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Beginn


D


Die Fuchsmaske


Unerträglicher Durst! Er verbrannte die Kehle und lenkte die Gedanken in eine einzige Richtung. Jeder Versuch, den Trieb mit dem Blut der Sterbenden zu löschen, scheiterte. Die bittere Flüssigkeit stillte es für einen kurzen, süßen Moment und entfachte dann die Gier erneut.

In einem der Dörfer stieg er in einen der Teiche. Er schob die treibenden Körper seiner Opfer wütend beiseite und trank in langen, tiefen Zügen das faulige Nass. Das Wasser verhielt sich jetzt wie ein fremdes Element, es hinterließ keinen Geschmack, keinen Frieden, keine Erlösung.

Mit dem Wahnsinn, der ihn in diesem Tanz begleitete, durchsuchte er die zerstörten Häuser. Immer in der Hoffnung, jemand anzutreffen, der seiner Raserei bisher entkommen war. Der Gedanke an neues Blut, einen flüchtigen Moment der Befreiung, lies seinen Atem rasen. Wenn er hier niemanden fand, musste er einen Weg zu der nächsten Insel finden. Die Waffen ihrer Bewohner, ihre Sensen, Äxte und alten Schwerter konnten seiner Wut nicht standhalten. Ihre Gegenwehr so sinnlos wie die der Samurai, die den Hilferufen folgten, um ihnen zu beizustehen.

Er überließ sich seinen schärferen Sinnen und achtete auf heimliche Geräusche. Sie linkten ihn zu einem hastig gescharrten Loch neben einer der zerstörten Hütten. Eine Dorfbewohnerin verließ in Panik ihr Versteck. Endlich! Seine Gier, sein Durst triumphierten. Er wollte die Schnauze in ihr Blut tauchen und das endlose Verlangen einen einzigen kurzen Augenblick stillen.


Ihre ungeheure Angst verlieh seinem Opfer neue Kraft. Ihre Flucht führte sie in die Reisfelder vor dem Dorf.

Mit einem wütenden Schrei, setzte er die Verfolgung fort. Hinter einem Hügel verlor er seine Beute für einen Moment aus den Augen. Er brauchte nur wenige Sprünge, um die Kuppe zu erreichen. Dort blieb er irritiert stehen.

Die Flüchtende hatte unerwartete Helfer gefunden. Eine Handvoll Samurai und ein betender Priester bildeten einen schützenden Kreis um die Frau, die sich weinend zu Boden geworfen hatte.

Ein kurzes Zögern, ... noch mehr Blut. Noch mehr Augenblicke der Erlösung, der Befreiung von einer Gier, die sein ganzes Handeln bestimmte.

Sein Schrei sollte die Gegner vor Angst lähmen. Die Krieger hoben ihre Schwerter. Ihre Füssen suchten im feuchten Lehm einen festen Stand, ihre Augen hingen wie gebannt an seinen Bewegungen. Einer der Kämpfer hielt sich im Hintergrund. Er legte einen Pfeil an. Dann zog er die Sehne sorgfältig zielend an sein Ohr.

Er beschloss mit seiner erworbenen Schnelligkeit die Linie der Bewaffneten zu durchqueren, um den Bogenschützen als Ersten zu töten. Seine Durst musste warten, bis er alle Samurai getötet hatte. Der Priester und die Frau stellten keine ernsthaften Gegner dar. Sie würden schnell sterben.

Unerwartet verweigerten die Füße ihren Dienst. Lähmung befiel seine Beine, sein Blick verdunkelte sich, der monotone Singsang des Gesangs schläferte ihn ein. Voller Zorn erkannte er, dass dieses Gebet seinen Glieder erstarren ließ.

Wenn er sich auch nicht mehr bewegen konnte, dieser Durst, dieses Verlangen nach Blut wollte nicht verschwinden. Diese Gier blieb bestehen, sogar nachdem die wütenden Samurai seinen schrecklichen Körper in Stücke zerhackten.

Ein winziger Rest, dessen Stimme vor dem übermächtigen Wahnsinn schweigen musste, fühlte Befreiung und Frieden. Es war dieser Teil seiner Seele, für den der Priester ein kurzes Gebet sprach, bevor sie die Überreste verbrannten.

