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Prolog


Lautlos zog ich mein Schwert aus der Scheide und folgte dem Vampir. Es war mein dritter Auftrag in dieser Nacht und in meinem Blut pulsierte immer noch das Adrenalin des letzten Mordes. Sie rochen widerlich. Nach morastigen Sümpfen und verfaulten Leichen. Diesem hier, hing der Geruch nach Blut an. Seine letzte Mahlzeit konnte noch nicht allzu lange her sein.
Die Straßen in diesem Stadtteil waren breit und relativ sauber. Sie waren gepflastert und einzelne Straßenlaternen beleuchteten sie. Der Vampir verschwand hinter der nächsten Hausecke und tauchte in den Schatten ein. Für einen Menschen wäre die Verfolgungsjagd jetzt beendet gewesen, da sie in solch dunkler Schwärze, aufgeschmissen waren. Ich, ein Unsterblicher, hatte damit keinerlei Probleme. Also folgte ich ihm.
Er ging um alle Häuser und verschwand irgendwann in einem alten Schuppen auf einer kleinen Wiese. Die Hütte war schon längst baufällig und sah so aus, als ob sie jeden Moment einbrechen würde. Auf dem Dach fehlten große Mengen an Ziegeln und das Holz sah morsch und angefressen aus. Was wollte er dort drinnen?
Langsam und jeden Schritt bedacht setzend, öffnete ich die Tür einen Spalt breit und starrte auf den Rücken meines Opfers. Seine Fänge hatte er in eine junge Frau gebohrt und labte sich genüsslich an ihrem Blut. Sie sah mich aus halbgeschlossenen Lidern und stöhnte auf. Ob nun wegen mir oder weil der Kerl sie enger an sich drückte, konnte ich nicht sagen.
Die Türangeln quietschen und wütend fuhr der Vampir zu mir herum. Die Frau fiel zu Boden und versuchte sich abzustützen – vergeblich. Der kleine Mitternachtssnack ihres Besuchers, hatte sie fast alle Kräfte geraubt. Der Vampir hingegen, schien lebendig und auf weiteres Blut aus. Auf meines. Blitzschnell stürzte er sich auf mich und versuchte sein Glück – leider war ich da der falsche Gegner für ihn.
Ich parierte zuerst die Hiebe seiner Hände mit meinem Schwert und der Vampir schrie auf, als die Klinge tief in sein Fleisch hineinschnitt. Mordlüstern starrte er mich an und ich grinste schelmisch. Noch bevor er auch nur blinzeln konnte, zuckte ein Blitz aus meiner Hand hervor und grillte den Untoten. Leblos sackte er zu Boden und rührte sich nicht mehr. Vorsichtshalber schlug ich ihm den Kopf ab, reinigte mein Schwert dann an seinem Wams und schob es zurück in die Scheide. Die Frau lag genauso da wie vorher und ich hob sie mir auf die Arme. Sie hatte nur ein einfaches Hemd an und ihre Haut war aschfahl. Ihre Zehen müssten schon längst abgefroren sein und ihre Haare waren vor Schmutz verfilzt und durch ihr Blut verklebt. Sie schaute mir kurz ins Gesicht, hauchte ein tonloses „Danke“ und fiel in Ohnmacht. Ich drehte mich noch einmal zu dem Schuppen um und ließ ein Unwetter aufziehen. Es fing an zu regnen und Donner grollte wie die Hufschläge einer ganzen Herde von Pferden über den Himmel. Blitze erhellten die Nachte für wenige Sekunden und brannten mir immer wieder das Bild der kleinen und verwahrlosten Hütte auf die Netzhaut. Ich streckte meine Hand aus und ein Blitz traf die alten Holzbretter, welche sofort in Flammen aufgingen.
Zufrieden mit meiner Arbeit und durchnässt bis auf die Haut ging ich mit der Frau zu einer Krankenstation und sagte, sie hätte sich bei meinem Bruder in der Scheune versteckt. Wir hätten sie gefunden, halb erfroren und vollkommen verängstigt. Die heilkundige Magierin nahm mir die Geschichte ohne eine einzige Frage ab und kümmerte sich um die Verletzte.
Ich nutzte den Moment und verschwand wieder hinaus in die Nacht. Das Unwetter war mittlerweile zerstörend geworden, doch es machte mir nichts aus. Ich fühlte mich wohl, wenn die Naturgewalten um mich tobten und niemand sie aufhalten konnte, außer mir. Sie drückten meine inneren Gefühle aus.
Aik?
Ich knirschte mit den Zähnen angesichts Ganons Stimme in meinem Kopf. Der Älteste konnte sich mühelos in meine Gedanken einbringen und ich bekam es nicht einmal mit, wenn er dies beabsichtigte. Ganon konnte mir manchmal richtig auf die Nerven gehen. Er bemutterte mich meistens richtig und machte sich häufig zu viele Sorgen um seine Kinder, wie er uns immer nannte. Seine innere Präsenz drückte Unruhe aus und ich war gezwungen, ihm zu antworten. Ganon hasste es, wenn man ihn warten ließ.
Was gibt’s, Ganon?
Die Straße, auf der ich gerade lief, war nicht beleuchtet und sofort fühlte ich mich nicht mehr beobachtet. Verfolgungswahn war eine meiner schlechtesten Angewohnheiten.
Baros ist gestorben. Komm sofort her.
Das war‘s. Keine weitere Erklärung, keine weitere Ansage. Einfach nur ‚Er war tot – komm her‘. Wie ich diese Gespräche hasste. Nicht nur, dass Ganon sich unerlaubt Eintritt in meine Gedanken verschaffte. Er ließ mich auch noch im Dunkeln tappen. Jedoch wäre es ein schlimmer Fehler, Ganon warten zu lassen, deshalb machte ich mich auf den Weg zum Quartier. Auf dem Weg dachte ich über die Worte des Alten nach. Baros war tot. Er war älter als ich. Hatte eine ausgezeichnete Kampfausbildung abbekommen und war muskulös und stämmig… gewesen. Wer konnte so einen Hünen ausschalten? Baros war über 250 Gorans gewesen! So jemanden legte kein gewöhnlicher Mörder um. Da war dunkle Magie mit im Spiel.
Ich kam am Quartier an und hielt mein Armband mit dem weißen Diamanten gegen den Stein. Die magische, versteckte Tür öffnete sich und ich trat hindurch. Während der Stein sicher hinter mir wieder schloss ging ich bereits durch die engen Steingänge. Es war hier unten kalt, was uns jedoch nichts ausmachte. Wir reagierten nicht auf solche Dinge wie Wärme oder Kälte. Wir reagierten überhaupt anders als Menschen. Wir waren schließlich keine. Wir waren mächtiger. Begabt. Unsterblich.
