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Welttheater

Welche Ehre, in das große Welttheater eingeladen zu sein, mitmachen zu dürfen. Es werden ständig Leute eingelassen, obwohl der Raum schon überfüllt ist. Der Nachbar flüstert dir ins Ohr, was passierte, bevor du da warst. Er kennt aber auch nur die Handlung der letzten 3000 Jahre. Wann es angefangen hat, das weiß keiner, und auch nicht wie und wann es endet.


Ursprung

ich bin der Ur-Ur-Auerochse
aus Altamira
bin ausgerissen aus einer Felsenwand
ich pflüg den Acker urtaglang
in Urau
ich pflüg ihn gern
für meinen Herrn
der stammt aus der Stadt
baut Kohl an
und geht mit den Hühnern zu Bett
besucht uns doch mal
in unserem Tal
über dem Fluss
wir bewirten euch dann
mit Runkelrüben und Met
ihr müsst dreimal umsteigen
in eine andere Zeit
wenn ihr morgen abfahrt
kommt ihr vorgestern an


Die Hecke

früher sah man mein Haus
von weitem zwischen Feldern und Wiesen
hell und heiter
leider bin ich schon lange
nicht mehr leicht zu erreichen
wenn du mich besuchen willst
musst du dich ab Romanplatz
durch meterdicke Bücherborde lesen
du findest mich
im Haus Nummer dreizehn
auf einem Stapel sitzend
links neben der Philosophie
falls dich die Moralisten
nicht vorher aufspießten


Schlüsselwort
es hockt
im Wortegitterkäfig
der Poet
und zwitschert
kennt nicht
das Schlüsselwort
fürs Türchen
sonst flöge er fort


Erbe

ich kann es kaum fassen
die Kuh Luise aus Gauting
die letztes Jahr
einen Blumenstrauß von mir fraß
hat mir vier Liter Milch vermacht
vier Liter Milch
der frommen Denkungsart
meinen drei Tanten
die sie gern gemolken hätten
hat sie nichts hinterlassen
obwohl sie die Kuh
persönlich kannten


Publikum

Die Leute im Stockwerk über mir haben mich um Hilfe gebeten. Sie haben einen Lyriker zur Untermiete, der hockt jeden Abend bei ihnen und liest vor. Sie fragten mich, ob ich sie nicht öfter mal beim Zuhören doubeln könnte.


Traumstadt

für PPA
frage niemals eine Dame
in der Traumstadt
wer sie sei
und wieso
solche Fragen
können Traumstadtdamen
nicht ertragen
sie müssten
vor deinen Augen
zuerst erröten
dann erblassen
und du säßest da
in dem kleinen Café
der Traumstadt
ohne Antwort
ohne Dame


Föhn

der Föhn rückt mir
die Ferne nah
das Nahe fern
holt mir
den klarblauen Alpensee
über die Straße
ich taumle zurück
in Kindheitstage
die große Liebe
verbirgt sich
hinter den sieben Bergen
und ich spüre sie schon
als eine wehe Frage


Welke Blätter

ihr könnt euch noch so viel Mühe geben und
noch so schön und harmonisch
zurechtrücken Stuhl und Tisch und Porzellan
der Lyriker muss über alles eine Handvoll
welker Blätter streuen
erst dann lässt er sich fotografieren


Der Alte

seit Tagen
geht der Alte hinter mir her
und schüttelt den Kopf
als wollte er sagen
du Tropf
im Café Größenwahn
sprech ich ihn an
jetzt weiß ich
was er gegen mich hat
ich sei nicht tief
sagte er
da war ich platt


Gelb

Fast mein ganzes Leben lang bin ich auf der Suche nach einer bestimmten Farbe, einem hellen Gelb. Vor langer Zeit sah ich es einmal aufblitzen - leuchtender als das Geschmeide der Pharaonen - und es erregte in mir ein so inniges Gefühl, dass ich mich seither schmerzlich nach ihm sehne.
Seitdem ich dieses Gelb suche, bin ich immer weiter in das Gestern hineingeraten und entdecke dabei die verlorenen Bibliotheken meiner Vorfahren. In einer von ihnen steht die Statue einer Aphrodite. Einmal, als ich die Tür eben hinter mir schließen will, blicke ich durch den Türspalt nochmals zu ihr zurück. Die Statue hatte sich ein gelbes Kleid übergeworfen und lackiert sich gerade die Fingernägel. Hernach erfahre ich von der Nachbarschaft, dass sie oftmals abends zum Tanzen geht.


