So gingen die Osterferien vorbei. Hannah ging wieder in die Schule und Helena in den Kindergarten. Die Kindergarten-Tante war in den Ruhestand gegangen und eine neue, sehr junge Kindergärtnerin war jetzt da. Helena mochte die junge Frau nicht. Die Kinder mussten sie mit Frau … anreden und "Sie" zu ihr sagen. Zudem hatte diese eine Vorliebe, für Mädchen mit langen Haaren. Helenas Haare waren kurz. Sie ging ein paar mal in den Kindergarten, dann wollte sie nicht mehr. Auch als Frau Reck ein Einsehen hatte und Sarah mitschickte, ging Sarah im Kindergarten und Helena blieb zu Hause.
Sie hatte genug Freundinnen zu Hause, Katzen und Ziegen. Damit konnte sie sich gut beschäftigen. Helena war das, was man pflegeleicht nennt.
Die Enten hatten ihre Eier schon ausgebrütet, auch Ilsabein, die Pute führte stolz ihre Mannschaft über den Hof. Nur die Zwerghenne, war in diesem Jahr spät dran. Wir konnten sie nirgends finden. Es schien so, als hätte sie sich wieder den besten Platz zum Brüten ausgesucht.
Eines morgens kam ein Bauer, aus dem Nachbardorf, der auch immer Eier bei mir kaufte. An einem riesigen Traktor hatte er das modernste Mähgerät. Er kam zu mir in die Küche und machte mir den Vorschlag: „Für einen anständigen Kaffee würde ich dir deine Wiesen mähen, ich habe heute bei mir alles gemäht.“
Siegfried war ein netter Kerl, er klagte nur immer über seinen Bauch. Mit seiner alten Mutter, bewirtschaftete er seinen Hof, mehr schlecht als recht. Sein Kuhstall war ein Muster der Schmutzigkeit. Seine Rinder holte er im Herbst erst von der Weide, bevor sie im Schnee versackten. Er hatte immer die Spötter auf seiner Seite. In jeder Fasnachtszeitung gab es über ihn einen humorvollen Artikel. Wir tranken Kaffee, und unterhielten uns eine Weile, dann fuhr er die Wiesen mit seinem Ungetüm, ein paar Mal hinauf und hinunter und hatte alles gemäht. Um mich besonders zu erfreuen, mähte er auch die kleinen Wiesen vorm Haus und vor den Ställen. Zuletzt den Zipfel zwischen Garage und Straße.
Plötzlich machte er den Motor aus und kam noch einmal in die Küche. „Es ist mir ja ganz peinlich“, beichtete er, „aber ich habe der Zwerghenne den Kopf abgemäht. Die saß da so versteckt in einer Vertiefung, ich habe sie wirklich nicht gesehen.“ Ich rannte und holte die Brutglocke.
Es dauerte eine Weile bis die einsatzbereit war, dann holte ich vorsichtig die Eier. Die Henne hatte ein großes Gelege. Einen Versuch war es wert. Trotz größter Bemühungen, es schlüpfte kein einziges Küken. Der kleine Gockel vermisste seine Königin. Zuerst wurde er aggressiv, später als er merkte, dass sie nicht wiederkam, wurde er handzahm. Die Henne beerdigten wir im Garten, denn essen konnten wir das Zwerghuhn nicht. Die Königinnen-Henne gehörte zu unseren Freunden, und Freunde isst man nicht.
Hannah, die sich inzwischen entschlossen hatte, nun doch zu wachsen, erzählte, dass die meisten Mädchen aus ihrer Klasse in den Ferien verreisen. Auch Ulla fuhr jedes Jahr zu ihrer Tante. Ich erkundigte mich, und meldete Hannah zum Zeltlager an, am Bodensee. Ich wusste gar nicht, dass es so einfach und so preiswert war. Ein Anruf und eine Überweisung von vierzig Mark, da waren zwei Wochen gebucht.
Jetzt konnten die Sommerferien kommen. Hannahs Zeugnis war bestens obwohl sie daheim nie lernen wollte. Sie sagte immer: "Mama ich kann das schon." Meine anfänglichen Zweifel waren aus dem Weg geräumt.
Sie freute sich auf das Ferienlager und hätte am liebsten Helena mit genommen. Wir packten ihren Koffer und brachten sie alle zusammen weg. Da mein Mann sich auskannte, fuhr er mit seinem Auto. Ich musste aufpassen und mir den Weg merken, damit ich den auch im Notfall allein fand. Sie war ganz sicherlich die Kleinste, aber sie wurde gut aufgenommen. Ihr Taschengeld mussten wir abgeben, denn die Organisatoren hatten für die Kinder eine Extra Kinderbank, wo sie Geld abheben konnten, wenn sie welches benötigten.
So war in den Zelten kein Geld zu holen, ich fand das ganz gut. Hannah blieb gern da und fand gleich Freunde. Wir hinterließen die Telefon Nummer für den Fall, dass Hannah Heimweh bekam, und versprachen am Sonntag zu Besuch zu kommen.
Im Haus war es ruhig geworden. Mir fehlte Hannah. Um so mehr konnte ich mich nun mit Helena beschäftigen. Wir übten Schuhe anziehen und Schuhbänder binden. Sandalen konnte sie schon anziehen, aber bei allen anderen Schuhen mussten wir helfen. Wenn sie in die Schuhe schlüpfte, vergaß sie immer die Zunge im Schuh. Ich sagte: "Zunge raus!" Erstaunt schaute sie mich an, mit lang ausgestreckter Zunge. "Nein, die kannst du wieder wegstecken, ich meine die Zunge am Schuh, die ist ganz wichtig, sonst sitzt der Schuh nicht." Erklärte ich ihr. Nach wenigen Tagen klappte es. Helena machte auch gern Spaß, so streckte sie immer die Zunge heraus, wenn sie den Schuh an den Fuß zog. Wenn sie merkte, dass ich es sah, freute sie sich.
Helena spielte mit ihrer Freundin Sarah und mit den vielen Tieren, die sie sich Untertan gemacht hatte. Jetzt gehörte auch der Zwerggockel dazu. Der arme Hahn sollte zur Katze in den Fahrradkorb und weigerte sich. Die Katze fauchte ihn an und der Gockel flog bis auf das Scheunendach. Als er schließlich wieder herunterkam, war er böse mit Helena und ging ihr aus dem Weg. Nun wollte sich der kleine Hahn mit meinem Mann anfreunden. Martin hatte aber Angst vor ihm wenn er zu nah herankam. Mein Mann war damit beschäftigt, mir einen Steg zu bauen, der im Ziegenstall über ein paar Hindernisse führen sollte.
Martin hatte immer Angst, dass ich darüber stolperte, wenn ich Futter in der Hand hatte. Er hämmerte und sägte und hatte einen Handfeger dabei, mit dem er immer zwischendurch seine Abfälle auf kehrte. Der Hahn schaute im interessiert zu und kam immer ein kleines Stückchen näher.
Bei meinem Mann brach schon der Angstschweiß aus. Der Gockel wollte doch nur Gesellschaft, aber Martin nahm den Handfeger und wollte ihn damit verscheuchen. Er traf das arme Tierchen an der Schläfe, und der schöne Gockel fiel um und regte sich nicht mehr.
Niedergeschlagen kam Martin zu mir in den Eierraum und behauptete, der Gockel sei tot umgefallen. Ich ging mit dem Vogel zum Wasser, aber es hatte keinen Zweck, wir mussten wieder eine Beerdigung machen. Natürlich glaubte ich nicht, dass der Hahn einfach tot umgefallen war.
Als er mit Helmut allein war, beichtete er ihm seinen Handfeger-Mord.
Helmut hatte mein Auto wieder in einen einwandfreien Zustand gebracht, und alle Kratzer waren verschwunden. Manchmal waren wir froh, dass er immer im richtigen Moment da war. Hin und wieder jedoch, ging er uns auf die Nerven, vor allem mir.
So kam es auch vor, dass er von seiner Kundenfahrt volltrunken auf den Hof gefahren kam. Schon zwei mal hatte er seinen Führerschein abgeben müssen. Einmal hatte er einen Fahrer eingestellt, und das zweite Mal hatte ihn seine Lieblingsfreundin täglich gefahren. Seine Firma hatte ihn schon verwarnt. Er trank aber nur unterwegs, bei uns nicht.
Wir hatten gerade gegessen, da kam ein Taxi auf den Hof. Helena ging vor die Tür um nachzusehen. Sie rief: „Lena ist da.“
„Wo ist Heinz?“ fragte ich spontan. Lena hatte immer noch nicht gelernt langsam zu sprechen. Der Taxifahrer wartete und ich ging hinaus um die Fahrt zu bezahlen. Zum Glück hatte sie nicht schon in Ulm ein Taxi genommen. Lena gehörte zu denen, die den Kopf hauptsächlich zum Kämmen hatten, das Gehirn schonte sie gern.
Mein erster Gedanke war: Jetzt fängt die Essen-Komödie wieder an. Ich war das nicht gewohnt. Bei uns wurde gegessen was auf den Tisch kam und vor allem, wenn es auf den Tisch kam. Schnell verscheuchte ich meine schlechten Gedanken und begrüßte Lena herzlich. Als ich noch einmal nachfragte wo Heinz sei, hörte ich aus ihren Redeschwall heraus, das er wohl beim Militär war. Die Militärzeit in Griechenland dauerte länger als bei uns, so stellte ich fest, dass ich ihn nicht so schnell wiedersah.
Lena wollte in den Ferien zu ihrem Vater, bei dem es ihr gar nicht gefallen hat. Er war wieder verheiratet und hatte einen sehr ungezogenen Sohn. Lena erzählte, wie sie den ganzen Tag allein war und auf den Jungen aufpassen sollte. Sie wollte dann zu mir, und er erlaubte es nicht. Mir war das schon klar, denn beide gingen zur Arbeit und der Kinderhort war in den Ferien geschlossen. Da war Lena gerade richtig gekommen.
Dann muss es wohl zum Streit gekommen sein. Jedenfalls hat die Frau vom Stefan sie ganz früh geweckt als er noch schlief. Sie gab Lena das Fahrgeld zu mir und schickte sie zum Bahnhof. Es hörte sich fast wie eine Flucht an. Ich fragte: „Willst du deinen Vater nicht anrufen? Der macht sich doch bestimmt Sorgen.“
Nein, jetzt wollte sie ihn nicht anrufen und überhaupt wollte sie da nicht mehr hin. Sie wollte jetzt bei mir bleiben.
Martin fand es richtig, ich sah es etwas realistischer. Was sollte ich mit ihr machen? Ohne ein Wort deutsch, konnte ich sie ja nicht einmal zum Putzen schicken. Auf die Schule bis zum Abi, nicht dran zu denken. Sie konnte ich nur zu Hause behalten, und ihr da vielleicht ein paar Aufgaben zuteilen. Für sie bekam ich ja nicht einmal Kindergeld. Trotz aller Überlegungen rief ich beim Jugendamt an und erkundigte mich.
Dort wurde mir mitgeteilt, es sei durchaus möglich, wenn es der Wunsch meiner Tochter sei. Das Jugendamt wollte die Angelegenheit überprüfen und dann Bescheid geben. Ich hatte den Eindruck, als ob es Lena nun doch nicht recht war. Sie wollte wohl bleiben, aber einfach so, nicht offiziell.
Beim Kochen ging es wieder um ihre Gewürze. Die hätte sie ja von Griechenland mitbringen können, wenn ihr die so wichtig waren. Oben richtete sie sich ihr Zimmer ein und blieb auch die meiste Zeit dort.
Lena hatte die Diätwaage entdeckt, und sie erwies sich als wahre Expertin im Kalorienzählen. Nicht etwa für sich, sie war schlank und hatte kein Gramm zuviel oder zu wenig. Es ging um uns. Nun war ich nicht gerade dick, aber ein paar Pfund hatte ich schon zuviel. Bei den Kinder war es gerade richtig.
Nun begann sie jedes Stück Brot oder Wurst, was immer ich in den Mund steckte, abzuwiegen. Dabei machte sie ein ratloses Gesicht. Nach einigen Tagen erklärte sie mir: "Du isst so wenig, normaler Weise müsstest du Untergewicht haben, ich verstehe nicht, wie man von so wenig Essen so dick sein kann. "
Am Sonntag fuhren wir Hannah besuchen. Mein Mann hatte Dienst, und wir fuhren mit meinem Bus. Die Strecke führte durch Ravensburg, und das gefiel mir gar nicht. Da durfte man mit 70 km/h durch die Stadt fahren, Auto an Auto. Alle fuhren mindestens 80 km/h und wir wurden laufend überholt. Ich war heilfroh, als wir die Stadt hinter uns hatten.
Das Zeltlager lag idyllisch, direkt am See. Hannah freute sich, als wir kamen und nahm Lena und Helena mit in ihr Zelt, um alles zu zeigen. Ihr Taschengeld musste ich noch einmal erhöhen, sie hatte es aufgebraucht. Wir machten einen ausgiebigen Spaziergang durch das Feriengelände und Hannah hatte noch keine Sehnsucht nach Hause. Sie durfte noch eine Woche bleiben und am nächsten Samstag wollten wir sie abholen. Nun ging es wieder auf die Heimfahrt. Ich hatte schon Bauchweh, als wir starteten. Meine Gedanken waren nur bei der Stadtdurchfahrt.
Direkt vor Ravensburg mussten wir abbiegen und hielten an einer Ampel. Da stand „bitte den Motor ausschalten“ Niemand machte das, ich weiß nicht, warum ich den Motor ausschaltete. Als es dann gelb war, ging mein Motor nicht an. Um mich herum ertönte ein lautes Hupkonzert. Alle die rechts und links an mir vorbeifuhren, ließen einen blöden Spruch los.
Dann kamen zwei Ausländer, vielleicht Türken, und schoben beim nächsten „grün“ mein Auto, über die riesige Kreuzung direkt auf das Gelände einer Baustelle. Einer der Männer fragte, ob er mal schauen sollte was kaputt sei. Mir fiel mein Gummihammer ein. Damit brachte ich die beiden zuerst zum Lachen und danach zum Staunen.
Mein Auto lief wieder und ich ließ mich von den anderen Autofahrern durch die Stadt jagen. Als wir daheim waren seufzte ich: „Entweder Hannah bleibt für immer am See, oder du holst sie ab.“ Martin richtete es so ein, dass er sie am Samstag holen konnte. Lena fuhr mit die Eiertouren und ging mehrmals mit Tina zum Schwimmen an den See. Dann fuhren wir Hannah abholen. Die anderen Kinder waren fast alle schon weg, als wir kamen. Ihre Sachen waren gepackt und es fehlte nichts. Hannah war ein ordentliches Mädchen. Ich hatte den Eindruck, dass sie noch eine Woche durchgehalten hätte.
Nun war sie wieder in ihrem Element. Zusammen mit Helena zog sie durch die Ställe und und Wiesen. Sie erfand immer neue Spiele. Sie pflückten Blumen, und nahmen auch Lena mit, wenn sie weiter ausschweiften. So blieb Lena noch eine Weile, bis sie plötzlich abreisen wollte. Warum und wohin, sagte sie nicht, jedenfalls habe ich es nicht verstanden. Vielleicht hätte ich besser zuhören müssen. Sie fuhr ab, und ich putzte ihr Zimmer. Die alte Ordnung war wieder hergestellt.
Wir bekamen Besuch von Bernd. Er kam nicht allein, sondern mit einem Freund. Beide waren in Bundeswehr-Uniform. Er hatte seine Lehre gerade beendet, da musste er zur Bundeswehr. Mir fiel ein: „Deine Chefin wollte dich doch vom Bund befreien lassen, hat das nicht geklappt?“
„Doch doch“, rückte Bernd mit der Wahrheit raus, „aber meine Chefin hatte mit bekommen, dass ich eine Freundin hatte, da musste ich plötzlich doch zur Bundeswehr.“ Dort hatte er sich vorerst für 12 Jahre verpflichtet und sei jetzt stellvertretender Küchenchef.“ Ob das jetzt so stimmte? Kochen konnte er ja. Bernd blieb über das Wochenende, dann fuhr er mit seinem Freund wieder ab. Na jedenfalls ging es ihm gut, und beim Bund gefiel es ihm.
Bernd versprach, mit seinem Freund gemeinsam, das Essen für die Kommunion von Hanna zu kochen. Dafür wollte er sich dann ein paar Tage freinehmen. Am Abend fuhren Bernd mit seinem Freund wieder los, es war nicht weit, er war in der Nähe stationiert. Ob Bernd sein Versprechen einhielt, war natürlich nicht sicher, eigentlich konnte man sich auf ihn nicht verlassen. Regelmäßig vergaß er die Geburtstage und tauchte plötzlich auf, wenn man mit ihm am wenigsten rechnete. Meistens hatte er dann auch eine unangenehme Überraschung in seinem Gepäck.
So fuhr er dann auch mit seiner neuen Freundin in Urlaub nach Frankreich. Als er dort alles Geld ausgegeben hatte, wollte er gern wieder zurück, hatte aber kein Geld mehr. Er hatte nicht mal Geld fürs Telefon, und meldete ein R-Gespräch an. Ich schickte ihm 600.-- Mark, damit er heimkommen konnte. Dann sah ich ihn lange Zeit nicht mehr.
Lena kam nach wenigen Tagen wieder zurück, und hatte ihren Freund dabei. Noch mal eine „Frühreife“, dachte ich. Sie nistete sich mit dem jungen Mann oben in der Ferienwohnung ein, und ließ sich kaum blicken. Der Freund war höchstens 18 Jahre alt. Sie kochte jetzt oben und ich war um jeden Tag froh, an dem sie die kleine Küche, in der oberen Wohnung nicht anzündete.
Nach ungefähr zwei Wochen wurde der junge Mann vermisst, und Lenas Vater rief bei mir an. Er wollte Lena bei uns abholen. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich wollte ihn nicht sehen. Vorsichtshalber sagte ich nichts zu Lena, nicht dass sie über Nacht mit ihrem Freund verschwand.
Einen Tag später rief Stefan wieder an und teilte mir mit, dass seine Frau es nicht gern sähe, wenn er Lena bei mir holte. Er wollte Lena ans Telefon. Ich rief Lena, und fasste es nicht, als sie nach zwanzig Minuten kam, war Stefan noch am Telefon.
Am nächsten Tag brachte Lena ihren Freund zu Bahnhof. Sie blieb noch bis zum Ende der Ferien. Meine größte Angst war es, dass Lena schwanger war, wenn sie zurück nach Griechenland kam. Das wäre dort nicht so gut angekommen, in dem kleinem Dorf.
Nun wollte Lena noch einmal auf die Blumeninsel. Weil mir nichts besseres einfiel, planten wir die Fahrt. Martin meinte, ich sollte unbedingt an einem Werktag fahren, weil sonntags dort kein Durchkommen sei, in der Urlaubszeit.
Es sollte ein toller Ausflug werden. Da Hannahs Freundin Ulla schon wieder aus den Ferien zurück war, durfte sie auch mit. Sarah nahmen wir auch mit. Ich hatte ja massenhaft Platz in dem Bus. Tina und der kleine Alex fuhren auch mit. Vor unserer Abfahrt überprüfte ich ob alle Schuhe an hatten. Dann fuhren wir los. Lena hatte das rote Kleid an, was ich ihr gekauft hatte und war dieses Mal ordentlich gekleidet. Mein Mann war nicht dabei, er zog es vor, zur Arbeit zu gehen.
Wir hatten einen schönen Tag. Die Kinder waren vorbildlich und sahen alle hübsch aus. Plötzlich sagte Lena: „Schau mal, alle Mädchen die du dabei hast; haben rote Kleider an.“ Das war mir noch gar nicht aufgefallen, aber sie hatte Recht. Gegen Abend, trafen wir wohlbehalten zu Hause ein.
Ganz besonders hatte es den Nachbarkindern gefallen, denn deren Eltern fuhren ganz selten fort, so ist es eben auf Bauernhöfen. Die Kinder wuchsen idyllisch auf und hatten fast alle Freiheiten, aber Ausflüge machten sie nur mit der Schulklasse.
Nach den Ferien ging Hannah wieder in die Schule. Auch Lena war abgereist, wobei ich mir nicht sicher war, ob sie nach Griechenland, oder zu ihrem Freund fuhr.
Im Anschluss an die Kapellenhöfe, hatte mein Hausbesitzer ein großes Stück Bauland verkauft. Nach den Handwerkerferien rückten Arbeiter an, die mit großen Maschinen baggerten. Wir erkannten gleich, dass hier etwas riesiges gebaut wurde. Die Leute munkelten es sei eine Hochschule mit Forschungszentrum geplant. Dazu auch noch Wohnblocks für die Unterbringung des Personals und der Schüler.
Wenn das stimmte, war es mit unserer Idylle hier oben vorbei.
Hannah freute sich wieder in die Schule zu dürfen, und Helena blieb dem Kindergarten fern. Sarah hingegen ging gern dorthin.
Es wurde Herbst, und der Winter kam kam plötzlich und in der Nacht. Unsere Nachbarn besuchten eine Festlichkeit und kamen nach Mitternacht nach Hause. Bis zu unserm Hof hatten sie die Heimfahrt geschafft, dann ging nichts mehr. Eine große Schneewehe ließ kein Auto mehr durch. Sie klingelten und fragten ob sie ihre Autos bei uns abstellen konnte. Natürlich durften sie das. Ich gab noch eine Lampe mit, und sah durch die Haustür, was der Winter uns angetan hatte.
Im Laufe der Jahre hatte ich mich auf die ungewöhnlich schnellen Wintereinbrüche hier auf dem Berg gewöhnt. Bei uns schneite es immer, bevor unten in den Ortschaften der erste Schnee fiel. Deshalb kam es auch vor, dass wir mit dem ersten Schnee allein kämpften, weil die Räumfahrzeuge noch nicht im Einsatz waren. Ich ging wieder ins Schlafzimmer. Morgen würde mein Mann wohl nicht zur Arbeit können. Das kam fast jedes Jahr einmal vor. Kein Kollege wollte Martin glauben, wenn er anrief: „Wir haben Unmengen Schnee, ich komme nicht durch.“ Heute war mal wieder so ein Tag.
Kaum hatte ich mich wieder hingelegt, da klingelte es schon wieder. Vorahnend sagte ich: „Heute komme ich nicht zum Schlafen“, und zog einen Mantel über. An der Tür froren drei Bauarbeiter, die den Abend im Nachbarweiler ausklingen lassen hatten. Jetzt konnten sie den Berg nicht mehr hinabfahren, das Auto steckte im tiefen Schnee. Die Arbeiter kannte ich von meinem Landgasthaus.
Ich ließ sie in die Küche und einer von ihnen ging ans Telefon. Er verlangte sofort ein Räumfahrzeug. „Ja wir fahren gleich los“, sagte eine Stimme am Telefon. „Gleich“, dauerte fast fünf Stunden. Die Wartezeit auf das Fahrzeug kostete mich meinen Kasten Bier, den ich für meinen Mann im Keller hatte. Die Sache verzögerte sich etwas, weil das Räumfahrzeug steckenblieb und auf ein weiteres warten musste. Danach konnte auch mein Mann zur Arbeit fahren.
Es war das gleiche wie in jedem Jahr, zuerst hatten wir Chaos und dann fast immer freie Straßen. Wir lagen ungefähr 300 Meter höher, wie die Städte, zu denen wir gehörten.
Inzwischen hatten wir in zwei Stockwerken neue Fenster mit Rollläden. Unser Vermieter hielt es für dringend erforderlich, die Pacht schnell zu erhöhen, obwohl wir das Haus von innen auf unsere Kosten renoviert und isoliert hatten. Martin hatte mehr als 10.000 Mark in das Wohnhaus gesteckt. Ich hatte das Bedürfnis, ihm meine Meinung darüber zu sagen. Damit hatte ich wahrscheinlich zu viel gewagt. Er meinte nur: „Den Hof kann ich auch an andere Leute verpachten.“ Ich nahm ihn nicht ernst, denn ich konnte mir nicht denken, dass noch mal ein „Dummer“ hier hinaufzog.
Im Winter hatte ich wieder viel Arbeit, mit dem Geflügel schlachten. Aber ich hatte ja meine beiden Frauen, die einwandfrei und selbstständig arbeiteten. Jedes Jahr hatte ich mehr Kundschaft. Obwohl mein Geflügel teurer war, als im Supermarkt, verkaufte ich alle Tiere. Zehn Perlhühner behielt ich für mich, denn ich dachte an die Kommunion von Hannah. Wenn Bernd nicht kommen würde, dann wollte ich die Perlhühner auf den Tisch bringen.
So feierten wir zuerst Weihnachten und danach fingen wir an die Kommunion zu planen. Hannah schrieb die Einladungen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als die komplette Verwandtschaft einzuladen. Für Hannah nähte ich ein schönes, weißes Kleid. Es war mir gut gelungen und es gefiel uns. Im Februar fing mein Mann an, das Schlafzimmer umzuräumen. Wir zogen in ein anderes Zimmer, und machten aus dem Schlafzimmer eine zweite Stube. Mittags sollten die Gäste unten in der Stube sitzen an dem großen Tisch, den Martin extra für viele Gäste gemacht hatte. Den Kaffee wollten wir im ersten Stock servieren, da hatten wir Sitzgruppen aufgebaut, mit Tischen und Cocktail-Sesseln, die wir noch aus dem Landgasthof hatten. Abendessen sollte es dann wieder unten geben.
Wir hatten alles so geplant, dass wir auch ohne Bernds Hilfe zurecht kamen. Wenn nur der Frühling nicht so lange auf sich warten ließe. Der Schnee war ja schon geschmolzen, aber es war affenkalt und ich machte mir Sorgen um mein Kind. Mit einem dünnen Kleidchen bei der Kälte, mit dem Pfarrer durch die halbe Stadt zu laufen, das war eine Zumutung.
Auch die anderen Kinder hatten den Pfarrer darauf aufmerksam gemacht, dass sie vor Kälte sterben würden. Der Pfarrer antwortete darauf: „Wer am Tag der Kommunion stirbt, kommt gleich in den Himmel.“ Na das war ein schöner Trost!
Ich überlegte, wie ich an ein warmes Kommunion-Kleid kam. Mir schwebte ein Kleid aus Samt vor. Und Martin riet mir, in die nächstgrößere Stadt zu fahren, da gab es eine Kinder-Boutique. Ich nahm Hannah und fuhr nach Saulgau. Dort gab es die schönsten Kleider für festliche Anlässe. Aber was warmes war da auch nicht dabei.
Im Schaufenster trug eine Puppe ein sagenhaftes Kleid, Hannah wollte es gern anprobieren. Die Verkäuferin brachte es ihr, und sie stand vor dem Spiegel und drehte sich um sich von allen Seiten zu bewundern. Es war wirklich ein sehr schönes Kleid.
Nun hatte ich meine Kinder immer zu Bescheidenheit erzogen, und Hannah hätte nie gesagt, dass sie das Kleid wollte. Ich sah es an ihren Augen, die strahlten. „Gefällt dir das Kleid?“ fragte ich, und Hannah meinte es sei ein Traum. Also kaufte ich das Kleid. Die Verkäuferin, dienstbeflissen wollte auch noch das Kränzchen und alles was ein Mädchen zur Kommunion sonst noch braucht, verkaufen. „Nein danke, das haben wir alles“, sagte ich.
Dann fuhren wir mit dem schönen Kleid wieder Richtung Heimat. Hannah fragte mit großen Augen: „Gell Mama, das Kleid war so teuer, jetzt bekomme ich kein Kränzchen mehr?“ „Doch“, beruhigte ich die Kleine, „aber das kaufen wir jetzt da, wo wir auch Eier verkaufen.“ In dem kleinen Laden, wo ich auch das Kleid für Lena gekauft hatte, kauften wir jetzt: ein Kränzchen, ein Täschchen und eine Kerze mit Tropfenfänger.
Dort fragte ich nach einem warmen Jäckchen, denn es war draußen nicht wärmer geworden. Sie hatten nichts mehr, denn auch andere Mütter hatten Angst, dass ihre Töchter erfroren. Eine andere Kundin bekam mein Gespräch mit und meinte: „Klingeln sie bei mir, wenn sie an unserem Haus die Eier bringen, ich glaube ich habe was für sie.“ Ich wusste schon, wo die Frau wohnte, aber wie sie hieß wusste ich nicht.
Wir kamen mit unseren Sachen heim und präsentierten sie stolz. Helmut, der auch wieder mal da war, war ganz euphorisch. Die Hannah würde das schönste Kommunion-Kind sein von allen, behauptete er und deshalb würde er sie, mit seinem Privatauto fahren. Ich wusste gar nicht, dass Helmut ein privates Fahrzeug hatte und schaute ihn staunend an.
„Doch ich habe meinen Mercedes in Konstanz, da habe ich eine Wohnung“, sagte er beiläufig. Er versprach pünktlich am Sonntag hier zu sein, mit seinem Sportwagen, um Hanna zur Kirche abzuholen. Auf die Idee, dass er sein Versprechen nicht hielt, bin ich bei ihm nicht gekommen.
Am Freitagabend traf Bernd mit seinem Freund ein, den wir ja schon kannten.
Sein Freund hatte ein kleines Auto, Bernd machte gerade erst den Führerschein. Jetzt war das Menü gesichert, und ich konnte mich um mein Kind kümmern.
Es war immer noch bitterkalt und ich hatte von der jungen Spanierin, die ich in dem Laden getroffen hatte ein weißes Plüsch-Cape bekommen. Es ging bis in die Taille war schneeweiß und sah richtig edel aus. Hannah musste jetzt nicht mehr erfrieren.
Bernd ging zum Einkaufen, und ich wie jeden Samstag auf den Markt. Ich nahm Hannah mit, sie durfte zum Friseur. Nachmittags musste sie und ihre Freundin Ulla, noch einmal zur Kirche. Generalprobe, hatte der Pfarrer gesagt.
Dann kam Hannah großer Tag. Ich stand früh auf, damit ich meine Tiere versorgt hatte, bis wir alle zur Kirche mussten.
Liebevoll richtete ich Hannah her, sie sah sehr schön aus. Aber das sagten alle Mütter. „Jeder Bauer prahlt seine Butter.“ Ein altes westfälisches Sprichwort, passend und doch unpassend. Mein Kind war keine Butter sie war ein hübsches Mädchen. Ich wartete auf Helmut, er sollte schon längst da sein.
Inzwischen war auch Helena schön angezogen. Es war immer noch kalt aber die Sonne bemühte sich, den Tag gut aussehen zu lassen. Jetzt wurde es höchste Zeit Hannah zur Kirche zu fahren. Meine Nachbarin fuhr gerade mit Ulla vorbei, zu spät um sie anzuhalten. Mein Mann war zu seiner Mutter gefahren, um sie mit in die Kirche zu nehmen.
Gerade wollte ich zu meinem Bus gehen, da kam Bernds Freund und fuhr Hannah den Berg hinab. Ich war sauer auf Helmut. Dann war es an der Zeit, dass ich mich umzog, denn in meinen Stallklamoten konnte ich nicht zur Kirche.
Martin kam mit seiner Mutter auf den Hof gefahren und ich schaute mich noch einmal in der Küche um. „Hau ab“, sagte Bernd, „wir machen das schon.“
Wir fuhren in die Stadt zur Kirche. Das Wetter meinte es gut, und Hannah hatte ihr Cape nicht mehr um. Es war ihr scheinbar warm genug. Der Pfarrer zog mit den Kommunion-Kindern in die Kirche ein. Wir hatten keinen Sitzplatz mehr bekommen, nur meine Schwiegermutter saß irgendwo zwischen fremden Leuten.
Von weiten konnte ich nicht viel erkennen, ich fand alle Kinder sahen gleich gut aus und sie machten alles, wie sie es eingeübt hatten. Es war ein sehr schöner Gottesdienst.Wir warteten vor der Kirche bis Hannah mit ihrer Kerze und ihren übrigen Sachen hinaus kam. Sie hatte nichts vergessen. das Cape trug sie über dem Arm, sie brauchte es nicht mehr.
Schnell eilten wir nach Hause, und die meisten Gäste waren schon angekommen. Die Tische waren herrlich geschmückt, und da ich nichts machen musste, durfte ich auch gleich an der Tafel Platz nehmen. Hannah saß auf der gegenüberliegenden Seite und ich hoffte dringend, dass sie ihr Kleid sauber hielt, denn sie brauchte es noch. Die Verwandten hatten Geschenke mitgebracht, und Hannah machte einen glücklichen Eindruck.
Da ich schon seit längerer Zeit kein Fest mehr veranstaltet hatte, gab es viel zu erzählen. Das Essen war gut, aber niemand wollte die Köche loben. Also ging ich in die Küche um Bernd und seinem Freund ein großes Lob auszusprechen.
Nach dem Essen liefen die Kinder auf den Spielplatz. Den anderen schlug ich vor ein wenig spazieren zu gehen, zum Kaffee sollten sie dann in den ersten Stock kommen. Ich fuhr mit Hannah zum Fotograf, dort hatten wir einen Termin.
Er nahm sich unwahrscheinlich viel Zeit für die Fotos. Als Hintergrund für die Bilder wählte er den Innenraum der Kapelle, die zu unserem Weiler gehörte. Die war ein wahres Prachtstück. Der Fotograf machte unzählige Bilder und ich hatte schon Angst, dass ich die alle bezahlen musste. Ich bemerkte: „Das reicht doch jetzt!“ Der Fotograf versicherte: „Ja schon, aber die Kleine lacht so schön!“
Hannah und ich fuhren wieder heim und waren früh genug zum Kaffee dort. Oma und die übrigen Frauen saßen immer noch in der Stube. Die Männer waren auf dem Hof unterwegs und schauten die Ställe an. Anschließend gingen sie geschlossen zur Großbaustelle, bei der die Arbeiter, nach der Winterpause, ihre Arbeiten wieder aufgenommen hatten.
Zu Oma sagte ich: „Oben ist für Kaffee gedeckt.“ „So, dann müssen wir in eurem Schlafzimmer Kaffee trinken?“ Ich überhörte ihre spitze Bemerkung und sagte nur: „Wir haben in jedem Stockwerk eine Stube.“
In dem Moment kam Helmut vors Haus gefahren. Da ich keine Lust hatte, mir die jetzt sicherlich folgende Bemerkung anzuhören, ging ich hinaus und fuhr Helmut an, um mir Luft zu machen: „Wieso versprechen Sie etwas, was Sie am Ende nicht halten können? Wir haben gewartet, Sie haben alles durcheinander gebracht!“
Es tat ihm leid und die Ausreden wollten kein Ende nehmen. Er hatte das Auto noch waschen müssen, hatte das Geschenk für Hannah nicht abgeholt und so weiter. In meiner Phantasie sah es allerdings so aus: - Er war bei einer seiner Geliebten, wurde vom Ehemann überrascht und sich im Schrank versteckt. Erst als der Ehemann zum Frühschoppen ging, konnte er aus dem Schrank hervorkommen. - Aber wie ich sagte, das war in meiner Phantasie, und die Gedanken sind frei!
Als die Männer in Haus kamen, erregte Helmuts Mercedes allgemeines Aufsehen. So ein tolles Auto wünschten sich ja alle Männer, aber kaufen konnte es niemand. Die Männer gingen gleich nach oben, während die Frauen sich nicht anschickten hinauf zu gehen. Da kam Bernd durch die Stube in jeder Hand eine wunderschöne Torte. Er ging an den Frauen vorbei und sagte nur: „Torte gibt es oben.“ Das hatte Wirkung. Oma und ihre „Getreuen“ rafften sich auf, und gingen die Treppe hinauf. Es gab Kuchen und Torte, für jeden Geschmack das Passende.
Während oben noch der Kuchen seine Abnehmer fand, waren Bernd und sein Freund damit beschäftigt, für das Abendessen die schönsten Platten auf den Tisch zu zaubern.
Ich besichtigte die kleinen Kunstwerke und bemerkte „Das sieht ja fürstlich aus.“ Bernd erwiderte schnippisch: „Hättest du Kaviar genehmigt, wären die Platten königlich!“ Nein, das musste nicht sein, Kaviar passte nicht zu unserem Lebensstil. Die Salate hatte Bernd mit jungen Löwenzahnblättern garniert, das gab allerdings meinen Gästen, Anlass zu unbedachten Äußerungen. „Man merkt schon, dass du hauptsächlich Ziegen zum Füttern hast."
Ich hatte mir vorgenommen, mich über gar nichts aufzuregen. Hannah hatte den halben Nachmittag mit den anderen auf dem Spielplatz gespielt. Natürlich mit ihrem weißen Kleid. Der Hochstand war der Lieblingsort, dort kletterten die Kinder rauf und runter. Auch darüber wollte ich mich nicht aufregen.
Wenn das Kleid kaputt war, musste ich es eben flicken. Denn morgen wollte der Pfarrer mit den Kindern zur Kapelle hinauf wandern, und da sollte sie es wieder anziehen. Bis die letzten Gäste gegangen waren, war es schon spät und ich war froh, dass Helmut meine Arbeit gemacht hatte. Hannah zog ihr Kleid aus und siehe da, es war weder schmutzig noch beschädigt. Wieder ein Grund stolz auf sie zu sein.
Am nächsten Tag wanderten sie mit ihrem Pfarrer zur Kapelle bei uns im Wald. Helena und ich gingen auch dort hinauf, um die Kinder noch einmal zu betrachten. In der Kirche hatte ich ja kaum etwas gesehen. Langsam wurde es wieder kühler und es fing sogar an leicht zu regnen. Ich durfte Hannah und Ulla gleich mitnehmen, die anderen wanderten mit dem Pfarrer wieder zurück.
Ulla und Hannah gehörten auch zur Kirchengemeinde unten im Dorf, da wo der Bäcker und der Kindergarten war. Dort war Kommunion am nächsten Sonntag. Der junge Pfarrer bestand darauf, dass die Kinder vom Kapellenberg bei ihm noch einmal zur Kommunion gingen. Ulla und Hannah hatten also zweimal ihren Festtag.
Dazu hatte ich Tante Helene eingeladen, die immer beim Schlachten half und so nett war. Bernd wollte auch kommen, er hatte frei an dem Wochenende. Also eine Feier im kleinen Kreis. Ohne großen Aufwand, es sollte die Perlhühner geben, die ich für alle Fälle aufbewahrt hatte. Bernd war es recht, behielt sich aber vor, „Die Mahlzeit ein bisschen nett herzurichten.“ Er kam also am Sonntagmorgen und fuhr mit in die Kirche.
Der junge Pfarrer hatte nur sieben Kommunion-Kinder jetzt wusste ich warum ihm unsere Kinder so wichtig waren. Sie bekamen von der Gemeindeschwester Kerzen, die die Schwester selbst gemacht hatte. Es war schon sehr feierlich in der kleinen Gemeinde. Nun hatte der Pfarrer aber im Gemeindeblatt stolz die Namen der Kinder veröffentlicht, und das hatte die Schlachter-Rese gelesen, denn die las alles was umsonst in ihrem Briefkasten landete.
Die Rese saß also in der Kirche direkt hinter uns. Direkt hinter uns blieb sie auch nach dem Gottesdienst. Sie drängte sich förmlich in mein Auto. Bernd sagte: „Lass sie doch, sie will auch mal ein Festessen.“
Wir nahmen Rese mit, und sie fühlte sich, als ob sie dazu gehörte. Sie hatte auch ein Geschenk für Hannah. Schön in Papier gewickelt eine Tafel Marken-Schokolade. Hannah bedankte sich wie immer überschwänglich es sah so aus, als ob sie nichts besseres bekommen hatte.
Zwar wunderte Rese sich, dass wir keine Gäste hatten, sie wusste ja nicht, dass dieses jetzt nur eine Nachfeier war. Jedenfalls meinte sie als sie ging: „Das war doch gut, dass ich gekommen bin, sonst hätte Hannah ja gar nichts geschenkt bekommen.“ Weil Hannah nichts verriet, und nur dankbar lächelte, machte Helena es nicht anders. Später hat sie sicher in der Stadt, von Hannahs armseliger Kommunion erzählt.
Dann gab es Osterferien und nach Ostern war der „Weiße Sonntag“. An diesem Tag hatten die größeren Pfarrbezirke Kommunion. Da mussten wir zur älteren Schwester meines Mannes, denn er war Pate zu den drei Töchtern. Die jüngste war fast so alt wie Hannah und hatte auch Kommunion. Die Feier war in einem Gasthaus.
Wir hielten durch bis zum Abendessen, dann trieb es mich heim, zu meinen Tieren. Am Nachmittag hatte es ein schweres Gewitter gegeben und ich sorgte mich um die Ziegen, die so schutzlos auf der Weide waren.
Wir kamen zu Hause an und ich sah schon von weitem, dass die Ziegen unruhig am Tor auf und ab liefen. Mein erster Gang war auf die Weide. Da lag Schneeweißchen leblos mitten auf der Wiese. Hans, der Zwergziegenbock hatte sich am Zaun eingeklemmt. Er hatte flüchten wollen und war zwischen den Latten steckengeblieben.
Martin, der normal Angst vor Hans hatte, befreite den armen Bock aus seiner bedauernswerten Lage. Seine Männlichkeit, der ganze Stolz des Bockes, war total wund gescheuert. Mein Mann hatte Mitleid mit dem armen Ziegenbock und cremte ihn dick mit Melkfett ein. Ich schwor mir, nie wieder die Tiere allein auf der Weide zu lassen. Am Abend schaufelten wir ein Grab für Schneeweißchen. Wir waren traurig, sie war unsere schönste Ziege.
Das älteste Patenkind meines Mannes hatte im Mai Hochzeit. Angela war ein nettes Mädchen und wir mochten sie. Hannah sollte mit der Schwester der Braut, Schleier tragen und Helena war fürs Blumenstreuen vorgesehen. Zum Schleiertragen trugen die beiden Kusinen ihre Kommunion-Kleider.
Helena probierte das Kleid an, das ich für Hannah zuerst genäht hatte, aber es war zu groß. Da bekam sie von meiner Schwägerin das Kommunion-Kleid der Braut. Die Überraschung war ihr gelungen. Die Braut freute sich als sie Helena in ihrem Kleid sah. Die Hochzeit wurde in der Stadthalle gefeiert.
Ich ging erst nachmittags zur Feier, denn noch einmal sollte meinen Tieren nichts passieren. Bevor ich ging ließ ich die Ziegen in den Stall. Dann fuhr ich auch los. Mit Hannah hatte ich „Laura, Laura Lett“ eingeübt, dass sollte sie nach dem Kaffee vorführen. Wir hatten sogar einen weißen Hut gefunden auf den wir Federn genäht hatten.
Hannah hatte kein Lampenfieber, sie machte ihre Sache sehr schön. Toni, der jüngste Bruder meines Mannes, war so begeistert, dass er es noch einmal sehen wollte. Dieses Mal wurde sie auf dem Klavier begleitet, und es war noch reizender. Nach dem Abendessen ging ich mit meinen Kindern heim, denn die Feier konnte bis in die Nacht dauern.
Unser Haus- und Grundbesitzer kam im Sommer um die neuen Fenster und die frisch renovierten Räume zu bewundern. Vor lauter Freude, dass jetzt alles so schön war, schlug er wieder die Pacht auf. Dieses Mal machte er mich darauf aufmerksam, dass ich ein Jahr Kündigungszeit hatte.
Ich fragte: „Haben Sie eine Ahnung, wie viel Geld wir in das Haus gesteckt haben?“ Der Grundbesitzer antwortete daraufhin schroff: „Das können Sie ja alles mitnehmen!“ Wir hatten alle Zimmer isoliert. Die Flure, das Bad, alles, sogar die Klos. Alles getäfelt oder tapeziert und mein Mann hatte gerade die Kabel für die Nachtspeicherheizung verlegt. Mir sackte durch den Schreck der Kreislauf in den Keller. Ich musste mich hinsetzen.
Zweihundertfünfzig Mark mehr Miete waren schon viel für uns. So riesige Gewinne hatte ich mit meinem Geflügel nun auch nicht. Mein Mann hatte schon das Geld, was er nach dem Tod der Tanten bekommen hatte in dieses Haus gesteckt. Nun war er kurz davor, das Erbe von seinem Onkel für die Nachtspeicher-Heizung in den oberen Stockwerken auszugeben. Mir war schlecht, ich sollte meinen Mann davon abhalten.
Die schöne Zeit hier auf dem Kapellenhof, ich wollte es nicht glauben, schien zu Ende zu gehen. Aber ich hatte ja noch nicht gekündigt.
Den Tag über machte ich nur noch das Notwendigste. Ich hatte lange nicht so auf meinen Mann gewartet, wie an diesem Tag. Der anfangs so freundliche Besitzer konnte sich doch nicht so verändert haben. So richtig wollte Martin nicht glauben was ich ihm erzählte, bis ich ihm die Pachterhöhung zeigte, die mir der nette Grundbesitzer zur Sicherheit schriftlich gegeben hatte.
Die ganze Nacht diskutierten wir und suchten nach einer Lösung. Eine Möglichkeit wäre gewesen öfters an Feriengäste zu vermieten. Aber wir waren etwas weit außerhalb, und das wollten die meisten Feriengäste nicht, die wollten meistens auch ein wenig Luxus. Das gab es nicht bei uns.
Wir kamen zu dem Entschluss uns ein eigenes Haus zu kaufen. Viel Geld hatten wir nicht, aber wir hatten noch einen Bausparvertrag. Da wir Zeit genug hatten, konnten wir in Ruhe danach schauen. Martin sagte: „Mach das mal, du wirst es schon recht machen.“ Das hieß jetzt also, ich sollte kaufen und er verließ sich ganz auf mich. Im Stillen dachte ich: Wenn ich erst mal was gefunden habe, wird er schon mitkommen um es anzusehen.
Zunächst änderte sich bei uns nichts. Als die Zeit kam, in der ich neue Hühner kaufen wollte, da beließ ich es bei meinem Bestand. Sonst hätte ich am Ende noch mehr Hühner zum Schlachten. Wenn mir meine Eier nicht ausreichen würden, war da ja der Nudel-Baron.
Die Kinder merkten nichts von unseren neuen Sorgen, sie waren einfach nur glücklich. So sollte es auch bleiben bis zum letzten Tag.
Hannah durfte wieder ins Zeltlager an den Bodensee. Sie wollte unbedingt Helena mitnehmen. Ich brauchte lange zu erklären, dass Kinder im Vorschulalter nicht ins Ferienlager durften. Wenn sie wieder zurück sei, versprach Tina, wollte sie beide mitnehmen in die Berge.
Zwei Wochen war ich mit Helena tagsüber allein. Außer Sarah, die täglich kam, schienen alle Kinder verreist zu sein. Die beiden Mädchen hatten soviel Phantasie, dass sie immer etwas ganz besonderes spielten. Mal tranken sie Kakao auf dem Kletterturm, ein andermal holten sie die Katzen mit auf die Schaukel. Auch das Spiel- Auto war immer noch beliebt.
Außerdem fingen sie an, kleine Ausflüge zu machen. Dafür packten sie ihre Fahrradkörbe voll mit einer ausgiebigen Wegzehrung. Meistens kam oben in den Korb eine Katze. Sie fuhren dann bis an den Waldrand, wo Herr Reck eine Sitzgruppen gebaut hatte. Dort wurde gepicknickt. Anschließend pflückten sie Blumen und dann kehrten sie wieder um. Die Katzen kamen meistens vor ihnen heim.
Am Sonntag nahmen wir beide Mädchen mit, und besuchten Hannah im Zeltlager. Mein Mann hatte frei und er nahm mir die Fahrt ab. Hannah kannte inzwischen jeden Winkel in dem Zeltlager. Sie durfte auch schon in der Küche helfen. Trotzdem gefiel es ihr dieses Mal nicht so gut. Sie hatte gehofft, Bekannte vom letzten Jahr anzutreffen, aber alle waren fremd und sie hatte keine richtigen Freunde gefunden.
Leider konnte sie noch nicht schwimmen und wurde deshalb ausgelacht. Ich bot ihr an, gleich wieder mit nach Hause zu fahren. Nein, das wollte sie nicht, denn sie machten immer so schöne Sparziergänge und Schnitzeljagd, sie wollte doch bis zum Schluss bleiben. Also fuhren wir wieder ohne sie nach Hause, und versprachen am Samstag früh zu kommen, sie abzuholen.
Jetzt hatte ich wieder etwas versprochen, was ich nicht halten konnte. Samstag morgens war ich immer auf dem Markt. Mein Mann wollte nicht allein fahren, und so kamen wir erst nach dem Mittagessen am Bodensee an. Hannah hatte den ganzen Morgen gewartet. Sie war enttäuscht, dass ich mein Versprechen nicht gehalten hatte. Genau genommen, sie war richtig sauer.
Hinten saß sie mit Helena im Auto und ich hörte, wie Hannah ihre Schwester anfuhr: „Lass mich einfach in Ruhe, ich bin in der Pubertät.“ Da musste sie wohl im Zeltlager etwas aufgeschnappt haben.