Magie quoll mir entgegen und erfüllte mich. Mein Puls beruhigte und meine Muskeln entspannten sich. Ich genoss es. Es gab nicht viele solcher Möglichkeiten für mich. Das Hauptquartier, war für mich hauptsächlich ein Schlafplatz am Tag. Nachts war ich auf Jagd. Da blieb keine Zeit für viele private Unternehmungen.
AIK!
Ich knurrte. Ganon und seine ewige Ungeduld! Baros war tot, daran konnte ich mit Eile auch nichts dran ändern. Warum drängte mich der Alte also?
Wütend stapfte ich die verwinkelten Gänge zum Flügel des Alten und öffnete, ohne anzuklopfen, die Tür zu seinem Sammelraum. Er saß wie immer mit überschlagenen Beinen und verschränkte Fingern in seinem Sessel und starrte mich aus seinen roten Augen an. Sie erinnerten mich jedes Mal wieder an die Farbe von Blut. An Vampire. Vielleicht war mir Ganon deswegen nie wirklich geheuer.
„Was ist los?“, blaffte ich ihn an und lehnte mich von innen gegen die geschlossene Tür. Er hob erstaunt eine Augenbraue. Normalerweise, war niemand so schroff zu ihm. Man respektierte ihn aus einem Instinkt und das genoss er. Ich war die Ausnahme.
„Baros ist tot. Das bedeutet, wir müssen einen neuen Gefährten für die Elevens ausfindig machen. Und du bist der Jüngste. Es ist deine Aufgabe, unseren Neuen zu finden, zu verwandeln und auszubilden, mit meiner Hilfe.“, erklärte Ganon in seinem gewohnt langweiligen Ton und starrte mich regungslos an. Endlich fiel bei mir der Groschen. Baros war einer der elf Unsterblichen Wächter gewesen. Ohne ihn, waren wir zu wenige. Würden wir nicht innerhalb von einem halben Goran einen Ersatz finden, wäre die Macht der Eleven versiegt und wir ausgerottet. Ich schluckte.
Die Aufgabe des Jüngsten war es, den Ersatz zu finden und zu verwandeln. Eine unangenehme Erfahrung, hatte ich mir sagen lassen. „In Ordnung. Wer ist der Glückliche?“, fragte ich und tippte nervös mit den Fingern auf meinem Arm herum.
„Die Glückliche“, berichtigte Ganon und lächelte leicht. Ich war verblüfft. Weibliche Unsterbliche waren höchst selten. Sie verfügten meist zwar über die nötigen Gaben, nicht aber über ausreichend Biss und Zielstrebigkeit. Genau aus diesem Grund, könnte die Sache vielleicht doch noch interessant werden.
„Wer?“, wiederholte ich und tippte schneller mit meinen Fingern.
„Sie ist eine Schülerin an der Magieakademie. Ihre Fähigkeiten sind stark ausgeprägt und sie besitzt ganz besondere Gaben. Sie ist stark, dickköpfig und absolut willensstark. Sie ist perfekt für die Elevens.“, sprach Ganon versonnen und betrachtete missbilligend meine trommelnden Finger. Ich seufzte und steckte sie in die Taschen meines Mantels.
„Wie heißt sie?“, hackte ich weiter nach und Ganon lächelte mich zufrieden an. Es machte ihm Spaß, doch noch eine gewisse Macht über mich zu haben. Er stand auf, nahm sich Zettel und einen Kohlestift und schrieb mit leichten Bewegungen etwas.
„Sie heißt June.“
„Wie alt?“
„16 Gorans“, murmelte Ganon und faltet das Blatt, um es danach in einen kleinen Umschlag zu stecken und zu versiegeln.
„16?! Das ist viel zu jung für eine Eleven! Sie hatte doch noch nicht mal die Chance überhaupt zu leben!“, schrie ich empört auf und stieß mich von der Tür ab. Das konnte der Alte doch unmöglich ernst meinen!
„Hör auf mich Alter zu nennen, Aik.“, belehrte mich Ganon und drückte mir den Umschlag in die Hand. „Nicht einmal in Gedanken, mein Sohn.“
Ich knurrte. „Ich bin nicht dein Sohn, Al…“ Ich verstummte, als Ganon mich strafend anblickte.
„Gut. Das hätten wir also geklärt. Du kennst deine Aufgabe. Gib ihr das hier, wenn sie sich wieder geordnet hat.“, sagte Ganon bestimmt und wies auf das vergilbte Papier mit dem Siegel der Elevens darauf. Eine Sanduhr, unterbrochen durch die Gaben der Zeit: Luft, Wasser, Feuer, Erde.
„Steht dort das Gleiche drin, wie bei mir?“
Ganon schüttelte den Kopf. „Sie wird kein Jäger, wie du. Dazu fehlt ihr die nötige Brutalität. Sie wird, etwas ganz Besonderes sein.“, flüsterte Ganon und ging langsam auf die Tür zu seinem Schlafgemach zu. „Erfülle deinen Auftrag, Seven.“
Meine Nummer. Nur ich und er kannten sie. Es war ein Beweis des größten Vertrauens, einem der Elevens seine Nummer zu sagen. Es war unsere verschlossene Tür zur Vergangenheit.
„Welche Nummer wird sie haben?“, rief ich Ganon hinterher und er grinste mich über die Schulter hinweg an. „Das wird sie dir vielleicht irgendwann verraten.“, antwortete der Alte und verschwand durch die große Doppeltür.
Ich knirschte mit meinen Zähnen und schob das Papier zornig in meine Manteltaschen. Diese Geheimniskrämerei unter den Elevens, hatte ich noch nie gemocht. Jeder kennt deinen Decknamen. Deinen wahren Namen jedoch nur dein Verwandler und Ganon. Deine Nummer nur Ganon. Es war die reinste Folter, nicht zu wissen, wer jemand vor seiner Verwandlung gewesen war.
Genervt von der Art des Alten, drehte ich mich um und verließ seinen Flügel. Erneut bemerkte ich die schöne Anordnung des Labyrinths. Wer sich hier in diesen Gängen nicht auskannte, würde sich hoffnungslos verlaufen.
Ich verließ das Quartier und schlug den Weg in Richtung Militärakademie ein. Das Unwetter war mittlerweile abgeklungen und man sah bereits einige Sterne wieder leuchten. Die Sterne in Nanimon sahen nicht anders aus, als in Vurendos. Sie strahlten genauso hell am schwarzen Nachthimmel und standen in genau der gleichen Anordnung.
