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Nun war er also hier - in Deutschland. Victor Yohimbo, der großgewachsene Kenianer vom „Kontinent des Staunens“ (so bezeichnet nun mal Andre Heller in seiner beeindruckenden Afrika-Show den Erdteil), genoss den kühlen Regen Frankfurts nach dem auschecken im Flughafengebäude. In seiner Heimat, so schätzte er, mochten jetzt so 40, 50 Grad sein. Nein, sie hatten gerade keine Regenzeit in Afrika. Da kamen ihm die für ihn angenehmen Temperaturen gerade Recht.

 

Victor war als Student eingereist. Kenianischer Delegationsleiter nannte sich jener, der ihn für Unsummen mit Papieren ausgestattet, ihn durch die halbe Welt kutschiert hatte. Zum Glück hatten Victors Eltern, die nicht hungern mussten, die ihm das Studium im Ausland ermöglichen konnten, Verständnis für seine internationalistischen Ambitionen. Nicht ohne Hintergedanken: Victor sollte in der BRD Arbeit finden, sein akkumuliertes Kapital dann teilweise dem seiner Eltern beisteuern. Nun war er also hier - in Deutschland ...

 

Die Koffer, die Victor dabei hatte waren nicht schwer; gerade einmal ein paar Hemden, Hosen, Unterwäsche hatten in den mittelgroßen Trolly und den kleineren Rucksack gepasst, der zum Handgepäck zählte. Alles war vor allem in Frankfurt penibel kontrolliert und geröntgt worden. Ja, seit dem 11. September 2001, der als DER Terrortag wohl in die Weltgeschichte einging standen die Zeichen vor allem der westlichen Gesellschaften auf Alarm. Was nicht selten zu übertriebenen Bürgerrechtsbeschneidungen führte, ja, führt. Unser 30jähriger Afrikaner stand nun also draußen, vor dem Flughafengebäude in Frankfurt und wartete - auf was eigentlich? Auf seine vorläufigen Gastgeber vom Auslandsverband Frankfurt, über das er dann zum Studium der Windkraftenergie nach Berlin weitergeleitet werden sollte. Victor hatte Hunger. Er aß auf die Schnelle das Leberwurstbrötchen, das er vom Flugzeugfrühstück hatte mitgehen lassen. Die zwanzig Stunden Flug waren auch nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er schlief im Stehen. Hatte er doch die ganze Flugzeit über kein Auge zu bekommen. Dies mochte wohl daran gelegen haben, dass er den Rat seines älteren Bruders, die Flugzeit mit Schlaftabletten zu überbrücken, nicht beachtet hatte.

 

Victor fühlte sich fremd! Nur weiße Leute überall. Was er gewöhnt war: Schwarze Haut, so weit das Auge reicht. "You are Mr. Yohimbo?" Der kleine, rundliche Mann mit der Nickelbrille (kahlköpfig zudem) trat unter einem Regenschirm auf Victor zu. Es war Herr Bertram vom Auslandsverband Frankfurt, wie er sich dem Neuankömmling vorstellte. Er bediente sich des Englischen, der kenianischen Amtssprache, obwohl er doch wissen musste, dass Victor an der Universität seiner Heimatstadt bereits ein paar Brocken Deutsch gelernt hatte. "You are Mr. Yohimbo!" Herr Bertram reichte Victor die Hand. Als Auslandsstipendiat sollte der junge Afrikaner zunächst viele Vorzüge genießen. Mehr noch, als er sich bei seinem Reiseantritt ausgemalt hatte.