Hannah war richtig schlecht gelaunt, zumal Ulla immer noch bei ihrer Tante war. „Gleich gibt es Kuchen“ sagte ich, als wir zu Hause waren. Hannah packte ihren Koffer aus, und wollte sich mit mir nicht unterhalten. Ich nahm sie in den Arm und meinte: „Sei doch nicht so böse, du weißt doch, dass ich samstags auf den Markt muss.“ Sie wollte nicht in den Arm genommen werden, und ich bemerkte: „Dann schmoll weiter!“ Nun glaubte Helena vermitteln zu müssen: „Lass Hannah, sie ist in der Pubalatät.“ Darüber schmunzelte sogar Hannah.
Ich versprach Hannah mich darum zu kümmern, dass sie endlich schwimmen lernte. Aber ich wusste von Tina, dass sie furchtbar ängstlich im Wasser war. Sonst hätte Rainer ihr schon längst das Schwimmen beigebracht. Im Stillen musste ich lachen, Hannah, die vor nichts Angst hatte, und immer bestimmte, was gespielt wurde, die fürchtete sich im Wasser.
Willy, der Sanitäter, hatte zu Hause einen großen Bauernhof mit einem Bauerngarten. Seine Schwester schleppte eimerweise Johannisbeeren an. Noch nie zuvor hatte ich so viel Gelee gekocht. Als ich keine Gläser mehr hatte, machte ich Johannisbeersaft. Das wurde bei uns das absolute Lieblingsgetränk. Die Kinder mochten den lieber als Apfelsaft, den ich ja auch jedes Jahr in Flaschen füllte. Die Schwester von Willy arbeitete im Krankenhaus und war auch bei den Sanitätern. Ich mochte sie richtig gern.
Willy kam ja nicht mehr sooft zu uns. Seit Tina verheiratet war, hatte er eingesehen, dass Tina keine Frau für ihn war.
Hannah wollte nicht, dass Willy traurig war und versprach ihm: „Wenn ich mit der Schule fertig bin, dann heirate ich dich!“ Wann immer er bei uns auftauchte, wurde er von Hannah verwöhnt. Für ihn holte sie sogar Getränke aus dem Keller obwohl sie befürchtete von einer Maus erschreckt zu werden, wenn sie die Treppe hinabstieg. Eines Tages kam Willy kreidebleich und zitternd in unsere Stube.
„Bist du krank?“ Fragte Martin als er ihn sah. Es war immer noch Sommer und nicht kalt in unserer Stube. Weil er aber so zitterte holte ich einen Wolldecke und wickelte ihn darein. Immer wieder machte er den Mund auf und wollte etwas sagen konnte aber nicht schwätzen. „Willy hat einen Schock!“ stellte mein Mann fest, und legte ihn aufs Sofa. Was um Himmelswillen war denn passiert? Wieder wollte er etwas sagen, dann brach er in Tränen aus. Mein Mann sagte: „Lass ihn heulen, dass hilft am besten.“
Hannah wollte ihm auch helfen und fragte: „Soll ich Kaffee für dich kochen?“ Sie glaubte, dass er ja gesagt hatte und setzte sofort Wasser auf. Hannah konnte schon Kaffee kochen, aber ich sah es nicht gern, weil ich immer mit einem Filter aufbrühte. Meine tolle italienische Kaffeemaschine hatte ich leider hergegeben.
Ich hatte nie geglaubt, dass ich so etwas nie wieder kaufen konnte. Seit dem wurde bei mir wieder Kaffee mit Filter gekocht. Hannah war also auf einen Stuhl gestiegen und goss Kaffeewasser in den Filter. Sie war mächtig stolz, dass sie das so gut konnte. Beim zweiten Aufgießen, fiel der Filter um. Ich hatte es kommen gesehen, aber gehofft, dass es nicht passierte. Hannah jammerte und hatte sich das Bein verbrüht.
Willy auf dem Sofa bekam das mit, wie im Traum sprang er auf, ging seinen Erste-Hilfe-Koffer aus dem Auto holen und legte Hannah einen Brandverband an. Jetzt war Willy wieder fast voll da, griff nach der Kaffeekanne und wollte jetzt Kaffee haben.
Nach der ersten Tasse von dem „Muntermacher“, fing Willy an zu erzählen. An der neuen Kreuzung, außerhalb der Stadt hatte es einen schweren Unfall gegeben. Leider war das nicht der erste, die Kreuzung war gefährlich! Die Autos dort hatten immer große Geschwindigkeit und übersahen dann das Stoppschild. Er wurde zum Unfall gerufen und es sah dort furchtbar aus. Lauter junge Leute und fünf Tote. Er musste helfen zwei schwerverletzte in den Hubschrauber zu bringen.
Danach wollte er beim Aufräumen helfen. Die Autos waren nicht zu erkennen, aber plötzlich hatte er eine Wolldecke in der Hand, die immer bei seiner Schwester im Auto lag. Er wusste bei den Verletzten war sie nicht. Danach hätte er sich ins Auto gesetzt und sei zu uns gefahren, denn er wollte seinen Eltern nicht sagen was passiert war. Das sollte die Polizei machen.
Mein Mann überprüfte den Blutdruck bei Willy und gab ihm ein Kreislaufmittel. Wir wollte ihn heimfahren, aber er fühlte sich jetzt wieder stark genug. Jetzt wollte er zu seinen unglücklichen Eltern.
Mit Hannah ging ich am nächsten Morgen zum Arzt. Der verschrieb ihr eine gute Salbe und sagte: „Du bist noch mal mit dem Leben davon gekommen.“ Hannah und ich konnte über den Witz nicht lachen.
Die Schulferien waren zu Ende und wir kamen wieder auf andere Gedanken, besonders Hannah.
Sie saß dauernd vor dem Spiegel, und zupfte an ihren Augenbrauen herum. Nun kann man heranwachsenden Mädchen ja nicht alles verbieten. Ich war der Überzeugung, dass sie bald damit aufhören würde. Darum ging ich an meine Arbeiten und als ich danach das Abendessen machte, war Hannah schon im Bett. Helena behauptete: „Hannah muss morgen früh zur Schule, da muss sie ausgeschlafen sein.“ Besorgt fragte ich: „Ohne Abendessen? Hoffentlich ist sie nicht krank!“
Als ich schlafen ging, schaute ich noch einmal ins Kinderzimmer, die Mädchen schliefen. Es schien alles in bester Ordnung.
Morgens kam ich in die Küche, um den Kindern das Frühstück zu machen. Hannah war still und saß am Tisch, während Helena immer neben mir herlief, und mich gespannt ansah. Ich kam mit dem Kakao ins Esszimmer und mir fielen fast die Tassen aus der Hand. Da saß Hannah und war völlig entstellt. Sie hatte um die Augen gar nichts mehr, keine Wimpern und keine Augenbrauen. Als ich sie so entsetzt ansah fing sie an zu weinen.
Ich schrieb eine Entschuldigung für die Schule, Hannah sollte sich beruhigen. Was hatte sie denn nur dazu getrieben? „Die Mädchen im Zeltlager haben auch gezupft!“, klagte Hannah. Völlig ratlos überlegte ich, was ich mit ihr machen sollte.
Frau Herzig, bei der ich mal als Kindermädchen gearbeitet hatte, erzählte mir von einem Kindermädchen, die als Kind ihre Augenbrauen gezupft hatte. Bei ihr waren sie nie wieder nachgewachsen, sie hatte immer „gemalt“, wie Fritzchen mir damals berichtet hatte.
Hoffentlich passierte das Hannah nicht. Sie war ganz unglücklich und wäre so gern in die Schule gegangen, aber sie traute sich nicht aus dem Haus. Ulla brachte ihr die neuen Schulbücher und wir musste Umschläge darum machen. Wir machten das ganz liebevoll und Hannah fing gleich an, das neue Lesebuch durch zuschauen. Fast hatte sie ihr Elend schon vergessen, da kam Martin. Er schaute Hannah an und dazu fiel ihm dann nichts besseres ein als: „Das ist Selbstverstümmelung, damit habe ich jeden Tag im Krankenhaus zu tun.“
Hannah war schon wieder am heulen: „Bin ich jetzt bekloppt? Komme ich jetzt ins Irrenhaus?“ Ich nahm meine Hannah auf den Schoß und sang erst einmal „Heile heile Gänschen.“ Dazu ein mitleidsvoller Gesichtsausdruck, das half, und Hannah strahlte wieder. „Schau“, erklärte ich Hannah, „solange kein Blut fließt, bei der Selbstverstümmelung, kommst du nicht ins Irrenhaus.“
Helena nutzte die Zeit, in der ich mich um ihre Schwester kümmerte, allen Nachbarn zu erzählen, dass Hannah krank war. „Sie ist in der Pubalatät“, verkündete sie ernsthaft. Sarah war ganz beeindruckt davon, und ließ sich das von ihrer großen Schwester erklären.
Die wiederum nahm es etwas zu genau und glaubte, Sarah aufklären zu müssen. Viel konnte die Kleine mit den Ausführungen der Schwester nicht anfangen, fand es aber sehr wichtig, uns allen mitzuteilen, dass ihr Papa einen „Sexy-Boy“ hatte. Natürlich bereitete die Nachricht in unserem Weiler allgemeines Erstaunen und große Freude. Sarah kam sich jetzt ganz wichtig vor und ging singend die Straße hinauf und hinunter und sang: „Mein Papa hat einen Sexy Boy.“
Wie es so bei Kindern ist, war am nächsten Tag alles vergessen. Sarah erwähnte es jetzt nur noch auf Nachfrage, und wir fragten hin und wieder nach.
Ich hatte im Bad ein wenig „Make up“. Es war schon ziemlich vertrocknet, aber ich benutzte es nie. Das hatte ich mal gekauft, damit ich es hatte, und als ich es hatte, habe ich es nicht gebraucht. Nun durfte Hannah den Lidstrich üben und an den Brauen ein wenig malen. Am vierten Tag ging sie freiwillig wieder in die Schule, auch unbemalt. Entweder hatten wir uns an den Anblick gewöhnt, oder wuchsen die Härchen schon wieder nach.
Sie brachte eine Zettel für den Schwimmunterricht, den sie in diesem Jahr haben sollten. Von den „Nichtschwimmer-Kindern“ sollte immer eine Mutter dabei sein, sonst durften die Kinder nicht mit. Da gab es keine Frage, ich war die einzige die mitfahren musste, denn die anderen Mütter waren berufstätig. Es waren aber nur drei Kinder, die nicht schwimmen konnten.
Der Lehrer kümmerte sich ausschließlich um die Kinder, die schon schwimmen konnten. Für die anderen hatte er keine Zeit, sagte er. Uns wurde ein Stück abgesperrt wo wir nicht hinaus durften. Hannah war das schwierigste der drei Nichtschwimmer-Kinder. Sobald ihr das Wasser höher als die Hüfte stand, fing sie an zu schreien. Ich hätte sie ohrfeigen können.
Zuerst bemühte ich mich um einem kleinen Jungen. Hannah sah, wie ich in festhielt und er keine Angst hatte. Ich fragte den Lehrer nach Schwimmhilfen, aber er wollte davon nichts wissen. Beim dritten Besuch im Hallenbad, war Hannah ganz mutig und ließ sich von mir festhalten bei den Übungen. Der Junge übte jetzt schon allein, und die Mädchen gaben sich Mühe.
Nach einigen Wochen war der Schwimmunterricht vorbei und es wurde wieder geturnt in der Sporthalle. Hannah konnte jetzt für den Hausgebrauch schwimmen und nächstes Jahr mit Tina an den Badesee gehen. Dort wollte sie dann weiter üben. Helena konnte schon schwimmen, sie hatte es von Tina gelernt.
Im Gemeindeblatt las ich eine Anzeige über den Verkauf eines kleines Hauses für 100.000.-- Mark. Der Kontaktmann war ein Angestellter der Bank, den ich gut kannte, er und Bernd hatten früher miteinander gespielt, als wir noch den Gasthof hatten. Beim Holzhacken hatte er unserem Bernd ein Stück vom Daumen abgehackt.
Ich rief gleich bei ihm an und erfuhr um welches Haus es sich handelte. Es war ganz in der Nähe meiner Schwiegermutter und etwa um 1900 von einem Maurermeister gebaut worden. Sobald er einen Besichtigungstermin hatte, wollten wir es uns ansehen.
Abends erzählte ich meinem Mann davon. „Ja“, sagte er, „kauf das mal.“ Erstaunt fragte ich: „Willst du denn nicht mitkommen?“ Martin darauf: „Ein Maurer wird sein eigenes Haus schon ordentlich gebaut haben! Ich kenne das Haus, es ist klein, wir werden ein Stück anbauen, dann ist es ganz gut.“
Mit der Antwort war ich nicht zufrieden, aber er wollte einfach nicht mit. Helmut war wieder einmal da und ich bat ihn, meinen Mann zu überreden, doch mitzugehen. Den Vorschlag, dass ich mit Helmut gehen sollte, fand ich dumm.
„Ich werde dann lieber allein gehen. Die Frau, die darin wohnt, wird die schlimmsten Märchen erzählen, wenn ich mit Helmut dort aufkreuze!“ Warf ich meinem Mann vor, denn ich kannte die Frau, die hatte bei mir im Landgasthof einmal Fenster geputzt.
Der Bankangestellte rief mich an, als die Frau erlaubte, das Haus zu besichtigen. Von Helmut bekam ich wichtige Tipps. Den Dachstuhl sollte ich genau ansehen. Das Holz durfte nicht morsch sein. Die vielen Ratschläge konnte ich mir gar nicht alle merken. Auf gar keinem Fall sollte ich gleich zusagen, denn den Preis konnte man immer noch drücken, behauptete Helmut.
Nun bin ich eigentlich der Typ, der bezahlt was es kostet, aber es reizte mich schon den Preis vielleicht von 100.000.-- Mark auf 80.000 Mark herab zu handeln. So viel Geld würde ich nie wieder verdienen können. Also hatte ich einen Vorsatz mit dem ging ich los, das Haus anzusehen.
Die Frau war zunächst entsetzt als sie mich sah. „Sie wollen das Haus kaufen?“, fuhr sie mich an. Freundlich sagte ich: „Wenn Sie es kaufen wollen, dann nicht.“ Nun half sie mir unfreiwillig bei meinen Bemühungen, viel Geld zu verdienen. „Die Bruchbude würde ich nie kaufen!“, fing sie an zu schimpfen. Sie zeigte die alten Fenster, da zog der Wind durch.
Die Küche sei immer feucht behauptete sie, und zeigte ihr Besteck im Küchenschrank, das in der Schublade rostete. Kein Wunder, sie hatte den Herd voll eingeheizt, der Wasserdampf floss an den Fensterscheiben herunter. Ich dachte: Lüften wäre gut, und sagte: „Da haben Sie recht, dem Haus fehlt die Isolierung.“ Im Kinderzimmer hatte sie den Holzwurm im Fußboden. Der war aber trocken. Sie meinte: „Der Fußboden ist faul und bricht fast ein.
Als wir die Treppe hinaufgingen, fühlte ich die Wand ab. Der Putz bröckelte, war aber sonst trocken. Ich besaß die Frechheit und behauptete: „Die Wand hat Salpeter.“ Mein Begleiter von der Bank hatte keine Ahnung, er gab mir Recht. Und notierte die Mängel auf einem Block. Das Dach war trocken und die Hölzer gesund. Das Zimmer was dort ausgebaut war, kam mir vor wie ein Stall. Ich bemängelte das, dazu konnte man nicht Zimmer sagen. Also hatte das Haus nur drei Zimmer, eine Küche, die nass war kein Bad, und das Klo war angebaut.
Abschließend sagte ich: „Wenn ich das Haus kaufe, kann ich nicht mehr als 80.000 Mark bezahlen, denn es muss total renoviert werden. Stolz präsentierte sie zum Schluss die Garage. Eine Wellblechhütte, die nicht nur baufällig war, sie hatte die auch noch an die Nachbarin vermietet.
Daheim berichtete ich, was ich gesehen hatte. Ich nahm einen Bogen Papier und malte die Räumlichkeiten auf. Die Treppe war mir viel zu steil, heute wollte ich mich auf keinem Fall entscheiden müssen.
Die nächsten Tage machte ich meine Arbeiten und wollte von dem Hauskauf nichts wissen. Die Kinder hatten noch keine Ahnung. Mein Mann träumte schon davon, das Haus zu renovieren, denn wir hatten Zeit genug. Ich sollte der Frau die Wohnung kündigen und wenn die bis zum neuen Jahr auszöge, hätten wir ein Jahr lang Zeit. Das reichte gut bis wir hier ausziehen mussten.
Mein Mann war voller Schaffensdrang und konnte es nicht erwarten, bis ich das Haus kaufte und der Mieterin wegen Eigenbedarf kündigte.
Dann kam der Anruf von der Bank, wir konnten das Haus für 80.000 Mark kaufen. Mein Mann war zufrieden und wir machten einen Termin beim Notar aus, zu dem sogar mein Mann bereitwillig mitging.
Helmut schrieb die Kündigung für die Mieterin, und ich schickte sie ihr per Einschreiben. Ich hatte Arbeit genug, denn nun musste ich anfangen das Weihnachtsgeflügel zu schlachten.
Da ich jetzt sparen musste, schlachtete ich die ersten Tiere ohne fremde Hilfe. Tina kam einen Tag lang. Obwohl sie in den nächsten Tagen ihr zweites Kind erwartete. Hannah war wieder ganz die Alte und half kräftig mit. Dann holte ich Tante Helene, die kam immer gern.
Tina bekam wenige Tage später einen Jungen, er hieß Tommy.
Tante Helene und ich wurden bis Weihnachten fertig. Und es ging wie jedes Jahr turbulent zu, bis jeder seinen bestellten Vogel bekommen hatte. Dann freuten wir uns auf das Weihnachtsfest.
Die Geschenke fielen nicht so überragend aus, aber meine Kinder konnten sich auch über kleine Geschenke freuen. Das Weihnachtsfest über waren wir allein. An einem der Feiertage besuchten wir die Oma. Sie erzählte uns, dass sie im Frühling ihren 70. Geburtstag feiern wollte, zu dem sie alle Verwandten eingeladen hatte.
In einem Gasthaus in der Stadt sollte das Fest stattfinden. Hannah fragte mich: „Sollen wir nicht wieder etwas aufführen?“ Ich versprach ihnen mir etwas passendes auszudenken, und ich hatte schon eine Idee. Aber im Augenblick den Kopf voll mit anderen Sorgen.
Der Winter meinte es wieder gut mit uns, und ich holte jede Woche einmal von unserem Rosenkohl. Das mochten bei uns alle. Deshalb war der Rosenkohl ein fester Bestandteil zu unserem Sonntagsessen.
Die Kinder vom Forsthaus streiften zur Zeit wieder jeden Sonntag durch unseren Weiler. So kam es, dass sie eines Sonntags wieder an unserem Tisch landeten. Ich schöpfte für Hannah und Helena und den beiden fremden Kindern. Gerade fingen wir an zu essen, da schrie der kleine: "Iiiiihhh Rosenkohl, das mag ich nicht!!" Das waren wir nicht gewohnt, meine Kinder aßen, was ich gekocht hatte. Mein Mann sagte ärgerlich: "Wenn euch nicht schmeckt, was es bei uns zum Essen gibt, dann verschwindet, es hat euch niemand gerufen!"
Plötzlich konnten sie ihre Teller leer essen. Nach dem Essen schlichen sie zum Haus hinaus. Die würden sicher nicht mehr zum Essen zu uns kommen.
Wir hatten die Kündigung an den Grundbesitzer noch nicht weggeschickt. Das machte ich gleich nach Weihnachten. Da bekamen wir auch Post von unserer Mieterin. Sie ließ uns durch den Mieterverein mitteilen, dass sie Sonderkündigungsrecht hatte, da sie schon 30 Jahre in dem Haus wohnte. Sie wollte zwar eine Wohnung suchen, es könnte aber ein Jahr dauern, bis sie das richtige gefunden hätte. Ich schrieb ihr zurück, es sei ganz gleich, wie lange sie noch in der Wohnung bliebe, wir würden aber im Februar anfangen das Haus umzubauen. Wir dachten, jetzt würde sie sich mit dem Auszug beeilen.
Nach Weihnachten besuchte Bernd uns, er brachte seine Frau mit, denn er hatte inzwischen geheiratet. Wir waren ein wenig überrascht, aber sie war ja ganz nett und hübsch, aber ich konnte mit ihr nicht warm werden. Das musste ich auch nicht, denn es dauerte nicht lange, da war er wieder geschieden. Im Betrieb seines Schwiegervaters hatte er zwar fleißig geholfen, aber er hatte auch ganz schnell, viel zu viel Geld ausgegeben. Das kam bei seiner neuen Familie nicht so gut an.
Hannahs Augenwimpern waren wieder so schön wie vorher, und ihre Augenbrauen auch. Für die Kinder war die Welt wieder in Ordnung. Für uns jedoch überhaupt nicht. Der Grundbesitzer bestätigte unsere Kündigung mit dem, im Schriftverkehr üblichem „Bedauern“. Und unsere Mieterin scheute keine Kosten und Mühe uns durch einen Rechtsanwalt mitzuteilen, dass sie Umbauarbeiten nicht erdulden musste. Die Miete die sie monatlich überwies, war so gut wie in die Hand gespuckt. Sie zahlte 200.-- Mark.
Da wir jetzt nichts als Unkosten hatten mit unserem Haus, suchte ich mir eine Arbeitsstelle. Ich fand eine Stelle in einem Bauernmuseum, nicht weit von uns. Das wurde gerade neu eröffnet und wir waren zu zweit, die sich die Arbeit teilen mussten. Mein Kollege war ein sehr netter alter Herr und wir verstanden uns bestens. Also teilten wir unseren Dienst so ein, dass jeder eine Woche arbeitete und danach eine Woche frei hatte.
Das war machbar, denn meine Eierkundschaft besuchte ich jetzt alle 2 Wochen. Auf den Markt fuhr ich nur noch jeden 2. Samstag. Das pendelte sich gut ein. Wer trotzdem Eier wollte, der kam zu uns auf den Hof, da war nachmittags immer jemand da. Hannah, kam sehr gut klar, wenn sie mittags von der Schule kam. Auch das mit den Schülerfahrten ließ sich einwandfrei regeln.
Helena hätte ich gern wieder in den Kindergarten gebracht, aber ich konnte sie nicht überreden. Also nahm ich sie mit zur Arbeit. Die Arbeit dort bestand vorerst sowieso nur aus Einräumen und Aufräumen, denn es war neu eröffnet und hatte vorerst nur drei Häuser. Die Geschichte der drei Häuser lernte ich auswendig, damit ich den Besuchern das erklären konnte.
Helena gefiel es gut im Museum, und sie konnte auf dem großen Gelände wunderbar spielen. Ab und zu nahmen wir ein paar Ziegen mit, um etwas Leben auf den Hof zu bringen. Das gefiel den Besuchern.
Nun hatte ich Arbeit genug und das Geld reichte gut, für unsere zusätzlichen Unkosten.
Da bekam ich eines abends einen Anruf aus Ulm, von der Bahnhofsmission. „Hier ist eine junge Familie, ein Mann, eine Frau und ein Baby, die wollen zu Ihnen, zur Weiterfahrt fehlt ihnen aber das nötige Geld.“ Sie gab mir den jungen Mann ans Telefon, und es war Heinz.
Ich war in diesem Augenblick nur froh, dass es nicht Lena war. Nun beratschlagte ich am Telefon, wie Heinz zu einer Fahrkarte kommen konnte. Schließlich legte die Bahnhofsmission das Geld aus, und ich sollte es am Bahnhof dem Zugführer geben. Immer diese überfallartigen Besuche, dachte ich, und war schon wieder schlecht gelaunt. Das Geld musste ich förmlich zusammenkratzen, denn ich hatte nicht immer reichlich Geld im Haus.
So fuhr ich zum Bahnhof, um Heinz mit seiner Frau und dem Kind freizukaufen. Zwei Schaffner bewachten die beiden, damit sie nicht ohne zu zahlen weglaufen konnten. Erst als der Zugführer sein Geld bekommen hatte, durfte ich Heinz mit Anhang mitnehmen. Heinz hatte zwei Taschen und Gitta, seine Frau trug das Baby auf dem Arm. Heinz fühlte sich sofort wieder zu Hause. Ich war nicht glücklich darüber, dass er so früh eine Familie gegründet hatte.
Er arbeitete wieder in meinen Stallungen und Gitta, beschäftigte sich vorwiegend damit, Zahnschmerzen zu haben. Sie jammerte an jeden Tag mehr, bis ich dem ein Ende machte, und mit ihr einen Zahnarzt aufsuchte. Das war höchste Zeit, denn der Zahn war nicht nur faul, die Wurzel war total vereitert.
Gitta hatte keine Versicherung und der Arzt gab ihr eine Spritze, die scheinbar wegen der Vereiterung gar nicht helfen wollte. Gitta schrie wie am Spieß. Meine Kinder machten beim Zahnarzt kein solches Geschrei. Schließlich war der „Bösewicht“ draußen, und der Arzt schob mir die Rechnung zu. Jetzt war mir auch nicht mehr zum Lachen.
Natürlich wollte Heinz sehen wohin ich zur Arbeit ging. Ich nahm ihn, seine Gitta und das Baby mit. Ausgerechnet an diesem Tag kam der Direktor, um zu kontrollieren wie weit wir mit dem Einrichten gekommen waren. Mir war es peinlich, eine ganze Familie dabei zu haben zumal sie offensichtlich nicht einmal deutsch konnten. Auf der Heimfahrt zeigte ich Heinz unser Haus von außen, denn zur Besichtigung hätte ich mich anmelden müssen. Er versprach: „Im nächsten Jahr wollte er wieder kommen und helfen das Haus umzubauen.
Langsam baute ich zu Gitta ein freundschaftliches Verhältnis auf. Wir besaßen eine Heimorgel und Gitta liebte es, wenn ich darauf spielte. Ich konnte nur wenige Stücke und wir sangen dazu. Gitta gefiel eines besonders gut. Sie wollte es immer wieder hören, es war: Wunderbares Mädchen, Käthchen oder Gretchen. Ich musste es ihr auf griechisch übersetzen.
Auf dem Dachboden hatte ich immer noch den Kinderwagen von Helena. Den hatte ich herabgeholt. Da konnte Gitta ihre kleine Annie hineinlegen. „Den schenke ich dir, den darfst du behalten.“ Nun glaubte ich, sie würde sich darüber freuen, aber da täuschte ich mich. Die Farbe gefiel ihr nicht! Der Wagen war hellflieder-farbig und hatte mir gut gefallen. Nein, sie wollte den ganzen Kinderwagen mit dunkelblauem Cordstoff bezogen haben.
In meiner freien Woche, arbeitete ich tagelang daran den Wagen zu beziehen. So etwas hatte ich noch nie gemacht. Ich arbeite lustlos, und das konnte ja nicht gut werden. Wenn mein Kinderwagen schäbig gewesen wäre, hätte ich ihr sicher einen neuen gekauft, aber er war wirklich gut und immer noch modern.
Gitta gab sich viel Mühe, mir hin und wieder eine Freude zu machen. So kochte sie wenn sie merkte, dass ich keine Zeit hatte. Eines Tages fing das Fett in der Pfanne Feuer. Blitzschnell schlugen die Flammen in die Höhe und entzündeten meine Küchenvorhänge.
Gitta war vor Schreck ganz steif, und Hannah und ich löschten das Feuer. Nachdem wir die Sauerei aufgeputzt hatten, erwartete Gitta eine Strafpredigt. Um so mehr war sie erstaunt, dass diese ausblieb. Warum sollte ich schimpfen? Sie hatte es ja nicht mit Absicht gemacht, und Vorhänge konnte ich neue machen.
Heinz hatte inzwischen einen Führerschein und so beschloss ich, ihm meinen alten VW-Variant zu schenken. Mit Helmut gemeinsam brachte er das Auto auf Hochglanz. Er freute sich wahnsinnig über mein Geschenk und gedachte, damit zurück nach Griechenland zu fahren. Im Gegenteil zu seiner Frau, gefiel ihm mein Geschenk so, wie es war.
Helmut brachte das Auto zur Generaluntersuchung und kam zurück mit einer rote Nummer. Damit fuhren wir dann zum Zoll nach Ulm. Wir kauften ein Zoll-Kennzeichen und ich bezahlte alles auch die Zollgebühren. Uns wurde versichert, dass er mit dem Auto direkt in Griechenland einreisen konnte. Das ganze kostete für mich 500.-- Mark. Für das Auto selbst hatte ich 300.-- Mark bezahlt und hatte es ein halbes Jahr gefahren.
Eine Woche später beluden wir das Auto mit manchen Sachen, die das junge Paar gut gebrauchen konnten. Dann gab ich ihm Geld für Benzin und die Reise, und er fuhr mit seiner Gitta und Klein-Annie wieder fort.
Ich war froh, als sich der normale Alltag bei uns wieder eingeschlichen hatte. Am dritten Tag rief Heinz von der griechischen Grenze an: „Kannst du mir 10.000.-- Mark schicken, das wollen die hier Zoll für das Auto.“ Nun war bei mir das Maß voll. Da sollte ich 10.000.-- Mark Zoll zahlen, für ein Auto, das keine 1.000.-- Mark Wert war! Meine Empörung darüber war so groß, dass ich beim Konsulat anrief. Dort bekam ich folgende Auskunft: „Es ist egal wie viel das Auto Wert hat, wenn der Zoll 10.000.-- Mark verlangt müssen Sie das bezahlen. In Griechenland wird das Auto anders eingeschätzt als in Deutschland.“
Wer auch immer daran verdienen wollte, mit mir nicht! Als Heinz eine Stunde später wieder anrief, riet ich ihm, dass Auto an der Grenze stehen zu lassen, und mit dem Zug in sein Dorf zu fahren. Was er nun wirklich machte, erfuhr ich nicht, denn es dauerte mehrere Jahre, bis ich ihn wiedersah.
Längst war es Frühling geworden, und wir bekamen noch einmal Feriengäste. Ein junger Physik-Professor, seine hübsche Frau und ein Kleinkind. Der Professor spielte fast den ganzen Tag lang mit seinem Kind auf dem Spielplatz. Meistens war auch Helena dabei. Da er aus der Großstadt kam, gefiel es ihm sehr gut bei uns. Täglich machten sie einen Sparziergang in den Wald. Im nächsten Jahr wäre er gern wieder gekommen, aber ich musste ihm leider sagen, dass wir hier nicht bleiben konnten.
Als sein Urlaub um war, wollte er von den jungen Katzen eine kaufen. Ich lachte, Katzen hatte ich genug: „Fragen Sie Helena, ihr gehören die Katzen“, riet ich ihm. Helena suchte das schönste Kätzchen aus und sagte zur Katze: „Wenn es dir in der großen Stadt nicht gefällt, kannst du wieder zurück kommen!“ Der Professor gab Helena etwas für die Katze. „Das Geld stecke ich in mein Sparschwein, davon kaufe ich mir später eine neue Katze“, sagte Helena zuversichtlich. -Mir fielen die Worte wieder ein, als Helena 18 Jahre später, in ihre erste eigene Wohnung 2 kleine Katzen brachte.-
Martins jüngste Schwester war mit einem Bauingenieur verheiratet. Mit ihm machten wir die Umbauplanung. Wir hatten vor, das Haus um 4 Meter zu verlängern. Da wo jetzt die Küche war, sollte ein Bad hinein. Und die Küche wollten wir in den Raum daneben, in dem der Fußboden Holzwurm hatte. Das angebaute Klohäuschen wollten wir zum Hauseingang machen, und den alten Hauseingang, direkt an der Straße, den konnten wir dann zumauern.
Oben planten wir drei Schlafzimmer. Treppe und Fenster brauchten wir auch neu, nur die Verzierungen außen an den Fenstern wollten wir unbedingt erhalten. Zwei große Dachgauben sollte für genügend Licht im Obergeschoss sorgen. Als wir alles genau besprochen hatte, machte mein Schwager die Baupläne und das Baugesuch. Er kassierte von uns die Unkosten und ich gab ihm einmal etwas Geld für die Arbeit, was natürlich viel zu wenig war.
Wir reichten das Baugesuch ein obwohl unsere Mieterin uns angedroht hatte, in diesem Jahr nicht mehr auszuziehen, vielleicht im nächsten Jahr, aber nicht sicher. Sie wusste genau, dass wir bis zum 1. Januar ausgezogen sein mussten, und sie wollte uns auf der Straße stehen sehen.
Da es schon März war, wurde es Zeit, an Omas Geburtstagsfeier zu denken. Hannah und Helena wollten doch gern etwas aufführen. Damit waren wir natürlich, wie immer die einzigen. Also entschloss ich mich für ein Singspiel. Denn Singen konnten meine Mädchen. Dazu musste ich aber zuerst einen passenden Text machen. Die Melodie war das kleinste Übel, die war bekannt. Aber ein Loblied auf die Oma zu reimen, fiel mir schon sehr schwer.
Dieses Singspiel hatte ich früher schon aufgeführt und viel Lob dafür bekommen. Später übte ich es bei jeder Schulfeier ein, mit Tina und Bernd. Es war immer ein Hit. Die Kinder, die das Lied vortrugen stellten sich hinter einer Decke auf, welche von zwei anderen Kindern in Brusthöhe gehalten wurde. An den Händen trugen die Kinder Socken und Schuhe. Wenn dann der Refrain kam: „Tara die bums juche, die Beine in die Höh, es ist so wunderschön mal auf dem Kopf zu stehn.“, mussten die Kinder sich ducken und die Arme mit den Schuhen hochhalten.
Damit es gut wirkte, sollte das Lied mindestens vier Strophen haben. Bei der letzten Aktion ließ man dann die Decke fallen. Dann hatte man normaler Weise die Lacher auf seiner Seite. - Normalerweise, wie gesagt.
Nach tagelangen Mühen gelang es mir vier Verse zu der Melodie zu reimen, voll des Lobes für die nun Siebzigjährige. Als dann der große Festtag der Schwiegermutter kam, versammelte sich die ganze Verwandtschaft in dem kleinen Nebenzimmer der Wirtschaft.
Zwischen dem gutbürgerlichem Mittagessen und dem Kaffee, sollten die Kinder „auftreten“. Die beiden Kinder meiner Schwägerin hielten die Wolldecke. Meine Schwägerin, die stolz war, dass ihre Kinder auch dabei waren, bat um etwas Aufmerksamkeit. Hannah und Helena zogen gestrickte Socken über die Hände und darüber die Schuhe und legten los.
Oma und ihre Gesprächspartner fühlten sich in ihrer Unterhaltung gestört, und begannen nun lauter zu reden. Von Zuhören keine Spur. Nur die gestrickten Socken störten sie an einem Festtag, trug man doch so was nicht. Als die Kinder geendet hatten, waren alle heilfroh nicht mehr unterbrochen zu werden. Hannah Helena und die beiden Kusinen waren enttäuscht. Aber der Wirtin hatte es gefallen. Sie hatte an der Tür zugesehen. Von ihr bekamen die Kinder ein extra Eis.
Als Tina und Rainer mit ihren Kindern aufbrachen, nutzte ich die Gelegenheit mit Hannah und Helena zu verschwinden. Martin hielt noch eine Weile durch. Nach dem Abendessen kam er auch nach Hause. Wir nahmen uns wieder einmal vor, bei der nächsten Feier nicht dabei zu sein.
Mein Mann kümmerte sich derweil bei der Krankenhausverwaltung, um eine Betriebswohnung für den Übergang. Die Verwaltung war dabei betriebseigene Wohnhäuser zu verkaufen. Da hatten wir die Möglichkeit vorübergehend eine Beamtenwohnung zu bekommen. Die Wohnung war sehr groß und sollte im Oktober frei werden.
Mit lauter Sorgen, grübeln und planen, waren wir schon mitten im Ostergeschäft. Hannah kam mit einem tollen Zeugnis nach Hause und der Empfehlung das Gymnasium zu besuchen. Das würde ich ganz sicher nicht wollen, denn ich befürchtete, dass sie dann wieder in der Schule hängen blieb. Ich wollte sie aber auf gar keinem Fall überfordern. Wenigstens in diesem Jahr noch nicht, denn wir hatten ja den Umzug vor uns, und dann musste sie auf eine andere Schule.
Da machte ich wieder einen großen Fehler, der mir heute noch leid tut.
Um Ostern herrschte das übliche Eier-Chaos und mein Nudel-Baron half mir kräftig aus. Seine Nudel-Macherinnen freuten sich über den Sonderurlaub. Ihm war es gleich wie er seine Eier zu Geld machte.
Nun begann ich jede Woche, in der ich nicht zur Arbeit musste, ein paar Hühner zu schlachten. Die nahm ich mit auf den Markt. Irgendwo musste ich ja anfangen meinen Tierbestand aufzulösen. Die Ziegenkitz hatte ich alle an den Metzger verkauft, und die Ponys an den Pferdehändler. Ich fragte nicht wohin er sie bringen wollte, denn sie taugten beide nicht zum Reiten.
Martin konnte den Zaun an der Pferdeweide jetzt abbauen. Für den fünfeckigen Unterstand fand er einen Käufer, dem gefiel das Häuschen so gut, dass er es seinen Kindern als Spielhaus geben wollte.
Eines Tages zog ich meinen Kinder die gleichen Kleider an, frisierte sie liebevoll und ging mit ihnen zur Schulanmeldung. Helena sollte eingeschult werden, und Hannah musste ich umschulen. Nach den Sommerferien sollten sie in die Schule gehen, wo wir das Haus gekauft hatten. Ich fand, das neue Schuljahr war der beste Zeitpunkt. Zwar musste ich die Kinder morgens durch den Wald und den nächsten Weiler fahren, aber wir würden das hinbekommen.
Die Einschulung verlief problemlos, der Rektor, der Hannah so geärgert hatte, war nicht mehr im Dienst. Der neue Rektor war weit unkomplizierter. Er sagte als wir gingen: „Dann freue ich mich, wenn die Mädchen in unsere Schule kommen.“
Die Baustelle, fünf Minuten von uns entfernt, war schon fast fertig. Es waren mehrere Hallen und zwei Wohnblocks. Bis zum Herbst würden sie sicherlich einziehen. Dann war es aus mit der Ruhe hier auf dem Kapellenberg. Aber das sollte uns egal sein, denn wir konnten ja nicht hier bleiben.
Mein Mann und ich fuhren mit dem Traktor und dem Gummiwagen in den Wald, um unseren Stangenteil aufzuräumen, den wir gekauft hatten. Das Holz hatten wir schon lange geholt, wir mussten jetzt nur das Reisig auf Häufen werfen. Auch im Wald herrschten genaue Richtlinien die eingehalten werden sollten. Die größeren Stücke luden wir auf den Gummiwagen, als Brennholz konnte man es immer gebrauchen.
Während wir dabei waren das Reisig zu sammeln, erzählte Martin mir, wie er früher aus dem Reisig, Besen gemacht hatte. Früher wurde auch das letzte Ästchen vom Holzteil aufgebraucht. Die Maschine dazu hatten wir auch, aber gebraucht hatten wir die nie.
Plötzlich kam Helena mit ihrem Fahrrad angefahren. Im Korb wie immer eine Katze. Ihr Gesicht war blutüberströmt, sie schluchzte: „Bello hat mich gebissen.“ Bello war der Hofhund vom Milchbauern. Was ich in der Hand hatte ließ ich fallen vor lauter Schreck. Dann lief ich mit Helena sofort nach Hause.
Vor lauter Blut, konnte ich nichts genaues erkennen. Hannah schluchzte immer noch, und sie wollte sich auch nicht beruhigen. Sie konnte es nicht begreifen, Bello war doch ihr Freund. Es war nicht die Wunde, die sie zum Weinen brachte, es war die Enttäuschung über Bello. Ich setzte Helena ins Auto und fuhr zum diensthabenden Notarzt, denn es war Samstag.
Der Arzt freute sich scheinbar nicht über unser Erscheinen. Sicherlich störten wir gerade beim Abendessen, denn er kaute immer noch auf den Resten herum. Er fing an, das Blut ab zu putzen. Dann versorgte er die kleinen Bisswunden mit Stretch-Pflaster und verzichtete darauf es zu nähen. Zum Schluss bekam Helena noch eine Tetanus-Impfung. Helena heulte aufs Neue, denn sie hatte es genau wie ich, Spritzen mochten wie beide nicht!
Helenas Verletzungen heilten schnell, es war auch nicht sicher ob der Hund sie gebissen hatte, oder ob er ihr mit den Pfoten ins Gesicht gesprungen war. Denn Helena hatte übersehen, dass der Hund einen frischen Knochen hatte, und den hatte er scheinbar verteidigen wollen. Der Hund konnte nicht wissen, dass Helena keine Knochen mochte.
Der Sommer wurde für mich anstrengend. Wenn ich zur Arbeit musste, konnten die Kinder wählen ob sie mit kommen wollten oder nicht.
In der Woche, in der ich frei hatte, nahm ich sie immer mit auf die Verkaufstour. Die Kunden kannten und mochten meine Kinder. So hatte ich zum Beispiel in einem Teilort zwei Kundinnen, deren Söhne früher zu mir in den Landgasthof kamen. Nette Burschen, aber zur Zeit waren sie arbeitslos, weil die Weberei geschlossen wurde, in der sie gearbeitet hatten.
Die beiden jungen Männer machten sich immer nützlich, fuhren für mich zum Einkaufen oder schälten Kartoffeln. Ich fand sie einfach liebenswert. Leider sind die beiden von einem übergeschnappten Rentner erschossen worden.
Eine dieser beiden Mütter strickte laufend für meine beiden Mädchen. Sie hatte Zeit und Langeweile und weil meine Kinder ihre Strickwesten und Pullover liebten hörte sie auch nicht auf damit. Nun hatte sie wieder zwei Strickwesten gestrickt, bunt aus lauter Resten. Strahlend nahmen Hannah und Helena die Westen in Empfang. Sie bedankten sich höflich bei der Frau.
Da fasste sie in die Schürzentasche und holte beschämt zwei paar Söckchen hervor: „Ich hatte noch immer Garn über, da habe ich noch die Söckchen gestrickt, ich weiß nicht, ob die Kinder selbstgestrickte Söckchen mögen.“ Hannah fiel ihr um den Hals: „Aber sicher! Wir haben gern warme Füße!“ Die Frau war ganz gerührt über so glückliche Kinder.
Nach und nach verkaufte ich einige von meinen Ziegen. Ich schaute immer in die Wochenzeitung und wenn jemand eine Ziege suchte, dann bot ich ihm eine an. Die, welche mir am meisten ans Herz gewachsen waren, hob ich mir bis zum Schluss auf.
Für die Zwerghühner, die mir noch geblieben waren und Amanda und Gerda gab ich eine Anzeige auf, die jede Woche erschien.: Ziergeflügel in liebevolle Hände abzugeben. Manchmal meldete sich jemand und fragte: „Kann man die auch essen?“ Ich sagte zu meinem Mann: „Zum Schlachten gebe ich die nicht her, lieber nehme ich die mit und lasse sie in meiner Küche herumlaufen.“
Im Museum durften wir eine Wiese einzäunen für die Heidschnucken. Die sollten das Gelände beleben. Mein Mann umzäunte eine Obstbaumwiese und die Schafe fühlten sich wie zu Hause. Sie zogen um, bevor wir selbst ans Umziehen dachten.
Die Zeit rannte uns davon. Die Sommerferien begannen und Hannah hatte ihren letzten Schultag. Sie wollte ihrer Lehrerin unbedingt ein Abschiedsgeschenk mitnehmen.
Ob Lehrerinnen gern ein Geschenk von Kindern annehmen? Ich hatte keine Ahnung. „Male ihr doch ein schönes Bild“, schlug ich vor. Hanna grinste überlegen: „Nein was kann sie denn mit einem Bild anfangen? Helmut wusste was Lehrerinnen immer brauchen können und ging an sein Auto. Unter den Werbegeschenken fand er ein edel aussehendes Etui mit mehreren farbigen Kugelschreibern. „Schenk ihr das“, meinte er, „damit kann sie immer etwas anfangen,“ Das Komische daran war nur, das eingravierte Monogramm der Firma, die Anfangsbuchstaben, passten genau zu dem Namen der Lehrerin. Das machte das Geschenk direkt wertvoll.
Hannah nahm es der Lehrerin mit, und die rief prompt am Abend an sich aufs Herzlichste zu bedanken.
Nun waren die großen Ferien da. Und wir hatten wieder Feriengäste. Eine Familie aus dem Ruhrgebiet mir zwei Kindern. Die Kinder waren zwar älter wie unsere, aber sie spielten herrlich zusammen. Nun waren die Kinder auch besonders tierlieb und hatten wohl noch nie so tolle Ferien erlebt. Wenn die Eltern mit den Kindern an den Badesee fuhren, nahmen sie immer Hannah und Helena mit.
So lernten die beiden richtig gut schwimmen. Als die Leute abreisen mussten, gab es wieder jede Menge Tränen. Da gab Helena jedem der Kinder ein Kätzchen mit, wir hatten ja genug und konnten sie nicht mitnehmen. Die Eltern hatten nichts dagegen die Katzen waren ihnen lieber als zwei Ziegen. So fuhren sie ab, jedes Kind hatte ein Kätzchen auf dem Arm. Helena weinte zwar ein wenig, denn sie hatte jede einzelne Katze lieb.
Als die Feriengäste abgereist waren, kam Helmut mit seinem Sohn, der ungefähr 20 Jahre alt war, jeder hatte eine Freundin dabei. Ich hatte keine Ahnung, dass Helmut überhaupt einen Sohn hatte. Die wollten bei uns auch Urlaub auf dem Bauernhof machen. Ich hatte schon so viele Frauen von Helmut kennen gelernt, dass mir seine Weibergeschichten langsam auf den Geist gingen. Dazu bedienten sie sich laufend in meiner Küche.
Da konnte ich nicht verhindern, dass man mir meinen Unmut anmerkte. Dazu lagen sie immer halbnackt neben der Straße, was mir der Nachbarn wegen, schon sehr peinlich war. Eines Tages hatte ich genug und warf sie alle raus. Helmut nahm mir das sehr übel. Und ließ sich daraufhin mehrere Jahre nicht mehr blicken. Das einzige was mein Mann dazu sagte war: „Jetzt werden wir im Herbst unseren Reifenwechsel selbst machen müssen.“
Es tat mir ja leid, aber zugeben wollte ich es nicht. Ich war einfach nicht gut gelaunt. Eine Woche zur Arbeit und dann daheim nur das notwendigste machen, und die andere Woche musste ich auch noch jeden Freitag Hühner schlachten. Schließlich sollten die Ställe ja leer sein, wenn wir hier wegzogen.
So ging die Sommerferien vorbei und für Helena fing der Ernst des Lebens an. Jeden morgen fuhr ich die Kinder durch den Wald an die Hauptstraße, wo das Bushäuschen stand. Dort versammelten sich auch die Kinder aus dem kleinen Weiler, der zwischen Wald und Hauptstraße lag.
Wenn ich dann nicht bei der Arbeit war, fuhr ich mittags die Kinder vom Bus holen. Sie hatten sich mit zwei gleichaltrigen Mädchen angefreundet, so konnten sie auch mal eine Stunde lang in dem kleinem Dorf auf mich warten.
In der Woche, in der ich zur Arbeit fuhr, hatte ich sie Kinder angewiesen beim Museum den Bus zu verlassen und zu mir zu kommen. Ich hatte mir angewöhnt, dort den Herd anzuzünden und Mittagessen zu kochen. Das gefiel meinem Chef, dem Direktor, denn es erweckte den Eindruck, dass man in den Häusern auch leben konnte.
Im Museumsgarten, in dem ich auch das Unkraut jäten musste, wuchs das schönste Gemüse. Wir hatten also immer etwas im Topf. Was im Garten nicht wuchs, zum Beispiel: Suppenfleisch, das brachte ich von zu Hause mit.
Alles klappte bestens, jeder konnte sich auf jeden verlassen. Nur der Busfahrer meldete sich: „Ich muss die Kinder da abliefern, wo sie wohnen.“ Nachdem ich ihm die Lage erklärt hatte, verstand er, und notierte es auf seinem Block.
Eines Tages meldete sich ein Pfarrer. Er hatte meine Anzeige gelesen von dem Federvieh, das ich in liebevolle Hände abgeben wollte. Ja, ein wenig Leben konnte er in seinem großen Pfarrgarten schon gebrauchen. Er kam mit seiner Haushälterin und wollte die Tiere ansehen. Freudig nahm Amanda und Gertrud mit, samt ihren Lebensgefährten und die Zwerghühner.
Leider konnte ich ihn nicht überreden. Die Zwergziegen auch noch zu nehmen. Mir war sowieso das Wichtigste, dass die Gänse und Enten gut untergebracht wurden. Da ich kein Geld dafür wollte, gab er den Kindern ein Frage-Antwort-Spiel.
Der Pfarrer lud uns ein, bei Gelegenheit seinen Pfarrgarten zu besuchen. Deshalb gab er mir seine Adresse. Es war eine Gegend in der ich noch nie war, ein Ort an der Donau, in der Nähe von Riedlingen. Ich war zuversichtlich, dass die Tiere bei ihm gut aufgehoben waren.
