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Leseprobe

New York – Arizona

Helle Stunden – Band 1

Ewa Aukett

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Prolog

 

Macey

 

 

 

»New York also.«

Coles Lächeln ist breit wie der Grand Canyon, während er mich im Arm hält. Sein Blick ist zärtlich. »New York!«, wiederholt er, und in seiner Stimme liegt die gleiche Begeisterung, die ich in seinen grauen Augen lesen kann. »Gott, das wird ein Abenteuer. Ich freu mich so.«

Ich seufze tonlos und zwinge mich sein Lächeln zu erwidern. Ich würde mich so gern mit ihm freuen, aber ich kann nicht.

Natürlich entgeht ihm nicht, dass ich seinen übersprudelnden Enthusiasmus nicht teile. Sein Blick wird einschmeichelnd.

»Es ist nur ein Jahr, Mace, höchstens zwei«, beteuert er und streicht mir eine blonde Locke aus dem Gesicht.

Ich nicke, schlinge ihm die Arme um die Taille und lege meine Wange an seine Brust. Er soll nicht sehen, dass ich mit den Tränen kämpfe. Grandma sagte immer: ›Wer liebt, muss auch loslassen können.‹

Aber irgendwie ist das leichter gesagt als getan. Cole ist mein Beschützer, mein bester Freund, meine große Liebe … Und nun wird er ins zweitausendvierhundert Meilen entfernte New York City ziehen. Das ist wie das andere Ende der Welt – ein riesiges, bedrohliches und gefährliches Universum.

»Nun schau nicht so traurig, Babe. Du kannst mich besuchen kommen«, schlägt er vor. Ich spüre seine Lippen auf meinem Haar und drücke mich noch enger an ihn.

»Du weißt, dass mich keine zehn Pferde nach New York bringen«, erwidere ich leise.

»Ja, ich weiß. Eine unglückliche Reise durch Los Angeles und schon sind alle Großstädte für dich der blanke Horror.«

Ich verspanne mich. Bei dem Thema bin ich auch nach zwei Jahren immer noch überempfindlich – besonders wenn ich das Gefühl habe, nicht ernstgenommen zu werden. Gerade er sollte das besser wissen.

»New York hat mehr als doppelt so viele Einwohner wie L.A., ich bin eben nur ein dummes Landei, das damit nicht klarkommt.« Ich versuche mich aus seiner Umarmung zu befreien, doch Cole hält mich unerbittlich fest. Er ist viel stärker als ich.

»Hey … heyyyy … so war das nicht gemeint, und das weißt du.« Er legt zwei Finger unter mein Kinn und zwingt mich ihn anzusehen.

Wütend presse ich die Lippen aufeinander, während ich seinem Blick standhalte.

»Und du weißt, dass die Sache in L.A. schwer genug für mich war.« Die Worte brennen in meiner Kehle, fast so schlimm wie die Tränen, die ich heulen möchte, aber mühsam unterdrücke.

Manchmal will ich ihn wegstoßen, wenn er diesen treudoofen Dackelblick aufsetzt, mit dem er meint alles entschuldigen zu können. Aber ich liebe ihn zu sehr, um ihm ernsthaft böse zu sein.

»Ja, und es tut mir leid, dass ich diese dämliche Bemerkung gemacht habe. Ich wünschte mir nur, du könntest deine Angst überwinden und dir einen Ruck geben. Du wolltest doch selbst immer weg von hier.«

Ich senke die Lider und dränge die aufkommende Kälte zurück, die mich bei den Erinnerungen an die Ereignisse der Vergangenheit überfällt. Der Druck in meiner Kehle wird übermächtig. Eine Träne löst sich aus meinem Augenwinkel, und mein Blick verschwimmt.

»Ich kann nicht«, flüstere ich erstickt.

Cole zieht mich wieder an seine breite Brust, und ich presse mein Gesicht in sein Hemd. Seine Hände streicheln über meinen Rücken. Er ist so groß und stark. Wenn er bei mir ist, habe ich vor fast nichts Angst – jedenfalls vor nichts, was nicht so weit außerhalb meiner Komfortzone liegt wie New York. Wie soll das nur ohne ihn werden?

Seine warme Stimme raunt sanfte Worte in mein Haar. »Tut mir leid, Süße. Ich wollte keine alten Wunden aufreißen.«

Ich nicke stumm, sammele mich und atme tief durch. Ich muss mich beruhigen, auch um seinetwillen. »Mir tut es leid, dass ich nicht so abenteuerlustig bin wie du. Ich wünschte, ich wäre mutiger.«

»Ist schon gut, wirklich.« Ich kann sein Lächeln geradezu hören. »Ich komm dich besuchen, wenn ich Ferien habe. Und wenn ich mich in dem Job etabliert und genug verdient habe, besorge ich mir in Tucson eine neue Stelle.«

Ich hebe den Kopf und sehe ihn an. »Bist du sicher, dass dir das genügen wird, wenn New York dich erst erobert hat?«

»Hey, Tucson ist immerhin größer als Green Valley.« Er schenkt mir ein liebevolles Lächeln, und seine Hand gleitet über meinen Hals. Mir wummert das Herz in der Brust. Ich liebe diesen verrückten Kerl so sehr. »Außerdem bist du hier, das ist Grund genug, oder?«

Nicht Grund genug, dass du bleibst, schießt es mir durch den Kopf. Ich schlucke, vermeide die Worte laut auszusprechen. Ich will keinen Streit vom Zaun brechen, so kurz vor unserem Abschied. Wir haben das schon viele Abende lang diskutiert. Seine Entscheidung steht fest, und ich werde nicht diejenige sein, die ihm seine Träume raubt. Stattdessen hole ich tief Luft. »Also kommst du zurück … und dann?«

»Wir starten einfach neu«, schlägt er vor.

Ich forme die Lippen zu einem schiefen Lächeln. »Vielleicht haben wir dann die Chance, eine Familie zu gründen.«

»Eine Familie?«

»Ja, heiraten und Kinder kriegen. Du weißt schon.«

Er neigt den Kopf zur Seite und mustert mich. »Du meinst wegen gestern Nacht?«

»Ach wo.« Ich verziehe das Gesicht. »Grundsätzlich mein ich … du und ich, bis ans Ende der Zeit.«

Cole gelingt das Kunststück, eine Grimasse zu schneiden, mich anzulächeln und den Kopf zu schütteln. »Mace, wenn, dann haben wir genau davon noch genug.« Er lacht leise, und ich komme mir unglaublich dumm vor mit meinen Kleinmädchenträumen. »Eigentlich will ich keine Kinder, jedenfalls noch nicht. Überleg mal, Babe, dann bin ich gerade mal zweiundzwanzig und du neunzehn. Wir sind viel zu jung für so viel Verantwortung. Lass uns das Leben genießen und die Welt entdecken. Es gibt so viel anderes, was wir noch tun können, bevor wir eine Familie gründen. Es muss ja nicht gerade New York sein, aber wir suchen uns ein netteres Fleckchen als dieses Kleinstadtkaff. Hauptsache raus aus Green Valley, weg von der Grenze und all ihren Verrückten.«