Es gab nur einen Unterschied zwischen den Sternen hier und dort. In Vurendos hatte ich sie manchmal stundenlang einfach nur angeschaut. Gebetet, meine Wünsche würden in Erfüllung gehen. Hier, in Nanimare, war dazu kein Anlass mehr.


Ich fuhr erschrocken aus meinem Schlaf hoch, als man energisch an meine Tür klopfte. Was wollte man denn um die Zeit von mir? Ich verschlief doch nie. Oder war es vielleicht Kata? Oder sogar Esif? Konnte der Junge mich nicht endlich mal in Ruhe lassen? Er war mir einfach zu viel. Das müsste er langsam doch mal kapieren.
Träge schwang ich mich aus dem Bett und zog mir meine graue Uniform an, während es erneut an meine Tür klopfte. Als Erstes kam Disziplin, dann die Bequemlichkeit. Angemessen gekleidet für eine Schülerin der Militärakademie, öffnete ich die Tür beim nächsten Klopfen und stand meiner Mentorin gegenüber. Sie wirkte hocherfreut und verängstigt zugleich.
„Was ist los, Laran?“, fragte ich sie und lächelte sie liebevoll an. Sie war einfach die Beste. Die anderen Schüler, mussten ihre Mentoren immer mit Meister oder Mentor anreden. Laran und ich sprachen ganz normal miteinander. Sie war meine Freundin. Wahrscheinlich aber auch meine Einzige. Als ehemaliges Kind der Straße, war ich nicht sonderlich beliebt.
„Komm mit, June. Es ist Besuch für dich da.“, sagte sie und nahm mich bei der Hand. Sie war so liebevoll und nett zu mir. Ich folgte ihr den langen Gang des Mädchenwohnheims. Natürlich lebten mehr Jungs in unserer Akademie, aber auch Mädchen durften mittlerweile im Militär ausgebildet werden. Meine Eltern waren von dem Gedanken nicht sehr erfreut gewesen, aber sie wollten, dass ich glücklich war. Also durfte ich an der Militärakademie lernen von den Meistern.
„Besuch? Für mich? Zu so später Stunde?“, fragte ich vollkommen verblüfft. Natürlich besuchten mich meine Eltern ab und zu oder auch mal Frozzi, mein bester Freund. Aber niemals so spät. Wer war also für mich da?
Laran grinste nur noch breiter. „Warts ab! Du wirst erstaunt sein! Ich freu mich ja so für dich, Kleines! So ein Geschenk ist wirklich kostbar! Nur ganz wenige bekommen es angeboten!“, erklärte sie und stoppte vor der Tür des Oberen Befehlshabers. Er leitete die Akademie. Laran schaute mich mit Tränen in den Augen an und umarmte mich noch einmal fest. „Besuch mich ab und zu mal. Ich werde dich vermissen.“, hauchte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. Dann verschwand sie irgendwo in den Lehrerschlafgemächern. Verunsichert, was das Alles zu bedeuten hatte, klopfe ich an die Tür und trat ein. Der Obere Befehlshaber Rodan saß wie immer auf seinem übergroßen Stuhl und wirkte noch kleiner durch das Monster an Tisch vor sich. Er hatte ein nettes Lächeln aufgesetzt, was ihm gar nicht ähnlich sah. Ich war das schlimmste Mädchen der ganzen Akademie und trieb ihn meistens auf die Palme. Vor allem im Kampfunterricht. Ich war eine exzellente Kämpferin und er unterrichtete mich. Blaue Flecke und einige Kratzer bekam er häufiger ab. Er fluchte immer lautstark und beschimpfte mich als kleine – ich bevorzuge große – Rebellin. Warum lächelte er also so gutmütig und nett?
„Oberer Befehlshaber, darf ich den Grund erfahren, warum ich hier erscheinen musste?“, fragte ich ihn und ein eisiger Windhauch ergriff mich. Ich schluckte, als Rodan seine Augen auf etwas hinter mir richtet. Etwas in meinem Rücken.
Verängstigt wollte ich mich umdrehen und der Bestie gegenüberstellen. Doch starke Arme hatten sich um mich geschlungen und drückten mich fest an eine stählerne Brust. Mein Atem ging schneller und mein Herz pochte wild. Rodan schaute mich entschuldigend an und verschwand durch eine kleine Tür im Nebenzimmer.
Es wurde ganz still. Nur mein Atem und der meines Angreifers waren zu hören. Man hatte mich geopfert. Mich hilflos einer Bestie ausgeliefert, um die Anderen vor ihr zu schützen. Mutig schluckte ich meine Angst herunter und ballte meine Hände zu Fäusten. Wenn ich schon sterben sollte, dann ohne mir vorher in die Hose gemacht zu haben.
„Dein Leben wird nicht beendet werden, Kleines.“, erklärte eine tiefe Stimme hinter mir und man Strich mir die Haare vom Hals weg. Ich ließ mir nichts anmerken. „Halt dich aus meinen Gedanken fern, Bestie!“, zischte ich und fletschte nicht gerade damenhaft meine Zähne.
Der Mann beugte sich noch weiter zu mir vor und ich spürte seinen heißen Atem auf meinem Hals.
„Ich bezeuge vor meiner Göttin Twelva, dass du, June, ab heute Teil der Elevens werden kannst. Nimmst du mein Angebot an?“, knurrte die Bestie.
Ich versuchte ihm wütend meinen Ellenbogen in die Rippen zu schlagen, doch er verstärkte einfach nur seinen Druck. Ich knirschte mit den Zähnen. „Ich werde nie zu euch gehören! Vergiss es!“
Ich glaubte ein Lächeln zu spüren. Doch als ich etwas über die Schulter schaute konnte ich nur ein ernstes Gesicht erkennen mit wunderschönen, eisblauen Augen.
„Dann bezeuge ich dies vor meiner Göttin Twelva und verwandle dich, mit oder gegen deinen Willen, zu einer unsterblichen Eleven.“, erklärte der Mann und lange, spitze Zähne bohrten sich in meinen Hals. Ich schrie verängstigt auf und wollte mich wehren. Doch sie hatten sich bereits zu tief in mich gebohrt, als das ich sie noch irgendwie herausbekommen könnte. Ich spürte wie mein Blut seine Kehle hinunterlief und mir wurde schwarz vor Augen.


Sie sackte bewusstlos in meinen Armen zusammen und ich stützte sie, damit sie nicht auf den Boden fiel. Ihr Blut war berauschend. Von mächtiger Magie durchtränkt und köstlich. Ich spürte wie ein Teil meiner Macht auf sie überging und das Gift in ihren Körper eindrang. Sie würde nie wieder altern. Würde nicht mehr leben können.