***

1200 Jahre später …

Peter Lance stand in einem Ozean aus blauen, roten und grünen Wellen. Er genoss die letzten Strahlen der Sonne. Um ihn herum eine solche Fülle von blühenden Sträuchern, dicht an dicht gewachsen, dass man meinte, es gäbe nichts anderes auf der Welt. Wenn er die nahen Geräusche der Großstadt London gedanklich ausblendete, glaubte er sich in einem Meer aus Blumen und Büschen.

Voller Vorfreude seufzte er zufrieden und beobachtete die Passanten. Er liebte den Sloane Square, einen kleinen Park in Englands Hauptstadt. Die Atmosphäre dieses Platzes erinnerte an Paris und in dem Theater dort traf er Anne zum ersten Mal.

Er genoss diesen Frieden am Ende eines jeden Tages. Der Abschied von einem Beruf, der viele Jahre faszinierte, schmerzte noch immer. Durch eine Erbschaft finanziell unabhängig, brauchte er sein Gehalt nicht, aber die Erkenntnis, dass er ihm nicht gewachsen gewesen war, nagte an seinem Selbstbewusstsein.

Doch die Begegnung mit Anne veränderte ihn, und er begann, Pläne für eine gemeinsame Zukunft zu schmieden. Seine Gedanken kreisten seit dem Morgen um den Ring in seiner Tasche.

Heute Abend wollte er sie fragen.

***

Ben Chiswell überlegte, ob er so einen hässlichen Gegenstand schon einmal gesehen hatte. Die uralte Maske auf der Glasplatte im Labor stammte aus Japan. Ihre groben Strukturen erinnerten an das Gesicht eines Fuchses.

Er rätselte, welches Material der Künstler benutzt hatte und beschloss, es herauszufinden. Leicht berührte er die Nachbildung mit den Fingern. Doch die Berührung war unangenehm, denn es schien, als ob die Oberfläche die Fingerspitzen einsaugen wollte. Das Zimmer drehte sich plötzlich um ihn, so dass er sich am Tisch festhalten musste, um nicht zu Boden zu fallen. Schnell zog er die Hand weg, sie fühlte sich taub an. Hastig wich er einen Schritt zurück.

Noch schwindelig schaute er sich zur Ablenkung im Labor des Restaurators um. Einen solchen Ort hatte er sich anders vorgestellt. Er erwartete eine gemütliche Werkstatt mit einem kauzigen Besitzer und viel Kunst in Vitrinen. Dagegen wirkte der Raum eher funktional. Neben Werkzeug fand er in den Regalen hohe Glasflaschen. Die Formeln auf ihren Etiketten verrieten ihm nichts, doch die Warnzeichen für ihren ätzenden Inhalt erkannte er.

Wieder betrachtete er seinen neusten und wertvollsten Kauf. Das kalte Leuchten der Halogenlampe betonte die harten Konturen der Fuchsmaske und ließ ihre ölige Oberfläche wie Teer wirken. Er glaubte fast, das Licht verschwand darin in einem schwarzen unendlichen Trichter.

Als er sich an die Berührung erinnerte, fühlte er erneut Schwindel. Es gelang ihm nicht, die Augen von den leeren Augenhöhlen der Maske abwenden. Er wurde das Gefühl nicht los, das sie seinen Blick erwiderte.

Ihr Wert lag bei über einer Million Pfund. Zu seiner Befriedigung gab es außerhalb Japans niemanden, der einen solchen Besitz vorzeigen konnte. Dank dieser Investition würde er noch mehr Beachtung in der Öffentlichkeit gewinnen, mehr noch als mit teuren Rennpferden oder Oldtimern.

Ben Chiswell, der Star am Londoner Verlegerhimmel ließ sich nicht aufhalten.

***

„Die Maske stammt eindeutig aus dem frühen Mittelalter“, eine sonore Stimme unterbrach seine Gedanken. Der Hausherr, Professor Arthur Chorstan, wie gewohnt geschmackvoll gekleidet, war unbemerkt in das Labor getreten. Ben Chiswell mochte keinen elegant angezogenen Menschen. Sie erinnerten ihn an seine eigene einfache Herkunft. Allerdings brauchte er diesen Mann für die Restaurierung und der damit verbundenen Wertsteigerung. Er beschloss, sich nichts anmerken zu lassen.