Am Baggersee

Obwohl ich sie nie ganz begreif,
studier ich schon mein Leben lang
die Mathematik.
Zwar bin ich wasserscheu,
aber am Sonntag radle ich oft
zum Baggersee vor der Stadt
mit meinem Buch über Mathematik
unterm Arm
Und wenn ich dann und wann
eine Formel versteh, dann ist mir so
als trüge mich die Trigonometrie
weit hinaus auf den See.


Die Kollegin

sie heißt Rosemarie
rotblondes Haar
reicht ihr bis zum Knie
sie wird ferngesteuert
durch Transistoren
hinter den Ohren
seit heute früh
vielleicht hatte Rosemarie
für ihren Job
zu viel Phantasie
denn sie gehört
wie wir alle
zur Computerperipherie


Götze

als der Herr sah
dass sein Knecht
nicht mehr ihm
sondern dem Computer
vertraute
und dass
er die Gebete
seines Knechts
nicht mehr verstand
aber der Computer
sie erhörte
verwirrte der Herr
den Verstand seines Knechts
nun liegt er da
unser Kollege
und behauptet
er knie vor zwei
Engeln des Herrn
und fühle sich
vor uns erhaben


Akt

wir hätten uns längst
mit dem Chef zerstritten
und krümmten längst
nicht mehr unsere Rücken
über den Akten
wenn nicht Mittwoch morgens ab acht
die Braut des Chefs uns vorläge
statt der Akten
als Akt
worüber wir wieder genesen
und die Zeit vergessen

erst abends um acht
wenn die Putzeimer scheppern
erschrickt der Akt
und fühlt sich nackt
und dann naht wie immer
der Chef als Retter
nimmt seine Braut auf die Arme
und trägt sie
nackt wie sie ist
auf sein Zimmer


Physis

vertrau dich mir an
ich tanze mit dir
schwerelos
ein Lichtstrahl
im Kristallgitter
mal gebündelt
gespiegelt
anisotrop
isotrop
hebe dich hoch
und du schwebst
über mir
schwerelos
wirble dich
vor mir her
im Oktaeder
orange und rot
und verschmelze
wieder mit dir
zu reinem Licht


der Lehrling

galt bei den Kollegen so wenig
dass er eines Tages Luft für sie war
und keiner ihn sah
von da an stand er allen im Weg
und sie stolperten
über dieses unsichtbare Hindernis
da sperrten sie die Türen zu
und machten Jagd auf ihn
durchs Großraumbüro
aber der Lehrling spielte mit ihnen
Blinde Kuh
der dicke Direktor mit der Zigarre
der kannte einen Trick
er setzte sein bestes Lächeln auf
und streckte die Hand hin ins Leere
der Lehrling nahm den Köder an
und wurde zum Schrecken der Belegschaft
wieder sichtbar


Wahre Größe

der große Sohn
geht durch die kleine Stadt
die ihn hervorgebracht
in der er sein Bett
und sein Zimmer hat
der Schneider
seine Maße weiß
und jeder ihn kennt
und er kennt die Leute
im dritten Stock
wenn droben
ein Fenster offen steht
steckt er den Kopf hinein
und sagt Grüß Gott


Hunger

seit er verheiratet ist
schaut er öfter mal bei mir vorbei
und brät sich in meiner Pfanne
ein Ei
seine Frau hockt derweil
mit verschränkten Beinen
auf dem Boden ihrer Küche
meditiert darüber
was sie kochen soll
er behauptet
nicht die Erleuchtung
sondern der Hunger sei es
der sie nach drei Tagen
aufspringen lässt
sie kocht dann
was Vegetarisches


Tapfere Frau

hohe Ehre
aber auch beschwerlich
der Weg hinauf
zum Haus des Genies
unsereinem fehlen zwei Zentimeter
meint der Professor der Psychologie
auf der Terrasse bei Kuchen und Kaffee
längst ist das Genie hinausgestorben
und hat seine Genialität
an den Wänden hinterlassen
kein Fleckchen gibt es
für noch ein Bild
oder seine ungelesene Lyrik
im Zentrum schimmert die Perle
eine Nymphe
die sich über ein Grab beugt
das Genie schlief nämlich nachts nie
da es stets über die Nymphe nachgrübelte
nur mittags war es heiterer Laune
dann spazierte seine kleine tapfere Frau
mit ihm auf dem Kopf
die Kastanienallee hinunter
von da aus winkte das Genie den Vögeln zu


