar, das nutzt doch nichts. Ilka ist gesund. Dank Lyn, besser als davor. Wenn du jetzt jemanden kurz und klein schlägst, nutzt das doch niemanden."
Mayer atmete schwer und versuchte sich zu beruhigen. "Ich weiß, deshalb versuche ich ja ruhig zu bleiben."
"Sag mal Sigmar du sagtest, drei Anschläge. Auf wenn noch?"
Jetzt winkte Mayer ab.
"Komm raus mit der Sprache, Sigmar."
"Fritz, auf dich hat man schon zwei Anschläge verübt. Was denkst du, warum wir dich nicht mehr alleine lassen. Warum wir ständig versuchen, dich mit je ...man ... den…"
Mayer sprach das letzte Wort tief in den Gedanken versunken aus und hörte urplötzlich ganz auf zu sprechen. Man merkte ihm an, dass ihn etwas stark beschäftigte. Plötzlich stand er auf und ging zu seinen Aktenschrank. Ihm wurde schlagartig etwas bewusst. Zielsicher holte eine Akte hervor, begann in dieser zu lesen.
"Wie auf mich?", wollte Jacob sofort wissen.
Mayer hielt eine Hand hoch, schüttelte den Kopf. Er wollte den Gedanken, der ihm gerade gekommen war, nicht wieder verlieren. Plötzlich und für Jacob völlig unerwartet, schlug sich der Sicherheitschef an den Kopf. Plötzlich wurde war ihm ein Licht aufgegangen und er konnte die letzten Rätsel, um die Giftanschläge auf Jacob, lösen. Auf einmal hielt er das Ende des Fadens in der Hand und das entwirrte den Knäul von Indizien, den er seit Wochen in der Hand hielt. Alles ergab mit diesem einen Gedanken einen Sinn. Erleichtert atmete er auf und sah seinen Chefarzt ernst an.
"Fritz, ich brauche kurz deine Hilfe. Kannst du bitte auf mein Spiel eingehen?"
Jacob sah Mayer verwundert an, weil er dessen Verhalten gerade nicht verstand. Dann zuckte der Arzt mit den Schultern. Der Projektleiter ging zum Schreibtisch und schmiss die Akte wütend auf den Tisch. Als nächstes griff er zum Telefon und wählte eine Nummer.
"Leutnant Müller, ist Chris Martin da? Schicken sie ihn sofort hoch in mein Büro und zwar auf der Stelle. Martin soll die Füße in die Hand nehmen, und etwas hinmachen?", befahl er Müller, mit mühsam unterdrückter Wut.
"Jawohl Genosse Oberstleutnant", hörte man deutlich die Antwort.
Mayer legte auf. "Fritz, was kannst du spritzen, das etwas schmerzt aber nicht schädlich ist."
Verwundert und mit dem Kopf schüttelnd, sah der Chefarzt seinen Vorgesetzten an. Für so etwas würde er sich nie hergeben. "Nichts, was man spritz ist unschädlich, Sigmar. Ich bin Arzt und kein Folterknecht", aus Jacobs Verwunderung wurde Wut. "Was soll das?"
"Verdammt, ich will ihm nur Angst machen, mehr nicht."
Immer noch wütend sah der Chefarzt seinen Vorgesetzten an. Plötzlich verstand Jacob, was dieser meinte. "Gar nichts. Luft das weiß jedes kleine Kind zu injizieren, ist tödlich. Das reicht als Angstmacher. Aber da musst du dir jemand anderen holen. Mit mir machst du solche Spielchen nicht. Dazu bin ich nicht bereit."
Mayer nickte, war aber tief in seinen Gedanken versunken. "Hast ja Recht, Fritz. Ich bin glaube ich gerade nicht zurechnungsfähig und kann nicht klar denken. So wütend wie ich bin."
Jacob nickte, denn das hatte er gerade gemerkt. Er versuchte Mayer etwas abzulenken, indem er nachharkte. "Sigmar, du hast mir meine Frage, noch nicht beantwortet. Auf mich wurden zwei Anschläge verübt, hast du gesagt. Wann und wo?"
"Fritz, du hast keine Suizidversuche unternommen. Nicht einen. Das wurde mir sofort klar, als ich dein Labor sah. Dieses Labor wurde systematisch zerstört. Du hast vielleicht aus Wut deinen Tisch abgeräumt, aber doch nicht die Bücher aus deinen Regalen genommen und zerrissen. Ich kenne dich jetzt lange genug, um dich einschätzen zu können. Du schätzt die Bücher die du hast, viel zu sehr, als dass du sie zerreißen würdest. Auch würdest du niemals, die teure Ausrüstung, auf die du so stolz bist, zerstören. Dann das Spritzen von einem Mittel, dass du nachweißbar weder in deiner Wohnung noch sonst irgendwo hier im Projekt hast", Mayer blickte ernst zu seinem Freund. "Vor allem Fritz, in beiden Fällen nachgespritzt wurden. Du hattest jedes Mal, zwei Einstichstellen in der Armbeuge und riesengroße Hämatome am Arm. Anderson und auch Walli erklärten mir, dass du sehr gut spritzen kannst. Ich hab mir die Leichen der Kinder angesehen, keines der Kinder hat ein Hämatom. Ich habe vor einer Stunde, den Abschlussbericht der Spurensicherung bekommen. Es waren Mordanschläge, nur wissen wir noch nicht von wem. Aber gerade fiel mir etwas auf. Ich denke jetzt weiß ich, wer es war. Doktor Martin. Ilka hatte vor acht Tagen auch ein großes Hämatom am Arm, das wurde mir gerade bewusst. Doktor Martins Bruder arbeitet in der Sicherheitszentrale, er wohnt bei ihm in der Wohnung. So hatte er die Möglichkeit an eine Generalkarte zu kommen. Er konnte sich so ständig Zutritt zu allen Räumen verschaffen. Chris Martin, besitzt nämlich als einer der wenigen, einer dieser Karten."
Jetzt wurde Jacob bewusst, wie Mayer darauf kam. Der Chefarzt wollte gerade etwas zu Mayers Schlussfolgerungen sagen, weil er einen Logikfehler in den Darlegungen seines Freundes bemerkte. Jedoch wurde er unterbrochen, da es in diesem Moment an der Tür schellte. Mayer stand auf, um zu öffnen. Einem Augenblick später erschien Chris Martin zusammen mit Mayer im Büro.
"Guten Abend Herr Doktor. Ich hoffe es geht ihnen wieder gut", begrüßt Chris Jacob, freundlich und offenherzig, wie immer.
"Danke Chris, mir ging es nie besser", antwortet der Arzt sarkastisch.
Eigentlich ging es Jacob in diesem Moment gar nicht gut, ihm war einfach nur schlecht und er war unsagbar wütend. Die ganzen Wochen schon, grübelte er darüber nach, ob er verrückt wurde oder ob er anfing durchzudrehen? Jetzt sagte ihm Mayer, so ganz nebenher, dass er das nicht war. Eigentlich müsste der Chefarzt erleichtert darüber sein, aber dem war nicht so. Es kam eine unsagbare Wut in ihm hoch. Dass man ihn so lange belogen hat und über die Tatsache eines Mordversuches im Ungewissen gelassen hatte.
Mayer zeigte auf einen Stuhl am Tisch. "Setz dich Chris."
Chris Martin setzte sich auf den zugewiesenen Platz und sah seinen Chef verunsichert an, weil der ihn ziemlich unwirsch ansprach. "Hab ich etwas falsch gemacht, Sigmar. Ich bin mir keiner Schuld bewusst", erklärte Martin Mayer sofort und schaute ihm offen ins Gesicht.
'In all den Jahren in denen ich Chris Martin kenne, hatte dieser nie Ärger gemacht. Was hat sich geändert, seit er hier im Projekt ist', ging es Mayer durch den Kopf, während er Martin sehr intensiv musterte.
Chris Martin war stets zuverlässig, hilfsbereit und zuvorkommend. Mayer behauptete von sich, dass er über eine sehr gute Menschenkenntnis verfügte und er zu fünfundneunzig Prozent richtig lag, mit der Einschätzung über den Charakter eines Menschens. Dies war einer seiner Stärken und hatte ihm in seinem Beruf, als befehlender Soldat, immer sehr geholfen. Mayer war sich deshalb ziemlich sicher, dass er sich nicht so, in einem in direkt unterstellten Mitarbeiter, getäuscht haben konnte. Er arbeitete täglich eng mit Martin zusammen und die beiden Offiziere, kannten sich schon seit dem Krieg. So sehr konnte Mayer sich nicht irren. Irgendwo gab es da noch einen Punkt, den der Sicherheitschef übersehen hatte. Aber, wo lag dieser Punkt? Gerade, weil es über Chris Martin, jeden Befehl Mayers ernst nahm. Jeden ausführbaren Befehl, anstandslos ausführte, aber auch einmal sagte "Chef so geht das nicht", ihm also höflich wiedersprach, achtete Mayer diesen Mann. Vor allem gab es nie von irgendeiner Seite eine Beschwerden, über Chris Martin. Deshalb hoffte Mayer sehr, dass er sich mit seinem Verdacht auf dem Holzweg befand und sich alles völlig anders abgespielt hatte.
Mayer fiel eine Diskussion mit Martin ein, die schon eine Weile zurück lag: Martin beschwerte sich im Dienst einige Male, über seinen schlampigen Bruder, den Arzt. Dass er es schon zigmal bereut hatte, dass er vor einem viertel Jahr, nach oben in die Wohnung des Bruders gezogen war. Es wäre genauso wie es früher zu Hause gewesen war, da hätte Chris auch immer hinter seinem Bruder herräumen müssen. Das war das einzig auffällige an Martin, seit dem er im Projekt begann zu arbeiten. Martin kam nie zu spät zum Dienst, er war stets korrekt gekleidet und machte auch sonst nie irgendwelchen Ärger im Projekt. Mayer verstand das alles nicht wirklich. Tief holte er deshalb Luft und fühlte seinem Untergebenen auf den Zahn, den er ihm ziehen wollte.
"Chris, wir zwei sind doch immer gut mit einander ausgekommen. Eine Frage an dich. Hast du jemanden deine Generalkarte gegeben?"
Chris schüttelte den Kopf. "Nein Sigmar, das darf ich doch nicht. Ich hüte sie wie mein Augapfel, trage sie immer bei mir", er druckste einen Moment lang herum, weil ihm etwas einfiel. "Ich habe sie vor einigen Wochen einmal gesucht, da war sie kurz verschwunden. Aber das waren höchstens zwanzig Minuten. Ich bin sofort den Weg, den ich zuvor gelaufen bin, noch einmal abgelaufen. Weißt du, ich dachte, dass vielleicht Band zerrissen wäre", verlegen sah er Mayer an. "Dann kam ich hoch, in die Wohnung meines Bruders, du weißt ja ich war ein paar Tage vorher zum ihm gezogen, da lag sie auf dem Sofa. Deshalb habe ich es nicht gemeldet. Na ja, eigentlich war sie nicht zu sehen. Sie steckte in der Sofaritze, nur das Band war noch zu sehen. Wahrscheinlich habe ich sie deshalb nicht gleich gesehen. Aber ich habe mir nichts dabei gedacht", entschuldigte er sich und versuchte zu erklären, wie das passiert sein konnte. "Aber, wenn du mich jetzt so fragst, war das schon eigenartig. Weil ich die Karte, eigentlich nur zum Duschen abmache. Ich nehm die Karte nicht einmal zum Schlafen ab. Privat trage ich sie immer umgehängt unterm T-Shirt, damit ich sie immer griffbereit habe und niemand außer mir da ran kommen kann. Du weißt ich bin sehr vorsichtig mit solchen Dingen", er überlegte kurz, dann sah er entschuldigend zu Mayer. "Tut mir leid Sigmar, du weißt ich bin sehr korrekt bei diesen Sachen. Nur war das der Tag, an dem die Techniker da waren. Ich war abends so fertig, als ich hoch in die Wohnung kam, ich weiß einfach nicht mehr, was ich an dem Abend alles gemacht habe. Ob ich sie abgelegt habe, wäre eigentlich untypisch für mich. Ich weiß nur eins, ich habe schon fast geschlafen, als ich die Wohnung betreten habe. Ich glaube, ich bin gerade noch, bis zum Sofa gekommen. Warum willst du das wissen?", erklärte Chris Martin offen, wie es seine Art war.
Genauso kannte Mayer, seinen Untergebenen: offen und bedingungslos ehrlich. Er sah Chris Martin ebenfalls offen, aber auch sehr prüfend an. "Erst noch einmal eine andere Frage. Hast du deine Karte noch einmal vermisst."
Chris Martin schüttelte den Kopf. "Nein Sigmar", antwortet er genauso offen.
"Weißt du noch, wo du am 14. März warst. Vor allem, wo deine Karte war, Chris."
Der Angesprochen überlegte kurz und wurde wütend. "Und ob ich weiß und du weißt es auch ganz genau. Wo ich mich an diesem gottverfluchten Tag aufgehalten habe. Meine Karte hing vermutlich um meinen Hals, wie jeden Tag. Warum?", fragte er nun noch einmal.
"Chris, wieso vermutlich?"
"Sigmar, erinner dich einmal. Das war der Tag, an dem ich den Zusammenstoß mit März hatte. Kannst du dich daran nicht mehr erinnern? Ich sehr wohl. Mir tun heute noch die Rippen weh. Der Typ hatte mir an dem Tag, fünf Rippen gebrochen. Doktor Anderson, hat mich verarztet und mir etwas gegen die Schmerzen gegeben."
Mayer erinnerte sich plötzlich. "Du hast recht Chris, ich erinnere mich. Aber wieso weißt du nicht, wo deine Karte war?"
Entschuldigend sah Chris Martin, zu Mayer. "Das was Anderson mir gespritzt hat, half nicht richtig. Ich lag jammernd im Bett und bekam kaum Luft. Ich hätte schreien können vor Schmerzen. Solche Schmerzen hatte ich noch nie in meinem Leben. Wäre ich nur unten auf der Krankenstation geblieben. Aber Peter meinte ich hätte ja meinen persönlichen Leibarzt. Dieser Vollideot", Martin zuckte verlegen mit den Schultern. "Peter gab mir eine Spritze, damit ich besser Luft bekomme und noch eine, gegen diese verdammten Schmerzen. Dann habe ich zwei Tage durchgeschlafen. Ich kann dir deshalb nur sagen, als ich einschlief und als ich aufgewacht bin, hing die Karte um meinen Hals. So wie sie immer um meinen Hals hing. Aber ...", wütend sah er zu Jacob und erklärte dem Chefarzt. "... dieser verdammte Depp ist zu blöd zum Spritzen, echt mal. Der hat mir den ganzen Arm zerstochen. So schlimm, dass mir hinterher eine ganze Woche der Arm weh getan. Und der war vollständig grün und blau", dabei schüttelte Martin den Kopf. Da er sich über sich selber ärgerte. "Hätte ich nur nach Anderson geschickt, der hätte mir auch etwas gegen die Atemprobleme und die Schmerzen gegeben. Aber Peter meinte, du hast deinen privaten Arzt oder traust du deinem Bruder nicht. Also hab ich ihn das machen lassen. Er ist doch mein Bruder und ich wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen", Chris Martin sah seinen Chef jetzt völlig irritiert an. "Was ist denn eigentlich los Sigmar? Ich verstehe deine Fragen irgendwie nicht", wollte er nun doch endlich wissen.
"Tja Chris, da haben wir jetzt wohl ein Problem, dass dir nicht gefallen wird. Aber ich werde Peter jetzt festnehmen lassen. Das, was du mir hier erzählst, rechtfertigt eine vorläufige Festnahme auf alle Fälle und den Rest muss die Staatsanwaltschaft klären. Jetzt noch eine andere Frage. Weißt du ob dein Bruder viel mit März und Richter zusammengehangen hat?"
Wieder einmal nickte Chris Martin. "Ja, die drei waren befreundet, haben viel zusammen in ihrer Freizeit gemacht. Die kannten sich glaube ich vom Studium her. Jedenfalls kannten die Drei sich schon bevor sie hier ins Projekt gekommen sind. Aber Peter hat auch mit Anderson viel gemacht oder mit mir."
Die Aussagen von Chris Martin bestärkten Jacob immer mehr darin, dass sein Gegenüber nichts mit der Sache zu tun hatte. Martin wurde von seinem Bruder nur ausgetrickst. Darüber war der Chefarzt mehr als erleichtert, denn er mochte, den stillen aber immer höflichen Martin sehr. Deshalb wandte er sich an Mayer.
"Sigmar, darf ich Chris auch etwas fragen?"
Der Sicherheitschef nickte.
"Chris, wir beide haben uns doch immer gut verstanden. Hat dein Bruder mal etwas gesagt, dass er mich nicht leiden kann? Vor allem, wie er hier zum Projekt steht oder dass er mit dem Projekt nicht klar kam?"
Verlegen starrte Chris auf seine Füße und es dauerte einige Momente, bis er begann zu seinen Füßen zu sprechen. Martin schämte sich für das, was er jetzt sagen musste und konnte Jacob dabei nicht in die Augen schauen.
"Herr Doktor ... verdammt ... er ... er ist mein Bruder. Es ist schwer das auszusprechen", Martin sah erst Jacob und dann Mayer an, dann schaute er wieder auf seine Füße. "Wissens Herr Doktor, Peter ist auch manchmal ein ... ein ... richtiges Arschloch. Wissen sie, der war immer neidisch, auf Gott und alle Welt. Vor allem aber auf sie, weil sie mehr Ansehen hatten wie er. Er meinte einmal, eigentlich hätte ihm der Chefarztstuhl zugestanden. Nicht so einem Weichei wie ihnen. ´tschuldigung Herr Doktor, das sind seine Worte und nicht meine", Chris Martin war es richtig gehend peinlich, die Worte seines Bruders auszusprechen. Auch weil er selber in den höchsten Tönen von Jacob sprach. "Aber der Dummbeute, ´tschuldigung, wenn ich ihn so nenne, ist auch auf Anderson neidisch gewesen. Peter hat Anderson immer als Zöpfchen tituliert, klein und schmierig. Gerade groß genug, um beim Chefarzt in den Arsch zu passen. Aber so war er schon immer. Peter hat sich nie sehr angestrengt, wollte aber immer der Beste sein. Er hat nie kapiert, dass er wenn er etwas erreichen will, auch etwas dafür tun muss", traurig sah er von seinen Füßen hoch, dem Chefarzt ins Gesicht. "Mich hat er immer als Versager bezeichnet. Weil ich nicht wie er, in Vaters Fußstapfen getreten bin und wie er Medizin studiert habe. Dabei war und ist unser Vater immer stolz auf mich, weil ich meinen eigenen Weg gegangen bin. Ich hätte als Mediziner nie wirklich etwas erreicht. Selbst dann nicht, wenn ich nur über den Büchern gehangen hätte. Ich bin ein ganz passabler Sanitäter geworden, der im Notfall etwas mehr bringt als normale Sanis, aber mehr ist da nicht drin. Es hat aber gereicht, um im Krieg etlichen meiner Kameraden das Leben zu retten. Peter zog mich ständig auf, weil ich noch nicht Oberstleutnant oder gar Oberst bin, sondern nur ein lumpiger arschkriechender Leutnant. So hat er mich immer bezeichnet. Er schätzt sich immer um vieles höher ein, als er eigentlich ist. Aber trotzdem ist und bleibt er mein Bruder. Die Kinder hat er immer als Missgeburten bezeichnet, die es nicht wert sind geboren zu werden. Als ich ihn fragte, wieso er dann hierher gekommen wäre? Meinte er das Geld würde stimmen. Er ist und bleibt ein geldgieriger Sack", wütend schaute er zu Mayer.
Mayer stand auf. Er ging um den Schreibtisch herum und blieb vor seinem Wachmann stehen. "Chris, du bist der loyalste Mensch den ich kenne. Du bist alles aber keiner Versager. Bleibe immer so wie du bist. Es tut mir leid, dass ich dich überhaupt in Verdacht hatte. Allerdings sprach alles gegen dich. Durch deine Offenheit, habe ich endlich die Puzzelteile gefunden, die mir noch gefehlt haben, um dieses gottverfluchte Puzzel zusammenzusetzen, an dem ich seit dem 14. Februar, herumbastle. Endlich weiß ich, wer schon zweimal versucht hat, unseren Chefarzt zu töten. Vor allem, wer versucht hat meine Tochter zu töten."
Chris Martin, gab ein erschrockenes Stöhnen von sich, sah erst entsetzt Mayer, dann Jacob mit einem Blick an, dem man die Fassungslosigkeit über das Gehörte ansah. Entschlossen zog er seinen Overall auf und nahm seine Generalkarte ab, hielt sie Mayer hin.
"Das kann doch nicht wahr sein. Bitte du musst dich irren, Sigmar. Das kann er mir doch nicht antun ... mit meiner Karte? ... Sigmar ich will, dass du die Generalkarte sofort an dich nimmst, bei mir ist sie nicht mehr sicher", bat er seinen Vorgesetzten sofort.
Martin wurde bewusst, dass er die Mordanschläge erst ermöglicht hatte.
Mayer jedoch schüttelte den Kopf. "Chris, du behältst die Karte. Du hast sie nicht missbraucht. Damit Chris, konnte keiner rechnen, nicht mal du. Wenn man schon seiner Familie nicht mehr trauen kann, wem sollst du dann noch trauen?"
Völlig fertig stützte Chris Martin den Kopf auf die Hände, schüttelte den Kopf. "Tut mir leid Herr Doktor. Ich habe es nicht gewusst. Der kann was erleben, wenn ich ihn in die Finger bekomme."
Mayer griff jetzt durch. "Chris, du wirst gar nichts machen. Sondern überlässt das alles mir. Ich werde, so leid es mir tut, deinen Bruder sofort festnehmen und nach Berlin überführen lassen. Damit man hier im Projekt wieder in Sicherheit ist. Bitte Chris sag mir, weißt du wer mit deinen Bruder noch viel zusammen war?"
Chris Martin überlegte kurz, sah Mayer ins Gesicht. "Reimund war, wenn er Zeit hatte, mit Martin zusammen. Also auch mit März und Richter. Ansonsten war da niemand mehr", dann fiel ihm noch etwas ein. "Sigmar, einige der neuen Betreuer, sitzen jetzt oft mit Peter zusammen. Der hat ja niemanden mehr, außer Reimund und der hat ja nur selten Zeit."
Mayer nickte, das war ihm bewusst. Er selber hatte Reimund beauftrag, sich dieser Gruppe anzuschließen. Damit er März, den er schon seit langer Zeit verdächtigte, das Projekt zu sabotieren, besser unter Kontrolle hatte. Chris Martin erzählte die Wahrheit.
"Chris, du bleibst hier oben in meiner Wohnung, bis ich dir persönlich die Erlaubnis gebe, diese wieder zu verlassen. Du telefonierst nicht. Du gehst nicht an die Tür und du hältst dich die gesamte Zeit bedeckt. Du bist mir persönlich für Ilkas, Wallis und Jacobs Gesundheit und Wohlergehen verantwortlich. Wenn den Dreien etwas passiert, das verspreche ich dir, bringe ich dich persönlich um", ernst, vor allem mit eisigkalter Stimme, sagte Mayer das zu Chris Martin und blickte ihm dabei fest in die Augen.
"Sigmar, du müsstest eigentlich wissen, dass du mir vertrauen kannst. Wir kennen uns schon so lange. Wir haben schon so viele Kämpfe zusammen gekämpft. Ich habe immer die Wahrheit gesagt und dir immer beigestanden. Ich würde nie zulassen, dass jemanden etwas geschieht."
Mayer nickte, so kannte er seinen langjährigen Teamkollegen, mit dem er schon einiges erlebt hatte. "Dann ist es in Ordnung." Nochmals ging er zum Telefon und rief in der Zentrale an. "Hier Mayer, stiller Alarm, Sicherheitsstufe rot. Peter Martins Karte wird gesperrt, für alle Bereiche. Wo hält dieser sich zurzeit auf?", machte er klare Ansagen und wollte vom Diensthabenden genaue Informationen.
"In seiner Wohnung, Genosse Oberstleutnant", bekam Mayer sofort zur Antwort.
"Fenster, Türen, Wäscheschacht sofort versiegeln. Telefone sperren. Eine Einheit nach Haus 5 und zwar sofort", kamen kurze, konkrete Anweisungen. "Volle Bewaffnung, Schutzkleidung. In fünf Minuten, also dalli. Ihr kommt alle über die Gangway, nicht über den Park", mit dieser korrekten Ansage, an sein Sicherheitsteam legte Mayer auf. "Fritz, du bleibst bitte auch hier in meiner Wohnung. Ich möchte nicht, dass du zwischen die Fronten gerätst. Die Festnahmen von März und Richter, waren schwer und wir hatten starke Gegenwehr, die verlieren alles. Wir hatten einige Verletzte", ernst sah Mayer Jacob an.
"Geht klar, aber mache bitte hin, mein Zeitplan ist sowieso heute schon total zur Minna. Ich muss sonst die ganze Nacht durcharbeiten", bat er ernst, klopfte Mayer dabei auf die Schulter.
Der Sicherheitschef verließ den Raum, schnappte sich im Vorbeigehen seine Montur und Waffen und sorgte dafür, dass ein gesuchter dreifacher Mörder festgesetzt wurde. Nach einer Stunde konnte Jacob die Wohnung von Mayer wieder verlassen. Auch Chris Martin ging. Der Major völlig fertig mit den Nerven war. Immer wieder entschuldigte sich Chris Martin, bei Jacob.
"Herr Doktor, es tut mir so leid. Wirklich, ich habe das nicht mal geahnt, dass mein Bruder so weit gehen würde."
Jacob glaubte ihm das gerne. "Chris, machen sie sich nicht so verrückt. Sie können doch nichts dafür, dass er ihr Bruder ist. Keiner konnte mit so etwas rechnen. Auch sie nicht. Wichtig ist nur, dass sie immer die Wahrheit gesagt haben. Sie haben meinen vollen Respekt. Bleiben sie sich immer selber treu. Das ist das Wichtigste. Egal, was ihr Bruder sagt, sie sind ein feiner Kerl", Jacob klopfte Chris Martin auf die Schulter und ging nach hinten zum Haus 6, um noch einmal nach seinen Kindern zu sehen.
Die Zeit zerrann dem Chefarzt unter den Fingern, denn es ging schon mit großen Schritten auf Mitternacht zu und er hatte so gut wie nichts erledigt, von seinem Tagesplan. Als er das Kinderzimmer betrat, ging er als erstes zu seiner Anna und gab ihr einen Kuss.
"Wir beide müssen morgen früh, ein ernstes Wort miteinander reden", schimpfte er lächelnd mit ihr.
"Was hab ich angestellt?", wollte Anna wissen.
Jacob schüttelte den Kopf. "Nichts, das machen wir morgen. Ist hier alles in Ordnung?"
Anna zuckte mit den Schultern. "Nummer 23, kam vorhin fragen, ob er noch einen Brei haben darf, weil er Hunger habe. Ich habe ihm und Rashida noch einmal zweihundert Gramm gemacht, beide waren unruhig und haben nicht geschlafen. Nummer 23 allerdings, stand auf kam zu mir. Bei Rashida kam Lyn, da diese sich scheinbar nicht getraut hatte. Lyn machte mich vor einer halbe Stunde darauf aufmerksam, das Nummer 46 irgendetwas hat. Ich wollte dich anrufen. Konnte dich aber nirgends erreichen. Keiner wusste, wo du steckst. Kannst du bitte mal nach ihr sehen?"
Jacob nickte und ging nach hinten zu 46, dass kleine Mädchen lag zusammen gerollt in ihren Bett. Sie schien tüchtige Schmerzen zu haben. "Sere Nikyta mako? Wie geht es dir Mädchen, wo hast du Probleme?"
Ganz ängstlich sah die Kleine, Jacob an.
"Kannst du mir zeigen wo?"
"Doko, huna, ondor halikon? – Doko, im Bauch, Schmerz soll aufhören."
"Ich soll machen, dass die Schmerzen in deinem Bauch aufhören?"
Die Kleine schaute Jacob völlig panisch an und nickte, wenn auch zögerlich.
"Darf ich dich untersuchen?"
Zitternd sah das Mädchen Jacob an, dann nickte sie.
"Ich bin vorsichtig", teilte er 46 mit, weil er dachte, sie hätte Angst vor der Untersuchung. Jacob versuchte sie zu beruhigen und öffnete den Overall. Was er da sah, erschreckte ihn sichtbar.
"Um Himmels Willen", stöhnte er fassungslos auf. Jacob starrte auf den Bauch des Mädchens, das ängstlich von ihm wegkroch. "Wer war das?"
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Anna, durch den erschrockenen Ruf von Jacob, auf ein Problem aufmerksam geworden, kam sofort heran. "Brauchst du meine Hilfe, Fritz?"
Jacob befahl. "Hole mir sofort den Mayer. Und zwar sofort!", befahl er in einem Ton, den Anna so nicht kannte.
Der Chefarzt war völlig ungehalten und vergriff sich dadurch völlig im Ton. Sanft versuchte Jacob auf das kleine Mädchen einzureden, damit sie wieder zu ihm kam. Die Kleine zog sich immer mehr von Jacob zurück. Sie hatte regelrecht Angst vor ihm. Jacob stand auf, wie immer, wenn er an eines der Kinder gar nicht heran kam, holte er sich Lyn zu Hilfe. Auch wenn er sie wieder einmal wecken musste. Das hier duldete keinen Aufschub.
"Lyn, frido, Nikyta drö. Lyn wache auf, ich brauche deine Hilfe, mein Mädchen." Fast sofort war Lyn munter und sah Jacob verschlafen, aber auch fragend an. "Lyn, bitte du musst mir bei 46 helfen. Sie hat Angst vor mir. Ich komme nicht an sie heran. Ich muss ihr aber helfen."
Lyn nickte und rieb sich müde die Augen, stand aber sofort auf und wollte zu Nummer 46 gehen. "Nehm dein Tuch mit, ich muss Licht anmachen."
Lyn zog sich ihr Tuch auf die Stirn.
In diesem Moment ging schon vorn das Licht an. "Fritz, was ist denn schon wieder, verdammt nochmal. Ich habe wirklich keine Zeit", genervt teilte Mayer, das Jacob mit.
"Sigmar, ich würde dich nicht holen, wenn es nicht wichtig wäre. Ich muss dir etwas zeigen. Ich glaube ich spinne", vorsichtig setzte sich Jacob zu 46 ins Bett, um diese nicht noch mehr zu verschrecken. "Bitte Mädchen, ich möchte das dem Oberstleutnant nur zeigen. So etwas darf man mit euch nicht machen. Lyn, bitte hilf mir."
Lyn ging zu dem Mädchen, flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dann nickte sie zu Jacob, der hielt dem Mädchen die Arme hin. Mühsam erhob sich die Kleine, kam gekrümmt vor Schmerzen, zu Jacob in die Arme. Jacob zog das Mädchen auf seinen Schoss. Diese lehnte sich, vor Schmerzen still vor sich hin weinend, an dessen Schulter. Jacob machte den Overall wieder auf, um Mayer wie auch Anna zu zeigen, was los war. Beide erschraken, als sie den Bauch von 46 sahen. Der gesamte Bauchraum war Blutunterlaufen, dunkelblau, fast schwarz verfärbt. Vor allem sah man den Abdruck eines Schuhes deutlich auf deren Bauch.
Mayer hockte sich vor Jacob, der das Mädchen auf seinen Schoß sitzend in den Armen hielt und versuchte es zu beruhigen. "Wer war das?", erkundigte sich Mayer ganz leise.
Nummer 46 guckte Lyn ängstlich an.
Lyn antwortet statt des Mädchens. "Nicht sage. Sonst töte", antwortete sie ängstlich.
"Wer will euch töten?", Mayer sah entsetzt zu Lyn. Dem Mädchen, die seine Ilka erst kürzlich gesund gemacht hatte. "Lyn, nicht alle Menschen sind böse. Bitte sage mir, wer das gewesen ist. So etwas darf man nicht mit euch machen. Ich werde dafür sorgen, dass er das nie wieder macht", versprach Mayer Lyn.
Diese schüttelte ängstlich den Kopf.
Jacob zu den Lyn das meiste Vertrauen hat, versuchte es noch einmal. "Lyn, wenn ihr mir das nicht sagt, kann ich euch doch nicht beschützen", ernst sah der Arzt das kleine Mädchen an. "Bitte, du musst mir das nicht jetzt sagen. Erst einmal nehme ich 46 mit hoch auf die Krankenstation. Aber wir müssen wissen, wer das war. Sonst passiert das immer wieder."
Jacob erhob sich mit dem kleinen Mädchen im Arm. "Anna, du holst Doris und Moni, sofort aus dem Bett. Dich und Doris brauche ich oben auf der 6/rot und Moni übernimmt die Nachtwache."
Schon wandte er sich mit 46 auf dem Arm um und wollte in Richtung Tür. Jacob überlegte es sich kurz anders und drehte sich noch einmal um. "Lyn, bitte komme mit hoch, sonst hat 46 noch mehr Angst, wenn sie ganz alleine ist."
Jacob hielt Lyn die Hand hin, wartete bis diese angefasst hat und ging zur Tür. "Sigmar, ich sage dir Bescheid, wenn ich etwas heraus finde. Ich glaube heute ist absolut nicht mein Tag", schon war er mit Lyn und 46 im Aufzug verschwunden.
Auf der 6/rot, der Krankenstadion des Kinderbereiches, angekommen und setzte er 46 auf ein Bett. Im Anschluss hob er Lyn darauf. "Legt euch bitte hin, damit ihr nicht runterfallt."
Jacob holte eine Röntgenplatte, legte sie in den Apparat ein, bereitete so alles für das Röntgen vor. Bevor er diese Aufnahme nicht hatte, konnte er nicht sagen, ob die Kleine innere Verletzungen davon getragen hatte. Schon hörte er den Aufzug, mit dem Doris und Anna hochkamen. Sofort erbat er sich Hilfe von den Schwestern, die im Erklären mit den Kindern besser zu Recht kamen, als er selber. Immer wieder stellte er fest, dass Anna den Kindern bestimmte Dinge feinfühliger vermitteln konnte als er. Das lag wohl daran, dass sie eine Frau war. Die besten Sprachkenntnisse nutzen einen nichts, wenn man es an Feingefühl fehlen ließ.
"Bitte, ihr müsst mir jetzt helfen. Ich muss 46 röntgen. Ich habe keine Ahnung, wie ich das den Kindern erklären soll."
Anna nickte und ging auf Lyn zu. "Lyn, du vertraust mir doch."
Lyn nickte.
"Deine Freundin hat Schmerzen, es gibt einen Apparat, dort können wir in dem Bauch sehen, was kaputt ist. Verstehst du?"
Lyn sah verunsichert zu ihr. "Weh tut?"
Anna wackelte mit dem Kopf. "Lyn, ich weiß nicht ob das bei euch weh tut. Bei euch ist vieles anders, als bei uns. Bei uns tut es nicht weh."
Da nickte Lyn, sah ihre Freundin an. Zeigte auf Anna, dann nickte sie ihr zu.
"Da bleib", sagt Lyn mit fester Stimme.
Anna verstand, was sie meinte, nahm das eine Kind auf den einen Arm, Lyn auf den anderen. Schwer bepackt mit zwei Kindern, kam sie nach hinten in den Röntgenraum.
Jacob kam Anna entgegen und nahm ihr 46 ab. "Lyn, das Mädchen, hat es auch einen Namen?"
Wieder sah Lyn das Mädchen an, diese nickte leicht. "Ana", gab sie zur Antwort.
"Was ist Lyn?", fragt Anna, weil sie dachte, Lyn will etwas von ihr.
Lyn schüttelte den Kopf. Zeigte auf Anna. "An na", sagte sie deutlich, dann auf das Mädchen. "A na."
Jetzt verstanden es die beiden.
"Ach so", sagte Jacob und Anna lächelte verlegen.
Der Arzt setzte die Kleine, die sichtbar Schmerzen hatte, auf den Röntgentisch. "Ana, kannst du alles verstehen, was ich zu dir sage?"
Ana nickte.
"Wir legen dich jetzt hin, damit wir ein Bild von deinem Bauch malen können. Du musst ganz still liegen, dann sind wir schnell fertig. Hast du das verstanden?"
Ana antwortete. "Liege. Bild."
Jacob sah sie fragend an. "Soll Lyn bei dir bleiben?"
Wieder erfolgte ein kurzes furchtsames Nicken.
"Dann kommt, ich mache mir Sorgen."
Anna setzte Lyn mit auf den Röntgentisch, hängte ihr eine Röntgenschürze um. Ana bekam eine kleine Schutzmatte auf ihren Unterleib gelegt. Auch Jacob bekam einen Röntgenschutz umgehängt, da er bei den Kindern bleiben wollte. Als man Ana richtig hinlegen wollte, fing diese still an zu weinen, vor Schmerzen. Jacob sah sich um, nahm sich eine Decke und rollte sie zusammen. Er schob die Rolle unter Anas Kniekehlen, so dass die Beine angewinkelt waren. So hatte das Mädchen nicht so schlimme Schmerzen. Er bekam so zwar kein hundertprozentiges Bild, aber es musste reichen.
"Jetzt ganz still liegen", gab er Ana die Anweisung. Es ertönte ein kurzes Summen. "Das war es schon. Doris, bitte beeile dich mit der Entwicklung des Bildes. Kommt ihr Zwei."
Entgeistert sahen die Mädchen Jacob an. "Liege. Bild?", erkundigte Lyn sich jetzt, die nicht begriff, dass sie schon fertig waren.
"Wir sind fertig. Hat es weh getan."
Ana schüttelte den Kopf.
Zehn Minuten später, kam Doris mit der Röntgenaufnahme des Bauches.
"Oh, mein Gott. Es ist ein Wunder das die Kleine nicht schreit wie am Spieß. Lyn, komm bitte mal. Anna du bereitest den OP vor und machst Ana fertig für die Operation."
Jacob nahm erst einmal Lyn auf den Arm, die sehr an Medizin interessiert war. Vor allem, um ihr zu erklären, was auf ihre Freundin zukam. Er wollte auf diese Weise, auch Lyns Vertrauen gewinnen.
"Sieh mal Lyn, das ist der Bauch von Ana. Huna Ana. Da siehst du den schwarzen Fleck."
Weiter kam Jacob nicht. "Blut", erklärte ihm Lyn.
Erstaunt sah Jacob sein kleines Mädchen an. "Ja, das ist Blut."
Lyn zeigte auf den Wasserhahn. Jacob ging mit ihr hin, Lyn drehte den Wasserhahn ganz auf und ließ das Wasser laufen. Dann zeigte sie auf das Wasser und erklärte ihm.
"Blut", dann machte sie eine Bewegung, die dem Wasser folgt, schloss den Hahn, bis nur noch einzelne Tropfen daraus flossen. " Sliu. – tropft."
"Das heißt tropfen", erklärte ihr der Arzt.
Lyn drehte den Hahn ganz auf, so dass das Wasser wieder floss.
Lyn sah Jacob traurig an. "Sit, sliu huna", erklärt Lyn Jacob. Zeigte auf ihre Augen und schüttelte den Kopf.
"Das Blut fließt in ihren Bauch. Aber, du kannst ihr nicht helfen."
Jetzt nickte Lyn wieder.
"Ich weiß meine kleine. Aber ich kann ihr helfen. Anna bringt dich nach unten. Dann helfe ich Ana. Du musst dir keine Sorgen um deine Freundin machen. Das verspreche ich dir. Sage ihr bitte, sie braucht keine Angst haben."
Lyn sieht Ana an. "Doko, bionde. Wopurm krisin"
Jacob verstand nicht genau, was Lyn erzählte und sah sie deshalb fragend an.
Deshalb übersetzte sein kleines Mädchen für ihn. "Doko macht wohlfühle, nichts passiere, nicht erschrecke."
Jacob gab Lyn einen Kuss. "Danke. Anna bringe Lyn nach unten. Bleibe bei Lyn, ich komme nach unten, wenn ich fertig bin und sage Bescheid, wie die OP gelaufen ist. Doris ist der OP fertig", ohne eine Antwort abzuwarten, ging sich Jacob umziehen und für die OP vorbereiten.
Jacob war nicht wohl bei der Sache. Er hatte keinerlei Erfahrungen, mit Narkotika bei diesen Kindern. Deren gesamte Physiologie so ganz anders war, als die von normalen Kindern. Er musste versuchen aus der normalen Kinderheilkunde, die Narkose abzuleiten und hoffen, dass diese wirkte. Vorsichtig nahm er das Mädchen auf den Arm und trug sie in den OP. Stach eine Kanüle in die Vene, um ein Narkosemittel zu spritzen.
Zum Glück wirkte die Narkose sofort und Ana schlief ohne Probleme ein. Vorsichtig, um nicht noch mehr Verletzungen herbeizuführen, öffnete er deren Bauch. Führte die entsprechenden Handgriffe durch, um die geplatzte Arterie zu verschließen. Saugte das im Bauchraum befindliche Blut ab, spülte und säubert den Operationsbereich. Fast drei Stunden benötigt er, um die schweren inneren Verletzungen von Ana zu beseitigen. Das Mädchen musste mehrere, schwere, mit wahnsinniger Gewalt ausgeführte Schläge und Tritte, abbekommen haben. Ana hatte eine ausgeprägte Bauchmuskulatur, die bei Anspannung, diese Verletzungen hätten verhindern können. Die Schläge mussten Ana, also vollkommen ungeschützt getroffen haben.
"Wer hat dir das nur angetan, kleine Ana?", fragte Jacob wiederholt, während der OP.
Kurz nach 3 Uhr in der Früh, konnte Jacob, seine Patientin, beruhigt in eines der Krankenbetten legen. Noch eine halbe Stunde brauchte Ana, ehe sie wieder aus der Narkose aufgewacht war. Erleichtert sah sie den Arzt an.
"Mön, Doko. – Danke Doko.", sagte Ana leise, als sie munter wurde.
"Ana, bleibe ruhig liegen, nicht aufstehen. Verstehst du?"
Ana rieb sich die Augen und nickte kurz.
"Dann schlaf mal schön Ana", sofort schlossen sich ihre Augen. "Doris, organisierst du bitte eine Ablösung für dich. Rundumbewachung von Ana, bis wir denjenigen haben, der die Kleine so zugerichtet hat."
Doris ging zum Telefon, rief Alma an. "Alma, kommst du bitte auf die 6/rot, ich habe eine Sonderschicht für dich", dann rief Doris in der Sicherheitszentrale an.
"Zentrale, Major Martin."
"Schwester Doris am Apparat. Chris sei bitte so gut. Sperre alle Karten für die 6/rot außer Alma, Doktor Jacob, Mayer, Anna und meiner. Station 6/rot ist Sicherheitsbereich der höchsten Stufe, bis auf Widerruf. Kein anderer hat Zugang zu der Station. Anweisung vom Chefarzt. Bitte stellen sie den Alarm auf lautlos. Bei Auslösung habt ihr drei Minuten, um hier zu erscheinen."
"Mache ich sofort, Schwester Doris."
Jacob der Ana noch einmal untersucht hat, war mit den Vitalwerten zufrieden. "Doris, ich lasse sie jetzt alleine, der Alarm ist an. Klingle sofort, wenn etwas ist."
Doris bestätigte es durch ein Nicken, dass sie verstanden hatte.
"Ich gehe nach unten zu Lyn, um ihr Bescheid zu sagen und um nach dem Rechten zu sehen."
"Geht klar Herr Doktor, ich passe auf die Kleine auf."
Schon verschwand Jacob im Aufzug, fuhr nach unten auf die 6/blau, um im Raum der Kinder nach dem Rechten zu sehen. Ohne sich umzusehen, lief Jacob sofort nach hinten zu Anna und Lyn.
"Alles in Ordnung bei dir Lyn."
Anna schüttelte am ganzen Körper zitternd den Kopf, hielt die kleine Lyn in den Armen. Erst jetzt sah Jacob, dass fast alle Kinder wach waren und ängstlich auf Anna und Lyn sahen. Fragend sah er seine Freundin an.
"Lyn, hat bis vor zehn Minuten geschrien wie am Spieß. Als wenn sie die gesamte OP mitbekommen hätte."
Irritiert sah sie Jacob an. "Wie geschrien?"
Anna konnte nicht antworten, sie hielt zitternd Lyn an ihre Brust gedrückt, die ohnmächtig zu sein schien. Jacob, nahm Anna das Mädchen vorsichtig aus dem Arm und legte die Kleine auf das Bett, um sie zu untersuchen. Langsam kam Lyn wieder zu sich. Leise kaum hörbar, flüsterte sie.
"Doko, semro? – Doko, ist es zu Ende?"
Entsetzt sah Jacob, in das von Schmerz verzehrte Gesicht Lyn. "Was ist zu Ende? Lyn, ondor? – Hast du Schmerzen Lyn?", wollte er wissen.
"Doko, semro Ana? – Doko, Ana zu Ende?"
Jacob schüttelte den Kopf. "Nein Lyn, es ist nicht zu Ende mit Ana. Sie schläft jetzt oben auf der Krankenstation. Aber es war verdammt knapp, meine Kleine. Bitte sage mir, wer hat Ana so zusammengeschlagen. Er wird es wieder tun. Dann spürst du jedes Mal den Schmerz deiner Freunde. Bitte ich will nicht, dass du leidest."
Lyn atmet schwer und stoßweise. Sie schien immer noch große Schmerzen zu haben. Ihre Freundin Rashida saß verängstigt in der Ecke.
"Anna hole meine Tasche, bitte schnell."
Anna lief sofort los und hoch auf die 6/rot, um die Tasche des Chefarztes zu holen. "Rashida, hilfst du mir bitte, Lyn zu beruhigen. Ich weiß nicht, was ich machen soll."
Rashida kam näher und legte sich neben den Arzt. Jacob legte Lyn in deren Arme. Langsam normalisiert sich Lyns Atem, wie immer konnte Rashida ihre Freundin beruhigen.
"Lyn, dy. Ondor? Lyn sagt doch etwas, hast du Schmerzen?", kam die besorgte Frage von Jacob.
"Semro. – Es ist vorbei", antwortete stattdessen Rashida leise.
"Was ist vorbei, Rashida? Ich verstehe es nicht, was ist zu Ende?"
Ängstlich sah er zu Lyn, fühlte deren Puls der wieder normal ging. Rashida antwortete nicht. Sie atmet gleichmäßig und tief. Schien auf diese Weise, Lyn zu zwingen, genauso zu atmen. Endlich kam Anna mit der Tasche angerannt. Jacob nahm das Stethoskop aus der Tasche, um Lyn abzuhören. Das Mädchen war gerade eingeschlafen. Also ließ er sie schlafen.
"Rashida, wenn mit Lyn etwas ist. Rufe bitte sofort nach mir, ich bin vorn. Versuche auch noch etwas zu schlafen. Wir reden morgen."
Rashida nickte, schloss nun ebenfalls die Augen. Lange noch saß Jacob bei den Mädchen, hörte auf deren Atmung, aber es schien alles in Ordnung zu sein.
Kurz nach 4 Uhr ging er nach vorn zu Anna, ganz leise informierte er sie. "Ich geh mal hoch, zu der kleinen Ana. Wenn etwas ist sofort oben anrufen. Ich muss wissen, ob oben alles in Ordnung ist."
Sofort war er aus dem Raum verschwunden und fuhr nach oben auf die 6/rot, in der Alma ihren Dienst tat.
"Alma, ist mit 46 alles in Ordnung? Die Kleine nennt sich selber Ana, mit einem N."
Alma war angespannt, aber sprach ruhig. "Sie schläft, Puls und Blutdruck sind normal, es scheint keine Nachblutungen zu geben. Herr Doktor, auch der Wundfluss ist normal. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wer tut einem Kind so etwas an, Herr Doktor?", beunruhigend sah die ältere Schwester den Arzt an.
"Alma, ich weiß es nicht. Wir sind alle sprachlos. Bitte rufe nach mir. Ich bin unten auf der 6/blau, wenn etwas sein sollte. Lyn geht es auch nicht besonders gut. Wenn Ana unruhig wird, rufst du sofort unten an. Doris hat dir erklärt, dass hier niemand rein darf, außer Anna, Mayer, Doris und mir?"
"Ja Herr Doktor, wenn jemand anders kommt, soll ich sofort Alarm auslösen."
"Dann ruhigen Dienst noch. Bis heute Vormittag, ich komme kurz nach 6 Uhr, noch einmal nach Ana sehen", der Arzt ging zum Aufzug und verschwand.
Kaum im Kinderraum angekommen, sah er nach Lyn. Sein kleines Mädchen und ihre Freundin schliefen jetzt tief und fest. Jacob legte sich einfach in Rashidas Bett, um wenigstens noch eine Stunde zu schlafen. Um 8 Uhr kamen die Techniker, um die Gatter abzubauen. Dann mussten alle auf, ob ausgeschlafen oder nicht.
Der Abbau durch Techniker lief reibungslos. Die Gatter wurden demontiert, so dass die Kinder sich nie wieder eingesperrt vorkamen. Selbst dieser Vertrauensbeweis, den Jacob erbrachte, nutzte nichts mehr. Das Vorgefallene stand zwischen den Kindern und Jacobs Team, wie eine Glaswand. Als die Kinder am nächsten Tag vom Training kamen, herrschte eine bedrückte Atmosphäre. Egal was die Schwestern oder der Chefarzt versuchten, die Kinder hatten sich vollständig verschlossen. Selbst Lyn sagte kein Wort mehr, weder zu Jacob noch zu Anna.
Die Lehrer beschwerten sich, dass die Kinder keinerlei Antworten mehr gaben. Ab diesem Vorkommnis mussten alle Arbeiten so gestellt werden, dass die Kinder sie schriftlich beantworten konnten. Keine Strafe, die sich die Lehrer ausdachten, griff und führte dazu, dass die Kleinen wieder sprachen. Die Lehrer waren verzweifelt, sie wollten mit Gewalt durchsetzen, dass die Kinder antworten. Sie mussten Strafrunde für Strafrunde laufen, bekamen zusätzliche Aufgaben verpasst, es nutzte alles nichts. Je mehr Strafen die Lehrer austeilten, umso verschlossener wurden die Kinder. Das angespannte Verhältnis zwischen den Erwachsenen und ihren Zöglingen wurde immer mehr verhärteter. Sie bekamen nur eisiges Schweigen. Keines der Kinder, die Anna und Jacob ihren Namen verraten hatten, reagiert noch auf diesen. Es war ein Vertrauensbruch geschehen, der all die Bemühungen von Jacob und sämtliches Vertrauen zerstört hatte. Mayer der Nachforschungen anstellte, bekam auch nichts Schlüssiges heraus. Die Zeit verging wie im Fluge, die Kinder wuchsen und gediehen. Bereits vierzehn Wochen waren die Kinder alt, hatten die Größe von einem etwa elfjährigen Kind erreicht. Nicht nur die Größe, sondern auch den Bildungsstand eines elfjährigen Kindes. In der kurzen Zeit, hatten die Kinder in einem unvorstellbaren Tempo, die Grundschule beendet. Selbst die Lehrer konnten es nicht fassen, wie schnell die Kleinen lernten. Nur einmal musste man den Kindern ein Thema erklären, schon saß es. Alle Arbeiten, die nach acht Stunden Unterricht geschrieben wurden, fielen stets mit der vollen Punktzahl aus. Egal wie verdreht die Aufgaben von den Lehrern gestellt wurden, was für Fallen sie einbauten, die Kinder fanden steht’s die richtige Lösung. Es war faszinierend und beängstigend, mit welcher Geschwindigkeit, die Kinder die Schulbücher durcharbeiteten.
Die Lehrer hatten nach vier Wochen endlich eine Möglichkeit gefunden, wie sie zügig die Themen abarbeiten konnten. Sie gaben den Kindern, zum Schulschluss ein Buch, mit dem Auftrag, sie sollten die Seiten von bis durcharbeiten. Erstaunlicherweise, hatten die Kinder stets das ganze Buch, am nächsten Morgen durch und konnten zu allen Themen eine Antwort geben. Nur eins bereitete die Lehrern Sorgen, dass keins der Kinder sprach. Nie störte jemand den Unterricht, noch war es so, dass sich die Kinder gegenseitig ablenkten. Aber auf keine ihrer Fragen erhielten die Lehrer eine mündliche Antwort. Vor allem waren jegliche Emotionen aus den Gesichtern der Kinder verschwunden. Es gab weder Tränen, noch hörte oder sah man ein Lächeln auf deren Gesicht. Selbst Schmerzen sah man den Kindern nicht an.
Die einzigen Worte, die die Kinder noch sprachen, war "Ja, Sir", oder, "Nein, Sir." Viele der Lehrer wünschten sich solch ein Verhalten, für ihre Arbeit in normalen Schulen, in denen Disziplin so oft ein Problem war.
Am Sonntag den 24. Mai 1959, siebzehn Monate nach Projektstart, hatten die Kinder, seit langem einen Tag frei. Das Arbeitspensum der Kinder war ungeheuerlich. Die Lehrer wie auch die Betreuer arbeiteten in drei Schichten, rund um die Uhr. Es war also etwas besonderes, dass die Kinder einmal frei hatten. Die Betreuer und die Lehrer mussten zu einer außerplanmäßigen Besprechung nach Berlin. Im Institut sollten sie weitere Vorgehensweisen, mit den dortigen Mitarbeitern absprechen und neue Einweisungen zu bekommen. Sämtliche Planungen die von Seiten der Wissenschaftler gemacht wurden, waren durch die Kinder über den Haufen geschmissen wurden. Die Entwicklung, der erst reichlich drei Monate alten Kinder, war schon um Meilen über die Erwartungen hinaus geschossen. Um diese Planungen zwischen den Mitarbeitern des Projektes und des Institutes zu koordinieren, beschloss man in größeren Abständen diese Besprechungen durchzuführen. Der Chefarzt wurde zu diesen Besprechungen allerdings nicht eingeladen. Jeder im Projekt und auch im Institut wusste, dass dieser sich nur für die Rechte der Kinder einsetzen würde, dies konnte man nicht gebrauchen. Man wollte das Ziel des Projektes nicht aus den Augen verlieren. Die Lehrer und Betreuer, waren dagegen völlig von dem Projektzielen überzeugt.
Früh um 8 Uhr kurz nach seinem Frühstück, ging Jacob deshalb nach unten in den Raum der Kinder, in dem wie immer eisiges Schweigen herrschte und lief nach hinten zu Rashida und Lyn. "Ihr Beide kommt zu einer Untersuchung mit. Ich muss einige Tests mit euch machen. Nehmt eure Bänder mit", gab Jacob den Befehl.
Er hatte langsam die Nase voll und wollte wissen, warum seine kleinen Mädchen nicht mehr mit ihm sprachen. Beide Mädchen zogen ihre Augenbinden über und folgten Jacob wortlos zum Aufzug. Jacob sah die Mädchen traurig an. Gleich nachdem die Drei, die Krankenstation auf 6/rot betreten hatten, zeigte Jacob auf die dortige Sitzecke, die zum Einnehmen der Mahlzeiten gedacht war.
"Setzt euch", forderte er seine beiden Lieblingskinder auf und setzte die Beiden weit auseinander, an den Tisch mit den zwölf Stühlen. Er ließ sie einfach sitzen und ging zunächst zum Telefon. "Anna, bist du lieb, bringst du mir bitte eine Kanne Kaffee nach unten, auf die 6/rot und zweimal Brei."
"Mach ich sofort, Fritz", ging sofort auf dessen Bitte ein.
"So ihr Zwei, ich muss mit euch reden. So geht das nicht weiter. Wir bleiben jetzt so lange hier sitzen, bis ihr mir gesagt habt, was ich euch getan habe. Und warum ihr nicht mehr mit mir redet."
Jacob sprach ganz leise, aber mit viel unterdrückter Wut. Er lehnte sich auf den Stuhl zurück und stellte sich auf eine sehr lange Wartezeit ein. Jacob verschränkte seine Arme, über den nicht vorhandenen Bauch und sah abwechselnd zu Lyn und Rashida.
Beide schwiegen.
Nach fünfzehn Minuten erschien Anna mit einem Tablett, auf dem zwei Teller mit Brei standen, einer mit Kuchen und zwei Tassen. Stellte jeden der beiden Mädchen einen Teller vor die Nase. "Lasst es euch schmecken, ihr Zwei", sagte sie liebevoll, zu den Mädchen. Sofort wollte sie sich zu Jacob an den Tisch setzen.
"Anna, bitte gehe wieder hoch. Das ist nicht böse gemeint. Ich möchte erst einmal mit Rashida und Lyn alleine reden. Das hat etwas mit Vertrauen zu tun. Also bitte", traurig sah Anna ihre Kleinen an.
Lyn sah Jacob an, dann Anna, dann Rashida und zog ihre die Füße auf den Stuhl, fing an zu schaukeln. Etwas, dass Jacob seit einiger Zeit, bei Lyn beobachtet hatte. Sie fing immer an zu schaukeln, wenn sie unter Druck geriet oder nicht mehr weiter wusste.
Rashida wollte zu ihrer Freundin.
Jacob griff diesmal hart durch. "Nein Rashida, du wirst nicht zu Lyn gehen. Ich will wissen, was hier los ist. Anna, geh und zwar sofort", böse sah Jacob seine Freundin an, die immer noch auf der 6/rot herumstand und ihm damit keinen Gefallen tat.
Anna drehte sich wütend um und ging zum Aufzug.
Lyn geriet immer mehr unter Druck, wusste nicht mehr, was sie machen sollte. Sie wollte zu ihrer großen Freundin, die immer lieb zu ihr gewesen war. Aber schon seit Tagen, nicht mehr unten auf der 6/blau Dienst zum Dienst erschienen war. Lyn vermisste Anna genauso, wie Anna ihre kleine Lyn. Jacob wusste sich nicht anders zu helfen. Er verstand seine kleinen Mädchen nicht. Er begriff einfach nicht, wieso Lyn ihm die Schuld an der Verletzung von Ana gab. Er hatte das Mädchen gerettet. Seit der OP von Ana, gab es von Seiten der Kinder, keine Reaktion mehr. Rashida sah Lyn an, dann Jacob, bat mit ihrer ganzen Haltung, dass sie zu Lyn gehen durfte. Jacob musste nur dieses eine Mal konsequent sein und entschied sich dagegen, Rashida zu Lyn zu lassen. So weh es ihm tat, da mussten die Mädchen durch.
"Rashida, du kannst sofort zu Lyn, wenn ihr mir sagt, was los ist. Ich bin mir keiner Schuld bewusst, euch etwas getan zu haben. Seit über vier Wochen lasse ich mir euer Schweigen gefallen. Ich dachte wirklich, ihr kommt von alleine wieder. Jetzt ist das Maß voll. Ich bleibe jetzt mit euch hier so lange sitzen, bis ihr wieder mit mir redet oder es mir aufschreibt. Damit ich endlich weiß, was los ist."
Lyn legte den Kopf auf die Knie. Jacob konnte regelrecht ihre Verzweiflung spüren. Es half alles nichts, wenn er jetzt nach gab, wusste er immer noch nicht, was los war. Nach über einer Stunde schweren Kampfes, hob Lyn den Kopf, sah Rashida lange an. Diese nickte ganz wenig. Jacob sah diese minimale Bewegung und registrierte, dass die Mädchen sich absprachen. Ihm war völlig unklar, wie sie das machten. Durch diese Bänder konnte man nichts sehen. Auf der anderen Seite war es aber so, dass die Kinder damit auch über den Parcours liefen. Etwas was für ihn unvorstellbar war. Immer noch war ihm nicht eindeutig klar, wie die Augen der Kinder funktionierten. Er konnte es sich nicht erklären. Langsam war Jacob am Ende seiner Geduld, brüllte jetzt Lyn regelrecht an.
"Verdammt noch mal Lyn, warum redest du nicht mit mir. Sprich endlich."
Lyn sah Jacob an und sprang vom Stuhl auf. "Sir, ja, Sir", aber dann schwieg sie wieder.
"Setz dich Lyn. Was soll das Lyn, bin ich nicht mehr dein Doko? Sprich endlich."
Immer schwerer holte Lyn Luft. Ihr Atem begann zu rasseln.
"Sir, sie sind noch unser Doko, Sir. Aber sie haben uns nicht erlaubt zu reden, Sir", die auf einmal Rashida sprach. Sie musste unbedingt zu Lyn, um diese zu beruhigen.
"Wie, ich habe euch nicht erlaubt zu reden, Rashida?"
"Sir, wir müssen immer erst den Befehl abwarten, sprechen zu dürfen, Sir. Haben uns die Betreuer gesagt, Sir", erklärte Rashida ganz leise.
"Rashida, bei mir dürft ihr reden so viel wie ihr wollt und lasse diesen dummen Sir weg. Ich bin doch euer Doko. Ich dachte, ich bin euer Freund, oder bin ich das nicht mehr?"
Rashida sah Jacob fast zehn Minuten an. Man sah den schweren Kampf den sie mit sich kämpfte. "Sir, doch, Sir. Aber wir wissen nicht mehr, was wir richtig und was wir falsch machen, Sir."
Verständnislos blickte Jacob zu Rashida. Die immer wieder zu Lyn sah, die immer noch schaukelnd auf den Stuhl saß und rasselnd nach Luft rang. Jetzt sogar noch anfing nervös mit ihren Fingern zu spielen.
"Rashida, wenn ich dich zu Lyn lasse, redest du dann weiter mit mir. Es tut mir so weh, sie so zu sehen."
"Sir, ja, Sir."
"Dann geh zu ihr. Aber erklärt mir, was los ist. Anna und mich, macht diese Situation fertig. Verstehst du, wir haben euch doch nichts getan. Wir haben euch immer geholfen."
Rashida nickte, ging zu ihrer Freundin, nahm Lyn in die Arme. "Lyn, Doko Asödoah. – Lyn, wir können Doko vertrauen."
Jacob nickte bestätigend. "Natürlich könnt ihr mir vertrauen, das wisst ihr doch."
Lyn schüttelte wild den Kopf.
"Warum könnt ihr mir nicht vertrauen? Erklärt es mir."
Rashida zog die sich mit Händen und Füßen wehrende Freundin einfach auf die Füße. Dann geschah etwas, dass Jacob bei den beiden Freundinnen nie für Möglich gehalten hätte. Lyn knurrte ihre Freundin tief grollend an. So dass Jacob erschrocken zurückwich. Die um fast vierzig Zentimeter kleiner Lyn, hatte den Kräften ihrer Freundin nichts entgegenzusetzen. Entschlossen öffnete Rashida deren Overall. Lyn kämpfte verzweifelt dagegen an. Schließlich reichte es ihrer großen Freundin und mit einem gewaltigen Ruck, drehte Rashida Lyn die Arme auf den Rücken und zog diese nach oben. So dass Lyn gebeugt nach vorn stand und sich nicht mehr bewegen konnte, ohne Gefahr zu laufen sich selber schwer zu verletzen. Mit einer unvorstellbaren Kraft, riss Rashida den Kragen vom Overall ab, da sie so Lyn in dieser Haltung nicht ausziehen konnten. Es gab einen gewaltigen Ratsch, in dem sich eine Bahn Stoff am Rücken entlang öffnete. Kein Ton kam von Lyns Lippen, obwohl das bestimmt sehr schmerzhaft gewesen sein musste. Im gleichen Augenblick ließ Rashida die Arme Lyns los und nahm das am ganzen Körper zitternde Mädchen in ihre Arme. Lyn stand jetzt mit dem Rücken zu ihrem Doko.
Jacob stöhnte auf. Er sah fassungslos. Auf den Rücken von Lyn sah der Arzt, tiefe, entzündete Schnittspuren, die quer und längs verteilt waren.
"Wer hat das gemacht, Lyn?"
Seine kleine Freundin schüttelte trotzig den Kopf und sagte keinen Ton.
"Sir, die Betreuer peitschen Lyn ständig aus, Sir. Weil sie ihnen sagte, dass Ana verletzt war, Sir. Wir dürfen nicht mehr mit ihnen reden, Sir. Sonst bekommt Lyn wieder Schläge, Sir. Das können wir doch nicht zulassen, Sir."
Jacob stierte auf Lyns Rücken und Tränen der Wut traten ihn in die Augen. Er konnte sich nicht, von diesem qualvollen Bild losreißen. Nach einer Weile, schaute er mit tränennassen Gesicht zu Rashida. Entschlossen drehte er sich um und wollte zum Telefon geh.
Rashida reagierte auf eine Weise, die Jacob überhaupt nicht erahnen konnte. Die durch ihre Größe und Masse schwerfällig wirkende Rashida, entwickelte eine unglaubliche Geschwindigkeit. Ehe Jacob reagieren konnte, war diese schon an ihm vorbei gelaufen und am Telefon. Sie riss mit einem Ruck das Kabel aus der Wand.
"Sir, nein, Sir. Das dürfen sie nicht machen, Sir", schrie sie mit einer entsetzen Stimme, die unsagbare Angst ausdrückte.
Etwas, das Jacob bei Rashida noch nie erlebt hatte. Da das Mädchen bis jetzt noch nie Emotionen gezeigt hatte. Emotionen zeigte von den Hundert, eigentlich nur Lyn. Jacob kam zurück an den Tisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Er raufte sich die Haare.
"Warum darf ich das nicht? Vor was hast du so eine entsetzliche Angst?"
Rashida, setzte sich auf den Stuhl und zog Lyn einfach auf ihren Schoss, um die Freundin zu trösten und vor allem zu beruhigen.
"Sir, der Genosse Oberstleutnant hat die Betreuer zwar ausgeschimpft und alle bekamen wohl eine Strafe, Sir. Aber seit dieser Zeit, dürfen wir nicht mehr miteinander sprechen, Sir. Sagen wir unaufgefordert etwas, lachen oder weinen wir, bekommen wir wie Ana Schläge, Sir. Lyn stellt sich oft vor die Anderen. Sie will verhindern, dass man die anderen schlägt, Sir. Sie bekommt dann immer, die gesamte Wut der Betreuer ab, Sir. Wenn sie jetzt den Oberstleutnant anrufen, Sir. Das überlebt Lyn nicht, bitte Sir."
Jacob konnte nicht glauben, was Rashida ihm da erzählte. "Aber so geht das nicht Rashida. Wie soll ich euch untersuchen, wenn ihr nicht mit mir redet?"
"Sir, sagen sie uns einfach, das wir sprechen dürfen, Sir. Dann können wir auch reden, Sir. Bekommen dann keinen Ärger, Sir", versuchte Rashida ihrem Doko zu erklären.
"Rashida, ich brauche einen Moment. Das muss ich erst einmal verdauen. Kannst du mir bitte noch eine Frage beantworten. Wer von euch ist noch verletzt?"
Rashida sah auf ihre Finger, begann genau wie Lyn, damit zu spielen.
"Du musst mir nichts mehr sagen. Das habe ich gerade verstanden. Ihr zieht euch bitte beide aus, ich möchte euch untersuchen."
Rashida nickte, begann sich zu entkleiden und half Lyn bei dem kaputten Overall.
Erschrocken stellte Jacob fest, dass der gesamte Oberkörper von Rashida dunkelblau verfärbt war. An den Armen, den Beinen selbst am Nacken, hat Rashida überall Hämatome. Mehr oder weniger ausgeheilt. Jacob war fassungslos. Er saß auf seinen Stuhl und starrte wie erstarrt auf die beiden Mädchen. Immer wieder raufte er sich die Haare. Ihm wurde mit einem Male klar, warum man ihn die Kinder nicht mehr untersuchen ließ. Denn seit vier Wochen, kamen ständig wichtige Trainingseinheiten dazwischen, wenn Jacob Untersuchungen plante. Plötzlich ging ein Ruck durch dessen Körper und er sprang auf. Schon im Loslaufen rief er den Mädchen zu.
"Ihr wartet einen Moment hier, nicht weglaufen", im gleichen Moment war Jacob im Aufzug verschwunden.
Fünf Minuten später kam Anna, mit Jacob nach unten, um ihn bei den Untersuchungen zu helfen. Wenige Augenblicke später erschienen Alma und Chris Martin. Jacob begrüßte alle und besprach die weitere Vorgehensweise.
"Guten Morgen Alma, guten Morgen Chris. Chris, ich habe ein Problem. Ich bin vorhin beim Telefonieren am Telefonkabel hängen geblieben, kannst du es wieder ganz machen? Alma, du holst mir bitte immer zwei Kinder, zum Blutabnehmen nach oben. Anna, du legst Rashida und Lyn ins Bett, für ein vergleichendes Langzeit-EKG. Ich möchte wissen, wie der Unterschied der Beiden in der Herzfrequenz ist."
Chris Martin, sah sich das Telefon in der Zwischenzeit an und schüttelte den Kopf. Als er aufblickte, atmete er erst einmal erschrocken aus, als er die beiden Mädchen sah. Welche grün und blau geschlagen aussahen und starrte fassungslos auf Lyn, die am gesamten Körper schwere Schnittwunden aufwies.
"Herr Doktor was…", weiter ließ Jacob, Chris Martin nicht reden.
"Nichts ist, das sind Trainingsbedingte Verletzungen", sagte er mit fester Stimme.
Dabei sah der Chefarzt Chris Martin flehend an und schüttelte den Kopf. Der begriff, dass der Arzt im Moment nicht gewillt war, darüber zu reden. Aber auch, dass das herausgerissenen Telefon damit zusammenhing.
"Herr Doktor, da sind sie nicht hängen geblieben, das glaubt ihnen keiner. Das Kabel ist herausgerissen wurden. Sagen sie lieber sie haben zu sehr gezogen oder sind gestolpert. Dabei haben sie es ausversehen herausgerissen", gab er deshalb Jacob zu verstehen.
"Danke Chris, können sie es selber reparieren oder müssen wir den Hausmeister informieren?"
"Tut mir leid Herr Doktor, die Dose ist völlig kaputt. Da ist nicht nur das Kabel rausgerutscht. Das muss einer von den Fachleuten aus dem Hausmeisterteam machen, da bin ich überfordert. Aber ich sage dort Bescheid, dass das gleich repariert wird. Sie brauchen sich nicht darum zu kümmern."
"Danke Chris."
Schon verschwand der Wachmann im Aufzug.
Alma kam gerade mit den ersten beiden Kindern nach oben.
"Danke Alma. Anna sei so lieb hole genügend Spritzen", forderte er seine Freundin auf, die immer noch wie erstarrt an der gleichen Stelle stand und auf die Mädels starrte.
"Wer sind die Beiden, Alma?"
Wie immer war sich Jacob nicht sicher, welches der Kinder er vor sich hatte. Unten im Kinderraum, halfen ihm die Gruppen, bei der Zuordnung der Namen. Viel zu ähnlich sahen sich die Kinder. Zwar gab es geringe Unterschiede, aber viele der Kinder ähnelten sich trotzdem wie eineiige Zwillinge. Nur Haar-, Haut,- und Augenfarbe unterschieden sich. Trotzdem es gab viele Kinder, die die gleiche Haut-, Haar- und Augenfarbe hatten. Unten im Kinderraum saßen die Kinder oft im Bett eines bestimmten Kindes zusammen, dann konnte er die Zahlen oder Namen zuordnen. Wenn sie alleine waren, war das weder für die Schwestern noch für den Chefarzt möglich. Die einzige die man immer erkannte war Lyn, denn sie war mit Abstand die Kleinste.
"Herr Doktor, ich dachte ich bringe sie in der Reihenfolge der Geburt, ist das Einfachste."
Jacob lächelt Alma an, die wie immer mitdachte. "Wer ist Nummer 1?"
Das kleinere von beiden Mädchen, trat ängstlich vor.
"Bitte zieht euch aus", bat der Arzt die beiden Kinder freundlich lächelnd und wollte ihnen das Gesicht streicheln, beide zogen dieses weg.
Anna reichte Jacob eine Spritze. Als sie die Hämatome am Körper von Nummer 1 sah, stöhnte diese auf. Jacob schüttelte ganz vorsichtig den Kopf. Anna begriff, warum er das so machte.
"Du musst aufpassen beim Training Nummer 1, dass du nicht so viele Schläge abbekommst. Immer schön die Muskulatur im Bauchbereich anspannen. Sonst kann es zu inneren Blutungen kommen."
Von Seite der Kinder kam keinerlei Reaktion. Sie standen kerzengerade da und sahen gerade aus. Nur sobald man in ihre Nähe kam oder mit der Hand eine Bewegung machte, folgten ihre Augen instinktiv den Händen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass man die Kinder ständig schlug.
Alma, Anna und Jacob waren entsetzt. Jacob tat als ob die Untersuchungen das Normalste der Welt wären und stellte die Kinder unter eine Messlatte und auf die Waage. Genau notierte sich Jacob die Größe das Gewicht, vor allem aber die Art der Verletzungen. Er fotografierte die Kinder von allen Seiten. Nach einander untersuchte er so alle dreiundachtzig Kinder. Penibel hielt alles dokumentarisch fest. Die Nummer 7 aber auch die Nummer 12 den kleinsten und den größte Jungen, legte er ebenfalls in eines der Intensivbetten, um auch von diesen Kindern ein vergleichendes EKG zu machen. Vor allem um eine Begründung dafür zu haben, warum er die Kinder auf die 6/rot geholt hatte.
Nach vier Stunden, war der Untersuchungsmarathon beendet. Rashida und Lyn, wurden genau wie Nummer 7 und 12 noch geröntgt. Erst nahm er die Jungs, dann die beiden Mädchen zum Röntgen, um die Mittelhandknochen auszumessen und die spätere Größe errechnen zu können. Dadurch hatte er zum Schluss, wieder die beiden Mädchen allein auf der 6/rot. Jacob versorgte Lyns entzündeten Verletzungen, mit Salbe und wollte diese verbinden. Lyn ließ das allerdings nicht zu. "Lyn, bitte rede mit mir. Ich werde niemanden etwas sagen. Wieso wird keiner von euch ausgepeitscht, nur du? Spreche mit mir meine Kleine."
Lyn sah Jacob an, kaum hörbar, sagte sie. "Sir, nein, Sir."
"Rashida, dann rede du mit mir, bitte."
"Sir, es werden alle ausgepeitscht. Aber Lyn kann das wegmachen, Sir. Aber bei sich selber geht das nicht, Sir."
Erschrocken sah der Arzt Rashida an. "Seit wann geht das so?"
"Sir, seit der Versammlung, Sir."
Jacob setzte sich auf das Bett von Lyn. "Du willst gar nicht mehr mit mir reden, Lyn?"
Lyn schüttelte den Kopf.
"Das ist schade, ich dachte ich bin dein Freud, Lyn. Aber es ist nicht schlimm. Vielleicht überlegst du es dir ja mal irgendwann anders. Ich hab dich lieb Lyn. Auch wenn du mir nicht mehr vertraust."
Jacob wollte Lyn über das Gesicht streicheln, aber sein kleines Mädchen zog sofort das Gesicht weg. Alles Vertrauen, dass Jacob aufgebaut hatte, war bei Lyn zerstört. Traurig sah er die Kleine an.
"Na, dann kommt, ihr Zwei. Ich bringe euch nach unten in euren Raum, damit ihr auch noch etwas Zeit habt."
Jacob stand auf und ging an eins der Regale. Er holte einen neuen Overall heraus und reichte ihn Lyn. Diese zog den neuen Overall an, brachte den kaputten einfach in den Wäscheschacht, den es in jedem Raum gab und warf ihn dort hinein.
Gemeinsam verließ die Drei die 6/rot und gingen zum Fahrstuhl. Jacob gab Anna vor Verlassen der Station noch einige Anweisungen.
"Anna, machst du bitte die Röntgenaufnahmen fertig und hängst diese an den Lichtkasten. Dann bringst du alle Blutproben ins Labor."
Anna nickte wortlos. Sie war völlig verstört und den Tränen nah. Völlig verzweifelt sah sie in Lyns Richtung, die nicht mal mehr Anna an sich heranließ. Vor allem machten der jungen Krankenschwester, die vielen schweren Verletzungen zu schaffen, die sie in den letzten Stunden sehen musste. Es war unmenschlich, was die Betreuer mit den Kindern machten. Jacob schloss, kaum dass er das letzte Wort ausgesprochen hatte, die Fahrstuhltür. Schon war man auf den Weg nach unten, auf die 6/blau. Die Drei betraten nichts ahnend den Kinderraum und erschraken. Fassungslos sah Jacob sich um. Alle außer Nummer 56 saßen in ihren Betten. Der Junge saß mit Ilka zusammen im Gang, in der Nähe des Tisches und spielte mit ihr ein Händeklatschspiel.
Am frühen Morgen des gleichen Tages, saßen Mayer, Reimund und Ilka am Frühstückstisch. Mayer hatte schon den ersten Stress hinter sich gebracht und war froh, dass er endlich einmal saß. Erfreut betrachtete er seine Tochter die wie jeden Tag mit ihm zusammen frühstückte.
Ilka die gerade ihre erste Schnitte aufgegessen hatte, sah ihren Vater lieb an. "Vati, du hast mir erzählt, dass die Lehrer heute in Berlin sind. Kann ich mich da nicht endlich bei dieser Lyn bedanken, dass sie mir so geholfen hat. Immer heißt es die Kinder haben keine Zeit. Sie sind im Training oder in der Schule. Aber, wenn heute niemand da ist, dann haben die doch Zeit", Ilka schaute ihren Vati an, der ihr selten einen Wunsch abschlug.
Ihr Vater war allerdings schon wieder in Zeitdruck. "Ilka, bitte wir reden dann. Kleines ich muss nochmal in die Flugsicherung. In einer Stunde bin ich wieder da. Dann reden wir ganz in Ruhe. Prinzessin, bitte mache erst einmal deinen Unterricht, dann sehen wir weiter. Versprochen."
Ilka wusste ja, dass es immer viel zu tun gab, wenn Flugtage waren. "Geht klar Vati. Ich muss sowieso mit Reimund, heute einen Test schreiben. Ich bin wieder mal fällig", erklärte sie die Augen verdrehend und sah breit grinsend auf Reimund.
Ilkas Betreuer drohte seinem Schützling nicht nur mit der Faust. "Da muss ich mir wohl für dich besonders böse Fragen ausdenken, Ilka. Das kann doch nicht sein, dass du die Augen so verdrehst. Mein liebes Fräulein."
Ilka fing an zu kichern und nahm, sich ergebend, die Hände hoch. "Ich bin ja schon ganz liebe Reimund", versprach sie auf den Spaß ihres Freundes und Betreuers eingehend.
Mayer nickte und stand auf, streichelte seiner Ilka über den Kopf.
Er gab ihr zum Abschied einen Kuss auf die Wange. "Bis später mein Liebling. Sei nicht traurig", beim letzten Wort war Mayer schon aus der Küche und man hörte die Tür ins Schloss fallen.
Ilka sah Reimund traurig an. Keine halbe Minute später war der Schatten aus ihrem Gesicht verschwunden. Oft genügte ein Lächeln Reimund die momentane Traurigkeit darüber, dass ihr Vater wieder einmal keine Zeit hatte, zu vergessen. Reimund strich seinem Zögling liebevoll über die Wange und zauberte damit ein Lächeln in deren Gesicht. Wie so oft war Ilka glücklich, dass sie ihren Freund bei sich hatte. Durch Reimund konnte sie alles ertragen, denn ihr Freund und Betreuer war immer für sie da. Egal wann sie nach ihm rief und seine Hilfe brauchte, er kam zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie vertraute ihm vollkommen und vor allem, verstand sie sich sehr gut mit ihm.
Reimund war für Ilka mehr der große Bruder, als ein Betreuer oder Lehrer. Sie hatten beide viel Spaß zusammen und so manches Geheimnis. Trotzdem Reimund oft sehr streng mit Ilka war oder gerade deshalb. Es kam am Anfang nicht selten vor, dass Mayer und Reimund sich wegen Ilkas Erziehung heftig stritten. Reimund fand es nicht gut, dass Mayer seine Tochter so sehr verwöhnte. Er war der Meinung, auch wenn die Kleines es sehr schwer hatte, dass sie trotzdem lernen musste, dass sie nicht immer ihren Willen bekam. Als Reimund vor reichlichen zwei Jahren Ilka kennen lernte, war die Kleine ein verwöhntes und zickiges Kind. Schritt für Schritt lernte Ilka durch Reimund, dass sie auch einmal auf etwas verzichten musste. Mayer vertraute mittlerweile seinem Betreuer in Sachen Erziehung vollkommen und akzeptierte zu neunzig Prozent dessen Meinung. Obwohl es ihm immer noch schwer fiel seiner Tochter etwas abzuschlagen.
Reimund Bär war mit seinen einunddreißig Jahren ein junger Mann der beruflich sehr engagiert war. Dank des von Mayer aufgestellten Trainingsplanes, hatte er sich in den letzten zwei Jahren, von einem zur Fettleibigkeit neigenden Mann, in einen Athlet verwandelt. Reimund war sehr stolz auf sein jetziges Aussehen, denn er war immer das kleine Pummelchen gewesen, über den oft gelacht wurde. Bei einen der ersten Gespräche mit Mayer, hatte er ihm sein Leid geklagt und der hatte ihm Hilfe versprochen. Viele Jahre hatte Reimund darunter gelitten, dass er von seinem Umfeld nicht beachtet wurde und seinen Frust darüber, regelrecht in sich hinein gefressen. Seit dem er aber mit den Mayers zusammen lebte und musste er seine Ernährung vollkommen umstellen. Mayer achtet sehr auf sein Gewicht und aß nur gesunde Sachen. Dies färbte zwangsläufig auf Reimund ab und als sich der erste Erfolg einstellte, begriff dieser schnell, wo seine Fehler in der Ernährung lagen. Je mehr auf seine Ernährung achtete, umso mehr veränderte sich sein Körper. Vor allem fing er an intensiv Sport zu treiben. Durch den jetzt muskulösen Körper und die Erfolge die er im Sport hatte, er betriebe Judo und Krafttraining, stärkte sich endlich auch sein Selbstbewusstsein. Reimund ging schon immer in seinem Beruf auf, aber durch sein dazu gewonnenes Selbstbewusstsein, konnte er diesen um vieles besser ausüben. Seine grüngrauen Augen sprühten vor Energie und die Lachfältchen, die sich darum gebildet hatten, zeigten wie gern er lacht. Seit dem sich sein Selbstbewusstsein gestärkt hatte, spielte es für den nur hundertsiebzig Zentimeter großen Reimund keine Rolle mehr, dass er nicht gerade groß war. Im Gegenteil, dadurch war er wesentlich flinker und konnte im Judo in seiner Gewichtsklasse viele Erfolge erringen. Seine strohblonden Haare, hatte er wie Mayer zu einer Bürste geschnitten und trotzdem schafften es seine Haare, oft wirr in alle Himmelsrichtungen abzustehen. Ilka meinte einmal aus Spaß zu ihrem Vater und ihren Betreuer, als der Friseur wieder einmal vergeblich versucht hatte Reimunds Haare zu bändigen, diese würden immer so sturzeln, weil sie ihren Lehrer zu viel ärgern würde.
Für Reimund war die Stelle im "Projekt Dalinow", die Erfüllung all seiner Träume. Sie forderte all sein Wissen und er ging völlig in dieser Tätigkeit auf. Ilka hier zu unterrichten und die Kleine nach seinen Vorstellungen zu formen und das Beste aus ihren Möglichkeiten herauszuholen, bereitet ihm wahnsinnigen Spaß. Auch wenn das körperlich schwerstbehinderte Mädchen, seinen ganzen Einsatz verlangte, liebte er sie wie eine kleine Schwester. Da Ilka auch noch ein sehr kluges Mädchen war, machte seine Arbeit umso mehr Spaß. Denn er konnte seinen Schützling ganz gezielt fördern. Die körperliche Behinderung konnte Ilka später durch ihr enormes Wissen locker kompensieren. Das war Reimunds Ziel und er wurde in seinem Vorhabe von Ilkas Vater unterstützt. Mayer machte für seine Tochter alles möglich.
Reimund selbst kam aus einer Kinderreichen Familie und hatte einen schwerstbehinderten Bruder. Der am Down Syndrom litt. Ihm zu Liebe, hatte Reimund Pfleger gelernt und im Anschluss noch das Lehramt studiert, um alle Möglichkeiten zu haben ihn zu fördern. Leider verstarb sein Bruder vor zwei Jahren, an seinem seit der Geburt bestehenden schweren Herzfehler. Reimund war damals am Boden zerstört. Kurz darauf bekam er eine Einladung von Mayer und ging begeistert auf dessen Vorschlag ein. Privatlehrer und Betreuer für dessen Tochter zu sein, war genau das für was er seine Ausbildungen gemacht hatte. Durch den Tod seines Bruders war er ins Bodenlose gefallen und Mayer fing ihn im richtigen Moment auf. Er gab Reimund wieder ein Ziel. Als er Ilka zum ersten Mal sah, schloss er das Mädchen sofort ins Herz. Er beschloss sein ganzes Wissen dafür einzusetzen, diesem kleinen Engel zu helfen, etwas aus seinem Leben zu machen.
Reimund riss sich aus seinen Gedanken und sah zu seinem Schützling hinüber und strahlte sie an. Ilka ärgerte sich oft, wenn Mayer sich nicht einmal Zeit für ein richtiges Frühstück nahm. Meistens war das die einzige Zeit, in der sie ihren Vater sah und für sich hatte.
"Ach Manne ...", grummelte sie in ihren nicht vorhandenen Bart. "... nie hat Vati Zeit. Immer ist er wegen der anderen im Stress. Reimund kannst du nicht mal mit Vati reden, dass er wenigstens zum Frühstück bleibt. Jetzt sehe ich ihn wieder den ganzen Tag nicht."
Reimund lächelte sein Pflegekind an. "Ach Ilka, wenn der Vati sagt, dass er in einer Stunde nochmal kommt, dann macht der das auch. Bis jetzt hat er immer gehalten, was er dir versprochen hat. Der Vati ist nun mal hier auf Arbeit, mein Kleines. Das weißt du schon seit zwei Jahren. Wir haben es dir immer wieder erklärt."
Ilka nickte traurig. "Das stimmt schon Reimund. Aber manchmal könnte ich richtig eifersüchtig auf die anderen Kinder werden. Die haben den Vati immer und für mich hat er nie Zeit. Das ist gemein."
Reimund streichelte Ilka die Wange. "Du weißt schon, dass du gerade sehr ungerecht bist, Ilka. Der Vati ist selten bei den Kindern, das weißt du genau und zu ihnen zu gehen, gehört nun einmal zu seiner Arbeit dazu."
Ilka winkte ab und versuchte an das Brotkörbchen zu kommen. "Gibst du mir bitte noch eine Schnitte. Ich hab noch Hunger", bat diese zu ihrem Betreuer.
Reimund reichte Ilka noch eine Scheibe Toast. Seit dem es Ilka besser ging und sie sich ihre Schnitten selber schmieren konnte, aß diese das Doppelte von dem, was sie sonst immer gegessen hatte. Es war immer wieder erstaunlich, welche enormen Fortschritte die Kleine täglich machte.
"Sag mal Ilka, isst du noch eine Schnitte, weil du noch Hunger hast oder nur weil du Spaß daran hast, dir selber eine Schnitte zu schmieren?", lachend sah er auf seinen Schützling, die in den letzten vier Wochen, um einiges zugenommen hatte. Wenn die Kleine so weiter futterte, würde man sie bald rollen können.
Ilka schüttelte den Kopf. "Nein Reimund, ich hab wirklich noch Hunger. Ich weiß auch nicht, an was das liegt. Aber ich denke, das hängt irgendwie damit zusammen, dass es nach dem Essen nicht mehr weh tut. Sonst hat mir immer der ganze Bauch weh getan, wenn ich etwas gegessen habe. Das ist jetzt weg und seit dem habe ich immer ganz viel Hunger."
Reimund grinste breit, denn er konnte sich vorstellen, dass Ilka hungrig war. So viel wie zurzeit hatte sie sich noch nie bewegen müssen. Sonst saß die Kleine die ganze Zeit still im Rollstuhl. Sie war kaum fähig die einfachsten Bewegungen ohne fremde Hilfe auszuführen. Jetzt bekam sie Bewegungstherapie, Schwimmen und täglich Krankengymnastik. Trotzdem würde er darauf achten müssen, das Ilka nicht zu dick wurde. In den letzten vier Wochen hat sie schon acht Kilo zugenommen. Aber die standen ihr gut. Richtig kleine Pausbacken hatte sie bekommen und einen kleinen Bauch. Auch die immer viel zu dünnen Arme und Beine bekamen etwas ab. So machte Ilka seit vierzehn Tagen einen richtig gesunden Eindruck. Vor allem waren ihre Fortschritte riesig. In der Wohnung lief sie mit der Hilfe von Reimund, nur für lange Strecken benötigte sie den Rollstuhl.
Nach zwei weiteren Schnitten, rieb sich Ilka ihren kleinen Bauch. "So jetzt bin ich satt", meinte sie lachend, schob das Brettchen von sich weg und trank ihre vierte Tasse Kakao aus. Strahlend sah sie Reimund an. "Jetzt kannst du mich testen, Reimund, ich habe genug gefuttert, um den härtesten Biotest der Welt zu überleben."
Reimund schüttelte den Kopf. Seit dem Ilka etwas laufen und sich so einigermaßen bewegen konnte, hatte sie ein Selbstbewusstsein entwickelt, das enorm war. Sie ging auf Leute zu, aus der sonst so schüchternen und zurückhaltende Ilka, war ein kleines Strahlemännchen geworden. Es war herzallerliebst, sie anzusehen.
"Na dann komm, kleine Professorin. Lass uns sehen, was du gelernt hast. Da bin ich mal neugierig, ob die Schnitten und der Kakao geholfen haben."
Reimund räumte den Küchentisch ab. Dann half er Ilka zu ihrem Schreibtisch. Immer noch hatte Ilka nicht die Kraft in den Beinen, diese kurze Strecke ganz alleine zu laufen. Oft war sie noch unsicher auf den Beinen unterwegs, die einfach noch nicht die entsprechende Muskulatur hatten, um das Körpergewicht von Ilka zu tragen. Aber das würde sich in den nächsten Wochen noch wesentlich verbessern. Schwester Waltraud war der Meinung, dass Ilka, wenn sie weiterhin so hart trainierte, in einem Jahr ganz normal laufen würde. Dass sie sogar rennen könnte, alles tun und lassen konnte, was andere Kinder auch taten. Die Fortschritte die Ilka in den letzten vierzehn Tagen gemacht hatte, waren unvorstellbar.
Der Bewegungstherapeut der jetzt zwei Wochen mit Ilka trainierte, konnte nicht glauben, was er in so kurzer Zeit erreichen konnte. Die komplette spastische Lähmung war verschwunden. Die Bewegungseinschränkungen, die Ilka zu Zeit noch hinderten, waren einfach darauf zurückzuführen, dass sie ihre Muskeln noch nie trainieren konnte. Ihr fehlten einfach nur die Kraft und entsprechende Feinmotorik. Beides könnte sie in absehbarer Zeit erlernen. Kaum waren die Beiden an Ilkas Schreibtisch angekommen, setzte sich das Mädchen auf ihren Stuhl und nahm Zettel und Stift.
"Nun frag mich mal, was schweres, Reimund", dabei sah sie ihren Lehrer an und grinste herausfordernd.
"Na gut. Dann die erste Frage zum Stoff. Erkläre mir bitte die Photosynthese", stellte Reimund die erste von insgesamt zwanzig Fragen, des großen Bio-Testes.
Sofort begann Ilka zu schreiben. Nach fast drei Stunden waren alle Fragen beantwortet und beide konnten eine kleine Pause vertragen. Ilka nahm sich eins ihrer Abenteuerbücher, diesmal war es "Alfons Zitterbacke" und begann etwas zu lesen. Reimund der seinem Schützling diese Entspannung nur zu gern erlaubte, nutzte die Zwischenzeit und wertete den Test aus. Es war kurz vor 12 Uhr, als er die Arbeit des Mädchens durchgesehen hatte. Reimund war mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Einige kleine Fehler hatten sich eingeschlichen, aber nichts Gravierendes. Fast im gleichen Moment, als Reimund den Test mit Ilka auswerten wollte, betrat Mayer wieder die Wohnung. Er sah völlig genervt aus, trotzdem rang er sich ein Lächeln für seine Tochter ab.
"Sorry Prinzessin, aber ich wurde aufgehalte."
Ilka sah ihren Vater breit grinsend an. "Das ist doch immer so. Jeder will von meinem armen Vati etwas. Der kommt nie dazu mit mir Zeit zu verbringen", meinte sie naseweis und gab ihrem Vati einen schmatzenden Kuss.
Mayer lachte seine Tochter an. "Ach Prinzessin, du hast es aber auch schwer mit mir. Was hältst du davon, wenn wir jetzt erst einmal Mittag essen gehen. Dann fahren wir auf die 6/blau, damit du endlich zu Lyn kommst."
Ilka sah ihren Vati ungläubig an. "Wirklich?", sie strahlte Mayer an.
"Sigmar", kam vorwurfsvoll von Reimund, der nicht fassen konnten, was er da hörte.
Ilka war überglücklich und konnte kaum glauben, dass sie endlich Lyn besuchen durfte. Seit vier Wochen bettelte sie jeden Tag. Oft gab es deshalb Streit mit Reimund, dieser war strikt dagegen, dass Ilka in den Raum der Kinder ging. Endlich war es soweit und sie durfte in den Raum, von dem ihr Vati ihr schon so viel erzählt hatte. Noch nie war sie den anderen Kindern begegnet. Außer dieser Lyn und die war nicht gerade sehr gesprächig. Vielleicht konnte sie mit ein paar von denen spielen. Reimund war ja ganz lieb, aber Ilka sehnte sich nach einer Freundin oder einem Freund, mit dem sie herumalbern konnte. Oft fehlten ihr andere Kinder. Seit Lyn sie gesund gemacht hatte, noch mehr als in der Zeit davor. Früher war sie immer froh, dass keine anderen Kinder da waren, die hätten sie sowieso nur gehänselt. Aber wenn sie wirklich irgendwann richtig laufen konnte, dann wäre es doch schön mit den anderen zu spielen, ging es Ilka seit einiger Zeit durch den Kopf.
Mayer wuschelte seiner Kleinen über den Kopf. "Natürlich meine Prinzessin, sonst würde ich so etwas doch nicht sagen. In der Zentrale haben sie die Ansage bekommen, mich nur im Notfall zu holen."
Erfreut sah Ilka ihren Vati an. "Oh, ist das schön", mehr bekam die Kleine im Moment gar nicht heraus.
"Sigmar, ich finde das nicht gut. Das habe ich dir schon einige Male gesagt. Ich traue diesen Kindern nicht über den Weg. Bitte mache das nicht", bat Reimund jetzt.
Mayer sah böse auf Reimund. "Reimund, hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass du nie wieder etwas gegen diese Kinder sagst. Ich verstehe dich einfach nicht. Die haben dir doch nichts getan. Warum bist du so böse gegen die Kleinen eingestellt? Verdammt noch mal. Sieh dir unsere Ilka doch mal an. Ohne Lyn hätte meine Prinzessin nie solche Fortschritte gemacht. Ich verstehe einfach nicht, was du hast", wütend sprach Mayer diese Worte. Ihm ging dieses ganze Theater, dass Reimund veranstaltete langsam, aber sicher auf den Zeiger.
"Reimund, du bist gemein", schimpfte nun auch Ilka.
Reimund war nicht von seiner Meinung abzubringen. "Diese Kinder bringen nichts als Unglück. Du wirst das schon eines Tages sehen. Macht doch was ihr wollt. Aber verlange nicht von mir, dass ich da mit runter gehe. Egal, was du sagst Sigmar, gehst du dort runter, dann musst du das alleine tun. Da geht ihr ohne mich hin. Ich werde in die Höhle dieser Monster keinen Fuß setzen. Niemals in meinem Leben. Das ist mein letztes Wort", wenn Blicke töten könnten, wäre Mayer auf der Stelle tot umgefallen. Wütend setzte Reimund nach. "Von mir aus feuere mich. Für kein Geld der Welt, bekommst du mich dort hin."
Reimund ließ sich von seinem Chef in dieser Hinsicht auch nichts befehlen. In unendlich vielen Streitgesprächen, hatte er das Mayer klar gemacht. Er mochte diese Kreaturen nicht und damit war für Reimund das Ende der Diskussion erreicht. Er ließ seinen Chef einfach stehen und ging aus dem Raum. . Mayer gab es auf den Betreuer seiner Tochter umzustimmen. Es war verschwendete Zeit und die hatte er nicht zu verschenken.
Ilka sah traurig Reimund hinterher, sie verstand nicht, was hier vor sich ging. Ihr Freund war unmöglich, wenn es um diese Kinder ging. Stets hatte er nur schlimme Ausdrücke für Lyn und ihre Freunde. Er war ein richtiger Sturkopf. Deshalb hatte Mayer den Betreuer seiner Tochter von Anfang an schon ausgeplant. Er hatte es satt mit diesem zu diskutieren. Außerdem freute er sich auf diese kurze Zeit, die er endlich einmal wieder allein mit seiner Tochter verbringen konnte. Mayer holte den Rollstuhl von Ilka und half seiner Tochter hinein.
Gemeinsam mit Reimund fuhren sie nach vorn in die Mensa, um zu Mittag zu essen. Dabei wurde viel gelacht und gescherzt, so wie es die Drei gern machten. Danach verließ Reimund die beiden und ging nach oben in seine Wohnung, ohne seiner Freundin viel Spaß zu wünschen.