Eifersüchtig beobachtet holte der Gelehrte die Fuchsmaske aus ihrer Kiste. Seine präzisen Bewegungen bewiesen eine lange Erfahrung, doch auch er schien die Maske nur ungern zu berühren.

„Selbst in meiner Position als Restaurator der Londoner Universität bekomme ich so etwas selten zu sehen. Der unbekannte Künstler stellte die Form eines Fuchskopfes mit Leinen nach. Anschließend hat sie kunstvoll mehrfach in Lack getaucht, um ihr Festigkeit zu geben. Ein herrliches Stück, bizarr, aber faszinierend." Vorsichtig untersuchte er die Holzkiste und die Seidenbänder, die man während des Transports darum gewickelt hatte.

„Diese Bänder scheinen ebenfalls aus dieser Zeit zu stammen. Unglaublich kostbar und wunderschön."

„Was ist mit der Restauration", unterbrach ihn Ben Chiswell ungehalten.

„Mmh", entgegnete Arthur Chorstan, „eigentlich ist sie perfekt. Am Rand befinden sich japanische Schriftzeichen, verblasst und nicht vollständig. Es beeinträchtigt keinesfalls den Wert dieses Kunstwerks. Der Künstler hat die Symbole vermutlich bei der Herstellung eingeprägt."

„Aber ein komplett restauriertes Stück ist doch ohne Zweifel wertvoller", warf der Verleger ein.

„Das gebe ich ihnen Recht. Der Aufwand der Restauration dürfte sich in Grenzen halten. Die Aufgabe wird uns vor keinerlei Probleme stellen. Unter UV-Leuchten kann man sogar noch Zeichen sichtbar machen, die mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen sind. Falls mir meine Tochter hilft, und sie sich für eine Weile ihren Verlobten aus dem Kopf schlägt, brauchen wir drei Tage.“

„Hauptsache, es geht schnell!“

Chiswell nahm die Maske beinahe hastig aus der Hand des Professors und prüfte das Kunstwerk im Licht der Laborlampen.

„Bei dieser Gelegenheit, wozu haben die alten Japaner diese Dinger denn gebraucht?“

Der Gelehrte hatte auf einen Laborstuhl Platz genommen: „Ich fürchte, die Antwort wird Ihnen nicht gefallen."

Begegnungen


„Woran denkst du?" Eine warme Stimme riss Peter aus seinen Gedanken. Anne war da. Er konnte sein Glück kaum fassen, als er sie sah. „Egal, was passierte", dachte er, „du bist mit einem solchen Mädchen der glücklichste Mann Englands." Er wusste nicht, was er mehr an ihr liebte und bewunderte. Ihre schlanke Figur oder die Liebe, mit der sie Kunstwerke respektvoll berührte und restaurierte. Ihre dunklen Haare oder die Zuneigung, mit der sie an ihrem Vater hing und ihn bemutterte. Wieder einmal beschloss er, sie nie los zulassen.

Er lächelte sie an: „Nein, ich denke über unsere Zukunft nach. Du bist in deinem Beruf mittlerweile eine anerkannte Kapazität. Jeder Kunstexperte in und um London schätzt deine Fähigkeiten als Restauratorin hoch ein. Da habe ich Schwierigkeiten, mit dir mitzuhalten."

„Ich kenne dich gut und weiß, es gibt vieles, was du besser kannst als ich", tröstete sie ihn. „Und ich meine damit nicht italienisch kochen, da bist du für mich „numero uno“.

„Wenn du meinst, ich mache ein Restaurant auf, muss ich dich enttäuschen. Ich koche viel lieber nur für dich." Zärtlich umarmte er sie. Wieder spürte er die Zuversicht und den Frieden, die er in ihrer Nähe erlebte.

Anne kuschelte sich an ihn. Sie atmete den Duft seiner Haut und seines Haars ein und beschloss erneut, mit diesem Mann eine Zukunft zu planen. Sanft löste sie sich aus seiner Umarmung.