Martin brachte Nachricht von der Wohnung, die am ersten Oktober frei werden sollte. Die Leute, die dort wohnten, konnten den Termin nicht einhalten, es würde wohl November werden, sagte mein Mann. Das fand ich nicht so schlimm, denn wir hatten ja bis Ende Dezember Zeit. Mein Mann jedoch wollte ein Zimmer nach dem anderen abbauen, und in der neuen Wohnung aufstellen, damit es zum Schluss nicht mehr zu viel für uns wurde.
Das Wohnzimmer zum Beispiel, brauchten wir nicht so dringend und die beiden Gästezimmer, da war genug, was wir schon entbehren konnten. Bei der Zeitung war ich schon Stammkunde für Anzeigen. Dieses Mal bot ich die vier Couchtische und die 16 Cocktail-Sessel an. Die hatten wir noch vom Nebenzimmer des Gasthauses und standen mir die meiste Zeit im Weg herum. Ich fand einen Käufer für drei Garnituren. Die vierte Garnitur behielten wir für uns.
Meine Hühner wurden immer weniger, denn ich schlachtete ja jede zweite Woche. Das Weihnachtsgeflügel mussten die Kunden in diesem Jahr früher kaufen und einfrieren.
Mein Mann baute die Weidezäune ab und stapelte das Holz auf unserem Gummiwagen. Denn wir würden es demnächst als Brennholz brauchen, wenn wir dann mal in unser Haus konnten. Wir hatten eine Gasheizung geplant, aber die Gasleitungen waren in unserem Ortsteil noch nicht verlegt. Bis dahin mussten wir mit Holz heizen, und davon hatten wir genug für ein Jahr.
Wir hatten alles genau geplant und berechnet und wollten Weihnachten nicht mehr hier feiern. Der erste Hühnerstall war inzwischen leer, und mein Mann damit beschäftigt, die Stangen und die Nester abzubauen.
Da fuhr abends ein fremder VW-Bus auf unseren Hof. Ein junges Paar stieg aus und kam auf das Wohnhaus zu. Ich machte die Tür auf und fragte was sie denn suchten. Die Frau stellte sich und ihren Mann vor und sagte etwas forsch: „Wir haben das hier gepachtet und wollen einziehen.“ Ich glaubte an einen dummen Witz, und erklärte ihr: „Bis zum 31. Dezember haben wir hier einen Pachtvertrag. Dann können Sie wiederkommen.“ Die Frau war hochschwanger und sagte: „Wir haben aber kein anderes Zuhause. Der Besitzer hat versprochen wir könnten gleich einziehen.“
Nun war es leider schon zu spät um anzurufen, aber Morgen früh sollte der mich kennen lernen. Mit der jungen Frau hatte ich Mitleid und ich bot ihr an, heute mit ihrem Mann in der Ferienwohnung zu schlafen. Mein Mann, der am nächsten Morgen zur Arbeit musste, versprach wenn er zurück sei, die Ferienwohnung zu räumen, dann dürften sie dort einziehen.
Am nächsten Morgen holte Tante Helene zum Gänse schlachten. Während die Tante das Feuer unter dem Wasserkessel an machte, rief ich den Grundbesitzer an. Der fand, dass in dem Haus Platz genug sei, und wir ja bald auszögen.
Während wir Gänse und Enten schlachteten, kam ein Lastwagen vorgefahren. Es wurden Möbeln hinauf getragen. Nach einer Weile kam die junge Frau und verlangte, dass ich die zwei Schlepper-Garagen leer machte. Sie hatten wissenschaftliche Geräte die da untergestellt werden sollten. In den Garagen standen zwei fremde Wohnwägen, die konnte ich doch nicht einfach so wegräumen.
„Damit sollten wir warten bis mein Mann kommt“, stellte ich fest. Aber ich hatte scheinbar überhaupt kein Recht mehr auf unserem Hof. Sie schoben die Wohnwägen, einfach auf den Hof, und brachten ihre Gerätschaften in die beiden Garagen. Wie vermisste ich Helmut!! Wenn er da gewesen wäre, hätten sie das nicht mit mir gemacht.
Tante Helene und ich fanden es klüger, wenn wir jetzt das Schlachten unterbrachen und mit meinem Bus, die Wohnwägen über die Hocheinfahrt in den Heuboden brachten. Ich konnte nicht zulassen, dass an den fremden Wägen etwas beschädigt wurde. Diese Leute nahmen auf nichts Rücksicht.
Bis ich die Wohnwägen umgesiedelt hatte, kam Martin von der Arbeit nach Hause. Wir berichteten was heute schon alles passiert war, und dass Möbeln nach oben getragen wurden. Ich sollte meine Arbeit weiter machen, jetzt sei er da, meinte mein Mann. Nun war Martin ein ruhiger Mensch, der fremden Leuten gegenüber nicht so schnell den Mund aufmacht. Wir hörten bis in die Rupfküche, wie seine Stimme über den Hof donnerte: „So geht das nicht, meine Herrschaften, schaffen Sie sofort die Möbel aus der Ferienwohnung!“
Die junge Frau zeterte: „Gestern Abend haben Sie doch selbst gesagt, dass wir in die Ferienwohnung können!“
„Für letzte Nacht zum Schlafen!“, wetterte mein Mann zurück, „ Schaffen Sie die Möbeln hinaus, sonst werfe ich sie aus dem Fenster!“ Das war Drohung genug. Nach und nach trafen die Möbelstücke wieder auf dem Hof ein.
Tante Helene und ich guckten, dass wir fertig wurden, denn es wurde interessant auf dem Hof, wir konnten ja morgen weitermachen.
Trotzdem dauerte es eine Weile, bis wir fertig wurden, denn der Schlachtraum musste immer blitzsauber verlassen werden. Martin kam und trieb uns an: „Wenn ihr hier fertig seid, dann helft mir im oberen Stock.“ Wir beeilten uns und kamen ordentlich ins Schwitzen. Dann eilten wir die Treppen hinauf um Martin zu helfen.
Einen Teil unserer Möbeln hatten sie in das mittlere Stockwerk gestellt, einen Teil hatten sie sich zu Nutze gemacht. Und ihre Sachen hatten sie einfach auf unseren Teppichboden gestellt. Mein Mann war ziemlich sauer! Zuerst räumte er unsere Sachen aus den beiden Gästezimmern, danach rollte er den Teppichboden auf.
Tante Helene fegte die Zimmer sauber und meinte: „Wischen können die selbst!“ Zum Schluss nahm ich meine Vorhänge ab und danach gingen wir an die Stube. Darin war eine Liege, ein Tisch, vier Cocktail-Sessel, sowie ein Schränkchen mit einem Fernseher. Das hätten die Eindringlinge schon gern behalten. Mein Mann räumte alles aus und rollte auch hier den Teppichboden auf. „Bin ich froh, dass wir den Boden nicht vorschriftsmäßig geklebt haben", sagte mein Mann erleichtert.
Wir wollten gerade die kleine Küche abbauen, da bettelte die junge Frau: „Brauchen Sie die unbedingt? Lassen Sie die doch stehen, ich kaufe Sie Ihnen ab.“ Misstrauisch sagte ich : „Ich brauche die Küche nicht, aber wenn Sie die nicht bezahlt haben, bis wir ausziehen, nehmen wir die mit.“
Einen Tag lang waren sie nun damit beschäftigt, ihre Zimmer einzurichten. Die alte Couch die wir gerade hinunter getragen hatten, wollten sie gerne wieder, sie hatten ja noch keine Betten. Martin stellte ihnen zwei Betten von uns ins Schlafzimmer, wir hatten ja genug, und Tina und Bernd waren ja schon ausgezogen. Mein Mann lachte und raunte mir zu: „Dann brauche ich das alte Gelump nicht mit zunehmen.“
Am kommenden Tag gingen die Schikanen weiter.
Inzwischen hatte man uns informiert, das die Eindringlinge beide einen Doktortitel hatten. Sie wollten sich hier niederlassen.
Ich war noch beim Frühstück, da hörte ich wie im ersten Stock jemand von einem Zimmer ins andere ging. Sofort stürmte ich die Treppe hinauf. „Was machen Sie in unserem Schlafzimmer?“, fuhr ich Frau Doktor an. Unverschämt frech kam die Antwort: „Ich suche ein Zimmer, in dem ich meine Wäscheleine spannen kann.“
Entsetzt schrie ich: „In unserem Schlafzimmer? Auf dem Dachboden ist ein Trockenraum und draußen ist eine Wäscheleine, neben dem Spielplatz!“ Sie gab nicht auf und guckte weiter in alle Zimmer. Das Bad sollte ich ausräumen, das brauchte sie als Dunkelkammer.
Nun ging sie in unsere Stube. Die war von meinem Mann wunderschön renoviert. Alle Außenwände hatten wir mit Styropor-Platten isoliert und mit Holz verkeidet. In dem Raum waren zwei große Nachtspeicher Heizkörper. Sie merkte gleich, dass die Stube der schönste Raum war im Haus.
„Hier werden wir unserer Labor machen“, verkündete sie. Verärgert verwies ich sie an meinen Mann, das müsste sie mit ihm ausmachen. „Wenn wir ausgezogen sind, können Sie ihr Labor machen, wo sie wollen, solange müssen sie eben warten.“ Ich war am Rande meiner Geduld angekommen.
Tante Helene kam und wir gingen wieder in den Schlachtraum. Wir schlachteten alles ab was Federn hatte, bis auf Ilsabein, die Truthenne. Als ich sie fing, schaute sie mich so lieb an, als ob sie sagen wollte: „Du tust mir doch nichts?“ Dann kam sie mit ihrem Kopf an mein Gesicht Und pickte ganz zart an meiner Lippe. Sollte das vielleicht ein Kuss sein? Nein ich konnte sie nicht schlachten.
Sie war ja auch mindestens sechs Jahre alt, ob man die überhaupt noch essen konnte? Aber was konnte ich nur mit ihr machen? Vielleicht wusste Tante Helene Rat.
„Nein“, schrie die gute Tante, „Du kannst mir den Vogel nicht unterjubeln!“ „Ach bitte, Tante Helene, der frisst fast nur was um Haus herum wächst, Gras, Brennesseln und Essenreste, Karotten und trockenes Brot. Wenn wir schon in unser Haus könnten, dann nähme ich Ilsabein mit.“, bettelte ich, aber es war zwecklos.
Sogar die Aussicht auf ein herrliches frisches Ei täglich, stimmte sie nicht gnädig.
Kurzer Hand machte ich am nächsten Sonntag einen Ausflug mit meinen Kindern nach Riedlingen. Ilsabein saß mit Helena und Hannah hinter mir. Ängstlich saß die Pute zwischen den Bänken Wir fanden die Pfarrei von dem freundlichem Pfarrer. Ich stieg vorsichtshalber zuerst allein aus. Auf mein Klingeln kam der Pfarrer an die Tür. Erstaunt fragte er: „Aber sie wollen mir doch nicht ihre Zwergziegen bringen?“
„Nein“, sagte ich, „Ich habe ein anderes Sorgenkind.“ „Verträgt die Pute sich denn mit den anderen Vögeln?“, fragte er besorgt. Da brauchte er keine Sorge zu haben, denn die kannten sich seit Jahren. Als wir Ilsabein in den Garten brachten, da sah es aus als ob die Gänse und die Enten und sogar die Zwerghühner, sie voller Freude begrüßten. Sie umringten die Truthenne und gackerten und schnatterten. Es war eine Freude zu zusehen. Ilsabein war untergebracht.
Auf dem Heimweg hatte ich Lust an der Donau zu halten. Von einer Brücke schauten wir in den Fluss, der gemächlich Richtung Ulm floss. „Fahren denn da keine Schiffe?“, fragten meine Kinder neugierig. Ich dachte einen Moment nach: „Doch, nur erst in Ulm, da ist der Fluss dann viel größer. Hier fahren nur kleine Boote, im Sommer. Ein großes Schiff hat hier nicht genug Platz.“ Langsam fuhren wir wieder nach Hause und ich dachte bei mir: Wenn wir keine Tiere mehr haben, haben wir immer Zeit für die Kinder und können öfters Fahrten unternehmen.
Mein Mann wartete schon auf uns. Er hatte eine Liste gemacht mit allen Dingen, die wir hier eingebaut hatten. Alles war mit Preisangabe. Ich sollte die Frau Doktor fragen, was sie uns abkaufen wollte. Alles andere würden wir mitnehmen. Hinterlistig lachte Martin: „Zum Schluss nehme ich noch den Balken weg, mit dem ich die Treppe abgestützt habe
Ein Problem war der große Zählerplatz. Wir hatten doch im Haus und den Ställen neue Leitungen verlegt und einen neuen Zählerkasten gekauft. Den wollte uns der neue Mieter nicht zahlen, und heraus nehmen konnte man den auch nicht einfach so.
Im Museum war Winterpause und ich hatte jetzt Zeit die ersten Karton zu verpacken. Mit Frau Doktor ging ich durch die Räume und machte sie auf die Dinge aufmerksam, die wir eingebaut hatten. In den oberen Zimmern war die Küche. An der Treppe hatten wir eine Falttür eingebaut. Da fing es schon an, die konnten wir dalassen, aber die wollte sie nicht bezahlen. Die Waschbecken in den Schlafzimmern mit warmen und kalten Wasser, durfte ich auf die Rechnung setzen. Das waren insgesamt drei.
Im oberen Bad fragte ich: „Wollen Sie den Boiler, damit Sie warmes Wasser haben im ganzen Haus?“ Den Boiler wollte sie, aber die Dusche nicht. In der großen Küche unten waren alle Wände isoliert und mit Kunststoffpaneelen versehen, denn es waren keine Fliesen in der Küche und die Paneelen waren abwaschbar. Sie überlegte und sagte: „Nein, die will ich nicht.“ Die Speicherheizungen wollte sie auch nicht. Sie konnte mit Holz heizen, es sei ja genug da. Langsam wurde ich böse: „Alles Holz, was da herumliegt, haben wir gekauft, wir werden es nicht hier lassen.“
Martin arbeitete jetzt auf Hochtouren. Er baute alles ab und aus, was eben möglich war. In der Küche nahm er die Wandverkleidung und die Isolierung mit.
In den Ställen und Nebenräumen schraubte mein Mann die neu verlegten Elektroleitungen, samt Schalter und Steckdosen ab. „Die kann ich in unserem Haus im Keller und in der Garage benutzen“, stellte er fest.
Die Wohnung, in die wir ziehen wollten, war immer noch nicht frei, dabei war es inzwischen Dezember. Nun gab ich die Anzeige auf: „Mehre trächtige Ziegen zu verkaufen.“ Alle Interessenten bestellte ich auf den Samstag. Ich dachte mir dabei: Dann können sie sich gegenseitig überbieten. Mit Hannah und Helena putzte ich die Ziegen, sie waren alle kugelrund und sahen bestens aus.
Ich war schon ganz gespannt auf den Samstag, ich hoffte alle Ziegen zu verkaufen. Am Freitag kam ich morgens in den Stall und dachte nichts Böses, da hatten alle Ziegen ihre Jungen über Nacht bekommen. Fast alle hatten Zwillinge und eine Milchziege hatte sogar drei Kitzchen. Die Drillinge waren so klein, dass zwei schon nicht mehr lebten. Ich nahm die beiden toten Tiere und wickelte sie dick In Zeitungspapier. Die wollte ich zum Präparator bringen, dann konnten wir sie als Andenken mitnehmen. Eines war ganz weiß und das andere schwarz.
Jetzt sahen die armen Ziegen ja nicht mehr so gut aus. Nicht im Traum wäre mir in den Kopf gekommen, dass die Ziegen ihre Kitzle noch vor Weihnachten bekamen. Wir gaben den Ziegen Kraftfutter und schauten danach, dass sie ihre Kitzchen saugen ließen. Ob die sich jetzt verkaufen ließen?
Mehrmals gingen wir nach den Ziegen sehen wir gaben ihnen Wasser und Futter und sie erholten sich schnell. Die kleinen sprangen munter im Stall herum. Nur die braune Milchziege die zwei ihrer drei Jungen tot auf die Welt gebracht hatte, wollte nicht recht auf die Beine kommen. Aber sie ließ das Junge saugen und nicht nur das, auch jedes andere, was zu ihr kam. Da war sie eine Ausnahme, Ziegen machten das sonst nicht.
Nachmittags rief ich meinen Tierarzt an, der untersuchte die Ziege und konnte keine Krankheit feststellen. Er gab ihr eine Spritze damit sie sich schneller erholen konnte. Am Samstag Mittag kamen die Kleinbauern um die Ziegen anzuschauen. Es war wie ich vermutet hatte, bei den besonders schönen Tieren überboten sie sich gegenseitig. Rosa, die geschwächte wollte am Ende niemand. Auch die Zwergziegen fanden ihre Liebhaber. Die Familie war inzwischen so groß, dass ich sie in zwei Gruppen teilte.
Den Zwergziegenbock Hans, hatte als erstes eine Frau aus dem Nachbardorf geholt. Sie kannte Hans schon, denn sie lieh ihn sich jedes Jahr für ihre Ziegen aus. Jetzt wollte sie ihn kaufen. Die weiße Milchziege hatte ein wunderschönes Kitz, es war viel größer als die anderen, sie brachte mir das meiste Geld ein.
Ein Bauer kaufte vier Ziegen auf einmal. Ihm schwatzte ich Rosa mit ihrem Kitz auf: „Die Ziege schenke ich Ihnen, wenn die Ziege, was ich zwar nicht glaube, eingeht, dann haben Sie ja noch ein schönes Kitz. Ungern nahm er die Ziege mit. Ich hatte mehr als 1.000.-- Mark eingenommen und war sehr zufrieden.
Mein Mann baute noch am selben Tag die Boxen im Ziegenstall ab. Montag konnten wir dann anfangen alles sauber zu machen. Es dauerte ungefähr zehn Tage, da hatten wir alle Ställe aus gespritzt und desinfiziert.
Weil die Wohnung am 15. Dezember immer noch nicht frei war, brachte Martin mit einem Kollegen das ganze Holz zu der noch nicht frei gewordenen Wohnung, und stapelte es dort auf einer Obstbaumwiese. Zum Glück war es immer noch nicht richtig kalt wir hatten fast herbstliche Temperaturen. Als er das Holz alles aufgeräumt hatte, verkaufte Martin die Traktoren und den Gummiwagen.
Die Wohnwägen waren auchvon ihren Besitzern abgeholt worden, wir warteten nur darauf, dass wir umziehen konnte. Die meisten Möbel hatten wir abgebaut. Und der erste Anhänger war schon geladen.
Uns blieb noch genug Zeit, den Spielplatz abzubauen. Frau Doktor beobachtete das mit großer Sorge, sie hatte scheinbar ihr Kind schon in Gedanken auf der Schaukel gesehen. Wir bauten die Speicherheizungen ab und fuhren die zu Martins Mutter, die heizte nämlich noch mit Öl und holte das mit der Kanne im Keller. Ihr hatte mein Mann die Heizkörper preiswert verkauft.
Ein paar Tage vor Weihnachten war es dann soweit. Endlich konnten wir in die Wohnung. Wir fuhren mehrmals mit meinem Bus und dem Anhänger und nahmen alles mit, bis auf drei Betten. Eine Nacht schliefen wir noch auf dem Hof, und als wir die letzten Teile aufgeladen hatten, ging Martin noch einmal durch alle Räume. Dann übergaben wir den Haustürschlüssel und fuhren los.
Mein Mann hatte sein Auto voll geladen und fuhr voraus. Ich hatte meinen Bus voll mit „was noch alles mit musste“, und dahinter den Anhänger mit dem Bettgestellen Küchentisch und Stühlen. Nun hätte Martin ja den Anhänger nehmen können, er hatte auch eine Vorrichtung. „Nein, nimm ihn nur du,“ meinte er, „du kannst besser mit dem Anhänger fahren.“ Das hätte man ja als Lob auffassen können, war es aber nicht. Er genierte sich mit dem Anhänger zu fahren.
Als ich den Motor zündete und vom Hof fuhr, verwandelte sich mein Auto in eine „Weinstube“. Verkrampft hielt Helena ihre Lieblingskatze im Arm. Ich konnte vor lauter Tränen kaum die Straße sehen und schaltete aus Versehen den Scheibenwischer an. Jetzt brachte ich Hanna zum Lachen. „Glaubst du, wenn du die Scheiben putzt, werden auch die Augen trocken?“
Hannah und Helena hatten die Wohnung noch nicht gesehen. Als ich auf den Hof gefahren war, sprangen sie aus dem Auto und stürmten sofort in die Wohnung. Das erste Zimmer, ein großes Eckzimmer war das Kinderzimmer. Wir hatten schon den Schrank aufgestellt. Dann schauten sie die anderen Räume an, Hannah sagte: Das sind ja mehr Zimmer als wir brauchen.
Im Stillen dachte ich: Die meiste Zeit werden wir in der Küche sitzen, die war groß und hatte eine schöne Sitzecke. Und das war noch nicht alles. Oben im Dachgeschoss gehörten uns auch zwei Zimmer. Martin würde da ein Gastzimmer einrichten, falls wir mal Besuch bekämen. Das zweite Zimmer war sowieso belegt, denn über uns wohnte eine Familie mit sieben Kindern.
Mein Mann und ich stellten die Betten auf, und die Kinder räumten ihre Sachen in die Schränke. Hannah gab sich viel Mühe und ich fand, sie machte es wirklich gut.
Nach dem Abendessen waren wir zwar noch nicht fertig, aber Martin meinte: Arbeit ist ja ganz schön, aber man muss ja nicht übertreiben. Wir machte vorläufig Schluss, morgen waren die Weihnachts-Vorbereitungen an der Reihe. Die Kinder sollten ihr Weihnachtsfest haben, möglichst genau so schön wie jedes Jahr.
Wir waren alle so müde, und schliefen gut in der neuen Wohnung. Am nächsten Morgen ging ich mit den Kindern zuerst zu Einkaufen. Da waren die Läden noch nicht so voll. Ich hatte noch kein einziges Weihnachtsgeschenk. Hannah und Helene hatten auch keinen Wunsch geäußert. Was sollte ich denn nur kaufen?
Wir kauften unsere Lebensmittel ein, die ich auf meinen Zettel geschrieben hatte. Dann ging ich mit dem Vorwand einen Block kaufen zu müssen in das Schreib- und Spielwaren Geschäft. Dort wollte ich mir Zeit lassen und die Kinder beobachten was ihnen gefiel. Hannah stand ewig an den Jung-Mädchen-Büchern herum und und zeigte mir, was ihre Klassenkameradinnen gerade alle hatten.
Helena gefiel schließlich eine Puppe. Ich war zufrieden und kaufte meinen Block. Die Geschenke würde ich später kaufen, wenn ich allein war. Jetzt wusste ich ja was ihnen gefiel. Zu den Kindern sagte ich: „Wir schauen was das Christkind bringt, und wenn Weihnachten um ist, können wir das immer noch kaufen." Hanna meinte, wir sollten unbedingt Lametta kaufen, denn das alte Lametta war nicht mehr schön. Sie entschied sich für goldenes Lametta. Das hatte ich noch nie am Christbaum. Dann gingen wir heim, und brachten das Eingekaufte ins Haus.
Martin hatte drei Garagen gemietet, die waren alle so niedrig, mein Auto musste draußen bleiben. Die schönste Garage nahm mein Mann für sein Auto und die anderen beiden benutzten wir um die Sachen unterzustellen, die wir in der Wohnung nicht unterbrachten. Auch die leeren Kartons hoben wir auf, denn wir hofften, bald in unser eigenes Haus ziehen zu können.
Helena band ihre Katze an und ging mit ihr auf den Hof. Sie sollte dort ein Geschäft machen. Nach einer Weile kam sie wieder, sie war enttäuscht, die Katze wollte nicht da wo sie sollte. Also richteten wir ein notdürftiges Katzenklo, und hofften, dass sie es benutzte.
Um die Mittagszeit, saßen wir am Tisch und über uns ging es zu wie an einer Fußgängerampel. Kein Wunder, wenn neun Personen zum Essen in die Küche gingen. Jeder von ihnen rutschte mindestens einmal mit dem Stuhl hin und her. Dann war es eine Weile ruhig. Nach ungefähr 15 Minuten stand die Ampel wieder auf grün. Alles noch einmal in umgekehrter Richtung.
Nach dem Mittagessen ging Martin zur Tür hinaus, und mit ihm flüchtete auch die Katze. Hannah und Helena suchten die ganze Gegend ab, aber die Katze blieb verschwunden. Ich konnte die Katze verstehen, es war keine Hauskatze und sie war noch nie eingesperrt. Die Tränen flossen wieder.
Nun nahm ich die Kinder mit und fuhr zu Tante Anni, am Bahnhof. Da waren sie immer gern, sie liebten Tante Anni. Mit dem Vorwand nach den Heidschnucken gucken zu müssen, fuhr ich die Geschenke kaufen. Um die Schafe musste ich mich nicht kümmern, die waren vorerst im Museum gut aufgehoben. Nach ihnen schaute ein Bauer, der dort gegenüber wohnte.
Für Hannah kaufte ich „Das Hausgespenst“ die ersten beiden Bände. Und für Helena die Puppe, die ihr so gut gefallen hatte. Mein Mann hatte sich einen elektrischen Rasierapparat gewünscht. Dann kaufte ich noch wie jedes Jahr eine Pralinen-Schachtel für Martin und die gewohnten Süßigkeiten für die Weihnachtsteller.
Meistens kaufte ich mir selbst auch ein Geschenk, aber das eilte ja nicht, vielleicht hatte Martin ja etwas für mich. Dann verstaute ich alles gut in meinem Auto und holte die Kinder bei Tante Anni ab. Tante Anni hatte für mich einen Zopf aus Sisal geflochten mit Blumen und einer Glocke verziert. Jetzt hatte ich auch etwas für mich. Außerdem erklärte sie den Kindern, dass eine Katze, die immer frei war, nicht plötzlich eingesperrt werden konnte.
Dankbar schaute ich Tante Anni an, wünschte ihr, und ihrem Mann schöne Weihnachten und fuhr mit den Kindern heim.
Martin war schon zu Hause und hatte den Christbaum mitgebracht, den er gerade anspitze, damit er in den Baumständer passte. Die Kinder freuten sich, dass sie den Baum wieder schmücken durften.
Am liebsten wollten sie gleich loslegen, ich musste sie bremsen: „Heute nicht, morgen früh! Heute sollten wir die Vorhänge aufhängen, sonst sieht es so kahl aus bei uns, und wir wollen es doch gemütlich haben.“ Von oben kam ein Junge herunter und wollte mit den Mädchen spielen. Sie spielten das lustige Frage-Antwort-Spiel und hatten beste Laune, während ich mich mit den Gardinen plagte.
Ellen, die Paten-Tante von Helena kam um ein Weihnachtsgeschenk für ihr Patenkind zu bringen. Sie hatte sich von Toni scheiden lassen und wieder geheiratet. Stolz zeigte sie mir ihre Zwillinge. Ich freute mich für sie, denn sie hatte ja ihren Kinderwunsch schon fast aufgegeben.
Sie war immer noch so verschwiegen wir früher. Selbst bei einer Tasse Kaffee verriet sie mir nicht, warum sie sich vom Bruder meines Mannes getrennt hatte. Mir tat es leid, denn sie war für mich, in der Verwandtschaft die einzige, mit der ich gut auskam.
Obwohl, an die anderen Geschwister meines Mannes hatte ich mich langsam gewöhnt, sie waren alle ganz nett, wenn man nichts falsches zu ihnen sagte. Besonders gut verstand ich mich mit Friedhelm, der ein guter Handwerker war. Er war der Mann von Edeltraud, der älteren Schwester meines Mannes.
Am nächsten Tag war der Heiligabend. Die Kinder spielten wieder in der Küche ihr Frage-Antwort-Spiel. Ich machte die Küchentür zu und brachte die Geschenke in die Stube. Martin hatte wieder Dienst und ich wollte alles für die Weihnachtsfeier vorbereiten. Weil er bis 18 Uhr Dienst hatte, plante ich in diesem Jahr einen Kirchgang ein. Das hatte mir schon lange gefehlt. Von früher war ich es gewohnt, das Christkind kommt erst, wenn man aus der Kirche zurück war.
Wir saßen beim Mittagessen, da kam die Patentante aus der Stadt, sie hatte ein Geschenk für Hannah. Zuerst war sie bei der Oma gewesen und wollte das Geschenk da abliefern, die hatte ihr aber unsere neue Adresse gegeben. Drum kam sie jetzt bei uns vorbei und brachte die Geschenke von der Oma auch gleich mit. Daraus schloss ich, dass sie Weihnachten nicht mit uns rechnete.
Wir kamen in die kleine Kirche und die war bis auf ein paar Plätze voll besetzt. Dort fanden Platz auf der Empore, so konnten die Kinder die ganze Kirche überblicken. Die Kirche strahlte vor lauter Lichter und und die Weihnachtsgeschichte brachte uns richtig in Festtags-Stimmung.
Mit einer brennenden Kerze in der Hand verließen wir die Kirchen. Draußen war es schon dunkel, es wehte ein scharfer Ostwind, der uns die Kerzen ausblies. Wir kamen in die warme Wohnung und deckten den Tisch fürs Abendessen. Da kam Martin auch schon heim. Er war auch bestens gelaunt, denn er hatte mit seinen Patienten auch schon Weihnachtslieder gesungen. - Besser gesagt, singen lassen,- denn Martin war unmusikalisch, wie Bernd.
Nach dem Essen sagte Martin: „Ich werde nachschauen, ob das Christkind schon da war.“ Wir hörten ein silberhelles Glöckchen klingeln, und die Kinder stürmten in die Stube. Hannah, die es nicht erwarten konnte die Geschenke anzusehen, stimmte sofort das erste Weihnachtslied an. Beide Kinder konnten gut singen, besonders aber Hannah. Ich konnte seit meine Schilddrüsen Operation nicht mehr singen. Der Arzt hatte zwar versichert: „Das kommt von selbst wieder“, aber das waren falsche Versprechungen.
Hannah packte alle Geschenke aus und gab sie dann weiter, wenn sie merkte, dass es nicht für sie war. Die Pralinen-Schachtel gab sie nur ungern ab, denn sie wünschte sich auch einmal so etwas besonderes. Mein Mann bekam seinen Rasierapparat und Helena ihre Puppe. Dann erst sah sie das Päckchen mit den Büchern. Ihre Freude war groß, nun hatte sie eigen Bücher! Auch die Tante aus der Stadt hatte ihr ein Buch geschenkt.
Nun träumte sie von einem eigenen Bücherschrank. Martin lachte und meinte: „Ein Regal reicht vorerst, das werde ich die zum Geburtstag machen.“ Helena hatte von ihrer Tante Ellen Puppen und Geschirr fürs Puppenhaus bekommen und war überglücklich.
Ich freute mich am Ende über eine Flasche Wein, ein Pfund Kaffee und eine Tafel Schokolade. Von Ellen hatte ich eine Pflanze bekommen, sie wusste, ich liebte Zimmerpflanzen. So ging der Abend um, und ich freute mich, dass meine Kinder auch mit kleinen Geschenken glücklich waren.
Die Großfamilie, die in dem Stockwerk über uns wohnte, feierten lautstark bis in die Nacht. An Stelle von Weihnachtsliedern hörten wir laute Tanzmusik. Auch im Nebenhaus, wurde kein besinnliches Weihnachtsfest gefeiert. In den Schlafzimmern war es ziemlich ruhig, und wir schliefen bald ein.
Am zweiten Weihnachtstag hatte Hannah den Wunsch, ihre Tante Frieda in der Stadt zu besuchen besuchen. Sie war ihre Patentante. Hannah wollte sich gern für das Weihnachtsgeschenk bedanken. Martin hatte immer noch Dienst und meinte: "Zum Jahreswechsel habe ich frei, wenn ihr warten könnt, dann fahre ich euch.“ Nein was Hannah sich in den Kopf setzte, dass wollte sie durchsetzen. Also fuhr ich mit meinem Auto los. Die Straßen waren frei, denn es hatte immer noch nicht geschneit.
Wir fuhren durch Biberach, was mir schon gar nicht gefiel. Am anderen Ende der Stadt wohnte die Tante in einem Vorort. Sie hatte zwei Töchter und der Onkel Alfons spielte bei jeder Gelegenheit Alphorn. Während sie die Kinder nach Strich und Faden ausfragte, zeigte mir der ruhige Onkel sein Hobby.
In der alten Waschküche, hatte er seinen ganz persönlichen Raum. Dort hatte er kleine Wind- und Wassermühlen aufgebaut, die sogar funktionierten. Er schaltete das Wasser ein, und alles setzte sich in Bewegung. Alles hatte er von Hand gebastelt. Zuletzt zeigte er mir kleine Alphörner, auf denen man sogar spielen konnte und weil ich mich für sein Hobby so interessierte, schenkte er mir eines seiner kleinen Alphörner. Ich war ganz stolz darauf, und wollte es gut aufheben. An dem Instrument war eine rote Kordel angebracht und Onkel Alfons schlug vor, es an die Wand zu hängen. "Ja", sagte ich, "Wenn wir in unser Haus eingezogen sind."
Ich hatte mir vorgenommen nicht so spät heim zufahren. Also brachen wir zeitig auf. Keiner von uns dachte daran, das Wetter zu beachten. Als wir zur Haustür hinaus gingen, dachte ich zu träumen. Es war nicht nur viel Schnee gefallen, Es war auch nebelig. „Das wird eine Höllenfahrt werden“, dachte ich.
Hannah und Helena saßen vorn sie sollten mir beim Gucken helfen, denn man sah nichts. Wir tasteten uns vor bis Biberach, da war die Hauptstraße geräumt und die Beleuchtung gut. Die Fahrt durch die Stadt war problemlos.
Danach ging die Fahrt am Wald entlang, da war der Nebel nicht so schlimm. Als wir an die alte Wirtschaft kamen, konnten wir die Straße nicht erkennen wo wir abbiegen mussten. Hannah stieg aus und suchte die Straße. Dann winkte sie mir. Ich bog vorsichtig ab, denn ich wusste, dass hier auch eine Verkehrsinsel sein musste. Dann stieg Hannah wieder ein und wir konnten uns an den Begrenzungspfosten orientieren.
Hinter uns kam ein Auto, obwohl ich höchsten 30 km/h fuhr, das Auto blieb bis an unserem Ziel hinter uns. Von Ausflügen hatte ich vorerst genug!
Zwischen Weihnachten und Neujahr, packte ich die letzten Kartons aus. Das neue Jahr wollte ich nicht mit alter Unordnung beginnen. Obwohl ich nicht abergläubisch war, wurde bei mir auch bis Neujahr nicht gewaschen. Wir feierten Silvester wie immer ruhig. Den Krach machte die Leute über uns und im Nebenhaus.
Um Mitternacht kam die Frau von oben und lud uns ein mit ihnen zu feiern. Schließlich wollte ich nicht unhöflich sein, und ging mit nach oben, während mein Mann die Ausrede benutzte, die Kinder bei dem Krach nicht allein lassen zu können. Er hatte auf jeden Fall das bessere Los gezogen.
Da oben floss der Alkohol in Strömen, die Musik dröhnte mir in den Ohren, ich musste nicht nur mit jedem anstoßen, sondern auch noch tanzen. Bis um vier Uhr hielt ich durch, dann nutzte ich einen passenden Augenblick, mich zu verabschieden.
Ich war es nicht gewohnt so viel Alkohol zu trinken, und lag in dieser Nacht mit einem Riesen-Affen im Bett. Als ich am Morgen aufstand, traute ich meinen Augen nicht, meine Beine waren voller roter Flecken. Auch mein Mann hatte so etwas noch nicht gesehen.
Weil die Flecken am Dienstag nicht weg waren, suchte ich meinen Hausarzt auf. Er konnte mir auch nicht sagen woher es kam, aber er lächelte: „Was von selbst gekommen ist, geht auch von selbst wieder weg. Kindchen, du verträgst keinen Alkohol.“ Er hatte Recht, nach zwei Tagen waren die Flecken verschwunden.
Der Winter meinte es gut und bescherte uns wieder massenhaft Schnee. Wir holten den Schlitten heraus und Hannah und Helena rodelten im großen Hof. Bald kamen auch drei Kinder von oben dazu, die altersmäßig ungefähr zu unseren Kindern passten.
Der Vater der Kinder war damit beschäftigt, den Schnee auf dem Hof zu räumen. Den Schnee schaufelte er auf einen großen Haufen, an die Nordseite des Hauses. Dann begann er mit den Kindern einen Iglu zu bauen.
Nun waren die Kinder für den Rest der Ferien beschäftigt. Ich hätte nie geglaubt, dass die Schneebehausung so toll wurde. Alle Kinder hatten Platz darin. Damit das ganze stabil war, übergoss es unser Mitbewohner immer wieder mit Wasser. Er hatte richtig Erfahrung damit. Helena kam ins Haus, ich sollte das Iglu bewundern.
Meine Frage war: „Bricht das auch nicht zusammen?“ „Nein“, gab mir mein Nachbar zur Antwort, „das steht Ostern noch.“ Das fand ich etwas übertrieben, aber nachdem es jeden Tag gepflegt wurde, stand es tatsächlich noch Ende März, jedoch war es jetzt eher vergleichbar mit einer Tropfsteinhöhle.
Mit dem Mieterverein, hatten wir unseren früheren Hausherrn angeklagt, uns um einige tausend Mark betrogen zu haben. Er hatte uns renovieren lassen, auf unsere Kosten und anschließend die Miete um 50% erhöht. Jetzt wollte er uns unsere Auslagen nicht erstatten.
Der Richter war überhaupt nicht auf unserer Seite. Er warf uns vor, auf Kosten des Mietervereines billig den Herrn verklagen zu können. Er wollte auch nichts wissen von den alten, defekten Stromleitungen die mein Mann alle neu verlegt hatte.
Zum Schluss erklärte sich der Grundbesitzer großzügig bereit, uns den Zählerplatz zu bezahlen. Dann wollte er noch unsere neue Adresse, um uns zu besuchen, wenn er in der Nähe sei. Freundlich aber bestimmt sagte ich: „Wir möchten keinen Besuch von Ihnen, zahlen Sie den Zählerplatz und wir vergessen Sie ganz schnell.“
Als die Ferien um waren, trainierte Hannah für den Vorlesewettbewerb, der in Biberach stattfinden sollte. Sie wollte diesen Wettbewerb unbedingt gewinnen. Ich traute es ihr auch zu. Nach einem Sehtest in der Schule klagte sie, dass sie zum Augenarzt sollte. Die Augenärztin stellte fest, dass Hannah eine Brille brauchte. Bei der Auswahl der Brille war sie sehr wählerisch, denn Farbe und Form mussten genau nach ihren Wünschen sein. Am Ende war ich froh, dass sie überhaupt etwas passendes fand, was dazu auch noch bezahlbar war.
Nun konnte sie besser sehen und fieberte dem Wettbewerb entgegen. Eines Nachmittags sammelte der Lehrer seine Wettkämpferinnen ein und fuhr mit ihnen nach Biberach. Keinen Gedanken verschwendete ich daran, nachzudenken, ob Hannah den Wettkampf gewinnen konnte.
Nach etwa drei Stunden kam sie wieder zurück. Sie hatte nur den zweiten Platz errungen, obwohl die andere Ausländerin war und nicht einmal richtig deutsch konnte. Hannah war sauer.
Helena hatte schon eine Freundin gefunden, mit der sie nun jede freie Stunde verbrachte. Sie passten sehr gut zusammen. Helena, war ein wenig wie ich, und hörte gern zu wenn andere erzählten. Katja, so hieß ihre Freundin, hingegen redete gern und oft. Mit ihren schulischen Leistungen waren beide nicht die besten, aber unter den guten Schülern allemal. Sie machten ihre Hausaufgaben meistens zusammen, danach schlenderten sie mit ihren Puppenwägen durch den Park.
Hannah tat sich sehr schwer eine passende Freundin zu finden. Sie war im Unterricht eine Streberin, was bei den Mitschülern schon gar nicht gut ankam. Außerdem war sehr eitel.
Schließlich fand sie eine Freundin aus einem Nachbardorf, das war aber so weit weg, dass sie sich nachmittags nicht treffen konnten. Hannah fuhr meistens mit dem Fahrrad in die Schule, so bat ich sie hin und wieder auf dem Rückweg ein paar Sachen einzukaufen. Ich hatte den Eindruck, dass sie es gern machte. So bat ich sie eines Tages, beim Lebensmittel-Markt einzukaufen und da ich das Geld nicht passend hatte, gab ich ihr 50,-- Mark mit. Sie versprach gut auf das Geld aufzupassen.
Dann hatte sie aber eine Sportstunde. Als sie später im Laden an der Kasse stand, war das Geld nicht mehr da. Ausgerechnet an diesem Tag hatte ich mich auf den Einkauf verlassen! Sie traute sich nicht nach Hause, weil sie wusste das für uns 50,-- Mark, viel Geld waren. Darum brachte sie ihre Freundin mit, sie hatte Angst, ich würde ihr nicht glauben.
Natürlich war ich verärgert, denn ich war mir sicher, dass man einem Mädchen mit fast 13 Jahren, so viel Geld anvertrauen konnte. Schließlich hatte sie von Schülern ihrer Klasse berichtet, die das als Taschengeld mit sich herumtrugen.
Für die nächsten Wochen wurden die Überraschungseier gestrichen, die ich den Kindern immer aus der Stadt mitbrachte, weil sie die Figuren sammelten. Für mich war der Fall erledigt, ich fuhr wieder selbst zum Einkaufen.
Im Frühjahr erfuhren wir von Martins Mutter, dass Bernd wieder heiratete. Wir waren zur Hochzeit nicht eingeladen, denn er wollte wieder seine leibliche Mutter und seine Oma aus Saulgau dabei haben. Die beiden Frauen wollte Martin auf keinem Fall sehen.
Also fuhr Martins Mutter, mit Edeltraud und deren Mann zur Hochzeit. Sie nahmen Hannah mit, als einzige von unserer Familie. Hannah erzählte nachher ein wenig von der Hochzeit und den beiden Kindern, die seine Frau mit in die Ehe brachte.
Inzwischen teilte mir unsere Mieterin mit, dass sie noch in diesem Sommer ausziehen wollte. Sie hatte jetzt selbst ein schönes Haus gekauft. Na das war ja eine gute Aussicht! Ich nahm die Baumappen und fuhr zu den Nachbarn. Die unmittelbaren Nachbarn mussten unterschreiben, dass sie mit den Baumaßnahmen einverstanden waren. Zuerst suchte ich den Elektro-Laden auf. Dort waren wir Kunden und hatten die Nachtspeicherheizung von dort. Ich war fest überzeugt, dass die Frau ohne wenn und aber, unterschreiben würde.
Aber im Schwabenland ist alles ganz anders. Sie bemängelte: "Ein Fenster gegenüber von meinem Balkon? Das geht ja gar nicht." Als ich beteuerte, dass es unser Schlafzimmer werden sollte und wir nur bei Nacht das Zimmer benutzen wollten, suchte sie in der Mappe nach anderen Einwänden. Schließlich sagte sie: „Lassen sie die Mappe hier, ich werde in Ruhe alles durchsehen. Wenn ich fertig bin, rufe ich sie an.“
Die anderen Nachbarn kannte ich überhaupt nicht. Dort ging es mir noch schlechter. Sie wollten nicht unterschreiben, auf gar keinem Fall. Sie hatten ja auch die Garage gemietet, die sie nicht aufgeben wollten. „Ja und dann wollen Sie auch noch anbauen? Dann kommt der Anbau viel zu nah an unsere Grenze.“ Der Nachbar nahm einen Meterstab und zeigte, dass wir lt. Bauvorschrift 30 cm zu nah an die Grenze kamen.
Da war aber die Mauer, zwischen den Grundstücken und die war auf unserem Grundstück und genau 30 cm breit. Mein Schwager, der Architekt hatte das schon ganz genau berechnet. Am Ende ließ ich die Mappe dort, und fuhr unverrichteter Dinge nach Hause.
Martin konnte es nicht fassen, denn er hatte beide Nachbarinnen als nette Frauen gekannt. Als das Museum wieder aufmachte klagte ich meinem Kollegen mein Leid. Seine Frau war am Landratsamt und die sollte sich genau erkundigen, ob die Nachbarn den Umbau verhindern konnten.
Er kam mit der Nachricht, dass eine der beiden Frauen, den Anbau verhindern wollten. Sie hatten ihre Einwände mitgeteilt und die waren zurückgewiesen worden. Wenn sie nicht unterschreiben würden, dürften wir trotzdem nach den Handwerker-Ferien beginnen, um- und anzubauen.
Wenige Tage später rief die Geschäftsfrau an, sie hatte jetzt alles durchgelesen und es gäbe noch Gesprächsbedarf. Ich fuhr noch am gleichen Tag die Mappe zu holen, denn es war mir inzwischen gleich ob sie unterschrieben war oder nicht. Die Geschäftsfrau war auch geschäftstüchtig. „Warum nehmen Sie nicht wieder eine Speicherheizung? Waren Sie nicht zufrieden?“, fragte sie, als ich kam. Ich wollte aber Gasheizung und ließ mich nicht überreden. Da hatte ich sie schon ein wenig erzürnt: „Aber ich dulde keinen Gastank zwischen unseren Häusern!“ Teilte sie mir nun mit.
Ich bemerkte: „Haben Sie die Baubeschreibung nicht richtig gelesen? Wir bekommen Erdgas.“ „Ja“, kam es jetzt wieder von ihr, „wir wollen aber auch etwas verdienen. Dann müssen sie wenigsten die Elektro-Installation an uns vergeben.“
Nun musste ich schon wieder bedauern, denn die Leitungen wollte mein Mann selbst verlegen. Da blieb also ein Standboiler, eine Klingelanlage und ein Zählerkasten, das konnte ich ihr zusichern. Widerwillig nahm sie einen Kugelschreiber und unterschrieb.
Danach fuhr ich schlecht gelaunt nach Hause. So ein Theater, nur weil ich keine „Eingeborene“ war, wollte man mich auch nicht als Nachbarn. Nachbarn hatte ich mir anders vorgestellt. Bei den anderen Nachbarn hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt unterschrieben.
Wir sprachen mit dem Maurermeister, und der versprach nach den Ferien sofort zu beginnen. Bis dahin, würde die Mieterin wohl ausgezogen sein, hoffte ich. Unser Schwager änderte den Bauplan, und setzte den Anbau 30 cm zurück.
Wenige Tage später rief die andere Nachbarin an. Sie klang sehr freundlich: „Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, wir kaufen Ihnen das Haus für 50.000 Mark ab.“ Sauber, dachte ich, sie will von mir 30.000.-- Mark geschenkt. Ich fragte sie nach dem Grund, warum ich ihr so viel Geld schenken sollte.
Daraufhin meinte sie: „Eigentlich brauchen wir das Haus auch nicht, Hauptsache wir können die Garage weiterhin benutzen.“ „Ja sicher“, antwortete ich sarkastisch, und wir stellen unser Auto auf die Straße. Nun konnte ich die Mappe holen, sie hatten unterschrieben. Als ich die Mappe in der Hand hatte, sagte ich klar und deutlich, dass sie die Garage räumen müsste, sobald die Mieterin ausgezogen sei.
Die wiederum behauptete nach Ostern ausgezogen zu sein und stellte die Mietzahlungen ein. Als sie dann 4 Wochen später den Schlüssel brachte, war das Haus immer noch nicht ganz geräumt. Ich machte gute Mine zu ihren Mätzchen, denn wir hatten ja noch Zeit bis der Bagger kam.
Wir stellten fest, dass wir jetzt keine zwei Autos mehr brauchten. So verkaufte Martin meinen Bus genau zu dem gleichen Preis, wie er ihn vor drei Jahren gekauft hatte. Den Anhänger behielten wir noch für den Umbau, und den danach anstehenden Umzug. Ich trennte mich ungern von meinem Auto. Aber wir hatten ja Martins Auto, und das war auch mit Anhängerkupplung.
Martin und ich gingen sooft es ging in unser Haus, und fanden dort auch immer etwas zu tun. Ein Bekannter zeigte mir, wie man Fliesen verlegt und ich legte den Heizraum, der auch Waschraum werden sollte, mit Klinker aus. Dabei hatte ich die Kellertür offen, und der Nachbar schaute neugierig was ich machte.
Ich sagte: „Guten Tag, hier wollen wir den Heizungskeller machen.“ Der Mann gab mir keine Antwort, und ich entschloss, mit ihm nie wieder ein Wort zu wechseln. Was ich natürlich nicht wissen konnte, er trug ein Hörgerät, und das schaltete er nur im äußersten Notall ein.
Hannah kam jetzt in das Alter, in dem sie gern Markenjeans getragen hätte. Sie wollte die selbst genähten Sachen nicht mehr so gern anziehen. Nun hatte sie von einem Secondhandshop gehört, in dem es so etwas oftmals günstig gab.
Sie suchte nach etwas, was sie dort verkaufen konnte. Ich fand ein Paar neue Schuhe von mir, die unbequem waren und gab sie ihr. Sie nahm ihr Taschengeld und Helena mit und ging in den Laden. Die Schuhe nahm man ihr dort ab, bezahlen wollte man die erst, wenn sie verkauft waren. Markenjeans fand sie auch keine, aber sie kaufte für ein paar Mark ein Kleid für Helena.
