„Ich bin wieder da. Ich bin hier. Ich muss dich sehen.“
Sie stützt sich am Telefontischchen ab, die Knie Pudding. Eine heiße Welle überschwemmt sie von Kopf bis Fuß. Neben ihren nackten Füßen bilden sich Pfützen von Badewasser.
Samstagnachmittag. Sie hatte sich wohlig in der Wanne gerekelt. Wo wollte sie am Abend hingehen, was anziehen?
Dann hatte ihre Mutter angeklopft: „Du, das ist jemand für dich am Telefon, spricht Englisch! Ich kann ihn nicht abwimmeln.“ Wie lästig! Sie kletterte aus dem Bad, streifte sich den Bademantel über.
Unverkennbar seine Stimme mit Direktzugang zu ihren Eingeweiden. Ihr Bauch reagiert augenblicklich auf diesen Gefühlsstoß, nichts ist mehr fest, alles Brei. Und das nach zwei Jahren Funkstille zwischen ihnen, 700 und mehr Achsenumdrehungen der Erde, mehreren Flirts!
Sie war 16. Lange hatte sie sich gegen den spießigen Tanzkurs gesträubt, aber die Mädchenklasse des Nonnenbunkers wurde geschlossen angemeldet. In dieser katholischen Kleinstadt gab es keine Wahl.
Sie hasste festgelegte Schritte, behielt nie die Reihenfolge, fand die Musik der Standardtänze albern und bieder. Erst recht hasste sie diese schier endlose Abfolge pubertärer Peinlichkeiten. Die Jungen vom Jesuitenkolleg in dunklen Hosen, hellen Hemden waren genauso verklemmt wie die gut- oder gottbehüteten Mädchen in Blüschen, züchtiger Rocklänge und meistens einen Kopf kleiner. Daher gestaltete sich die Paarfindung wegen ihrer Modellgröße von 1,75, von Tanzschuhen mit Absätzen noch gesteigert, und ihren voll entwickelten Brüsten äußerst angespannt. Der Beklemmungsschweiß dieser sich verrenkenden Gestalten, ein Panoptikum verschiedener Stadien auf dem Wege zum Mann- und Frau-Sein, raubte ihr regelmäßig die Luft, so dass sie in den Pausen hinaus- und in der nebenan gelegenen Kneipe zur Hintertür hineinstürzte.
Ihr Ziel war das hintere „Separée“, durch eine Holzbalkenkonstruktion vom übrigen Schankraum abgetrennt, die seine Gäste vor den Blicken der zur vorderen Eingangstür Eintretenden verbarg. Die Minimalbeleuchtung half bei dieser Verschleierungstaktik, und wurde es brenzlig, konnten die Übeltäter im Spontanspurt versuchen, durch die Hintertür zu entkommen. Sie hatte die erfolgreiche Flucht einer deutschen Freundin vor der berechtigt eifersüchtigen Ehefrau eines amerikanischen Soldaten miterlebt. Hier wurde getratscht, geflüstert, geknutscht; ein Hort gelebter Leidenschaften, der erlaubten und verbotenen.
Sie bog mit Schwung um die Ecke der Abtrennung und stolperte über lange, weit in den Gang reichende Beine, die in geschnürten Boots endeten. “Sorry“, murmelte er, spielte ohne Unterbrechung weiter auf seiner Gitarre. Mit ihrem Stolperschwung landete sie ihm gegenüber am Tisch und ließ sich auf die Eckbank fallen.
Ein schlaksiger junger Mann mit kurzem Haar und strubbeligen Ponyfransen beugte sich über den Gitarrenhals, das linke Ohr dem Steg zugewandt. Lange, aber kräftige Finger flogen hin und her. Dabei schaukelten die Fransen an den Ärmeln seiner abgewetzten Wildlederjacke mit seiner runden Friedenskette um die Wette.
Er spielte lässig perfekt, ohne hinzuschauen,, sang mit sanfter Stimme zu seiner Musik:“ How many deaths will it take till he knows that too many people have died? … .“ Sein Blick ging ins Nirgendwo, er lauschte dem Klang nach, sie lauschte ihm, simultane Aussteiger aus dem Hier und Jetzt.
Nach zwei weiteren Songs legte er vorsichtig die Gitarre zur Seite, wandte sich dann seiner Zuhörerin zu:
„Darf ich dir eine Cola spendieren?“
„Ja, gern.“
Er stand auf, ging zur Theke und kam mit ihrem Getränk zurück.
Nicht schlecht, dachte sie, mindestens einen Kopf größer als ich und sagenhaft breite Schultern.
„Du bist wohl neu hier?“, fragte sie.
„Ne, heiße übrigens Art. Bin direkt mit 18 eingezogen worden. In der letzten Zeit macht mir der Kasernenkoller zu schaffen. Ich muss da raus, Scheiß-Soldatenleben!“
Was, er Soldat? Sein Gesicht war so weich und jungenhaft, grüne Augen wie sie, leicht mandelförmig, stark ausgeprägte Wangenknochen.
„Ich heiße Hanna. Du spielst irre gut, Kompliment!“
„Danke, hab viel Zeit zum Üben bei meiner Nachtwache im Bunker. Außerdem lenkt es mich ab von dem, was ich da bewache.“
Er schaute sie direkt mit traurigen Augen an. Womit konnte sie ihn trösten? Ihr fiel nichts ein! Offiziell taten alle so geheim, aber jeder wusste, dass die Amis immer dabei waren, wenn es atomare Sprengköpfe zu bewachen gab.