Ich nicke, lasse das Kinn auf die Brust sinken und nicke nochmal, um meine Zustimmung zu signalisieren. Er soll mir meine Enttäuschung nicht anmerken. Natürlich habe ich nicht ernsthaft damit gerechnet, dass meine Wünsche ihn begeistern werden, aber irgendwann … irgendwann will ich mit ihm eine Familie gründen und alt werden. Cole ist der Mann meines Lebens. Ich will niemand anderen an meiner Seite. »Ja, sicher.«

Für Cole ist alles schwarz und weiß und einfach zu regeln. Er wird nach New York gehen und Broker werden. Trotz seiner bescheidenen Leistungen in der Schule, des mittelmäßigen Abschlusses und eines gänzlich fehlenden Studiums hat er, dank eines alten Bekannten seines verstorbenen Großvaters, tatsächlich einen begehrten Job bei einer der ganz großen Investmentfirmen ergattert. Ich weiß, sein Ehrgeiz und seine Intelligenz werden ihn voranbringen.

Das ist sein großer Traum: New York! Die ultimative Karriere. Erfolg und Geld haben, sich einen Namen machen und einer von denen sein, die mit Respekt und Ehrfurcht behandelt werden. Wie kann ich ihm das verwehren? Ich muss ihn loslassen, ihn gehen lassen.

Ich spreche es nicht aus, aber ich zweifele an seiner Rückkehr, auch wenn ich versuche mich an diese irrsinnige Hoffnung zu klammern. Er mag jetzt fest entschlossen sein, in zwei Jahren wieder nach Hause zu kommen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er dieses neue Leben in New York aufgeben wird, wenn es ihm dort wirklich so viel besser gefallen sollte als in unserem Vorstadtörtchen.

Cole hat immer von hier weggewollt.

Cole hat auch irgendwie nie richtig hierhergehört.

 

Als er vor acht Jahren, kurz nach meinem neunten Geburtstag, in mein Leben gestolpert war, waren wir noch Kinder. Der neue Nachbarsjunge und ich freundeten uns rasch an.

Zugegeben, ich war aufdringlich und penetrant und bin ihm echt auf den Keks gegangen. Aber als ich ihn damals gesehen habe, mit seiner viel zu langen, dunkelblonden Mähne und den grauen Augen, habe ich einfach gewusst, dass dieser Junge von nun an zu meinem Leben gehören würde.

Gemeinsam mit seinem Kumpel Oliver haben wir ein Baumhaus im Garten der Sullivans gebaut. Okay, anfangs mit der Unterstützung von Mr Sullivan, der uns bei der Bodenplatte geholfen hat, die zwischen den zwei Mesquitebäumen nicht ganz einfach zu befestigen war. Aber der Rest war unser Ding, unsere Kraft, unser Schweiß, unsere blauen Daumen, weil wir den Hammer wieder daneben geschlagen hatten.

Zu dritt bestanden wir wilde Abenteuer gegen imaginäre Trolle und schleimige Monster. Wir haben gelacht, gerauft, getobt und uns über Olivers erste linkische Anmach-Versuche amüsiert, als er Megan Taylor, aus der Stufe unter ihnen, für sich entdeckte.

Dann waren wir nur noch zu zweit, aber es war eine gute Zeit. Wir haben viel geredet, Pläne geschmiedet, und aus Kumpels wurden beste Freunde. Wir wollten reisen und die Welt erobern, mit Cole konnte ich in meinen Träumen von daheim fortfliegen – und er war da, als ich von dieser Horrorreise aus L.A. zurückkam, um mich in die Arme zu nehmen und nicht wieder loszulassen.

Danach war er nicht mehr nur mein bester Kumpel.

Cole war mein erster fester Freund – die Sonne, um die ich kreiste, und das Universum, in dem ich existierte. Ich hatte meinen ersten perfekten Kuss mit dem Menschen erlebt, der mir am wichtigsten war, und er war es, mit dem ich erfahren habe, was Liebe wirklich bedeutet. Cole war alles für mich, er ist alles für mich.

Bis heute.

Jetzt endet dieser Lebensabschnitt – ob ich es will oder nicht.

Zwei wunderschöne, glückliche Jahre, die uns beide haben erwachsen werden lassen, sind so gut wie vorbei, und ich kann nichts dagegen tun. Ich habe gewusst, dass dieser Tag kommen würde, und versucht mich darauf vorzubereiten, aber es tut trotzdem weh, auch wenn ich stark bleiben will.

 

Eine Lautsprecherdurchsage ruft die Passagiere dazu auf, sich zum Gate zu begeben. Es ist so weit. Ein Zittern überläuft mich. Meine Fassade bröckelt, und der Schmerz, den ich bisher gut im Griff hatte, versucht mir mit aller Macht ein Messer ins Herz zu rammen.

»Du weißt, dass du die Liebe meines Lebens bist, Macey Evans.« Seine Stimme ist leise, als er seine Wange an meine Schläfe drückt. »Ich liebe dich über alles, aber ich muss das tun.«

Ich hebe den Kopf und lasse zu, dass er mir die Träne wegwischt, die mir ungewollt entkommt. »Ich liebe dich auch«, wispere ich. »Und ich wünschte, du würdest hierbleiben.«

Cole lächelt mich traurig an. Seine Finger zeichnen die Linien meines Gesichts nach. Das hat er schon so oft getan, und jedes Mal hat es dieses Gefühl von ›geliebt werden‹ in mir ausgelöst, aber heute ist es nur schwer zu ertragen. »Ich kann nicht. Verlang das nicht von mir. Green Valley, unser Viertel, das alles erdrückt mich, dieses Kleinstadtleben erstickt mich und meine Träume. Ich muss hier raus, ich will was von der Welt sehen, mich weiterentwickeln und nicht nur diesen miesen Mechanikerjob machen, ohne wirklich gelebt zu haben. Ich will nicht jeden Cent dreimal umdrehen müssen.« Er zögert kurz, sein Blick wird eindringlich. »Ich wünschte, du würdest mit mir kommen.«

Ich schließe die Augen und nicke. Da ist sie wieder, die Sackgasse, die uns beide unglücklich macht. Ich weiß, wie lange er sich schon danach sehnt, diesem Leben den Rücken zu kehren. Alles, was ihn die letzten zwei Jahre hiergehalten hat, bin ich gewesen. Ich darf ihn nicht noch länger ausbremsen.