Ilka kam wieder einmal der Gedanke, dass ihr Betreuer vielleicht nur eifersüchtig auf die anderen Kinder war. Dass er vielleicht dachte, dass sie ihn weniger mögen würde, wenn sie Freunde unter den Kindern des Projektes finden würde. Sie nahm sich vor Reimund, nach dem Besuch bei den Kindern, einmal richtig die Meinung zu sagen und dieses Thema endlich zu einem guten Ende zu bringen. Vor allem, wollte sie ihm eins sagen: Dass er keine Angst haben musste. Reimund würde immer ihr bester Freund bleiben. Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mädchens und sie gab sich ganz der Freude des Besuches im Kinderraum und von Lyn hin.
Mayer fuhr mit Ilka in den Park und nach einiger Zeit, nach hinten zur Landebahn. Da die Sonne schien und es war richtig warm war, machten die beiden einen großen Spaziergang. Mayer erklärte seiner Tochter viele Unterschiede bei den Kindern nochmals und bereitete seine Prinzessin, so gut es ging auf den Besuch der Kinder vor. Mayer selbst war jedes Mal schockiert, wenn er den Kinderbereich betrat. Er durfte nichts in diesem Bereich ändern. Den Projektleiter waren, genau wie Jacob die Hände gebunden. Er bekam einfach keine Handlungsfreiheit und bekam kein Material genehmigt, um den Kinderbereich umzugestalten. Die Kinder sollten minimalistisch aufgezogen werden, so dass sie im Kampf nie irgendetwas vermissen würden. Sehr oft erzählte Mayer seiner Tochter schon von diesem Bereich, damit Ilka sich ihre eigenen Vorstellungen machen konnte. Mayer hoffte sehr, dass Ilka keinen zu großen Schock bekam. Denn seine Tochter hatte alles, was sich ein Mädchen in ihrem Alter wünschen konnte. Bücher, Puppen, Puppenstube, Kaufmannsladen, jede Art von Teddybären und jegliche Art von Brettspielen. Ihr Kinderzimmer war das reinste Spielzeuggeschäft. Seine Kleine musste durch ihre Krankheit auf so vieles verzichten, dass Mayer versuchte ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Auch wenn er wusste, dass dies nicht richtig war. Gerade deshalb hatte Mayer ein wenig Angst davor, wie seine Tochter reagieren würde, wenn sie sah, wie die anderen Kinder hausten.
In dem Moment, als die beiden den Kinderbereich betraten erschrak Ilka trotzdem. Kein Wort konnte einen Menschen auf diesen krassen Unterschied vorbereiten. Wenn selbst Erwachsenen täglich einen Schock bekamen, wie sollte da eine Elfjährige mit dieser Situation klar kommen. Entsetzt sah sich Ilka um, als sie von der Landebahn aus den Bereich der Kinder betraten.
"Vati, warum ist es hier so dunkel. Es ist unheimlich hier", flüsterte Ilka ängstlich.
Mayer hielt an, hockte sich vor den Rollstuhl seiner Tochter. "Ilka, wir müssen nicht zu den Kindern gehen. Ich kann auch einfach befehlen, dass Lyn und einige der anderen Kinder uns besuchen kommen. Dies habe ich dir schon einige Male vorgeschlagen. Du weißt, ich war nie begeistert davon, dass du hier runter wolltest. Wir fahren wieder hoch in die Wohnung, wenn es dir hier nicht gefällt und du dich unwohl fühlst. Ich sag nur schnell in der 6/blau Bescheid und dann kommen die Kinder zu dir hoch."
Ilka schüttelte stur ihren Kopf. Sie wollte unbedingt sehen, wie diese anderen Kinder lebten. Ihr Vati hatte so viel über diesen Raum erzählt. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dreiundachtzig Kinder in einem Raum leben sollten. Es musste in diesem Raum unwahrscheinlich laut sein. Vor allem beschäftigte sie der Gedanke, wie die Kinder wohl miteinander spielten und umgingen. Für Ilka kam es nicht in Frage, dass sie wieder nach oben ging. Sie wollte sich selber überzeugen, dass es so viele Kinder waren und dass sie wirklich kein Spielzeug hatten. Gedanklich hatte sie schon ihre ganzen Spielsachen sortiert und sich vorgenommen, wenn die Kinder lieb waren und sie auch im Rollstuhl akzeptierten, ihr Spielsachen mit ihnen zu teilen. Sie fand es ungerecht, dass sie so viel hatte und die anderen gar nichts bekamen. Dies würde sie ändern. Vorsichtig und so unauffällig wie möglich fasste sie hinter das Kissen, dass sie im Rücken hatte. Dort hatte sie einen kleinen Teddy versteckt, den sie jemanden geben wollte. Egal was der Vati dazu sagen würde.
Liebevoll sah Mayer seine Tochter an. Er hatte die tastende Bewegung von ihr gesehen. Auch wusste er, was Ilka dort versteckt hatte. Innerlich amüsierte er sich über seine Kleine, die so ein gutes Herz hatte. Mayer war von seinen Gefühlen hin und her gerissen. Er wollte seiner Tochter diesen Anblick eigentlich ersparen. Er wusste allerdings auch, dass er seine Tochter hier im Projekt nicht vor allem beschützen konnte. Es war nun einmal ein Projekt, das in seinen Augen unmenschlich war. Ilka war schlau genug, um dies alles mitzubekommen. Sie lebte schließlich unmittelbar neben seinem Büro und bekam dadurch vieles mit. Alleine schon die häufigen Streitereien, die er am Telefon mit Hunsinger oder im Büro mit Jacob hatte. Wie oft hatte ihn Ilka im Anschluss gefragt, warum er so wütend wäre. Deshalb fand es Mayer wichtig, dass Ilka das alles mit eigenen Augen sah und verstand, um was es bei diesen Streitgesprächen ging. Er hatte sich in den letzten Wochen selbst davon überzeugt, dass die Kinder ungefährlich waren. Denn nach Reimunds Schilderungen, dachte er es wären wirklich Monster. Nichts von dessen Erzählungen stimmte. Diese Kinder waren liebevolle Geschöpfe die respektvoll miteinander umgingen. Es gab keinen Streit dort in dem Raum und keinerlei Prügeleien. Bewundernswert höfflich gingen die Kinder miteinander um. Vor allem war es faszinierend anzusehen, mit welchem Respekt sie den Mitarbeitern begegneten. Viele Stunden, seiner sowieso knapp bemessenen Freizeit, hatte er die letzten Wochen diesen Kindern geopfert und mit ihnen gespielt, gesungen und erzählt. Er war es seiner Kleinen schuldig, dass diese sich eine eigene Meinung über die Kinder bildete.
Ernst sah Mayer seine Tochter an. "Engelchen, ich habe dir doch erklärt, dass die Kinder ganz empfindliche Augen haben. Das Licht tut ihnen weh. Darum ist es im Bereich der Kinder so dunkel. Die Kinder empfinden, das aber nicht so. Für diese ist es hier taghell."
Ilka war so zappelig. Sie wollte endlich mit eigenen Augen sehen. Sie hörte ihrem Vati zu und erinnerte sich an das, was er ihr über die Augen der Kinder erklärt hatte.
"Ach ja, da habe ich nicht dran gedacht. Vati, ich möchte die Kinder alle mal sehen. Weil ich dir nämlich nicht glaube, dass die alle so groß sind, wie du sagst. Lyn, war ja nicht sehr groß, als sie bei mir war."
In sich hineinlachend erinnerte Mayer an die heiße Diskussionen, mit seiner Tochter. Ilka wusste, dass die Kinder genetisch verändert wurden. Dass man versuchte hatte verbesserte Menschen zu züchten. Hilfe bekam er sich in diesem Moment, mit seiner erst elf Jahre alten Tochter in die Haare. Ilka war entsetzt, als sie das hörte und hat ihn angeschrien. So wütend hatte er seine Kleine noch nie erlebt. Seine Tochter hatte eine genaue Vorstellung davon, was richtig und was falsch war. Selbst für solche Argumente, dass man durch genetische Manipulationen Erkrankungen, wie die von Ilka, in Zukunft vielleicht verhindern könnte, war Ilka nicht zugängig gewesen. Die Streitgespräche mit Ilka, ließen Mayer noch einmal seine gesamte Einstellung zum "Projekt Dalinow" überdenken. Ilka sagte ihrem Vater klar und deutlich, dass sie das für ein Verbrechen an den Kindern hielt. Aber sie verstand auch, dass er als Soldat keine großen Möglichkeiten hatte, nein zu sagen. Es auch nur durch seine Arbeit hier möglich war, dass sie sich täglich sahen. Das beruhigte seine aufgebrachte Tochter, dann wieder einigermaßen. So gut wie hier, hätte sie es sonst nicht. Bei einem anderen Auftrag hätte sie in einem Pflegeheim leben müssen. Auch, hätte sie dort niemals die Möglichkeit bekommen, einen eigenen Lehrer zu haben, der sie individuell förderte. Aber richtig fand Ilka das trotzdem nicht, was man mit den Kindern hier machte. Mayer musste ihr das alles jedoch erklären. Wie sonst hätte er ihr das Alter der Kinder erklären sollen. Als ihn Ilka fragte, wie alt Lyn sei. Das Mädchen konnte einfach nicht verstehen, dass Lyn erst neun Wochen alt war. Belügen wollte Mayer seine Tochter nicht. Egal um was es ging, immer schon hatte er ihr die Wahrheit gesagt. Mayer vertrat stets die Meinung, dass die Wahrheit besser zu ertragen war, als eine Lüge, auch wenn sie so manches Mal weh tat.
Selbst über den Weggang der Mutter, wurde Ilka wahrheitsgemäß informiert, ohne das Mayer seine geschiedene Frau schlecht gemacht hatte. Erst kurz vor dem Start des "Projektes Dalinow" trennte sich Mayers Frau von ihm und stellte Mayer dadurch vor ein schier unlösbares Problem, da sie ihm die Tochter zuschob. Mayer stand auf einmal mit einem schwerbehinderten Kind da und wusste nicht wie er das in den Griff bekommen sollte. Da es hier im Projekt keine Kinderbetreuung, durch Außenstehende geben konnte. Unlösbare Probleme, war für Mayer ein Fremdwort. Er ging neben seiner Arbeit am Projekt, auf die Suche nach einer Lösung und fand die Lösung in Reimund. Der nicht nur ein sehr guter Lehrer war, sondern auch eine Ausbildung im Pflegebereich und die entsprechende Erfahrung besaß. Das war eine sehr seltene Kombination. Lächelnd dachte er an den kleinen dicken Reimund zurück. Nur durch Reimund konnte er Ilka bei sich behalten. So blieb seine Prinzessin in seiner ständigen Nähe und Obhut. Dadurch verlor sie nicht auch noch den Vater. Denn in achtzehn Jahren die das Projekt lief, wäre die Kindheit Ilkas vorüber und sie wäre ohne Familie groß geworden. Zum Aussteigen, war es für Mayer zu spät, deshalb bekam er alle entsprechenden Genehmigungen ohne Probleme. Ilka in ein Pflegeheim zu geben, brachte Mayer nicht übers Herz. Mayer zwang Hunsinger deshalb zu dieser Ausnahmereglung und bekam alles zugestanden, was er wollte.
Die Tatsache, dass die Mutter mit der schweren körperlichen Behinderung ihrer Tochter nicht klar kam, war zwar nicht schön, aber man musste sie akzeptieren. Mayer sprach stets gut von seiner geschiedenen Frau und Ilkas Mutter. Das ehemalige Paar hielt engen telefonischen Kontakt. Leider konnten sich Mutter und Tochter nur selten sehen, da Mayer nicht zu oft Sonderflüge für seine Tochter und deren Betreuer buchen wollte. Ilka war deswegen in der Anfangszeit oft traurig. Aber alles konnte man im Leben halt nicht haben, das musste auch seine Prinzessin lernen. Als Mayer ihr erklärte, dass die Kinder unten weder Mutter noch Vater besaßen, meinte sein schlaues Mädchen. "Na, ich habe wenigstens einen ganz lieben Vati und sogar eine Mutti, die ich ab und an besuchen kann. Da habe ich es viel besser, als die armen Kinder dort unten", seit dem sich Ilka dieser Tatsache bewusst war, verkraftet den Verlust der Mutter etwas besser. Mayer riss sich aus seinen Gedanken.
"Na, dann komm Prinzessin, gehen wir endlich die Kinder besuchen."
Mayer schob den Rollstuhl weiter und ging auf die Tür zu, die in den Kinderraum führte. Er öffnete die Tür und rollte mit seiner Tochter auf einen Tisch zu. Auf dem nur eine Kerze stand.
"Guten Morgen Emma, können wir kurz stören oder schlafen die Kinder?", wandte sich Mayer an die diensthabende Schwerster, da man in dem Raum keinen Meter weit sehen konnte.
"Genosse Oberstleutnant, die Kinder schlafen nicht. Doktor Jacob macht heute einen großen Test. Er untersucht gerade alle Kinder. Aber die meisten sind hier. Da immer nur zwei, nach oben gebracht werden."
An die Kinder gewandt bat Schwester Emma. "Bindet ihr bitte eure Tücher um, ich möchte Licht anmachen. Ihr habt Besuch bekommen."
Schwester Emma stand auf und ging zum Lichtschalter. Dort wartete sie noch einen Augenblick. Schließlich schaltete sie die Deckenbeleuchtung ein. Geblendet schlossen Ilka und ihr Vater die Augen. Schwester Emma brauchte ebenfalls einen Moment, ehe sie wieder etwas sah.
"Es ist immer schlimm, wenn wir hier acht Stunden in diesem Raum waren, tut das Licht richtig weh", sagte sie, sich die tränenden Augen reibend.
Ilka allerdings staunte mit großen Augen, als sie die vielen stählernen Pritschen sah. "Vati, warum haben die Kinder nicht solche Betten wie ich. Das ist gemein Vati. Die sind bestimmt total hart."
Mayer der sich schon im Vorfeld immer wieder Gedanken gemacht hatte, wie seine Tochter wohl auf das Umfeld der Kinder reagieren würde, hatte sich vorgenommen auch hier bei der Wahrheit zu bleiben.
"Ilka, ich habe dir doch erklärt, dass diese Kinder Soldaten werden sollen. Auf den Schlachtfeldern gibt es auch keine Betten. Da müssen die Kinder auf dem harten Boden schlafen. Deshalb haben wir uns überlegt, dass sich die Leute aus dem Institut überlegt, dass sich die Kinder an eine harte Unterlage gewöhnen sollten. Auch, wenn das weder mir noch Onkel Fritz gefällt. Aber es muss sein."
Traurig sah Ilka die Kinder an, die dem sehr klein gewachsenen Mädchen riesig vorkamen. Ilka war gerade mal einhundertzweiunddreißig Zentimeter groß. Die meistern der Kinder im Raum hatten allerdings die Größe von einhundertfünfundvierzig Zentimeter überschritten. Auch gewichtsmäßig, waren die "Hundert" viel kompakter als Ilka.
Mayers Tochter sah sich nach dem Mädchen um, bei dem sie sich bedanken wollte. Weder Mayer noch Ilka konnte Lyn irgendwo entdecken.
"Vati, wo ist Lyn?", wollte sie jetzt wissen.
Mayer machte gerade Anstalten mit seiner Tochter nach hinten zu gehen, als Schwerster Emma ihm deren Abwesenheit mitteilte.
"Genosse Oberstleutnant, Lyn ist noch oben auf der 6/rot, zu einem Langzeit-EKG. Genauso wie Rashida, Raiko und Jaan. Doktor Jacob, möchte ein vergleichendes EKG von dem kleinsten und den größten Kindern haben."
"Soweit habe ich nicht gedacht, dass der Chefarzt den heutigen Tag für einige Tests nutz. Ich hätte meinen Besuch hier mit ihm absprechen sollen. Verdammt", fluchte er kurz. "Wie lange dauert das ungefähr? Sollen wir später wieder kommen?"
Schwester Emma zuckte mit den Schultern, kam aber nicht mehr dazu zu antworten. Die Schwester hatte selber keine Ahnung.
Plötzlich öffnete sich die Tür. Mayer drehte sich um und sah, dass Alma mit zwei Kindern den Raum betrat. Emma reagierte sofort.
"Alma, wie viele Kinder hast du noch oben?", erkundigte sich die Schwester gleich bei ihrer Kollegin.
"Das sind die Letzten. Doktor Jacob, macht nur noch die Röntgenaufnahmen der beiden Mädchen fertig, dann bringt er Lyn und Rashida nach unten. Ich denke, in zehn Minuten wird er auch hier sein."
Alma schickte die beiden Jungs mit einem Kopfnicken in den Raum. Diese zogen sich sofort in ihre Betten zurück. Ilka dagegen sah sich staunen um. Es war totenstill in diesen Raum. Sie erinnerte sich noch sehr gut an die Zeit, als sie in eine Förderschule gegangen war. Sie waren nur zehn Schüler und es war bei ihnen ständig laut. Oft war es ihr dort zu laut und unruhig gewesen und Ilka war froh, wenn sie ihre Mutti, am Nachmittag, wieder nach Hause holte. Hier jedoch ging es Ilka durch den Kopf, würde das Aufschlagen eines Teddys auf den Boden für unwahrscheinlichen Krach sorgen. Ihr war dieser Raum unheimlich. Keines der Kinder sprach, obwohl einige zusammen auf diesen Pritschen saßen. Es wurde hier nicht gelacht oder gestritten. Vor allem sah Ilka keines der Kinder in einem Buch lesen oder malen.
Traurig blickte Ilka zu ihrem Vati hoch. So hatte sie sich das alles nicht vorgestellt. Mayer streichelte seiner Tochter über die Wange. Er konnte sich vorstellen, was in deren kleinen Kopf vor sich ging. Auch ahnte er, dass er heute Abend eine sehr heiße Diskussion mit Ilka bekommen würde. Wenn er ehrlich war, er freute sich darauf. Denn seine Tochter hatte eine sehr gesunde Einstellung zu dem, was richtig und falsch war. Das war Mayer immer sehr wichtig. Er würde diese fördern so gut es ging. Hier im "Projekt Dalinow" kam man sehr schnell an die Grenze des Ertragbaren. Vieles hier ließ sich nicht mit dem gesunden Menschenverstand vereinbaren und schon gar nicht mit seinem Kodex, den er sich als Soldat selbst auferlegt hatte. Deshalb musste er dafür sorgen, dass seine Tochter hier auf diesem Gelände nicht verrohte und ihren Gerechtigkeitssinn verlor.
Mayer ging auf einen der Jungs zu, mit dem er sich schon einige Male sehr nett unterhalten hatte. Dieser war sehr verständig und aufgeschlossen. Er gehörte neben Lyn zu seinen Lieblingskindern. Genau wie die Schwestern hier, stellte er schnell fest, dass die Kinder unterschiedlich in den Charakteren waren. Es waren kleine Unterschiede, die jedoch dazu beitrugen, dass man sich mit einigen wesentlich besser verstand. Mit diesem Jungen, der wie Lyn auch, ein unwahrscheinliches taktisches Wissen besaß, hatte er schon viel Zeit verbracht hatte. Seit dem er sich mit den Kindern hier näher beschäftigte, verbrachte er die wenige Freizeit die er hatte, lieber hier in diesem Raum, als vorn in der Mensa. Hier fand er ein wenig Ruhe und vor allem Erholung. Da die Kinder wie er Soldaten waren, konnte er mit ihnen sehr interessante Gespräche über Strategien oder Kampftechniken führen. Es war für ihn immer noch unbegreiflich, wie weit diese Kinder schon waren. Trotzdem wurde es stets ein Erlebnis, mit den Kindern über bestimmte Dinge zu diskutieren. Sie hatten in vielen Dingen eine völlig andere Sichtweise als er. Obwohl die Meisten am Anfang sehr vorsichtig damit waren, ihre Meinung zu äußern. Langsam fassten sie zu Mayer Vertrauen und wurden offener. Vielleicht lag es auch daran, dass er mehr auf die Bedürfnisse der Kinder einging. Vor allem, weil er sich die Mühe machte die Kinder im Einzelnen kennen zu lernen. So setzte Mayer durch, dass diese eine ordentliche Erholungspause nach den Mahlzeiten bekamen. Mayer war entsetzt darüber, dass die Kinder sofort nach dem Essen wieder zum Training mussten. Er bekam sich mit Friedrich, den Ausbilder für Nahkampf und Schießen, richtig in die Haare. Dies war ein derart unangenehmer Mensch, den Mayer am liebsten aus der Ausbildung herausnehmen würde. Da Friedrich allerdings Chefausbilder war und noch dazu alle zu lehrenden Ausbildungsziele selbst beherrschte, war das nicht so einfach möglich. Dank Jacob, der ihn bei diesen Dingen immer unterstützte, konnten sie eine dreiviertel Stunde Pause nach den Mahlzeiten durchsetzen. Die Gesunderhaltung der Kinder stand neben der Ausbildung im Vordergrund.
Mayer war mit seiner Tochter bei Nummer 56 angekommen. Mit seinen hundertzweiundvierzig Zentimeter und einundfünfzig Kilo gehörte rothaariger Bub nicht gerade zu den großen Kindern. Er hatte wunderschöne türkisblaue Augen, die einen eigenartigen Kontrast zu seiner sehr hellen fast weißen Haut bildeten. Mayer hatte den Jungen richtig ins Herz geschlossen.
Freundlich lächelnd begrüßte er den Buben. "Hallo 56, wie geht es dir? Sprich mit mir", bat Mayer in der gewohnten Art.
Nummer 56 sah erstaunt auf das im Rollstuhl sitzende Mädchen. "Sir, danke gut, Sir", antwortete aber sofort. Nummer 56 war aufgesprungen und nahm sofort Haltung an.
Mayer wusste von den Ausbildern, dass diese nur auf Aufforderungen antworteten, nie selber etwas fragten. Dasselbe teilten ihm auch schon die Lehrer mit. Seit ein paar Tagen, bekamen sie im Unterricht sogar Antworten auf ihre Fragen. Allerdings nur, wenn sie den Zaubersatz an ihre Frage banden. So wie es den Kindern in den letzten Wochen antrainiert wurde, sah Nummer 56 auf den Boden und auf seine Füße.
"Ich möchte dir meine Tochter vorstellen 56, ...", erklärte er dem Jungen. "... sagst du Ilka auch guten Tag? Sprich mein Junge", forderte Mayer. Der aus eigener Erfahrung wusste, dass die Kinder sehr vorsichtig Fremden gegenüber waren.
"Mam, guten Tag, Mam", grüßte 56, immer noch den Blickkontakt meident, sah er auf den Boden und hatte die Hände auf den Rücken genommen.
"Vati, warum sagt der Junge Mam zu mir? Ich bin doch keine Mutti", erkundigte sich Ilka kichernd. Sie konnte sich das Lachen einfach nicht ganz verkneifen. Es kam ihr komisch vor mit Mam angesprochen zu werden.
"Ilka, die Kinder müssen die Frauen mit Mam und die Männer mit Sir ansprechen oder mit dem Rang und Genosse. Das ist beim Militär nun mal so üblich. Damit sie sich daran gewöhnen, wurde ihnen das von klein auf so beigebracht. Da du ja auch älter bist als sie, sprechen sie dich halt auch förmlich an. So nennt man das."
Ilka nickte verstehend. Dann sah sie den Jungen an und hielt ihm die Hand hin. "Du musst nicht Mam zu mir sagen. Ich bin die Ilka. Wie heißt du?"
Völlig irritiert sah 56 zu Mayer. Er nicht wusste wie er sich verhalten sollte.
"Du kannst meine Tochter ruhig mit Ilka ansprechen. Du kannst ihr die Hand ruhig geben. Sie beißt nicht", versuchte Mayer mit 56 zu scherzen, obwohl er sich nicht sicher war, ob dieser das verstand.
An seine Tochter gewandt, erklärte er ihr. "Ilka, das ist Nummer 56. Ich kann dir nicht sagen wie der Junge heißt. Die Kinder haben sich selber Namen gegeben. Mal sehen, vielleicht verrät er dir ja seinen Namen. Wenn du ihn ganz lieb fragst. Mir verraten die Kinder ihre Namen nicht. Nur Schwester Anna und Onkel Fritz", lachend streichelte er Ilka über die Wange.
Ilka sah den Jungen an. "Verrätst du mir, wie du heißt?"
Einen Moment stand 56 unschlüssig da. Seine Freunde kannten alle seinen Namen und dieses Mädchen, war so wie sie? Ob sie auch eine von ihnen war? Was eine Tochter war, wusste 56 nicht. Diesen Begriff hatte er noch nie gehört. Vielleicht war sie eine spezielle Züchtung, genau wie sie. Er verglich schnell alle Merkmal zwischen sich und den Mädchen. Ja sie war eine von ihnen, auch wenn sie andere Augen hatte. Kurz sah er zu Mayer, der nickte ihm aufmuntern zu. Immer war der Oberstleutnant nett zu ihm gewesen. Er konnte ihm genauso vertrauen, wie dem Doko. Trotzdem war er sich unsicher, ob er seinen Namen sagen sollte. Aber er konnte die anderen jetzt nicht fragen.
Nummer 56 beschloss diesem kleinen Mädchen zu vertrauen. "Mam, man nennt mich Sneimy, Mam", gab er seinen Namen preis.
"Oh das ist ein schöner Name, der gefällt mir. Snei … my", sprach sie ihn langsam aus und sah ihn dann an. "Was habt ihr denn heute schönes vor?", wollte Ilka von Sneimy wissen. Dieser sah Mayer verwundert an. Er wusste nicht, was er auf diese Frage antworten sollte. Solch eine Frage wurde ihm noch nie gestellt.
"Sneimy, du kannst offen sprechen. Genauso wie mit mir. Wenn meine Tochter dich etwas fragt, antwortest du einfach. Du kannst auch gern etwas fragen, wenn du von ihr etwas wissen möchtest, sprich."
Irritiert sah Sneimy zu Mayer. "Sir, ich weiß nicht, was ich auf diese Frage antworten soll, Sir."
Mayer wurde bewusst, was Sneimy meinte. "Sneimy, Ilka möchte einfach wissen, was ihr heute über den Tag macht, sprich", er klärte er dem Buben.
Sneimy nickte. "Mam, ich weiß es nicht, Mam. Wir warten, dass wir zum Training geholt werden, Mam. Aber heute ist noch niemand gekommen, Mam", erklärt er offen, wie es seine Art war. Dann sah er Mayer an, dann auf den Rollstuhl. Fragte mit den Augen nach dem, was er wissen wollte.
"Sneimy, du möchtest wissen, warum Ilka in dem Stuhl sitzt, sprich."
"Sir, ja, Sir."
Es war wie immer. Nie stellten die Kinder von sich aus Fragen.
"Sneimy, meine Tochter war lange sehr krank. Sie kann noch nicht wieder laufen. Lyn hat ihr vor einigen Wochen geholfen, als es ihr richtig schlecht ging. Seit dem wird es langsam besser. Aber es wird noch lange dauern, bevor Ilka so wie ihr herumlaufen und rennen kann. Wegen Lyns Hilfe, ist Ilka heute hier. Sie möchte sich bei ihr bedanken. Dass sie wieder gesund wird. Verstehst du, was ich dir erkläre? Sprich."
Sneimy nickte. "Sir, ja, Sir."
Ilka mochte diesen Jungen. Sie würde mit ihm gern etwas spielen. Nur zum Reden, war sie nicht hier herunter gekommen. "Sneimy, magst du das Händeklatschspiel mit mir spielen?"
Mayer fing schallend an zu lachen. Dies war typisch für seine Tochter. "Ilka, die Kinder hier kennen keine Spiele. Aber wenn du es Sneimy zeigst, wird er es bestimmt lernen. Oder Sneimy? Sprich."
Sneimy sah kurz auf, nickt. "Sir, ja, Sir."
Wie alle "Hundert" war auch Sneimy an allem interessiert. Alle dreiundachtzig Kinder waren wissbegierig. Sie sogen Informationen auf wie ein nasser Schwamm die Feuchtigkeit. Es gab kein Gebiet und kein Thema das sie nicht interessierte. Wie Jacob, war auch Mayer von diesem Wissensdurst fasziniert.
Ilka sah ihren Vati an. "Vati, hilfst du mir bitte. Könntest du es mit mir zusammen einmal vormachen. Dann kann es Sneimy lernen."
"Na klar Prinzessin."
Mayer sich auf einen Stuhl und drehte Ilka so, dass sie ihm gegenübersaß und stellte die Bremse des Rollstuhles fest, so dass Ilka nicht wegrollen konnte.
Ilka fing langsam an, den Sprechreim aufzusagen.
"Warum…hat der…Zottel…bär…so viel Angst…vorm… großen Meer…Großes…Meer…Zottel…bär", dabei klatschte sie abwechselnd in die Hände, dann auf die Hände ihres Vater. Einzeln überkreuzt oder gleichzeitig zusammen. So ging es die ganzen Strophen weiter und immer schneller werdend. "Warum…hat...das...Kän…guru…noch...keine…Wanderschuh…Wander…schuh…Kän…guru...Warum…hat…das…Krokodil… so...viel…Angst…vorm…großen...Nil…Großer…Nil…Kroko…dil…Warum…fährt…die...Hasel…nuss…noch…immer…keinen…Auto…bus…Auto…bus…Hasel…nuss…Jetzt…ist…endlich…Schluss."
Lachend sah Ilka ihren Vati an. Der auch breit grinsen musste. Ach wie lange hatten sie das geübt, bis Ilka das Spiel konnte. Durch die spastischen Lähmungen, war das gar nicht so einfach gewesen. Sneimy hatte genau zugesehen.
"Willst du es auch mal probieren? Das macht Spaß", erklärte Ilka dem Jungen.
In dem Moment erschien Zimmermann, im Raum der Kinder. Der Hausmeister machte ein verlegenes Gesicht.
"Tut mir leid, dass ich sie stören muss, Genosse Oberstleutnant. Ich weiß sie hatten sich abgemeldet. Könnten sie bitte mal kurz kommen. Ich komme sonst nicht weiter. Mein Arbeitsplan kommt sonst völlig durcheinander. Ich bräuchte ihre Codekarte für die Sicherungsanlage auf 6/lila. Ich muss in der Turnhalle die Aufzüge für die Geräte reparieren, die sind kaputt. Tut mir wirklich leid. Ich habe es Oberstleutnant Friedrich versprochen, dass das heute erledigt wird."
Genervt erhob sich Mayer. "Ilka, ich bin sofort wieder da. Ich brauche nur zehn Minuten. Versprochen. Schon gut Zimmermann, ich weiß ja wie viel sie zu tun haben. Kommen sie, beeilen wir uns. Emma, Alma sie passen auf meine Kleine auf."
Die Schwestern nickten und liefen zu Sneimy und Ilka.
Ilka nickte und sah Sneimy bittend an.
"Sneimy, bitte probiere es mal. Es ist nicht so einfach wie es aussieht. Sei bitte vorsichtig. Ilka hat noch nicht sehr viel Kraft."
"Sir, ja, Sir", antwortete dieser sofort und setzte sich auf den Stuhl, auf den gerade Mayer gesessen hat.
Sneimy interessierte sich sehr für dieses Reaktionsspiel. Ganz langsam erklärte Ilka, dem Jungen mit der Augenbinde, das Spiel. Vorsichtig mit so wenig Kraft wie möglich, klatschte oder besser gesagt tippte Sneimy auf die Hände des zierlich, um so vieles kleineren Mädchens, um diese nicht zu verletzen. Ganz langsam fingen die beiden an. Vergaßen darüber ganz ihre Umwelt. Schon beim dritten Mal, hatte Sneimy den Ablauf des Spieles begriffen. Ilka sagte den Spruch, Sneimy imitierte perfekt alle ihrer Bewegungen.
Als Jacob mit Lyn und Rashida den Raum betrat, bekamen die beiden dies gar nicht mit. Sie waren voll auf das Spiel konzentriert. Immer schneller wurde das Tempo. Fasziniert sahen Alma, Emmy und nun auch Jacob zu. Rashida ging mit Lyn schweigend auf die Beiden zu, um nach hinten in ihre Betten zu gehen. In dem Moment als Lyn auf der Höhe von Ilka und Sneimy war, knallte die Tür.
Ilka drehte sich instinktiv nach dem Geräusch um und war dadurch vollkommen abgelenkt. Sneimy allerdings, hatte schon zum Klatschen ausgeholt und kurz vor Ilkas Hand gewesen, konnte nicht mehr stoppen. Er schlug Ilka die sich in diesem Moment weggedreht hatte, voll ans Kinn. Es gab ein hässliches Knackgeräusch. Ilka kippte nach vorn und aus dem Rollstuhl.
Ein entsetzter Aufschrei von Mayer, der eben den Raum betreten hatte, zeigte an, dass dieser die Situation genauso richtig einschätzte, wie Lyn. Das Mädchen kniete sich sofort neben Ilka, um dem Mädchen zu helfen. Mayer legte einen Spurt ein und war in dem Augenblick neben Ilka, als Lyn seine Kleine berührte, um dem Mädchen zu helfen. Mayer griff sich Lyn und schleuderte dies zur Seite. So dass Lyn mit voller Wucht gegen eines der Bettgestelle flog. Dort blieb das Mädchen bewusstlos liegen. Mit ihren gerade mal hundertundacht Zentimetern und einundzwanzig Kilo, hatte sie der enormen Kraft Mayers und der Wucht des Wurfes nichts gegen zusetzen. Mayer riss seine Tochter hoch.
Jacob brüllte. "Liegenlassen."
Der Chefarzt wollte Ilka noch helfen. Aber es war Aussichtslos. Der Kleinen war nicht mehr zu helfen. Jede Hilfe kam zu spät. Ilka war auf der Stelle tot. Ein Entsetzensschrei von Mayer ertönte. Er begriff in diesem Moment, dass seine Tochter tot war. Mayer ließ seine Tochter auf den Boden fallen und ging im gleichen Augenblick auf Lyn zu. Er drosch wie von Sinnen, auf das bewusstlose Mädchen ein. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass seine Wut die Falsche traf. Er ließ von Lyn ab und wandte sich Sneimy zu, den Mörder seiner Tochter. Mayer schlug mit unvorstellbarer Kraft, auf den völlig unter Schock stehenden Jungen ein. Da dieser keinen Befehl bekam sich zu verteidigen, trafen ihn die harten Schläge Mayers, ohne eine einzige Gegenwehr. Emma und Alma waren zur Salzsäule erstarrt und konnten sich überhaupt nicht rühren. Jacob dagegen, löste aus einem Reflex heraus, sofort Alarm aus. Er versuchte mit aller Macht zwischen den sich nicht wehrenden und den völlig außer Kontrolle geratenen Mayer zu kommen. Nach dem er sich zwischen Mayer und Sneimy gedrängt hatte, verteidigte er den völlig wehrlosen Jungen, der schon lange blutend auf den Boden lag und auf den Mayer fast zwei Minuten eingetreten und geschlagen hatte. Drei Minuten nach Ilkas Tod, war bereits die Wachmannschaft im Raum.
Sie bekamen von Jacob die kurzen Zurufe. "Helft mir Mayer zu bändigen. Sofort. Das ist ein Befehl. Der bringt mich und den Jungen sonst um."
Sofort griffen die Wachleute ein. Sie begriffen, aus dem panisch geschrien Befehl Jacobs, dass es hier gerade ein Unglück geschehen war. Überall im Raum war Blut. Jacob blutet, unter Ilka breitete sich eine immer größer werden Blutlache aus. Lyn lag in einer riesigen Blutlache und unter Sneimy ebenfalls.
Es brauchte zehn durchtrainierte Männer und fast fünf Minuten, um Mayer von Jacob wegzuziehen. Der sich zum Schluss schützend über Sneimy geworfen hatte, um zu verhindern, das Mayer den Jungen im Affekt tötete. Mayer war nicht mehr zurechnungsfähig. Endlich bekamen die Männer Mayer zu fassen und fixierten diesen mit aller Gewalt am Boden. Jacob lief, viel mehr humpelte nach vorn an den Arzttisch und zog eine Injektion auf. Er musste Mayer erst einmal ruhig stellen. Es war ihm kaum möglich, den immer noch tobenden Mayer zu spritzen. Der jetzt anfing gegen seine eigenen Männer zu kämpfen. Endlich nach weiteren wertvollen Minuten, gelang es ihm, Mayer ruhig zu stellen. Damit fertig, ging Jacob ans Telefon, wählt eine Nummer.
"General…" Weiter ließ er Hunsinger nicht sprechen.
"Franz, ich brauche hier sofort einen Nottransport in eine Psychiatrische Klinik. Mayer ist gerade durchgedreht. Ich habe ihn ruhig gespritzt. Er braucht psychologische Betreuung. Im Transporter muss ein Arzt sein. Ilka, wurde eben, bei einem Unfall getötet. Er hat Lyn und Nummer 56 halb totgeschlagen. Mich hat er ebenfalls schwer verletzt. Ich habe keine Zeit, veranlasse alles Nötige. Ich muss mich um die Kinder kümmern", schon schmiss Jacob den Hörer auf die Gabel.
"Um Gottes Willen, ja ich schicke dir sofort einen Transport. Stelle ihn sola...", diese Worte von Hunsinger bekam Jacob schon gar nicht mehr mit. Als dieser im Hörer das Freizeichen vernahm, legte er auf, um sich um den Abtransport zu kümmern.
Jacob organisierte in der Zwischenzeit die Versorgung der Verletzten. Es war schon viel zu viel wertvolle Zeit verloren gegangen. Konkret teilte er alle für eine spezielle Tätigkeit ein. Obwohl es ihm selber nicht gut ging und er selber einen Arzt dringend nötig hatte. Er bezog genau wie die Kinder, von Mayer richtig Dresche. Vor allem konnte er sich nicht mal schützen, sonst hätte dieser Sneimy getötet. Nach Luft ringend und seine Schmerzen unterdrücken befahl er.
"Chris, ihr bringt Sigmar hoch auf die 6/rot. Anna soll ihn an einen Tropf mit Neuroleptikum hängen. Bis ich nach oben kommen kann. Dann soll sie sofort zwei OPs vorbereiten. Schickt mir drei Krankentragen nach unten. Einer deiner Leute soll hochgehen und mir meinen Koffer holen. Ich muss die Kinder erst einmal notversorgen."
Sofort rannte einer der Wachleute nach oben, hinterher hätte der Chefarzt nicht mehr sagen können, wer was getan hat. Er funktionierte einfach nur noch. Drei andere hinterher, um Jacobs Notkoffer und die Tragen zu holen. Zwei kümmerten sich um Mayer. Der ruhig gespritzt am Boden lag. Chris lief zu Ilka, fühlte deren Puls.
"Chris, lass Ilka liegen. Sie ist tot. Ihr kannst du nicht mehr helfen. Kümmere dich um Lyn, bitte."
Im gleichen Moment kam der Wachmann mit Jacobs Koffer. Traurig drückte Chris dem Mädchen, die immer noch die Augen offen hatte, die Augenlider zu. Stand auf, um nach Lyn zu sehen. Fassungslos sah er auf das kleine Mädchen, die in ihrem eigenen Blut lag. Schnell zog er das Oberteil seines Overalls aus und dann das T-Shirt. Er zerriss dieses, um die größten und stark blutenden Wunden an Lyns Kopf und am Körper abzudrücken. Jacob lief sofort zu Sneimy der ebenfalls bewusstlos und stark blutend am Boden lag.
Über die Schulter rief er der völlig unter Schock stehenden Schwester zu, während er sich um die Verletzungen von Sneimy kümmert. "Emma ruft Reimund an. Er soll für sich und Mayer ein paar Sachen packen. Für einen mindestens sechs wöchigen Klinikaufenthalt. Wenn er fragt, was ist? Sage ihm ich erkläre ihm alles, wenn ich Zeit habe", nebenbei tastete und hörte der Arzt den Jungen ab. Fühlte vorsichtig die Wirbelsäule und die Rippen ab. Nicht eine Rippe schien mehr ganz zu sein. Zwei waren aus dem Körper heraus getreten. So gut es ging versorgte Jacob die Verletzungen des Jungens und gab weitere Anweisungen.
"Alma, löse roten Alarm aus. Rufe Doris, Walli, Pia an. Sofort hoch in den OP alles vorbereiten. Auch Doktor Anderson und Doktor Mai."
Schon kamen die Wachleute zurück und brachten die Tragen. "Mayer und die Kinder sofort hoch auf die 6/rot. Zwei von euch bleiben ständig bei Mayer. Ihr lasst ihn keine Sekunde mehr aus den Augen. Er ist nicht mehr zurechnungsfähig."
So vorsichtig wie möglich, legten die Wachleute Sneimy auf die Trage, um ihn nicht noch mehr zu verletzen. Jacob ging in der Zwischenzeit zu Lyn. Das Mädchen hatte es ebenfalls schwer erwischt. Sie blutet aus dem Mund, aus der Nase und den Ohren. Höchstwahrscheinlich war durch die harten wütenden Schläge eine Rippe in die Lunge eingetreten. Lyn röchelte stark beim Atmen.
"Chris, trage du Lyn mit nach oben. Wenn du damit fertig bist. Bringst du Ilka in den Kühlraum des Labors. Dort bleibt sie so lange bis Sigmar wieder ansprechbar ist. Du sorgst dafür, dass der Transporter landen kann und auch dafür, dass Sigmar von der 6/rot abtransportiert wird. Er bleibt ruhiggespritzt, bis er im Krankenhaus ist. Sagt das auch dem Arzt. Euer Chef ist nicht Herr seiner Sinne. Ich muss in den OP."
Vorsichtig hob Chris die stark blutende Lyn hoch, stützte dabei so gut es ging, Kopf und Rücken. Jacob hatte lediglich die Kopfwunde notversorgen können und die anderen Verletzungen nur provisorisch abgedeckt. Chris trug Lyn in Richtung Tür, gefolgt von dem stark humpelnden und vor Schmerzen, gebeugt gehenden Jacob. Über die Schulter rief er Schwester Emma zu.
"Großalarm, für alle Schwestern, alle sofort nach unten. Kümmert euch um die Kinder. Erklärt ihnen, was passiert ist. Sneimy trifft keinerlei Schuld. Emma, das war ein schlimmer Unfall. Du hast es mit eigenen Augen gesehen", schon war der Chefarzt aus dem Raum und humpelte mühsam Chris hinterher.
Jacob fuhr nach oben in den OP. Dort standen Anderson, Mai und die Schwestern auf ihn warten. Mit kurzen klaren Anweisungen verteilte Jacob die Patienten.
"Jim, gibt mir etwas gegen diese verdammten Schmerzen. So kann ich nicht operieren. Anna mache die Röntgenapparate fertig, Thorax und Kopf bei beiden Kindern. Wir müssen beide Kinder röntgen, auch Arme und Beine. Ich brauche die Aufnahmen, vor einer Stunde. Beeilung, sonst haben wir noch mehr Tote ...", Anderson gab Jacob sofort eine Spritze, damit dieser seine Schmerzen unter Kontrolle bekam. "... Doktor Mai kümmert sich um Mayer. Jim du kümmerst dich um Sneimy. Ich mich um Lyn. ...", teilte der Chefarzt alle für die Notoperationen ein. Keiner der Anwesenden sagte auch nur ein Wort. Niemand stellte eine Frage, zu dem was passiert war. Jeder kam seiner Tätigkeit nach und versuchte zu retten, was noch zu retten war. Alle waren viel zu geschockt vom Aussehen des Chefarztes und der Kinder. Keiner hinterfragte die Einteilung in die OPs, denn normalerweise operierten Ärzte keine Patienten, denen sie eng verbunden waren. Das Team um den Chefarzt wusste, hier ging es nicht nur um Minuten, sondern um Sekunden.
Jacob der selber schwer verletzt war, stand schon am Waschbecken, um sich für die Operation fertig zu machen. Dass er völlig blutverschmiert war, war ihm gar nicht bewusst. Anna übernahm mit den Wachleuten das Röntgen der Kinder und den Transport in die Operationssäle.
Doktor Mai informierte den, in der Zwischenzeit eingetroffen, Arzt des medizinische Nottransporter, um Mayer in das Militärkrankenhaus nach Berlin bringen zu lassen. Der begleitende Arzt, des Transporters musste in den OP-Saal kommen, da Jacob dort um das Leben von Lyn kämpfte. Dort informierte ihn der Chefarzt, während er operierte, über das Geschehene. Der begleitende Arzt übernahm den Patienten und Reimund, der jetzt auch noch zusammen gebrochen war und flog mit beiden Patienten nach Berlin.
Nach einem langwierigen Operationsmarathon hatten Jacob und Anderson, beide Kinder gerettet und stabilisiert. Beide lagen auf einem der Intensivbetten. Sneimy wie auch Lyn, hatten schwerste Verletzungen davon getragen. Die Chance auf eine vollständige Genesung der beiden Kinder war minimal.
Auch wenn Lyn nicht so viele schwere Verletzungen davon getragen hatte wie Sneimy, stand es um sie wesentlich schlechter, als um den Jungen. Bei Sneimy gab es kaum einen Knochen den Mayer ihm nicht gebrochen hatte.
Jacob hat in seiner Laufbahn als Arzt in der Unfallchirurgie schon einiges gesehen, solche schweren Verletzungen wie bei den beiden Kindern waren ihm noch nie untergekommen. Er gab beiden keine große Überlebenschance. Sneimys Rippen waren alle gebrochen, die Lunge war verletzt und er hatte einen Leber und Milzriss. Seine Nieren und auch sein Geschlechtsorgane hatten schwerste Verletzungen abbekommen. Sein rechter Arm, das rechte Bein und das rechte Becken, waren gebrochen. Selbst bei schweren Auffahrunfällen gab es selten solche dramatischen Verletzungen. Fassungslos stand der Chefarzt am Schreibtisch der Krankstation, an der Schwester Doris die Verletzungen Sneimys in Krankenblatt eintrug. Bei Lyn sah es auch nicht viel besser aus.
Endlich kam Jacob auch etwas zur Ruhe. Er ließ sich nach der über fünf Stunden dauernden Operation, schwer auf einen Stuhl fallen, den ihm Walli hinstellte. Er legte den Kopf in den Nacken und versuchte erst einmal tief durchzuatmen. Die misslang ihm auf Grund der Schmerzen kläglich.
Anderson kam auf den Chefarzt zu. "Fritz, ich muss dich endlich auch untersuchen. Chris sagte mir gerade, dass dich Mayer auch böse verprügelt hat, weil du dich schützend über Sneimy gelegt hast."
Jacob nickte müde. Er war viel zu fertig, um zu sprechen. Ihm tat jeder einzelne Knochen weh. Aber es waren alles nur schlimmer Prellungen, die er abbekommen hatte. Schmerzhafte Verletzungen, aber nichts Lebensgefährliches. Die Untersuchungen von Anderson ergaben, fünf seiner Rippen waren angebrochen und sein kompletter Oberkörper blutunterlaufen. Er hatte eine leichte Gehirnerschütterung und ein angebrochenes Jochbein. Es gab Schlimmeres.
Jacob könnte schreien vor Wut. Er konnte Mayers Wut ja verstehen, aber musste man die Kinder deshalb so schwer verletzen? Jacob war fassungslos, genau wie seine Mitarbeiter. Selbst die Wachmannschaft verstand das Verhalten ihres sonst immer so besonnen Vorgesetzten nicht. Im "Projekt Dalinow" war eine Stimmung wie sie schlimmer nicht sein konnte. Ilkas Tod ging allen an die Nieren. Noch mehr Probleme jedoch hatten die meisten der Mitarbeiter, mit den schweren Verletzungen von Sneimy und Lyn.
Traurig sah Jacob auf die Kinder. Die Mayer dermaßen zusammengeschlagen oder besser gesagt fast getötet hätte. Hoffentlich erholten sich die Beiden bald wieder. Bei Sneimy standen die Chancen auf Heilung wesentlich besser, als bei Lyn. Die hatte es, obwohl sie nicht so viele Verletzungen hatte, wie Sneimy, noch viel schlimmer erwischt. Ihre Überlebenschance stand bei fünf Prozent.
Erst am übernächsten Morgen, kurz nach 9 Uhr kam Sneimy kurz zu sich. Völlig verstört, sah er den Arzt an. Der die ganze Nacht auf der Station zugebracht hatte.
"Doko, woen nikyta. – Doko, ich wollte das Mädchen nicht töten", hauchte Sneimy mehr, als dass er sprach.
Jacob streichelte vorsichtig das völlig blutunterlaufene Gesicht des Buben. "Das weiß ich. Sneimy du konntest nichts dafür. Du hättest nichts tun können, um das zu verhindern. Das war ein schlimmer Unfall. Du musst dir keine Vorwürfe machen. Es ging einfach zu schnell. Der Oberleutnant hätte Ilka nie zu euch in den Raum bringen dürfen. Das habe ich ihm so oft gesagt. Mach dir keine Vorwürfe", zärtlich streichelte er den Jungen, die Wange.
Tränen kullern über dessen Gesicht. "Lyn?", flüsterte er ängstlich und genauso leise.
Jacob zögerte mit der Antwort einen Augenblick. Er musste kurz überlegen, was er tun sollte. Mit dieser Frage hatte er gar nicht gerechnet. Wem nutze es, wenn er ihm sagte, wie schlecht es wirklich um seine Freundin aussah. Deshalb log er ihn an und sprach mit fester Stimme.
"Sie wird wieder gesund. Mach dir keine Sorgen. Schlaf etwas, dann geht es dir bald besser."
Sneimy drehte den Kopf zur Seite, um in das andere Bett zu sehen. Allerdings fehlte ihm die Kraft, um den Kopf zu heben. Fast eine Stunde brauchte der kleine Bub, um wieder einzuschlafen. Erst nachdem Jacob ihn etwas zur Beruhigung gespritzt hatte, fand dieser wieder Ruhe. Immer wieder humpelte Jacob hinüber zu Lyns Bett, um auch nach ihr zu sehen. Er war froh, dass wenigstens Sneimy aus der Bewusstlosigkeit erwacht war. Inständig hoffte der Chefarzt, das auch von Lyn. Obwohl die Chance gleich Null war.
Lyn blieb in tiefer Bewusstlosigkeit auf dem Intensivbett liegen. Sie hatte schwerste Kopfverletzungen davon getragen, Jacob hoffte sehr, dass es zu keinen bleibenden Schäden gekommen war. Nach reichlichen zwei Wochen konnte Jacob Sneimy entlassen. Zu seiner Verwunderung waren alle Brüche des Jungen verheilt. Selbst von den OP-Narben, war kaum noch etwas zu sehen. Sneimy hatte auch, entgegen Jacobs Prognosen, keine bleibenden Schäden zurückbehalten. Wenn man von den psychischen Schaden absah. Immer wieder beteuerte der Bub unter Tränen, dass er Ilka nicht töten wollte. Die Schwestern berichten jeden Tag aufs Neue, dass Sneimy ständig auf der Stelle saß, an der Ilka nach dem Unfall lag. Er saß dort ohne ein Wort zu sagen und schaukelte ständig hin und her. Egal, was die Schwestern auch taten, sie konnten den Jungen nicht beruhigen. Nur, wenn man Rashida um Hilfe bat, schaffte diese es, den Jungen in sein Bett zu bringen, damit er etwas schlief. Langsam ging es Jacob wieder etwas besser, die Prellungen waren verschwunden, die angebrochenen Rippen und das Jochbein waren geheilt. Trotzdem ging es Jacob nicht sonderlich gut. Er war in großer Sorge.
Zwischenzeitlich, bekam das "Projekt Dalinow" hohen Besuch. Hunsinger wollte sich persönlich berichten lassen, was genau passiert war. Selbst der Projektleiter sprach, nach dem er mit allen Zeugen des Unfalls gesprochen hatte, Sneimy von der Schuld frei. Er verstand zwar, dass Mayer völlig ausgerastet war, konnte aber nicht verstehen, dass dieser sich so wenig im Griff hatte. Er konnte es einfach nicht glauben. Erst nach dem Jacob ihn, Sneimys, Lyns und auch seine Krankenakte und die Röntgenbilder gezeigt hatte, sah Hunsinger, was Mayer in der kurzen Zeitspanne für ein Schaden angerichtet hatte.
Schlussendlich kam auch Hunsinger zu der Erkenntnis, dass es ein tragischer Unfall war. Was auch mit den Berichten der Spurensicherung übereinstimmte. Hunsinger hatte zeitgleich mit dem Krankentransport, die für diese Fälle bereitstehende Untersuchungskommission ins Projekt schickt. Da ja auf Ilka schon einmal Mordanschlag verübt worden war. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, er hätte irgendetwas übersehen. Der Projektleiter war es gewohnt, sich ständig nach allen Seiten abzusichern.
Es stand nach allen Untersuchungsergebnissen und der Obduktion der Kleinen eindeutig fest, dass Mayer durch das Knallen der Tür, Ilka ablenkte. Das Mädchen hatte sich durch das Umdrehen und Vorbeugen des Kopfes genau in den Klatscher Sneimys hinein gedreht. Durch die fehlende Muskulatur konnte Ilka den Schlag, des viel kräftigeren Jungen, nichts entgegensetzen. Sneimy der kurz vor dem Zusammenklatschen der Hände war, konnte diesen Schlag nicht mehr stoppen. Er erwischte Ilka genau an der Kinnspitze und dadurch wurde das Genick regelrecht weggedreht. Nichts und Niemand auf der Welt hätte deren Tod verhindern können.
Hunsinger berichtete Jacob auch, dass es Mayer wie auch Reimund etwas besser gehen würde. Er aber mindestens noch vier Wochen in der Klinik bleiben müsse, um psychisch wieder der Alte zu werden. Die Frage blieb, ob das überhaupt möglich war. Mayer wäre sehr wohl bewusst, dass er durch das Türknallen den Unfall verursacht hatte. Hunsinger sollte Jacob ausrichten, es täte ihm in der Seele leid, dass er so ausgeflippt war. Er hätte weder ihn, noch eins der Kinder verletzen wollen. Hunsinger dagegen interessiert am meisten, was mit den verletzten Kindern werden würde. Überzeugte sich in einem Gespräch mit Sneimy, dass dieser den Unfall einigermaßen überstanden hatte. Der Projektleiter machte sich aber sehr große Sorgen darüber, dass Lyn immer noch im Koma lag und nicht wieder erwachen wollte.
Eine Woche nach dem Hunsinger das Projekt wieder verlassen hatte, wurde Jacob immer häufiger vom Institut in Berlin bedrängt, die immer noch in tiefer Bewusstlosigkeit liegende Lyn zu erlösen. Hunsinger hätte ihnen genau Bericht erstattet und es stände für sie fest, dass auf Grund der schweren Kopfverletzung Lyns, der langen Zeit der Krankheit, keine Chance auf eine vollständige wieder Eingliederung in das Projekt mehr möglich wäre. Jacob sprang vor Wut fast aus dem Anzug. Er fragte den wissenschaftlichen Leiter des Berliner Institutes, ob er Arzt oder Hellseher wäre und wenn er beides nicht sei, er es ihm als Chefarzt überlassen sollte, diese Entscheidungen zu treffen. Das Institut sollte gefälligst warten, bis man objektive Untersuchungen am Patienten machen könnte. Dazu müsse Lyn allerdings erst einmal aus dem Koma erwachen. Wütend warf Jacob nach diesem Telefonat den Hörer auf die Gabel. Eine Woche später, also einen knappen Monat nach dem Ilkas tödlichen Unfall, bekam Jacob vom Berliner Institut den Befehl, Lyn zu töten. Jacob platzte fast vor Wut. Der Chefarzt schnappte sich das Telefon und rief den Verantwortlichen an. Kaum hatte er den Projektleiter des Instituts am Telefon, putzte er ihn im ruhigen und leisen Ton richtig runter.
"Rakowski, wenn sie der Meinung sind, dass sie der bessere Chefarzt für dieses Projekt sind, weshalb sitzen sie dann in Berlin und nicht hier im Projekt? ... Was? Sie wären kein Arzt. ... Ach so, wie wollen sie dann einschätzen, über eine Entfernung von über dreihundert Kilometer, ob meine Patientin wieder gesund wird. Wie kommen sie also dazu, mir den Befehl zu geben, dass ich ein erst wenige Monate altes Kind töten soll. ... Ach auf Grund Hunsingers Berichts? ... Hunsinger ist jetzt also Arzt? ... Das hätten sie nicht behauptet. ... Wenn sie mit ihrer Ferndiagnose also genau einschätzen können, dass es Nummer 98 nicht schafft gesund zu werden, dann lieber Rakowski sollten sie ihren fetten Arsch hierher bewegen. Wenn sie wollen das Nummer 98 stirbt, dann töten sie diese gefälligst selber. ... Wie ich wäre ein arroganter Drecksack ... Ich komme ihnen gleich durch die Leitung. Außerdem bin ich nicht mehr länger bereit, ihre Drecksarbeit machen. Sie wollen 98, wie nannten sie das gerade so schön, aussortieren. Dann kommen sie gefälligst her und spritzen sie selber das Mittel", die letzten Sätze brüllte Jacob in den Hörer.
Er konnte diesen arroganten Wissenschaftler des Berliner Institutes einfach nicht mehr ertragen. Völlig aus dem psychischen Gleichgewicht und in Sorge um sein kleines Mädchen, weigerte sich Jacob diesen Befehl auszuführen. Jacob reichte es. Er war nicht bereit, eins seiner Kinder zu töten. Es war schon schlimm genug, die zum Teil schwerstbehinderten Kinder, nach der Geburt zu töten. Aber das hier war glatter Mord.
"Das kostet sie die Stelle, Jacob", brüllt ihn Rakowski an. Der schon seit seinem ersten Satz ins Telefon brüllte.
Jacob holte tief Luft, um sich wieder zu beruhigen und sprach leise weiter. "Das ist mir egal, sie arroganter Mistkerl. Wenn sie der Meinung sind, sie haben ohne mich auch nur den Hauch einer Chance, das Projekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen, dann feuern sie mich einfach. Wollen sie das 98 getötet wird, dann schicken sie jemand her. Sie verdammter Idiot. Ich bin Arzt und kein Mörder."
Wütend schmiss Jacob den Hörer auf die Gabel. Eine halbe Stunde später, rief Hunsinger bei Jacob an. Was dieser mit Rakowski gemacht hätte, dieser wäre regelrecht aus dem Anzug gesprungen.
"Franz, ich glaube echt langsam mein Schwein pfeift. Verlangt Rakowski von mir, ich soll ein Kind von drei Monaten töten, nur weil es nicht schnell genug aus dem Koma erwacht. Der hat sie doch nicht mehr alle. Ich habe ihm gesagt, wenn er sie töten will, soll er sich ins Auto setzten herkommen und seinen fetten Ar... hierher bewegen und es selber machen. Ich werde keins der Kinder hier mehr töten. Nicht eins. Die siebzehn Kinder sind genau siebzehn Kinder zu viel. Lyn ist gesund, sie ist jung, sie wird es schaffen."
Hunsinger war entsetzt, über das was ihm Jacob da berichtet. "Der hat dich tatsächlich aufgefordert, Lyn zu töten. Das gibt es doch nicht. Mir hat er gerade gesagt, du hättest ihn ohne Grund angeschrien. Du wärst nicht mehr zurechnungsfähig. Der kann was erleben. Mich einfach anzulügen", diesmal schmiss Hunsinger dem Hörer auf die Gabel auf.
Seit diesem Telefonat mit Hunsinger bekam Jacob keinen Anruf mehr aus dem Institut. Endlich hatte der Chefarzt wieder seine Ruhe. Inständig hoffte er, dass sein kleines Mädchen endlich wieder erwachen würde. Einige Male fast dachten Jacob und Anna, dass Lyn es nicht schaffen würde, da ihr Herz einfach stehen blieb. Nach wenigen Minuten finge es plötzlich wieder an zu schlagen. Aber es war einige Male verdammt knapp.
Glücklich sah Anna auf ihr kleines Mädchen, das am 29. Juni 1959 aus dem Koma erwachte. Fast hätte sie nicht mehr daran geglaubt. Nach fünf langen Wochen endlich, schlug Lyn die Augen wieder auf. Anna war völlig aus dem Häuschen.
"Fritz komm schnell, Lyn", rief sie.
Jacob rannte zu Lyns Bett, weil er dachte ihr Herz würde wieder stehen bleiben. Dann sah er, dass sie ihm mit dem Blick folgte. Erleichtert atmete er auf.
"Lyn, meine Kleine, hörst du mich?"
Seine Kleine antwortete ihm nicht.
Jacob nahm die Hand seines kleinen Mädchens. "Lyn, wenn du mich hörst, drücke bitte meine Hand."
Lyn bewegte die Finger etwas. Erleichtert atmete Jacob auf. Im gleichen Augenblick hing das Händchen, wieder schlaff in der seinen. Lyn war wieder weggekippt.
"Ich wusste sie schafft es. Siehst du Anna, unsere Kleine ist eine große Kämpferin."
Drei Stunden später wachte Lyn wieder auf. Sie sah Jacob fragend an.
"Wie geht es dir meine Kleine?", wollte er wissen.
Lyn antwortete ihm nicht. Über der Decke auf ihren Bauch fingen die Finger nervös an zu spielen.
"Ist schon gut Lyn, du musst nicht reden, wenn du das nicht willst. Ich kann verstehen, dass du nach allem was passiert ist, kein Vertrauen mehr hast. Aber eigentlich müsstest du wissen, dass ich es gut mit dir meine", zärtlich wollte er Lyn streicheln, das Mädchen zog ihren Kopf zur Seite. Traurig sah Jacob die Kleine an.
"Hast du Schmerzen Lyn, komm sprich mit mir?"
"Sir, nein, Sir", hauchte Lyn.
Das Mädchen drehte sich auf die Seite und rollte sich zusammen. Wie ein kleines scheues Reh, macht Lyn sich so klein es irgend ging, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.
"Ich verstehe dich ja, Lyn. Aber wenn du niemanden mehr vertraust, wie soll ich dir dann helfen."
Lyn drehte ihren Kopf zu Jacob, sah ihn einen Moment schweigend an. "Sir, ich hätte ihr helfen können, Sir. Jetzt ist es zu spät, nur gleich hätte ich etwas tun können, für das Mädchen, Sir", schon drehte sie sich wieder zur Seite, rollte sich noch enger zusammen.
Auch wenn sich Jacob nicht ganz sicher war, glaubte er das Lyn weinte. Er ließ die Kleine alleine und ging zum Telefon. "Anna, ich brauche dich auf der 6/rot, komm bitte mal schnell nach unten", Jacob legte sofort wieder auf.
Keine drei Minuten später war Anna auf Station. Sie versuchte an Lyn heran zu kommen. Das Mädchen hatte wieder vollkommen dicht gemacht. Nach zwei Stunden gaben die Beiden es auf, in das Mädchen einzudringen. Lyn verschloss sich immer mehr. Plötzlich hatte Jacob eine Eingebung.
"Anna, hole bitte Rashida hoch. Die ist auf der 6/lila. Es ist erst 10 Uhr, soviel ich weiß hat sie Nahkampftraining. Sag den Betreuern, ich brauche sie für eine Untersuchung oder Bluttransfusion. Lass dir irgendwas einfallen."
Anna nickte war sofort unterwegs. "Ja mache ich."
Jacob setzte sich zu Lyn, die zitternd im Bett lag. "Komm beruhig dich, meine Kleine. Sonst fällst du wieder ins Koma. Anna holt dir deine Rashida, vielleicht kann sie dich beruhigen."
Es dauerte nur zehn Minuten, bis Anna mit Rashida wieder auf Station erschien. Diese ging sofort zu Lyn, nahm ihre kleine Freundin in den Arm und fing an zu weinen. Schweigend saß die Mädchen auf den Bett. Erst jetzt fiel auf, wie groß Rashida wirklich geworden war. Lyn allerding war in ihrer Größe noch mehr zurückgeblieben. Da sie durch das lange Koma nur unwesentlich gewachsen war. Sie wirkte gegen Rashida noch kleiner und zerbrechlicher, als sonst. Wie immer schaffte es Rashida ihre kleine Freundin zu beruhigen.
"Rashida, was ist mit ihr los."
Rashida schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht mehr mit Jacob reden. Da ließ Jacob die Beiden alleine. Es hatte keinen Zweck. Die Kinder waren seit der Sache mit Ilka noch verstörter. Er gab Rashida zwei Stunden Zeit, die sie mit ihrer Freundin verbringen konnte. Dann muss der Chefarzt die Kinder leider wieder trennen.
"Rashida, du muss leider wieder nach unten. Anna du bleibst bei Lyn. Ich bringe Rashida runter auf die 6/blau."
Er hielt dem großen Mädchen, was ihm schon über den Kopf gewachsen war, die Hand hin. Rashida ignorierte die Hand Jacobs und lief an ihm vorbei in Richtung Aufzug. Jacob folgte ihr traurig. Nach dem sich die Aufzugtür geschlossen hatte, versuchte es Jacob noch einmal, mit Rashida zu reden.
"Rashida, was ist los? Warum redest du nicht mehr mit mir? Sprich mein Kind", hängte er den magischen Satz, an seine Fragen.
"Sir, wir dürfen nicht mehr mit ihnen reden, Sir. Es wurde uns verboten, Sir", antwortete Rashida traurig und kaum hörbar.
"Von wem Rashida? Keiner hat hier das Recht euch zu verbieten, mit mir zu reden. Sprich mein Kind."
"Sir, die Betreuer haben es uns verboten, Sir. Jeder der sich mit jemand, außer mit den Betreuern unterhält, bekommt Ärger, Sir. Bitte wir haben in den letzten Wochen genug Ärger gehabt, Sir", flüsterte Rashida und sah ihren Doktor flehentlich dabei an.
Der Chefarzt ließ es dabei. Er musste diese Informationen erst einmal verarbeiten. Traurig brachte er Rashida zurück in den Kinderraum. Er ging nach vorn zu Schwester Sabine die gerade Dienst hat.
"Alles in Ordnung hier unten, Sabine?", erkundigte er sich mehr der Gewohnheit halber. Denn seit vielen Wochen war hier nichts mehr in Ordnung.
"Herr Doktor, Nummer 56 scheint etwas am Bein zu haben. Er konnte kaum laufen, als er gerade vom Training kam."
Jacob ging auf Sneimy zu. "Sneimy, was ist mit deinem Knie?"
Wie gewohnt bekam Jacob keine Antwort. Seit dem Unfall von Ilka war das Schweigen der Kinder noch schlimmer geworden.
Verständnislos schüttelte Jacob den Kopf. "Komme mit nach oben auf die 6/rot", bat er den Jungen.
Dieser schüttelte den Kopf.
"Sneimy, das ist ein Befehl."
Sofort stand Sneimy wortlos auf und zog sein Band über. Er folgte Jacob aus dem Raum, wie eine Marionette. Ohne ein Blick auf Jacob zu werfen oder einen Ton zu sprechen, fuhren beide nach oben auf die 6/rot. Dort angekommen untersuchte der Chefarzt Sneimys Bein aufs Genauste. Das war ganz arg gestaucht war.
"Sagst du mir wie das passiert ist? Sprich mit mir", forderte Jacob. Er musste in den letzten fünf Wochen die Erfahrung machen, dass er sonst keine Antwort erhielt.
"Sir, ich war unachtsam, Sir", sah auf dem Boden. Er blickte auch nicht auf, als er dem Arzt erklärte. "Ich bekam beim Training versehentlich einen Tritt ab."
Jacob wusste genau, dass dies nicht stimmte. Als Arzt sah er genau, ob dies ein zufällige Verletzung war oder eine mit Absicht herbei gefügte. Er wollte den sowieso schon psychisch sehr angeschlagenen Jungen nicht noch mehr unter Druck setzen, deshalb ließ er die Bemerkung so im Raum stehen. Es nutzte niemanden etwas, wenn das bisschen Vertrauen, dass die Kinder noch zu Jacob hatten, auch noch verloren ging. Also half er den Buben mit Salbe und einer schmerzlindernden Spritze, über die Schlimmsten Auswirkungen der Verletzung hinweg und brachte ihn dann nach unten in den Raum.
Im Aufzug sah Sneimy Jacob kurz an. Kaum hörbar, sagte er.
"Danke Doko."
Schon sah er wieder auf den Boden. So ging das nun schon seit Wochen. Keines der Kinder sprach mehr mit dem Arzt, nur wenn sie sich hundert Prozent sicher waren, dass niemand sie hören konnte, sprachen sie flüsternd zu ihm. Jacob streichelte dem Jungen das Gesicht.
"Schon gut, ich weiß, dass ihr es sehr schwer habt im Moment. Wenn etwas sein sollte Sneimy, ihr könnt immer auf meine Hilfe hoffen."
Sneimy nickte unmerklich. In dem Moment öffnete sich die Tür. Gemeinsam verließen sie den Aufzug. Kaum hatten sie den Raum der Kinder betreten, lief dieser nach hinten in sein Bett.
Jacob jedoch ging nochmals zu Schwester Sabine. "Es ist nur eine tüchtige Verstauchung. Wenn der Bub wieder schlimme Schmerzen bekommt, gebt mir Bescheid. Dann bekommt er noch eine Spritze gegen die Schmerzen."
Schwester Sabine sah Jacob skeptisch an. Der schüttelte leicht den Kopf. Da akzeptierte sie das Gesagte.
Jacob setzte sich an den Tisch, nahm einen Zettel und einen Stift. Er trug Sneimys Verletzungen in die Akte ein. Im Anschluss schrieb einen Satz auf den Zettel und drehte diesen so, dass Schwester Sabine ihn lesen konnte. Verständnislos sah diese Jacob an.
"Bitte informieren sie alle Schwestern, persönlich und ohne Telefon. Ich möchte euch alle morgen früh um 5 Uhr, oben bei mir in der Wohnung haben. Bitte sprecht mit niemand darüber, absolute Verschwiegenheit. Die Kinder müssen das sonst wieder ausbaden."
Schwester Sabine schrieb darunter. "Wer betreut die Kinder?"
"Die Laboranten, ich organisiere das gleich, bitte hier im Raum nicht darüber reden."
Da nickte Schwester Sabine, sah zwar verwundert aus, aber sie akzeptierte das Verhalten des Chefarztes. Jacob erhob sich, nach dem er die gespritzten Medikamente in Sneimys Krankenakte eingetragen hatte. Laut wandte er sich an Schwester Sabine.
"Na dann, einen ruhigen Tag wünsche ich euch noch. Wenn etwas ist ich bin bei Zolger oder im Labor."
Sofort verließ Jacob den Raum der Kinder. Er fuhr nach oben in seine Wohnung, dort nahm er sich einige seiner privaten Krankenakten, die er seit dem Vorfall mit Ana zusammengestellt hatte und lief über den Park zum Haus 4. Jacob klingelte bei Zolger.
"Walter, kann ich dich mal kurz stören", bat er seinen Kollegen hochkommen zu dürfen.
"Klar komm hoch. Ich wollte zwar gerade essen gehen, aber ich rufe gleich vorn an, dass es später wird", im gleichen Atemzug ertönte der Summer. Jacob betrat das Haus, fuhr nach oben in Zolgers Wohnung.
"Mahlzeit Fritz, was ziehst du denn für ein Gesicht?"
Jacob winkte ab, ihm war zum Heulen zu mute. "Walter, ich weiß nicht weiter. Ich brauche deinen Rat. Vor allem muss ich dir dringend etwas zeigen. Allerdings habe ich nur die zehn, na ja ich sage mal, harmlosesten Krankenakten mitgebracht."
Zolger sah Jacob fragend an. "Na dann komm mal mit in mein Büro", er öffnete die Bürotür und ließ Jacob an dem langen Tisch Platz nehmen.
Jacob legte zehn Krankenakten offen auf den Tisch. "Walter, schau dir das bitte mal an. Das sind nur Verletzungen die ich selber festgestellt habe oder die so erheblich waren, dass die Schwestern mich darauf aufmerksam gemacht haben. Vieles habe ich bei den Untersuchungen der Kinder festgestellt, die ich ja in der letzten Zeit verstärkt durchführe. Das haben die Schwestern gar nicht bemerkt, weil die Kinder nur bestimmte Verletzungen zeigen, wie ein gebrochenes Bein oder ein gebrochenes Schlüsselbein. Sachen die man nicht verbergen kann. Walter, die Betreuer foltern unsere Kinder. Tut mir leid, anders kann ich das nicht mehr bezeichnen. All diese Verletzungen sind eindeutig Verletzungen, die von massiver Folter hervorgerufen werden. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll", verzweifelt fuhr sich Jacob durch die Haare. "Walter, ich habe oben die Akten liegen von Ana, von Rashida, von Sneimy, die dir bestätigen können, dass die Kinder wirklich alle Rippen gebrochen hatten. Ohne dass diese auch nur einen Mucks von sich gegeben hätten", immer wieder rieb sich der Chefarzt verzweifelt das Genick und fuhr sich durch die Haare. "Rashida sagte mir heute, die Betreuer hätten ihnen verboten mit jemanden anderen als mit ihnen zu sprechen. Wenn sie sich daran nicht halten, würden sie Ärger bekommen. Ich nehme an, dann werden sie regelrecht von den Betreuern zusammengeschlagen. Verdammt, diese Kinder sind noch nicht einmal ein halbes Jahr alt", anklagend sprach Jacob zu seinem Kollegen. Er hatte Tränen in den Augen und sah seinen Kollegen verzweifelt an.
Walter Zolger studierte die Krankenakten genau. Immer wieder blickte er entsetzt zu Jacob. Einige wenige Worte verließen seinen Mund.
"Das nennst du harmlos, Fritz?"
"Das ist unmenschlich."
"Das ist bestialisch."
Nach einer halben Stunde später, ließ er sich völlig aufgelöst auf den Stuhl fallen und raufte sich verzweifelt die Haare.
"Was können wir tun?", forderte er eine Antwort von seinem Chefarzt.
Jacob jedoch zuckte mit den Schultern. "Wir können gar nichts machen. Jedenfalls nicht, ohne die Kinder unten auf der 6/blau zu gefährden. Ich weiß mir keinen Rat mehr. Ich habe schon überlegt, ob ich mal zu Hunsinger ins Büro fliege und ihm die Akten auf den Tisch knalle. Walter, keins der Kinder, ist in den letzten Wochen ohne Verletzungen zu mir gekommen. Wirklich alle haben Verletzungen, wo jeder von uns über Wochen das Bett hüten würde und nicht mehr arbeitsfähig wäre. Das ist einfach unmenschlich, was man mit den Kindern dort unten macht. Ich glaube auch nicht, dass wir nach der Rückkehr von Mayer, mit dessen Unterstützung rechnen können. Ich hab vor drei Tagen mit ihm telefoniert. Er ist voller Hass auf die Kinder. Ich denke eher, er wird die Betreuer unterstützen, statt wie bisher uns", voller Verzweiflung sprach das der Chefarzt und sah seinen Freund an.
Zolger bestätigte Jacobs Gedankengänge. "Ich glaube du hast Recht, Fritz. Ich habe im Gespräch mit Sigmar mitbekommen, dass er sich nicht mehr für die Kinder einsetzen wird. Er weiß zwar, dass er die Hauptschuld am Tod von Ilka trägt. Dass er deren Tod durch das Knallen der Tür ausgelöst hat. Er scheint aber beschlossen zu haben, die Schuld bei den Kindern zu suchen. Das erscheint ihm wohl als die einfachste Methode mit dem Tod seiner Tochter klar zu kommen", lange sah Zolger Jacob an. "Fliege nach Berlin, zu Hunsinger oder noch besser verlange, dass dieser herkommt. Hoffen wir, dass es dann für die Kinder nicht noch schlimmer wird."
Jacob schüttelte den Kopf. "Walter, schlimmer kann es doch für die Kinder bald gar nicht mehr werden. Die gehen jeden Tag durch die Hölle. Walter, kannst du mir morgen früh, deine fünf Laboranten, als Aufsicht, nach unten in den Kinderraum schicken. Ich möchte bei mir oben eine Dienstbesprechung machen, mit Anderson und den Schwestern. Dich würde ich auch gern dabei haben. Mai bleibt unten bei den Kindern für diese Zeit."
Zolger sah irritiert zu Jacob. "Klar, ich rufe gleich alle an. Das bekommen wir hin."
Jacob schüttelte den Kopf. "Nein, bitte nicht per Telefon. Informiere die Leute mündlich und bitte diese auch um Verschwiegenheit. Ich weiß, was du jetzt denkst", der Chefarzt blickte seinen wissenschaftlichen Laborleiter verlegen an. "Walter, ich leide nicht an Verfolgungswahn. Aber leider musste ich feststellen, dass irgendjemand in der Zentrale den Betreuern Informationen zukommen lässt. Ich habe auch schon Chris Martin um Unterstützung gebeten, der sich sehr für die Kinder einsetzt. Wir wissen aber noch nicht, wer es ist. Ich kann keinen Anruf tätigen, ohne dass die Betreuer es erfahren und die Kinder wieder schwer verletzt werden."
Zolger schüttelte ungläubig den Kopf. Er konnte nicht glauben, was ihm Jacob da erzählte. "Das ist jetzt nicht dein Ernst oder?"
Jacob zog eine Liste aus seiner Mappe. "Sieh selber. Vergleiche die Anrufe mit den Graden der Verletzungen. Ich habe sie dir hinter jeden Anruf geschrieben. Eins sind leichte und zehn sind schwerste Verletzungen", er legte die Tabelle Zolger zu Kontrolle seines Gedankenganges vor. "Ich dachte erst, ich werde hier langsam aber sicher paranoid. Aber es lässt sich beweisen. Chris hat sich das schon angesehen."
Zolger konnte es nicht glauben. Es stimmte haargenau, was Jacob ihn da sagte. Immer kurz nach Auseinandersetzungen mit den Betreuern, einem Telefonat mit Hunsinger oder dem Institutes, traten schwere bis schwerste Verletzungen bei den Kindern auf. Einige davon waren sogar so schwer, dass Jacob im Anschluss operieren musste, um den Kindern das Leben zu retten.
"Das gibt es doch nicht", verzweifelt schaute Zolger zu Jacob. "Wenn ich Hunsinger anrufe?", macht Zolger einen Vorschlag.
Jacob zuckte mit den Schultern, dann schüttelte er aber seinen Kopf. "Nein, lass mal lieber, Walter. Morgen Abend hat es Chris extra so eingerichtet, dass er ganz alleine Dienst hat. Die anderen sind alle vorn in der Mensa, bei der Veranstaltung. Da gehe ich direkt in die Zentrale und telefoniere von dort aus mit Hunsinger. Mir ist es auch langsam scheißegal, ob ich ihn wieder einmal aus dem Bett hole. Anders geht es leider nicht mehr."
Diesmal stimmte Zolger zu. Er wechselte erst einmal das Thema, da er diesen Schock für sich selbst verarbeiten musste. "Ja mach das, Fritz. Komm lass uns essen gehen. Du siehst auch schon wieder aus, als hättest du seit Tagen nicht richtig gegessen.", wies Zolger Jacob darauf hin, dass er schon wieder abgenommen hat.
Jacob musste Zolger recht geben, über fünfzehn Kilo hatte er schon wieder an Gewicht verloren. Aber das war kein Wunder. Bei dem ganzen Ärger den er seit über fünf Wochen hatte, da verging ihm einfach die Lust zu essen.
"Fritz, vielleicht, kommt uns mit vollen Magen noch eine bessere Idee", hoffte Zolger sehr.
Jacob lachte gequält. "Kann ich die Unterlagen bei dir in den Tresor legen? Ich will sie nicht so rumliegen lassen. Ich hole sie dann, bevor ich zu mir hinter gehe."
Zolger öffnete für Jacob den Tresor und schon gingen sie beide nach vorn in die Mensa, um zu Mittag zu essen. Jacob bekam sein Lieblingsessen, extra scharf und extra groß. Alle machten sich wieder einmal Sorgen um Jacob, der vielleicht noch neunundsechzig Kilo auf die Waage brachte. Bei seiner Größe von einhundertneunundachtzig Zentimetern, war das einfach zu wenig. Deshalb bekam dieser immer ein extra zubereitetes Essen vom Koch, wenn er denn mal zu einer der Mahlzeiten erschien.
"Mmmhhh, das sieht aber lecker aus. Da werde ich mich aber anstrengen müssen, dass ich alles verputze", meinte Jacob grinsend zu der Küchenfee, die das Essen brachte.
"Das will ich doch hoffen, Herr Doktor. Ansonsten sind sie schuld, wenn es morgen regnet", kichernd lief diese zurück in die Küche.
Jacob machte sich über sein Schnitzel mit einem großen Berg Bratkartoffeln her, die ordentlich mit Speck und Zwiebeln gebraten wurden. Zolger dagegen freute sich über das heutige Mittagessen, was es obligatorisch gab. Er liebte Milchreis über alles. Zolger wusste aber auch, dass Jacob den überhaupt nicht mochte. Daher neckte er seinen Freund ein wenig, einfach um die sehr bedrückte Stimmung etwas zu heben.
"Wollen wir tauschen Fritz? Ich hätte heute auch mal Appetit auf Schnitzel", lachend sah er zu Jacob, der mit vollen Backen kaut.
"Nee, lieber nicht. So was wie du da auf dem Teller hast, damit kannst du mich jagen", kopfschüttelnd schob er sich die nächste Gabel in den Mund.
Herumalbernd und schwatzend, verging die kleine Pause wie im Flug. Jacob holte nach dem Essen seine Unterlagen, ging nach oben in sein Büro, um die Versammlung morgen früh vorzubereiten. Gegen 20 Uhr rief ihn Anna an, sie hatte Streit mit Lyn, die nach unten wollte.
"Schatz, kommst du bitte mal auf die 6/rot. Lyn, will nach unten. Das können wir doch nicht zulassen, sie ist heute erst aus dem Koma erwacht."
Fritz ließ alles stehen und liegen und eilte nach unten auf die Krankenstation. "Guten Abend Lyn, guten Abend Anna. Was habt ihr für Probleme?", wollte er ein lockeres Gespräch beginnen.
Lyn zeigte auf den Aufzug, ohne etwas zu sagen.
"Lyn, wenn du etwas möchtest, musst du schon mit mir sprechen", forderte Jacob sein Lieblingskind auf.
Diese schüttelte stur den Kopf und zeigte voller Wut auf den Aufzug.
"Ich verstehe nicht, was du willst", erklärte Jacob und stellte sich nun auch stur.
Lyn atmete immer schwerer. Jacob wollte nicht zulassen, dass Lyn nach unten ging. Sie musste einfach begreifen, dass sie ihre Forderung in Worte fassen musste. Lyn weigerte sich strikt zu sprechen, zeigte nur auf die Tür. Lief schwer atmend hin und her. Immer schwerer holte das Mädchen Luft.
"Anna, geh bitte nach oben", befahl Jacob seiner Freundin, aus einer inneren Eingebung heraus.
Er ahnte, dass es hier gleich heftig werden würde und wollte Anna aus der Schusslinie haben. Anna konnte sich nicht gegen Lyn verteidigen. Da hatte Jacob selbst schon arge Mühe. Jacob hatte keine Ahnung, warum sich Lyn so in diese Sache hineinsteigerte. Er hat einfach so ein dummes Gefühl, dass es gleich sehr heftig werden würde.
Als Anna nicht gehen wollte, schrie er sie an. "Machst du einmal das, was ich dir sage. Haue ab verdammt noch mal. Sofort", böse sah er seine Freundin an, die erschrocken den Raum verließ und nach oben in die Wohnung fuhr. Jacob sah Lyn an, ging auf sie zu.
"Komm beruhige dich Kleines. Lass uns in Ruhe reden."
Lyns Gesicht, war nur noch eine Grimasse. Darin spiegelte sich die ganze angestaute Wut und der Hass des Mädchens wieder. So hatte er Lyn noch nie erlebt. Die ganze Situation schien zu eskalieren. Es konnte nicht nur daran liegen, dass Jacob sie nicht sofort nach unten gehen ließ. Die gesamte Situation der letzten Monate und der Hass der letzten Wochen kam in dem Mädchen hoch. All die Schikanen und Prügel die sie in ihrem Leben bezogen hatte, projizierte sein kleines Mädchen in diesem Moment auf Jacob.
Lyn knurrte den Chefarzt plötzlich an, wie ein wildes, bösartiges Tier. Dieses Knurren kam tief aus ihrem Inneren. Ihr gesamtes Gesicht wurde einer grauenvolle Maske. Die Hände, selbst die Füße verkrampften sich und das Knurren wurde immer tiefer und bedrohlicher. Erschrocken trat Jacob den Rückzug an. Er zog sich in den entlegensten Winkel der Krankenstation zurück. Nur um Lyn das Gefühl der Bedrohung zu nehmen. Er wusste nicht, was hier vor sich ging.
Für Jacob völlig unerwartet, ging Lyn auf einmal auf die Knie. Sie fing an zu schreien. Schreie die Jacob noch nie in seinem Leben gehört hatte und deren Existenz, er sich hätte niemals vorstellen können. Das was der Chefarzt sich jetzt anschauen musste, war grauenvoll. Alles in Jacob begann zu vibrierte. Panisch sah er auf sein kleines Mädchen und war froh, dass Anna dies nicht mit ansehen musste. Das hatte er nicht gewollt. So sehr wollte er das Mädchen nicht in die Ecke drängen. Jacob ließ sich an der Wand herunter rutschen und kroch regelrecht in sich zusammen. Am liebsten hätte er sich unsichtbar gemacht. Was geschah hier nur? Er sah Lyn mit schreckensweit geöffneten Augen an.
Sein kleines Mädchen krümmte sich schreiend und von Schmerzen überwältig zusammen. Plötzlich begann sich Lyn zu verändern. Jacob hatte so etwas noch nie erlebt. Ihm lief es in der einen Sekunde heiß und im nächsten Augenblick eiskalt über den Rücken. Sein Herz hämmerte wie wild. Er konnte nicht glauben, was er erleben musste. Er hatte das Gefühl, als wenn ihm jemand die Luft abdrehte und er nicht mehr atmen konnte. Trotz des Grauens, das ihn erfasst hatte, konnte er die Augen nicht von seinem kleinen Mädchen abwenden. Er beobachtete genau, was da geschah. Lyn musste unsagbare Schmerzen haben. Die Schreie wurden immer lauter und schriller, so dass es richtig in den Ohren weh tat und er sich die Ohren zuhielt.
Lyns gesamter Körper veränderte sich. Sie bekam einen Buckel. Die Wirbelsäule krümmte sich nach oben. Die Fersen der Füße zogen sich vom Boden weg. So dass sich eine Art Tatze bildete und das Mädchen auf ihren Zehenspitzen stehen musste. Die Knie verlagerten sich so, dass sie über den Tatzen standen. So dass Lyn gezwungen war, auf den Ballen der Tatzen zu stehen. Der Brustkorb verengte sich und wurde nach vorn spitz. Die Schultern fielen nach vorn und die Ellenbogen drehten sich nach innen. Sie standen plötzlich parallel, zu den hinteren Beinen. Die vorderen Gliedmaßen lagen dadurch enger beieinander. Der Hals krümmte sich in Richtung Rücken, so dass der Hinterkopf im rechten Winkel zur Wirbelsäule stand. Die Wirbelsäule streckte sich plötzlich wieder. Selbst der Kopf und das Gesicht veränderte ihre Form. Der Kopf wurde länger und nach oben spitz zulaufend. Das Kinn wurde schmaler. Die Jochbeine verengten sich und schoben sich nach vorn. So sah das Gesicht einem Tier ähnlicher, als einem Menschen. All diese Veränderung wurde begleitet, von unmenschlichen Schreien, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Jacob wusste nicht, was er tun sollte. Dies war nicht mehr sein Mädchen. Was war das?
Jacob saß wie angewurzelt da. Ihm war schlecht. Er starrte auf das, was mal sein Mädchen gewesen war. Dies war kein Mensch mehr, sondern glich eher einer Art Gepard. Das blanke Entsetzen hatte ihn gepackt und war in sein Gesicht gemeißelt. Er stand vorsichtig auf und schlich vorsichtig zur Fahrstuhltür und drückte die Verrieglung für die Türen, um die 6/rot zu versiegeln. Er musste dafür Sorge tragen, dass hier niemand diesen Raum betreten konnte. Er wusste nicht, was er tun sollte und konnte, um Lyn zu helfen und zu verhindern, dass ihr jemand etwas tat. Eine böse Ahnung stieg in ihm hoch, er schob diese Ahnung erst einmal zur Seite. Was sollte er jetzt tun? Nach einigen Sekunden beschloss er gar nichts zu tun. Er konnte Lyn nur helfen, wenn er sie in Ruhe ließ. Er hatte sein kleines Mädchen genug in die Ecke gedrängt. Jacob ließ sich am ganzen Körper zitternd, einfach nur an der Fahrstuhltür nach unten rutschen. Er versuchte sich erst einmal selbst zu beruhigen.
Lyn dagegen, lief am anderen Ende der Krankenstation, wie ein gehetztes Tier hin und her. Sie gab furchtbare Schreie von sich, die einem durch Mark und Bein gingen. Mit der Zeit wurde sein kleines Mädchen allerdings ruhiger. Es schien so, als wäre ihre gesamte Wut verraucht. Eine ganze Weile noch lief sie hin und her. Plötzlich blieb sie stehen und sah in Jacobs Richtung. Dem Arzt rutschte das Herz in die Hose. Er zog vorsichtig die Knie an seinen Körper und machte sich klein. Er wusste nicht wie er sich verhalten sollte. Lyn kam auf einmal auf ihn zu, knurrend sah sie ihn an. Jacob versuchte sich nichts von seiner Angst anmerken zu lassen, obwohl dass beinah unmöglich war. Er hatte gerade das Gefühl vor Angst sterben zu müssen. Lyn schlich vor ihm herum, wie ein wildes Tier, dass seine Beute belauerte. Immer wieder stieß sie wütende schrille Schreie aus. Jacob sah sie offen an, allerdings sagte er nicht. Selbst wenn er gewollt hätte, kein Ton hätte seine Kehle verlassen, diese war wie zugeschnürt.
Nach über einer halben Stunde, strich Lyn plötzlich an seinen Beinen entlang. Wie eine Katze die sagen wollte, streichel mich ein wenig. Ich bin ganz lieb und tu dir nichts. Urplötzlich wusste Jacob, es ist vorbei. Sein Mädchen hatte sich beruhigt. Lyn legte sich ein Stück von ihm entfernt hin und fing entsetzlich an zu wimmern. Wenn Jacob dachte, die Schreie wären entsetzlich gewesen, so hatte er sich geirrt. Das Wimmern war für ihn bei weitem schlimmer. Man hörte Lyn an wie sie litt. Sie verwandelte sich wieder zurück, in das kleine zierliche Mädchen das sie immer war. Jacob stand völlig unter Schock. Auf der einen Seite, wollte er zu seinem Mädchen, auf der anderen Seite traute er sich nicht, sich ihr zu nähern.
Der Arzt wusste nicht wie viel Zeit vergangen war. Lyn lag schon eine Weile zusammen gerollt etwas fünf Meter von ihm entfernt und rührte sich nicht mehr. Auch das Wimmern hatte jetzt aufgehört. Auf der Krankenstation war jetzt eine Totenstille. Nach den Schreien und Wimmern, war diese Ruhe genauso verstörend, wie der Lärm zuvor. Jacob kämpfte mit sich. Nach einigen Minuten stand er auf und zwang sich nach Lyn zu schauen. Er konnte sie nicht einfach auf dem Boden liegen lassen. Sein kleines Mädchen, war wieder da. Um diese musste er sich kümmern und dieses Tier musste er einfach vergessen. Leise näherte er sich ihr, darauf gefasst von ihr angeknurrt zu werden. Lyn jedoch schien zu schlafen. Behutsam hob Jacob sein Mädchen auf und trug sie zurück in ihr Bett. Lyns gesamter Körper war blutunterlaufen. Das Gesicht und auch die Hände bluteten. Vorsichtig versorgte Jacob die Wunden an den Händen und wusch seinem der Kleinen das Gesicht. Als er mit der Versorgung Lyns fertig war, ging dann zum Notschalter und öffnete die Sperre wieder. Gerade wollte zum Telefon greifen, als Schwester Gundel mit Rashida die Krankenstation betrat.
"Was ist Rashida?", wollte Jacob von Lyns Freundin in wissen.
Rashida jedoch war nicht ansprechbar. Sofort rannte sie zu ihrer kleinen Freundin und zog sie in ihre Arme.
"Entschuldigen sie Herr Doktor, dass ich einfach hoch gekommen bin. Aber Rashida hat unten auf der 6/blau seit über zwei Stunden verrückt gespielt. Alle Kinder sind völlig durch den Wind. Rashida ist bald durchgedreht und wollte unbedingt auf die 6/rot zu ihrer Freundin. Sie hat geschrien wie am Spieß. So etwas hat sie noch nie gemacht. Was war denn hier los?"
Jacob nickte. Er wusste, dass die beiden Mädchen eine sehr enge Bindung hatten. "Geht klar Schwester Gundel, ich bringe Rashida dann wieder nach unten. Es ist alles wieder in Ordnung. Lyn ging es gerade nicht so gut. Lassen sie mich bitte mit den Kindern alleine. Ich erkläre euch das dann gleich. Versprochen."
Schwester Gundel nickte und zog sich zurück. Sie war völlig durcheinander und zitterte am ganzen Körper. Außerdem war sie schneeweiß im Gesicht. Erleichtert dass die Kollegin so verständnisvoll reagierte, atmete Jacob auf. Gundel verließ die Station und fuhr wieder nach unten auf die 6/blau, um ihren Kollegen zu helfen, die Kinder zu beruhigen. Auf der 6/blau war die Hölle ausgebrochen. Alle Kinder waren völlig verstört.
Jacob dagegen ging auf die beidem Mädchen zu. Er setzte sich einfach auf das Nachbarbett, um die Mädchen zu beobachten.
Lyn lag völlig verkrampft in Rashidas Armen. Diese streichelte das blutunterlaufene Gesicht ihrer Freundin. Jacob traute sich nichts mehr zu sagen, aus Angst die Mädchen wieder derart in die Ecke zu treiben. Ihm interessierte allerdings, was da eben passiert war. Hin und her gerissen von seinen Gefühlen und von dem eben Erlebten, sah er Rashida an. Nach über einer Stunde, schien sich Lyn endlich beruhigt zu haben. Rashida legte ihre Freundin vorsichtig auf das Bett zurück, Lyn schien jetzt fest zu schlafen. Vorsichtig stand das größere der Mädchen auf und ging zu Jacob. Sie zog diesen mit sich an den Tisch.
"Was ist Rashida? Sprich", erstaunt sah Jacob auf Rashida.
"Sir, es tut mir leid, dass sie das erleben mussten. Ich wollte es ja verhindern. Aber man hat mich nicht nach oben gelassen, Sir", erklärt ihm Rashida.
"Was wolltest du verhindern?"
"Sir, den Ginobusanfall, Sir."
"Passiert das oft?"
Rashida nickte traurig. "Sir, ja immer, wenn man uns in die Ecke treibt, Sir."
"Wo ist das bis jetzt überall passiert?", bohrte Jacob nach, der nie so richtig aus seiner Haut konnte und immer alles genau wissen wollte.
Rashida begann nervös mit ihren Fingern zu spielen.
"Rashida, alles was du mir erzählst, bleibt hier bei mir. Aber es ist wichtig, dass ich über solche Dinge Bescheid weiß. Sonst kann ich euch doch nicht helfen."
"Sir, beim Training, Sir", sagte Rashida verschämt.
Jetzt hatte sich Jacob Ahnung bestätigt. Mit einem Schlag wurde ihm einiges klar. "Deshalb also behandeln euch die Betreuer so schlecht. Die haben einfach nur Angst vor euch. Deshalb bezeichnen sie euch als Tiere."
Rashida nickte. Schweigend zog sie die Füße auf den Stuhl und fing an zu schaukeln.
"Ach Rashida, wann lernt ihr endlich, dass ihr mir vertrauen könnt. Weißt du, hättet ihr mir das einmal früher gesagt, dann hätte ich euch vielleicht helfen können. Aber jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich das machen soll. Ich werde aber trotzdem versuchen, euch zu helfen. Das verspreche ich euch."
Lange sah Rashida den Arzt an, dann schüttelte sie verneinend den Kopf. "Sir, sie können uns nicht helfen, Sir", müde klang ihre Stimme.
Erst vier Monate war dieses Mädchen alt und doch sie hatte resigniert. Rashida hatte vollkommen aufgegeben, wie alle Kinder unten auf der 6/blau.
"Rashida, aufgeben ist keine Lösung. Auch ihr habt Rechte, glaube mir. Ihr seid da unten dreiundachtzig Kinder. Ihr stellt eine Macht dar. Denkst du nicht, dass ihr alle zusammen die Macht habt, etwas zu ändern. Zusammen könnt ihr euch gegen solche Behandlungen wehren. Ihr müsst euch nicht alles gefallen lassen. In allen Schwestern, in Anna, in Doktor Zolger, in Chris und in mir habt ihr Verbündete. Ganz viele hier im Objekt, können nicht verstehen, dass man euch so schlecht behandelt. Aber, wenn ihr uns nichts sagt, was los ist, können wir euch doch nicht helfen."
Rashida schüttelte den Kopf. Lange sah sie Jacob mit leicht schräg gehaltenem Kopf an. "Sir, wir sind Monster, Sir."