Liebe und Musik

Zuerst muss der Liebende die Notenschrift erlernen und dann die Kompositionsregeln bevor er sich mit seiner Geliebten vereinigt. Das hatte sich der junge Komponist fest vorgenommen. Und deshalb hatte er dieses Mädchen, das er so sehr liebte, noch nicht berührt. Jedoch wenn er die Notenschrift der Blicke mit ihr übte, hörte er eine leise Melodie.
Der Bruder des Mädchens lachte ihn aus: Warum machst du es so kompliziert. Frauen sind doch alle nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Man muss nur ein paar markante Stellen kennen.
Er fasste seine Schwester da und da und da an und hatte sie mit wenigen Griffen eingestimmt. Dann schob er sie dem Komponisten in die Arme: Und jetzt spiele!.
Dieser konnte sich kaum noch beherrschen. Aber dann hörte er plötzlich diese innige Melodie und sagte zu dem Mädchen: Gäben wir jetzt nach, würden wir alles verderben und würden niemals die große Symphonie der Liebe erleben.


Jugendliebe

einmal vor langer Zeit
haben wir eine wilde Story erlebt
wir waren zwei
und wurden eins
sehe ich dich heute an
neben deinem Mann
zweifle ich daran
dass es je gewesen sein kann


Innere Uhr
jeder hat sie
keiner sieht sie
mir gibt sie zuverlässig an
wann der Zug abfährt
Weißkittel hatten sich über mein Hirn hergemacht
seither tobt es links am Hinterkopf
das kann nur die Unruh der Uhr sein
heute Abend habe ich sie gesehen
in der Dämmerung
eine große Bahnhofsuhr
der Bahnhof selbst lag im Nebel
meine Armbanduhr habe ich längst verschenkt
ich brauche sie nicht mehr
leider fragt mich nun keiner nach der Zeit
ich wüsste sie
es ist fünf vor zwölf


Singles

ein Mädchen und ein Mann
die beide Singles waren
klopften bei der Herberge an
sie waren kein Paar
und sie wollten keins sein
und sie sehnten sich
nach getrennten Betten
der Herbergsvater sagte
ich habe für euch
nur ein Doppelbett
in der Herberge
"Zur Großen Welt"
gibt es kein Bett
für einen allein
als der Mann dann doch
zu dem Mädchen
unter die Decke kroch
wünschte er gute Nacht
und schlief sofort ein
worauf sie ihn weckte
und ihm nach und nach
acht Töchterchen schenkte
aus Rache


Adam

ich durchschreite
deines Leibes deiner Seele
Garten Eden
den kein anderer Mann
je hat betreten
bei Rosenbusch und Apfel
will ich bleiben
und niemand kann von hier
mich je vertreiben


Sündenfall

in seiner Güte
überließ der Herr
Adam den Schlüssel
zum Paradiese
und machte Eva
zur Pforte


die Schlange

log ihm doppelzüngig vor
dass er gewönne
was durch sie
er erst verlor
das Paradies


Die heiligen Heiligen

wenn jemand die Heiligenlegenden
in den verstaubten Folianten läse
und auf diese Weise die Heiligen
aus dem Schlummer
ihrer Ungelesenheit erlöste
schauten sie sich um
und erschräken
und verkröchen sich wieder
vor der Welt
in ihren Heiligenlegenden


Strandgut

drei Wochen über
nichts in Sicht
am Freitag endlich
schimmert auf
am Horizont
dein weißes Kleid
der Atem wogt
dein Leib
wird von der Brandung
hochgerissen
zerschellt
in meinen Kissen


Geschenke

Die weiße Kuh, die Du mir zu meinem Geburtstag geschenkt hast, hat sich bei uns in der Wohnung sehr gut eingelebt. Allerdings geht ihr manchmal der Gaul durch, dann zerschlägt sie unsere Nippes aus Porzellan und aus Gips. Helene und Achill sind un-widerruflich perdu. Und auch dein Mitbringsel zu Ostern, der mannsgroße Schokoladenhase, ließ sich leider nicht mehr kitten. Sie nahm ihn auf die Hörner.
Vielleicht ist die Kuh doch in einem Stall besser untergebracht. Obwohl es mir leid täte, sie zu verbannen, besonders wegen ihrer schönen Augen.