Ich schau ihn an, schlucke den Kloß in meinem Hals herunter. »Entschuldige, es … tut nur so weh, dich gehen lassen zu müssen.«

»Wir bleiben doch in Kontakt, Babe«, verspricht er. Sein Lächeln ist das süßeste der Welt, und gleichzeitig sehe ich den Schmerz in seinen Augen. Ich bin nicht die Einzige, die mit sich kämpft … Er versucht nur, sachlicher zu sein. »WhatsApp, Facebook, Skype – wir sind nicht aus der Welt.«

Ich verziehe meine Lippen. Es fühlt sich unnatürlich an. »Ich weiß.«

Cole sieht mir in die Augen, senkt den Kopf und drückt seinen warmen Mund auf meinen. Ich dränge mich an ihn, halte ihn fest und will, dass dieser Kuss niemals endet. Ich weiß, kein Mann wird jemals das in mir wachrufen, was seine Küsse mit mir machen. Keiner wird dieses Feuer in mir entfachen können, das ich bei Cole empfinde.

Als wir uns voneinander lösen, sind wir beide aufgewühlt. Seine Unterlippe zittert, und er zieht mich eng an seine Brust. Tief atme ich seinen Duft ein.

»Großer Gott! Komm mit, Babe.« Seine Stimme ist nur ein tonloses Wispern. »Ich will nicht ohne dich dort sein. Das ist die schlimmste Entscheidung, die ich jemals treffen musste.« Seine Lippen berühren meine Stirn. »Begleite mich, Mace, komm mit mir nach New York.«

Er weiß, dass ich dem nicht nachgeben werde, nicht nachgeben kann – und ich weiß, wenn ich ihn jetzt bitte zu bleiben, wird er wanken. Aber wenn ich das tue, zerstöre ich alles, wonach er sich sehnt.

Ich schlucke hart, befreie mich kopfschüttelnd aus seiner Umarmung und schiebe ihn widerwillig Richtung Gate, wo die letzten Passagiere bereits abgefertigt und zum Flieger geleitet werden. Seine Augen glänzen verdächtig, während er mich mustert. Es tut so furchtbar weh, aber ich darf ihn nicht aufhalten. Ich darf nicht, auch wenn es mich zerreißt.

»Geh, Cole, geh. Erfüll dir deine Träume und leb dein Leben. Greif nach den Sternen und halt sie fest, aber vergiss mich nicht.«

Mit einem zerrissenen Lächeln küsst er mich auf die Stirn, nimmt seinen Koffer und eilt mit dem Flugticket in der Hand zu den Damen vom Bodenpersonal. Als er durch die Absperrung tritt, um zu seinem Flugzeug zu gehen, dreht er sich ein letztes Mal zu mir um.

Er zögert, meinetwegen.

Ich kann fühlen, wie mein Herz zerbricht und in tausend Stücke zu zerbersten droht. Es tut so schrecklich weh, und trotzdem zwinge ich ein Lächeln auf meine Lippen.

»Verschwinde endlich«, rufe ich ihm zu und bemühe mich um einen Anflug von Optimismus. Sein sehnsüchtiger Blick spricht Bände. Er weiß genau, wie es in mir aussieht.

»Ich meld mich bei dir«, versichert er mir halblaut.

Ich nicke und hebe zitternd die Hand. »Ja.«

»Auf Wiedersehen, Macey.« Er winkt mir zu.

Ich balle die Hände zu Fäusten. Das Lächeln auf meinem Gesicht fühlt sich unsagbar falsch an. Ich muss stark bleiben, irgendwie. Meine Stimme ist nur noch ein Flüstern, das er nicht mehr hören kann. »Leb wohl, Cole.«

 

 

1

 

Cole

 

 

 

Mit dem Koffer in der Hand und dem Reisepass zwischen den Fingern bleibe ich in der Ankunftshalle des Tucson International Airport stehen, um mich umzusehen.

Zwölf Jahre.

Ich kann kaum glauben, dass meine Füße mich tatsächlich wieder nach Tucson tragen. In spätestens einer Stunde werde ich Green Valley erreichen. Dabei ist das der letzte Ort auf der Welt, an dem ich sein möchte – und trotzdem bin ich nun auf dem Weg dorthin.

Ich hole tief Luft und schaue mich um. Überall graue PVC-Böden, vereinzelte Grünpflanzen in großen, viereckigen Kübeln, und dazu dieser typische Flughafengeruch. Die Umstände für meine Rückkehr hätten wahrhaft schöner sein können.

Letzte Woche hat Mom mich am Telefon darüber informiert, dass Oliver gestorben ist. Ich kann es immer noch nicht fassen. Im April haben wir uns noch geschrieben, da schien es ihm gar nicht so schlecht zu gehen. Er hat mit keiner Silbe etwas erwähnt. Klar, ich wusste, dass er krank war, irgendeine Lungensache, aber wie schlimm es wirklich um ihn stand, hat er nie erzählt. Und jetzt, fünf Monate später, ist er tot.

Laut Mom hat er schon seit drei Jahren damit gekämpft, mal ging es besser, mal schlechter, es war ein einziges Auf und Ab. Und nun hat er verloren. Mir wird mit erschreckender Klarheit bewusst, dass ich ihn offenbar viel weniger kannte, als ich dachte.

Vor einem Jahr hat er mal bemerkt, dass er verheiratet ist und eine Familie hat. Meine scherzhafte Frage, wer die Unglückliche sei, hat er nie beantwortet, und ich habe nicht weiter nachgebohrt, weil ich ehrlich gesagt keinen Bock auf noch mehr Details aus Green Valley hatte. Jetzt tut es mir leid, dass ich so wenig Interesse an seinem Leben gezeigt habe und unsere Plaudereien immer oberflächlich geblieben sind.

Wir waren mal beste Kumpels, aber das scheint ein ganzes Leben weit weg zu sein.

Ich war mir nicht sicher, ob ich herkommen sollte. Oliver und ich hatten zuletzt nur noch sporadisch Kontakt. Wir haben uns alle paar Monate bei Facebook geschrieben, gefragt, wie es dem anderen geht, und uns über belanglose, alltägliche Dinge unterhalten – das Wetter, Sport, ein bisschen Politik, da waren wir uns in vielen Dingen einig. Ansonsten hat jeder sein Leben gelebt. Mit Oliver zu schreiben war wie sich auf ein Bierchen in der Sports-Bar zu treffen, eine Runde zu quatschen und sich zu erkundigen, wie es dem anderen geht, und dann wieder seiner Wege zu ziehen.

Heute frage ich mich, ob ich ihm hätte auf die Nerven gehen müssen.

Ob ich hätte nachhaken sollen, als er erzählt hat, dass er da so eine Lungensache habe, aber das sicher bald verschwinde. Verdammt, ich habe doch nur an so was wie eine Bronchitis gedacht, irgendwas, das sich auskurieren lässt. Nichts, das ihm die Luft abschnürt und ihn aus dem Leben reißt.

Ich meine, er war doch erst zweiunddreißig. Er war so alt wie ich.

Jetzt ist es zu spät. Oliver ist tot, und ich kann nichts von dem wiedergutmachen, was ich versäumt habe. Das plötzlich aufkommende Gefühl, die Dinge verloren zu haben, die mal wichtig waren, lässt sich schwer verdrängen.

Alle zwei Monate telefoniere ich mit meinen Eltern.