Verärgert über diese Tatsache zog ich meine Fänge aus ihrem Hals und leckte mir einen Teil ihres Blutes von den Lippen. Sanft fuhr ich mit meinen Fingern über ihre Wunde und sie schloss sich. Ich schluckte und hob sie mir auf die Arme. Hier würde sie nicht bleiben können. Ich musste sie mit zu mir nehmen. Ins Quartier.
Die Straßen waren immer noch leer, worüber ich auch dankbar war. Was würde man schon dazusagen, wenn ein schwarzgekleideter Mann, mit blutverschmierten Lippen und einem bewusstlosen Mädchen in den Armen durch die Stadt lief?!
Im Quartier hatte man die Laternen angezündet und ich suchte mir meinen Weg durch das Labyrinth. Langsam öffnete ich die Tür zu dem einzigen freien Zimmer im Quartier. Sie war so zerbrechlich. Klein. Verletzlich.
Ich legte sie auf das Bett und legte meine Hand auf ihre Stirn. Sie bekam das Fieber. Ich zog die Decke zärtlich über sie und betrachtete sie noch eine Weile. Ihre schwarzen Haare lagen in glänzenden Wellen über das Bett verteilt. Ihr Gesicht war makellos und von jugendlicher Schönheit. Verwirrt über meine eigenen Gefühle und Gedanken, zog ich mich zurück und verschwand in meinen Flügel. Sie war eine Eleven. Ich ein Jäger. Ein kaltblütiger Mörder. Selbst wenn ich etwas für sie empfinden mochte, würde sie das niemals für mich.
Ich knallte die Tür hinter mir zu, zog meinen Mantel aus und legte mich in mein Bett. Es würde nicht einfach werden, sie auszubilden. Das Mädchen hatte einen ausgesprochen starken Willen und kaum Angst. Das war bewundernswert. Als ich selber von meinem Verwandler aufgesucht wurde, hätte ich mir fast vor Angst in die Hose gemacht. Das Mädchen hatte sich nicht mal richtig gewehrt. June hatte es einfach über sich ergehen lassen. Ohne jegliche Gefühlsregungen. Abgesehen von ihrer Wut.
Ich grinste. Die Kleine war wirklich bewundernswert. Sie würde eine mächtige Eleven werden.
Seltsamerweise beruhigt durch diesen Gedanken, schlief ich ein und schwarze Dunkelheit umhüllte meine Gedanken. Der Tag war angebrochen.

1. Kapitel


Mein Körper brannte von innen heraus. Ich spürte mein Blut kochen und mein Herz pulsierte wilder denn je. Ich verkrampfte meine Hände und bog meinen Rücken durch. Es tat so schrecklich weh! Meine Knochen fühlten sich zu klein und dünn an. Sie wuchsen. Meine Haut war zu eng. Schmerzhaft wurde sie verzerrt und spannte sich über meine großen Knochen. Meine Muskeln nahmen zu und ich spürte die Kraft in mir. Sie verbrannte mich. Mir war heiß. Viel zu heiß.
Schweißgebadet schreckte ich hoch. Ich zitterte am ganzen Körper und ein kalter Wind wehte mir entgegen. Ich spürte mein Herz. Es schlug gleichmäßig und kräftig. Ungewohnt.
Ich schwang unsicher meine Beine aus dem Bett und wollte aufstehen. Ich fiel zusammen. Ich fühlte mich schwach. Ausgelaugt. Meine schwarzen Haare fielen nach vorne und ich bemerkte, dass sie wunderschön aussahen. Sie glänzten regelrecht im Mondlicht. Mondlicht.
Lächelnd hob ich meinen Kopf und schaute aus dem Fenster. Die Sonne war gerade untergangen und der Mond stand blass am violetten Himmel. Wolken türmten sich und ein wahres Farbspiel fand draußen statt. Ich versuchte erneut aufzustehen und diesmal konnte ich wenigstens wacklig auf meinen Beinen stehen. Schwankend ging ich auf das Fenster zu und stützte mich auf die Steinmauer ab. Ich fühlte mich wieder wie ein Kind, das seine ersten Schritte ging. Unsicher und unbeholfen.
Der Stein war rau. Ich konnte jede Kontur nur mit meinen Fingerspitzen erkennen und spürte jede noch so kleine Unebenheit. Am Himmel flog ein Schwarm Tauben vorbei. Unter mir auf den Straßen kämpften zwei Hunde um einen Knochen. Und hinter mir flog eine Fliege vorbei.
Meine Sinne waren besser. Ich konnte Dinge erkennen, die mir früher verwehrt gewesen waren. Ein kleiner Stein blieb an meinem Finger hängen und ich fuhr schmerzhaft zusammen. Was war nur los?
Ich schaute mich in meinem Zimmer um. Ich war nicht in der Akademie. Ich kannte dieses Zimmer nicht. Wo war ich nur?
Bilder stürzten auf mich ein. Ein Mann der seine Zähne in meinen Hals bohrte. Ein Schauer fuhr mir über den Rücken und ich stützte mich an der Wand ab. Er hatte davon geredet, mich zu verwandeln. Deswegen waren meine Sinne so ausgeprägt. Ich keuchte aufgebracht auf und fasste mir an die Kehle. Ich bekam urplötzlich keine Luft mehr. Sie blieb einfach weg. Aber ich kippte nicht um. Ich brauchte gar nicht atmen. Verwirrt hielt ich inne. Statt nach Luft, dürstete es mich nach etwas Anderem. Etwas Rotem. Blutrotem. Tief in mir ertönte ein Knurren.
Ich umklammerte fest meine Kehle und rannte auf die Tür zu. Verschlossen. Ich schrie verzweifelt auf und zog kräftiger. Sie knarzte. Ich schlug mit meiner Faust dagegen und sie zerbarst. Wütend rannte ich aus dem Zimmer und schaute nach links und rechts. Wo sollte ich hin?
Ohne genau zu wissen, wohin, rannte ich los und versuchte zu entkommen. Versuchte die Wahrheit auszublenden. Stimmen ertönten in den Gängen und vor mir tauchten Männer auf. Ich wich verängstigt zurück, als sie nach mir greifen wollten und schlug einen anderen Weg ein. Es wurde immer lauter. Immer mehr Männer kamen und wollten mich fangen. Wollten mich festhalten. Ich knurrte und rannte schneller. Mein Umfeld verschwamm und ich rannte aus reiner Intuition durch die Gänge. Wieder Männer. Ich wich verängstigt zurück. Hinter mir kamen sie auch. Es gab nur noch eine Möglichkeit.