 

So wurde er von Herrn Bertram samt Sack und Pack in einen silbergrauen VW-Polo gebeten (mit Ledersitzen und so weiter), der Victor an seinen Frankfurter Zielort, das Studentenwohnheim am Main, zu bringen. Um es klarzustellen: Victor hatte kaum ein Laster! Er rauchte nicht, trank nur am Wochenende mal ganz gerne ein Bier, oder zwei - mit Freunden, die er sich hier in Deutschland erst noch neu erobern musste. Übrigens: Das Studentenheim mit Blick auf den Main, in das Victor von Herrn Bertram gefahren wurde, übertraf all seine Erwartungen. Modernes Erscheinungsbild, innen wie außen weiß getünchte Wände. Zu allem Überfluss hatte jedes Studentenappartement auch noch seinen eigenen Balkon. "Es gibt doch in der Architektur einen Unterschied zu meinem Afrika", meinte Victor in gebrochenem Deutsch zu Herrn Bertram gewandt. "Oh", erwiderte dieser ebenfalls auf Deutsch und lachend, "Sie werden noch viel größere Unterschiede zwischen unseren Kontinenten feststellen." (Herr Bertram musste es wissen. War er doch im Auftrag des Auslandsverbands viele Male auf dem "Vergessenen Kontinent" gewesen.) Herr Bertram: "Jetzt kommen Sie erstmal an, Victor. Die Hausleiterin wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Wenn Sie im Anfang Probleme haben sollten - hier ist meine Karte, zögern Sie nicht, mich anzurufen." "Danke, Herr Bertram", sagte Victor. Er war überwältigt von den Eindrücken dieses neuen Kontinents. Hatte er doch zum ersten mal seinen Erdteil verlassen - sonnig, schwarz und undurchdringlich. Das war zumindest der Urwald Schwarzafrikas.

 

Der frisch eingereiste schwarze Mann fühlte sich fremd, ja, elend in seinem neuen, vorübergehenden Quartier. Überall nur fremde, weiße Menschen; abgesehen von den paar arabisch stämmigen Studenten. Seine Kommilitonen - zumindest teilweise. Sie machten auf Informatik, BWL und eben Windkraftenergie. Achmed, der palästinensische Volkswirtschaftler bewohnte das Zimmer neben Victor. Als letzterer seine Sachen verstaut, von der Hausleiterin alle nötigen Informationen erhalten hatte, traf er Achmed auf dem langen, kahlen Flur, der beide zur Cafeteria führte. "Du bist neu, nicht?", begann Achmed interessiert mit starkem ausländischen Akzent ein Gespräch mit Victor. "Mein Name ist Victor", erwiderte dieser, "und ich komme aus Kenia." Es entspann sich ein längeres Gespräch, in dessen Verlauf sich die beiden kennenlernten. Achmed, so gab er zu verstehen, war auch noch nicht so lange hier: "Ungefähr sechs Monate. So genau habe ich nicht mitgerechnet." "Du studierst die Ökonomie", sagte Victor halb im Scherz, "So ein bisschen solltest du dich mit Zahlen auskennen."

 

Längst hatten sie das Heim-Cafe erreicht, sich jeder für 50 Cent einen Cappucino aus dem Automaten gezogen. Victor zeigte sich begeistert: "Sowas kenne ich aus Afrika nicht. I'm very happy to be here now."

Sie wurden Freunde - Achmed und Victor. Auch wenn letzterer in Bälde nach Berlin gehen sollte, so sollte diese Freundschaft doch Jahre halten. Sie schienen das zu ahnen, während sie in der Cafeteria beisammen saßen und (bald auf Englisch, bald mit starkem englischem Akzent) erzählten, erzählten, erzählten. Über ihre jeweiligen Länder und die ihnen komisch erscheinenden deutschen Besonderheiten. "Kommst du nach Bayern", scherzte Achmed, "haben die Männer Lederhosen an und die Frauen Dirndel. Ich war dort vor zwei Monaten."