Das war auch mal anders. Früher war es monatlich, davor alle drei Wochen, alle zwei Wochen, ganz zu Beginn jede Woche, aber wenn dich so viele Meilen trennen und dein Alltag vollgestopft ist mit Terminen, dann schiebst du das alles weit von dir.

New York ist eine andere Welt, ein anderes Leben.

Jedes Mal, wenn ich mit meinen Eltern spreche, ist es, als würde mein Blickwinkel mit Gewalt zurück nach Arizona gerückt. Ich höre ihnen zu, wie sie erzählen von der Gemeinde, ihrem Leben, der Nachbarschaft, und merke, wie ein großer Teil von mir abschaltet. Ich will eigentlich nicht wissen, wie es in Green Valley läuft, ob irgendwer gestorben oder geboren ist und wie es diesem oder jenem geht, der früher mal zu meinem Bekanntenkreis gehört hat.

Solang meine Familie gesund ist, ist mir der Rest ziemlich egal. Ich will nichts wissen von Gemeindesitzungen, Ortsvereinen und Kuchenbackwettbewerben – und erst recht will ich nichts hören von den Evans'.

Als Mom mir am Telefon erzählt hat, dass Oliver sich wünschte, ich solle zu seiner Beerdigung kommen, war ich erst mal sprachlos und musste das ein paar Tage sacken lassen.

Ich meine, wir hatten fast neun Jahre keinen Kontakt, und dann hat er mich vor drei Jahren plötzlich bei Facebook angeschrieben. Klar habe ich mich gefreut, aber es fühlte sich auch seltsam an. Ich war froh, dass er nicht darauf drängte, wieder einen auf beste Kumpels zu machen, mir reichte diese locker-leichte unkomplizierte Freundschaft ohne Verpflichtungen, und ich war genug mit meinem eigenen Leben und meinen eigenen Problemen beschäftigt.

Dass er sich erhoffte, ich würde zu seiner Beerdigung kommen, war ein echter Schlag in die Magengrube. Seit wann hat er gewusst, dass er sterben würde?

Zwölf Jahre sind eine verdammt lange Zeit, und ich habe nicht nur gute Erinnerungen an meinen Abschied von diesem Teil der Welt. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich nie wieder einen Fuß nach Green Valley setzen. Aber ich gebe zu, Olivers Tod ändert so einiges. Ich schulde es ihm, ein letztes Mal nach Arizona zu kommen. Ich wünschte nur, ich hätte mir früher einen Ruck geben können, statt zu warten, bis es vorbei ist.

Ob Macey auch dort sein wird?

Ich stoße die Luft aus. Vermutlich liegt es an diesem Ort, dass sie mir ausgerechnet jetzt in den Sinn kommt. Hier haben wir uns zuletzt gesehen, uns voneinander verabschiedet – und Green Valley ist im Grunde ein Dorf, wahrscheinlich werde ich es nicht völlig verhindern können, ihr zu begegnen.

Wie es ihr wohl ergangen ist?

Hat sie geheiratet und eine Familie gegründet, wie sie es sich gewünscht hat?

Obwohl es Zeiten gegeben hat, in denen wir Pläne geschmiedet haben, waren ihre und meine dennoch sehr unterschiedlich. Ich habe die Welt sehen und etwas erleben wollen. Aber sie hatte Angst vor allem dort draußen, sie hatte Angst, ein Risiko zu wagen, das Schicksal herauszufordern. Also bin ich allein nach New York gegangen. Vielleicht hat es einfach so sein sollen, dass unsere Wege sich trennen. Es ist die richtige Entscheidung gewesen.

Keine zwei Monate nach meiner Abreise hat sie plötzlich den Kontakt abgebrochen und mit mir Schluss gemacht. Einfach so, ohne große Erklärungen, nur mit einer kurzen Nachricht per WhatsApp: ›Wir sollten uns nicht mehr schreiben. Leb dein Leben. Es tut mir leid.‹

Danach war sie nicht mehr zu erreichen gewesen. Sie hat all ihre Social-Media-Accounts gelöscht, meine Nummer blockiert und war abgetaucht – wie ein Geist.

Ich hatte über meine Familie versucht herauszubekommen, was los war, aber Mom konnte mir nur erzählen, dass Macey nicht mehr bei ihren Eltern lebte und angeblich von heute auf morgen ›auswärts studierte‹. Wo genau sie war, wusste sie nicht. Ich weiß noch, wie wütend ich gewesen war und dass ich ihre Nummer aus meinem Telefon gelöscht habe. Es war wie ein Schlag ins Gesicht: Mit mir hat sie nicht weggehen wollen, aber dann dieser Sinneswandel … Als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich verschwinde.

Es hat mich angekotzt, dass sie unsere Beziehung, sogar unsere Freundschaft so leicht weggeworfen hat, als wäre es nichts wert gewesen. Sie hat mich einfach aus ihrem Leben gestrichen und mir keine Chance gegeben, darum zu kämpfen.

Am Ende habe ich sie auch aus meinem gestrichen.

Der Job hat mir geholfen, da konnte ich mich reinknien und auf das Wesentliche konzentrieren. Die Ablenkung machte es etwas leichter, den Schmerz zu verarbeiten und meine Wut zu zügeln. Ich habe alles darangesetzt, mir meine Träume zu erfüllen, habe Karriere gemacht, bin gereist, habe die halbe Welt gesehen. Es waren großartige Jahre, und ich weiß, das hätte ich nicht erlebt, wenn ich nach Green Valley zurückgekommen wäre, um mich hier anbinden zu lassen.

Aber jetzt? Vielleicht ist es nicht so verkehrt, hier zu sein. Sie ein letztes Mal zu sehen gibt mir die Chance, endlich einen Schlussstrich ziehen zu können. Ja, wenn ich ehrlich bin, wünsche ich es mir fast. Sie soll ruhig merken, was sie verpasst hat und dass ich ihr ein aufregendes, luxuriöses Leben hätte bieten können.

Tief einatmend durchquere ich die große Ankunftshalle und steuere auf den Schalter der Autovermietungen zu. Als ich ihn erreiche, schiebe ich der Dame meinen Reisepass und den Führerschein über den Tresen. »Ich habe reserviert.«

Sie schenkt mir ein strahlendes Lächeln und einen freundlichen Augenaufschlag. Wer Geld hat, wird immer zuvorkommend behandelt. Das habe ich durchaus zu schätzen gelernt.

»Willkommen in Tucson, Mr Sullivan.« Ihre Finger huschen eifrig über die Tastatur. »Das von Ihnen bestellte Fahrzeug ist betankt und abfahrbereit. Unser Mitarbeiter wird den Wagen umgehend vor den Hauptausgang bringen, Sir.« Sie nickt mir zu und reicht mir meine Papiere zurück. »Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit in Arizona, Mr Sullivan.«

»Danke.« Der Grund, warum ich überhaupt hier bin, lässt in mir wenig Freude aufkommen. Ich werde diese Beerdigung mitsamt allen unliebsamen Begegnungen hinter mich bringen und dann so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden. Zwei Tage, höchstens drei, dann bin ich weg. Am Sonntag kann ich schon wieder zuhause sein.