Ich glaube, als ich das Kleid sah, wurde ich kreidebleich. Es sah fast genau so aus wie mein blau-weiß-kariertes Seidenkleid. Ich hatte es mitgenommen, als wir von zu Hause weg mussten. Es hatte meiner Schwester Lilibeth gehört und Mutti wollte nie, dass ich es anzog. Aber dieses Kleid war nicht aus Seide, es war aus Batist. Helena mochte das Kleid, und weil sie merkte, dass es mir gefiel, trug sie es besonders gern.
Helena ging, als das Freibad eröffnet war, mit ihre Freundin Katja fast täglich zum Schwimmen. Meistens war Katjas Mutter dabei. Sie hatte inzwischen eine schöne gesunde braune Hautfarbe. Hannah wollte auch braun werden, denn nicht nur Helena, sondern auch einige Mädchen aus ihrer Klasse waren schon schön braun.
Sogar Hannahs Freundin, die Lisa aus dem Nachbardorf. „Ach“, fragte Hannah, „Lisa wie machst du es nur, dass du so schön braun bist?“ Lisa, die von einem Bauernhof stammte, erklärte: „Ganz einfach, ich creme mich dick mit Melkfett ein, dann lege ich mich ins Gras an den See.“
Melkfett hatten wir auch noch, von unseren Ziegen her. Hannah bediente sich daran und fuhr mit ihrem Fahrrad an den Waldsee. Dort legte sie sich ins Gras, in die pralle Sonne mit einem Buch. Als sie das Buch gelesen hatte, und die Sonne hinter den Bäumen verschwunden war, überprüfte sie erwartungsvoll den Bräunungsgrad an ihrem Körper.
Das Ergebnis war umwerfend, Sonnenbrand fast überall. Hannah tat mir leid, sie brauchte jetzt eine gute Salbe. Ich fuhr zur Apotheke und besorgte sie. Einige Tage litt sie, danach schälte sich die Haut. Es dauerte lange bis sie diesen Vorall vergessen konnte.
Früher, als wir erwartet hatten, schickte der Maurermeister einen Bautrupp. Die hoben den Keller für den Anbau aus, und betonierten auch gleich. Dann fingen die Handwerker-Ferien an und der Keller hatte Zeit zum Austrocknen.
Martin und ich hatten jetzt immer etwas zu tun, wir nutzten jede freie Minute. So fing mein Mann früh um sechs Uhr an, den alten Putz von dem Haus abzuklopfen. Eine Nachbarin, die zwei Kinder hatte, eines war 13 Jahr und eines 15 , machte das Fenster auf und rief: „Machen Sie nicht so einen Lärm, die Kinderle schlafen noch.“ Mein Mann war verärgert, denn so laut war er wirklich nicht.
Bis zu Fertigstellung unseres Umbaus, waren wir täglich auf der Baustelle. Martin verlegte zuerst alle Elektro Leitungen, bis zum Anschluss an den Zählerplatz. Sein Freund ein Elektro-Meister kam hin und wieder vorbei und kontrollierte die Arbeiten.
Ich verlegte sämtliche Fliesen und verklinkerte ganze Innenwände, als Kontrast zu der vorgesehenen Holzverkleidung. Das ganze Haus wurde isoliert. Wir kamen gut voran, und ließen zum Schluss eine neue Treppe einbauen.
Hannah und Helena kamen öfters vorbei um zu zuschauen, die andere Zeit verbrachten sie mit ihren Freundinnen. So kam es dann, dass die Mädchen eine Fahrradtour machten von der ich nie erfuhr, wohin die Mädchen wollten. Sie landeten schließlich auf der Schnellstraße, dass sie dort alle lebend wieder herunterkamen, war sicherlich nicht nur reiner Zufall. -Leider kann ich darüber nicht mehr berichten, denn die Kinder hielten dicht, und verrieten nichts.-
Es war schon längst Herbst, und ich musste nur noch den Küchenboden fliesen, dann konnten wir einziehen, Also ging ich nach dem Abendessen mit Hannah zusammen die Fliesen zu verlegen. Sie trug den Fliesenkleber auf und ich verlegte die Platten. Wir waren ein gutes Team und wurden mit dem Verlegen fertig.
Jetzt konnte ich am nächsten Tag verfugen. Meine Arbeit war fertig. Das Gestell für die Treppe war auch schon da, bis auf die Stufen, die sollten nach dem Umzug geliefert und montiert werden. Solange mussten wir uns mit behelfsmäßigen Stufen aus Bauholz begnügen.
Die Kinder und ich fingen an, Kartons zu packen. Der Umzug konnte beginnen!
Wir freuten uns, denn unser umgebautes Haus, war richtig schön geworden. Zuerst bauten wir die Betten auf, damit unsere Nachtruhe gesichert war. Dann brachten wir nach und nach alles in unserem Haus unter. Als letztes holten wir das Holz. Das warfen wir gleich in den Keller für die Heizung.
Wir waren angekommen! Endlich hatten wir wieder ein geregeltes Hauswesen. Die Kinder hatten nicht weit zur Schule. Helenas Freundin wohnte auf der anderen Straßenseite. Keine fünf Minuten entfernt, war das Haus der Oma.
Jeden Tag mehrmals sagte ich: „Passt auf, auf der Treppe!“ Aber wie es so ist bei Kindern, die vergessen schnell, und eines abends passierte es: Die Kinder sprangen nebeneinander die Treppe herab wobei Helena das Brett verfehlte und fast abgestürzt wäre. Sie war auf einen Eisenträger gefallen, der sie vorm Absturz zwar bewahrte, aber Helena weinte, es muss unwahrscheinlich schmerzhaft gewesen sein. Wir holten sie aus der misslichen Lage heraus und legten sie aufs Sofa. Schon kurze Zeit später vergaß sie ihren Schmerz und war wie gewohnt, gut gelaunt.
Noch am nächsten Tag wurde die Treppe fertig gemacht.
Das Puppenhaus und die Eisenbahn wollte keines der Mädchen mehr ins Zimmer, so stellten wir es vorerst auf den Flur, wir dachten daran, es zu verkaufen und gaben eine Anzeige auf. Da es ja nicht mehr lange bis Weihnachten war, meldete sich ein älteres Ehepaar, die es für die Enkel kaufen wollten.
Sie waren hellauf begeistert von dem Haus und nahmen auch die Kinder Sitzgruppe mit, die mein Mann gemacht hatte, als unsere Kinder noch klein waren. Die Eisenbahn wollte niemand, deshalb zersägte mein Mann sie und warf das Holz zum Brennholz.
Als ich das Holz morgens in die Heizung warf, stank die ganze Gegend nach dem Material. Einer unserer Nachbarn kam und beschwerte sich lautstark.
Martin erklärte ihm, dass wir nur ein Jahr mit Holz heizen mussten, dann bekämen wir Erdgas. Ja, Erdgas wollte er dann auch haben, gut dass er davon erfuhr.
Im Museum war wieder Winterpause, und ich hatte Zeit, Vorhänge für alle Fenster zu nähen. Wir lebten uns schnell ein. Hannah und Helena unterdessen meinten jetzt unbedingt ein Haustier haben zu müssen.
Eh ich mich versah, brachten sie ein Meerschweinchen und eine Rennmaus, beides im Käfig. „Das kommt mir nicht in die Wohnung!“, fauchte Martin, der sich besonders vor Mäusen fürchtete. Sie stellten die Käfige in den Heizraum, wo auch meine Waschmaschine stand. Ich lies den Kindern die Freude, verlangte aber, dass sie die Tiere selbst versorgen sollten.
So saßen sie eines Tages auf der Kellertreppe und spielten mit ihren Tieren, als die Rennmaus sich mal schnell im Haus umsehen wollte. Helena suchte verzweifelt nach ihrer Maus, und mein Mann bekam mit, dass diese frei herumlief. „Seht zu, dass ihr die Maus findet, sonst mache ich heute Nacht kein Auge zu!“ Jetzt war mein Mann richtig zornig.
Schon beim Abendessen hatte er keine Ruhe. Dann ging er gleich ins Bett und machte die Schlafzimmertür zu. Wir suchten weiter nach der Maus, konnten sie aber nicht finden. Schließlich gingen die Kinder auch ins Bett. Nachdem ich noch einmal den Keller durchsucht hatte, ging ich auch Richtung Schlafzimmer.
Zwischen Treppe und Helenas Zimmer, war eine Ecke, die mein Mann noch nicht fertig verkleidet hatte. Dort hatte er nur das Lattengerüst angebracht, an das die Holzbretter genagelt werden sollten. In einer Ecke von dem Gerüst, funkelten zwei schwarze Knopfaugen. Beherzt fasste ich zu, und hatte das Mäuschen in der Hand. Stolz ging ich damit ins Schlafzimmer, um meinem Mann zu beweisen, dass die Rennmaus nicht mehr herum rannte. Als mein Mann die Maus erblickte, schrie er und sprang aus dem Bett.
Zum Glück hatte ich das winzige Tierchen richtig gut in meiner Hand. Sonst hätte es wohl vor Schreck die Flucht ergriffen. Ich brachte es zurück in in den Käfig und machte das Türchen gut zu.
Hannah trat dem Musikverein bei und lernte Trompete spielen. Sie lernte schnell und gut spielen. Bald durfte sie mit dem Posaunenchor in der Kirche spielen. Sie ging gern und war zu dem Anlass immer adrett gekleidet.
Auf diese Weise lernte sie auch zwei Geschäftsfrauen aus unserer Stadt kennen, die sie und Helena einluden, mit ins Tierheim zu fahren, um mit den Hunden dort spazieren zu laufen. Hannah, Helena und Katja fuhren jetzt regelmäßig samstags und sonntags zu den Hunden ins Tierheim. Ich begrüßte das, denn nun hatten sie eine sinnvolle Beschäftigung.
Hannah nahm Helena mit in den Musikverein. Helena schloss sich dem Spielmannszug an, und lernte Querflöte spielen.
Hannah, mit ihrem bezaubernden Lächeln, und Helena die einfach liebenswert war, kannte bald jeder in der Stadt. Wir waren stolz auf unsere Mädchen. Wir hatten nun zwar ein schönes Haus, aber wir hatten Schulden, die uns keinen Luxus erlaubten. Die Mädchen passten sich an und waren sehr bescheiden.
Als am Ende der Sommerferien das große Stadtfest war, gingen wir auf den Festplatz. Zuerst machten wir eine Runde über den ganzen Platz, um uns alles anzusehen. Dann konnten wir in Ruhe entscheiden, für welche Attraktionen wir unser knapp bemessenes Geld ausgeben wollten.
Eine junge Mutter sprach mich an: „Sie haben aber brave Kinder, die quengeln ja gar nicht.“ Nein, das machte meine Beiden wirklich nicht, aber jetzt war es an der Zeit, dass sie sich entscheiden mussten. Sie bekamen ihr Geld und stellten sich in die Warteschlange bei einem Karussell. Dann fuhren sie noch mit der Berg- und Talbahn und Boxauto. Den Rest gaben sie für Lose aus. Eine der beiden gewann sogar, und wählte etwas für meinen Haushalt aus, was ich sehr rührend fand.
Wie im Vorjahr, brachte Hannah wieder ein sagenhaftes Zeugnis nach Hause. Ich wurde zur Schule gebeten. Dort warf man mir vor, Hanna die Zukunft zu verbauen, weil ich sie nicht auf das Gymnasium geschickt hatte. Sie hatten ja Recht, aber ich erzählte von ihren Startschwierigkeiten. Ich erzählte von meiner Sorge, dass sie plötzlich wieder in der Schule nicht mehr mitmachen wollte.
Ich sollte Hannah beim Aufbau-Gymnasium anmelden. Für das Gymnasium am Ort, sei sie nun etwas zu alt. Mir wurde das Internat empfohlen, welches mehr als eine halbe Autostunde entfernt war. Das ganz in der Nähe hier ein Tagesinternat war, verschwieg man mir.
Wir besichtigten das Internat und es war in einem großen Schloss. Hanna gefiel es und sie wollte gern dahin.
Das Schulgeld war genau so fürstlich wie die Unterkunft.
Jedes zweite Wochenende sollten die Schüler nach Hause fahren. Mein Mann und ich rechneten und kamen zu dem Schluss, dass wir es möglich machen konnten. Ich suchte mir erneut einen Zeitungsbezirk und trug morgens wieder Zeitungen aus.
Hannah sollte auf die beste Schule, wir wollten ihr nichts verbauen, und wenn sie wollte, dann sollte sie auch studieren.
Hannah packte ihren Koffer und war voller Reisefieber. Mir fiel es schwer, sie so jung aus dem Haus zu geben, aber alle zwei Wochen durfte sie ja nach Hause. Auch für Helena war es eine Umstellung, jetzt war sie allein im großen Haus, bis wir von der Arbeit kamen. Das gefiel Helena nicht und ich erlaubte ihr mit dem Bus wieder zum Museum zu fahren. Da konnte sie ihre Hausaufgaben machen und mittags essen.
So verging der Sommer, mein Mann hatte Geburtstag, und wir machten nur eine kleine Feier. Wie immer schenkten wir meinem Mann eine Schachtel Pralinen, die er wie jedes Mal in seinem Schrank , unter den Pullovern versteckte. Er bewahrte in seinem Schrank zwei Pullover auf, die er vor mehr als vor dreißig Jahren gekauft hatte. Das Geschäft gab es schon längst nicht mehr. Die Pullover zog er nie an, aber trennen wollte er sich nicht davon.
Freitags holten wir Hannah ab, Helena fuhr meistens mit mir. Langsam kannten wir die Strecke und nach dem dritten Mal, verliefen wir uns nicht mehr in dem großen Schloss. Hannah lernte Klavier spielen und blies weiterhin Trompete. Zwei Instrumente mussten alle Schüler spielen. Das Zimmer teilte sie mit zwei weiteren Mädchen. Die meisten hier waren aus reichem Hause. Fast hatte ich den Eindruck, dass sie nicht so richtig hier her passte, jedoch Hannah gefiel es.
An dem Wochenende an dem sie daheim war, ging sie weiterhin mit dem Posaunenchor und spielte in der Kirche. Auch ins Tierheim ging sie mit Helena. Dort hatten die Mädchen schon ihre Lieblinge. Helena hatte Sat gefunden, eine Schäferhund, der nach Angaben des Tierheimes nicht vermittelbar war. Hannah hatte Gat ins Herz geschlossen, ein langhaariger Bobtail-Mischling.
Immer, wenn die Mädchen keine Mitfahrgelegenheit hatten, fuhr ich mit den Kindern ins Tierheim. Bei meinem ersten Besuch wurde ich freudig von einem Bernhardiner begrüßt. Der hatte mich wohl verwechselt, denn als ich mich von weitem erblickte, gab es für ihn kein Halten.
Mit Riesensprüngen, sprang er direkt auf mich zu und leckte mir mein Gesicht. Fast wäre ich umgefallen, so herzlich hatte ich mir den Empfang nicht vorgestellt. Helena hatte einen Patenhund, den lernte ich auch kennen. Ein sehr schönes Tier, Eines Tages wurde der Hund vermittelt, Helena begleitete den Hund zum Auto des neuen Besitzers und weinte. Für sie war das Tierheim, am Wochenende ihr zu Hause. Hannah ging nicht immer mit, sie blieb öfters mal zu Hause.
Samstags backten wir immer einen Kuchen. Hannah fand Gefallen am Torte backen. So machte sie so oft sie durfte eine Schokoladen-Buttercreme-Torte. Als unterste Schicht nahmen wir immer Apfelmus, statt Buttercreme, das machte die Torte bekömmlicher, den Tipp hatte ich von Mutti. Hannah war immer sehr stolz auf ihre Torten, die sie dazu auch noch kunstvoll verzierte. Wir wurden nicht müde, sie zu loben.
Jetzt ging es schon wieder auf Weihnachten zu und ich fuhr mit meinen Mädchen zum Einkaufen. Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Drum reichte ich Hannah den Einkaufszettel und bat sie, selbständig einzukaufen. Ich sah nur noch verschwommen und mir war schlecht. Nicht einmal beim Metzger war ich in der Lage eine Wahl zu treffen.
Hannah und Helena machten das gut. Ich musste nur noch mit dem Auto sicher nach Hause kommen. Das war schwierig, denn jetzt fing ich auch noch an zu weinen, obwohl ich das gar nicht wollte. Hannah lotste mich sicher durch die Stadt nach Hause.
Dann übernahm sie das Kommando. Sie packte mich warm in unseren großen Sessel, machte schnell ein wenig zum Essen und kümmerte sich unermüdlich um mich. Mein Mann stellte fest: „Das sind Migräne“ Er holte ein Kranken-Pflegebuch und suchte nach einem Hausmittel, denn inzwischen hatten alle Läden zu.
Kopfweh-Tabletten halfen nicht, auch kein Kaffee mit Zitrone. Die Zeit verging und wir wollten doch in die Kirche. Hannah probierte alles aus, was mein Mann in seinem Buch fand. Nichts wollte helfen. Als letzte Hoffnung war da noch der Vorschlag den Saft einer Zitrone direkt in die Nase zu träufeln.
Zitrone hatten wir und eine Pipette auch. Die Mädchen ließen den Saft in meine Nasenlöcher tropfen und es dauerte keine fünf Minuten, da war alles vorbei. Ich hatte keine Schmerzen mehr und konnte wieder klar sehen. Hannah ging allein in die Kirche, weil sie ja spielen musste und Helena und ich bereiteten das Christfest vor. Den Weihnachtsbaum hatten die Kinder schon am Vortag geschmückt.
Leute aus der Nachbarschaft, brachten Hannah nach dem Gottesdienst bis vor die Haustür.. Mir ging es wieder gut, und wir hatten einen wunderschönen Heiligabend. Beim Singen begleitete uns Hannah auf der Heimorgel. Wir fanden es war besonders festlich.
Am nächsten Tag besuchte Tina uns mit ihrer Familie. Tommy hatte jetzt eine neue Brille die kleidete ihn besser als die erste, und sie war bruchsicher. Das war ganz wichtig, denn Tommy war in dem Alter, in dem Buben Fußball spielten. Alex sah schlecht aus, ich fragte: „Ist Alex krank, er ist so blass!“ Ja Tina wollte mit ihm, zu einem anderen Arzt gehen, denn er nahm stetig ab.
Schon wenige Tage später, bekam Tina beim Arzt das Ergebnis der Untersuchungen: Alex hatte Jugenddiabetes. Während Alex im Krankenhaus mit Medikamenten eingestellt wurde, lernte Tina wie sie ihren Jungen zu versorgen hatte. Ihr bisher fast sorglose Leben hatte sich über Nacht geändert.
Jetzt musste sie jedes Stück Brot abwiegen und alles berechnen was Alex in den Mund schob. Ich kaufte für Alex ein Diabetiker-Kettchen, da war ein Anhänger daran, in den hatte Tina einen Zettel gesteckt mit Angaben zur Medizin, falls der Junge mal irgendwo in den Unterzucker kam.
Bald darauf fuhr Alex mit der Schulklasse in die Alpen auf eine Berghütte. Tina hatte lange überlegt, ob sie ihr Kind mitfahren ließ. Die Begleiter hatten jedoch versprochen auf Alex besonders zu achten, und so packte sie für ihn den Koffer. Voller Vorfreude stieg er in den Bus. Ein paar Stunden später merkte Tina, dass er sein Diabetiker-Täschchen gar nicht mitgenommen hatte. Sie war ratlos. Helena, Tina, Tommy und ich fuhren jetzt zur, zum Glück bekannten Adresse. Es war schon dunkel, als wir in dem Ort ankamen.
Zum Glück trafen wir einen Mann, der uns den Weg zur Berghütte zeigte. Alex bekam seine Medizin, früh genug zum Abendessen. Wir kamen spät in der Nacht wieder zu Hause an.
Der Schnee fing langsam an zu schmelzen und die Straßen waren wieder einmal spiegelglatt. Mein Mann war mit dem Auto unterwegs, als in einer Kurve ein anderes Auto genau in seinen Wagen rutschte. Martin hatte unwahrscheinliches Glück, das Auto nicht. Die Frau aus dem anderen Fahrzeug hatte einen furchtbaren Schreck bekommen. Sie war eine Kollegin von Martin. Er krabbelte aus seinem demolierten Wagen und sagte: „Hedi, wenn du mir grüß Gott sagen wolltest, hättest du mir auch winken können.“
Das war jetzt ein guter Grund, eine neues Auto zu kaufen. Da wir sowieso Schulden hatten, kam es darauf jetzt auch nicht mehr an. Das neue Auto war auch viel einfacher zu fahren, es gefiel mir. Wir ahnten noch nicht, dass es ein kleines hinterlistiges Miststück war.
In der Karnevalszeit waren meine Mädchen nur unterwegs. Helena lief mit dem Spielmannszug und spielte Querflöte. Dann ging es in die Stadthalle zum großen Ball, nach dem Umzug.
Hannah hatte ihr Kostüm selber gemacht: Ein Haufen schwarz und pinkfarbener Tüll. Sie wollte aussehen wie Madonna. Das war bei den Backfischen zu der Zeit der große Hit. Helena trug noch einmal das "Piroschka-Kostüm", das ich vor Jahren für Hannah genäht hatte. Es war wunderschön und noch wie neu. Nach dem Fasching würde ich es verschenken, denn es war jetzt schon fast zu eng.
Inzwischen war die Erdgasleitung verlegt und wir bekamen unseren Hausanschluss. Wir mussten eine Firma bestellen, um unser Kamin für die Gasheizung zu verengen. Als wir umbauten, hatten ein schönen neuen Kaminaufsatz mit einem Dächle, als Abschluss für den Schornstein gekauft. Die Handwerker versprachen, das vor den Arbeiten abzunehmen, und später wieder anzubringen. Schon beim Abbau machten sie es kaputt, was mich sehr verärgerte.
Nach zwei Tagen waren die Arbeiten beendet, der Brenner ausgetauscht und wir konnten die neue Gasheizung testen. Es funktionierte einwandfrei. Meine Freude wurde durch die Rechnung jedoch getrübt, da man mir den neuen Kaminabschluss auch berechnete, obwohl ihn die Handwerker kaputt gemacht hatten.
Am Tag vor dem Muttertag, taten meine Töchter sehr geheimnisvoll. Sie führten etwas im Schilde. Im Geheimen freute ich mich schon, denn Hannah und Helena waren immer für eine Überraschung aufgelegt. Am Morgen durfte ich ausschlafen, das gehörte bei uns zum Muttertag dazu.
Martin hatte Sonntagsdienst und ich stand auf, ihm das Frühstück zu machen. Als er das Haus verlassen hatte, ging ich brav wieder ins Bett, um meine Mädchen nicht zu enttäuschen.
An Schlaf war nicht mehr zu denken, denn ich war es gewohnt früh aufzustehen. So wälzte ich mich hin und her und wartete darauf, dass die Kinder mich "weckten."
Endlich durfte ich aufstehen. Als ich im Bad war, schaute Helena durch den Türspalt und sagte: "Der Kaffee ist fertig." Dann wartete sie gespannt auf mich. Wir gingen gemeinsam in die Stube, wo sie den Tisch für mich gedeckt hatten.
In einer Vase stand ein Blumenstrauß aus unserem Garten. Daneben eine Mocca Torte, wunderschön, garniert mit Schokoladen-Bohnen.
Mir kamen fast die Tränen, wieviel Mühe hatten sie sich da gegeben! Hannah schenkte den Kaffee ein und gemeinsam legten sie mir ein Stück Torte auf den Teller. Auch Hannah und Helena nahmen von der Torte und wir hatten ein festliches Frühstück. Ich lobte die Torte, und Hannah betonte, dass ihr Helena dabei geholfen hatte.
Gemütlich beendeten wir unser Frühstück und die Kinder liefen, das Geschirr abzuräumen.
"Schmeckt dir die Torte?" fragte Helena. "Ja, die ist richtig köstlich", betonte ich noch einmal lobend. Helena hatte so ein seltsames Grinsen im Gesicht, und hakte noch einmal nach: "Und die Schokobohnen? Waren die auch gut?" "Aber sicher, ich hatte noch nie so eine leckere Torte", versicherte ich mit Nachdruck.
"Die Schokobohnen waren alle weiß angelaufen, aber weil heute kein Geschäft offen hat, um neue zu kaufen, haben wir die ganzen Schokobohnen einzeln abgelutscht." Wusste Helena zu berichten. Hannah schaute mich ängstlich fragend an. Ich musste schmunzeln und mutmaßte: "Vielleicht schmeckt die Torte ja deshalb so lecker."
Als mein Mann vom Dienst heim kam, tranken wir gemeinsam Kaffee, über die Herstellung der Torte wurden nun nicht mehr gesprochen.
Meine Stelle im Museum hatte ich aufgegeben, und einen Laden gemietet, der fünf Minuten von unserem Haus entfernt war. Hier eröffnete ich ein Geschäft mit Stoffresten und Handarbeitsgarn. Zu der Zeit war Nähen ein beliebtes Hobby der Hausfrauen.
Auch Bastelmaterial hatte ich im Angebot. Bei der Eröffnung half mir Tina sie hatte ihre Kinder an dem Tag bei ihrer Schwiegermutter untergebracht. Da das Geschäft außerhalb der Stadt war, florierte es nicht gerade umwerfend.
In meinem Angebot hatte ich auch Trachtenröcke, die waren bei den Kurgästen sehr beliebt. Die Damen schaute die Röcke durch und probierten sie an. Dann kam immer der gleiche Satz: „Wenn Sie den Rock, in der der Größe, in dieser Farbe hätten...“ Dabei war ich darauf bedacht, nie zwei gleiche Röcke im Sortiment zu haben.
Ich hatte das Gefühl, immer alles falsch zu machen.
Für Helena war jetzt eine schöne Zeit angebrochen. Wenn sie von der Schule kam, war ich meistens schon zu Hause. Nach dem Essen ging sie mit mir ins Geschäft. Dort machte sie ihre Hausaufgaben, anschließend spielte sie in dem großen Lagerraum unter dem Laden, mit ihren Figuren aus den Überraschungseiern.
Für die bastelte sie aus Karton oder Holz. Sie machte eine Schlumpf-Schule, eine Hollywood-Schaukel und ganze Schlumpf-Ortschaften. Damit konnte sie sich stundenlang beschäftigen und ich vergaß oftmals, dass sie da war. Wenn dann ihre Freundin Katja kam, gingen sie zusammen auf den Spielplatz oder in den Wald. Sie fanden immer etwas aufregendes zu entdecken.
Es war nicht weit bis in den Seewald. Helena und Katja kannten dort jeden Winkel. Am Waldrand war ein großer Tümpel. Dort hausten kleine Enten. Der Wald um den Tümpel herum war sumpfig, und es ragten umgefallene Bäume aus dem Wasser heraus. Katja hatte den Teil des Waldes „Urwald“ benannt.
Sie kam also nachdem sie ihre Hausaufgaben gemacht hatte, und fragte: „Gehen wir in den Urwald?“ Helena war begeistert und wollte gleich los. Ich gab zu bedenken, dass es unlängst Tauwetter hatte, und vielleicht der Boden matschig war. Ich kannte die Stelle im Wald nicht und da Katjas Mutter es erlaubt hatte, machte ich mir keine Gedanken, denn die war immer besonders fürsorglich.
Als ich um sechs Uhr meinen Laden abschloss, stand Helena neben der Tür, sie schaute mich beschämt an. „Bist du böse auf mich?“, kam es leise über ihre Lippen. Ich hatte noch nie so ein schmutziges Mädchen gesehen. Sie war ein Fall für die Badewanne und ihre Kleidung triefte vor Dreck. Ach sie hatten so schön gespielt, und des Nest der Enten entdeckt, das mitten im Tümpel war. Da wollten sie natürlich nachsehen, ob Eier in der Höhle waren.
Mutig kletterten sie von einem Baumstamm zum anderen geklettert. Die meisten aber waren so morsch, dass sie auseinander brachen. Aber was sich die Mädchen vornahmen, das wurde auch zu Ende gebracht. So manches Mal rutschten sie in den dreckigen Teich, und erreichten unter höchsten Schwierigkeiten das Entennest. Es waren noch keine Eier in der Höhle. Die beiden Entenforscher traten unter den gleichen beschwerlichen Umständen den Rückweg an. Sie waren stolz auf ihre Expedition. Was sollte ich dazu noch sagen?
Katjas Eltern waren noch toleranter als ich. Mit ihrer verschmutzten Kleidung kam sie allerdings auch nicht so gut an. Daraufhin bestimmte Katjas Vater: „Expeditionen in die Wildnis, in Zukunft, nur noch unter meiner Führung!“ Die Abenteuer-Ausflüge mit Katjas Vater waren immer ein Höhepunkt. Damit es nicht wieder so feucht endete, suchte er trockenere Gebiete aus.
In den Kliniken wurden laufend Bastelkurse angeboten. Die Frauen kamen meistens zu mir, um das Material zu kaufen. Sie bastelten Rupfenpuppen, was damals der totale Hit war. Da sich die Frauen auch noch beklagten, dass die Kurse immer überbelegt waren, kam mir die Idee auch Kurse anzubieten.
Ich hatte Platz genug in meinem Geschäft, und den großen Tisch, den mein Mann mal als Feststagstafel gemacht hatte. Stühle hatte ich auch genug. Also malte ich ein Schild fürs Schaufenster: Jeden Mittwoch Bastelkurs.
Das schlug ein wie eine Bombe. Ich hatte den Kurs immer voll. Bald gab es zwei Kurse am Mittwoch, einen am Nachmittag und einen am Abend. Ganz nebenbei kauften sie auch noch Röcke und andere Artikel. Bei mir waren nicht nur Frauen willkommen, es kamen auch Männer zu den Bastelstunden.
Helena half geduldig den Leuten, wenn sie mal nicht weiter kamen. Sie war immer mit am Tisch. Während ich damit beschäftigt war, die Haare auf die Köpfe zu kleben. Die waren aus Hanf, und ließen sich mit etwas Geschick vielseitig gestalten.
Wenn wir keine Kurse hatten, bereiteten wir die Stoffe für den nächsten Kurs vor. Wir nähten Spitzen an den Säume der Röcke und Blusenstoffen und bereiteten Schürzen vor.
Tina nähte in Heimarbeit den größten Teil der Puppenröcke. Sie freute sich, dass sie mir helfen konnte.
Helena hatte auch Talent zum Nähen und half auch gerne. Als sie einen schönen Rest Spitzenstoff hatte, machte sie daraus eine Schleife und legte sich die Schleife auf den Kopf. Lachend fragte ich: „Was wird das?“ Helena lachte und sagte das, was ich immer zu meinen Mädchen gesagt hatte, wenn ich ihnen eine Schleife ins Haar band: „Schön Mädele machen.“ Wir lachten, und nach einer Weile dachten wir nicht mehr an die Schleife aus Spitze. Dann kam eine Kundin und schaute Helena grinsend an. Ein ganz klein bisschen war es uns peinlich.
Wenn wir den Kurs voll hatten, und die Puppen fertig waren, wollten immer alle so schnell wie möglich bezahlen. Ich war so froh, dass Helena dann bei mir war, denn ich konnte mir doch keine Gesichter merken. So wusste ich nie, wer bezahlt hatte und wer noch zahlen musste. Helena packte die Puppen in eine Tüte, während die Dame bei mir bezahlte, wer seine Puppe nicht in der Tüte hatte, musste noch bezahlen.
So verging die Zeit und es waren wieder Sommerferien. Helenas Zeugnis war gut und Katja und Helena wechselten aufs Gymnasium. Ein zweites Mal wollte ich keinen Fehler machen. Wir holten Hannah ab, und sie brachte auch ein gutes Zeugnis. Ich hatte zwar im Geheimen geglaubt, dass Hannah ein ausgezeichnetes Zeugnis brachte, das hätte ihr nämlich zu einem kostenlosem Platz im Internat verholfen. Aber so gut war es nun leider nicht.
Die Kosten für das Internat hatten aufgeschlagen ab dem neuen Schuljahr mussten wir 50 Mark mehr bezahlen. Im Augenblick lief ja mein Geschäft gut, und ich trug immer noch Zeitungen aus, so konnte ich es auch bezahlen. Für uns stand fest, die Schmerzgrenze war fast erreicht.
Hannah war in ihrem Zimmer im Internat, die einzige die keinen Bademantel hatte. Drum nähte ich ihr einen aus gestreiftem Frottee. Er gefiel ihr und nun wollte sie einen langen, schwarzen, Mantel, möglichst lang bis auf den Boden.
Ich weigerte mich, das Ungetüm zu nähen und schlug ihr vor, einen Popeline-Mantel, bis an die Waden zu machen. Sie suchte in den Zeitschriften nach einem Modell. Mir gefiel der Mantel überhaupt nicht, und ich wollte ihn zumindest mit farbigen Kontrasten an Kragen und Taschen verschönern. Schließlich durfte ich die Taschen von innen und den Kragen von unten mit türkis farbigem Stoff nähen.
Als der Mantel fertig war, lief sie andauernd mit ihm herum. Martin nannte ihn den „Viehtreiberkittel.“ Da fehlte jetzt nur noch ein großer schwarzer Hut. Wenn ich einen gehabt hätte, dann hätte sie ihn mit Sicherheit aufgesetzt.
Abends traf sie sich mit „Kumpels“ aus entfernten Dörfern und Ortschaften, die zum Teil als externe Schüler, das Internat besuchten. Wenn sie dann spät nach Hause kam, wurde sie immer von mindestens fünf solcher Burschen nach Hause gefahren. Ich machte mir Sorgen um Hannah.
Eines nachts, als sie wieder noch nicht daheim war, hatte ich einen furchtbaren Traum:
Hannah war die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen und ich ging morgens die Haustüre auf zuschließen. (Wir hatten zwei Haustüren, eine war direkt am Gehsteig, dann kam man in einen Vorraum, und dann kam die richtige Haustür.) Ich schloss die innere Tür auf, da saß Hannah leblos in der Ecke des Vorraumes und sah mich mit starren Augen an. -
Ich schreckte aus meinem Schlaf auf und rannte die Treppe hinunter um nachzusehen. Erleichtert stellte ich fest, dass es nur ein Traum war und ging die Treppe wieder hinauf. Hanna war in ihrem Bett und schlief, sie war also inzwischen unbemerkt ins Haus gekommen.
Hannah lief fast nur noch in schwarzer Kleidung herum. Sie brachte eine schwarze Bomberjacke, die sie als ihre Kutte bezeichnete. Sie wurde mir unheimlich, sie war in irgendwelche „Teufelskreise“ geraten. Dazu kam, dass man sich mit ihr gar nicht mehr unterhalten konnte. Eines Tages erzählte ich ihr meinen Traum und ich glaube, dass er sie nachdenklich gemacht hat.
Wenn ich morgens meine Zeitungen austrug, besonders, wenn es regnete, fragte ich mich, wie dumm ich eigentlich war? Ich quälte mich jeden Tag, damit Hannah die teure Schule besuchen konnte, und Hannah entfernte sich immer mehr von unserem Leben.
Wieder war sie abends zu ihren Kumpels gefahren, bei denen Hannah scheinbar das einzige Mädchen war. In der Nacht rief sie bei mir an, ich sollte sie abholen. Sie beschrieb mir den Weg und wollte mir entgegen kommen. Ich fuhr mitten in der Nacht über unbekannte Dörfer und kam auf die Straße, an der Hannah mir entgegen kommen wollte.
Weit und breit war nichts zu sehen. Plötzlich sah ich einen Schatten am Wegrand, der hinter einem Feldkreuz verschwand. Ich hielt an und Hannah kam hinter dem Kreuz hervor. Sie sah verängstigt aus, ich fragte nicht viel, weil sie ja nichts erzählen wollte. Mit ihren nächtlichen Treffen, war es jetzt scheinbar aus. Darüber war ich besonders froh.
Trotz allem, hatte Hannah ihre Trompete nicht vergessen, sie ging während der Sommerferien zu den Musikproben, und spielte sonntags in der Kirche. Sie ging auch ein paar mal ins Tierheim und freute sich über ein Wiedersehen mit „Gat“.
Helena und Katja gingen eine Woche lang täglich ins Tierheim und halfen bei der Reinigung der Hundeboxen. Wie jede Urlaubszeit, gingen die großen Ferien viel zu schnell vorbei. Hannah packte wieder ihren Koffer und wir brachten sie ins Internat.
Auf der Fahrt überhäufte ich sie mit Bitten, sich anständig zu verhalten, und bat sie, nicht in schlechte Gesellschaft zu gelangen. Auf dem Parkplatz trafen wir eine andere Mutter, die ihren Sohn ablieferte. Beide kannten Hannah schon und waren sehr freundlich zu ihr. Ich hoffte im Stillen, dass Hannah sich mit ihm anfreundete.
Wir begleiteten sie in ihr Zimmer und verabschiedeten uns. Helena und ich fuhren heim, und ich hatte wieder das Gefühl alles falsch gemacht zu haben.
In meinem Laden, erweiterte ich nach und nach das Angebot für Bastelmaterial, während ich die Handarbeitsgarne so gut wie gar nicht brauchte. Bald sah ich es ein, dass ich mein Stoffangebot auch verkleinern konnte. Gefragt waren fast nur noch Trachtenstoffe und die, meistens nur zum Basteln.
Aus den vorrätigen Stoffen nähte ich Röcke, im Trachten-Look. Sehr beliebt waren gestiftelte Röcke. Mit Spitzen, Biesen und Satinbändern verzierte ich die Röcke, und es fand sich immer ein Käufer dafür. So nahmen meine Stoffe ab. Helena trug gern meine Röcke, während Hannah keinen dieser Röcke wollte.
Als der Herbst einzog, machte Katjas Vater wieder mit den Kindern „Expeditionen in den Urwald.“ Die Kinder waren begeistert, von dem was sie im Wald fanden. Helena brachte wunderschöne Baumpilze, die sich zum Basteln anboten. Wir würden sie um die Weihnachtszeit in Gestecke einbauen.
Das Geschäft mit den Rupfenpuppen ließ langsam nach, aber das mit den Hexen war weiterhin aktuell. So fingen wir frühzeitig an, Besen vorzubereiten. Helena machte spaßeshalber kleine Hexen, die sie zu einem Mobile zusammen baute. Das war wieder etwas, was besonders gut ankam. Ihre Phantasie war grenzenlos, so wurden ihre Hexen immer kleiner und zum Schluss, machte sie Hexen aus den Hülsen der Bucheckern. Später malte Sie die Bucheckern golden an und machte winzige Engel, als Christbaum-Schmuck.
Ein neuer Bastel-Trend trat an die Stelle der Rupfenpuppen. Aus winzigen Perlen und dünnem Draht, wurden Bäumchen gemacht. Dazu wurden Perlen auf den Draht gefädelt, und zu Blättern geformt. Mehrere Blätter ergaben Zweige die Zweige wurden zu Ästen gedreht und alle Äste zusammen zu einem Baum zusammen gedreht. Die unteren Drahtenden drehte man zu Wurzeln und klebte das ganze auf einen hübschen Stein.
Die Bäumchen wurden zu beliebten Geschenkideen. Helena und ich hielten laufend Ausschau nach schönen Steinen.
Martin machte für uns winzige Gartenzäune, und wir klebten die auf kleine viereckige Fliesen. Dann bastelten wir Brombeeren und Himbeeren aus Perlen, und klebten die entlang am Gartenzaun. Aus den Perlen konnte man auch Schmuck basteln und Schlüsselanhänger. Es gab Vorlagenhefte und alle Kinder bastelten mit Perlen.
Ja, das waren noch schöne Zeiten, als die Kinder noch kein Handy und keinen Laptop hatten.
Ich saß, wie meistens in meiner Arbeitsecke und nähte, als Ronja zur Tür herein kam. Normaler Weise sollte ich sie kennen, denn ihre Eltern bekamen jeden Morgen von mir die Zeitung. Aber meine Zeitungskundschaft kannte ich nur, wenn sie auf ihrem Grundstück waren. Dann wusste ich sogar den Namen. Ronjas Mutter war nicht gut auf mich zu sprechen, denn ich hatte sie in der Stadt getroffen und nicht gegrüßt. Das nahm sie mir sehr übel.
Aus der Tüte holte das Mädchen eine Näharbeit, die auf den ersten Blick undefinierbar war. Der Stoff war nicht aus meinem Geschäft, das erkannte ich jedoch sofort. Was wollte sie? Ich sah ihre strahlenden Augen und sie sagte: „Wir sollen in der Schule eine Hose nähen, aber ich komme nicht klar damit. Kannst du dir das mal ansehen?“ Ich unterdrückte meine Verstimmung. „Den Stoff kauft man in einem anderen Geschäft, dann kommt man zu mir und wieso spricht sie mich mit du an? Hat sie keine Erziehung?“, dachte ich.
Sie legte die Hose auf den Tisch. Es war ein seltsames Gebilde. Stolz klärte mich Ronja auf: „Das ist eine Samurai-Hose.“ So etwas hatte ich noch nie gesehen und fragte: „Und so was kann man anziehen?“ Nun erfuhr ich, dass es ein Modehit war. Das eine Hosenbein war weiter als das andere, die ganze Hose war schief. Ich dachte: Sie wird den Stoff ungleichmäßig gezogen haben beim Nähen. Ronja musste die Hose auseinander trennen.
Geduldig saß sie am Tisch und trennte. Ich schaute alle Modehefte durch und konnte keine Samurai-Hose finden. Als die Hose auseinander war, schnitten wir das zu weite Hosenbein nach, bis es genau wie das kleinere war. Auf die Idee, dass Ronja auf der einen Seite die beiden Hinterteile und auf der anderen Seite die beiden Vorderteile zusammen genäht hatte, bin ich nicht gekommen.
Die Hose war jetzt zwar gleichmäßig, hatte aber keine Passform. Viel zu spät brachte Ronja das passende Schnittmuster. Zum Schluss kam der Reißverschluss, der letzten Endes auch schief saß. Nach der Benotung der Hose, habe ich vorsichtshalber erst gar nicht gefragt.
Ronjas Mutter war so verärgert, dass sie ihrer Tochter den Umgang mit mir verbot. Ronja musste mit der Hose zu einer benachbarten Lehrerin, aber die konnte jetzt auch nichts mehr daran ändern.
Und weil Mädchen in dem Alter immer genau das machen, was sie nicht dürfen, kam sie gleich wieder zu mir. Das schweißte uns zusammen, und plötzlich störte es mich nicht mehr, dass sie „du“ zu mir sagte.
Sie fragte nach Hannah und ich erzählte ihr, dass sie jetzt Klavier spielen lernt. Und sie mir neulich vorgespielt hatte. „Klavier spielen kann ich nicht“, sagte Ronja, „aber ich kann Gitarre spielen.“ Ronja wollte mir gefallen und so bot sie mir an: „Wenn du willst, bringe ich morgen meine Gitarre mit, dann spiele ich dir etwas vor.“ „Ja gerne, das würde mich freuen“, entgegnete ich.
Am Nachmittag kam sie mit ihrer Gitarre. Ich hatte viel Arbeit, denn es hatten sich Leute für einen Kurs angemeldet. Nun musste ich leider ins Lager zum Kleben. Denn die Rupfenpuppen bekamen ein Grundgestell aus Rupfen, der Rock wurden mit Holzkleber gestärkt. Ronja sollte oben bleiben und rufen wenn Kundschaft kam.
Sie spielte ein Stück und fragte: „Kannst du das da unten hören?“ Ja , ich konnte, und so spielte sie weiter. Ein Stück gefiel mir besonders gut und ich rief: „Spiel das nochmal, das klingt ja gut!“ Unermüdlich spielte Ronja jetzt das eine Stück, bis ich unten mit meiner Arbeit fertig war.
Was immer ich gerade machte, Ronja schaute zu, dann fragte sie: „darf ich das auch mal machen?“ Was ich ihr zeigte hatte sie sofort begriffen. Nun war es an der Zeit, dass ich eine zweite Nähmaschine brachte, sonst hätten wir uns noch um die Maschine gestritten. Eines Tages erzählte sie mir, dass ihre Mutter schwer krank war und ständig im Bett lag.
Ich meinte, sie sollte sich unbedingt jetzt mehr Zeit für ihre Mutter nehmen. „Sie nett zu ihr, und verwöhne sie,“ schlug ich vor. Traurig klagte sie, dass ihre Mutter sie immer wegschickte, sie wollte keine Pflege von Ronja. Trotzdem hielt ich sie an, immer freundlich und lieb zu ihr zu sein. Sie musste Geduld haben, später würde es ihr sonst einmal leid tun.
Die kommenden Wochen waren schwer für Ronja, denn ihre Mutter litt sehr. Eines Tages kam sie und berichtete, dass ihre Mutter gestorben war, sie war von ihrer Krankheit erlöst.
Ronja war immer gut, für spontane Einfälle, die sie dann auch prompt umsetzte. So ließ sie sich eines Tages ein Tattoo stechen. Eine schöne rote Rose von ungefähr fünf Zentimetern zierte jetzt ihre Schulter. Sie zeigte es mir und fragte: „Ist das sehr schlimm?“ Ich fand nichts Schlimmes daran, die Rose war nicht anstößig, und die Stelle, wo sie das Tattoo hatte auch nicht.
Freilich, hätte ich es nicht gern gehabt wenn meine Töchter das machen ließen, weil ein gestochenes Tattoo etwas endgültiges ist. Was ist, wenn es später nicht mehr gefällt? Ronjas Papa, regte sich furchtbar darüber auf. Es wäre besser gewesen, sie hätte es ihm nicht gezeigt.
Hannah fuhr mit ihrer Schule nach Frankreich, wo sie ein Konzert gaben. Sie war mächtig stolz und brachte mir die Aufnahme von dem Konzert mit. Wenn ich sie am Wochenende abholte, hatte sie immer mehr Taschengeld verbraucht als sie dabei hatte. Ich musste jedes Mal nachzahlen.
Eine Betreuerin führte genau Buch über die Schulden, die gemacht wurden. Ich erfuhr, dass man nun abends in die Disco ging. Die war extra für Jugendliche und ging bis neun Uhr. Das fand ich nun nicht besonders schlecht, und ich wollte es ihr nicht verbieten.
Mein Geschäft ging mal gut, und oftmals sehr schleppend. Umso mehr gab ich mir Mühe die Schaufenster zu Weihnachten schön zu gestalten. Aber es war sinnlos, das Weihnachtsgeschäft war mager. Ich hatte langsam Mühe die Kosten für Hannahs Internat aufzubringen.
Da kam mir der Zufall zur Hilfe und zwei Zeitungsausträger wurden krank. Nun trug ich fast in der ganzen Stadt Zeitung aus. Ich stand morgens um drei Uhr auf, damit ich die Kosten für das Internat zusammen bekam.
Samstag mittags wenn ich meinen Laden geschlossen hatte, fuhr ich mit Helena zum Einkaufen. Wir kauften immer nur einmal in der Woche ein. Deshalb regte ich mich auf, dass Hausfrauen, die den ganzen Tag zu Hause waren, ausgerechnet am Samstag um eins zum Einkaufen mussten. Als letztes gingen wir immer an die Fleischtheke, die war damals noch in privater Metzgerhand.
Der Metzger fing um halb zwei an, seine Theke aufzuräumen. Den Moment passte ich immer ab, denn dann bekam ich alles zum „Hackfleischpreis.“ Der Metzger kannte uns schon und holte die noch übrigen Fleischstücke. Lachend sagte er : „Machen wir wieder gemischten Braten?“
Mir war es gleich, was er mir zusammenstellte, der Einkauf bei ihm war immer preiswert und gut. Ich ärgerte mich über eine Architektin, die auch an der Theke herumlungerte, und gierig schaute ob ich ihr noch was übrig lies. Sie hatte ein gutes Büro, ein großes Haus, zwei protzige Autos und keine Kinder. Hatte sie es nötig, zum „Hackfleischpreis“ einzukaufen?
Helena und ich brachten unseren Einkauf ins Auto, räumten den Einkaufswagen weg und wollten nach Hause fahren. Als wir rückwärts ausparkten, sauste ein Mann mit seinem Auto haarscharf hinter unserem Auto her. Ich fuhr vor Schreck zurück in die Parklücke, machte den Motor aus und atmete mehrmals tief durch.
Danach wollte ich wieder starten, aber das Auto wollte nicht mehr. Ja das gibt es doch nicht, das Auto ist noch kein Jahr alt. Wir nahmen ein paar wichtige Sachen mit und ließen das Auto stehen. „Da soll der Papa nach schauen“, sagte ich und ging mit Helena zu Fuß.
Wir riefen bei Martin an, der noch beim Arbeiten war. Das Krankenhaus war nicht weit vom Supermarkt entfernt, und er sollte nach Feierabend nachsehen was an dem Auto fehlte. Er hatte viele Kollegen, die ihm das Auto notfalls in die Werkstatt abschleppen konnten. Am Abend war er überraschend schnell zu Hause. „An dem Auto war nichts, du musst eben nicht so viel Gas geben beim Starten“, klärte er mich auf.