Jetzt wurde Jacob böse. "Nein, verdammt noch mal Rashida, ihr seid Menschen. Genau solche Menschen, wie Anna, wie ich und wie alle anderen hier. Ihr könnt doch nichts für das, was man euch angetan hat. Monster Rashida, wärt ihr nur, wenn ihr ohne euch Gedanken zu machen, andere töten würdet. So wie es die Betreuer dort unten tun. Das sind die wahren Monster, die wahren Unmenschen. Nicht ihr."
Wütend sah Jacob Rashida an. Diese war nicht mit dem Einverstanden, was Jacob ihr erklärte. Ständig schüttelte sie den Kopf.
"Rashida, ihr seid erst seit wenigen Monaten auf der Welt. Ihr könnt das leider noch nicht richtig einschätzen. Bitte glaube einem alten Mann wie mir. Ihr seid keine Monster."
Trocken schluckte Rashida. Genau wie bei Lyn vorhin fing Rashida an immer schwerer zu atmen. Plötzlich liefen Tränen unter ihrem Band hervor. Jacob stand auf und zog Rashida auf die Beine. Er nahm diese einfach in den Arm. Der ganze Körper des so großen Mädchens zitterte.
"Rashida, ich liebe euch. Das dürft ihr nie vergessen. Ihr seid doch meine Kinder", damit drückte er Rashida ein Stückchen von sich weg. "Glaubst du wirklich, ich sehe kampflos zu, wie man euch quält. Das lasse ich nicht zu."
Rashida nickte und kämpfte immer noch gegen die Tränen an. "Sir, aber jetzt mögen sie uns nicht mehr, Sir. Weil sie wissen, dass wir uns in Ginos verwandeln, Sir", schluchzte das Mädchen.
"Rashida, ich liebe euch auch als Ginos. Auch wenn mir das eben einen panische Angst eingejagt hat. Aber ich liebe euch trotzdem. Glaubst du mir das?", wollte Jacob von Rashida wissen.
"Sir, ja, Sir. Sie haben uns noch nie belogen, Sir. Sie waren immer für uns da, Sir. Ich glaube ihnen, Sir", offen sah Rashida ihn jetzt an. Sie hatte sich wieder beruhigt.
"Das ist schön. Könntest du mir eins versprechen Rashida? Ich weiß, dass du auf die Kinder unten den meisten Einfluss hast. Kommst zu mir, wenn etwas ist. Ich kann vielleicht nicht immer helfen. Aus mir sind in vielen Dingen die Hände gebunden. Aber ich möchte euch helfen, so oft ich es kann. Und wenn es halt nur damit ist euch zu verbinden. Verstehst du? Ihr braucht hier jemanden der für euch da ist. Immer. Anna und ich würden dieses gern sein."
Rashida sah Jacob lange an. Man sah welchen schweren Kampf sie mit sich kämpfte. Vertrauen war nicht die Stärke der Kinder. Sie hatten sehr früh lernen müssen, niemand zu vertrauen. Schließlich nickte sie, wenn auch sehr zögerlich.
"Sir, ja, Sir."
Jacob streichelte ihr übers Gesicht. "Rashida, ich muss dich leider wieder nach unten auf die 6/blau schicken. So leid mir das tut. Sonst bekommst du Ärger."
Das Mädchen nickte und sah sehnsüchtig in Lyns Richtung, man merkte, dass ihr der Abschied schwer fiel.
"Ist mit Lyn wieder alles in Ordnung? Ach so, warum hat sie überhaupt den Anfall bekommen. Wie kann ich verhindern, dass sie wieder einen bekommt?"
Lange kämpfte Rashida mit sich. Sie war sich immer noch nicht sicher, dass sie Jacob wirklich trauen konnte. Was blieb ihr anderes übrig, irgendwem musste sie vertrauen. "Sir, keiner kann diese Anfälle verhindern, Sir. Sie kommen immer, wenn wir zu viel Stress haben, Sir. Oder wenn wir zu sehr unter Druck geraten, Sir. Ich glaube Lyn geht es gut, Sir. Sie will nach unten zu uns, Sir. Nur dort kann sie wirklich gesund werden, Sir, weil sie sich durch uns beschützt fühlt. Da kann sie sich schneller erholen und es geht ihr bald besser, Sir."
Jacob sah Rashida traurig an. "Morgen Abend kann sie zu Euch runter. Heute muss sieh noch hier bleiben. Rashida deine Freundin lag über fünf Wochen im Koma. Sie muss sich unbedingt schonen. Passt du bitte auf sie auf."
Rashida nickt.
"Dann noch etwas. Rashida, ich habe noch eine Bitte an dich. Kannst du morgen bitte um 5 Uhr hoch kommen, hier auf die Station? Ich schicke Anna zu dir runter, damit sie dich holt. Jemand muss auf Lyn aufpassen. Mit den Lehrern kläre ich das ab, du bist bei mir nochmals zu einer Bluttransfusion für Lyn. Damit du keinen Ärger bekommst. Ich habe morgen früh eine Versammlung mit den Schwestern."
"Sir, jawohl, Sir."
Jacob griff nach dem Telefon, um Anna anzurufen. "Anna, kommst du bitte zu Lyn."
Kaum das Jacob ausgesprochen hatte, hörte er das Auflegen des Hörers. Keine zwei Minuten später war Anna auf der Station, sie kam über die Treppe.
"Anna, bleibe bitte bei Lyn. Spreche sie nicht an, lasse sie einfach in Ruhe. Ich bin gleich wieder da."
Anna sah Jacob erschrocken an, durch den Verband an Lyns Händen drang schon wieder Blut.
"Anna, bitte lasse Lyn in Ruhe, ich komme gleich wieder und erkläre dir alles. Ich muss Rashida nach unten bringen. Oder warte, Rashida kann dich Anna nach unten bringen, das ist mir lieber im Moment lieber."
Rashida nickte.
"Also Anna, du bringst Rashida nach unten."
Sofort ging er zu seinem Sorgenkind, wickelte den Verband von den Händen und versorgte die Hände neu. Bei der rechten Hand kam Lyn wieder zu sich und zog sich sofort von Jacob zurück.
"Lyn, bitte halte still. Ich möchte nur deine Hände verbinden."
Lyn schüttelte den Kopf und wickelte auch den anderen Verband ab. Was Jacob dann zu sehen bekam, war unglaublich. Die Wunden an den Fingerspitzen, an denen es die Nägel regelrecht weggerissen hatte, schlossen sich von ganz alleine. Es bildeten sich neue Nagelplatten, auf den offenen und heftig blutenden Fingerkuppen. Verwundert sah Jacob sein Mädchen an. Am liebsten hätte er sie gefragt, wie sie das machte. Aber dies war der ungünstigste Augenblick den er wählen konnte. Lyn war völlig verstört. Wütend sah sie Jacob an, zeigte immer wieder auf den Aufzug. Jacob schüttelt mit traurigem Gesicht den Kopf.
"Lyn, bitte sei vernünftig. Du musst wenigstens bis morgen Abend nach dem Training, hier oben bleiben. Du hast ganze fünf Wochen im Koma gelegen. Ein paarmal sah es sogar so aus, als ob du es nicht schaffen würdest. Normalerweise würde ich jeden anderen mindestens drei bis vier Wochen hier auf der Krankenstation lassen, bis er wieder ganz gesund ist. Ich weiß, dass du zu deinen Freunden willst. Aber schicke ich dich heute runter auf die 6/blau, bist du morgen wieder hier oben. Vor allem liegst du dann wieder für Wochen im Koma. Lyn bitte."
Jacob setzt sich auf das Bett von Lyn. Sein kleines Mädchen zog sich in die äußerste Ecke des Bettes zurück. Ihre gesamte Körperhaltung drückte Angst aus. Angst vor einer schlimmen Bestrafung. Panik stand in ihrem kleinen Gesicht. Jacob könnte schreien vor Wut. Er kämpfte gegen seine Emotionen. Krampfhaft versuchte er diese in den Griff zu bekommen. Es nutzte Lyn nichts, wenn er jetzt hier ausflippen würde. Sie könnte gar nicht verstehen, dass dies nichts mit ihr zu tun hatte. Sondern es nur der blanke Hass auf die Betreuer und Mayer war, der ihn in dieses Gefühlschaos hinein brachte.
Lyn beobachtete ihn ängstlich aus sicherer Entfernung. Auch sie hatte schlimm mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Denn sie wusste eigentlich, dass Jacob ihr nie etwas getan hatte. Im Gegenteil er war immer für sie und ihre Kameraden da. Langsam, Zentimeter um Zentimeter, kam sie näher. Ganz vorsichtig und ständig dazu bereit, sich sofort zurückzuziehen. Lyn sehnte sich nach Jacobs Nähe, aber sie hatte furchtbare Angst vor den Anderen. In ihrem Kopf war alles durcheinander.
Sie hatte Mayer in den letzten Wochen, fast genauso gemocht wie Jacob. Sie verstand nicht, weshalb er sie daran gehindert hat, Ilka zu heilen. Das kleine Mädchen hätte nicht sterben brauchen. Lyn hätte sie retten können. Warum hatte Mayer sie nur gegen das Bett geschmissen und im Anschluss so verdroschen. Sie hatte Ilka gar nichts getan. Lyn verstand einfach nicht, was los war. Ihr sowieso schon völlig zerrüttetes Vertrauensverhältnis zu den Anderen, wie sie die Erwachsenen nannte, war völlig kaputt. Sie wusste nicht mehr, ob sie ihren eigenen Gefühlen trauen konnte.
Fast zehn Minuten brauchte Lyn, bis sie Jacob erreicht hatte. Zögerlich griff nach dessen Hand und krabbelte dann einfach auf seinen Schoss. Sie brauchte die Nähe eines Menschen, um diese schlimme innere Unruhe, die sie nach einem Ginobusanfall hatte, zu überwinden. Ganz vorsichtig nahm Jacob, sein kleines Mädchen in den Arm. Er war überglücklich, dass Lyn zu ihm gekommen war.
"Lyn, meine Kleine, ich hab dich lieb. Du musst keine Angst vor mir haben. Ich verstehe deine Angst vor mir, einfach nicht."
Über Lyns Lippen kam kein Ton kam. Immer noch zitterte sie am ganzen Körper. Da Rashida nicht da war und sie nicht zu ihr konnte, nahm sie mit dem Chefarzt vorlieb. Sie brauchte die Körperwärme um nicht sofort in den nächsten Ginobusanfall zu rutschen. Jeder Knochen, jeder einzelne Muskel und jede Sehne in Lyns Körper schmerzte. So war es immer nach diesen Anfällen. Jacob spürte regelrecht ihren Schmerz. Er traute sich jedoch nicht in die Kleine einzudringen, aus Angst sie unbewusst wieder zu verschrecken. Seine Seele blutete, wenn er dieses Häufchen Elend sah.
"Lyn bleibe wenigstens noch bis morgen Abend hier. Vertraust du mir den gar nicht mehr?"
Lyn sah ihn an, mit so viel Qual in dem kleinen Gesicht, dass es Jacob fast das Herz zerriss. Ganz zögerlich, man sah wie schwer es ihr viel, dem Arzt überhaupt zu antworten, nickte sie leicht. Völlig erschöpft, lehnte Lyn, so wie sie es früher immer getan hatte, ihr Köpfchen an seine Schulter. Durch die Körperwärme und das gleichmäßige Atmen Jacobs, fand sie endlich etwas Ruhe. Es dauert gar nicht lange, da spürte Jacob, wie sie ruhiger atmete. Wenige Minuten später, hörte der Chefarzt gleichmäßige Atemzüge. Diese zeugten davon, dass Lyn eingeschlafen war. Ganz vorsichtig, um Lyn nicht zu wecken, legte er sein Mädchen in das Bett. Liebevoll deckte er sie zu. Fast zeitgleich betrat Anna wieder die Station und trat nun ebenfalls an das Bett.
"Fritz, was ist mit ihr?", erkundige sie sich ängstlich.
Jacob bat Anna durch ein Zeichen mitzukommen. Erkundigt sich allerdings erst nach Lyns Freundin.
"Ist bei Rashida alles in Ordnung? Warum hast du so lange gebraucht?"
Anna sah Jacob traurig an. "Fritz, die Kinder sind kurz vor dem Durchdrehen. Wir wissen nicht, was sie haben. Keiner von ihnen redet noch mit uns, nur mit viel Mühe haben wir sie wieder beruhigt bekommen. Durch Rashida Hilfe gelange es uns, dass die Kinder sich hinlegten und versuchten zu schlafen. Die Mädels unten und wenn ich ehrlich bin, ich auch, begreifen nicht, was hier plötzlich los ist. Alle sind alle fix und fertig. Was war denn los? Warum hat Lyn so geschrien?"
Jacob konnte sich vorstellen, dass die Schreie im ganzen Haus zu hören waren. "Anna, ich erkläre euch das morgen alles. Lassen wir Lyn schlafen, sie braucht unbedingt noch etwas Ruhe. Bitte Engelchen, ich muss unbedingt hoch und für die Versammlung morgen früh, noch etwas vorbereiten. Wenn etwas ist, löse Alarm aus und ruf mich an."
Anna blickte Jacob sorgenvoll an.
"Jetzt nicht schon wieder einer deiner sinnlosen Diskussionen. Ich erkläre euch morgen alles. Mir ist gerade gar nicht nach Reden zumute und vor allem habe ich dazu auch absolut keine Nerven. Ich komme runter sobald ich oben fertig bin. Dann legst du dich noch etwas hin und ich übernehme die Nachtwache. Sei bitte so lieb und hole morgen früh, Rashida…" Jacob unterbrach sich, als er auf die Uhr sah. "… nein heute um 4 Uhr 30 hier hoch auf Station. Sie passt während der Versammlung, auf Lyn auf. Damit ich wenigstens noch duschen kann."
"Geht klar Fritz, aber esse bitte oben wenigstens etwas, das Abendessen steht auf den Tisch."
Jacob musste etwas lächeln. Auch weil Anna wie immer recht hatte. Ihm wurde bewusst, dass er etwas essen musste. "Versprochen, ich mache mir ein paar Schnitten. Bitte Anna, lass unsere Kleine einfach in Ruhe. Rede bitte nicht groß auf Lyn ein. Ich möchte nicht, dass sie noch einen Anfall bekommt. Einer reicht, der ist mehr als anstrengend für sie gewesen. Sie braucht unbedingt Ruhe. Also treibe sie nicht in die Ecke. Halte, wenn sie es zulässt, einfach ihre Hand und sei für sie da. Aber rede nicht auf sie ein."
Anna verstanden, was Jacob meinte. Oft genug hatten sie in den letzten Wochen festgestellt, dass die Kinder es für Tod hassten, wenn man sie bedrängte. Dann verschlossen sie sich völlig und man kam gar nicht mehr an sie heran. Anna die fast immer einen Zugang zu den Kindern fand, da sie einfach ein Händchen für Kinder hatte, litt täglich mit den Kindern. Dass diese sich immer mehr von ihr und den anderen Schwestern isolierten, verstand sie nicht. Hoffentlich so ging es ihr durch den Kopf, fand ihr Freund bald heraus, wieso die Kinder so verstört waren. An dem Unfall allein konnte das nicht lieben. Die Ursachen saßen viel tiefer.
Jacob verließ die 6/rot, um oben in seinem Büro alles für die morgige Versammlung vorzubereiten. Kurz vor 2 Uhr ging er wieder nach unten auf die Krankenstation, um Anna abzulösen. Lyn schlief zum Glück noch tief und fest. Jacobs Freundin fuhr nach oben, kam nach zehn Minuten wieder auf Station. Böse Blicke trafen Jacob.
"Fritz, was denkst du wie lange du noch durch hältst, wenn du nicht ab und an mal etwas isst. Ich gehe erst nach oben, wenn du das hier aufgegessen hast", sie stellte ihm einen Teller mit vier belegten Schnitten hin und stemmte ihre Hände in die Hüften. Notgedrungen aß Jacob die Brote auf, auch wenn er absolut keinen Hunger hatte. In zehn Minuten waren alle Schnitten in seinem Bauch verschwunden. Jacob hatte sie herunter geschlungen, damit sich Anna wenigstens noch zwei Stunden hinlegen konnte. Kaum dass der Teller leer war, zog sie sich zurück.
Ganz friedlich schlief Lyn in ihrem Bett. Es war, als wenn sie vorhin begriffen hätte, dass sie hier auf der Station in Sicherheit war. Jacob saß am Bett seines kleinen Mädchens und beobachtete sie beim Schlafen. Ihm ging ständig durch den Kopf, wie er den Betreuern klar machen konnte, dass die Kinder, trotz der Verwandlung, alles Menschen und völlig ungefährlich waren. Der Chefarzt war der Meinung, dass es viel zu spät war, um hier noch etwas zu erreichen. Egal von welcher Seite er das Problem anging, er kam immer wieder zu dem gleichen Punkt. Die Betreuer, wie auch die Ausbilder der Kinder, hatten sich in der Zwischenzeit in ihrer Meinung verfestigt, dass die Kinder Monster seien. Vor acht oder neun Wochen hätte der Chefarzt vielleicht noch Schadensbegrenzung betreiben können. Jetzt waren die Betreuer, durch den Tod Ilkas so bestärkt in ihrer falschen Meinung, dass er sie davon nicht mehr abbringen konnte. Er kannte die meisten Betreuer und Ausbilder persönlich. Dadurch, dass er ja die Belegschaft ebenfalls medizinisch versorgte, die meisten waren hartgesottene Kämpfer, die im Krieg schlimme Dinge erlebt hatten. Sie gehörten zu der Sorte Menschen, die nicht gerade zugänglich für Verständnis und Feinfühligkeit waren. Der tägliche Umgang mit dem Tod, hatte sie hart werden lassen. In vielen Diskussionen, die er mit dem Betreuer- und Trainerteam hatte, lief es ständig auf eins hinaus, wer kämpfen musste, muss hart sein. Moral ist zwar gut, aber als Soldat mehr als hinderlich. Sie würden erst schießen und dann Fragen stellen, das wäre einfach gesünder.
Jacob war deswegen oft an die Decke gegangen und verließ diese Diskussionen wutentbrannt. Er konnte nicht bis zum Ende bleiben, sonst hätte er seine gute Erziehung vergessen und diesen Ausbildern eine geschossen. Vor allem hätte er ihnen einmal gezeigt, wie es sich anfühlt, ohne Gnade verdroschen zu werden. Jacob war oft fassungslos, wenn er deren Meinung hörte. Es kamen sogar solche Sprüche, von Friedrichs Leuten.
"Zu Hitlers Zeiten, hätte man diese Biester vergast."
Jacob konnte nicht verstehen, wieso Hunsinger zuließ, dass solche Menschen im "Projekt Dalinow" dazu berechtigt waren, Kinder umfassend auszubilden.
Jacob war vor allem stinksauer auf seine ehemaligen Schwestern, die scheinbar gemeinsame Sache mit den Betreuern machten. Die fünf Schwestern, aus dem Betreuerteam, würde er erst kurz nach 4 Uhr von Heiko Corstens Männern holen lassen und sie zu einer Dienstbesprechung zu sich bitten. So dass sie keine Zeit und Möglichkeit mehr hatten, die Betreuer von der Versammlung zu unterrichten.
Der Chefarzt würde sich gleich zu Beginn der Versammlung Zenta, Yvonne, Rita, Katja sowie Paula vornehmen und zur Rede stellen. Er begriff nicht, dass sie ihm solche schwerwiegende Informationen vorenthalten hatten. Trotzdem musste Jacob erst einmal abwarten, was die fünf Schwestern ihm nachher erzählten. Er hatte lange überlegt, ob er es riskieren konnte, die Fünf zur Dienstbesprechung herzu zitieren. Er würde spontan entscheiden, ob diese daran teilnehmen durften. Die Fünf waren seine einzige Verbindung nach unten zu den Betreuern. Jacob musste und wollte endlich wissen, was beim Training los war. Wann immer er unverhofft die Turnhalle betrat, war stets alles in Ordnung. Der Umgangston war rau, aber nie wurde jemand geschlagen oder gar gefoltert. Er verstand einfach nicht, wann die Kinder so zugerichtet wurden.
Pünktlich 4 Uhr 30 kam Anna mit Rashida auf die Station. Rashida wirkte völlig unausgeschlafen und war sichtbar nervös.
"Rashida, was ist los mit dir. Warum hast du nicht geschlafen? Sprich mit mir mein Mädchen."
Rashida sah auf Lyn. "Sir, ich konnte nicht schlafen, Sir."
"Hattest du so eine Sehnsucht, nach deiner kleinen Freundin."
Rashida spielte verlegen mit ihren Fingern und sah statt auf Jacob, auf ihrer Füße.
Traurig musterte Jacob sie. "Dann lege dich einfach zu deiner Freundin ins Bett. Versuche auch noch ein bisschen zu schlafen. Versprich es mir. Es wird wieder ein anstrengender Tag für euch. Wenn wir fertig sind, bekommt ihr beide hier oben einen Brei. Anna macht euch den bestimmt und dann bringt sie dich wieder nach unten."
Anna streichelte dem müde aussehenden Mädchen die Wange, zeigte in Richtung Bett. "Huch ins Körbchen", versuchte sie zu scherzen. "Schlaft schön meine Kleine."
Kleine war gut gesagt, mittlerweile hatte Rashida fast die Größe von zwei Meter erreicht und war um einen halben Kopf größer als Jacob und wog genauso viel wie der Arzt. Anna war dagegen ein kleines zierliches Püppchen. Trotzdem war sie immer noch Annas kleines Mädchen.
Rashida lief zu Lyns Bett, legte sich hinter ihre Freundin. Kaum das Rashida lag, zog sie die Kleine in ihre Arme. Obwohl Lyn scheinbar fest schlief, spürte sie die Nähe von Rashida und sofort begann Lyn ganz anders zu atmen. Jacob hatte gedacht, dass die Kleine tief und fest schlief, dies war allerdings nicht der Fall. In dem Moment als Lyn Rashida spürte, atmete sie wesentlich tiefer und ihr Schlaf wurde um einiges ruhiger. Es dauerte keine halbe Minute, da schlief auch Rashida. Jacob ging zu seinen beiden Mädchen und nahm eine Decke. Liebevoll deckte er sie zu und strich den beiden noch einmal kurz über das Gesicht.
Im Anschluss ging er zu seiner Anna mit der er einen Moment lang den beiden Mädchen beim Schlafen zusah. Beruhigt drehten sich Anna und Jacob um und gingen nach oben in ihre Wohnung.
Anna hatte, so wie es aussah, auch nicht geschlafen. In der Zeit, die sie oben in der Wohnung zubrachte, besorgte sie Stühle, schmierte Brötchen und kochte Kaffee und Tee. Bereitete schon alles für die bevorstehende Versammlung vor. Als Jacob das Büro betrat, stand das Frühstück für die Mannschaft und auch Thermoskannen auf den Tisch, genau wie die Tassen und Teller. Jacob konnte es nicht fassen.
"Danke Anna. Jetzt muss ich mit dir schimpfen. Du solltest doch ein wenig schlafen", drohend hob er seinen Finger. "Na egal, dann legst du dich dann hin. Engelchen, ich geh mich ganz schnell mal duschen und rasieren, damit ich wie ein Mensch ausschaue."
Jacob drehte sich um und verschwand im Bad. Er genoss den kurzen Moment der Ruhe und ließ das heiße Wasser über seinem Körper laufen. Er brauchte diese Zeit der Entspannung, denn die Versammlung würde sehr anstrengend werden. Wieder einmal hatte der Chefarzt nicht geschlafen. Krampfhaft versuchte er sich zu erinnern, wann er das letzte Mal, acht Stunden in seinem Bett geschlafen hatte. Dies war bestimmt schon über drei Wochen her. Denn ständig musste der Arzt in den Abend und Nachtstunden die Kinder medizinisch versorgen. So als ob die Betreuer und Ausbilder ihren Frust darüber, dass sie in der Nacht arbeiten mussten, an den Kindern auslassen würden.
Um sich etwas abzulenken, überlegte Jacob wie schön es war, täglich duschen zu können. Oft hatte er sich in den letzten Monaten unter der Dusche gefragt, wie er in den Jahren des Studiums ohne dass tägliches Duschen ausgekommen war. Es war ihm heute unbegreiflich. Aber es ging auch, er war damals auch kein Schmutzfink gewesen, das Waschen hatte genügen müssen. Das tägliche Duschen wollte der Chefarzt allerdings, nie wieder missen. Für ihn war das jedes Mal wie drei Stunden schlafen.
Immer wieder klingelte es an der Wohnungstür. Also riss sich Jacob aus seinen Gedanken, wusch und rasierte sich, zog sich frisch an und erschien pünktlich im Büro zu seiner Versammlung.
"Guten Morgen. Entschuldigt, dass ich euch heute so früh aus den Betten gescheucht habe. Aber ich habe ein großes Problem, dass ich mit euch besprechen möchte", bittend, jedoch lächelnd, sah er seine Mitarbeiter an.
Es klingelte noch einmal und die fünf Sportschwestern, die ja erst vor einer halben Stunde von der Versammlung informiert wurde, und vom Wachpersonal abgeholt wurden, betraten den Raum und setzten sich. Schlagartig ändert sich der Gesichtsausdruck des Chefarztes, als er zu den Betreuerinnen schaute. Jacob wurde sehr ernst. Man könnte sogar meinen, dass sein Blick böse wurde, als er die Sportschwestern ansprach.
"Bevor ich mit unserer heutigen Versammlung richtig anfange, möchte ich von euch Fünf wissen, auf wessen Seite ihr wirklich steht. Also Mädels! Was ist euch wichtiger? Ein ruhiges Leben auf der 6/lila zu haben oder das Leben unserer Kinder? Ihr habt, genau wie wir geholfen, sie auf die Welt zu bringen", zu seinem Erstaunen, fing Paula an zu weinen und Jacob tat der Ton den er angeschlagen hatte fast leid. Er hatte zwar sehr leise und ruhig gesprochen, aber man merkte ihm die verhaltene Wut sehr genau an.
Aber auch die anderen vier, machen keinen glücklichen Eindruck mehr. Im Gegenteil. Zenta und Yvonne hielten Jacob einen Umschlag hin. Rita, diejenige der fünf, die das meiste Temperament hatte und nie schwieg, sah Jacob böse und herausfordernd an. Dann entschied sie sich dazu zu sprechen.
"Fritz, du bist doch solange der Oberstleutnant nicht da ist, der Chef hier im Projekt oder?", erkundigte Rita sich, in einen scharfen und völlig unangebrachten Tonfall.
"Ja warum?", Jacob musterte seine Kollegin verwirrt. "Rita, das weißt du doch. Was soll dieser Ton? Geht das auch vernünftig?"
"Dann möchte ich dir sagen, ich kündige. Ich habe genug Arsch in der Hose, es dir persönlich vor der versammelten Mannschaft ins Gesicht zu sagen. Ich mache das ganze Theater, was hier läuft, nicht mehr mit. Seit Wochen, können wir dich nicht erreichen. Du lässt dich ständig verleugnen. Ich weiß nicht, was mit dir geschehen ist. Aber du bist ein Arschloch geworden. Ich mache bei diesem Scheiß hier nicht länger mit. Außerdem bin ich schwanger, dank des feinen Herrn Richter, der mich vergewaltigt hat. Ich bin raus hier", wurde Rita immer lauter und brüllte den Chefarzt zum Schluss richtig an. Sie legte ihren gesamten Hass, den sie auf Jacob und das Projekt hatte, in ihre Stimme. Wenn Blicke hätten töten können, wäre der Chefarzt auf der Stelle tot umgefallen.
Erst jetzt fiel Jacob auf, dass Rita schon ein kleines Bäuchlein hatte. "Mäßige gefälligst deinen Ton, mir gegenüber. Ich rede auch in einem ruhigen und leisen Ton mit dir. Nicht ich habe dich vergewaltigt, sondern der Richter. Wir können normal miteinander sprechen, auch wenn ich deine Wut verstehe. Warum bist du nicht einfach zu mir gekommen, Rita? Ich lasse mich nicht verleugnen und ich bin auch ständig erreichbar. Wenn ich nicht gerade im OP stehe, um unsere Kinder wieder zusammenzuflicken, die ihr dort unten auf der 6/lila halb tot schlagt. Warum in aller Herrgottsnamen, sollte ich mich auch verleugnen lassen? Rita du weißt du kannst wie alle anderen, jederzeit zu Anna und mir auch in den privat Bereich kommen. Ich wohne immer noch im Haus 6 in der ersten Etage. Erzähle mir bitte nicht, du hättest mich nie gesehen oder nie erreichen können. Das stimmt nämlich nicht. Ich bin sehr beschäftigt, dank euch auf der 6/lila, aber ich finde für jeden der Sorgen hat Zeit. Erzähle mir lieber einmal, was dort unten auf der 6/lila und mit unseren Kindern los ist. Keiner außer euch Sportschwestern, ist so nah an den Kindern dran. Warum in Gottes Namen, helft ihr uns nicht mehr dabei, unsere Kinder zu beschützen."
Rita lachte böse auf und sah Jacob wütend an. "Fritz, das sind keine Kinder, das sind Monster. Du hättest sie nach der Geburt, alle töten sollen", gab sie hasserfüllt wieder, was sie tagtäglich zu hören bekam.
Jacob konnte nicht fassen und starrte diese fassungslos an. "Rita, schämst du dich eigentlich gar nicht."
Rita schüttelte wütend den Kopf. Sie sah Jacob mit so viel Hass an, dass ihn dieser, schon fast körperlich zu spüren konnte. "Ich will mit dieser ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Ich bin froh, dass ich schwanger bin und aus diesem Irrsinn aussteigen kann. Wann darf ich aufhören zu arbeiten?"
Jacob blickte traurig zu Rita. "Schämst du dich überhaupt nicht, so über unsere Kinder zu reden? Hörst du dir eigentlich selber zu, Rita? Warum beschimpfst du unsere Kinder, in so einer bösen Art? Erkläre uns bitte, was da unten los ist. Seit über fünf Wochen kommen fast alle Kinder mit schweren bis schwersten Verletzungen von eurem Training zurück. Ich komme nicht einmal mehr zum Schlafen, weil wir die Kinder gar nicht so schnell operieren können, wie ihr sie dort unten zu Brei schlagt. Gehörst du auch zu denen, die unsere Kinder foltern? Denn anders kann man das nicht nennen", jetzt wurde auch Jacob ungehalten und sprach in einem bösen Ton mit seiner Untergebenen. Immer noch versuchte der Chefarzt leise zu reden, aber es fiel ihm mit jedem Satz schwerer. So wütend war er.
Die Rita schrie ihn wütend an. "Du hast doch den letzten Schuss nicht gehört, du Arsch. Was denkst du eigentlich von mir? Ich schlage niemanden."
"Was ich denke Rita?", Jacob ignorierte Ritas Beleidigung, er hatte sich wieder etwas beruhigt. Außerdem kannte er Ritas überschäumendes Temperament. Es brachte ja nichts sich gegenseitig Vorhaltungen zu machen und sich anzuschreien. "Was ich denke ... Das kann ich dir genau sagen. Es wäre deine Pflicht gewesen, uns zu informieren, dass da unten etwas gewaltig schiefläuft. Wenn du mich nichts erreichst dann hättest du jeder Schwester auf der 6/blau Bescheid geben können, dass du mich unbedingt sprechen willst. Wenn du gewollt hättest, hättest du mich auch erreicht. Wo ein Will ist, mein Fräulein ist nämlich auch ein Weg. Dann nämlich hätte ich vielleicht mit Zolger verhindern können, dass es dermaßen ausartet. Jetzt ist es zu spät. Als wir vor über einem Jahr begannen, diese Kinder großzuziehen, wussten wir alle, dass man mit deren Genen herumgespielt hat. Was denkst du, können diese armen Geschöpfe dazu? Denen hat man so viele schlimme Sachen angetan. Ist das allein nicht schon Strafe genug. Müsst ihr diese armen Kinder dann auch noch foltern? Ihr behandelt sie schlimmer, als den Dreck unter euren Fingernägeln. Du solltest dich schämen, wirklich. Du bist Krankenschwester und sollst Leben schützen und es nicht zerstören. Ihr alle Fünf habt keinerlei Herz mehr, sonst hättet ihr Mittel und Wege gefunden und um Hilfe zu bitten und uns vor der Katastrophe auf die wir zugesteuert sind zu warnen", er musste sich sehr bemühen leise und ruhig zu sprechen.
Jacob steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein. Das Verhalten seiner ehemaligen Untergebenen konnte er absolut nicht nachvollziehen. Er hatte immer gedacht das alle Schwestern, die bei der Geburt der Kinder dabei waren, sie genauso liebten wie er. Der Chefarzt wurde sich bewusst, dass er sich in den fünf Frauen sehr getäuscht hatte. Rita schüttelte wütend den Kopf. Sie streichelte liebevoll ihr kleines Bäuchlein. Sie liebte das Baby, obwohl es aus einer Vergewaltigung stammte. Das kleine Wesen in ihrem Bauch, konnte nichts für seinen Erzeuger. Es ermöglichte ihr aus diesem Irrenhaus herauszukommen. Sie konnte das hier alles nicht mehr ertragen.
"Ich bin raus. Zum Glück muss ich mir diesen Scheiß hier nicht mehr länger antun. Wann kann ich das Projekt verlassen?"
Jacob taten die Blicke der fünf Schwestern körperlich weh. Er war so oft unter bei ihnen auf der 6/lila gewesen, in den letzten Wochen. Jede der Schwestern hätte genügend Gelegenheiten gehabt mit ihm zu reden. Der Chefarzt schüttelte den Kopf, er war sich keiner Schuld bewusst. Aber solche Mitarbeiter brauchte er nicht, sondern Mitarbeiter, die sich zum Wohle der Kinder einsetzen würden. Er musste in den nächsten zwei Wochen sowieso einige Betreuer entlassen, der Arbeitsaufwand in diesem Bereich wurde täglich geringer. Er würde die fünf oben auf die Liste setzen. Es war leider nicht zu ändern. Er hatte so sehr gehofft, weiter mit seinen Schwestern zusammenarbeiten zu können.
"Sofort Rita. Ich organisiere, dass du schnellst möglich abgeholt wirst. Ich möchte dich um 12 Uhr zu einer persönlichen Aussprache hier in meinem Büro haben. Danach entscheide ich, wann du gehst. Rita ab sofort bist du vom Dienst suspendiert. Bitte gehe in deine Wohnung und verlasse diese nicht mehr. Du führst mit niemand aus dem Betreuungsbereich ein Telefonat. In deine Wohnung und zur Aussprache wirst du vom Sicherheitsdienst begleitet und auch abgeholt."
Rita stand auf, ging zur Tür und verließ wortlos den Raum. Kopfschüttelnd sahen ihr, die meisten nach.
"Rita du wartest am Fahrstuhl. So will noch jemand gehen?", wollte Jacob von den vier verblieben Schwestern wissen.
Zenta und Yvonne nickten, auch Katja und Paula sagten zeitgleich. "Ja."
"Keiner von euch ist also bereit, mit uns darüber zu reden, was dort unten los ist?"
Die Vier sahen sich an, schüttelten ebenfalls schweigend den Kopf.
"In Ordnung. Ihr enttäuscht mich total. Ich dachte eigentlich immer, dass man mir vertrauen und mit mir reden kann. Gerade dann, wenn es um unsere Kinder oder das persönliche Glück geht. Zenta, dich möchte ich um 13 Uhr hier sehen. Yvonne du kommst 14 Uhr. Katja um 15 Uhr. Paula um 16 Uhr. Ihr seid alle ab sofort suspendiert und habt Hausarrest. Keine Telefonate, das gilt auch für euch. Verschwindet mir aus den Augen und in eure Quartiere. Ihr wartet mit Rita am Fahrstuhl, bis der Sicherheitsdienst kommt. Ihr seid alle eine große Enttäuschung für mich. Ihr bleibt in eurer Wohnung, bis ihr geholt werdet."
Alle vier standen sofort auf und verließen das Büro, um am Fahrstuhl auf den Sicherheitsdienst zu warten. Jacob sah den Frauen, die er immer als loyale und engagierte Mitarbeiter eingeschätzt hatte, enttäuscht hinterher. Was war mit diesen Frauen in den letzten Wochen geschehen. Nur an den Ginobusanfällen konnte das nicht liegen. Natürlich waren diese bestimmt genauso erschrocken wie Jacob selber, dies konnte allerdings nicht die Ursache, für die charakterliche Veränderung sein. In den persönlichen Vier-Augen-Gesprächen, würde er dieser Frage später auf den Grund gehen. Hier vor der Versammelten Mannschaft hatte das gar keinen Zweck. Jacob riss sich aus seinen Gedanken
"Entschuldigt mich bitte einen kleinen Moment", bat Jacob die um den Tisch sitzen, noch übriggebliebenen Kollegen und griff zum Telefon. Er wählte die Nummer des Wachdienstes.
"Leutnant Corsten, Wachkompanie."
"Heiko, hier ist Fritz. Du sperrst sofort folgenden Karten der Ebene schwarz komplett, vor allem die Telefone. Rita Köhler 5/3, Paula Sänger 5/5, Katja Müller 5/4, Yvonne Richter 5/2, Zenta Raimond 5/1. Diese Fünf Personen werden voraussichtlich noch heute das Projekt verlassen. Sorge dafür, dass diese Frauen sofort bei mir auf der 1/2 abgeholt werden und um 18 Uhr aus dem Projekt entfernt werden. Sollte sich dort noch etwas ändern, informiere ich dich umgehend. Solange werden diese Kollegen in ihren Quartieren verbleiben. Sorge dafür, dass diese dort umgehend hingebracht werden. Sie stehen, so hoffe ich am Fahrstuhl meiner Wohnung und warten auf den Sicherheitsdienst, wenn nicht, müsst ihr sie suchen gehen. Heiko sie dürfen keinen Kontakt zu den Betreuern mehr bekommen. Es kommt ein Posten vor die Tür. Desweiteren möchte ich Rita Köhler um 12 Uhr in meinem Büro sehen um…" Jacob gab genauste Anweisungen. "… Diese Kolleginnen haben bis auf weiteres, Hausarrest. Auch die Zwischentüren werden gesperrt Sie verlassen ihre Quartiere nicht, empfangen auch keinen Besuch. Essen bekommen sie durch die Durchreiche. Danke dir, informiere mich, wenn es Probleme geben sollte."
"Jawohl Genosse Oberstleutnant."
Jacob legte wieder er auf. Er stützte sich schwer atmend auf die Kante seines Schreibtisches. Solche Befehle zu geben, war nicht seine Art Menschenführung, dieses Projekt hier zwang ihn aber zu solchen Maßnahmen. Er war davon überzeugt, dass er überreagierte und seinen fünf Kollegeninnen Unrecht tat. Vor allem aber, musste er an die Kinder denken, dass diese nicht wieder gefoltert wurden. Das Seelenheil seiner Kinder, war ihm im Moment wichtiger, als das Seelenheil seiner ehemaligen Schwestern. Tief holte Jacob Luft und sah auf die übrig geblieben Schwestern, deren Gesichter Bände sprachen. Müde wandte er sich an seine entsetzt drein schauenden Mitarbeitet, die nicht verstanden, was ihr Chef da veranstaltete, wie sollten sie auch.
"Tut mir leid, dass ihr Zeuge dieses Telefonates wurdet. Allerdings bin ich viel zu müde, um über solche Panalitäten nachzudenken und vor allem, werdet ihr gleich alle verstehen, warum ich so handeln musste. Ich musste das alles zum Schutz unserer Kinder machen. Oder sind es in euren Augen auch nur noch Monster?", fragend sah er die ihm verbliebenen Schwestern, aber auch die beiden Ärzte an.
Alle schüttelten entsetzt den Kopf, da sie nach dem Erlebten nicht fähig waren zu sprechen. So fassungslos waren alle im Raum. Sie hatten das Verhalten Ritas vorhin überhaupt nicht verstehen können.
"Da bin ich aber erleichtert. Ich finde es sehr traurig, dass sich auch aus unseren Reihen einige entschlossen haben, in die Fußstapfen der Betreuer zu treten. Warum ich euch hier alle hochgeholt habe, ist Folgendes…"
Genauestens berichtete Jacob den Anwesenden, was er in den letzten Wochen heraus fand. Der Chefarzt zeigte seinen Kolleginnen und Kollegen auch gesammelten Beweise, für seine Vermutungen.
Jacob erzählte ihnen allerdings auch, was er gestern mit Lyn erlebt hat. Versuchte zu erklären, weshalb man die Kinder als Monster bezeichnet. Vor allem brachte der Chefarzt es fertig für die völlig überforderten Betreuer und Ausbilder Verständnis zu zeigen. Jacob sprach von seinen Gefühlen und seiner panischen Angst, die er vor Lyns Gino hatte. Versuchte seinen Mitarbeitern die einzelnen Verwandlungsphasen und das spätere Aussehen Lyns als Gino aufs Genauste zu beschreiben und vor allem, durch welche Hölle die Kleine gehen musste und wie sie nach dem Anfall aussah. Er erklärte seinen Mitarbeitern auch, dass er vermutete, dass sich die Betreuer nur ängstig und völlig überfordert waren, mit dem Anblick der Kinder als Ginos.
"…bin ich allerdings der Meinung, dass keiner das Recht dazu hat, unsere Kinder so zu misshandeln. Es sind und bleiben immer noch Kinder. Vor allem sind diese gerade einmal vier Monate alt sind. Wir alle konnten uns ausrechnen, dass bei dem Genmix alles möglich passieren konnte. Dafür sollte man die Schuld bei den Wissenschaftlern, aber nicht bei den Kindern suchen. Bitte helft mir weiterhin die Kinder zu beschützen. Alleine schaffe ich das nicht. Ich kann jede Hilfe gebrauchen, die ich bekommen kann. So ihr Lieben, jetzt möchte ich eure Meinung und vor allem Vorschläge hören."
Im ersten Moment herrschte betretenes Schweigen. Jeder hatte mit sich selber zu kämpfen und keiner konnte so richtig klar denken. Zolger reagierte als erstes, war mitten in Jacobs Rede aufgesprungen. Er seit dem grübelnd hin und her und schien über ein Problem oder eine Lösung nachzudenken. Plötzlich blieb er stehen und schlug sich mit der Hand vor dem Kopf. Als wenn ihm plötzlich eine Erkenntnis kam.
"Verdammt, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Endlich weiß ich, was es mit diesem eigenartigen Enzym auf sich hat. Fritz, ich werde versuchen, dass ich eine Möglichkeit finde, dieses Enzym zu unterdrücken. Vielleicht kann ich es sogar vollständig zu blockieren. So dass die Kinder, gar keine solchen Anfälle mehr bekommen", machte Zolger einen ersten brauchbaren Vorschlag. "Ich muss das im Labor allerdings ausmessen und austesten."
Jacob nickte dankbar seinem Kollegen zu. Als ob damit das Eis gebrochen war, kamen von vielen Seiten Vorschläge, wie man den Kindern helfen könnte.
"Fritz, ich…" Verlegen sah Schwester Simone auf ihre Hände.
"Was hast du Simone? Du weißt, ich bin für jede noch so kleine Idee dankbar. Keiner muss, weil mir die Vorschläge nicht gefallen, gehen. Ich werde auch versuchen die anderen Fünf zum Hierbleiben zu überreden. Nur hatte diese Diskussion, hier vor versammelter Mannschaft wenig Sinn. Ich rede mit jedem der fünf Mädels alleine und in Ruhe. Rita wird nicht zu retten sein, aber vielleicht die anderen vier Mädels", ernst sah er Schwester Simone an.
"Fritz, vielleicht sollte ich versuchen mal mit Alex zu reden. Er ist einer der Betreuer. Ich bin mit ihm befreundet. Der erzählte eigentlich nie etwas von unten. Aber wenn ich ihm erzähle, was ich von dir gerade erfahren habe, vielleicht erzählt er mir dann auch etwas. Was uns vielleicht weiter hilft."
Jacob überlegte einen Moment und wackelte unschlüssig mit dem Kopf. "Ich weiß nicht Simone. Verbieten kann ich es dir nicht. Aber ich bitte dich darum, dass du das nur tust, wenn du dir ganz sicher bist, dass Alex auf unserer Seite ist. Schaut euch bitte mal diese Liste hier an. Immer, wenn es Streit zwischen den Betreuern und mir gab, ich mich bei Hunsinger beschwert habe oder es zu irgendeinem Zwischenfall kam, weil ich eins der Kinder Notoperieren musste, hatten es die Kinder im nach hinein auszubaden. Wir müssen verdammt vorsichtig vorgehen, bei allem was wir tun."
Schwester Simone nickte. "Ich werde vorsichtig sein. Ich will nicht, dass unseren Kleinen etwas passiert. Die leiden schon viel zu viel", traurig sah sie Jacob an und hatte Tränen in den Augen.
Nach über vier Stunden, es war schon 9 Uhr 17 beendete Jacob die Versammlung, entließ die Nacht und die Spätschicht. Die Frühschicht schickte er nach unten auf die 6/blau. Er selber fuhr auf die 6/rot, um nach Rashida und Lyn zu sehen. Die beiden Kinder schliefen noch tief und fest. Also ließ er sie noch eine Weile schlafen, denn beide hatten das dringend nötig. Rashida sah immer noch völlig übernächtigt aus und Lyn brauchte die Ruhe, um sich zu erholen.
Zolger der mit auf die 6/rot gekommen war, setzte sich mit dem Chefarzt an den Frühstückstisch und diskutierte mit leise Jacob über die Möglichkeiten einer effektiven Hilfe. Nach dem man viele medizinische Dinge durch gesprochen hatte, kam dem Laborchef noch eine andere Idee.
"Fritz, ich habe bei mir oben ein Buch über Taiji. Vielleicht können wir das den Kindern mal geben. Ich kann auch gern einen kleinen Kurs mit ihnen machen. Mir hilft die Taiji-Atmung, wenn ich sehr angespannt bin und sehr unter Stress stehe. Vielleicht hilft es den Kindern auch ein wenig."
Jacob nickte, er kannte sich mit so etwas überhaupt nicht aus. Allerdings blieb ihm keine große Alternative. Obwohl er auf diesem Gebiet keine Erfahrungen besaß, war er damit einverstanden. Er musste alle Möglichkeiten ausschöpfen, die er fand, um das Leid seiner Kinder zu lindern. Er musste in diesem Fall einfach alle Chancen nutzen.
"Bringst du es mir einmal vorbei. Ich möchte es den Mädchen mit nach unten geben. Bestell es dir neu, ich werde es dir bezahlen."
Zolger winkte ab und grinste. "Lass mal, Fritz, ich habe das Buch doppelt. Keine Ahnung warum. Selbst wenn nicht, würde ich dafür von dir kein Geld nehmen. Ich schenke es den Kindern. Vielleicht hilft es ihnen ja."
Zolger stand auf, verließ die Station, um das Buch zu holen. Jacob jedoch setzte sich zu den beiden Mädchen. Nach zwanzig Minuten war Zolger wieder da. Im selben Moment wachten die beiden Mädchen auf. Es war kurz nach 10 Uhr, als die Mädchen ausgeschlafen hatten.
"Guten Morgen ihr zwei. Ich bestelle euch gleich einen Brei. Wie viel wollt ihr essen? Sprecht mit mir Kinder", bat Jacob und erkundigte sich gleichzeitig nach dem Hunger der Mädchen.
Seit zwei Monaten fragte man die Kinder nach der Nahrungsmenge, die sie haben wollte. Damit wurde nicht ständig Brei weggeschmissen und vor allem musste keines der Kinder mehr hungern. Lyn hatte diesen Vorschlag einmal gemacht, da die Kinder sehr viel besser, selber einschätzen konnten, wie viel Nahrung sie im Moment benötigten. Rashida sah Lyn eine Weile an. Diese sprach kein einziges Wort, umso größer war die Verwunderung Jacobs über deren Antwort. Die Frage die ihm durch den Kopf ging, ließ er unbeantwortet.
"Sir, ich möchte gern 350 Gramm, Sir. Lyn nur 50, Sir. Sie hat keinen Hunger, Sir", sprach Rashida leise.
Immer wieder war dem Arzt schleierhaft, wie Lyn mit so wenig Nahrung auskam. Selten aß sie mehr als 100 Gramm. Es war also kein Wunder, dass sie kaum wuchs. Jacob griff nach dem Telefon und rief auf der 6/blau an.
"Schwe…" Weiter lässt er Sabine nicht reden.
"Sabine, kannst du uns zwei Portionen Brei hoch auf die 6/rot schicken, einmal 350 und einmal 50 Gramm. Wenn Rashida gegessen hat, schicke ich sie dir, mit Zolger oder Anna hinunter. Ich brauche Anna dann auf der 6/rot, zur Betreuung von Lyn."
"Geht klar Herr Doktor", sofort legt sie auf, um Jacobs Auftrag auszuführen.
"Rashida, du isst in Ruhe mit Lyn. Dann musst du leider wieder nach unten, sonst bekommen wir beide mächtigen Ärger."
Rashida und auch Lyn waren einverstanden und nickten.
"Lyn, heute Abend gegen 18 Uhr, darfst du dann zu den Anderen. Wenn ich sicher bin, das es dir wieder gut geht."
Nochmals nickte Lyn. Auch wenn sie kein Wort sprach, merkte man, dass sie sich damit abgefunden hatte, dass sie noch bis zum Abend hier bleiben musste. Sie hatte sich ihrem Schicksal ergeben. Erleichtert wandte sich Jacob an die Kinder und zeigte zu Zolger.
"Kinder, Doktor Zolger hat eine Idee, die euch vielleicht helfen könnte, diese Gino...", er unterbrach sich, sah Rashida an. "…Wie nanntest du das, Ginobusanfall? Sprich mit mir."
"Sir, jawohl, Sir", bestätigte Rashida.
"... also diese Anfälle besser kontrollieren könnt. Wir wissen nicht, wie wir euch sonst helfen sollen. Vielleicht finden wir etwas im Laufe der Zeit, das wird aber nicht von heute auf morgen. Egal ob es jetzt hilft oder nicht, wir sollten es ausprobieren. Vielleicht hilft es wenigstens etwas, euer Leiden zu vermindern", ernst sah er die beiden Mädchen an.
Wieder nickten beide und stimmten Jacobs Gedankengängen zu.
Zolger gab ihnen das Buch. "Das schenke ich euch. Wenn ihr Fragen habt oder damit nicht klar kommt, meldet euch einfach. Die Schwestern sollen mich dann anrufen. Auf alle Fälle zeige ich euch, wie das Taiji genau gemacht wird."
Jacob sah Rashida an. "Rashida, ihr könnt Doktor Zolger, genauso vertrauen wie mir. Auch könnt ihr mit ihm immer sprechen", an Zolger gewandt, setzte er hinzu. "Walter, wenn du willst, dass die Kinder mit dir reden, musst du ihnen die Erlaubnis erteilen, sonst sprechen diese nicht mehr."
Verwundert sah dieser Jacob an und bat die Mädchen um eine Blutprobe. "Rashida, darf ich von dir und Lyn etwas Blut, für einen vergleichende Analyse habe. Kannst du mir eventuell sagen, wann du den letzten Ginobusanfall hattest? Sprich mit mir."
Rashida sah Jacob ängstlich an. Keine Regung stand in Rashidas Gesicht, aber die gesamte Körperhaltung des Mädchens drückte Angst aus. Der Arzt nickt ihr aufmunternd zu.
"Sir, ja, Sir. Den letzten Anfall hatte ich vorgestern Nacht, Sir", erklärte diese schüchtern und so leise, dass man sie kaum verstand.
Jacob stand auf, holte zwei Kolben und zwei Nadeln, um den Mädchen Blut abzunehmen. Fertig damit, kam Anna schon mit dem Essen der Beiden. Sie stellte es auf den Esstisch.
Zolger nahm die Blutprobe und verabschiedete sich. "Danke ihr beiden, lasst es euch schmecken."
"Walter, ich möchte dich um 12 Uhr kurz bei mir im Büro haben, ich möchte wissen ob mit Ritas Baby, alles in Ordnung ist. Was brauchst du für eine Genanalyse? Das zu mindestens sind wir Rita noch schuldig. Schaffst du das bis 18 Uhr?"
"Eine Blutprobe und eine Urinprobe. Klar schaffe ich das", im selben Augenblick verschwand er im Fahrstuhl.
"Anna du bringst, wenn Beide aufgegessen haben, Rashida nach unten auf die 6/blau. Wenn jemand etwas sagt, ich musste einige Bluttests mit ihr machen. Sie hatte hohes Fieber. Jetzt geht es allerdings wieder", an Rashida gewandt. "Verrate mich nicht."
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Schnell aß sie ihren Brei. Es war immer wieder verwunderlich, wie gehorsam die Kinder waren. Jedes andere Kind, hätte sich viel Zeit gelassen, die "Hundert" erfüllten jede Aufgabe, so schnell es nur ging. Sofort nachdem Rashida mit dem Essen fertig war, stand sie auf. Liebevoll gab sie Lyn einen Kuss auf die Stirn und sah Anna an. Gemeinsam verließen sie die Station.
Obwohl Rashida die siebenfache Menge des Breies hatte, war Lyn immer noch nicht mit ihrer Portion fertig. Nicht einmal die Hälfte von dem, was sie auf ihren Teller war, hatte sie aufgegessen.
"Was ist los Lyn, schmeckt es dir nicht oder hast du Schmerzen?"
Lyn sprach nicht mit Jacob, nur dicke Tränen tropfen in das Essen. Tonlos weinte sie, so sehr, dass ihre Schultern zuckten und ihr ganzer Körper zitterte.
"Ach meine Kleine. Heute Abend bist du wieder bei deiner Freundin. Komm esse das bisschen wenigstens auf. Du bist sowieso schon so dünn geworden."
Lyn schob ihren Teller weg, sah sehnsüchtig auf ihr Bett.
"Möchtest du dich hinlegen."
Lyn nickte.
Jacob stand auf, nahm das Mädchen einfach auf den Arm und trug es hinüber in ihr Bett. Kaum, dass Lyn lag, rollte sie sich zusammen. Sie tat so, als wenn sie schlafen würde. Jacob spürte, dass dem nicht so war. Wenn Lyn schlief, das hatte er schon oft bemerkt, atmete sie ruhig und gleichmäßig. Jetzt jedoch ging ihre Atmung gehetzt und ungleichmäßig.
‚Verdammt, was haben die mit euch da unten nur alles gemacht? Ihr seid alle völlig verstört. Wie kann man Kindern so etwas antun?‘, ging es Jacob wütend durch den Kopf, ihm tat die Kleine so leid.
Fast eine viertel Stunde brauchte Anna, bis sie wieder auf der Station war und übernahm die Obhut von Lyn. Jacob musste wieder nach oben. In wenigen Minuten würde Rita zum Gespräch kommen. Müde rieb er sich das Gesicht und setzte hinter seinen Schreibtisch. Punkt 12 Uhr klingelte es an der Tür und Jacob erhob sich, um zu öffnen.
"Rita, sehe mich nicht so wütend an. Du bist selber schuld. Du machst mich vor der versammelten Mannschaft in einem Ton an, der sich nicht gehört. Du beleidigst mich und lässt die Kinder im Stich. Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Setze dich. Doktor Zolger wird gleich kommen. Ich möchte, dass er eine Genanalyse deines Babys macht. Das zu mindestens würde ich gern noch für dich tun. Viel kann ich nicht mehr machen. Nicht nach dem, was du mir an dem Kopf geschmissen hast."
Rita entspannte sich etwas und nickt zögerlich.
"Hier ist ein Becher. Walter braucht den Mittelstrahlurin von dir. Ich nehme dir gleich noch Blut ab. Dann reden wir einmal miteinander und zwar wie vernünftige Menschen."
Rita nickte, verschwand wortlos in Jacobs Bad. Nach einiger Zeit kam sie mit der Urinprobe zurück und stellte sie auf das Regal. Jacob nahm ihr Blut ab. Es klingelte, als er gerade fertig war. Zolger kam nicht selber, sondern hatte seine Assistentin geschickt.
"Ich soll vom Chef ausrichten, es tut ihm leid, dass er nicht selber kommt. Doktor Zolger ist mitten bei einem schwierigen Test, der länger gedauert hat, als er am Anfang dachte. Er wollte ihn zu Ende machen, sonst muss er noch einmal von vorn anfangen. Deshalb hat er mich gebeten, zu ihnen zu kommen, Herr Doktor. Ich soll Blut und Urinproben holen."
"Ist nicht schlimm. Sagen Walter Bescheid, ich brauche die Auswertung vorgestern."
Lachend nickte diese, "Also wie immer, Herr Doktor", schon war sie auf den Weg ins Labor. Die Laborantin konnte sich das Lachen nicht ganz verkneifen, Jacob wusste auch, warum. Alle Tests die er haben wollte, brauchte er vorgestern. Viele Dinge konnte er ohne vorherige Austestung durch Zolger bei den Kindern nicht machen. Zu neunzig Prozent, reagierten die "Hundert" allergisch. Jacob hoffte nur, dass keines der Kinder einmal ernsthaft krank werden würde und zur Genesung ein Medikament brauchte. Er wüsste nicht, was er ihnen geben sollte. Selbst bei Narkotika, hatte Zolger festgestellt, dass diese anders wirkte als bei normalen Menschen. Jacob riss sich aus den Gedanken und kehrte zurück in sein Büro, in dem Rita saß.
"So Rita, nun reden wir mal unter vier Augen und wenn ich bitten darf in einem normalen Ton. So wie Freunde miteinander reden, das waren wir doch mal? Oder etwa nicht? Was habe ich dir eigentlich getan?"
Rita sah Jacob schon wieder zornig an. "Ich versuche dich seit Wochen zu erreichen. Es ist allerdings nicht möglich. Ich komme einfach nicht an dich ran. Wenn ich hier oben klingele, macht nie jemand auf. Bin ich auf der 6/blau, bist du gerade weg. Auf die 6/rot komme ich nicht, da habe ich keinen Zugang mehr dafür. Ich habe einfach die Schnauze voll. Ich habe im Moment ganz andere Sorgen, als diese Monster dort unten."
Aus rotgeweinten Augen sah Rita ihren Chefarzt bitterböse an. Jetzt reichte es Jacob. Er hatte die Schnauze gestrichen voll, von den Vorhaltungen die ihm Rita machte. Er war in den letzten Wochen täglich und das mehrmals, unten in der Turnhalle gewesen. Mehr als immer wieder zu fragen ob es Probleme gibt, konnte er nicht machen.
"Rita, dass du nicht an mich herankommst, ist meiner Meinung nach völlig aus der Luft gegriffen. Was verlangst du denn von mir? Dass ich dir einen roten Teppich auslege, auf dem du zu mir gelangst? Wie oft war ich in den vergangenen Wochen unten bei euch in der Turnhalle? Jedes Mal habe ich mit euch gesprochen und versucht etwas zu erfahren. Wenn ich euch gefragt habe, ob es hier Probleme gibt, habt ihr das verneint. Vor allem aber mein Fräulein, habt ihr mich jedes Mal stehen lassen, wie einen dummen Jungen. Sag mir, was ich noch machen soll. Ich habe außer euch Sportschwestern noch andere Mitarbeiter und vor allem auch andere Sorgen. Die gesamte Arbeit hier im Projekt liegt im Moment auf meinen Schultern. Nicht nur die Arbeit des medizinische Bereich, sondern aller Bereiche. Als ob diese Arbeit noch nicht genug wäre, werden unten auf der 6/blau auch noch dreiundachtzig Kinder permanent gefoltert. Ihr aber sagt mir immer wieder, dass alles in Ordnung ist. Die Welt hier im Projekt, dreht sich nun mal nicht um dich Rita. Es tut mir in der Seele weh, dass diese Vergewaltigung überhaupt geschehen konnte. Ich habe dir damals meine Hilfe angeboten, du hast sie nicht angenommen. Außerdem liebe Rita, habe nicht ich dich vergewaltigt, sondern der Richter. Gebe mir also nicht auch noch dafür die Schuld. Du weißt sehr genau, dass ich alle Hände voll zu tun habe, auch ohne, dass Mayer ausgefallen ist. Ein Anruf bei Anna hätte genügt und wir hätten ein klärendes Gespräch führen können. Eine andere Möglichkeit wäre ein Zettel gewesen, den du unten bei den Schwestern abgegeben hättest, mit der Bitte, dass ich mich bei dir melden soll. Also gebe bitte nicht mir die Schuld, dass du mich nicht erreichen konntest. Du weißt genau, dass ich immer ein offenes Ohr für euch habe", Jacob holte tief Luft, um sich zu beruhigen.
Immer wieder fragte er sich, wieso er immer die Schuld an allem hier trug, was schief lief. Es nutzte aber nichts, sich mit Rita jetzt zu streiten und ihr noch mehr Vorwürfe zu machen. Er wollte endlich wissen, was hier eigentlich los ist. Als erstes stand aber Ritas Problem der Schwangerschaft im Vordergrund.
"Aber was anderes, seit wann weißt du, dass du schwanger bist?"
Rita zuckte mit den Schultern. "Eigentlich erst seit vier Wochen, weiß ich es bewusst. Ich denke mal ich bin im fünften Monat. Ich habe es noch nicht ausgerechnet, weil ich einfach keine Nerven dafür hatte. Das Datum steht ja fest, der Zeugung. Das würde auch hinhauen mit dem Bauch. Aber das ist es nicht, was mir Probleme macht. Irgendwie freue ich mich sogar auf das Kind. Das kann doch nichts dafür, dass sein Vater ein Arschloch ist", Rita holte tief Luft, dann sah sie lange schweigend zum Chefarzt und gab sich einen Ruck. Sie begriff langsam, dass sie ihrem Chef zu Unrecht Vorwürfe gemacht hatte. "Fritz, ich konnte unten nicht mit dir reden. Wir stehen auch unter ständiger Beobachtung, der Betreuer. Wir werden in der Turnhalle unten regelrecht bedroht. Wir dürfen nicht mit mehr dir reden. Verdammt noch mal. Begreife das doch endlich einmal. Wenn ich rede, haben mir die ach so netten Betreuer gesagt, finden sie mich überall. Dann bringen sie nicht nur mich um, sondern auch mein Kind", Rita fing plötzlich an zu schluchzen. Sie legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf. Es dauerte lange ehe sie sich wieder beruhigt hatte.
Entsetzt fixierte Jacob seine Mitarbeiterin. "Das ist jetzt nicht dein Ernst", wollte er wissen und zog seinen Stuhl neben Rita. Vorsichtig zog er diese in den Arm. "Rita, hör mir bitte mal zu. Ich verspreche dir, dass niemand von dem, was du mir sagst etwas erfährt. Aber ich muss wissen, was da unten los ist. Bitte ihr seid meine einzige Verbindung nach unten. Wenn ich runter komme, ist doch immer alles in Butter. Was glaubst du warum ich täglich zu unterschiedlichen Zeiten in die Halle komme. Helfe mir ein letztes Mal, unsere Kinder zu schützen."
Rita nickte, sah Jacob direkt in die Augen, dann auf ihren Bauch und holte tief Luft. "Fritz, die Kinder werden wie der letzte Dreck behandelt. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Baby dort unten wäre. Ich kann das einfach nicht mehr ertragen. Jedes Tier im Zoo hat mehr Rechte, als die Kinder. Vielleicht bin ich durch die Schwangerschaft hypersensibel geworden. Ich weiß es nicht, doch ich kann das nicht gut heißen. Ich meinte es ernst, Fritz. Wir hätten sie alle schlafen schicken sollen. Es wäre für die Kinder besser gewesen."
Jacob nickte. Er konnte schon verstehen, was Rita so fertig machte. Es musste für eine Schwangere noch schlimmer sein, dies alles zu ertragen. Alleine die Vorstellung, dass ihr Kind mal so behandelt werden würde, musste sie schon fertig machen.
"Rita, was ist da unten in der Halle los. Dass man die Kinder so behandelt", fragend sah er zu Rita.
Seine ehemalige Schwester kämpfte einen schweren Kampf. Dann stand sie auf und zog zur Jacobs Verwunderung ihren Overall aus. Erschrocken sah Jacob den dunkelblau verfärbten Bauch der Schwangeren. Aber auch die vielen Hämatome auf den Armen den Oberschenkeln und dem Rücken. Kopfschüttelnd stand Jacob auf und ging zu seiner Arzttasche. Er könnte schreien vor Wut. Also wurden nicht nur seine Kinder geschlagen, sondern seine Mitarbeiterinnen auch. Er begann Rita aufs Genauste zu untersuchen und schoss von all ihren Verletzungen auch Fotos, um diese für später zu dokumentieren.
"Rita, ich bin fassungslos. Du musst aber keine Angst haben, deinem Baby geht es gut. Ich glaube nicht, dass es etwas abbekommen hat. Wer hat dir das angetan?"
Schwer atmend kleidete sich Rita wieder an und setzte sich wieder an den Tisch. Völlig fertig, legte sie ihren Kopf auf die Arme und fing wieder an zu weinen. Jacob konnte sich das nicht mit ansehen. Ihm taten seine Worte leid, die er vorhin gesagt hatte. Er wurde sich bewusst, wie ungerecht er zu den Frauen gewesen war und schämte sich seines Verhalten wegen. Er setzte sich neben Rita und zog die weinende Frau in seine Arme. Lange streichelte ihr beruhigend den Rücken. Nach einigen Minuten hatte sie sich wieder beruhigt.
"Tut mir leid Fritz mir ist das alles zu viel. Ich kann einfach nicht mehr. Vorgestern, hatte Nummer 91 einen dieser Anfälle bekommen, die unsere Kinder in letzter Zeit so oft bekommen. Ich habe fest gestellt, dass dies immer passiert, wenn man sie zu sehr in die Ecke drängt…", aufs Genauste erzählte Rita weinend, was unten im Trainingsbereich los war. "Nach dem sie sich zurückverwandelt hatte, sind alle acht Betreuer gleichzeitig auf sie losgegangen. Sie traten und schlugen auf das am Boden liegende Mädchen und vom Anfall noch völlig benommene Mädchen ein. Ich konnte nicht anders und bin dazwischen gegangen. Fritz, ich kann doch nicht mit ansehen, wie man unsere Kinder foltert. Anders kann ich das aber nicht bezeichnen. Ich habe mich auf 91 gelegt, um diese vor den Schlägen der Betreuer wenigstens ein wenig zu schützen. Aber die Arschlöschen hörten nicht auf. Sie waren so wütend, dass sie nun auch auf mich wie die Irren einschlugen. Zum Glück sind anderen Sportschwestern dazwischen gegangen und haben mir dann geholfen. Weil ich genauso Dresche bekam, wie 91. Ständig werden die Kinder beschimpft, als Monster, als abartige Kreaturen. Fritz, ich kann einfach nicht mehr. Ich kann nicht zusehen, wie man Kleinen ständig schlägt. Aber ich muss auch an das Kleine hier, in meinem Bauch denken. Wenn ich bei dir anrufe, stellt mich nie einer durch. Bitte ich will hier raus. Ich schaffe das alles nicht mehr. Bitte hilf mir hier wegzukommen", flehend und mit tränennassen Gesicht, sah sie Jacob an. Der nickte ihr aufmunternd zu.
"Ich helfe dir. Vor allem werde auch dafür sorgen, dass du die volle Abfindung bekommst. Danke, dass du mir das alles erzählt hast. Warum bist du nur nicht früher gekommen? Nach dem ersten Ginobusanfall, so nennen das die Kinder, hätte ich vielleicht noch etwas retten können. Jetzt ist alles viel zu verhärtet und die Meinung der Betreuer durch den Tod Ilkas bestätigt. Wie soll ich dagegen ankommen. Ich verstehe nur nicht, dass niemand von euch zu uns gekommen ist. Wenn nicht zu mir, dann halt zu Anna oder Doris. Mit denen hast du dich doch auch immer gut verstanden. Sag mal, weißt du noch, wer dir immer gesagt hat, dass ich nicht erreichbar wäre?"
Rita schaute Jacob irritiert und begann dann angestrengt zu überlegen. "Hilfe wie heißt der gleich. Ich bin mir nicht ganz sicher, wegen des Namens. Ich glaube Bernd Stiegler heißt derjenige der meistens am Telefon war, weißt du dieser kleine dicke Leutnant."
Jacob wusste sofort, wer gemeint war. Das bestätigt seinen und Chris Martins Verdacht.
"Fritz weißt du, ich hatte zu niemand mehr richtiges Vertrauen. Du weißt ja gar nicht, was da unten alles läuft."
Jacob lächelte gezwungen. "Das weiß ich wirklich nicht. Deshalb brauche ich ja so dringend eure Hilfe. Von den Kindern erfahre ich auch nichts mehr. Die haben völlig dicht gemacht, keines der Kinder redet mehr mit uns. Die haben noch größere Angst als ihr. Wenn du mir einen Gefallen tust. Gehe runter zu Anna, die ist auf der 6/rot und sie passt auf Lyn auf. Erzähle ihr einfach einmal alles. Anna kann gut mit der Schreibmaschine. So weiß ich endlich einmal Bescheid, was in der Halle wirklich abgeht. Du unterschreibst das nichts und fasst auch nicht die Blätter an. So kann man das nicht zu dir zurückverfolgen. Wenn Annas Fingerabdrücke drauf sind, ist das normal, sie liest oft meine Post. Keine Angst, diese Infos verwende ich nur für mich. Alleine dein Aussehen reicht, um die Betreuer zur Verantwortung zu ziehen. Was hältst du davon? Dann geht es dir etwas besser und mir ist geholfen. Vor allem den Kindern da unten."
Rita sah Jacob einen langen Moment an. Plötzlich nickte sie und erklärte dem Chefarzt. "Ich kann aber nicht auf die 6/rot."
"Wenn ich dich nach unten bringe schon. Den Wachleuten sage ich, dir geht es nicht gut und du liegst im Gästezimmer. Ich rufe sie an, wenn es dir besser geht. Dann packst du das Nötigste zusammen und fährst nach Hause. Den Rest deiner Sachen, schicken wir dir nach. Pass auf dein Baby auf, versprochen?"
Damit erhob sich Jacob und zog seine Mitarbeiterin in den Arm.
"Sind wir wieder Freunde?", fragend sah er Rita an, diese nickte ihm gezwungen lächelnd zu. "Dann will ich aber auch ein schönes Foto von dem Baby haben. Ich sag dann den Anderen, was es geworden ist und zeige es natürlich auch herum."
Das erste Mal lächelte Rita wieder. Sie war froh und erleichtert darüber, dass sie sich mit Jacob wieder versöhnt und ausgesprochen hatte. Jacob fuhr mit Rita nach unten, auf die Krankenstation der Kinder.
"Anna ich brauche deine Hilfe. Du schreibst, wenn ich nach oben gefahren bin, alles auf, was dir Rita erzählt. Sie fasst keines der Blätter an, nur du."
Anna sah verwundert zu Jacob, weil sie nicht verstand, was dieser von ihr wollte.
"Oder gebe ihr Gummihandschuhe. Es ist wichtig, dass man das was sie dir erzählt, nicht auf sie zurückführen kann. Das ist zu ihrem Schutz notwendig. Ich erkläre dir das heute Abend, alles in Ruhe. Ich brauche die Informationen für meine persönlichen Unterlagen."
Anna verstanden plötzlich, was Jacob mit dieser Aktion bezweckte. Der erste Weg Ritas führte sie zu Lyn. Diese zog sich sofort in die äußerste Ecke des Bettes zurück.
"Ach Lyn, du weißt, dass ich dir nichts tue. Warum hast du Angst vor mir? Habe ich dich schon einmal geschlagen?"
Lyn schüttelte den Kopf. Stattdessen blickte sie panisch auf Ritas Bauch. Jacob wurde in dem Moment bewusst, dass Lyn alles anders sah, als normale Menschen. Es musste für sie erschreckend sein, wenn sie im Bauch eines Menschens, ein Kind sah. Was ihr wohl jetzt durch deren Kopf gehen mochte. Lächelnd sah er sein kleines Mädchen an.
"Lyn, du musst keine Angst vor Rita haben. Rita bekommt ein Baby."
Lyn hielt den Kopf schief und sah Jacob fragend an. Kurzentschlossen ging Jacob ans das Regal mit der Fachliteratur. Dort war auch ein Buch über Frauenheilkunde, in dem er vor ein paar Tagen gelesen hatte, als er an Lyns Bett Wache hielt. Er schlug es auf und zeigte Lyn die Bilder, des Schwangerschaftsverlaufes. Erstaunt sah diese Jacob an, dann Rita. Plötzlich schüttelte sie den Kopf und machte sie ein Viereck, dann einen Kreis. Immer noch weigerte sich seine Kleine zu reden.
"Lyn, nicht alle Kinder werden in Inkubatoren großgezogen. Eigentlich seid ihr die einzigen Kinder, die jemals aus Inkubatoren geboren wurden. Alle anderen Kinder komme auf diese Weise zur Welt."
Traurig sah er das Mädchen an. Der scheinbar immer mehr klar wurde, dass sie kein normales Kind war. Lange sah Lyn Rita an und kam langsam näher. Wieder musterte Lyn die vor ihr stehende Frau einen Augenblick. Entschlossen zog sie deren Overall auf und legte den Bauch frei. Ihre Hände legte sie nacheinander, auf verschieden Stellen des Bauches. Rita atmete erleichtert auf. Wieder einmal hatte Jacob das Gefühl, das Lyns Hände zu glühen begannen. Lyn bewegte die Lippen ohne dass ein Ton von ihnen kam.
Ohne Stimme sprach sie zu Rita. "Mam, wieder gut, Mam."
Kaum dass sie Ritas Overall wieder zugezogen hatte, zog sie sich zurück und rollte sich zusammen. Wie immer nach der Heilung, sah Jacob, dass Lyn völlig fertig war. Zitternd und nach Atem ringen lag die Kleine im Bett. Mühsam versuchte sie zur Ruhe zu kommen.
"Lyn danke für das, was du gerade getan hast. Auch wenn ich nicht weiß was. Ich denke du hast dem Baby gerade geholfen."
Jacob sah sein Mädchen nochmals an. Die Kleine reagierte schon nicht mehr auf ihn, sie schien eingeschlafen zu sein. Deshalb wandte er sich an seine schwangere Kollegin.
"Jetzt musst du dir gar keine Sorgen mehr um dein Baby machen. Wenn wirklich etwas mit ihm war, hat es Lyn gerade in Ordnung gebracht. Ich muss hoch tut mir leid. Lasst Lyn noch etwas schlafen", Jacob gab Lyn ein Küsschen auf die Stirn und deckte sie liebevoll zu.
Rita sah Jacob fragend an.
"Rita ich muss hoch. Wir reden später. Denkt daran, nicht die Blätter anfassen", Jacob ließ er die beiden Frauen alleine. Schnell fuhr er nach oben in seine Wohnung. Keine Minute später, klingelte es schon. Sofort öffnete er die Tür. Einer der Wachleute brachte ihm Zenta. Auch diese sah ihn wütend an.
"Komm rein Zenta", Jacob war jetzt um einiges freundlicher als vor einer Stunde, da er sich denken konnte, was in Zenta vor sich ging. "Gehe bitte schon einmal ins Büro. Wir reden gleich."
Zenta verschwand, wortlos im Büro von Jacob.
"Udo, du kannst Rita jetzt nicht mitnehmen. Ihr ging es gerade nicht so besonders. Ich hab sie hinten bei mir hingelegt. Damit sie sich etwas ausruhen kann. Eine Schwangerschaft verträgt nicht so viel Stress. Am besten wir lassen sie schlafen, bis sie von alleine munter wird. Ich rufe in der Zentrale an, wenn ihr sie holen könnt."
"Hoffentlich nichts Schlimmes. Ich mag Rita nämlich, Herr Doktor", erklärte der Wachmann Jacob erschrocken.
"Nein Udo, es ist nichts, nur der Kreislauf war weggekippt. Sagen wir mal so, wir hatten kein sehr angenehmes Gespräch. Lass sie schlafen, das ist in dem Fall immer noch das Beste."
Udo Dietze nickte. "Geht klar Herr Doktor. Geht Rita wirklich?", fragend sah er den Chefarzt an. Als Jacob nickte, wurde Udos Gesicht noch betrübter. Traurig erklärte er Jacob. "Es ist schade, dass sie geht. Immer komme ich zu spät. Ich wollte sie nämlich fragen…", verlegen sah er den Arzt an.
"... ob ihr zusammen kommen könnt", unterbrach ihn Jacob. "Dann fragen sie einfach nachher, wenn du sie abholen kommst. Noch ist sie ja da. Aber das würde für sie allerdings bedeuten, dass sie auch hier aufhören müssten."
"Das ist mir egal. Auch dass der Richter der Vater von dem Baby ist. Ich mag Rita und auch das Baby. Schließlich kann der kleine Wurm nichts dazu, wie er entstanden ist."
Bei diesen Worten trat ein Strahlen in Jacobs Gesicht und er lachte befreit. Ein schöneres Geständnis, hätte er heute nicht bekommen können. "Dann frage Rita. Dann finden wir einen Weg dich schnellstmöglich zu ihr zu schicken. Ich muss ins Büro Udo, die Zeit", er zeigte auf seine Armbanduhr.
Udo sah erschrocken zum Chefarzt und drehte sich um.
"Ich sag in der Zentrale, sie sollen dich schicken", rief ihn Jacob hinterher.
Lächelnd schloss er die Tür zu. Der Arzt ging immer noch mit einem Lächel im Gesicht ins Büro. Ganz leicht war ihm ums Herz und er hätte am liebsten mit Zenta eine Runde getanzt, so sehr freute er sich für seine Kollegin. Auf diese Art musste sie, wenn sie wollte, das Kind nicht alleine großziehen. Gedankenverloren trat Jacob ans Fenster. Er sah hinaus in den Park. Schreckte regelrecht zusammen, als Zenta sich hinter ihm räusperte, so tief war er in seinen Gedanken versunken.
"Oh je, tut mir leid Zenta. Jetzt hab ich dich total vergessen. Entschuldige bitte. Ich hatte gerade seit langer Zeit, wieder mal ein schönes Erlebnis. Verzeih mir. Es kommt in letzter Zeit selten vor, dass ich etwas Gutes erlebe. Ich wollte mir diesen schönen Augenblick etwas erhalten. Bevor bei mir wieder alles im Chaos und Schmerz versinkt", gestand der Chefarzt gequält.
Zenta sah Jacob verwundert an.
"Udo Dietze hat mir gerade angedeutet, dass er Rita gern heiraten möchte. Er war erschrocken, dass es ihr nicht gut ging. Vor allem, dass sie heute noch abreist."
Über Zentas Gesicht huschte jetzt auch ein flüchtiges Lächeln. "Na endlich. Ich dachte schon er wollte nie damit rausrücken. Rita mag ihn auch. Sie traut sich allerdings nicht, auf sein Werben einzugehen: Wegen dem Baby. Schon gar nicht, ihm zu zeigen, dass sie ihn auch mag. Vielleicht gibt es wenigstens dort ein Happy End."
"Wir werden sehen. Als erstes Zenta, bitte erschrecken sie nicht, möchte ich sie untersuchen."
Zenta war völlig irritiert, über diese Forderung Jacobs und druckste, sich zierend herum.
"Kommens, haben sie sich nicht so. Ich vergewaltige sie doch nicht. Zwei Etagen unter uns sitzt Anna, die würde mir was erzählen. Ich möchte sie nur abhören und untersuchen, bevor ich sie entlasse."
Zenta nickte eingeschüchtert. Zögernd zog sie ihren Overall aus. Jacob sah mit Erschrecken, auch den Grund, warum sie zögerte. Auch auf Zentas Körper befanden sich ähnliche Hämatome, die auf Misshandlungen zurückzuführen waren, wie bei Rita. Wütend holte Jacob Luft.
"Seit wann Zenta, verprügeln euch die Betreuer?", erkundigte sich Jacob sehr direkt.
Zenta erschrak jetzt noch mehr. "Ich hab doch ... doch ... gar ... nichts gesagt", flüsterte sie ängstlich.
"Zenta, ich bin Arzt. Da ich selbst Judo mache, weiß ich wie Verletzungen aussehen, die beim Training passieren. Das hier sind Verletzungen, die von wohlgezielten Tritten und Schlägen herrühren, mit dem man jemanden absichtlich verletzen will. Wie bei Folter oder Prügeleien. Ich bin nicht dumm Zenta. Ich sehe genau, ob dies trainingsbedingte Verletzungen sind oder ob diese von Prügel kommen. Also seit wann, Zenta."
Jacob sah seine Mitarbeiterin offen an. Zenta druckste eine Weile herum, blickte immer wieder Jacob an. Dieser Arzt war immer ehrlich zu ihr, hatte sie nie im Stich gelassen.
"Es fing eine Stunde nach der Aussprache mit Mayer an. Nach dem Tod von Ilka wurde es dann richtig heftig. Herr Doktor, deshalb will ich ja hier weg. Wenn es so nicht geht, dann schaffe ich mir ein Kind an. Ich will hier nur noch weg kommen. Ich kann einfach nicht mehr", wie Rita zuvor, brach nun auch Zenta zusammen und begann zu weinen. Sie rieb sich die schmerzenden Rippen. Der Chefarzt nahm seine Kollegin tröstend in den Arm, die vor Schmerzen aufstöhnte. Nach dem Jacob seine Kollegin einigermaßen beruhigt hatte, begann er sie zu untersuchen. Auch hier machte er mit der Kamera, von allen Verletzungen Fotos. Vorsichtig tastete Jacob die Rippen ab. Er war sich nicht völlig sicher, ob diese nicht vielleicht doch gebrochen waren. "Ziehen dich an", gab er einen klaren Befehl.
Sofort fuhr Jacob mit Zenta nach unten auf die 6/rot. Ging nach hinten in den Röntgenraum und röntge seine Mitarbeiterin. "Bitte, warte hier", bat er sie und ging durch die Verbindungstür nach vorn, zu Anna und Rita.
"Anna, ich habe hinten eine Röntgenaufnahme von Zenta, bitte machst du die mir gleich mal fertig und bringst sie hoch, mit Datum und Uhrzeit versehen bitte, für meine Unterlagen."
Anna nickte stand auf, um nach hinten zu gehen. "Hallo Zenta", begrüßte sie die Kollegin.
Schnell bekam Jacob die Röntgenaufnahmen zu sehen. Er hatte aus dem Behandlungsraum Verbandsmaterial mitgebracht und verband seiner Kollegin die Rippen. Sofort bat er Zenta, wieder nach oben in die Wohnung. Kaum angekommen, wollte er genau wissen, was in den letzten Wochen los gewesen war. Zenta druckste herum.
"Bitte Zenta, es ist doch nicht normal, wie du aussiehst. Rita sieht genauso aus. Stell dir mal vor, du wirst wirklich schwanger und das Baby bekommt etwas ab. Kannst du das verantworten. Oder was ist wenn sie dich noch schlimmer schlagen, als sie es bis jetzt getan haben. Die Betreuer scheinen all ihre Hemmungen abgelegt zu haben. Vor allem wie in Gottes Namen, willst du unter diesen Umständen die ersten Wochen der Schwangerschaft überstehen. Wenn du hier wirklich weg willst, brauche ich einen triftigen Grund. Die Röntgenaufnahmen alleine reichen mit da leider nicht aus. Ich muss eine Entlassung aus dem "Projekt Dalinow" gegenüber der Projektleitung auch begründen."
Alleine die Tatsache, dass man seine Mitarbeiter regelrecht folterte, reichte Jacob zwar aus um den Arbeitsvertrag endgültig zu lösen. Aber er musste diese Tatsache auch mit Beweisen unterlegen. Unter diesen unerträglichen Arbeitsbedingungen, konnte man den Schwestern eine weitere Mitarbeit im Projekt gar nicht zumuten. Zenta fuhr sich verzweifelt durch ihre kurzen schwarzen Haare.
"Wenn ich ihnen alles erzähle Herr Chefarzt, sorgen sie dafür das ich hier weg kann?", versicherte sie sich nochmals unsicher.
Der Arzt lächelte der Kollegin aufmunternd zu. Jacob hatte nach dem Gespräch mit Rita schon für sich beschlossen, die fünf Frauen aus dem Projekt zu entlassen. Durch das kaputte Vertrauensverhältnis, zu den Betreuern und ihrem neuen Chef, war es nicht mehr möglich, dass diese mit dem Betreuerteam zusammen arbeiteten. Die Sportschwestern unterstanden seit Anfang April, Oberstleutnant Friedrich und nicht mehr direkt Jacob. Da er sowieso in vierzehn Tagen, fünf weiter Kolleginnen entlassen musste und noch einen Arzt, würde er die fünf Betreuerinnen entlassen. Für diese Zeit konnte er sie krankschreiben und dadurch vorzeitig aus dem Dienst entlassen. Er musste die anderen Schwestern nur anders verteilt einsetzen, so dass er sich diese noch erhalten konnte. Jacob wollte und musste endlich wissen, was wirklich los war. Genau wie Rita, erzählten ihm Zenta, dann auch Yvonne, Katja zum Schluss auch Paula die gleichen Geschichten, die sich durch nichts unterschieden.
Fassungslos saß Jacob, nach den fünf Gesprächen, an seinen Schreibtisch und starrte grübelnd auf die Platte. Plötzlich schreckte er aus seinen Gedanken hoch, ihm wurde bewusst, dass Rita immer noch unten auf der 6/rot war. Diese aber in zwei Stunden abgeholt wurde. Also fuhr er nach unten, um Rita abzuholen. Diese diktierte immer noch Anna das Geschehene. Entschuldigend sah Anna ihren Freund an, weil sie noch nicht fertig war. Ihre Arbeit wurde ständig unterbrochen, durch die Röntgenaufnahmen, die sie entwickeln musste. Sie konnte ja nur eine Arbeit mit einmal machen.
"Wir sind gleich fertig, Fritz. Entschuldige aber durch die Röntgensachen hat es länger gedauert", Anna schrieb die letzten Sätze noch fertig. Erstaunt sah Jacob, dass auch Anna OP-Handschuhe an hatte. Erleichtert sah er sie an.
"Na du denkst ja mit…", er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "… Rita, wenn du fertig bist, komme bitte mit nach oben. Ich will noch mal kurz mit dir reden. Anna du bleibst noch hier. Ich komme runter, wenn ich mit Rita fertig bin."
"Geht klar Fritz. Lyn, schläft schon die ganze Zeit, aber ganz ruhig", hing sie noch hinten dran. Anna sah, dass Fritz ständig zu Lyn hinüber schielte.
"Na dann komm Rita."
Jacob ging er in Richtung Aufzug, ließ Rita den Vortritt und folgte ihr hinein. Oben in der Wohnung, bat er diese noch mal ins Büro.
"Nimm Platz. Ich hole dir ein Taxi", sprach er breit grinsend und griff zum Telefon.
"Leutnant Corsten, Wachkompanie."
"Heiko, hier ist Fritz noch mal. Bitte sei so lieb, schicke mir noch mal einen von deinen Jungs. Wenn ich einen Wunsch äußern darf, Udo Dietze. Er will Rita etwas fragen und soll sie dann in ihr Quartier fahren."
"Fritz geht klar, ich dachte schon die beiden kommen nie zu einander", sofort gab er die Befehle weiter und legte er auf.
"So, nun zu dir Rita. Weißt du, was mich am meisten ärgert? Dass ihr alle Fünf so wenig Vertrauen zu mir hattet. Ich dachte eigentlich immer, dass wir Freunde wären. Ich kann einfach nicht verstehen, dass ihr nicht mal mit Anna darüber gesprochen habt. Vor zwei Monaten hätte ich vielleicht noch ohne große Mühe, etwas erreichen können. Aber jetzt nach der Sache mit Ilka, habe ich kaum mehr eine Chance. Ihr hätte euch und vor allem den Kindern viel Leid ersparen können."
Als ihn Rita unterbrechen wollte, schüttelte Jacob den Kopf.
"Rita, es ist zu spät. Das Kind ist im wahrsten Sinne des Wortes, in den Brunnen gefallen. Oder hast du eine Zündende Idee, wie ich diesen Betreuern alleine Parole bieten soll. Ich habe keine, denn die Meinung dieser Id... Leute hat sich so verfestig, also ob man mit dem Kopf gegen Betonwände rennen würde. Aber lassen wir das Thema. Jetzt tue mir wenigstens ein Gefallen, falle nicht auch noch in den Brunnen rein. Gebe dem Udo eine Chance, der mag dich nämlich sehr. Wenn du ihn nur ein bisschen magst, dann gebe ihm eine Chance: Dir zu beweisen, dass er es ernst meint, mit dem was er sagt. Magst du ihn denn?", Jacob sah sie ernst an.
Rita nickte, sah aber auf ihren Bauch.
"Rita, dein Udo sagte mir vorhin, dass es ihm egal ist, ob das Kind von Richter ist. Da das Kind nicht dafür kann wie es gezeugt wurde. Er würde dich und das Baby lieben. Also greife zu, so einen Chance bekommst du nicht wieder. Von Walter habe ich erfahren, Gentechnik gesehen ist mit dem Kind alles in Ordnung. Du bist in der vierundzwanzigsten Schwangerschaftswoche. Du musst dir also keine Sorgen machen. Wenn du zu Hause bist, gehst du gleich zu einem Gynäkologen. Du lässt dich von ihm genauestens untersuchen. Pass gut auf das Kleine auf."
Hoffnung flammte in Ritas Augen auf. Sollte ihr doch noch etwas Glück zustehen.
"Wenn ihr damit einverstanden seid, deklarieren wir das Kind einfach als das gemeinsame. Dann kann Udo alsbald auch das Projekt verlassen. Vielleicht in ein oder zwei Wochen. So habt ihr euch dann für immer. Ich regele das mit Heiko schon irgendwie", glücklich sah Rita ihren Chef an.
Als Rita noch etwas sagen wollte klingelte es. Jacob sprang auf und lief an die Tür. Vor der stand ein riesiger Blumenstrauß und verdeckte dahinter Udo Dietze. Verlegen starrte er an dem Blumenstrauß vorbei und Jacob an.
"Komm rein Udo und höre auf so doof zu tun. Meinen Glückwunsch hast du schon mal. Rita, hat gestrahlt, als ich ihr von dir erzählt habe. Also rein mit dir und nutze deine Chance. Noch eine bekommst du nicht. Ich gebe euch genau fünf Minuten, also mache hin. Ich hab noch mehr zu tun heute", foppte er den Wachmann ein wenig und trieb ihn mehr oder weniger zur Eile an.
Jacob grinst allerdings von einem Ohr zum anderen und klopfte Dietze aufmunternd auf die Schulter. Schleunigst öffnete er die Bürotür und schob Udo Dietze, mit seinem riesigen Blumenstrauß, in den Raum. Er selbst, blieb allerdings draußen stehen und setzte sich dann wartend, auf die Lehne der Couch.
Keine zwei Minuten später, kamen Udo und Rita, strahlend und einander an den Händen haltend aus dem Büro.
Udo Dietze sah Jacob glücklich an. "Sie hat ja gesagt."
"Dann setzt euch noch eine Minute. Ich brauche euer Einverständnis. Udo, das einfachste wäre es, dass du sagst, es ist dein Kind. Dann seid ihr in ein paar Wochen verheiratet und beide aus dem Projekt raus. Was haltet ihr von dem Vorschlag? Nach der Geburt des Kindes, könnt ihr dann immer noch sagen, wir machen einen Vaterschaftstest. Als Begründung gebt ihr an, das Kind sehe euch nicht ähnlich, sondern ähnelt dem Richter. So könnt ihr den zur Kasse bitten und auf Unterhalt verklagen."
Udo winkte ab und sah Rita strahlend an. "Das Geld von dem Ar... Kerl, brauchen wir nicht, um unser Kind groß zuziehen."
Rita sah man an, dass sie glücklich war.
"Dann ab mit euch. Udo sei so lieb, helfe Rita beim Zusammenpacken der wichtigsten Sachen. Ich sage vorn in der Zentrale Bescheid."
Udo und Rita liefen zusammen zum Aufzug, um in die 5/schwarz und das Quartier von Rita zu gehen. Die Zeit war schon weit fortgeschritten. Es war bereits kurz nach 17 Uhr, also mussten die Beiden sich tüchtig beeilen. Nochmals rief Jacob vorn in der Zentrale der Wachkompanie an.
"Leu…" Jacob unterbrach Corsten einfach.
"Heiko, ich bin es noch mal. Die Mädchen fliegen heute alle fünf nach Hause. Hast du das Flugzeug schon bestellt?"
"Ja Fritz, das kommt um 18 Uhr 30. Eher haben wir es nicht bekommen. Ich hab auch ein Taxiunternehmen gefunden, das die fünf Frauen dann nach Hause fährt. Einen Sammeltransport sozusagen für die Frauen. Die müssen dann dem Fahrer nur sagen, wo sie hinwollen."
"Geht klar, Heiko. Kommst du dann zu uns zum Abendbrot? Ich müsste mit dir mal privat reden. Ach so, ich habe Udo gebeten, Schwester Rita ein wenig zur Hand zu gehen, beim Packen. Die ist mir vorhin hier einfach umgefallen. Du weißt ja, sie ist schwanger. Deshalb hat sie bist vor zehn Minuten bei mir im Gästezimmer geschlafen. Sonst schafft sie es mit den Sachen packen nicht mehr. Im Übrigen hat sie Ja gesagt, aber verrate mich nicht. Ach so, rufe bei den fünf Mädchen an und informiere sie, wann der Flug geht. Ansonsten bleiben deren Telefone aus und zu deren Schutz die Wachen vor der Tür", Jacob grinst das Telefon an.
"Na endlich, ich dachte schon die beiden werden nie ein Paar. Na dann bis später, Fritz. Ich kann aber erst so gegen 22 Uhr zum Abendbrot kommen. Ich komme hier nicht eher weg. Muss warten bis Chris kommt. Eigentlich wollte ich ja zu der Veranstaltung gehen, aber…"
Jacob unterbrach ihn nochmal. "Heiko, dann kommst du halt morgen zum Frühstück. Ich muss dringend mit dir einiges absprechen, bevor Mayer zurückkommt."
"In Ordnung, ich hab mich auf das Cabaret nämlich gefreut."
Jacob konnte sich das gut vorstellen. Eigentlich hatte er sich auch darauf gefreut. Es war immer eine schöne Abwechslung, wenn eine Veranstaltung stattfand. Ursprünglich wollte er ja auch hin, aber wann klappte hier im Projekt, einmal etwas so wie er es wollte. Da würde wohl höchstwahrscheinlich, wieder nicht daraus werden: Wie immer halt.
"Na dann viel Spaß. Vielleicht stoße ich auch noch dazu. Aber eigentlich, kann ich es mir gar nicht leisten. Ich habe so viel Arbeit, die liegen geblieben ist, dass ich mir das überhaupt nicht leisten kann. Ich muss mal sehen, ob ich es vielleicht doch hinbekomme. Also viel Spaß und wir sehen uns morgen um 7 Uhr", sofort legte Jacob auf und ging zum Aufzug, um nach unten auf den Krankenstation zu fahren.
Lyn saß in ihrem Bett sah Jacob sofort an, als dieser die Station betrat.
"Lyn, ich komme sofort zu dir. Anna, die Röntgenaufnahmen, bringst du zusammen mit den Zetteln nach oben in unsere Wohnung. Alles zusammen kommt in den Tresor. Dann machst du dich schön für das Cabaret."
"Ab...",
Jacob ließ Anna gar nicht erst eine Möglichkeit zu widersprechen. Als Anna etwas sagen wollte, fiel er ihr einfach ins Wort. Etwas was er eigentlich nicht gern macht.
"Ich werde keine Zeit haben. Du weißt besser als irgendjemand anderes hier im Projekt, was ich heute alles nicht gemacht habe und was ich eigentlich hätte alles machen müssen. Ich habe wirklich keine Zeit. Aber du wirst dir das ansehen. Falls ich irgendwo ein kleines Loch finde oder mir etwas Zeit über den Weg läuft, dann komme ich mal kurz nach vorn. Halte mir auf alle Fälle einen Platz frei. Vor allem, bitte sage bitte, bitte, bitte in der Küche Bescheid, dass ich noch irgendwann etwas essen muss. Ich muss egal wie spät es wird, noch eine warme Mahlzeit zu mir nehmen. Mir hängt der Magen nämlich schon wieder in den Kniekehlen."
Anna sah ihren Freund genervt an. Wenn Jacob in diesem Ton mit ihr sprach, hatte es keinen Zweck zu widersprechen. Tat sie es trotzdem, war ein Krach vorprogrammiert. Deshalb zog es Anna vor zu verschwinden. Sie gab ihrem Mädchen noch ein Kuss Und ging nach oben, in die Wohnung. Jacob setzte sich zu Lyn auf das Bett.
"So nun zu dir meine Kleine. Wann fängst du an wieder mit mir zu reden."
Lyn schüttelte den Kopf. Sie mochte nicht mehr mit den Anderen reden. Traurig streichelte Jacob dem erst 112 Zentimeter großen Mädchen über den Kopf.
"Das ist echt schade. Ich habe immer gern mit dir gesprochen. Ich habe mir gern von dir einen Rat geholt und gerade jetzt bräuchte ich deinen Rat so sehr. Lyn, habe ich dir irgendetwas getan?"
Lyn sah lange zu Jacob, dann schüttelte sie den Kopf.
"Dann rede mit mir, kleines Mädchen. Ich weiß, dass du es kannst. Du hast nach dem Koma schon gesprochen. Warum also meine Kleine, redest du jetzt nicht mehr. Vertraust du mir nicht."
Lyn nickte.
"Verdammt noch mal, warum vertraust du mir nicht mehr?", wollte Jacob jetzt wütend wissen.
