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Mein Charakter aus „Point Hope“
Name: Nishino
Vorname: unbekannt
Stand: unverheiratet, vermutlich auch nicht liiert
Alter: Mitte fünfzig
Geburtsort: Kobe, Japan
Ausbildung: Schule abgebrochen, abgebrochene Kabuki-Schauspieler Ausbildung
derzeitiger Beruf: Captain auf einem Walfänger (die Tsuma - japanisch für „Ehefrau“)
Eigenschaften: cholerisch, spontan gewalttätig, eigensinnig, egoistisch und trotzdem mit einer weichen Seite, die er immer versteckt hält. Er regiert den Walfänger mit harter Hand, kümmert sich auf der anderen Seite immer darum, dass es der Mannschaft gut geht.

Szene:
Lokalität: Point Hope, Alaska, ein kleiner Ort an der Bering-See, vor dem die Tsuma vor Anker geht.
An Land: die wenigen Einwohner des Ortes „Point Hope“, die mithilfe der FBI-Agenten Nick Reining und Bragas den Mord an einem Unbekannten aufklären wollen. Der Tote war unter der winterlichen Schneeschicht aufgetaucht. Ian McFadden (Haupt-Charakter) ist ein Ex-Kollege von Reining, der ausgestiegen ist, wovon aber die Leute in Point Hope nichts wissen.
Als die Tsuma anlegt, befinden sich die meisten gerade in dem einzigen Supermarkt und Gemischtwarenladen des Ortes.

„Das ist ein Schiff aus der japanischen Walfängerflotte“, rief Albie, „aber die Tsuma ist immer allein unterwegs. Die Matrosen haben mir mal erzählt, dass der Captain in irgendeinem Hafen auf zwei Tierschützer gestoßen ist und einen hat er ins Hafenbecken geworfen und dem anderen hat er die Faust auf die Nase gegeben, und als er am Boden lag, hat er ihm so lange in den Hintern getreten, bis ihn seine Leute überwältigen konnten. Und als er das letzte Mal hier an Land gegangen ist ...“
„Albie“, rief Nick Reining, „kannst du für einen Moment den Mund halten?“
Albie schwieg, grinste aber noch immer.
Weit vor ihnen die Straße herunter, die in einem leichten Bogen auf den Hafen zulief, marschierte jemand auf die Tsuma zu, ließ sich die Taue nach unten werfen, kettete den Steg fest und sah zu dem Schiff hinauf, den Kopf in den Nacken gelegt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Ist das Ian?“, wollte Nick wissen, aber Albie antwortete nicht, weil er ihm den Mund verboten hatte.
Der Platz unmittelbar zwischen Hafengelände und Walfänger schien das Zentrum einer Inszenierung geworden zu sein, wobei sich niemand auf die Bühne wagte; die Menschen sammelten sich rund herum, keiner kam näher, alle warteten darauf, was sich auf dem Schiff wohl als Nächstes tun würde. Ian hatte seinen Platz vor dem Walfänger verlassen und war in den Laden zurückgekehrt, wo er begann, Kartons auszupacken. Ihn interessierte es nicht sonderlich, was da draußen vor sich ging.