Verzweifelt riss ich die luxuriöse Tür auf und stieß mit einem Mann zusammen, sodass ich auf dem Boden landete. Ich schaute ängstlich zu ihm auf. Sein Gesicht drückte Verwirrung und Liebe aus. Ich fühlte mich bei ihm sicher. Übereilt sprang ich auf und umarmte den Mann. Er fühlte sich nach Sicherheit und einem Zuhause an. Überrascht blieb der Alte erst stehen, dann umarmte er mich sanft, strich mir übers Haar und redete mir beruhigend zu. Die Männer, die mich verfolgt hatten, standen hinter mir und tuschelten miteinander. Ich drückte mein Gesicht an die starke Brust und ergab mich den Tränen. Sie waren alle so laut. So laut! Viel zu laut! Ich wusste nicht wer sie waren. Wo ich war. Was ich war!
„Meine Herren, ich glaube unser neustes Mitglied braucht Ruhe. Sie dürfen zurück in ihre Gemächer gehen.“, sprach der alte Mann und seine Brust vibrierte dabei. „Aik? Wie wäre es, wenn du mit reinkommst? Du bist der jungen Dame ein paar Erklärungen schuldig. Und außerdem einen Blutzoll.“
Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen und ich riss meine Augen weit auf. Blut.
Der Alte lächelte mich warm an und wischte mir die Tränen von den Wangen. „Komm mit, Kleines. Kümmern wir uns ein wenig um dich.“
Er nahm sanft meine Hand in seine und zog mich in den Raum hinter der Doppeltür. Es war eine Art Bibliothek. Überall standen Regale mit uralten Büchern. Viele Einbände waren schon brüchig und schienen so, als würden sie selbst bei der geringsten Berührung zerbrechen. Das musste ein wahrer Schatz an Wissen sein.
Der Mann drückte mich zärtlich in einen der Sessel und hockte sich kurz vor mich. Ich fixierte meinen Blick in seine Augen. Sie waren rot. Blutrot. Durstig fasste ich mir an die Kehle und verlor mich in seinen gütigen Augen. „Keine Angst, Liebes. Aik wird dir gleich etwas geben. Beantworte mir vorher bitte nur eine Frage.“
Ich nickte schwach.
„Welche Farbe haben deine Augen, Kleines?“
Ich schluckte. Sie waren eigentlich blau. Aber etwas sagte mir, dass sie nicht mehr blau waren. „Gelb. Sie sind gelb.“
Der Alte hob überrascht die Augenbrauen und schaute auf einen Punkt hinter mich. Dann lächelte er mich wieder an. „In Ordnung, Kleines. Aik wird jetzt kommen und dir etwas von seinem Blut geben. Sitzt einfach still da und genieße sein Blut.“
Der Alte verschwand und starke Arme hoben mich hoch. Schon wurde ich wieder hingesetzt. Nur diesmal auf ein paar starke und muskulöse Beine. Es war der Mann aus meinem Traum. Diese eisblauen Augen. Verängstigt schüttelte ich den Kopf und wollte zurückweichen, doch er hielt mich fest. Ich kniff meine Augen fest zusammen und drückte meine Hände gegen seine Brust, um möglichst viel Abstand zwischen uns zu bringen. Eine warme Hand legte sich auf meine Schulter und ich entspannte mich. Sie schickte Wärme in meinen Körper und ich atmete tief durch. Da roch ich es. Blut. Ich öffnete die Augen und sah, wie sich der Mann, Aik, mit einem Dolch über den Hals fuhr. Roter Lebenssaft quoll aus seiner Wunde und ich leckte mir über die Lippen. Es roch so köstlich.
Ich beugte mich vor und fuhr mit meiner Zunge über seinen Hals. Er schmeckte nach Nacht, Regen und Freiheit. Sein Blut wunderbar süß. Meine Zähne wurden länger und ich bohrte sie in seinen Hals. Warm und belebend perlte sein Blut meine Kehle runter. Ich drückte mich näher an ihn und legte meine Hände in seinen Nacken. Kräftig zog ich ihn näher an mich und stöhnte zufrieden auf. Sein Körper war stark. Muskulös. Er reagierte genauso auf mich, wie ich auf ihn. Seine Hose war ausgebeult und er legte seine Arme zärtlich um mich.
Ein Räuspern riss mich aus meinem Blutrausch und ich zog meine Zähne aus dem Hals des Fremden. Aik schaute mir überrascht, geschockt und peinlich berührt in die Augen. Ich schluckte und leckte mir nervös über die Lippen. Das war grade nicht wirklich passiert. Ich hatte mich nicht gerade zu dieser Bestie hingezogen gefühlt!
Unmenschlich schnell stand ich am anderen Ende des Zimmers und presste meinen Rücken gegen das Regal. Mein Durst war verschwunden, dafür empfand ich nur noch Abscheu. Gegen ihn. Gegen mich.
Der Alte schaute Aik kurz strafend an, dann kam er langsam auf mich zu. Ich folgte jedem seiner Bewegung verängstigt mit meinen Augen. Kurz vor mir blieb er stehen und streckte mir eine Hand entgegen. „Alles ist in Ordnung, Liebes. Keiner wird dir hier etwas tun.“
Ich schluckte und schielte kurz zu Aik herüber. Die Wunde an seinem Hals hatte sich wieder geschlossen und er saß mit verschränkten Armen in seinem Sessel. Der Alte bewegte sich und ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. Er war einen Schritt auf mich zugekommen.
„Komm her, Kleines. Ich werde dir nichts tun.“, flüsterte der Alte und lächelte mich gütig an. Ich vertraute ihm. Er würde mir nichts tun. Zaghaft legte ich meine Hand in seine und bemerkte, wie lang und schlank seine Finger waren. Er zog mich sanft auf die Sessel zu und drückte mich auf den, der am weitesten von Aik entfernt war. Dafür war ich ihm ausgesprochen dankbar.
„Bleib hier sitzen. Aik und ich werden dir jetzt Alles erklären, in Ordnung?“
Ich nickte schwach und ließ Aik nicht aus den Augen. Er würde sich nur wieder auf mich stürzen und gierig über mich herfallen. Der Alte setzte ich direkt neben mich und hielt beruhigend meine Hand. Ich bemerkte es gar nicht, würde aber auch nichts daran ändern. Seine Hand strahlte eine wunderbare Wärme aus, die mich beruhigte und mir Kraft gab.
„Also gut, Aik. Erklär ihr bitte unsere und ihre Welt. Sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren.“, sprach der Alte und Aik schaute ihn missbilligend an. So saßen wir eine ganze Weile, bis Aik seufzend nachgab und anfing mir alles zu erklären.