Lyn zog sich in die äußerste Ecke des Bettes zurück. Der Klang Jacobs Stimme hatte genügt, um die Kleine wieder zu verschrecken. Sie rutschte deshalb lieber, so weit weg von Jacob, wie es möglich war und fing an zu schaukeln. So wie sie es immer machte, wenn sie unsicher war. Jacob ärgerte sich über sich selber. Aber er war übermüdet und dass, was er die letzten Stunden von den fünf Frauen erfahren hatte, trug nicht gerade dazu bei, seine Laune zu verbessern.
"Entschuldige Kleines, ich wollte dich nicht anschreiben. Aber dein Doko ist völlig übermüdet. Ich habe schon seit Tagen nicht geschlafen. Komm höre auf zu schaukeln, Lyn. Du steigerst dich schon wieder in einen dieser Anfälle hinein. Ich liebe dich meine Kleine. Denkst du vielleicht, ich mag dich nicht mehr, weil du dich in einen Gino verwandelt hast?"
Lyn schaukelt immer heftiger, ihr Atem begann rasselnder und stoßweise zu gehen. Also tat Jacob das, was für die Kleine am besten war. Er zog sich von ihr zurück, damit sie zur Ruhe kam. Jacob wandte sich seinem Schreibtisch zu und griff nach dem Telefon.
"Schwester Frida Station 6/blau", meldete eine Schwester.
"Frida, bist du so gut und schickst mir mit dem Aufzug Rashida auf die 6/rot."
"Ja Herr Doktor", bekam er sofort zur Antwort.
Keine zwei Minuten später hörte Jacob den Aufzug. Er ging hin, um Rashida abzuholen. Als diese die Station betrat, rannte sie regelrecht zu Lyn. Sie zog das kleine Mädchen wieder in ihre Arme. Langsam beruhigte sich Lyn und hörte auf zu schaukeln. Traurig schaute er auf seine beiden Lieblingskinder.
Eigentlich stimmte diese Aussage, nicht wirklich. Jacob mochte alle Kinder auf der 6/blau gleichermaßen. Nur hatte er zu Lyn und Rashida, ein viel engeres Verhältnis, als zu den anderen Kindern. Er beschäftigte sich auch viel mit den übrigen "Hundert", aber die Kinder hatten untereinander und zu den verschiedenen Schwestern ein weitaus offeneres Verhältnis, als zu ihm. Vom Anfang an, war zwischen Rashida und Lyn, und ihm ein festes Band. Etwas dass man nicht mit Worten erfassen konnte, aber man wusste es war da. Es war etwas anderes zwischen ihnen als nur ein gutes Verhältnis. Dieses Band konnte man schwer fassen, aber es existierte. Umso mehr ärgerte sich der Arzt darüber, dass die Betreuer mit ihrem unmöglichen Verhalten, dieses sehr gute Verhältnis zerstört hatten. Das Band, so fühlte es sich für Jacob im Moment an, hatte einen derben Riss bekommen. Die Betreuer hatten durch die Folter der Kinder, nicht nur sämtliches Vertrauen zerstört, das er mit den Schwestern in den letzten Monaten aufgebaut hatte. Sondern sie zerstörten das Vertrauen der Kinder zu allen normalen Menschen. Das wurde dem Chefarzt immer klarer. Jacob setzte sich auf das Nachbarbett und sah Rashida traurig an.
"Rashida, ich wollte deine Freundin nicht erschrecken. Wirklich nicht. Ich bin nicht auf Lyn wütend, sondern auf eure Betreuer. Dass was ich heute erfahren habe, macht mich völlig fertig. Lyn, meine kleine Maus, ich habe dich lieb. Ich würde euch so gerne helfen, aber ich weiß nicht wie", verzweifelt sah er die beiden Mädchen an und der Arzt hatte Mühe, die Tränen die in seine Augen stiegen zurückzuhalten. Tief holte er Luft, um sich zu beruhigen. Er wandte sich nochmals an das größere Mädchen.
"Rashida, ich möchte dich einmal kurz untersuchen. Ziehe dich bitte einmal komplett aus."
Rashida zog den Overall und die Unterwäsche aus. Jacob schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte verzweifelt den Kopf. Dann drehte er sich zur Wand um und stützte sich daran ab. Er musste sich beruhigen, so konnte er nicht arbeiten. Mühsam gegen die Tränen ankämpfend, atmete der Arzt tief ein und aus. Wenn er dachte, nach den Untersuchungen der fünf Sportschwestern, schlimmer geht es nimmer, hatte er sich getäuscht, schwer getäuscht.
Nach dem Untersuchungsmarathon, am Todestag Ilkas, hatte er gedacht, dass sich die Auswirkungen der Misshandlungen der Kinder, nicht weiter steigern ließen. So erkannte er, das war ein Irrtum. Die Betreuer bewiesen ihm mit Rashidas momentanen Aussehen: Es ging immer noch schlimmer.
Es gab keinen Millimeter auf Rashidas Körper, der keine Hämatome oder Verletzungen aufwies. Das blutunterlaufene Profil mehrerer Schuhsohlen war im Bereich des Unterleibs sehr gut auf der Haut zu erkennen, was auf heftige Tritte hindeutete. Teilweise mussten die Angriffe auf Rashida mit so eine Wut ausgeführt worden sein, dass bei den Schlägen und Tritten sogar die Haut aufgeplatzt war. Es war ein Wunder, dass sie noch auf ihren eigenen Beinen stand und sich nicht vor Schmerzen schreiend am Boden wälzte. Vorsichtig hörte der Chefarzt Rashida ab und tastete vorsichtig nach ihren Rippen. Der Mediziner wagte sich fast nicht richtig das Mädchen zu berühren, aus Angst ihr zusätzliche Schmerzen zu bereiten. Was seine Augen sahen, bereitete ihm alleine vom Hinsehen, unerträgliche Schmerzen. Einige Male hielt Rashida die Luft an und die Schmerzen trieben ihr die Tränen in die Augen, die unter ihrer Augenbinde hervor und ihr anschließend über die Wange liefen. An diesen Stellen schien sie besonders heftige Schmerzen zu haben.
Einen Augenblick musste sich Jacob setzen. Ihm war schlecht. Er hatte durch die Berichte der Schwestern erwartet, dass Rashida schlimm aussehen würde. Aber das, was er hier zu sehen bekam überstieg bei Weiten, dass was er ertragen konnte. Jacob war nicht mehr in der Lage seine Tränen zurück zu halten. Es waren nicht nur Tränen der Wut, die jetzt über sein Gesicht liefen, sondern auch die der Verzweiflung. Das was er hier erblickte, fügte ihm selbst Schmerzen zu und er gab im Stillen den fünf Schwestern Recht: Für die Kinder wäre wirklich besser gewesen, man hätte sie nach der Geburt sofort alle getötet.
Das was hier geschah, war nicht mehr nur unmenschlich, es war bestialisch. Immer noch starrte Jacob auf Rashida, fassungslos, entsetzt und ungläubig. Zu seinem Erstaunen machte sie jetzt einen Schritt auf ihren Arzt zu und nahm diesen in den Arm. 'Nicht Rashida sollte mich trösten, sondern ich müsste das Mädchen trösten', ging es Jacob durch den Kopf. In diesem Moment war Jacob dazu einfach nicht in der Lage. Der Chefarzt brauchte ein paar Minuten bis er sich wieder gefangen hatte und weiterarbeiten konnte.
"Tut mir leid Rashida. Es tut mir so weh dich in dieser Verfassung zu sehen. Komme mal mit mir mit. Ich muss dich erst einmal röntgen, um zu sehen, was bei dir überhaupt noch heil ist", forderte er sein Mädchen mit gebrochener Stimme auf.
Rashida folgte Jacob ohne zu zögern. Nach einigen Minuten sah der Chefarzt auf der Aufnahme, das Rashida drei Rippenserienfrakturen hatte. Rashida musste wahnsinnige Schmerzen haben. Das Schlüsselbein war angebrochen, am Becken gab es einige Stellen, wo man Haarrisse auf der Aufnahme sah. Selbst am Schädelknochen sah man an verschiedenen Stellen, wo die Schläge das Mädchen getroffen hatten. Bestimmt hatte sie auch eine schwere Gehirnerschütterung und Kopfschmerzen, die vom einen anderen Stern waren.
Jacob fragte sich immer wieder, wie die "Hundert" solche Schmerzen ertragen konnten. Kein normaler Mensch würde in dieser Verfassung, noch auf den Beinen stehen. Der Chefarzt war völlig verzweifelt. Zum Glück war Rashidas Muskulatur sehr gut ausgeprägt, so schützte sich das Mädchen instinktiv selbst, indem sie ihre Muskulatur angespannt hatte. Dadurch verhinderte sie noch schlimmere Verletzung. Es war nicht selten, dass es bei solchen unmenschlichen Misshandlungen, zu einer Lungenkontusion oder sogar zu Einblutung in die Lunge kam. Häufig kam es auch zu Blutungen im Bereich des Brustkorbes oder zu einem Milzriss. Erleichtert stellte Jacob fest, dass das alles nicht der Fall war. Traurig sah er die Mädchen an. So vorsichtig wie es ging, verband er Rashida und versorgte alle ihre Wunden. Die ganze Prozedur ließ Rashida schweigend über sich ergehen. Mit jeder Verletzung die Jacob versorgte, wurde er wütender und konnte sich kaum noch beherrschen.
Über eine Stunde brauchte er, um Lyns Freundin ärztlich zu versorgen. Am liebsten würde er beide Mädchen hier oben auf der Krankenstation belassen. Aber er wusste, dass beide nach unten wollten. Er hatte heute keine Kraft mehr dazu, seinen Willen durchzusetzen. Vor allem hatte er Angst, dass die anderen "Hundert" das Fehlen von Lyn und Rashida ausbaden mussten. Der Chefarzt wurde sich bewusst: Er stand alleine gegen die komplette Projektleitung da. Jacob kam sich vor, wie Don Quijote der gegen die Windmühlen kämpfte. Müde wandte er sich an das größer der beiden Mädchen.
"Rashida, du bist fertig. Sagst du mir wer dir das angetan hat oder redest du auch nicht mehr mit mir?"
Rashida schüttelte den Kopf. Sie wollte wie alle anderen Kinder auf der 6/blau auch nicht mehr mit den Anderen reden. Wie Lyn und alle anderen Kinder, hatte auch sie vollkommen dicht gemacht. Er würde also auch von ihr nur noch Gesten als Antwort bekommen. Jacob gab auf, er war an einer Stelle angekommen, wo er nicht mehr weiter wusste.
"Verdammt nochmal Kinder, wie soll ich euch helfen, wenn ihr nicht mit mir redet?", fluchte er vor sich hin.
Wütend schmiss er das restliche Verbandszeug auf das Nachbarbett, neben Lyn. Rashida zog sich ängstlich von Jacob zurück und nahm Lyn schützend in ihre Arme. Der Chefarzt ließ die beiden Mädchen erst einmal alleine. Er musste sich erst einmal beruhigen. Vorn am Schreibtisch der Schwestern, ließ er sich auf den Stuhl fallen und legte seinen Kopf auf den Schreibtisch. Er brauchte einige Minuten, um sich wieder selbst zu finden. Nach einer viertel Stunde, hatte er sich soweit beruhigt, dass er wieder normal denken konnte und seinen Hass wieder im Griff hatte. Jacob kehrte zu den beiden Mädchen zurück.
Traurig sah er sie an. Er wusste er würde noch einen Versuch unternehmen, um den Kindern zu helfen. Würde dies auch scheitern, dann ... Jacob raffte die Schultern nach hinten und mahnte sich selber. Darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Tief holte er noch einmal Luft.
"Na gut, wenn ihr sowieso nicht mit mir reden wollt, kann ich euch auch nach unten bringen. Es ist schade, dass ihr mich wie die Betreuer behandelt. Ich dachte wirklich, dass ihr begriffen habt, dass ich euer Freund bin", Jacob winkte den beiden Mädchen zu und sie ihm zu folgen. "Kommt", mit einer unendlichen Traurigkeit, forderte er sie auf mit ihm auf die 6/blau zu fahren.
Lyn stand sofort auf, gefolgt von Rashida. Gemeinsam mit Jacob betraten sie den Aufzug. Jacob fuhren nach unten auf die 6/blau. Dort wurde gerade das Essen verteilt. Kein Wort sprachen die Kinder. Die Stimmung im Raum der Kinder wurde von Tag zu Tag bedrückender. Heute Abend hatten die Kinder seit langem wieder einmal frei, denn auch die Betreuer bekamen die Möglichkeit, an der Veranstaltung teilzunehmen. Deshalb würden sie heute etwas Ruhe haben. Vor morgen früh 9 Uhr würde hier kein Betreuer mehr erscheinen.
Jacob sah sich im Kinderraum um. Die Hoffnungslosigkeit der Kinder war körperlich spürbar. Jacob war einfach ratlos. Er wusste nicht, war er etwas gegen diese Hoffnungslosigkeit tun sollte. Also entließ Lyn und Rashida, nun auch wortlos nur mit einer Geste in ihren Raum. Die Mädchen zogen sich sofort in ihr Bett zurück. Beide setzten sich nicht einmal zu der Mahlzeit an den Tisch. Unerwartet für Jacob und die Schwestern, zogen sich plötzlich auch alle anderen Kinder in ihre Betten zurück. Selbst die Kinder die schon angefangen hatten etwas zu essen, ließen ihr Essen stehen und gingen in ihr Bett. Kopfschüttelnd stand Jacob da, er begriff seine Kinder einfach nicht. Allerdings konnte er nach allem, was er die letzten Stunden erfahren hatte, durchaus diese Reaktion der Kinder verstehen.
"Na ja, da müssen wir jetzt wohl durch", sprach er traurig in den Raum und ging zu den Schwestern.
"Doris, ihr lasst die Kinder einfach in Ruhe. Ich denke wir müssen ganz von vorn anfangen und noch einmal versuchen Vertrauen aufzubauen. Hier hilft nur ganz viel Geduld. Das machten mir Rashida und Lyn oben auf der 6/rot gerade klar. Sie sprechen nicht einmal mehr mit mir. Geben wir den Kindern Zeit, wieder Vertrauen zu fassen. Keine Ahnung, ob das überhaupt noch möglich ist. Ich unternehme heute noch einen Versuch den Kindern zu helfen. Wenn ich damit auch wieder nur eine Verschlechterung erreiche, werden wir es einfach akzeptieren wie es ist. Wir müssen dann versuchen, mit dem was wir haben zu leben und für die Kinder das Beste daraus zu machen. Bitte stellt jedem Kind einen Teller Brei ins Bett. Hoffen wir, dass sie wenigstens etwas essen."
Doris nickte und gab die entsprechenden Anweisungen an die anderen Schwestern weiter. Viele der Schwestern die heute Spätdienst hatten weinten und der Brei den die Kinder erhielten, wurde mit zahlreichen Tränen verdünnt. Aber noch war auf Seiten der Schwestern und Jacob die Hoffnung, dass man heute Abend vielleicht doch noch Hilfe bekam.
Jacob jedoch zog sich sofort in seine Wohnung zurück. Er konnte das Leid seiner Kinder nicht mehr ertragen. Außerdem musste er sich auf das Gespräch mit Hunsinger vorzubereiten. Ein böses Gefühl hatte sich in seinem Magen breit gemacht. Er kannte das Gefühl nur zu gut, es war dasselbe, dass er damals hatte als er die Zusagen zum "Projekt Dalinow" gab und dieses Gefühl hatte ihn noch nie betrogen. Er hoffte sehr, dass ihn nur einmal in seinem Leben, sein Bauchgefühl nicht die Wahrheit sagte. Hoffentlich ging dieses Gespräch mit Hunsinger, so vonstatten wie er sich das wünschte.
Müde rieb sich Jacob das Gesicht und machte sich am späten Abend auf den Weg zu Chris Martin und nach vorn in die Einsatzzentrale der Wachkompanie.
Die Nachtschicht fing an diesem Tag, ausnahmsweise einmal einen halbe Stunde früher mit ihrem Dienst an, so dass zwei Drittel der Belegschaft an der abendlichen Veranstaltung teilnehmen konnte, die um 22 Uhr begann.
Es war nach 21 Uhr 48, als Jacob seine Wohnung verließ und sich auf den Weg machte, zu seinem Treffen mit Chris. Langsam schlenderte Jacob in die Richtung des Hauses 2, um die Einsatzzentrale der Wachkompanie zu betreten. Er fuhr mit dem Lift auf die Ebene rot. Etwas seltenes erlebte Jacob heute auf der 2/rot, der große Korridor war menschenleer. Man sah weit und breit keinen einzigen Mitarbeiter der Wachkompanie. Wie denn auch? Sie waren alle vorn in der Mensa. Chris Martin hielt alleine die Stellung in der Sicherheitszentrale und hatte allen, außer den Wachleuten am Tor und in den gläsernen Wachtürmen, für das Cabaret freigegeben. Einen günstigeren Zeitpunkt für sein Gespräch mit Hunsinger, konnte sich Jacob nicht wünschen.
"Guten Abend Chris, na willst du auch nach vorn zum Cabaret gehen? Soll ich hier die Stellung halten?"
Martin schüttelte den Kopf. "Fritz, das machen wir lieber nicht. Einer von uns muss hier bleiben, sonst bekommen wir alle Ärger. Die anderen Wachleute, die eigentlich heute Dienst hätten, haben auch alle ein Funkgerät und die Fahrzeuge mit, damit ich sie im Notfall sofort holen kann."
Jacob sah Chris mitleidig an. "Dann bist du wieder einmal der Einzige, der nicht vor kann?"
Chris zuckte mit den Schultern. "Ist nun mal so, Fritz. Dienst ist Dienst und …"
Jacob unterbrach ihn einfach, ihm lief die Zeit davon. "Chris, stell mir mal eine Verbindung zu Hunsinger her. Ich will es hinter mich bringen. Dann können wir reden. Mal sehen, ob ich es für unsere Kinder noch schlechter mache oder ob es endlich mal etwas besser wird."
Der Diensthabende der Wachmannschaft nickte. Er hatte genau wie Jacob, bei der ganzen Sache verdammt großes Bauchweh. Egal was sie bis jetzt versucht hatten, alles ging nach hinten los. Es wurde stets schlimmer für die Kinder.
"Ach Chris, kannst du für mich mal diesen Leutnant Bernd Stiegler überprüfen. Ich glaube das ist derjenige, der für die Betreuer arbeitet. Alle fünf Mädels, die in den letzten Wochen versucht haben mich zu erreichen, nannten mir diesen Namen."
Chris konnte Jacob in diesem Moment nicht mehr antworten, da er gerade Hunsinger ans Telefon bekam. "Genosse Oberst, hier ist Chris Martin, ich reiche sie mal weiter, Doktor Jacob versucht sie seit Tagen dringend zu erreichen."
Martin hielt Jacob den Hörer hin und zeigte nach draußen. Auf diese Weise gab er Jacob zu verstehen, dass er vor der Tür warten würde. Das Gespräch sollte unter vier Ohren stattfinden.
"Guten Abend Franz, hier ist Fritz Jacob. Entschuldige, dass ich so spät und auf diese Weise anrufe, aber hier brennt es nicht. Franz, hier ist ein regelrechtes Inferno ausgebrochen."
Hunsinger konnte nicht begreifen, in welchen sarkastischen Ton Jacob sprach. "Um Gottes Willen Fritz, was denn bei euch schon wieder passiert?"
"Das erkläre ich dir gleich. Als erstes möchte ich wissen, ob wir alleine in der Leitung sind oder jemand mithört. Entschuldige, aber ich werde hier langsam paranoid. Egal, was ich mach, alles geht im Moment nach hinten los."
"Fritz, du sprichst auf meiner geheimen Leitung. Außer Mayer und Martin kennt niemand diese Nummer."
Erleichtert, aber mit einem unguten Gefühl im Bauch, atmete Jacob auf. "Dann kann ich also offen mit dir sprechen?", erkundigte sich Jacob nochmals, nur um wirklich ganz sicher zu gehen.
"Ja Fritz, was ist denn in Gottes Namen los?", klang jetzt Hunsingers genervte Stimme im Hörer. Der nicht verstehen konnte, weshalb Jacob so ein Theater machte.
"Franz, hier läuft um einiges mehr schief, als ich dachte. Wie ich leider erst vor einigen Stunden erfahren habe. Ich sammle schon seit zwei Wochen vor dem Ilkas Tod, Beweise für meine Vermutungen, die sich immer mehr verhärten. Jedoch ist es noch viel schlimmer, als ich vermutet habe. Franz, unsere Kinder, aber auch meine Mitarbeiter, werden systematisch von den Betreuern gefoltert. Tut mir leid, Franz, aber anders kann ich das Verhalten der Betreuer nicht mehr bezeichnen. Ich habe in meinem Tresor ausreichend Beweismaterial liegen, um alle hinter Gitter zu bringen. Außerdem Fotos und Röntgenaufnahmen von den Sportschwestern, außer von Rita die schwanger ist. Alle fünf Sportschwestern sind grün und blau geschlagen. Nummer 91 die ich vorhin nochmals untersucht habe, hat drei Rippenserienfrakturen, ein Schädel-Hirntrauma und an ihrem Körper, gibt es keinen Zentimeter der nicht dunkelblau verfärbt ist…" Über eine Stunde zählte Jacob dem Projektleiter die Verletzungen der Kinder und der Sportschwestern auf, die darauf zurückzuführen waren, dass er oder die Schwestern etwas gegen die Machenschaften der Betreuer unternommen hatten. Als dieser endlich am Ende seines Berichtes angekommen war, hörte er fassungslos die Antwort von Hunsinger.
"Fritz, übertreibst du da nicht etwas? Wenn das wahr ist, müssen wir das Projekt sofort beenden."
Jacob sprang jetzt aus dem Anzug. Er hatte bei weitem noch nicht alles gesagt, was er an Beweisen gesammelt hatte. "Was glaubst du eigentlich, Franz, was ich hier mache? Glaubst du wirklich, dass ich mir das alles aus den Fingern sauge und maßlos übertreibe? Dass ich das alles nur erfinde? Verdammt nochmal Franz, seit wann kennst du mich? Wenn du mir nicht glaubst, dann komme morgen früh her und sehe dir diese Schweinerei persönlich an. Selbst Schwester Rita, ein Baby erwartet und in der 24. Schwangerschaftswoche ist, wurde grün und blau geschlagen. Meine Mitarbeiter werden damit bedroht, dass man sie und ihre Kinder töten würde, wenn sie mit mir sprechen. Anrufe meiner Mitarbeiter werden nicht an mich weitergeleitet, obwohl man in der Zentrale immer genau weiß, wo ich mich aufhalte. Denkst du wirklich, ich denke mir das alles nur aus, um mich interessant zu machen. Franz, was ist los mit dir? Stehst du auf der Seite der Betreuer oder bist du auf unserer Seite und der Seite der Kinder, die wir betreuen und beschützen sollen?", sprach Jacob ziemlich ungehalten in den Hörer.
"Nein Fritz, nun beruhige dich mal…", versuchte Hunsinger den Chefarzt zu beschwichtigen.
Jacob konnte und wollte sich nicht beruhigen, dazu war die Angelegenheit viel zu ernst. Die ganze Sache regte ihn richtig gehend auf. "Ich soll mich beruhigen, Franz. Meine Mitarbeiter werden verprügelt, meine Kinder halb tot geschlagen und ich soll mich beruhigen. Franz die Dinge laufen immer mehr aus dem Ruder. Deshalb kann und will mich nicht beruhigen. Ich habe neun Monate mein Herzblut in diese Kinder gesteckt. Es ist so eine Bindung zwischen ihnen und mir, als wenn es meine eigenen wären. Wenn man die Kinder dort untern schlägt, Franz, dann schlägt man auch mich. Zweimal hat man versucht mich zu töten. Was du von mir willst ist unmöglich. Ich kann dabei nicht ruhig bleiben und zusehen, wie man versucht ein Kind nach dem anderen totzuschlagen und ganz nebenbei meine Mitarbeiter auch noch. Vor allem will ich das auch gar nicht. Weil ich die Schmerzen und das Leid der Kinder, tief in meinem Herzen spüre. Nummer 91 hat am Rücken rechts vier, am Rücken links fünf kaputte Rippen. Vorn rechts vier gebrochen und links eine gebrochene Rippe, sie hat ein angebrochenes Becken, Jochbein, Schlüsselbein und schwere Verletzungen am Kopf. Weißt du, was das Mädchen für Schmerzen haben muss. So etwas ist unmenschlich, bestialisch, nenne es wie du es willst. Zenta hat eine Serienfraktur links am Rücken, von drei kaputten Rippen. Vorn eine kaputte Rippe rechts und eine Links. Keine der Sportschwestern kam zu mir und hat sich helfen lassen, aus purer Angst vor den Betreuern. Ich habe ihren Wunsch heute nachgegeben, sie entlassen. Eine Zusammenarbeit der Schwestern mit den Betreuern, ist nicht mehr möglich. Paula hat mir gesagt, wenn sie nicht gehen kann, bringt sie sich um", wütend schnaufte Jacob in das Telefon.
Hunsinger war entsetzt. "Fritz, ich bin in drei Stunden im Objekt. Sag der Flugsicherung Bescheid, dass ich komme", sofort legt er auf.
Jacob legte ebenfalls sofort auf. Erleichtert atmete er auf. Im gleichen Moment erhob er sich und ging nach draußen, um Chris zu holen.
"Chris, Hunsinger kommt in drei Stunden. Hoffentlich habe ich ihn wachgerüttelt und es wird endlich besser. Danke, dass du mir geholfen hast."
Martin lächelte gezwungen. "Das hoffe ich auch. Geh noch ein bissel nach vorn. Anna freut sich bestimmt, wenn du noch kommst."
Jacob klopfte den Freund auf die Schulter. "Bis später, soll ich deine Jungs hinter schicken?"
Der Diensthabende schüttelte mit dem Kopf. "Ich funke die in zwanzig Minuten an. Da fällt das den Betreuern weniger auf. Deshalb ist es sehr wichtig, dass du gleich noch etwas nach vorn gehst, zu der Veranstaltung. Außerdem solltest du wieder einmal etwas essen. Weißt du wie du schon wieder aussiehst?"
"Geht klar Chris. Ich bin gleich vorn. Du machst eine Durchsage, wenn Hunsinger da ist? Ich bleib in der Mensa. Kommst du morgen früh zum Frühstück? Heiko kommt auch."
Chris Martin grinste breit. "Klar, ich rufe durch, wenn der Große Chef da ist. Mit dem Frühstück ist eine gute Idee. Das mache ich gern, dann muss ich mir das wenigstens nicht alleine machen, Fritz. Bis morgen früh also", sofort setzte er sich wieder die Kopfhörer auf, um den Funk zu überwachen.
Jacob ging nach vorn in die Mensa. Das Strahlen in Annas Augen, als sie ihn erblickte, sagte ihm mehr als ihre Worte. Die Freude darüber, dass er noch Zeit gefunden hatte in die Mensa zu kommen, war riesig. Zum Reden war jetzt keine Zeit, denn die Pause war gerade zu Ende und die Veranstaltung ging weiter.
Die Pause tat dem Chefarzt gut, auch wenn er am Anfang nicht wirklich abschalten konnte. Nach einiger Zeit, konnte er sich dem Charme der Kabarettisten und der Show auf der Bühne nicht mehr entziehen. Lange hat Jacob nicht mehr so gelacht. Das Programm war einzigartig. Auch wenn ihm eigentlich nicht nach Lachen zu Mute war, konnte er sich vor Lachen kaum auf dem Stuhl halten. Es tat einmal richtig gut, für einen Moment, alles um sich herum einfach zu vergessen.
Kurz nach dem Ende der Veranstaltung, kam einer der Barkeeper auf Jacob zu und stellte ihm einen große Portion seines Lieblingsessens vor die Nase.
"Das wird aufgegessen, hat der Koch gesagt, sonst gibt es nie wieder was", sprach dieser schallend lachend. Aus seinen Augen, sprangen tausend kleine Teufelchen.
"Oh Gott Charly, wollt ihr mich mästen?", witzelte der Chefarzt mit dem Barkeeper.
Der nickte mit dem Kopf und wies auf Jacobs Overall, der wie ein Sack an ihm herunterhing. "Ja Herr Doktor, es würde uns freuen, wenn der mal wieder richtig passen würde."
Jetzt musste auch Jacob lachen. "Na gut, dann werde ich wohl aufessen müssen. Danke ich bin kurz vor dem Verhungern. Hatte einfach keine Zeit zum Essen."
"Warum rufen sie dann nicht einfach mal an. Wir bringen ihnen das Essen auch hinter. Wir wissen wie knapp ihre Zeit oft ist."
Aber Jacob winkte ab, er konnte in bestimmten Situationen einfach nicht essen, es ging nicht. Der Barkeeper zog sich wieder hinter den Tresen zurück. Eine Weile blieben Jacob und Anna nach dem Essen noch in der Mensa und unterhielten sich mit Freunden oder den anderen Angestellten des Projektes. Anna fielen allerdings immer öfter die Augen zu. So dass man sich kurz nach 1 Uhr zurückzog.
Jacob scheuchte Anna ins Bett. Er selber bereitete sich auf das Gespräch mit Hunsinger vor. Der Projektleiter kam allerdings erst kurz nach 3 Uhr in der Früh an.
Jacob stand sofort auf, um zu öffnen, als es an seiner Tür schellte. Hunsinger, gefolgte von seinem Adjutanten, betrat Jacobs Wohnung.
"Dann kommt mal rein", bat der Chefarzt ziemlich genervt.
Eigentlich wollte Jacob erst einmal mit Hunsinger alleine sprechen. Da er niemand aus dem Umfeld des Projektes mehr traute. Aber was blieb ihm anderes übrig, als zu akzeptieren, dass der Projektleiter nicht alleine gekommen war. Schließlich konnte er Hunsingers Adjutanten nicht den Zutritt zu seiner Wohnung versagen. Nachdem die Männer platzgenommen hatten, holte Jacob die Unterlagen aus dem Tresor und legte sie Hunsinger und dessen Adjutanten, zum Durcharbeiten vor. Erklärte ihnen die Zusammenhängen und das was ihm in letzter Zeit aufgefallen war.
Immer wieder stellten Hunsinger oder dessen Adjutant genervt ein paar Fragen. Kurz vor 5 Uhr schlossen beide die Ordner und sahen Jacob fragend an.
"Fritz, was willst du von uns? Diese Kreaturen da unten, sind keine richtigen Kinder. Sollen wir ihnen Teddys schenken und Autos, zum Spielen geben? Das sollen mal harte Soldaten werden, was verlangst du. Dass man sie mit Samthandschuhen anfasst? Was regst du dich also auf?"
Jacob starrte Hunsinger an, er war sprachlos. Dem Chefarzt fiel die Kinnlade nach unten. Vor allem brauchte ewig, ehe er seine Sprache wiederfand. Etwas, dass beim Chefarzt selten vorkam. Er konnte nicht fassen, was er von seinem Vorgesetzten zu hören bekam.
"Franz, das ist jetzt nicht dein Ernst oder?"
Hunsinger sah Jacob offen an. "Doch Fritz, das ist mein voller Ernst. Ich verstehe nicht, dass du mich um meinen wohlverdienten Schlaf bringst, wegen solcher Banalitäten. Du steigerst dich in etwas rein, dass so nicht stimmt. Diese Kinder da unten wurden gezüchtet, um Soldaten zu werden. Dann haben sie einen Mord begangen, an einem kleinen kranken und völlig unschuldigen Mädchen. Was verlangst du? Das wir sie in Zuckerwatte einpacken?"
Jacob war nicht in der Lage ein Wort zu sagen. So fassungslos war er, von der Reaktion Hunsingers.
"Franz, die Kinder haben keinen Mord begangen. Das weißt du genauso gut wie ich. Sogar die Spurensicherung hat das ergeben. Außerdem war ich dabei. Ich habe gesehen, was passiert ist. Sigmar hat die Tür geknallt. Wenn es hier einen Schuldigen gibt, dann ist das Sigmar. Ich habe ihm mehrmals gesagt, dass Ilka unten auf der 6/blau nicht zu suchen hat, er wollte das nicht hören. Dann lässt er das Mädel alleine in dem Raum und knallt beim Zurückkommen dermaßen mit der Tür, dass sich seine Tochter nach ihm umdreht. Denn nur durch den Knall drehte sich Ilka um und genau in den Schlag von Sneimy rein. Weder du, noch ich, hätten in derselben Situation, irgendetwas tun können. Selbst wir hätten Ilka das Genickt gebrochen. Sneimy ist völlig unschuldig. Selbst wenn ihr Sneimy die Schuld an Ilkas Tod gebt, keines der anderen Kinder trifft eine Schuld. Sigmar, hätte Ilka nie nach unten bringen dürfen."
Hunsinger schüttelte vehement den Kopf, zu jedem Wort das Jacob sagte. Er wollte einfach die Wahrheit nicht zuhören. Schon gar nicht anerkennen, was der Chefarzt seines Projektes da an Argumenten vorbrachte.
"Fritz, es zählt nur eine einzige Tatsache. Ilka ist durch die Hand eines der Kinder gestorben. Alles andere zählt nicht. Begreife endlich, dass wir da unten Monster geschaffen haben. Diese Monster haben kein Recht zu leben", ernst sah er Jacob an.
"Franz, das ist nicht deine wirkliche Meinung oder?"
Hunsinger nickte dieses Mal.
Allerdings brachten ihn Jacobs nachfolgenden Worten dazu, seinen Chefarzt entsetzt anzugucken, da er mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatte. Ganz leise, aber überdeutlich sprach Jacob zu ihm:
"Dann Genosse Oberst, sind wir fertig miteinander. Bitte verlassen sie meine Wohnung und nehmen sie ihren Adjutanten gleich mit. Fahren sie nach Berlin zurück und den Rest erledigen wir auf dem Dienstweg. Wir sind fertig miteinander. Sie sind genauso ein Verbrecher, wenn sie diese Misshandlungen dulden, wie diejenigen die sie durchführen. Auf Wiedersehen", Jacob stand auf und zeigte Hunsinger wo sich die Tür befand und forderte ihm und seine Begleitung auf zu gehen.
"Fritz…"
"Für sie, Genosse General, ab sofort nur noch die offizielle Anrede. Genosse Oberstleutnant oder Genosse Chefarzt oder Genosse Jacob und bitte sprechen sie mich ab dem heutigen Tag, mit dem nötigen Respekt an. Mit solchen Unmenschen wie ihnen, die blind und taub durchs Leben gehen und zusehen wie man Kinder quält, möchte ich nicht einmal bekannt sein. Das da unten, Genosse General sind gerade einmal vier Monate alte Kinder. Diese Kinder wurden zwar gezüchtet, es sind und bleiben, aber trotzallem Kinder. Diese armen kleinen Wesen haben nach nur vier Monaten Lebenszeit, völlig aufgegeben. Wenn sie nicht für diese Kinder kämpfen, ich schon. Wenn sie mich nicht mehr als Chefarzt wollen, dann müssen sie mich töten lassen, genau wie sie es mit Hillinger getan haben", Jacob sah seinen Projektleiter mit einem so hasserfüllten Blick an, dass dem Projektleiter Gänsehaut über den Körper lief. "Ach und noch eins, Genosse General. Stellen sie sicher, dass die fünf Sportschwestern, die ihnen zustehende Abfindungen und eine ordentliche Beurteilung bekommen. Sollte nach dem Verlassen des Projektes, auch nur einer der Schwestern irgendetwas passieren...", Jacob machte nach der Aufzählung einiger möglicher Todesursachen, eine Kunstpause. "... wie plötzlicher Herztod ... eines plötzlichen Unfalls ... eines Brandes ... einer schrecklichen ungeklärten Erkrankung ... nur um einige zu nennen ... Sollte ich auch nur den Hauch eines Verdacht haben, dass jemand aus meinem Teams eines unnatürlichen Todes gestorben sei, dann Genosse General sollten sie sich frisch anziehen. Sie sollten nämlich eins wissen, ICH FINDE SIE ÜBERALL", betonte Jacob jedes Wort überdeutlich und sprach im gleichen leisen Ton weiter. "Glauben sie mir Genosse General, ich werde Mittel und Wege finden, um sie zur Strecke zu bringen, dann Gnade ihnen Gott. Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen. Sie wollen mich wirklich zum Feind haben? Dann lernen sie erst einmal mit meiner Feindschaft umzugehen", wies Jacob seinen Chef darauf hin, dass er auch anders konnte, als lieb und nett sein. "Das was hier läuft, ist Menschenverachtend. Meine Mitarbeiter werden gefoltert und misshandelt, genau wie unsere Zöglinge. Bitte verlassen sie meine Wohnung und zwar sofort", sprach der Chefarzt leise aber in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.
Jacob lief auf die Tür zu, öffnete sie und wies hinaus. Die letzten Worte sprach er noch leiser, aber sehr bestimmt. Jedes der Worte betonte er sehr, um deutlich zu machen, dass er keinen Widerspruch zulassen würde.
"Fri…", versuchte es Hunsinger noch einmal.
"Genosse Oberstleutnant oder Oberstabsarzt Jacob oder Genosse Jacob bitte", bat sich Jacob eine korrekte Anrede aus.
Hunsinger sah Jacob ungläubig an. Er konnte nicht fassen, was hier geschah. "Genosse Oberstleutnant, das ist jetzt nicht ihr Ernst. Sie können mich nicht einfach aus ihrer Wohnung schmeißen", fassungslos starrte Hunsinger auf den Chefarzt des Projektes. Bis zum heutigen Tage konnte er sich auf seinen Teamleiter stets verlassen. Wieso reagierte dieser jetzt so völlig unkontrollierbar?
"Genosse General, gehen sie jetzt freiwillig oder muss ich den Sicherheitsdienst rufen?", erkundigte sich Jacob jetzt deutlich lauter.
"Wir gehen ja schon. Aber dies wird Folgen für sie haben", drohend erhob sich Hunsinger.
Wie selbstverständlich wollte der Adjutant Hunsingers, die Unterlagen von Jacob zusammenräumen und mitnehmen.
"Das bleibt alles hier", befahl Jacob dem rangniedrigeren Offizier. Der ließ darauf hin, die Unterlagen wieder auf den Tisch fallen.
Hunsinger drehte sich genervt um und starrte böse Jacob an. "Dies sind Unterlagen, die dem Staat gehören", schrie Hunsinger Jacob jetzt wütend an.
"Da irren sie sich Genosse Oberst. Die staatlichen Unterlagen hängen ordentlich in Dossiers sortiert im Aktenschrank. Die Unterlagen auf dem Tisch sind meine persönlichen Patientenunterlagen. Auch wenn sie hier im Projekt gemacht wurden, kann ich sie ihnen nicht ohne richterlichen Beschluss herausgeben. Ich unterliege als Arzt der Schweigepflicht und darf diese Unterlagen nur mit Einwilligung meiner Patienten oder mit richterlichem Beschluss herausgeben. Der Rest der Aufzeichnungen sind meine privaten Unterlagen und Studien. Selbst für diese Dokumentationen benötigen sie einen Gerichtsbeschluss. Auch dann, wenn es sich hier um eine vom Militär finanzierte Forschungseinrichtung handelt, gelten für Patientenunterlagen, die gleichen Gesetze wie unter normalen Umständen. Genosse General sie wollten einen Krieg, sie wollten mich zum Feind, leben sie auch mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Sie können diesen Krieg gerne haben. Lassen sie uns in Ruhe, dann lassen wir sie in Ruhe. Damit meine ich nicht nur mich, sondern all meine Mitarbeiter, aber auch die Kinder. Raus jetzt hier, bevor ich meine gute Erziehung vergesse. Dann kann es nämlich passieren, dass ich sie hinaus prügle. Unmenschen wie sie und ihren Adjutanten haben in meiner Wohnung nichts zu suchen."
Der sonst Hunsinger gegenüber immer ruhige gebliebene Jacob, wurde jetzt auch richtiggehend laut. Völlig fassungslos verließen Hunsinger und sein Adjutant, Jacobs Wohnung. Mit allem hatten die beiden Militärs gerechnet, aber nicht mit dieser Reaktion des Chefarztes. Jacob räumte sofort die Unterlagen zusammen und packte diese in einen Karton. Damit bewaffnet fuhr er nach unten auf die 6/blau. Stellte den Karton auf den Schreibtisch.
"Keiner fasst das hier an", befahl er im strengen Ton. Dann lief er nach hinten zu Rashida und Lyn.
"Rashida, frido semro. Bitte mein Mädchen wache auf, ich brauche sofort eure Hilfe."
Rashida sah verschlafen zum Doko hoch.
"Rashida bitte, ich brauche eure sofortige Hilfe. Es ist verdammt wichtig, sonst würde ich dich nicht wecken. Kannst du für mich hier etwas verstecken. Wo es niemand findet. Bitte es ist wirklich sehr wichtig."
Jacob wusste, dass Lyn oder sogar alle Kinder ein geheimes Versteck hatten. Schon einige Male war Lyn, vor ihrem Koma, in der Nacht für Stunden spurlos verschwunden. Jacob hatte eine Weile vergebens Nachforschungen angestellt. Er kam nicht hinter Lyns Geheimnis. Er wollte sie auch nicht darauf ansprechen. Das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen war viel zu sehr gestört, als dass ihm die Kinder ein Geheimnis anvertrauen würden. Da die Kinder von den Schwestern und Betreuern unbemerkt, immer rechtzeitig auftauchten, war es ihm mittlerweile egal. Sollte sie sich einfach einmal zurückziehen, jeder Mensch brauchte ein wenig Freiraum, auch diese Kinder hier. Jetzt allerdings, könnte er ein gutes Versteck sehr gut gebrauchen. Er musste diese Unterlagen unbedingt in Sicherheit bringen. Der Chefarzt traute Hunsinger langsam alles zu. Vor allem, dass er diese Unterlagen verschwinden lassen wollte. Inzwischen war auch Lyn aufgewacht. Jaan und Sneimy kamen ebenfalls zum Bett der beiden Mädchen gelaufen.
"Bitte, ich würde euch nicht darum bitten, wenn es nicht wichtig wäre."
Einen Moment guckten sich die Kinder an, dann nickten alle. Jaan der größte Junge aus der Gruppe, erkundigte sich flüsternd.
"Sir, was sollen wir für Sie verstecken, Sir?"
Jacob sah Rashida an, diese nickte. "Jaan, es sind meine privaten Aufzeichnungen der letzten Wochen. Von all den Verletzungen, die ihr hattet. Alle Fotos, Röntgenaufnahmen in der Art, die ich seit Monaten mache. Ich habe mich gerade sehr mit meinem Vorgesetzten in die Haare bekommen. Ich denke der hat vor diese Unterlagen verschwinden lassen. Er wird in wenigen Minuten wieder da sein und diese Unterlagen von mir verlangen. Ich möchte diese aber nicht einfach so unter den Tisch fallen lassen, verstehst du."
Aufmerksam beobachtete Jacob den Jungen und raufte sich verzweifelt die Haare.
Jaan nickte.
"Es tut mir leid Kinder. Ich wollte euch helfen, wirklich nur helfen. Aber langsam habe ich das Gefühl, dass ich alles für euch nur schlimmer mache", Jacob stützte seinen Kopf mit den Händen und rieb sich verzweifelt das Gesicht. Traurig sah er die Kinder an.
"Ich glaube, dass nur noch die Schwestern, Doktor Zolger, Doktor Anderson und ich daran interessiert sind, dass es euch gut geht. Es tut mir leid. Morgen werdet ihr wohl wieder ausbaden müssen, was ich heute Gutes tun wollte. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich mich auf Hunsinger verlassen kann. Aber jetzt weiß ich, dass wir uns nur noch auf uns alleine verlassen können", völlig verzweifelt sah er die Kinder an.
Jaan schüttelte den Kopf. "Sir, sie können nichts dafür, Sir. Uns kann niemand helfen, Sir. Am Besten sie lassen es wie es ist, Sir. Dann ist es wenigstens nicht ganz so schlimm, Sir. Wo sind die Sachen, die ich verstecken soll, Sir?"
Jacob hörte an der Stimme Jaans, dass die Kinder völlig aufgegeben hatten. Dem Chefarzt liefen Tränen der Wut und der Verzweiflung über die Wangen. Lyn stand auf und lief auf ihren Doko zu. Auch wenn sie kein Wort sagte, war diese Geste mehr wert, als hunderttausend Worte. Sie setzte sich auf Jacobs Schoss und lehnte sich an ihn. Dann wischte sie mit der anderen Hand dessen Tränen weg.
"Danke Lyn. Jaan die Kiste die vorn auf den Schreibtisch steht."
Jaan sah den Arzt einen Moment prüfend an, dann seine Kameraden. Einen Moment sahen sich die Kinder schweigend an, so als ob sie miteinander beratschlagten, was sie zu tun gedachten. Leise kaum hörbar, bat Jaan den Chefarzt.
"Doko Sir, können sie mit den Schwestern kurz nach draußen gehen bitte, Sir. Dann verstecke ich die Sachen für sie, Sir."
"Danke ihr Vier", Jacob stand auf und setzte Lyn aufs Bett. Sofort ging er nach vorn zu den Schwestern. "Bitte, ich möchte euch einen Moment draußen vor der Tür sprechen", forderte er die Schwestern auf.
Die folgten Jacob vor die Tür. "Hört zu, ich hatte gerade Besuch von General Hunsinger. Wir bekommen auch von ihm keine Unterstützung…" Kurz und bündig erzählte Jacob, was er gerade erlebt hatte.
Kopfschüttelnd hörten die Schwestern zu.
"… also sind wir auf uns alleine gestellt. In der Kiste die auf den Schreibtisch stand, sind die Unterlagen von den Misshandlungen der Kindern und der Sportschwestern zeugen. Die Kinder verstecken diese Unterlagen für mich, an einen Ort, den nur sie kennen. Damit diese nicht einfach so zur Seite geschafft werden können. Diese Unterlagen werde ich dazu nutzen, dass ihr in Sicherheit seid", ernst sah er die Schwestern an, alle nickten. Bei Jacobs Worten war ihnen klar geworden, dass sie einen Kampf führten, in dem sie auf keine Unterstützung hoffen konnte, von keiner Seite.
"Egal, ich werde trotzdem zu meinen Kindern halten", Alma sagte den Satz in einem trotzigen Ton.
Der aber auch von den anderen Schwestern bestätigt wurde, entweder durch ein. "Ja." Oder aber durch andere, ähnlich klingenden Sätze. Plötzlich öffnete sich die Tür vom Kinderraum ein wenig. Jaan sah durch den Spalt, nickte und war sofort wieder verschwunden.
"Dann helft ihr mir wenigstens, den Kindern das Leben ein wenig angenehmer zu gestalten. Wenn wir so schon nichts für die Kleinen tun können. Danke."
Jacob ging zur Tür und betrat den Raum. Die Kiste auf dem Tisch war verschwunden. Die Schwestern gingen in die Kochnische und bereiteten das Frühstück für die Kinder vor. Jacob allerdings ging nach hinten, an das Bett von Rashida und Lyn. In dem jetzt auch Jaan und Sneimy saßen. Er musste die Kinder auf den heutigen Tag vorbereiten. Mit allen hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass nun auch noch Hunsinger ihn in Stich ließ.
"Könntet ihr bitte alle anderen wecken und an den Tisch bitten. Ich möchte und muss mit euch eine kleine Versammlung machen."
Lyn, Rashida, Jaan und Sneimy nickten. Sie kümmerten sich darum, dass alle geweckt wurden. Jacob ging nach vorn an den Tisch und setzte sich auf den gewohnten Platz. Keine zwei Minuten brauchten die dreiundachtzig Kinder, um sich an dem Tisch einzufinden. Alle bekamen als erstes ihren Frühstücksbrei und eine Tasse Wasser. Jacob allerdings eine Schnitte und einen Pot Kaffee.
"Lasst es euch schmecken. Es tut mir leid, ich habe wieder einmal eine schlechte Nachricht für euch. Ich habe heute Nacht den letzten Versuch unternommen, für euch eine kleine Verbesserung zu erreichen. Wie immer ging dies gewaltig nach hinten los. Ich kann es leider nicht ändern. Ich glaube die Betreuer werden euch heute wieder dafür bestrafen, dass ich meinen Mund nicht halten konnte. Langsam aber sicher habe ich das Gefühl, dass ich egal was ich unternehme, alles nur noch schlimmer für euch mache. Ab heute sind wir auf uns alleine gestellt. Ich bekomme von keiner Seite irgendeine Hilfe. Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, wie ich euch überhaupt noch beschützen soll. Wirklich ich weiß mir keinen Rat mehr. Am liebsten würde ich hier verschwinden, nur dann seid ihr ganz alleine und es ist keiner mehr da, der noch zu euch hält. Ich weiß nicht mehr weiter", verzweifelt sah Jacob seine Kinder an.
Nummer 3 ein etwas pummeliges Mädchen mit braunen Haaren, aber wunderschönen smaragdgrünen Augen, wandte ganz leise an Jacob. Obwohl sie bis zum heutigen Tage nie gesprochen hatte. "Sir, danke, Sir."
Jacob sah diese an. "Sagst du mir wie du heißt? Für was bedankst du dich?"
Lange sah Nummer 3 den Arzt an. "Sir, weil sie uns helfen wollten, Sir. Es ist nicht schlimm, Sir. Wir überleben das schon, Sir", flüsterte sie leise.
Kurz sah sie zu Rashida und Lyn, als würde sie sich von den Dreien die Erlaubnis holen, dann zu Jaan. Alle drei nickten ihr aufmunternd zu. Immer wieder stellte Jacob fest, dass es hier im Raum eine Art Rangordnung gab. Einige der Kinder bestimmten, was geschah und was nicht. Sie hatten die Führung hier im Kinderraum übernommen. Wahrscheinlich ging es Jacob durch den Kopf, war dies bei der Menge der Kinder sonst gar nicht möglich, in Ruhe mit einander zu leben. Auffällig war es schon, dass es niemals Streit oder Auseinandersetzungen zwischen den Kindern gab. Das war für Jacob eines der vielen Rätsel, die er nicht verstand.
"Sir, man nennt mich Kyra, Sir", verriet ihm Nummer 3.
Jacob stand auf, ging zu dem Mädchen, welches ihn ängstlich ansah und sich sofort körperlich zurückzog. Der Chefarzt beugte sich zu ihr hinunter, gab ihr trotzdem einen Kuss auf die Stirn. "Kyra du müsstest eigentlich wissen, dass ich dir nichts tue. Du brauchst vor mir keine Angst zu haben. Danke, dass du mir deinen Namen verrätst. Aber es ist sehr schade, dass ich euch nicht helfen kann", damit ging er wieder zu seinem Platz, um sich zu setzen.
"Sir, es ist nicht schlimm, Sir", flüsterte Kyra.
Traurig sah er seine Kinder an. "Ich muss wieder nach oben. Tut mir leid, dass ihr wegen mir einen schlimmen Tag vor euch habt. Bitte Kinder, wenn etwas ist, sagt mir einfach Bescheid. Ich bin Tag und Nacht für euch da."
Die Kinder nickten.
An die Freunde von Lyn gewandt. "Danke für eure Hilfe."
Jacob wollte gerade gehen, als Lyn hinter ihm her kam und ihm am Ärmel zupfte. "Was ist Lyn?"
Er hockte sich zu dem kleinen Mädchen, das sich so von den anderen Kindern unterschied. Lyn schlang ihre Arme um Jacobs Hals und drückte ihn. Dann ging sie nach hinten in ihr Bett, rollte sich darauf zusammen. Ein kleines Lächeln huschte über Jacobs müdes Gesicht. Mit diesem Lächeln im Gesicht drehte er sich um und verließ den Raum.
Der Chefarzt fuhr nach oben, auf die 6/rot, dann in seine Wohnung. Nahm einige leere Ordner weißes unbeschriebenes Papier, allerdings auch einige misslungene Röntgenaufnahmen, schmiss dieses in den Kamin und zündete alles an. Im Anschluss ging Jacob ins Bad, um sich zu duschen. Schlafen gehen lohnte nicht mehr. Außerdem hatte er so viel Arbeit die liegengeblieben war, dass er dazu gar keine Zeit hatte.
Verwundert stellte Jacob fest, dass weder Chris noch Heiko zum Frühstück erschienen waren: Ihm schwante Schlimmes. Es war jetzt schon 7 Uhr 30 in der Früh. Anna bereitete gerade das Frühstück vor, sah verwundert auf den müde wirkenden Jacob. Bevor diese etwas sagen konnte, war er bereits im Bad verschwunden. Nur zehn Minuten später saß er geduscht und rasiert, mit sauberen Sachen am Frühstückstisch.
"Fritz, erkläre mir bitte einmal, was ist los? Du warst doch überhaupt nicht schlafen."
Jacob kam nicht mehr dazu zu antworten. Es klingelte in diesem Moment an der Tür. Hunsinger und sein Adjutant, begleitet von Chris Martin stand davor. Aber auch Heiko Corsten, beide sahen Jacob verzeihend an.
"Was wollen sie noch von mir, Genosse General? Ich hatte sie gebeten zu gehen, lassen sie mich einfach mit ihrem unmenschlichen Gehabe in Ruhe. Mir wird schlecht, wenn ich Leute wie sie sehe. Das, was sie mir heute Nacht an den Kopf geschmissen haben, war zu abscheulich, als dass weiterhin eine freundschaftliche Zusammenarbeit möglich wäre. Wenn ihnen die arschkriecherische Meinung ihres Adjutanten wichtiger ist, als die fachmännische Meinung ihres Chefarztes, der in der Lage ist diese Dinge auf den Punkt genau einzuschätzen, dann Genosse Oberst haben wir uns nichts mehr zu sagen. Verschwinden sie einfach, so gut es geht aus meinem Leben. Wenn sie mit mir als Chefarzt Probleme haben, dann suchen sie sich einen anderen Idioten, der ihre Drecksarbeit macht. Solange ich hier Chefarzt bin, werde ich alles zum Schutz meiner Schützlinge und Mitarbeiter tun. Vor allem werde ich mich mit all meiner Kraft, für den Schutz der mir anvertrauten Kinder einsetzen. Wenn sie die Unterlagen wollen, dann kommen sie zu spät, die habe ich alle verbrannt. Also lassen sie mich in Ruhe frühstücken. Ich bin nach gestern Nacht, absolut nicht mehr in der Stimmung mit ihnen zu reden. Es ist die zweite Nacht in der ich nicht eine Minute geschlafen habe. Verschwinden sie einfach", Jacob ließ Hunsinger einfach nicht zu Wort kommen, egal wie oft dieser versuchte dem Chefarzt ins Wort zu fallen. Jacob knallte seinem Projektleiter einfach die Tür vor der Nase zu. Hunsinger klingelte Sturm. Nach zwei Minuten öffnete der Chefarzt erneut die Tür. Jacob machte ein sehr genervtes Gesicht und seine Stimme klang sehr ungehalten.
"Bitte, was wollen sie noch?"
"Fritz…"
Jacob fiel Hunsinger ins Wort und korrigierte seinen Vorgesetzten ein drittes Mal. "Genosse Oberstleutnant bitte oder Oberstabsarzt Jacob oder einfach Genosse Jacob, genügt mir als Anrede. Ich bitte sie um eine korrekte Ansprache und die Einhaltung des Dienstweges, Sir. Entschuldigen sie bitte, dass ich den Sir vergessen habe, Sir. Das möchten sie ja bestimmt genau so, wie die Betreuer, Sir. Jetzt da sie der Meinung sind, dass sie die besseren Menschen wären, Sir. Wollen sie mich jetzt auch schlagen, Sir?", provozierte Jacob Hunsinger bis zum Äußersten.
Jacob war so geladen, dass er sich nicht mehr hundertprozentig kontrollieren konnte. Er sprach zwar leise, aber übertrieben höflich. Ihm war schon bewusst, dass er den Bogen bei weitem Überspannte. Allerdings wusste er auch, dass Hunsinger die Hände gebunden waren. Er konnte seinen Chefarzt nicht so einfach entlassen, ohne das Projekt zum Abstürzen zu bringen. Es gab viel zu viel Hintergrundwissen, dass sich ein neuer Chefarzt gar nicht so schnell aneignen konnte, um Jacob ersetzbar zu machen. Die Position des Chefarztes, so hatte ihm Hunsinger vor einem Jahr einmal gestanden, war zu komplex, als das er ihn feuern könnte. Der General stand mit dem Kopf schüttelnd vor der Tür und wusste nicht mehr, was er dazu sagen sollte. Hilfesuchend sah er seinen Adjutanten an.
Dieser griff jetzt ein "Genosse Jacob, übergeben sie uns sofort alle Unterlagen, die sie uns in der Nacht gezeigt haben."
Jacob grinste dem Adjutanten hämisch ins Gesicht, genau das hatte er erwartet. "Anna Schatz...", wandte er sich freundlich an seine Freundin. "...kannst du mir bitte ein ‚Neues Deutschland‘ bringen. Eins dass ich noch nicht gelesen habe", bat er seine Freundin lächelnd.
Anna sah ihren Freund, überrascht von der Küche aus an, stand aber auf und brachte ihm wortlos die Zeitung. Der Chefarzt ging zum Kamin, nahm die Schaufel und beförderte die Asche auf die Zeitung. Er schlug diese zusammen und lief mit ernstem Gesicht auf Hunsinger und seinen Adjutanten zu. Übertrieben höfflich reichte er dem Letzteren das Paket mit der Asche.
"Bitte, ihre Unterlagen", sagte der Chefarzt.
Jacob legte so viel Ironie in der Stimme, wie es nur ging und grinste breit. Dann ließ er die Tür einfach offen, ging zu Anna, sagte ihr etwas ins Ohr. Diese lief sofort in die Küche. Jacob drehte sich abermals um. "Was ist noch?"
Hunsinger war so perplex vom Jacobs Verhalten, dass er gar nicht wusste, was er sagen sollte. Solch ein unerhörtes Betragen hatte er seinem Chefarzt nicht zugetraut. Hunsingers Adjutant allerdings, war solch eine Behandlung nicht gewöhnt. Seine Wut auf Jacob, der ihn heute Nacht um den Schlaf gebracht hatte und mit dem er in den letzten Monaten einige böse Zusammenstöße hatte, schoss ins Unendliche und er rastete völlig aus. Als Jacob auf ihn zukam, schlug er diesen einfach nieder. Jacob der mit dieser Reaktion gerechnet hatte, ließ sich einfach fallen. Obwohl der Schlag ihn, nicht wirklich zu Boden schmiss. Er wollte Hunsinger die Reaktion seines Adjutanten, den er wohl richtig eingeschätzt hatte, vor Augen führen. Dieser schlug auf den jetzt am Boden liegenden und sich nicht wehrenden Jacob ein. Zum Schluss trat dieser sogar mit Füßen nach dem Chefarzt.
"Rücken sie die Unterlagen raus, Jacob und das sofort", brüllte der Adjutant den Chefarzt an und verprügelte nebenher, einen im Rang über ihn stehenden Offizier.
Jacob lag jetzt blutend am Boden und versuchte sich so gut es ging zu schützen. Einer dieser Tritte brach Jacob das Nasenbein und auch einige seiner Rippen wurden in Mitleidenschaft gezogen, das war es dem Chefarzt aber wert.
Jetzt reicht es Heiko Corsten und Chris Martin, die nun eingriffen.
"Jetzt ist aber Schluss hier. Was hat ihnen der Doktor eigentlich getan, dass sie ihn totschlagen wollen. Hören sie sofort auf einen Wehrlosen Mann zu schlagen", befahl Martin ziemlich unwirsch. "Heiko, Udo, Karsten, Bernd ihr bringt die Beiden sofort zu ihrem Heli. Sorgt dafür, dass die zwei Herren sofort das Projekt verlassen. Ich glaube ich spinne."
Nach einem kurzem Kampf, dem der Adjutant des Oberst nichts entgegenzusetzen hatte, wurden beide in einem sicheren Griff, abgeführt. Chris Martin lief zum nächsten Telefon, um Anderson zu rufen.
"Lass gut sein Chris, es ist nicht so schlimm wie es aussieht. Das heilt wieder", rief ihm Jacob hinterher.
Martin kam zurück, um Jacob aufzuhelfen. "Fritz, was sollte das? Musstest du Hunsinger so provoziert? Musste das wirklich sein?"
Jacob humpelte ins Büro. Er hat leider mehr abbekommen, als er annahm. "Ja, das musste sein Chris. Jetzt kennst du die Position von Hunsinger. Ich wollte, dass du siehst, auf wessen Seite dieser Arsch steht", stöhnend rieb sich Jacob die Rippen.
Er holte sich eine Kompresse aus der Arzttasche und drückte sie auf die Nase. Leider half das nicht wirklich. Das Bluten wollte einfach nicht aufhören.
Chris Martin schüttelte den Kopf, ging ans Telefon, um Anderson anzurufen. "Jim, hier ist Chris. Kannst du bitte mal zu Fritz kommen, den hat man gerade zusammengeschlagen und es hat ihn ganz schön erwischt."
"Ja, Chris ich komme gleich", sofort legte Anderson auf, war nach kaum acht Minuten in Jacobs Wohnung.
Der Arzt betrat diese ohne zu klingeln, da die Tür von Jacobs Wohnung immer noch sperrangelweit offen stand.
"Um Gottes Willen, wer war das?", wollte Anderson sofort wissen und untersuchte Jacob genau.
Anderson stellte fest, dass Jacob wohl eine gebrochenen Rippe und ein gebrochenes Nasenbein abbekommen hatte. "Komm mit nach unten auf die 6/rot. Ich muss dich röntgen."
Anderson schob, keine Diskussion duldend, Jacob zum Aufzug und fuhr mit ihm nach unten. Nach fünfundzwanzig Minuten kam Jacob verbunden, geröntgt und mit einer frisch genähter Nase nach oben. Dort fand er immer noch Chris Martin, Heiko Corsten vor, die mit Anna am Frühstückstisch saßen. Anna sah völlig verweint aus und sah ihren Freund entsetzt an. Als Jacob den Raum betrat, sprang sie auf und wollte Jacob um den Hals fallen.
"Nicht mein Engel. Zwei Rippen hat es böse erwischt, sei vorsichtig mit deinem Helden", berichtete Jacob näselnd, durch die kaputte und geschwollene Nase, sprach er etwas eigenartig.
"Ach Manne. Fritz, was sollte das werden, warum lässt du dich zusammenschlagen? Du hättest dich doch wehren können", machte Anna ihn verwundert darauf aufmerksam, dass sie nicht verstand, dass er sich nicht verteidigt hatte.
Jacob grinste verlegen. "Klar, das hätte ich machen können. Aber überleg doch mal, was die dann gesagt hätten? Dann nämlich würde es heißen, ich hätte angefangen. So hab nur ich Beulen und die anderen nicht. Glaube mir, ich hätte gern zurück geschlagen. Aber so gehen Hunsinger die Argumente aus. Vielleicht fängt er auf diese Weise einmal an ein kleines bisschen nachzudenken, dass hier einiges schief läuft."
"Ja aber warum, Fritz?", wollten jetzt Corsten und Martin und erst Recht Anderson wissen.
"Weil er der Meinung ist, unsere Kinder wären alles Mörder. Sie hätten Ilka auf dem Gewissen. Was soll ich dazu noch sagen? Selbst die Spurensicherung hat bewiesen, dass es ein tragischer Unfall war."
Lange noch saßen die Fünf zusammen. Sie diskutieren über das Vorgefallene. Sogar Zolger stieß etwa eine halbe Stunde später dazu. Man spielte alle Möglichkeiten durch, die man jetzt noch hatte. Stellte aber fest, dass es kaum eine Möglichkeit gab, die Kinder zu beschützen. Solange man keine Unterstützung von Hunsinger bekam, war dieser Schutz nicht umsetzbar. Die Unterstützung von höherer Stelle, so hatten auch die anderen mittlerweile begriffen, würde man aber nicht bekommen.
Hunsinger war viel zu weit weg, hatte zu viele andere lösbare Probleme, als dass er Jacob nach dem Vorgefallenen noch unterstützen würde. Außerdem müsste er gegen den Strom schwimmen und kämpfen, dies jedoch schien nicht seine Art zu sein. Hunsinger zog das bequeme Leben und die Ruhe vor. Ließ sich außerdem leicht von anderen beeinflussen. So dass man jetzt nur für die Kinder hoffen konnte.
Es war schon kurz nach 13 Uhr, als Jacob nach unten auf die 6/blau fuhr, um nach seinen Kindern zu sehen. Diese kamen gerade von ihrer ersten Unterrichtseinheit zurück. Jacob ging hinter zu Lyn und Rashida, den beiden Kindern zu denen er die meiste Bindung aufgebaut hatte.
"Wie war euer Tag? War er sehr schlimm?", fragte er die Mädels.
Rashida nickte, legt sich völlig geschafft auf das Bett, Lyn legte sich daneben, sofort schienen die Beiden zu schlafen. Eine Weile blieb Jacob noch sitzen, um ihnen beim Schlafen zu zusehen. Er streichelte den Mädchen das Gesicht. Mühsam stand er auf und wollte nach oben gehen, um sich hinzulegen. Als er am Bett von Jaan vorbei kam, sah dieser ihn fragend an. Jacob ging zu dem Jungen und setzte sich auf dessen Bett.
"Jaan, was hast du? Komm rede mit mir", erkundigte er sich bei dem Buben.
Der schaut zu dem Arzt hoch. "Sir, darf ich offen sprechen, Sir?"
Jacob nickte. Er sah traurig zu Jaan, dessen Gesicht auch nicht besser aussah als seins. "Du kannst über alles mit mir reden, ohne zu fragen, das weißt du doch."
"Sir, was ist mit ihnen geschehen, Sir? Wer hat ihnen das angetan, Sir?", wollte er wissen.
Jacob streichelte vorsichtig das zerschlagene Gesicht von Jaan. "Eigentlich habe ich mir das selber angetan. Ich habe Hunsinger etwas zu sehr provoziert. Es ist aber egal. Wichtig ist nur, dass ich jetzt zu hundert Prozent weiß, dass uns keiner helfen wird, euch zu beschützen. Stelle ich mich offen gegen diese Machenschaften des Institutes, werde ich genauso behandelt wie ihr. Jaan, ich kann euch leider nicht vor allem beschützen. Aber ich werde euch wenigstens helfen, es einigermaßen zu ertragen. Es tut mir leid, dass ich nicht mehr tun kann. Aber weißt du, wir haben hier noch viele Freunde. Chris Matin, Heiko Corsten, Doktor Zolger und Doktor Anderson und alle Schwestern, halten zu mir und zu euch. So können wir wenigstens euer Leid etwas lindern. Mehr kann ich leider nicht mehr machen, ohne euch zu gefährden."
Jaan sah Jacob traurig an. Blickte dann nach hinten zu Lyn. "Sir, die Betreuer haben Lyn heute wieder böse zusammen geschlagen, Sir. Ihr geht es gar nicht gut, Sir."
Erschrocken sprang auf Jacob, stöhnte vor Schmerzen auf, blickte nach hinten. "Warum sagen die Mädchen nichts?", versuchte Jacob zu sprechen.
"Sir, sie haben zu niemanden mehr Vertrauen, Sir. Bitte unternehmen sie nichts mehr, um uns zu schützen, Sir. Dadurch wird es nur noch viel schlimmer, Sir."
Jacob hatte sich gefangen und wollte nach hinten zu den beiden Mädchen, doch Jaan hielt ihn einfach am Ärmel fest.
"Sir, lassen sie die beiden schlafen, Sir. Das hat denen immer noch am besten geholfen, Sir. Wenn etwas Schlimmes ist, dann sage ich ihnen Bescheid, Sir. Das verspreche ich ihnen, Sir."
Jacob zog den Jungen an sich heran, gab ihm einen Kuss auf die Stirn. "In Ordnung, ich will dir vertrauen. Dann schlafe noch etwas. In fünfunddreißig Minuten müsst ihr wieder zum Unterricht. Ich lege mich auch etwas hin. Ich bin todmüde", Jacob ging noch einmal vor zu Schwester Doris, die am Schreibtisch saß, mit einer Kerze. "Doris, wenn etwas ist, dann ruft ihr mich sofort an. Achten sie bitte etwas auf Lyn und Rashida. Ich glaube die haben heute wieder tüchtig etwas abbekommen."
"Was in Gottes…"
Weiter ließ Jacob seine Oberschwester nicht reden. "Ist egal. Ich habe mich etwas mit dem Adjutanten von Hunsinger angelegt, das heilt wieder. Ruf mich an, wenn etwas ist. Ich muss unbedingt ein bisschen schlafen."
Doris bestätigt, dass sie verstanden hat. Daraufhin verließ Jacob den Kinderraum und fuhr nach oben in seine Wohnung. Kaum, dass er diese betreten hatte, kam Anna auf ihn zugestürmt.
"Fritz, gut dass du kommst. Du möchtest Hunsinger bitte umgehend anrufen. Der hat jetzt schon zehnmal angerufen."
Jacob schüttelte den Kopf. "Das mache ich, wenn ich geschlafen habe oder wenn ich irgendwann einmal Lust dazu verspüre. Ich bin total völlig fertig. Wenn der etwas will, soll er morgen oder am späten Abend anrufen. Ich muss heute erst einmal schlafen. Sag ihm von mir aus, ich wäre zusammengebrochen und hätte eine schwere Gehirnerschütterung, durch die Tritte seines Adjutanten. Ich könnte nicht mit ihm reden, da ich fest im Bett liege und schlafen würde, was ja auch stimmt. Anna, Schatz, bitte ich bin schon seit fast dreiTagen auf den Beinen."
Anna nickte stumm. Jacob war schon auf den Weg ins Bad, um zu duschen. Nachdem Anna ihn neu verbunden hatte, legte er sich hin. Es dauerte keine Minute da war der Chefarzt fest eingeschlafen. Anna kümmerte sich derweilen, intensiv um ihr Studium. Bei ihr standen die ersten wichtigen Prüfungen an.
Am späten Abend, kurz nach 23 Uhr rief Hunsinger nochmals bei den Jacobs an, um sich für das Geschehene zu entschuldigen. Das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Männern war vollständig zerbrochen. Jacob räumte Hunsinger auch keine weitere Chance ein. Deshalb bat er diesen ihn nur noch dienstlich anzurufen. Das was Hunsinger zugelassen hatte, vielmehr was dieser nicht getan hatte, war in Jacobs Augen unverzeihlich. Das brachte der Chefarzt auch sehr deutlich zum Ausdruck.
"Genosse General, es ist keine Vertrauensbasis mehr zwischen uns mehr vorhanden. Sie sehen zu, wie ihr Adjutant einem am Boden liegenden, sich nicht wehrenden Menschen, zusammentritt. Ich…"
Hunsinger unterbrach Jacob. "Bitte Fritz je…"
Jacob ließ Hunsinger nicht weitersprechen. Der Chefarzt hatte keine Lust auf dessen falsches Getue.
"Für sie, Genosse General, das habe ich ihnen schon dreimal sehr deutlich gesagt. Gilt ab sofort die dienstlich vorgeschriebenen Anreden. Also entweder Genosse Oberstleutnant oder Genosse Oberstabsarzt oder Doktor Jacob. Ihr Benehmen ist durch nichts zu entschuldigen. Ich habe keine Lust, mit ihnen über moralisches Verhalten zu diskutieren. Sie wissen nicht, was Moral ist. Das zeigten sie mir gestern mehrmals deutlich. Sie interessiert nur, wie sie bequem leben können und wie sie ihre Ruhe haben. Alles andere ist ihnen völlig egal. Menschlichkeit, Genosse Hunsinger, beginnt bei einem selbst. Ich staune, dass sie des Morgens noch in einen Spiegel schauen können. Suchen sie sich von mir aus, einen neuen Chefarzt, wenn sie der Meinung sind, ich tauge nichts. Vor allem, wenn sie denken, sie finden noch einmal so einen Blödmann wie mich, den sie belügen und betrügen können. Denn mittlerweile bin ich überzeugt, dass sie von Anfang an die wahren Pläne des "Projektes Dalinow" kannten. Ansonsten beschränken sie den Kontakt zu mir, auf das Minimum des beruflichen Kontaktes, mehr möchte ich mit ihnen nicht zu tun haben. Lasse sie mich meine Arbeit tun, mehr verlange ich nicht von ihnen. Auf Wiederhören."
Jacob schmiss den Hörer so wütend auf die Gabel, dass sich das Telefon in seine Bestandteile auflöste. Erschrocken sah er sich den Schaden an und hasste sich selbst dafür, weil ihn seine Wut derart in den Griff hatte. Aber der Chefarzt war viel zu aufgebracht, um noch normal zu reagieren. Vor allem hatte er viel zu große Wut auf Hunsinger, der keinen noch so kleinen Versuch unternommen hatte, seine Kinder zu schützen. Der ohne mit der Wimper zu zucken zusah, wie sein Adjutant einen sich nicht wehrenden und am Boden liegenden Menschen zusammentrat, ohne wenigstens die Stimme zu erheben: So etwas war in seinen Augen unverzeihlich.
Genervt bat er Anna, bei Zimmermann ein neues Telefon zu bestellen und gestand ihr, warum der Apparat kaputt gegangen war. Seine Freundin schüttelte nur traurig den Kopf über ihn. Aber sie konnte sich denken, was in ihrem Freund vorging. Ungerechtigkeiten, konnte Jacob nur schwer ertragen und was hier lief, war schon fern ab dessen, was man als Ertragbar einstufen konnte.
Jacob arbeitete noch einige seiner Unterlagen auf, machte sich von allem, was er erarbeitet hatte, eine Kopie. Kurz nach 1 Uhr in der Früh, ging er nochmals nach unten, um nach seinen Kindern zu sehen. Im Anschluss legte er sich sofort ins Bett, um sich einmal richtig auszuschlafen.
So, kehrte wieder der Alltag in das "Projekt Dalinow" ein. Der leider die traurige Realität zum Vorschein brachte. Die Kinder hatten keinerlei Rechte und Jacob keinerlei Befugnisse seine Kinder zu beschützen. Die Misshandlungen der Kinder nahmen einfach nicht ab. Es gab Wochen, da kam Jacob zu nichts anderen, als zur Behandlung seiner Schützlinge. Die Kinder wurden immer verschlossener und ließen niemanden mehr an sich heran.
So verflog die Zeit wie im Flug. Jacobs Rippen heilten wieder und das Leben ging seinen geregelten Gang. Nur wurde es nicht besser für seine Kinder. Aber auch nicht für die Schwestern und Jacob, die einen einsamen und verdammt schweren Kampf kämpften.
Jacob traf die Rückkehr Mayer härter, als er sich erst eingestehen wollte. Hatte der Chefarzt immer noch gehoffte, dass es für die Kinder ein wenigstens ein bisschen leichter werden würde, wenn Mayer zurückkehrt. Aber Jacob hatte sich schwer getäuscht: Die Arbeit für den Chefarzt wurde nicht weniger, im Gegenteil.
In den späten Vormittagsstunden des 11. Juli 1959, neunzehn Monate nach dem Projektstart, kam ein völlig veränderter Mayer zurück. Jacob erkannte seinen Freund mit dem er fast anderthalb Jahre eng zusammen gearbeitet hatte und der für ihn mehr war als nur ein Kollege, nicht wieder.
Kaum dass der Flieger mit Mayer und Reimund gelandet war, hörte man den Projektleiter und Sicherheitschef schon im ganzen Objekt brüllen. Kein einziges freundliches Wort kam über dessen Lippen. Egal, was seine Mittarbeiter auch taten, alles machten sie falsch und fassten sie verkehrt an. Das während seiner Abwesenheit, das "Projektes Dalinow" ohne Probleme funktioniert hatte, sah der Oberstleutnant nicht oder besser wollte er nicht sehen. Sein erster Inspektionsgang dauerte den ganzen restlichen Tag an. Mayer hinterließ im "Projekt Dalinow" eine Spur von Gewalt, egal wo er auftauchte. In den späten Abendstunden, betrat der Oberstleutnant endlich seine Wohnung und die Belegschaft dachte sie könnte aufatmen. Der Projektleiter hatte es in den wenigen Stunden erreicht, dass die sowieso bedrückte Stimmung ins bodenlose gesunken war und dass sich die Belegschaft wie der letzte Dreck fühlte. Kaum hatte Mayer seine Wohnung betreten, begab er sich in sein Büro, griff er nach dem Mikrophon der Lautsprecheranlage, um nun auch die Letzten seiner Mitarbeiter fertig zu machen. Im ganzen Objekt ertönte seine herrische, eisige Stimme.
"Jacob und Martin, in mein Büro und zwar sofort."
Der Chefarzt, der sich gerade an den Abendbrottisch setzten wollte, sah Anna genervt an und rieb sich müde das Gesicht. Er hatte einen Horrortag hinter sich gebracht und sein Magen hing in den Kniekehlen. Jacob hatte seitdem Mayer das Projektgelände betreten hatte, am OP-Tisch zu gebracht. Der Chefarzt konnte weder zu Mittag essen, noch hatte er Zeit für eine Vesper. Gerade eben freute er sich auf das Abendessen mit Anna, dass er in seiner eigenen Wohnung zu sich nehmen wollte, um endlich etwas Ruhe zu haben. Tief holte er Luft und sah seine Freundin übel gelaunt an.
"Na das kann ja heiter werden", knurrte er seine Freundin an, die sofort den Kopf einzog. "Denkt der Kerl eigentlich, dass ich mit leeren Magen für sein herum Gebrülle aufgeschlossener werde und es besser wegstecke? Engelchen sag mal, wie lange müssen wir eigentlich hier noch ausharren. Ich glaube wir sollten uns ein Kind zulegen und schleunigst von hier verschwinden", sprach Jacob mit einer Art Galgenhumor.
Anna schüttelte den Kopf. "Egal was kommt, Fritz. Wir müssen durchhalten. Wer soll sonst unsere Kinder beschützen? Wenn wir gehen, sterben die Kinder innerhalb kürzester Zeit", flehend sah sie ihren Verlobten an.
Auch die zierliche Freundin des Chefarztes bekam heute schon Mayers Wut zu spüren. Anna war aber im wahrsten Sinne des Wortes, mit einem blauen Auge davon gekommen. Für das konnte Mayer nicht einmal direkt etwas. Nicht einmal die Frauen im Projekt waren mehr vor den Wutausbrüchen des Sicherheitschefs sicher. Die Schwester hatte eine Frage des Sicherheitschefs nicht mitbekommen, da sie sich auf das Verbinden eines Patienten konzentrierte. Mayer flippte sofort aus und versuchte Jacobs Freundin eine Ohrfeige zu verpassen. Allerdings ging der Wachmann den Anna gerade am verbinden war dazwischen, um Anna zu beschützen. Trotzdem bekam Anna ein blaues Auge, denn sie fiel, durch das zur Seite stoßen, auf die offene Schranktür. Mayer überschritt heute alle Grenzen des Ertragbaren. Das war einer der Gründe, für die schlechte Laune des Chefarztes.
"Engelchen, das weiß ich. Genauso gut wie du. Aber du weißt auch, dass die Laune die der heute schon den ganzen Tag hat, verdammt schmerzhaft sein kann. Lege lieber schon mal das Verbandzeug und Nadel und Faden zurecht und organisiere die Erste Hilfe für mich. Denn es wird heute keinen braven Doktor mehr geben. Hunger macht bekanntlich bitterböse und ich bin nicht nur ein hungriger Wolf, sondern auch ein verdammt wütender. Das könnte für unseren Chef sehr schmerzhaft werden. Da nun das Abendbrot wieder einmal ausfallen muss, wird es mir sehr schwer fallen, den Wolf zu bändigen. Sorry mein Schatz, ich muss los, der Herr hat gerufen", Jacob salutierte salopp und wollte mit dem sarkastisch gesprochenen Satz andeuten, dass es wohl heute nicht ohne blaue Flecken abgehen würde: Die Frage blieb nur für wen?
"Soll ich dir Schutzkleidung holen? Chris hat sowas, in seiner Wohnung. Ich glaube da ist sogar eine Kugelsicherer Weste dabei", ging jetzt auch Anna auf dessen schwarzen Humor ein. Sie ahnte, dass Jacob nur seine Sorgen überspielen wollte.
"Nee lass mal gut sein. Wir wollen ihn ja nicht noch mehr reizen. Wenn ich voll aufgerüstet dort erscheine, dreht er ganz durch. Ich werde das schon überleben. Keine Angst Anne, ich werde mich diesmal wehren. Also bis später und heb mir was zu essen auf."
Jacob verließ sogleich seine Wohnung und lief nach vorn zum Haus 2, um hoch zu Mayer zu eilen. Als der Chefarzt, die letzten Stufen nach oben stieg, kam ihm Reimund entgegen.
"Guten Abend Herr Doktor, ziehen sie sich warm an, der Chef hat eine Saulaune. Ich bin gerade geflohen."
"So schlimm?"
Reimund winkte ab und lief, oder besser gesagt floh regelrecht, nach unten in seine eigene Wohnung. Der ehemalige Betreuer Ilkas ließ Jacob einfach stehen, um so viel Raum wie nur möglich zwischen sich und Mayer zu bringen. Also beeilte sich der Leiter der medizinischen Abteilung, die letzten Stufen nach zu überwinden, um den Projektleiter nicht noch mehr zu verstimmen. Jacob schellte an der Tür. Kaum dass er den Finger vom Klingelknopf zurückgezogen, wurde die Tür regelrecht aufgerissen. Das war kein gutes Zeichen. Er bekam weder ein guten Abend, noch ein Hallo von Mayers Seite.
Jacob versuchte trotzdem nett und freundlich zu seinem Vorgesetzten und Freund zu sein. "Guten Abend Sigmar, wie geht es dir?", begrüßte er Mayer in einem besonders freundlichen Ton, um ihm etwas entgegen zu kommen. Allerdings erhielt er eine Antwort in einem sehr übellaunigen Ton.
"In mein Büro", pulverte Mayer ihn ohne Grund an.
Die Art wie er sprach, sagte genug über dessen Laune aus. Also ging Jacob ohne ein weiteres Wort zu sagen, nach hinten in dessen Büro. Er setzte sich an den Tisch, um auf seinen Chef zu warten. Mayer war nochmals an die Tür gegangen, da es ein weiteres Mal klingelte. Eine Minute später erschien Mayer mit Chris Martin im Schlepptau. Der sah kurz zu Jacob und verdrehte genervt die Augen.
Kaum war die Bürotür geschlossen, ging das Gebrüll los. "Jacob, wer hat ihnen gestattet sich zu setzen."
Jacob sah Mayer lange schweigend und mit schiefgehaltenen Kopf an.
"Können sie nicht antworten, verdammt noch mal", brüllte er weiter.
Weiterhin sah Jacob schweigend zu Mayer und holte schließlich tief Luft, um ruhig und leise sprechen zu können. "Sigmar, was ist los mit dir? Ich war der Meinung, wir wären Freunde. Waren wir nicht beim du und beim Vornamen. Was ist passiert, dass wir keine Freunde mehr sind? Was habe ich dir getan, dass du mich so an pulverst? Was soll dein unmögliche Benehmen? Du hörst dich an wie dieses Arschloch Richter, den du als Charakterschwein bezeichnet hast. Bist du jetzt auch eins dieser Charakterschweine, die sich an unschuldigen Frauen vergreifen?"
Jacob konnte sich diese Frage einfach nicht verkneifen. Zu gut war ihm noch in Erinnerung, wie sich Mayer über Richter und März aufgeregt hatte. Die waren aber gegen das, was der Projektleiter heute über den Tag veranstaltet hat, die reinsten Engel. Mayer sprang, wie es Jacob erwartet hatte, sofort auf das Gesagte an.
Sofort brüllte er den Chefarzt an. "Ab sofort heißt dass Genosse Oberstleutnant und sie, verstanden. Nachdem, was sie mit Hunsinger abgezogen haben, müssen sie sich nicht wundern, wenn hier im Projekt ein anderer Wind weht. Stehen sie sofort auf Jacob", Mayers Gekreische tat Jacob in den Ohren weh.
Demonstrativ nahm Jacob einen Finger und steckte ihn sich in das Ohren, um das Pfeifen, was er darin hatte, wegzubekommen. Der Chefarzt blieb ruhig und grinsend sitzen und sah Mayer jetzt provozierend an.
"Genosse Oberstleutnant, dann möchte ich sie bitten, mich ebenfalls mit meinen Rang anzusprechen. Reden sie gefälligst nicht in solch einen Ton mit mir. Ich sehe mich sonst dazu gezwungen, aufzustehen und zu gehen. Wer glauben sie ei..."
Mayer versuchte den Chefarzt zu unterbrechen. "Jac..."
"Schnauze, Maul halten und zuhören, Mayer", befahl der Chefarzt in einem sehr lauten und harschen Ton, dem Projektleiter, sprach dann aber leise und ruhig weiter, auch wenn ihm das schwerfiel. "Wer glauben sie eigentlich, wer sie sind? Ich bin nicht ihr Untergebener. Ich bin hier der Chefarzt und stehe mit ihnen auf gleicher Stufe. Sprechen sie gefälligst in einem, meinen Rang entsprechende, Ton mit mir. Sie, Genosse Oberstleutnant und Oberst Hunsinger, wollen also wirklich einen Krieg der Mächte hier im Objekt haben. Wenn sie das unbedingt wollen, dann können sie den gern haben. Mal sehen, wer den längeren Atem hat. Vergessen sie aber eins nicht, Genosse Oberstleutnant, sie sind zwar für das Projekt zuständig, allerdings bin ich das ausführende Organ. Vielleichte denken sie einmal darüber nach, wie es sein würde, wenn der Informationsfluss von meiner Seite versiegt? Können sie sich ausmalen, wie sie ohne jegliche Informationen von meiner Seite, ihren Auftrag gegenüber Hunsinger und dem Institut erfüllen wollen? Das Projekt wäre an seinem unmittelbaren Ende angekommen. Sie wollen einen neuen Chefarzt, der ihnen in den Arsch kriecht? Bitte suche sie einen, der fängt allerdings hier im Projekt bei Null an, denn ich werde all meine privaten Aufzeichnungen vernichten, bevor der neue Chefarzt hierher kommt und weder sie Genosse Oberstleutnant, noch Hunsinger, können mir das verbieten. Das Projekt wäre zum Scheitern verurteilt und würde völlig sofort abgebrochen werden. Damit wären sie dafür verantwortlich, dass man Millionen in den Sand gesetzt hätte. In ihrer und in der Haut Hunsingers möchte ich dann nicht stecken. Mir kann man dann nicht, denn ich bin nur ein ausführendes Organ und wurde von Ihnen abgeschossen, ermordet, abgesägt, abgesetzt oder wie sie es nennen wollen. Ich möchte dann nicht in ihrer Haut stecken. Sie sind nicht mehr als willenlose Marionetten des Berliner Institutes, Genosse Oberstleutnant. Dass ich diesen Weg nicht mitgehe, darüber habe ich sie schon im Mai 1958 informiert und ich habe sie in diesen den vergangen neunzehn Monaten, nicht nur einmal auf diese Tatsache hingewiesen. Ersetzen sie mich, wenn sie das können. Ansonsten halten sie gefälligst den Ball flach und sprechen in einem Ton mit mir, der sich gehört", informierte Jacob seinen Vorgesetzten darüber, was er von ihm erwartete.
Jacob ließ sich auch nicht von Mayer unterbrechen. Dieser setzte einige Mal dazu an. Allerdings ließ der Blick den Mayer von Jacob abbekam, diesen verstummen. Alle seine Erklärungen erfolgten in einem ruhigen und gelassenen Plauderton. Der mehr darüber aussagte, als seine Worte, was Jacob über Hunsinger und Mayer dachte.
"Was wollen sie machen Genosse Oberstleutnant? Mich verprügeln? So wie ihr es mit den Kindern auf der 6/blau tagtäglich tun. Oder wie es der Adjutant Hunsingers es mit mir gemacht hat? Oder wie sie es heute den ganzen Tag, schon mit ihren Untergebenen getan haben? Bitte fangen sie gleich an. Erschlagen sie ihren Chefarzt. Was glauben sie eigentlich, Genosse Mayer, wie lange die Kinder ohne mich hier noch überleben? Wenn…"
Mayer sprang jetzt völlig aus der Spur, wollte in seiner Wut auf die Kinder, denen er die Schuld am Tod seiner Tochter gab, an dem Chefarzt abreagieren und unterbrach diesen. "Das si…"
Weiter ließ Jacob, den ihm im Rang gleichgestellten Vorgesetzten nicht reden. "Das da unten sind Monster. Die für den Tod deiner Tochter verantwortlich sind. Die deine Schuld zu tragen haben? Willst du das sagen? Sigmar keiner hätte den Tod verhindern können, es war ein tragisches Unglück. Den Kindern da unten die Schuld zu geben, ist nicht richtig", versuchte er es noch einmal auf die Freundschaftliche Art und Weise. Ernst sah er Mayer an.
Mayers Schlagadern am Hals pulsierten gefährlich und er wollte nichts hören. "Ich habe ihnen gerade gesagt, dass sie mich nicht duzen sollen, Jacob…"
Der Kräftekampf ging weiter. Jacob unterbrach Mayer wieder.
"Genosse Oberstleutnant oder Genosse Oberstabsarzt oder Genosse Chefarzt oder Genosse Jacob, gleiche Rechte für alle. Genosse Oberstleutnant Mayer", forderte er sich das gleiche Recht ein.
Vor allem in einem dermaßen provozierenden Ton, dass Mayer vollkommen aus dem Anzug sprang und auf Jacob zustürmte. Er riss den immer noch am Tisch sitzenden Jacob einfach vom Stuhl. Im gleichen Augenblick versuchte Mayer Jacob zum Rückwärtsgehen zu zwingen, um ihn an die Wand zu drücken. Genauso wie er es mit dem Betreuer seiner Tochter vor einigen Monaten schon einmal gemacht hatte.
Jacob der auf diese Reaktion seines heute schon den ganzen Tag gewalttätigen Vorgesetzten gewartet hatte, drehte sich aus dem Griff von Mayer heraus. In dem er ihm in die Kuhle zwischen Daumen und Handfläche mit der Daumenkuppe seiner rechten Hand griff, diesem ruckartig das Handgelenk nach vorn drückte und das gebeugte Handgelenk nach oben dreht. So dass er Mayer, der mit keinerlei Gegenwehr Jacobs gerechnet hatte, durch den Druckschmerz und das verdrehen des Armes in die Knie zwang. Er dreht den Arm solange, bis sein Vorgesetzter vor Schmerz wimmernd auf den Boden lag. Dort hielt Jacob, den zu keiner Gegenwehr mehr fähigen Mayer fest. In dem er den Arm schmerzhaft nach oben drückte oder wie man es auch nennen konnte überstreckte. Jacob stellte seinen Fuß auf Mayers Rücken und ließ seinen ehemaligen Freund toben. Über ihn gebeugt und Mayer in dieser Zwangshaltung justierend, erklärte er seinem Vorgesetzten, wie es jetzt weitergehen würde.
"Genosse Oberstleutnant Mayer, ich bin weder Reimund noch einer ihrer Untergebenen, die sich nicht wehren können oder dürfen. Wie sie in meinen Unterlagen nachlesen können, habe ich genau wie sie eine Spezialausbildung im Nahkampf absolviert. Und wie sie wissen, bin ich im ständigen Training. Keiner, wirklich keiner, greift mich an, wenn ich das nicht will. Dass ich mich vom Adjutanten des Obersts habe zusammenschlagen lassen, war Absicht. Aber noch einmal lasse ich mir das nicht gefallen. Wenn wir solche Kämpfe in den nächsten fünfzehneinhalb Jahren umgehen wollen und einigermaßen gute miteinander auskommen wollen, lassen sie immer einen genügend großen Sicherheitsabstand zwischen ihnen und mir. Das ist für sie, Genosse Oberstleutnant, wesentlich gesünder. Vor allem unterlassen sie gefälligst solche Versuche, mich tätlich anzugreifen zu wollen. Ich werde mich nämlich, wie sie gerade bemerkt haben, ab dem heutigen Tag an, immer wehren. Haben sie mich verstanden, Genosse Oberstleutnant. War das jetzt so deutlich, dass es in ihrem kranken Gehirn angekommen ist, Genosse Mayer? Wenn ja Genosse Oberstleutnant, antworten sie mir und zwar sofort", befahl Jacob in einem sehr barschen Ton.
Chris Martin der beim Kampf zwischen Mayer und Jacob immer blasser geworden war, bat Jacob mit den Augen, den Projektleiter nicht noch mehr zu provozieren. Chris wurde Angst und Bange und sah Jacob flehentlich an. Er würde derjenige sein, der Jacobs Verhalten ausbaden musste.
"Lass mich los", schrie Mayer den Chefarzt an.
"Ach, sind wir jetzt wieder beim Du, Genosse Mayer?", wollte Jacob wissen.
Der Chefarzt ließ die Hand und den verdrehten Arm Mayers los und hielt ihm die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Mayer sah Jacob nur böse an und schlug die hingehaltene Hand aus.
"Dann halt nicht", brummelte Jacob in seinen nicht vorhandenen Bart.
"Jacob verlassen sie sofort meinem Büro, sofort", brüllt Mayer weiter und sah Jacob mit hasserfüllten Augen an.
"Genosse Jacob bitte, ich bestehe auf eine meinem Rang entsprechende Anrede."
Jacob ging zu dem umgestürzten Stuhl und hob diesen auf. Im Seitenblick behielt er Mayer im Auge, darauf gefasst von ihm nochmals angegriffen zu werden, und setzte sich wieder an den Tisch.
"Nein Genosse Oberstleutnant, ich werde nicht gehen. Ich will mit ihnen reden und zwar vernünftig. Klären sie die Sache, die sie mit Martin zu klären haben und zwar vernünftig und ohne Prügel. Wenn sie wollen warte ich auch solange draußen. Dann reden wir. Schließlich muss ich noch die Übergabe machen", ließ sich der Arzt nicht aus der Ruhe bringen.
Chris Martin blickte Jacob dankbar an. Er ahnte, weshalb Jacob nicht ging. Mayer sah Jacob böse an. Der Chefarzt lehnte sich bequem zurück und schlug die Beine übereinander, außerdem verschränkte er die Arme vor die Brust und stellte sich auf eine längere Wartezeit ein.
Mayer wusste im Moment nicht weiter und wandte sich Chris Martin zu. "Chris, du bist deines Amtes enthoben. Du machst wieder deine ganz normalen Aufgaben. Ich übernehme ab sofort. Du kannst gehen."
"Jawohl, Genossen Oberstleutnant", antwortete der stellvertretende Sicherheitschef sofort, drehte sich zackig um und verließ sofort den Raum. Martin war froh das Büro verlassen zu können.
"Jetzt zu ihnen Genossen Chefarzt, was soll dieses ganze Theater vor meinen Untergebenen? Wollen sie mich vor meinen Leuten unmöglich machen."
Jacob hielt den Kopf etwas schief und musterte seinen ehemaligen Freund von der Seite und grinste ihn an. "Das muss ich nicht machen, das machen sie alleine Genosse Oberstleutnant. Vielleicht sollten sie mal anfangen ihr Gehirn wieder einzuschalten. Dann würden sie selber feststellen, dass sie gerade zwei ihrer besten Freunde vergrault haben. Zwei Menschen, die sich in den letzten Wochen große Sorgen um sie gemacht haben. Die sich hier, in ihrem Projekt, den Arsch für sie aufgerissen haben, um den Laden für sie Genosse Oberstleutnant am Laufen zu halten. Aber sie haben sich ja entschieden diesen Weg zu gehen. Nur werden das, für sie im "Projekt Dalinow" verdammt einsame Jahre werden. So ganz ohne Freunde können fünfzehn Jahre verdammt lang werden. Viel Spaß wünsche ich ihnen dabei, Genosse Oberstleutnant", mit diesen Worten stand Jacob auf und ging in Richtung Tür. Chris Martin hatte nicht die Wut Mayers abbekommen. Die der Oberstleutnant zu Recht auf Jacob hatte. Nur deshalb war der Arzt noch im Raum geblieben.
"Wer hat ihnen erlau…", brüllte ihm Mayer hinterher.
Jacob drehte sich nochmals kurz an der Tür um und lächelte seinen Chef an. "Ich habe es mir selber erlaubt, Genosse Oberstleutnant. Da wir den gleichen Rang besitzen und sie, wie es scheint, keine speziellen Befehle für mich bereithalten, kann und werde ich mich jetzt entfernen. Denn mit Verlaub, tun mir von ihrem Rumgebrülle die Ohren weh und ich kann sie heute einfach nicht mehr ertragen. Sie wissen ganz genau, Genosse Mayer, dass sie mir nichts zu befehlen haben. Es sei denn, sie haben einen speziellen, dieses Projekt betreffenden Befehl für mich. Die sie mir von Hunsinger oder den Institut übermitteln sollen. Denn das ist ihre Aufgabe hier im "Projekt Dalinow". Wenn das nicht der Fall ist, gehe ich, wenn ich das für Richtig halte. Bleibe ich nämlich noch, Genosse Oberstleutnant, um es mal mit ihren Worten auszudrücken, könnte es durch aus passieren, dass ich meine gute Erziehung vergesse und sie windelweichprügele. Das möchte ich verhindern. Ich wünsche ihnen noch einen guten Abend. Wenn sie den Schalter für ihr Gehirn finden sollten, benutzen sie den bitte. Dann können wir nämlich wieder normal miteinander reden. Sagen sie mir einfach Bescheid, Genosse Oberstleutnant, ich werde immer Zeit für sie haben."