New York fehlt mir. Das Pulsieren der Großstadt, die Schluchten zwischen den Hochhäusern, das sonore Gemurmel der Menschenmassen, die sich beständig durch die Straßen schieben, und die Anonymität, mit der man dort in der Alltäglichkeit des Lebens für eine Weile untertauchen kann. Wenn ich es nicht will, spricht mich dort niemand mit meinem Namen an. Ich kann mich in Gegenden bewegen, wo mich kein Mensch kennt und ich nur einer unter Millionen bin. Aber wenn ich Aufmerksamkeit brauche und Respekt spüren will, verlasse ich meine lichtdurchflutete Wohnung in der Upper East Side von Manhattan und begebe mich dorthin, wo man mich schätzt und meine Arbeit anerkannt wird.

Ja, ich weiß, viele halten mich für arrogant und selbstgefällig, manch einer kann mich nicht leiden, weil ich meinen Weg gegangen bin. Nicht alles war nur perfekt und wunderschön in den letzten Jahren. Auch ich hatte meine dunklen Zeiten in New York, aber ich habe mich hochgekämpft, ich habe nicht aufgegeben und die Schuld bei anderen gesucht. Ich habe den Preis bezahlt, den mir dieses Leben abverlangt hat, und ernte die Früchte für meinen Ehrgeiz.

Ich liebe meinen Job, und ich lebe dieses Leben, weil es für mich das richtige ist. Alles, was ich wollte, habe ich erreicht – mehr brauche ich nicht.

Als ich vor den Hauptausgang trete, wartet bereits der SUV mit dem Mitarbeiter der Autovermietung. Der Mann in Polo-Shirt und Shorts übernimmt mein Gepäck und lädt es in den Kofferraum, ich reiche ihm als Dankeschön ein Trinkgeld, während er mir den Schlüssel übergibt. Er nickt und verschwindet wortlos von der Bildfläche. Ich ziehe mein Jackett aus und werfe es auf den Rücksitz. Fünf Sekunden später gleite ich hinter das Steuer des Leihwagens und atme tief durch.

Ruhe! Ruhe ist ein Luxus, den ich überall genießen kann. Ob im schwülen, abgasverseuchten New York oder hier in Arizona, wo einen die brütende Hitze einhüllt und die trockene Luft die Lippen innerhalb von Sekunden spröde werden lässt. Ich betätige den Start-Knopf des Lexus und koste den Moment aus, in dem die Klimaanlage sanft die perfekte Raumtemperatur im Inneren des Wagens erzeugt.

Was für eine Wohltat. Für den Bruchteil einer Sekunde schließe ich die Augen. Wenn ich diesen Weg in die Vergangenheit schon auf mich nehmen muss, dann bitte mit Stil und Eleganz.

Auf nach Green Valley.

 

***

 

Der Ort hat sich verändert. Nicht so, dass ich ihn nach all der Zeit nicht wiedererkennen würde, aber doch genug, um mich neu orientieren zu müssen.

Es gibt deutlich mehr Häuser als früher und ist dichter bebaut. Der Anblick ist irgendwie ernüchternd und gleichzeitig verwirrend, weil ich zum ersten Mal Schwierigkeiten habe, auf Anhieb den Weg nach Hause zu finden.

Viele der Grünflächen, denen Green Valley seinen Namen verdankt und wo wir als Kinder noch herumgetobt sind, mussten neuen Siedlungen weichen, in denen ein Haus unweit des anderen steht. Plötzlich herrscht vielerorts das typische Landschaftsbild mit kargen Steingärten voller Palmlilien, Kakteen und Sukkulenten.

Nachdem ich einmal falsch abgebogen bin, parke ich den Wagen schließlich vor dem anderthalbgeschossigen Haus, in dem ich acht Jahre meiner Kindheit und Jugend verbracht habe. Hier sieht es noch genauso grün aus wie früher. Meine Mutter hat immer darauf geachtet, dass die Pflanzen im Garten genügsam sind und wenig Wasser brauchen, aber dennoch üppig wachsen.

Als ich aus dem Auto steige, wird mein Blick unweigerlich vom Nachbarhaus auf der linken Seite angezogen. Das Haus der Evans‘.

Macey hat im oberen Stock gewohnt, ihr Zimmer hat meinem genau gegenübergelegen, und vorm Schlafengehen haben wir uns jeden Abend über den Garten hinweg unterhalten. Selbst dann, wenn wir den ganzen Tag miteinander verbracht hatten und es rückblickend nichts mehr hätte zu erzählen geben dürfen. Aber wir haben immer etwas gefunden, worüber wir reden konnten.

Das alles scheint eine Ewigkeit weit weg zu sein.

Ob sie wieder in Green Valley wohnt?

Wenn ja, bezweifle ich irgendwie, dass sie bei ihren Eltern eingezogen ist. Das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vater war früher eher schwierig, um es freundlich auszudrücken. Der Chief der örtlichen Feuerwehr war immer sehr aufbrausend, und Macey mit ihrer ungestümen Art hat manches Mal seine ohnehin nur spärlich vorhandene Geduld überfordert.

Wieso grüble ich ausgerechnet jetzt darüber nach?

Irritiert zwinge ich mich meinen Fokus wieder auf mein Elternhaus zu richten, wo zum Glück in diesem Moment meine Mom aus der Haustür tritt. Ich ignoriere mein eigenes Herzklopfen, schlage die Autotür zu und gehe ihr entgegen.

Sie lächelt und kommt die Stufen zur Einfahrt herunter.

Fast sieht sie aus wie früher, und dennoch …

Plötzlich wird mir bewusst, wie viel Zeit vergangen ist. Ihre rotbraunen Locken sind nun von vielen grauen Strähnen durchzogen, hauptsächlich vorne am Ansatz, und die zahllosen Fältchen, die um ihre grünen Augen und die Mundwinkel liegen, verleihen ihr einen Hauch von Traurigkeit, der früher nicht da war. Es tut weh, sie so zu sehen, doch im gleichen Atemzug bin ich auch glücklich hier zu sein und ihr gegenüberzustehen.

»Oh Cole.« Ich bemerke, dass ihre Augen in Tränen schwimmen. Ohne ein Wort zu sagen, überwinde ich die letzte Entfernung zwischen uns mit zwei Schritten und schließe sie in die Arme. Ich genieße den Moment, sie an mich zu drücken und eingehüllt zu werden vom vertrauten Duft meiner Mutter. Sofort sind die Erinnerungen an alte Zeiten wieder da. An selbstgebackene Plätzchen, an Spielabende mit der Familie und Weihnachstage, in denen man keinen Tannenbaum, sondern die Palme im Garten mit Lichterketten schmückte. Wieso mir ausgerechnet heute der Gedanke an Weihnachten kommt, ist mir selbst nicht klar. Ich weiß nur, dass es gerade unfassbar guttut, meine Mom im Arm zu halten und an mich zu ziehen.