Der Japaner, der den Steg hinunterkam, war groß und schwer, bewegte sich mit eiligen breitbeinigen Schritten und steuerte auf den Laden zu. Er strahlte ernste Ruhe aus, die leicht ins Negative kippen konnte. Anhand seiner Kleidung war sein Rang nicht zu erkennen, aber sein hoch erhobener Kopf, sein breiter Gang und die Hände in den Hosentaschen sprachen ihre eigene Sprache.
Er war der Captain der Tsuma, der Mann, der dem Greenpeacler in den Arsch getreten hatte. Sein Name war Nishino. Niemand wusste, wie alt er war. Ähnlich wie bei den italienischen Weibern konnte man sagen, je älter desto breiter – und Nishino war sehr breit, ohne dabei fett zu wirken. Sicher war, dass er in Kobe geboren war und es ihn schon sehr früh zur See gezogen hatte. Einige der Matrosen behaupteten, er habe die Hochschule unfreiwillig verlassen als Resultat seines ständigen Aufbegehrens, aber andere meinten, das seien nur dumme Gerüchte und in Wirklichkeit habe er versucht Kabuki-Schauspieler zu werden, und nachdem das nicht geglückt war, sei er aus purer Verzweiflung zur Walfangflotte gegangen.
Was jedoch niemand abstreiten konnte, war die Tatsache, dass er aus einem vollkommen nichtigen Grund im letzten Sommer Amok gelaufen war. Und dass die Einwohner von Point Hope richtig Angst vor ihm hatten.
Nishino trug schwarze weite Hosen, darüber einen grünen US-Army-Parka mit Kapuze, dessen Reißverschluss bis an sein Kinn hochgezogen war. An den Füßen hatte er schwarze Gummistiefel, mit denen er bedenkenlos durch Waleingeweide waten konnte.
Wie ein Platzhirsch marschierte Nishino durch die versammelten Einwohner hindurch, ohne irgendjemandem einen Blick zu gönnen. Ganz leise fluchte Officer Svensson vor sich hin, dass es ein verdammtes unkalkulierbares Risiko sei, diesen Irren durch Point Hope laufen zu lassen, aber er würde sich ihm nicht entgegenstellen, um ihn daran zu hindern. Er war, wie immer, unbewaffnet und ohne geladene Waffe würde er Nishino nicht einmal Guten Tag sagen. Nick Reining drehte sich zu ihm herum und fragte: „Würde er ein Hallo verstehen? Spricht er Englisch?“
Sehr zerknirscht antwortete Svensson, zog dabei den Kopf zwischen die Schultern: „Wir hatten noch nie die Gelegenheit mit ihm zu reden.“

Im Laden suchte der Matrose Katayama ein paar Lebensmittel zusammen, die er an Bord schmuggeln wollte, unterhielt sich dabei in einem wilden Gemisch aus Englisch und Japanisch mit Ian. Er erstarrte, als er sah, dass der Captain mit nach außen gedrehten Knien auf die Ladentür zusteuerte, als habe er zu dicke Eier, um normal laufen zu können.
„Katayama“, flüsterte Ian, „ich werde nicht versuchen, ihn zu überwältigen, dass das klar ist.“
Das hatte er als Scherz gemeint, aber natürlich kam es nicht so an und hätten sie noch Gelegenheit für eine Unterredung gehabt, bevor Nishino den Laden betrat, hätte Katayama sehr höflich und in vielen Worten betont, dass er es nicht von Ian verlangen könnte, den Captain aufzuhalten, sollte der sich wieder in eine für alle Beteiligten höchst peinliche Situation bringen. Katayama war wegen seiner Kaffeebohnen und Schokolade an Land gekommen, obwohl offiziell kein Landgang erlaubt worden war, und er wusste, das Nishino ihn dafür ermahnen würde; nicht bestrafen, das war nicht seine Art. Wenn er jemanden trat oder schlug, dann im Affekt und nicht als überlegte Bestrafung, aber trotzdem würde eine Ermahnung von ihm schlimm genug sein.

Nishino hatte einen Schritt in den Laden gemacht, die Glöckchen über dem Türrahmen schlugen an, er hielt die Hände in den Hosentaschen und zog dadurch den natogrünen Parka an den Seiten in die Höhe, er stand einfach nur da und sah sich um. Dabei drehte er nicht nur den Kopf, sondern auch die Schultern, als habe er einen steifen Nacken. Katayama näherte sich ihm sehr vorsichtig, während er die versteckten Pakete unter seiner Jacke fest an sich drückte, ängstlich, sie könnten rausrutschen und dem Captain vor die Füße fallen. Er erkundigte sich umständlich, ob er etwas tun könnte, ob der Captain etwas wünschte, aber Nishino reagierte auf diese Angebote nicht, er sah sich nur um, stumm und mit unbeweglichem Gesicht. Sein Verhalten brachte Katayama dazu, immer schneller und hektischer seine Hilfe anzubieten, wollte Kaffee oder Tee besorgen oder etwas zu essen, was immer Nishino haben wolle und was der Laden hergebe, und Ian wünschte, er wäre irgendwo anders, obwohl er kein Wort von dem verstand, was Katayama aus dem Mund schwirrte.
Dieser bullige breite Kerl mochte kein Samuraischwert unter seinem Parka verborgen haben, aber trotzdem machte ihn das nicht ungefährlicher.
„Nishino-San“, flüsterte Katayama, beugte den Rücken noch ein wenig mehr, „sagen sie mir, was ich ihnen bringen kann, ich werde es sofort erledigen. Der Kaffee ist sehr gut hier, Nishino-San, vielleicht kann ich ihnen einen kleinen Vorrat besorgen, für ihren privaten Genuss, wenn wir wieder auf See sind?“
Endlich reagierte der Captain – er nickte knapp und schon sauste Katayama los und griff sich zwei Packungen von dem guten Kaffee, die er sich in die Seitentaschen seiner Jacke stopfte. Er tauschte einen Blick mit Ian, der ihm nur den nach oben gestreckten Daumen zeigte, alles in Ordnung