Jacob drehte sich um und verließ sofort den Raum und knallte wütend die Tür hinter sich zu. Er war sich bewusst, dass er den Projektleiter gerade völlig gegen sich aufgebracht hatte. Aber damit musste und konnte er leben. Der Chefarzt lief nach dem Verlassen von Mayers Büro, nach vorn in die Mensa. Sein erster Gang führte ihn nach hinten an die Bar und bestellte sich einen doppelten Uralt. Er brauchte jetzt einen Schnaps. Die Barkeeper, die Jacob noch nie hatten Alkohol trinken sehen, starrten ihn fassungslos an.
"Guckt nicht so, ich brauche jetzt einen Schnaps und zwar einen großen. Ich muss meinen Kummer ertränken. Bis jetzt hatte ich die Hoffnung, dass es besser wird, wenn Mayer zurück kommt. Aber es wird hier bald nur noch Horror herrschen, glaubt es mir", schon stürzte Jacob den Schnaps hinter und schüttelte sich wie ein nasser Hund.
Erschrocken sahen ihn die Jungs hinter der Bar an. In dem Moment kam Chris Matin in die Mensa und auf Jacob zu. Der grinste breit von einem Ohr zum anderen.
"Jungs macht mal noch zwei zu recht und zwar einen für Chris und einen für mich. Ach Quatsch macht vier, für euch beide auch noch einen. Fragt ihr mal den Koch, ob er mir noch etwas zu essen macht. Ich bin heute mal wieder nicht zum Essen gekommen."
Kopfschüttelnd sahen die Beiden ihren Chefarzt an und ahnten Schlimmes. Der sonst immer fröhliche Chris Martin setzte sich mit so einer bedrückt Stimmung an die Bar, dass die Barkeeper sich noch mehr wunderten. Es war für sie nicht nachvollziehbar, dass heute kaum jemand in der Mensa erschienen war und diejenigen, die den Weg hierher fanden, waren dermaßen schlechter Stimmung, dass man es kaum ertragen konnte. Chris nahm nun ebenfalls den eben hingestellten Schnaps und stützte ihn mit einem Zug nach unten. Auch wenn die Jungs an der Bar Mayer heute hatten brüllen hören, dachten sie sich nichts dabei. Das kam schon mal vor. Langsam allerdings ahnten sie, dass dieser Horror wohl nicht gleich wieder enden würde, der heute Einzug gehalten hatte. Interessiert verfolgten sie deshalb das Gespräch an der Bar, zwischen den beiden Freunden.
"Fritz, was ist in Gottes Namen mit Sigmar eigentlich los."
Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. "Chris, das kann ich dir nicht sagen. Aber er wird hier einsame Jahre verbringen, wenn er so weitermacht. Auf der 1/gelb unten, liegen sieben Leute, die ich in den letzen Stunden zusammengeflickt habe. Er hat es geschafft, sich in nur zwölf Stunden, bei zweiundzwanzig Leuten einen sehr schlechten Ruf einzuhandeln. Was glaubst du wie viele ihm davon verzeihen können? Kaputte oder angebrochene Rippen oder verdroschene Nasenbeine oder Gliedmaßen, Gehirnerschütterungen, die von Schlägen herrühren, verzeiht man nicht so schnell. Fünfzehn Leute konnte ich so behandeln, danach wieder in den Dienst entlassen. Das sind aber nur die Leute die ich behandelt habe, bei Anderson waren es genauso viele, wenn nicht sogar noch mehr. Angst ist keine gute Basis für eine tiefgehende und langlebige Freundschaft. Wenn das so weiter geht, werdet ihr mich hier nicht mehr oft zum Essen sehen. Weil ich nur noch im OP stehen werde", traurig sah Jacob seinen Freund und die Barkeeper an. "Ich kann ja verstehen, dass es schwer für ihn ist, hierher zurückzukommen. Aber dann hätte er aussteigen müssen. Jeder hätte das verstanden und für jeden lässt sich Ersatz finden. Aber auf so eine Art, kann man kein Forschungsprojekt leiden, das geht einfach nicht. Was denkst du, warum ich vorhin geblieben bin? Sonst hätte er dich auch noch zusammengeschlagen."
Chris Martin winkte ab. Zum Erstaunen der Barkeeper zog er seinen Overall auf und das Oberteil aus, dann auch noch das T-Shirt hoch.
"Ich habe mein Fett heute schon weg, Fritz. Anderson hat mich untersucht, als du im OP standest, um Heiko zu operieren."
Kopfschüttelnd sah Jacob seinen Freund an. Selbst über dem Verband, der um Martins Rippen war, sah man die Hämatome. "Der hat sie doch nicht mehr alle."
"Stimmt Fritz, man sollte Mayer mal auf seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen lassen. Aber glaube mir, wie du ihn gelegt hast, das ging mir runter wie Öl. Das habe ich ihm so gegönnt. Den Griff musst du mir unbedingt einmal lernen. Selbst die Kinder, hat er heute mehrere Male ohne jeglichen Grund geschlagen. Nur mal so im Vorbeigehen, schlug er einfach zu. Fritz, wie sollen wir das hier noch fünfzehn Jahre aushalten. Ich bin ernsthaft am überlegen, ob ich aussteige. Nur dann bist du bald ganz alleine, das kann ich dir nicht antun."
Jacob schlug dem traurig aussehenden Martin vorsichtig auf die Schulter. "Vielleicht fängt er sich ja wieder", hoffnungsvoll sah Jacob zu den Barkeepern.
Selbst die schüttelten den Kopf. "Das glaube ich eher nicht. Wir bekamen heute genauste Instruktionen, wie wir uns ab sofort in der Offiziersmesse zu verhalten haben. Wie sagte er so schön:"Der Barkeeper räusperte sich und machte perfekt die Stimme Mayers nach. "Diese Schluderei, die hier seit über einem Jahr herrscht, werde ich nicht länger dulden. Das Einzige, was ab heute hier zählt, ist absoluter Gehorsam. Das verlange ich auch von ihnen. Sie sprechen mich ab sofort, mit Genosse Oberstleutnant an, mit sie und Sir. Keiner von ihnen spricht ohne Aufforderung, haben sie das verstanden?" Traurig sah er zu den beiden Freunden. "Na ja, dann halten wir halt den Mund. Mit Deppen und Bekloppten muss man nicht reden. Die fünf Minuten zum Auftragen und Abräumen der Speisen, überstehen wir schon. Aber die Armen, die tagtäglich mit ihm zusammenarbeiten müssen, die tun mir jetzt schon leid. Kei…" Dieser unterbrach sich selbst und deutet mit den Augen an, dass der über den gesprochen wurde gerade kam.
Jacob sah in die Spiegel der Bar, beobachtete wie Mayer an die Bar herantrat. Leise, so dass es nur die Jungs hörten, sprach er. "Ganz ruhig bleiben, Jungs."
Diese nickten kaum merklich, sahen Jacob aber lachend an. "Was möchten sie noch Herr Doktor?"
Jacob grinste zurück. "Charly, bitte für mich noch einen Kaffee, ein Bier für Chris oder hast du noch Dienst Chris."
Martin schüttelte den Kopf.
"Also für Chris ein Bier und für mich bitte etwas zu Essen. Dank unseres Chefs, hatte ich heute weder Mittag noch Abendbrot. Da ich den ganzen Tag im OP stand. Ich habe einen mörderischen Hunger. Charly, du weißt doch Hunger macht böse", Jacob knurrte den Barkeeper wie ein Wolf an und zog dabei ein furchtbar wildes Gesicht. Die beiden Barkeeper schmissen sich weg vor Lachen. "Gebt mir schnell irgendetwas zu beißen. Sonst habt ihr bald einen toten Chefarzt, der kann euch nimmer zusammenflicken", sprach er schallend lachen und tat so, als ob Mayer Luft wäre.
Einer der Barkeeper verschwand nach hinten in Richtung Küche und Charly, der zweite Barkeeper ging zu Mayer, um auch diesen zu bedienen.
"Genosse Oberstleutnant, was darf ich ihnen bringen, Sir?", wollte er die Bestellung in einem freundlichen Ton aufnehmen.
"Eine Flasche Wodka", befahl dieser knapp.
Charly griff unter die Bar, stellte Mayer die Flasche vor die Nase und ein Glas dazu. "Sir, möchten sie hier trinken oder nehmen sie diese mit, Sir?", wollte er lächelnd wissen.
Sofort schrie ihn Mayer grundlos an. "Das geht dich einen Scheißdreck an, du Missgeburt", schnappte sich die Flasche und verließ die Bar, in Richtung Ausgang.
Kopfschüttelnd kehrte Charly zu den anderen zurück. "Das ist heute schon die zweite Flaschen, Herr Doktor. Kein Wunder, dass der so mies drauf war. Der war auf Entzug. Ich glaube der trinkt sich die Welt im Moment schön."
Jacob lachte verbittert auf. Er hatte vorhin bei seinem Zusammenstoß mit Mayer, auch schon festgestellt, dass dieser nach Alkohol stank. Das was ihm Charly erzählt, bestätigte seine leider seine schlimmsten Vermutungen. Sein Freund Mayer kam mit dem Tod seiner Tochter nicht klar. Jacob nahm sich vor ihm zu helfen. Allerdings war das nur möglich, wenn sein Freund das auch zulassen würde. Leider war eben das bei Alkoholikern immer so eine Sache, man kam sehr schwer an sie heran. Sie ertränkten ihren Kummer oft mit dem Alkohol und sahen nicht, dass sie sich damit noch mehr Ärger schufen. Genau den Fehler machte Mayer zurzeit und zwar nicht erst seit heute, sondern schon seit einigen Wochen. Sonst wäre es nicht möglich, so viel Alkohol zu trinken. Sigmar, trank gern mal ein Schnäpschen und auch gern mal eins mehr. So lange Jacob seinen Freund kannte, wunderte sich der Chefarzt, wie viel dieser vertrug. Mayer erklärte ihm, ab und an bräuchte er das mal, um eine Nacht richtig schlafen zu können. Kopfschüttelnd hatte er seinem Freund erklärt, dass es bessere Mittel gebe, um schlafen zu können. Daraufhin hatte Mayer immer nur abgewinkt und meinte, Jacob solle ihn sein Bier zum Feierabend einfach gönnen. Da Mayer nicht regelmäßig trank, beobachtete Jacob ihn zwar unauffällig, aber Sigmar schien seinen Alkoholkonsum wirklich kontrollieren zu können. Er trank nie mehr als er vertragen konnten. Durch den Tod Ilkas, hatte sich dies scheinbar geändert. Verwundert stellte sich der Chefarzt die Frage, wieso das keiner der Ärzte in der psychiatrischen Klinik, diese Veränderung festgestellt hatte. Waren diese so ignorant gewesen? Mayer hätte man normalerweise unter solchen Umständen gar nicht als geheilt entlassen dürfen. Es war also überhaupt kein Wunder, dass Mayer so schlecht gelaunt war. Auf Grund seiner neuen Krankheit, das war Alkoholismus nun einmal, war der Alkoholspiegel in seinem Blut einfach nicht mehr hochgenug gewesen. Genervt raufte sich Jacob die Haare. Ihm ging durch den Kopf, dass es wohl nichts Schlimmeres geben konnte, als einen versoffenen und stets übel gelaunten Vorgesetzten, den man nichts Recht machen konnte. Da kamen noch schlimmere Zeiten auf sie zu, als er sich das bis jetzt vorgestellt hatte. Jacob schob seine trüben Gedanken einfach zur Seite und genoss das Lachen mit seinen Freunden und Kollegen, hier an der Bar.
"Leute wisst ihr was, wir müssen einfach versuchen das Beste aus dem zu machen, was wir jetzt haben. Es nutzt nichts, jemanden helfen zu wollen, der keine Hilfe will. Vielleicht lehrt ihm die Zeit, dass es sehr einsam wird, wenn man keine ehrlichen Freunde mehr hat. Legt euch nicht mit ihm an. Ich will nicht, dass er euch verletzt. Mit den Kindern habe ich mich auch schon gesprochen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns ab sofort aus allem heraushalten. Wir versuchen sie unauffällig zu schützen. In dem wir helfen, wenn es Mayer nicht sieht. So müssen sie unsere Hilfe nicht immer ausbaden."
Charly, aber auch Chris nickten.
Der Wachmann schaute betrübt zu Jacob. "Da hast du Recht. Fritz, ab heute machen wir hier alle nur noch Dienst nach Vorschrift. Das habe ich mit meinen Leuten vorhin beschlossen. Keiner macht einen Handschlag mehr, als er unbedingt tun muss. Bis jetzt, haben wir immer alle mehr gemacht, um Mayer wenigstens ein wenig zu entlasten. Ab morgen läuft nur noch Dienst nach Vorschrift. Jeder macht das, was er tun muss, um kein Versäumnis zu begehen. Mayer wird sich ganz schön umgucken, was dann alles an ihm hängen bleibt. Aber, das ist uns nach dem heutigen Tag egal. So wie der uns heute behandelt hat, soll er sich totarbeiten. Dann hat er wenigstens weniger Zeit, uns zu schlagen. Fritz, keiner meiner Jungs, wirklich keiner von meinen fünfzig Leuten, ist heute ohne Schläge davon gekommen. Alle haben heute schon die Schnauze gestrichen voll und wollen hier sofort aufhören. Zwei Anträge, bekommt Mayer in den nächsten Wochen auf den Tisch. Einen von Udo, der ja Rita heiratet. Einer von Karsten, der am Basteln mit Undine ist. Sie wollen ein Kind, damit sie hier raus kommen. Mayer hat Undine heute nur verprügelt, weil sie nicht schnell genug zur Seite gesprungen ist, als dieser auf den Gehweg mit seinem Multicar gefahren kam. Auf dem Gehweg, das müsst ihr euch mal vorstellen. Der hat echt den letzten Schuss nicht gehört."
Chris war so wütend, dass er kaum Luft bekam. Plötzlich zersprang das Glas, das er krampfhaft in der Hand hielt und einfach zerdrückte. Erschrocken sah er Fritz und dann die Barkeeper an.
"´tschuldigung. Ich glaube ich gehe lieber schlafen, sonst stelle ich heute auch noch etwas an", Chris erhob sich, um die Scherben aufzuheben.
Charly sah ihn mitfühlend. "Lass liegen Chris. Ich räume das gleich auf. Leg dich hin, vielleicht geht es dir morgen besser."
Jacob wandte sich noch einmal an den völlig deprimiert dreinschauenden an Wachmann. "Chris, hast du Lust morgen früh bei uns zu frühstücken? Oder frühstücken wir alle hier vorn in der Mensa, um 7 Uhr?"
Kurz überlegte Chris, wie es am besten wäre. "Hier in der Mensa, ist glaube ich im Moment besser. Sonst bildet sich der große Chef noch ein, wir rotten uns gegen ihn zusammen. Dem traue ich im Moment alles zu."
Jacob bestätigte dessen Gedankengang, durch ein Nicken. "Ja, ich glaube du hast recht. Also morgen früh in der Mensa, gegen 7 Uhr. Schlaf schön Chris, gute Besserung. Wenn deinen Leute oder auch du Schmerzen haben oder noch bekommen, sagt sofort Bescheid. Ihr müsst euch nicht quälen, Anderson hat auf der Krankenstation Dienst oder ihr lasst mich wecken. Dann geben wir dir und deinen Jungs noch eine Spritze."
Chris Martin verließ abwinkend und mit hängenden Schultern die Mensa. Im selben Moment kam Heinz der zweite Barkeeper aus der Küche mit einem Essen für Jacob.
"Schön aufessen Herr Doktor, sonst regnet es morgen", frotzelte er lachend.
Jacob machte sich hungrig über das Essen her. "Mmmhhh das schmeckt wieder gut. Hat Günter heute Dienst?"
Heinz sah verwundert zum Chefarzt. "Ja, woher weißt du das denn?"
"Das schmeckt man. Der kann einfach besser kochen", Jacob rieb sich den Bauch. "Vor allem würzt der mehr. Dieses schale Essen was es sonst gibt, schmeckt mir nie. Ich glaube, der würzt extra mein Essen noch mal nach", stellte Jacob zufrieden fest.
Kaum dass Jacob aufgegessen hatte, entschuldigte er sich bei den Jungs an der Bar. Die hatten heute nichts weiter zu tun und langweilten sich. Sonst war um diese Zeit die Bar voll besetzt und selbst die Tische davor waren von Mitarbeitern beschlagnahmt. Heute war schon den ganzen Tag nichts los. Also hatten die Barkeeper alles schon geputzt und gewienert. Die Mensa war wie ausgestorben. Das war auch kein Wunder. Keinem der Mitarbeiter war es nach dem heutigen Tag noch nach Gesellschaft oder gar Feiern zumute. Jeder verkroch sich so schnell es ging, in sein eigenes Reich, nur um ja nicht Mayer noch einmal über den Weg zu laufen. Fast die Hälfte der Belegschaft wurde von Mayer heute zusammengeschlagen oder aufs übelste beschimpft. Aber auch das Zurückziehen in die eigenen vier Wände, würde sich in den nächsten Monaten wieder geben. Man brauchte gerade hier die Gesellschaft anderer, um nicht zu versauern. Es gab kaum Abwechslungen, außer dem Schwatz nach Feierabend mit den Kollegen und Freunden oder ein schönes Spiel.
Was blieb den Mitarbeitern auch anderes übrig? Das "Projekt Dalinow" konnten die wenigsten von ihnen einfach so verlassen, da viele von dem, im Projekt involvierten Mitarbeiter, vertraglich fest gebunden waren oder aber dem Militär angehörten. Deshalb würden sie sich auch an solche Behandlungen gewöhnen müssen. Im Gegenteil, diese Behandlung würde den Zusammenhalt im Projekt stärken. Daraus resultierend, würden sich zwei Lager bilden, eins um und für Mayer und ein zweites gegen Mayer und für die Kinder und Jacob. Diese Gemeinschaften würden fest zusammenwachsen und sich für ein gemeinsames Ziel einsetzen. Egal auf welcher Seite sie stehen würden, man musste mit einander klar kommen und sich engagieren, ob man dies nun wollte oder nicht. Das Zusammenwachsen und das Lernen, miteinander umzugehen, würde seine Zeit brauchen. Es würde eine Weile dauern, bis man gelernt hatte, den neuen Mayer zu nehmen, wie er war. Schließlich tat sich Mayer mit seinem Verhalten, selbst keinen Gefallen, wie man an der Reaktion von Chris Martin sah. Dienst nach Vorschrift hieß für Mayer, einen enormen zusätzlichen Arbeitsaufwand. Mayer würde in seiner Arbeit ertrinken. Keiner aus der Wachmannschaft oder von den anderen Projektteams, würde ihm mehr irgendetwas abnehmen. Denn war Mayer beschäftigt, konnte er niemanden anbrüllen oder gar schlagen. Früher oder später würde der Alltag wieder ins Projekt einziehen. Man würde in seiner Freizeit wieder lachen und Spaß haben. Dies würde auch kein tobender Mayer verhindern. Nur würde er von alledem, was Spaß macht, ausgeschlossen werden.
'Selber schuld', ging es Jacob durch den Kopf. 'Schade eigentlich, ich hatte ihn sehr gemocht.'
Jacob hatte sich an seiner Tasse festgehalten und war tief in Gedanken versunken. Er wurde von dem Räuspern von Charly herausgerissen.
"Tut mir leid, mir ging gerade so einiges durch den Kopf", entschuldigte sich der Chefarzt. "Jungs, ich muss leider auch wieder gehen. Bei mir ist ja heute alles liegen geblieben. Ich bin zu nichts anderen gekommen, als zum operieren. Charly ich glaube ihr könnt auch Schluss machen. Es wird heute niemand mehr kommen. Es ist glaube ich keiner in Feierstimmung. Ich muss noch einmal runter auf die 1/gelb, um nach meinen Patienten sehen. Dann noch ein bissel Papierkram und im Anschluss werde ich ebenfalls verschwinden. Mich noch etwas vor den Kamin mit meiner Anna setzten und ein bisschen Lesen. Schlaft gut und lasst euch von Mayer nicht ärgern. Vor allem legt euch nicht mit ihm an. Bis die Tage."
Jacob erhob sich und lächelte den beiden Jungs aufmunternd zu. Dann verließ er ebenfalls die Mensa, in denen jetzt nur noch zwei Personen saßen, die hinten in der Ecke mit den Aquarien lasen.
Oft ging Jacob in den nächsten Tagen, nach unten zu seinen Kindern. Langsam wurden seine Jungs und Mädels, wie er sie immer bei sich nannte, wieder offener zu ihm. Jacob begann den Kindern, die eine oder andere Möglichkeit zu zeigen, wie man sich wehren konnte, ohne den Gegenüber gleich zu verletzen. Wie man Schlägen auswich, ohne zurückzuschlagen. Vor allem wie man Schläge, nur durch das bloße Anspannen der Muskulatur, abfedern konnte. Die Kinder, sahen Jacob dankbar an. Nicht nur einmal schoss dem Chefarzt der Gedanke durch den Kopf, warum er sein Wissen in Selbstverteidigung nicht schon eher an seine Schützlinge weitergegeben hatte. Er hätte auf diese Weise, viele der Verletzungen verhindern können. Leider denkt man oft an das Naheliegende erst zum Schluss. Auf diese Weise, konnte er seinen Kindern aktiv helfen und sie konnten sich vor allem selber schützen. Ohne, dass sie, durch aktive Gegenwehr, alles noch schlimmer machten. Jacob hatte sich auch mit einem befreundeten Sportmediziner kurzgeschlossen, um neue Übungen zu entwickeln, um die zwar schon gut ausgeprägte Muskulatur der Kinder noch mehr aufbaut.
Gemeinsam mit den Kindern erlernte Jacob, von Zolger, das Taiji. Jeden Tag trainierten die Kinder eine Stunde Taiji. Es half ihnen wirklich die Ginobusanfälle besser zu kontrollieren. Auch wenn es nicht halfen die Anfälle zu unterdrücken, war es auf diese Weise besser zu ertragen: Berichtet ihm Jaan, dass einzige Kind, das im Moment mit Jacob sprach. Rashida wie auch Lyn, redeten immer noch nicht mit Jacob. Langsam aber sicher entspannte sich das Verhältnis zu den beiden Mädchen etwas und sie wurde wieder etwas offener.
Seit dem Jacob den Kindern, den Trick mit der Anspannung der Muskulatur gezeigt hatte, war die Anzahl der schweren Verletzungen merklich zurückgegangen. Auch schien es den Kindern, dadurch ein kleines bisschen besser zu gehen. Die ganze Atmosphäre im Kinderraum wirkte entspannter, war lockerer geworden. Die Kinder saßen wieder in Grüppchen zusammen und unterhielten sich leise. Es war nicht mehr diese absolute Stille.
Am 17. Juli also eine knappe Woche, nach der Rückkehr von Mayer, ging Jacob mit Anna nach dem Mittagessen etwas im Park spazieren. Das verliebte Pärchen genoss einfach die Ruhe und vor allem aber die Sonne. An der großen Kastanie, die mitten im Kastanienhain stand, setzen sich die Beiden auf die Bank, die um den Baum gebaut wurde.
"Ach Fritz...", schwärmte Anna. Sie legte sich auf die Bank und mit dem Kopf auf Jacobs Beine. "... hier ist es immer so friedlich. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass keinen Kilometer von hier, nur wenige Meter unter der Erde, der blanke Horror herrscht. Doris hat mir heute früh erzählt, dass man Lyn schon wieder zusammengeschlagen hat. Rashida brachte sie, nach dem Training gestern Abend, tragend zurück. Sie konnte nicht einmal mehr alleine laufen. Sie ging hinter ans Bett, legte Lyn hin, dann legte sich Rashida dazu und die beiden Mädchen schliefen. Nach einer Stunde hatte Lyn sich wieder erholt. Ich frage mich ernsthaft, wie lange unsere Kleine das alles noch aushält. Warum nehmen sie immer die Kleinste vor, um ihre Wut an den Kindern auszulassen. Ich verstehe das nicht", traurig sah sie zu ihrem Freund hoch.
"Engelchen, weil Lyn sich nie wehrt. Ich habe keine Ahnung, ob das Mädchen überhaupt dazu in der Lage ist, sich zu verteidigen", gedankenverloren sah er in den Park, ihn beschäftigte ein viel wichtigeres Thema. Leise brachte er seine größten Ängste zur Sprache.
"Heute Abend, ist Auswertung der Entwicklung der Kinder in den letzten drei Monaten. Mir ist schon himmelangst und bange. Was da wohl wieder heraus kommen wird? Für einige der Kinder, sieht es gar nicht gut aus, um Keri und Lyn machen mir richtig schlimme Sorgen. Keris rechtes Auge wird immer schlimmer. Wenn das so weiter geht, ist er in einem Jahr auf einem Auge blind. Ich kann das Ablösen der schützenden Hornhaut des Auges, nicht mehr verhindern. Verdammt die schlagen die Kinder kaputt und wundern sich dann, wenn sie gesundheitliche Probleme bekommen. Keri bekam Dresche, weil er beim Schießen nicht die volle Punktzahl erreicht hat. Verdammt nochmal, der ist in allen anderen Disziplinen super gut. Nur nicht im Schießen halt nicht. Er sieht schon immer schlechter als die anderen. Trotzdem schieß er immer noch besser, als jeder Wachmann hier im Projekt. Da muss man ihn halt auf anderen Gebieten einsetzen. Keri ist ein begnadeter Nahkämpfer und Taktiker. Die Kinder können das alles kompensieren. Ich verstehe Mayer einfach nicht."
Jacob bückte sich und hob eine Kastanie auf, die vor seinen Füßen am Bode lag. Tief in seinen Gedanken versunken warf er diese immer wieder nach oben und fing sie im Anschluss auf. Nach einigen Minuten, kehrte er aus seinen Gedanken zurück und streichelte Anna.
"Na komm, wir müssen wieder rein, in unsere kleine Hölle."
Er erhob sich, reichte Anna die Hand und zog diese auf die Beine. Gemeinsam schlenderten sie zurück zum Haus Nummer 6. Anna ging nach oben, um sich auf ihre morgige mündliche Prüfung vorzubereiten. Jacob fuhr nach unten auf die 6/blau, um nach seinen Kindern zu sehen. Kaum, dass Jacob den Raum betreten hatte, kam ihn Jaan entgegen.
"Doko können sie bitte mal nach 97 sehen, Sir? Sie blutet ganz schlimm, Sir."
Erschrocken lief Jacob nach hinten zu dem Mädchen. Sie lag zusammen gerollt, auf dem Bett. "Nikyta, sere. Wie geht es dir mein Kind? Was ist passiert? Darf ich dich untersuchen?"
Das Mädchen nickte. Jacob untersuchte seine Patientin aufs Genauste. Erleichtert stellte er fest, dass die Verletzung nicht dramatisch war. Nummer 97 hatte sich nur schlimm auf die Zunge gebissen.
"Es ist nichts Schlimmes, sagst du mir, wie du heißt 97?"
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Sie gehörte zu den wenigen Kindern, die sich komplett von Jacob zurück gezogen hatten.
"Du hast deine Muskeln nicht richtig angespannt, dadurch hast du zugelassen, dass dir die Betreuer die Rippen angebrochen haben. Zum Glück sind diese nicht durchgebrochen. Ich spritze dir etwas, damit die Schmerzen erträglicher werden. Dass du aus dem Mund blutest hängt damit zusammen, dass du dir böse auf die Zunge gebissen hast. Das wird noch einige Zeit nachbluten. Ich könnte es nähen, aber danach hast du schlimmere Schmerzen als jetzt. Schneller heilen tut es dadurch auch nicht. Es wird ein paar Tage weh tun, das kann ich leider nicht ändern. Das musst du selber entscheiden."
Nummer 97 schüttelte den Kopf. So zog Jacob nur eine Injektion auf, um ihr die Schmerzen ein wenig zu nehmen. Er mischte ein leichtes Schlafmittel dazu, so dass das Mädchen zur Ruhe kam und besser schlafen konnte. Schnell bandagierte er noch deren Rippen mit einem Stützverband, so tat ihr das Atmen nicht mehr ganz so weh. Jacob wandte sich nochmals an Jaan, um diesen zu berichten.
"Jaan, es ist nichts Schlimmes mit 97. Sie hat sich böse auf die Zunge gebissen. Das wird noch einige Zeit nachbluten. Ansonsten, muss sie wirklich die Muskeln mehr anspannen, damit sie die Schläge besser abfedern kann."
Jaan sah seinen Doko erschrocken an. "Sir, ich erkläre ihr das noch einmal, Sir", nur an seiner Haltung sah Jacob, dass er erleichtert war.
"Jaan, warum hat man 97 zusammen geschlagen? Wieso hat sie sich so toll auf die Zunge gebissen?"
Jaan schüttelte den Kopf und zog sich in sein Bett zurück. Schulterzuckend ließ es Jacob geschehen. Er hatte es aufgegeben in die Kinder eindringen zu wollen. Er wusste inzwischen, dass er mehr kaputt machte mit seinen Fragen, als dass er etwas Positives erreichen würde. Deshalb hatte der Chefarzt lernen müssen, solche abweisenden Reaktionen zu akzeptieren. Er wollte endlich das völlig zerstörte Vertrauen wieder aufbauen und dazu musste er den Kindern ihre Privatsphäre lassen. So ging er nach dem er überzeugt war, dass die Injektion half, weiter zu Rashida und Lyn.
"Guten Tag ihr Zwei. Sere Nikyta? Wie geht es euch?", wollte er von den beiden wissen, obwohl er wusste, dass er keine Antwort bekommen würde. Die Mädchen ignorierten ihn oder schienen ihn überhaupt nicht bemerkt zu haben. Jacob setzte sich einfach auf das Bett, um die beiden Mädchen zu beobachten. Mittlerweile sah er schon an der gesamten Körperhaltung der Kinder, wie es ihnen ging. Es schien ihnen gut zu gehen, nur waren sie in ein Gespräch vertieft.
Jacob lehnte sich mit den Rücken an die Wand und nahm einen Fuß hoch auf die Pritsche und träumte einfach vor sich hin. Gedanken verloren nahm er die Kastanie, die er vorhin mitgenommen hatte, in die Hand und begann wieder damit zu spielen. Die Ruhe die hier in dem Raum herrschte, hat etwas Besonderes. Ihm gab sie immer sehr viel Kraft und innere Ruhe zurück. Deshalb kam er manchmal hierher, um seinen Akku wieder aufzuladen, wie er es spaßeshalber immer nannte. Im Moment war die Arbeit sehr anstrengend, fast täglich kamen Mitarbeiter mit Blessuren auf die 1/gelb, um sich behandeln zu lassen und vor allem, um sich einmal richtig auszuheulen. Überall auf dem Gelände, wo Jacob erschien, kamen Mitarbeiter auf ihn zu und wollten seinen Rat und seine Hilfe. Leider konnte er auch nichts machen. Jacob waren selber die Hände gebunden. Egal wie oft er versucht hatte, Hunsinger über die hier entstandene Situation aufzuklären, er kam nicht an ihn heran. Ständig ließ er sich verleugnen. Jacob kam an dessen arroganten Adjutanten einfach nicht vorbei. Er war ratlos.
Einige Male schon hatte er versucht mit Mayer zu reden, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Der Projektleiter war jedoch so tief in Selbstmitleid versunken, das er nicht bereit war Jacob auch nur einen Moment zu zuhören. Der Chefarzt wusste nicht weiter. Er hoffte das am 31.Juli 1959, bei der nächsten Verabschiedungs- und Begrüßungsfeier, die Möglichkeit bestand, mit Hunsinger kurz zu sprechen. So konnte er den Mitarbeitern nur raten, um ihre Entlassung zu bitten. Drei Mitarbeiterinnen waren mittlerweilen so weit, dass sie nur noch aus diesem Projekt aussteigen wollen und würden in den nächsten Wochen heiraten. Es waren mittlerweilen dreiundzwanzig Anträge auf Entlassung, die bei Mayer auf dem Tisch lagen. Einige verzichten freiwillig auf die Abfindung, nur um aussteigen zu können. Das Hunsinger das nicht auffiel, war für Jacob unbegreiflich. Er schien noch blinder zu sein als der Arzt dachte.
All das ging dem Chefarzt durch den Kopf, während er mit der Kastanie spielte. Es war Jacob gar nicht aufgefallen, dass die beiden Mädchen aufgehört hatten, miteinander zu reden. Er bekam nicht einmal mit, dass er beobachtet wurde. Plötzlich jedoch, kam die Kastanie nicht wieder zurück, das brachte Jacob zurück in die Gegenwart. Lachend sah er Lyn an, die einfach die Kastanie weg gefangen hatte und sie jetzt genau betrachtete. Jacob beobachtete seine Kleine.
Lyn hielt den Kopf etwas schräg und sah ihn fragend an.
"Du möchtest wissen, was das ist?"
Lyn nickte.
"Es ist eine Nuss von einem Baum, der sich Kastanie nennt."
Jacob stand auf und ging nach vorn in das Regal, in dem er seit einiger Zeit alle möglichen Bücher aus der Bibliothek lagerten. Einige über Tiere, Pflanzen, Vögel, Fische, Bäume. Einfach, um den Kindern zu erklären, was diese nicht durch Worten erfassen konnten, weil sie es noch nie gesehen hatten. Woher sollten sie auch wissen, was ein Baum oder ein Vogel ist, wenn sie noch nie in ihrem Leben einen Fuß aus dem Gebäude 6 des Projektes gesetzt hatten. Jaan machte den Chefarzt vor einigen Wochen darauf aufmerksam, dass sie vieles nicht verstanden, was man ihnen versuchte zu erklären. Wie bei vielen so Dingen war das noch niemanden bewusst geworden, da es sich um Sachen handelte, die ihnen selbstverständlich waren. Jacob holte sich deshalb das Buch mit Abbildungen von Bäumen, um es den Kindern zu erklären was eine Kastanie war. Sofort lief Jacob zurück zu den Mädchen, bei denen sich noch einige andere eingefunden hatten. Lächelnd setzte er sich wieder auf Lyns Bett. Die meisten der Kinder genossen die Möglichkeit, einmal etwas anderes als den Kampf erklärt zu bekommen. Jacob setzte sich wieder bequem auf seinen Platz, was bei den harten Pritschen gar nicht so einfach war. Er legte das Buch so auf das Bett, dass alle hineinschauen konnten. Mittlerweilen versammelten sich alle dreiundachtzig Kinder in und um Lyns Bett. Erfreut über diese kleine Abwechslung, erklärte Jacob den Kindern, was es mit der Kastanie auf sich hatte.
"Die Kastanie gehört zu den Laubbäumen, deren Blätter aussehen wie Hände. Schaut mal", damit zeigte er auf die Abbildung des Blattes, legte seine Hand daneben. "Laubbäume müsst ihr wissen, tragen nur vom Frühjahr bis zum späten Herbst ihr Blätterkleid. Im Herbst schmeißen sie ihre Blätter ab. Im Winter, wenn es kalt ist, haben sie dann nur noch kahle Äste", wieder zeigte er den Kindern Fotos von den Bäumen, wie der Baum in den verschiedenen Jahreszeiten aussah. "Die Früchte des Baumes, nennt man Kastanien. Es gibt viele verschiedenen Arten. Von ganz bestimmten Baumsorten, kann man die Früchte sogar essen. Eingehüllt sind diese Früchte in eine kugelige bis birnenförmige Kapsel, die bei manchen Kastanienarten glatt sind und bei anderen aussehen wie kleine Igel, also ganz stachelig", Jacob zeigte auf die verschiedenen Darstelllungen. "Als Kinder, müsst ihr wissen, haben wir aus den Kastanien immer Figuren gebaut. Hunde, Hasen aber auch Menschen. Wenn ihr wollt, kann ich euch das mal zeigen. Die Schale der Kastanie platzt auf, wenn sie reif sind. Man kann diese Kastanien, dann herausnehmen. Mit ein bisschen Glück, kann man diese sogar dazu bringen wieder zu treiben. So dass man daraus, einen neuen Baum züchten kann. Kastanienbäume können sehr alt werden, wenn man sie gut pflegt. Draußen im Park ist ein Hain, mit ganz vielen alten Kastanien, einige davon ist schon über hundert Jahre alt. Die haben Äste, auf die sie man sich setzen kann, so stark sind sie. Aber ich weiß auch, dass es uralte Kastanien gibt, die schon über fünfhundert Jahre und sogar noch älter geworden sind. Dann sind die Stämme so dick, dass man drei bis vier Leute braucht, um den Stamm zu umfassen. Unser Kastanienbaum, von der diese Frucht stammt, hat einen Durchmesser von zweieinhalb vielleicht sogar drei Metern."
Interessiert hörten die Kinder zu. Es war immer für Jacob traurig zu sehen, wie wenige Freiheiten die kleinen Geschöpfe hier hatten. Es war schlimm, dass die Kinder nie das Tageslicht sahen, niemals nach draußen in den Park durften. Jacob hatte sich vorgenommen, dass er das heute Abend einmal ansprechen würde. Selbst wenn die Kinder so alt werden sollten, dass sie einmal in Einsätzen kämpfen konnten, mussten sie vorher schon einmal etwas anderes, als diese trostlose Umgebung gesehen haben. Sie nach draußen in den Park zu lassen, in der Nacht wenn alle schliefen, konnte niemanden schaden. Auf diese Weise konnten sie sich einmal alles in Ruhe ansehen, war seine Meinung und sich auf das Umfeld des Kampfes vorbereiten, so wollte es Jacob begründen.
Die Kastanie ging von Hand zu Hand, wurde von allen begutachtet und regelrecht bestaunt.
"Wartet einen Moment, ich komme gleich wieder."
Kurz entschlossen stand Jacob auf, lief nochmals nach draußen in den Park. Nach einer viertel Stunde kam er zurück, mit einem T-Shirt voller Kastanien, für jedes Kind eine eigene. Unter dem Baum lagen immer noch die Kastanien, vom vorigen Jahr, aufgehäuft zu einem kleinen Haufen. Für die Eichhörnchen, die es im Park gab. Schnell hatte er sich die schönsten für die Kinder heraus gesucht. Da er keinen Beutel oder eine Kiste hatte, zog der Chefarzt kurz entschlossen sein T-Shirt aus und verwandelte dieses in einen Beutel.
"Hier, für jeden von euch eine Kastanie", erklärte er lächelnd. "Ich muss jetzt leider zu einer Besprechung gehen. Bis später."
Jacob war sofort wieder verschwunden. Er wollte seine Kinder mit ihrem "Schatz" alleine lassen. Am Schwesterntisch sagte Jacob noch kurz Alma Bescheid, wo er im Notfall zu erreichen war.
"Ich bin bei Mayer, wenn was sein sollte, rufe einfach oben an. Lass den Kindern die Kastanien."
"Na, dann passen sie auf sich auf, Herr Doktor. Nicht, dass sie die schlechte Laune wieder abbekommen. Der Ar... toppt heute schon wieder den ganzen Tag durch das Projekt."
Jacob tätschelte Alma die Schulter. "Alma, mache dir keine Sorgen um mich. Ich passe auf und außerdem bin ich heute auch einmal ganz lieb. Ich hab es Anna versprochen. Ich will versuchen für die Kinder eine kleine Verbesserung zu erreichen", sagt er und verschwand aus dem Raum, nach oben in sein Büro, um sofort nach vorn ins Haus 2 zu laufen.
Kaum fünfzehn Minuten später, schellte er bei Mayer an der Tür. Er war der erste der zur Besprechung erschien. Schon als Mayer die Tür öffnete, sah Jacob oder besser gesagt roch er, dass sein Chef wieder getrunken hatte. Enttäuscht folgte er diesen und setzte sich allerdings diesmal nicht an den Tisch. Er wollte Mayer nicht jetzt schon reizen.
Jacob hatte in den letzten Tagen gelernt, dass wenn er Mayer ein wenig entgegen kam und mit viel Diplomatie arbeitete, er einiges mehr durchsetzen konnte. Komplett auf Gegenkurs zu schippern, brachte Mayer nur zusätzlich in Rage. Also hatte man in der einen Woche gelernt, Mayer gegenüber einen gewissen Gehorsam walten zu lassen, so zügelte man ihm am Besten und ging unnötigen Bestrafungen aus dem Weg. Nach und nach, trafen alle zur Dienstbesprechung ein. Alle blieben wie Jacob stehen, warteten den Befehl des Platznehmens ab.
"Setzen sie sich, meine Herren", befahl Mayer in seinem kalten herrischen Ton, den er seit seiner Rückkehr immer benutzte. Sofort setzten sich alle wortlos an den Tisch. So eisig wie Mayers Stimme klang, so eisig war die Stimmung hier im Raum. Mayer setzte sich ebenfalls.
"Ich habe mir die Unterlagen angesehen, die sie mir haben zukommen lassen. Die Ergebnisse sind so weit zufrieden stellend, bis auf die von Nummer 60 und Nummer 98."
Dabei sah er Jacob an. Dieser konnte einfach nicht aus seiner Haut und musste Mayer ein wenig provozieren. Der Chefarzt schwieg einfach. Bei sich dachte Jacob. 'Was willst du von mir? Du hast mir diese Woche, das Sprechen so oft verboten. Du hast mich so oft drauf hingewiesen, dass ich nur sprechen darf, wenn du es mir erlaubst. Du bist doch derjenige der diese neue uneffektive Methode haben wollte. Nun lebe auch damit.‘
Offen sah Jacob Mayer in die Augen und ohne mit der Mimik zu verraten, was er dachte. Innerlich lachte sich der Chefarzt weg. Es machte ihm neuerdings Spaß, Mayer mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. In dem er nur nach Aufforderung sprach und ihn mit Sir ansprach. Mehr als einmal hatte Mayer ihm das, in den letzten Tagen, lautstark befohlen. Also würde er sich daran halten. Mayer würde sehen, wie weit er damit kam und dass er mit dieser Methode keinerlei nützliche Vorschläge von seinen Mitarbeitern bekam.
Chris Martin meinte es funktioniert in der Wachkompanie spitzenmäßig. So kam man ruhig durch den Dienst. Jacob sollte es auch versuchen. Seit zwei Tagen machte er das nun schon so, es klappte hervorragend.
"Redest du nicht mehr mit mir Fritz? Antworte sofort", brüllte Mayer schon los.
Jacob holte tief Luft, um ruhig antworten zu können. "Sir, doch Sir. Ich bitte sie Genosse Oberstleutnant mich nicht zu duzen, Sir. Außerdem haben sie mir nicht erlaubt zu sprechen, Sir", erwiderte Jacob schulterzuckend. Wieder sah Jacob seinen Vorgesetzen offen an, kämpfte gegen das Lachen, das in ihm hochkommen wollte.
"Dann reden sie, Jacob."
Lange sah der Chefarzt Mayer an, überlegte dabei ob er ihn weiter provozieren sollte oder ob er heute lieber einmal den braven Doktor heraus kehren sollte. Er entscheidet sich für das letztere, auch wenn er nicht sicher war, ob er damit etwas erreichen würde.
"Sir, durch die Schläge der Betreuer wurde Nummer 60 schwer am Auge verletzt, Sir. Vielleicht sollten sie dem Betreuungspersonal einmal sagen, dass sie bei ihren Bestrafungen aufpassen sollten, wo sie hinschlagen und treten, Sir. Das rechte Auge wird nicht zu retten sein, Sir. Bei Nummer 98 wären die Testergebnisse ebenfalls zufriedenstellender, wenn man sie nicht vier bis fünfmal am Tag zusammenschlagen würde, Sir. Es gibt unten auf der 6/blau dreiundachtzig Kinder, warum muss es eigentlich immer Nummer 98 sein, Sir? Weil sie die Kleinste ist oder weil sie mir besonders ans Herz gewachsen ist, Sir", ohne die kleineste Regung im Gesicht, sah Jacob seinen Vorgesetzten an und wartete auf dessen Reaktion.
"Wie 98 wird ständig zusammengeschlagen?", wollte Mayer jetzt wissen.
Jacob griff in seine Mappe und holte die Krankenakte von 98 hervor und begann daraus vorzulesen. "Am 12.7. angebrochenes Jochbein. Zwei angebrochenen Rippen links. 13.7. Hämatome im Bauchbereich, die durch kräftige Tritte herrühren, da ein Stiefelabduck sichtbar war. 14.7. ausgekugelter Arm, Mittelfinger der rechten Hand gebrochen. 15.7. Bruch des rechten Zeigefingers, schwer Zerrung am rechten Knie. Das komplett dunkelblau verfärbt war, so blutunterlaufen war es. Diese Verletzungen kommen von Schlägen oder Tritten. Heute, blutunterlaufenes Gesicht, Fingerabdrücke von Würgenmalen am Hals, Sir. Das sind nur Dinge die ich festgestellt habe, Sir. In der Akte können sie sich die Röntgenbilder, aber auch die Fotografien der Verletzungen ansehen, Sir", Jacob reichte den Mappe weiter. "Sir, das ist nicht nur bei 98 so, sondern bei fast jedem der Kinder, Sir", damit beendete Jacob fürs erste seinen Vortrag.
Mayer sah denn Chefarzt mit zusammengekniffenen Augen an, konnte nicht glauben, dass Jacob sich heute so ruhig verhielt. Denn in den letzten Tagen hatten die beiden ehemaligen Freunde einige böse und für Mayer sehr schmerzhafte Auseinandersetzungen. Jacob hatte sein Versprechen sich zu wehren gehalten. Mayer war also bei dieser Versammlung davon ausgegangen wieder einer seiner Dispute mit dem Chefarzt zu haben. Er verstand das Verhalten Jacobs immer weniger. Deshalb wandte er sich an den Chefbetreuer.
"Simon, was stimmt davon?"
Der Betreuer sah Jacob böse an. Er konnte nicht glauben, dass der Chefarzt ihn hier so offen bei seinem Chef anschwärzte. Jacob hielt seinem Blick jedoch stand. Simon konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Er war sich sicher, dass Mayer zu ihm halten würde. Denn seit Mayers Rückkehr ins Projekt, hatte dieser sich zu den Betreuern hingezogen gefühlt, da ja sonst niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben wollte. Schließlich tranken sie täglich zusammen und hatten ihren Spaß daran sich auszumalen, was man mit diesen Kreaturen dort unten noch alles veranstalten könnte. Siegessicher wandte er sich also an seinen Chef.
"Was soll ich sagen, Sigmar. Wir sollen diese Kreaturen doch nicht mit Samthandschuhen anfassen. Die 98 ist halt viel zu klein. Dieses Püppchen braucht man doch nur mal etwas scharf angucken, schon geht es kaputt", erklärte er mit einem feisten Grinsen im Gesicht.
"Was soll dieser Ton, Simon? Geht das auch ordentlich?", brüllte Mayer Simon an.
"Sir, jawohl, Sir", antwortete der Angesprochene im laschen Ton. Er war sich sicher, dass Mayer auf seiner Seite stand. Schließlich waren sie Saufkumpanen und so etwas verbannt. Auch wenn Mayer sich sehr zu seinem Ungunsten verändert hatte, blieb er jedoch einen seiner Prinzipien treu. Mayer würde nie privates mit Dienstlichen vermischen. Hier ging es nur um die Erfüllung der Aufgaben, die ihm als Soldat gestellt wurde. Dies war der Punkt der zählte und das Verhalten der Betreuer stellte die Erfüllung seines Auftrags, mehr als nur in Frage.
"Simon, was soll das. Du bist hier nicht in deiner Stammkneipe, sondern auf einer Dienstbesprechung. Ich möchte hier anständige Antworten haben."
Simon sah Mayer entgeistert an, er hatte Mayer also völlig falsch eingeschätzt.
"Was soll ich dazu sagen. Die Kleine macht nie etwas mit. Ist immer die Letzte beim Laufen. Die stellt sich echt bei allem zu blöde an. Die hätte man schon nach der Geburt aussortieren sollen. Genau wie den Rest, dieser ganzen Missgeburten."
Jacob konnte nicht glauben, dass der Chefbetreuer, so offen seine persönliche Einstellung zu den Kindern kund tat. Der Chefarzt hatte einige Mühe ruhig zu bleiben. Er musste allerdings ruhig bleiben, wenn er es für die Kinder nicht noch schlimmer machen wollte, als es sowieso an der Tagesordnung war. Mühsam atmete er seine Wut weg, um wieder klar denken, vor allem ruhig antworten zu können. Er war Zolger wirklich dankbar, dass er ihm die Taiji-Atmung beigebracht hatte. Auf diese Weise konnte er sich wesentlich schneller und unauffälliger beruhigen.
Mayer wandte sich gerade mit der Frage, an ihn. "Jacob, warum macht 98 nicht ordentlich mit, beim Laufen? Sprechen sie."
Jacob zwang sich zum leisen Sprechen, vor allem zu einem freundlichen Ton und sah Mayer offen an.
"Sir, haben sie schon einmal versucht mit einem verrenkten Knie zu rennen, Sir. Oder mit einem gebrochenen Jochbein zu springen, Sir. Das sind Schmerzen, da würden wir alle wie wir hier sitzen, jammernd am Boden liegen, Sir. Auch wenn diese Kinder eine höhere Schmerzgrenze haben, Sir, halten sie nicht unendlich Schmerzen aus, Sir. Vielleicht sollten die Betreuer einmal darüber nachdenken, Sir. Das, wenn die Kinder weniger Prügel bekämen, Sir. Diese eventuell, schneller vor allem, leistungsstärker wären, Sir. Sind die Kinder gesund, könnten sie das Doppelte an Leistungen bringen, wie jetzt, Sir. Aber durch die ständigen, entschuldigen sie bitte, mir fällt kein anderes Wort dafür ein, Sir. Aber durch die ständigen Misshandlungen durch die Betreuer, können die Kinder gar nicht wirklich zeigen, was sie können, Sir. Versuchen sie es doch einfach einmal eine paar Wochen ohne Prügel, Sir, dann werden auch die Leistungen besser, Sir", beendete Jacob seinen langen, wenn auch sehr gewagten Vortrag.
Der ihm, von Seiten des Chefbetreuers böse Blick einbrachte. Jacob war sich in der letzten Woche darüber klar geworden, dass er nur auf diese Weise erreichen konnte, dass Mayer sich für die Kinder stark machte. Allerdings musste sich der Chefarzt eingestehen, hatte er für diese Erkenntnis die Hilfe seiner Freunde gebraucht. Die ihn mit der Nase auf diese Tatsache stießen. Konfrontation, half seinen Kindern absolut nicht, er musste einen Mittelweg finden. Jacob hatte sich gestern lange mit Chris Martin und Heiko Corsten auf der 1/gelb unterhalten. Beide fanden, dass die einzig effektive Methode war, Mayer zum Zuhören zu zwingen, in dem man ihm klar macht, dass sein Auftrag die Züchtung von einem perfekten Soldaten sich nur dann verwirklichen ließe, wenn diese Kinder gesund wären und vor allem am Leben blieben. Nur dann könnten sie volle Leistungen erbringen. Vor allem könnte man auf diese Weise eine Wende in dem Leben der Kinder erreichen. Dieses ständige Verprügeln der Kinder musste unbedingt aufhören. Deshalb bemühte sich Jacob, obwohl alles in ihm brodelte, um einen ruhigen sachlichen, fast freundschaftlichen Ton und es half wirklich. Jacob konnte es kaum glauben. Mayer reagierte auf die von Chris Martin vorausgesagte Art und Weise.
"Jacob, sie haben voll und ganz Recht mit den Argumenten die sie hier zur Sprache gebracht haben. Simon ich will, dass das Verprügeln der Wesen sofort aufhört. Höre ich noch einmal, dass ihr die Geschöpfe da unten verprügelt, gibt es Stress mit mir. Wir wollen die höchst mögliche Leistung, von diesen Kreaturen haben. Das geht aber nicht, wenn ihr sie ständig halb tot schlagt. Da gebe ich Jacob ausnahmsweise einmal Recht. So weiter im Plan. Wie ist das Leistungsniveau von den beiden Kindern. Müssen wir sie aussortieren ja oder nein?", Mayer sah Jacob an. "Jacob, sprechen sie als erstes", gab er den Befehl zu reden.
"Sir, die Kinder sind unterschiedlich entwickelt. Es kommt auf die Serie an, Sir. Davon hängen ihre Stärken und Schwächen ab, Sir. Bei der Auswertung der Tests, muss ich sagen, liegen alle weit über den Durchschnittswerten eines normalen Soldaten, Sir. Nummer 60 wie auch 98 liegen etwas zurück, Sir. Bei 60 ist es einfach durch das kranke Auge bedingt, Sir. Er müsste einfach einmal vierzehn Tage intensiv auf der 6/rot behandelt werden, Sir. Bei 98 gibt es verschiedene Gründe für die etwas hinter der Norm liegende Leistung, Sir. Unter anderem das fünfwöchige Koma, hängt ihr immer noch an, Sir. Die ständigen Verletzungen, haben noch nicht zugelassen, dass sich 98 einmal richtig erholt, Sir. Kommt Ruhe in die Sache, wird diese auch die volle Leistung bringen, Sir. Sie liegt nur im Laufen, weit hinter den anderen, Sir. Aber 98 ist auch fast fünfzig Zentimeter kleiner, vor allem durch die ständigen Verletzungen zusätzlich geschwächt, Sir."
Jacob wies nochmals gezielt darauf hin, dass es so nicht weitergehen konnte. Mayer nickte, er hatte verstanden, dass er nur die volle Leistung erreichen konnte, wenn man mit diesen Misshandlungen aufhörte.
"Simon, ab sofort werden diese Kreaturen da unten nicht mehr geschlagen. Verstanden."
Simon sah Mayer und dann auch Jacob böse an. "Sir, jawohl, Sir. Aber bedenken sie das Verletzungen nicht ausbleiben werden, Sir."
Jacob sah Mayer an, dieser nickte und gab ihm durch das Nicken zu verstehen, dass er sprechen konnte.
"Simon, beim Training kann immer jemand verletzt werden. Aber das sind andere Verletzungen, als die welche die Kinder zurzeit haben. Wenn im Zweikampftraining jemand verletzt wird, dann ist das Pech. Dann schonen wir ihn ein oder zwei Tagen, schon sind die Kinder wieder voll da. Aber im Moment laufen alle, weit über dem ertragbaren Limit. Das ist nicht gut so."
Mayer nickt, gab Jacob recht. "Simon, wir sind hier, um das höchste aus diesen Kreaturen herauszuholen. Nehmt sie beim Training hart ran, steigert die Ansprüche: Damit sie schnell besser werden. Verstanden, das ist ein Befehl. Höre ich noch einmal, dass die Kreaturen Verletzungen haben, die nicht durch Training zustande gekommen sind, werde ich stinksauer."
Damit war das Thema für Mayer vom Tisch. Über viel wurde noch diskutiert. Jacob machte vorsichtig den Vorschlag, dass man die Kinder nachts einmal in den Park lassen sollte, um ihnen einen Einblick in die Natur zu geben. Da sie so etwas ja noch nie gesehen hatten. Man könnte sie auf der Wachstraße einige Runden laufen lassen konnte, egal bei welchen Wetter. Dies würde zur zusätzlichen Abhärtung der Kinder beitragen. Spurenlesen könnte man des Nachts im Park üben, in dem man eine Art Versteckspiel veranstaltete oder eine Schnitzeljagd. Dies wäre eine effektive Methode, um sie auf mögliche Einsätze vorzubereiten. Als man mit der Besprechung fertig war, konnte Jacob rundherum zufrieden sein. Wenn wirklich all seine Vorschläge angenommen wurden, würde es für seine Kinder bald etwas einfacher werden. Man würde das Letzte von ihnen verlangen, aber damit konnten die Kinder leben.
Der nächste Test wurde in vierzehn Tagen festgesetzt, so dass die Kinder Zeit hatten sich zu erholen und die Leistungen konnten dadurch wesentlich besser werden. Zufrieden ging Jacob kurz nach 23 Uhr noch einmal nach unten auf die 6/blau, um den Kindern zu berichten, was er bei der Versammlung erreicht hatte. Als erstes lief Jacob allerdings nach hinten zu 97, um nach dem verletzten Mädchen zu sehen. Sie saß nicht in ihrem Bett. Suchend sah sich der Arzt um, entdeckte 97 bei Lyn.
"Hallo ihr Drei. Sere Nikyta? Wie geht es euch?"
Lyn nickte, auch Rashida nickte. Nummer 97 dagegen schien es nicht so gut zu gehen. Das sah Jacob sofort an deren Haltung.
"Darf ich dich noch einmal untersuchen?"
Wortlos nickte das Mädchen. Jacob stand auf ging nach vorn, um seine Tasche zu holen, untersuchte im Anschluss das Mädchen noch einmal genauer. Die Zunge war schlimm entzündet. Traurig sah er das Mädchen an.
"Warte bitte einen Moment hier. Ich muss mal mit Doris sprechen, ob die eine Idee hat, wie wir dir helfen können."
Jacob stand auf und ging nach vorn zu Doris. "Doris, sag mal hast du eine Idee, wie wir Nummer 97 etwas Linderung verschaffen können. Ich könnte ihr Schmerzmittel geben, aber das ändert nichts an der Tatsache der Entzündung. Gegen Labocane, was ich normalerweise einsetzen würde, sind die Kinder allergisch. Ich weiß aber, es gab da irgendein Hausmittelchen. Ich komme aber gerade nicht darauf, was das war."
Doris überlegte kurz. "Fritz meine Mutter hat mir, wenn ich so Bläschen im Mund hatte, immer Kamillentee zum Spülen gegeben. Vielleicht sollten wir das einmal versuchen. Kamillentee trinken die Kinder hier schon mal gern. Den machen wir ab und an mal, wenn keine Betreuer in der Nähe sind. Die können ja nicht immer nur Wasser trinken. Gegen alles andere, sind sie allergisch."
Jacob lächelt. "Genau das war es. Jetzt fällt es mir wieder ein. Danke Doris. Mach das mal. Kamillentee ist gut, du machst sofort welchen zurecht. Ich hole 97 nach vorn. Wir müssen der Kleinen helfen, der geht es gar nicht gut."
Jacob lief nach hinten zu dem Mädchen. "Kommst du bitte einmal mit 97. Schade meine Kleine, dass du mir nicht sagst wie du heißt. Ich mag es immer gar nicht, euch mit den blöden Nummern anzusprechen. Na egal, nicht schlimm meine Kleine. Komme einfach mal mit nach vorn. Wir wollen versuchen, dir etwas Linderung zu schaffen."
Jacob hielt 97 die Hand hin, diese zögerte. Nummer 97 schaute erst einmal zu Rashida und Lyn. Ihre ganze Haltung drückte Angst aus. Sie hatte Panik davor, dem Arzt zu folgen. Rashida, wie auch Lyn nickten ihr aufmunternd zu. Sie folgte schließlich Jacob nach vorn. Schwester Doris hatte in der Zwischenzeit den Kamillensud aufgegossen und kühlte diese gerade ab, in dem sie den Sud von einer Tasse in die andere schüttete. Keine drei Minuten später, besaß der Sud die richtige Temperatur.
"Du musst das wie folgt machen." Doris nahm einen Schluck Wasser in den Mund und zeigte dem Mädchen wie sie das mit dem Spülen machen sollte. "Aber erschrecke bitte nicht, im ersten Moment könnte es etwas brennen, aber das hört gleich wieder auf. Vertraue mir bitte."
Ängstlich sah 97 die Schwester, wie auch den Arzt an.
"Versuche es wenigstens einmal."
Nummer 97 schüttelte den Kopf.
Jacob drehte sich um. "Jaan, kannst du einmal kurz helfen und zu uns kommen?", rief er das einzige Kind, das im Moment mit ihnen sprach.
"Sir, ja, Sir", antwortete dieser ihm sofort. Jaan stand auf und lief auf Doris und Jacob zu.
"Bitte Jaan, helfe uns deiner Freundin zu erklären, was sie tun muss. Ihre Zunge ist ganz geschwollen und entzündet. Wir haben hier Kamillentee, den habt ihr alle schon getrunken. Nur ist dieser viel stärker, als ihr den sonst trinkt. Schau sie soll etwas davon in den Mund nehmen und spülen. Dann alles ausspucken. Kamille heilt sehr gut und vor allem nimmt es ihr den Schmerzen. Sie vertraut uns nicht. Es ist allerdings so, es kann sein, dass es beim Ersten, vielleicht auch noch beim Zweiten oder dritten Mal spülen vielleicht etwas brennt. Aber danach wird es besser."
Jaan nahm Doris einfach die Tasse aus der Hand. "Sir, lassen sie uns alleine, Sir", bat Jaan.
Doris und Jacob zogen sich etwas zurück. Jaan kümmerte sich um das Mädchen, der man an ihrer gesamten Körperhaltung ansah, dass sie große Schmerzen hatte. Jacob ging in der Zwischenzeit die Krankenblätter der Kinder durch und schrieb die Verletzungen von 97 ein. Als er dann zu den beiden Kindern sah, war er zufrieden. Sie hatten geschafft, der Kleinen etwas Linderung zu verschaffen. Nach zwanzig Minuten, hatte es Jaan geschafft, das Mädchen davon zu überzeugen es wenigstens einmal zu probieren. Nach weiteren fünf Minuten, sah man schon an der Körperhaltung von 97, dass die Behandlung half.
Jacob wandte sich lächelnd an Doris. "Danke Doris, es scheint zu helfen. Sieh mal." Er deutete mit dem Kopf zu 97, auch Doris erkannte das sofort.
"Na, da bin ich aber froh. Ich habe mir als Kind, mal fast die Zungenspitze fast abgebissen, bei einem Sturz. Es sind höllische Schmerzen. Schön, dass mir das eingefallen ist und dass es auch bei unseren Kindern hilft."
Weitere fünf Minuten später, kamen Jaan und 97, auf Doris und Jacob zu. "Sir, danke, Sir", sagte diese zu Jacob.
Der Chefarzt sah das Mädchen erstaunt an. Es war das erste Mal, dass 97 überhaupt sprach. "Mam, danke, Mam", wandte sie sich auch an Doris.
Vorsichtig streichelte die Schwester, dem um so vieles größeren Mädchen, die Wange. Noch immer sah man die Tränenspuren in ihrem Gesicht. Dieses Spülen mit Kamille trieb einen im ersten Moment, ob man wollte oder nicht erst einmal die Tränen in die Augen, erst danach wurde es besser.
"Hat es dir etwas geholfen 97?"
Das Mädchen nickte zögerlich.
Jacob sah Jaan an. "Dann macht ihr, dass so oft ihr Zeit habt, bis deine Zunge wieder in Ordnung ist. Die Schwestern stellen die eine Kanne Kamillentee, zum Spülen, in die Küche."
Das Kleine nickte, kaum hörbar, sprach sie mit immer noch schwerer Zunge, man merkte ihr an, dass ihr das Sprechen schwer fiel.
"Sir, man nennt mich Riona, Sir."
Dankbar sah Jacob das Mädchen an. Dass sie ihm ihren Namen verriet, war ein Beweis, dass sie etwas Vertrauen gefasst hatte.
"Danke Riona, du hast einen schönen Namen. Er passt sehr gut zu dir."
Als Doris fragend zu Jacob sah, erklärte er:
"Doris, Riona heißt in der Sprache der Kinder, lächelnd oder strahlend. Das trifft auf das Mädchen doch zu. Fast immer strahlt sie Freude aus, jedenfalls hier in diesem Raum."
Doris verstand, was Jacob erklärte. Der Chefarzt hatte recht mit dem, was er da erklärte. Riona lachte wirklich immer. Ihr Gesicht strahlte meist wie der reine Sonnenschein.
Jacob wandte sich an Jaan. "Jaan, könntet ihr euch alle kurz an den Tisch setzen. Ich weiß es ist schon spät. Nur würde ich euch gern erzählen, was eben bei der Versammlung heraus gekommen ist. So dass ihr euch darauf einstellen könnt."
Jaan gab Riona ein Zeichen und beide liefen los. Jeder lief einem anderen Bett, um die Freunde an den Tisch zu holen. Keine drei Minuten saßen wirklich alle am Tisch.
"Hallo Kinder, entschuldigt dass ich euch jetzt noch mal kurz störe. Aber ich möchte euch kurz berichten, was ich eben bei der Dienstbesprechung oben, beim Oberstleutnant versucht habe. Ob es hilft weiß ich nicht. Jedenfalls hoffe ich, dass es dadurch für euch etwas einfacher werden wird, in der Zukunft."
Offen sah er die Kinder an, stellte für sich lächelnd fest, dass fast alle Kinder, immer noch die Kastanie in der Hand hielten. Es hatte den Eindruck, als wäre es für jeden, wie ein kleiner Schatz. Er riss sich zurück in den Raum, seine Gedanken wollten gerade wandern gehen.
"Also, ich habe das Gefühl, dass ich heute für euch eine gewisse Verbesserung erreichen konnte…", genau erklärte er, was bei der Besprechung gesagt wurde. Jacob fasste sich sehr kurz, um die Kindern nicht zu lange vom Schlafen abzuhalten. "… wichtig ist nur, dass in vierzehn Tagen ein weiterer Test stattfindet. Gebt euch Mühe, dass er besser ausfällt als der letzte Test. Vor allem, unterstützt diejenigen die irgendwo Schwierigkeiten haben, damit auch die Kinder besser werden. Dann erreichen wir vielleicht, dass man euch wenigstens, nicht mehr ständig zusammenschlägt. Gegen die Launen des Oberstleutnants, könnt ihr euch durch das Anspannen der Muskeln schützen. Aber nicht gegen das ständige Zusammenschlagen durch mehrere Betreuer gleichzeitig. Ich hoffe so, dass es etwas besser wird. Das war es von meiner Seite, habt ihr noch Fragen."
Alle schüttelten den Kopf.
"Dann wünsche ich euch eine gute Nacht und schlaft schön. Riona, auch den anderen die verletzt sind, gute Besserung. Braucht noch jemand etwas gegen die Schmerzen? ..."
Die Kinder schüttelten erneut den Kopf.
"... Dann bis morgen. Doris du rufst an, wenn etwas sein sollte. Ich bin oben in meiner Wohnung."
So entließ Jacob die Kinder, in ihre Betten. Er verabschiedete sich von Doris und fuhr nach ob in seine heute leere Wohnung. Anna war bereits mit dem Flieger nach Berlin geflogen, zu ihrer ersten großen mündlichen Prüfung. Sie kam erst am nächsten Tag zurück. So ging Jacob erst einmal duschen und dann schlafen.
Erleichtert atmeten die Kinder auf, als Jacob endlich den Raum verließ. Sie wussten, er würde heute nicht mehr wieder kommen. Sie kannten den Arzt schon sehr genau und hörten dies an der Art seiner Verabschiedung. Endlich konnten sie ihre kleine interne Besprechung durchführen. Solange der Arzt in der Nähe war, wagten sie sich das nicht. Sie vertrauten den Schwestern mehr, als dem Doktor. Der zwar alles tat, um ihre Verletzungen zu heilen, die durch die Misshandlungen der Betreuer verursacht wurden. Die Ursache allen Übels, lag aber beim dem Doktor selbst. Schnell begriffen die Kinder, dass Jacob die Betreuer wütend machte. In all den Monaten hatte keine der Schwestern etwas getan, das ihnen geschadet hätte. Beim dem Doktor, verhielt sich das völlig anders.
Am Anfang hatten viele dem Arzt vertraut und wurden immer wieder enttäuscht. Vieles von dem, was Doktor Jacob tat, hießen die Kinder gut. Stellte sich Jacob zwischen die Kinder und die Betreuer, hatten die Kinder es auszubaden. Wenn der Arzt dann aus dem Raum verschwunden war, bekamen sie die gesamte Wut der Betreuer ab, genau wie die Schwestern. Dadurch gaben die Kinder dem Arzt, zum großen Teil die Schuld an ihren Schmerzen. Ihrer Meinung nach, sollte der Arzt sich nicht immer in ihre Angelegenheiten einmischen, dann hätten sie ein besseres Leben.
Dass der Chefarzt eigentlich nur Gutes für sie erreichen wollte, konnten die Kinder noch nicht verstehen. So sehr sie dem Doktor auch vertrauen wollten, sie konnten es nicht mehr. Die Schmerzen die sie ertragen mussten, stellten das Gute, das der Doktor tat, in den Schatten. Es blieb von den Kindern unbemerkt oder spielte nur am Rand eine Rolle. Dass der Chefarzt in den letzten Wochen gelernt hatte sich zurück zunehmen, machte die Kinder noch misstrauischer. Sie konnten das Verhalten des Doktors nicht richtig einordnen. Deshalb waren sie lieber vorsichtig und schenkten ihm nicht ihr ganzes Vertrauen. Von diesen verworren Gedankengängen ahnte Jacob zum Glück nichts.
Während sich Jacob zur Ruhe begab und dachte seine Kinder schliefen wie immer völlig erschöpft vom täglichen Training, passierten im Kinderraum ungewöhnlich Dinge. Die Kinder gingen nicht wie erwartet, in ihre eigenen Betten, sondern nach hinten zu Lyns Bett. Dort versammelten sich alle, um die Kleinste ihrer Gruppe. Sie hatten ihren Kameraden etwas Wichtiges mitzuteilen.
Doris, die bis dahin nie erlebt hatte, dass die Kinder etwas selbständig unternahmen, wusste im ersten Moment nicht, was sie tun sollten. So etwas war in all den Monaten noch nicht geschehen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, beobachtet Doris ihre Schützlinge unauffällig. Sie folgten einfach ihrem Gefühl und der Hoffnung, mit dem Verstoß gegen jegliche Befehle die sie von Mayer bekamen, das kaputte Vertrauenverhältnis zu den Kindern wieder aufzubauen. Deshalb unternahm sie nichts dagegen, sondern ließ die Kinder gewähren. Die Schwester bemerkte die Blicke ihrer Schützlinge, tat allerdings so, als wäre sie völlig in ihrer Schreibarbeit vertieft.
Eng aneinander gekuschelt, saßen die dreiundachtzig Kinder in und vor Lyns Bett. Rashida begann die kleine interne Besprechung, die in der Sprache der Kinder abgehalten wurde. Wie alles, was die Kinder sagten, wurden die Sätze kurz und knapp gehalten.
"Wir wollen eure Meinung. Lyn hat einen Vorschlag."
Rashida sah Lyn an. Diese schielte über ihre Schulter zu ihrer Freundin hoch. Lyn saß direkt vor ihrer Freundin und Rashida hatte ihre Arme beruhigend um Lyn gelegt. Wie immer war die Kleine aufgeregt und vibrierte am ganzen Körper. Lyn hatte nicht nur Angst vor den Betreuern, sondern auch vor ihren, um so vieles größeren Kameraden. Sie wusste, dass viele wütend auf sie waren. Sie spürte die Ablehnung der anderen. Nur wenige mochten den Zwerg, wie sie von ihren Kameraden genannt wurde. Rashida nickte Lyn aufmunternd zu.
"Hab Mut. Passe auf Lyn auf", flüsterte sie ihr zu.
Lyn holte noch einmal tief Luft. Kaum hörbar erklärte sie ihren Kameraden. "Doko sagte, aus der Nuss wächst ein Baum. Hundert sollten den Baum pflanzen. Der unser Baum ist. Baum soll unser Friedhof sein", erklärte Lyn knapp.
Vor einigen Tagen hatten sie im Unterricht durchgenommen, wie man seine Toten bestattet. Die Lehrer erklärten den Kindern, dass durch die Verstorbenen, viele Krankheiten ausbrechen konnten. Deshalb wäre es wichtige die Toten zu begraben. Sie erklärten den Schülern, dass es dabei auf das Volk an kam, wie diese Rituale aussahen. Nach dem Unterricht hatten Lyn, Jaan, Sneimy und Rashida sich sehr intensiv über dieses Thema unterhalten. Lyn brachte zur Sprache, dass siebzehn Kinder der Hundert nicht mehr lebten und man diese beerdigen müsste. Als ihnen heute der Doktor die Kastanien schenkte, kam Lyn die Idee mit dem Friedhof der Kinder. Sie wurde von den Lyns Freunden für gut befunden und man wollte jetzt die Meinung der anderen Hundert hören. Die Kinder sahen das kleine Mädchen erstaunt an.
Lyn hatte in der Gruppe keinen einfachen Stand. Nicht nur dadurch, dass sie mit Abstand die Kleinste war. Obwohl sie immer gute Ideen hatte, wurde sie von den anderen nicht so akzeptiert, wie die von allen geliebte Rashida. Da das Mädchen es immer schaffte, Lyn, diesen elenden Schreihals, zu beruhigen.
Durch Lyn bekam die Gruppe oft Ärger. Die Kleine war oft aufbrausend und weigerte sich das zu machen, was die Betreuer von ihr verlangten. Die Meisten begriffen nicht, dass Lyn das nur tat, um die Gruppe zu beschützen. Sehr oft hieß es, dass Lyn die Großen bestrafen sollte. Lyn allerdings weigerte sich immer ihre Kameraden auszupeitschen. Lieber bekam sie selber Schläge, als dass sie ihre Kameraden schlug.
Fatih, der Junge mit der Nummer 15, sprach wohl aus, was die meisten dachten. "Warum muss Lyn wichtigmachen?"
Rashida sah Fatih böse an. "Lyn, macht nicht wichtig. Finde Vorschlag gut. Verbindet alle. Kastanie ein starker Baum. Überlebt alles. Baum zeigt allen, was wir sind. Baum vereint uns."
Jaan sah Fatih traurig an. "Fatih, du immer willst vorn stehen. Warum soll Lyn, die Kleinste, nicht haben Idee", fragend schaute er den Jungen an.
Faith musste einen Augenblick darüber nachdenken. Er musste sich eingestehen, dass Jaan Recht hatte. Deshalb nickte er.
"Du im Recht, Jaan. Wo pflanzen wir Baum? Hier geht nicht", Fatih zeigte in den Raum hinein, um klar zu machen, dass dies hier nirgends möglich war. "Hier keine Erde. Hier kein Licht. Hier kein Wasser. Baum nicht wachsen", erklärte er die Tatsachen, die dagegen sprachen.
Lyn nickte den Kopf. Sie war froh, dass man ihren Vorschlag nicht sofort ablehnte. "Draußen, auf Lichtung. Mit Anna dort war. Können durch Notausgang gehen", erklärte Lyn zögerlich.
Enid, das Energiebündel der Gruppe, blickte zweifelnd zu Lyn. "Was mit Schwester?"
Lyn sah Enid an. Sie mochte diese Mädchen, dass voller Selbstvertrauen war. "Ich rede mit Dika."
Jetzt sahen alle Lyn skeptisch an. Die sich viel vorgenommen hatte. Keiner konnte sich vorstellen, dass Lyn es schaffte die diensthabende Schwester zu überreden, dass sie den Raum verlassen durften.
Rashida streichelte Lyn über das Gesicht und erklärte. "Lasst Lyn machen. Weiß Lyn schafft das."
Wenn Rashida diesen Vorschlag machte, waren alle einverstanden. Das Vertrauen in ihre Freundin war groß. Deshalb nickten alle, wenn auch einige sehr zögerlich und nicht davon überzeugt, dass Lyn dies schaffen konnte.
Lyn stand sofort auf und lief nach vorn zu Doris. Auch wenn ihr vor Angst schlecht war. Von der Entscheidung der Schwester hing mehr ab, als die anderen ahnten. Für ihre Kameraden war es nur die Chance, einmal ohne Begleitung aus dem Raum zu kommen. Normalerweise verließen die Kinder nur in Begleitung von mindestens zehn Wachmännern und vier Betreuern diesen Raum. Noch nie waren sie alleine irgendwo hingegangen. Für sie war es also ein ungewohntes Abenteuer. Für Lyn hing von Doris Entscheidung viel mehr ab. Deshalb sah die Kleine, die Schwester ängstlich an. Doris lächelte Lyn aufmunternd zu.
"Was hast du Lyn? Sprich mein Mädchen", setzte sie den magischen Satz hinterher, um es für Lyn einfacher zu machen, ihr Anliegen vorzutragen.
"Mam, ich habe eine Bitte, Mam. Ich wollte fragen, ob sie uns für zwei Stunden alleine lassen würden, Mam?"
Doris glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und sah Lyn völlig irritiert an. So etwas hatte die Kinder noch nie verlangt.
"Lyn, ich darf hier nicht einfach weg gehen. Wenn ich das mache, bekomme ich richtig schlimmen Ärger."
Lyn sah nach hinten, zu den anderen Kindern. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und erklärte Doris ausführlich, was los ist. Mittlerweile wusste Lyn, dass man den Anderen alles ausführlich erklären musste. Dies hatte das Mädchen in den vielen Gesprächen zwischen Jacob und Anna festgestellt, die immer alles genau begründeten.
"Mam, bitte wir wollen etwas machen, Mam. Aber dazu müssen wir alleine sein, Mam. Wir wollen sie nicht in Schwierigkeiten bringen, Mam. Gehen sie einfach fünf Minuten nach draußen, Mam. Dann können sie wieder hier herein kommen, Mam. In zwei Stunden verlassen sie nochmals für fünf Minuten den Raum, Mam. Dann sind wir alle wieder da, Mam. Bitte Mam, die Gruppe akzeptiert mich nicht, Mam. Aber wenn uns gehen lassen, dann werden sie das tun, Mam. Es passiert keinem etwas, Mam. Das verspreche ich ihnen, Mam. Ich passe auf alle auf, Mam. Ich will schließlich nicht, dass meinen Freunden oder ihnen etwas passiert", Lyn sah Doris flehend an.
Alleine von Doris Entscheidung hing es ab, ob die anderen Kinder langsam anfingen, Lyn zu akzeptieren. Wenn Doris sie nicht gehen ließ, musste das Mädchen weiterhin, nicht nur gegen die Betreuer, sondern auch gegen ihre Kameraden kämpfen. Das konnte sie auf Dauer nicht mehr. Es war wie in einem Zweifrontenkrieg. Es kostete unwahrscheinlich viel Kraft, auf zwei Seiten zu kämpfen. Sie musste es endlich schaffen, dass ihre Kameraden sie akzeptieren lernten. Vor allem, weil Lyn um so vieles kleiner war, als ihre Kameraden. Lyn die schon immer viel mehr Mühe hatte ihre Emotionen zu verbergen, sah völlig verzweifelt aus. Doris begriff dadurch, wie wichtig es für Lyn war, dass sie die Kinder gehen ließ. Nur ihrem kleinen Liebling zuliebe, stimmte sie zu. Auch wenn sie dabei schlimmen Bauchschmerzen hatte.
"Wenn das rauskommt Lyn, kostet mich das nicht nur meine Stelle. Der Oberstleutnant bringt mich um", ängstlich sah Doris das Mädchen an.
"Mam, es wird niemand etwas merken, Mam. Wir sind ganz leise, Mam. Ich lasse nicht zu, dass der Oberstleutnant sie tötet, Mam."
Doris rieb sich das Gesicht. Am liebsten würde sie dies alles mit Jacob absprechen. Aber wenn sie das machen würde, wäre das ein Vertrauensbruch. Sie verlangten immer, dass die Kinder ihnen vertrauen sollten. Deshalb würde sie jetzt einfach den Kindern vertrauen. Vielleicht wäre es so möglich, wieder eine stabile Vertrauensbasis aufzubauen. Tief holte Doris noch einmal Luft und sah Lyn offen in die Augen. Entschlossen nickte die Schwester und stand auf. Sie gab Lyn einen Kuss auf die Stirn.
"Dann los. Beeilt euch bitte", mit festen Schritten ging sie auf die Tür zu und verließ den Raum.
Erleichtert über ihren Erfolg, lief Lyn nach hinten zu ihren Kameraden. Vor allem aber, um ihre Kastanie zu holen. Kaum hatte sie ihr Band und die Kastanie geholt, bat Lyn ihre Kameraden ihr zu folgen.
"Nehmt Tasse und Kastanie mit", forderte sie alle auf.
Neben dem Regal mit der Kindernahrung, gab es eine geheime Tür, die Kinder durch Zufall entdeckt hatten. Diese Tür führte zu den Wartungstunneln, die beim Bau der Anlage, für die Notfälle und Wartungsarbeiten angelegt wurden. Es waren selten benutzte Wege, die zu den Lichtschächten führten. Da die Spiegel nur aller Monate einmal gesäubert wurden. Man nutzte diese Tunnel nur Tagsüber, da die Schächte unbeleuchtet waren. Eigentlich sollten alle Türen im Kinderbereich versiegelt werden. Man hatte einige dieser Türen wahrscheinlich vergessen. Lyn öffnete die kaum sichtbare Luke, durch einen speziellen Griff. Sie ließ alle Kinder durchgehen. Kletterte als Letzte aus dem Raum und schloss die Tür sofort wieder. Kaum, dass sie im Gang und die Tür verschlossen war, übernahm Lyn das Kommando.
"Wir haben zwei Stunden", wies sie die anderen leise darauf hin, dass man sich beeilen musste.
Lyn lief im schnellen Tempo den Tunnel entlang, immer in Richtung Norden. Da die Kinder im Dunkeln genauso gut sahen, wie normale Menschen im Hellen, machte es ihnen nichts aus, dass die Tunnel unbeleuchtet waren. Mit weit ausholenden Schritten liefen dreiundachtzig Kinder den Gang entlang. Kein Ton war zu hören, so leise bewegten sich die Kinder. Das lag zum Teil auch daran, dass die Kinder nie Schuhe trugen. Lyn hatte schon vor Wochen damit begonnen die Gänge auszukundschaften und kannte sich hier mittlerweile sehr gut aus. Sie lief an zwei Kreuzungen gerade aus, an der dritten bog sie nach links ab. Langsam aber stetig stieg der Tunnel an. Plötzlich standen die Kinder vor einer Stahlwand. Jeder der es nicht wusste, hätte vermutet, dass hier eine Sackgasse ist. Lyn drückte an einem unsichtbaren Punkt, mit der Hand gegen die Stahltür und schon öffnete sich die Tür, wie von Zauberhand. Es war ein verstecktes Sicherheitsschloss, das sich nur durch eine bestimmte Handstellung und über fünf Druckschalter öffnen ließ. Lyn legte ein Brett zwischen die Tür und den Rahmen, so dass sich die Tür nicht vollständig schließen konnte. Das erste Mal verließen die Kinder alleine das Gebäude. Staunend sahen sie sich um. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Lyn musste allerdings alle zur Eile antreiben.
"Kommt erst unseren Baum pflanzen. Könnt später schauen."
Ihre Kameraden nickten. Lyn hatte Recht. Im hohen Tempo, immer im Schatten der Bäume, liefen die Kinder los. Sie folgten Lyn in den Wald, bis auf eine Lichtung. Die war fast kreisrund und von hohen Tannenbäumen umgeben.
"Anna sagt, vor Monaten war großer Brand hier. Deshalb so kahl hier. Aber finde, so hat Baum mehr Licht", erklärte sie ihren Kameraden, während die Anderen sich staunend umsahen.
Sie hatten in dem Buch mit den Bäumen gelesen, das Licht für das Wachstum der Bäume enorm wichtig war. Deshalb hielt Lyn diese Lichtung für besonders geeignet. Schnell lief Lyn zur Mitte der Lichtung und zeigte auf die Stelle, an der man den Baum pflanzen sollte. Alle sahen Lyn erwartungsvoll an. Sie wussten nicht, was sie machen sollten.
"Wir uns anfassen. Mit rechter Hand. Dann graben wir", machte Lyn einen Vorschlag und sah lächelnd zu ihren Kameraden.
Sofort setzten die Kinder den Vorschlag ihrer kleinsten Kameradin um. Rina, ihre fröhliche Sängerin, fing gleich an zu singen. Raiko der ebenfalls sehr gut singen konnte, stimmte in das Lied ein. Auf einmal sangen alle Kinder mit. Es war eins der selbst gedichteten Lieder von Rina, die in der Sprache der Kinder gesungen wurde. Diese kleine Sängerin dichtete schnell mal einen Text, der zu der Arbeit passte, die sie gerade tun mussten. Leise sangen die anderen Kinder mit. So leise, dass man am bereits Rand der Lichtung, nichts mehr hörte.
Nur fünfzehn Minuten brauchten die Kinder, um ein tiefes Loch zu graben. So viel gelacht hatten die Kinder in ihren kurzen Leben noch nie. Nichts, was sie bis jetzt gemacht hatten, bereitete ihnen je so viel Spaß. Egal was die Kinder auch machten, sie taten es stets ganz leise. Kaum fertig mit dem Graben, hockte sich Lyn vor das entstandene Loch und holte, aus der Tasche ihres Overalls, ihre Kastanie hervor. Sie hielt die Kastanie in der Hand und plötzlich begannen Lyns Hände zu leuchten. Die Kastanie brach auseinander und es traten kleine grüne Spitzen hervor. Vorsichtig legte Lyn die Kastanie in die Grube. Sie setzte sich einfach im Schneidersitz an dessen Rand. Nacheinander gaben alle Kinder Lyn ihre Kastanie. Alle dreiundachtzig wurden auf diese Weise von Lyn behandelte. Zum Schluss schoben die Kinder vorsichtig die Erde wieder darüber und bedeckten diese.
"In Buch stand, Baum braucht Wasser zum Wachsen. Da Wasser", Lyn zeigte in die Richtung, in der ein kleiner Bach floss. Ihre Kameraden bildeten eine Reihe, um Wasser zu holen. So beförderten sie das Wasser von dem kleinen Bach, der am Rande des nördlichen Endes der Lichtung floss, in die Mitte zu ihrem Baum. Die Kinder gaben ihr Tassen mit dem Wasser weiter, um ihren neu gepflanzten Baum zu gießen. Nach anderthalb Stunden war man mit dem Werk zufrieden. Alle sahen Lyn glücklich an. Das erste Mal, dass die Kinder etwas Gemeinsames gemacht hatten. Vor allem, dass es ihnen Spaß bereitete. Die Gruppe Kinder bestaunte glücklich ihr Werk und gingen sie zusammen zurück zu ihrem Geheimgang, der ihnen noch viele Jahre, dem Weg nach draußen öffnen würde. Ihnen so die Möglichkeit gab, für zwei Stunden ihrem Elend zu entfliehen.
Lyn die so manche Nacht nicht schlafen konnte, hatte nach und nach diese Gänge erkundet. Direkt an ihrem Bett war eine weitere Tür, durch die sie den Raum einfach verlassen konnte. Durch Zufall war sie als alle schliefen, auf diese Tür gestoßen. Wieso diese Türen nicht versiegelt wurden, wusste sie nicht. Aber es war für Lyn immer ein kleines Abenteuer gewesen, einfach in der Nacht zu verschwinden. Meistens ohne, dass es jemand bemerkte. Nur Rashida wusste es und hatte sie immer gedeckt. Lyn stellte schnell fest, dass es von jedem Korridor aus, einen Zugang in dieses Labyrinth gab. Sie zeichnete sogar mit Rashidas Hilfe einen Lageplan.
Nach einhundertfünfzehn Minuten, kamen die Kinder wieder vor ihren Raum an. Lyn legte ihren Kopf an die Wand und lauschte. Sie hörte, wie Doris gerade die Tür zum Kinderraum schloss. Vorsichtig öffnete Lyn die geheime Tür.
"Beeilt euch", bat sie ihre Kameraden leise.
Doris ging in der Zwischenzeit, einmal durch die Hölle, hin und zurück. Sie biss aber die Zähne zusammen und vertraute ihren Kindern. Zum Glück wurde sie nicht enttäuscht. Im selben Moment als Lyn die Tür geschlossen hatte, betrat Doris wieder den Raum. Erleichtert atmete Doris auf und zählte durch. Als sie sah, dass ihre Kinder alle wieder da waren, fiel ihr ein ganzes Gebirge vom Herzen. Nach dem die Schwester vor zwei Stunden den Raum wieder betrat, dachte sie ihr Herz muss stehen bleiben. Lange grübelte sie darüber nach, ob sie Jacob wecken sollte. Doris beschloss dann für sich, Lyn zu vertrauen. Ihr Mädchen würde sie nicht enttäuschen, wie Recht sie hatte. Nochmals ließ Doris ihren Blick durch den Raum schweifen. Alle Kinder waren wieder da. Erleichtert ging Doris auf Lyn zu, die wartend am Schreibtisch stand.
"Mam, alle sind wieder da, Mam", machte Lyn leise Meldung.
"Danke Lyn. Ich habe vorhin einen riesen Schreck bekommen", gestand sie ihrer kleinen Freundin.
"Mam, das tut mir sehr leid, Mam. Das wollten wir nicht, Mam", entschuldigte sich Lyn ganz leise und zog sich nach hinten in ihr Bett zurück.
In der Zwischenzeit, hatten sich noch einmal alle Kinder dort eingefunden. Sie wollten wissen, wie es jetzt weitergehen würde, mit ihrem Baum.
"Jetzt haben wir den Baum. Wir müssen jede Nacht gießen, bis groß genug", erklärte Lyn.
Die Kinder strahlten Lyn an. Alle waren glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Lyn nahm auch hier wieder die Organisation in die Hand und ohne Widerspruch folgten die anderen Kinder, ihrem Vorschlag.
"Wir fangen bei Nummer 1 an und hören bei Nummer 100 auf. Jeden Abend nachdem der Doko weg ist. Ich besorge noch Eimer, für das Wasser, zum Gießen."
Lyn war genauso glücklich wie ihre Kameraden. Das erste Mal in ihrem Leben, kam es vor, dass ihre Kameraden ohne sich zu sträuben, einen Vorschlag von der ihr annahmen. So wurde beschlossen, das jeden Abend eins der Kinder für zwei Stunden nach draußen in die Freiheit verschwinden konnte, um sich um ihren Baum zu kümmern und ihn zu gießen. Rashida und Lyn würden dafür sorgen, dass das niemand auffallen würde.
Die Kinder blühten in den nächsten Tagen regelrecht auf. So, als ob mit dem Wachsen des Sprösslings, ihr Selbstwertgefühl wuchs. Das war allerdings nicht der wirkliche Grund. Es lag an der Möglichkeit, ihrer kleinen Hölle, immer einmal für zwei Stunden zu entfliehen. Nur einmal für zwei Stunden, für sich alleine sein zu können. Die Möglichkeit zu bekommen, etwas für sich und ohne ständige Beobachtung zu erkunden. Denn die Kinder nutzten diese zwei Stunden auch, um auf Entdeckungstour zu gehen. Es waren eben, kleine neugierige Kinder, die viel zu sehr in ihrer persönlichen Lebensfreiheit eingeschränkt wurden. Vor allem hatte Lyn durch die Pflanzung des Baumes, ein Zeichen gesetzt, für ihre Freiheit und ihre Verbundenheit. Das erstaunlichste an der ganzen Sache war allerdings, der Baum der Kinder unvorstellbar schnell wuchs und mit ihm, auch das Bewusstsein der Kinder, dass man durch Zusammenhalt etwas erreichen konnte.
Lyn jedoch, hatte durch die Idee mit der Pflanzung des Baumes, sehr viel an Ansehen in der Gruppe gewonnen. Die Kleine wurde noch lange nicht von allen akzeptiert. Trotzdem gewann Lyn war durch diese Aktion sehr viel. Sie war jetzt nicht mehr in der Position, des absoluten Außenseiters. Sie gehörte auf einmal zur Gruppe und wurde mit anderen Augen angesehen.
Rashida und Lyn zeigten ihren Kameraden in dieser Nacht noch den Lageplan, der alle Fluchtwege im Projekt enthielt. Diesen konnten sich alle einprägten. So dass sie sich und ihre Kameraden, vor den Wutanfällen Mayers und der Betreuer, in einen dieser Tunnel retten konnten. Erleichtert und überglücklich gingen alle in ihre Betten. Die Kinder hatten das erste Mal in ihrem Leben, eine schöne Erinnerung. Lyn kuschelte sich an ihre Rashida, mit der sie seit ihrem fünfwöchigen Koma, stets in einem Bett schlief. Kaum zwei Atemzüge später, schliefen die beide Mädchen tief und fest.
Diesmal wurde es eine sehr kurze Nacht, denn es war schon 4 Uhr 32. Allerdings war das die Sache allemal wert, in diesen Punkt waren sich alle einig. Ein wunderschönes Gefühl machte sich in Lyns Körper breit. Ein Gefühl, was sie bis zu diesem Augenblick nicht kannte. Sie war einfach nur glücklich.
Zwei Wochen hört sich nach viel Zeit an, das war jedoch ein Irrtum, denn die Zeit verging wie im Fluge und Jacob musste zusehen wie ihm die Zeit durch die Finger ran. Für die Kinder hatte sich allerdings einiges zum Besseren geändert. Die Anzahl der durch Schläge, verursachten Verletzungen ging drastisch zurück. Auch wenn immer wieder Verletzungen in diesen beiden Wochen auftraten, waren diese nicht so dramatisch wie in den vergangenen Monaten. Jacob war mehr als erleichtert. Das Aufblühen der Kinder rechnete Jacob dieser Tatsache zu.
Immer noch war es sehr ruhig im Raum der Kinder. Allerdings war dieser, schon fast greifbare, Schwermut endlich verschwunden. Man sah den Kindern an, dass sie sich langsam erholten. Am Sichtbarsten war es bei Lyn. Sie lief gerade und schien keine nennenswerten Schmerzen mehr zu haben. Endlich wurde es etwas ruhiger um das kleine Mädchen. Es kam zu keinen Schreiattacken mehr, stets kam Lyn auf ihren beiden eigenen Beinen vom Training zurück. Allerdings machte sich Jacob immer noch Gedanken, um seine beiden Sorgenkinder.
Jacob hatte sich am gestrigen Tag mit dem Chefbetreuer, über die Steigerungen der Leistungen der Kinder unterhalten. Lyns und Keris Leistungen machten dem Arzt große Sorgen. Die Beiden lagen immer noch weit hinter den Leistungen der anderen zurück. Es sah für die beiden Kinder gar nicht gut aus. Jacob beschloss deshalb, mit seinen Sorgenkindern noch einmal zu sprechen. Deshalb bestellte sich Jacob als erstes Keri und dann Lyn, am späten Vormittag des 31. Juli 1959 auf die 6/rot, um die Kinder nochmals zu untersuchen und vor allen nochmals auf sie einzuwirken.
Der Chefarzt führte nach der Untersuchung, ein sehr langes und intensives Gespräch mit Keri. Diese brachte den Arzt, wieder einmal in einen schweren Gewissenskonflikt. Keri äußerte Jacob gegenüber den Wunsch, schlafen gehen zu dürfen. Was nichts anderes bedeutete, dass dieser sterben wollte und seinen Doktor, deshalb um Hilfe bat. Gerade einmal fünfeinhalb Monate war der Junge alt und sagte Jacob offen ins Gesicht, dass er nicht mehr leben wollte.
"Sir, Doko. Ich kann einfach nicht mehr, Sir. Bitte können sie mir nicht etwas geben, dass ich für immer schlafe, Sir? So, wie sie die Siebzehn nach der Geburt schlafen geschickt haben, bitte Sir? Lyn hat gesagt, dass es schön war, Sir. Als sie die anderen schlafen geschickt haben, Sir."
Jacob sah den Jungen verzweifelt an. "Keri, so schlimm ist es doch nicht mehr. Die Schläge haben doch fast aufgehört."
Keri schüttelte den Kopf. "Sir, das ist es nicht, Sir. Aber…"
Keri druckste ewig herum. Obwohl er ein gutes und offenes Verhältnis zu seinem Doktor aufgebaut hatte, traute er sich nicht weiter zuspreche. Er wusste nicht, wie weit er Jacob trauen konnte.
"Was ist Keri? Du weißt, du kannst mit mir über alles reden."
Jacob sah Keri fragend an. Man spürte wie sehr der Junge mit seinen Gefühlen kämpfte. Er spielte nervös, mit dem Ende seines Gürtels, der den Overall zusammen hielt. Dünn war der Bub in den letzten Wochen geworden. Kein Wunder, so wenig wie er Nahrung zu sich nahm. Die Mengen, die Keri aß, wurden von Woche zu Woche geringer. Erschreckend dünn, ging es Jacob in diesem Moment durch den Kopf. Der Arzt sah den verzweifelten Kampf Keris. Aber er konnte ihm dabei nicht helfen. Immer wieder reichte er den Kindern die Hand und eigentlich müssten sie wissen, dass er immer hinter den Kindern stand. Jacob traute sich nicht mehr, seine Zöglinge zu ihrem Glück zu zwingen. Er war froh über jeden noch so kleinen Vertrauensbeweis, seiner Schutzbefohlenen. Ein unbedachtes Wort, eine falschen Geste und die Kinder zogen sich wieder komplett in ihr Schneckenhaus zurück. Das Warten Jacobs hatte diesmal Erfolg. Plötzlich gab sich Keri einen Ruck und sah Jacob mit so vielen Qualen im Gesicht an, dass es dem Chefarzt fast das Herz zerriss.
"Sir, es ist nicht so, dass ich nicht mehr leben will, Sir. Aber ich halte diese Schmerzen einfach nicht mehr aus, Sir. Es tut so verdammt weh, Sir. Nie hören diese Schmerzen auf, Sir."
Der sonst immer lächelnde und stets aufgeschlossene Junge, brach auf einmal zusammen. Plötzlich kullerten Tränen, unter seiner Augenbinde hervor und Keri begann herzzerreißend zu weinen. Der ganze Körper Keris vibrierte unter seinem Schluchzen. Jacob nahm den weinenden Jungen in die Arme, um ihn zu trösten. Als dieser sich etwas beruhigt hatte, schob ihn der Arzt von sich.
"Keri, wo hast du Schmerzen? Warum sagst du mir das nicht mein Junge?"