„Man nennt unsere Vereinigung die Elevens. Wir sind elf Unsterbliche, alle mit den Grund- und für jeden unterschiedliche Fähigkeiten und Gaben. Unsere Aufgabe ist es, das Land Nanimare vor den Kreaturen der dunklen Magie zu beschützen. Vampire, Gestaltwandler, Drachen und viele andere Wesen werden von uns zur Strecke gebracht, um die Menschheit zu schützen. Unserer Anführer ist Ganon“, ich wies auf den Alten und June schielt kurz zu ihm. Sie hielt seine Hand immer noch fest umklammert und bemerkte gar nicht, dass sie immer noch zitterte. Wut und Eifersucht keimte in mir hoch, als ich sie so vertraut Händchen halten sah. Sie war mein! Ich verschränkte meine Arme wieder, um sie nicht wieder auf meinen Schoss zu ziehen. Was war nur los mit mir?
Ganon wies mich an, dass ich fortfahren sollte und ich knurrte ihn innerlich an. „Je stärker die Gabe und je höher das Alter eines Elevens ist, desto einen höheren Rang hat er. Es gibt den Anführer, fünf Jäger, drei Spione, einen Magier und den banji.“
Sie runzelte verwirrt die Stirn und wendete sich an Ganon. „Was ist ein banji?“
Ihre Stimme klang wie flüssiger Honig und umwogte mich sanft und Kraft spendend. Ganon lächelte sie gütig an. „Ein banji ist der mächtigste Eleven. Er kann auf die Kraft aller seiner Kumpane zurückgreifen und jeder ihrer Gaben auch selber benutzen. Er ist sozusagen unser Naturtalent. Der banji ist ungewöhnlich stark und sein Stein ist der Türkis. Ein mächtiger Magiestein, dessen Benutzung große Kräfte und Kontrolle verlangt.“, erklärte Ganon und lächelte June liebevoll an. Wahrscheinlich fühlte er sich bei ihr wirklich wie ein Vater. Sie führte sich genauso auf, wie Eda bei mir früher. Ich schluckte und verdrängte die Erinnerungen sofort wieder. Das gehörte nicht in diese Zeit hinein.
June kaute sich nachdenklich auf der Unterlippe herum. „Bin ich…?“, fragte sie und schaute mich dabei aus dem Augenwinkel an. Ich grinste. „Ich weiß nicht, was du bist. Man erkennt es anhand deiner Nummer. Ganon zum Beispiel ist Nummer One, der Anführer. Seit der Gründung unserer Vereinigung ist die Nummer One der Anführer. Stirbt er, wird man einen neuen Eleven suchen, der einen Anführer abgeben kann.“
June schaute mich aus interessierten Augen an. „Nummern?“
„Erkennungszeichen.“, erklärte Ganon kurz angebunden und überließ es mir, ihr den Rest zu erklären. Ich knurrte ihn erneut innerlich an. „Wenn du bei den Elevens aufgenommen wirst, darfst du dir einen neunen Namen geben. Ob ausgedacht oder ein Name aus deiner Familie oder bezogen auf deine Fähigkeiten und Gaben, ist dabei egal. Es steht dir vollkommen frei, unter welchem Namen dich die anderen Elevens kennen dürfen. Deine Nummer hingegen ist dein eigenes Selbst. Man kann an ihr erkennen, was du bist. Jäger, Spion, Magier, Anführer oder banji. Es gilt als größter Vertrauensbeweis, wenn man einem anderen Eleven seine Nummer sagt. Deine Nummer ist deine Erkennung in der Vereinigung. Wenn du sie vergessen solltest, vergisst du dein eigenes Ich und deine Vergangenheit.“
Ich sah wie June schluckte und Ganon ihr sanft die Hand drückte. Sie lächelte ihn zaghaft an, um ihm zu zeigen, dass es ihr gut ging. Doch Ganon konnte man nicht täuschen. Seine Gabe war die Telepathie. Man konnte sich nicht seinen eigenen Gedanken entziehen, sodass Ganon immer wusste, worüber man nachdachte. June schaute unbewusst auf ihre Hand und bemerkte dabei Ganons Armband. Das Armband, was jeden Eleven als einen Unsterblichen auszeichnete. Jedes war mit den gleichen Schnörkeln versehen, nur der jeweilige Stein unterschied sie. Normalerweise, hielt man sein Armband vor anderen Mitgliedern versteckt. Es sagte zu viel über die Nummer eines Eleven aus. Es würde zu gefährlich für den Träger des Steins und der Nummer werden. Jäger hatten einen Diamanten im Armband. Ganon, der Anführer, einen blutroten Rubin. Über die anderen Steine, hatte ich selber keinerlei Ahnung.
Vorsichtig streckte June ihre freie Hand aus und berührte ehrfürchtig das Armband von Ganon. Seine Augen glühten kurz auf, wurden jedoch sofort wieder normal. Unsere Augen glühten nur, wenn wir starken Gefühlen ausgesetzt waren. Leider verfügte ich nicht über die Gabe der Empathie, sonst wüsste ich, warum Ganons Augen aufgeleuchtet haben.
„Was für einen Stein werde ich bekommen?“, fragte June und schaute wieder mich an. Ich schiele kurz zu Ganon. Woher wusste sie über die Steine Bescheid? Doch der Alte nickte mir einfach nur zu und ich atmete tief ein. Lächelnd wandte ich mich wieder dem Mädchen zu und schaute ihr tief in die gold-gelben Augen.
„Das hängt von deinem Rang innerhalb der Elevens ab. Jede Position hat ihren eigenen Stein.“, gab ich zu und beobachtete ihre Reaktion. Sie schien etwas enttäuscht. Wie gern würde ich Telepath sein, um in ihre Gedanken blicken zu können.
Urplötzlich knurrte sie mich an. „Das würdest du dir nicht wagen!“
Ganon und ich schauten sie verblüfft an. Langsam beugte ich mich etwas weiter vor. „Was würde ich mir nicht trauen?“, fragte ich sie und tippte wieder mit meinen Fingern auf und ab. Ganons strafenden Blick deswegen, ignorierte ich geflissentlich. Auch June schaute mittlerweile überrascht drein.
„Hast du… nicht grade eben, etwas zu mir gesagt?“, fragt sie und kaute wieder nachdenklich auf ihrer Unterlippe rum. Also war ich nicht der Einzige, der seine Nervosität nicht verbergen konnte.
Ich schüttelte meinen Kopf. „Nein. Habe ich nicht.“ Ich schaute Ganon an und sprach für sie unverständlich zu ihm: Ich denke sie besitzt die Gaben der Seelenverbindung und der Wasserkontrolle. Wie kann sie dann meine Gedanken hören?