„Wir müssen zu meinem Vater. Er hat einen wichtigen Kunden mit einer japanischen Maske. Der Kunde will sie schnell restauriert haben, um sie rechtzeitig auf einer eigenen Ausstellung präsentieren zu können. Paps hat mich gebeten, die Maske mit ihm anzuschauen. Anschließend bespreche ich mit ihm die ersten Schritte für ihre Restauration.“

„Und dann“, sie hielt einen Moment inne, "fahren wir beide zusammen essen und unterhalten uns über unsere Zukunft".

Die Aussicht auf einen gemeinsamen Abend mit Anne hob Peters Stimmung noch mehr an. Rasch winkte er nach einem Taxi. Je eher sie bei ihrem Vater und mit den Vorbereitungen fertig waren, umso schneller würde sie nur für ihn da sein.

***



„Zunächst müssen sie wissen, diese Maske ist alt, sehr alt" erklärte der Professor. Mit routinierter Präzision nahm er das antike Kunstwerk und betrachtete es prüfend.

Aus den Augenwinkeln musterte er seinen Auftraggeber, der aus einem Fenster die Studenten auf dem Universitätsgelände beobachtete. „Ich wundere mich, dass die Behörden sie aus dem Land gelassen haben."

Langsam legte er die Maske in die Kiste zurück.

„Sie stammt aus einer Zeit, in der auf den japanischen Inseln die Einwohner noch mehr mit der Natur verbunden waren. Damals wie heute war der Fuchs ein Symbol für das Böse. Zu bestimmten Zeiten besiegten die Priester diesen Dämon in einem rituellen Tanz und verbannten es aus der Nähe der Menschen. Zu diesem Zweck trug einer der Tänzer diese Maske. Es heißt, für die Dauer des Tanzes fuhr der Fuchsdämon wahrhaftig in den Körper des Trägers hinein. Er konnte dann nur mit Hilfe der Zauberkraft der Priester gebannt und besiegt werden."
Er beobachtete den Verleger, der weiter demonstrativ aus dem Fenster schaute. „Es gibt eine Geschichte, wonach ein Priester während eines solchen Tanzes verstarb, und die Macht nicht gebannt werden konnte. Daraufhin soll der entfesselte Träger der Maske die komplette Bevölkerung der Insel grausam getötet haben. Es handelt um eine Legende, aber ich vermute, dieses Stück ist viele Jahrhunderte nicht getragen worden. Mit etwas Glück geben uns die verblassten Schriftzeichen mehr Auskünfte.
Mich wundert nur, dass die japanische Regierung sie aus dem Land gelassen hat. Solche alten Kunstwerke dürfen nicht exportiert werden.“


Chiswell drehte sich um: „Eine schöne Geschichte. Man könnte sie in der Ausstellung erwähnen. Die Leute lieben es, wenn ein Gegenstand einen historischen Hintergrund hat. Gut, wenn sie zusätzlich die Phantasie anregt." Er fixierte den Professor. „Wann fangen sie mit der Restauration an?"

Der Wissenschaftler zögerte. Der Verleger gefiel ihm weniger und weniger. In ihm keimte der Verdacht, dass diese Maske nicht auf legalem Weg nach London gekommen war.

„Ich würde gerne auf meine Tochter warten. Sie ist der Experte für alte japanische Schriftzeichen, und ich lege Wert auf ihr Urteil. Die Restauration selber ist nur noch eine Frage der Technik." Er zeigte auf ein Regal hinter ihm. „In den Glasflaschen hier habe ich verschiedene Säuren. Mit Bedacht angewendet und der nötigen Sorgfalt können wir die Umgebung der Zeichen vorsichtig glätten und ausreichend ausdünnen, um sie sichtbar zu machen. Ich bin sicher, meine Tochter wird jeden Moment hier sein."

***



Art Duane lehnte sich in seinen Sessel zurück, seit vielen Wochen wieder entspannt und gelassen. Er griff nach den Zigaretten auf seinem Schreibtisch. Zufrieden stellte er fest, dass sich sein Konsum deutlich gesenkt hatte. Auch schlief er ruhiger und fand wie in alten Zeiten Spaß daran, in seinem Stammlokal den Kellnerinnen auf die Beine zuschauen. Seine zahlreichen Unternehmungen, die er eine Weile hatte schleifen lassen müssen, schienen ebenfalls die gewohnten Früchte zu bringen.