Traurig sah Jacob auf den Buben, der wie gebrochen vor ihm saß und den Kopf und die Schultern hängen ließ. Seine gesamte Haltung drückte einfach nur Schmerz aus. Jacob nahm das Kinn von Keri und hob den Kopf etwas an. Er zwang den Buben dadurch, ihn anzusehen.
"Keri, wo genau hast du Schmerzen?", wiederholte er seine Frage.
Keri zuckte mit den Schultern. "Sir, überall, Sir. Beim Atmen, beim Schlucken, bei jeder Bewegung, Sir. Aber, am schlimmsten ist der Kopf, Sir. Diese ständigen Schmerzen im meinem Kopf, halte ich nicht mehr lange aus, Sir. Ich habe das Gefühl, als ob dieser bald platzen wollte, Sir. Vor allem bin ich so müde und ich möchte nur noch schlafen, Sir", gab dieser nach einer langen Pause und immer wieder vom Weinen unterbrochen zu.
Jacob wartete ab, bis dieser ausgesprochen hatte. Intensiv musterte den Buben, der leise fast flüsternd über seine Beschwerten sprach. Jacob war fassungslos, über das Gehörte.
"Seit wann hast du diese Schmerzen Keri? Warum hast du mir das nicht schon längst gesagt? Warum quälst du dich so lange? Ich verstehe dich nicht. Du weißt doch, dass ich dir sofort helfen würde und auch kann."
Keri sah Jacob verzweifelt an und zuckte müde mit den Schultern. "Sir, die Schmerzen sind schon immer da, aber sie werden ständig schlimmer, Sir. Sie können mir nicht helfen, hat Lyn gesagt, Sir. Sie meinte, ich habe nur noch wenige Wochen zu leben, Sir. Lyn kann mir auch nicht mehr helfen, Sir. Sie hat alles versucht, was in ihrer Macht stand, Sir. Es gibt Niemanden der das jetzt noch kann, Sir. Sie auch nicht, Sir. Wir haben uns in der Gruppe beraten und einen Beschluss gefasst, Sir. Können sie nicht machen, dass es aufhört mit den Schmerzen, bitte Sir. Schicken sie mich schlafen, Sir. Sie haben den Siebzehn doch auch geholfen, Sir. Bitte schicken sie mich schlafen, damit Lyn es nicht tun muss, Sir. Ich glaube, damit kommt sie nicht klar, Sir. Aber auch sie will, dass es endlich aufhört, Sir."
Jacob begriff kaum etwas von dem, was Keri ihm versuchte zu erklären. Zu wirr waren dessen Gedankengänge, für den Chefarzt und er begann Keri nochmals aufs Genauste zu untersuchen. Ihm waren keine krankhaften Symptome aufgefallen. Das Auge von Keri, ja, das würde nicht zu retten sein. Irgendwann, würde er das Auge verlieren. Aber damit konnte Keri leben. Es war nicht schön, aber davon kamen die Schmerzen nicht. Wenn der Bub so litt, musste er unvorstellbare Schmerzen haben. Für Jacob war Keri ein gesunder, wenn auch sehr dünner Junge. Dass dieser zurzeit etwas schlaksig war, erklärte sich durch das enorm schnelle Wachstum und dadurch, dass Keri wenig aß. Jacob suchte nach Verletzungen oder nach Erkrankungen, die bei seiner ersten Untersuchung vielleicht übersehen hatte. Aber da war nichts. Verzweifelt griff Jacob, zu den letzten beiden Mitteln die ihm einfielen, um die Ursache für Keris Leiden herauszufinden. Er nahm dem Buben Blut ab und bat ihn um eine Urinprobe. Fertig mit den Untersuchungen, griff er zum Telefon.
"Walter, hier ist Fritz. Schicke mir sofort einen deiner Laboranten hoch. Ich habe eine Blutprobe und eine Urinprobe von Keri, die du untersuchen musst. Mache das schnellstens, alles andere bleibt erst einmal liegen. Ich brauche die Ergebnisse vor einer Woche. Keri hat große Schmerzen. Bei meinen Untersuchungen kann ich aber nichts feststellen. Es muss also irgendetwas Organisches sein. Sonst hätte ich etwas festgestellt. Keri ist so oft bei mir zu den Untersuchungen. Außerdem hat er fast zehn Kilo an Gewicht verloren, in nur vier Tagen. Ich werde ihn jetzt noch röntgen. Aber ich brauche deine Auswertungen, so schnell wie du es schaffst. Bitte das gesamte Spektrum untersuchen. Ich habe keine Ahnung, nach was wir suchen", erklärte er Zolger den Grund für seine Unsicherheit.
"Kein Angst Fritz, ich werde schon etwas finden. Ich beeile mich", bestätigte Walter Zolger seinem Gegenüber. Da er wusste, dass Jacob in allem, was er tat sehr genau war und legte er auf.
Jacob griff noch einmal zum Telefon und rief Schwester Doris an. So leid es ihm tat, er musste sie wecken, obwohl sie Nachtdienst hatte. Sie war außer Anna und Walli, die einzige Schwester heute im Projekt, die Röntgenaufnahmen entwickeln konnte. Anna war in Berlin zu einer Prüfung und Walli, zu einer Schulung in Rostock.
"Doris, ich brauche sie sofort auf der 6/ rot. Sie müssen mir die Bilder vom Röntgen, so schnell wie möglich entwickeln. Walli und auch Anna sind beide noch nicht wieder zurück. Es ist dringend, sonst hätte ich sie nicht geweckt. Ich weiß auch nicht, wann die Beiden heute kommen. Eigentlich sollte die Zwei schon längst zurück sein. Ich hätte sie sonst nicht gestört", entschuldigte sich Jacob, obwohl er wusste, dass dies unnötig war.
Doris wäre auch gekommen, wenn die Beiden da gewesen wären. Wenn es um ihre Kinder ging, ließ sie alles stehen und liegen.
"Natürlich Herr Doktor. Kann ich schnell duschen? Sie haben mich aus dem Bett geholt."
"Schwester Doris, was ist das für eine Frage. Lassen sie sich die Zeit, die sie brauchen. Ich hätte sie nicht geweckt, wenn es nicht dringend wäre. Aber es sind keine lebensbedrohliche Verletzung, so eilig ist es auch wieder nicht. Dass es auf eine Minuten ankommt."
Jacob legte er auf und ging nach hinten in den Röntgenraum, um Keris Oberkörper und Kopf zu durchleuchten. Damit fertig, sah er den Buben traurig an.
"Keri, ich schicke dich erst einmal nach unten auf die 6/blau. Bitte mein Junge versuche den Test morgen zu schaffen. Wir bekommen das mit deinen Schmerzen schon in den Griff."
Keri fixierte Jacob lange und antworte ganz leise. "Sir, jawohl, Sir."
Der Arzt hörte allerdings an Keris Stimme, dass dieser das nicht tun würde. Er hatte sich völlig aufgegeben.
"Keri, versuche den Test zu schaffen. Auch, wenn du es nur für Anna, mich, Lyn und die anderen tust. Wir wollen nicht noch mehr von euch verlieren."
Keri nickte und erhob sich mühsam. Gemeinsam mit Jacob lief er zum Fahrstuhl. Der Arzt streichelte liebevoll das Gesicht des Buben und zog ihn nochmals kurz in seine Arme.
"Ich schicke dich nach unten, auf die 6/blau. Du schickst mir sofort Lyn nach oben. Mit ihr muss ich auch noch reden und sie wegen morgen untersuchen."
Keri rieb sich müde das Gesicht und betrat sofort den Aufzug, um dort auf Jacob zu warten. Dieser musste erst telefonisch auf der 6/blau Bescheid geben, dass Keri von Alma abgeholt wurde. Kaum fünf Minuten waren vergangen, als Doris mit Lyn im Aufzug auf der 6/rot ankam.
"Guten Abend Lyn. Guten Abend Doris, danke für ihr schnelles Erscheinen."
Doris lächelte den Chefarzt an. Sie wusste der Arzt holt niemanden aus dem Bett, wenn es nicht dringend war. Sie ging sofort nach hinten in den Röntgenraum, um die Aufnahmen zu entwickeln.
"Schon gut Herr Doktor", rief sie ihm beruhigend über die Schulter zu.
Jacob lächelte die beiden Damen an und bat Lyn erst einmal zu sich an den Tisch.
"Setze dich bitte Lyn."
Lyn nahm Platz und zog wie sie es so oft in letzter Zeit machte, die Füße auf den Sitz und fing an zu schaukeln.
"Ach Kleines, es ist doch nichts Schlimmes, weswegen du zu mir kommen solltest. Bitte, ich möchte mich nur wegen des morgigen Testes, mit dir kurz unterhalten",
liebevoll wollte er über Lyns Gesicht streicheln, wie immer in letzter Zeit zog sie den Kopf weg. Lyn vertraute Jacob immer noch nicht.
"Komm beruhige dich, meine Kleine. Du musst keine Angst vor mir haben", versuchte Jacob Lyn zu beruhigen. Langsam wurde sein kleines Mädchen wieder ruhiger. "Lyn, bevor wir über den Test reden, brauche ich deine Hilfe. Ich möchte mit dir, über Keri reden", fragend sah er zu Lyn, diese musterte Jacob intensiv, auch wenn sie immer noch schaukelte, wirkte sie entspannter. "Kannst du mir bitte erklären, warum Keri solche Schmerzen hat? Ich kann bei den Untersuchungen nichts feststellen. Doktor Zolger untersucht gerade das Blut und den Urin von Keri."
Lyn schwieg wie immer. So wie sie es seit Wochen tat. Verzweifelt raufte sich Jacob die Haare.
"Lyn bitte. Ich kann Keri nicht helfen. Sag mir einfach, was du weißt oder schreibe es mir wenigstens auf, wenn du nicht mehr mit mir reden willst", traurig sah er sein kleines Mädchen an. "Lyn, ich will nicht, dass man euch beide Schlafen schickt. Meine Kleine, du musst mir helfen. Es sieht nicht gut, für euch beide aus. Ich kann damit nicht leben, euch auch noch zu verlieren. Hilf mir, ich weiß wirklich nicht weiter."
Ernst und mit einem völlig verzweifelten Blick, sah Jacob das Mädchen an. So oft gab sie ihm Rätsel aufgab. Er wusste durch die vielen Geschehnisse in den letzten fünfeinhalb Monate, dass Lyn krankhafte Veränderungen und sogar innere Verletzungen bei den Kindern irgendwie sah. Bevor sich Lyn entschlossen hatte zu schweigen, machte sie einige Male durch Schreiattacken auf solche Sachen aufmerksam.
Jacob wusste von Doris, dass die Kinder vor einiger Zeit, den Raum auf irgendeine geheimnisvolle Art, verlassen hatten. Er wusste auch durch Beobachtungen und durch Doris Geständnis, dass Lyn immer noch sprechen konnte und nicht wie er erst vermutete, das Sprachzentrum bei den Verletzungen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Lyn wollte nur nicht mehr mit Jacob reden. Der Chefarzt verstand allerdings nicht, warum Lyn so vollkommen mit ihm gebrochen hatte. Er dachte immer, dass sein Verhältnis zu Lyn gut gewesen war. Scheinbar hatte er durch irgendetwas, ihr Vertrauen zerstört. Ihm war aber nicht bewusst, durch was. Seit Wochen schon grübelte er darüber nach, was er falsch gemacht hatte.
In der Zeit, in der Jacob diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren. Wurde der Arzt von Lyn regelrecht fixierte. Im Inneren des Mädchens tobte ein schwerer Kampf. Auf der einen Seite misstraute sie Jacob. Auf der anderen war ihr klar, wenn sie etwas für Keri erreichen wollte, musste sie mit dem Arzt reden. Sie entschloss sich dazu, ihrem Kameraden zu helfen. Nur deshalb sprach sie jetzt mit Jacob. Ganz leise, fing Lyn das erste Mal, seit dem Koma, ein richtiges Gespräch mit Jacob an.
"Sir, ich habe mich in den letzten Wochen belesen, in den Büchern die sie mir gaben, Sir. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich um eine Mitochondriopathie oder eine Slow-Virus-Infektion handelt, Sir. Beides, würde viele der Symptome die Keri hat, erklären, Sir. Diese Erkrankung kombiniert mit den Verletzungen der letzen Monate, erklärt sich die schnelle Verschlechterung von Keris Gesundheitszustandes, Sir."
Jacob ließ Lyn reden. Auch wenn er diese gern etwas fragen würde. Er war so froh, dass sie ihm Denkanstöße gab, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Deshalb unterbrach er Lyn nicht. Nickte er nur zu allem, was sie erklärte. Ihre Vermutungen waren nicht aus der Welt zu weisen.
"Diese Erkrankungen, löst bei Keri eine akute Insomnie aus, Sir. Wenn ich das richtig verstanden habe, aus den Büchern, Sir. Also eine komplette und akute Schlaflosigkeit, Sir. Es kommt dadurch, zu einem degenerieren des Zentralennervensystems und zu einer Störung der Energieversorgung im gesamten Körper, Sir. Deswegen hat Keri ständig diese wahnsinnigen Schmerzen, Sir."
Kopfschüttelnd hörte Jacob seinem Sorgenkind zu. Nicht weil, das was Lyn ihm erklärte falsch war, sondern weil er nicht wusste, woher die Kleine dieses Wissen nahm. Nur aus den Büchern, die er ihr zum Lesen überlassen hatte? Das war fast nicht möglich. Für dieses Wissen musste man Jahrelang studieren, um die Zusammenhänge zu begreifen. Das war Fachwissen der Vererbungslehre und der Traumatologie. Auch wenn Lyn nicht alles richtig dargestellt hatte, wusste Jacob genau, was Lyn meinte. Vor allem stimmte, was sie sagte. Dies würde viele der Symptome erklären, die bei Keri in letzter Zeit auftraten. Zur genaueren Diagnostik, wäre allerdings eine Langzeitbeobachtung nötig. Diese Zeit stand Jacob nicht zur Verfügung. Er gab Lyn durch eine Geste zu verstehen dass er einen Anruf machen musste. Jacob griff gleich nach dem Telefon, um Zolger von den Vermutungen die Lyn vorbrachte, zu berichten. Dass dieser gezielt nach Merkmalen suchen konnte, die dieser Diagnose bestätigten.
"Danke Lyn, ich glaube du hast Keri gerade das Leben gerettet."
Lyn schüttelte unbewusst den Kopf. Lange starrte sie schweigend auf ihre Hände. Langsam hob sie den Kopf und blickte den Doktor unschlüssig an. Ihrem Freund zu liebe, entschloss sich das Mädchen offen zu sprechen. Sie begann Jacob ganz leise und kaum hörbar über die Tatsache zu informieren, die dieser scheinbar noch nicht einmal ahnte.
"Sir, Keri hatte diese Krankheit schon von Anfang an, Sir. Er hat in den ganzen Monaten, seit wir aus den Inkubatoren heraus sind, noch nie geschlafen, Sir. Ihm kann niemand mehr helfen, Sir. Die Erkrankung ist viel zu weit fortgeschritten, es ist nur noch eine Frage von Wochen, bis dass er stirbt, Sir. Ich habe alles versucht, nichts hat geholfen, Sir. Wir sollten ihn schlafen schicken, wie die siebzehn anderen Kinder, Sir. Es wäre eine Erlösung für ihn. Eine humanere Lösung für Keris Problem gibt es nicht. Das ist das Einzige, was sie für ihn tun könnten, Sir. Sie können sich nicht vorstellen wie Keri leidet und was er für wahnsinnige Schmerzen hat, Sir", berichtete Lyn traurig. Noch um einiges leiser fügte sie, nur für sich selber hinzu. "Ich weiß wie er leidet. Ich spüre es ständig."
Jacob sah Lyn erschrocken an. Für den Moment ließ er das Gesagt auf sich beruhen. Aus Angst durch ein falsches Wort, das bisschen Vertrauen wieder zu zerstören, dass Lyn geschöpft hatte.
"Danke Lyn. Wir werden sehen, wie wir weiter verfahren. Ich denke über deine Bitten nach und berate mich mit Anna und Zolger. Bitte zieh dich aus, ich möchte dich untersuchen."
Lyn kleidete sich aus.
Im selben Moment öffnete sich die Aufzugtür und Anna betrat die 6/rot. Erfreut seine Freundin zu sehen, ging Jacob auf sie zu, umarmte Anna und gab ihr einen Kuss.
"Anna, ich muss Lyn erst noch untersuchen. Im Anschluss muss ich, dann mal kurz rüber zu Zolger, ins Labor. Versuche mit Lyn zu reden. Wir müssen sie davon überzeugen, dass sie morgen bei dem Test schneller läuft. Sie hatte schon beim letzten Test, in allen Bereichen, überdurchschnittliche Leistungen, nur im Laufen nicht. Vielleicht hört sie ja auf dich. Ich glaube sie hat dich sehr vermisst."
Anna hörte die geflüsterten Worten Jacobs und nickte leicht. Glücklich ihr kleines Mädchen hier auf der 6/ rot zu sehen, ging sie zur ihr hinüber und gab ihr auch einen Kuss auf die Stirn.
"Hallo Lyn. Schön dich zu sehen. Ich hoffe dir geht es gut", begrüßte Jacobs Freundin Lyn.
Anna zog das Mädchen einfach in den Arm. Glücklich schmuste sich die Kleine an ihre Freundin, die sich schon immer sehr um sie gesorgt hatte. Es war ein besonderes Verhältnis zwischen den Beiden. Die Kleine und die Schwester liebten sich seit dem ersten Moment. Dies sah man auch im Gesicht des Mädchens. Kaum hörbar und nur für Anna bestimmt, begrüßte Lyn ihre Freundin. Die immer noch nicht die Sprache der Kinder verstand.
"Dika Anna, sere, bionde. - Wie geht es dir? Mir geht es gut."
Anna streichelte Lyn nochmals über die Wange. Jacob schob Anna vorsichtig ein Stück zur Seite, um seine Patientin nicht zu erschrecken.
"Ich muss mit der Untersuchung jetzt anfangen. Ihr beiden könnt euch dann noch etwas unterhalten, wenn ich bei Zolger bin. Einverstanden?"
Die beiden nickten.
Zügig begann Jacob mit der Untersuchung. Zu seiner Zufriedenheit stellte der Arzt fest, dass Lyn wirklich gesund war. Das erste Mal in ihrem Leben, hatte sie nirgends Hämatome.
"Lyn, hast du irgendwo Probleme, Schmerzen oder irgendetwas, das ich bei meiner Untersuchung nicht feststellen konnte. Bitte Kind sprich mit mir."
Lyn schüttelte den Kopf. "Sir, nein, Sir. Mir geht es gut, Sir."
Jacob musterte sein Mädchen ganz genau. "Lyn, bitte morgen bei dem Test, strenge dich an. Mit Keri da überlege ich mir etwas. Ich werde ihn für morgen erst einmal krankschreiben. So dass er den Test nicht mitmachen muss. Aber bei dir geht es nicht. Bitte Lyn, ich möchte dich nicht auch noch verlieren. Du weißt wie sehr ich dich lieb habe. Ich habe so um dein Leben gekämpft. Lasse das nicht umsonst gewesen sein."
Der Blick mit dem Jacob Lyn ansah, konnte kaum mehr Qual ausdrücken. Jacob wollte einfach nicht über diese Möglichkeit nachdenken. Lyn war für ihn wie eine eigene Tochter. Auch die anderen Kinder waren ihm wichtig und genauso ans Herz gewachsen. Lyn jedoch, war sein ein und alles. Lange musterte Lyn ihren Doko, dann nickte sie. Erleichtert atmete Jacob auf, dies war mehr als er sich erhoffen konnte.
"So ihr beiden, ich gehe mal ins Labor. Ich will wissen, was Zolger herausgefunden hat. Bis später", Jacob drehte sich um und verließ die Station, um zu Zolger zu gehen.
Kaum das Jacob die Station verlassen hatte, setzte sich Anna zu Lyn aufs Bett. "Na meine Kleine, wie ist es dir in den letzten Tagen ergangen? Wir haben uns ja gar nicht mehr gesehen."
Lyn lehnte sich an ihre Anna. Die Nähe der Schwester tat ihr fast so gut, wie die von Rashida. Immer fühlte sie sich in deren Nähe geborgen und sie vertraute ihr.
"Dika, es geht mir besser. Ich habe seit zwei Wochen keine Prügel mehr bekommen, Dika. Wir haben alle zusammen einen Baum gepflanzt, Dika. Nur für uns, Dika. Draußen auf der Lichtung, die du mir gezeigt hast, Dika. Aber mich nicht verraten, Dika", ernst sah diese Anna an.
"Du weißt doch Lyn, dass ich das nicht mache. Was wollt ihr mit einem Baum?", verständnislos starrte Anna zu ihrem kleinen Mädchen herunter.
"Dika, es soll ein Symbol für uns, Dika. Damit wir wissen, dass wir zusammengehören, Dika. Wir werden den Baum als unseren Friedhof nutzen, Dika. Nach dem Test morgen, wollen wir alle Kinder die schlafen, dort hinbringen, Dika. Ich brauche dazu deine Hilfe, bitte Dika."
Anna war etwas irritiert und hörte mit wachsender Verwunderung zu. Diese stand auf ihrem Gesicht geschrieben. "Lyn, ich weiß nicht, ob ich das bis morgen schaffe. Aber in den nächsten Tagen. Ich verspreche es dir. Ich möchte auch vorher mit dem Doko darüber reden."
Lyn schüttelte den Kopf. "Danke Dika Anna. Aber nicht mit dem Doko reden, Dika. Der ist nicht mehr unser Freund, Dika. Er hat uns verraten, Dika", traurig lehnte sich Lyn an Anna.
Anna druckste herum. Sie überlegte, wie sie am besten mit Lyn über das bestehende Problem des morgigen Tages, reden sollte. Sie hatte wie Jacob Angst das bisschen Vertrauen, was Lyn gerade gefasst hatte, wieder zu zerstören. Anna war viel zu sehr mit ihren Gedanken auf das bevorstehende Gespräch fixiert, um den letzten Satz Lyns bewusst zu registrieren. Anna musste es schaffen, das Lyn beim Test morgen besser Leistung im Laufen erbrachte. Dabei ging es im wahrsten Sinne des Wortes, um Leben oder Tod ging.
"Lyn, morgen ist wie du weißt der Test. Ist dir bewusst, was von den Ergebnissen morgen abhängt?", fragend schaut sie Lyn an. "Bist du dir darüber im Klaren, dass diejenigen von euch, die diesen Test nicht schaffen, schlafen geschickt werden?"
Lyn nickte. Sie verzog keine Miene oder zeigte irgendeine Regung. Für sie war dies eine ganz normal Feststellung einer Tatsache, die seit Wochen bekannt war. Von Seiten der Betreuer wurde ihnen das wohl schon hundertmal angedroht. Für sie war dieses Schlafen schicken nichts Schlimmes, sondern eher eine Erlösung von all ihrem Leid.
"Lyn, du musst einfach im Laufen schneller werden, mein Mädchen. Gebe morgen alles. Sonst wirst du und Keri schlafen geschickt. Das halte ich nicht aus. Lyn damit kann deine Dika einfach nicht leben."
Alleine bei dem Gedanke schossen Anna Tränen in die Augen, die sie nicht zurückhalten konnte. Verwundert nahm dies Lyn wahr. Sie hielt ihren Kopf etwas schräg und wischte mit ihrem Finger die Tränen einfach weg.
"Dika, warum soll ich schneller laufen? Da muss ich immer so lange warten, bis die anderen kommen, Dika."
Verwundert sah Anna zu dem zierlichen Mädchen. "Wieso musst du dann so langen warten?", wollte Anna jetzt wissen, die nicht verstand, was Lyn meinte.
"Dika, die anderen sind so groß und schwerfällig, Dika. Ich habe sowieso immer einen schlechten Stand, weil ich in vielen besser bin als die anderen, Dika. Außerdem wollen die auch mal in irgendetwas besser sein, Dika. Die kommen nicht so schnell vorwärts wie ich, weil die so schwer sind, Dika", erklärte sie Anna, die völlig perplex war. Die Kleine sah dabei ihre Freundin verlegen an.
"Lyn, du weißt, was mit dir und Keri passieren wird, wenn ihr den Test nicht schafft", fragt Anna noch einmal nach.
"Dika, ich weiß das, Dika. Wir werden schlafen geschickt und unsere Marken hängen wir dann an unseren Baum, Dika. Aber Keri will das auch, er ist so müde und mag nur noch schlafen, Dika. Dann sind endlich die Schmerzen weg, er will es so, Dika. Es ist für uns beide besser, Dika", erklärte sie der Schwester eindringlich.
Anna sah auf ihr hübsches Mädchen, das so anders war als die anderen Kinder unten in dem Raum. "Lyn, wenn du aber die anderen immer gewinnen lässt, dann wirst du auch schlafen geschickt und dann ist deine Dika noch trauriger als sie es bei Keri sein wird. Willst du da...?"
Die letzten Worten Annas verschlang ein Schluchzer. Die Vorstellung, dass Lyn getötet werden sollte, hielt Anna nicht aus. Tränen liefen aus ihren Augen und sie schlug ihre Hände vors Gesicht: Mit dieser Vorstellung konnte Anna nicht leben. So hatte Lyn ihre Freundin noch nie erlebt. Plötzlich erhob sich die Kleine und nahm Anna in die Arme. Sie schüttelte ganz wild mit ihrem Kopf. Erst jetzt wurde Anna bewusst, was Lyn eben gesagt hatte. Sie ließ Lyn erst einmal aussprechen.
"Nein Dika Anna, mich werden sie nicht schlafen schicken, Dika. Ich strenge mich an, Dika. Jetzt habe ich dich verstanden, Dika."
Erleichtert atmete Anna auf. "Da bin ich aber froh. Du musst immer und überall die Beste sein", erklärte Anna ihr nochmal. "Wieso ist das eigentlich besser für euch beide, Lyn?"
Das Mädchen winkte ab, sie wollte darüber nicht schon wieder sprechen. Anna akzeptierte das stillschweigend. Die Angst wieder alles zu zerstören, war ständig da. Das Vertrauen der Kinder war wie zarter Seidenfade und zerriss bei der kleinsten Belastung. Deshalb kehrte Anna lieber zum ursprünglichen Thema zurück.
"Lyn, du bist mit Abstand die Kleinste der Hundert. Du kannst nur durch Leistung deinen Platz im Team behalten. Nur wenn du immer in allem die Beste bist, wirst du nicht in den Schlaf geschickt. Aber… ", viele Gründe zählte Anna auf, warum sich das Mädchen unbedingt mehr anstrengen musste.
Lyn hörte geduldig zu und schielte immer wieder zu Anna. "Dann mögen mich die anderen wieder gar nicht mehr, Dika. Gerade haben sie angefangen mich etwas zu mögen, Dika."
Anna schüttelte den Kopf. In diese Situation war sie in den letzten Monaten schon so oft gekommen, dass sie Lyn und den Kindern Normalitäten erklären musste. Die besseren Leistungen von Lyn waren nicht der Grund dafür, dass diese nicht akzeptiert wurde. Sondern die Tatsache, dass sie sich weigerte bestimmte Dinge zu tun, die man von ihr verlangte. Die Frage blieb nur, wie erklärte Anna Lyn das Zusammenleben und Funktionieren einer Gemeinschaft mit einfachen Worten. So dass ihre kleine Freundin es auch verstand. Die obwohl sie so schlau war, dieses recht komplizierte Zusammenspiel vieler Faktoren noch nicht verstehen konnte. Genau, wie die anderen Kinder unten auf der 6/blau, das Zusammenleben in einer Gemeinschaft noch nicht verstanden. Wie sollten sie diese auch verstehen? Diese Kinder waren erst seit einem knappen halben Jahr auf der Welt und hatten allerdings schon den Wissenstand eines zwanzigjährigen Menschens und die Lebenserfahrungen eines Säuglings der schlecht behandelt wurde. Sie hatten bis jetzt nichts anders, als Schmerz und Leid kennengelernt. Es war alles so verdammt kompliziert bei diesen Kindern. Tief holte Anna Luft, sie musste einfach versuchen, es Lyn zu erklären. Damit die Kleine die Zusammenhänge richtig verstand. Sonst würde Anna noch mehr Kinder verlieren. Dass konnte und wollte sie nicht zulassen.
"Lyn, höre mir bitte einmal genau zu. Das deine Kameraden dich noch nicht akzeptieren, hängt nicht damit zusammen, dass du in allem besser bist. Es hängt damit zusammen, dass du dich für die anderen einsetzt. Vor allem, weil du anders bist, als die anderen Kinder. Du tust nicht gedankenlos alles machen, was die Betreuer dir sagen. Es mag auch ein bisschen daran liegen, dass du so oft geschrien hast, als ihr noch ganz klein wart. Nur liegt es bestimmt nicht daran, dass du die Schnellste bist. Du wirst ganz schnell merken, wenn du die Beste in allem bist, werden sie schnell lernen dich zu akzeptieren. Vor allem, wenn du dann anfängst ihnen zu helfen besser zu werden. Dann merken sie, dass es zu ihren Vorteil ist und fangen an dir in allem zu vertrauen", zärtlich streichelte die Schwester über Lyns Gesicht.
Lyn hielt ihren Kopf schief und sah Anna lange schweigend an. Sie zog die Füße an ihren Körper und umschlang ihre Knie. Die Kleine legte ihren Kopf auf die Knie und begann wie so oft in letzter Zeit mit schaukeln. Dies geschah immer, wenn Lyn ein Problem hatte mit dem sie nicht klar kam.
Anna, die dieses Verhalten von den Kindern schon eine Weile kannte, ließ ihr Mädchen gewähren. Sie wusste, dass Lyn erst einmal nachdenken und verarbeiten musste, was Anna ihr erklärt hatte. Deshalb stand die Schwester auf, um für Lyn und sich einen Tee zu machen. Nach fünf Minuten setzte sie sich schweigend auf Lyns Bett. Anna schaute ihr Mädchen fragend von der Seite an.
"Dika Anna?", begann Lyn leise zu sprechen.
"Was ist Kleines?"
Diese kämpfte wie so oft einen schweren Kampf, wenn sie mit einem Problem nicht klar kam. "Dika Anna, du meinst also, ich sollte die anderen nicht mehr beschützen, Dika? Wenn ich sie nicht mehr beschütze, dann mögen sie mich, Dika? Ich verstehe das nicht, wirklich nicht, Dika. Das ist völlig unlogisch, Dika."
Haare raufend sah Anna ihr kleine Mädchen an. So war es häufig. Die Kinder verstanden viele Zusammenhänge völlig falsch. "Lyn, die mögen dich, glaube mir. Sie können das nur nicht so zeigen: Noch nicht. Dadurch, dass du dich schützend vor die anderen stellst, denken deine Freunde sie bekommen wegen dir immer Stress mit den Betreuern. Sie haben noch nicht verstanden, dass du das nur tust, um sie zu beschützen. Vielleicht musst du ihnen das einmal erklären. Damit die anderen das auch verstehen können."
Traurig sah Anna ihren Schützling an. Verdammt die Kleine hatte es aber auch schwer. Mit einem Schlag wurde Anna bewusst, was Lyn jeden Tag durchmachen musste. Sie musste nicht nur gegen die Betreuer, sondern auch noch gegen ihre eigenen Kameraden kämpfen. Anna konnte sich vorstellen, dass dies nicht gerade einfach war.
"Komm Lyn, trink etwas Tee."
Anna reichte ihr die Tasse. Dankbar nahm Lyn ihr die Tasse ab und trank den Tee. Das war etwas, dass sie selten bekamen, aber lecker schmeckte. Allerdings war Lyn immer noch mit dem beschäftigt, was Anna ihr gerade erklärt hatte. Lange saßen die beiden schweigend zusammen. Plötzlich schüttelte Lyn den Kopf, entschlossen holte sie sich aus ihren Grübeleien zurück und drehte sich zu Anna herum.
"Dika, wo warst du so lange, Dika?"
Lyn änderte einfach das Thema, über das sie jetzt nicht mehr nachdenken wollte. Später, unten im Raum, würde sie sich noch einmal mit Rashida darüber unterhalten. Vielleicht verstand ihre Freundin ja, was die Dika meinte.
"Lyn, ich war in Berlin und habe meine ersten Prüfungen als Apothekerin hinter mich gebracht."
Lyn sah Anna fragend an. Sie wusste nicht, was das ist. Wie meistens traute sie sich nicht direkt zu fragen. "Dika, kann ich das auch lernen, Dika? Was macht man da, Dika?", wollte sie jetzt alles ganz genau wissen. Lyn war an allem interessiert, was für sie fremd war. Stets musste sie immer alles genau wissen und vor allem verstehen.
"Lyn, ein Apotheker stellt Medikamente, Salben und Säfte her. Wir haben zwar in Berlin in der Hauptstelle des Institutes eine Apotheke. Es wird mit der Zeit allerdings zu teuer, ständig alles mit einem Helikopter hierher fliegen zu lassen. Deshalb mache ich jetzt eine Ausbildung zur Apothekerin, damit ich hier alle Salben und Medikamente selber herstellen kann und wir damit die Versorgung der Mitarbeiter ermöglichen können."
Anna versuchte Lyn so genau wie möglich zu erklären, was ihre Aufgabengebiete waren und was sie dabei alles beachten musste. Lyn hörte an Anna geschmust genau zu. Es dauerte eine Weile bis Lyn nach Annas langem Vortrag wieder reagierte. Sie musste wie so oft, das Gehörte erst einmal verarbeiten. Urplötzlich drehte sich die Kleine aus Annas Armen und setzte sich auf ihre Fersen. Ernst sah sie ihre große Freundin an.
"Dika Anna, könnte ich das auch lernen, Dika? Dann kann ich endlich meinen Kameraden besser helfen, damit sie nicht mehr so unter den Schmerzen leiden müssen, Dika. Wenn ich die Zusammenhänge besser begreife, kann ich vielleicht Mittel herstellen, die auch bei uns Hundert helfen, Dika. Die Sachen die der Doko uns gibt, helfen nicht wirklich bei uns, Dika."
Lyn war völlig besessen von dieser Idee. Ihren Freunden helfen zu können, damit sie keine Schmerzen mehr leiden mussten, begeisterte das Mädchen. Ihr Gesicht strahlte in einem ungewohnten Glanz. Anna die den Wissensdurst von Lyn nur zu genau kannte und auch wusste, dass Jacob das unterstützen würde, sagte ohne zu zögern zu.
"Lyn, ich muss das zwar mit dem Doko noch abklären, aber ich denke der wird nichts dagegen haben. Ich gebe dir sobald ich kann meine Unterlagen zum Durcharbeiten, nach unten in die 6/blau. Wenn du Fragen hast, kannst du dann mich oder den Doko oder Doktor Zolger fragen. Oder ich frage meinen Professor in Berlin, wenn wir hier keinen Rat wissen."
Lyn nickte erleichtert. Da alle ihre Fragen geklärt waren, rollte sie sich auf dem Bett zusammen und kuschelte sich zufrieden an Anna. Keine zwei Atemzüge später, schlief Lyn tief und fest. Dadurch bekam die Kleine gar nicht mit, dass Jacob zurückkam und sich zu Anna und Lyn aufs Bett setzte.
"Ach Engelchen, was soll ich nur machen", wandte sich Jacob völlig verzweifelt an Anna.
"Was ist denn passiert, Fritz?"
"Anna, Lyn hat vollkommen Recht mit ihrer Diagnose bei Keri. Er hat wirklich nur noch wenige Wochen zu leben. Walter sagt, auf diese Diagnose wäre er nie gekommen. Jedenfalls nicht sofort. Keri ist im Endstadium einer Slow-Virus-Infektion. Anna, solche Werte treten erst auf, kurz bevor die Patienten sterben."
Fritz Jacob stützte traurig den Kopf auf seine Hände, starrte grübelnd auf den Boden. Fast zwanzig Minuten saß der Arzt schweigend da und versuchte eine Möglichkeit zu finden Keri zu helfen. Er wusste, dass er eine Entscheidung treffen musste. Das Institut würde keine Mittel genehmigen, um das Leid Keris zu vermindern. Man würde diese Medikamente, die genehmigungspflichtig und sehr teuer waren, als nicht tragbar ablehnen und Keri aussortieren. Wie es diese Unmenschen so gern bezeichneten. Der Bub würde unter höllischen Qualen sterben. Jacob selber hatte keine Möglichkeiten sich diese Mittel auf legalem Weg zu besorgen. Anna die sah wie ihr Freund sich quälte und legte einen Arm um seine Schultern. Sie zog ihren Schatz an sich heran. Davon wurde Lyn munter und setzte sich sofort auf. Fragend sah sie zu ihrem Doko.
Lyn konnte an dessen Mimik sehen, dass dieser keine guten Nachrichten von Doktor Zolger, Keri betreffend, bekommen hatte. Auch wenn sie Jacob nicht mehr vollkommen vertraute, konnte sie ihm nicht einfach im Stich lassen. Dies war einfach nicht Lyns Art. Oft genug hatte der Arzt versucht zu helfen, das wusste sie von Anna. Lyn musste dem Doko auch helfen, ob sie wollte oder nicht. Lyn konnte nicht mit ansehen, wie sich die Beiden quälten. Er war der beste Freund ihrer großen Freundin, die immer für sie da gewesen war. Lyn spürte, Annas Emotionen. Fühlte das es dem Doko schlecht und dann ging es der Dika auch nicht gut, dass hatte Lyn schon oft genug erlebt. Leise fing sie zur Überraschung von Jacob und Anna, von alleine an zu sprechen. Das war etwas völlig Ungewohntes.
"Sir, wir können für Keri nichts mehr tun, Sir. Für ihn ist jeder Tag den er länger lebt, ein Tag der Qual und Schmerzen, Sir. Glauben sie mir, ich weiß, was er für Schmerzen hat, Sir. Bitte Sir machen sie, dass es aufhört, Sir. Auch ich halte diese Schmerzen nicht mehr lange aus, Sir. Bitte schicken sie Keri schlafen, genau wie sie die Siebzehn haben schlafen geschickt, Sir. Es ist eine Erlösung für Keri, bitte Sir. Oder erklären sie mir, wie man das macht, dann mache ich das für sie, Sir. Bitte Sir, die Schmerzen sind nicht mehr zum aushalten, Sir", flehte Lyn ihn jetzt regelrecht an. "Machen sie das es aufhört, Sir", plötzlich rollte Lyn sich zusammen.
Sie begann schwer zu atmen. Als wenn sie plötzlich schlimme Schmerzen hätte. Erschrocken sah Doko Jacob das Mädchen an. Der gesamte Körper Lyns fing an zu vibrieren und zu zittern.
"Lyn, was ist los, warum weint du? Ich kann Keri nicht einfach schlafen schicken. Das ist nichts anderes als Mord. Lyn ich bin Arzt und kein Mörder. Weißt du, dass mich jede Nacht die siebzehn Kinder im Schlaf verfolgen. Ich kann das nicht noch einmal machen. Lyn, ich komme damit nicht klar. Verdammt noch mal. Was du da von mir verlangst, ist nichts anderes als Mord."
Lyn schüttelte heftig den Kopf. Sie weinte aber immer noch still in sich hinein.
Die Schmerzen die Lyn hatte, waren unvorstellbar. Jede Sekunde ihres Lebens spürte sie nicht nur ihre Schmerzen, sondern auch die ihrer Kameraden. Auch wenn die Folter der Betreuer in den letzen zwei Wochen nachgelassen hatte, hörten die Schmerzen nicht auf. Sie konnte es einfach nicht mehr ertragen. Diese ständigen Schmerzen, machten das kleine Mädchen bald verrückt. Alleine die Schmerzen die Keri hatte, waren unvorstellbar. Das was sie zurzeit erlebte, war das Schlimmste, dass Lyn bis jetzt kennen lernen musste. Es war noch um vieles schlimmer, als die Schmerzen der siebzehn Kinder, die gleich nach der Geburt schlafen geschickt wurden. Für Lyn war dieses "in den Schlaf schicken" etwas Humanes. Die Kinder waren richtig gehend erleichtert, als sie ihre Spritze bekamen. Sie sind mit einem Lächeln in den Augen eingeschlafen. Lange weinte Lyn vor sich hin. Sie begriff allerdings auch, dass sie offen zu ihrem Doko sein musste, wenn er ihr Vertrauen entgegenbringen sollte. Nur dann bekam sie Hilfe. Lyn kämpfte schwer mit sich. Sie hatte nur Dika und Doko, den Anderen konnte sie erst recht nicht vertrauen.
Jacob und Anna ließen ihr Mädchen in Ruhe. Sie hatten oft genug gemerkt, dass ein Eindringen in diese Kinder genau das Gegenteil bewirkte. Es dauerte lange, bis sich Lyn beruhigt hatte. Endlich setzte sie sich auf und lehnte ihren Kopf an die Schulter von Dika. Schützend legte Anna ihren Arm, um das Mädchen.
"Doko, Sir, ich weiß nicht, wie ich es ihnen erklären soll, Sir. Es war kein Mord, was sie damals taten, Sir, sondern eine Erlösung, Sir", verzweifelt sah sie zu dem Arzt hoch. Lyn wusste nicht wirklich, ob sie ihm völlig trauen konnte.
Jacob der ahnte, was in Lyn vor sich ging und brachte dies auch durch Worte zum Ausdruck. "Lyn, du kannst mir doch vertrauen oder vertraust du mir nicht mehr? Habe ich dich jemals enttäuscht oder dich angelogen?"
Lange sah Lyn den Doko an. In ihrer Verzweiflung entschloss sich Lyn, ihre Gedanken dem Doko mitzuteilen. Damit dieser endlich begriff, dass sie ihm nicht mehr vertrauen konnte. Sie nahm ihren gesamten Mut zusammen und holte noch einmal tief Luft.
"Sir, Sie fragen mich ob ich ihnen vertraue, Sir."
Jacob sah nickend zu Lyn, ihm schwante bei der Frage nichts Gutes.
"Sir, darf ich offen sprechen, Sir."
Jacob sah Lyn offen an. "Lyn, du darfst immer offen zu mir sein. Ich bin nicht der Oberstleutnant der dich schlägt, wenn du etwas sagst, was mir nicht passt. Lyn, du kannst mir vertrauen."
Lyn reagierte zu Jacobs und Annas Entsetzen, ganz anders als diese erwartet hatte. "Sir, ich vertraue ihn nicht mehr, Sir. Sie sind schuld an unserem Leid, Sir. Sie waren es, der mich zu dieser Ilka gebracht hat, Sir. Sie zwangen mich dadurch, dass sie mir das Mädchen zeigten, dass ich sie gesund machen musste, Sir. Wegen ihnen ist dieses Mädchen in unseren Raum gekommen, Sir. Wegen ihnen ist sie jetzt tot und wegen ihnen ist der Oberstleutnant zu Recht böse mit uns, Sir. Weil er denkt, dass Sneimy sein Mädchen mit Absicht getötet hat, Sir. Sie sind schuld an unserem ganzem Leid, Sir. Ihnen soll ich vertrauen, Sir. Das kann ich nicht Sir."
Fassungslos hörten die Beiden die Erklärungen des Mädchens und starrten diese sprachlos an. Dika Anna und der Doko bekamen kaum noch Luft. Was um Himmels Willen, sollten sie jetzt tun? Wie konnten sie diesem noch so jungen Mädchen erklären, dass sie die Zusammenhänge völlig falsch interpretiert hatte. Aus Lyns Sicht waren dies ja logische Schlussfolgerungen, aber sie stimmten nicht. Verzweifelt stand der Doko auf. Jacob musste sich bewegen, um wieder klar denken zu können. Dika Anna war zu keinerlei Reaktion fähig. Sie hatte alles erwartet, aber nicht diese Erklärung. Sie begriff jetzt die Tragweite von Lyns Worte, bei dem vorangegangen Gespräch. Jetzt begriff sie was Lyn damit meinte. Der Doko habe sie verraten. Als Anna etwas sagen wollte, schüttelte Jacob den Kopf.
"Anna, lass gut sein. Das muss ich mit Lyn alleine klären."
Der Doko hatte sich wieder beruhigt und holte tief Luft. Er setzte sich wieder auf das Bett und sah Lyn offen in die Augen. "Lyn, du bist also der festen Meinung, dass ich an eurem Leid schuld bin. Denken das die anderen unten auch."
Lyn nickte. "Das war doch die Wahrheit", ging es ihr durch den Kopf.
Durch Lyns Worte hatte Jacob mit einem Schlag, eine Antwort auf all seine Fragen. Wie Schuppen fiel es Jacob von den Augen. Er begriff auf einmal, wieso die Kinder sich auf diese, für ihn unerklärliche Weise, vor ihm verschlossen hatten. Wieder einmal begriff Jacob, dass sie sich nicht in die Kinder hineindenken konnten. Dass diese Kinder völlig andere Denkabläufe hatten, als normale Menschen. Da ihre Lebenserfahrung nicht mit ihrem Wissensstand mithalten konnte. Der Chefarzt war verzweifelt. Sein Herz tat weh. Alles hätte er vermutet aber nicht, dass man die Schuld für die Misshandlungen bei ihm suchte.
"Lyn, du hast in einem Recht, ich bin schuld an eurem Leid. Weil ich nicht verhindert habe, dass man euch schuf. Doch sag mir, was ich hätte machen sollen. Ich bin Soldat, genau wie du. Weißt du noch, wie man einen Befehl definiert?"
Lyn gab ohne eine Sekunde zu zögern, eine klare Antwort. "Sir, jawohl Sir. Ein Befehl ist eine Anweisung zu einem bestimmten Verhalten, die ein Vorgesetzter seinem Untergebenen, schriftlich, mündlich oder auf eine andere Weise, für Allgemeines oder für den Einzelfall gibt, Sir. Mit dem Anspruch auf absoluten Gehorsam erteilt, Sir. Diese Anweisung müssen von dem Befehlenden, auf Rechtmäßigkeit und Zweckmäßigkeit geprüft werden, Sir. Und muss den gegebenen Umständen angemessen sein, Sir. Ist dies nicht der Fall, braucht man diesem Befehl keinen Gehorsam schenken, Sir."
Jacob war wieder einmal verblüfft, auf welche exakte Weise, Lyn solch eine Definition wiedergeben konnte. "Das hast du sehr gut gesagt. Aber weißt du, es ist nicht immer so einfach im Leben, sich an diese Definition zu halten. Als ich hier anfing zu arbeiten, habe ich mein Ja zu einen Projekt gegeben, welches sich als …", Jacob überlegte, wie man die Zusammenhänge Lyn am besten erklären konnte. "… ich würde es als Lüge bezeichnen… ja als Lüge entpuppte. Es hieß in dem Befehl, wir sollen hier dazu beitragen, Soldaten zu einer besseren Leistung zu verhelfen. Wir sollten es schaffen, dass die Soldaten einfach stärker werden und nicht mehr so oft im Kampf verwundet werden. Lyn, es war nie die Rede davon, Kinder zu züchten und euch zu erschaffen. Das erfuhren wir erst fünf Monaten nach dem wir unsere Verträge unterschrieben hatten. Wir kamen aus diesen Verträgen nicht mehr heraus. Ich weiß, dass es falsch war, hier mitzuarbeiten. Aber ihr wart nun einmal da. Seit dem versuche ich euch zu beschützen. Glaube mir eins, das ist alles andere als einfach. Verstehst du mein Mädchen."
Lange sah Lyn den Arzt an, dann nickte sie.
"Sie brachten euch und steckten euch in die Inkubatoren. Sag mir, was hätte ich machen sollen, Lyn? Da waren einhundertfünfzig kleine Wesen, die man mir als Arzt anvertraut hatte. Als Arzt muss ich Leben beschützen. Ich kämpfte um jeden einzelnen von euch. Habe über Monate kaum geschlafen. Allerdings waren da …", wieder überlegte Jacob, wie er es am Einfachsten erklären könnte.
Lyn nahm ihm das Erklären ab. "Sir, dann kamen die bösen Schatten und machten die Schmerzen, Sir."
Jacob konnte nicht glauben, was er da zu hören bekam. Er ahnte allerdings, was Lyn meinen könnte. "Wie böse Schatten, Lyn? Ich verstehe nicht genau, was du damit meinst, meine Kleine."
Lyn zuckte verlegen mit den Schultern. Dann schielte sie zu ihrer Freundin. "Dika Anna, ist ein guter Schatten, Sir. Das war sie schon immer gewesen, Sir. Wenn sie kam, tat uns das gut, Sir. Manchmal kamen andere Schatten, die nicht zu Anna gehörten oder zu Walli oder zu den anderen guten Schatten, Sir. Dann kamen die Schmerzen und mit ihnen kam das Leid, Sir."
Plötzlich wusste Jacob, was Lyn meinte. "Du meinst Doktor Richter und Doktor März. Ja, es gibt nicht nur netten Menschen. Das ist nun mal so. Diese Unmenschen haben einige von euch systematisch vergiftet. Deshalb wuchsen einige von euch nicht so, wie sie sollten, wie du zum Beispiel. Sie wurden zum Teil richtig krank…"
Wieder unterbrach Lyn ihren Doko, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. "Sir, es stimmt, was sie sagen, Sir. Sie hatten so schlimme Schmerzen, wie sie jetzt Keri hat, Sir. Ich weiß es, weil ich sie immer spüre, Sir."
"Wie du spürst sie?"
Lyn winkte wieder ab. Sie war nicht bereit mit Jacob darüber zu reden, immer noch gab sie ihm die Schuld, an ihrem ganzen Leid.
"Lyn, ich will nicht, dass du Schmerzen hast. Aber egal, das klären wir später. Als ihr in den Brutkästen heran gewachsen seid, Lyn habe ich so gekämpft, dass man euch alle am Leben lässt. Eine Woche vor eurer Geburt, bin ich nach Berlin ins Institut geflogen und habe, um euer aller Leben gekämpft. Ich bekam einen Befehl und musste ihn befolgen. Hätte ich ihn missachten, wären andere gekommen und hätten deine Freunde auf eine bestialische Art getötet. Deshalb habe ich das lieber selber gemacht. Damit die Kinder wirklich nur schlafen gehen. Keine Schmerzen dabei empfinden. Verstehst du das?"
Lyn nickte, sagte aber nichts dazu. Ihr ging allerdings durch den Kopf, dass es lieb war vom Doko, dass er das gemacht hatte.
"Lyn, ich habe schnell gemerkt, dass du deinen Kameraden helfen konntest. Vor allem bei Sachen, wo ich völlig überfordert war. Als ich dann bei Ilka vor einem unlösbaren Rätsel stand, habe ich dich gefragt, ob du ihr helfen kannst. Was war da falsch daran Lyn? Ilka ging es nicht gut, sie war sehr krank und ich wusste nicht warum. Ich hatte um Ilka, genauso Sorge, wie um euch. Lyn, ich bin Arzt, es spielt doch keine Rolle, wer der Patient ist. Ich helfe allen Menschen, die krank sind. Deshalb bat ich dich um Hilfe. Das Unglück, welches dann geschehen ist, hat doch damit nichts zu tun. Das ist ungefähr so, als wenn du Schwester Walli die Schuld dafür gibst, dass die Betreuer dich schlagen. Nur weil sie damals auf Ilka aufgepasst hat. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Verstehst du meine Kleine?"
Lyn sah ihren Arzt schweigend an.
Dieser ergänzt noch einmal. "Lyn, ich bin immer noch Arzt. Ich kann doch nicht zulassen, dass jemand leidet. Ich kämpfe doch auch darum, dass ihr nicht mehr leiden braucht. Dass der Oberstleutnant euch die Schuld am Tod seiner Tochter gibt, finde ich nicht richtig. Sag mir meine Kleine, was ich machen soll. Ich kämpfe täglich gegen den Oberstleutnant. Ich habe schon so oft versucht über die oberen Befehlslinien Hilfe zu bekommen. Allerdings war dies immer vergebliche Mühe. Ich versuche euch so gut es geht zu schützen. Lyn vertraue mir. Ich würde nie zulassen, dass euch jemand etwas tut."
Traurig sah Jacob Lyn an. Er merkte an der gesamten Haltung von ihr, dass sie ihm immer noch nicht glaubte. Deshalb entschloss er sich zu einem letzen Versuch.
"Weißt du wie oft der Oberstleutnant in den letzten beiden Wochen versucht hat mich zusammenzuschlagen. Ganze achtmal, hat er es versucht."
In seiner Verzweiflung zog Jacob seinen Overall aus und zeigte Lyn die Hämatome, die er am ganzen Körper hatte.
"Nicht nur euch schlägt er, Lyn. Der Oberstleutnant schlägt alle hier im Projekt. Alle bekommen seine Schläge ab. Chris, Doris, Walli, deine Dika, alle Schwestern und sämtliche Leute aus der Wachmannschaft. Anna zeige bitte Lyn deinen Körper", bat er seine Freundin.
Die Schwester zog jetzt ebenfalls ihr Overall aus.
Lyn gab ein wütendes Knurren von sich und starrte die Beiden an. Völlig außer sich vor Wut, fauchte sie mehr, als dass sie sprach. "Er schlägt euch also auch."
Das Mädchen ließ alle Anstandsregeln außer Acht und starte auf die blutunterlaufenen Körper der Beiden. Jacob und Anna nickten bestätigend. Wieder einmal passierte etwas, dass Jacob so nicht erwartet hatte. Er bekam eine Reaktion von seinem Mädchen, die er nicht begreifen konnte. Das Mädchen, das ihm gerade erklärt hatte, dass sie ihm nicht glauben und vertrauten würde, wurde unsagbar wütend.
Lyn sprang wie eine Besessene von der Liege und fing wütend an zu schreien. Einen Schrei der dem Arzt und seiner Freundin durch Mark und Bein ging. Lyn musste ihre Wut über das Gehörte, aus sich heraus schreien. Sonst würde sie sofort in einen Ginobusanfall hineinrutschen. Das Schreien, war für das kleine Mädchen im Moment, die einzige Möglichkeit, um Druck abzubauen. Wütend lief sie auf der Krankenstation hin und her. Fast eine Stunde brauchte die Kleine, um sich etwas zu beruhigen. Anna, die Lyn helfen wollte, wurde von Jacob zurückgehalten. Aus Angst vor einen dieser Ginobusanfälle, hielt der Arzt sich lieber auf Abstand. Tief atmend, die Hände im Genick verschränkt, lief Lyn, wie ein gehetztes Tier auf den freien Platz umher. Mühsam versuchte sie ihre Emotionen und diese verdammte Wut in den Griff zu bekommen. Es dauerte diesmal sehr lange, ehe sich Lyn wieder völlig unter Kontrolle hatte.
Genauso plötzlich, wie sie aufgesprungen war, setzte sich Lyn wieder hin. Ganz bewusst und ruhig atmend, hatte sie sich wieder einigermaßen im Griff. Jacob hörte mit Erschrecken, was Lyn ihnen zu sagen hatte. Noch niemals, hatte er eine solche Wut in der Stimme des Mädchens vernommen. Dies jagte ihm eine unvorstellbare Angst ein.
"Sir, wenn er euch noch einmal anfasst, dann bringe ich ihn um, Sir. Das überlebt er nicht, Sir. Es ist schon schlimm genug, wenn er uns schlägt, Sir. Aber euch darf er nicht schlagen, Sir. Ihr könnt euch doch gar nicht wehren, Sir. Das lasse ich nicht zu, Sir."
Schwer atmete Lyn. Plötzlich spielte es keine Rolle mehr, dass Ilka durch Jacobs Schuld in den Raum der Kinder gekommen war. Das Einzige was jetzt noch zählte, war die Tatsache, dass Jacob genauso verprügelt wurde, wie sie. Dass der Oberstleutnant sogar die Schwestern und ihre Freundin verprügelte. Alle gehören jetzt auf einmal zu ihnen. Sie litten genauso, wie alle unten im Raum. Lyn musste sie alle beschützen. Das war von Anfang an ihre Aufgabe und wurde ihr eben noch einmal klar. Sie würde nicht zulassen, dass der Oberstleutnant ihre Freunde weiterhin so schwer verletzte. Dies musste endlich aufhören. Es reichte schon, wenn er ihre Kameraden schlug. Diese konnten sich helfen, die Schwestern und der Doko konnten das allerdings nicht.
Jacob sah entsetzt zu Anna. Mit den Augen flehte er sie um Hilfe an. Anna konnte schon immer besser erklären als er. Sie hatte einfach ein besseres Händchen für solche Dinge. Die Schwester zog sich das immer noch wütende Mädchen in ihre Arme.
"Lyn, bitte mein kleines Mädchen. Du wirst dem Oberstleutnant nichts tun. Was der mit uns macht, ist nicht richtig. Aber du willst doch nicht, wie der Oberstleutnant sein. Vor allem, willst auch nicht wie er werden. Lyn, in meinen Augen ist er ein armer und bedauernswerter Mann, der sich sein letztes bisschen Gehirn wegsäuft. Kleines höre mir bitte einmal genau zu", ernst sah sie Lyn an und nahm deren Gesicht in ihre Hände. "Du musst dir eins merken in deinem Leben, man darf niemals seine Fähigkeiten gegen jemanden zum Einsatz bringen, der schwächer ist als man selber. Es wäre falsch. Auch im Kampf muss man immer versuchen, die Schwächeren zu beschützen. So wie du es mit deinen Kameraden machst. Das habe ich dir doch schon einige Male erklärt. Vor allem darf man niemals seine Fähigkeiten gegen jemanden einsetzen, der am Boden liegt oder sich auf irgendeine andere Art nicht wehren kann. Macht man das, ist man nicht besser als ein Verbrechen. Lyn, ihr seid um einiges stärker als alle andere Menschen, darum ist das wichtig, dass ihr das verinnerlicht. Ihr wurdet geschaffen, um andere Menschen zu beschützen und um Verbrecher einzusperren. Nur dafür werdet ihr so gut ausgebildet, um andere Menschen vor Verbrechen zu schützen. Ihr sollt aber auch, die Verbrecher schützen, damit sich keiner an ihnen vergeht. Verbrecher dürfen nur von zuständigen Gerichten verurteilt werden. Ansonsten ist das Selbstjustiz. Verstehst du?"
Nicht alles, was Dika Anna erklärte verstand Lyn. Sie würde später in Ruhe noch einmal darüber nachdenken. Vielleicht hatte ihre Freundin ja recht. Eine ganze Weile starrte Lyn auf ihre immer noch nervös spielenden Finger und dachte über eine bessere Möglichkeit nach. Die Jacobs ließen ihr die Zeit die sie brauchte, aus Erfahrung wussten sie, dass Lyn eine Weile nachdenken musste, um die Informationen richtig verarbeiten zu können. Lyn sah Anna verzweifelt an und dann zu Jacob.
"Sir, Dika, wie soll ich euch dann aber beschützen, wenn er euch wieder schlägt, Sir?", verzweifelt rieb sich Lyn das Genick.
Jacob streichelte liebevoll über deren Gesicht und das erste Mal seit langer Zeit ließ das Mädchen es zu. "Lyn, du musst uns nicht beschützen. Wir können auf uns selber aufpassen. Ich habe dir das nur gesagt, damit du endlich begreifst, dass auch wir geschlagen werden. Du musst keine Angst um uns haben. Wichtig ist nur meine Kleine, dass du endlich begreifst, dass wir euch beschützen wollen. Vor allem werden wir niemals zulassen, dass euch etwas passiert. Wir können nicht alles verhindern, was sie mit euch machen. Aber wir werden versuchen, so viel Schaden wie irgend möglich, von euch fern zu halten. Auch wenn das bedeutet, dass wir auch Schläge abbekommen. Deshalb ist es mir so wichtig, dass ihr immer Vertrauen zu uns habt. Nur das ist es, was zählt. Keine Angst, mit dem Oberstleutnant kommen wir schon zu recht. Glaube mir, er wagt es nicht noch einmal, deine Dika anzufassen. Als er das gemacht hat, bekam er richtigen Ärger mit mir. Ich passe auf deine Dika auf. Der Oberstleutnant sieht nicht besser aus als ich. Ich habe ihm gezeigt, auf was er sich einlässt, wenn er sich mit der Dika anlegt. Ich habe ihm begreiflich gemacht, dass ich mich gegen ihn wehren kann. Glaube mir, noch einmal fasst er die Dika nicht an und auch keine der anderen Schwestern", ernst sah Jacob sein kleines Mädchen an.
Wie sehr war ihm dieses fremdartige Mädchen ans Herz gewachsen. Warum nur war es so schwer, ihren Gedankengängen zu folgen? Durch Lyns Gefühlsausbruch, wurde ihm schlagartig bewusst, welche Verantwortung er trug. Er würde dafür Sorge tragen, dass diese Kinder auch Moral kennenlernten. Diese Kinder wurden durch die Betreuer regelrecht verroht. Sie lernten nur Gewalt kennen. Sie wussten gar nicht, was es hieß Mitleid zu haben. Sie konnten gar nicht begreifen, dass es etwas anderes gab, außer Schläge. Er musste ihnen Normen beibringen. Vor allem aber mussten die Kinder begreifen lernen, dass man Gewalt, nicht mit Gewalt bekämpfen konnte. Dass es immer andere Wege gab, die man gehen konnte, als den Kampf. Der Kampf musste immer der letzte Ausweg bleiben musste. Müde rieb sich Jacob das Gesicht. Wie oft würde er mit den Kindern noch an seine Grenzen stoßen und wie oft würde er, wie gerade eben, erkennen müssen, dass er nichts von seinen Kindern wusste. Jacob musste sich diese ganzen Sachen nochmals in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Er würde viel Fingerspitzengefühl brauchen, um die Kinder in die richtige Richtung zu lenken.
Er schob dieses Thema erst einmal zur Seite und stellte Lyn eine andere Frage, die ihm in diesen Moment wichtiger war, als alles andere. "Lyn, wieso war es eine Erlösung, dass ich die Kinder schlafen geschickt habe? Wieso wusstest du, welche Schmerzen diese Kinder hatten?"
Lyn zuckte verlegen mit den Schultern und antwortete kaum hörbar. "Sir, weil ich die Schmerzen spüre, Sir."
"Wie du spürst die Schmerzen?", verzweifelt sahen Jacob und Anna, ihr kleines Mädchen an.
"Sir, ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, Sir. Ich weiß von Rashida, dass es bei ihr nicht so ist. Sie hat es mir gestern erklärt, Sir. Ich habe noch keinen Weg gefunden es zu ändern oder abzublocken, Sir. Es ist so, ich spüre alle Schmerzen die unten im Raum sind, Sir. Deshalb weiß ich ja, dass Keri wahnsinnige Schmerzen hat, Sir. Diese Schmerzen bringen mich bald um, Sir. Sie potenzieren sich mit den Schmerzen, der anderen, Sir. Doko, wenn sie Keri nicht schlafen schicken wollen, dann erklären sie mir, wie man das macht, Sir. Er, genau wie auch ich, wir wollen beiden, dass es endlich aufhört, Sir. Für ihn sind diese Schmerzen genauso schlimm wie für mich, Sir. Doko, so macht das Leben keinen Spaß, Sir", Lyn rollte sich wieder zusammen und fing erneut an zu weinen.
Jacob schüttelte den Kopf, er war nicht bereit, noch eins seiner Kinder schlafen zu schicken. Nach einer Weile hatte sich Lyn wieder beruhigt. Sie sah Jacob bittend an und rang sich dazu durch, Jacob endlich zu vertrauen.
"Sir, darf ich ihnen etwas zeigen, Sir. Damit sie begreifen, wie schlimm das mit den Schmerzen ist, Sir."
Jacob nickte ahnungslos. Er wusste nicht so richtig, was Lyn von ihm wollte und was da auf ihn zukam. Lyn setzte sich auf ihre Fersen. Sie nahm ihre rechte Hand und legte sie auf Jacobs Brust.
"Sir, sie dürfen sich nicht dagegen wehren, Sir. Sonst wird es noch schlimmer, Sir."
Lyn atmete tief und gleichmäßig, es sah aus als ob sie sich beruhigen wollte. Dabei war es so, dass sie ein Teil der Schmerzen zurückdrängte, damit Jacob nicht die volle Wucht der Schmerzen abbekam. Auf einmal begann Lyns Hand zu glühen. So wie damals, als sie Jacobs Herz geheilt hatte. Im gleichen Augenblick fing der Arzt an zu brüllen. So heftig waren die Schmerzen, die er von Lyn abbekam.
Anna die ja nicht wusste, was in diesen Moment passierte, war zu Tode erschrocken. Als sie ihren Freund so völlig unvermittelt schreien hörte und herrschte Lyn an. "Höre auf Lyn. Was machst du mit dem Doko?"
Jacob rutschte erschrocken von Lyn weg.
Lyn schreckte vor Annas Anraunzer zurück und schaute diese misstrauisch an. Vorsichtshalber zog sich das Mädchen von den Beiden ganz zurück. Da sie angeschrien wurde, rechnete sie im gleichen Moment mit Schlägen. Im selben Moment, als Lyn die Hand zurückzog, hörte Jacob auf zu schreien. Schwer nach Atmen ringend und mit schmerzverzerrtem Gesicht, rieb sich Jacob seine Brust.
"Was machst du mit mir Lyn? Was war das?", pulverte er das Mädchen unbeherrscht an.
Jacob nahm dies alles gar nicht bewusst wahr und konnte für den Moment gar nicht klar denken. Die Schmerzwellen die immer noch durch seinen Körper schossen, klangen erst langsam ab. Lyn erntete deshalb einen bösen Blick von ihm. Es dauerte allerdings keine halbe Minute, bis sich Jacob wieder im Griff hatte. In gleichen Augenblick ärgerte er sich über sich selber, weil er so unbeherrscht war. Er war jedoch so erschrocken, dass er sich einen Moment lang überhaupt nicht mehr kontrollieren konnte. Sofort versuchte er es Lyn zu erklären. Allerdings hatte er damit die Kleine wieder völlig verschreckt.
"Entschuldige Lyn, ich wollte dich nicht anschreien. Die Dika bestimmt auch nicht. Wir waren beide erschrocken. Komme wieder zu uns Lyn."
Jacob sah sein Mädchen ganz lieb an und rieb sich immer noch die schmerzende Brust. Lyn allerdings, war von Jacobs Verhalten völlig irritiert und wusste nicht, was sie falsch gemacht hatte.
"Sir, sie wollten doch wissen, wie schlimm die Schmerzen sind, Sir. Ich habe es ihnen nur gezeigt, nur ein bisschen von dem Schmerz, den ich spüre, Sir."
Als Jacob nach ihr greifen wollte, drehte sie sich weg.
"Lyn bitte, ich wollte dich nicht anschreien. Komm zu mir, bitte", Anna hielt ihre Arme hin. Lyn sah ständig von Anna zu Jacob, dann wieder zurück. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.
"Lyn, bitte", vorsichtig näherte sich Anna dem verstörten Mädchen.
Lyn sprang auf und zog sich vom Bett zurück. Lief sofort in eine sichere Ecke. Ängstlich zog sie die Beine an den Körper und umschlang die Knie mit den Armen. Fritz Jacob und Anna sahen sich verzweifelt an. Nicht zum ersten Mal geschah es, dass sie Lyn unbewusst zurückgestoßen hatten. Keiner von beiden machte dies mit Absicht. So hart diese Kinder im täglichen Leben waren, so zerbrechlich und sensibel waren sie, wenn es um Vertrauen ging. Kein Wunder nach dem, was sie in den letzten Monaten durchmachen mussten.
"Ach Lyn. Wir wollten dich nicht erschrecke. Erkläre mir, was das war. Ich dachte gerade, ich muss sterben", gestand Jacob, immer noch schwer atmend.
Lyn starrte den Mann ängstlich an, den sie gerade etwas vertraut hatte. Oft wusste sie gar nicht, was man von ihr wollte. Bei den Betreuern war es oft genauso. In dem einen Moment waren sie ganz lieb zu ihnen und im nächsten Moment schlugen sie erbarmungslos zu. Vorher sollte das Mädchen also wissen, dass dies bei dem Doko und der Dika anders war. Anna hockte sich in einer sicheren Entfernung vor Lyn.
"Bitte Lyn, ich wollte dich nicht anschreien. Glaube mir. Ich wollte das wirklich nicht. Ich war nur erschrocken, weil der Doko plötzlich so geschrien hat. Ich hatte Angst um meinen Freund. Kannst du das nicht verstehen? Würdest du nicht auch erschrecken, wenn deine Freunde, urplötzlich und ohne Grund anfingen zu schreien. Kleines, ich wollte dir nichts Böses."
Ganz traurig sah Anna ihre kleine Freundin an und hielt ihr die Hand hin. Diese schüttelte den Kopf und fing an zu schaukeln. Jacob ging zu seiner Freundin und legte ihr die Hand auf die Schulter.
"Anna lass sie bitte. Lyn kommt von alleine, wenn sie begreift, dass wir ihr nichts tun. Lass ihr die Zeit, die sie braucht."
Ernst sah er zu Anna und hielt ihr die andere Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Lyn beobachtet den Doko genau. Anna griff nach der Hand von Jacob und ließ sich auf die Beine ziehen. Gemeinsam gingen sie zurück zum Bett. Jacob legte einen Arm um Annas Schulter, so als wenn er sie beschützen wollte. Zusammen setzten sich so, dass sie zu Lyn sehen konnten. Sie brachten einen sicheren Abstand, zwischen sich und das Mädchen. So dass Lyn sich nicht mehr bedrängt fühlte und zur Ruhe kam.
"Lyn, meine Kleine, wir wollten dich nicht anschreien, glaube mir. Kannst du mir erklären, was du mit mir gemacht hast. Damit ich es verstehe. Sprich mit mir Lyn. Bitte, ich möchte es so gern verstehen."
Lange beobachtete Lyn aus sicherer Entfernung den Doko und die Dika. Mit schräg gehaltenem Kopf, sah sie von einem zum anderen. Nach einer Weile senkte den Kopf und legte ihn auf die Knie. Immer heftiger wurde ihr Schaukeln. Dieses Schaukeln half Lyn dabei Druck abzubauen. Lange saß sie so da. Wenn da nicht diese schaukelnden Bewegungen gewesen wären, hätte man denken können, sie wäre eingeschlafen.
'Warum', ging es Lyn durch den Kopf 'schreien mich die Beiden auf einmal an? Ich hatte es ihnen doch gesagt, dass ich ihnen zeigen will, wie schlimm die Schmerzen sind.'
Fast im gleichen Moment erinnerte sich Lyn an die Situation, als sie Rashida gestern ihre Schmerzen gezeigt hatte. Ihre Freundin verstand nicht, warum sie so schlimm geweint hatte. Daraufhin bat Rashida ihre kleine Freundin, es ihr zu zeigen. Als Lyn sie dann spüren ließ, wie heftig ihre Schmerzen waren, wurde Rashida auch böse mit ihr. Konnte es sein, dass sie etwas falsch gemacht hatte? Müde rieb sich Lyn erst das Genick und dann ihr Gesicht. Vielleicht musste sie besser darauf achten, dass sie die Leute auf den Schmerz vorbereitete. Damit sie wussten, was auf sie zukam. Vielleicht waren sie dann nicht mehr böse mit ihr. Sie wollte niemanden verletzen und erst recht niemanden Schmerzen zufügen. Lyn wusste allerdings nicht, wie sie etwas erklären sollte, was keiner außer ihr kannte. Von Rashida wusste sie, das nur sie diese höllischen Schmerzen fühlte. Kein andere in der Gruppe, empfand das so wie sie. Nicht einmal Keri hatte so schlimme Schmerzen. Langsam hob Lyn ihren Kopf und sah zu Dika, die immer lieb zu ihr gewesen war. Das Mädchen rief sich deren Worte noch einmal in Erinnerung. Die Dika hatte Angst um den Doko. Das konnte Lyn nur zu gut verstehen. Nach dem, was der Oberstleutnant mit dem Doko gemacht hatte. Sie hatte ja auch immer Angst um ihre Freunde. Lyn beschloss den Beiden noch eine Chance zu geben. Vielleicht hatte sie sich ja geirrt. Zu mindestens hatten der Doko und die Dika sie noch nie geschlagen.
Plötzlich ging ein Ruck durch den Körper des zierlichen Mädchens, so als wenn sie einen Entschluss gefasst hätte. Lyn stand vorsichtig auf. Dabei behielt sie die Beiden genau im Blick. Sie setzte sich in sicherer Entfernung zu Jacob und Anna, auf eins der anderen Betten. Wieder zog Lyn die Beine an den Körper. So, als wenn sie sich dadurch selber beschützen wollte.
"Sir, ich wollte ihnen nicht weh tun, Sir. Wirklich nicht, Sir. Sie wollten doch wissen, wie schlimm es mit den Schmerzen ist, Sir. Wie soll ich ihnen das erklären, Sir? Etwas, dass sie nicht kennen, Sir", ewig wanderte Lyns Blick zwischen Jacob und Anna hin und her. "Sir, das was sie gespürt haben, ist ein kleiner Teil der Schmerzen die ich ständig spüre, Sir. Ich weiß nicht, wie viel das ist, Sir. Ich weiß nur von Rashida, als ich es ihr gezeigt hatte, dass sie dachte die Schmerzen würden sie umbringen, Sir. Ich habe diese Schmerzen ständig, Sir. Jeder meiner Kameraden, der unten im Raum ist, hat Schmerzen, Sir. Durch die vergangen Verletzungen, damit kann ich leben, Sir. Aber die Schmerzen die Keri hat, Sir, die treiben mich in den Wahnsinn, Sir. Weder Keri, noch ich, können noch lange damit leben, Sir. Als sie damals die Siebzehn haben schlafen geschickt, war es für die und für mich eine Erlösung, Sir. Die Schmerzen waren fast genauso heftig, wie die Schmerzen die Keri jetzt hat, Sir. Alle Siebzehn waren froh, dass es vorbei war, Sir. Als sie müde wurden, gingen die Schmerzen weg, Sir. Sie sind mit einem Lächeln eingeschlafen, sie waren glücklich, Sir", beendete sie ihren Vortrag.
Etwas, dass keine der beiden im Raum Anwesenden, je von ihr erwartet hätte. Noch niemals hatte sie so viele Worte über sich selber gesprochen. Beide waren geschockt. Jacob starrte fassungslos zu Lyn. Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
"Lyn, ich weiß nicht ob ich dir das glauben soll. Du kannst das alles gar nicht wissen", völlig von der Rolle, sah er zu seinem Mädchen und wollte das, was sie sagte, einfach nicht wahr haben.
"Sir, ich weiß es aber genau, Sir. Sie haben nach dem sie uns nach unten geschickt haben in die Turnhalle, alle Kinder noch einmal untersucht, Sir. Als erstes die Nummer 1, bei ihr war alles in Ordnung, Sir. Als nächstes kam Nummer 6 an die Reihe, Sir. Er hatte eine verkrüppelte rechte Hand, Sir. Er hatte schlimme Schmerzen und er war der Erste von den Siebzehn, den sie schlafen geschickt haben, Sir. Dann machten sie mit der Nummer 2 weiter, immer der Reihe nach, Sir. Die Nummer 62 und die Nummer 90, legten sie weder zu denen, die geschlafen haben, Sir, aber auch nicht zu den guten Schatten, Sir. Die beiden blieben alleine in der Mitte des Raumes liegen, Sir. Die Zwei waren traurig, weil sie nicht schlafen geschickt wurden, Sir. Die Schmerzen der Beiden waren genauso schlimm, wie die der Nummern 6, 8, 10, 13, 21, 25, 28, 29, 35, 49, 51, 53, 61, 71, 75, Sir. Nur das all die anderen Kinder zusätzlich Verkrüpplungen aufwiesen, deshalb durften sie sofort schlafen, Sir. Nur die 10er Serie, hatte keine Ausfälle, bis auf mich, Sir. Ich war nur viel zu klein, Sir. Sie haben alle der Reihe nach untersucht, bis zur Nummer 97, dann gingen sie weiter zur 99 und zur 100, Sir. Erst dann haben sie mich untersucht, Sir. Aber bei mir nahmen sie als erstes Blut ab, nicht wie bei den anderen zum Schluss, Sir. Ich habe immer den Einstich gespürt, bei allen, Sir. Zum Schluss haben sie dann Nummer 90 und auch Nummer 62 schlafen geschickt, Sir. Sie haben geweint, Sir. Ihre Tränen tropften auf die Gesichter von den Beiden, Sir. Bitte glauben sie mir, alle Siebzehn waren froh, dass sie schlafen gehen konnten, Sir." erklärte Lyn ihrem Doko, dass sie die Wahrheit wusste und gesagt hatte.
Der erste Gedanke der Jacob durch den Kopf schoss war, so viel hat Lyn noch nie gesprochen. Als nächstes schüttelte er ungläubig den Kopf. Es war unglaublich, alles was ihm Lyn gerade berichtete war wahr. Eigentlich konnte sie das gar nicht wissen. Sie lag fast fünfundzwanzig Meter vom Untersuchungstisch entfernt. Vor allem wurde Jacob bewusst, dass er wirklich als erstes die Nummer 90 gespritzt hatte und dann die Nummer 62. Allerdings hatte er das nirgends erwähnt. Jacob verstand einfach nicht, wieso die Kleine diese ganzen Details wusste. Selbst die Schwestern wussten das alles nicht und er hatte mit niemanden darüber gesprochen. Ungläubig starrte er Lyn an.
"Woher weißt du das alles Lyn?", wollte er wissen.
Obwohl eine Heidenangst, vor der Antwort, in ihm hochkam. Irgendwo hatte er eine Erinnerung, an ein Geschehen der letzten Monate, das damit zusammen hing. Aber er kam einfach nicht darauf, was es war.
"Sir, ich kann ihnen das nicht genau erklären, Sir. Wirklich nicht, ich weiß nicht wie, Sir. Wissen sie es ist, wie so eine Art Funkverbindung, die ich zu allen habe, Sir. Ich kann alles hören, was unten im Raum vor sich geht, Sir. Ich kann meine Freunde sogar in der Turnhalle hören, wenn ich mich darauf konzentriere, Sir. Genau so, wie ich die Schmerzen spüren kann, die jemand hat, Sir. Höre ich alle Gedanken unten in den Räumen, Sir. Ich kann doch nichts dafür, Sir. Ich will doch nur das Keri nicht mehr leiden muss, Sir. Ich will seine Schmerzen nicht mehr spüren, Sir. Können sie das denn nicht verstehen, es soll nur aufhören, dass er so leidet, Sir?"
Wieder fing Lyn verzweifelt an, sich hin und her zu schaukeln. Anna stand auf und ging vorsichtig auf Lyn zu. Sie setzte sich neben das kleine Mädchen und zog sie einfach in ihren Arm.
"Lyn, du bekommst die ganzen Schmerzen aus der Gruppe mit? Habe ich das richtig verstanden?", wollte Anna von Lyn noch einmal wissen.
Lyn hob den Kopf und sah Anna mit einem Ausdruck im Gesicht an, der mehr sagt als ihr Nicken.
"Du hast also die Folter von den anderen Kindern, jedes Mal miterlebt?"
Lyn nickte wieder und Tränen kullerten über ihr Gesicht.
"Oh mein Gott", mehr konnte Anna nicht dazu sagen.
Jacob fiel ein Gespräch ein, was Monate her war. Erst jetzt begriff er die ganze Tragweite dessen, was Lyn damals sagte. Vor allem, warum Lyn immer wusste, wenn mit einem der anderen Kinder etwas war.
"Lyn, du spürst also genau, wenn es jemanden aus eurer Gruppe nicht gut geht. Wie damals, als die Kinder so Hungerleiden mussten? Oder als sich die Nummer 12 den Fuß eingeklemmt hatte. Als Ana die inneren Blutungen durch die Schläge bekam? Kleines, das ist doch Wahnsinn", das blanke Entsetzen stand auf Jacob ins Gesicht geschrieben. "Kind, wie hältst du das aus?"
Verzweifelt rieb sich Jacob das Genick. Er stand auf und holte ein starkes Schmerzmittel und wollte es Lyn spritzen, um ihr wenigstens etwas Linderung zu verschaffen. Lyn schüttelte den Kopf.
"Was ist Lyn? Willst du nicht, dass die Schmerzen weniger werden?"
Lyn sah den Doko gequält an. "Sir, das was sie mir da spritzen wollen, hilft nicht gegen die Schmerzen, Sir. Keines der Mittel die sie uns gegeben haben, hat je gegen die Schmerzen geholfen, Sir. Es hat nur gemacht, dass wir müde wurden und etwas schlafen konnten, Sir. Die Schmerzen sind geblieben, Sir."
Das Entsetzen in Jacobs Gesicht wurde immer größer. Plötzlich wurde dem Chefarzt noch etwas anderes bewusst. Bei jeder Operation, die bei den Kindern durchgeführt wurde, hatte Lyn wie am Spieß geschrien. Fassungslos sah er das Mädchen an und konnte nicht glauben, was er hier erfuhr.
"Lyn, hast du die Operationen deiner Kameraden, auch alle mitbekommen?"
"Sir, ja, Sir. Das was sie meinen Freunden gespritzt haben, hat nie geholfen, Sir."
"Lyn, verdammt noch mal, warum sagt ihr mir das denn nicht. Verdammt noch mal."
Wütend stand Jacob auf. Nicht darauf achtend, dass Lyn das wieder in den falschen Hals bekommen könnte. Diesmal hielt Anna das Mädchen einfach fest.
"Der Doko ist nicht auf dich wütend, Kleines. Er ist auf sich wütend, weil er dich so gequält hat. Warum meine Kleine, hast du mir das noch nie gesagt?"
"Dika, ich hab es doch gesagt, Dika. Damals, als Ana krank war, Dika. Ich hatte noch keine Worte, Dika. Wir waren noch klein, Dika. Doko semro Ana, habe ich zum Doko gesagt, immer wieder, Dika."
Offen sah Lyn zu Anna. Jacob der auch hörte, was Lyn gerade zu erklären versuchte, begriff erst jetzt den Sinn dieser Worte.
"Oh mein Gott. Was mache ich nur? Lyn, es tut mir leid. Aber, woher sollte ich das denn wissen? Du sagtest damals immer wieder, Doko, semro Ana. Ich dachte immer, du hast Angst das Ana gestorben war. Aber du meintest die Schmerzen sind zu Ende. Stimmt das meine Kleine."
Lyn nickte.
Sich die Haare raufend lief Jacob durch den Raum, um sich zu beruhigen.
"Lyn, können wir da wirklich nichts dagegen machen?"
Lyn schüttelte den Kopf. "Sir, ich habe alles probiert, nichts, wirklich nichts hilft dagegen, Sir. Bitte schicken sie Keri schlafen, mit den anderen Schmerzen kann ich leben, Sir. Aber weder Keri noch ich halten diese Schmerzen noch lange aus, ohne dabei wahnsinnig zu werden, Sir. Bitte, wenn sie es nicht machen wollen, dann zeigen sie mir, wie ich es tun soll, Sir. Bitte, Keri leidet so sehr, Sir. Er hat höchstens noch drei oder vier Wochen, dann schaltet sich sein Gehirn sowieso aus und er fällt ins Koma, Sir, aus dem er nie wieder erwachen wird, Sir. Können wir ihm und mir nicht diese Qual ersparen, Sir", Lyn bettelte den Arzt regelrecht mit den Augen, um Erlösung.
Jacob begriff erst jetzt, durch welche Hölle das kleine Mädchen täglich ging. "Lyn, muss ich dir jetzt sofort eine Antwort geben oder darf ich eine Nacht darüber schlafen?"
"Sir, bitte schlafen sie darüber, aber nicht zu lange, Sir. Ich will nur noch, dass es endlich aufhört, Sir. Sonst erlöse ich Keri auf meine Weise, Sir. Ich sehe nicht zu, wie er zugrunde geht, unter diesen höllischen Schmerzen, Sir. Das hat sich keiner verdient, Sir."
"Lyn, wie willst du das machen?", will Anna jetzt von Lyn wissen.
"Dika, bitte, das ist meine Sache, Dika. Ich mache es so, dass er nicht lange leiden muss, Dika. Aber, wenn der Doko es macht, ist es viel schöner, Dika. Dann schläft Keri ohne Schmerzen, ohne Angst und mit einem Lächeln ein, Dika. Das ist wirklich um vieles schöner, als wenn ich es tun muss. Glaube mir bitte, Dika."
Jacob hatte sich wieder einigermaßen beruhigt und setzte sich neben sein kleines Mädchen und hielt seine Arme hin.
"Darf ich dich mal in den Arm nehmen, Lyn?"
Lyn rutsche auf Jacob zu. Er zog das Mädchen in seine Arme und drückte sie ganz fest. Langsam entspannte sich Lyn. Jacob beugte sich zu ihr herunter und gab ihr, wie er sonst immer gemacht hatte, einen Kuss auf die Nase.
"Lyn, bitte sorge dafür, dass morgen bei dem Test, alle so gut es geht mitmachen. Ich denke nach dem, was mir Doktor Zolger mitteilte, werde ich deinen Wunsch für Keri entsprechend. Gebe mir einfach etwas Zeit, damit ich mich darauf einstellen kann. Ich weiß einfach nicht, wie ich damit klar kommen soll. Aber, wenn er solche Schmerzen hat, ist es vielleicht wirklich besser ihn zu erlösen. Ich werde dann gleich eine Beratung mit meinen Leuten durchführen. Wie wir das am besten handhaben können? Ich finde eine Lösung, das verspreche ich dir. Bitte Lyn, bestehe morgen den Test. Ich will nicht auch noch dich verlieren, das schaffe ich nicht", ernst sah Jacob die Kleine an, indem er sie ein Stück von sich wegdrückte.
"Sir, ich verspreche es ihnen, Sir. Mich müssen sie niemals schlafen schicken, Sir. Ich muss ja auf meine Freunde aufpassen, Sir. Es ist doch sonst keiner da, Sir", versprach sie ernst, ihrem Doko.
Erleichterung war auf den Gesichtern der Erwachsenen zu sehen. Wenigstens diese Sorge war von ihnen genommen. Doris die seit einiger Zeit ebenfalls im Raum war und vieles von dem, was Lyn sagte mitbekam, war ebenfalls erleichter. Wie bei allen Schwestern unten im Kinderraum, war Lyn ihr am meisten ans Herz gewachsen. Die anderen Kinder waren emotionslos und mieden den Kontakt zu den Erwachsenen. Auch wenn sie an der Haltung der Kinder sahen, wie es ihnen ging, zeigten die Kinder keinerlei Emotionen. Doris verstand, dass die Kinder immer noch nicht begriffen hatten, dass keine der Schwestern ihnen etwas böse wollte. Für sie waren alle Erwachsenen böse Menschen. Langsam ging sie auf Jacob und Lyn zu und sah traurig auf das Mädchen.
"Lyn, du weißt das keine der Schwestern dir je etwas Böses tun würde. Warum habt ihr Kinder immer noch kein Vertrauen zu uns?"
Jacob schüttelte den Kopf. Statt Lyn antworten zu lassen, antwortete er selbst. "Doris, hättest du nach allem, was man den Kindern dort unten angetan hat, noch Vertrauen zu uns Erwachsenen. Ich hätte es, wenn ich ehrlich bin, nicht mehr." An Lyn gewandt, sprach er ganz leise und zärtlich. "Lyn, ich weiß ihr habt es im Moment sehr schwer. Ihr müsst endlich lernen, dass nicht alle Erwachsenen oder alle Mitarbeiter hier in diesem Projekt, schlechte Menschen sind. Glaube mir, viele von uns leiden genauso wie ihr. Es wollen viele nur noch hier weg. Aber es gibt auch einige Mitarbeiter hier im Projekt, die extra wegen euch hier bleiben. Wie Doris, Walli, Doktor Anderson, Doktor Zolger, die Dika und auch ich. Selbst beim Wachpersonal bleiben einige nur hier, damit euch nichts geschieht. Wie Chris Martin, Heiko Corsten. Die bleiben nicht, weil sie vertraglich gebunden sind, sondern weil sie mir helfen wollen, euch zu schützen. Keine Ahnung, ob du das alles im Moment verstehen kannst. Aber ich verspreche dir heute eins, ich werde alles tun, was ich kann, um euch zu beschützen. Ich werde nicht alles verhindern können. Ab und an, wird das was ich tue, wieder einmal nach hinten losgehen. Aber ich werde tun was ich tun muss, um euch zu beschützen. Ich verspreche euch eins, ich werde mich immer zwischen euch und das Institut stellen. Egal welche Konsequenzen es für mich hat. Mehr kann ich leider nicht tun. Vertraust du mir wenigstens, ein ganz kleines bisschen?"
Lange sah Lyn zu ihrem Doko hoch. Sie war hin und her gerissen von ihren Gefühlen. Dann schaute sie zu Dika, dann zu Doris. Ganz langsam nickte sie. Sie wollte den dreien erst einmal vertrauen, sonst konnte sie das bei niemand tun. Lyn brauchte einfach Hilfe, alleine konnte sie ihre Freunde nicht beschützen. Vor allem konnte sie ihnen oft alleine nicht helfen. Erleichtert erhob sich Jacob und gab seinem Mädchen noch einen Kuss. "Danke Lyn, das ist mehr als ich mir erhoffen konnte. Wir haben einen kleinen Anfang. So gern ich dich noch hier oben lassen würde, ich muss dich leider wieder nach unten schicken, sonst bekommen wir beide Ärger. Dein Training hat schon vor zwei Stunden angefangen."
Ohne ein Zeichen der Enttäuschung und ohne den Versuch zu unternehmen, noch ein bisschen Zeit schinden, stand Lyn auf. Wortlos lief sie zum Aufzug und blieb dort wartend stehen. Jacob folgte ihr und fuhr mit nach unten auf die 6/lila. Der Etage in der sich die Turnhalle befand. Der Arzt brachte Lyn persönlich zu ihren Kameraden, die schon mitten im Training waren. Der Chefbetreuer der Kinder übernahm Lyn, mit einer bösen Bemerkung.
"Na du Monstrum, wieder mal etwas unpässlich gewesen? Konntest du wieder einmal deine Wut nicht beherrschen? Hattest wohl oben beim Doktor, wieder einmal einen deiner kleinen Wutanfälle? Dein Brüllen konnte man bis hier unter hören. Verschwinde du Missgeburt. Zur Strafe läufst du sofort dreißig Runden und zwar mit den doppelten Gewichten. Los ein bissel Dalli mein Fräulein, du hast die Hälfte des Trainings geschwänzt. Immer das Gleiche mit dir", Simon schlug von hinten nach dem Genick des Mädchens.
Lyn blieb stehen und spannte ihre Muskulatur im Nacken richtig an, um den Schlag richtig abzufedern. Zu ihrer Verwunderung, kam der erwartete Schlag nicht an. Lyn blieb, wo sie war und traute sich nicht sich zu bewegen. Wunderte sich allerdings, dass sie der Schlag nicht traf, obwohl sie den Windzug gespürt hatte, der den Schlag ankündigte. Die Erklärung bekam Lyn allerdings fast sofort. Als erstes hörte sie ein Klatschen, so als wenn ein Arm, heftig auf eine Hand schlug. Als nächstes brüllte Simon, ihren Doko an.
"Was fällt ihnen eigentlich ein, Jacob? Sind sie von ...", weiter kam Simon nicht.
Doktor Jacob wurde jetzt richtig böse. "Würden sie mich bitte mit meinen Rang ansprechen, Genosse Simon. Aus welchem Grund schlagen sie eigentlich das Mädchen? Die war oben bei mir zu Untersuchungen wegen des morgigen Testes. Das ist doch nicht in zwei Minuten erledigt. Die Tests dauern, so lange wie sie dauern, verdammt nochmal. Da hat 98 keinen Einfluss drauf. Vielleicht sollten sie erst einmal mit mir reden, bevor sie schon wieder eines der Kinder ohne jeglichen Grund schlagen. Nummer 98 gehe und laufe deine Runden und das ein bisschen dalli", ging der Chefarzt auf den rauen Ton, der hier ständig herrschte ein. Er wollte seinem Mädchen damit zeigen, dass er sie aus der Schusslinie haben wollte. "Ich kläre das hier alleine mit Simon. Dazu musst du nicht hier herumstehen und noch mehr Trainingszeit verpassen. Also los", lächelte Lyn aber dabei an.
Die Kleine setzte sich sofort in Bewegung und nahm sich die befohlenen Gewichte aus dem Regal. Zügig begann sie damit ihre Runden zu laufen. Jacob sah wie jedes Mal verwundert zu, in welchem enormen Tempo die Kinder ihre Runden drehten.
Schließlich wandte er sich zu Simon um. "Was sollte das Simon? Hatte der Oberstleutnant nicht ausdrücklich befohlen, die Kinder nicht mehr zu foltern. Dazu gehört auch das grundlose Schlagen. Wollen sie sich hier nur beweisen oder was war der Zweck dieser Aktion? Sehe ich so etwas noch einmal, erstatte ich dem Oberstleutnant Bericht. Ist das klar und deutlich bei ihnen angekommen?"
"Jawohl Genosse Oberstleutnant", bestätigte der Betreuer, dass der Befehl des Chefarztes bei ihm angekommen war.
Trotzdem blickte Simon Jacob wütend an. Er hatte es nicht nötig, sich von diesem weiß gekleideten Niemand, etwas sagen zu lassen. Aber auch er musste in den letzten Wochen lernen, dass man den Chefarzt nicht einfach ignorieren sollte. Der hatte schnell gelernt Mayer auf seine Seite zu ziehen. Genau wie alle anderen hier im Projekt, legte sich auch der Cheftrainer nicht freiwillig mit Oberstleutnant Mayer an. Jacob beschloss zu gehen, in der Hoffnung, dass Simon jetzt nicht wieder seine ganze Wut an Lyn ausließ, bevor er noch mehr sagen würde, was nicht gut war, drehte sich Jacob lieber um und verließ die Halle.
Lyn lief gemächlich ihre Runden. Sie wusste, dass die Betreuer die Geschwindigkeit, mit der sie liefen, nicht wirklich einschätzen konnten. Keiner der Betreuer war noch in der Lage, das Tempo der Kinder nur eine einzige Runde mitzulaufen. Also hatten die Kinder sich angewöhnt, ein gemütliches Tempo zu laufen. Vor einigen Wochen war das noch anders. Lyns Freunde hatten ständig versucht, sich gegenseitig zu überholen und brachten sich dadurch selbst in Schwierigkeiten. Da sie sich selber durch das enorme Tempo, ans obere Level ihrer Leistungsfähigkeit brachten. Da sie allerdings mit jedem Tag Training leistungsfähiger wurden und dadurch schneller laufen lernten, konnten sie jetzt dieses Tempo halten, ohne in Gefahr zu geraden, bestraft zu werden. Dies war nur möglich, da Lyn ihre Freunde auf ihre Beobachtungen aufmerksam gemacht hatte. An einem freien Nachmittag, an den die Betreuer eine Versammlung mit Mayer hatten, konnte Lyn, Jaan und Rashida, die offiziell die Anführer der Gruppe waren, diesen sehr nützlichen Vorschlag machen. Die beiden setzten Lyns Vorschlag sofort um, da sie die Idee von ihrer kleinen Freundin gut fanden. Da alle in der Gruppe, Jaan und Rashida akzeptierten, wurde der Vorschlag, der eigentlich von Lyn stammte, sofort in die Tat umgesetzt.
Lyn begründete ihren Vorschlag dadurch, dass wenn alle langsamer laufen würden, sie diese Bestrafung zu ihren Nutzen umwandeln konnten. Beim Training war der Kleinsten der Gruppe immer wieder aufgefallen, dass die Gruppe wesentlich stärker war und die Betreuer oft die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeiten gar nicht einschätzen konnten. Ihre Lehrer waren nur an Hand der Stoppuhr möglich, die Geschwindigkeit einzuschätzen, mit der die Gruppe lief. Auf diese Weise verschaffte Lyn ihren Kameraden, etwas Luft im Training. Seit diesem Tag strengten sich die Kinder beim Laufen überhaupt nicht mehr an, mogelten sich also gemütlich durch die Runden, die sie als Strafe für Ungehorsam laufen mussten. Jetzt waren alle froh darüber und genossen die Strafen der Betreuer regelrecht, die für die Kinder eine Erholungspause darstellte und die diese zum Albern und Scherzen nutzten.
Genau deshalb hatte Lyn jetzt genug Zeit, noch einmal über all das nachzudenken, was sie beim Doko oben erlebt hatte. Gemütlich brachte sie ihre dreißig Strafrunden hinter sich und lief dann hinüber zu den anderen Kindern, um am Nahkampftraining teilzunehmen. Lyn liebte dieses Training. Fast immer konnte sie mit Rashida zusammen üben. Für Außenstehende machte es den Eindruck, dass die beiden Mädchen ohne jegliches Erbarmen miteinander kämpfen würden. Dabei spielten die Beiden nur miteinander.
Oft wurde den Trainern dabei himmelangst und bange. Es kam allerdings niemals vor, dass die beiden Mädchen sich gegenseitig verletzten. Rashida und Lyn waren mit Abstand die besten Nahkämpfer der Gruppe und trainierten die anderen oft, indem sie ihnen alle möglichen Kniffe und Tricks beibrachten. Rashida, wie auch Lyn, hatten eine natürliche Begabung für diese Art Kampf und konnten so alle von den Betreuern erlernten Kampftechniken verfeinern. Für die Beiden war das Training hier in der Turnhalle, nur ein freundschaftliches Necken.
Allerdings hatten sich die Zwei auch schon einige Male, böse in die Wolle bekommen. Meistens, wenn Lyn sich wieder einmal für ihre anderen Kameraden stark machte. Rashida wollte stets, dass sich Lyn zurück hielt, sie war ständig in Sorge um Lyn. Ihre kleine Freundin konnte allerdings nicht aus ihrer Haut. Bei solchen kleinen Streitereien, uferte solch ein Übungskampf zwischen den Freundinnen schon einmal aus. Allerdings kannten beide auch ihre Grenze und würden sich nie gegenseitig verletzen.