Ganon überlegte kurz und schielte immer wieder zu June herüber. Das muss sie dir selber sagen. So gern ich auch würde, ich darf und kann es dir nicht erzählen. Der Honrax verbietet mir, geheime Informationen über…
… über andere Mitglieder der Elevens preiszugeben ohne deren Einverständnis.
Wütend sprang June auf und blitzte uns böse an. „Hört auf euch über mich zu unterhalten, während ich daneben sitze! Das ist unhöflich!“
Ich knirschte mit den Zähnen und Ganon tätschelte ihr beschwichtigend die Hand. „In Ordnung, Liebes. Setz dich wieder hin.“
Sie starrte mich noch einmal wütend an und setzte sich dann in einen Sessel, der genau zwischen mir und Ganon stand. So konnte sie uns Beide im Blick behalten. Und weiterhin die Tür. Also hatte auch sie eine gewisse Paranoia.
Ich grinste. „Ich soll dir das hier geben. Vielleicht beantwortet dir das ein paar deiner Antworten.“, sprach ich zu ihr und ich hielt ihr das vergilbte Papier entgegen, was mir der Alte in der vorherigen Nacht gegeben hatte. Sie zögerte es zu nehmen, also legte ich es auf den gleichen Holztisch und lehnte mich zurück. Jetzt brachte sie den Mut auf und nahm das Papier an sich. Zaghaft öffnete sie das Wachssiegel und schaute dabei immer wieder zu Ganon und mir. Mit leicht zittrigen Händen las sie das Schriftstück und schluckte. Anscheinend schien sie nicht nur überrascht, sondern auch verwirrt über ihre Nummer. Mehr stand nicht darauf. Bei keinem von uns hatte mehr drauf gestanden, als seine Nummer. Dann schaute sie Ganon an, der sie freundlich anlächelte und ließ das vergilbte Papier kurzerhand in Flammen aufgehen. Ein kleiner Trick aus ihrer Familie oder war sie der Magier der Elevens?
„Wie sind die Elevens gegründet wurden?“, hauchte sie in den großen Raum hinein, um über ihre Verwirrung hinweg zu täuschen.
Ganon lächelte und sogar ich fand sie amüsant. „Was weißt du Alles über den Careonischen Krieg?“
Sie schien erneut verwirrt, antwortete mir jedoch: „Er dauerte über 200 Jahre. Der König von Careon war ein Irrer, dem Nichts zu teuer war, um seine Ziele wahr werden zu lassen. Er opferte tausende von seinen Soldaten. Frauen und Kinder wurden im Krieg kaltblütig abgeschlachtet, ohne jegliche Skrupel. Man lebte in Furcht vor dem König. Und das er nicht alterte, verstärkte die Angst nur noch mehr. Den Grund für seine Unsterblichkeit kennt man bis heute noch nicht.“
„Falsch“, sprach ich und schaute Ganon an. Dann wieder June. Sie schien nun noch mehr verwirrt, aber auch sehr interessiert.
„Wie… was soll das bedeuten?“, fragte sie und rang ihre Hände im Schoss. Sie war nervös und zeigte es zu sehr. Das müssten Ganon und ich ihr zuerst abgewöhnen. Bei mir war das nicht mehr möglich, aber bei ihr auf jeden Fall. Anstatt meiner antwortete Ganon auf ihre Frage. „Der Grund ist bekannt. Ich habe ihn herausgefunden und danach den König von Careon umgebracht.“
Sie schien geschockt. Doch sie ballte einfach ihre Hände zu Fäusten und fragt Ganon, was er damit meinte. Er lächelte.
„Unsere Welt is nicht so schön wie sie scheint, Liebes. Schreckliche Kreaturen wandeln unter uns und bedrohen die Menschheit. Der König von Careon war ein Vampir. Seine Armee seine Erschaffenen. Ich war damals sein bester Freund und wurde zum allerersten Eleven, als ich der Göttin erklärte, von nun an, die Welt vor unseren Feinden zu beschützen. Nachdem ich ihn umgebracht habe, kam ich hierher, nach Dodrien, Hauptstadt des Landes Nanimare. Ich stellte mich unter den König und bot ihm meine Dienste an. Er glaubte mir meine Geschichte und erlaubte mir, meine Arbeit in seinem Land zu erledigen. Und so brachte ich fast ein halbes Goran damit zu Vampire Werwölfe und andere Kreaturen zu töten. Doch dann, kam alles anders.“, hauchte er und seine Blick ging in die Ferne. „Meine Göttin erschien mir im Traum und sagte, dass ich mich beeilen müsse. Mir würde noch ein halbes Goran extra bleiben, um die anderen Zehn der Elevens zu suchen. Den ersten, hätte sie für mich gesucht. Ich verabscheute den Gedanken, jemanden zu meinem Gleichen verwandeln zu müssen. Aber noch mehr erschreckte mich der Gedanke, dass all die Monster und Kreaturen für ihre Taten ungesühnt bleiben würden. Also tat ich es. Ich verwandelt Nummer Two und so ging es weiter, bis wir entstanden waren. Die Elevens.“
Als er endete, herrschte Stille in dem Raum. Niemand von uns sagte etwas. Wir dachten alle nach. June brach als Erste das Schweigen.
„Was soll ich denn hier? Ich meine, wie sieht meine Zukunft bei den Elevens aus?“, fragte sie und ich sah, wie klein und zerbrechlich sie war. Reue keimte in mir auf und ich knirschte mit den Zähnen. Sie war zu jung für unsere Vereinigung. Viel zu jung. Doch als Ganon anfing zu erzählen, schob ich meine Bedenken beiseite und lauschte ihm genauso wie June.


„Die Aufgabe der Elevens ist seit unserer Entstehung vor eintausenddreihundertfünfundsiebzig Jahren, die Menschheit vor den Kreaturen zu beschützen. Wir erlösen sie von ihrem Leid und dienen dem König und dem Reich. Jedes Mitglied hat andere Pflichten. Die Pflichten des banji sind die schwierigsten. Doch damit möchte ich dich jetzt nicht behelligen. Es wäre noch zu unverständlich für dich, Kleines. Die Pflichten der Jäger sind es, die Monster zu töten. Sie sind unsere Erlöser. Meine Aufgabe ist es, die Kreaturen ausfindig zu machen und unsere Vereinigung zusammenzuhalten. Der Magier, beschützt unsere Quartiere. Er legt einen magischen Schutzbann um ihn und sorgt für unsere Sicherheit, innerhalb unserer Mauern. Die Spione achten in unserer Umgebung darauf, dass niemand unser Geheimnis erfährt. Nur die Militärakademie weiß von uns. Und natürlich der König. Bei dem Rest nutzten wir unseren sechsten Sinn.“
„Sechster Sinn?“, fragte ich irritiert und blickte von meinen Händen auf. Das Alles erschien mir sehr irrational. So unwirklich. Warum sollte ausgerechnet ich ein Teil dieser Welt werden?