Zum Schluss lohnte sich das Geschäft mit der japanischen Mafia, trotz der Probleme, die es anfangs mitbrachte. Als er über seine Kontakte erfuhr, dass sie einen Weg suchten, einen antiken Gegenstand nach England zu schmuggeln, bot er sich der Yakuza sofort an. Zu seinem Ärger wandten sie sich nicht an ihn, sondern an einen Schmuggler aus Brüssel, der ebenfalls in London lebte. Duane beobachtete ihn, obwohl sein Konkurrent vorgab, sein Geschäft aufgegeben zu haben. Konkurrenz in seinem Territorium konnte er nicht gebrauchen. Doch die Summe, die man dem Belgier anbot, war hoch, und er stieg wieder in seinen alten Beruf ein.

Dies ließ der Gangster nicht auf sich sitzen.

Wutentbrannt wand er sich an die Yakuza, doch die schienen nicht gewillt, ihre Vereinbarung zu kündigen. Ein paar deutliche Winke, er solle daran denken, in wessen Revier er gerade wilderte, zeigten ebenfalls keinen Erfolg. Der Belgier schien entschlossen, den Auftrag gegen alle Widerstände zu Ende zu bringen.

„Holm, wo sind sie!" bellte er in die Wohnung. Seine Zigarettenschachtel war leer.

Wurde Zeit, dass sich sein Angestellter nützlich machte. Holm, an dessen Vornamen sich Art Duane nur noch am Rande erinnerte, arbeitete als Diener, Chauffeur, Leibwächter, kurz als alles, wofür er ihn brauchen konnte. Er stellte keine Fragen, stand rund um die Uhr zur Verfügung und schien mit dem niedrigen Gehalt und den schlechten Bedingungen zufrieden zu sein. Er hatte ihm eine kleine Wohnung in diesem Haus besorgt, damit er besser erreichbar war.

„Holm!"

Duane wurde ungeduldig. Missmutig schaute er sein Faktotum an, der sich beeilte, in den Salon zu kommen. Manchmal hasste er den Anblick dieses Mannes, seine kriecherische Art und seinen hochroten Kopf.

„Zigaretten" bellte er und warf Holm einen Geldschein zu. „Für den Rest kaufen sie ein paar neue Zeitungen!", rief er dem eifrig wegeilenden Diener hinterher. Er wollte erfahren, ob sein Auftrag in der Presse erwähnt wurde. Immerhin hatte er das Ding besorgt.

Er erinnerte sich an den Artikel, der eine Ausstellung mit einer seltenen und wertvollen Maske aus Japan angekündigte. Der Journalist bezeichnete sie als einmalig und schrieb, es gäbe auf der Welt nur wenige ähnliche Stücke.

In dem Bericht war ein Bild des Besitzers und Sponsors, eines Verlegers, und er erkannte den Mann auf dem Foto sofort.

Es zeigte seinen Kontaktmann und es handelte sich eindeutig um sein Geschäft.

Er musste reagieren.

Schnell fanden seine Leute heraus, wo der Belgier verkehrte, und er beschloss, diese Sache selber in die Hand zu nehmen. Mit seinem Sportwagen wartete er vor der Stammkneipe des Schmugglers. Als der spät nachts das Lokal verließ und betrunken über die Straße wankte, überfuhr ihn Duane ohne Mitleid.

Ob Tot oder verletzt, wichtig war, dass er seinen Konkurrenten ausschalten konnte. Dies würde auch für die Andere ein deutliches Zeichen sein, ihn in Ruhe zu lassen. Als er danach Kontakt mit den Yakuza aufnahm, erhielt er wie erwartet den Auftrag. An den Belgier verschwendete er keinen Gedanken mehr.

Der Schmuggel nach London verlief ohne Probleme. Bei der Übergabe hatte er den Eindruck, die Japaner fürchteten sich vor der Holzkiste, die er ins Land schmuggelte. Um die Kiste war ein Seidenband mit schwarzen Schriftzeichen gebunden. Schon während des Transports bestanden seine Auftraggeber darauf, dass dieses Band weder beschädigt, oder gar entfernt wurde.