Selbst Oberst Friedrich, den härtesten Trainer den man den Kindern bis jetzt vorsetzte, blieb oft vor Staunen der Mund offen stehen. Friedrich selbst hatte eine Spezialeinheit aufgebaut und bildete an seinem Standort, selber Elitesoldaten aus. Von den Mitgliedern der Einheit, verlangte er beim Training immer das Letzte. Die Gruppe Romanik, waren ausgewählte Kämpfer, die Besten der Besten, diese Jungs und Mädels waren mit dem Tod verheiratet und kannten weder das Wort Angst, noch Gnade. Allerdings waren seine Leute gegen diese Kinder, das musste sich der Oberst immer wieder eingestehen, allesamt Weicheier. Friedrich würde das allerdings vor den Kindern niemals zugeben.
Vor drei Tagen erst, hatte der Oberst einen kleinen Übungskampf mit der Kleinsten hier in der Gruppe, der Nummer 98. Er hatte sich 98 extra ausgesucht, weil er der Meinung war, er könnte diese kleine Kröte innerhalb von wenigen Augenblicken auf die Matte legen. Friedrich hatte sich in dem zierlichen Mädchen schwer getäuscht und brach nach zwei Minuten den Kampf ab. Er war ihr gnadenlos unterlegen war.
Jacob der im Nahkampf einfach genial war, lag nach fünf Minuten Kampf auf der Matte und das, obwohl er einige Medaillen für das Land bei internationalen Wettkämpfen gewonnen hatte.
Friedrich war sogar mit seinem eigens, für die Gruppe Romanik entwickelten Kampfstil, den Kindern hoffnungslos unterlegen. Obwohl er seine Schülern noch nicht alle Griffe, Kniffe und vor allem Kampfarten beigebracht hatte. Diese Kinder machten dem Oberst Angst. Sie waren noch nicht einmal ein halbes Jahr alt und sie hatten keine Chance im Kampf gegen sie. Es spielte keine Rolle welchen Kampfstil Friedrich ihnen beibrachte, innerhalb von nur wenigen Stunden, verinnerlichten alle Kinder diese Technik und zwar perfekt. Selbst dieser kleine Schreihals, die Nummer 98, kämpfte besser, als zehn seiner Leute zusammen.
Kopfschüttelnd beobachtete Friedrich wieder einmal die Kämpfe der Kinder, die immer noch nicht alle Würfe, Schläge und Tritte kannten. Die Kinder setzten jedoch die bekannten Kampftechniken mit einer nicht vorstellbaren Exaktheit und unvorstellbaren Geschwindigkeit um. Sie reagierten wesentlich schneller, als normaler Menschen und dadurch hatte kein Kämpfer eine Chance gegen sie.
Morgen fand der erste große öffentliche Test statt, unter Begutachtung der Herren vom Institut. Der Oberst war gespannt, was diese Herrschaften wieder alles bemängeln würden. Denn denen konnte man sowieso nichts recht machen.
Wenn er ehrlich sein sollte, wusste Friedrich bald nicht mehr, was er den Kindern noch beibringen sollte. Er könnte innerhalb von einem viertel Jahr das komplette Ausbildungsprogramm beenden. Aber damit würde sich Oberst Friedrich ins eigene Fleisch schneiden. Deshalb gab er sein Wissen immer nur Stückchenweise preis. Der Abteilungsleiter für die Ausbildung Kampf würde die neuen Kampftechniken nur in kleinen Portionen servieren. Ansonsten konnte er sich den Posten nicht wie geplant, über fünf Jahre sichern. Friedrich war sich sicher, dass er nach einem viertel Jahr mit der Ausbildung in allen Kampftechniken fertig wäre. Also ließ er die Kinder immer wieder, die Grundtechniken des Fallens und einfach Würfe üben, wie den Ashi-guruma, das Beinrad, den Ashi-uchi-mata, den Innenschenkelwurf oder den De-ashi-barai, den Fußfeger. Für den Anfang waren das mehr als genug Techniken. Friedrich korrigierte jeden noch so winzigen Fehler und machte seine Schüler dadurch, zu fast unbesiegbaren Kampfmaschinen. Das wurde den Oberst mit jeder Übungsstunde klarer.
Er hatte festgestellt, als die Kinder sich kurze Zeit unbeobachtet fühlten, dass diese bereits eigenen Würfe ausprobierten und damit begannen eigene bessere Techniken zu entwickeln. Dies unterband Friedrich sofort, in dem er die beiden Mädchen, die Nummer 91 und 98 auspeitschen ließ. Das war vor einem knappen Monat gewesen. Seit dem unterließen diese Wesen derartige Versuche.
Wenn Friedrich ehrlich zu sich selber war, wurde ihm bei den Gedanken schlecht, sollte einmal eins dieser Kinder außer Kontrolle geraten. Es gab kaum eine Möglichkeit diese Monster zu bändigen. Das Einzige, wovor dem sich diese Wesen wirklich fürchteten, war das Feuer. Damit bekam man sie zurzeit noch gebändigt. Ob das aber noch lange so sein würde, war eine andere Frage.
Nach sieben Stunden war das Training für heute zu Ende. Die Trainer waren schweißgebadet, obwohl sie immer nur eine Stunde das Training leiteten. Die Kinder allerdings schwitzten nicht mal.
"Antreten und ein bisschen dalli", brüllte Friedrich in die Runde.
Keine zwei Minuten später standen alle Schüler mit den Händen auf dem Rücken, die Beine leicht gespreizt, den Blick zu Boden gerichtet, in Reih und Glied. Friedrich musste sich ein Grinsen verkneifen, wenn er diese Wesen in einer Reihe stehen sah. Alle waren schon fast zwei Meter, zum Teil sogar noch größer: Nur dieser kleine Schreihals, ging den anderen kaum bis zum Gürtel. 98 wog bei ihren nur hundertfünfundreißig Zentimeter Größe, nicht einmal ganz vierzig Kilo. Trotzdem hatte sie keine Probleme, mit den über das doppelte wiegenden Kameraden zu trainieren. Was sie an Größe und Gewicht zu wenig hatte, machte sie an Reflexen und Technik einfach wieder gut.
'Eigentlich war es schade', so schoss es Friedrich durch den Kopf, 'dass man die Kleine morgen aussortieren würde.'
Friedrich schob den Gedanken schnell beiseite. Wieso hatte er auf einmal Mitleid mit diesen Monstern, die eigentlich nicht auf der Welt sein dürften. Der Oberst strafte seine Haltung und sah böse zu seinen Schülern, die doch ab und an sein Herz berührten.
"Morgen strengt ihr euch gefälligst an, ihr Biester. Wer nicht spurt, bekommt im Anschluss eine Sonderbehandlung durch mich. Dann hilft euch auch kein Schutz vom Mayer. Habt ihr das verstanden, ihr Missgeburten?"
Ein Chor von dreiundachtzig Stimmen, antwortete gleichzeitig ohne zu zögern. "Sir, jawohl, Sir."
"Keiner von euch, wird morgen ohne meine ausdrückliche Erlaubnis, mit jemanden von der Prüfungskommission reden. Ist das bei euch allen angekommen? Habt ihr das verstanden?"
"Sir, jawohl, Sir."
Genau beobachteten der Cheftrainer und Oberst Friedrich diese merkwürdigen Wesen. "Wenn einer von euch, morgen das Bedürfnis verspüren sollte, uns Ärger zu machen, werde ich nicht nur ihn bestrafen, sondern die gesamte Gruppe. Habt ihr das verstanden? Vor allem du 98. Gnade dir, du machst morgen Ärger."
"Sir, jawohl, Sir."
Ganz dicht trat Oberst Friedrich vor das Kleinste der Mädchen. "98, strenge dich morgen an, dass du den Test schaffst. Um das Einauge ist es nicht schade. Dir, du Monstrum werde ich sonst das qualvollste Ende bereiten, dass du dir nur vorstellen kannst. Das verspreche ich dir hier vor deinen Leuten. Hast du das kapiert, du kleines Miststück."
Bei den letzten Worten, schlug Friedrich erbarmungslos zu. Lyn die solche Schläge gewohnt war, federt diese leicht ab und blieb ohne mit der Wimper zu zucken stehen.
"Hat es dir die Sprache verschlagen, du Scheusal?"
Lyn sagte kein Wort, solche Provokationen kannte sie zur Genüge. Erst nach dem Satz ‚Habt ihr das verstanden‘ oder ‚sprich mit mir‘ durfte sie Antworten. Dies hatte der Oberst aber nicht gesagt, also würde sie schweigen. Sie war allerdings darauf gefasst noch mehr solcher harter Schläge abzubekommen. Friedrich schien zufrieden, drehte sich von Lyn weg und ging in die Raummitte.
"Für heute ist Schluss. Nutz die Zeit, um zu schlafen. Sonst seht ihr morgen müde aus. Ihr habt einen guten Eindruck zu machen. Es wird morgen neue Bekleidung geben, diese hängt schon in eurem Spind. Ab mit euch, ich kann euch Bagage nicht mehr ertragen. Ihr kotzt mich nur noch an."
Es ertönte ein lauter Pfiff. Die ganze Gruppe drehte sich exakt im gleichen Moment nach rechts. Die hintersten dreiundvierzig der dreiundachtzig Kinder liefen im Laufschritt los und bildeten so eine Doppelreihe. Im ordentlichen Block marschierten sie, wie immer lautlos aus der Halle und kehrten zurück in ihren Bereich.
Sie würden heute also kein Training mehr haben und hatten einmal etwas Luft. Normalerweise, blieb ihnen zwischen den Trainingseinheiten immer nur eine Stunde Schlaf. Frei zu haben, war ein seltener Luxus, den die Kinder genossen. Viele nutzten diese Gelegenheit, um einmal ausgiebig zu duschen. Nur einmal ohne Hast, das heiße Wasser auf der Haut spüren zu können, war eine Erholung.
Lyn und Rashida teilten sich wie so oft eine der Dusche, in der Ecke des Raumes. Mit den Händen an der Wand stehend, ließen sie die Muskulatur locker werden und entspannten sich, durch das heiße Wasser. Eine geschlagene Stunde standen die beiden Mädchen unter der Brause, genau wie die anderen Kinder. Ein Luxus den sie viel zu selten bekamen, etwas Ruhe und Entspannung. Kaum zurück im Raum der Kinder, zog sich Lyn in ihr Bett zurück. Das taten alle Kinder, denn sie waren oft völlig übermüdet. Rashida folgte Lyn zu ihrem Bett und Jaan ebenfalls.
"Lyn, was wollte der Doko? Warum hast du wieder so geschrien? Musste das sein? Du weißt doch wie sehr die Ausbilder darauf warten", erklärte Rashida.
"Musst du denn immer so schreien?", wollten nun auch Jaan wissen.
Lyn berichtete, was sich oben zu getragen hatte. Auch von ihren Gefühlen, die sie dabei empfand. Rashida und Jaan, waren immer sehr daran interessiert. Verurteilten Lyn nicht dafür, dass sie sooft mit ihren Emotionen Probleme bekam, sondern fanden es gut, das ihre kleine Freundin diese Gefühle so klar zeigen konnte. Etwas zu dem die anderen Kinder nicht in der Lage waren. Erschrocken hörten die Beiden, dass auch andere außerhalb des Raumes geschlagen wurden und andere außer ihnen, genau so litten. Dachten sie doch bis jetzt immer, dass nur alle hier aus dem Raum die Schläge abbekamen. Nach dem Lyn fertig war mit ihrem Bericht, zog sie die Knie an den Körper und begann zu schaukeln. Rashida die ihre Freundin gut kannte, holte sich ihre Kleine zu sich in den Arm.
"Was bedrückt dich mein Täubchen? Warum fängst du an zu schaukeln. Dir geht doch etwas durch den Kopf, mit dem du nicht klar kommst."
Lyn zuckte mit den Schultern. Wie so oft, wusste sie nicht, wie sie sich erklären sollte.
"Lyn versuche mir deine Gedanken zu erklären oder zeige sie mir", machte ihr Rashida deshalb einen Vorschlag.
Lyn nickte und kniete sich vor Rashida hin. Sie zeigte ihrer großen Freundin den Teil des Gespräches, mit dem sie Probleme hatte. Vor allem die Aussagen der Dika, die sie nicht verstand. Dem Teil des Gespräches, in dem Anna ihr erklärte, weshalb Lyn von der Gruppe nicht akzeptiert wurde. Dann zeigte sie es auch Jaan. Ihre beiden Freunde schweigen sehr lange. Auch sie mussten über das Gesehen und die Bilder von Lyns Gespräch mit Anna nachdenken. Eine kleine Ewigkeit saßen die Drei schweigend zusammen. Rashida fuhr sich ständig durch die Haar und Jaan, fing genau wie Lyn an zu schaukeln. Fast eine Stunde, ihrer kostbaren Schlafenszeit, schweigen die Drei sich an. Dann stellte Jaan die Fragen, die ihn am meisten interessierte. Die auch Rashida sehr beschäftigte. Sie nickte Jaan zu, der immer schon besser Worte finden konnte, als die Mädchen.
"Stimmt das Lyn, dass du uns immer nur beschützen willst?"
Lyn schielt zu Rashida hoch. Sofort zog Rashida, die umso vieles kleinere Freundin in ihren Arm und gab ihr so die Sicherheit, die sie brauchte, um über solche Themen zu sprechen zu können.
"Lyn rede mit mir, wie soll ich dich sonst verstehen", bat Jaan, seine kleine Freundin und streichelt ihr lieb das Gesicht.
Ach wie oft, hatten die Beiden Lyn schon dafür gehasst, weil sie wegen deren Schreiattacken immer Ärger bekamen. Allerdings hatte noch niemand, Lyns Geschreie von dieser Seite aus betrachtet.
"Jaan, ich weiß nicht wie ich das sagen soll. Es ist so, das habe ich euch schon oft versucht zu erklären. Viele von uns sagen nichts und denken nicht einmal nach, über das, was sie tun. Sie machen alles, ohne über Folgen nachzudenken und lassen sich alles gefallen", antwortet Lyn leise. "Ich bin immer diejenige die auffällt. Die von den Betreuern herausgezogen wird. Nur weil ich mit Abstand die Kleinste bin. Ich kann doch nichts dafür, dass ich so klein bin. Aber statt das ihr zu mir haltet, bekomme ich dann auch mit euch Stress. Als ob der Stress mit den Betreuern nicht reichen würde. Dann bekomme ich von denen, den Befehl, dass ich euch auszupeitschen oder euch in die Tonne zu stecken. Das kann ich doch nicht machen", ernst sah sie Jaan an und schielte dann zu ihrer Freundin hoch. "Ihr seid meine Freunde. Ich will, dass es euch gut geht. Dann kommt diese verdammte Wut in mir hoch. Was soll ich mit der machen? Wie soll ich die loswerden? Ich kann doch nicht ständig den Gino kommen lassen. Du weißt doch selber, was das für Schmerzen sind. Dann fange ich halt an zu schreien, um diese Wut in den Griff zu bekommen, versteht ihr? Aber die Betreuer setzen mich weiter unter Druck, sie lassen mich einfach nicht in Ruhe. Sie wollen durchsetzen, dass ich ihnen gehorche. Sie wollen, dass ausgerechnet ich euch bestrafe. Dass ich meinen Freunden weh tue. Das kann ich aber nicht machen. Jan ich kann das nicht. Also gehorche ich den Betreuern nicht. Nicht nur weil ich euch nicht verletzen will. Sondern auch, weil ich eure Schmerzen nicht spüre will. Jaan frage Rashida, sie weiß, was ich für Schmerzen habe. Bitte Jaan, ich kann euch nicht verletzten, ich verletzte mich dabei selber", verzweifelt sah sie ihre Freunde an.
"Wieso verletzt du dich selber?"
Lyn zuckte mit den Schultern. "Jaan, ich weiß es nicht, warum das bei mir so anders ist. Aber es ist so. Spür es selber einmal. Aber bitte erschrecke nicht, es wird furchtbar weh tun."
Damit drehte sich Lyn aus Rashidas Armen, um sich auf ihre Fersen zu setzen. Sie legte wie vorhin oben beim Doko, Jaan einfach die Hand auf die Brust und ließ diese erglühen. Mit dem Aufglühen der Hand, kam der Schmerz. Jaan stöhnte gequält auf und nach nicht einmal ganz zwanzig Sekunden, zog Lyn die Hand weg.
Jaan sah seine kleine Freundin erschrocken an. "Lyn was war das?"
Lyn schämte sich und rieb sich nervös den Nacken. "Jaan, das ist ein winziger Teil der Schmerzen, hier aus der Gruppe. Alle Schmerzen traue ich mir nicht euch zu zeigen. Ich fühle alle eure Schmerzen, von jeden einzelnen von euch. Ich kann euch nicht Foltern. Jaan, wie soll ich damit klar kommen? Ich weiß genau, wie jeder von euch die Schmerzen fühlt und weiß, wie sehr ihr darunter leidet. Wenn ihr mehr Schmerzen habt, habe ich die doch auch. Wenn ihr leidet, leide ich auch. Wenn ihr euch quält, quäle ich mich auch. Verstehst du? Mit den paar Runden die wir laufen müssen, wenn ich euch nicht bestrafe, können wir doch alle leben. Zum Schluss, werde doch nur ich bestraft. Mit meinen Schmerzen kann ich leben, aber nicht mit euren. Das ist der Grund warum ich euch nicht schlagen will. Was soll ich denn machen? Lieber lasse ich mich auspeitschen, als dass ich jemanden von euch auspeitsche. Kannst du das nicht verstehen?", verzweifelt sah sie den Freund an und drehte ihren Kopf dann zu ihrer Freundin um. "Könnt ihr das nicht verstehen?", erkundigte sie nun auch noch bei Rashida.
Beide sahen kopfschüttelnd zu Lyn. "Warum hast du uns das nicht schon lange mal erklärt?"
Lyn antwortete auf ihr ganz eigene Art. "Ihr habt mich doch nie gefragt. Ich wusste nicht, dass euch das interessiert. Ihr mögt mich doch alle nicht, weil ich so klein bin."
Jaan wuschelte über das kurzgeschorene Haar, seiner kleinen Freundin. "So ein Quatsch. Wir mögen dich alle Lyn. Es ist nur manchmal wirklich schwer mit dir. Warte ... oder nein, wir machen es anders. Kommt holt alle an den Tisch, wir machen eine Versammlung, so wie der Doko das gemacht hat. Lyn, kläre das bitte mit Dika Doris, ab."
Lyn nickte und stand auf. Eilte nach vorn zu Doris, die an dem Schwesterntisch saß. Sah diese an, um eine Sprecherlaubnis zu bekommen.
"Lyn, was ist? Sprich meine Kleine", Doris lächelte Lyn aufmunternd zu.
"Mam, dürfen wir kurz etwas am Tisch besprechen, Mam? Das geht besser, als wenn wir alle in meinem Bett sitzen, Mam?"
Doris sah Lyn einen Moment lang erstaunt an. Verwunderung lag in ihrem Gesicht geschrieben. In der letzten Zeit verlangten die Kinder immer wieder ungewohnte Dinge. Doris freute sich über diese Entwicklung, denn es zeigte, dass es den Kindern endlich wieder etwas besser ging. Vor allem, dass sie Vertrauen zu den Schwestern aufgebaut hatten.
"Natürlich, aber macht nicht allzu lange, sonst bekomme ich morgen früh Ärger, wenn ihr alle unausgeschlafen ausseht. Wollt ihr noch einen Brei?"
Lyn bedankt sich. "Mam, danke Mam. Oh ja das wäre schön, Mam. Die Großen haben alle Hunger, Mam."
Doris sofort stand auf, um für die Kinder einen Brei vorzubereiten. In der Zwischenzeit hatten sich schon alle am Tisch eingefunden.
Lyn saß wie immer an die Stirnseite, links von ihr nahm Jaan und rechts von ihr Rashida Platz. Alle sahen die beiden Gruppenführer an. Jaan der um einiges besser war, was das Führen von Gesprächen betraf, eröffnete die kleine Versammlung der Kinder.
"Wir haben ein Problem, über das wir reden sollten. Ich möchte mich bei Lyn entschuldigen. Wir tun ihr oft Unrecht. Das habe vor einigen Minuten gerade begriffen. Möchte euch allen auch erklären, warum", ernst sah er in die Runde der Kinder, dann sah er Lyn lange an. "Lyn ein bisschen bis du selber schuld ...", machte er dem Mädchen zum Vorwurf. "... warum hast du uns das nicht schon lange gesagt. Wisst ihr, Lyn schreit nicht ohne Grund. Es ist so, sie will uns nur schützen. Jeder von euch kennt die Schmerzen, die durch Bestrafung der Betreuer kommen. Das stimmt doch?"
Jaan sah jeden Einzelnen an. Alle sahen erschrocken aus und nickten zur Bestätigung. Keiner der Kinder hatte in der Zeit der Folter, auch nur eine Minute gehabt, in denen sie sich nicht vor Schmerzen in den Schlaf geweint hatten. Wie oft konnten sie sich selbst nach den kurzen Erholungspausen, kaum noch auf den Beinen halten. Deshalb hassten sie Lyn ja so sehr. Weil sie wegen ihr oft zusätzlich viele hunderte Runden laufen mussten und durch Lyn nicht einmal die eine Stunde Schlaf bekamen. Das machte ihnen das Leben noch schwieriger.
"Ihr alle habt sehr unter den Schlägen gelitten. Das stimmt doch, oder?", wieder sah Jaan alle an und bekam zur Bestätigung ein Nicken. "Was ich bis heute nicht wusste, ist folgendes. Lyn spürt von uns allen die Schmerzen. Könnt ihr vorstellen wie schlimm das ist? Ich habe schon oft Probleme mit meinen eigenen Schmerzen klar zu kommen. Wie muss sich dann Lyn fühlen? Sie hat mir gerade ein Teil ihrer Schmerzen gezeigt. Ich dachte ich muss sterben."
Jaan einer aus der Gruppe der so gut wie gar keine Emotionen hatte, kämpfte sichtbar für die anderen Kinder, gegen eben diese an. Er verstand auch, dass die anderen Kameraden nicht genau wussten, wie er das meinte. Denn die Verwirrung sah man den Kindern an. Trotzdem sie, für die Erwachsenen im Projekt keinerlei Emotionen zeigten, sahen sie bei sich selber ganz genau, was sie fühlten. Oder sollte man eher sagen, sie spürten es. Da die Bindung der Kinder untereinander, eine sehr enge war. Jede noch so kleine Gefühlsregung wurde deshalb wahrgenommen. Dies kam dadurch, dass diese Kinder vierundzwanzig Stunden am Tag, auf engsten Raum miteinander lebten. Die kleinste Veränderung in der Haltung zeigte den Kindern deshalb an, wie sich der andere Kamerad gerade fühlte. Selbst Jacob und die Schwestern, sahen diese Änderungen mittlerweile, weil sie sich um ihre Kinder ständig sorgten.
Kaija sprach wohl aus, was vielen ihrer Kameraden durch den Kopf ging. "Wieso kann Lyn unsere Schmerzen fühlen?", fragend und eine Erklärung einfordernd, schauten sie zu der Kleinsten der Gruppe. "Lyn, erkläre uns das."
Lyn wurde auf ihrem Stuhl immer kleiner. Sie zog die Füße auf die Sitzfläche und fing an zu schaukeln. Auch wenn sie in Jaan, Rashida und Sneimy endlich ein paar Freunde gefunden hatte, auf die sie sich immer verlassen konnte, wünschte sie sich nichts sehnlicheres, als ganz dazu zugehören. Es war nicht nur einmal vorgekommen, dass sie von den anderen Kindern gemieden wurde. Lyn hatte eine panische Angst davor, dass sie wieder in diese absolute Außenseiterposition geschoben würde. Genau diese Position hatte sie vor dem Pflanzen des Baumes inne. Erst seit kurzer Zeit, gehörte sie etwas zu der Gruppe und es fingen auch andere Kinder an, sie zu akzeptieren. Hilfesuchend sah Lyn deshalb zu Rashida. Sie hatte Angst vor der Gruppe zu sprechen. Außerdem wusste sie nicht, wie sie sich erklären sollte. Etwas, dass die Anderen ja anscheinend alle nicht kannten.
"Zeig es Kaija oder zeige es besser allen. Lyn, sie müssen es verstehen", gab Rashida ihr den Rat.
Jaan nickte Lyn aufmunternd zu.
"Aber dann tue ich ihnen doch allen weh, das kann ich doch nicht machen. Ihr beide wisst, wie schlimm es ist", gab Lyn halb flüsternd und völlig verzweifelt zu bedenken.
"Lyn, das weiß ich. Du verletzt doch niemanden dabei. Sie müssen es aber verstehen und begreifen. Wir erklären den anderen, was geschieht. Keiner wird dir böse sein", machte Jaan ihr Mut.
Lyn gab sich einen Ruck und stand auf. Sie ging ans andere Ende des Tisches.
Jaan erklärte in der Zwischenzeit den Kindern, was jetzt passieren würde. "Erschreckt bitte nicht, es wird gleich heftig werden. Lyn, legt euch jetzt die Hand auf den Körper, zeigt euch allen einmal, wie schlimm ihre Schmerzen sind."
Lyn fing bei Duira an, dem Kind mit der Nummer 1 und legte dieser die Hand auf die Brust. Duira atmete erschrocken ein und starrte Lyn ungläubig an. Kaum dass Lyn die Hand wegnahm, rieb sie sich die immer noch schmerzende Stelle auf der Brust. Fassungslosigkeit, stand in ihrem Gesicht. Plötzlich legte sie die Arme auf den Tisch und begann zu weinen. Lyn sah sie erschrocken an und wusste nicht ob sie weitermachen sollte.
Rashida stand auf und ging zu Duira. "Mach weiter Lyn, ich kümmere mich um sie."
Rashida und Jaan kümmerten sich um die Kinder, bei denen Lyn die Schmerzen gezeigt hatte und so lief sie einmal den langen Tisch hoch, auf der anderen Seite wieder herunter. Jaan und Rashida kümmerten sich im Anschluss um denjenigen, bei dem Lyn gerade gewesen war. Alle Kinder hatten einige Momente danach schlimme emotionale Probleme. Denn ihnen wurde bewusst, wie unrecht sie oft gegenüber der Kleinsten aus der Gruppe waren. Dies machte den Kindern mehr Probleme, als die Schmerzen die Lyn ihnen zeigte. Jedem ihrer Kameraden zeigte das Mädchen, wie schlimm sich ihre Schmerzen anfühlten. Nur Keri, Rashida und Jaan ließ sie aus. Die drei kannte die Schmerzen von Lyn. Nach über vierzig Minuten war Lyn bei ihrem letzten Kameraden angelangt und ging zurück auf ihren Platz. Völlig fertig von dieser Kräftezerrenden Vorführung, ließ sie sich auf den Stuhl fallen. Sofort zog die Kleine die Füße auf die Sitzfläche und legte ihren Kopf auf die Knie.
Lyn begann vor den Anderen zu weinen. Etwas, dass sie noch nie so offen gemacht hatte. Aber sie konnte einfach nicht mehr. Wenn Lyn jemanden zeigte, wie schlimm die Schmerzen waren, musste sie diese bewusst zulassen. Die Schmerzen, die sie sonst so mühsam zu verdrängen versuchte. Dies war etwas, dass das kleine Mädchen völlig fertig machte. Soweit, hatten Jaan und Rashida allerdings nicht gedacht. Man sah Lyn ihre Schmerzen an und wie sie kämpfte, diese wieder unter Kontrolle zu bringen.
Rashida die spürte, wie schlecht es ihrer Freundin ging und schob ihren Stuhl neben Lyns und nahm die kleine Freundin einfach in den Arm. Die Körperwärme Rashidas half Lyn sich zu beruhigen. Ihre große Freundin strahlte eine ungeheure Ruhe aus, die es Lyn ermöglichte, ihre innere Ruhe wiederzufinden. Ganz bewusst atmete Rashida und zwang so Lyn in den gleichen ruhigen Atemrhythmus, so dass das Mädchen wieder richtig Luft bekam. In der Zwischenzeit währte am Tisch ein bedrückendes Schweigen.
Doris die den Kindern Essen hingestellt hatte, war verwundert, dass nur wenige der Kinder den Brei angerührt hatten. Selbst die schon anfingen mit essen, schoben ihren Teller beiseite. Ihnen war der Hunger vergangen. Sie wollten nichts mehr essen. Alle hatten durch diese Vorführung begriffen, wie ungerecht sie all die Monate zu Lyn gewesen waren. Vor allem wurde ihnen bewusst, wie sehr Lyn gelitten haben musste, in der Zeit der Folter.
Fatih, einer der Jungs aus der Serie 2, fasst sich als einer der Ersten. Er begriff, wie falsch er die ganze Zeit gelegen hatte und schämte sich für sein Verhalten. Deshalb stand er auf und lief zu Lyn. Fatih hockte sich vor deren Stuhl und sah das Mädchen lange an. Am liebsten hätte er Lyn in seine Arme gezogen, um sich bei ihr zu entschuldigen. Aber das traute er sich nicht. Auch zu sprechen fiel ihm schwer. Er wusste einfach nicht, wie er anfangen sollte. Wie in einem Film, liefen seine Missetaten, die er an Lyn begangen hatte, noch einmal an ihm vorüber.
Fatih war einer derjenigen, die Lyn ständig mieden und mit dieser Unwürdigen, wie er sie gern bezeichnete, absolut nichts zu tun haben wollte. Oft hatte er sie als Scheusal bezeichnet und ihr offen gesagt, dass sie nicht zu ihnen gehörte. Dass sie nur leben würde, weil sie der Liebling vom Anna und Doko war. Am meisten schämte er sich allerdings dafür, dass er ihr gesagt hatte, dass er sie hasste. Einmal brachte er Lyn gegenüber sogar zum Ausdruck, dass man sie hätte mit den anderen hätte schlafen schicken sollen. Die Gruppe wäre ohne sie besser dran. Fatih hatte nie verstanden, warum dieses kleine Mädchen überhaupt zu ihnen gehörte. Für ihn war sie immer eine Außenseiterin, die zwar ihre Augen hatte, aber sonst zu nicht anderen taugte, als ihnen Strafen einzubringen. Wegen dieser Kleinen, war er bis vor wenigen Minuten der Meinung, war ihr Leben besonders schwer. Da sie sich ständig den Befehlen der Betreuern verweigerte. Dem Buben wurde auf einmal klar, warum Lyn so gehandelt hatte. Er war sich auch bewusst, dass er nicht diese Stärke gehabt hätte, sich ständig zu wiedersetzen. Vor allem begriff er, dass Lyn die ganzen Monate, nicht nur gegen die Betreuer bestehen musste, sondern auch hier unten im Raum, gegen die Gruppe. Er begriff wie einsam Lyn die ganze Zeit war. Die Gruppe hatte die Kleinste hier im Raum, ständig im Stich gelassen.
Fatih hatte nie verstanden, wieso sich Rashida und Jaan mit diesem Mädchen einließen. Er hätte es viel liebe gehabt, wenn er zu Jaan und Rashida gehört hätte. Oft war er auf das Mädchen eifersüchtig und gönnte ihr nicht einmal diese beiden Freunde. Ihm wurde auf einmal klar, dass die beiden Anführer der Gruppe, Lyns wahren Charakter schon lange erkannt hatten und dass bestimmt vieles, was an Vorschlägen von den beiden kam, in Zusammenarbeit mit Lyn entstanden war. Plötzlich hatte er Achtung vor Lyn, die sich lieber selber verprügeln ließ, als dass sie ihre Kameraden schlug. Oft genug, war er es, der Lyn ausgepeitscht hatte. Unbewusst rieb er sich das Gesicht und dann den Nacken und musterte die Kleine aufmerksam.
Fatih nahm seinen ganzen Mut zusammen und erklärte Lyn, was ihm durch den Kopf ging. "Lyn, ich möchte mich bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, wirklich. Das habe ich nicht ahnen können. Es gibt keine Entschuldigung für die schlimmen Worte, die ich immer zu dir gesagt habe. Ich kann es verstehen, wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Aber vielleicht kannst du mir trotzdem verzeihen."
Lyn, war immer noch viel zu sehr damit beschäftigt die Schmerzen wieder unter Kontrolle zu bekommen und konnte nicht antworten. Sie atmet mühsam ein und aus. Sie versuchte sich auf die Ruhe von Rashida zu konzentrieren. Ihre Freundin schaffte es fast immer, sie wieder in einen normalen Atemrhythmus zu bringen. Rachida die wusste, wie schwer Lyn mit sich kämpfte, spürte sie doch den rasselnden Atem der kleinen Freundin, vertröstete Fatih.
"Lass ihr noch einen Moment, Fatih. Sie muss die Schmerzen erst wieder unter Kontrolle bringen. Sonst fängt sie wieder an zu schreien. Gebe ihr noch ein bisschen Zeit."
Fatih stand auf und streichelte Lyn den Rücken. Mühsam atmete sich Lyn herunter, trotzdem brauchte sie noch fast eine halbe Stunde, bis sie wieder alles unter Kontrolle hatte. Langsam hob sie den Kopf und schielte zu Rashida.
"Danke Rashida."
"Ich weiß Täubchen. Es war schlimm nicht wahr?"
Lyn nickte und froh, wieder richtig Luft zu bekommen. Völlig fertig und fast weiß im Gesicht, sah sie ihre Freunde an. Fatih der sich wieder vor Lyns Stuhl gehockt hatte, wiederholt seine Worte. "Lyn, tut mir leid. Wirklich, verzeih mir. Warum hast du es nie gesagt?"
Lyn zuckte mit den Schultern. Immer noch schwer atmend, versuchte sie zu erklären. "Ich dachte, es ist bei allen so. Deshalb musste ich versuchen damit alleine klar zu kommen. Ich weiß erst seit gestern, dass es bei euch anders ist. Rashida hat es mir gesagt, als ich ihr meinen Schmerz zeigte. Ich hatte geweint, in der Nacht, weil die Schmerzen wieder so schlimm waren. Ich habe es doch auch nicht gewusst", wieder fing Lyn an zu weinen.
Die Kleine war einfach fertig. Jaan sah wie schlecht es seiner Freundin ging und beendete die Versammlung, um so für Lyn etwas Erholung zu schaffen.
"Esst euren Brei noch auf und dann geht schlafen. Ich glaube Lyn braucht etwas Ruhe. Bitte gebt ihr diese Zeit. Wir reden morgen noch einmal miteinander. Morgen ist der Test und sie braucht dazu ihre ganze Kraft."
Die Kinder nahmen sofort ihren Löffel und begannen zu essen. Nur Lyn nicht. Mühsam stand sie auf und lief nach hinten zu ihrem Bett, um sich hinzulegen. Besorge Blicke folgten ihr, diesmal aber nicht nur von Jaan und ihrer Freundin. Rashida die wie alle Kinder immer Hunger hatte, aß so schnell es ging ihren Brei. Kaum fertig damit, lief sie nach hinten zu Lyn und legte sich hinter sie. Diese kuschelte sich an Rashida, keine zwei Atemzüge später, schlief die Kleine einen erholsamen Schlaf. Es war wie immer. Die Ruhe ihrer Freundin half ihr in den so nötigen Schlaf.
Rashida ging durch den Kopf, dass sie beide eine einzigartige Verbindung besaßen. Das war vom ersten Tag ihres Lebens an schon so gewesen. Bereits unten in der Turnhalle, gleich nach der Geburt, griff Lyn nach ihrer Hand. Rashida fühlte damals die Wärme, die von dem so kleinen Mädchen ausging und spürte sofort die Unruhe, die diese in sich trug. Fast drei Stunden lagen die beiden Kinder, Hand in Hand nebeneinander. Erst, als sie nach oben in ihren Raum gebracht wurden, trennte man die Beiden wieder. Lyn schrie sich damals die Seele aus dem Leib. Rashida allerding fühlte sich damals unendlich einsam. Nur mühsam gelang es damals Dika Anna, Lyn zu beruhigen. Es verging einige Zeit, plötzlich bei einer der Trainingseinheiten saßen sie beide wieder zusammen. Rashida fühlte auf einmal eine kleine warme Hand in der Ihrigen. Es machte sich ein unbeschreibliches Gefühl in ihr breit und sie ließ diese Hand ganz ungern wieder los. Selbst beim Essen an dem großen Tisch, hielt sich Lyn an ihr fest. Dann mussten sie in ihre Betten. Lyn fing an zu schreien. Sie brüllte über Stunden und keiner konnte sie beruhigen. Erst als Dika Anna kam, begriffen die Schwestern, dass Lyn zu ihr wollte. Seit diesem Tag waren Lyn und sie unzertrennlich. Warum das so war, konnte sich Rashida nicht erklären. Nur eins wusste sie mit Bestimmtheit, dass sie sich ohne Lyn leer und verloren fühlte. Sie konnte ohne ihre kleine Freundin nicht mehr leben und wollte dies auch nicht. Rashida hatte Angst vor dem morgigen Test. Nicht weil ihr bange war, dass sie den Test nicht schaffen würde. Sie würde den Test schaffen, aber bei Lyn war sie sich nicht sicher. Wenn man ihre kleine Freundin schlafen schickte, damit könnte sie nicht weiter leben. Lyn musste den Test unbedingt schaffen. Ihr zu liebe. Rashida kuschelt sich nun auch an ihre Freundin und schlief fast im gleichen Atemzug ein. Ihr letzter Gedanke war. Endlich konnten sie wieder einmal etwas länger schlafen. Es war gerade 23 Uhr und geweckt werden sollten sie diesmal erst gegen 8 Uhr am nächsten Morgen. Eine ungewöhnlich lange Pause, die alle Kinder genossen. Leider kam es wie so oft im Leben der Kinder völlig anders.
Nach nicht einmal vier Stunden Schlaf, es war gerade einmal kurz vor 3 Uhr, wurde Lyn aus dem so dringend benötigten Schlaf gerissen. Brüllend betrat der Cheftrainer den Raum der Kinder, um Lyn abzuholen. Er nahm dabei auch keine Rücksicht auf die anderen Kinder, in dem er Lyn durch Doris wecken ließ, sondern blieb am Eingang der Tür stehen und schrie in den Raum hinein. Die diensthabende Schwester schüttelte den Kopf und konnte nicht fassen, was sie hier wieder erlebte. Es war ein typisches Verhalten der Betreuer, seit der Rückkehr Mayers in das Projekt. Diese Unmenschen konnten sich alles erlauben. Es spielte dabei keinerlei Rolle mehr, was Mayer Stunden vorher für einen Befehl heraus gegeben hatte.
"98, raus aus dem Bett. Du bekommst ein Sondertraining verpasst", brüllte Simon wie ein Irrer in den Raum, so dass alle Kinder aufwachten.
Lyn sprang sofort auf und griff nach ihrem Band und den Overall, und fuhr mit den Füßen in die Hosenbeine. Im nach vorne Laufen zog sich fertig an. Lyn beeilte sich nur deshalb, um so schnell wie möglich an der Tür und neben dem Betreuer zu stehen, damit ihre Kameraden weiterschlafen konnten.
Doris sah Simon böse an. "Genosse Unterleutnant, ich habe strikte Anweisungen vom Oberstleutnant erhalten, dass die Kinder bis 8 Uhr schlafen sollen."
Simon grinste Doris frech ins Gesicht. "Sie unterstellen mir doch nicht etwa, die Überschreitung meiner Kompetenzen?"
Doris schüttelte den Kopf. "Nein Genossen Unterleutnant, das würde ich mir nie wagen. Ich mache sie lediglich darauf aufmerksam, dass ich hier die Aufsicht habe und meine Befehle vom Genossen Mayer persönlich bekomme. Weder ich, noch Doktor Jacob bekamen eine Information vom Genossen Oberstleutnant, dass Lyn für ein Sondertraining eingeteilt wurde. Da heute ein Test angesetzt wurde, mit den Leuten vom Institut, sollten die Kinder ausgeschlafen aussehen und vor allem fit sein. Dies hat mir der Oberstleutnant extra zig Male eingebläut. Der Chef war extra um 23 Uhr noch einmal hier, um das abzusichern."
Simon lachte böse auf und sah Doris feist grinsend an.
Schwester Doris musste den Kopf zur Seite drehen, weil die Alkoholfahne die Simon verbreitete, einfach ekelhaft war.
"Ich bekam von Mayer persönlich den Auftrag, Lyn ein Zusatztraining zu verabreichen, damit sie den Test schafft. Gestern Abend kurz vor Mitternacht. Da wird er wohl vergessen haben, sie davon zu unterrichten", das feiste Grinsen in Simons Gesicht wurde immer breiter. "Rufen sie ihn doch an, wenn sie mir nicht glauben. Sie bekommen dann den Ärger und nicht ich", schallend fing Simon an zu lachen.
Er wusste genau, dass Schwester Doris sich nicht trauen würde, Mayer um diese Zeit aus dem Bett zu holen. Nicht wegen solch einer Bagatelle. Erst recht nicht wegen diesem kleinen Monstrum, was Mayer noch mehr hasste als die anderen Ungeheuer auf der 6/blau. So wahnsinnig war niemand im Projekt, solch ein Risiko einzugehen.
An Lyn gewandt entschuldigte sich Doris leise. "Tut mir leid Kleines. Ich informiere den Doko gleich."
Das Mädchen lächelte Doris auf ihre Weise an. Ihr war bewusst, in welcher Zwickmühle Doris steckte. Sie konnte nichts machen, ohne zu riskieren, dass Mayer mitten in der Nacht hier im Zimmer Amok lief. Die Ruhe ihrer Kameraden und die Sicherheit für die Schwester, waren Lyn wichtiger. Schließlich hatten sie ganze vier Stunden am Stück schlafen können. Eigentlich war sie ausgeschlafen, was störte sie eine zusätzliche Trainingseinheit.
Simon der den Blickkontakt der Schwester und Lyn mitbekam, rastete fast aus. "Was schwatzt ihr Weiber denn hier rum. 98 wird’s nun bald mal oder schlägst du hier Wurzeln, verdammtes Miststück. Ein bissel Dalli jetzt", brüllte Simon seine Schülerin an.
Lyn lief los, in Richtung des Ganges und wartete, so wie es den Kindern antrainiert wurde, bis Simon die Tür wieder schloss. In Begleitung des Chefbetreuers begab sich Lyn nach unten in die Turnhalle.
Doris, der die ganze Sache nicht geheuer vorkam, informierte sofort Doktor Jacob. Vieles hatte sich seit Mayers Rückkehr ins Projekt zum Negativen entwickelt. Der Dienstweg allerdings, wurde immer noch ganz korrekt eingehalten. Da gab es bei Mayer keinerlei Abstriche oder Ausnahmen. Selbst, wenn dieser schon stockbesoffen war, wusste er genau, was er für Befehle herausgegeben hatte. Denn diese wurden von der Wachmannschaft in schriftlicher Form weitergeleitet. Daher wusste Schwester Doris genau, dass hier etwas nicht stimmen konnte und hielt sich Ihrerseits, korrekt an den vorgeschriebenen Dienstweg und Ablaufpläne. Dass sie damit eine unglaubliche Lawine ins Rollen brachte, war der Schwester nicht bewusst.
Lyn musste kaum, dass sie in der Turnhalle angekommen war, als erstes fünfzig Runden laufen. Nach einer dreiviertel Stunde, kamen acht weitere Trainer in die Turnhalle. Die wurden von Simon aus dem Bett geholt und nach unten bestellt.
"So, du kleines Stück Dreck. Jetzt bekommst du deine Abreibung. Wenn du denkst, dass dir der besondere Schutz des Chefarztes hilft, hast du dich getäuscht. Glaube nicht, dass ich mir die Behandlung von Jacob gestern Nachmittag, so einfach gefallen lasse. Mit deiner Sonderbehandlung ist es jetzt vorbei. Dein netter Herr Doktor hat dafür gesorgt, dass du heute nach der Prüfung aussortiert wirst. Der ist doch selber schuld, wenn er seinen Liebling verliert. Keine Ahnung, warum der sich immer einmischen muss, dieser verdammte Hurensohn. Wir werden dir jetzt einmal zeigen, was es bedeutet sich mit uns anzulegen. Du kleines stinkendes Stück Dreck darfst gern die Suppe auslöffeln, die dir Jacob eingebrockt hat", hämisch fing er zu lachen und gab seinen Trainerkollegen ein Zeichen.
In der Zwischenzeit hatten sich die neun erwachsenen und muskelbepackten Männer, um Lyn herum postiert. Auf ein Nicken hin, begannen sie damit auf das zierliche Mädchen einzuschlagen und zu treten. Da Lyn keinen Befehl dazu bekommen hatte, sich zu verteidigen, durfte sie sich auch nicht wehren. Sie versuchte so gut es ging den Schlägen und Tritten auszuweichen, die von neun Seiten gleichzeitig auf sie einprasselten und alles abzufedern.
Allerdings hat man ohne Gegenwehr bei so vielen kräftigen und gut durchtrainierten Männern, kaum eine Chance. Trotzdem versuchte sie, möglichst wenige Schläge einzustecken, um die Verletzungen so gering wie möglich zu halten. Nach über einer halben Stunde, in denen die Schläge und Tritte, nur so auf das Mädchen niederregneten, knallte auf einmal die Tür. Mayer erschien wütend in der Turnhalle. Mit einem Brüller, der den Betreuern das Blut in den Adern gefrieren lies, beendete sie Lyns Folter.
"Was geht den hier ab? Ich glaube mein Schwein pfeift. Seid ihr wirklich so bescheuert oder habt ihr gestern Abend eurer letztes bisschen Verstand versoffen."
Oberstleutnant Mayer, der von Doktor Jacob aus dem Bett geholt und darüber informiert wurde, dass man die Nummer 98 zehn Minuten zuvor, angeblich zu einem Sondertraining abgeholt hatte, flippte total aus.
Die schon lange am Boden liegende Lyn, bekam davon kaum noch etwas mit. Denn sonst hätte sie das nie im Leben zugelassen und damit für sich, wahrscheinlich alles noch viel schlimmer gemacht.
Die Verletzungen die Lyn hatte waren schlimm genug. Gegen neun Betreuer hatte das Mädchen keine noch so kleine Chance, unverletzt zu bleiben. Nicht, wenn sie sich nicht einmal verteidigen durfte. Das Mädchen versuchte krampfhaft, die Schmerzen und die Blutungen unter Kontrolle zu bekommen. Ihre Angst, jetzt auch noch von Mayer Schläge zu bekommen, war riesig, denn sie war nicht mehr in der Lage auch nur einen Schlag zu kompensieren. Mayer allerdings, ging dieses eine Mal nicht sofort gegen Lyn vor. Sondern reagierte seine Wut diesmal an denen ab, die dies alles verursacht hatten, nämlich die Trainer.
"Seid ihr euch darüber im Klaren, ihr Volltrottel, dass ihr euren eigenen Job riskiert. Wenn diese Bastarde, bei dem Test heute keine Leistung bringen. Dann ihr Hornies ist morgen für euch hier der letzte Tag. Vielleicht schaltet ihr mal euer Gehirn zu."
Jedem Wort von Mayer folgten Tritte und Schläge, die mit einer Wucht ausgeführt wurden, die den Trainern Angst machte. Die Männer die alles erwartet hatten, aber nicht solche eine Reaktion von Mayer, bekamen dessen Schläge völlig ungeschützt ab und auch bei ihnen ging einiges zu Bruch, da sich keiner von ihnen traute, sich gegen den Vorgesetzten zur Wehr zu setzen. Gegenwehr hätte die Wut und den Zorn ihres Chefs nur noch weiter angeheizt, das hatten sie in den letzten Wochen nicht nur einmal erlebt. Mayer schlug deshalb seine Saufkumpane, ohne deren Gegenwehr, regelrecht zusammen.
Dass der Projektleiter mit diesen Männern soff, war eine Sache, das hieß allerdings nicht, dass er zulassen würde, dass sie seinen Auftrag, den er als Soldat übernommen hatte, gefährden. Dies hatte er ihnen schon oft genug gesagt. Mayer verstand einfach nicht, wieso diese Hohlköpfe das nicht endlich einmal kapierten. Die Betreuer ihrerseits, verstanden die Welt nicht mehr. Mayer hatte gestern Nacht zugestimmt, dass man dieses Drecksvieh 98 endlich einmal richtig bestrafen sollte. Warum ging er jetzt also gegen sie los und nicht gegen dieses Monstrum vor?
"Verdammt nochmal, wie bescheuert seid ihr eigentlich?", kam nach fünfzehn Minuten von Mayer und dessen Schläge und Tritte ließen langsam nach.
Der Oberstleutnant war schweißgebadet und am Ende seiner Kraft. Mayer blieb stehen und starrte seine Saufkumpane wütend an. Die Trainer nutzten diese kleine Pause und zogen sich eilig von dem schwer atmenden und am ganzen Körper zitternden Mayer zurück. Erleichtert der Wut ihres Chefs entkommen zu sein, zogen sie sich in eine sichere Entfernung zurück. Wütend blickte der Projektleiter von einem Betreuer zum anderen. Sein Blick blieb lange an Simon hängen und schickte ihm einen Blick entgegen, dass dem Cheftrainer, das Blut in den Adern gefror.
Plötzlich und zur Erleichterung Simons, riss sich Mayer von dem Cheftrainer los und konzentrierte seine restliche Wut auf Lyn. Die immer noch zusammengerollt am Boden lag und sich nicht traute sich zu rühren.
"Steh auf, du Missgeburt", brüllte er sie an.
Lyn erhob sich mühsam und stellte sich wie es sein soll, mit den Händen auf den Rücken, die Beine etwas gespreizt, den Kopf gesenkt vor Mayer hin. Sie spannte die Muskeln so gut es ging an, was kaum noch möglich war. Ihre Verletzungen ließen das richtige Anspannen der Muskulatur gar nicht mehr zu.
"Kannst du mir vielleicht mal verraten, weshalb wir euch beibringen wie man sich verteidigt? Wenn du das nicht mal benutzt, wenn du zusammen geschlagen wirst, du verdammtes nutzloses Stück Vieh. Warum verrate mir das sofort, verteidigst du dich eigentlich nicht, du Missgeburt. Sprich."
"Sir, darf ich offen sprechen, Sir", erkundigte sich Lyn kaum hörbar vorsichtig, auf Schläge von Mayer gefasst.
"Ja, und spreche gefälligst laut und deutlich", kam sein kurzer und genervter Kommentar.
"Sir, man hat mir nicht erlaubt, mich zu verteidigen, Sir", antwortete Lyn etwas lauter, aber mit ruhiger Stimme.
Obwohl ihr das sehr schwer fiel. Am liebsten würde sie Mayer anbrüllen, aber dies durfte sie nicht. Nicht in ihrem jetzigen Zustand. Sie würde verdammt viel Glück brauchen, dass sie der Oberstleutnant jetzt nicht auch noch zusammenschlug. So wütend wie der im Moment war, würde sie das wohl nicht überleben.
Mayer konnte nicht fassen, dass Lyn sich hatte nicht verteidigen dürfen. Kurz drehte er sich zu den Trainern um und seine Wut wurde immer unerträglicher. Diesmal richtete er sie, aber gegen das Mädchen. Mit den Betreuern, würde er später noch ein gewaltiges Hühnchen rupfen.
"Was hast du da gerade gesagt, du Bastard? Gibst jetzt auch noch deinen Trainern die Schuld, nur weil du zu faul bist die Arme mal hochzunehmen und dich zu verteidigen, du Stück Dreck. Sprich."
Tief atmete Lyn durch. Sie durfte jetzt nicht ausrasten. Auch wenn Mayer wie immer ungerecht gegen sie war. Man hatte ihnen monatelang regelrecht eingeprügelt, dass sie sich nur Verteidigen durften, wenn sie den Befehl nicht dazu bekam. Das wusste der Oberstleutnant genauso gut wie die Kinder. Lyn wurde klar, das sie Mayer nur provozieren wollte, um einen Grund zu haben, dass er seine Wut an ihr auslassen und sie schlagen konnte. Krampfhaft kämpfte Lyn gegen diese verdammte Wut in sich an, die sie jedes Mal erfasste, wenn man sie und ihre Kameraden ungerecht behandelte und die sie nur mit sehr viel Mühe beherrschen konnte.
"Sir, nein, Sir. Es ist meine Schuld, Sir", erklärte sie deshalb leise. Allerdings in einem Ton, den man die unterdrückte Wut anmerkte.
"Du bist wütend, nicht wahr? Willst du nicht dein Tier herauslassen und die Krallen ausfahren, du Bastard?"
Ohne zu überlegen schlug Mayer brutal zu. Lyn atmet tief durch. Sie sagte sich immer wieder, bleibe ruhig und lass es nicht zu, dass dich deine Wut beherrscht. Das überlebst du nicht. Mühsam nur gelang es ihr ruhig stehen zu bleiben und nicht zu wanken. Eigentlich hielt Lyn nur der Gedanke an Rashida aufrecht. Wenn sie jetzt ausflippte, würde sie den Test heute nicht schaffen. Sie hatte Rashida, Anna und dem Doko ein Versprechen gegeben, und sie hatte vor, diese Versprechen einzuhalten. Ruhig atmete sie den Schmerz weg, der durch das Brechen der Rippen kam. Lyn blieb aufrecht stehen und sah weiter auf den Boden. Der Oberstleutnant war zufrieden und warf einen letzten Blick auf das verletzte Mädchen.
"Verschwinde aus meinen Augen und sehe zu, dass du nachher wie ein Mensch aus siehst. Hau ab du Stück Scheiße. Abtreten und das ein bisschen Dalli."
Das brauchte Mayer dem Mädchen nicht zweimal sagen. Lyn war froh, dass sie gehen durfte. Sie knallte die Hacken zusammen und drehte sich zackig um. Im Laufschritt verließ sie die Turnhalle, um hoch auf die 6/blau zu gehen. Sie bekam nur noch mit, dass Mayer jetzt ein zweites Mal, massiv gegen die Trainer vorging. Na prima kam es ihr in den Sinn, das kann ja heiter werden. Die werden im Anschluss wieder nur mir die Schuld geben. Erst der Doko und nun das Gebrülle vom Oberstleutnant. Ich kann dann wieder alles ausbaden. Mühsam lief Lyn die Treppe nach oben, in den Kinderraum.
Lyn meldete sich kurz bei den Schwestern zurück. Doris wie auch Gundel starrten Lyn entsetzt an. Doris lief sofort zum Telefon, um Jacob zu informieren. Gundel lief hinter dem Mädchen her, was schwankend zu ihrem Bett ging, um ihr zu helfen. Als die Schwester etwas fragen wollte, schüttelte Lyn nur den Kopf. Sie legte sich sofort in ihr Bett. Mühsam versuchte Lyn die Schmerzen und die Blutungen unter Kontrolle zu bringen. Sie bekam nicht einmal mehr mit, dass Rashida sie ängstlich ansah.
Lyn war vollkommen blutverschmiert. Die Nase schien gebrochen zu sein und auch das Jochbein. Selbst aus dem Mund und den Ohren blutete das Mädchen. Rashida zog Lyn ängstlich und ganz vorsichtig in ihre Arme. Dann legte sich hinter ihre kleine Freundin, um ihr so eine gewisse Sicherheit zu geben. Lyn dagegen prüfte erste einmal, was durch die Prügel alles kaputt gegangen war. Den Riss in der Leber, konnte sie durch die innere Heilung beseitigen, auch den in der Milz. Allerdings steckte eine der Rippe in der Lunge. Deshalb bekam sie kaum Luft. Dagegen konnte sie alleine nichts machen. Plötzlich hörte sie von ganz fern, die besorgte Stimme ihres Dokos.
"Lyn, wie geht es dir? Kann ich dir irgendwie helfen?"
Langsam öffnete Lyn die Augen. "Doko, eine Rippe ... steckt ... Lunge ... hilf ... mir ... Doko", hauchte sie kaum hörbar und atmete schwer und röchelnd.
Jacob blickte entsetzt auf Lyn. Hilfesuchend sah er zu Rashida. Erst eine Trage zu holen würde unnütze Zeit kosten. So wie Lyn röchelte, brauchte sie schnelle Hilfe.
"Kannst du sie schnellst möglich und vorsichtig auf die 6/rot bringen, Rashida?"
Lyns Freundin nickte. Vorsichtig bewegte sie sich auf Lyns Bett und griff nach den Bändern. Zog sich und Lyn, die Bänder über die Augen und stand auf. So vorsichtig, wie es nur möglich war, hob sie ihre kleine Freundin hoch, die vor Schmerzen aufstöhnte. Während Rashida Lyn auf ihre Arme nahm, drehte sich Jacob zu Gundel um.
"Gundel, ich brauche sofort Doktor Anderson, Walli, Anna auf der 6/rot, für eine Notoperation, zum Duschen ist keine Zeit."
Gundel rannte in Richtung Telefon, um Jacobs Befehle auszuführen. Jacob lief mit Rashida langsam zum Aufzug. Rashida versuchte Lyn, so wenig wie möglich zu bewegen. Kaum fünf Minuten später, betraten Jacob und die beiden Mädchen die 6/rot. Fast zeitgleich kamen die anderen auf Station an. Jacob war schon mit den Mädchen hinten beim Röntgen, als er merkte, dass die anderen kamen.
Jacob brüllte er nur knapp formulierte Befehle, in Richtung des Fahrstuhles. "Operationssaal vorbereiten, Notoperation, Röntgenaufnahme entwickeln", sofort widmete er sich wieder Lyn, die immer schlimmer röchelte. "Halte durch meine Kleine. Ich helfe dir gleich. Aber ich habe ein Problem. Ich weiß nicht, wie ich die betäuben soll."
Lyn versucht zu sprechen, dazu allerdings fehlte ihr die Luft, es ging nicht mehr. Deshalb griff sie einfach an Jacobs Brust. Kurz ließ sie ihre Hand erglühen. "Doko, einfach machen. Es soll aufhören bitte", flehte sie ihn panisch, durch ihre Gedankenverbindung an.
Fast sofort ließ sich Lyn in eine tiefe Bewusstlosigkeit fallen. Sie reagierte auf gar nichts mehr. Jacob brauchte einige Sekunden, ehe er sich von den Schmerzen erholt hatte, die ihn mit voller Gewalt getroffen hatten, da seine Patientin diese nicht mehr zurückhalten konnte. Mit letzter Kraft, hatte Lyn noch versucht mit Jacob zu sprechen. Kaum dass sich Jacob wieder gefangen hatte, sah er sich um und gab einige Anweisungen.
"Rashida, du bleibst hier bei ihr, auch während der OP."
Das Mädchen war froh, bei ihrer Freundin bleiben zu können. Eilig wurde alles für die Operation vorbereitet und Lyn in den OP-Saal gebracht. Jacob fing an Lyn ohne Betäubung zu operieren. Selbst wenn er es hätte anders machen wollen, er hatte keine Zeit mehr dazu, nach einer anderen Möglichkeit zu suchen. Lyn war kurz davor an ihrem eigenen Blut zu ersticken. Zügig operierte er, um das Leben der Kleinen zu retten. Nach über zwei Stunde waren die Schäden, durch die Schläge und Tritte entstanden waren, an der Lunge und den Rippen beseitigt. Wie es bei solchen Operationen in der Humanmedizin üblich war, verhinderte Jacob eine Entzündung der Lunge, mit antibiotischem Puder. Danach richtete der Arzt auch noch den Jochbein- und den Unterkieferbruch, wie auch den Bruch der Nase. Lyn wurde auf eines der Intensivbetten gelegt und war immer noch ohne Bewusstsein. Allerdings atmete sie wieder gleichmäßig und tief. Zu Jacobs Verwunderung verschwanden auf einmal die Hämatome aus ihrem Gesicht. Keine der Wunden blutete nach oder sonderte Wundsekret ab. Als Jacob nach einigen Minuten die Operationsbereiche im Gesicht verbinden wollte, waren selbst diese Operationsnarben verschwunden. Lyns Gesicht sah wieder aus wie vorher. Verwundert sah Doktor Jacob, zu Rashida.
"Wie ist so etwas möglich, Rashida?"
Lyns Freundin zuckte mit den Schultern. "Sir, ich weiß nicht wie, Sir. Lyn kann das irgendwie wegmachen, Sir."
Nach einer knappen halben Stunde, kam Lyn wieder zu sich und sah zu Jacob hoch. "Danke Doko." Mühsam erhob sie sich und setzte sich hin. Jacob der das bei einem frischoperierten Patienten nicht zulassen konnte, wollte sie wieder in die Kissen drücken, traf allerdings auf massive Gegenwehr des Mädchens.
"Leg dich wieder hin, Lyn. Weißt du wie verdammt knapp es diesmal war", fragte sie der Arzt.
Lyn schüttelte stur den Kopf. "Doko, ich muss runter zu den anderen. Die Trainer werden all meine Freunde wegen mir bestrafen, wenn ich nicht zum Test gehe."
Lyn sprach als ob nichts gewesen wäre. Sie hatte keine Atemnot mehr. Nichts deutet mehr auf die schweren Verletzungen hin.
"Lyn, bitte."
"Doko, mach dir keine Sorgen. Es ist alles wieder gut. Ich konnte nur die Rippe alleine nicht aus der Lunge machen. Das andere heilt schnell. Bitte Doko. Kannst du es fest bandagieren, Doko? Dann geht es mir wieder gut, Doko. Mach dir keine Sorgen, Sir", immer noch war Lyn etwas desorientiert.
"Bitte Lyn, lege dich wenigstens noch eine halbe Stunde hin. Schlafe noch etwas. Rashida hilft dir bestimmt dabei. Ihr habt noch fast drei Stunden bis zum Test. Du kannst also, wenn du willst, hier oben noch zwei Stunden mit Rashida schlafen. Hier seid ihr absolut sicher. Wenn du munter wirst, bekommt ihr beide etwas zu essen. Bitte mein kleines Mädchen."
Lyn nickte und rollte sich im Bett zusammen. Rashida legte sich einfach hinter Lyn, schon schliefen die Beiden noch einmal fest ein. Nach einer halben Stunde wacht Lyn allerdings wieder auf. Diesmal jedoch war das Mädchen hochfiebrig. Rashida wollte sie beruhigen, aber Lyn schlug um sich und wusste gar nicht genau, wo sie war.
Doktor Jacob war entsetzt, als er Fieber und die Vitalwerte maß. Herzschlag und Puls waren mit 265/175 viel zu hoch und die Temperatur lag bei 56,3 °C. Solch eine Temperatur hatte keines der Kinder bis jetzt gehabt. Normalerweise müsste Lyn schon tot sein. Kein Mensch überlebte diese hohe Temperatur. Der Arzt war hoffnungslos überfordert mit diesen Werten. Wieso hat Lyn überhaupt so hohes Fieber? Die Operation war doch gut gelaufen und seine Patientin ging es gut. Wieder einmal musste er Lyns Freundin um Hilfe bitten.
"Rashida, ich muss Lyn etwas Blut abnehmen, halte sie gut fest, ich will sie nicht verletzten", das war einfacher gesagt als getan.
Lyn wehrte sich mit all ihren Kräften, als würde sie gegen Ungeheuer kämpfen. Rashida musste sich mit ihrem ganzen Gewicht auf Lyn legen, damit sie das kleine Mädchen justieren konnte. Nach fast zehn Minuten harten Kampfes hatte Jacob eine Blutprobe genommen und schickte sie mit Walli nach unten ins Labor, zum untersuchen. Jacob griff zum Telefon, um Zolger zu wecken.
"Walter, hier ist Fritz. Bitte ich würde dich nicht aus dem Bett holen, wenn es nicht wahnsinnig wichtig wäre. Walli ist auf dem Weg zu dir, mit einer Blutprobe von Lyn. Die Kleine hat hohes Fieber, 56,3 °C, eigentlich müsste sie schon tot sein. Walter ich verstehe nicht, warum?"
"Fritz, ich kümmere mich sofort darum. Sage dir sobald ich etwas weiß Bescheid. Was hast du mir ihr zuvor gemacht Fritz?", erkundigte er sich bei dem Arzt, um den Untersuchungsrahmen kleiner zu gestalten.
Jacob erklärte ihm, was er alles operiert hatte und was er an Hilfsmitteln benutzt hatte.
"Ich ahne schon was, ich melde mich gleich wieder bei dir", schon hatte Zolger aufgelegt. Er zog nur eine Overall über den Schlafanzug und rannte nach unten ins Labor.
Lyn dagegen, beruhigte sich langsam etwas und kam endlich ganz zu sich. Sie schien einen hellen Moment in ihrem Fieberwahn zu haben. Für Jacob kam es aus heiterem Himmel, zu einem richtigen bösen Disput mit seiner Patientin, in dem sie ihm die Meinung sagte. Da der Arzt nicht verstehen konnte, dass Lyn nach unten in ihren Raum wollte. Außerdem konnte er nicht zulassen, dass seine Patientin sich selber entließ.
"Lyn, du kannst nicht nach unten. Du bist frisch operiert und hast außerdem hohes Fieber",
Lyn schüttelte den Kopf. "Sir, ich kann nicht hier bleiben, Sir. Ich muss nach unten, der Test fängt gleich an, Sir."
Doktor Jacob wollte nichts davon hören. "Lyn, du kannst mit dem hohe Fieber und den kaputten Knochen, nicht an dem Test teilnehmen. Das wird auch der Oberstleutnant verstehen. Ich schreibe dich für den Test heute krank. Ende der Diskussion."
Daraufhin wurde Lyn sehr direkt zu dem Chefarzt. "Sir, wenn sie sich nicht immer in meine Angelegenheiten einmischen würden, Sir. Hätte ich dieses Problem überhaupt gar nicht, Sir. Dann hätten mich die Trainer nämlich nicht zusammengeschlagen, Sir. Nur wegen ihnen, bekam ich wieder einmal diese Sonderbehandlung, Sir. Nur wegen ihnen, habe ich jetzt wieder Schmerzen, Sir. Mischen sie sich einfach nicht mehr in meine Leben ein, Sir. Lassen sie mich gefälligst runter zu meinen Freunden, Sir", böse und schwer atmend sah Lyn ihren Doko an.
Der wusste nicht, was er machen sollte. Jacob wollte sein kleines Mädchen nicht noch weiter aufregen. Dem Chefarzt wurde bewusst, dass Lyn kurz vor einen dieser Ginobusanfälle stand, so wütend war die Kleine. Das würde ihr im Moment gar nicht gut bekommen. Deshalb gab Jacob nach.
Ich spürte wie schnell das Fieber stieg und wollte nur nach unten in mein Bett. Der Raum auf der 6/blau war der einzige Ort, an dem ich mich wirklich fühlte und dort wusste ich mich von meinen Kameraden beschützt. Meinem Gesicht begann zu glühen, es brannte wie die Hölle auf meiner Haut und es bildeten sich dunkelrote Fieberflecken darauf. Das Atmen fiel mir immer schwerer. Mühsam versuchte ich nicht schon wieder das Bewusstsein zu verlieren.
Der Doko regte mich nur noch auf. Immer wieder machte er das gleiche Spiel mit uns, er konnte einfach nicht aus seiner Haut. Ständig mischte er sich in unsere Angelegenheiten und ich war dann diejenige, die alles wieder ausbaden musste. Ich konnte das nicht mehr länger ertragen. Diese ständigen Bevormundung des Doktors und sein ach so tollen Gerechtigkeitssinn. Ich ahnte zwar, dass er es nur gut mit uns meinte, aber er erreichte stets nur das Gegenteil. Ihm war scheinbar immer noch nicht klar, was er, durch seine Einmischerei in unsere Angelegenheit, ständig anrichtete. Vor allem hatte ich die Schnauze voll, dass er mir ständig vorschrieb, was gut für mich ist und was nicht. Verdammt nochmal, keiner wusste besser was gut für mich war, als ich selber. Wieder einmal versuchte er über mein Leben zu bestimmen. Dabei hatte er gar keine Ahnung, von was er sprach, denn er wusste nichts von mir.
"Rashida, du sorgst dafür, dass Lyn sich noch etwas hinlegt. Versprich mir das", bat er in diesen Moment, meine beste Freundin.
Rashida nickte nur. Sie war gar nicht in der Lage zu antworten. Mir wurde gerade bewusst, dass sie alle Hände voll zu tun hatte, mich zu beruhigen. Irgendwie wusste ich im Moment gar nicht mehr genau, wo ich überhaupt war. Vor allem wollte ich nicht, dass mich jemand berührte. Automatisch wehrte ich mich dagegen, angefasst zu werden und kämpfte gegen meine Freundin. Aber das wurde mir gar nicht bewusst. Erst ganz langsam realisierte ich, dass es Rashida war die mich berührte und meine Gegenwehr ließ etwas nach. Meine Freundin hob mich vom Bett und nahm mich einfach auf den Arm. Ich schlang meine Arme um ihren Hals, um mich an irgendetwas festzuhalten. Um mich herum drehte sich alles und ich brauchte einen festen Halt. Vorsichtig trug mich Rashida zum Aufzug. Ich war froh nach unten in unseren Raum zu kommen. Nur dort fühlte ich mich absolut sicher.
Von ganz weit entfernt vernahm ich Dokos Stimme. "Anna, bring die Beiden nach unter. Du sorgst dafür, dass man Lyn in Ruhe lässt."
Dika Anna nickte. Ein leises, ängstlich und besorgt klingendes "Ja", kam von Dika Anna und sie lief zum Aufzug, um ihn zu öffnen. Gemeinsam fuhr sie uns Mädchen nach unten auf die 6/blau.
Rashida trug mich nach hinten in mein Bett und legte mich, so hochfiebrige wie ich war hinein. Sobald ich lag und sie mich los gelassen hatte, begann ich wie wild, um mich zu schlagen und fing an zu schreien. Ich konnte absolut nichts dagegen machen. Ich sah überall die Betreuer um mich herum, die auf mich zukamen und mich wieder schlagen wollten. Das Fieber tat so weh, die Schmerzen waren kaum noch zum Aushalten und ich verlor mein Bewusstsein. Zwischenzeitlich kam ich für kurze Augenblicke wieder zu mir. In der Zeit in der ich bei Bewusstsein war, hörten die Schreie auf. Nur dann, wenn ich zwischen Bewusstlosigkeit und Bewusstsein hin und her pendelte, also irgendwo dazwischen war, konnte ich das Schreien nicht kontrollieren. Die Schmerzen waren unerträglich. Zu den Schmerzen der Gruppe, kamen jetzt auch noch die Schmerzen des Fiebers.
Sneimy der besorgt um mich war und setzte sich zu Rashida und mir. Immer wieder driftete ich weg. Deshalb versuchte ich einen Halt zu finden. Ich versuchte mich irgendwo festzuhalten. Kurzentschlossen nahm mich Rashida auf ihren Schoß und zog mich dadurch in ihre Arme. Indem sie sich im Schneidersitz hinsetzt und mich an sich drückte. Sneimy setzte sich Rashida gegenüber, ebenfalls in den Schneidersitz und fasste nach meinen Händen, damit ich nicht um mich konnte schlagen und dadurch Rashida verletzte. Er hielt meine Hände ganz fest, auch dann, wenn ich sie ihm entziehen wollte. Sneimy hatte Probleme meine Hände festzuhalten, deshalb umfasste nun auch Rashida meine Hände und verband so ihre und meine Hände, mit denen von Sneimy.
Ich hatte keinen Einfluss mehr darauf, was mit mir geschah. In mir machte sich eine panische Angst breit. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich würde es als Todesangst beschreiben. Ich wusste nicht mehr, wo ich war und auch nicht mehr, was ich tat. Alles in mir brannte. Ich war von einem Feuer erfasst, dass mich innerlich verbrannte. Mein Körper bestand nur noch aus Schmerz. Ich war in einer Art Fieberdelirium gefangen und konnte die Realität, nicht mehr von den Trugbildern unterscheiden, die mich umgaben. Ich wollte schlafen und suchte Ruhe, die ich hier nicht mehr finden konnte. Deshalb flüchtete ich mich, in den tiefen Schlaf. In dem ich immer die Ruhe fand, um mich richtig zu erholen.
Plötzlich begannen meine Hände zu leuchten. Ich konnte es nicht verhindern und hatte auch keine Kraft, den Fluss der Energie zu verhindern, der meine beiden Freunde erfasste. Panisch erfasste mich, da ich keinerlei Kontrolle mehr über mein Tun hatte. Dieses Leuchten übertrug sich von mir auf Rashidas Hände, die ja ihre um die meinen und die von Sneimy gelegt hatte. So dass ich mich nicht aus seinem Griff befreien konnte.
So, wie das Leuchten ihrer Hände begann, fingen Rashida und nur eine Sekunde später auch Sneimy, an zu brüllen wie am Spieß. Mir wurde bewusst, dass ich meinen Freunden weh tat, aber ich konnte nichts dagegen tun, ich konnte den Feuerschmerz, der uns alle Drei erfasste nicht steuern. Er brannte sich durch uns hindurch, bis dieser Schmerz einheitlich in uns allen glühte. Sobald sich das Feuer gleichmäßig ausgebreitet hatte und ich die Kontrolle übernehmen konnte, hörten meine Freunde auf zu schreien. Endlich konnte ich die Schmerzen zu mir zu rückholen. Die Schmerzen die sich in die Körper meiner Freunde gefressen hatten, klangen langsam ab.
Plötzlich wurde aus dem Feuerschmerz eine ruhige und angenehme Wärme, die uns alle ausfüllte. Rashida und Sneimy fielen in einen tiefen Schlaf und konnten sich von den Schmerzen erholen. Das war die Art Schlaf, die es mir immer ermöglichte, mich in kürzester Zeit zu erholen und wieder zu Kräften zu kommen. Ein Schlaf, der eher einer Ohnmacht ähnelte, jedoch schmerzlos und erholsam war. Ruhig und tief atmeten die Beiden. Zugleich wurde auch das Fieber weniger. Es brannte nicht mehr so heiß in meinem Körper und diese brennenden Schmerzen ließen endlich nach. Erleichterung machte sich in mir breit.
Ein eigenartiges Gefühl, durchströmte meinen Körper. Ich spürte die Nähe zweier geliebter Menschen, die mir meine Ruhe und Kraft zurückgaben. Die Gedanken, die ich schon immer gehört hatte, wurden noch deutlicher. Sie wurde noch um vieles klarer und lauter, als je zuvor. Eine Weile ging ich mit mir ins Gericht und überlegte, ob ich es wagen konnte, mir etwas von ihrer Kraft zu nehmen. Mir blieb nichts anderes übrig, wenn ich den Test heute schaffen wollte. Also nahm ich mir etwas von ihrer Kraft und gab ihnen etwas von meinem Fieber. Plötzlich merkte ich, dass ich diesen Austausch nicht steuern konnte. Unsere Körper waren zu einer Einheit verschmolzen. Das Gift, die Kraft und das Fieber, unsere Energie verteilten sich, ohne dass ich Einfluss darauf nehmen konnte, gleichmäßig auf uns allen. Auf einmal ging es uns allen gleichermaßen gut oder besser gesagt schlecht. Die Gelegenheit nutzend, ließ ich die beiden noch ein wenig schlafen. Meine Freunde waren beide völlig erschöpft, von dem heftig Schmerz, der sie ungewollt erwischt hatte. Nach einigen Minuten beendete ich ganz langsam den tiefen Schlaf oder wie ich den Schlaf bei mir nannte, das Jawefan. Fast zehn Minuten brauchte ich, um die Beiden in die Wirklichkeit zurückzuholen und zu wecken. Als Rashida und Sneimy wieder zu sich kamen, waren sie verwundert und erschrocken zugleich. Sie hörten meine Stimme, obwohl ich nichts sagte, sondern nur dachte. Sneimy rutschte erschrocken von mir weg. Meine Rashida allerdings, meine beste Freundin, hielt mich weiterhin in ihren Arm und küsste mir auf die Stirn.
"Täubchen, was hast du da mit uns gemacht? Es war grausam, aber trotzdem wunderschön. Wieso höre ich dich, obwohl du nicht sprichst?", fragend sah sie mich an.
Ich zuckte verlegen mit den Schultern. "Rashida, ich habe gar nichts gemacht. Ich war doch gar nicht mehr richtig da. Es ist einfach passiert. Es tut mir leid, aber ich konnte es nicht verhindern. Ich wollte euch nicht weh tun, wirklich nicht", jetzt fing ich an zu weinen.
Rashida drehte mich um und zog mich wieder in ihre Arme. "Komm höre auf zu weinen. Ist nicht schlimm. Wie geht es dir? So wie es aussieht wieder etwas besser. Sneimy komm her", fordert sie den Freund auf. Der Bub saß immer noch völlig verschreckt, am anderen Ende des Bettes.
Sneimy kam zu uns heran. "Lyn, was war das?"
"Sneimy, ich weiß es nicht. Wirklich", gestand ich offen.
Sneimy sah mich ungläubig an. "Wieso fühle ich mich, als wenn ich drei Tage geschlafen hätte?"
Verlegen sah ich ihn an. "Sneimy, ich nenne es das Jawefan, den tiefen Schlaf. So schlafe ich oft, wenn ich völlig erschöpft bin. Oder wenn die Schmerzen zu schlimm werden. Ich wusste nicht, dass ich das mit euch auch machen kann. Es ist einfach passiert. Glaube mir, es tut mir sehr leid, dass ihr meine ganzen Schmerzen abbekommen habt. Ich konnte das nicht steuern."
Sneimy rieb sich das Genick, genau wie Rashida. Den die eben erlitten Schmerzen noch sehr gut in Erinnerung waren.
"Wie kannst du mit solchen Schmerzen Leben, Lyn?", wollte Sneimy von mir wissen. "Das ist doch Wahnsinn. Ich würde verrückt werden."
"Ich habe schon immer solche Schmerzen, Sneimy. Ich kann nichts dagegen machen. Von allen hier im Raum, bekomme ich das volle Schmerzpotential ab. Manchmal ist es so schlimm, dass ich es kaum auszuhalten kann."
Sneimy kam zu mir und zog mich in seine Arme. "Du tust mir so leid. Verzeih mir, ich wollte dich nicht an pulvern. Ich war nur erschrocken. Aber, wieso höre ich dich in meinen Kopf?"
Ich konnte darauf nicht mehr antworten. Da sich die anderen um Rashidas und mein Bett versammelten.
"Warum schreit ihr zwei wie am Spieß?", erkundigte sich Kaija, die erschrocken auf ihre und meine Freundin sah.
Verlegen blickte ich Kaija an. "Ich habe ihnen weh getan. Aber ich wollte es nicht."
Kaija wurde jetzt böse mit mir. "Warum tust du ihnen weh? Reicht es denn nicht, wenn die Anderen uns weh tun?"
Bedauernd zuckte ich mit den Schultern. Bevor ich etwas sagen konnte, mischte sich Sneimy ein.
"Lass Lyn in Ruh, Kaija. Sie kann nichts dafür. Wir haben sie gezwungen…"
Genau erklärte er, was geschehen war. Dass er wegen meiner Schmerzen so geschrien hatte und dass ich kaum bei Bewusstsein war. Interessiert hörten die anderen zu.
"Ist dein Fieber immer noch so hoch?", wollte Kaija jetzt besorgt von mir wissen.
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, irgendwie ist es weniger. Aber ich glaube Sneimy und Rashida haben jetzt auch Fieber", erwiderte ich besorgt, auf meine beiden Freunde blickend.
Aila ging auf die Beiden zu, nickte besorgt. Auf einmal kam ihr eine Idee. "Lyn, vielleicht hast du unbewusst das Fieber auf euch alle verteilt. Deswegen haben die Beiden jetzt Fieber. Versuche es einfach noch einmal, mit uns allen. Dann müsste dein Fieber doch fast weg sein. Sieh mal wir sind so viele, da verteilt sich das doch ganz anders."
Ich sah zu Rashida und Sneimy, die nun ebenfalls mit glasigen Augen und dunklen Fieberflecken im Gesicht neben mir saßen. Ich konnte das Fieber jetzt wieder steuern, aber meine Freunde konnten das nicht. Ich musste es einfach versuchen.
"In Ordnung ich versuche es. Allerdings kann ich meine Schmerzen nicht vollkommen zurückhalten. Die ersten die ich anfasse, werden das volle Schmerzpotential abbekommen. Es tut mir leid, ich weiß nicht wie ich es anders machen soll."
Die Anderen winkten ab. Es war ihnen egal. Damit konnten sie leben. Sofort setzten sie sich alle nebeneinander. Wir bildeten einen großen Kreis, um den Tisch herum. Ich schickte Rashida, Sneimy und Keri in die Mitte des Kreises. So dass sie praktisch mir gegenüber saßen. In der Hoffnung, dass sie dort nicht wieder so viel Schmerzen abbekommen würden. Wir fassten wir uns an den Händen. Damit ich mich besser konzentrieren konnte, schloss ich meine Augen. Ganz bewusst ging ich dieses Mal ins Jawefan, in den tiefen Schlaf. Sofort begann das Feuer, was in mir brannte zu fließen. Dadurch, dass die anderen diesmal auf meinen Schmerz vorbereitet waren, fing keiner an zu schreien. Es dauerte sehr lange, ehe sich der Feuerkreis endlich schloss. Dann allerdings, erfasste uns eine unvorstellbare Ruhe. Meine Freunde fielen in einen tiefen Schlaf. Jetzt erst wurde mir bewusst, wie viele wir eigentlich waren. Ich verteilte das Gift auf alle, genauso das Fieber und die Schmerzen. Wir würden alle damit leben können, wir waren so viele, dass die Dosis für niemanden mehr Lebensgefährlich war. Selbst das Fieber war bei keinem von uns mehr hoch. Keri atmete erleichtert auf, das erste Mal in seinem Leben, hatte er kaum Schmerzen. Nach nur zehn Minuten, ging es uns allen gleich gut. Selbst Keri, fühlte sich endlich etwas besser. Ich ließ meine Freunde noch einige Minuten schlafen, um ihnen etwas Erholung zu geben. Langsam ging ich danach aus dem Jawefan. Etwas Wunderbares bleibt uns erhalten. Genau wie bei Sneimy und Rashida vorhin, hörte ich jetzt alle Stimmen ganz klar. Diese Stimmen, die ich sonst immer nur als ein leises Flüstern wahr genommen hatte und auf die ich mich stets konzentrieren musste, waren jetzt klar und deutlich. Nochmals tauchte ich zurück ins Jawefan und zeigte meinen Freunden noch, wie sie die Türen öffnen und schließen konnten. Sie würden erst einmal mit den vielen Stimmen Probleme haben und durch diese Türen, konnten sich alle zurückziehen, wenn sie Ruhe brauchten. Genau wie ich es auch ab und zu einmal machte, wenn es mir zu viel wurde. Meine Freunde jedoch, erlebten etwas Wunderschönes. Auf einmal hörten sie das Lachen ihrer Freunde. Sie spürten deren Emotionen, die diese nach außen hin gar nicht zeigen konnten. Die Nähe zu meinen Freunden, wurde durch diese Verbindung noch um vieles stärker. Erholt tauchten alle, aus dem Jawefan auf. So als wenn sie Tage geschlafen hätten. Sie sahen so glücklich aus, vor allem ging es wirklich allen gut.
Ich war ringsherum glücklich. In mir war ein Gefühl, das ich noch nie erlebt hatte. Auch die anderen strahlten mich regelrecht an. Wir hatten auf einmal etwas eigenes, etwas dass nur uns blieb und dass uns keiner nehmen konnte.
Balin erhob sich aus dem Kreis und ging auf Lyn zu. Er war einer der Jungs aus der 3er Serie. Er hockte sich vor das kleine Mädchen und zog sie vorsichtig auf die Füße und in seine Arme. Ihm war durch das Jawefan bewusst geworden, dass Lyn beinah gestorben wäre. Balin kämpfte stark gegen seine Emotionen, er konnte seine Tränen kaum zurückhalten. Auch wenn er Lyn oft verflucht hatte, er mochte die Kleine sehr. Vorsichtig drückte er Lyn, die ihn nicht einmal bis zur Brust reichte.
"Lyn, du hast uns gerade eine wunderbares Geschenk gegeben. Etwas, dass uns keiner mehr wegnehmen kann. Endlich bin ich nicht mehr alleine. Danke."
Gyasi einer der Jungs aus der 5er Serie, sah Lyn lachend an. "Du gehörst wirklich zu uns. Ich dachte immer, du bist ein kleines Mädchen, das nur schwach und unnütz ist. Dass du nichts hier bei uns zu suchen hast. Aber du bist stärker als wir alle zusammen. Lyn du gehörst wirklich zu uns. Danke für das, was du uns gerade gegeben hast."
Emy ein Mädchen aus der 6er Serie, kniete sich vor Lyn hin um mit ihr auf Augenhöhe zu sprechen. "Es tut mir leid Lyn, dass ich dich immer so verachtet habe. Es war ein Fehler. Danke, dass du uns trotzdem magst", ohne lange nachzudenken, gab sie Lyn einen Kuss auf die Stirn, stand auf und ging zu ihrem Bett.
Jedes der Kinder bedankte sich bei Lyn. Alle waren glücklich, jetzt nicht mehr alleine zu sein. Sie begriffen sofort, dass dieses Geschenk unbezahlbar war. Durch diese Verbindung konnten sie sich jetzt jederzeit unterhalten und miteinander lachen. Vor allem konnte keiner der Betreuer ihnen je wieder das Sprechen untereinander verbieten. Schnell waren alle wieder in ihren Betten verschwunden und legten sich nochmals hin.
Anna wie auch die anderen im Raum anwesenden Schwestern, sah dem Treiben fassungslos zu. Sie begriff nichts von dem, was hier im Raum abgelaufen war. Sie wusste durch viele kleine Erlebnisse, dass man die Kinder in bestimmten Situationen gewähren lassen musste. Griff man in solchen Situationen ein, wäre das Vertrauen wieder für Wochen zerstört. Also ließen die Schwestern die Kinder gewähren, auch wenn sie nicht begriffen, was da eigentlich vor sich ging. Das Vertrauen der Kinder zu behalten, war wichtiger, als das Stillen ihrer Neugier. Dies hatte man in den vergangen Monaten immer wieder feststellen müssen.
Lyn legte sich auch nochmals etwas hin. Sie musste sich noch ein wenig ausruhen, sie war immer noch sehr erschöpft. Im Gegensatz zu ihren Freunden, konnte sie sich im Jawefan, wenn sie es bei den anderen machte nicht erholen. Denn sie war diejenige die das Jawefan steuerte. Auch wenn sie sich durch den Austausch der Kräfte etwas erholt hatte, ging es ihr noch lange nicht gut.
Nur ganze zehn Minuten Erholung waren dem Mädchen vergönnt, schon wurde ihre Ruhe wieder gestört. Ein aufgeregter Jacob stürmte in den Raum. Er war völlig mit seinen Nerven am Ende und machte ein sorgenvolles Gesicht.
"Lyn, meine Kleine, höre mir zu. Wir haben ein riesiges Problem. Bitte ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich habe dich ohne es zu wollen vergiftet."
Lyn setzte sich auf, sah ihren Doko entsetzt an. Der versuchte sich zu erklären und bekam in seiner Aufregung gar nicht mit, dass es ihr wieder besser ging.
"Mein Mädchen, wenn wir Notoperation an der Lunge durchführen, verwenden wir, um Komplikationen zu vermeiden, ein Pulver mit Antibiotika. Diese verhindert, dass es durch Eindringen von Bakterien zu Entzündungen kommt. Ihr seid, so hat mir Doktor Zolger gerade mitgeteilt, hochgradig allergisch gegen Antibiotika. Es ist pures Gift für euch. Ich weiß nicht, was ich machen soll", verzweifelt sah der Arzt Lyn an. Erst jetzt fiel Jacob auf, das Lyn zwar noch blass war, aber scheinbar wieder völlig gesund.
"Sir, ist nicht schlimm Doko, wir haben es in den Griff bekommen, Sir. Gebe Sie mir ja nie wieder so etwas, Sir. Das Zeug bringt mich um, Sir."
Verwundert sah der Chefarzt Lyn an. "Wie ihr ha..."
Lyn unterbrach ihn und winkte ab. "Doko, bitte wir müssen zum Duschen und dann zum Test, Sir."
Als der Doko etwas sagen wollte, schob Lyn ihn einfach zur Seite und ging nach vorn in Richtung der Duschen. Einige Schritte entfernt, drehte sie sich noch einmal kurz um.
"Doko Sir, wenn sie wirklich helfen wollen, dann verbinden sie mir dann die Rippen, wenn ich vom Duschen kommen, Sir. Das wäre nützlich, Sir. Das Gerede kostet nur unnütze Zeit, Sir."
Lyn war immer noch wütend auf den Doko, dem sie die Schuld dafür gab, dass man sie wieder einmal misshandelt hatte. Jacob dagegen, war völlig verblüfft von Lyns Worten. Er starte seinem Schützling fassungslos hinter her. Noch nie wurde er von dem Mädchen dermaßen abgefertigt. Im Stillen gab er ihr aber recht.
Seine Kleine lief in der Zwischenzeit schon weiter, in den Duschraum und gönnte sich noch ein paar lange Minuten, unter dem heißen Wasser: Es waren kostbare Minuten der Entspannung. Fertig abgetrocknet, kam Lyn nackt, wie sie war zurück zu ihrem Spind.
Vor dem der Doko schon mit Bandagen stand, um Lyn zu verbinden. Dankbar sah sie ihn an und ging auf ihn zu, machte etwas, was sie noch nie getan hatte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einfach einen Kuss auf die Stirn. Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Chefarztes, man sah ihm an, wie glücklich ihn diese Geste machte. Stillschweigend verband er Lyns kaputte Rippe und sicherte die Bandage zusätzlich gegen verrutschen. Mit diesem Verband, konnte sein kleines Mädchen das heutige Trainingspensum, sehr gut bewältigen. Vor allem schien sie das Fieber, ganz gut im Griff zu haben.
"Danke Doko", flüstert Lyn ihm leise ins Ohr.
Sie machte einen Schritt auf ihren Spind zu und holte die für den heutigen Tag, vorgeschrieben Kleidung heraus. Einen roten Overall der kurze Arme und Beine hatte. Dieser lag komplett am Körper an, wie eine zweite Haut. Dazu passende gab es rote Tücher, die sie über die Augen ziehen konnten. Innerlich lachend drehte sie sich zu Rashida um, die genauso einen Anzug anzog. Man sah jeden Muskel, unter diesem Overall.
"Na komm Täubchen. Bringen wir den Mist endlich hinter uns", sprach Rashida lachend zu Lyn. "Täubchen, bitte versuche ruhig zu bleiben. Auch dieser Tag geht vorbei. Vor allem werden die Trainer sauer sein, wenn wir den Test alle schaffen."
Schlagartig stieg eine unendliche Traurigkeit in Lyn hoch. Sie sah Rashida traurig an und drehte sich nach Keri um. Dessen Schmerzen waren schon wieder so schlimm, wie vor einer Stunde waren. "Alle nicht Rashida. Keri schafft den Test nicht. Er will nicht mehr."
Lange sah Lyn zu ihrem Doko, bis dieser merkte, dass das Mädchen etwas von ihm wollte. Durch ein kurzes Nicken gab Jacob ihr zu verstehen, dass sie sprechen durfte.
"Sir, wie haben sie sich entschieden, Keri betreffend, Sir."
Jacob hatte so gehofft, dass Lyn diese Entscheidung noch nicht von ihm verlangen würde. Er hatte gehofft, dass sie bis nach dem Test damit warten konnte. Er hatte sich wohl getäuscht. Müde und auch etwas genervt, rieb sich Doko das Gesicht. Aber er begriff auch, als er zu Keri sah, dass Lyn recht hatte. Er musste eine Entscheidung treffen.
"Komm", bat er sie kurz entschlossen und griff in seine Tasche.
Jacob entnahm dieser, eine Ampulle und eine Spritze. Gemeinsam liefen sie auf Keri zu. Nochmals musterte er den Jungen unauffällig. Auf der Pritsche saß ein völlig in sich zusammen gesunkener Bursche, der sichtbar litt. Man sah ihm an, dass seine Schmerzen unerträglich waren.
"Keri, mein Junge, wie geht es dir?"
"Sir, gut, Sir", antwortete er mit so viel Leid in der Stimme, dass es ein das Herz zerriss.
"Lyn geht es Keri gut?"
Verneinend schüttelte das Mädchen den Kopf. "Sir, ihm geht es nicht gut. Soll ich seine Schmerzen zeigen, Sir."
Jacob schüttelte den Kopf. Mit Entsetzen sah er die Tränen die Keri aus den Augen liefen. Gebrochen und kaum noch zu einer Bewegung fähig, saß der Bub fertig angezogen auf seinem Bett. Die kurze fast schmerzfreie Zeit, machten Keri umso deutlicher bewusst, wie schlimm seine Schmerzen wirklich waren. Jacob drehte sich zu den Anderen um.
"Kinder, ich brauche euren Rat" rief Jacob in den Raum. "Kommt ihr bitte alle mal her zu Keri."
Sofort versammelten sich alle, um Keris Bett. "Bitte Kinder ich weiß nicht, was ich tun soll. Keri wird nie wieder gesund. Das wisst ihr alle. Ich habe keine Möglichkeit, sein Leben zu verlängern und ohne sein Leiden zum vermindern. Es widerstrebt mir jedoch, ihn schlafen zu schicken. Seht selbst, wie der Bub leidet. Ich bin doch Arzt und ich soll Leben erhalten und darf es nicht zerstören."
Keri sah den Doktor bittend an. "Sir, aber ein Arzt soll doch auch verhindern, dass ein Patient unnötig leidet. Das haben sie mir immer wieder gesagt, Sir", erklärte er mit tränenerstickter Stimme. Man hörte wie schlimm die Schmerzen schon wieder waren, die ihn quälten.
"Da hast du recht, Keri. Deshalb werde ich dich schlafen schicken. Aber nur, wenn du das wirklich willst. Du musst das hier vor all deinen Freunden sagen."
Erleichtert holte Keri Luft. "Bitte Doko, mache dass die Qualen aufhören, bitte. Ich werde morgen sowieso schlafen geschickt von den Betreuern, Doko. Es würde ein qualvolles Ende für mich werden, Doko. Das haben sie mir nicht nur einmal auf das genauste angedroht, Doko. Sie wissen auf welche Art sie mich aussortieren wollen, bitte Doko. Wenn du mich schlafen schickst ist es schön und ich muss nicht leiden, Doko. Bitte, ich bin so müde, Doko, und ich halte diese verdammten Schmerzen nicht mehr aus, Sir."
Jacob schluckte schwer und mit zittriger Stimme bat er seinen Patienten, um einen letzten Gefallen. "Dann verabschiede dich von deinen Freunden."
Nacheinander ging zweiundachtzig Kinder zu Keri und wünschten ihm einen guten Schlaf, ohne Schmerzen. Nach den vielen liebevollen Umarmungen, kamen zum Erstaunen der Kinder, auch alle Schwestern in den Raum. Die von Alma informiert wurden und gingen auf Keri zu. Auch sie wollten Abschied nehmen und nahmen den Jungen noch einmal in den Arm. Auch Doko Anderson, Doktor Zolger, Chris Martin und Heiko Corsten waren gekommen, um Abschied zu nehmen.
Jacob sah Keri fragend an. "Keri, du hast gerade gesehen, wie viele Leute dich lieb haben, wie viele dich vermissen werden. Willst du trotzdem schlafen gehen?"
Keri sah seinen Arzt lange an, dann bat er flüsternd. "Bitte Doko, mach dass es aufhört. Ich halte es nicht mehr aus", flehte er seinen Arzt an, ohne auf die Umgangsformen zu achten.
Jacob trat an Keris Bett und setzte sich neben ihn. Weinend zog der Arzt den Jungen in den Arm. Er konnte seine Tränen nicht mehr zurück halten. Das was er hier tat, war in seinen Augen, nichts anderes als Mord. Aber er konnte Keri auch nicht mehr leiden sehen. Er hatte ein Gesprächen der Betreuer, die er gestern ungewollte hatte mit anhören müssen, verstanden, was Keri meinte. Die Betreuer wollte Keri in ein Fass mit Wasser stecken und ihn darin ersticken lassen. Daher zog er es vor, Keri auf eine sanfte Art zu erlösen. Bei der Folter dieser Unmenschen, würde er nicht dabeistehen und zusehen. Dann würde er lieber, mit noch einem Toten auf seinen Gewissen leben. Jacob hielt Keri ganz fest in seinen Armen, als ob er dessen Tod dadurch verhindern könnte. Dann schob er ihn etwas von sich weg. Jacob wurde klar, dass es ihm mit jeder Minute schwerer fallen würde, die Injektion zu setzen.
"Es tut mir so leid mein Kleiner, dass ich dir nicht anders helfen kann. Es tut mir so unendlich leid. Komm lege dich hin, Keri. Ich möchte, dass du endlich schläfst. Ich hoffe du weißt, dass wir dich lieben."
Keri fing an zu weinen. "Doko, bitte mache das es aufhört. Bitte", mit einem Male liefen Tränen über sein Gesicht.
Die Aussicht, endlich diese unsagbaren Schmerzen los zu werden, ließen ihn seine Beherrschung gänzlich verlieren. Keri gab dem Drang zu weinen, einfach nach. Er verlor seine ganze Selbstbeherrschung.