Vom Autohersteller bekamen wir ein Schreiben, eine Werkstatt in Saulgau aufzusuchen, es sollte ein Teil ausgewechselt werden, welches in der Serie nicht in Ordnung war. Wir fuhren also in die Werkstatt. Meine Startschwierigkeiten hatte ich wieder vergessen, da ich das Auto selten benutzte. Das angebliche „Teil auswechseln“, dauerte gerade mal fünf Minuten. Dann konnten wir wieder heimfahren. Ich glaubte beobachtet zu haben, dass nichts gemacht wurde. Aber es war mir egal, es war kostenlos, und das Auto lief ja auch einwandfrei.
Bald fing es an zu schneien, und ich räumte morgens den Schnee, wenn ich vom Zeitungsaustragen kam. Zuerst den Schnee bei uns, das war ein großes Stück, denn wir hatten ein Eckhaus.
Dann räumte ich den Schnee bei der alten Dame, die gegenüber wohnte. Danach ging ich mit dem Schneebahner Richtung Oma und räumte auf dem Weg dahin, noch schnell bei zwei Senioren, den Schnee auf dem Gehweg. Die schliefen um die Zeit noch, und dachten wahrscheinlich die Heinzelmännchen kämen täglich. Bei der Oma räumte ich bis zum Eingang, trotzdem rutschte sie eines Tages aus und brach sich einen Arm.
Nun war ich ja die „böse Schwiegertochter“. Das hat sie zwar nie deutlich gesagt, dafür haben ihre Töchter mir erzählt, dass sie Angst vor mir hatte. Ausgerechnet ich ging nun jeden Morgen zu ihr, um ihr beim Waschen und Anziehen behilflich zu sein. Was muss die arme Frau für Ängste ausgestanden haben!
Mittags brachte ich ihr dann von meinem Essen. Das wollte sie aber nicht essen, drum brachte ihr die älteste Tochter Edeltraud das Essen. Mir war es recht, denn die ging nicht zur Arbeit und hatte Zeit genug.
Ihr Mann Friedhelm war letztes Jahr gestorben, er wurde nur fünfzig Jahre alt. In seinem Leben hatte er nur gearbeitet, für seine drei Töchter Wohnungen gekauft, und für sich und seine Frau ein schönes Haus gebaut.
Ich ging zur Beerdigung und die Stadtkapelle spielte „Ich hatt´ einen Kameraden“. Zuerst weinte ich meinem Schwager nach, dann erinnerte mich das Lied an Vati, der es manchmal voll Inbrunst sang. Heimlich stahl ich mich vom Friedhof, nicht dass jemand auf die Idee kam, ich hätte eine besondere Freundschaft zu ihm gehabt.
Auch während der Winterzeit kam Ronja in jeder freien Minute. Sie gehörte zu den Schülern, die nicht lernen mussten, während Helena um gute Noten kämpfte. Sie saß oft still in der Ecke und lernte.
Ronja hatte Talent zum Nähen und nähte sich ein Dirndelkleid aus schwarzer Seide mit Stickerei. Helena kreierte die ausgefallenste Modelle für ihre kleinen Puppen und Schlümpfe. Wir machten noch ein paar Bastelkurse und hatten immer viel Zeit, mangels Kundschaft.
So kam es, dass Ronja eines Tages fragte: „Darf ich für dich einen Kuchen backen?“ Ich schaute ein wenig verdutzt und versicherte: „Ja gerne, Kuchen mag ich immer."
Am nächsten Tag rief sie mich an: „Ich habe den Kuchen fertig, aber ich habe das Backpulver vergessen, jetzt ist er gar nicht so schön groß. Darf ich ihn trotzdem bringen?“ Ach ich war enttäuscht, dass ihr der Kuchen misslungen war und meinte: „Bring ihn ruhig mit, der wird schon schmecken.“ Der Kuchen schmeckte wirklich gut, er war nur nicht so locker, wie er mit Backpulver geworden wäre.
Es verging die Zeit, ich nähte Reißverschlüsse für meine Kunden in Jeans und brach reichlich Nadeln dabei ab. Ich reparierte und änderte die Kleidung meiner Kundinnen und deren Kinder.
Vor Ostern fingen wir an Eier zu bemalen und Palmbäumchen zu basteln. Wir machten Türkränze für Ostern, und neutrale fürs Frühjahr. Dann nähte ich wieder Röcke und das Geschäft lief besser. Helena und Hannah brachten gute Zeugnisse. Auch Ronja zeigte mir strahlend ihr tadelloses Zeugnis.
Eines Tages tauchte Helmut auf, der „Hausfreund“. Fast hätte ich ihn nicht wiedererkannt, denn er hatte jetzt einen Vollbart, der ihn alt aussehen ließ. Er hoffte, dass ich für ihn eine Reinigungs-Annahmestelle eröffnete, denn er hatte jetzt eine Reinigung.
Das wollte ich aber nicht, weil wir so etwas schon mehrmals in unserem kleinen Ort hatten. Außerdem hatte ich keinen Glauben an seine Zuverlässigkeit. So lud ich ihn zum Essen zu uns ein, damit er meinen Mann treffen konnte. Mein Mann war auch gegen die Geschäftsidee. Damit hatten wir ihn nun vollends verärgert. Er fuhr ab, und ließ sich nie mehr bei uns sehen.
So schnell kann es gehen, eine fast 20-jährige Freundschaft war zu Ende.
Als die Sommerferien begannen holte ich Hannah im Internat ab. Die Internatskosten waren wieder gestiegen, dieses Mal fand ich es unverschämt. Ich hatte fast den Eindruck, dass sie die „armen Kinder“ los werden wollten. Da ich sowieso den Eindruck hatte, dass Hannah immer mit dem Wohlstand der anderen mithalten wollte, kündigte ich bei der Verwaltung. Die Sekretärin wies mich darauf hin, dass ich die Ferienzeit, und zwar zwei volle Monate noch zu zahlen hätte, und das mit dem neuen Betrag.
Im Stillen dachte ich: „Ja mich dumme Kuh kann man ja melken.“
Viele Mädchen waren Ausländerinnen, die Väter zückten ihre Scheckhefte und zahlten ohne Augenzwinkern, gleich für ein volles Jahr. Dagegen waren wir doch arme Schweine.
Hannah sollte selber entscheiden wo sie die Schule beenden wollte, auf der Realschule oder dem Gymnasium in unserer Stadt. Sie sah es ein, dass wir uns das Internat nicht mehr leisten konnten. Aber sie hatte immerhin viel gelernt.
Nun, sie beklagte sich nicht, war aber sehr traurig, nicht mehr ins Internat zu können. Sie ging jetzt mit Ronja in die gleiche Klasse.
Auf Ronja war sie ein wenig eifersüchtig, weil sie immer bei mir im Laden war. Schließlich hatte sie ihr ein „Stückchen Mutter“ weggenommen. Die anderen Schülerinnen nannten sie Streberin. Sie quälte sich durch die letzten Schuljahre.
Hannah war immer noch die Kleinste. Helena war für ihr Alter groß, das fiel nur nicht auf, weil ihre Freundin Katja auch groß war.
Hannah hatte dafür größere Pläne. Sie wollte einen Motorrad-Führerschein machen und ein Motorrad kaufen. Begeistert war ich von der Idee nicht, so ein zierliches Mädchen auf einem Motorrad. Vielleicht wollte sie vor ihren Mitschülerinnen angeben, und das gönnte ich ihr schließlich.
Mein Mann war von der Idee gar nicht begeistert: „Ein Motorrad ist einfach viel zu schwer für unsere kleine Hannah“, bemerkte er besorgt. Alle hatten Bedenken, nur sie selbst nicht. Sie machte den Führerschein für ein leichtes Motorrad und bestand auch die Prüfung. Die Frau des Fahrlehrers war Kundin bei mir im Laden. Sie brachte, als Hannah die Prüfung bestanden hatte, einen Sturzhelm als Geschenk.
Hannah hatte ein paar Wochen in den Ferien gejobbt und etwas Geld gab ich ihr dazu. Davon kaufte sie kaufte ein gebrauchtes Motorrad.
Nun musste sie das Fahrzeug anmelden und fuhr in die Kreisstadt. An der Anmeldestelle war Hochbetrieb. Sie stand in der Schlange, direkt neben ihr ein junger Mann aus unserem Ort.
„Hannah, kannst du meine Papiere mal halten, ich muss mal schnell weg“, fragte er freundlich. „Woher kennt der mich“, dachte Hannah. Vielleicht hatte er ja auf ihre Papiere geschaut und den Namen dort gelesen. Hanna sah sich die Papier von dem jungen Mann an, der Name sagte ihr nichts, auch nicht die Adresse. Er kam vor ihr an den Schalter und wartete bis Hannah fertig war.
„Soll ich dich mitnehmen?“, fragte er als Hannah ihre Sachen erledigt hatte. „Ja, wenn du gleich heimfährst“, stimmte sie zu. Dann stieg sie in seinen nagelneuen Sportwagen, und wunderte sich, wie sich so ein junger Mann, ein so teures Auto leisten kann.
Der Verkehr lief stockend und jede Ampel war rot. Ungeduldig sagte der junge Mann: „Da bin ich mit dem Fahrrad schneller zu Hause.“ Hannah wollte witzig sein und meinte abfällig: „Dann muss man aber Radfahren können.“ Der Mann grinste und setzte sie direkt vor unserer Haustür ab. Mit den Worten „man sieht sich“ verabschiedete er sich.
Ich hatte schon das Essen fertig, als sie kam. Beim Essen war Hannah still und nachdenklich. Dann ging ich wieder ins Geschäft und sie montierte ihr neues Nummernschild. Abends fragte sie mich: „Unsere Friseuse, hat die einen Sohn?“ Ich musste selbst einen Augenblick überlegen, sicher war ich mir nicht, denn den Namen gab es häufig in unserem Ort.
Zögernd sagte ich: „Ja, ich glaube, sie ist die Mutter von dem Radrennfahrer.“ Hannah musste sich hinsetzen. Sie schlug sich vor den Kopf und gestand: „Und ich habe zu ihm gesagt, Radfahren muss man aber können. Der denkt bestimmt ich bin bescheuert.
Nein, das glaubte ich nicht, aber er wird sich gewundert haben, dass sie kein Autogramm von ihm wollte.
Die Schulklasse machte einen Tanzkurs und Hannah machte mit. Ronja verzichtete darauf. Als dann der große Abschiedsball kam, brauchte Hannah ein Ballkleid. Wir sahen alle Zeitschriften durch und Hannah fand etwas, was ihr gefiel.
Aus pink farbigem hauchdünne Stoff, der Ton in Ton mit Schmetterlingen gewebt war, nähte ich ihr ein halblanges Kleid, hinten rückenfrei mit Schleife und einem Stufenrock. Dazu gehörte ein Jäckchen aus dem gleichen Stoff. Das Kleid war ein Traum und pink war immer noch Modefarbe. Die Tanzlehrerin war die einzige, die das Kleid bewunderte.
Als Hannas letztes Schuljahr anbrach, fing sie an Bewerbungen zu schreiben. Sie interessierte sich nur für Stellen, die weit weg waren. So bewarb sie sich in Dallas um eine Stelle als Kindermädchen. Sie bekam nie eine Antwort und war sehr enttäuscht.
Bei den Banken und der Stadtverwaltung wollte sie sich nicht bewerben. „Da muss man immer so korrekt angezogen sein, das will ich nicht!“, gab sie als Grund an. Von der Schule hatte sie ein Buch bekommen mit Stellen in ganz Deutschland. Verzweifelt suchte ich in dem Buch nach etwas passendem. Da fiel mir die Donau-Dampf-Schifffahrt auf. Das könnte doch etwas sein, dachte ich, im Luxusdampfer die Donau rauf und runter.
Da rief ich an, um mich zu erkundigen ob von den Lehrstellen zur Stewardess noch etwas frei war. „ Ja wir haben noch freie Stellen“, versicherte mir die Dame am Telefon. Sie gab mir auch gleich einen Einblick in die Arbeitsbedingungen. „Bei uns muss man vier Tage am Stück arbeiten, dann hat man vier Tage frei. Wir zahlen gut, und die Arbeit ist interessant.“ Na wenn das nichts für Hannah war, dann sollte sie machen was sie wollte.
Es war nichts für Hannah, sie fuhr nicht einmal, um sich die Stelle anzusehen. Sie hätte überall eine Stelle bekommen, auch im Krankenhaus wo Martin arbeitete, nichts gefiel ihr. Jetzt hielt ich mich raus, im Augenblick ging sie ja noch in die Schule. Wenn alle Mädchen dann eine Arbeit hatten, würde sie von selbst Gas geben.
Ronja war genau so lustlos beim Lehrstelle suchen, aber das ging mich nichts an, sie hatte ja ihren Vater. Nachmittags war sie meistens bei mir im Geschäft und abends ging sie heim zu ihrem Vater. Wenn irgendwo in der Nähe ein Biker-Treff war, pilgerte sie dorthin. Ob sie jetzt mehr an den Motorrädern interessiert war, oder an den Bikern, fragte ich nicht. Eines Tages erschien sie des mittags, mit pechschwarz gefärbten Stehhaaren. Ihre Augen und Lippen waren schwarz angemalt.
Mich grauste. Ich bat sie die Arbeitsecke nicht zu verlassen, denn die war von den Blicken meiner Kundschaft ein wenig geschützt. Es dauerte auch nicht lange, da kam die erste Kundin. Ich ging sie zu bedienen.
Nun kam auch noch eine zweite Kundin. Ronja, dienstbeflissen, erhob sich von ihrem Stuhl und kam, um mich zu entlasten. Die Kundin schaute sie entsetzt an, sagte aber nichts und kaufte sogar ein, bevor sie den Laden verließ.
Am nächsten Morgen kam die Kundin wieder, schaute sich um, und als sie sah, dass ich allein war, fragte sie: „Was war das denn gestern für ein Hafen?“ (Hafen ist das schwäbische Wort für Topf und wird vorwiegend für den Nachttopf verwendet.) Sie konnte nicht glauben, dass es Ronja war, da ihr Vater, sowie die verstorbene Mutter, als grundsolide Leute bekannt waren.
Ein paar Tage sah ich sie nun nicht mehr, als sie wieder auftauchte, war ihr Waver-Outfit schon ein wenig entschärft. Jetzt hatte sie auch Pläne für ihre Zukunft. Sie wollte Maskenbildnerin werden. Ja, dachte ich, das passt zu ihr. Sie suchte nach einer Ausbildungsstelle als Friseurin. Das brauchte sie als Voraussetzung.
Hannah schaute täglich in die Zeitung, und hoffte auf ein außergewöhnliches Stellenangebot. Inzwischen hatten die Sommerferien begonnen und sie suchte immer noch. Da stand in der Samstagsausgabe der Zeitung: Eine Pension in Deutschlands höchstgelegenem Luftkurort, suchte zwei Praktikantinnen.
Der höchstgelegene Luftkurort, klang gut. Hannah bat mich, dort anzurufen. Am Sonntag sollten wir zu einem Vorstellungsgespräch kommen. Ich war ärgerlich, denn wieder hatte Martin Dienst und ich musste so weit fahren.
Das war ja jetzt nicht gerade das, was ich mir für Hannah gewünscht hätte. Jedoch mit einem Praktikum in der Tasche, gab es sicher später genug Möglichkeiten.
Wir fuhren also am Sonntag Vormittag los, Richtung Füssen. Wir sollten auf der A7 fahren, bis sie zu Ende war. Denn die Autobahn nach Füssen war noch im Bau. Wir bogen ab, und fünfzehn Minuten später waren wir in einer wunderschönen Alpengegend.
Rechts von der Straße floss ein Wildbach. Da musste ich doch unbedingt anhalten. Rings die hohen Berge, die gute Luft, der glasklare Wildbach. Einmalig!
Hannah war verliebt in diese Natur. Das war es, hier wollte sie bleiben.
Wir stiegen wieder ins Auto, Helena hatte den ganzen Weg geschlafen. Jetzt staunte sie die Berge an, wo auf jedem Gipfel ein Gipfelkreuz stand. Dann kamen wir in einen Ort. Dort waren lauter schöne weiße Häuser, Hotels und Pensionen. Bekannte Skifahrer hatten hier ihre Fremdenhäuser.
Wir fanden die Pension, in der Hannah sich vorstellen sollte. Die Chefin war sehr nett, und sie meinte Hannah passte gut in ihr Haus. Sie sollte bald anfangen, denn im Oktober bekäme sie schon Urlaub, bis kurz vor Weihnachten. Nun glaubte ich, das sei ihr alles ein wenig plötzlich, aber nein, Hannah wollte ihre Sachen packen und am nächsten Samstag wieder kommen.
Am Abend kamen wir wieder zu Hause an. Martin wartete schon auf uns und war gespannt, was wir zu berichten hatten. Wir schwärmten von der herrlichen Gegend, den hohen Bergen und der schönen kleinen Pension. Mein Mann kannte die Gegend schon und wollte am nächsten Wochenende dabei sein, wenn wir Hannah dorthin fahren würden.
Hannah nutzte die Woche und packte ihren Koffer. Dann war es Samstag und wir fuhren alle gemeinsam, Hannah ins Allgäu zu begleiten.
Dort wurden wir freundlich empfangen. Hannah bekam ein schönes Zimmer für sich allein. Das andere Mädchen war noch nicht angekommen, sie sollte das Zimmer nebenan bekommen. Beide mussten sich das Bad teilen. Wir stellten fest, dass sie hier gut untergebracht war.
Nach einen kurzen Rundgang durch den Ort, fuhren wir ohne Hannah wieder heim. Während der Fahrt wussten wir, dass wir gern wiederkommen wollten. Die Landschaft hier war himmlisch!
Die Sommerferien waren noch nicht zu Ende. Mutti hatte uns schon mehrmals eingeladen. Weil mein Mann sie noch nicht kannte, wollten wir sie nun am nächsten Wochenende besuchen. Ronja freute sich, mich in der Zeit im Laden vertreten. Da sie sich immer schon gut auskannte, traute ich es ihr auch zu. Donnerstag abends wollten wir wegfahren und am Freitag Morgen bei Mutti ankommen.
Also brachte ich am Donnerstag Abend, den Ladenschlüssel und die Geldtasche mit dem Wechselgeld zu Ronja.
Ich hatte sie dringend gewarnt, nur das zu verkaufen, was vorrätig war, und sich auf keine Sonderwünsche einzulassen. Das betraf vorwiegend, die Trachtenröcke und Blusen.
Nun starteten wir in unseren Kurzurlaub. Martin übernahm den ersten Teil der Fahrtstrecke. Helena machte es sich bequem auf der Rückbank. Sie liebte es im Auto zu schlafen. Es dauerte auch nicht lange, da war es hinter uns still geworden.
Die Autobahn war inzwischen in Richtung Norden fertiggestellt, und die Fahrt verlief zügig. Jedoch die Strecke zwischen Ulm und Kassel wollte kein Ende nehmen. Ich gab der Strecke einen neuen Namen: Kaugummi-Strecke. Martin meinte der Name sei passend.
Als wir endlich vor Kassel abgebogen waren, fuhr er auf den nächsten Rastplatz. „Wenn ich noch fünf Minuten weiter fahre, dann schlafe ich ein!“, verkündete Martin. Wir machten eine ausgiebige Pause, dann fuhr ich weiter. Schließlich war ich hier ja schon einmal gefahren, und ab Paderborn, sollte ich mich doch auskennen.
Kurz vor Bielefeld bog ich richtig ab, nach Ost-Westfalen-Lippe. Irgendwann kam ich jedoch von meiner geplanten Route ab und kam nach Mitternacht durch Detmold. Dahin wollte ich ja gar nicht. Während ich an den Kreuzungen krampfhaft nach den Hinweisschildern schaute, überfuhr ich eine rote Ampel. Da kein Mensch, zu der Uhrzeit unterwegs war, merkte es außer Martin niemand. Der allerdings sparte nicht mit Vorwürfen, und ich beschloss kurz nach der Ortschaft eine Pause einzulegen. Also suchte ich am Straßenrand, nach einem kleinen Parkplatz.
Wir waren sowieso viel zu früh, um diese Uhrzeit konnten wir bei Mutti gar nicht klingeln. Also machte ich auch ein Nickerchen.
Es fing an zu dämmern. Ich wachte als erste auf, und stieg aus, um mir die Füße zu vertreten. Rechts und links war Wald, und als ich nach oben schaute, sah ich direkt über mir, das Hermannsdenkmal. Martin war inzwischen auch wach, und ich zeigte zu dem Denkmal hinauf. Erstaunt sagte er: „Der ist ja riesig!“ Von der Rückbank meldete sich Helena: „Fahren wir jetzt zum Hermannsdenkmal?“
Mein Mann wollte ihn schon gern aus der Nähe betrachten, und meinte: „Da fahren wir jetzt hinauf.“ Dunkel war es nicht mehr, aber die Sonne war noch nicht aufgegangen. Den Weg kannte ich ja und ich fuhr auf den Parkplatz.
Natürlich waren wir die einzigen Besucher so früh am Morgen. Ich überlegte ob jemals ein Besucher so früh hier oben war. Wir gingen rund um das Denkmal. Den Hermann schien es nicht zu stören, dass wir so früh da waren.
Als wir wieder am Auto waren, meinte mein Mann, jetzt auch noch die Externsteine ansehen zu müssen. „Wer weiß, ob wir hier mal wieder hinkommen.“, bemerkte er. „Ja“, sagte ich, „die sind gleich auf der anderen Seite.“
Dort stiegen wir aus dem Auto, als gerade ging die Sonne aufging. Helena wäre am liebsten wieder über die Brücke gelaufen, aber ich hatte Angst, die Stufen könnten feucht sein, so früh am Morgen. Auch hier waren wir die einzigen Besucher.
Nach einem ausgiebigen Rundgang, frühstückten wir im Auto, bevor wir uns die letzten Kilometer vornahmen. Ich hatte keine Schwierigkeiten, jetzt den richtigen Weg zu finden. Als wir dann in Herford auf die richtige Straße abgebogen waren, fuhr ich an die nächste Tankstelle.
Wir fanden, dass es immer noch zu früh war, um bei Mutti aufzukreuzen. Während Martin das Auto voll tankte, kam mir die Idee, das Auto durch die Waschanlage zu fahren. Dann konnten wir mit einem blitzsauberen Auto bei ihr vorfahren.
So machten wir es auch und kamen um neun Uhr bei Mutti an. Meine Befürchtungen zu früh zu kommen, war ganz unnötig. Sie hatte schon am Wohnzimmerfenster auf uns gewartet, und der Kaffee, den sie gekocht hatte schmeckte abgestanden. Daraus schloss ich, dass sie stundenlang auf uns gewartet hatte.
Mutti wusste nicht, ob wir jetzt Hannah oder Helena mitgebracht hatten. Es waren ja auch Jahre vergangen, seit ich sie zum letzten Mal besucht hatte. Ich zeigte Martin und Helena die Stadt und wir kamen an einer Würstchenbude vorbei. Der Verlockung konnten wir nicht widerstehen, und wir aßen jeder eine westfälische Bratwurst. Gegen Mittag kamen wir zurück.
Martin legte sich aufs Sofa um ein wenig zu schlafen und Helena und ich, gingen mit Mutti zum Bäcker. Wir kamen an dem Haus vorbei, in dem Margot gewohnt hatte und ich fragte: „Können wir noch auf den Friedhof gehen? Ich würde so gern Vatis und Margots Grab besuchen.“ Mutti stotterte ein wenig, dann erklärte sie mir: „Die Gräber gibt es beide nicht mehr.“
Mir war die Enttäuschung anzusehen. In der Bäckerei kaufte ich Butterkuchen für den Nachmittagskaffee. Als wir den Kaffee kochten, fiel mir Ronja ein. Die wollte ich nun erst einmal anrufen und fragen, wie es im Geschäft lief.
Ronja berichtete: „Ich muss einen gestiftelten Rock nähen in Größe 46, die Kundin reist am Samstag ab. Morgen habe ich einen Bastelkurs, ich habe gar keine Zeit.“ In meinem Kopf gab es Alarm! Ich rief entsetzt ins Telefon: „Was hast du denn für einen Stoff genommen?“ Natürlich hatte sie den Weinroten gewollt, der war nicht nur der schönste, sondern auch der teuerste. „Ronja“, bat ich, „hör zu! Bei Größe 46 musst du weniger Stoff nehmen, sonst sieht die Kundin aus wie ein Fass!“ Zu spät, Ronja hatte den Rock schon fast fertig. Mir blieb nur noch der Ratschlag den Rock nicht zu verkaufen, wenn er der Kundin nicht gefiel. Ich konnte ihn später wieder auftrennen und ändern.
Abends gingen wir noch mit Helmut, dem Maler, zum Einkehren und am nächsten Tag zeigte er uns sein Haus. Auf der Wiese, hinter dem Haus, hatte er ein Pferd, es gehörte seiner Tochter. Schließlich versprach er uns, mit Mutti einmal zu uns zu kommen. „Ja, das wäre schön“, meinte Martin. Mir fiel ein, dass Mutti sich immer beklagt hatte, noch nie den Bodensee gesehen zu haben. Das wäre eine Gelegenheit gewesen, mit ihr einen Ausflug dahin zu machen.
Beide Nächte hatten wir schlecht geschlafen, denn wir hatten auf Wunsch von Mutti unsere Klappbetten mitgebracht. Helena durfte auf dem Sofa schlafen, sie war die einzige, die am Ende ausgeschlafen war.
Als wir am nächsten Morgen anfingen unsere Sachen zusammen zu packen, kam Mutti mit drei Päckchen. "Eines ist für Dich und je eines für die beiden Mädchen, als Andenken an mich." Mit den Händen fühlte ich, dass es sich um Besteck handeln musste. Das schien also mein Erbanteil: Jeweils ein Messer, eine Gabel und ein Löffel. Das Besteck war schwer wie Eisen und aus Sterling-Silber. Helena und ich bedankten uns überschwänglich. Ich dachte: Als Andenken, gut, aber essen möchte ich nicht damit.
Sie hatte das Besteck auch ein wenig zierlicher, das wusste ich von früher, das hatte aber scheinbar andere Abnehmer gefunden.
Nach dem Mittagessen fuhren wir wieder heim. Helmut hatte uns einen Weg beschrieben, auf dem wir schneller auf die Autobahn kämen. Die Abkürzung wurde zur Katastrophe. Wir irrten stundenlang umher, bis wir in der Dämmerung auf die Autobahn fuhren.
Es war schon nach Mitternacht, als wir zu Hause ankamen. Wir waren froh, dass wir in unsere eigenen Betten konnten.
Das erste, was mir am nächsten Morgen durch den Kopf schoss, war: Wie ist es Ronja mit dem Rock ergangen?
Martin hatte noch frei, deshalb war ich die einzige die aufstehen musste. Zeitungen trug ich nicht mehr aus, deshalb eilte ich nach dem Frühstück sofort in den Laden. Dort war alles aufgeräumt und ich wartete auf Ronja. Die nahm es mit der Pünktlichkeit nicht so genau. Als sie endlich kam, lachte sie, wie üblich, übers ganze Gesicht. Sie legte die Geldtasche auf den Tisch, und ich stellte fest, sie hatte gut eingenommen.
Als ich sie nach dem Rock fragte, lachte sie verschmitzt und berichtete: „Die Kundin kam am Samstagmorgen um den Rock zu holen. Sie probierte ihn an und sah aus wie eine Tonne. Vorm Spiegel bemerkte sie, dass sie sich da wohl verkauft hätte. Dann nahm sie die Tüte mit dem Rock, bezahlte und ging.“
Nach einer Weile warf ich ihr vor: „Du hättest ihr den Rock nicht geben dürfen, ich habe es gern wenn die Kunden zufrieden sind und lächeln, wenn sie hinausgehen.“ Damit war das Thema abgehakt.
Nun waren auch die Schulferien zu Ende, und Helena ging wieder zur Schule. Ronja trat ihre Lehre an und so freute ich mich, als Hannah anrief: „Am Samstag und Sonntag habe ich frei. Wenn ihr mögt, dann kommt ihr hier her bis um 9 Uhr, und wir machen eine Bergwanderung.“ Ja mein Mann war ganz begeistert von der Idee.
Samstags, nach Ladenschluss, bereiteten Helena und ich eine Kühltasche mit einem reichhaltigen Picknick vor. So konnten wir am Sonntag früh losfahren.
Ein ganzes Stück war uns Hannah entgegen gelaufen. Sie war bestens gelaunt und voller Unternehmungslust. „Lasst und über die Grenze nach Österreich fahren, zum Vilsalpsee“, schlug sie vor. Wir hatten unseren Ausweis dabei und fuhren gleich Richtung Grenze. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass ich niemals einen schöneren Ort gesehen hatte. Von drei Seiten war der See von hohen Bergen umgeben, die sich im See spiegelten. Es gab einen Rundweg um den See, mit reichlich Bänken, auf denen man rasten konnte.
Wir hatten ungefähr zwei Drittel vom Rundweg hinter uns gebracht, da sagte mein Mann plötzlich: “Hier geht es hinauf zur Landsberger Hütte.“ Erstaunt fragte ich: „Und woher weißt du das?“ Er ging ein paar Schritte vom Weg ab und zeigte auf ein Schild. Das konnte er unmöglich gesehen haben. „Da war ich schon einmal, mit dem Betriebsausflug. Wir waren sogar oben, auf der Hütte“, erklärte uns Martin.
Hannah war enttäuscht: „Dann ist das gar keine Überraschung mehr.“ „Ach doch“, meinte mein Mann, „ich hatte das ja schon ganz vergessen, aber irgendwann möchte ich da nochmal hinauf.“ Die Idee fand ich ja nicht schlecht, aber heute sicher nicht.
Hannah schlug vor, jetzt wieder zurück nach Oberjoch zu fahren, da wollte sie mit uns zur Hütte aufsteigen, das sei nicht so hoch. Eigentlich war ich ja auf Bergsteigen nicht eingerichtet, aber Martin war Feuer und Flamme.
So stiegen wir also nachmittags auf, zur Hütte. Ich fand den Aufstieg anstrengend. Als ich endlich das letzte Stück auf allen Vieren krabbelte, winkte mein Mann schon am Eingang zur Hütte.
Nach einer ausgiebigen Rast, stiegen wir den Berg wieder hinunter. Vorsichtig fragte ich Hannah, ob sie denn vielleicht wieder mit nach Hause wollte. Sie beteuerte, dass es ihr hier sehr gut gefiel, sie wollte für immer im Allgäu bleiben. Langsam verstand ich sie.
Helena ging wieder zur Schule, und Hannah fühlte sich wohl, im Allgäu. Ronja war auch in ihrer Lehrstelle. Ab und zu besuchte mich Ronja am Wochenende, um mir meine Haare zu machen. Dann kam es vor, dass ich sie wochenlang nicht sah.
Hannah gab jede Woche einen Puppenkurs in der Pension. Wenn wir sie besuchten, brachten wir ihr jedes Mal das Material mit. Sie sparte fleißig für einen Führerschein. Wir besuchten sie gern und erkundeten die Umgebung, erklommen Berge und machten Wanderungen.
So wurde es Herbst, und die Pension schloss bis kurz vor Weihnachten. Ich freute mich, als ich sie für zwei Monate nach Hause holte. Sofort meldete sie sich zu einem Fahrkurs an. Im Dezember machte sie bei Eis und Schnee ihre Fahrprüfung. Ein paar Tage später fuhr sie mit unserem Auto zum Einkaufen. Ich hatte ganz vergessen, dass das Auto im Winter seine Tücken hatte. Jedoch als Hannah später heimkam, wurde ich ganz schnell daran erinnert.
„Mit eurem Auto fahre ich nie wieder!“, fauchte sie als sie zur Tür herein kam. Sie hatte an der Kreuzung anhalten müssen, da sei der Motor ausgegangen. Als sie den wieder starten wollte, wollte er aber nicht. Nachdem sie Hilfe geholt hatte, lief er dann aber wieder. Der hilfsbereite junge Mann hatte sich mit: „Man sollte eben fahren können“, verabschiedet.
Ich konnte nachvollziehen, wie peinlich das war.
Da Hannah am vierten Advent wieder ins Allgäu musste, wollte ich sie nicht ohne Weihnachtsfeier gehen lassen. Wir kauften den Weihnachtsbaum, und Hannah durfte ihn schmücken. Dann feierten wir am letzten Abend Weihnachten, mit Geschenken und allem was dazu gehört. Hannah spielte auf der Heimorgel. Am Sonntag nach dem Festessen, brachte ich sie dann wieder an ihren Arbeitsplatz.
Ich sorgte mich, dass sie am Heiligen Abend Heimweh bekäme, so ganz allein im fremden Haus. Die Sorge war umsonst, denn die Chefin sorgte dafür, dass niemand allein war.
In der Faschingszeit hatte ich in meinem Laden genug zu tun. Ich verkaufte Stoffe und half Kostüme zuschneiden und nähte auch einige zum Verkauf. Für Martin und mich, sowie für Tina und ihren Rainer, nähte ich jedem das gleiche Clowns-Kostüm, jedoch jedes in einer anderen Farbe. Dazu hatten wir Perücken, die ebenfalls verschiedene Farben hatten. Dann gingen wir am Faschingssamstag gemeinsam auf eine Veranstaltung, in der Nähe von der Wohnung von Tina. Rainer und Martin tranken Radler und Tina und ich begnügten uns mit alkoholfreien Getränken, da ich ja noch heimfahren musste. Nach einiger Zeit, ging Rainer schnell mal an die Luft.
Als er nach einer halben Stunde nicht zurück war, wurde Tina unruhig. Sie ging ihn suchen. Nach einer weiteren halben Stunde, kam auch die nicht zurück. Da hatten wir auch keine Lust mehr und fuhren heim. Kaum waren wir zur Haustür herein, schellte das Telefon. Tina weinte: „Rainer ist nach Hause gegangen, und auf dem Flur ist er ausgerutscht und durch die Glastür gefallen.“ Sie erzählte weiter, dass der ganze Flur voll Blut war, und sie den Krankenwagen gerufen hatte. Jetzt war Rainer im Krankenhaus. „Ach,“ schluchzte Tina, „wenn Rainer verblutet und stirbt, werde ich nie wieder heiraten!“
Er starb nicht, und kam nach wenigen Tagen wieder nach Hause.
Nun kam der Frühling, und vor Ostern hatte ich im Geschäft allerhand zu tun. Ich hatte schon einen Kundenstamm, die immer wieder bei mir einkauften. Immer wieder jammerten die Kundinnen: „Ach wenn Sie doch ihren Laden im Stadtzentrum hätten, würden wir viel öfter kommen.“
Nun setzte ich mir in den Kopf, in der Stadt einen Laden zu mieten. Ich träumte von einem Geschäft, mitten im Zentrum und die Ladenglocke würde ständig läuten. Zwar war es nur ein Traum, aber ich schaute immer in den Stadtanzeiger. Eines Tages würde ich vielleicht eine Anzeige lesen.
Katja und Helena gingen weiterhin an den Wochenenden zum Tierheim. Hannah hatte ein gebrauchtes Auto gekauft, mit dem sie uns tatsächlich einmal besuchte. Danach sah ich das Auto noch mehrmals auf dem Parkplatz, bei der kleinen Pension. Es war wohl nicht besonders fahrtüchtig.
Helena freute sich schon auf die Sommerferien, da wollten sie wieder eine Woche lang im Tierheim arbeiten. Als Dankeschön brachte sie am Ende der Woche, ein kleines hölzernes Schaukelpferd, welches vom letzten Flohmarkt übrig war. Es war so hässlich, dass sie es mir in die Wohnung stellte, in ihrem Zimmer wollte sie es nicht.
Dann stand eines abends Helmut, mein Vetter, der Maler vor der Tür. Ich war doch sehr erstaunt, denn ich meinte, er hätte sich doch anmelden können. Eigentlich wollte Helmut gar nicht zu mir, denn er war mit seinem Schwiegersohn nach Konstanz zu Karate-Wettkämpfen gefahren. Weil er sich aber nicht angemeldet hatte, bekam er dort und in weitem Umkreis kein Zimmer.
Nun wollte er gern bei uns bleiben, bis die Wettkämpfe vorbei waren. Das war gar kein Problem, denn Hannahs Zimmer war ja frei. Nun dachte Helmut, dass ich jetzt einfach meinen Laden eine Woche schließen würde. Das war aber bei meiner unterdurchschnittlichen Geschäftslage, keine gute Idee.
Helmut rief bei Maren, seiner Frau an und erzählte ihr, dass er nun bis nächsten Samstag bei uns sei. Er gab ihr auch gleich meine Telefon Nummer, damit sie anrufen konnte. Dann machte er sich auf den Weg, unser Städtchen zu durchstreifen. Wir schauten uns erstaunt an, und Helmut wusste zu berichten, dass er hier vor zwei Jahren in Kur war und sich bestens auskannte.
Da er keinen Schlüssel mitgenommen hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als auf ihn zu warten. Während der Zeit rief Maren zum ersten Mal an. Ich sagte ihr, dass er einen Bummel durch die Stadt machte. Sie wollte wissen, wie lange er schon weg war. Er sollte sie unbedingt anrufen, wenn er zurück sei.
Helmut kam um Mitternacht, zum Anrufen hatte er keine Lust mehr.
Am Sonntag hatte mein Mann frei. Wir wollten mit Helmut nach Österreich fahren, an unseren Lieblingssee und ganz nebenbei Hannah besuchen. Das gefiel ihm. Ich hatte etwas zum Essen eingepackt, damit wir unterwegs nicht verhungerten.
Als wir von der Autobahn abfuhren und die ersten hohen Berge vor uns lagen, staunte Helmut: „Und warum ist da oben ein Kreuz auf dem Berg? Wer ist denn da gestorben?“, fragte er Martin. Wir erklärten ihm, dass es ein Gipfelkreuz sei, und da wohl niemand gestorben war. Helmut wollte das nicht in den Kopf gehen, und er hakte noch einmal nach: „Da ist also ein Kreuz obwohl dort niemand gestorben ist?“
Bei Hannah schauten wir schnell hinein, aber sie hatte nicht frei, also fuhren wir allein weiter.
Dann fuhren wir auf den Parkplatz vom Vilsalpsee. Helmut holte einen Schirmstock hervor, den ich gleich erkannte, er war von Vati. Auch der Hut, den er trug, konnte von Vati sein. Überhaupt er hatte viel Ähnlichkeit mit ihm. Dann wanderten wir um den See, und schauten uns auch die Wasserfälle an. Es war früher Nachmittag, als wir unsere Runde beendeten und zum Auto gingen.
Helena hatte Hunger und mein Mann auch, Helmut wollte am See an der Gaststätte essen, aber das war mir zu teuer. Martin versprach am nächsten Rastplatz zu halten, denn wir hatten genug zum Essen dabei.
Auf der Straße zur Grenze, sah Helmut ein Landgasthaus. Für solche Sachen hatte er ein besonders geschultes Auge. Er rief: „Anhalten, da ist eine Wirtschaft, dort können wir günstig essen.“ Ungern fuhr Martin auf den kleinen Parkplatz. Dann gingen wir hinein.
Protzig bestellte Helmut die Speisekarte. Ich verstand ja nicht viel von dem, was der Kellner sagte, aber dass die Küche schon geschlossen sei, bekam ich schließlich mit. Aufgrund Helmuts Gejammer, bot der Kellner ihm eine Suppe mit Knödeln an. Das hatte er noch zwei mal.
Helmut bestellte zweimal Knödelsuppe. Martin und Helena wollten die Suppe nicht, also musste ich sie essen und fand, dass ich schon besser gegessen hatte. Nachdem Helmut keine Anstalten machte die Rechnung zu zahlen, beglich ich sie. Wir fuhren kurz darauf über die Grenze, und hielten an Deutschlands höchstgelegenem Rastplatz wieder an. Dort packten wir Kartoffelsalat, Frikadellen und gekochte Eier aus. Da alle Hunger hatten, schmeckte es auch jedem.
Abends waren wir wieder zu Hause. Helmut zog sich um, und anstatt seine Maren anzurufen, ging er wieder die Tanzlokale zu durchstreifen. Ich schaffte es gerade noch, ihm einen Schlüssel mit zu geben. Er war noch nicht lange fort, da rief seine Frau an. Mir wurde es nun langsam peinlich. Wieder sollte ich ihrem Mann ausrichten, gleich anzurufen, sobald er zurück sei. Das wiederholte sich nun jeden Tag, und da Helmut immer erst spät ankam, rief er auch nicht an.
Helena nahm sich Zeit, während ich im Laden war, und zeigte Helmut das Freilichtmuseum. Sie fuhren zur schönsten Dorfkirche der Welt. Helena fiel immer etwas ein. Mittwochs drängte Helmut mich, den Laden zu schließen, er wollte jetzt an den Bodensee. „Wer weiß“, meinte er, „ob ich noch einmal hierher zurück komme.“ Schließlich gab ich nach, und machte den Laden zu und fuhr mit Helena und Helmut nach Meersburg.
Inzwischen kannte ich mich nirgends so gut aus, als in Meersburg und auf der Insel Mainau. Es war ein strahlender Sommertag und Helmut hatte wie immer seinen Spazierstock dabei, den er notfalls in einen Schirm verwandeln konnte. So fuhren wir mit der Fähre zur Insel und machten dort einen herrlichen Rundgang durch die Blumenpracht. Als wir an dem Restaurant vorbei kamen hielt Helmut nichts, er wollte dort einkehren und „anständig“ essen.
Helmut bestellte für sich eine große Portion, und Helena und ich begnügten uns mit einer Suppe. Plötzlich liefen alle Gäste in das Restaurant, und die ersten Tropfen fielen. In strömendem Regen rannten wir zum Anlegesteg. Helmut hatte seinen Schirm aufgespannt. Helena und ich wurden klatschnass.
In Meersburg wollte Helmut noch ein wenig von der Stadt sehen. Der Regen hatte sich inzwischen zu einem allgemeinen Landregen entwickelt, und meine Laune war dem entsprechend. In aller Ruhe zog es ihn durch die Gassen, wobei er nebenbei nach einem Fischstand Ausschau hielt. Schließlich fand er einen, und kaufte für sich zwei Fellchen.
Ich hatte kein Ahnung was das war, aber als er sie zum Abendessen auf seinem Teller hatte, bereute ich es, keine gekauft zu haben. Helena und ich mochten zu jederzeit Fisch.
Wir erreichten unser Auto, und Helena und ich waren bis auf die Haut nass. Unterwegs zog ich mein nasses Oberteil aus, und fuhr im Unterrock nach Hause. Vom Bodensee hatte ich jetzt genug.
Danach bin ich auch nie wieder dorthin gefahren. Helmut blieb noch bis Freitagabend nachdem er nachmittags bei mir im Geschäft war. Er gab mir den Rat einen Laden in der Stadt zu mieten, so weit außerhalb hätte mein Geschäft keine Zukunft.
Bevor er abfuhr, rief er Maren an, und verkündete nun auf dem Heimweg zu sein. Zu uns sagte er: „Jetzt fahre ich wieder zu meinem „Feldwebel“. Mein Mann lachte darüber, während ich es unangebracht fand, denn Maren war eine nette Frau.
Im Laufe der Sommerferien wurde in der Stadt tatsächlich ein Laden frei. Er war genau im Zentrum, die Lage schien mir perfekt. Martin zögerten keinen Augenblick und munterte mich auf, den Laden zu besichtigen. Er bestand aus einem großen und einem kleinem Raum, ein Büro, eine Küche und ein Abstellraum. Vor dem Laden waren zwei Parkplätze. Das Geschäft war riesig, die Miete auch.
Martin war sich sicher, dass ich in so zentraler Lage auch ein gute Geschäft machen würde, und die Miete somit kein Problem war.
Also mietete ich den Laden. Um einer Mieterhöhung aus dem Weg zu gehen, unterschrieb ich einen 5-Jahresvertrag. Wir zogen mit meinen Waren um, richteten den großen Verkaufsraum für Bastelmaterial und den Kleinen für Stoffe. Jeden Tag konnte ich nebenbei kochen, und Helena und Martin kamen in der Mittagspause zum Essen.
Die Ernüchterung kam sehr schnell. Auf einem der zwei Parkplätze stellte der Chef aus dem Nachbarladen sein Auto ab. Der andere Parkplatz wurde von den Kundinnen benutzt, die gegenüber in den Blumenladen wollten. In der Blumengeschäft war reger Betrieb. Nun beklagten sich meine Kunden, dass man bei mir nicht parken konnte.
Ich nähte wieder Trachtenröcke und Blusen, nähte Reißverschlüsse in fremde Hosen und hielt mich kaum über Wasser. Mittags kamen ganze Rudel von Schülerinnen, die mehr „mitlaufen“ ließen als sie kauften. Ich hatte einen großen Fehler gemacht, und musste mich krampfhaft über Wasser halten.
In meinem Büro stapelten sich die Rechnungen und als ich keinen Ausweg mehr wusste, ging mein Mann zu seiner Mutter und bat sie, uns 10.000 DM zugeben. Toni wohnte schon jahrelang bei ihr, ohne einen Pfennig zu zahlen, er meinte da könnte sie uns auch einmal helfen. Martin bekam das Geld, und ich konnte meine Rechnungen bezahlen.
Hannah half mir mit ihren Bastelkursen. Aber dann kam der Herbst und sie hatte wieder zwei Monate Zwangsurlaub.
Hannah und ich hatten einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt und verkauften gut. Am Tag vor dem vierten Advent schmückten die beiden Mädchen den Christbaum. Ich war müde und hatte mich ein wenig hingelegt.
Da kam plötzlich Hannah ins Schlafzimmer. Sie holte eine Stuhl, stellte ihn vor den Schrank von Martin und suchte nach einer Pralinenschachtel. Ich sah, wie sie die Schachtel unter den Pullovern von Martin fand. Erschrocken fragte ich: „Was machst du da?“ Hannah, die immer noch die kleinste war, stieg von dem Stuhl herunter und sagte: „Ich fahre morgen wieder weg, aber jetzt will ich eine Praline!“ „Du kannst doch die Schachtel nicht aufmachen!“, ermahnte ich sie.
Hannah ließ sich nicht beirren, sie zog die Cellophan Hülle geschickt von der Packung und öffnete die Schachtel. In der Mitte nahm sie die schönste Praline heraus. Dann machte sie die Schachtel zu, und zog die Cellophanhülle wieder darüber. Kein Mensch konnte ahnen, dass jemand daran war. Hannah räumte alles wieder auf und steckte die Praline in den Mund. Mit einem schelmischen Lachen, verließ sie unser Schlafzimmer.
Am Abend feierten wir unser Weihnachtsfest, und am nächsten Tag brachte ich Hannah wieder an ihre Arbeitsstelle.
Im neuen Jahr, lief mein Geschäft nicht besser, und ich überlegte, wie ich den Laden wieder los brachte. Das Geschäft gehörte einem Kind, und ein Rechtsanwalt verwaltete das Erbe für das Mädchen. Als ich ihm meine Kündigung schickte, lachte er nur und rechnete mir vor, wie viele Tausend DM ich noch bezahlen müsste, denn ich hatte einen 5-Jahresvertrag unterschrieben. Jetzt war ich total am Boden. Schließlich lenkte der Herr ein: „Wenn Sie einen Nachmieter finden, der mir gefällt, dann löse ich den Vertrag auf.“
Mein Mann tröstete mich: „Wir werden schon jemanden finden.“ Dann machte er mir den Vorschlag, in unserem Haus die großen Stuben im Erdgeschoss, als Laden zu nehmen.
Die Idee fand ich gar nicht schlecht, denn wir hatten ja oben noch drei Zimmer. Und Miete mussten wir dann auch kein bezahlen. Wir hatten dann zwar keine Schaufenster, aber das war auch nicht das Wichtigste. Dafür hatten wir einen Hof zum Parken für die Kunden.
Wir gaben eine Anzeige auf und suchten einen Nachmieter.
Inzwischen war es Frühling geworden, und Helena und Katja hatten in diesem Jahr Konfirmation. Das wollten wir noch feiern, bevor ich mit meinem Laden wieder umzog. Ich hatte eine Kundin aus dem Schwarzwald, die gab in ihrem Ort jede Woche Bastelkurse. Sie bekam von mir jede Woche ein Paket für zwanzig Rupfenpuppen. Mit dem Geld hielt ich mich über Wasser.
Als sie hörte, dass Helena Konfirmation hatte, kam sie mit ihrer Freundin um das Festessen zu kochen. Meine Gäste waren begeistert. Es gab Lende im Blätterteig. Wie immer waren alle Tanten gekommen, auch die Oma. Hannah kam mit einem jungen Mann, den sie als ihren Verlobten vorstellte. Er war angeblich aus Australien. Sie war fest entschlossen mit ihm zu fahren, wenn die Saison zu Ende war.
Nach dem Abendessen verabschiedeten sich die ersten Gäste. Auch Hannah, fuhr wieder mit dem jungen Mann ins Allgäu.
Nach Ostern, fanden wir einen Nachmieter, der dem Herrn Rechtsanwalt gefiel. Ich konnte wieder umziehen. Nach und nach brachten wir meine Waren in unser Haus, und mein Mann baute Regale.