Es schien im Moment, als wenn alles gut verlaufen wäre. Aber er wurde das Gefühl nicht los, er würde noch mehr von der Maske hören.

***



Peter und Anne fanden den Professor und Ben Chiswell über die Maske gebeugt vor. Liebevoll umarmten sich Vater und Tochter. Die beiden Männer grüßten sich mit einem knappen Kopfnicken.

Chorstan stellte Peter vor: „Dieser Mann glaubt, meine Tochter aus dem Sog ihrer Leidenschaft für die antike Kunst in seinen Bann ziehen zu können."
Und fügte mit dem Auge zwinkernd hinzu: "Ich glaube nicht, dass sich ein solches Talent in die Küche und an den Kochherd stellen lässt."

„Vater, hör auf. Und du weißt, Peter kocht besser als ich es jemals lernen werde."

„Na, beim Kinderkriegen sind heutzutage noch die alten Regeln gültig. Und ich bin gespannt, ob du mich noch zum Großvater machen wirst."

Peter fühlte sich unsicher. Obwohl solche Gespräche zwischen den Beiden eine gewohnte Flachserei bildeten, verletzte ihn dieses kleine Wortgefecht mehr, als er zugeben wollte. Es erinnerte ihn an die Probleme, sein Leben sinnvoll zu gestalten.

„Peter Lance! Ich kenne sie aus der Zeitung." Chiswell unterbrach Vater und Tochter. „Sind sie nicht der Peter Lance von der Spezialabteilung, der vor ein paar Monaten diesen Zwischenfall in der Roosevelt-Bank verursacht hat? Sie haben kurz darauf die Polizei verlassen."

Er baute sich vor ihm auf. „Was machen sie jetzt? Doch nicht etwa Kaufhausdetektiv."

Peter suchte nach Worten.

Woher nahm sich der Mann das Recht, so mit ihm zu reden. Wenn er sein Wissen aus den Zeitungen bezog, konnte er wohl kaum beurteilen, was er in der Bank erleben musste.

Obwohl alle Ermittlungen gegen ihn eingestellt worden waren, hatte er die Polizei verlassen. Auch zur stillen Freude seiner Vorgesetzten, bei denen die kritischen und bissigen Kommentare der Londoner Presse Wirkung hinterließen. Sein Austritt reduzierte die Gefahr, dass ein Teil des Schmutzes, mit dem ihn die Medien bewarfen, auf sie fiel und ihre eigene Karriere gefährdete. Es ärgerte ihn, wie Chiswell dieses Thema im Beisein von Anne und ihres Vaters anschnitt. Er schien es darauf anzulegen, ihn vor ihren Augen zu erniedrigen.

Zornig ballte er die Fäuste.

„Was ist, Mr. Expolizist! Wollen sie mich verprügeln? Schätze, sie haben wieder nicht genügend Mut, sich wie ein Mann zu benehmen."
Lässig und scheinbar entspannt blickte er Peter herausfordernd an.

***



Art Duane zerdrückte die leere Schachtel. Die Erinnerung an diese unheimliche Maske verdarb ihm die Stimmung. Die Wohnung kam ihm kalt und einsam vor. Er brauchte jetzt die Anwesenheit eines anderen Menschen, selbst eines solchen Versagers wie Holm und entschied, ihn zu suchen. Nur weg hier. Hastig streifte er seinen Mantel über und eilte auf die Straße. Ein Blick durch das Schaufenster des Zigarettenladens gegenüber zeigte ihm sein Faktotum, der in einer Schlange von Kunden warten musste.

Er beschloß hinüber zu laufen und überlegte bereits, mit welchen Worten er Holm beschimpfen wollte, stolperte aber nach wenigen Metern an ein Hindernis. Vor ihm stand ein Rollstuhl, den eine ältliche Frau in Schwesterntracht schob. Zu seinem Entsetzen saß in ihm der belgische Schmuggler, den er vor kurzem überfahren und schwer verletzt liegen gelassen hatte.

Kreidebleich trat er zurück. Er kämpfte gegen das Gefühl von Scham und Schande an, das ihn beim Anblick des hilflosen Krüppels überkam. Er entschied, den Belgier wie ein lästiges Hindernis zu behandeln. In dem Moment, in dem er versuchte, den Blick des Mannes im Rollstuhl mit dem nötigen Zorn zu erwidern, geschah das Unfassbare.