Raus

will die Tochter
mit den Fernfahrern
in die Ferne fahren
wo der freie Himmel blaut
dorthin will sie fahren
weil das Dach zu Haus
ihr die Aussicht versperrt
mit zwanzig Mark in der Tasche
und Proviant für zwei Tage
will sie fahren
bis zu des Himmels Rand
dort hat sie alles
mehr will sie nicht


Bahamas

Er besaß viel Geld und ein Sportflugzeug. Trotzdem war er griesgrämig und missmutig. Er kam nicht dahinter, was ihm zu seinem Glück fehlte.
Seine Manager waren der Meinung, es fehle ihm eine Frau und stellten ihm ständig welche vor. Jedoch immer nur Dünne. Und so wurde er griesgrämiger und griesgrämiger.
Aber die da war dick und schön wie eine rosarote Wolke und hatte ein Album mit Fotos von sich. Trotzdem fand sie keinen Mann. Denn die Männer, die sie kennenlernte, begehrten die Dünnen.
Sie entdeckte ihn auf dem Flugplatz. Ein solches Energiebündel von Mann hatte sie sich immer schon erträumt.
Sie lief ihm nach mit dem Album unterm Arm und stellte sich vor sein Flugzeug.
Plötzlich wusste er, wonach er sich immer gesehnt hatte: nach einer dicken Frau.
Sie flogen zusammen auf die Bahamas. Dort sitzen sie auf der blumenumrankten Veranda seiner Villa und er schaut sich die Fotos von ihrem Körper an.


Ausflug

Der Herr Spazier geht stets allein spazieren, obwohl er manches Fräulein gebeten hatte, ihn zu begleiten. Aber es hakt sich keines bei ihm ein. So spaziert er solo über die Berge und die Baumkronen, besteigt unsichtbare Sprossen zu den Wolken und schreitet über Luftbrücken, unter sich die tosenden Gebirgsbäche.
.


Aussteiger

hüfteschlenkernd
a la Elvis
stieß er sich
die Türen der Gesellschaft zu
als Pardon
erfand er linkerhand
eine Geste
die man als Schlag
ins Gesicht empfand
nur meine beiden ockergelben Zimmer
fand er unverschlossen
hier am Tegernsee
hat er so manches Wochenende
noch genossen
bevor er kurzerhand
nach Tibet verschwand


Privatier

Gottseidank
unbeliebt
nicht anerkannt
ziehe endlich wieder
bunte Kleider an
gelbe Socken
rotes Hemd
mit blauen Tupfen
lila Jacke
grüne Hose
Firma hat gekündigt
Gottseidank


Das Kleid

Sie wob an einem Kleide, wob es aus rostfarbener Seide. Das Kleid sollte frei und nur Kleid sein und nie jemanden kleiden müssen.
An einem strahlenden Morgen, als das Kleid fertiggewoben, ging sie in den Park und schickte es auf die Reise.
Ihr Mann aber wollte sie hindern. Er fand, das Kleid brauche Kopf und Beine, und er lief hinterher. Da es langsam, ungeübt über Wiesen schwebte und sich im Gestrüpp verfing, hätte er es fast erwischt. Im letzten Moment riss es sich von den Dornen los.
Seither zeigt sich das Kleid mal hier, mal dort und die Leute erschrecken wie vor einem Gespenst.
Nur einmal im Kaufhaus hatte eine Verkäuferin einen Bügel in das Kleid gesteckt. Da konnte es nur noch schreiten wie andre Leute auch.
Doch bald danach traf das Kleid seine Weberin. Die befreite es vom Bügel. Nun schwebt das Kleid wieder durch die Welt, wohin der Wind es weht.


Flug

Ich fliege meist sehr hoch, das ist eine Angelegenheit der Konzentration. Man muss den inneren Abstand zu dem Gedränge dort unten aufrechterhalten. Sie können einen dann nicht abschießen, obwohl sie es ständig versuchen. Trotzdem heißt es vorsichtig sein. Sie schießen zwar zu kurz, aber in dieser Höhe begegnen einem oft feindliche Flugzeuge.


Pfeil

Sehen Sie, Herr Beer, dort fliegt der Zeitpfeil. Die vergangene Viertelstunde zusammengesetzt aus Sekunden. Aber er ist nicht gerade, wie man immer behauptet. Sekunde ist nicht gleich Sekunde, jede ein bisschen anders. Er gleicht eher einer Schlange, die sich schlängelt, einer Luftschlange, silbrig glänzend. Es gibt nichts Perfektes, nichts Vollkommenes, begnügen wir uns damit.