Ich musste noch zwei zusätzliche Monate Miete bezahlen, denn der Herr Rechtsanwalt ließ sich viel Zeit, bis er den Laden dem neuen Mieter übergab.
Nun hatten wir wieder Platz genug für Bastelkurse. Es waren jetzt Seidentücher, die unseren Alltag bestimmten. Die Kurgäste waren ganz begeistert. Mit einem großen Ständer Seidenmalfarben bereicherte ich mein Angebot.
Am meisten wurden gekräuselte Tücher gemacht, die willkürlich mit Farben betupft wurden. Man bestreute sie dann mit Salz und stellte sie zum Trocknen. Das Ergebnis war verblüffend. Auch Krawatten waren ein beliebtes Objekt. Die Kunden konnten kommen wann sie wollten, ihre Tücher und Krawatten färben und am nächsten Tag die fertigen Sachen abholen.
Ich liebte es die Tücher auf einem Spannrahmen mit Motiven zu bemalen. Das machten manche Kundinnen auch und es war immer etwas los in meinem Laden. Helena malte auch mit, es machte ihr Spaß und sie war fast in jeder freien Stunde bei mir.
Am Wochenende ging sie immer noch mit Katja ins Tierheim.
So kam sie eines sonntags nach Hause und bat mich, einen Hund bringen zu dürfen. Mein Mann, der schon wegen einer Rennmaus nicht schlafen konnte, würde dann kein Auge mehr zu kriegen. Drum sagte ich es sei besser, sie würde den Hund im Tierheim lassen, sonst würden wir nur Ärger mit Papa bekommen, und die Kundschaft wäre wohl auch nicht begeistert.
Helena bettelte: "Der arme Hund wird nicht gut behandelt, an der Tür steht: Unvermittelbar, folgt nicht, beißt und mag weder Männer noch Kinder." Helena versicherte, dass es nicht wahr sei. Er sei nur verängstigt. Und außerdem war er schon alt, der Tierarzt hatte ihn auf 10 Jahre geschätzt.
Das einzige was mein Mann eventuell mochte, war ein Schäferhund. Helenas Hund war einer, aber er hatte ein wenig groß geratene Ohren. Das eine Ohr hing auch manchmal herunter, was ja bei einem guten Hund nicht sein durfte. Das andere Ohr konnte er drehen, wie eine Satelitenschüssel, deshalb hieß er Satelit und wurde kurzer Hand Sat genannt.
Ich verstand Helena ja, sie mochte ihn und wollte ihm noch ein paar schöne Jahre in unserem Haus schenken. Also erlaubte ich, dass sie ihn probeweise am Samstag bringen durfte. Drei Tage zur Probe. Sie tat mir jetzt schon leid, wenn sie den Hund zurückbringen musste.
Ich war mir sicher, mein Mann würde das nie zulassen. Eine junge Geschäftsfrau holte Helena am Samstag früh ab und fuhr mit ihr den Hund holen, sie wollte auch die Kosten übernehmen. Im Tierheim kaufte sie einen großen Sack Hundefutter und dann bekam der Hund drei Tage Urlaub vom Tierheim.
Inzwischen hatte ich meinem Mann ein paar Kekse hingestellt, die er gern mochte. Dann fuhr Helena und die junge Frau auf den Hof. Martin sagte: „Die Apothekerin kommt, was will die?“ Beiläufig erklärte ich: „Die war mit Helena im Tierheim.“ Martin daraufhin: „Die holt einen Sack aus dem Kofferraum., was ist darin?“ Wie selbstverständlich antwortete ich: „Hundefutter“.
„Wieso das denn“, bohrte mein Mann weiter. Ich antwortete mit der gleichen Selbstverständlichkeit: „Weil sie jetzt gleich einen Hund aus dem Auto holt.“ Mit einer Mischung zwischen energisch und ängstlich, kam es von ihm: „Ich will aber keinen Hund im Haus.“ Beruhigend sagte ich: „Ist doch nur bis Montag.“
Helena schickte die junge Frau voraus mit dem Hund und versteckte sich, aus Angst vor dem nun folgendem Donnerwetter, hinter der Apothekerin.
Vor ihr war es Martin peinlich ängstlich zu wirken, und er blieb ruhig auf seinem Platz sitzen. Sie hatte sogar Fressnäpfe eingekauft, die sie liebevoll in einer Ecke aufbaute. Der Hund war ganz ängstlich, er war es nicht gewohnt gleich vier Menschen auf einem Mal vor sich zu haben. Ich schaute ihm in die Augen und stellte fest, sie sahen treu aus. Deshalb sagte ich: „Sat, ich glaube wir werden uns mögen.“ Die junge Frau ging dann wieder und versicherte am Montag den Hund wieder abzuholen, falls wir ihn nicht doch behalten wollten. Martin versicherte noch einmal: „Nein nein ich will keinen Hund.“
Meine größte Angst war, dass der Hund im Laden die Waren anknabberte, denn wir hatten unten einen offenen Bereich ganz ohne Türen.
Helena übte mit dem Hund die Treppe hinauf und herunter zu laufen. Bis zum Abend klappte das auch. Dann nahm sie Sat mit in ihr Schlafzimmer und machte die Tür zu. Mein Mann war beruhigt, und schlief auch gleich ein. Ich konnte nicht schlafen, denn der Hund wimmerte leise vor sich hin. Also stand ich auf und machte die Tür auf. Er kam aus dem Zimmer und legte sich auf den Flur vor die Treppe. Er wollte die ganze Familie bewachen und nicht eingesperrt sein.
Sonntags machten wir einen langen Spaziergang mit dem Hund. Das ging gut, bis ein Radfahrer vorbei wollte. Wir konnten den Hund kaum halten, er feindete ihn an und wollte ihm sogar die Socken ausziehen. Der Mann schimpfte, was ich auch verstand und wir waren ratlos.
Nun waren wir bemüht den Radfahrern auszuweichen, was uns nicht immer gelang. Als er dann auch noch einer Katze nach springen wollte, und Helena mit in die Wiese zog war ich nicht mehr so sicher, den Hund behalten zu könnten.
Am nächsten Morgen ging ich mit dem Hund Gassi. Damit ich mich mit dem Hund nicht blamierte, nahm ich ihn ganz kurz an der Leine. Das andere Stück hatte ich griffbereit in der anderen Hand. Sobald ein Radfahrer kam, und er anfing zu Bellen, sagte ich kurz nein, und gab ihm mit dem Stückchen Leine in meiner Hand einen kurzen Schlag auf die Schnauze. Beim zweiten Mal merkte er, dass ich das „nein“ ernst meinte und er guckte mich an wenn ein Radfahrer kam.
Nach wenigen Radfahren reichte es schon, wenn ich ihm nur die Leine zeigte. Der Hund war lernfähig. Das mit den Katzen ließ sich bestimmt auch noch regeln. Ich kam zurück in die Küche und mein Mann saß schon am Frühstückstisch. Er warf dem Hund ein Stückchen von seinem Brot auf den Boden. Der aß das dankbar auf und wartete ob noch mehr kam.
Dann griff Martin nach der Zeitung, die auf der Küchenanrichte lag. Vielleicht ein wenig hastig oder ruckartig, jedenfalls sprang Sat auf, und riss meinem Mann den Ärmel an seinem Sweatshirt entzwei. Auch am Handgelenk hatte er einen Kratzer. Martin war außer sich, sein Lieblings-Sweatshirt und sein Handgelenk blutete. Der Hund kam zu ihm, schaute ihn mit seinen großen braunen Augen an, als ob er sagen wollte: Entschuldigung.
Martin sah die Augen und sagte: „Du hast das nicht gewollt, nicht wahr, du hast Angst vor der Zeitung?“ Er zog das Hemd aus und fragte: „Kannst du das vielleicht wieder zusammennähen?“ Ich flickte gleich das Hemd und man sah es kaum. Dann sagte ich das, was Vati immer versicherte: „Wenn man nicht hinguckt, sieht man es nicht.“
Mein Mann brachte ein großes Brett aus dem Keller, damit versperrten wir den Durchgang in den Laden, damit die Kunden nicht erschraken, wenn der Hund sie anbellte. Das gefiel ihm gar nicht und er bellte furchterregend.
Mittags kam Helena und ich erzählte was passiert war. Helena weinte, denn nun musste sie Bescheid geben, dass der Hund wieder abgeholt wurde. Zusammen mit ihrer Freundin ging sie, die junge Frau zu bitten, den Hund wieder ins Tierheim zu bringen. Helena war tapfer, und ging noch einmal Gassi mit ihm. Ich zeigte ihr, wie ich den Hund in den Griff bekommen hatte.
Ich hatte etwas länger im Laden zu tun, und mein Mann saß mit Sat in der Küche beim Abendessen. Immer wenn er ein Stück von der Wurst abschnitt, bekam der Hund auch ein kleines Stück. Sie teilten einträchtig. Da kam die Apothekerin auf den Hof gefahren. Martin fragte: „Was will die?“ „Den Hund wieder wegbringen“, gab ich zu Antwort. Als die Frau in die Küche kam, und den Hund mitnehmen wollte, sagte Martin: „Der Hund bleibt hier, der ist ja total verängstigt!“
Wer von uns nun das dümmste Gesicht hatte, konnte ich nicht feststellen. Wir konnten alle vor Schreck nicht sprechen, zumal Martin nicht gerade für Großmut bekannt war. Sat guckte ängstlich von einem zum andern. Helena setzte sich zu ihm auf den Fußboden, nahm ihn in den Arm und sagte. „Du darfst bei uns bleiben, wir mögen dich!“ Wahrscheinlich hat er nichts verstanden, aber er leckte ihr die Wangen ab, an denen noch Tränen hingen.
Er musste viel mitgemacht haben, denn wenn ich ihm Futter gab, fraß er sofort die Schüssel ganz leer, sicherlich hatte er Angst, vielleicht bald nichts mehr zu bekommen.
Hannah war nicht mit nach Australien gefahren, ihre Chefin hatte sie vor dem jungen Mann gewarnt. Er hatte schon einmal ein Mädchen mitnehmen wollen, und als sie ihm das Geld für das Flugticket gegeben hatte, war er verschwunden mit dem Geld. Hannah zog sich früh genug zurück, obwohl sie scheinbar schon eine Anzahlung gemacht hatte.
Sie war gern in der Pension im Oberallgäu, und machte immer noch Puppenkurse. Hin und wieder kam sie zu Besuch. Martin meinte: „Wenn es uns jetzt besser geht, fahren wir auch wieder in die Berge und besuchen sie.“
Am Abend ging er an seinen Schrank, um die Pralinen-Schachtel aufzumachen. Das wurde auch Zeit, denn die war schon lange genug im Schrank. Er riss das Papier auf und öffnete die Schachtel.
„Guck dir das an“, schimpfte er entsetzt, „da fehlt eine Praline.“ Ich tat so als hätte ich keine Ahnung und sagte: „Da war sicher jemand dran.“ Martin behauptete: „Das kann nicht sein, die war original verpackt.“ Fassungslos schaute er die Schachtel an, dann entdeckte er einen Garantiezettel.
Mir gab er den Zettel und verlangte, dass ich den einschicken sollte. Nach genauer Prüfung fand ich auf dem Zettel einen Stempel mit dem Hinweis gültig bis 10. Febr. . „Die Garantie ist abgelaufen“, bedauerte ich und gab den Zettel zurück. Du musst eben deine Pralinen nicht so lange aufbewahren. Nun bekam ich zwei Pralinen, und zwei brachte er zu Helena ins Zimmer. Wenn er seine Schachteln öffnete, teilte er immer christlich.
Martin wurde vom Krankenhaus jetzt in die neue Klinik versetzt, und hatte jetzt einen Arbeitsweg zu Fuß von fünf Minuten. Helena wollte von der Schule abgehen, und hatte eine Stelle in der Verwaltung. Bei uns war alles in bester Ordnung, uns ging es gut. Da ich jetzt auch keine Ladenmiete mehr zu zahlen hatte, war es auch ganz egal wenn mal an einem Tag nur zwei Kunden kamen.
Meine Schwiegermutter hatte natürlich allen erzählt, dass sie uns Geld geliehen hatte. Mein Mann hatte nicht vor, das Geld zurück zu zahlen, denn den anderen Geschwistern gab sie auch und keiner zahlte das Geld zurück. Nun wurden wir laufend von seinen Geschwistern daran erinnert, und sie wollten wissen wann die Oma das Geld zurück bekäme. Wir machten uns nicht viel daraus und stellten uns dickfellig.
Mein Mann und ich gingen selten, die Oma zu besuchen, obwohl sie nur ein paar Häuser entfernt wohnte. Helena ging auch nicht zu ihr, sie hatte zur Oma noch nie ein freundschaftliches Verhältnis. Nur Hannah ging manchmal mit ihrer fast gleichaltrigen Kusine zu ihr.
So war Hanna mal wieder ein Wochenende bei uns und ging mit ihrer Kusine zur Oma. Als die Oma in der Küche war, ging die Kusine an den Stubenschrank um aus einem Glas ein paar Bonbons zu nehmen. Hannah fragte: „Darfst du das?“ „Sicher“, sagte die, „da kannst du auch von nehmen.“ Hannah die gerne naschte, nahm sich eines. In dem Augenblick kam die Oma in die Stube. Sie giftete Hannah an: „Du bestiehlst mich also?“ Jetzt ging auch Hannah nicht mehr zu ihr.
Martin richtete alle unsere Fahrräder. Es kam nämlich öfters vor, dass Kurgäste fragte ob wir nicht ein Fahrrad für sie hätten. Jetzt wollte er wenn jemand fragte, ein Rad vermieten.
Da tauchte eine Frau auf, die hier in Kur war. Sie war Redakteurin bei einer Süd bayrischen Zeitung. In jeder frei Minute saß sie bei mir im Laden und machte Puppen aus Trikotstoffen. Sie war ganz begeistert von meinem Laden und fragte ob wir ihr kein Fahrrad hätten, dann sei sie schneller in der Klinik zu ihren Anwendungen. Mein Mann gab ihr das Fahrrad von mir, das hatte er gerade bestens gerichtet. Sie gab uns den Rat, ein paar gebrauchte Fahrräder einzukaufen und einen Fahrrad-Verleih aufzumachen. Meinem Mann gefiel der Vorschlag, denn jetzt hatte er auch eine Aufgabe.
Wir erzählten uns viel und so kam es, dass ich das Märchen von Mettwürstchen und Mäuschen aufschrieb und ihr mitgab, als sie abreiste. Sie wollte die Geschichte für ihr Jahrbüchlein, das sie jedes Jahr herausbrachte. Sie hatte schon viele kleine Beiträge, aber noch keine richtige Geschichte. Als sie abgereist war, kam ein Päckchen mit fünf der Jahrbücher und einen Dankeschön. Ich sollte nicht vergessen für nächstes Jahr einen neuen Beitrag einzuschicken. So kam ich damals ganz nebenbei zum Schreiben.
Wir kauften einige gebrauchte Fahrräder und mein Mann vermietete sie. Mit der Zeit konnten wir uns auch neue Fahrräder leisten. Zum Schluss hatten wir die ganze Garage voller Räder, die im Sommer immer alle vermietet waren. Zwei mal wurde uns ein Fahrrad gestohlen, das eine war ein gebrauchtes, aber das andere war neu.
Helena begann nun ihre Lehre, sie wurde jetzt auch langsam erwachsen. Unser Hund machte Fortschritte, er folgte fast immer. Langsam konnte ich es wagen ihn in den Laden zu lassen, er bellte die Kunden nicht mehr an. Nur mit Kindern war ich vorsichtig, er bellte immer noch wenn er Kinder sah.
Eines Tages saß ich mit meinem Hund am Basteltisch und arbeitete an einen großen Seidentuch.Da kam eine junge Mutter, die ihr Baby in einer Tragtasche hatte. Unbekümmert stellte sie die Tasche neben dem Eingang ab. Blitzschnell war Sat bei der Tasche um zu sehen, was darin war.
Mir wurde schlecht vor Schreck. Der große Hund der keine Kinder mochte, und das kleine hilflose Baby in der Tasche. Die Frau nahm ein Körbchen und suchte sich ihren Einkauf zusammen während Sat in die Tasche schaute. Als er gesehen hatte was darin war, kam er zu mir, als ob er sagen wollte: Was die Leute alle so in den Taschen haben. Er legte sich vor die Tasche und passte auf, dass nichts passierte. Ich war erleichtert.
Wenn nun ein Kind in den Laden kam, freute er sich immer. Die Kinder konnten mit ihm machen was sie wollten, er wurde nie böse. Sat hatte also nichts gegen Kinder, sondern bellte nur, wenn er nicht zu den Kindern durfte.
Langsam wurde der Hund bekannt bei meinen Kunden und manche brachten nun extra ihre Kinder mit, weil die den Sat sehen wollten. Er hatte begriffen, dass Katzen auch Lebewesen waren und ließ sie in Ruhe. Nun lag er immer genau am Ende unseres Grundstückes vor dem Laden, so hatte er auch die Fahrrad-Kundschaft im Blick.
Ich hatte nur eine Kundin die Angst vor ihm hatte. Die schrie schon draußen vor der Tür ich sollte den Hund einsperren. Schließlich wurde ich böse und sagte, wenn sie so ängstlich sei, dann müsse sie zur Konkurrenz gehen. Das machte sie aber nicht, sie kam trotzdem immer wieder und schlich unter Todesangst an dem Hund vorbei.
Hannah fing auf Drängen ihrer Chefin eine Lehre an. Sie bekam eine Lehrstelle in einem sehr bekanntem Hotel. Es fiel ihr nicht leicht, sich von ihrer netten Chefin und der kleinen Pension zu verabschieden. Am liebsten wäre sie dort nie weggegangen. Doch nun machte sie tatsächlich die Ausbildung zur Hotelfachfrau.
Einmal fuhren wir an das Hotel, um Hannah dort zu besuchen. Ich traute mich kaum aus unserem Auto, denn was sich dort zum Hotel bewegte, schien bei Dior und Lagerfeld einzukaufen.
Wir machten mit Hannah einen Sparziergang durch den angrenzenden Wald und Hannah stellte uns ihren neuen Freund vor. Er hieß Stefan, so hießen auch die nächsten drei. Sie behauptete zwar jedes Mal: „Das ist jetzt der richtige“, aber es gab scheinbar mehr davon. An Festtagen kam sie meistens zu Besuch, immer mit dem gerade „Richtigen“.
Martin war es schon leid, jedes Mal einen neuen Mann an Hannahs Seite zu sehen. Dann kam sie mehrmals hintereinander mit dem gleichen Freund, und wir hatten schon das Gefühl, dass sie sich nun entschieden hatte. Wir fingen an uns an ihn zu gewöhnen.
Helena musste für drei Monate zur Schule, zum Blockunterricht. Dort mietete sich ein Zimmer und ließ mich mit Sat allein. Morgens und mittags ging ich immer nur kurz mit dem Hund hinaus, abends gingen Helena und ich immer gemeinsam und machten eine große Runde.
Nachmittags brachte ich Helena in den Ort, wo die Schule war, es war zwei Stunden Fahrt, in Richtung Schwarzwald. Sat lag hinten im Auto. Er liebte es, Auto zu fahren. So konnte ich mich auf dem Heimweg mit ihm unterhalten, und die Fahrt war nicht so langweilig. Am Abend musste ich nun allein mit ihm Gassi gehen. Es war Herbst und es zog dichter Nebel auf.
Zuerst wollte ich ihn nicht von der Leine lassen, aber Sat wollte angebunden, kein Häufchen machen. Also ließ ich ihn los. Im Nu war er im Nebel verschwunden und soviel ich auch rief und lockte, er kam nicht zurück. Da ging ich heim, um das Auto zu holen. Damit wollte ich die Gegend abfahren. Wenn der Hund das Auto hörte, würde er vielleicht kommen. Als ich nach Hause kam, lag er Hund vor unserem Eingang. Ja, Sat wusste genau wohin er gehörte.
Wir hatten Bernd schon einige Jahre nicht mehr gesehen, und hatten keine Ahnung wo er wohnte. Nun kam er eines Tages in mein Geschäft und schob einen kleinen Jungen vor sich her. Der war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Genau so lange hatten wir auch nichts mehr von ihm gehört. Er schien mir ein wenig kleinlaut, denn es war ihm wohl selbst peinlich nach so langer Zeit endlich sein Kind vorzustellen.
„Das ist Karl“, sagte Bernd und schob den Jungen mir entgegen. „Wie kann man heutzutage ein Kind Karl nennen“, war das einzige was ich herausbrachte. Bernd erzählte von seiner Frau, seinem Haus, das er gebaut hatte und von den zwei angeheirateten Kindern im Backfischalter. Er war immer noch bei der Bundeswehr und es schien ihm gut zu gehen. „Am Sonntag hole ich Euch ab und dann zeige ich Euch meine Familie“, versprach er. Martin und ich glaubten nicht daran, denn auf ihn hatte man sich noch nie verlassen können.
Am Sonntag kam er tatsächlich und holte uns ab. Dann fuhr er mit uns bis Ulm von dort aus, ins ländliche. Er wohnte in einem kleinen Dorf, wo es lauter Neubauten hatte. Ganz am Rande hielt er an seinem Haus an.
Das Haus gefiel mir, es war im schwedischen Stil. Seine Frau war sehr hübsch und seine beiden angeheirateten Kinder waren etwas jünger als Helena, sie gingen noch zur Schule. Er führte uns durch das Haus und es war wirklich sehr gut eingerichtet. Besonders fielen mir die Klos auf, sie waren viereckig. Die Küche war auch nicht größer als meine, vielleicht praktischer eingerichtet.
Seine Schwiegermutter wohnte mit im Haus und kümmerte sich vorwiegend um den kleinen Karl. Sie war sehr nett und mochte Bernd. Er schien es gut getroffen zu haben. Seine Frau hatte lecker gekocht und wir blieben bis nach dem Abendessen. Da mein Hund so brav war, wollte Bernd jetzt auch einen Hund, er und seine Frau waren ganz begeistert von Sat.
Bernd verdiente gut bei der Bundeswehr und seine Frau hatte auch einen Vollzeitjob in einem Büro. So konnten sie sich außergewöhnliches leisten.
Sie kauften also einen Berner Senner Hund, den sie direkt in der Schweiz abholten und der mehr als 1000.-- Mark kostete. Den nannten sie August. Ich schüttelte den Kopf, das Kind Karl, und der Hund August.
Martin hatte wieder Geburtstag, und wir wollten an dem Tag in die Berge fahren um eine schöne Wanderung zu machen. Ich konnte meinen Mann überreden, dass wir über den Bergkamm zur Hütte wanderten. Dort wollten wir dann Mittag essen. Also nahm ich nur ein paar Brötchen mit für den Notfall. Wir fuhren früh weg. Es war ein wunderschöner Herbsttag.
In den Bergen war es so warm, dass wir unsere ärmellosen Westen anzogen. Es war herrlich, so ohne Gepäck über die Bergkette zu wandern. Natürlich war Sat auch dabei, wir ließen ihn frei laufen, da weit und breit kein Mensch wanderte. Auf den höher gelegenen Stellen lag schon Schnee.
Wir setzten uns auf eine Bank in der Sonne und machten Rast. Unter den Füßen hatten wir Schnee und es war trotzdem angenehm warm. Schließlich setzten wir unseren Weg fort und mussten durch einen Bach klettern. Unser Sat war wasserscheu. Als er durch den Bach musste, achtete er penibel darauf, dass sein Bauch nicht nass wurde. Für ihn war Wasser eigentlich nur zum Trinken da. Wenn ich ihn trotzdem mal duschte, war er unendlich beleidigt.
Wir hatten den Bach hinter uns und brauchten eine ausgiebige Mittagspause. Bald erreichten wir die Hütte und setzten uns auf die Terrasse. Jetzt hatten wir richtig Hunger und freuten uns auf eine große Versperplatte.
Nach einer Weile schauten wir uns um, da saßen noch mehr Wanderer, die alle als dem Rucksack vesperten. Ich fragte das junge Paar am Nebentisch: „Kommt hier denn keine Bedienung?“ Die schauten uns mitleidig an, weil wir ja nichts dabei hatten und antworteten: „Seit gestern ist die Hüttensaison vorbei. Das sieht man doch vom Parkplatz aus, wenn die Fahne nicht gehisst ist, ist auch kein Hüttenbetrieb.“
Jetzt wussten wir es, und machten uns hungrig auf den Weg nach unten. Ein wenig hatten wir ja noch im Auto, aber satt wurden wir davon nicht. Schließlich fuhren wir heim, denn es sah nach Schnee aus und wir hatten keine Lust auf der verschneiten Autobahn zu fahren.
Helena ging inzwischen zur Fahrschule, wenn sie wieder Blockunterricht hatte, wollte sie selbst ein Auto haben. Sie verdiente gut, und konnte sich ein kleines Auto leisten. Hannah hatte ihr, bei ihrem letzten Besuch einen Original „Bogner-Hut“ mitgebracht, den hatte sie von dem prominenten Gast als Souvenir bekommen. Da Hannah klein und zierlich war, passte der Hut viel besser zur groß gewachsenen Helena. Die ging selten aus dem Haus ohne den Hut zu tragen, der sie bestens kleidete. Er wurde zu ihrem Liebling-Kleidungsstück.
Nun gingen wir abends wieder gemeinsam mit dem Hund spazieren. Unser Ziel war oftmals eine Großbaustelle in der Nähe. Hier entstand ein Supermarkt. Nun war bald Eröffnung, und scheinbar war schon Ware angeliefert worden. Jedenfalls fand Sat ein Glas mit Presskopfsülze auf dem Gelände, vorsichtig nahm er das Glas mit den Zähnen und trug es heim. Helena bemerkte: „Mir gefällt es, wenn der Hund für seinen Unterhalt selbst sorgt und das Essen auch noch allein heimträgt.“
Sat hatte Ausdauer und brachte das Glas bis in die Küche. Als er merkte, dass er das Glas nicht aufmachen konnte, schaute er mit seinen großen Augen von einem zum anderen. Wir machten das Glas auf, und Sat aß die Sülze direkt aus dem Glas. Wir staunten wie geschickt er mit seiner Zunge das Glas leerte.
Eines Tages kam Ronja. Ich hatte schon oft gedacht wie es ihr ging und ob sie ihre Lehre zu Ende hatte. Nein, die Lehre hatte sie abgebrochen und in einem anderen Kurort etwas Neues versucht. Auch damit hatte sie kein Glück. Aber sie hatte ihren Traummann gefunden, den sie uns nur vorstellte. Er war groß, hatte natürlich lange Haare, und war Zweiradmechaniker. Oh, dachte ich, das trifft sich gut, dann kann er nach unseren Fahrrädern sehen. „Nee sagte Ronja, Motorräder repariert er.“ Ronja dachte jetzt verschärft ans Heiraten und begann nun eine Ausbildung zur Steuergehilfin.
- Auch gut, dachte ich, dann kann ich mir meinen Steuerberater sparen.-
Ronja hatte die richtige Stelle gefunden, denn mit Zahlen konnte sie umgehen. Sie hatte sogar Spaß an ihrem Beruf. Es dauerte fast so lange wie die Ausbildung, bis ihr Vater sich mit dem Heiratswunsch seiner jüngsten Tochter abgefunden hatte. Sie heiratete tatsächlich ihren Horst, und er zog bei ihr ein.
Als Ronja, nach bestandener Prüfung eine Stelle im Steuerbüro fand, stellte Horst seine Bemühungen ein, täglich zur Arbeit zu fahren. Er jobbte hin und wieder, sehr zum Ärger von Ronjas Vater, der ein sehr fleißiger Mann war.
Es war wieder Winter und Hannah kam um ihr alljährliches Weihnachtsfest bei uns am 4. Advent zu feiern. Sie hatte wieder einen neuen Freund. Seinen Namen habe ich vergessen, aber er fing mit W an. Er wollte zu Montagearbeiten nach Manila und wollte Hannah gleich mitnehmen. Ich sagte: „Das ist aber weit weg, wenn es Hannah dann nicht gefällt, kommt sie da vielleicht gar nicht weg.“ „Blödsinn“, behauptete der junge Mann, „Das sind zwei Stunden mit dem Flugzeug.“
„Nein“, erklärte ich, „Manila ist auf den Philippinen und das ist weit weg.“ Ich holte den Atlas, währen mir der junge Mann erklären wollte, dass ja die Philippinen gleich bei Spanien lägen. Nach einer kurzen Geografie- Stunde, wollte er wohl gar nicht mehr nach Manila, und Hannah fand, dass er ihr zu dumm war.
Martin hatte jetzt ein für alle Mal genug, von den ständig wechselnden Liebhabern von Hannah. Er versicherte: „Den Nächsten den sie herbringt, werfe ich raus, oder ich schaue ihn mir gar nicht an.“
Helena arbeitete nach bestandener Prüfung in Riedlingen, einer wunderschönen Stadt an der Donau. Dort mietete sie ein Zimmer in einer WG und kam nur noch am Wochenende, So musste ich meistens allein mit meinem Hund hinaus gehen. Seit wir den Hund hatten, trug er ein loses Halsband aus Metall. Am Ring hing die Steuermarke und ein rotes Herz. Das Herz konnte man aufmachen und darin war ein Zettel mit Adresse, Telefonnummer und eine Mark. Für den Notfall, falls er uns mal weglaufen würde. Unser Sat trug das Kettchen voller Stolz und obwohl er es hätte sehr leicht abstreifen können, verlor er es nie.
Nun ging ich eines abends allein mit ihm. Es war dunkel und wie gewohnt ließ ich ihn auf dem Gelände des neuen Supermarktes springen. An den Außenanlagen wurde noch gearbeitet und da war mit großen Eisenhaken und einer Schnur ein Biotop abgesteckt. Mein Hund fing an zu buddeln, und wenn er das machte, dauerte es immer lange, bis er bereit war nach Hause zu gehen.
Da es kalt war, vertrat ich mir meine Füße. Nach 30 Minuten war er nicht mehr aufzufinden. Im spärlichen Licht meiner Taschenlampe konnte ich ihn nicht entdecken. Ich rief ihn anfangs liebevoll, dann wurde ich böse und schrie, aber er kam nicht. Vielleicht war er ja schon längst zu Hause dachte ich und ging heim.
Da er nicht zu Hause war, fuhr ich mit dem Auto zurück, um mit dem guten Licht der Scheinwerfer nach dem Hund zu suchen. Außerdem kannte er das Geräusch von unserem Auto. Er würde sofort kommen, denn Autofahren liebte er. Also fuhr ich auf den Parkplatz und leuchtete in jede Ecke der noch nicht fertigen Anlage. Dann sah ich etwas Seltsames, was sich vorwärts schleppte. War das mein Hund? Was war mit ihm passiert? Ich sprang aus dem Auto, und lief um nachzusehen.
Mein armer Sat, gab ein jämmerliches Bild ab. Er humpelte auf drei Beinen, mit seiner Kette war er an einem Eisenhaken hängen geblieben, der nicht nur ca 50 cm in der Erde gesteckt hatte, sondern auch festgefroren war. Mit der Pfote hatte er nachhelfen wollen. Nun hing die Pfote mit der Eisenstange hinter seinem Halsband. Er war völlig entkräftet. Ich befreite ihn aus der traurigen Lage und nahm ihn im Auto heim.
Ronja bekam einen Sohn und ihr Horst machte den „Hausmann“. Sie ging bald wieder zur Arbeit und machte nun auch meine Steuer. Sie machte es gern und zuverlässig. Mein Laden lief ganz gut, und der Fahrradverleih war nur im Winter geschlossen.
Hannah Helena und Ronja hatten sich Handys gekauft, und wollten dass, ich auch eines hatte, falls ich mit dem Hund weg war und Hilfe brauchte. Also bekam ich auch eines. Der Hund mochte es, wenn es klingelte und das Licht aufleuchtete. Jedes Mal wenn es klingelte ging er zu dem Handy und schaute wie das Licht an und aus ging.
Nun hatte ich von Helena, die so gerne Videos anschaute, den Auftrag in die Videothek zu gehen und Filme für das Wochenende zu besorgen. Sat durfte wie immer mit. Ich schaute die Filme durch, und Sat saß brav neben mir. Da klingelte irgendwo ein Handy. Sat stand auf, ging zur Tür und wollte zu unserem Auto, in dem er das Handy vermutete. Ich sagte: „Nein Sat, das ist nicht unser Handy.“ Der Hund schaute mich an, hatte das „nein“ gehört und kam zurück. Nun streichelte ich ihn und meinte: „Du brauchst das Handy nicht zu holen.“ Die anderen Kunden bewunderten meinen Hund. Einer fragte: „Hätte er jetzt das Handy tatsächlich geholt?“ Zwar hatte ich keine Ahnung, behauptete aber: „Natürlich, hätte er es geholt.“
Wir liebten unseren Sat, und nicht nur wir, auch meine Kundschaft. Mein Mann, der immer noch beim Abendessen mit ihm teilte, sorgte dafür, dass er allmählich einen stattlichen Bauchumfang bekam. Dem Tierarzt gefiel das gar nicht, und ich war ständig bemüht, ihm überflüssige Pfunde abzuringen.
Auf Anraten des Tierarztes, legte ich für Sat einen Hungertag an. Da war der Montag günstig, denn am Sonntag erhielt Sat von Martin die meisten Leckerbissen. Der Hungertag gefiel weder meinem Hund noch meinem Mann. Wenn Sat dann bettelnd vor ihm stand, ging er mit dem Hund in die Küche, solange ich noch Arbeit im Laden hatte. Gerade hatte Martin eine Dose Schinkenwurst aufgemacht und den Inhalt auf einem Brettchen platziert. Dann kamen mehrere Kurgäste, die ein Fahrrad mieten wollten. Martin musste hinaus, und ließ den Hund allein in der Küche.
Als mein Mann zurück in die Küche kam, war sein Vesperbrettchen leer. Mein Mann rief: „Wo ist denn meine Schinkenwurst geblieben?“ Da ich sie nicht hatte, konnte sie nur Sat gegessen haben. Und anschließend das Brettchen blitzblank abgeleckt. Scheinbar hatte er geglaubt Martin hätte ihn vergessen, und sich nun selbst bedient. Das war allerdings der einzige Diebstahl den unser Hund ausübte.
Nun war es Frühjahr und Hannah meldete sich wieder zu Besuch an: „Aber ich komme nicht allein, dieses Mal ist es aber der Richtige, ganz bestimmt!“ Wie sollte ich das bloß meinem Mann beibringen?
Immer zu den Feiertagen präsentierte sie einen „Neuen Richtigen“, das Osterfest war schon gelaufen. Mein Mann hielt sein Versprechen, er wollte ihn nicht sehen und tauschte den Dienst mit einem Kollegen, den er damit glücklich machte. Er wollte auch nichts zum Essen bei, und aß in der Kantine.
Nun war ich froh, dass wenigstens Helena bei mir war, denn Hannah kam nicht nur mit ihrem „Neuen“, sondern der brachte auch noch seinen Vater mit. Ich war noch damit beschäftigt, das Mittagessen zu kochen, da fuhren sie auf den Hof. Helena lief ihnen entgegen und sie kamen durch den Laden direkt in meine kleine Küche.
Mir ging es nicht viel anders als Martin und ich ließ mich bei meiner Arbeit nicht stören. Die Begrüßung fiel daher kühl und ganz nebensächlich aus. Der junge Mann hatte kurze Stehhaare, sah gut aus und war ein sportlicher Typ. Dazu ungemein witzig.
Sein lustiges Wesen gefiel mir, er hieß Axel und war bei der Bundeswehr. Sein Vater erinnerte mich an den Mann in Gütersloh, der mich als junges Mädchen unbedingt mit seinem "Peterchen" verkuppeln wollte.
Er redete viel, und viel zu schnell. Dieser Mann hatte alles, wusste alles und konnte alles. Da bekam man ja direkt Minderwertigkeit-Komplexe
Gerade war Axel in Kempten bei der Bundeswehr und wenn er in wenigen Wochen zurück ins Rhurgebiet fuhr, dann wollte er Hannah mitnehmen. Das war beschlossene Sache, und Hannah gefiel es scheinbar so.
Zwar war Axel ja schon verheiratet, aber die Frau war ihm weggelaufen. Sie wohnten bei seinen Eltern mit im Haus, und die Frau fühlte sich von denen immer beaufsichtigt. Nun würde er sich scheiden lassen und mit Hannah in einen anderen Ort, und dort in eine kleine Wohnung ziehen.
Beide bedauerten zutiefst, dass Martin sie nicht kennenlernen wollte, aber das würde man beim nächsten Besuch nachholen.
Die Gelegenheit kam bald und Martin konnte nicht umhin, er musste seinen zukünftigen Schwiegersohn jetzt begrüßen. Sie kamen noch an mehreren Wochenenden und mein Mann fand sich mit dem Gedanken ab, dass er seine Hannah bald an ihn verlieren würde.
Bei mir kam die Erkenntnis erst, als die beiden schon auf dem Weg ins Rhurgebiet waren. Sie machten noch einmal Halt bei uns. Axel trug Taschen und Tüten ins Haus. „Das sind alles Sachen, die Hannah nicht mitnehmen kann, die passen nicht in unseren Haushalt“, klärte er mich auf. Die Bettwäsche war nicht modern genug, die Handtücher passten von der Farbe nicht ins Bad. Topflappen gehäkelt, hat man nicht mehr und auch keine gestickten und gehäkelten Decken. Sammeltassen und Blumenvasen waren überhaupt nicht mehr „in“.
Taschentücher brauchte kein Mensch mehr, und Küchentücher mussten zur Farbe der Küchenmöbel passen. Sogar ihren Bademantel, den ich aus modernem Orange gestreiftem Frottee genäht hatte musste sie da lassen. Alles, was ich ihr liebevoll als Aussteuer zusammen gestellt hatte, um ihr einen Start in die Selbstständigkeit zu erleichtern war nichts wert.
Als sie alles vor mir aufgestapelt hatten, fuhren sie los. Ich war so gekränkt, dass ich tagelang weinte.
Helena wollte die Sachen auch nicht, denn wenn Axel sagte: „Das hat man nicht mehr“, dann musste das wohl stimmen. Ich nahm das, was ich brauchen konnte und legte die anderen Sachen in einen Verkaufskorb in den Laden. Innerhalb von zwei Tagen waren die Sachen verkauft. Bei jedem Teil, das den Kunden gefiel, löste es bei mir die Tränen aus. Aber ich wollte die Sachen nicht behalten, es würde mich ständig an den Abschied erinnern.
Es dauerte wenige Tage, da rief Hannah an. Ich hatte den Eindruck, sie vermisste die Berge. Aber sie hatte eine Arbeit gefunden, und einen langen Weg dahin. Wenn sie lange unterwegs ist, dachte ich, wird sie das Heimweh vergessen. Hannah wartete nicht lange und kündete ihren Besuch an. Axel fand, das sei ja kein Problem, so weit war es ja nicht, und er hatte ein schnelles Auto.
Hannah hatte sich verändert, wenn sie zu Besuch kam, sah sie Dinge, die sie sonst nicht sah. Der Flur hatte Flecken, die Treppe war staubig und der Teppichboden ihrer Meinung nach eine Ewigkeit nicht mehr gesaugt. Wahrscheinlich war sie in ihrer kleinen Wohnung, ohne Decken und Dekos, nicht ausgelastet. Sie saugte und putzte und schimpfte über unseren Schmutz, dabei ging sie meinem Mann gehörig auf den Geist.
So putzten wir, wenn wir wussten, dass sie zu Besuch kam wie besessen. Ronja kam zu Besuch mit ihrem Kind und konnte es nicht fassen, dass wir putzten weil Hannah kam. Als sie eines Tages wieder kam und ich am saugen war, kam von ihr der Spruch: „Du bist am putzen, kommt Hannah morgen?“ Als der Boden dann nicht schmutzig war, musste meine Küche daran glauben. Sie nahm die Brotschneidemaschine auseinander, und scheuerte wie besessen an dem Messer. Schließlich schnitt sie sich in den Finger, und ihr besorgter Axel fuhr mit ihr ins Krankenhaus.
Es war nur eine Schnittwunde und war schnell verarztet. Der kleine Unfall hatte jedoch zur Folge, dass ihr Putzdrang langsam abflaute. Wenn Axel mit Hannah kam wünschte er sich immer Rinderrouladen , das war sein Lieblingsessen. Hannah jedoch aß immer weniger, sie machte den Eindruck an Essstörungen zu leiden, was sie allerdings abstritt. Sie behauptete immer sie könnte mein Essen nicht vertragen. Jetzt war es also das Essen, an dem sie herum motzte.
Ronja war es inzwischen leid, ihren Horst durchzufüttern, denn er machte sich in keiner Weise nützlich. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, lag er faul auf dem Sofa, eine Flasche Bier in der Hand, Fernseher an und fünf leere Bierflaschen auf der Küchenanrichte. Ronja wollte seine leeren Flaschen nicht mehr aufräumen und ließ sich von ihrem Horst scheiden. Kurz darauf nahm sie ihr Kind und verschwand nach Norddeutschland, wo sie einen jungen Mann kennen gelernt hatte.
Sie war nun in seinem Betrieb tätig, der in ganz Deutschland vertreten war. So kam Ronja öfters in den Genuss in unserer Gegend zu sein und kam auf einen Besuch vorbei. Mit dabei hatte sie stets ihren Hund Niko. Niko und Sat schlossen Freundschaft und Niko durfte aus seiner Schüssel fressen.
Manchmal übernachtete sie bei uns, ich hatte ja meistens zwei Zimmer frei, denn Helena war noch in Riedlingen die ganze Woche über. Nebenbei machte sie immer noch meine Steuer, und ich stellte fest, sie war eine fleißige selbstbewusste Frau geworden.
Bald fiel wieder der erste Schnee. Bei uns im Laden ging das Weihnachtsgeschäft los. Jetzt war die „Artischocken-Technik“ der Modehit. Wir verkauften Bänder dazu, Kugeln Glocken und Tannenzapfen aus Styropor, die dann mit lauter gefaltete Bändern mittels Stecknadeln besteckt wurden. Es sah sehr schön aus und wurde am Schluss mit einem Aufhänger und einer Schleife versehen.
Staubfänger, die niemand brauchte, aber jeder wollte. Wir hatten wieder Kurse, zu denen kamen Frauen um die Technik zu erlernen, oder um in den Genuss zu kommen, von mir eine Schleife gebunden zu bekommen. Meine Schleifentechnik war genial, aber schwierig nachzumachen. Ich benutzte immer ein breites und ein schmales Band für jede Schleife.
Helena mit ihrer ausgefallenen Phantasie, brachte es wieder fertig ein Brautpaar in Artischocken-Technik zu basteln. Kurz vor Weihnachten kamen dann auch noch Türkränze ins Programm. Wir hatten Arbeit genug und freuten uns auf die Feiertage. Helena kam vor Weihnachten und übernahm den Laden, da konnte ich zum Einkaufen fahren. Ich hatte noch nichts eingekauft, und kein einziges Geschenk.
Nun konnte ich mir Zeit lassen, denn Helena schaffte das schon. Als ich dann endlich auf dem Heimweg war mit meinen Einkäufen, musste ich abbiegen und dummer Weise ging mir der Motor aus. Das lag nicht unbedingt an meinen Fahrkünsten, eher an der Einstellung vom Standgas. Jedenfalls stand mein Auto wieder einmal mitten auf der Kreuzung.
Ich ärgerte mich, warum vergaß ich immer wenn der Winter begann, dass dieses Auto nur im Sommer einwandfrei lief. Langsam fing ich an, das Auto zu verfluchen. Mit Wut schob ich es von der Straße, auf einen fremden Hof. Dort klingelte ich und versprach das Auto in einer halben Stunde abzuholen. Nun beschloss ich das Auto im nächsten Winter nicht mehr zu fahren. Im Frühjahr, würde ich es verkaufen. Sollte sich im kommenden Winter ärgern, wer wollte.
Helena hatte ja ein neues Auto gekauft und fragte: „Warum nimmst du nicht mein Auto?“ Hin und wieder wollte ich es schon gern ausleihen, wenn wir vielleicht wieder in die Bergen wollten, zum Beispiel. Helena musste ja immer noch nach Riedlingen zur Arbeit, da brauchte sie schon ein gutes Auto. Außerdem fuhr jetzt auch Alex, der Sohn von Tina mit, er lernte in dem gleichen Betrieb.
Aber jetzt war zuerst Weihnachten, und am 2. Weihnachtstag wollte Hannah kommen. Wir schmückten unseren Baum und nutzten die Ruhe, solange wir noch keinen Besuch hatten.
Wir stellten fest, es wurde immer ruhiger im Haus. Hannah war im Rhurgebiet, Ronja an der Wesermündung, Bernd war in Ulm. Auch Tina kam nur selten mit ihren Kindern. Morgen wollte sie zum Kaffee kommen.
Sat bekam auch ein Weihnachtsgeschenk, ein getrocknetes Schweineöhrchen. Das hatten wir in Geschenkpapier eingepackt. Er kannte das schon vom Vorjahr, und wusste, wenn er es aufmachte, war da ein Leckerbissen für ihn. Nun war er aber ein Hund der nichts kaputt machen wollte, so mussten wir jedes Mal ein Loch in das Papier reißen, sonst wäre er wohl nie an Geschenk gekommen.
Am Weihnachtstag musste ich früh aufstehen, denn ich musste ja Rinderrouladen machen. Axel mochte die so gern, und er erwartete es. Dazu gab es Rosenkohl und den putze ich nun als erstes. Danach waren die Rouladen dran. Axel mochte gern Rouladen mit gekochten Eiern, so machte ich die Hälfte mit Eiern und zwei ohne Speck, denn Hannah wollte keinen Speck Jeden Tag mochte ich nicht für jeden etwas anderes machen, aber heute war ja Weihnachten. Es war kurz vor Mittag, da kam Axel auf den Hof gefahren. Helena war inzwischen auch schon aufgestanden, nur ich war noch nicht fertig mit Kochen.
Sat saß mitten in der Küche und schaute genau was ich machte. Geduldig wartete er, ob mir nicht von dem Fleisch etwas aus der Hand fiel. Hannah mochte es nicht, wenn der Hund immer in der Küche war. Trotzdem kam sie in die Küche um mir zu helfen. Als mein Mann vom Dienst kam, hatten wir den Tisch schon gedeckt und konnten essen.
Obwohl Hannah den Sat nicht besonders mochte, saß der Hund immer neben ihr. Hannah war nicht begeistert davon und wollte ihn immer verscheuchen. Aber nein bei ihr wollte er sitzen.
Als ich nach dem Essen meinem Mann eröffnete, das Auto im Frühjahr zu verkaufen, mischte sich Axel ein. Das Auto wollte er im Rhurgebiet verkaufen, und uns möchte er sein Auto dafür geben. Er hatte einen Ford Fiesta mit vier Türen ein tolles Auto. Es war nur noch ein Schlüssel dabei, denn den anderen hatte er auf der Fahrt hierher abgebrochen. Wie man einen Autoschlüssel abbrechen konnte, war mir rätselhaft.
Im Frühjahr sollten Helena und ich unser Auto zu ihm bringen, und mit dem Ford zurückfahren. Ich wollte es aber vorher noch bei uns mit einer Anzeige versuchen.
Martin war zwar einverstanden damit, war aber von dem Auto nicht so begeistert. Wir mochten rote Autos, die man nicht so leicht übersehen konnte, schwarz war eigentlich nicht unsere Farbe.
Zum Kaffee kamen Tina, ihr Rainer und die beiden Buben. Helena hatte sich mit ihrer Schwarzwälder Kirschtorte selbst übertroffen. Sie schmeckte allen. Hannah aß nur ein halbes Stück, sie hatte ja beim Mittagessen schon kaum etwas gegessen. Ich wusste nicht was sie hatte. Schmeckte es ihr nicht, wegen dem Hund, oder war sie gar magersüchtig? Oder war sie krank, weil sie Heimweh nach ihren Bergen hatte?
Axel hatte bald seinen Scheidungstermin, und dann wollten sie ihre Hochzeit planen. Am 2. Weihnachtstag reisten sie wieder ab, wir würden uns Ostern wieder sehen und dann wollten wir noch einmal über das Auto sprechen.
Ich war froh, dass Helena noch ein paar Tage blieb. Jedes Jahr am 6. Januar fuhren wir zur Messe nach Stuttgart. Dort informierten wir uns immer über die neuesten Bastel-Trends. An dem Tag blieb unser Laden geschlossen und mein Mann musste den Hund versorgen. Wenn wir dann zurückkamen, hatten wir jedes Mal den Kopf voller neuer Ideen.
Im neuen Jahr war das Geschäft immer ein wenig ruhiger, Martin und ich waren die Woche über allein und am Wochenende kam meistens Helena. Dann machten wir immer größere Ausflüge mit dem Hund. Wir wanderten durch die einheimischen Wälder und freuten uns, wenn der Hund sich im Schnee wälzte. Sat liebte den Schnee, während ich schon wieder auf den Frühling wartete.