.

Was Nishino ursprünglich auf so direktem Weg ins Hydes geführt hatte, war nicht klar und es würde nie jemand erfahren, wenn er nicht von allein zu reden begann; denn fragen würde ihn niemand. Er sah sich eine Weile um, während alle nichts anderes taten als darauf zu warten, dass er etwas sagte und sich dabei Mühe gaben, ihn nicht anzustarren, dann machte er eine kurze Kopfbewegung und marschierte aus dem Laden. Katayama folgte ihm, warf einen dankbaren Blick in die Runde.

Ian hatte noch immer die Bilder vor Augen, als Nishino wie ein Berserker, das Schwert nach rechts und links durch die Luft schwingend, die Straße runtergerannt war, in seiner Sprache brüllend und mit Schaum vor dem Mund, aus Leibeskräften schreiend und unaufhaltsam. Wer konnte sagen, was der Auslöser gewesen war – ob jemand aus seiner Mannschaft seinen Befehlen nicht gefolgt war oder eine ungebührliche Antwort gegeben hatte.
Nishinos Hände waren von der Arbeit grob und prankenhaft, man traute diesen dicken Fingern zu, Seile und Taue zu greifen, Wale über die Bordwand zu ziehen, sie allein mit seinem Samuraischwert zu zerteilen, aber es schien undenkbar, dass er mit ihnen Briefe zusammenfalten oder Zigaretten drehen konnte.
Dicht auf den Fersen folgte Katayama, die Jacke mit Lebensmittel gefüllt, und als er durch die aufmarschierten Einwohner von Point Hope lief, verbeugte er sich eilig in ihre Richtung, besann sich dann aber plötzlich und war rührend bemüht, sich irgendwie amerikanisch zu benehmen, indem er den Rücken gerade durchdrückte und an weit vorgestreckter Hand das Victoryzeichen machte. Er fuhr blitzschnell in seine übliche Haltung zurück, als Nishino sich zu ihm herumdrehte und ihn harsch anblaffte.
Katayama schien jede Individualität zu verlieren, je näher er dem Schiff kam. Seine Schritte wurden kürzer, er senkte den Kopf und wurde noch etwas kleiner und schmaler; als wüsste er, was ihn an Bord erwarten könnte.
Er beobachtete, wie sein Captain eine kleine bunte Vogelfeder von der Straße aufhob, sie durch das Sonnenlicht betrachtete und vorsichtig in seine Tasche steckte. Kaum an Bord der Tsuma rutschte Katayama eine der Schokoladenschachteln aus der Jacke und fiel zu Boden. Augenblicklich nahm Nishino die Hände aus den Hosentaschen, denn für die folgenden Aktionen benötigte er sein Gleichgewicht. Er trat die Schachtel mit Schwung über Bord ins Hafenbecken, trat dann ohne ein Wort nach Katayama, der hektisch den Stiefeln auszuweichen versuchte, bis Nishino ihn in eine Ecke gedrängt hatte.
Nach dieser kleinen üblichen Zurechtweisung drehte Nishino sich herum, sah zu den versammelten Dorfbewohnern zurück und lachte.

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Tag der Veröffentlichung: 03.04.2012

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