Für einen kleinen Augenblick bin ich wieder elf Jahre alt, und meine Mom war der einzige zuverlässige Halt in einem unsteten Leben, das uns wie Nomaden von einem Ort zum anderen trieb. Nirgends hatte ich wirkliche Freunde, niemals konnte ich echte Wurzeln schlagen, und der Job meines Dads, der als Pfarrer immer woanders eingesetzt wurde, sorgte, seit ich denken konnte, dafür, dass wir ständig umziehen mussten, wenn man sich gerade eingelebt hatte. Zuletzt vom kühlen Kanada hinab in den heißen Süden Amerikas, genau ins Grenzgebiet zu Mexiko.

Dass ich ausgerechnet dort zum ersten Mal in meinem jungen Leben echte Freunde und die eine große Liebe finden würde hatte, damit hatte ich nicht gerechnet. Und wenn ich ehrlich bin auch nicht damit, dass meine Eltern nach mittlerweile zwanzig Jahren immer noch an diesem Ort leben, dem ich so vehement den Rücken zuwenden wollte. Trotz all der schönen Erinnerungen, die ich mit Green Valley verbinde, und der Menschen, die mir so viel bedeuteten, habe ich mich hier nie so recht zuhause gefühlt. Da war dieser stete Drang in mir, meine Zelte abzubrechen und weiterzuziehen, als könnte ich damit das Schlechte, das die guten Dinge überschattet hat, irgendwie ausblenden. Vielleicht war es aber auch der Nomade in mir, der nicht sesshaft werden wollte – bis ich in New York gelandet und hängen geblieben bin.

»Hi Mom.« Meine Stimme ist nur ein Murmeln, während ich sie an mich drücke und die Augen geschlossen halte. Ich habe vergessen, wie schön dieses Gefühl immer war, ihre Liebe zu spüren und diesen blumigen Duft ihres Parfüms zu riechen.

Sie zittert, und leise Schluchzer dringen an mein Ohr. Mit einem Seufzen halte ich sie noch ein bisschen fester. Sie soll wissen, dass es okay ist und dass ich gerade begreife, was ich ihr in den letzten Jahren mit meiner Abwesenheit angetan habe.

Ich liebe mein Leben in New York, aber mir wird gerade mit aller Härte bewusst, dass ich nicht nur dieses Kaff zurückgelassen habe.

Die letzten zwölf Jahre sind an mir vorbeigerast. Ein stetes Auf und Ab, voller Hektik und gefangen im pulsierenden Strom der Großstadt. So oft habe ich meinen Eltern versprochen sie bald zu besuchen, um es dann jedes Mal wieder zu verschieben, weil mir die Arbeit dazwischenkam. Ich habe verdrängt, wie es sich für meine Familie anfühlen musste, während ich mein Leben in vollen Zügen ausgekostet habe.

Nun treibt mich Olivers Tod wieder her, und es ist, als wäre ich nach ewigen Runden im Rausch der Geschwindigkeit plötzlich auf null heruntergebremst worden und müsste mich erst neu orientieren. Völlig übergangslos wird mir klar, dass es auch eine andere Beerdigung hätte sein können, die mich wieder nach Hause ruft – die von Mom oder Dad.

Als sie mich ein Stück von sich wegschiebt, um mich anzusehen, glänzen die Tränen noch auf ihren Wangen. Ich hebe die Hand und wische sie fort. Sie lacht, glücklich und ein bisschen aufgekratzt. »Du bist so verändert, Schatz, so erwachsen.« Ihre Hände legen sich um mein Gesicht. Sie sind kühler, als ich sie in Erinnerung habe. »Unfassbar, was für ein Mann aus dir geworden ist. Ich freu mich so sehr, dich zu sehen, Cole.«

»Ich freu mich auch, Mom.« Ich ignoriere den Hauch von Sorge, der in mich hineinkriecht, weil die grauen Strähnen und das Mehr an Falten mich irritieren. »Es tut mir leid, dass ich nicht früher kommen konnte. Ich wünschte, ich … hätte mich von ihm verabschieden können. Ich hätte eher kommen sollen.«

Sie lächelt sanft, und ich muss nicht erst erklären, über wen ich rede. Wir umarmen uns erneut. »Er hat gewusst, wie stressig dein Leben ist. Du hast ihm seinen letzten Wunsch erfüllt, nur das sollte zählen. Behalt ihn in Erinnerung, wie du ihn zuletzt gesehen hast.«

Ein leises Quietschen lenkt meine Aufmerksamkeit zum Haus zurück.

Mein Dad tritt mit dünnem Lächeln aus der Fliegengittertür auf die schmale Veranda. Hinter ihm erkenne ich meinen jüngeren Bruder Ethan, der mit undeutbarem Gesichtsausdruck im Schatten des Vordachs stehen bleibt.

Nachdem ich Mom ein letztes Mal an mich gedrückt habe, gehe ich Dad entgegen, der nun auch die Stufen zur Einfahrt herabkommt. Ich sehe die ersten silbrigen Fäden in seinem dunklen Haar, und die Geheimratsecken sind größer geworden. Dafür trägt er nun einen Vollbart, der ihn auf den ersten Blick zwar fremd erscheinen lässt, ihm aber wirklich gut steht.

War er immer schon kleiner als ich?

Seine Augen strahlen, und er klopft mir mehrfach auf den Rücken, als ich ihn umarme. Das hat er früher auch oft gemacht, aber irgendwie hat es mich da fast aus den Schuhen gehauen. Seine Kraft hat nachgelassen.

»Schön, dass du wieder zuhause bist, Junge.« Dads Stimme klingt rau. Ich weiß, dass er mit seinen Gefühlen kämpft und sich um Haltung bemüht, da er immer schon zu jenen Menschen gehört hat, die rasch von ihren Emotionen überrollt werden.

»Ich freu mich dich zu sehen, Dad.«

»Ich freu mich auch, mein Junge«, murmelt er und drückt mich für eine Sekunde so fest an sich, dass ich mich zum zweiten Mal fühle wie ein Kind.

Doch nun, wo ich selbst erwachsen bin und nicht mehr nur Flausen im Kopf habe, begreife ich zum ersten Mal, dass das Leben an meinem Dad nicht so spurlos vorbeigegangen ist, wie ich immer angenommen habe. Auf den ersten Blick wirkt er so cool und relaxt wie früher, doch mir wird plötzlich das sachte Zittern seiner Finger bewusst, die grauen Schatten unter seinen Augen und die leicht geneigte Körperhaltung. Er sieht abgearbeitet aus. Nicht, weil sein Job körperlich so anstrengend war, sondern weil er über die Jahre zu viel erlebt und gesehen hat, das mental auf seinen Schultern abgeladen wurde.

»Es ist wirklich schön, dass du wieder da bist.« Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, und er fährt mir mit Daumen und Zeigefinger über meinen lässig gestutzten Bart. »Du hattest wohl auch Lust auf eine Typveränderung«, bemerkt er amüsiert.