Eines Tages, es war kurz vor Fasching, bekamen wir unverhofft Besuch von Heinz. Ich hatte ihn kaum wiedererkannt, er brachte Gitta und ihre drei Kinder ins Haus. Ich war erstaunt, wie groß die kleine Anne schon war. Sie war ungefähr 14 Jahre. Einer der beiden Buben war ein Jahr jünger und der Kleine, war im Kindergartenalter.
Ich war total überrumpelt, für so viele Leute hatte ich gar kein Essen im Haus. Schnell räumte ich meinen Basteltisch ab damit wir überhaupt alle Platz hatten. Vorwurfsvoll sagte ich zu Heinz: „Warum rufst du nicht vorher an?“ „Macht nichts“, sagte er, „Wir brauchen nichts zum Essen, wir fahren bald wieder.“ So ein Blödsinn, dachte ich, rief in der nächsten Wirtschaft an und bestellte für jeden ein halbes Hähnchen.
Nein heimfahren mussten sie nicht gleich wieder, aber ich hasste solche überfallartigen Überraschungen. Vor einigen Jahren war er schon einmal da, damals hatte er zwei Kinder, auch da kam er unangemeldet. Er wollte es nicht begreifen, dass ich mich über unangemeldeten Besuch nicht freuen konnte.
Inzwischen hatte er einen eigenen Delikatessen Laden, und einen Lastwagen, mit dem er täglich auf den Großmarkt fuhr, um frische Waren einzukaufen. Er war sehr stolz auf sein Geschäft. Mein Mann führte ihn herum und zeigte ihm seine Fahrräder. Sie schliefen in Hannahs Zimmer und fuhren am Morgen wieder heim. Beim nächsten Besuch, versprach er, wollte er vorher anrufen. Das hätte mich bestimmte gefreut, aber er vergaß schnell wieder, was er mir versprochen hatte.
Hannah kam Ostern wieder zu Besuch. Ich hatte das Auto noch nicht verkaufen können, und war froh, dass Axel einen Käufer gefunden hatte. Wir sollten das Auto zu ihm bringen, aber sein Auto konnte er uns noch nicht mitgeben. Angeblich wurde sein neues Auto erst später geliefert. Wir vermuteten, dass er zuerst das rote Auto verkaufen wollte um sein neues damit anzuzahlen. Helena und ich fuhren also ins Rhurgebiet um das Auto wegzubringen. Wir hatten das Auto sauber geputzt und nahmen Sat mit, denn mein Mann war zum Arbeiten. Sat liebte Autofahrten und wir fuhren früh weg um unterwegs auch mal rasten zu können. An den Raststätten waren Futterstellen für Hunde und Sat fühlte sich wie im Schlaraffenland.
Als wir ankamen, mussten wir das Auto gleich zu seinen Eltern bringen, denn seine Mutter würde das Auto erst einmal gründlich reinigen, bevor es verkauft wurde. Von da aus brachte uns Axel zu Hannah in die Wohnung. Dort bekamen wir schnell noch einen Kaffee, dann fuhr uns Axel die weite Strecke wieder zurück.
Auf dem Rückweg war es wieder auf der Schwäbischen Alp, wo wir vom Wetter überrascht wurden. Axel fuhr immer auf der linken Spur mit hohem Tempo, wie er so schnell und sicher abbremsen konnte war mir rätselhaft. Nach dem Tunnel lagen taubenei-große Hagelkörner auf der Fahrbahn. Wir waren froh, als wir zu Hause waren, denn Helena und ich waren eher gemütliche Autofahrer, wir mochten es nicht, ständig auf der Überholspur zu rasen.
Wenige Tage später rief Hannah an, sie hatten das Auto verkauft, nachdem sie damit in eine Werkstatt gefahren waren. Dort hatte man den Fehler entdeckt, den bei uns niemand gefunden hatte. Es war ja nur eine ganz bestimmte Dichtung die er erneuert hatte. Na, dachte ich hoffentlich war das auch wirklich der Grund, nicht dass die neuen Besitzer im Winter auch an jeder Ampel stehen blieben. Auf alle Fälle hatten sie das Auto gut verkauft und Axel hatte noch ein paar hundert Mark daran verdient.
Dann kam der Tag, an dem ich das Auto bekommen sollte. Axel kam mit dem Auto angefahren dann verlangte er einige Papiere von mir, und ging das Fahrzeug anmelden.
Er nahm mir alle Wege ab, und blieb die Nacht bei uns. Am nächsten Tag kam Helena und wir fuhren Axel heim und dann wieder zurück. Ich fand es blödsinnig, er hätte auch mit dem Zug fahren können, aber in einen Zug wollte er nicht steigen. Helena nahm ihr Auto und Axel fuhr. Natürlich ging es bei ihm flott voran. Wenn ich bei ihm im Auto saß, kam mir die A7 nur halb so lang vor.
Kurz vor Dortmund sah ich Stände mit Kartoffeln an den Rastplätzen. Auf dem Rückweg wollten wir einen Sack voll kaufen.
Bei Hannah tranken wir wieder Kaffee bevor wir uns auf den Heimweg machten. Für dieses Jahr hatte ich genug, Hannah zu besuchen. Sogar Sat durften wir mit in die Wohnung nehmen und Hannah fand ein Gefäß in den sie ihm Wasser füllte. Wir gingen noch Gassi mit dem Hund, und damit wir uns nicht verliefen ging Hannah mit.
Sie zeigte uns ein großes Baumhaus, in dem sogar eine Familie wohnte. Anschließend fuhren wir heim. Jetzt konnten wir uns Zeit lassen. Mir kam es so vor, als ob die Menschen im Rhurgebiet immer in Eile waren.
Wir hielten gleich an, um Kartoffeln einzukaufen und Sat war beleidigt mit einem Sack seinen Platz teilen zu müssen. Es wurde schon Abend, als wir an einer Raststätte anhielten um den Hund etwas zu bewegen. Wir führten ihn zur Futterstelle Helena klagte, sie hatte sich erkältet. Ich hatte auch Kopfschmerzen, das konnte nur von der Zugluft kommen, denn Axel hatte immer das Fenster offen.
Helena versicherte: „Ich schaffe das noch, wir sind ja bald in Ulm.“ Wir ließen den Hund wieder in den Kofferraum und nahmen zwei Zimmerleute mit, die auf der Walz waren. Das war das einzige was wir mitfahren ließen, Anhalter nahmen wir sonst nie mit. Der Hund knurrte, als die beiden einstiegen, einmal war es die Kleidung, die ihn störte, dann hatten beide einen furchterregenden Knüppel dabei. Knüppel mochte unser Hund nicht. Also legte ich die Prügel zum Kartoffelsack.
Dei Wanderburschen wollte an den Bodensee, deshalb ließen wir sie aussteigen, bevor wir die Schnellstraße nach Friedrichshafen verließen.
Die Wanderknüppel holte ich lieber selbst aus dem Kofferraum, sonst wäre mein Hund vielleicht vor Angst auf die Straße gesprungen. Wir waren froh, als wir zu Hause waren Helena ging gleich hinauf in ihr Zimmer. Sie musste sich jetzt ein paar Tage auskurieren bevor sie zurück nach Riedlingen fuhr.
Mein Mann war froh, dass bei uns nun wieder Ruhe eingekehrt war. Nun konnten wir ja einen Ausflug in die Berge planen. Wir waren auch schon lange nicht mehr dort. Der Fronleichnams-Tag war da genau günstig. Tommy, der jüngste Sohn von Tina durfte mit.
Wir stiegen auf zur Hütte, kehrten dort eine Weile ein, und machten uns dann, auf den langen Wanderweg über den Bergkamm auf. Sat kannte den Weg schon, wir waren schon einmal hier gewandert.
In der Nähe der Sennhütte, waren Rinder auf den Bergwiesen. Die liefen einfach so frei herum, unser Hund auch. Der mochte aber keine Kühe, und wenn er etwas nicht mochte, dann war es ein Zeichen, dass er Angst davor hatte. Die Rinder waren aber sehr zutraulich, besonders eines. Es wollte sich unbedingt mit Sat anfreunden. Der schaute mit keinem Auge das Rind an und erhöhte konstant sein Schritttempo.
Aber das Rind konnte auch noch schneller, so wurde Sat seine ungeliebte Freundin erst los, als wir durch ein Gatter mussten. Weil er sich dann in Sicherheit fühlte, drehte er sich um und bellte das Rind so böse an, so dass es einen Satz in Richtung Sennhütte machte. Stolz und erhobenen Kopfes setzte unser Hund seinen Weg fort.
Der Abstieg endete kurz vor der österreichischen Grenze, im Niemandsland, so nannte ich das Stück zwischen den beiden Ländern. Auf dem höchstgelegenen Rastplatz machten wir noch eine Pause. Wir packten den Rucksack aus. Es wurde höchste Zeit, dass der mal endlich leichter wurde.
Dann war es nicht mehr weit bis zum Parklatz, es war ein gelungener Ausflug.
Noch am gleichen Abend rief Hannah an, jetzt hatte sie ihren Hochzeitstermin und schwelgte schon in Vorfreude. Seine Eltern würden die Hochzeit in ihrem Haus ausrichten, und alle Vorbereitungen treffen.
Sie wollte alle einladen, weil Axel eine große Verwandtschaft hatte, da wollte sie auch ihre Eltern und Geschwister dabei haben. Sie hatte vor, jetzt nach einem Brautkleid zu suchen, das sollte allerdings was ganz besonderes sein. Sie suchte ein traumhaftes Brautkleid, für eine Traum-Hochzeit, mit ihrem Traummann.
Inzwischen war Martins Mutter wieder gefallen. Sie wollte des nachts zur Toilette gehen, die sich zwar im Haus befand, aber außerhalb der Wohnung, im Flur gegenüber von der Haustür. Die Tür zwischen Wohnung und Hausgang hatte sie abgeschlossen. Beim Aufschließen muss sie wohl ausgerutscht sein. Nun lag sie dort die ganze Nacht und konnte nicht aufstehen.
Erst mittags als Edeltraud nach ihr sehen wollte, merkte die es, konnte aber nicht hinein, weil die Tür verschlossen war. Jemand rief nach Martin, und der machte ein Loch in die Scheiben. Weil seine Mutter total unterkühlt war, brachte man sie ins Krankenhaus. Nun beschlossen ihr Sohn Toni, und seine inzwischen 3. Frau, die Oma ins Pflegeheim zu bringen.
Alle wussten davon, nur sie selbst hatte keine Ahnung. Ich war so ehrlich es ihr bei einem Besuch zu unterbreiten, sie glaubte mir aber nicht. Ich bot an die Oma zu nehmen, und mein Geschäft zu schließen. Da hieß es, zu mir würde sie ganz bestimmt nicht gehen, vor mir hatte sie Angst. Zudem wurde Martin von allen Geschwistern angefeindet, die Scheibe eingeschlagen zu haben. Von da an hielten wir uns zurück.
Sie durfte, als sie aus dem Krankenhaus kam nicht mal mehr zurück ins Haus. Das ließ Toni nicht zu. Sie wurde sofort ins Pflegeheim gebracht. Ihre Sachen wurden in einem Container entsorgt und das Haus vermietet. Wir besuchten sie noch ein paar mal im Heim. Martin wollte von ihr, dass sie ihm das Geld schenkte, was sie uns geliehen hatte, aber sie traute sich nicht ja zu sagen, sie müsste erst die anderen Kinder fragen.
Daraufhin wollte Martin sie nicht mehr besuchen. Als Tina zu ihr in Pflegeheim kam und ihr ein paar Blumen brachte, fragte eine Mitbewohnerin: „Ist das auch eine Enkelin von Ihnen?“ Die Oma überlegte einen Moment und sagte „Nein!“ Eine andere Frau, die uns gut kannte, mischte sich ein: „Natürlich ist das einen Enkelin von Ihnen!“ Tina war gekränkt, nun wollte sie von ihr auch nichts mehr wissen. Sie war selbst Schuld, dass von uns niemand mehr zu ihr wollte.
Im Heim wurde sie gut versorgt, und es wurde auch mit den Bewohnern gebastelt. Oma sollte auch mit an den Basteltisch und Tischdekoration basteln. Das gefiel ihr gar nicht, und sie machte sich vollends unbeliebt als sie sagte: "Ich zahle genug Geld hier, da werde ich nicht auch noch arbeiten!“
Kurze Zeit später bekamen wir ein Schreiben von einem Anwalt, in dem stand, dass wir das Geld, das wir geliehen bekommen hatten, in monatlichen Raten überweisen musste, als Zuzahlung für das Pflegeheim. Wir erfuhren später, dass es nicht wahr war. Opa war Beamter und es musste nichts zugezahlt werden. Wir zahlten unsere Schulden ab und wollten von allen nichts mehr wissen.
Hannah kam uns vor der Hochzeit, noch ein paar mal besuchen. Axel bestellte bei mir Schleifen für die Autos der Gäste, und für die Bekränzung. Seine Mutter wollte mit ihren Schwestern das Haus bekränzen. Dafür musste ich weiße Tauben bestellen, mit ausgebreiteten Flügeln. Die sollten in die Girlanden und Buchsbäume vor dem Haus.
Auch den Polterabend hatte er schon geplant. Da Hannah an ihrem Polterabend nur fremde Leute um sich haben würde, rief ich Ronja an, ob sie es nicht einrichten konnte, dorthin zu fahren. Ronja wohnte zwar noch ein großes Stück weg, aber sie versprach, hinzufahren. Ich nähte mir ein Dirndelkleid aus schwarzer Seide sehr schön mit viel Aufwand. Denn ich hatte nie zu besonderen Gelegenheiten ein passendes Kleid. Tina wurde eingeladen mit ihren beiden Buben, Bernd mit Frau und Kindern und wir mit Helena und dem Hund.
Eines abends rief Hannah an, sie hatte jetzt genau das Kleid gefunden, was sie suchte. Es war aus Spitze, mit vielen Rüschen, und einem Reifrock mit Schleppe. Na Gott sei Dank, ich konnte es schon fast nicht mehr hören, denn sie war so klein und mager, dass ihr auch ein Kinderkleid gepasst hätte.
Axel hatte schon bei mir das Hochzeitsgeschenk bestellt. Es war ein großes Bild, handgemalt auf Seide. Es war nach italienischem Stil, und hieß „Die Veranda“. Ich malte eine Woche lang daran, dann bügelte ich es auf Vlies, denn rahmen lassen, wollte er es selbst. Die Grundfarben mussten zu seiner Einrichtung passen.
Ich fand schließlich, dass wir noch etwas dazulegen sollten und wir machten ein Bild aus 100 Mark-Scheinen, die wir so falteten und aneinanderreihten, dass es nach 1 Million aussah. Ich fand das Geschenk originell. Wir verpackten es.
Dann kam mir der Gedanke, dass es wohl nicht so gut war, denn die vielen Leute, die da eingeladen waren, kannten wir ja gar nicht. Wie schnell konnte es dann verschwinden. Also machten wir das Bild wieder auf, nahmen das Geld, und kopierten es am Farbkopierer. Dann steckten wir das richtige Geld in einen Briefumschlag, und machten das Bild jetzt mit einseitig kopiertem Falsch-Geld.
Meine Kundschaft bereitete ich nun darauf vor, dass ich drei Tage geschossen hatte. Wir fuhren mit Helenas Auto, den ersten Fahrtabschnitt wollte ich fahren, denn mein Mann weigerte sich, er wollte nicht mit Helenas Auto fahren, und auch nicht mit unserem Ford, den wir von Axel hatten. Mit Rainer und Tina hatten wir ausgemacht gemeinsam zu fahren. Ich fuhr vor, und Rainer kam mit seinem Auto hinterher. Nun fing es an zu regnen, die Straßen spiegelten, es war schon dunkel und ich fuhr meinem Schwiegersohn nicht schnell genug. Also gab er Gas, und weg war er.
Als Helena mich ablöste, war ich heilfroh. Wir kamen spät in der Nacht an. Während Tina und ihre „3 Männer“ schon im Gästezimmer schliefen. Bernd war auch schon da mit seiner Familie. Voller Ungeduld hatte man auf uns gewartet. Wir durften in Hannahs Zimmer schlafen, während die Ulmer die Wohnlandschaft im Wohnzimmer in Beschlag genommen hatten. Das Brautpaar hatte ein Hotelzimmer für die nächsten zwei Nächte.
Am Morgen wurden wir recht unsanft geweckt und gleich zu Eile angetrieben. Hannahs künftiger Schwiegervater hatte das Auftreten eines Feldwebels, obwohl er aus dem Bergbau kam. Wir hatten noch nicht gefrühstückt, und ich musste noch mit dem Hund hinaus. Irgendwie schafften wir es schließlich, viel zu früh in der Kirche zu sein.
Neben mir saß die Mutter von Axel. Sie trug ein sündhaft teures Kleid (hieß es) , was man dem Kleid aber nicht ansah. Es war mausgrau, und an Schlichtheit nicht zu übertreffen. Dafür war sie aber reichlich mit Goldschmuck behängt.
Neben ihr kam ich mir vor wie ein Waisenkind. In meinem selbst genähtem Seidenkleid und einer selbst gefertigten Halskette aus winzigen Perlen, die farblich genau zu meinem Kleid passte. Als wir eine Weile in der Kirche gewartet hatten, gingen mein Mann und die Mutter von Axel hinaus, um das Brautpaar in die Kirche zu führen.
Zuerst kam Axel begleitet von seiner Mutter, dann kam Hannah mit ihrem Vater, und Gefolge. Sie hatte Brautjungfern und Kinder, die Blumenkörchen trugen. Es war alles nach alter Sitte, und sah auch sehr gelungen aus. Ich war stolz auf Martin, dass er es so gut machte. Dann setzten sich wieder beide auf ihren Platz. Die Trauung wurde katholisch vollzogen und dauerte eine gefühlte Ewigkeit.
Am Ende der Zeremonie trat eine Sängerin auf, die von der Empore das „Ave Maria“ sang. Dann verließ das Brautpaar die Kirche. Die Kinder streuten Rosen auf den Weg nach draußen. Ganz zum Unbill des Pfarrers, denn er hatte gebeten es zu unterlassen, da er sonst selbst fegen musste.
Die Kinder hatten aber ganze Rosen, so gab es nicht so viel zu fegen. Vor der Kirchentür warteten die Soldaten aus der Kaserne von Axel. Der Fußball Verein, in dem er bis dahin gespielt hatte, stand Spalier. Die Spieler hatten mit den Armen einen Torbogen gebildet, durch den nun alle Gäste mussten. Das dauerte aber, denn die Kirche war gut gefüllt.
Alle die von auswärts waren, also wir und unsere Sippschaft, mussten jetzt hinter Axels Vater herfahren. Das Brautpaar wurde in einem offenen Oldtimer gefahren. Sie fuhren hinter uns. Die Autoschlange war unübersehbar. Hupend fuhren alle durch die Städte. Bis wir endlich in dem Ort ankamen, wo die Eltern von Axel wohnten.
Das tolle rot-verklinkerte Haus war mit grünen Girlanden verziert. Rechts und links standen lauter Buchbäumchen, alles mit Schleifen und Tauben geschmückt. Der geräumige Hof war mit Rosenblättern überschüttet. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Der Schwiegervater trieb schon wieder, man sollte in Haus kommen. Ich bedauerte, denn nun mußte ich mich um meinen Hund kümmern. Der hatte die ganze Zeit im Auto verbringen müssen. Martin und ich machten einen Spaziergang mit ihm. Da würde uns sicher niemand vermissen, dachten wir und ließen uns Zeit. Als wir zurück kamen, nahmen wir den Hund mit hinein. Es brachte uns haufenweise böse Blicke ein. Hannah wies uns einen Platz zu am letzten Eck von der Kaffeetafel zu, aus Strafe, dass wir den Hund dabei hatten.
Ein aufwendig aufgebauter Geschenke Tisch stand gleich im Eingangsbereich. Es wäre eine Sünde gewesen den nicht genau zu betrachten. Unser Geschenk war recht stiefmütterlich, und das Bild war gar nicht auf dem Tisch, es war ja auch noch nicht gerahmt. Nach einer längeren Unterhaltungspause, wurde dann der Kaffee serviert. Eine Zeitlang saß Hannah ganz verloren bei uns. Sie achtete darauf, dass ich meinem Hund nichts von der Torte gab.
Nach dem Kaffee, kam ein Reporter, der für die Tageszeitung einen Artikel schreiben musste. Es wurde vor der Tür ein Foto gemacht, und dann kam noch ein Interview. Axel berichtete den erstauntem Journalisten, dass er nun mit dem Fußballspielen aufhören wollte. Ob das sein Vater schon vorher wusste? Denn der war auch irgendwie bei dem Fußball-Verein engagiert.
Die Frau von Bernd fuhr sich umzuziehen, und kam mit einer gewagt durchsichtigen Bluse zurück. Wir hatten noch etwas Zeit, bis die Gesellschaft aufbrach in ein Gasthaus, wo ein Saal angemietet war. Dort war ein feudales Essen bestellt und anschließend sollte getanzt werden. Helena und ich gingen noch einmal mit dem Hund spazieren, denn in das Gasthaus durfte ich ihn nicht mitnehmen, da würde er stundenlang im Auto bleiben müssen. Der Hund tat mir leid.
Wir waren die letzten, auf uns hatte man wieder gewartet. Nun ging es in den Landgasthof. Dieser Teil der Feier war jetzt nur der Verwandtschaft vorbehalten.
Im Saal waren die Tische in U-Form aufgestellt. Die eine Hälfte gehörte zu Hannahs Familie die andere zur Familie von Axel. Der Vater von Axel hatte 7 Geschwister, entsprechend war das Gedränge auf der Seite. Auf unserer Seite war reichlich Platz, obwohl wir niemanden zuhause gelassen hatten.
Es gab fünf Gänge, die alle köstlich waren. Der Hauptgang war sehr reichlich bemessen. Es wurden also alle satt. Mein Mann und ich schafften etwas zur Seite für Sat, und hatten Mühe, unbeobachtet zu bleiben. Mit einer Serviette packten wir es in meine Handtasche.
Nach dem köstlichen Essen, kam eine fünfköpfige Kapelle. Nun wurde zum Tanz aufgespielt. Das Brautpaar eröffnete mit einem Walzer, danach kam auf Hannahs Wunsch, der Zillertaler Hochzeitsmarsch.
Dann sollten die gewohnten Pflichtänze kommen. Mein Mann der notorischer Nichttänzer war, stäubte sich. Bernd sprang ein. Ich war noch nie eine gute Tänzerin und wollte mich nicht lächerlich machen. Ich glaube, mein Schwiegersohn nahm es mir übel. Er tanzte jedoch mit seiner Mutter.
Bettinas Alex, tanzte viel mit der Braut und ich wagte es, als genügend Volk auf der Tanzfläche war, mit Bernd. Er war ein ausgezeichneter Tänzer. Das Talent konnte er nicht von meinem Mann haben, der für Rhythmus überhaupt kein Gefühl hatte. Als alle tanzten und ihren Durst bekämpften, schlichen mein Mann und ich hinaus, zu unserem Hund.
Wir machten einen ausgiebigen Spaziergang durch die umliegenden Felder und gaben ihm von Hannahs Hochzeitsmahl. Dann mussten wir ihn leider wieder ins Auto sperren. Wir versprachen ihm, nie wieder irgendwo hin zu fahren, wo er nicht willkommen war.
Als wir zurück in den Saal kamen, hatte ich den Eindruck man hatte darauf gewartet, denn der nächste Höhepunkt stand an.
Hannah musste ihren Schuh hergeben, und weil der so klein war, nahm man gleich beide. Die Schuhe wurden jetzt amerikanisch versteigert. Wer das letzte Gebot abgab, konnte die Schuhe behalten. Da Hannah aber keine Schuhe dabei hatte, außer dieses Paar, mussten wir sehen, dass wir das letzte Angebot abgaben, um Hannah die Schuhe zurückzugeben.
Jedes Mal, wenn es ruhig wurde, legte ich zehn Mark in den Schuh und der Zauber fing von vorn an. Ich hatte zum Schluss nur noch ein Fünfmarkstück. Und mir war es langsam egal, ob sie mit oder Schuhe heimfuhr. Als ich mein letztes Geldstück in den Schuh warf, war ich nicht mehr gut gelaunt.
Wahrscheinlich war die Versteigerung deshalb beendet. Ich brachte Hannah ihre Schuhe und nach altem Brauch, das Haushaltsgeld für den ersten Monat, denn das war der Sinn der Versteigerung. Das Geld packte sie in die Tüte, in der sie die Schleppe von ihrem Hochzeitskleid aufbewahrt hatte, zog ihre Schuhe wieder an und tanzte noch ein paar Runden mit Alex.
Einer der vielen Onkel von Axel, wollte seine Film zu Ende drehen und kam als letztes noch zu uns an den Tisch. Hannah bat ich, sich bei ihren Schwiegereltern zu bedanken für die schöne Hochzeit. Ich begleitete sie. Die Frau erschien mir unnahbar, Hannah bedankte sich, und sie nickte, das war alles. Mit ihr würde ich mich wohl nie anfreunden können.
Hannah machte noch keinen müden Eindruck aber ich hatte langsam genug, und Martin auch. Die jüngeren wollten noch nicht heim, da opferte Bernd sich, und fuhr uns in die Wohnung von Hannah. Bernd hatte ein ganz besonderes Erinnerungsvermögen, wo er einmal war, fand er auch auf Anhieb wieder hin. Wir nahmen unsere Hund mit hinauf und bekamen nicht mehr mit, wann die anderen ankamen.
Am nächsten Morgen fuhren dann alle zum Frühstück zu den Eltern von Axel. Der Tisch war reichhaltig gedeckt und von den Festlichkeiten am Tag vorher war nichts mehr zu sehen, außer dem Schmuck vor dem Haus. Entweder hatten sie die ganze Nacht durchgearbeitet und aufgeräumt, oder hatten das die Nachbarn übernommen.
Hannah hatte mich dringend gebeten keine unanständigen Wörter zu sagen und mich mit meiner Meinung zurück zu halten. Trotzdem kamen wir auf die Gegend zu sprechen, die eben und glatt war, der einzige Berg war eine Kohlenhalde.
Nun hatte ich hier viele Radfahrer gesehen. Manche hatten sogar Mountainbikes, die gerade in Mode gekommen waren. Mein Mann sagte:" Hier kann man herrlich Radfahren, da braucht man keine Gangschaltung." Ich mischte mich ein und meinte „Ich habe ganz Bescheuerte gesehen, die hatten sogar Mountainbikes.“ Darauf die Dame des Hauses: „Ja, die haben wir uns auch gerade gekauft.“
Außer unserer Verwandtschaft war niemand beim Frühstück eingeladen. Alle anderen wohnte ja auch in der Umgebung und waren nachts noch nach Hause gefahren. Als Erster brach Bernd auf mit seiner Familie. Rainer fuhr als Nächster ab und wir verließen zum Schluss das Haus.
Auf der Schnellstraße zur Autobahn kauften wir noch einen Sack Kartoffeln. Wir fuhren bis nach Würzburg und weil wir tanken mussten, gingen wir in das Rasthaus zum Essen. Als wir hinein gingen, kam Bernd mit seiner Mannschaft gerade heraus. Er sagte: „Das Essen ist gut und preiswert.“ Also fühlten wir uns ermutigt. Mein Mann probierte und sagte auf seine schwäbische Art: „Kann man essen.“
Wir kamen gut zu Hause an und die Wirklichkeit hatte uns wieder. Helena fuhr wie gewohnt nach Riedlingen, und ich hatte Ablenkung durch meine Kundschaft.
Hannah rief oft an, sie gestand, dass sie Heimweh hatte. Nicht nach uns, und ihrem Zuhause, nein nach den Bergen. Auf ihr Drängen reichte Axel ein Versetzungs-Gesuch ein. Als Begründung gab er an, dass seine Frau die Berge vermisste.
Es dauerte gar nicht lange, da wurde er in das Sauerland versetzt. Nein ins Sauerland wollte sie nicht, sie wollte morgens aufstehen und die Alpen sehen. Das konnte dort niemand verstehen.
Vorher war er Rechnungsführer bei der alten Einheit, so einen Posten würde er bestimmt nicht wieder bekommen. Aber er reichte ein neues Gesuch ein, um Hannah die Freude zu machen, und bat gleich um die Versetzung nach Kempten oder Sonthofen. Es tat sich aber lange nichts.
Währenddessen machte sich der Wunsch nach einem Kind breit. Wer sich nun am meisten ein Kind wünschte, konnte ich nicht sagen, waren es die Schwiegereltern, oder das junge Paar. Hannah wurde nicht schwanger. Sie machte viel durch, bis sie eines Tages anrief, und verkündete: „Ich war heute beim Frauenarzt, ich bin schwanger.“ Das Glück schien vollkommen.
Als sie uns Weihnachten besuchten, strahlte Hannah. Axel gab gleich ein Bild fürs Kinderzimmer in Auftrag mit Winnie Pooh , eine Vorlage dafür, brachte er schon mit. Die Farben wurden wieder ganz genau bestimmt, denn es musste ja in das künftige Kinderzimmer passen. Axel hatte einen Riesenstolz Vater zu werden.
Wie jedes Jahr kamen im Februar die Unterlagen zur Anmeldung für ein Seminar, für Hobby und Basteln. Es reizte mich schon sehr, daran einmal teilzunehmen, zumal nach bestandener Abschlussprüfung ein Diplom verliehen wurde.
Ich fand mich zu alt für solche Schulungen. Helena überredete mich, die Anmeldung abzuschicken. „Wenn du zu alt bist, dann kriegst du eben eine Absage, dann ist es auch gleich“ Sie wollte in der Zeit Urlaub nehmen, mich im Laden vertreten, und Martin mit Essen versorgen.
Es dauerte nicht lange, da kam die Zusage und ein Fragebogen. Es ging um die Unterbringung, da scheinbar nur Doppelzimmer zur Verfügung standen. Sie wollten die Teilnehmerinnen altersmäßig passend unterbringen. Es war auch wichtig anzugeben, ob wir mit einem Fahrzeug anreisten oder mit dem Zug. Die Leute ohne Fahrzeug sollte in der Nähe des Schulungsortes ein Zimmer bekommen. Ich füllte aus, dass ich mit dem Zug anreisen wollte.
Also packte ich im April meine Reisetasche und fuhr in einen Ort bei Baden-Baden. Es war Sonntag und ich suchte den Schulungsort. Schließlich fand ich ein großes Gebäude mit einem Hinweis „Schulungszentrum“.An der Anmeldung saß eine Dame, die nun die einzelnen Personen in die Unterkünfte verteilen sollte. Sie hatte eine Liste, wo schon alles genau vermerkt war. Jedoch hatte es ein Missverständnis gegeben, eine angemeldete Dame, war ein Mann. Der brachte den ganzen Plan durcheinander.
Ihr fehlte jetzt ein Zimmer. Ich sollte mich setzen, sie wollte mich rufen wenn sie für mich etwas gefunden hätte. Da saß noch eine Frau, die scheinbar auch wartete. Sie war auch nicht mehr die Jüngste und ich ahnte, dass ich mit ihr mein Zimmer teilen musste.
Als Anmeldeschluss war, hatte die Dame an der Anmeldung schließlich ein Zimmer, in einem kleinen Ort, mitten in den Weinbergen. Zu Fuß eine Zumutung. Die Frau die mit mir gewartet hatte, war mit dem Auto da. Mit ihr sollte ich mitfahren.
Wir fuhren an riesigen Obstplantagen vorbei, mit lauter Zwetschgen-Bäumen. Dann kamen wir in die Weinberge und da war unsere Pension. Unser Zimmer war im Erdgeschoss, mit Balkon. Wir richteten uns ein und ich stellte fest, dass ich mit der Frau gut auskommen konnte.
Wir waren bestens untergebracht, der Frühstückstisch war liebevoll gedeckt, und der Kaffee war gut und reichlich bemessen. Wir hatten Zeit genug pünktlich bei der Schulung zu erscheinen. Dort wurden wir in Gruppen von 8 Personen eingeteilt. Ich war ohne Frage die älteste Teilnehmerin.
Nach einem Stundenplan stellten wir uns in den verschiedenen Schulungsräumen ein, und fertigten Muster in neuen, oder manchmal auch bekannten Techniken an. Wichtig war für mich über die Materialien Detail zu erfahren. Unsere fertigen Muster sammelten wir in einem Karton, die durften wir am Schluss mit nach Hause nehmen.
Der Hauptsponsor, des Seminars stellte die Kartons zur Verfügung, und schickte unsere vollen Pakete an unsere Anschrift. In der Werkskantine konnten wir mittags essen. Das Essen war sehr gut und preiswert. An einem der letzten Tage lernte ich das Papierschöpfen. Das interessierte mich besonders.
Abends gingen wir ein wenig durchs Dorf. Ich rief Hannah an, sie hatte Geburtstag. Da stand ich in der Telefonzelle und sang „Alles Gute zum Geburtstag“ und musste weinen, warum, wusste ich selbst nicht. Es war mir lange nicht so gut gegangen, wie in der Zeit. Es gab also keinen Grund ins Telefon zu heulen.
Am letzten Tag kam die Abschluss-Arbeit. Auf einem Stapel Bögen mussten wir viele Fragen beantworten, die Material und Verarbeitung betrafen. Vor mir auf dem Schreibpult hatte ich einen kleinen Schäferhund sitzen, den hatte mir Helena mit gegeben, als Maskottchen. Er sah meinem Sat sehr ähnlich. Eine Frage war doch sehr schwierig, die habe ich wohl falsch beantwortet, bei einer zweiten setzte ich das Komma falsch.
Ich gab meine Arbeit ab und dachte: Jetzt werde ich die Arbeit verhauen haben, aber ich hatte ja keinen Chef, der mich deshalb rügte. Meine Zimmerkollegin brachte mich noch zum Zug und gab mir ihre Telefon Nummer. Sie glaubte, alle Fragen richtig beantwortet zu haben. Wir wollten in Verbindung bleiben.
Es dauerte einige Tage, dann kam das Ergebnis. Ich hatte das Seminar mit „gutem Erfolg“ abgeschlossen. Natürlich war ich enttäuscht, denn mein Ziel war mit „Auszeichnung“. Helena meinte, gut sei auch schön.
Da rief ich meine Zimmerkollegin an und fragte, ob sie mit Auszeichnung bestanden hätte. Als sie sagte: „Ich habe nur eine Urkunde bekommen „Hat teilgenommen“ Das konnte ich nicht glauben, sie machte doch alles so gut. Drum fragte ich: „Sie machen doch Witze?“ Nein es war kein Witz und als sie mich wieder einmal anrief, hatte sie die Stelle verloren. Sie tat mir leid.
Helena und ich erkundeten die Raffinessen des Papierschöpfens. Wir machten verschiedene Sorten Papier mit Lavendel zum Beispiel und fertigten daraus Grußkarten. Das wurde allgemein bewundert und wir wurden zu Festen eingeladen, wo wir unsere Kunst vorführten.
Helena kam auf die Idee die Karten zu beschriften. Wir suchten passende Sprüche, ernste und witzige Helena hatte Ideen und ich das Material. Sie brachte die Sprüche spiegelverkehrt auf Papier, mit dem Kopierer vervielfältigten wir die Ausdrucke und rubbelten sie mit Nitroverdünner auf unsere Karten. Dann schrieb Helena es mit einen wasserfestem Schreiber nach. Wir machten wunderschöne Karten und sie wurden auch gern gekauft.
So verging die Zeit noch schneller als sonst, an vielen Wochenenden waren wir auf irgendeinem Fest.
Ende August bekam Hannah ihr Mädchen. Sie war glücklich aber nicht nur des Mädchens wegen. Ihr Mann hatte die Zusage zur Versetzung bekommen, ins Allgäu. Hannah jubelte. Jetzt würde alles besser werden. Jeden Morgen die Berge vom Fenster aus, mit ihrem Mann und ihrem Kind allein. Seine Eltern weit weg, es würde herrlich werden.
Hannah fand eine Wohnung in einem zauberhaften Dorf, und sie zogen um. Wir freuten uns mit Hannah und mein Mann hatte ein neues Ausflugsziel.
Als sie umgezogen waren, holte Axel meinen Mann ab, er sollte ihm helfen, die Küche aufzubauen. Nebenbei bemerkte er wie reizend die Gegend hier war, die Berge nicht ganz so hoch und wunderbare Wege zum Wandern. Jetzt wollte mein Mann sooft es ging, Hannah hier besuchen. Natürlich mit uns, denn er fuhr weder mit unserem Auto, noch mit dem von Helena.
Auch Hannahs Schwiegereltern gefiel es dort, zuerst kamen sie zu Besuch, dann verkauften sie ihr Haus im Rhurgebiet und mieteten eine Wohnung im gleichen Ort, in dem ihr Sohn mit Hannah und der kleinen Milena wohnte.
Das Jahr ging langsam zu Ende und ich bekam eine Einladung zum 100. Geburtstag von Mutti. Helena bot sich an, mich begleiten. Mein Mann wollte mit dem Hund allein zu Hause bleiben. Ich bereitete für meinen Mann ein paar Mahlzeiten vor, aber mittags konnte er in der Kantine essen. Wir hatten auch nicht vor, länger als drei Tage wegzubleiben.
Helmut hatte uns ein Zimmer im Gasthof gemietet, in dem die Feier stattfinden sollte. Das Zimmer bezahlte Mutti. Ja da konnten wir es uns gutgehen lassen, wenn sie schon mal für uns zahlte.
Wir fuhren am Freitag ab und kamen gegen Abend an. Helmut nahm uns gleich mit zu einem Stadtbummel. Ich hatte den kleinen Fluss, die Else, die durch die Stadt floss noch nie mit so viel Wasser gesehen. Das Flüsschen war fast wie die Weser angeschwollen. Wie immer kam nach dem Stadtbummel noch das Einkehren. Helena und ich stellten fest, dass Helmut längst nicht mehr so fit war, wie wir ihn kannten. Trotzdem hatte er die ganze Feier vorbereitet.
In unserem Gasthaus trafen wir schon auf einige der geladenen Gäste. Am Samstag fuhren Helena und ich nach Enger, um dort die Kirche anzusehen. Danach besuchten wir Mutti, die noch allein war. Wir beschäftigten uns mit ihr bis zum Abend. Dann gingen wir in unsere Unterkunft um am nächsten Tag ausgeschlafen zu sein.
Es waren ungefähr 100 Gäste geladen. Von ihren Geschwistern lebte ja nur noch Tante Anni, und die hatte abgesagt. Sie hatte die Kinder ihrer Geschwister mit Gatten und deren Kinder, die auch wiederum ihre Kinder dabei hatten, eingeladen. Dazu die Pastorin die saß gleich neben ihr und durfte nicht nur eine Lobrede halten, sie durfte auch sammeln für einen guten Zweck.
An einer Seite standen kübelweise Blumen.
Beim Steh-Empfang waren es die Söhne von Onkel Heini, Bernd und Heinz, die mich herzlich begrüßten. Ihre Schwester Lore kam auch sofort. Es waren nicht viele, die mich noch kannten, oder überhaupt etwas mit mir zu tun haben wollten. Ja, die drei aus Schleswig Holstein, die Kinder von Tante Lore, sie kamen auch und begrüßten mich. Die Frauen waren etwas älter als ich und stellten mir ihre Männer vor. Alle sehr nett, eben wortkarg, wie es dort landesüblich ist.
Mutti hatte ein schönes Kleid an, das erste Kleid, das mir an ihr richtig gut gefiel. Es gab wie bei ihr üblich, eine Vorsuppe mit Eierstich, einen Hauptgang mit Braten und Gemüse und Kartoffeln und als Nachspeise Welfenspeise.
Helena und ich saßen in der Nähe von Mutti. Um sie direkt herum saßen ein paar Auserwählte. Unter all den vielen Leuten entdeckte ich niemanden, der mir vielleicht bekannt vorkam. Helmut zeigte mir Tante Martha, aus der Mühle. Sie saß am gleichen Tisch wie Mutti. Sie war immer so gut zu mir, und ich nahm allen Mut zusammen, um sie speziell zu begrüßen. Sie freute sich, mich zu sehen und lud mich in die Mühle ein. Da die Feier nach dem Kaffee zu Ende war, fuhren wir gleich hinter Rudi her, der seine Mutter heimbrachte.
Rudi und seine Frau waren sehr distanziert mir gegenüber und hatten auch noch was dringendes vor. Sie brachten einen Teller mit Broten zu Tante Martha ins Zimmer und gingen fort. Tante Martha hatte in dem großen Haus ein Zimmer für sich, da hinein hatte man ihre ganzen Möbeln gestellt, es war fast keine Bewegungsfreiheit darin. Ein Schlafzimmer hatte sie anscheinend nebenan. Auf einem Schrank stand eine Rupfenpuppe von mir, das freute mich, sie mochte mich scheinbar immer noch.
Wir blieben etwa zwei Stunden, dann machten wir uns auf den Weg ins Gasthaus. Tante Martha lud uns ein, sie wieder zu besuchen, und ich versprach es auch.
Im Gasthaus tanzten die Holsteiner nach Schlagern aus der Musikbox. Helena und ich gingen auch noch kurz in die Gaststube, denn schlafen konnte man nicht, solange hier getanzt wurde.
Die Wirtin, kannte mich noch von früher, ich hatte mal ein Zimmer im Nachbarhaus. Sie setzte sich zu uns und sagte: "Wenns was zu feiern gibt, sind sie alle da, und wer kommt zur Beerdigung?" Wie berechtigt die Frage war, stellten wir drei Jahre später fest. Leider lebte die Wirtin da nicht mehr.
Am nächsten Morgen kauften wir Butterkuchen ein, obwohl genügend übrig gewesen wäre von der Feier, aber da hatten schon andere ordentlich zugelangt. Wir kauften einige Mettwürstchen und traten die Heimfahrt an. Zuvor klingelten wir bei Helmut, um uns zu verabschieden. Ich erzählte dass ich Butterkuchen und Würsten gekauft hatte. Das hörte seine Tochter und sagte frech: „Wurst macht dumm.“ Das beschleunigte unsere Abfahrt.
Als wir am Abend zu Hause ankamen, sahen wir von der Straße aus, wie mein Mann am Fenster stand und auf uns wartete. Er hatte sich allein gefühlt und freute sich als wir wieder da waren. Ich nahm mir vor, ihn nicht mehr so lange allein zu lassen.
Bald war der Frühling da, und wir hatten wieder alle Hände voll zu tun. Mein Mann mit seinem Fahrradverleih, und ich hatte mein Ostergeschäft. Erstmals machte ich auch für uns einen großem Palmen. Eine Kundin, die zwei Kinder hatte, freute sich, als ich ihr den Palmen anvertraute, zur großen Palmen-Weihe. Danach stellten wir ihn im Hof auf.
Hannah lud zur Taufe ein, und Bernd kam auch mit seiner Familie, er war der Patenonkel. Axel verriet uns seine Baupläne, er wollte ein Haus bauen, für seine Familie inklusive seiner Eltern. Mir gefiel die Idee nicht so gut. Erstens muss man sich oftmals sehr einschränken, wenn man gebaut hat, und zweitens kam Hannah nicht so gut aus mit seinen Eltern. Beides wollte er nicht einsehen.
Meinen Geburtstag sollte ich bei Hannah feiern. Dafür mietete sie für uns eine Ferienwohnung an, gleich gegenüber. Sie wollte mir zum Geburtstag ein richtig schönes Wochenende schenken.
Ich freute mich riesig auf das Wochenende. Wir packten ein paar Sachen ein, und für unseren Hund genügend zum Fressen. Mein Mann freute sich immer besonders, auf die Ausflüge ins Allgäu. Ich glaube er teilte die Liebe zu den Bergen mit Hannah. Helena und ich machten uns gleich zu einem Ausflug, mit dem Hund auf.
Natürlich kannten wir uns kaum aus, aber wir gingen Richtung Wald, der von unten nicht so groß aussah. Wir hatten gute Vorsätze vom Weg nicht abzuweichen, und zwei Stunden Zeit. Auf Anraten von Hannah nahmen wir einen Schirm mit. Wenn wir zurück wären, sollten wir gleich in die Ferienwohnung gehen, den Schlüssel gab sie mir mit.
Nach einer Weile erreichten wir die Sennhütte und trafen die Vermieterin der Ferienwohnung. Die erkannte uns sofort und war auf dem Heimweg. Sonst war, außer ein paar brauner Kühe, niemand zu sehen. Helena und ich strebten auf den Wald zu und es fing an leicht zu regnen. So schnell brauchten wir keinen Schirm und das hielt uns auch nicht ab, unseren Ausflug fortzusetzen.
Wir wanderten den Berg hinauf, und da er ja nicht so groß aussah, musste es ja auch bald wieder bergab gehen. Der Regen wurde stärker, und wir spannten den Regenschirm auf. Weiter ging es den Berg hinauf. Sat, der ja wasserscheu war, fühlte sich nicht mehr richtig wohl. Helena und ich hatten noch gute Laune. Es ging immer noch bergauf, langsam wurden wir ungeduldig. Auf einer Bank musste ich etwas ausruhen. Die Bank war nass, aber ich war sowieso schon durchnässt. Es fing schon an zu dämmern.
Schließlich merkten wir, dass es bergab ging. Jetzt machten wir uns Gedanken, wo wir wohl aus dem Wald heraus kamen. Wenn wir auf der anderen Seite herauskamen, was dann. Helena und ich zählten unser Geld, was wir in den Jackentaschen fanden. Für ein Telefonat würde es reichen, aber für ein Taxi nicht.
Der Wald lichtete sich etwas und wir sahen die Sennhütte, bei der wir abgebogen waren. Da es schon fast dunkel war, wollten wir den Weg durch eine Wiese abkürzen. Zuerst krochen wir unter einem Stacheldraht durch, und dann versanken wir in der sumpfigen Wiese bis zu den Knien. Der Hund stäubte sich durch das nasse Gras zu gehen, wir zogen ihn mit allen Kräften. Zum Glück waren hier keine Kühe. Denn die mochte er ja auch nicht.
Nachdem wir uns durch die Wiese gekämpft hatten, spürten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Wir kannten uns hier aus, und gingen Richtung Hannahs Wohnung. Helena und ich waren nass bis auf die Knochen und in den Schuhen stand das Wasser, wir sahen aus, wie zwei getauchte Katzen.
Sat war auch klatschnass aber nicht dreckig. Inzwischen regnete es in Strömen, wir bemühten uns unsere gute Laune zurück zu gewinnen, da kam uns ein Auto entgegen. Helena sagte: „Oh, oh, das ist Axel.“
Axel kannte ich immer gut gelaunt, und zu mir war er immer höflich und freundlich. Er würde sicher ein warmes Wort für uns haben, dachte ich. Das Auto hielt genau neben uns, das Fenster wurde herabgelassen, und Axel brüllte: „Schlüssel her!“ Ich zog den Schlüssel von der Ferienwohnung, aus meiner Tasche. Er riss mir den Schlüssel aus der Hand, machte sein Fenster wieder zu und fuhr nach Hause.
Oh je, das würde Ärger geben, dachte ich und mit zitternden Knien ging es weiter zur Ferienwohnung. Als wir endlich ankamen, ließ Helena mir den Vortritt. Ich sollte das abfangen, was man uns zuerst an den Kopf werfen würde.
Hannah deckte den Tisch, sie hatte gekocht. Mein Mann merkte als Erster wie nass wir waren. Er riet uns: „Zieht nur euren nassen Sachen aus!“ Hannah ging, einen warmen Trainingsanzug, von ihrem Mann zu holen. Mein Mann machte die Heizung an. Als wir trocken und warm angezogen waren, mussten wir noch unseren Sat abtrocknen. Der triefte auch.
Dann gab es Abendessen Hannah hatte lecker gekocht. Wir erfuhren, dass sich Axel große Sorgen gemacht hatte. Da er ja bei der Bundeswehr war, mussten wir froh sein, dass er keinen Hubschrauber zum Suchen losgeschickt hatte. Am nächsten Tag machten wir einen gemeinsamen Ausflug. Abgesehen von unserem Ausrutscher am ersten Tag, war mein Geburtstag wunderschön. Hannah hatte sich viel Mühe gegeben.
Jedes Jahr, am Fronleichnams-Tag machten mein Mann und ich einen Ausflug in die Berge. Helena konnte nicht mitkommen und gab uns ihr Auto, da war mehr Platz für den Hund. Sat hatte schon am Vortag gemerkt, dass wir wegfuhren, denn er kannte die Kühltasche, in die wir Getränke packten.
Eigentlich gehörte Kartoffelsalat dazu und Frikadellen, sowie gekochte Eier, mein Mann liebte Picknick in den Bergen. Aber dieses Mal hatten wir es anders geplant. Wir wollten vom Vilsalpsee aus zur Landsberger Hütte aufsteigen. Dort wollten wir zu Mittag essen und danach den Abstieg in Angriff nehmen.
Ich war es leid, mit einem schweren Rucksack den Berg hinauf zu klettern, denn tragen musste ich ihn immer. Zwar versprach mein Mann den Rucksack zu tragen, dann kam aber immer der gleiche Ablauf: nach einigen Metern schwitzte er unter dem Rucksack, und konnte ihn nicht weiter tragen. Dann kriegte ich ihn auf den Buckel und Martin hatte auch nicht das Bedürfnis ihn mir wieder abzunehmen. Also dieses Mal, Landsberger Hütte ohne Rucksack!