 

Die ihm verbleibende Zeit in Frankfurt wollte Victor wenigstens noch ein bisschen nutzen. Deutsch zu lernen und das neue Land und seine Sitten etwas näher zu betrachten. Er rief Herrn Bertram vom Auslandsverband an. Von der kleinen Telefonzelle, die in einem konservenbüchsenartigen Glaskasten im Studentenwohnheim untergebracht war. Zunächst landete er in irgendeinem Privathaushalt, da er die von Herrn Bertram auf die Visitenkarte gekritzelte Nummer nicht recht entziffern konnte. "Müller", ließ sich am anderen Ende der Leitung eine kränkliche, krächzende Frauenstimme vernehmen, "Hier Müller, wer ist da?" "Mein Name ist Viktor", begann dieser, aber als er mit seinen Erklärungen fortfuhr hängte Frau Müller ein. So versuchte er es erneut und diesmal hatte er tatsächlich einen Vertreter des Auslandsverbands an der Strippe. "Hier Yohimbo, ich hätte gern Herrn Bertram gesprochen." Der freundliche Herr schien über Victor informiert, wiederholte er doch dessen Namen einwandfrei und beeilte sich, ihm auszurichten, Herr Bertram sei gerade zu Tisch. "Wenn Sie in fünfzehn Minuten nochmal folgende Nummer wählen ..." Victor schrieb mit. Stift und Zettel hatte er immer dabei. Er bemühte sich jedoch seine Enttäuschung zu verbergen. Seine ebenen Gesichtszüge zuckten leicht.

 

Achmed war an die Telefonzelle getreten und beobachtete Victors Gefühlsausbruch. Er konnte sich denken, was passiert war, kannte er doch nervenaufreibende Telefonate aus eigener Erfahrung. Lachend betrat er die Telefonzelle und suchte Victor zu beschwichtigen: "So ist das in Deutschland", sagte er. "Nie hat jemand Zeit. Entwweder man ist beim Mittagessen, es ist gerade nicht Bürozeit oder", er überlegte kurz, "die Leute sind auf dem Klo." Jetzt lachten beide. Da störte auch nicht das von vielen Studentenhänden zerfledderte Telefonbuch, welches auf der Zellenablage sein doch gezähltes Dasein fristete. Zig Seiten waren heraus gerissen, lagen teils zerknüllt in einer Ecke.

 

"My friend", begann wieder Achmed, "ich habe gleich noch Vorlesung. Du musst telefonieren. Wir sehen uns dann heute abend." Draußen nieselte es leise an diesem frühen Oktobertag. Nach drei Tagen schon hatte Victor seine Vorliebe für diese kühle Witterung über.

 

*

 

Versuch Nr. 2 Herrn Bertram vom Auslandsverband anzurufen (die Viertelstunde war längst verstrichen): "Bertram, Auslandsverband", meldete sich die Victor bereits bekannte Stimme. "Hallo, Victor hier", sagte der Afrikaner. "Ah, Herr Yohimbo", Bertram schien erfreut, von seinem Schützling auf Zeit etwas zu hören. Aber er war im Termindruck. Hatte sich doch für heute Nachmittag eine offizielle nordafrikanische Delegation angekündigt. Bertrams Finger zerissen nervös auf seinem aufgeräumten Schreibtisch liegende Notizzettel. "Und", interessierte er sich, "sind sie gut angekommen? Haben Sie ausgeschlafen? Sie schienen mir sehr müde zu sein - nach dem langen Flug." Victor: "Ich habe gut geschlafen. Ich habe gefunden Freund, mit dem ich deutsch Rede. Ich lerne deutsche Land gut kennen. Meine Frage: Gibt es Möglichkeit, meine deutsche Sprache zu verbessern? Ich spreche zwar fließend, aber zu wenig!" "Na ja," (Herr Bertram war jetzt nur noch geschäftsmäßig höflich. Er musste die Ankunft der afrikanischen Delegation vorbereiten.) "Na ja, Sie können in den paar Tagen, die Sie noch in Frankfurt sind, einen Deutsch-Schnellkurs hier im Verbandsgebäude belegen. Das wäre eine gute Möglichkeit, wenn Sie die finanziellen Möglichkeiten dazu haben ... Ich muss leider weiter arbeiten ... Kommen Sie doch einfach morgen gegen elf zum Verbandsgebäude, Steierstr. 12 in Frankfurt Mitte. Unsere Frau Spich wird Sie dann in den Kurs einführen. Sie entschuldigen mich jetzt ..."