Ich mustere seinen Bart, der deutlich voller ist als meiner, und nicke schmunzelnd. »Im Gegensatz zu dir bin ich noch in den Anfängen meiner Zucht.«

»Na, was ein Glück. Sonst verwechseln uns die Leute noch, während du hier bist.« Er zwinkert mir zu, trotzdem ist sein Blick eindringlich, und ich bringe es genauso wenig wie bei Mom über mich, ihm zu sagen, dass das nur ein kurzer Besuch sein wird. Sie werden es früh genug erfahren.

Ob es wohl eine gute Idee wäre, ihnen zum Hochzeitstag in zwei Monaten einen Flug nach New York zu schenken? Sie haben mich noch nie dort besucht, und ich will nicht nochmal zwölf Jahre vergehen lassen, um sie wiederzusehen. Vielleicht kommt Ethan ja auch mit?

Als ich mich meinem Bruder zuwende, nickt er mir kühl zu und bleibt auf der Veranda stehen. »Hi Cole.«

Seine Miene ist nahezu unergründlich, aber ich habe in den letzten Jahren gelernt in den Gesichtern der Menschen zu lesen, die nichts von sich preisgeben wollen.

Ethan war sechzehn, als ich aus Green Valley weggegangen bin. Natürlich sind wir uns ein bisschen fremd geworden. Ich kann ihm seine Distanziertheit nicht übelnehmen, aber ich bemerke dennoch ein winziges Zucken um seine Augenbrauen. Er ist verärgert, und ich bin mir gerade unschlüssig, ob ich der Grund dafür bin.

Natürlich habe ich nicht mit überschwänglicher Begeisterung gerechnet, aber seine sorgsam verhohlene Wut ist trotzdem überraschend. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mich in den vergangenen Jahren nur in unregelmäßigen Abständen bei ihm gemeldet habe, und meistens, wenn ich mit Mom und Dad telefoniert habe, war Ethan nicht da. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich den Eindruck, wir wären im Streit auseinandergegangen.

Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und ruhig zu bleiben. Vermutlich ist das nur ein Missverständnis, und wir können das nachher klären. Ich würde ja versprechen, mich öfter zu melden, doch das würde ich nicht einhalten. Telefonieren war noch nie meine Stärke, das ist das Problem bei der großen Distanz, die sonst zwischen uns liegt.

Weil ich für den Augenblick nichts an Ethans Gefühlen mir gegenüber ändern kann, mach ich, was ich in solchen Momenten immer mache und was mich schon über manch unangenehmen Geschäftstermin hinweggerettet hat: Ich lächle unverbindlich und nicke zurück. »Ethan. Schön, dich zu sehen. Du bist erwachsen geworden.«

»Klar. Es ist ja auch genug Zeit vergangen.« Seine Worte sind eisig. Er verschwindet, ohne einen weiteren Blick in unsere Richtung zu werfen, im Haus. Ob ich will oder nicht, dieser eine Satz hinterlässt in meinem Inneren ein dumpfes Gefühl von Schuld.

Mom tritt zu Dad und mir. Ihre Finger umschließen meinen Oberarm. »Nimm es ihm nicht übel, Schatz. Es nagt an ihm, dass du so lang nicht hier warst.«

Ich nicke. Natürlich. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass das allein nicht das Problem ist.

»Ja … Versteh ich … Ich wäre schon früher hier gewesen, aber es kam immer wieder was dazwischen. Das Leben in New York ist stressig.« Die Worte fühlen sich wie eine lahme Ausrede an, und im Grunde sind sie das auch. Eigentlich gibt es nichts, was entschuldigt, dass ich so lange nicht zuhause gewesen bin.

»Ich wünschte, es wäre nicht so ein trauriger Anlass, der dich wieder herbringt«, bemerkt Mom und streicht mir über den Ärmel meines Oberhemds.

»Du gehst doch nicht gleich nach der Beerdigung wieder weg, oder?«

Dad konnte das früher schon immer – uns ansehen und unsere Gedanken erraten. Offenbar hat er nichts davon verlernt.

Ich verziehe die Lippen zu einem schiefen Lächeln. Wenn ich ehrlich bin, war genau das mein Plan. Die verdammte Beerdigung hinter mich bringen und am besten noch vom Friedhof aus wieder Richtung Flughafen düsen. Aber angesichts der Tatsache, dass zwölf Jahre eine ziemlich lange Zeit sind und ich vermutlich viel versäumt habe, wäre es wohl angebracht, etwas länger zu bleiben.

»Ein paar Tage kann ich mich freimachen«, gebe ich unbestimmt zurück.

»Das ist großartig.« Mom umklammert meinen Arm und drückt sich an mich. Sie gibt Dad ein Zeichen. »Lasst uns reingehen.« Unsere Blicke treffen sich, und sie zwinkert mir zu. »Ich habe extra deine Lieblingsplätzchen gebacken.«

»Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, Mom.«

»Ich weiß, aber diesmal war ich sicher, dass du kommst.«

 

 

2

 

Cole

 

 

 

Mein altes Zimmer sieht fast genauso aus, wie ich es in Erinnerung habe, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wenn ich ehrlich bin, habe ich erwartet, sie hätten es umgebaut oder für irgendwas anderes verwendet. Doch außer regelmäßig den Staub von den Möbeln zu wischen, haben meine Eltern nichts darin verändert. Als hätten sie gehofft, dass ich jeden Moment wieder zur Tür hereinspaziere.

Ich stelle meine Reisetasche auf der karierten Tagesdecke ab, setze mich auf den Rand der Matratze und beuge mich nach vorn. Mit den Ellbogen auf den Knien sehe ich mich um. Selbst der Teppich unter den Sohlen meiner teuren, maßangefertigten Schuhe ist noch der gleiche wie damals. Dieselben zerkratzten Möbel, die Poster meiner Lieblingsband an den Wänden, sogar die Flakons mit dem alten, billigen Herrenparfüm, das ich früher benutzt habe, sind noch immer da. Ich fühle mich, als hätte mich jemand in die Vergangenheit katapultiert.

Die offenkundige Tatsache, wie sehr meine Eltern sich gewünscht haben, dass ich nach Hause komme, zusammen mit den Eindrücken der letzten Stunden muss ich erst mal sacken lassen.

Nachdem ich das Haus betreten habe, saßen wir in der Küche und haben geredet. Ich habe von meinem Leben in New York berichtet, ihnen von meinem Job und meiner Wohnung erzählt, alles, was in den letzten Jahren gut gelaufen ist. Das, was weniger gut lief, habe ich ausgelassen. Sie müssen davon nichts wissen, dann machen sie sich auch weniger Sorgen. Dad hat dagesessen, zugehört und gelächelt, während Mom das Abendessen vorbereitet hat. Sie haben über Green Valley geredet, die Gemeinde, die Nachbarn.

Mr und Mrs Evans wohnen immer noch nebenan, zusammen mit Hazel, Maceys kleiner Schwester. Mehr habe ich gar nicht wissen wollen und gleich wieder vom Thema abgelenkt. Niemand soll hier den Eindruck gewinnen, dass mich irgendwas an ihrem Leben interessiert.