Eine kleine Gürteltasche hatte ich sorgfältig gepackt: Einen Fotoapparat von Helena, ein gutes Stück, nicht gerade billig, packte ich zuerst in das größte Fach. Das vordere Täschchen füllte ich mit Hundefutter. In das kleine Täschchen steckte ich einen winzigen Geldbeutel, den ich vorher mit 2 Fünfzigmarkscheinen sowie 2 Fünfmarkstücken gefüllt hatte.
Martin nahm ja immer noch einiges mit: Ein paar Ersatzschuhe, Socken zum Wechseln ein Handtuch, mindestens zwei Flaschen Sprudel und ich legte noch zwei Äpfel in seine Jutetasche. In die Kühltasche kam noch etwas zum Essen, denn eine Mahlzeit reichte meinem Mann nicht aus. Dann folgte noch der halbe Kleiderschrank. Ein Hemd mit kurzem Arm, eines mit langem, man weiß ja nie wie das Wetter dort ist. Eine Jacke mit Arm und eine ohne Arm.
Ich brauchte nicht so viel Auswahl an Kleidung, für mich reichte eine Jacke ohne Arm, und Schuhe mit Profil, die zog ich gleich daheim an. Dann stellte ich noch die neuen Wanderstöcke zurecht, die hatten wir gerade gekauft, das war damals der neueste Schrei. Sie waren direkt fürs Bergwandern, mit Spitzen an den Enden, da hatte man auch Halt.
Ich war damit beschäftigt, eine Thermoskanne mit Kaffee zu füllen, als mein Mann ganz aufgeregt anfing das Auto zu beladen. Jedes Mal fragte er: „Wohin kommt das?“ Ich sagte: „Der Hund ganz nach hinten, wie immer, und alles zum Anziehen auf die Rückbank. Die Kühlbox zwischen die Sitze und deine Beutel mit dem Sprudel ganz nach vorn. Er trug alles hinaus. Weil ich aber nicht gesagt hatte wohin er meine Gürteltasche legen sollte, legte er die aufs Auto.
Der Hund war voller Vorfreude und klopfte mit dem Schwanz den Teppichboden hinten im Auto. Nachdem ich die Haustür geschlossen hatte, war mein Mann schon eingestiegen. Ich fragte: „Alles im Auto?“ Mein Mann daraufhin: „Aber sicher.“ Dann startete ich und fuhr los.
Als wir auf der Kreisstraße waren klopfte es auf dem Autodach. Ich fragte meinen Mann: „Soll ich mal anhalten und gucken was da klopft?“ Martin hielt das für überflüssig. Wir mussten Umleitung fahren und es klopfte immer noch.
Sobald ich aus den Ortschaften heraus war, wollte ich nachsehen. Also hielt ich gleich bei der nächsten Gelegenheit an, konnte aber nichts finden, was da geklopft haben konnte. Also stiegen wir wieder ein und es klopfte nichts mehr.
Einmal machten wir Rast, holten den Hund aus dem Auto, damit er sich die Füße vertreten konnte, und aßen eine Kleinigkeit von unseren Vorräten. Dann fuhren wir weiter Richtung Osterreich.
Wir kamen früh genug auf den Parkplatz. Mein Mann wechselte seine Schuhe und ich suchte meine Gürteltasche. Als ich jeden Winkel durchsucht hatte, fragte ich: „Wo hast du denn die Gürteltasche hingelegt?“ Martin polterte mich an: „Habe ich dir doch gesagt, die habe ich aufs Auto gelegt, die hast du doch selber weggeräumt.“ Er hatte nichts gesagt von der Tasche, aber ich wusste plötzlich, was da geklappert hatte. Es war mir in diesem Moment egal, jetzt ging es eben zur Landsberger Hütte ohne Rucksack und ohne Geld.
Martin nahm seine Tasche mit, in der er Sprudelflasche und Äpfel hatte. Ja und seine Socken, aber die konnte man nicht essen. Dafür nahm er seine Wanderstöcke nicht mit. Gut, jetzt hatte ich nichts zum Tragen, und mit den Stöcken kam ich gut den Berg hinauf, während sich mein Mann schwer tat, mit seiner Tragetasche. Der Hund lief allein von einem Wasserrinnsal zum Nächsten.
Je mehr wir uns dem Gipfel näherten, um so wärmer wurde es.
Endlich hatten wir den ersten Gipfel erreicht, vor uns lag ein Stausee und ganz in der Nähe, ging es weiter, das letzte Stück zur Landsberger Hütte, noch einmal ein kurzer Anstieg. Zuerst wollte ich aber den Hund zum Stausee begleiten, damit er trinken konnte. Also rief ich „Sat“, wo war er denn? Ich musste zurück gehen, denn ich hatte ihn doch schon oben gesehen.
Da stand unser Hund, ganz verwirrt, er schien mich nicht zu sehen, und er hörte auch nichts. Da nahm ich ihn am Halsband und führte ihn ein Stück. Ans Wasser wollte er nicht, er schleppte sich mühevoll vorwärts. Auf einem großen Stein, machten wir Rast. Mein Mann leerte Sprudel in meine Hand und der Hund schlürfte das Wasser aus meiner Hand. Dann legte er sich ins Gras.
Wir planten weiter, sobald der Hund sich erholt hatte. Mein Mann wusste da war ein Seil, an dem letzten Stück Weg, da konnte man sich festhalten. Wenn wir dann oben waren, wollten wir auf jeden Fall einen Kleinigkeit essen.
Martin hatte in seinem Geldbeutel zwanzig Mark, für eine Suppe oder ein paar Würstchen würde es sicher reichen.
Schließlich aßen wir jeder einen Apfel, von dem wir dem Hund auch etwas gaben, dann warteten wir auf ihn, normal stand er von selber auf, sobald er weiter wollte. Er stand nicht auf, er sah elend aus. Nach einer Stunde entschlossen wir uns, wieder hinabzusteigen. Weil der Hund so unsicher war, nahm ich ihn an die Leine, damit ich ihn halten konnte. Nun gab ich einen Stock an meinen Mann ab, da hatte er auch mehr Halt beim Abstieg. Mir taten die Füße weh von dem steilen Abstieg. Unten angekommen, schien es mir so, als ob der Hund wieder etwas sehen konnte, er ging an das niedrige Ufer vom See und trank dort.
Wir gingen zum Auto und machten uns auf den Heimweg. Da mein Mann noch Hunger hatte, hielten wir am Wildbach an. Dort war Sat immer zum Trinken ausgestiegen, heute wollte er nicht mehr. Ich stellte ihm ein Schälchen mit Wasser ins Auto. Dann fuhren wir heim, der Hund schien total erschöpft zu sein.
Weil sich Sat in den nächsten Tagen nicht erholte, gingen wir zum Tierarzt mit ihm. Als ich mit ihm das Behandlungszimmer betrat, sagte der Tierarzt erschrocken: "Mein Gott, sieht Sat krank aus!" Er untersuchte ihn und gab ihm gleich eine Spritze, dann verschrieb er ihm Herztabletten, die ich ihm nun täglich eingeben sollte. Viel Hoffnung konnte er uns nicht mehr machen.
Sat erholte sich langsam, aber wir verzichteten auf Bergtouren. Mit dem Sehen und dem Hören wurde es nicht mehr besser, der Hund wollte immer, dass ich ihn am Halsband führte. Auf größeren Spaziergängen legten wir ihm die Leine an. Nun lag er auch nicht mehr vor dem Laden, er ging ein paar Treppenstufen hoch, und lag dort den ganzen Tag auf dem Treppenabsatz.
Der Hund lebte noch 9 Monate. Zuletzt konnte er fast nicht mehr laufen, er war so langsam geworden, dass wir die Straße kaum noch überqueren konnten. Er starb in meinem Arm, wir haben wochenlang um ihn geweint.
Ich hatte vor, Mutti noch einmal zu besuchen und die freute sich auch darauf. Das schrieb ich Tante Martha. Die antwortete sofort: Dann sollten wir auch zu ihr kommen. Da mein Mann und Helena auch mit wollten, rief ich bei Rudi an.
Rudi, Tante Marthas Sohn, sollte uns eine Ferienwohnung besorgen, denn wir dachten, er kennt sich gut aus, und Helmut hatte Arbeit genug. Er nannte eine Wohnung um die er sich kümmern wollte, rief aber kurze Zeit später an: „Die Wohnung könnt ihr nicht haben, hier ist jede Woche eine Veranstaltung da gibt es keine Zimmer. Mutti geht es gar nicht gut, die will gar keinen Besuch.“ Da schrieb ich an Tante Martha, dass ihr Sohn uns scheinbar gar nicht wollte, und wir nun doch nicht fahren würden. Danach habe ich von Tante Martha nichts mehr gehört.
Als Helmut später klagte, Mutti sei pflegebedürftig, fragte ich ihn, ob ich ihn eine paar Tage ablösen sollte, damit er sich zwischendurch erholen konnte. Aus lauter Angst, dass ich vielleicht doch noch etwas von Mutti bekäme, lehnte er energisch ab.
So beschränkte ich mich darauf ab und zu anzurufen und zu fragen wie es ihr ging. Ich bestellte Grüße, mehr konnte ich jetzt nicht mehr machen.
Hannah war inzwischen in ihr neues Haus eingezogen. Ihre Schwiegereltern waren mit eingezogen. Wir fuhren einmal sie dort zu besuchen. Sie hatte eine Stelle auf dem Bürgermeisteramt gefunden, in der Zeit versorgte die Schwiegermutter die kleine Milena. Mir gefiel das Haus, und auch das Dorf, in dem sie gebaut hatten.
Helena fand eine Stelle bei der Stadtverwaltung in unserer Nachbarstadt und hatte sich dort eine kleine Wohnung gemietet. Ich hätte sie sehr gern bei uns behalten. Aber sie wollte jetzt selbstständig werden. So waren wir jetzt allein und hatten nicht einmal mehr einen Hund.
Martin bekam noch einmal Urlaub, es war sein letzter, und begann einen Tag, nach den Tod von Sat. Danach wurde er Rentner. Ich musste mich an die Tatsache gewöhnen, morgens nicht mehr früh aufzustehen, dafür hatte ich meinen Mann den ganzen Tag zu Hause.
Er arbeitete an seinen Fahrrädern und auf der Fahrradmesse, kauften wir noch sechs sehr gute Räder. Meine Kundschaft vermisste den Hund, und jeder fragte: „Wo ist denn der Hund?“ Jedes Mal brach ich in Tränen aus. So beschlossen wir, als es wieder Frühling wurde, im Tierheim nach einem Hund zu schauen.
Helena fuhr ein paar mal dorthin und fand auch eine schöne Golden-Retriever-Hündin.
Sie war vier Jahre alt was mich störte, war ihr frecher Blick. Alle rieten uns, den Hund zu nehmen. Ich musste das erst mit Martin besprechen. Wir hatten ein Foto gemacht und mein Mann fand den Hund sehr schön. Ihr Name war Alisha. Voller Vorfreude fuhren Martin und ich ins Tierheim und holten den Hund ab. Die Hündin war sehr verspielt und wir schlossen sie gleich in unser Herz.
Sie war zu goldig, immer wenn sie Gassi wollte, brachte sie mir einen Schuh. Wenn das Wasser leer war, schob sie den Topf durch die Küche. Jedes Mal, wenn ich die Tür aufschloss, wollte sie den Schlüssel in die Küche tragen. Des nachts lag sie vor meinem Bett.
Mein Mann teilte wieder sein Vesper mit der Hündin und alles war bestens. Auch im Laden zog sie nichts aus den Regalen, und die Kunden kamen klar mit ihr. Bis eines Tages ein Mann mit zwei Kindern kam. Sie zeigte gefährlich ihre Zähne und ich konnte sie gerade noch schnappen und in die Küche bringen. Richtig trauen konnte ich ihr nicht, drum machte mein Mann eine Gittertür, zwischen Küche und Laden. Dann kam Hannah mit ihrem Mann und der Kleinen zu Ostern, uns zu besuchen.
Milena wollte immer zu mir, dass passte Alisha nicht und ich sah gerade früh genug wie sie die Kleine beißen wollte. Vor Schreck steckte ich ihr meine Hand ins Maus und sie biss mir die Hand kaputt bis auf die Knochen. Ich hatte furchtbare Schmerzen und musste zum Notarzt.
Als ich wieder nach Hause kam, begrüßte mich mein Hund freudig und leckte meine Hand und schmuste so, dass ich ihm nichts nachtragen konnte. Wir vergaßen das Ganze und nach ein paar Wochen war meine Hand fast verheilt.
Alisha liebte das Wasser, sobald wir in die Nähe von Wasser waren, konnte ich sie nicht mehr halten. Dann ging sie baden oder wenn es tief genug war, dann schwamm sie wie ein Weltmeister. Danach trocknete ich sie mit einem Handtuch und sie hielt brav still, - bis auf einmal.
Was ihr jetzt nicht passte, konnte ich nicht erkennen, sie schnappte nach meiner gerade fast verheilten Hand, und biss wieder in die gleiche Stelle. Ich schlug ihr meinem Schuh auf die Schnauze , weil ich in dem Moment nichts anderes zur Hand hatte, und Hunde soll man ja auf der Stelle bestrafen, wenn sie etwas anstellen. Nun saß ich da und weinte, nicht wegen der Schmerzen, nein ich weinte, weil Alisha mich enttäuscht hatte.
Mit Helena musste ich zu einer Vorführung. Zu meinem Mann sagte ich: „Wenn ich zurückkomme, will ich den Hund nicht mehr sehen.“ Alisha kam und leckte meine Hand, schmuste und war wieder besonders lieb. Helena verband meine Hand und wir fuhren los. Auf dem Festplatz bauten wir unseren Papierstand auf, danach ging ich an den Sanitätswagen und ließ meine Hand ordentlich verbinden. Am Abend war der Hund natürlich noch da. Mein Mann war gut ausgekommen mit dem „bissigen Hund.“
Nach einigem Zögern rief ich im Tierheim an, ich wollte wissen ob er schon öfters gebissen hatte. Die behaupteten. „Nein Alisha beißt nicht.“ Jetzt wollte ich es genau wissen. Die Hündin hatte einen Impfpass, da war der ursprüngliche Besitzer mit unserer Adresse überklebt. Vorsichtig löste ich den Aufkleber und rief bei dem früherem Besitzer an.
Ja, Alisha war bissig, deshalb war sie im Tierheim abgegeben worden, sie hatten aber ausdrücklich darauf hingewiesen. Vorwiegend würde er Kinder beißen und immer in die Hände. Ab sofort ließ ich den Hund nicht mehr in den Laden. Bei mir kamen zu oft Kinder. Gerade war meine Hand wieder verheilt und ich glaubte an das Gute in dem Hund, da biss er auf dem Spaziergang einem Jungen in den Finger. Der machte ein furchtbares Geschrei, seine Mutter noch mehr! Das Maß war voll, und Alishas schöne Zeit bei uns abgelaufen.
Unmutig nahm man beim Tierheim den Hund ab. Ich musste die Abgabegebühr bezahlen und man teilte mir mit, dass ich keinen Hund mehr bei ihnen bekommen würde.
Gleich wurde er wieder vermittelt, sein Glück dauerte eine Woche. Wieder hatte die Frau eine verbissene Hand. Jetzt wurde der Hund eingeschläfert. Mir tat es leid. Eine Nachbarin, die im Tierheim arbeitete kam sich zu entschuldigen und sagte: „Sie können jederzeit wieder einen Hund bei uns bekommen. Ich lehnte ab, denn wir hatten uns für einen Welpen entschieden, der gerade auf die Welt gekommen war. In sechs Wochen wollten wir ihn abholen.
Plötzlich und wieder ohne Anmeldung, kam Heinz mit dem Motorrad. Er hatte den größeren der beiden Buben dabei. Es war reiner Zufall, dass Helena und ich nicht unterwegs waren, denn im Sommer waren wir oft auf Festen eingeladen. Wahrscheinlich merkte Heinz mir an, dass ich nicht so furchtbar begeistert war, von seinem plötzlichen Auftauchen.
Er hatte die Idee, ich sollte meinen Laden in einen Gemüseladen umwandeln. Dann wollte er mich täglich mit frischen Gemüse aus dem Frankfurter Großmarkt beliefern. Ich sah das als Schnapsidee an, denn erstens gab es eine Gärtnerei schräg über die Straße, und zweiten war der Weg viel zu weit. Außerdem hatte ich vor, den Laden aufzulösen, sobald der Euro eingeführt wurde. Mein Geschäft würde ich also noch zum Jahresende schließen.
Wir wollten auch mal wieder ein normales Leben haben, ohne Laden in den Wohnstuben. Mein Mann ging ja nicht mehr zur Arbeit, nur die Fahrräder wollten wir noch eine Weile vermieten.
Heinz war ganz sicher enttäuscht, von meinen Plänen. Lange blieb er nicht, ich glaube, dass er noch am gleichen Tag zurückfuhr.
Es war mir aufgefallen, dass Helena nicht mehr so gern zu unseren Papiervorführungen mit fuhr. Sie hatte ihren „Traummann“ gefunden und war unsagbar verliebt. Es war ein alleinerziehender Vater mit zwei Kindern. Der Junge war ungefähr zehn Jahre alt, das Mädchen kam gerade in die Schule. Sie war felsenfest davon überzeugt: das war ihr großes Glück.
Seit Tina ihren „Prinzen“ fand, hatte ich gelernt, dass es zwecklos war, darein zu reden.
Wir fuhren noch in die Orte, wo wir zugesagt hatten, und nahmen keine Einladungen mehr an.
Als der Sommer dem Ende zuging, konnten wir unseren Hund abholen. Wir hatten uns eine kleine Hündin ausgesucht, und sie Anja genannt. Es war ein reinrassiger Retriever-Welpe und nicht größer als ein Kätzchen. Liebevoll hatten wir ein kleines Hundebettchen gekauft, aber unser Hündchen lag kein einziges Mal dort hinein.
Jeder wollte Anja streicheln, sie wurde der Liebling meiner Kunden. Wir fingen an den Ausverkauf zu starten und verkauften fast alles, was sich im Laden so mit der Zeit angesammelt hatte. Nach Neujahr hatten wir alles leergeräumt und richteten unsere Stuben ein, wie früher. Nur im Flur, hatten wir noch ein Pult, die Kasse und den Kopierer für die Fahrradkundschaft.
Wir hatten es uns wieder gemütlich gemacht in unseren Stuben, da rief Helmut an, die Mutti war gestorben, wenige Tage vor ihrem 103. Geburtstag. Es war Donnerstag und die Beerdigung sollte am Montag sein, Er frage, ob ich auch kommen möchte. Natürlich würde ich kommen, und ich bat ihn, mir ein Doppelzimmer zu bestellen in dem Gasthof, in dem ich beim 100. Geburtstag war. Er versprach das Zimmer zu buchen. Ich ging zur Gärtnerei, über die Straße, um einen Kranz zu bestellen.
Dann rief ich Helena an. Die war erkältet, wollte aber trotzdem mit kommen. Zur Sicherheit rief ich danach bei Bernd an. Der hatte zufällig frei und wollte ab Ulm mit uns fahren. Helena musste also nur bis Ulm fahren, das war kein Problem. Bernd freute sich auf ein paar Urlaubstage, auf meine Kosten.
Anja wollten wir nicht mitnehmen. Martin blieb gern mit Anja zu Hause. An einem Tag wollte Tina nach meinem Mann sehen, an den anderen seine Schwester Waltraud. Ich wollte nicht, dass er allein versauerte. Für jeden Tag hatte ich das Essen vorbereitet, und hoffte, dass er klar kam, denn in der Kantine konnte er nun nicht mehr essen.
Helena und ich fuhren am Samstag früh los. Den Kranz hatten wir im Kofferraum. Typisch schwäbisch geizig war die Schleife an dem Kranz ausgefallen. Ich hätte es am liebsten noch ausgewechselt, aber Helena meinte: „Da guckt doch keiner nach.“ Also fuhren wir los.
Bernd war noch am Frühstücken als wir ankamen. Dann nahm er sein Köfferchen und wir mussten umladen. Denn Bernd hatte einen neuen Mercedes und wollte auch mit ihm fahren. Helena ließ ihren Ford bei ihm auf dem Hof stehen. Dann konnte Helena sich zurücklehnen, denn nun brauchten wir gar nichts mehr denken. Bernd war nicht nur ein brillanter Autofahrer, er kannte sich auf Deutschlands Straßen bestens aus.
Ich war noch in keinem Auto so gut gefahren. Dazu waren wir auch noch schnell. Ohne Pause fuhr Bernd durch bis kurz vor Bielefeld, dann fragte er mich: „Wo müssen wir abfahren?“ „Ostwestfalen-Lippe“, wies ich ihn an. In Herford fragte er noch einmal: „Und jetzt?“ Ich sagte: „Links.“ Dann sah er schon den Hinweis und als wir in unserer Elsestadt ankamen, musste ich ihn nur noch bis zu Helmuts Haus lotsen.
Bei Helmut waren gerade ein paar Leute angekommen, ich kannte sie nicht und ich fragte auch nicht. Maren, seine Frau hatte den Kaffeetisch gedeckt, und wir bekamen Kaffee und Kuchen bei ihr. Bernd war fremd, aber da er sehr leutselig war, mochten ihn gleich alle.
Wir gingen nach den Kaffee zur Friedhofskapelle, in der Mutti im Untergeschoss aufgebahrt war. Bernd holte den Kranz aus dem Auto und nahm ihn mit. Helmut hatte damit gerechnet und einen leeren Kranzhalter neben Muttis Sarg gestellt. Sie war in Satin uns Spitze eingebettet und ihr Gesichtsausdruck war, wie ich ihn von früher kannte, leer und nichtssagend.
Ich strich über ihre Wange und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Helena machte schnell noch ein Foto von ihr, dann gingen wir wieder. Wir konnten nicht weinen, und ich hatte ihr nichts mehr zu sagen.
Es ärgerte mich, dass sie nicht auf dem städtischen Friedhof beerdigt wurde, auf dem Vatis Grab war. Helmut klärte mich auf: „Das Grab hat sie schon lange nicht mehr, das hat sie aufgegeben.“
Wir gingen zum Auto und wollten in das Wirtshaus, um unsere Zimmer zu beziehen. Helmut wollte dann am Abend noch mit uns in die Stadt gehen. Bis dahin verabschiedeten wir uns. Im Gasthaus hatte die Tochter der Wirtin den Betrieb übernommen, ihre Mutter war gestorben. Ich konnte es nicht glauben, sie war eine lustige Frau.
Die junge Wirtin bedauerte für uns kein Zimmer zu haben, aber weil Helmut uns angemeldet hatte, durften wir im Ferienhaus wohnen. Das war sehr schön, nur war es noch im Winterschlaf, die Saison hatte noch nicht begonnen.
Das Häuschen gefiel uns gut, wir hatten zwei Schlafzimmer und ein riesiges Bad, mit Dusche. Dazu eine große Wohnstube. Wir richteten uns häuslich ein. Bernd und Helena machten sichs auf dem Sofa bequem und probierten den Fernseher aus. Nebenbei wollte Bernd wissen, was wir denn am Sonntag unternehmen konnten.
Er hatte einen Reiseführer, aus der Gegend im Gepäck, und zeigte auf die Orte wohin er fahren wollte. Das waren genau die altbekannten Stellen, die ich ja eigentlich vermeiden wollte. Aber Bernd behauptete: „Hermannsdenkmal, Externsteine, und die Kirche von Enger, sind ein „Muss“, wenn man in diese Gegend kommt. Da konnte ich mit meinem Moor und der Mergelkuhle einpacken. Helena rief begeistert: „Ja Hermannsdenkmal und Externsteine, super“
Ich kannte den Weg inzwischen im Schlaf, und der Hermann würde sicher sagen: „Mensch, du schon wieder!“ Aber ich sagte: „Alles klar, des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“
Auf den Stadtbummel am Abend, hätte ich auch gern verzichtet. Aber Helmut meinte: „Da hat sich soviel verändert, das solltest du schon sehen. Also fuhren wir in die Stadt. Wir kamen bis zum Elsedamm, da merkten wir, dass es Helmut nicht gut ging.
Wir wollten schon umdrehen, aber Helmut verschwand hinter den Büschen, und als er zurückkam, ging es scheinbar wieder. Er machte den gleichen Eindruck, wie Vati gemacht hatte, als seine Arterienverkalkung anfing. Bernd kannte ihn ja nicht, aber Helena war auch der Meinung, dass er nicht mehr ganz fit war.
Wir kehrten ein wie jedes Mal, und während wir eine Kleinigkeit aßen, trank er ein kleines Bier und wanderte zwischen Schankraum und Klo. Ja der Helmut hatte die schönsten Jahre seines Lebens für Mutti aufgeopfert, und jetzt wo er erben sollte, ließ seine Gesundheit nach. Er tat mir leid.
Abends in unserer Ferienwohnung, lernte ich von Bernd und Helena, wie man 2 Filme, auf 2 verschiedenen Sendern, zur gleichen Zeit anschaut. Dank der vielen Werbepausen war das möglich. Mir war das zu anstrengend und ich schaute nur den einen Film an. Da aber der andere Film früher aus war, habe ich den Schluss nicht mehr mitbekommen, denn das interessierte niemanden außer mir. Leicht verstimmt ging ich schlafen.
Am nächsten Morgen zogen wir uns warm an, denn auf dem Teutoburger Wald, konnte es schon sehr kalt sein. Helena war immer noch erkältet. Bevor wir losfuhren gingen wir noch in das Gasthaus zum Frühstücken.
Dann fuhren wir zuerst nach Enger. Dieses Mal war die Kirche offen, und eine Dame machte für uns eine kleine Führung. Bernd interessierte sich am meisten für die Geschichte des „König Wittekind“.
Danach ging es weiter zum Hermannsdenkmal. Helena und Bernd stiegen auf die Plattform und da die Sicht so gut war, fotografierten sie von oben die Städte Herford und Bielefeld. Bernd las die Beschriftung und ließ auch gar nichts aus.
Dann ging er noch in die kleine Hütte, in der in Vitrinen die Geschichte der Cherusker beschrieben war. So genau hatte ich nicht einmal mit meiner Schulklasse alles erkundet. Wir fuhren den Berg wieder nach unten und stellten fest, dass bei der Kälte kein Mensch hinauf fuhr. Bernd musste so viel Lehrstoff zuerst sacken lassen und steuerte ein Restaurant an, um ein Mittagessen zu bestellen.
Helena und ich hatten noch gar keinen Hunger, aber nach einer guten halben Stunde Wartezeit, änderte sich unsere Einstellung. Die Suppe kam und danach ging das Warten weiter. Bernd, der beim Bund Küchenchef war, nahm es gelassen. Dann endlich kurz bevor wir verhungerten kam der Hauptgang. Es war „gut bürgerlich“ und der Preis hätte einen Stern verdient. Auch das Dessert ließ auf sich warten, wir tranken in der Zwischenzeit eine Tasse Kaffee. Nach fast zwei Stunden verließen wir das Lokal.
Bernd trieb zur Eile an, denn er wollte ja noch mehr sehen.
Auch bei den Externsteinen, waren wir die einzigen die auf den großen Parkplatz fuhren. Helena zog Bernd zu den Steinen, „da steigen wir jetzt rauf“, sagte sie zu ihm. Bernd war für alles zu haben. Sie eilten die Außentreppe hinauf, bis an die Tür, wo die Treppe innerhalb der Steine weiter geht. Die war verschlossen. Auf einem Schild stand wann wieder geöffnet wurde und Bernd meinte prompt: „Dann müssen wir noch mal hierher.“
Sie kamen die Treppe wieder herunter und Bernd schaute in seinen Reiseführer. „Da muss irgendwo ein steinerner Sarg sein“, verkündete er und die beiden machten sich auf die Suche. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn je gesehen zu haben. Schließlich fanden sie ihn hinter dem letzten großen Felsbrocken. „Mein Gott“, sagte Bernd, „wenn da ein ausgewachsener Mann drin war, waren die Menschen aber damals sehr klein.“
Bernd wollte weiter, nach Hameln. Als wir zum Auto gingen, klagte Helena ihr sei schlecht. Tatsächlich hatte sie anscheinend Fieber. Ich fand es besser zurück zu fahren. Bernd willigte ein und schlug vor, unsere Besichtigung bald nachzuholen. Wir würden ganz sicher wieder hierher kommen, die Ferienwohnung gefiel ihm auch und dann konnten wir ja eine Woche bleiben.
Da aber meistens anders kommt, als geplant, kam es nie mehr dazu.
In der ersten Apotheke kauften wir Medizin für Helena. Damit pumpten wir sie voll und gingen zum Abendessen zu Helmut und Maren. Maren war sehr besorgt wegen Helena und wollte gleich am Montag einen Arzt anrufen. Sie gab uns die Anschrift. Dorthin sollten wir sofort nach dem Frühstück gehen. Am Abend packten wir sie ins Bett und hofften, dass es am nächsten Tag vorbei war.
Am kommenden Morgen hatte sie auch noch furchtbare Kopfschmerzen, es blieb uns nichts anderes übrig, als den Arzt doch aufzusuchen. „Ja,“ sagte Bernd, „dann kann ich in der Zeit die Stadt noch anschauen, die habe ich ja bei Tageslicht noch nicht gesehen.“
Die schönen alten Geschäftshäuser sowie das Gymnasium hatten es ihm angetan. In einem Aushang entdeckte er Immobilien. Ein Haus, sah so ähnlich aus, wie das von Mutti, und kostete 50.000 Euro. Er war ganz begeistert, und wäre sofort hierher gezogen. Ich sagte: „Das Haus ist sicher 100 Jahre alt, da musst du von Grund auf sanieren. Da war die Euphorie verflogen.
Helena kam zurück und wie es so ist, wenn man den Arzt gesehen hat, geht es einem schon besser. Sie ging in die Apotheke, und löste das Rezept ein. Dann suchten wir eine Würstchenbude, denn wir hatten Hunger und mussten uns für die Beerdigung richten, die für zwei Uhr anberaumt war.
Bernd staunte, dass Würstchen an der Bude so gut schmecken konnten. Ich bemerkte: „Hier schmecken alle Würstchen so gut.“ Er war wie ich der Meinung, unbedingt vor der Abreise Würstchen einzukaufen.
Nun zogen wir uns um für die Beerdigung. Bernd war gut gekleidet. Mit ihm mussten wir uns nicht schämen. Wir legten unsere Schirme ins Auto, denn das Wetter sah nicht nach Sonnenschein aus. Helena hatte den schwarzen Taschenschirm von Martin mitgenommen. Außerdem lag noch ein roter Schirm im Kofferraum.
Wir trafen meinen Vetter, den jüngsten Sohn von Onkel Heini, als wir am Friedhof ausstiegen. Er hieß auch Bernd und er zeigte uns die Gräber seiner Eltern, und das seines Bruders, der auch ganz plötzlich gestorben war.
Dann gingen wir in die Kapelle. Für uns war ein Bank reserviert, ganz vorn, aber seitlich. In der Mitte saß Helmut mit seiner Familie. Er hatte drei erwachsenen Kinder, zwei waren verheiratet, und die Jüngste lebte noch bei Mama zu Hause. Die Trauergemeinde war sehr übersichtlich.
Alle, die so zahlreich erschienen waren, als Mutti ihren 100. Geburtstag feierte, waren scheinbar verhindert. Die Pastorin war die gleiche, und hielt eine recht ausgedehnte und langweilige Predigt. Meinen Kranz hatte man vorn als Dekoration aufgestellt, mit noch zwei anderen Kränzen. Die Schleife an meinem Kranz fiel auf, durch ihre Mickerigkeit.
Als die Trauerfeier endlich um war, regnete es in Strömen. Bernd eilte zum Auto um den Schirm zu holen. Bald kam er zurück mit dem feueroten Werbeschirm des Gaslieferanten. Ich sagte nur: „Du hättest doch den schwarzen Taschenschirm bringen sollen.“ Aber es war ja auch egal, irgendwie musste ich ja wieder auffallen, das war immer schon so, und hatte sich nicht geändert.
Dann warteten wir ewig, bis der Wagen mit dem Sarg heraus geschoben wurde. Auch am Grab wusste die Pastorin viel zu erzählen. Ich hätte auch viel erzählen können, hielt aber lieber meinen Mund. Als sie dann endlich fertig gepredigt hatte, ging alles sehr schnell, jeder wollte ins Trockene.
Jetzt als ich mich noch ein letztes Mal umdrehte, bekam ich einen Weinkrampf. Mir schoss es durch den Kopf, wie ich meine Kindheit in dem Haus verbracht hatte. Das dieses junge Paar, die Tochter von Helmut, mit ihrem Mann jetzt die neuen Besitzer waren von dem Haus. Das war zum Weinen. Gerade diese, beachtete mich mit keinem Blick.
Helmut passte uns ab, bevor wir ins Auto stiegen.
„Du wirst wohl noch einmal ins Haus wollen“, meinte er. Ich wollte nicht unbedingt, aber Bernd nickte, ihn interessierte einfach alles. Wir hatten unsere Zimmer schon geräumt, und alles ins Auto geladen. Zuerst waren wir in dem Wirtshaus eingeladen, in dem gleichen Saal, wo der Geburtstag gefeiert wurde. Es gab Kaffee und Butterkuchen. Das wollte ich mir auf keinem Fall entgehen lassen.
Es war ein Jammer, bei der Geburtstagsfeier waren die Gäste an vier langen Tafeln gesessen, jetzt waren zwei kleine Tafeln gedeckt wovon nur eine benutzt war. Ich sah niemanden den ich kannte. Auch Helena erkannte niemanden den sie auf der Feier gesehen hatte.
Ich entdeckte schließlich Tante Anni, die mit Elfriede zusammen da war. Zu ihr setzte ich mich eine Weile. Sie gab mir ihre Anschrift, ich sollte ihr schreiben. Alles andere schienen Nachbarn und Neugierige zu sein, von denen ich auch niemanden kannte. Die alten die ich gekannt hatte, waren alle schon gestorben. Eine junge Nachbarin gab mir einen Zettel mit der Anschrift von Renate, die früher mal meine Freundin sein wollte. Mutti hatte sie nach Hause geschickt. Sie bat mich bei Renate vorbei zufahren. Da es auf dem Weg lag, nahm ich es mir vor.
Helmut drängte ich sollte jetzt losfahren um noch einmal ins Haus zu können, Maren sei dort und wartete, sie möchte abschließen.
Wir wollten gerade, von dem Butterkuchen etwas einzupacken, für die Heimfahrt, jetzt war es zu spät. Ich schnappte mir ein letztes Stück und biss gleich hinein. Bernd kannte sich jetzt schon bestens aus, und fuhr ohne nachzufragen direkt zu Muttis Haus.
Die schönen alten Möbeln, die mir Helmut mal versprochen hatte, waren jetzt kein Thema mehr. Sie waren auch größtenteils nicht mehr da. Maren erlaubte mir, etwas mitzunehmen. Dabei schaute sie mir auf die Finger. Ich nahm ein paar Kuchengabeln mit und ging an das Büffet.
Als ich die erste Tür aufmachte, machte Maren sie wieder zu. „Ich will nur die Silberschale, die ich zur Konfirmation bekommen habe“, sagte ich. Sie fand die Schale und gab sie mir. „Willst du auch Gläser?“, fragte sie. Gläser wollte ich nicht, wir hatten nicht viel Platz im Auto und ich hatte schöne Gläser zu Hause. Helena und Bernd wollten auch nicht. Dann sollte ich Bücher mitnehmen. Von meinen Büchern war nichts mehr da. Ich zog zwei Bücher aus dem Schrank und Bernd suchte sich Bücher von Vati über Homöopathie und Augendiagnostik. Das interessierte ihn.
Maren brachte Tischwäsche und Helmut wollte mir unbedingt die Hüte von Mutti andrehen. Ich fauchte ihn an: „Ich mag keine Hüte, gib sie deiner Maren.“ Auf dem Flur hingen zwei Bilder, alte Bilder, aber nicht besonders wertvoll. Die wollte ich mitnehmen. Eines überließ er mir, das ander nahm Maren.
Bevor ich das Haus verließ, schaute ich noch einmal in die Stube. Da war nichts mehr von früher da. Auf dem Sofa entdeckte ich zwei Kissen, Das eine hatte ich in der Schule gemacht, das ander war von Muttis Aussteuer. Die Kissen nahm ich unter den Arm und sagte: „Die nehme ich noch mit. Wir gingen zum Auto und Helmut gab mir einen Briefumschlag. „Da sind noch Fotos drin von Dir.“
Bernd startete den Motor und ich stieg ein. Ich glaubte nie wieder zurück zu kommen.
Wir bogen um die Ecke und Bernd fragte: „In welchem Haus wohnt die Renate?“ „Im vierten“, wusste ich. Ich stieg aus um zu klingeln. Als nach dem 3. Läuten niemand aufmachte, fuhren wir weiter. Es war ohnehin schon spät geworden und die Fahrt war noch lang. An Würstchen dachten wir nicht mehr. Kuchen hatte mir die Wirtin besorgt, auf den hätte ich nur ungern verzichtet.
Helena hatte sich auf den Rücksitzen warm eingepackt. Sie wollte schlafen bis Ulm, um dann das letzte Stück mit ihrem Auto heim zufahren. Zu Bernd sagte sie: „Fahr nicht so schnell, dann kann ich länger schlafen.“
Bernd fuhr wie ein Gejagter. Unterwegs fuhr er an eine Tankstelle, sein Tank musste riesig sein. Das stellte ich beim Zahlen fest.
Wir kamen am späten Abend in Ulm an. Da wir Hunger hatten, aßen wir bei ihm noch ein paar Würstchen. Bernd bedauerte, dass wir die Würstchen vergessen hatten. Helena ging es immer noch schlecht, aber sie wollte nicht, dass ich fuhr, denn ich war bei Nachtfahrten kein Held. So kamen wir um 23 Uhr bei mir zu Hause an. Ich lud meine Sachen aus und bot Helena an, bei uns zu übernachten. „Nein, die 10 km schaffe ich auch noch“, winkte sie ab, und fuhr weiter.
Martin und ich fuhren, sobald das Wetter schön war, öfters mit unserem Hund, in die Berge zum Wandern. Hin und wieder besuchten wir Hannah. Oder sie besuchte uns. Die Kleine wuchs und war ein hübsches Kind. Anja und Milena waren die besten Freunde. Milena durfte mit ihr machen was sie wollte, Anja war ein geduldiger Spielgefährte.
Renate rief bei mir an und lud mich ein, sie zu besuchen. Sie hatte ein Gästezimmer. Ich sagte ja, und dachte: Das hat Zeit. Vorerst hatte ich nicht das Bedürfnis in die Elsestadt zu reisen. Sie rief ein paar mal im Jahr an und ich versprach, zur goldenen Konfirmation bestimmt zu kommen.
So verging der Sommer und mein Mann hatte immer noch seine Fahrradkundschaft.
Im Dezember entschloss sich Helena zu heiraten. Sie war sich sicher, dass sie mit Konrad, ihr Glück gefunden hatte.
Wann genau, wusste sie noch nicht, jedenfalls noch vor Weihnachten. Sie wollte auch keine große Feier. Ein paar Gäste beim Standesamt, nachher vielleicht Kaffee trinken, das sollte es gewesen sein. Tina und ich überlegten, wie wir ihr den Tag verschönern konnten. Ich rief ein paar Verwandte an, um sie schon ein wenig vorzubereiten. Helena wollte ihre beiden besten Freundinnen dabei haben.
Tina wollte mit ihrem Rainer kommen, und die Lieblingstante von Helena. Hannah wollte auch sehr gern kommen, aber der Hochzeitstermin stand zu spät fest.
Wir backten Kuchen und richteten Platten für den Abend. Tina und ich machten Salate und wollten, dass auch Helena eine schöne Hochzeit hatte. Dann deckten wir festlich die Tische in unseren beiden großen Stuben und fuhren zum Standesamt.
Die meisten Gäste waren schon da, auch die beiden Freundinnen von Helena. Der Bräutigam und seine Kinder warteten ungeduldig. Dann fuhr Konrads Vater mit der Braut vor. Sie hatte ein wunderschönes, weinrotes, langes Kleid an. Einen farblich perfekt passenden Brautstrauß. Unsere Helena sah bezaubernd aus. Martin war stolz auf seine Jüngste, auch wenn er sie jetzt hergeben musste.
Die Trauung war sehr schön. Der Standesbeamte war ein Kollege von Helena, denn sie arbeitete hier auf dem Rathaus. Nach der Trauung hatten ihre Kolleginnen einen Tisch mit einem kleinen Imbiss und Sekt aufgebaut. Während Helena und Konrad die Glückwünsche in Empfang nahmen, und mit den Kollegen anstießen, „schmückten“ ihre Freundinnen ihr Auto.
Jetzt ging es im Autokorso, hupend bis in den übernächsten Ort, direkt vor unser Haus. Da Helenas Hochzeit am Tag vor dem Heiligabend war, hatte ich den Hauseingang mit Girlanden aus Tannen und passenden Schleifen geschmückt.
Tina und ich bedienten die Gäste, wobei die wenigsten von unserer Seite waren. Helenas Freundinnen sorgten dafür, dass die Stimmung gut blieb. Sie hatten passende Gesellschaftsspiele auf Lager.
Zum Schluss gab es eine „große Verlosung“. Zu gewinnen gab es: Ein schönes Wochenende, ein Essen für zwei Personen und ein Küchengerät. Die Spannung stieg, es wurden die Gewinne verteilt: Eine Zeitschrift, „schönes Wochenende“, eine Dose Linsen, für 2 Personen, und das Küchengerät war ein Holzlöffel.
Tina und ich bauten ein Buffet auf, für das Abendessen. Danach gingen die ersten Gäste. Da die meisten mit dem Auto fuhren, wurde anschließend nicht mehr viel getrunken. Tina und ich waren der Überzeugung, unserer Helena nun doch eine nette Hochzeit bereitet zu haben.
Wir hatten ein ruhiges Weihnachtsfest, Hannah kam zu Besuch und war beleidigt, dass sie nicht zur Hochzeit eingeladen wurde. Sie brachte ein Geschenk und ließ es bei uns. Wir sollten es ihr geben.
Ich war nicht schuldig daran, aber Helena hatte den Termin wirklich spät erfahren. Konrad hatte anscheinend auch etwas dagegen, dass noch mehr von Helenas Geschwister kamen. Es hinterließ einfach einen faden Geschmack.
Im neuen Jahr, waren wir die ersten, die erfuhren, dass Helena schwanger war. Sie war glücklich und freute sich riesig auf ihr Kind.
Für die Sommerferien plante Helena Urlaub mit Konrad, ihren beiden angeheirateten Kinder und uns, mit Anja. Wir freuten uns schon sehr darauf. Es sollte zum Bodensee gehen. Mein Mann und ich hatten noch nie Urlaub gemacht.
Dann bekam Martin einen Schlaganfall. Tina kam und fuhr mit ihm ins Krankenhaus, da ich mit dem Auto nicht durch Ravensburg fahren wollte. Sie fuhr hinter dem Sanka her. Es war Sonntag und mein Mann musste stundenlang warten, bis ein Notarzt Zeit für ihn hatte. Schon nach wenigen Tagen wurde er wieder entlassen. Es war plötzlich alles ganz anders.
Er konnte seine Fahrräder nicht mehr reparieren und wir lösten den Fahrradverleih auf. Helena fühlte sich auch nicht so gut und sagte den Urlaub ab. Dann kam die Einladung zur goldenen Konfirmation. Zuerst wollte ich absagen, Renate war enttäuscht.
Axel, der gerade einen Lehrgang in Ulm machte, bot sich an meinen Mann freitags mit ins Allgäu zu nehmen, und ihn montags auf dem Weg nach Ulm wieder zu bringen. Das passte gut, den Hund durfte ich mit zu Renate nehmen.
Also sagte ich zu. Als Axel meinen Mann am Freitag abholte, gab ich ihm alles mit, was ich im Kühlschrank hatte, am Montag wollte ich frisch einkaufen. Für den Fall, dass mein Mann früher heimkam als ich, gab ich ihm den Schlüssel mit. Gleich darauf fuhr ich auch ab.
Meine Schulkameradinnen waren alle sehr freundlich zu mir und wir hatten einen schönen Tag.
Die Feier fand im Gemeindehaus statt, und es gab reichlich Butterkuchen. Renate war ganz verliebt in Anja. Wir waren bei ihr sehr gut untergebracht. Als ich mich wieder verabschieden musste, drängte Renate, doch nächstes Jahr wieder zu kommen. Bevor ich heimfuhr, kaufte ich Würstchen und einen ganzen Butterkuchen.
Als ich zu Hause von der Straße abbog, sah ich meinen Mann am Fenster. Er war schon seit Sonntag da und hatte nichts zu Essen gehabt, da ich doch alles mitgegeben hatte. Als ich bei Hannah anrief, warum sie ihn nicht, wie verabredet, bis Montag bei sich behalten hatte, erklärte sie: „Papa wollte nicht mehr bleiben, da hat Axel ihn heimbringen müssen. Dass er nichts zum Essen hatte, tut mir leid.“
Nie wieder wollte ich meinen Mann den Kindern überlassen.
Als ich meine Tasche auspackte und die herrlich duftenden Würstchen auf den Tisch legte, ging es meinem bedauernswerten Martin gleich besser.
Helena bekam im Oktober ihr Kind. Es war ein Jung, hieß Kevin, und ich stellte fest, er hatte meine Augen.
Renate besuchte ich noch ein paar Mal, aber mit Martin. Einmal fuhr sogar Helena mit ihrem Kleinen mit. Wir hatten auf jeden Fall vor, noch einmal zusammen dorthin zu fahren, aber es wurde nichts daraus.
Mein Leben war nie langweilig. Ich hatte fünf Kinder zu Welt gebracht, eines hatte dazu gewonnen, als ich Martin heiratete. Ronja hatte sich unter meine Kinder gemischt, so waren es insgesamt sieben, mit denen ich Freud und Leid teilte.
Tina hatte ihren Rainer, und zwei Söhne. Rainer wurde leider schwer krank und starb, nach einem schweren Jahr, an einem Gehirntumor. Seine Krankheit brach am 2. Weihnachtstag aus. Tapfer kämpfte er gegen die Krankheit, bis er sich eines Tages geschlagen geben musste. Er starb einen Tag vor dem Heiligen Abend. Tina war damals 45 Jahre alt.
Heinz hatte seine Gitta, und drei Kinder. Die beiden ältesten heirateten kurz hinter einander und es gab für beide eine fantastische griechische Hochzeit. Ich war beide Male dabei. Es wurde drei Tage lang gefeiert. Dem ältesten schenkte ich zu seiner Hochzeit ein Luxus-Wochenende in einem tollen Hotel an unserem Ort. Den Gutschein hat er bis heute nicht eingelöst.
Bei den Hochzeiten traf ich Lena, die mit ihrem Mann und ihren drei inzwischen auch erwachsenen Kindern angereist war. Sie hatte in Griechenland einen Arzt geheiratet, und ihre Kinder hatten studiert. Die Familie von Lena fand ich ganz reizend.
Ja und Hannah, sie war auch auf der Hochzeit, mit ihrer Tochter Milena. Sie war inzwischen ein anmutiges junge Mädchen, die stets ein erfrischendes Lachen auf den Lippen hatte. Hannah hatte sich von ihrem Mann getrennt, und hatte noch keine neue Liebe gefunden.
Ja meine Jüngste, die Helena war bei den Hochzeiten nicht dabei. Aber Heinz hat ja noch einen Sohn, und irgendwann wird der auch heiraten, dann hoffe ich, dass Helena und Kevin dabei sein können. Auch Helena hat sich von ihrem Mann getrennt. Vielleicht haben Traummänner kein langes Haltbarkeitsdatum.
Bernd, hat seine Familie auch verlassen. Er hat noch einmal geheiratet. Zu seinem 50. Geburtstag war ich das letzte Mal bei ihm. Da er selten anruft, kann ich nur hoffen, dass es ihm gut geht.
Fast hätte ich Ronja vergessen. Ihr Sohn ist inzwischen auch erwachsen. Ronja fand einen neuen Traummann, ganz nach ihrem Geschmack, mit langen Haaren, einem Vollbart, und einem großen Motorrad. Sie sind glücklich in einem kleinem eigenem Haus, an dem es immer etwas zum Umbauen gibt. Sie kommen hin und wieder mit ihren Motorrädern vorbei.
Mein Mann und ich, leben in einer altersgerechten Wohnung. Unsere Anja durften wir nicht mitnehmen, sie ist jetzt bei Tina. Morgens fahren wir zu unserem Hund um mit ihm Gassi zu gehen. Auch Anja ist nicht mehr die Jüngste. Sie hat einen Tumor hinter dem Auge.
Unser Leben ist schon lange nicht mehr so aufregend, deshalb weiß ich jetzt nichts mehr zu berichten und beschließe hiermit meine Autobiographie.
Tag der Veröffentlichung: 19.07.2013
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