Sein Opfer wich nicht aus. Fast hypnotisch starrte er zurück. Dann schien ihn der Wahnsinn zu befallen. Hysterisch kichernd, so dass ihm der Speichel aus dem Mund sprang, zeigte er mit dem Finger auf ihn. „Bald, bald! Und du selbst hast ihn geholt."

Seine Worte waren in dem schrillen Lachen kaum zu verstehen. Zu Duanes Schrecken mischte sich in dem Ausbruch des Verrückten ein zweites grässliches Kichern. Die Pflegerin, die sich bisher ruhig verhalten hatte, fiel in sein hysterisches Gelächter ein.

Art Duane war dankbar, als sie weitergingen und bald außer Sicht- und Hörweite waren. Das Verhalten der beiden Irren ließ ihn vor Kälte und Schrecken erschauern. Zufrieden bemerkte er die Ankunft seines Dieners, der endlich bedient worden war und mit dem üblichen beflissenen Gesichtsausdruck die Zigaretten übergab.

„Sie Niete! Wo sind die Zeitungen? Sie sind ein Versager, kommen sie mit ins Haus!" Er war froh, die Situation wieder im Griff zu haben.

Gut, dass er sich an Holm austoben konnte.

***



„Was soll das!"

Anne trat zwischen die beiden Gegner. „Ich denke, wir brechen die Auseinandersetzung hier an der Stelle ab. Peter, du gehst besser! Wir telefonieren morgen und treffen uns dann. Ich werde die Zeit nutzen, die Maske prüfen und mit meinem Vater entscheiden, welche Schritte für ihre Restauration nötig sind."

Mit geballten Fäusten und seinen Kontrahenten nicht aus den Augen lassend, verließ Peter das Labor. Wie ein Trottel hatte er sich verhalten, erkannte er. Nicht nur, dass er sich von dem Verleger provozieren ließ, jetzt war Anne zornig auf ihn. Der gemeinsame Abend war dahin.

Chiswell war keineswegs gewillt, die Situation zu entspannen. Wie kam dieser Exbulle dazu, sich so zu benehmen. Seiner Ansicht nach, wollte Peter sich nur vor seiner Verlobten aufspielen. Er beschloss, die Umstände auszunutzen.

„Ich mache ihnen einen Vorschlag. Herr Professor, sie schauen sich in aller Ruhe die Maske an, und nutzen die Zeit, um diese verblassten Schriftzeichen zu entschlüsseln. Ich führe so lange ihre Tochter in mein Lieblingsrestaurant. Beim Essen kann sie mir erklären, was ich tun muss, damit ihre Restauration nicht nur teuer, sondern auch von Dauer sein wird."

Arthur Chorstan erkannte die Absicht, die hinter diesem Vorschlag lag, und er beschloss, darauf einzugehen. Auf diese Weise könnte er in Ruhe arbeiten und gleichzeitig seinen Auftraggeber beruhigen. Und Anne war klug genug, sich nicht von Chiswell einwickeln zu lassen. Doch seine Tochter kam ihm zuvor.

„Vielleicht können wir es ja umgekehrt machen. Ich beschäftige mich heute Nacht mit der Maske und ihr beiden Männer unterhaltet euch über die Zukunft und macht weitere Pläne."

Die entgeisterten Gesichter der beiden Männer ließ sie auflachen.
Sie war froh, die Situation entspannt zu haben. „Nein, das war nur Spaß. Ich würde zwar gerne meinem Vater bei der Arbeit helfen, aber genauso wichtig, wie Vergangenheit und Gegenwart, ist die Zukunft. Ein solch schönes und seltenes Stück aus der Antike verdient besondere Aufmerksamkeit. Das gilt auch für die Zeit nach der Ausstellung. Machen wir es doch so. Der ältere Teil der Familie Chorstan, kümmert sich um die Vergangenheit und Gegenwart der Maske und ich um die Zukunft."

Ihr Vater bewunderte seine Tochter. Klug hatte sie die Situation durchschaut und die Wogen geglättet. Selbstlos übernahm sie die unangenehme Aufgabe, mit dem Verleger zu Abend zu essen.