 

Der Kenianer hatte alles für ihn Wichtige notiert. Er beeilte sich zu sagen: "Danke, Herr Bertram. Ich werde morgen da sein. Geld spielt auch im Moment noch keine Rolle." (Richtig, denn er war von seiner wohlhabenden Familie vor seiner Abreise aus Afrika finanziell mehr als gut ausgestattet worden.) "Dann sieht man sich. Good bye", sagte Herr Bertram kameradschaftlich und hängte ohne Umschweife ein.

Auch Victor ließ den Hörer, nachdem er das Gespräch verarbeitet hatte, über die kumppelhafte Art Bertrams erfreut war, langsam auf die Gabel sinken. Vor der bewussten Telefonzelle des Studentenwohnheims hatte sich eine Traube ungeduldiger Studierender gebildet, die auch telefonieren wollten. Allesamt weiß, wünschten sie den telefonischen Kontakt zu ihren Eltern, Freunden, sonstigen Angehörigen. Als Farbiger hatte Victor immer noch nicht verinnerlicht, dass er eine Einzelerscheinung war. Er blieb eine Ausnahme im erdrückenden Heer der Weißen, die ihm durchaus nicht böse gesonnen waren. Ausnahmen sind wohl immer gewiss ...

 

Doch zunächst ging Victor, langsam sicherer auftretend, in die Kantine, zog sich einen ihm inzwischen nicht mehr ganz so fremden Cappuccino und wartete auf das Abendessen, das in dem mensaähnlichen Saal gleich nebenan so gegen halb sieben ausgeteilt wurde. Sein Freund Achmed musste auch bald wieder da sein.

 

Victor schlief wohl in dieser Nacht. Zuvor war er noch in der Frankfurter Innenstadt spazieren gegangen, hatte sich die Achitektur, die deutsche Lebensweise genauer angeschaut. Er verstand nun besser, was Herr Bertram meinte, als er von "großen Unterschieden" der Kontinente Afrika und Europa sprach. Er sah an verschiedenen Stellen in der Stadt Leute sitzen und Bier trinken und ließ es sich nicht nehmen, eine Flasche des von ihm favorisierten Pils-Biers zu erstehen, es durstig an einer Ecke in großen Zügen zu leeren.

 

Dem jungen schwarzen Mann war besagtes Bier schon aus der Heimat ein Begriff. 'Dortmunder Kronen Pils' gab es dies- und jenseits der Sahara bereits seit geraumer Zeit in nicht geringen Mengen zu kaufen. Victor kam rechtzeitig zum Abendbrot zurück ins Studentenheim, traf dort Achmed und ließ sich mit seinem Freund auf ein längeres Gespräch über die Ereignisse, Errungenschaften des heutigen Tages ein. Achmed schmierte sich gerade ein Brot mit Butter, war darin begriffen, drei Käsescheiben so dick übereinander zu stapeln, dass sie bald Daumenbreite erreichten. Im Esssaal brannten zur dunkler werdenden Jahreszeit die Neonröhren gleißend. Der Palästinenser: "So, du willst also zum Deutsch-Crash zum Auslandsverband. Morgen um zwölf geht's los, sagst du? Ich habe vor Monaten dasselbe gemacht. Es ist ganz human. Vor allen Dingen nicht so früh. Wenn du willst zeige ich dir heute Abend eine Diskothek. Ich habe morgen selbst erst um zwölf die nächste Vorlesung." Die letzten Sätze hatte Achmed auf Englisch gesprochen und als er zur Disko kam, leuchteten Victors' Augen auf. Oh ja! Endlich mal wieder tanzen gehen. Die Schwierigkeit, die Fremdheit in seiner Lage vergessen.