Ganon lächelte mich liebevoll an. „Menschen haben fünf Sinne. Seh-, Tast-, Hör-, Geruchs und Geschmackssinn. Wir Unsterblichen haben noch eine mehr. Den Sarensinn.“, erklärte Aik und ich wendete meine Aufmerksamkeit ihm zu. „Er dient uns dazu, Menschen und anderen Lebewesen Erinnerungen zu nehmen oder so zu verändern, dass sie keine Erinnerungen mehr an uns haben. Danach können sie direkt vor uns stehen und unser Gesicht studieren. Es wird ihnen nichts nutzen. Sie würden nicht mal unsere Augen erkennen. Leider funktioniert der Sarensinn nicht bei unseren Feinden. Sonst hätten wir schon längst ihre Verstecke ausfindig machen können.“
Das leuchtete mir irgendwie ein. Es wäre wohl wirklich zu leicht, wenn wir so im Vorteil gegenüber unseren Feinden wären. Hatte ich grade wir gesagt? Oh meine Göttin! Das war doch wohl nicht mein Ernst! Wie konnte ich mich… jetzt schon zu diesen Elevens zählen? Ich verstand ihr Tun ja noch nicht mal komplett!
„Du bist ein Teil von uns. Deshalb wirst du zu einer Eleven ausgebildet. Deine Ausbildung werden Aik und ich übernehmen.“ Ich schielte kurz zu Aik herüber, der ein blödes Grinsen aufgesetzt hatte. Ich starrte ihn kurz aus verengten Augen an, dann wandte ich mich wieder Ganon zu. „Deine Ausbildung wird hart werden. Aber ich bin mir sicher, dass du sie meistern wirst.“, erklärte der alte Mann und ich lächelte leicht. Ich hoffte, dass er Recht behalten würde. „Wenn du deine Ausbildung beendet hast, wirst du einer Prüfung unterzogen. Dann liegt es an König Susako und mir, ob du ein Teil dieser Vereinigung wirst. Du wirst dann einen neuen Namen bekommen und deinen Stein. Bis dahin, benutzt du diesen hier.“
Der Alte stand auf und nahm ein Lederbändchen aus der Schatulle von dem kleinen Tisch. Ein einfacher Granitstein war als Anhänger an ihm befestigt und ich spürte die Macht, die selbst durch dieses einfache Gestein floss. Wie viel Macht würde wohl erst durch Ganons Rubin fließen.
Er streifte mir die Halskette über den Kopf und setzte sich dann wieder auf seinen Platz. Ich betrachtete den Stein und rollte ihn zwischen meinen Fingern hin und her. „Warum bekomme ich kein Armband?“
Ganon lachte. „Keine Angst, Liebes. Du wirst dein Armband noch bekommen. Aber es ist ein Zeichen für deine Stärke. Nur vollwertige Mitglieder der Elevens dürfen ein Armband mit ihrem Stein tragen.“
Ich kaute wieder auf meiner Unterlippe herum und seufzte nach einiger Zeit. „In Ordnung.“
Ganon schaute mich überrascht an. „In… Ordnung?“
Ich nickte und lächelte ihn warm an. „Ich werde nicht wieder aus dieser Vereinigung herauskommen. Also kann ich es genauso gut auch akzeptieren und mein Bestes geben.“ Ich zuckte mit den Schultern und Ganon strahlte mich überglücklich an. Er nickte mir respektvoll zu. „Eine weise Entscheidung für eine junge Dame.“
Ich gähnte herzhaft und riss meine Augen weit auf, in dem Versuch, mir meine Müdigkeit nicht anmerken zu lassen. Doch Ganon grinste und auch Aik lächelte mit verständnisvoll an.
„Entschuldigt. Eure Erzählungen langweilen mich natürlich nicht. Ich fühle mich nur körperlich zerschlagen und müde.“, erklärte ich und spürte, wie meine Wangen sich rot färbten.
„Das verstehen wir, June. Aik wird dich sicherlich gerne in dein Quartier begleiten.“
Ich musste innerlich triumphierend lachen. Auch wenn ich gesagt hatte, ich würde es akzeptieren, wollte ich einfach nur weg von hier.
„Nein.“, sagte Aik entschieden und schaute mich an. „Sie wird mit in mein Quartier kommen. Dort kann ich sie im Auge behalten und wir müssen niemanden vor ihrer Tür stationieren, um sicher zu gehen, dass sie doch nicht abhaut.“
Ich wollte ihm widersprechen, doch er war bereits vor mir und legte mich über seine Schultern. Ich schrie kurz auf und trommelte dann auf seinem Rücken. „Lass mich gefälligst runter, du Bastard! Was fällt dir eigentlich ein!?“
Aik ignorierte meine Gegenwehr, verabschiedete sich knapp von Ganon und trug mich dann durch die Gänge des Labyrinths. Ich hörte irgendwann auf mich zu wehren. Er war sowieso viel stärker als ich. Er öffnete eine schlichte Tür und wir traten in ein militärisches Zimmer ein. Das Bett war einfach gehalten und auch die vereinzelten Möbelstücke waren schlicht konstruiert wurden.
Aik schloss die Tür hinter uns, sperrte auf ungewöhnliche Weise mit seinem Armband ab und stellte mich dann hin. Ich schaute mich immer noch um, während er sein Shirt auszog, sich in sein Bett legte und mich anschaute. Nach einer Weile erwiderte ich seinen Blick.
„Wo soll ich schlafen?“, fragte ich tonlos und musterte nebenbei sein schmales Bett. Er zuckte mit den Schultern. „Entweder neben mir im Bett oder auf dem Boden. Kannst du dir aussuchen.“
Damit drehte er sich um und schlief ein. Ich schluckte und verglich den Fußboden mit dem Bett. Auch wenn Aik mit in dem schmalen Bett lag, auf dem Boden wollte ich auch nicht schlafen Also legte ich mich neben ihn und so weit wie möglich an den Rand der Matratze. Ich lauschte gebannt seinen ruhigen und gleichmäßigen Atemzügen und die Erschöpfung übermannte mich. Kurz bevor ich eingeschlafen war, wusste ich, dass die Sonne aufgegangen war.

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Tag der Veröffentlichung: 02.01.2013

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