Ich lasse mich nach hinten auf das Bett fallen und starre an die Zimmerdecke. Blaue Lampe, viereckig – ein bisschen was haben sie also doch verändert. Früher hing so ein rundes Ding aus Pappe hier drin, das abends seltsame Muster an die Decke zauberte … Macey und ich haben jedes Mal andere Fabelwesen in den Schatten entdeckt, wenn wir auf dem Bett lagen.

Ich schließe die Augen und versuche den Gedanken an sie irgendwie zu verdrängen, aber es fällt mir schwer. Alles hier erinnert mich nicht nur an meine eigene Vergangenheit, alles hier erinnert mich auch an sie.

Macey, die auf der Fensterbank sitzt und mir vorliest.

Macey, die auf dem Sessel in der Ecke hockt und weint, weil ihr Dad mal wieder ausgeflippt ist.

Macey, die in meinen Armen liegt und mich anschaut, als wäre ich für sie der Mittelpunkt des Universums.

Wenn ich ehrlich bin, wäre es mir lieber gewesen, meine Eltern hätten ein Nähzimmer für Mom oder einen Fitnessraum draus gemacht. Egal, in welche Ecke ich schaue, hier habe ich keine Chance, den Erinnerungen zu entkommen.

Draußen knarren die Dielenbretter, als Mom und Dad vorbeigehen, um sich ins Bett zu begeben. Es ist Viertel nach zehn. Während in New York der Abend gerade erst beginnen würde, weil die Nachtschwärmer erst jetzt aktiv werden, ist hier der Tag so gut wie vorbei, und Fuchs und Hase sagen sich am Rande von Green Valley Gute Nacht.

Seltsamerweise verfalle auch ich in Arizona spürbar in einen anderen Rhythmus. Während ich sonst auf meinen Reisen gut mit den unterschiedlichen Zeitzonen klarkomme und nie ein Problem mit einem Jetlag habe, fühle ich mich heute, als wäre ich von einem Bus überrollt worden.

Fast sieben Stunden Flug, eine halbe Stunde Autofahrt und danach der mehrstündige Rede-Marathon mit meinen Eltern. Keine Zeit zum Verschnaufen.

Ich schließe die Augen, will nur einen Moment durchatmen und zur Ruhe kommen. Maceys Gesicht taucht aus der Dunkelheit meiner Erinnerungen auf. Sie steht am Flughafen vor mir, und eine Träne läuft ihr über die Wange.

»Ich liebe dich auch«, wispert sie.

Sie hat mich nur nicht genug geliebt, um zu warten.

 

***

 

Als ich die Augen wieder öffne, ist es stockfinster im Zimmer, und ich liege quer auf dem Bett. Ein Blick auf meine Rolex verrät mir, dass es halb eins in der Nacht ist.

Verrückt! In New York brauche ich immer eine Ewigkeit, um zur Ruhe zu kommen, und hier penne ich in null Komma nichts einfach für gut zwei Stunden weg.

Gähnend setze ich mich auf und schalte die Nachttischlampe ein. Ich muss mir die Zähne putzen und mich umziehen, sonst ruiniere ich noch meinen Anzug.

Als ich die Beine aus dem Bett schwinge, spüre ich den weichen Teppich unter den Fußsohlen. Meine Schuhe stehen am Ende des Bettes auf dem Boden. Entweder habe ich sie mir im Halbschlaf abgestreift oder Mom war hier drin und hat sie mir ausgezogen. Auf Socken gehe ich zu dem Sessel hinüber, der neben der Kommode steht, kleide mich aus und falte meine Klamotten fein säuberlich, um sie abzulegen.

Ein Schmunzeln huscht über meine Lippen. Früher war ich der totale Chaot, hab alles da fallen lassen, wo ich ging und stand. Mom ist regelmäßig ausgeflippt, weil mein Zimmer ständig aussah, als wäre eine Bombe darin explodiert. Davon ist nichts geblieben. Seit ich allein lebe, habe ich schon fast einen Ordnungstick.

Mein Blick fällt auf die Pinnwand, die über dem Schrank hängt.

Jede Menge Autogrammkarten, Konzerttickets und Fotos. Sogar die Anstecknadel mit dem alten Linkin-Park-Logo hängt noch daneben.

Scheiße! Wie lang ist das her?

Ich streiche mit dem Finger darüber und erinnere mich an den Abend, als Oliver und ich den Merch bei unserem ersten Konzert der Band gekauft haben.

Wir waren siebzehn. Dad hatte uns für ein Männerwochenende nach Las Vegas eingeladen, und wir haben ein wirklich geniales Konzert im Thomas & Mack Center erlebt. Danach verprassten wir unsere verbliebenen Kröten für T-Shirts, Caps und diversen anderen Shit. Von der Anstecknadel gab es nur noch eine einzige, wir haben sie beide gewollt, aber ich überließ sie Oliver, weil er von uns der größere Fan war.

Er hat sie gekauft, sie sich abends im Hotelzimmer an seinen Schlafanzug gesteckt und ist damit ins Bett gegangen. Wir haben gelacht, aber es passte zu Oliver. Als wir am nächsten Tag wieder nach Hause gefahren sind, hat er sich auf halber Strecke im Beifahrersitz zu mir umgedreht und sie mir geschenkt.

Ich war irritiert, und er meinte: »Das soll dich dran erinnern, dass es wichtig ist, seinen Träumen zu folgen.«

Also habe ich sie gehütet wie einen Schatz. Das einzige Mal, dass ich sie getragen habe, war bei einem Winterball in der Highschool.

Ich wünschte, ich könnte sie ihm zurückgeben. Er hätte sie mehr verdient als ich. Ganz kurz erlaube ich mir den Schmerz, der mich überrollt. Für einen Moment lasse ich es zu, dass es in meiner Brust brennt wie Feuer und meine Augen feucht werden, dann fahre ich mir mit einer Hand über das Gesicht und atme tief durch.

Ich weiß, dass ihn der Tod von Frontsänger Chester Bennington vor ein paar Jahren hart getroffen hat. Oliver hat seiner Trauer auch damit Ausdruck verliehen, dass er sich Geburts- und Sterbedatum des Sängers zusammen mit dem neuen Logo der Band auf den Oberarm hat tätowieren lassen. Er hat das Bild davon bei Facebook gepostet. Obwohl er viel Zuspruch dafür erhielt, haben es gerade Freunde von früher nicht besonders gut aufgefasst und ihn deshalb kritisiert.

Da er sich selbst mit Leben und Tod hat auseinandersetzen müssen, hat das sicher zu seiner Entscheidung beigetragen. Mittlerweile glaube ich zu begreifen, warum er die letzten Monate jede Woche ein anderes Lied

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Ewa Aukett
Cover: Marie-Katharina Wölk; Wolkenart Media Design; www.wolkenart.com
Lektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 05.02.2020
ISBN: 978-3-96714-058-3

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