„Sorry, jetzt verderb’ ich auch dir die Laune. Das wollt ich nicht. Hey, besser Deutschland als Vietnam.“
„Stimmt. Und für Deutschland bin ich Expertin. Hast du öfter nachmittags Zeit?“
„Klar, wenn ich die Nachtschicht arbeite, habe ich tagsüber frei.“
„Klasse, dann kann ich dir ja unser Städtchen zeigen.“
„Okay, und ich spiel’ dir meine Musik vor, schreibe nämlich auch selber Songs.“
An diesem Nachmittag ließ sie die restliche Tanzstunde sausen. Sie hielt es noch ein paar Mal bis zur Pause durch, dann ging sie gar nicht mehr hin und gleich zum Stelldichein.
Sie trafen sich an den Orten, wo junge Pärchen sich den Blicken der Erwachsenen entzogen, in ihrem Separée, im Park unter dem Mammutbaum, in den Mauernischen der Seitenstraßen, zum Reden, Küssen und Kuscheln. Dann war der Frühling vorbei, er musste zurück nach Amerika, ein Abschied für immer.
Er sitzt, wo sie immer saßen. Sie kommt durch die Vordertür und geht auf ihn zu. Da ist nichts Jungenhaftes mehr in seinem Gesicht, die Wangenknochen noch ausgeprägter, starkes Kinn. Er springt auf, fasst sie am Arm, reißt sie an sich. Sie spürt seinen sehnigen Körper. „Ich kann dich einfach nicht vergessen“, flüstert er in ihr Ohr. Sie legt ihren Arm um seinen Hals, führt seinen Kopf ihrem entgegen. Ihre Lippen haben noch die alten Küsse im Gedächtnis, doch jetzt probieren sie nichts mehr aus, sie wollen den anderen verschlingen, gierig und ganz. Ihr Kopf schwimmt, ihr Unterleib zieht sich zusammen.
Was geschieht mit ihnen? Ist ihre junge, alte Liebe wie ein Samen im Zapfen des Mammutbaumes, des größten Lebewesens der Erde? Er muss Jahre warten, bis er keimen kann, denn die Zapfen öffnen sich nur, wenn es richtig brennt.
Sie brennen lichterloh. Sie fahren in seinem Auto aus der Stadt zum Kornfeld. Das Getreide steht hoch. Mitten hinein rennen sie, breiten ihre Jacken auf dem Boden aus, entkleiden sich gegenseitig, sehen sich so zum ersten Mal, lieben sich atemlos.
Dann liegen sie auf dem Rücken und schauen in die Spätsommersonne.
„Hanna, ich muss dir was sagen. Ich bin verheiratet!“
Sie schließt die Augen. Wie ist das mit dieser umgedrehten Psychologie? Du musst dir genau vorstellen, was du nicht willst, dann passiert es nicht. Sie stellt sich vor, wie ihr dicke Tränen die Wangen herunterlaufen.
„Ich war dann ja mit dem Wehrdienst fertig, bin zurück nach New Mexico. Weißt du, meine Jugendfreundin hat da auf mich gewartet. Ich hab’ nicht gedacht, dass wir beide uns je wiedersehen.“
Sie steht auf, klaubt zitterig ihre verstreuten Kleidungsstücke zusammen, zieht sie an. Er folgt ihrem Beispiel.
Er fasst ihren Arm , schaut ihr in die Augen. Sie kann ihn nicht ansehen.
„Nun sag doch mal was! Es tut mir leid. Das Ganze war ein Fehler! Ich habe immer an dich denken müssen.“
„Lass mich los, ich will nach Hause.“
„Hanna! Ich musste dich unbedingt treffen. Judy weiß Bescheid, ich habe es ihr gesagt.“
Sie holt tief Luft:
„Was soll das heißen? Wo ist sie denn?“
„Also, sie ist in unserer Wohnung in Münster. Ich bin wieder in die Armee eingetreten, musste Geld verdienen, und da sind wir jetzt stationiert.“
Sie stößt die zurückgehaltene Luft aus.
„Lass mich los und bring mich hier weg!“
Sie nehmen ihre Jacken vom Boden auf. Das Korn ist platt gewalzt, kein Halm steht mehr aufrecht.
Er öffnet ihr die Tür. Eine Duftwolke von brennenden Räucherstäbchen mit süßlicher Beimischung fährt ihr in die Nase. Sie steht direkt im Wohnzimmer. „Hello“, sagt die andere mit leiser Stimme. Schneewittchentyp, zierlich, dunkles, fast schwarzes Haar, weiße Haut, braune Augen. Hanna wiederholt die Begrüßung, verkneift sich das obligatorische „Nett, dich kennen zu lernen“. Sie würde dran ersticken.
Die Gastgeberin deutet auf die Couchgarnitur. Hanna nimmt auf dem Sofa Platz, die beiden setzen sich einander gegenüber auf die Sessel, der lange Couchtisch zwischen ihnen. Art wippt mit dem rechten Bein auf und ab. Schweigen im Dreieck. Er dreht sich einen Joint, zündet ihn an, zieht gierig daran. Schweigen im Rauchnebel. Judy steht auf, der Blick eines angefahrenen Rehs in den Augen, verlässt den Raum.
Er windet sich aus seinem Sessel, setzt sich dicht neben sie. Sein Oberschenkel berührt ihren. Sie rückt von ihm ab.
„Danke, dass du gekommen bist. Sie wollte dich unbedingt sehen.“
Die Räucherstäbchen hören auf zu qualmen, zwei Häufchen Asche.
„Ich schick’ sie nach Amerika zurück. Du musst nur ein Wort sagen!“
„Art, komm, spiel mir auf deiner Gitarre was vor!“
„Die hab’ ich verkauft.“
Die Chance eines Mammutbaumsamens, zu einem Giganten zu werden, stehen eins zu einer Million.
Tag der Veröffentlichung: 23.12.2008
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