La strada

in meiner Erinnerung warst du schon verblasst
plötzlich stehst du vor mir
ich kann das Schicksal nicht begreifen
das dich hierher verschlagen hat
was machst du auf der Straße der Lust
du - durch deren Schuld diese Straße
für mich zu einer Straße des Leidens geworden ist
diesmal kannst du dich nicht entziehen
obwohl du dich sträubst wie vor Jahren
als ich mich schon selig neben dir schreiten sah
diesmal musst du dem Gesetz dieser Straße gehorchen
obwohl du dich scheust
vor den Menschen am Rande
aber du entrichtest nur deinen Tribut
schon haben dein Gesicht und deine Kleider
ihren Gleichmut wiedergewonnen
du wendest dich ab
gehst weiter auf der Straße der Lust
ich weiß nicht wohin
drehst dich nicht mehr um
und lässt mich zurück
mit aufgerissenen Wunden


Der Heiler

Er schweigt, verordnet keine Rezepte. Er schaut dich mit rätselhaften Augen an, und du weißt, was dir fehlt und was du tun musst.
Gelegentlich lässt er sich von seiner Katze vertreten.
Die Katze hockt vor dir am Schreibtisch. Sie schweigt, schaut dich mit rätselhaften Augen an, und du weißt, was du tun musst.


Privatdetektiv

was ich nicht weiß
macht mich heiß
weil ich weiß
dass ich nichts weiß
und trotz meiner Fragen
will keiner mir sagen
was außer mir
jedermann weiß


Der Stein des Weisen

nachdem er begriffen hatte
dass alles aus dem Meer stammt
legte er sich nicht mehr an
mit den Dingen der Welt
und setzte sich auf einen Stein
eine lange Zeit verstrich
geduldig saß er auf dem Stein
weder der Spott noch
die Besorgnis der Leute
brachten ihn davon ab
da rauschte das Meer heran
es kam von weit her
eine Woge erfasste ihn
hob ihn hoch
er fühlte sich mit ihr eins werden
sein Ich zerfloss im Ozean
seitdem spürt er
selbst noch in einer plätschernden Welle
am Strand einer Südseeinsel
dass er überall ist


Der Philosoph

wir wussten nicht
dass er ein Fenster war
ein Fenster hinaus in die Welt
wir hörten es erst
als das Fenster
klirrend zersprang
und er im Krankenhaus
bleiben musste
in der Dunkelheit
damit der Sprung
wieder heilt
da tat er uns leid
wir trugen das Fenster
hinaus aufs Feld
in den Sonnenschein
wo er reflektiert seine Welt
die zu Prismen zerschellt


Lichtenberg

alles an ihm war schief
der Rücken
die Zähne die Nase
nur sein Verstand
kerzengerade
leuchtete
hinter dem Gebirg
seiner Stirn


Ein Schritt hinter die Ewigkeit

Durch die Milchstraße stampft ein Dampfer.
In den feinsten Kajüten sitzen
die reichsten Passagiere
und sortieren ihre Kunstpostkarten.
Sie ahnen nichts von denen drunten.
Unter Deck schuften Leute
zwischen Kohlenhalden.
Sie schauen sich an
aus rufgeschwärzten Gesichtern
und nennen einen jeden Kumpel.
Sie ahnen nichts von denen droben.
An der Reling steht einer, der glaubt,
dass er auf den falschen Dampfer geraten ist.
Sehnsüchtig sieht er
verführerische Dampfer weit vorüberziehen.
Aber er weiß, ein Schritt zuviel
und statt auf einem anderen Dampfer
steht er am Rand des Universums
und all die Schiffe schwimmen ohne ihn davon.


Die schwarze Phase
nur in tiefen Schatten
fühl ich mich zu Hause
wende ab mich von den frohen Festen
selbst die Echos ferner Lüste
lassen mich erschreckt erschauern
nur zu schwarzen Buchenstämmen
die wie nackte schwarze Frauen
fremde Worte flüstern
hege ich Vertrauen


Norne
geht die Riesin neben mir
kommt es mir vor
als ob die Ahnen immer weiter wüchsen
darüber spricht sie nicht
doch setzt sie sich
wenn ich sie darum bitte
neben mich
damit wir Aug in Auge miteinander reden
sie zeigt mir dann
wie sie geknüpft hat
meines Schicksals Fäden


Die schwarze Wand

Brüder
da ist sie wieder
die schwarze Wand
noch eine letzte Zigarette
dann ist es Zeit
dann gehen wir
durch die schwarze Wand
die uns trennt
von der Ewigkeit
macht es aber nicht
unserem flinken Pablito nach
der stolperte zuerst
in die Wand hinein
und blieb ein halbes Jahr
verschluckt
dann kam er zurück
schwarzweißkariert
und umgestülpt


Der Spinner

die Erde
drehte sich abermals
wieder waren es andere Bilder
er aber wachte auf
mit dem gleichen Komplex
links oben saß
die Spinne im Nervennetz
und wartete auf ihr Opfer
den Spinner

Impressum

Texte: Auszug aus Dreimal umsteigen (Turmschreiber Verlag)
Tag der Veröffentlichung: 13.09.2008

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
gewidmet PPA

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