Er kannte ihre fachliche Kompetenz, wenn es um Fragen der Konservierung und Aufbewahrung ging. Aber ein Abendessen mit diesem Ekel, war bestimmt kein Vergnügen. Er beschloss ihre Situation zu erleichtern.

„In Ordnung, Anne. Aber sei doch so gut und bring mir nachher noch das Buch von Stevenson über antike Lacke von zuhause hierher ins Labor. Es beschreibt Masken aus China. Ich bin sicher, ich finde dort wertvolle Hinweise über dieses japanische Stück."

So verschaffte er ihr einen günstigen Vorwand, sich bei passender Gelegenheit von Ben Chiswell zu trennen und ihm hier zu helfen.

Der Industrielle durchschaute das Spiel von Vater und Tochter nicht. Er war zufrieden, es diesem Verlobten gezeigt zu haben und freute sich obendrein auf das gemeinsame Essen mit Anne.

***



Nur wenige Stunden später räumte Peter Lance frustriert seine Küche auf. Diese Nuance in der Salatsoße, wie sie Alberto in seinem Lieblingsrestaurant für einen Tomaten Salat zauberte, bekam er nicht hin. Er hatte die gleichen Zutaten beim selben Händler besorgt und war sich sicher, alle Bestandteile der Sauce erkannt zu haben. Aber es wollte ihm einfach nicht gelingen, welche Varianten er auch ausprobierte.

Er schob dies auf die wenig erfreuliche Begegnung mit Chiswell im Labor. Nach einer Übung Tai Chi, dessen harmonische Bewegungen ihn mit der Welt versöhnten, beschloss er, zum Professor zu fahren und die Sache aus der Welt zu schaffen.

Mit Glück war der Verleger nicht mehr im Labor. Auf diese Weise könnte er sich bei Anne und ihrem Vater entschuldigen. Er bestellte sich kurz entschlossen ein Taxi, um trotz der späten Stunde zur Universität zu fahren.

Ein einsetzendes Unwetter und der Ausfall einiger Laternen machten es unerwartet schwierig, das abgelegene Labor des Professors auf dem Gelände der Universität zu finden. Der Regen fiel so dicht, dass die Scheinwerfer des Taxis Mühe hatten, ihn zu durchdringen.

Zu ihrem Glück brannte trotz der späten Stunde noch Licht im Labor des Professors und nach einer kleinen Irrfahrt erreichtem sie das Gebäude. Der Regen wurde immer stärker, und Peter beeilte sich, die wenigen Meter vom Taxi zum Labor zurück zulegen. Wegen des schlechten Wetters ließ er den Fahrer, der die Wartezeit mit einem fürstlichen Trinkgeld entlohnt bekam, warten.

Zu seinem Erstaunen stieß er im Eingang mit Anne zusammen. Sie versuchte, ein Buch unter ihrem Regenmantel vor dem prasselnden Regen zu schützen. Ihre unerwartete Begegnung überraschte beide. Es dauerte nur einige wenige Augenblicke, in denen Peter verlegen nach Worten suchte, bis sie zärtlich seinen Kopf in ihre Hände nahm und ihn küsste.

„Vergessen wir den Streit. Ich hatte das Vergnügen, mit diesem Wichtigtuer ein komplettes Dinner in einem seiner Yuppie-Restaurants zu verbringen. Vor einer Stunde habe ich ihn dort allein gelassen. Ich will Vater noch dieses Buch bringen und schauen, ob ich ihm helfen kann. Es dauert nicht lange, und wir beide fahren anschließend zusammen zu mir."

Peter entspannte sich, die Welt war wieder in Ordnung. Arm in Arm gingen sie durch den Flur in das hell erleuchtete Labor. Er öffnete die Tür und ließ sie eintreten, ohne seinen Blick von ihr zu lassen. Es war Annes Schrei, der ihn aus seinen Träumen von einer gemeinsamen Zukunft brutal in die Gegenwart zurückholte.

Impressum

Texte: Peter Hilger
Bildmaterialien: Peter Hilger
Lektorat: dito
Tag der Veröffentlichung: 10.10.2012

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