 

Sturzbetrunken kehrten die beiden Freunde spät in der Nacht wieder heim ins Heim. Victor begann schon jetzt, seinen Grundsätzen untreu zu werden. Disziplin, ja, die hatte er bislang gehabt. Und in Kenia hatte er dazu auch wenig Alternativen. Gehörte er dort doch mehr oder weniger zur Oberschicht, die Hunger und Leid der Masse der Bevölkerung mit orthodoxer Sorgfalt gegenübertrat.

 

Victor schlief, besoffen wie er war, wohl in dieser Nacht. Vor der Ruhephase hörte er noch das wohlige Schnarchen Achmeds' aus dem Nebenzimmer - unterbrochen durch unartikulierte Laute des Schlafenden, denn Achmed sprach im Schlaf. Und die Wände des Studierendenheimes waren dünn. An die Millionenmetropole Berlin, in die er in wenigen Tagen gehen würde, dachte Victor schon längst nicht mehr. Auch seinen morgigen Termin, um 11 beim Auslandsverband, hatte er kurzfristig vergessen, als er in einen komatösen Schlummer fiel, der ihn erst am nächsten Vormittag aus den Federn fahren ließ. 'Merde', dachte er (sich des französischen Wortes für Scheiße erinnernd, das ihm einmal ein guineischer Flüchtling in Kenia beigebracht hatte). 'Merde', dachte er, 'ich muss um 11 beim Verband sein und jetzt ist's kurz vor. Unbedingt brauche ich diesen Deutsch-Schnellkurs.'

 

So fuhr er in seine Sachen (ganz schnieke: weißes Hemd, schwarze Leinenhose, dunkelblauer Pollunder), stürmte die steilen Treppen zum Ausgang des Wohnheims hinunter und schwang sich eilends auf das vom Heim geliehene hellgraue Damenrad. Er kannte den Weg zum Auslandsverband, war er ihn gestern doch zur Sicherheit schonmal abegangen. Er würde zu spät kommen, trat darum kräftig in die Pedale, um sein zeitliches Minus nicht noch zu vergrößern. Unterwegs traf er Achmed, auf dem 500 Meter langen Weg zu seiner Vorlesung die Straße entlangtrödelnd. Victor brauste an ihm vorbei. "Keine Zeit", rief er als man sich erkannt hatte. "Wir sehen uns später." Achmed wollte noch etwas sagen, aber da war Victor bereits außer Hörweite, bemüht, die knapp zwei Kilometer bis zum Verbandsgebäude möglichst schnell hinter sich zu bringen.

 

Das graue Rad war alt und klapperte. Und wäre Victor nicht auf dem Weg zum Deutschkurs zweimal die Kette abgesprungen; er hätte die akademische Viertelstunde Verspätung durchaus einhalten können. Doch in Betonwüsten, von schmalen Grünstreifen durchzogen, musste er seine handwerklichen Geschicke unter Beweis stellen. Die schwarze Laptoptasche mit dem Fujitsu-Siemens-Computer lastete schwer auf seinen Schultern. Völlig entkräftet, außer Atem langte er schließlich an seinem Zielort an.

Aber die Auslandsverbandler waren verständnisvoll. "Ihr Studenten", meinte die Sekretärin mit einem leisen Lächeln. "Wie ich vermute haben sie gestern abend noch gefeiert. Dann kommen Sie mal, Herr Yohimbo. Ich will Ihnen den Arbeitsraum für den Deutsch-Schnellkurs zeigen. Das Finanzielle regeln wir hinterher. Bitte, hier entlang. Zweite Tür rechts, bitte sehr." "Von Ihnen sehr nett", beeilte Victor sich zu bedanken und betrat den gelb gestrichenen, einem Klassenzimmer gleichenden Raum, in dem etwa 20 Menschen ausländischer Herkunft (vorwiegend waren es Muslime, Türken, so schätzte Victor) hinter quadratisch angeordneten weißen Tischen saßen.