Lyn trat neben ihren Doko und setzte sich zu ihm aufs Bett. Sie nahm Keris Hand. Das Mädchen ahnte, wie schwer es dem Doko fiel, Keri zu erlösen. Deshalb legte sie ihrem Doko die Hand auf die Brust. Vorher filterte sie nur die Schmerzen von Keri heraus. Lyn ließ den Arzt teilhaben an den Schmerz und der Verzweiflung seines Patienten. Stöhnend japste Jacob nach Luft. Er hatte einige Augenblicke damit zu tun, wieder klar denken zu können. Endlich zog der Arzt eine Spritze auf, mit einer Dosis Narkotikum, aus der niemand mehr erwachen würde. Die selbst eine Elefantenherde nicht überleben hätte. Der Chefarzt wählte die Dosis extra hoch, um sicher zu stellen, dass er nicht nachspritzen musste. Ganz langsam spritzte Jacob, dem immer noch weinenden Buben das Mittel. Genauso langsam klang der Schmerz ab. Jacob erfuhr auf diese ungewöhnliche Weise, wie Keri starb. Lyn ermöglichte ihrem Doko das, um ihm zu zeigen, dass es gar nicht grausam war, auf diese Weise zu sterben. Durch die aufgelegte Hand und das Halten von Keris Hand, stellte Lyn eine Verbindung zwischen den beiden her. Jacob spürte dadurch die Erleichterung Keris, das Glückgefühl das in dem Jungen aufstieg und bemerkte das Lächeln in Keris Augen. Er bekam von dem Buben ein letztes "Danke Doko", kurz bevor dieser seinen letzen Atemzug tat.
Endlich war es vorbei.
Jacob stand auf und verließ wortlos den Raum.
Lyn sah ihre Dika Anna an. "Bitte kümmere dich um den Doko, Dika. Wir müssen nach unten in die Halle, sonst bekommen wir wieder Ärger", an ihr Freunde gewandt, gab sie nur ein kurzen Befehl. "Aufstellen", damit gab Lyn das Signal zum Aufbruch.
Lyn übernahm unbewusst die Führung in der Gruppe. Trotzdem gehorchten alle dem Befehlt der Kleinsten aus der Gruppe. Er wurde ohne Diskussion ausgeführt und von allen akzeptiert. Ihren toten Kameraden ließen die "Hundert" wie schlafend im Bett zurück.
Statt der geplanten dreiundachtzig Kinder erschienen nur zweiundachtzig, zu diesem wichtigen Test. Aber das war den Kindern in diesem Moment völlig egal. Sie wussten ihren Kameraden da, wo er glücklich war. Vor allem an einem Ort, wo ihn niemand mehr ein Leid antun konnte.
Das Gebrüll der Betreuer, von diesem Tag an, von den Kindern ab, wie ein Springball von einer Wand. Es gab am heutigen Tag nichts mehr, dass ihnen die Laune verderben konnte. Für die "Hundert", war es einfach der glücklichste Tag in ihrem Leben. Sie hatten zu einander gefunden und waren jetzt ein Team.
Alle, zweiundachtzig Kinder bestanden den vorbereiteten Test, mit überdurchschnittlichen Leistungen. Die Trainer und Lehrer konnten zufrieden sein. Ebenfalls die schriftlichen Tests wurden mit Leistungen abgeschlossen, die das Institut nicht erwartet hatte. Alle Fragen wurden hundert Prozent richtig beantwortet. Dass die Kinder sich dabei gegenseitig halfen, wussten die Prüfer nicht. Den Kindern war das völlig egal. Nur eins zählte, dass sie endlich alle an einem Strang zogen. Sie waren eine Gruppe geworden, die keiner mehr trennen konnte.
Das hatten sie gemerkt, als Keri schlafen ging. Durch die von Lyn geschaffene Verbindung, hatten alle und nicht nur Doko Jacob, den Tod von Keri miterlebt. Alle waren froh, dass der Doko Keri erlöst hatte. Denn sie sahen auch die Erinnerung Jacobs, an das Gespräch der Betreuer. Sie wussten nur zu genau, was da auf Keri an Qualen zugekommen wäre. So verband der Tod ihres Kameraden, die Gruppe noch mehr und schaffte eine Basis, auf die sei aufbauen konnte.
Endlich war auch für Lyn die Zeit des Leidens vorbei. Der Kampf an zwei Fronten hatte aufgehört. Endlich begann ein gemeinsamer Kampf gegen den Oberstleutnant und die Betreuer und zwar als Team. Vor allem konnte Lyn besser auf ihre Freunde einwirken.
Am späten Abend dieses Tages ging eine Gruppe Kinder erschöpft schlafen, allerdings waren sie auch erleichtert. Ob Lyn sich bewusst darüber war, dass sie auf einmal die Führung der Gruppe übernommen hatte, blieb abzuwarten. Ob ihr bewusst war, dass sie von allen akzeptiert wurde, war für das Mädchen ebenso unklar.
Eins wurde Rashida, ihrer Freundin, jedoch an diesem Abend bewusst. Lyn war glücklich. Ihre kleine Freundin gehörte jetzt wirklich zu ihnen. Das erste Mal in ihren Leben, schlief Lyn mit einem Lächeln im Gesicht ein oder spürte Rashida dies nur in deren Gedanken, deren Teil sie jetzt war. Rashida war das einerlei. Wichtig war nur, dass es jetzt für ihre Freundin endlich leichter werden würde. Ihre Kameraden standen hinter ihr, sie würden Lyn unterstützen und würden ihre Freundin mit ihr zusammen beschützen. Das Lyn etwas Besonderes war, wusste Rashida schon seit ganz langer Zeit.
Projekt Dalinow, Ende Juli 1963
(fünfeinhalb Jahre nach dem Projektstart)
Fast vier Jahre waren seit diesem ersten Test und dem denkwürdigen Tag vergangen und aus den kleinen verunsicherten Kindern, waren stolze und aufrichtige Kämpfer geworden.
Lyn hatte es durch viel Einfühlungsvermögen geschafft, den Kindern Kameradschaft beizubringen. Offen und freundschaftlich gingen die Kinder miteinander um. Durch die ständige Verbindung, die zwischen den Kindern bestand, war dies gar nicht anders möglich. Sich etwas zu verheimlichen, sich zu belügen oder gegeneinander auszuspielen, ginge nur, wenn man seine Gedanken vor den Kameraden verbergen konnte. Die Verbindung ermöglichte, dass jeder die Gedanken der anderen las. Das Vertrauen der Kinder untereinander, war dadurch mit nichts zu erschüttern. Die Kameradschaft und gegenseitige Hilfe wurde zu einem ungeschriebenen Gesetz der "Hundert", an das sich jeder hielt: Fast jeder.
Natürlich gab es einige Ausnahmen und auch ab und zu einmal Streit zwischen den Kindern. Bei einer so großen Gemeinschaft, war das gar nicht anders möglich. Es lebten zu viele unterschiedliche Charaktere, auf engsten Raum zusammen. Diese kleinen Streitigkeiten, wurden allerdings stets von den Erwachsenen unbeobachtet und nur innerhalb der Verbindung geregelt. Nach außen hatte es für alle den Eindruck, dass sich die Kinder nie stritten und ständig zusammenhielten.
Lyn, der einst von allen gehasste Schreihals, schaffte es durch ihre liebenswerte Art, dass alle Kinder an einem Strang zogen. Egal, was die Betreuer auch versuchten, die Gruppe spielt keiner mehr gegeneinander aus. Da die Betreuer keine Chancen hatten Lügen über andere Gruppenmitglieder zu verbreiten. Etwas, dass die Betreuer überhaupt nicht verstanden. Täglich wurden solche Versuche von Seiten der Betreuer unternommen, jedoch ohne eine noch so kleine Chance auf Erfolg.
Schnell gewöhnten sich die Kinder an die Verbindung und es kam immer seltener vor, dass sich jemand aus der Verbindung ausschaltete. Dadurch wussten immer alle Kinder, was gesprochen wurde und die Verbindung wurde zu einer liebgewonnen Normalität. Für die Kinder, war sie genauso selbstverständlich, wie das Atmen, das Essen oder das tägliche Training.
Viel war in diesen vier Jahren geschehen. Die Kinder hatten nicht nur viele ihrer Ausbildungen abgeschlossen, sondern auch alle diese Tests und Prüfungen mit den besten Ergebnissen bestanden. Auch, wenn die Kinder immer noch sehr oft und zu Unrecht, durch die Trainer bestraft wurden, war das Leben für die Kinder wesentlich ruhiger geworden.
Seit dem Keri schlafen gegangen war, hatte Lyn keinen einzigen, ihrer oft schlimmen Schreianfälle mehr bekommen. Lyn wurde ausgeglichener und ruhiger. Erst im Laufe der Zeit begriffen ihre Kameraden, wie schlimm Lyn wirklich unter Keris Schmerzen gelitten hatte.
Für die Jacobs gab es auch einige positive Veränderungen. Doko, Dika Anna und alle anderen Schwestern wurden endlich von den Kindern vollkommen akzeptiert. Sie waren zu einem festen Bestandteil, unten im Raum der Kinder geworden. Auch, wenn Doktor Jacob nicht alles verhindern konnte, was man den Kindern antun wollte, hatte sich das Ausmaß der Veränderungen in Grenzen gehalten. Viele der Veränderungen die vom Institut verlangt wurden, waren nicht unbedingt zum Nachteil der Kinder gewesen, auch wenn Jacob das erst dachte.
Mayer trank nach wie vor mehr als gut für ihn war. Allerdings hatte er seine Aggressivität endlich etwas in den Griff bekommen und ließ seine Wut nicht mehr ständig an allen Mitarbeitern aus. Dabei spielte wohl die Anzahl der Kündigungen im Bereich seiner Untergebenen eine entscheidende Rolle. Neunzig Prozent seiner Wachmannschaft und achtundsiebzig Prozent des sonstigen Servicepersonales hatten ihre Kündigung eingereicht. Die Begründung war immer dieselbe, man würde nicht mehr unter Mayer arbeiten wollen. Entweder der Projektleiter würde gehen oder das Personal würde gehen. Man habe die Schnauze gestrichen voll, dreimal täglich zusammengeschlagen zu werden.
Daraufhin sah sich Hunsinger gezwungen, ein ernstes Wort mit Mayer zu reden. In der Mensa kam wurde deshalb ein Aussprache im großen Rahmen und aller Öffentlichkeit durchgeführt. Bei dieser Versammlung in der Anfangs eine Totenstille herrschte, brach nach anfänglichem Zögern ein Tumult aus, in dem alle Mitarbeiter ihre Wut über die unmenschliche Behandlung durch Mayer zur Sprache. Der Projektleiter vor Ort bekam eine öffentliche Abmahnung von Hunsinger und die Mitarbeiter das Versprechen, dass sich die Arbeitsbedingungen im "Projekt Dalinow" bald wieder verbessern würden. Hunsinger nahm sich Mayer auch noch einmal privat zur Brust und sagte ihm die Meinung. Eine Unterredung mit Jacob lehnte Mayer allerdings ab. Seit diesem Zeitpunkt hielt sich Mayer, wenigstens seinen Untergebenen gegenüber sehr zurück. Nur an den Kindern ließ er immer noch seine Wut aus.
Jacob der das bei der Aussprache in der Mensa ebenfalls zur Sprache bringen wollte, stieß wie immer, wenn es um die Kinder ging, auf taube Ohren. Hunsinger interessierte sich dafür nicht die Bohne, für das Wohl der Kinder. Es war ihm egal, ob die Kinder geschlagen wurden oder nicht. Die Kinder hatten in seinen Augen keinerlei Rechte. Mayers Verhalten den Kindern gegenüber verschlimmerte sich noch mehr.
Lyn allerdings erklärte ihrem Doko immer wieder, dass dies nicht schlimm sei. Der Oberstleutnant würde ihnen nicht wirklich weh tun, dazu hätte er nicht mehr die Kraft. Also ließ es Jacob auf sich beruhen, bevor er es für die Kinder, durch seine Einmischung, wieder schlimmer machte, als es sowieso schon war. Jacob hatte aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt müssen. Der Chefarzt hatte im Laufe der Zeit eine Methode gefunden, wie er Mayer zwingen konnte, sich für die Kinder stark zu machen. Jacob brauchte dem Projektleiter, stets nur den Nutzen oder die Konsequenzen der jeweiligen Unternehmung, vor die Augen halten. Meistens reichten diese Argumente, um das von Jacob anvisierte Ziel zu erreichen. Mayer war durch seinen ständigen Alkoholkonsum, schon lange nicht mehr in der Lage logisch zu denken.
Der Chefarzt bekam sich in dieser Zeit nicht nur einmal mit Mayer, Hunsinger und vor allem mit dem Institut in die Haare. Da er Befehle bekam, die die Gesundheit der Kinder nachhaltig negativ beeinflussten. Zwei drastische Operationen an den Kindern, konnte Jacob allerdings nicht verhindern.
Als der Arzt den Befehl für diese erste schwerwiegende Operation bekam, hatte Jacob die Ausführung vollkommen verweigert. Verhindern konnte er diesen Eingriff trotzdem nicht. Das ärgerte Jacob maßlos, denn er musste im Endeffekt alles ausbaden, was ihm der andere Arzt gedankenlos wie er war, eingebrockt hatte.
Trotzdem er den Befehl verweigerte, fühlte sich Jacob schuldig, dass die Operation trotz all seiner Proteste durchgeführt wurde. Denn der Schaden an der Gesundheit der Kinder war irreparabel und brachte nur qualvolle Nachteile für die Kinder. Wenn sich Jacob daran erinnerte, kam sofort die Wut von damals wieder in ihm hoch. Der Chefarzt konnte sich nur zu gut an diese Zeit erinnern. Es war kurz vor dem ersten Geburtstag der Kinder, als er diesen unmenschlichen Befehl bekam.
Am 1. Februar 1960, zwei Jahre nach dem Projektstart, rief Professor Rakowski an und verlangte von Jacob, dass er diese Missgeburten zu kastrieren hätte. Als Chefarzt hätte dieser dafür Sorge zu tragen, dass diese scheußlichen Kreaturen sich nicht auch noch vermehrten. Da sich diese, im fortpflanzungsfähigen Stadium befänden, wäre dies die einzige vertretbare Option, ohne dass man ein Haufen Geld verschleudern müsste: So die Worte Rakowskis. Jacob diskutierte mit dem Professor über einen Stunde und bekam, von dessen Seite keinerlei Handlungsfreiheit. Also beschloss er, zu Mayer ins Büro zu gehen und vernünftig mit ihm darüber zu sprechen. Der Oberstleutnant hatte sich seit einigen Wochen etwas beruhigt. So trug sich Jacob mit der Hoffnung, dass er sich mit Mayer einigermaßen vernünftig unterhalten konnte, wenn das überhaupt möglich war. Bei der geplanten Kastration, gab Jacob am Anfang die Hoffnung nicht auf, dass er sich Mayers Unterstützung sichern konnte. Leider hatte er sich in diesem Punkt, vollkommen getäuscht.
Jacob betrat Mayers Büro, deshalb zu einer Uhrzeit, von der er annahm seinen Vorgesetzten noch einigermaßen nüchtern antreffen zu können. Er wollte Mayer vor Augen führen, wie unmenschlich es wäre, Kinder von gerade einmal einem Jahr die Fähigkeiten zu rauben, sich fortzupflanzen. Es gäbe andere und vor allem humanere Methoden, diese Fortpflanzung zu verhindern. Bei diesem Thema allerdings stieß er bei Mayer auf taube Ohren. Als Jacob ihm berichtete, was man von ihm verlangte reagierte Mayer ungewohnt heftig und das, obwohl er noch nüchtern war.
Mayer sah ihn an, meinte. "Jacob was wollen sie? Diese Kreaturen sollen sich doch nicht etwa vermehren. Reichen nicht zweiundachtzig dieser Missgeburten?"
Jacob schüttelte den Kopf. Natürlich käme dies im Moment überhaupt nicht in Betracht, erklärte er dem Projektleiter, die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis, läge sowieso weit unter drei Prozent. Es ginge auch nicht um die Möglichkeit einer eventuellen Fortpflanzung, sondern um das Prinzip. Was Jacob, dann für ein Problem hätte, wollte Mayer von ihm wissen. Schließlich wäre diese Operation, so seine Information, nur ein kleiner Eingriff. Der Arzt hielt seinem Vorgesetzten vor Augen, dass dort unten in dem Raum zweiundachtzig Menschen wären, die auch Rechte hätten. Dass man den Kindern wenigstens ein Mitspracherecht einräumen sollte. Was er davon halten würde, wenn andere für ihn bestimmten, dass man ihn einfach kastrieren sollte. Das dieser Eingriff, nur mit dem Einverständnis der Kinder stattfinden könnte. Vorausgesetzt, dass diese damit einverstanden wären. Auch, wenn sie künstlich entstanden wären, hätten sie ein Recht auf Mitbestimmung.
Mayer sah Jacob Kopfschüttelnd an. "Jacob, das sind keine Menschen, das sind nur dumme und willenlose Tiere, Kreaturen, missgestaltete Dinger. Die haben keinerlei Rechte."
Jacob musste bei diesen Worten, tief Luft holen, um nicht auszurasten. Der Chefarzt versuchte ruhig weiter zu sprechen und stellte dem Projektleiter die Frage. "Wieso, sind es auf einmal keine Kinder mehr? Diese armen Wesen sind erst seit einem Jahr auf der Welt und ihr wollt ihn etwas Wichtiges nehmen. Diese Kreaturen wie ihr sie nennt, können doch nichts dafür, dass sie auf der Welt sind. Sie haben genau wie wir Hände, Füße, einen Kopf zum Denken. Genau, wie sie und ich."
Mayer grinste Jacob höhnisch an und schüttelte den Kopf. "Jacob, wie lange betreuen sie diese Kreaturen schon? Seit über einem Jahr. Ich glaube sie sind zu eng an denen dran. Kinder und das müssten sie als Arzt eigentlich besser wissen als ich, werden von Müttern geboren. Sie lernen Körperwärme und Liebe kennen. Da unten, das sind nur willenslose Ausgeburten der Hölle, wilde Tiere, abartige Kreaturen. Suchen sie sich den Begriff aus, der ihnen am besten gefällt. Diese Dinger da unten, werden kastriert, das ist mein letztes Wort. Ich will nicht noch mehr, solcher Dingern auf der Welt wissen. Verschwinden sie."
Jacob starrte seinen Vorgesetzten an und verließ wortlos den Raum. Er hatte alles erwartet aber nicht solch eine Abfuhr. Am ganzem Körper zitternd, ging nach oben in sein Büro. Dort flippte der Arzt völlig aus. Jacob musste sich abreagieren und demolierte in seiner unendlichen Wut, sein gesamtes Büro. Anna geriet zwischen die Fronten, als sie versuchte beruhigend auf Jacob einzureden. Der Chefarzt war rasend vor Wut, auf alle die an diesem scheußlichen Projekt mitarbeiteten.
Seine Freundin versuchte ihn mit Worten zu beruhigen. "Fritz, was gehst du, wie ein wildes Tier hier um? Was …", weiter kam sie nicht.
Es waren die falschen Worte, die Anna gewählt hatte und das auch noch zum völlig falschesten Zeitpunkt. Das einzige was der Chefarzt in seiner Wut vernahm, war das Wort Tier und dies stachelte seine Wut noch mehr an. Es geschah etwas, dass Anna niemals für möglich gehalten hätte. Jacob ging wie ein Besessener auf Anna los. Jacobs Freundin hatte nur wahnsinniges Glück, dass im selben Moment Chris Martin in Jacobs Büro kam, der von Jacobs Laboranten alarmiert wurde war. Martin kam mit der Generalkarte in Jacobs gestürzt, weil man ihm davon informierte, dass in Jacobs Wohnung jemand alles demolieren würde.
Als der Chefarzt in seiner Raserei die Faust erhob, um denjenigen zu schlagen, der seine Kinder Tiere nannte, fing Martin dessen Faust mit seinem Körper ab. Dadurch verhinderte er, dass sein Freund Anna schlug. Die junge Frau hätte dem Schlag gar nicht ausweichen können, da Jacob sie schon in die Ecke des Raumes gedrängt hatte.
"Anna hole Hilfe. Das schaffe ich nicht alleine", rief Chris, während er mit Jacob kämpfte, der völlig unter Schock stehenden Frau zu.
Jacobs Freundin brauchte einige Sekunden, um überhaupt zu realisieren, was hier vor sich ging. Als Martins Worte zu ihr durchgedrungen waren, rannte Anna sofort zum Telefon, um über die Notrufzentrale Hilfe für Chris zu organisieren. Nach dem Anruf stand sie weinend da und ließ sich an der Wand herunter rutschen. Jacob drehte völlig durch. Das Gespräch mit Mayer brachte das Fass zum Überlaufen.
Zu viele musste der Chefarzt in den letzten zwei Jahren verkraften. Er konnte einfach nicht mehr wegstecken. Ohne richtig zu realisieren was er tat, ging er jetzt gegen Chris vor. Es kam zu einem kurzen, jedoch sehr heftigen Kampf. Der erst ein Ende fand, als die Wachmannschaft eintraf und vier Leute gemeinsam gegen den tobenden Arzt vorgingen und ihn schließlich, auf dem Boden fixierten. Die eintreffenden Wachleute riefen Anna zu.
"Hol Anderson, wir müssen Fritz ruhig stellen."
Anna verständigte, während die Männer noch gegen Jacob kämpften, nun auch noch Doktor Anderson. Sie war völlig aufgelöst. Zum Glück war Anderson gerade unten auf der 6/blau, so dass er innerhalb weniger Augenblicke in Jacobs Wohnung ankam. Gemeinsam schaffte es die Wachmannschaft und Anderson, den immer noch tobenden Jacob ruhig zu stellen. Erst eine Stunde später, war Jacob wieder ansprechbar. Völlig verwirrt und mit immer größer werdender Verzweiflung hörte er den Berichten der Anwesenden zu. Am liebsten wäre der Chefarzt in Grund und Boden versunken. Jacob sah völlig durcheinander, und sah abwechselnd von Anna zu Chris und wieder zurück.
"Das habe ich nicht gemacht", flüsterte er.
Die Gesichter der im Raum Anwesenden, sprachen jedoch eine andere Sprache.
"Es tut mir leid Engelchen. Ich weiß das gar nicht. Echt Chris, ich wollte euch nicht weh tun. Wirklich nicht", stotterte er immer wieder.
Völlig fertig mit den Nerven, fing Jacob an zu weinen. Anderson versuchte auf seinen Freund beruhigend einzureden. Vorsichtig erkundigten sich Anderson und Anna beim Chefarzt, was denn überhaupt geschehen war.
Nachdem sich Jacob vollständig beruhigt hatte, erzählte er seinen Freunden, was in Mayers Büro vorgefallen war. Anderson ging ein Licht auf, er ahnte, was den so engagierten Arzt, dermaßen aus der Spur geworfen hatte und warum dieser so ausgeflippt war.
Chris Martin, Anderson, Anna diskutierte eine ganze Weile, das Für und Wider dieser Situation. Sie waren sich darüber einig, dass der Ausraster von Jacob etwas einmaliges war und beruhigten den Chefarzt.
Vor allem gaben sie Jacob den Rat, nicht immer alles in sich hineinzufressen, sondern lieber öfter mit ihnen über seine Probleme zu sprechen. Vor allem aber das nächste Mal zuerst mit den Kindern eine Lösung zu suchen, bevor er sich noch einmal in eine solche prekäre Situation brachte. Anderson war der Meinung, dass die Kinder alt genug seine, selber entscheiden zu können, was gut und was nicht gut für sie wäre. Jacob müsse endlich lernen, seine Kinder loszulassen, sonst würde ihn dieser Job verrückt machen. Die Kinder unten im Raum, wären keine Kleinkinder mehr, sondern schon fast erwachsenen Menschen, denen es nur an Lebenserfahrung fehlte, nicht aber an Wissen. Diese wären ihrem geistigen Entwicklungsstand nach Volljährig und könnten sehr wohl über ihre eigene Zukunft entscheiden. Selbst die geistige Ausbildung wäre auf diesem Stand.
Jacob sah lange seine Freunde an, die ihm richtig die Meinung sagten. Alle waren der gleichen Meinung, dass Jacob immer noch davon ausging, dass seine Kinder auf der 6/blau, erst ein Jahr alt wären. Dies stimmt zwar, aber nur biologisch. Im geistigen wären seine Kinder mindestens zwanzig Jahre, wenn nicht sogar schon älter. Er solle einmal über Lyn nachdenken, an die Streitgespräche, die er ständig mit ihr führte. Der Chefarzt schluckte diese bittere Pille und gab seinen Freunden recht. Lange noch saß Jacob auf seinen Stuhl und starrte auf den Boden. Dieses Mal brauchte er sehr lange, ehe er sich vollständig beruhigt hatte. Nochmals entschuldigte er sich bei Chris und Anna und war froh, dass beide außer einigen blauen Flecken und einen gewaltigen Schrecken nichts abbekommen haben. Vor allem aber, dass ihm niemand seinen Ausraster übelnahm.
Auch Anna und Jacob sprachen sich an diesen Abend aus und sie verzieh ihrem Freund. Nicht nur weil sie ihn aus ganzem Herzen liebte, sondern weil so schon lange vermutet hatte, dass Jacob die Lasten die auf seinen Schultern ruhten nicht mehr tragen konnte.
Froh das alles einigermaßen überstanden zu haben, ging er nach unten auf die 6/blau, um mit seinen Kindern über das Problem zu sprechen. Verzweifelt berichtete er Lyn, Rashida und Jaan, von dem, was man von ihm verlangte. Jacob erzählte den Dreien auch, dass er in seiner Wut, Anna und seinen besten Freund geschlagen hatte. Die Kinder sahen wie fertig der Arzt war. Der Chefarzt erklärte ihnen auch, dass er völlig verzweifelt wäre und nicht wüsste, was er machen sollte.
Lyn, die wie immer, wenn Jacob etwas mit ihnen besprechen wollte, zu allen die Verbindung aufgemacht hatte, sprach sich mit ihren Freunden ab. Sie erkundigte sich nach den Risiken und den Nachteilen. Auch stellte sie einige Fragen, die ihre Freunde hatten. Als alle Unklarheiten geklärt waren, sah sie ihren Doko mit schräg gehaltenem Kopf an.
"Doko, du musst nicht böse sein. Wenn du gleich mit uns reden würdest, könntest du dir viele Sorgen ersparen. Es ist doch nicht schlimm, wenn man uns Kastriert. Mache es einfach. Es hat für uns Mädchen nur Vorteile. Schau, es ist nicht schön, einmal im Monat zu bluten. Vor allem haben die meisten Mädchen schlimme Beschwerden. Wenn das nicht mehr ist, sind wir alle nicht böse. Wir möchten alle, dass du es machst. Bei dir wissen wir, uns in guten Händen. Die Jungs finden das auch nicht tragisch. Was soll der ganze Stress also, Doko. Warum machst du dir das Leben unnötig schwer?"
Jacob starrte Lyn, dann Rashida und Jaan an. Lange blieb er mit dem Kopf auf die Hände gestützt und grübelnd am Tisch sitzen. "Euch ist es also egal, wenn ihr niemals eigene Kinder haben könnt."
Lyn sah den Doko lange an und kämpfte schwer mit sich. Schließlich nahm sie obwohl der Chefarzt das Licht angemacht hatte, die Brille ab. "Doko, sieh mich doch mal an. Kannst du mir sagen, was wir mit Kindern sollen? Sieh uns mal genau an und sei mal ehrlich zu dir selber. Würdest du das, was man uns antat, deinen eigenen Kindern antun, Doko?"
Jacob konnte nicht fassen, was Lyn da sagte. Erst schüttelte er den Kopf, schließlich nickte er. Sein kleines Mädchen hatte wie so oft, den Nagel auf den Kopf getroffen. Er würde das seinen Kindern niemals antun. Sie hatte so Recht. Also führte der Chefarzt, die total Sterilisation bei den Mädchen, durch Herausnahme der Gebärmutter durch, aber auch die Vasektomie, die Durchtrennung der Samenleiter bei den Jungen durch. Keines der Mädchen war traurig darüber, auch keiner der Jungs machte auch nur den Versuch, um eine Ausnahme zu bitte.
Seit dieser Sache, war Jacob nie wieder ausgeflippt. Stets ging er nachdem er einen solchen Befehl erhalten hatte, zuerst nach unten zu seinen Kindern, um sich mit ihnen zu beraten. Obwohl er noch einige Dinge tun musste, die ihm überhaupt nicht gefielen. Die aber notwendig waren, um die Herren vom Institut ruhig zu stellen.
So hatte sich alles wieder einigermaßen eingerenkt. Leider gingen nicht alle diese sinnlosen Befehle die Jacob in den nächsten vier Jahren bekam, so spurlos an den Kindern vorüber. Der schlimmste Kampf stand Jacob noch bevor, auch diesen würde er verlieren.
Der darauffolgende Befehl den der Chefarzt vom Institut bekam, war der Schlimmste überhaupt. Wieder entbrannte ein Kampf zwischen dem Chefarzt und der Projektleitung, auch diesen Kampf verlor der Arzt. Diesmal jedoch ohne seine Beherrschung zu verlieren. Dieser eine verlorene Kampf brachte den Kindern nur Leid ein und die Jacobs an die Grenze des Ertragbaren, weil sie nicht wussten, wie sie ihren Kindern helfen sollten. Vor allem brachte dieser sinnlose Befehl, das gesamte Projekt für Wochen zum Erliegen.
Man verlangte vom Chefarzt, dass er eine Augenoperation durchführen sollte, bei der er die Nickhaut des Auges entfernen sollte. Auch wenn sich Jacob weigerte die Augenoperation durchzuführen, blieb die Operation den Kindern nicht erspart. Diese völlig widerwitzig und sinnlose Operation, war nur zum Schaden der Kinder. Die Herren vom Institut waren der Meinung gewesen, das die Nickhaut der Augen, das klare Sehen der Kinder behindern würde, so ein verdammter Quatsch.
Die Nickhaut eines Auges stellt das sogenannte dritte Augenlid dar. Bei Menschen und anderen Primaten war dieses, rudimentär, also funktionslos zurückgebildet. Reptilien, zum Beispiel Krokodile, Echsen, aber auch Sägetiere, wie die Eisbären, besaßen dieses Häutchen im Auge noch. Die Nickhaut konnte man bei all diesen Tierarten, auch deutlich erkennen. Die dünne Haut liegt direkt über dem Augen und bei Gefahr kann sie wie eine Art Jalousie über das Auge gezogen werden und schützte es dadurch zusätzlich. Bei den "Hundert" diente die Nickhaut, ähnlich wie bei den Eisbären, als eine Art Sonnenbrille, die das Auge vor zu viel Licht schützen sollte. Die Kinder sahen genauso gut mit, wie ohne dieses feine Häutchen. Durch das Entfernen der Nickhaut, war das empfindliche Auge praktisch ohne jeglichen Schutz. Da dieses Häutchen, das Auge nicht nur vor dem Licht, sondern auch vor Staub und Schmutzpartikeln schützte. Die Nickhaut stellte eine Art Scheibenwischer für das Auge dar. In dem durchsichtigen und sehr dünnen Häutchen, waren unzählige Drüsen enthalten, die zusammen mit der eigentlichen Tränendrüse, die produzierte Tränenflüssigkeit im Augen verteilte und die mittlere Schicht des Tränenfilms bildeten. Durch Nickhautmuskulatur wurde das Auge unter Wasser wie auch an Land, ständig vor mechanischen Einflüssen geschützt. Es war also völlig falsch, dass die Kinder wesentlich besser und schärfer, ohne dieses Häutchen sehen könnten. Diese Operation brachte den Kindern, wie sich hinterher bewies, nur Nachteile. Aber die Herren aus dem Genlabor, wussten es wie immer besser. Sie kannten sich ja, um so vieles besser mit der Anatomie der "Hundert" aus.
Wieder einmal kam diese unsagbare Wut in Jacob hoch, weil man einfach nicht auf ihn hören wollte. Die feinen Herren hatten nicht Jahre lang, die toten Kinder untersucht, um zu erforschen, wie die Lebenden funktionieren. Die wussten absolut nichts und experimentieren mit unschuldigen Kindern herum, als wenn es Versuchskarnickel wären. Jacob versuchte wirklich alles, sein Kampf war leider vergebens.
Die Augenoperation konnte er nicht verhindern. Man schickte einfach einen Augenspezialisten aus Russland, der diese Operation ohne nachzudenken oder sich erst einmal mit Jacob kurzzuschließen, vornahm. Nach den Operationen, verschwand der feine Herr sofort aus dem Projekt und ließ Jacob und seine Helfer mit den Auswirkungen der Operation alleine. Hinterher beschwerten sich alle, wieso die Genesung so lange dauern würde und das Projekt und die Ausbildung über Monate gestoppt werden musste. Zum Schluss wurden Jacob dann Vorwürfe gemacht, dass er die Projektleitung nicht genügend vor solch einer Möglichkeit gewarnt hätte: Obwohl der Chefarzt genau das vorhergesagt hatte.
Oh, hatten die Kinder danach zu leiden. Die Armen mussten monatelang durch die Hölle gehen. Trotz der Bänder die Jacob entwickelte, schrien die Kinder wie am Spieß, sobald sie mit Licht in Berührung kamen. Das Ganze Projekt lag über Wochen lahm, da keines der Kinder in der Lage war zu trainieren. Die Augen der "Hundert" waren nach der OP völlig ungeschützt und brachten die Kinder, durch die daraus resultierenden Schmerzen, an die Grenzen des Ertragbaren. Dem kleinsten Lichtstrahl ausgesetzt, fingen sie an zu schreien und waren über Monate, fast völlig blind gewesen. Sie konnten sich nur, in dem absolut dunklen Kinderraum aufhalten. Nicht einmal das Kerzenlicht konnten seine Kinder mehr ertragen. Das Licht eine Kerze in diesem großen Raum reichte aus, um die Kinder vor Schmerzen in den Wahnsinn zu treiben.
Die Schwestern zogen deshalb mit ihren Schreibtisch und der Kochecke vor den Raum der Kinder und saßen wochenlang auf dem Gang, um ihre Schützlinge nicht noch mehr zu quälen.
Mit Hilfe eines befreundeten Optikers konnte Jacob eine spezielle Brille konstruierte, die alles Licht absorbierte, danach wurde es langsam besser. Trotzdem dauerte es noch fast ein Jahr lang, bis die Kinder wieder völlig genesen waren und die Augen der Kinder sich nicht mehr ständig entzündeten. Erst nach zwei langen Jahren hatten sich die Augen der Kinder vollständig von der sinnlosen Operation erholt. Erst als Jacob, durch Anna auf die Idee kam, den Tränenfluss der Augen zu verstärken, in dem er der Spezialnahrung der Kinder, eine höhere Dosis Chloracetophenon, zusetzte, wurde es besser. Chloracetophenon ist einen Stoff den man zur Herstellung von Tränengas benötigte. Die Kinder waren so froh, als dieses Mittel anschlug. Es war eine Erlösung für sie und alle atmeten auf.
Lyn erklärte einige Wochen später ihrem Doko, sie hatte ständig das Gefühl, ihre Augen wären mit Schmirgelpapier bedeckt. Nach fast Zwei Jahre, hatte sich der Körper der Kinder auf die Veränderung eingestellt, die Augen produzieren jetzt genügend Tränenflüssigkeit. Seit dieser Zeit, litt keines der Kinder mehr an diesen schlimmen Entzündungen. Vor allem aber nicht mehr, an diesen höllischen Schmerzen.
Viel Zeit war seit dem vergangen und die Kinder waren schon fast viereinhalb Jahre alt. Doris, Pia, Walli, Doktor Anderson und all die anderen, wurden vor einem halben Jahr entlassen, genauso die Laboranten.
Oberschwester Walli und Jim Anderson heiratete vor zwei Jahren und waren seit dem ein glückliches Paar. Auch Pia, die Oberschwester der Laboranten, war seit einigen Monaten mit Walter Zolger verlobt, die beiden beabsichtigen in der nächsten Zeit zu heiraten. Doktor Zolger widmete sich wieder ganz seiner Forschungen, außerhalb des Projektes. Unterstützte Jacob allerdings weiterhin, durch seine Forschungen, auch weil er sich einiges an Proben mitnahm, um seinen ehemaligen Chefarzt weiterhin zu unterstützen.
Die Ärzte, Schwestern und Laboranten die das Projekt verlassen hatten, waren alle durch die Reihe froh, dass sie das Objekt endlich verlassen konnten. Das Leben, war trotz des Luxus, den man hatte, die Hölle. Alle waren erleichtert den Fängen Mayers entronnen zu sein, der Mitarbeiter immer noch aufs äußerste quälte. Auch wenn er nicht mehr ständig zuschlug, hatte er andere Methoden gefunden, um die Mitarbeiter zu drangsalieren. Ihm konnte man einfach nichts Recht machen.
Den Entkommenen, taten diejenigen leid, die im Projekt verbleiben mussten. Keine traute sich in der Öffentlichkeit gegen dieses menschenunwürdige Projekt vorzugehen, aus Angst vor den Konsequenzen. Jacob redete allen ins Gewissen, es bleiben zu lassen, um deren Leben zu schützen.
Zurück blieben für die medizinische Betreuung der "Hundert", nur Doktor Jacob und seine Frau Anna. Mehr Mitarbeiter benötigte das "Projekt Dalinow" nicht mehr, da die "Hundert" vor einem halben Jahr ihre medizinische Ausbildung abgeschlossen hatten. Die "Hundert" konnten dadurch dem Doko und der Dika, im Ernstfall zur Hand gehen. So blieb alle Arbeit an den Jacobs hängen, da die beiden oft alleine für alle Mitarbeiter zuständig waren. Jahr für Jahr, nahmen die Außeneinsätze der "Hundert" zu.
Lyn hatte es durch die Zusammenarbeit mit Doko und Dika geschafft, Medikamente zu entwickeln, die gegen das Fieber und die Schmerzen, bei den "Hundert" halfen. Sie hatte, wie Jacob immer stolz berichtete, ein Medikamentensystem für diese Kinder entwickelt, welches einzigartig war. Lyn unterstützte Jacob auch, in ihrer knapp bemessenen Freizeit, mit ihren Ideen und Erfahrungen bei dessen Forschungen. Vor allem forderte sie Jacob sehr. Oft wandte sich das Mädchen mit der Bitte um Hilfe an die Jacobs und gab ihnen interessante Denkanstöße, in die richtige Richtung. Vor allem gab sie auch viele nützliche Ideen weiter, die das Leben der Kinder erleichterten und konnte sie zusammen mit den Jacobs umgesetzt.
So hatte der Chefarzt ein Traubenzucker-Protein-Präparat entwickelt, das er Tscenns nannte. Die Tsceens, wurden für die Kinder als zusätzliches Nahrungsmittel eingesetzt. Oft litten die Kinder in den ersten Jahren an unerklärlichen Durchfällen und konnten oft Tage lang nichts bei sich behalten. Durch dieses Präparat, kam es zu keinerlei Mangelerscheinungen mehr. Erst seitdem man mit dem Hersteller der Spezialnahrung gesprochen hatte und klar machte, wie lebensgefährlich eine Abweichung der Zusammensetzung war, wurde es besser mit der Verträglichkeit der Nahrung. Die Mitarbeiter der Fabrik in der die Nahrung hergestellt wurde, sahen lange Zeit nicht ein, dass die Zusammensetzung keinerlei Abweichung vertrug. Erst seit die vorgeschriebenen Rezepturen durch das Institut überwacht wurde, gab es keinerlei Abweichungen mehr. Es war ein langer und schwerer Kampf bis zu diesem Punkt, für die Jacobs gewesen. Wer hatte schon Verständnis dafür, dass nur 0,1 Prozent Abweichung in der Zusammensetzung der Nahrung, solche verheerende Auswirkungen haben könnte. Erst seit ungefähr drei Jahren wurde die Nahrung vor dem Abfüllen und der Auslieferung, auf seine genaue Zusammenstellung durch Mitarbeiter aus dem Institut überprüft und abgenommen. Seit dem gab keine es solche Verdauungsprobleme mehr. Na ja, da waren diese Leute wenigstens einmal zu etwas nütze, ging es Jacob durch den Kopf. Die Tscenns waren auch deshalb wichtig, da es immer noch nicht gelungen war, einen Nahrungsersatz für die "Hundert" zu finden, so dass sie während der Einsätze etwas zu essen bekommen konnten. Weder Jacob noch Zolger fanden eine Möglichkeit, eine Art Notration für die Kinder herzustellen. Die Nahrung musste man aufkochen und dies war im Einsatz leider selten möglich. Dadurch litten die Kinder in dieser Zeit oft Hunger. Durch die Tscenns konnte man den Hunger wenigstens etwas abschwächen. Es war keine Ersatznahrung, half allerdings den Kindern bei Kräften zu bleiben.
Die für Jacob wertvollste Idee war allerdings die Entwicklung eines Stoffes, der zum Schutz bei Verletzungen diente. Die Idee stammte ebenfalls von Lyn und wurde von den Jacobs weiterentwickelt. Wie alles, was für die "Hundert" benötigt wurde, überprüfte Zolger danach die Verträglichkeit. Nach der Vergiftung Lyns durch das Antibiotische Pulver, ließ Jacob alle Medikamente durchtesten. Das Ergebnis war selbst für Zolger ein unerwartetes. Für den Chefarzt der "Hundert", war Zolgers Ergebnisse eine Katastrophe. Auf achtundneunzig Prozent, aller handelsüblichen Medikamente, reagierten die "Hundert" hyperallergisch. Jacob konnte nichts aus der normalen Medizin, bei den Kindern einsetzen. Nicht einmal einen einfachen Flüssigkeitstropf, der nur eine Salzlösung darstellte. Wirklich alles musste für die seine Kinder extra hergestellt werden. Hier war oft der Erfindungsreichtum Jacobs von großem Vorteil, vor allem dessen Ambitionen fürs Forschen. Jacob dankte nicht nur einmal seiner Frau, dass sie den Wunsch geäußert hatte Apothekerin zu werden.
Anna wurde durch ihre Ausbildung und ihr Können, zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Projektes. Sie war es, die am Anfang viele dieser Medikamente herstellte, bis Lyn die Idee mit dem Medikamentenbaukasten hatte.
Seit dem war der Arbeitsaufwand für Anna wesentlich geringer geworden und sie konnte Jacob bei seinen Forschungen helfen. Nur noch neue und in der Entwicklungsphase stehende Medikamente, wie Salben oder Verbandmaterialen, stellte Anna noch her. Zum Beispiel die Tyronplatten, die Anna herstellte. Das Verbandsmaterial wurde durch ein spezielles, mit Zolgers Hilfe entwickeltes Verfahren produziert. Die Tyronplatten wurde vor allem bei Knochenbrüchen oder zum Schutz von frischoperierten Verletzungen eingesetzt. Diese Platten waren sehr leicht, vor allem schnell einsetzbar. Das Wichtigste allerdings war, dass die Herstellung fast nichts kostete und Jacob wünschte sich, dass man das Verbandmaterial auch in der normalen Unfallchirurgie einsetzen würde. Leider war die Pharmaindustrie gar nicht an solchen Produkten interessiert, die den Patienten allerdings die schweren Gipsverbände ersparen könnte und wesentlich weniger kosten würden. Für Jacob war es, das Verbandsmaterial der Zukunft. Man konnte mit den Tyronplatten während des Kampfes ein gebrochenes Bein einzugipsen und vor allem, dauerte das nur Sekunden. Während eines Kampfes hatte man gar keine Zeit stundenlang zu warten, bis der Gips getrocknet war. Vor allem könnte der Verletzte, sein frisch eingegipstes Bein nicht sofort wieder belasten. Durch den Einsatz der Tyronplatten, konnte man das verletzte Bein oder den Arm, sofort wieder zu hundert Prozent belasten. Dadurch, dass die Hundert eine wesentlich höhere Schmerzgrenze hatte, war es nur wichtig, den Bruch zu justieren, um das richtige zusammenwachsen des Bruches zu gewährleisten. Mit den Tyronplatten konnte man innerhalb von Sekunden den Bruch schienen, so dass der Kämpfer weiterlaufen oder weiterkämpfen konnte. Vor allem war das Material sehr leicht und behinderte die Kämpfer nicht bei der Bewegung.
Viele Möglichkeiten fanden die Jacobs mit Lyn zusammen, um Verletzungen währende des Kampfes schnell behandeln zu können. Dadurch konnten sie ihren Kindern etwas Erleichterung verschaffen. Seit dem, den Kindern diese Medikamente und Hilfsmittel zur Verfügung standen, litt auch Lyn nicht mehr so unter den Schmerzen.
Im Raum der Kinder, war es seit langer Zeit sehr ruhig geworden. Für Jacobs Geschmack viel zu ruhig. Trotzdem genoss Jacob jede Sekunde, die er bei seinen Kindern verbringen konnte. Er holte sich dort die Kraft, die er für seinen täglichen Kampf im Projekt brauchte. Auch, wenn die Anzahl der Mitarbeiter und dadurch die Anzahl der täglichen Verletzungen weniger geworden war, hatte Jacob nicht mehr Zeit. Der Arbeitsaufwand des Chefarztes wurde einfach nicht weniger.
Zwar hatte er nicht mehr so viele Patienten, dafür wurde der Forschungsaufwand deutlich höher. Die Forschung forderte viel Zeit und brachte Jacob oft an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Jede freie Minute opferte Jacob, um für seine Kinder eine Verbesserung zu erreichen, was ihm auch oft gelang. Jacob hatte endlich begriffen, dass ein offener Kampf gegen Hunsinger und Mayer nicht brachte. Dass ihm nur die Möglichkeit der stillen und unbeobachteten Hilfe blieb.
Diese Hilfe nahmen auch seine Kinder dankend an. Dadurch wurde das Verhältnis zwischen dem Arzt und den Kindern um vieles besser. Die Kinder liebten ihren Doko und hatten endlich zu ihm und seiner Frau Vertrauen gefasst.
Ein freudiges Ereignis gab es für die Kinder, vor zwei Jahren. Nach vielen Hindernissen und langer vergeblicher Wartezeit, gaben sich auch Jacob und Anna das "Ja" Wort. Sie heirateten hier im Projekt, am gleichen Tag, an dem auch Walli und Anderson den Bund fürs Leben eingingen. Aus der geplanten großen Hochzeit, wurde eine Feier im ausgewählten Kreis von Freunden. Leider durften die Paare zu ihrer Hochzeit die Kinder nicht einladen, obwohl die Vier das gern gemacht hätten. Wie sehr hatten sich die Andersons und Jacobs gewünscht, dass die Kinder die Hochzeit miterleben konnten. Leider konnte man nicht alles im Leben haben.
Aber wie überall im Leben gilt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Deshalb feierten die Vier einfach ein zweites Mal Hochzeit und stellten diese im Raum der Kinder nach. Dadurch konnten die Kinder die Hochzeit trotzdem erleben. Sogar die Kleider zogen Walli und Anna für ihre Kinder noch einmal an.
Der Grund weshalb die Kinder an der langfristig geplanten Feier nicht teilnehmen durften, war die Ausladung Sigmar Mayers. Dass die Feier ohne ihn stattfand, war etwas, dass den Projektleiter zur Weißglut brachte und versetzte dem Oberstleutnant einen schweren Schlag. Durch Jacobs Vorgehensweise begriff Mayer endlich, dass er seinen besten Freund endgültig verloren hatte. Er verstand allerdings in seinem Suff nicht, dass die Ursache in seinem eigenen Verhalten suchen war und die Schuld weder bei Jacob und den Andersons lag. Jacob, Anna, Anderson und Walli hofften lange Zeit, dass sie ihren ehemaligen Freund noch zur Vernunft bringen konnten. Lange Zeit hegten sie die Hoffnung und arbeiteten mit viel Geduld darauf hin, dass Mayer sich wieder fangen würde. Die Hochzeiten wurden aus diesem Grund immer wieder verschoben. Irgendwann begriffen die beiden Pärchen, dass sie ihren Freund durch nichts mehr retten konnten. Man hatte alles versucht, im Guten wie im Bösen. Nichts half, man konnte einfach nicht in Ruhe mit Mayer reden. Leider hatten sie sich getäuscht. Mayer ging nur noch den Weg des geringsten Widerstandes. Einen Weg, den die anderen alle nicht akzeptieren konnten und wollten.
Mehrmals schon versuchte Jacob, die Projektleitung von Mayers akutem Alkoholproblem zu informieren. Diese lag immer noch in Hunsingers Hände. Außer einen Aussprache, erreichte der Chefarzt nur, dass er als Querulant hingestellt wurde. Seinen Bitten nach Ablösung Mayers, wurde bis zum jetzigen Tag kein Gehör geschenkt. Für Hunsinger war Mayer unersetzbar. Da das "Projekt Dalinow" trotz Mayers Alkoholproblem sehr gut lief, bestand für Berlin keine Notwendigkeit einzugreifen. Dass allerdings die andern Mitarbeiter, den Großteil der Arbeit im Projekt machten, die eigentlich in dem Aufgabenbereich Mayers lagen, sah niemand.
Oberstleutnant Mayer jedoch, war so in seinen Hass und sein Selbstmitleid vertieft, dass man nicht mehr an ihn heran kam. Die einzigen Menschen die Mayer noch an sich heranließ, waren seine Saufkumpane, aus den Reihen der Betreuer. Reimund mit dem Jacob eigentlich immer gut ausgekommen war, brachte es einmal auf den Punkt.
"Fritz, sag mir was ich machen soll? Ich habe nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich stelle mich gegen Sigmar, dann habe ich ständig Schmerzen oder aber ich saufe mit ihm, rede ihm nach dem Mund und habe so meine Ruhe. Nicht jeder ist so irre wie du und stellt sich gegen den Chef. Fritz, du kannst dich verteidigen gegen seine Schläge. Ich kann das nicht", dabei sah er Jacob ernst an.
Auch wenn Jacob dieses Verhalten Reimunds nicht guthieß, konnte er Reimund zum Teil verstehen. Ilkas ehemaliger Betreuer und engster Vertrauter Mayers, lebte so eng mit ihm zusammen, dass Reimund nur der letzte Weg blieb oder das Verlassen des Projektes. Das Aussteigen aus dem Projekt, kam für diesen geldgierigen Menschen nicht in Frage. Er erklärte Jacob, so ein schönes Leben wie hier, bekäme er nie wieder. Solange er könne, würde er im Projekt bleiben und wenn das bedeutet mit Mayer saufen zu müssen, dann würde er das tun.
Jacob schüttelte unbewusst den Kopf. Wie oft überlegte Jacob, ob er diesen Wahnsinn nicht einfach beendet sollte und es besser wäre, selber aus dem Projekt aussteigt sollte. Allerdings wusste er auch, dass er damit nicht leben könnte. Es wäre für ihn, wie ein Verrat an den Kindern. Selbst Anna sah das so und bestätigte seine Meinung. Sie sah Jacob, wenn diese Diskussion auf kam, immer traurig an.
"Fritz, was wird dann aus unseren Kindern? Wer beschützt sie dann? Wir haben eine Verantwortung übernommen. Wir können die Kleinen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen."
Seine Frau hatte ja so recht. Also blieben die Jacobs im Projekt und versuchten so gut es ging ihre Kinder zu schützen. Sie waren heil froh, dass sie alle zweiundachtzig Kinder bis jetzt am Leben erhalten konnten. Etwas was Jacob nicht für möglich gehalten hatte. Die Verletzungen mit denen sie nach den ersten Übungseinsätzen wieder zurück kamen, waren oft so schwer, dass der Chefarzt mit Schrecken an die Zukunft dachte.
Oft genug lagen sich Jacob und Lyn in den Haaren, weil er ständig in Sorge um die Kinder war. So oft hatte Lyn ihm gesagt, dass er ihr endlich Vertrauen schenken sollte. Sie würde auf ihre Freunde schon aufpassen und nicht zulassen, dass ihnen etwas geschah. Jacob konnte allerdings seine Sorgen nicht so einfach abschalten. Immer noch machte ihm, der Tod der achtzehn Kinder zu schaffen. Etwas was Lyn nicht verstand.
"Doko Sir, denen geht es besser als uns. Ganz gut würde es ihnen gehen, wenn du sie endlich freilassen würdest. Was willst du an ihnen noch erforschen, Doko? Alles, was es zu erforschen gab, hast du schon herausgefunden. Lasse sie uns endlich dorthin bringen, wo sie hingehören und lass sie unter ihrem Baum leben. Sie haben es sich so verdient. Zu was sonst haben wir unseren Baum gepflanzt und gepflegt. Schau ihn dir an, wie groß er geworden ist, Sir."
Dabei sah Lyn Jacob immer traurig an. Er gab gibt ihr recht, deshalb ging er heute auch nach unten in den Raum der Kinder. Wie immer Ende Juli waren heute Mayer und alle noch verbliebenen Betreuer, zu einer Schulung in Berlin. Dort erfolgte auch eine Besprechung, wie es im nächsten Jahr mit den Hundert weiter gehen würde. Diese Zeit wollte Jacob nutzen, um Lyn und ihren Kameraden, den sehnlichsten Wunsch zu erfüllen.
Jacob betrat den Raum der Kinder, wie immer machte ihm, im ersten Moment diese Ruhe zu schaffen. Nie hörte man ein einziges Wort. Dies ging nun schon seit drei Jahren so. Zuvor, hörte man wenigstens ab und an einmal, dass die Kinder miteinander sprachen. Seit dem Lyn ausversehen von ihm vergiftet wurde, herrschte vollkommene Stille hier im Raum. So oft Jacob mit Lyn versuchte darüber zu sprechen, blockte diese ab. Also hatte er dieses Schweigen akzeptieren müssen. Den Kindern schadete es scheinbar nicht. Es sah aus als würden sie durch die Augen, miteinander reden. Wie immer saßen die Kinder in Grüppchen zusammen und schwiegen sich an. Verdammt, warum konnte er sich nur nicht an diese Ruhe gewöhnen. Langsam und aufmerksam, lief er hinter zu Lyn. Kurz ging er bei jeder der Kindergruppen vorbei und streichelte allen über den Kopf und stellt die Frage, die er immer stellt.
"Alles in Ordnung bei euch?"
Die Kinder nickten schweigend und lächeln ihn dabei mehr oder weniger zu. Wenn er am Anfang dachte, die Kinder hätten keinerlei Emotionen, so wusste er heute oder besser er sah es, sofort an ihrer Haltung, wie es ihnen ging. Er wusste, ob sie ihn anlächeln oder ob sie traurig waren. Man sah den Kindern genau an, ob es ihnen gut ging oder ob sie Schmerzen hatten. Das war etwas, dass er vor vier Jahren noch für unmöglich gehalten hatte. Hinten an Lyns Bett angekommen, saßen dort wie immer Jaan und Rashida.
"Hallo ihr drei. Wie geht es euch? Alles in Ordnung?"
Jaan und Rashida nickten. Lyn dagegen stand auf ging auf ihren Doko zu und drückte diesen einfach einen Kuss auf die Stirn.
"Doko, es ist alles in Ordnung bei uns, es ist keiner verletzt, Sir", sagte sie lächelnd.
Lyn setzte sich wieder auf die Beine ihrer Freundin. Groß war Lyn geworden, auch wenn sie bei weitem nicht an die gewünschte Größe von einhundertneunzig Zentimeter herankam. Lyn hatte auch tüchtig an Gewicht zugelegt. Keiner würde sie mehr als zierlich bezeichnen, wenn sie alleine irgendwo auftauchte. Mit ihren einhundertsechsundsechzig Zentimetern, war sie gut bestückt, mit einem Gewicht von ungefähr achtzig Kilo, was bei ihr immer etwas schwankte. Wenn man sie in ihrem Overall sah, dachte man im ersten Moment, was für ein Pummelchen. Wie oft hatte Jacob schon für Lyn, von der Größe her passende Overalls angefordert, nie wurden ihr diese Sachen zu gestanden. Deshalb sah man nicht, dass sie unter den oft viel zu großen Overalls, eine ordentliche Portion Muskeln versteckte. Das sah man erst, wenn sie sich auszog. Lyn nur in Turnhose und Bustier begleitet, war das reinste Muskelpaket und eine geballte Ladung Kraft. Jacob betrachtete sein kleines Mädchen, von der Seite.
Vor zwei Wochen hatte er sich wieder einmal das Training der Kinder angesehen, um deren Fortschritte dokumentarisch festzuhalten. Der Chefarzt selber, war ein wirklich gut durchtrainierter Nahkämpfer und holte auch in den letzten vier Jahren, wieder einige internationale Pokale. Jeden Tag trainierte er sehr intensiv mit Friedrich und den anderen Nahkampfausbildern. Lachend musste er sich eingestehen, dass er gegen keins der Kinder, auch nur den Funken einer Chance hatte. Oberst Friedrich, meinte er wäre einfach nur zu langsam. Jacob gestand sich im Gegensatz zum Chefausbilder ein, dass es nicht nur die Geschwindigkeit war, weshalb er keine Chance auf einen Sieg hatte. Seine Kinder waren Perfektionisten geworden, nicht der kleinste Fehler unterlief ihnen im Kampf und in der Technik. Außerdem waren die Trainer und auch er selber kraftmäßig, den Kindern vollkommen unterlegen. Jacob der es unbedingt wissen wollte, ging das Risiko ein, gegen Lyn einen kleinen Trainingskampf zu wagen. Es dauerte keine fünf Sekunden, da lag er besiegt auf der Matte. Lächelnd schüttelte Jacob den Kopf und riss sich aus den Gedanken zurück, in die Wirklichkeit. Wie so oft, gingen seinen Gedanken, hier im Raum wandern und er schwelgte in Erinnerungen.
"Doko lachen sie uns jetzt an oder aus, Doko?", wollte Lyn wissen und grinste ihn frech an.
"Nein Lyn, ich lache euch nicht aus. Warum sollte ich das auch tun? Das ist doch gar nicht meine Art. Ich dachte nur gerade an unseren letzten kleinen Kampf."
Nun musste auch Lyn lachen.
Jaan drehte seinen Kopf zu Doko Jacob. "Doko, da hatten sie aber Glück gehabt, dass nichts passiert ist. Vor allem, dass Lyn sie nicht wirklich angegriffen hatte. Sonst hätten sie nicht nur unten gelegen. Bei uns begeht keiner mehr den Fehler und greift Lyn von hinten an. Das bekommt keinen von uns, Doko", erklärt er lachend, seinem Arzt.
Der Chefarzt nickte. Er hatte es hier im Raum schon einige Male erlebt, dass sich die Kinder etwas neckten. Seit dem sie sicher waren, dass keiner der Betreuer diesen Raum mehr betrat. Es kam schon einmal vor, dass diese sich einfach von hinten an einen Freund heranschlichen und diesen nur so aus Spaß angriffen. Etwas anderes an Spielen, kannten diese Kinder ja nicht. Diese Neckereien endeten einige Male mit bösen Blessuren. Lyn, da hat Jaan voll und ganz recht, griff keiner mehr von hinten an. Jedenfalls nicht mehr, seitdem sie Jaan, aus solch einem Spaß heraus, fast getötet hätte.
Lyn war damals völlig in Gedanken versunken und hatte aus einem Reflex heraus, einfach ohne zu denken agiert. Dabei hatte sie Jaan fast den Kehlkopf zertrümmerte. Lyn selber machte solche Späße oft, einfach, um damit ihre Freunde endlich begriffen, dass man nirgends sicher war. Auch nicht zu Hause, also hier im Raum.
Jacob lacht schallend, seufzte dann herzzerreißend. "Ja ja, ich armer Doko. Ich habe mal wieder überhaupt keine Chance."
Da lachen alle drei mit, weil ihr Doko wieder einmal so absolut ehrlich war und man sah ihn an, dass es ihm grämte. Gerade weil er ein sehr guter Kämpfer war.
"Warum kommst du runter zu uns Doko? Willst du uns wieder einmal vermessen? Oder bringst du wieder schlechte Nachrichten", erkundigte sich Rashida, die wissen wollte warum der Doko sie ohne Grund besuchte.
Jacob wurde ernst. "Nein Rashida, ich wollte mit euch Dreien etwas besprechen. Wollen wir das hier machen oder wollen wir uns gleich an den Tisch setzen?"
Lyn entschied wie es schien für alle. Wie oft schon fragte sich Jacob, wieso Lyns, umso vieles größeren, Kameraden, stets alles machten, was sie sagte. Dies geschah immer ohne einen einzigen Wiederspruch und ohne einen Ton zu sagen. Dass die Kinder sich anderweitig absprachen, konnte Jacob ja nicht ahnen.
"Doko, am Tisch ist es besser."
Lächelnd stand der Chefarzt deshalb auf und ging nach vorn an den Tisch, die Drei folgten ihm sofort. Lyn setzte sich mit Rashida auf die rechte Seite, Jaan auf die Linke. Jacob wie immer auf Lyns Stuhl.
"Doko, was ist?", wollte Lyn sofort wissen.
Es war nicht das erste Mal, dass Jacob mit einem Anliegen zu den Kindern kam, meistens verhieß das nichts Gutes.
"Lyn, es ist nichts Schlimmes. Ihr habt ja heute frei und viel Zeit. Ich wollte euch nur fragen, ob wir nicht die Achtzehn die schlafen, unter euren Baum beerdigen wollen. Die Betreuer sind nicht da und der Oberstleutnant auch nicht. Also bekommen wir mit keiner Seite irgendwelche Probleme. Wir könnten die Beerdigung, ganz in Ruhe machen. Chris und Heiko würden uns dabei helfen, indem sie mit dem Multicars die Kinder zum Baum bringen."
Fassungslos sah Lyn ihren Doko an. "Doko, wir können sie wirklich heute zum Baum bringen?"
Immer wieder war Jacob erstaunt, zu welchen Emotionen Lyn fähig war. Mitten im Satz fiel sie Jacob, um den Hals.
"Doko, danke, Doko. Jaan rufe alle her. Wir haben etwas zu besprechen."
Die Kinder hatten sich untereinander darauf geeinigt, dass sie keinem hier in dem Projekt zeigen würden, dass sie andere Möglichkeiten der Verständigung besaß. Auch, wenn sie ihrer Dika und dem Doko vertrauen, war das Vertrauen noch nicht so groß, dass sie ihnen alles über ihre Fähigkeiten erzählten. Zu schlecht waren die Erfahrungen, die sie mit allen Menschen, hier im Projekt, gemacht hatten.
"Ach mein Mädchen, weißt du ich habe über deine Worte nachgedacht. Du hast Recht, wir sollten ihnen endlich die Ruhe geben, die sie sich schon so lange verdient haben. Nach über vier Jahren sollten sie endlich in Ruhe schlafen."
Jaan stand also auf, um die Anderen an den Tisch zu holen, obwohl alle Kinder das Gespräch zwischen Rashida, Jaan, Lyn und dem Doko mitgehört hatten. Es dauerte nicht lange, da saßen alle zusammen.
"Also Kinder hört bitte mal kurz her. Wir haben ja schon einige Male über das Thema der Achtzehn gesprochen. Die liegen ja immer noch oben in der Kühlhalle, das sollten wir ändern. Da heute niemand außer dem Wach- und Dienstpersonal da ist, denke ich, sollten wir eure Freunde ordentlich beerdigen. Chris und Heiko kommen mit dem Multicar und Herr Zimmermann, der Hausmeister hat für mich extra Erde besorgt, so dass wir eure Freunde unter eurem Baum, zur letzten Ruhe betten können. Natürlich nur, wenn ihr das alle wollt."
Zustimmendes Nicken bekam Jacob von allen Seiten. Ein strahlen ging durch die Reihen der Kinder. Endlich kamen ihre Freunde zur wohlverdienten Ruhe. Ab sofort wurden sie endlich nicht mehr aufgeschnitten und untersucht, wie die letzten viereinhalb Jahre.
"Doko, wann können wir beginnen, Sir?", brachte Lyn, wie immer alles auf einen Punkt.
"Ich muss nur in der Zentrale anrufen. Heiko informiert alle."
Lyn hielt den Kopf schief, sah Jacob breit grinsend an. "Doko, dann machen wir das am besten gleich, Sir", glücklich sah sie zu Jacob.
Der stand auf und lief nach vorn ans Telefon, wählte die 0001, die Notrufzentrale.
"Notruf, Major Martin am Apparat, wie kann ich behilflich sein?", erklang Chris Martins angenehme Stimme am Telefon.
"Chris, hier ist Fritz. Kannst du uns wie heute früh besprochen, bei der Beisetzung der Kinder helfen?"
Jacob sah richtig das Grinsen in Martins Gesicht, wie ihm der Schalk aus den Augen herausschaute. Martin, Corsten, Anna und der Chefarzt waren sich einig darüber, dass das dem feinen Oberstleutnant nicht gefallen würde. Wenn es nach Mayer ginge, hätte man die toten Kinder einfach verscharrt, irgendwo egal wo. Dass man den Kindern, eine Möglichkeit für eine richtige Beerdigungzeremonie gab, würde dieser von niemand erfahren. Sollte das rauskommen, würde es mit Mayer richtigen Stress geben. Darüber waren sich alle einig. Trotzdem hatten sich die Kinder dieses Recht verdient. Ein Grinsen huschte jetzt auch über Jacobs Gesicht, da er wusste das heute nur Leute hier im Projekt waren, die zu den Kindern hielten. Deshalb musste der ewig betrunkenen Mayer, erst einmal herausbekommen, dass die Kinder nicht mehr in der Kühlhalle lagerten. Alle Mitarbeiter die heute im Projekt waren, so hat man heute früh beim Frühstück beschlossen, würden Jacob den Rücken decken. Alle hassten Mayer nur noch und waren froh, auf diese Weise gegen ihn vorgehen zu können. Ihm im stillen Widerstand zu leisten, wenn es dieser nicht mitbekam, das praktizierten die noch anwesenden Mitarbeiter des Projektes, seit vier Jahren. Vor allem, wollten alle, dass die Kinder endlich beerdigt wurden und endlich zur Ruhe kamen.
"Na klar, sag mir nur wann?", antwortete Chris mit einer Gegenfrage.
"Chris, gleich, wenn es geht. Ich komme mit den Kindern runter zu Zolgers Labor. Also bis gleich… Ach informierst du den Hausmeister."
"Ja Fritz, mache ich sofort, also bis dann. Fritz, ich brauche aber ungefähr eine halbe Stunde."
"Geht klar. Solange brauchen wir auch, denke ich. Also bis gleich", Jacob legte auf und ging zurück zum Tisch.
"So, wir gehen in einer viertel Stunde los. Runter auf die 4/gelb, ins Labor von Zolger. Dort ist der Kühlraum. Bevor ich mit euch nach unten gehe, möchte ich dir noch etwas geben Lyn. Ich dachte es würde euch vielleicht freuen. Leider musste ich das ganz kurzfristig entscheiden und konnte das nicht mit dir absprechen. Dies hier habe ich von einem guten Freund anfertigen lassen", Jacob griff in seine Overalltasche, holte eine Schachtel hervor und reichte sie Lyn. Verlegen sah er sein kleines Mädchen an.
Lyn nahm die Schachtel und öffnete sie auf der Stelle und sah hinein. Fassungslos schaute sie ständig von der Schachtel zu Jacob, und wieder zurück. Nach einigen langen Sekunden sprang Lyn regelrecht auf und ging zu ihrem Doko. Dort setzte sich einfach auf seinen Schoss und umschlang dessen Hals mit den Armen. Alle Kinder sahen, dass Lyn weinte. Etwas das in den letzten Jahren wirklich selten vorgekommen war.
"Danke Doko", kamen mühsam kommen die Worte über Lyns Lippen.
Rashida, auch die anderen Kinder sahen verwundert auf Lyn. Diese zeigte mit den Augen auf die Schachtel. Tränen liefen nun auch für Jacob sichtbar, über ihr Gesicht.
"Seht selbst", sagte sie weinend in der Verbindung zu Rashida.
Die nahm die Schachtel, sah hinein und schlug plötzlich die Hände vors Gesicht. Legte die Arme auf den Tisch und fing an zu weinen. Zögerlich nahm ihr Nachbarn das Kästchen und sah hinein und gab es dann weiter. Alle Kinder schauten hinein und reagierten völlig unterschiedlich. Nach einer Weile starrten alle den Doko fassungslos an. Lyn stand auf, ging wieder auf ihren Platz. Sofort stand auf Rashida und ging, zu Jacob und umarmte ihn. Der Chefarzt war ganz gerührt, konnte nicht glauben, was er gerade erlebte. Alle Kinder drückten ihn. Er dachte sich ja, dass die Kinder sich freuen würden, dass er so eine Freude bei ihnen mit einfachen Blechmarken auslösen konnte, war ihm nicht bewusst. Dass er seinen Kindern mit dieser einfachen Geste in so in ein Emotionskarussell stürzte, hatte er nicht gewollt. Denn nicht nur Lyn und Rashida weinten, vielen der anderen Hundert, liefen ebenfalls Tränen übers Gesicht.
"Ist schon gut", versuchte Jacob verlegen, die Kinder zu beruhigen. "Ich dachte die Kinder, sollten alle die gleichen Marken bekommen. Dass nur Nummern draufstehen, gehört sich nicht. Schließlich waren es Menschen."
Jacob bat den besagten Freund, so wie das bei alle anderen Soldaten üblich war, auf die sogenannten Hundemarken, nicht nur die Identifizierungsnummer, sondern auch einen Namen drauf zu schreiben. So hatten auch diese Kinder, wie alle hier im Raum, eine Nummer, aber auch einen Namen.
"Also kommt", bat Jacob, um seine Verlegenheit abzuschütteln.
Der Chefarzt lief zur Sicherheitstür, um von dort aus, gefolgt von den Kindern, auf die Ebene gelb und weiter zum Haus 4 zu gelangen.
Dort standen schon Chris Martin und Heiko Corsten mit den Multicars. Diese Elektrokarren, wurden von den beiden mit schwarzen Planen belegt und es standen siebzehn mit weißen Laken ausgelegte kleine Kisten darauf. In jeder dieser Kisten lag ein hübsch bezogenes Kissen und auf dem zweiten Multicar befand sich zusätzlich eine Matratze mit einem weißen Laken, worauf ebenfalls ein Kissen platziert war. Rings um die Kisten und die Matratze waren Blumen gestreut. Jacob schluckte schwer und kämpfte gegen seine Emotionen. Dass sich seine beiden Freunde so viel Müh und Arbeit gemacht hatten, berührte sein Herz. Man sah diesen Wagen die Liebe an, mit der sie dekoriert wurden. Nicht nur Jacobs Herz wurde von dieser Geste berührt, sondern auch dass der Kinder. Lyn starrte fassungslos zu Jacob. Sie hatte damit gerechnet, dass die Männer aus der Wachmannschaft, ihre Freunde achtlos auf die Wagen schmissen. Nicht viel Gutes war ihnen von diesen Männern, um Mayer, bis jetzt wiederfahren. Jacob nickte Lyn aufmunternd zu. Er ahnte, dass Lyn sich nicht sicher war, ob sie diesen Männern trauen konnten und ob sie den ihr kaum bekannten Menschen, ihre Emotionen zeigen konnte. Durch diese Bestätigung ermutigt, lief Lyn zu den beiden Männern und nahm diese in den Arm.
Nur mühsam brachte sie ein, "Sir, danke, Sir", hervor, dem man anmerkte, dass es von Tränen erstickt wurden. Chris Martin, der schon immer ein sehr herzlicher Mensch gewesen war, streichelte Lyn übers Gesicht.
"Lyn, das haben sich eure Freunde doch verdient. Komm, lass uns beginnen."
Ein sorgenvoller Blick traf seinen Freund. Jacob öffnete die Sicherungsplomben an der versiegelten Tür und gab damit den Durchgang frei.
Martin wandte sich an Jacob. "Du weißt aber schon, dass du Ärger mit Mayer bekommst?"
Corsten wackelte auch bedenklich mit dem Kopf.
Jacob sah seine beiden Freunde grinsend an und winkte lachend ab.
"Jungs, dann weiß ich wenigstens einmal, warum Sigmar so ausflippt. Ist doch mal was Schönes, wenn man weiß, warum man Dresche bekommt."
Lyn sah Jacob geschockt an.
"Ach Lyn, guck nicht so. Mir passiert nichts. Der Oberstleutnant kann doch nicht wirklich kämpfen. Der hat sich in den letzten vier Jahren seine Kondition weg gesoffen. Die Schläge von dem, tun mir nicht wirklich weh. Komm mache dir nicht meine Sorgen. Das ist mir die ganze Sache wert", spielte er die ganze Sache herunter.
Jacob ging ohne zu zögern in dem Labor nach hinten und weiter in die Kühlhalle. Dort lagen in einem speziellen Kühlregal alle Kinder aufgebahrt. Schnell öffnete er das erste Fach und zog die Bahre heraus. Er griff nach dem Kinderkörper und gab ihn Lyn in die Arme.
"Das ist Nummer 6", erklärte er dem Mädchen.
Lyn gab den Jungen weiter an Rashida. "Warte Rashida." Sie nahm die kleine Kiste aus der Overall-Tasche und hängte dem Jungen die Marke um. So bekamen alle Kinder ihren Namen und ihre Marke. Schnell waren die siebzehn kleinen Kinderleichen auf den beiden Multicars und in den kleinen provisorischen Särgen verteilt. Nur bei Keri brauchte Jacob Hilfe, da er diesen nicht so einfach hochheben konnte. Keri war immerhin zweihundertsieben Zentimeter groß und wog einundneunzig Kilo. Er war also kein Leichtgewicht. Sofort verließen alle das Labor von Zolger. Jacob versiegelte es neu. Dann drehte er sich breit grinsend zu Lyn um und zwinkerte ihr schelmisch zu. "So bekommt der Oberstleutnant erst einmal gar nicht mit, dass wir drinnen waren. Der weiß bestimmt gar nicht mehr, dass auch ich ein Gerät zum Versiegeln besitze. Ehe der das merkt, vergehen Jahre. So lange keiner die Kinder sehen will…", Jacob zuckte mit den Schultern und sah lachend zu Chris und Heiko. "... und wer interessiert sich schon für die Kinder, außer mir."
Beide schüttelten über Jacob den Kopf. So kannten sie allerdings ihren Freund.
Jetzt grinste auch Lyn. "Doko, wenn er sie sehen will, sagt ihr einfach. Keine Ahnung, wo die hin sind, Sir. Dann sind wir sowieso schuld, das sind wir doch immer, Sir."
Lyn sah Jacob lachend an. Die drei Männer schüttelten nun über Lyn den Kopf. Sie verstanden aber genau, was sie meinte. Jacob wandte sich immer noch breit grinsend, seinem kleinen Mädchen zu und wurde aber sofort wieder ernst.
"Lyn, wollt ihr vor den Multicars herlaufen oder dahinter?"
"Dahinter", flüsterte Lyn leise.
So verließen die beiden Multicars, gefolgt von zweiundachtzig Kindern und Jacob die Laborzufahrt. Zu Jacobs Erstaunen, aber auch zu denen der Kinder, standen viele der Mitarbeiter im Projekt, am Weg zum Lift. Sie zollten auf diese stumme Weise den Kindern ihren Respekt. Anna, die eigentlich Dienst auf der Krankenstadion der Mitarbeiter hatte, informierte viele von Jacobs Vorhaben. Der Rest ging wie ein Lauffeuer durchs Projekt. Man wollte endlich die toten Kinder zur Ruhe legen. Dies fand bei allen Projektmitarbeitern Anklang. So begleiteten die toten Kinder nicht nur ihre Freunde, sondern fast alle heute anwesenden Mitarbeiter. Ob Reinigungspersonal oder Küche, ob Verkauf oder Wache, alle die irgendwie ein paar Minuten opfern konnten und durften, nahmen an dem kleinen Marsch teil. Sie folgten den beiden geschmückten Multicars, bis zum Baum der Kinder.
Erstaunt sahen viele hoch zu der riesigen Kastanie, die kerzengerade zum Himmelgewachsen war und genau in Mitten einer Lichtung stand. Ein wunderschöner Baum mit zehn waagrecht abstehenden dicken Ästen. Auf denen man bequem sitzen konnte und einen etwas schwächeren Ast, der ganz oben in der Korne war. Dieser Baum, hatte den Förster, der erst seit einem Jahr das Objekt betreute, zum Staunen brachte. Da dieser Baum von seinem Vorgänger, der kurz zuvor in Rente gegangen war, in keiner der Bestandslisten geführt wurde. Es stand nur eine Neupflanzung auf der Lichtung in der Bestandsliste und diese war erst vier Jahre alt. Der Förster schätzte den Baum allerdings, auf circa Hundert bis Hundertzwanzig Jahre. Durch seinen Stamm, von fast drei Metern und seinem Kronendurchmesser von fast acht Metern. Es war ein äußerst imposanter Baum, den man nicht einfach übersehen konnte. Kaum einer der Mitarbeiter wusste, dass dieser wunderschöne Baum, erst reichlich vier Jahre alt war. Nur Anna und Fritz Jacob wussten, dass dieser Baum von den Kindern selber gepflanzt wurde. Die wenigsten Mitarbeiter, waren bis zu dieser Lichtung vorgedrungen. Die meisten blieben unten im Park.
Lyn übernahm jetzt das Kommando. In der Verbindung gab sie ihren Freunden genaue Anweisungen, wie sie die Kinder legen sollten. Sie klärte auch mit den Freunden ab, ob man die Kisten mit vergraben wollte. Die Kinder waren alle der Meinung, dass die Kinder besser so am Baum schlafen sollten. Es wäre bequemer für sie. Also beließ man die Kisten auf dem Multicars. Mit den Füßen zum Baum, als wenn sie daran nach oben laufen wollten, wurden die siebzehn Kinder hingelegt. In der Reihenfolge wie sie starben, der erste war Nummer 6, der jetzt den Namen Karl trug und die beiden Letzten waren die Nummer 90, der jetzt Gustav hieß und Nummer 62, die den Namen Birgit bekam.
Es war ein …, wie kann man das nennen, … ein ergreifendes Ritual. Mit wie viel Liebe, vor allem mit welcher Exaktheit, die Kinder ihre toten Kameraden, zur letzten Ruhe betteten. All diese toten Kinder, lagen auf dieselbe Art am Baum. Verträumt und die Hände hinter dem Kopf verschränkt. So, als wenn sie gegen den Himmel blickten. Diesen Eindruck bekam man jedenfalls, wenn man nicht wusste, dass diese Kinder schon seit Jahren Tod waren.
Dann ging Lyn zu Jacob. "Doko Sir, können wir die Erde auf die Kinder machen, Sir."
Jacob erkundigte sich aber vorher. "Lyn, du hast Keri vergessen."
Das Mädchen schüttelte den Kopf. "Sir, nein, Sir. Keri starb doch erst viel später. Er kommt auf die Kinder, wenn die Erde darüber ist. Auch werden wir ihn anders legen, Sir."
So gab Jacob dem Hausmeister und seinem Team ein Zeichen, die Erde vor den Kindern abzukippen. Zimmermann schüttete die Erde etwas seitlich am Baum ab. Die Kinder jedoch, fingen an mit den Händen die Erde, um die toten Kinder zu verteilen. Liebevoll und ganz vorsichtig machten sie das. Jetzt erst fiel Jacob auf, das zwischen den Ersten und Letzten Kind eine große Lücke war. Er fragte sich warum. Etwas anders erregte seine Aufmerksamkeit, so dass er die Frage sofort wieder vergaß. Kurz bevor die toten Kinder, völlig mit Erde bedeckt waren, wurden ihnen die Ketten mit der Marke abgenommen. Verwundert sah Jacob zu. Als er zu Lyn gehen wollte, schüttelte Anna den Kopf.
"Fritz, nicht jetzt, frage hinterher."
Jacob gab seiner Freundin durch ein Nicken zu verstehen, dass sie Recht hat. Er sah sie verlegen an. Also beobachtete er wie alle anderen, was die Kinder machten. Fast eine Stunde brauchten Lyn und ihre Freunde, bis sie die toten Kinder mit Erde zugedeckt haben. Anders konnte man das, was die Kinder taten, nicht beschreiben. Einen halben Meter Erde schichteten die Kinder, über die Leichen ihrer Freunde. Immer darauf bedacht, nicht ausversehen, auf eines der toten Kinder zu treten. Dieses Gefühl jedenfalls bekam man.
Kaum dass sie damit fertig waren, gingen Jaan und Rashida auf den Leichnam von Keri zu. Sie trugen nun auch ihn zum Baum. Keri wurde so an den Baum gelegt, als wenn er an ihm hochsah. Das Gesicht in Richtung Krone gedreht. Sein Körper lag etwa drei Meter vom Stamm entfernt. Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt, als wenn er vor sich hin träumt. Als wäre er eben eingeschlafen. Wie Jacob erst einige Zeit später feststellte, lag Keri genau unter dem Ast, besser gesagt der Stelle, auf dem er normalerweise gesessen hätte. Wieder wurde, um den Körper des toten Jungen, Erde aufgeschüttet. Wieder hatte man das Gefühl, dass die Kinder ihren Freund mit Erde zudeckten. Kurz bevor Keri ganz im Erdreich verschwand, nahm Lyn auch ihm die Kette vom Hals.
Nach einer weiteren halben Stunde, würde kein Fremder mehr erahnen, dass hier jemand lag. Nur ein kleiner Hügel zeugte davon, dass hier Erde aufgetragen wurde. Die Kinder gingen zu den Multicars und sammelten alle Blumen ein. Im Anschluss verteilten sie diese, um den Baum. Die Stiele zum Stamm die Blüten nach außen. Fertig damit, begutachteten die Kinder ihr Werk und schienen damit zufrieden zu sein. Dann allerdings geschah etwas Eigenartiges. Das den einen oder anderen, einen erschrocken Ruf entlockte. Alle Kinder gingen von der Lücke aus in den Baum. Mit einer ungeheuren Geschwindigkeit, kletterten sie am Stamm des Baumes nach oben und jeder setzte sich auf einen Ast. Lange sah Jacob nach oben. Dann begriff er, wieso Lücken zwischen manchen Kindern waren. Dort wo die Lücken entstanden fehlten die Kinder. Bei Nummer 6 fiel ihm das auf. Kopfschüttelnd meinte Jacob, zu den um ihn stehenden:
"Lassen wir die Kinder alleine. Die kommen dann schon alleine zurück. Wir lassen an der Gangway die Tür offen. Lassen wir die Kinder alleine von ihren Freunden Abschied nehmen. Dies ist etwas sehr persönliches. Ich glaube wir haben genug gesehen."
Beim letzten Wort drehte sich Jacob um und legte den Arm um Annas Schultern. Anna hatte still vor sich hin geweint. Wie alle anderen hatte sie all die kleinen Gesten beobachtet und war zu tiefst bewegt. Jacob ging mit ihr und allen anderen zurück ins Projekt. Tief ergriffen von dem, was er gerade erlebt hatte. Beeindruckt, von der Art und Weise, mit der die Kinder ihre toten Kameraden zu Grabe getragen hatten.
In der Zeit in der sich Jacob und die anderen zurückzogen, kletterte Lyn mit den ersten siebzehn Marken bis ganz nach oben, zum letzten Ast. Dort nahm sie die Marke von Karl, dem Junge mit der Nummer 6 und legte sie an den Ast. Plötzlich glühte ihre Hand auf und als sie diese vom Ast zurückzog, hing die Kette fest in dem Ast verankert herunter. Dies machte sie siebzehnmal. Die ersten Kinder die nicht leben durften, hatten alle beschlossen, sollten auf den höchsten Ast einen Platz bekommen. Der Sonne an nächsten und auf diese Art, am besten vom Wind geschützt. Fertig mit den siebzehn Kindern, kletterte Lyn nach unten, auf den sechsten Ast. Dort, wo eigentlich Keri sitzen sollte, als Letzter auf seinen Ast, genau wie bei den anderen Marken, legte Lyn ihre Hand darauf und verankerte so die Marke im Ast. Der Baum würde die Kinder in sich aufnehmen, erklärte Lyn ihren Freunden. Ihre Freunde würden den Baum stärken und wachsen lassen. Dann kletterte Lyn nach oben, hinauf auf ihrem Ast, fast ganz außen war ihr Platz. Neben ihr saßen nur noch Kami und Erja. Ganz leise und in der Verbindung begann Lyn zu erzählen.
"Keri, und ihr anderen die wir leider gar nicht kannten, endlich haben wir es geschafft, dass ihr für immer in Ruhe schlafen könnt. Ihr liegt ab heute und für immer, an unserem Baum. Seht nach oben in die Krone. Dort sitzen wir, die verblieben "Hundert" und wir bewachen euren Schlaf. Lange hat es gedauert, bis wir von euch Abschied zu nehmen durften. Es tut mir leid, dass ihr so lange ausharren musstet. Nun allerdings, seid ihr ein Teil von uns und wir werden euch nie vergessen. Auch wenn wir siebzehn von euch, kaum kannten, wissen wir doch, dass ihr hier ruhig ungestört schlafen könnt. Von dir Keri, möchte ich aber noch richtig Abschied nehmen, dich kannten ich sehr gut. Du fehlst mir so sehr. Du hattest so viele Talente, die wir vermissen. Ich habe so viel von dir über Strategie und Taktik gelernt. Ich habe so viel von dir bekommen. Auch, wenn ich froh bin, dass deine Schmerzen, die ich immer gespürt habe, endlich vorbei sind, so fehlst du mir. Mir fehlen dein Lachen und deine Späße. Weißt du noch, als mich der Betreuer Simon so zusammengeschlagen hat. Du bist dazwischen gegangen. Wärst du nicht gewesen, wäre ich heute wahrscheinlich tot. Danke Keri, dass du mein Freund warst. Auch euch anderen gehört mein Dank. Ihr werdet immer einen Platz in meinem Herzen haben, solange es schlägt. Ich verspreche euch, für euch alle mit zu leben."
Lyn schluckte schwer an ihren Worten. Sie machten ihr bewusst, wie froh sie war, dass die Schmerzen weg waren. Ihr wurde allerdings auch bewusst, wie sehr sie Keri vermisste. Jedes der Kinder sagte ein paar Sätze zu Keri und zu den Anderen und nahm auf diese Weise, von den Freunden Abschied. Alle Kinder sprachen den Schluss auf dieselbe Weise. Einen Dank an die Freunde und dass sie einen Platz in ihren Herzen haben würde. Vor allem das Versprechen, für sie mit zu leben. Über zwei Stunden brauchten die Kinder, um Abschied zu nehmen. Dann kletterten sie alle wieder nach unten. Erstaunt stellten die Kinder fest, dass alle schon gegangen waren.
"Kommt einfach mit. Ich denke der Doko hat uns bestimmt das Tor zum Flugplatz offen gelassen. In geordneter Formation, Abmarsch", gab Lyn ein Kommando.
Sofort liefen die Kinder los. In Zweierreihe und im Laufschritt, gingen sie nach hinten zum Tor, welches die Betreuer immer Gangway nannten. Das Tor stand wie vermutet offen und so liefen Kinder hinein. Begaben sich auf kürzesten Wege nach unten in den Bereich der Kinder. Wie Lyn vermutet hatte, konnten sie ohne Probleme zurückkehren. Im Raum der Kinder angekommen, saß Jacob, immer noch wartend am Tisch und studierte einige Krankenakten. Als die Tür ging blickte er auf und sah das Kinder den Raum betraten. Er war erleichtert, aber auch erfreut darüber, dass er sich in Lyn nicht getäuscht hatte. Lyn ging zu ihrem Doko und machte wie gewohnt Meldung.
"Sir, alle wieder anwesend, Sir. Auftrag erfolgreich beendet, Sir", tausend kleine Teufel guckten aus ihren Augen, auch wenn Jacob Lyns Augen nicht sehen konnte, wusste er doch, dass dies so war.
"Dann ist es ja gut, schlafen die anderen gut?", wollte er wissen.
Lyn nickte.
"Das ist sehr schön, dann erholt euch noch ein bisschen. Mal sehen, was hier ab morgen wieder los sein wird? Noch nie haben die Betreuer, etwas Gutes aus Berlin mitgebracht. Also nutzt die Zeit, um euch noch etwas zu erholen. Lyn, wenn etwas sein sollte, du erreichst mich über den Notruf, drei Nullen und die Eins."
"Sir, jawohl, Sir."
Jacob wuschelte Lyn über den Kopf und erhob sich. Er verließ den Kinderraum. Kaum hatte der Arzt den Raum verlassen, ging Lyn hinter in ihr Bett. Wie alle anderen, wollte sie diesen freien Tag nutzen, um zu schlafen. Viel Schlaf hatten die Kinder in den letzten Jahren nicht bekommen. Nur dreimal eine Stunde Schlaf am Tag, war selbst für die "Hundert" auf Dauer viel zu wenig. So ging man zum Alltag über. Nicht ahnend, dass der richtige Horror für die Kinder jetzt erst beginnen sollte.
Mayer kam mit dem Auftrag aus Berlin zurück, die Kinder zu richtigen Einsätzen zu schicken. Die abartigen Kreaturen, hätten jetzt genug Geld gekostet, sie sollten endlich etwas verdienen. Auch wenn die Kinder schon viele sogenannte Übungseinsätze hatte, waren das, immer noch harmlose Einsätze gewesen. Jedenfalls gemessen an dem, was sie in der Zukunft erwarten würde.
Die Einsätze die auf das "Team Hundert" zukamen, wie man es seit einiger Zeit nannte, waren sogenannte Himmelfahrtskommandos. Diese Einsätze brachten der Gruppe Kämpfer sehr schnell eine weitaus bessere Bezeichnung ein. Man nannte sie die Todesschwadron. Es waren durch die Reihe weg Einsätze, in dem sie beweisen sollten, dass sie die besseren Soldaten waren. Diesen Tag zum Schlafen zu nutzen, war eine der besten Entscheidungen, die Lyn fällen konnte. Wie nötig sie diesen Schlaf hatten, würden ihnen die nächsten Wochen, Monate und Jahre beweisen. Dies war für lange Zeit, das letzte Mal, dass die Kinder in einem Bett und vor allem in Ruhe und lange schlafen konnten.
Die Kinder verbrachten einen ruhigen späten Nachmittag und wurden nur kurz geweckt, um zu Abend zu essen. Dann schliefen sie die ganze Nacht durch. Bis kurz vor 5 Uhr am Morgen des nächsten Tages, dem 28. Juli 1963, als Mayer brüllend im Türrahmen, des Kinderraumes erschien.
"Hoch mit euch Tieren, was sielt ihr euch um diese Zeit noch im Bett herum. Raus und ein bissel Dalli, wenn ich bitten darf."
Sofort sprangen die Kinder aus dem Bett und zogen im vorlaufen ihre Overalls an. Keine zwei Minuten später standen alle in Reih und Glied, am Tisch.
"Geht das schneller, ihr faules Pack", böse sah er die Kinder an.
Mayer hat eine scheiß Wut auf seinen Job und vor allen auf diese Kreaturen. Wegen denen würde er sein geordnetes und ruhiges Leben hier im Projekt, erst einmal aufgeben müssen. Er hatte jetzt auch noch den Befehl bekommen, mit dieser ekelhaften Bagage, quer durch die Welt reisen. Das passte dem ewig angetrunkenen Oberstleutnant gar nicht.
"Schnappt euch eure Waffen, los ein bisschen Beeilung", brüllte er deshalb herum.
Die Kinder rührten sich nicht. Lyn sah den Oberstleutnant an und befahl ihren Kameraden zu bleiben, wo sie waren.
"Was ist los 98? Sprich."
"Sir, entschuldigen sie, Sir. Welche Waffen sollen wir mitnehmen, alle oder spezielle, Sir?"
Der Oberstleutnant stutzte. Ihm wurde bewusst, dass er seinen Befehl nicht exakt formuliert hatte. Das brachte ihn zusätzlich in Rage.
"Alle, ihr faule Bagage", kommandierte er jetzt.
Mit einem bösen Blick musterte Lyn. Diese drehte sich exakt um und lief, wie alle anderen auch, zu ihren Schränken, um sich auszurüsten. Nach nur fünf Minuten standen alle mit Nah- und Fernkampfwaffen ausgerüstet wieder an ihrem Platz.
Diese Zeit nutzte Mayer, um zu überlegen wie er weiter vorgehen sollte. Die Bagage würde er in den ersten Einsätzen begleiten müssen, das wurde von ihm per Befehl verlangt. Allerdings würde er nichts tun, um diese Kreaturen auch noch zu unterstützen.
"98, hier ist ein Ordner. Du hast die Verantwortung für diesen Einsatz. Dann kann ich dich wenigstens richtig fertig machen, wenn du es in den Sand setzt, du verdammtes kleines Biest. Im Dossier steht alles drin, was ihr wissen müsst. In der Tupolew, könnt ihr das durcharbeiten. Abmarsch..."
Der Wunsch nach dem perfekten Soldaten ist glaube ich so alt, wie die Menschheitsgeschichte und die Kriegsführung überhaupt. Ich frage mich oft, ob es wirklich möglich ist, einen perfekten Soldaten und damit eine perfekte Mord- beziehungsweise Kampfmaschine zu erschaffen? Kann man durch Mischen von Genen erreichen, dass ein Lebewesen, wie eine Art Roboter funktioniert? Kann sich ein auf diese Weise gezüchtetes, aber auch hochintelligentes Wesen überhaupt entwickeln? Kann solch ein Geschöpf ohne Zuneigung und Emotionen aufwachsen? Und kann es nur mit Gewalt und ohne wirkliche Werte groß werden? Könnte es wirklich möglich sein, dass dieses Geschöpf, als nicht denkendes und nur Befehle ausführendes Wesen existiert? Ist es möglich, dass dieses Wesen, trotz seiner Intelligenz, keinerlei Moral besitzt?
Ich kann diese Fragen nicht hundertprozentig beantworten, denn ich bin kein Verhaltensforscher und schon gar kein Wissenschaftler. Allerdings versuche ich aus meiner Perspektive heraus Antworten auf diese Fragen zu finden. Aus all diesen Gedankengängen entstehen immer neue Fragen, die sich wie eine Spirale hochschaukeln. Die Antworten darauf erschrecken selbst mich, weil diese, ein Horrorszenario vor meinem inneren Auge entstehen lassen. Eine der wichtigsten Fragen für mich, ist folgende:
Ist es möglich Menschen zu finden, die zulassen, dass man Menschen züchtet und diese Unternehmung unterstützen?
Diese Gedanken beschäftigen mich schon sehr lange. Warum? Das ist schwer in wenigen Worten zu erklären. Es ist halt so …
Im November 2012, fing ich an diese Geschichte zu schreiben, die eigentlich eine Kurzgeschichte werden sollte. Es war ein regnerisches Wochenende, mein PC war kaputt und so hatte ich nur meinen Laptop zur Verfügung, aber keine Internetverbindung und nicht einmal ein spannendes Buch. Es war kalt und stürmisch, ein Wetter, bei dem man nicht mal einen Hund vor die Tür jagt. So hatte ich Langeweile.
Etwas, dass bei mir wirklich sehr selten vorkommt. Ich schrieb deshalb einfach meine Gedanken zu diesem Thema auf. Plötzlich wurde aus einer kleinen Idee, ein Selbstläufer und es entstand diese Geschichte, die mir zugegebener Maßen, sehr ans Herz gewachsen sind. Seitdem schleife ich die Geschichte rund und versuche ein stimmiges Ganzes daraus zu machen. Es macht mir Spaß zu sehen, wie sich die Geschichte entwickelt hat.
Die Figuren aus dieser Geschichte sind alle frei erfunden, die Namen ebenfalls. Alle Ähnlichkeiten bei Namen, Orten oder Beschreibungen sind zufällig gewählt und es sollte sich niemand angesprochen fühlen.
Ich lasse die Geschichte in der Vergangenheit spielen. Warum kann ich nicht einmal genau begründen. Vielleicht, weil es eine Zeit ist, in der ich mich auskenne, die ich selber erlebt habe und die ich sehr mochte. An die ich mich zum Teil gern erinnere und die ich auf der anderen Seite gern vergessen möchte. Vor allem, weil ich finde, wir sollten die guten alten Zeiten nicht ganz a acta legen.
Gespickt ist die Geschichte mit sehr viel Fantasie. Nichts von dem, was die Helden erleben, geschah wirklich. Jedenfalls nicht so, wie ich es hier in der Geschichte erzähle. Es ist eine Mischung aus Fantasie, Abenteuer, Horror und Leben. Das Beschreiben von Gefühlen die man durchleben kann, von extrem, bis hin zum Wunschdenken, wie es sein könnte …
Lest selbst, was aus diesen Gedanken für eine Geschichte entstanden ist. Wie gesagt, ich habe meiner Fantasie freien Lauf gelassen, etwas Wunschdenken hinein gezaubert und als Gewürz etwas Horror. Dann alles, gut durchgeschüttelt …
Texte: liegen alle bei der Autorin Katja Neumann
Bildmaterialien: Katja Neumann
Cover: liegen bei der Autorin Katja Neumann
Lektorat: Katja Neumann
Tag der Veröffentlichung: 11.08.2013
Alle Rechte vorbehalten
Widmung:
Meiner Kahlyn
einem Mädchen aus einer Geschichte in das ich mich verliebt habe , den Fans von Kahlyn und allen die gern lesen.
Bitte denkt beim Lesen des Buches daran, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Wollt ihr grammatisch ausgewogene Texte, dann wählt bitte ein anderes Buch. Ich lerne täglich dazu und zur Zeit lest ihr die 17te Überarbeitung. Ich gebe mir alle Mühe, aber es ist schwer in einer Sprache fehlerfrei zu schreiben, die du nicht in der Schule gelernt hast.
Danke für euer Verständnis.