 

Victor setzte sich auf einen der letzten freien Plätze und lauschte dem an der Tafel stehenden bärtigen jüngeren Herrn, wie er seinen Schülern den Unterschied von der, die und das erklärte. Eine Regel, die Victor auch in afrikanischen Deutschkursen nie ganz begriffen hatte, es aber jetzt eingehend erläutert bekam. Der Lehrer übrigens hieß Herr Sorge, wie unschwer an dem mit großen Druckbuchstaben auf Schiefer stehenden Namen zu erkennen war.

 

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Der gelehrige Deutsch-Schüler Victor saß während der Crash-Stunden des Auslandsverbands, die fünf Tage lang einen ganzen der selbigen in Anspruch nahmen, stets neben Cecile, einer Französin Mitte 20 arabischer Abstammung. Zu Beginn hatte Lehrer Sorge ihn allen Komilitonen vorgestellt, die ihrerseits ihre Namen genannt hatten. Tja! Victor hatte als Nachzügler eben die anfängliche Vorstellungsrunde verpasst, aber so ging es ja auch. Und noch was: So einfach wie sein Freund Achmed ihm die Deutschstunden beschrieben hatte, waren sie für Victor ganz und gar nicht. Er ackerte und schwitzte, ackerte und schwitzte. Und siehe da: es ging! Dabei ging noch etwas in diesen Tagen, die für Victor die letzten in Frankfurt werden sollten: Er hatte ein Rendez-vous mit Cecile, der dunkeläugigen Schönheit aus - la belle France! Victor wunderte sich, wie reibungslos doch sein Eingewöhnen auf dem ihm so fremden Kontinent vonstatten ging. Zwar fühlte er sich immer noch fremd (und dieses Gefühl der Fremdheit sollte er auch nie verlieren). Aber sei's drum! Sein Treffen mit Cecile verlief wunderbar:

 

"Isch 'atte gedacht, dass wir uns vielleischt etwas nä'er kennenlernen könnten", piepste das zierliche, außerordentlich hübsche Mädchen, während sie mit Victor in einer verrauchten Szenekneipe einen Kaffee nahm - 'latte machiato', um die neue Modedroge beim Namen zu nennen.

 

"Das geht leider nicht jetzt", antwortete Victor verliebt lächelnd. (Sein Deutsch war jetzt schon viel besser geworden.) "Ich reise in zwei Tagen nach Berlin, um dort mein in Kenia begonnenes Studium fortzusetzen. Windkraftenergie, weißt du?" Man einigte sich darauf, telefonisch in Kontakt zu bleiben, und: Vielleischt, vielleischt käme Celine vor Victors Abfahrt mit dem Zug noch einmal zu ihm ins Studentenheim, um sich zu verabschieden. Sie würde es schon finden. Celine rauchte eine Gaulloise nach der anderen. Verräterisch und alles beobachtend stieg der Nikotinqualm an die Decke des in rosa gehaltenen, mit Holz vertäfelten Gastraums. Victor hatte eins verschwiegen: In Afrika hatte er eine Gattin, die sich zwar von ihm losgesagt hatte, dennoch seine rechttmäßige Ehefrau blieb.

 

Du sollst nicht Ehebrechen, heißtt es in den zehn Geboten der Bibel. Auch in anderen Religionen findet diese Aufforderung durchaus ihre Berechtigung ... Wie dem auch sei: Victor und Cecile sahen sich zärtlich an (es gab ein Küsschen links, eins rechts) als sie nach diesem ihrem ersten Stelldichein glücklich auseinander gingen. Sie hatten sich noch viel zu sagen, doch die Zeit drängte. Victor musste in zwei Tagen nach Berlin und hatte noch allerhand Vorbereitungen zu treffen. So trennten sie sich auf einem belebten, kopfsteingepflasterten Markt, in dessen Mitte sich eine eigenartige Skulptur befand, deren Gesicht eine Uhr bildete. "Ich komme bestimmt nochmal", rief Cecile schwärmerisch, aber Victor war schon in der Menschenmasse verschwunden, den Kopf nun voller Vorstellungen über seine bevorstehende Reise. Morgen sollte der letzte Tag des Deutsch-Crashs sein. Und dann? Ja ... dann!

In der letzten Deutschstunde des Auslandsverbands wurde in der Tat nicht mehr viel getan. Die Zeugnisse wurden vergeben. Victor erhielt eine glatte zwei - gut bis befriedigend, wie die meisten seiner Mitstreiter. Cecile gar hatte es geschafft, mit einer eins plus den Klassendurchschnitt zu sprengen und als Kursbeste mit einer lobenden Erwähnung ins Jahrbuch des Verbands aufgenommen zu werden. Sie freute sich auch wirklich herzlich über ihren Erfolg. Und nicht nur das! Alle Teilnehmer beglückwünschten sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Der schöne, wenn auch arbeitsreiche Kurs war nun vorüber. Für viele begann in deutschen Landen nun ein neues, integrierteres Leben. Namentlich für Victor, der mit seinen Gedanken längst nicht mehr in Frankfurt, sondern in der fernen, fremden Hauptstadt war, die er bislang nur vom Wetterbericht des amerikanischen Propagandasenders CNN kannte. Letzteren schaute er nämlich des öfteren im Fernsehen an - unter rein informativen Gesichtspunkten. (Nach allem konnte er sich mit dem in der Welt zur Zeit auflebenden Amerikanismus in keinster Weise anfreunden.)

 

Einige Tage zogen noch ins Land. Victors Abreise zum Studium nach Berlin rückte immer näher. (Alles hatte sich etwas verzögert, da einige bürokratische Formalitäten von Seiten des Auslandsverbands erst verspätet erledigt worden waren.) Am Abend vor Victors entgültigem Adieu klopfte es an seiner Zimmertür. Er fuhr auf. War er doch gerade auf der schmalen gut gepolsterten Pritsche, die sein Zimmer neben Tisch, Stuhl, Schrank sowie einer winzigen Nasszelle zierte, in die philosophischen Betrachtungen eines Friedrich Nietzsche vertieft gewesen. Auf deutsch natürlich. Das Lesen klappte ganz gut - auch wenn er nur zwei drittel des komplizierten Textes auch wirklich verstand.

 

Victor fuhr auf und öffnete legere nur mit Unterhemd bekleidet verwirrt die Tür. Draußen stand in ihrer vollen Schönheit die mandeläugige Cecile, die Komilitonin vom Auslandsverband. "Isch wollte auf Wiedersehen sagen", flüsterte sie verführerisch, hielt dabei ihre bloßen Unterarme mit den Händen umfasst. "A-Alles klar", stammelte Victor, "Komm' rein!" "Ah, Nietzsche", rief Cecile aus, als sie das dicke Philosophiebuch auf Victors Nachtschränkchen liegen sah. "Isch mag Nietzsche!" Der Afrikaner hatte nicht so viel Erfahrung mit Frauen. Auf seinem Kontinent hatte er ein paar Freundinnen gehabt, auch mit ihnen geschlafen. Indes sein jetziger Beischlaf mit Cecile, der einem kurzen Vorspiel gefolgt war, war für ihn beispiellos ... Schweißgebadet schliefen sie spät in der Nacht eng umschlungen auf Victors schmaler Pritsche. Schliefen bis zum Morgen, dem letzten Tag in Victors Frankfurter Leben.

 

Nach dem Erwachen war Ceciles erster Wunsch der nach einer Zigarette. Sie hatte selbst keine mehr und so bat sie Victor halb angezogen, während dieser sich noch verschlafen im Bett wälzte, um einen Glimmstengel. „Ich rauche nicht“, gab Victor zu verstehen. „Außerdem muss ich in drei Stunden am Bahnhof sein. Mein Zug nach Berlin … Herr Bertram bringt mich zum Gleis.“

 

Cecile war nun vollständig fertig. Wirklich: Das kurzärmlige, beige Leinenkleid stand ihr prächtig. Cecile: „Du hast gestern sischer schon etwas gepackt!? Dann können wir ja gleich noch in Ruhe frühstücken und isch – hole mir am Automaten Zigaretten.“ „Na gut“, meinte Victor, der inzwischen auch angezogen war,

noch, bevor die zwei Hand in Hand die breiten Stufen zur Kantine hinab stiegen. „Na gut! Ich bin im Prinzip reisefertig. Machen wir uns noch ein paar schöne Stunden.“

 

Es war elf Uhr. In der Kantine traf das Pärchen auf Victors Freund Achmed, der auch zu so später Stunde sein Morgenbrot nahm. Schließlich war Samstag und es gab außer dem Lernen für die anstehenden Prüfungen nichts Sonderliches zu tun. „Na, Herr Volkswirt“, begrüßte Victor seinen Kumpel kameradschaftlich, an den großen, runden Eichenholztisch tretend, an dem er saß. „Hallo!“ Achmed winkte laff mit der Hand, auf die er bis dahin seinen Kopf gestützt hatte. „Ich mache Schluss…“

Cecile und Victor blickten ihn verständnislos an. „Mit dem Studium meine ich. Ich muss im Leben Erfahrungen sammeln, weiter arbeiten. Wahrscheinlich gehe ich zurück in den Iran.“

 

„Na, wenn das so ist.“ Victor hatte für sich und seine Freundin von der gelb erleuchteten Glastheke zwei von diesen aufgeweichten, zermanschten Käsebrötchen geholt, die aussahen, als wären sie schon mal verdaut. Zudem gab’s Kaffee.

 

„Hast du dir das gut überlegt“, fragte der Afrikaner seinen jüngeren Freund, das heiße Koffein-Getränk (schwarz mit zwei Stückchen Zucker) aus der langweiligen weißen Krankenhaustasse vorsichtig schlürfend. „Ich denke schon“, erwiderte Letzterer. Und fügte hinzu: „Dann sehen wir uns ja gar nicht mehr!? Habe gehört, du gehst heute nach Berlin.“ „Stimmt“, meinte Victor, „Ich were gleich hin gefahren. Ich möchte mich schon mal verabschieden, jetzt, da unser Frühstück beendet ist.“ Und in der Tat: Nachdem man die eigentlich ganz hübschen, baby-blauen Tabletts mit den schmutzigen Tassen und dem Essgeschirr in den dafür vorgesehenen metallenen Rollwagen gestellt hatte, nahm man sich in die Arme und sagte ‚Adieu’.

 

Victor wusste nicht warum, aber der Abschied von Achmed fiel ihm ungleich schwerer, als der von Cecile, die ihn noch mit allem Gepäck zum Wagen gebracht hatte – zum blauen Golf von Herrn Bertram, der bereits seit geraumer Zeit auf ihn gewartet hatte. „Na, junger Mann“, lachte Herr Bertram nur kulant, „dann mal auf in ein neues Leben. Berlin wartet auf Sie. Eine Stadt, die ich nur empfehlen kann.“ So flogen die Autotüren zu, Herr Bertram ließ den Wagen an und fuhr langsam die schmale Auffahrt des zu beiden Seiten begrünten Studentenwohnheims hinab. Einige Stunden Fahrt lagen vor ihnen, die Autobahn, Staus … „Danke, Herr Bertram“, sagte Victor, dem erst jetzt die bevorstehende Umstellung gänzlich bewusst wurde, leise. „Ach, keine Ursache“, fing Bertram fröhlich an zu lamentieren, „ich muss sowieso geschäftlich nach Berlin. Da kann ich Sie problemlos mitnehmen.“

 

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 23.11.2013
ISBN: 978-3-7309-6411-8

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für I.D.

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